Der Spielmann

Ein Spielmann geht eines Sonnabends spät nachts mit seiner Fiedel unterm Arme einher. Er ist sehr munter und fröhlich, denn er kommt von einem Feste, wo er mit seinem Spiel alt und jung zum Tanzen verlockt hat.

Wie er nun so geht, denkt er just daran, wie niemand sich stille halten konnte, solange sein Bogen im Gange war. Ein so wilder Tanz hatte durch die Stube gewirbelt, daß es ihm ein paarmal gewesen war, als tanzten Tische und Stühle mit.

— »Ich glaube doch sicherlich, daß sie niemals einen solchen Spielmann wie mich an diesem Orte gehabt haben,« sagte er zu sich selbst.

— »Aber recht schwer habe ich es gehabt, bis ich ein so tüchtiger Kerl wurde,« fährt er fort. »Das war kein Spaß, als ich noch ein Kind war und die Eltern mir befahlen, Schafe und Kühe zu hüten, und ich alles vergaß und nur dasaß und an meiner Geige zupfte. Ja, und nicht einmal eine richtige Geige wollten sie mir daheim geben. Ich hatte nichts andres zum Spielen als eine alte Holzkiste, über die ich Saiten gespannt hatte.«

»Am Tage, wenn ich allein im Walde sein durfte, ging es mir ja ganz gut, aber es war kein Spaß, am Abend heimzukommen, wenn die Herde sich mir verirrt hatte. Da bekam ichs unzählige Male von Vater und Mutter zu hören, daß ich ein Taugenichts sei, und daß nie etwas aus mir werden würde.«

In dem Teil des Waldes, den der Spielmann durchwandert, bahnt sich ein kleiner Bergstrom seinen Weg. Da ist der Boden steinig und hügelig, und dem Strom macht es große Beschwerden, vorwärts zu kommen. Er windet sich hin und her, stürzt sich über kleine Fälle und scheint doch nicht vom Fleck zu kommen. Der Weg hingegen, den der Spielmann wandert, versucht so schnurgerade zu gehen wie nur möglich. Er trifft so immer wieder mit dem sich schlängelnden Bergstrom zusammen und springt jedesmal auf einem kleinen Brücklein hinüber. Der Spielmann muß daher einmal ums andre den Strom überschreiten; und das macht ihm Freude. Es ist ihm so, als hätte er nun im Walde Gesellschaft gefunden.

Er geht durch die helle Sommernacht. Die Sonne ist noch nicht aufgestanden, aber es hat nicht viel zu sagen, daß sie sich ferne hält, denn es herrscht doch auf jeden Fall volles Licht. Aber richtig so wie am Tage ist es doch nicht.

Alles hat eine andre Farbe. Der Himmel ist ganz weiß, die Bäume und die hohen Kräuter im Grase sind glänzend grau. Aber alles ist ebenso deutlich erkennbar wie am Tage, und als der Spielmann auf einer der vielen Brücken stehen bleibt und in den Strom hinabblickt, kann er jedes Bläschen unterscheiden, das durch das Wasser perlt.

»Wenn ich solch einen Strom in der Wildnis sehe, muß ich mich an mein eignes Leben erinnern,« denkt der Spielmann. »Ebenso halsstarrig wie er habe ich mir meine Straße gebahnt, vorbei an allem, was sich mir in den Weg stellte. Da war Vater: er stellte sich mir entgegen wie ein harter Fels. Und da war Mutter: sie suchte mich still zu halten und mich gleichsam zwischen Mooshügelchen einzubetten. Aber ich schlich mich an Vater und Mutter vorbei, und hinaus in die Welt ging es.«

»Haha, jaja, ich denke, Mutter sitzt daheim und weint noch um mich; aber was kümmert das mich! Sie hätte doch verstehen können, daß aus mir etwas werden mußte, und hätte nicht versuchen sollen, mir entgegen zu sein.«

Ungeduldig reißt er ein paar Blätter von einem Busch ab und wirft sie in den Strom.

— »So habe ich mich von allem daheim losgerissen,« sagt er, als er sieht, wie das Wasser die Blätter forttreibt.

— »Möchte doch gerne wissen, ob Mutter erfahren hat, daß ich nun der beste Spielmann in ganz Värmland bin?« sagt er, während er weiter wandert.

Er geht mit rüstigen Schritten vorwärts, bis er wieder zu einem Steg kommt. Da bleibt er abermals stehen und sieht in den Strom hinab. Unter der Brücke schäumt der Strom in reißendem Fall und macht ein erschreckliches Getöse. Da es Nacht ist, hört man ganz andre Laute als am Tage, und der Spielmann wundert sich gar sehr, wie er stehen bleibt und lauscht. Da ist kein Vogelgesang im Walde und kein Spiel in den Nadeln und kein Rascheln im Laube. Keine Wagenräder knarren auf dem Wege, und keine Kuhschellen klingeln. Man hört nur den Bergstrom, aber gerade darum hört man ihn wohl umsoviel besser und anders als am Tage. Es klingt, als wenn alles Denkbare und Undenkbare in der Tiefe des Stromes wäre. Vor allem klingt es, als wenn jemand dort unten säße und zwischen großen Steinen Korn mahlte, aber zuweilen klingt es so, wie wenn Becher bei einem Trinkgelage aneinander stoßen, und manchmal hört man ein Murmeln, wie wenn die Gemeinde aus der Kirche kommt und nach dem Gottesdienst in eifrigem Gespräch auf dem Kirchenhügel steht.

— »Das hier ist wohl auch eine Art Musik,« denkt der Spielmann, »obschon ich nicht finden kann, daß es besonders weit damit her ist. Ich sollte doch meinen, daß die Weise, die ich jüngst gesetzt habe, mehr wert ist, daß man auf sie horche.«

Aber je länger der Spielmann steht und dem Wasserfall lauscht, desto besser und besser gefällt ihm dessen Lied.

— »Ich glaube wirklich, du nimmst dich zusammen,« sagt er zum Wasserfall. »Du mußt wohl merken, daß der beste Spielmann von ganz Värmland da steht und dir zuhört.«

In demselben Augenblick, wo er dies sagt, vermeint er, aus der Tiefe ein paar metallklare Laute zu vernehmen, wie wenn jemand an einer Saite zupft, um zu prüfen, ob sie stimme.

»Sieh da, nun ist der Wassermann selbst zur Stelle gekommen; ich höre, wie er an seiner Fiedel zupft,« sagt der Spielmann und lacht. »Aber ich kann doch nicht die ganze Nacht hier stehen bleiben und darauf warten, daß du anfängst,« ruft er gleich darauf ins Wasser hinab. »Nun muß ich weiter gehen, aber ich verspreche dir, daß ich auch auf der nächsten Brücke stehen bleiben und horchen will, ob du zu spielen begonnen hast.«

Er wandert weiter, und während der Strom auf seinem geschlängelten Wege in den Wald hineinläuft, fängt er wieder an, an seine Heimat zu denken.

— »Ich möchte wohl wissen, wie es mit dem kleinen Bächlein steht, das an unserm Gehöft vorbeifließt; das wollte ich gerne wieder einmal sehen. Ich sollte doch einmal heimgehen, um zu sehen, ob die Mutter dürftige und schwere Zeit hat, seit Vater tot ist, — wenn ich nur die Zeit finden könnte. Aber ich bin so beschäftigt; da ist es fast unmöglich. Ich kann zu nichts anderm Zeit finden als für meine Fiedel; es gibt ja kaum einen Abend in der Woche, an dem ich frei wäre.«

Nach einem kleinen Weilchen trifft er den Strom wieder, und damit kommt er allsogleich auf andre Gedanken. Bei diesem Übergang kommt der Bergstrom nicht in einem donnernden Wasserfall herangestürzt, sondern er fließt ganz sacht vorbei. Tiefschwarz und blank liegt er unter den nächtig grauen Bäumen des Waldes und trägt noch hier und dort einen schneeweißen Schaumkamm von den obern Fällen.

Als der Spielmann auf das Brücklein kommt und keinen andern Laut vom Strome hört als hie und da ein leises Plätschern, fängt er abermals zu lachen an.

— »Ich konnte es mir ja denken, daß der Neck sich nicht bequemen würde, zum Stelldichein zu kommen,« rief er. »Freilich habe ich immer gehört, daß er ein tüchtiger Spielmann sein soll, aber gar so weit her kann es doch nicht mit ihm sein, wenn er immer ganz still im Bach liegt und nie etwas Neues zu hören bekommt. Er weiß schon, daß hier einer steht, der die Sache besser versteht als er, und darum will er sich nicht hören lassen.«

Damit geht er weiter und verliert den Strom wieder aus den Augen.

Er kommt in eine Gegend des Waldes, die ihn immer unheimlich und gruselig zu durchwandern däuchte. Da ist der Boden von Steinen und Geröll bedeckt, und verkrümmte Tannenwurzeln schlängeln sich dazwischen durch. Wenn es etwas Verhextes oder Gefährliches im Walde gäbe, sollte man wohl meinen, daß es sich gerade hier verborgen halten müßte.

Als der Spielmann zwischen die wilden Steinblöcke kommt, überläuft ihn ein Schauder, und er fängt an zu bedenken, ob es nicht unklug von ihm gewesen sei, sich vor dem Neck zu rühmen.

Es dünkt ihn, daß die großen Tannenwurzeln Gebärden gegen ihn machten, als wollten sie ihm drohen.

— »Hüte dich, du, der du mehr sein willst als der Wassermann!« scheinen sie zu sagen.

Der Spielmann fühlt, wie das Herz sich ihm vor Angst zusammenschnürt. Eine solche Last legt sich ihm auf die Brust, daß er kaum atmen kann, und seine Hände werden eiskalt. Er bleibt mitten auf dem Wege stehen und sucht sich selbst Vernunft zuzusprechen.

— »Es gibt doch keinen Spielmann im Wasserfall!« sagt er. »Das ist nur Aberglaube und Ammenmärchen. Darum ist es ganz gleichgültig, was ich von ihm gesagt habe oder nicht gesagt habe.«

Wie er so spricht, sieht er sich im Walde um, als wollte er bekräftigt finden, daß es sich so verhalte, wie er gesagt. Wenn es Tag gewesen wäre, so hätte wohl jedes Blättchen ihm zugeblinkt, daß es im Walde nichts Gefährliches gäbe; aber jetzt bei Nacht stehen alle Bäume verschlossen und stumm da und sehen aus, als bärgen sie gefährliche Heimlichkeiten.

Der Spielmann wird auch immer ängstlicher. Was ihm am meisten Schrecken einflößt, ist, daß er noch einmal über den Strom gehen muß, bevor der und der Weg sich trennen und nach verschiednen Seiten ziehen. Er weiß nicht, was der Wassermann ihm tun wird, wenn er über die letzte Brücke geht. Vielleicht wird er eine große schwarze Hand aus den Fluten emporrecken und ihn in die Tiefe ziehen.

Er hat sich solche Angst eingejagt, daß er ernstlich daran denkt, umzukehren. Aber dann würde er ja wieder den Strom treffen. Und wenn er vom Wege abwiche und tiefer in den Wald hineinginge, dann müßte er ihm wohl auch begegnen, wie der sich krümmte und schlängelte.

Er fühlt solche Angst, daß er nicht weiß, was er anfangen soll. Er ist von dem Strome verstrickt, gebunden und gefangen und sieht keine Möglichkeit des Entrinnens.

Aber nun fängt er zu laufen an, so rasch ihn die Beine tragen wollen, denn es ist ihm etwas eingefallen:

»Gerade hier macht der Strom eine weite Biegung in den Wald hinaus. Der Wassermann hat bis zur nächsten Brücke einen viel weitern Weg als ich. Vielleicht kann ich ihn überholen, ehe er noch ans Ziel gekommen ist.«

Und er läuft, er läuft.


* *
*

Endlich sieht er den letzten Steg vor sich. Gerade gegenüber auf der andern Seite des Bergstroms liegt eine alte Mühle, die schon so manches liebe Jahr verlassen dasteht. Das große Mühlrad hängt regungslos über dem Wasser, die Schleuse vermodert oben auf der Erde, die Wasserrinnen sind mit Moos bewachsen, und in den leeren Dachluken wuchern Steinwurz und Moosflechte.

— »Wenn es noch wäre wie früher und es hier Menschen gäbe,« denkt der Spielmann, »dann wäre ich nun aus aller Gefahr erlöst.«

Aber es beruhigt ihn doch, ein Haus zu sehen, das ein Überbleibsel von Menschenwerk ist, und als er den Strom überschreitet, hat er beinahe keine Angst mehr. Es geschieht ihm auch gar nichts Gefährliches. Der Wassermann scheint ihm nichts anhaben zu wollen. Der Spielmann wundert sich nur über sich selbst, daß er sich wegen rein gar nichts solche Furcht hat einjagen lassen.

Er fühlt sich ganz fröhlich und geborgen, und noch froher wird er, als die Tür der Mühle sich öffnet und ein junges Mägdlein ihm entgegenkommt.

Sie sieht ganz aus wie eine gewöhnliche Bauerndirne. Sie hat ein Baumwolltuch auf dem Kopfe, ein kurzes Röckchen und ein weites Leibchen, aber die Füße sind bloß.

Sie geht auf den Spielmann zu und sagt ihm ohne Umschweife:

— »Willst du mir eins spielen, so will ich dir eins tanzen.«

— »Ja, freilich,« sagt der Spielmann, der bei guter Laune ist, weil er seine Angst abgeschüttelt hat, »das will ich wohl. Hab doch noch nie einem schönen Mädchen, das tanzen wollte, Nein gesagt.«

Er setzt sich auf einen Stein neben dem Mühldamm, lehnt die Fiedel ans Kinn und hebt an zu spielen.

Das Mädchen macht ein paar Schritte im Takt zu seinem Spiel, aber dann bleibt es stehen.

— »Was ist denn das für eine Polka, die du da spielst?« sagt sie. »Da liegt ja keine Kraft darin.«

Der Spielmann ändert die Melodie, er versucht es mit einer, in der mehr Schwung ist. Die Dirne bleibt mißmutig stehen.

— »Nach einer solchen Schleppolka kann ich nicht tanzen,« sagt sie.

Da stimmt der Spielmann die wildeste Weise an, die er kennt.

— »Bist du mit der nicht zufrieden,« sagt er, »dann mußt du einen Spielmann rufen, der es besser kann als ich.«

Wie er das sagt, fühlt er, daß eine Hand seinen Arm gerade am Ellenbogen packt und den Bogen zu führen und den Takt zu befeuern anfängt.

Da entströmt der Geige eine Weise, wie er ihresgleichen niemals zuvor gehört hat. Es ist ein so hurtiger Takt darin, daß es ihn bedünken will, ein rollendes Rad könnte ihr nicht folgen.

— »Ja, das nenn ich eine Polka,« sagt die Dirne und beginnt sich im Kreise zu drehen.

Aber der Spielmann sieht sie nicht an. Er ist so erstaunt über die Weise, die er spielt, daß er die Augen schließt, um besser zu hören.

Als er sie nach einer Weile wieder aufschlägt, ist das Mädchen verschwunden, aber er denkt nicht weiter daran.

Er spielt weiter und immer weiter, denn nie zuvor hat er ein solches Geigenspiel gehört.

— »Aber nun mag es wohl Zeit sein, aufzuhören«, denkt er schließlich und will den Bogen niederlegen.


* *
*

Aber der Bogen regt sich weiter. Er kann ihn nicht zum Stehen bringen. Er gleitet auf und nieder über die Saiten und reißt die Hand und den Arm mit. Und die Hand, die den Geigenhals umfaßt und auf den Saiten fingert, die kann auch nicht loskommen.

Der kalte Schweiß tritt dem Spielmann auf die Stirn, und er erschrickt nun wirklich.

— »Wie soll dies enden? Soll ich bis zum jüngsten Tage hier sitzen und spielen?« fragt er sich in Verzweiflung.

Der Bogen jagt dahin und zaubert eine Weise nach der andern hervor; stets ist es etwas Neues und so schön, daß der Arme denken muß:

— »Der auf meiner Geige spielt, der versteht die Kunst. Aber ich bin all mein Lebtag ein elender Stümper gewesen. Jetzt erst lerne ich, wie Musik klingen soll.«

Für ein paar Augenblicke kann ihn die Musik so hinreißen, daß er sein unglückseliges Schicksal vergißt. Aber dann fühlt er seine Arme vor Müdigkeit schmerzen, und er wird aufs neue von Verzweiflung erfaßt.

— »Diese Geige darf ich nicht von mir legen, bis ich mich zu Tode gespielt habe. Ich merke, daß der Neck sich nicht früher zufrieden gibt.«

Er fängt an, über sich selbst zu weinen, während er immer weiter spielt.

— »Es wäre besser für mich gewesen, wenn ich daheim in dem kleinen Hüttchen bei Mutter geblieben wäre. Was ist aller Ruhm wert, wenn dies das Ende sein soll!«

Da sitzt er nun Stunde um Stunde. Es wird Morgen, die Sonne geht auf, und die Vögel singen rings um ihn her. Aber er spielt, er spielt ohne Unterlaß.

Da es ein Sonntag ist, der anbricht, bleibt er ganz allein an der alten Mühle sitzen. Kein Mensch wandert in den Wald. Sie gehen alle zur Kirche unten im Tal, und in die Dörfer, die die große Landstraße einsäumen.

Es wird Vormittag, die Sonne steigt immer höher. Die Vögel verstummen, aber es beginnt in den langen Nadeln der Tannen zu rauschen.

Er läßt sich von der Hitze des Sommertages nicht aufhalten. Er spielt, er spielt. Es wird endlich Abend, die Sonne sinkt zur Ruh, aber sein Bogen braucht keine Ruhe, und sein Arm fährt fort sich zu regen.

— »Es ist ganz gewiß, daß dies mein Tod ist,« sagt er. »Und es ist eine gerechte Strafe für meinen Übermut.«

In tiefer Nacht kommt der erste Mensch, den er den ganzen Tag lang gesehen hat, durch den Wald gewandert. Es ist ein altes armes Mütterchen mit gebeugtem Rücken und grauem Haar und einem Gesichte, das von vielen Sorgen vergrämt ist.

— »Das ist seltsam,« denkt der Spielmann. »Es ist mir, als wenn ich das alte Weiblein kennen müßte. Kann es möglich sein, daß das Mutter ist? Kann es möglich sein, daß Mutter so alt und grau geworden ist?«

Er ruft sie laut und bittet sie.

— »Mutter, Mutter, komm her zu mir!« sagt er. Sie bleibt wie unwillig stehen.

— »Ich höre, daß du der beste Spielmann in Värmland bist,« sagt sie. »Was hast du mit einem armen alten Weibe wie mir zu schaffen?«

— »Mutter, Mutter, geh nicht an mir vorbei,« ruft der Spielmann, »komm her und sieh mich an!«

Da kommt sie näher und sieht, wie er da sitzt und spielt. Das Gesicht ist bleich wie bei einem Toten, das Haar trieft von Schweiß, und das Blut perlt unter seinen Nagelwurzeln hervor.

— »Mutter,« sagt der Spielmann, »nun habe ich mich bald zu Tode gespielt, aber sage mir vorher noch, ob du mir verzeihen kannst, daß ich dich in deinem Alter einsam und arm hausen ließ?«

— »Ja, gewiß, in Gottes, des Erlösers, Namen verzeih ich dir,« sagt die Mutter.

Aber wie sie dies sagt, bleibt der Bogen stehen, die Fiedel fällt aus den erstarrten Fingern zu Boden, und der Spielmann steht erlöst und gerettet auf. Denn der Zauber ist gebrochen, weil seine alte Mutter zu ihm gekommen ist und Gottes Namen über ihn ausgesprochen hat.

Noch ein Stück Lebensgeschichte

(Geschrieben zu meinem fünfzigsten Geburtstag)

Die erste Prophezeiung

Es läßt sich denken, daß es auf dem alten Herrenhof Morbacka am zwanzigsten November des Jahres 1858 recht unruhig zugegangen ist. Ein Kind ist an diesem Tage zu ziemlich später Abendstunde geboren worden, und so etwas bringt ja immer Verwirrung und Aufregung mit sich, selbst an einem Ort, wo man die Gewohnheit hat, das Leben ruhig zu nehmen und nicht mehr Wesens von einer Sache zu machen, als sie wirklich verdient.

Am dunkeln Abend, so gegen neun Uhr, kommt die Pastorin, die im Nachbarhause wohnt, und steckt den Kopf zur Küchentür herein. Es ist eine kleine, alte Frau, eine Verwandte und gute Freundin, die von allen Menschen Tante Wennervik genannt wird. Sie hat es zu Hause nicht aushalten können, sondern hat einen Schal über den Kopf geworfen, eine Laterne in die Hand genommen und sich auf dem schmalen Abkürzungsweg, der hinter dem Garten läuft, herübergetappt, um zu hören, wie es stehe.

Die Pastorin wird gleich in die Kammer neben der Küche geführt. Dort wohnt die alte Frau Lagerlöf, die Witwe des Regimentsschreibers Lagerlöf, noch heute, so wie sie ihr ganzes Leben lang da gewohnt hat, als junges Mädchen und als verheiratete Frau. Sie sitzt, siebzigjährig und weißhaarig, in ihrer Sofaecke und strickt den Enkelkindern Strümpfe, ganz wie immer. Drinnen bei ihr ist alles ruhig, und sie selbst ist ruhig, denn der Sohn, Leutnant Lagerlöf, der nach seines Vaters Tode das Gut übernommen hat, ist eben hier gewesen und hat ihr gesagt, daß das Ärgste überstanden und das Kind zur Welt gekommen sei.

So spät am Tage es auch ist, die Haushälterin stellt doch gleich die Kaffeemaschine aufs Feuer, und bald kommt sie mit einem wohlbesetzten Kaffeebrett in die Kammer. Nun sitzen Tante Wennervik und die alte Frau Lagerlöf da und trinken ganz allein Kaffee. Tante Wennervik erfährt, daß das jüngste Enkelkind ihrer alten Freundin ein Mädchen sei, und die beiden Alten, die die Grenze des Lebens erreicht haben, sitzen da und sprechen davon, wie es der Neugeborenen, die ihr Leben gerade begonnen hat, einst ergehen werde.

»Es wird ihr so ergehen, wie sie es verdient, weder besser, noch schlechter,« sagt die alte Frau Lagerlöf.

»Es kommt auch aufs Glück an, will ich dir sagen, Schwester,« meint Tante Wennervik.

Während die Pastorin diese Bemerkung macht, beugt sich die alte Frau Lagerlöf vor und fühlt das große Ridikül an, das Tante Wennervik immer am Arm trägt. Es sind tausend Dinge darin, denn Tante Wennervik ist eine, die für alles Rat weiß und darum beständig zu Hilfe gerufen wird. Sie hat sich erst auf ihre alten Tage mit dem alten Pastor Wennervik verheiratet, der Frau Lagerlöfs Bruder ist; und früher, ehe sie sich verheiratete, ist sie Wirtschafterin auf vielen großen Gütern gewesen. Darum versteht sie sich auf alles, nicht nur darauf, die feinsten Gewebe aufzuziehen und die größten Hochzeitsschmäuse auszurichten, sondern auch darauf, Kranke zu heilen und junge Bauernmädchen zu tüchtigen Hausmüttern zu erziehen.

Als die alte Frau Lagerlöf das Ridikül befühlt, merkt sie bald, daß außer den Augengläsern und dem Nähzeug und der Medikamentenflasche und dem Riechsalz und dem Webebuch und den Brustpastillen und dem Schlüsselbund noch ein harter, viereckiger Gegenstand darin liegt.

»Ich merke, daß du die Karten mithast, Schwester,« sagte sie.

Tante Wennerviks welke Wangen werden ein wenig rot. Sie kann prophezeien, und sie schlägt nie die Karten auf, ohne daß alles, was sie voraussagt, eintritt. Es ist ihre kleine Schwäche, sich zu freuen, wenn man ihre Kunst in Anspruch nimmt; aber das will sie nie zugestehen. Sie beteuert, nicht die geringste Ahnung gehabt zu haben, daß sie die Karten mit hat. Sie könne gar nicht begreifen, wie sie in das Ridikül gekommen seien.

»Aber wenn sie nun einmal da sind, kannst du sie doch für das arme Ding, das heute abend geboren worden ist, aufschlagen,« sagt die alte Frau Lagerlöf.

Tante Wennervik ziert sich ein wenig, aber sie ist nicht sehr schwer zu erweichen; und nun wird das Kaffeebrett beiseite gerückt, und die alte Pastorin beginnt, die Karten zu legen. Sie hantiert mit großer Übung und Fertigkeit, und wie die alte Frau Lagerlöf dasitzt und sie ansieht, kann sie sich des Gedankens nicht erwehren, daß ihre alte Schwägerin wie eine richtige Wahrsagerin aussehe. Sie hat einen dunkeln Teint und spielende schwarze Augen und eine lange Hakennase. Auf dem Kopfe trägt sie eine große schwarze Mütze, die mit einer scharfen Schnebbe in die Stirne fällt, und an jeder Schläfe liegen drei Korkzieherlocken. Sie hat kein einziges graues Haar und nicht ein Fleckchen in ihrem Gesicht, das noch nicht von Runzeln übersponnen wäre.

Tante Wennervik legt die Karten in vier Reihen: neun Karten in jeder Reihe; und als dies geschehen ist, legt sie den Zeigefinger auf die erste Karte und beginnt zu zählen: eins, zwei, drei, vier — bis sechzehn. Sie zählt hinauf und hinunter, von rechts und von links, und bewegt den Finger, während sie zählt, von einer Karte zur andern. Endlich bleibt sie sitzen und murmelt in sich hinein, als wäre sie nicht recht zufrieden.

»Nun, was siehst du, Schwester?« fragte die alte Frau Lagerlöf.

»Kränklichkeit folgt ihr,« antwortete Tante Wennervik. »Damit muß sie sich all ihr Lebtag abplagen.«

»Ein jeder muß sein Kreuz tragen,« sagt die alte Frau Lagerlöf, »sonst wird nichts Rechtes aus einem. Da wird es wohl ein stilles Leben führen, dieses Kind, wenn es kränklich sein wird; und das ist ja ohnehin das Beste für den Menschen.«

Tante Wennervik legt den Zeigefinger wieder auf die Karten und beginnt von neuem zu zählen. »Es liegen viele und lange Reisen vor diesem Mädchen,« sagt sie. »Und viele Male muß sie übersiedeln und ihren Wohnort wechseln.«

»Ein rollender Stein deckt sich nicht mit Moos,« sagt die alte Frau Lagerlöf. Sie ist nicht recht zufrieden damit, daß die Sohnestochter so eine werden soll, die in Land und Reich herumzieht. »Ich verstehe: wenn sie kränklich ist, dann wird sie auch arm sein und zu den Verwandten herumgeschickt werden,« fährt sie fort. »Der hat es schlimm, der nicht arbeiten und sich nützlich machen kann.«

»Sie wird all ihr Lebtag arbeiten und sich plagen müssen,« sagt Tante Wennervik nach einer neuen Rechnung. »Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Schwester.«

»Ja so, dann kommt es wohl so, daß sie ihr Brot bei Fremden verdienen und oftmals die Herrschaft wechseln muß,« sagt die alte Frau Lagerlöf und seufzt; denn es scheint ihr, die ihr ganzes Leben lang auf dem eignen Hof gesessen hat, daß ein Leben bei Fremden das Allerärgste sein müsse. Aber da sie es von jeher gewohnt ist, alles zum Besten zu wenden, erhellt sich ihr Gesicht bald. »Es hat dir ja auch nur Segen gebracht, Schwester, bei Fremden zu sein,« sagt sie. »Wenn sie ein ebenso tüchtiger Mensch werden kann, dann hat es keine Not.«

»Sie wird in ihrem ganzen Leben kein Gewebe aufziehen,« sagt Tante Wennervik, die Nase in den Karten und so davon ausgefüllt, die Zukunft zu erforschen, daß sie sich kaum klarmacht, was sie prophezeit. »Sie wird viel mit Büchern und Papieren zu tun haben.«

Die alte Frau Lagerlöf beugt sich über die Karten, wie um einen Leitfaden in all dieser Wirrnis zu finden. »Sie wird viel mit Büchern zu tun haben? Du meinst vielleicht, Schwester, daß sie einen armen Geistlichen heiraten wird, der von einem Kirchspiel ins andre ziehen muß und nie zur Ruhe kommt,« warf sie hin. »Aber wenn es nur ein ordentlicher Mann ist, der sie gut behandelt ...«

Tante Wennervik erhebt den Zeigefinger gerade in die Luft und unterbricht sie. »Willst du, Schwester, daß ich dir sage, wie es ist?« fragt sie.

»Gewiß will ich das,« antwortet die alte Frau Lagerlöf.

»Sie wird nie heiraten.«

»So, so, sie wird nie heiraten ... Na ja, dann bleiben ihr vielleicht viele Sorgen erspart. Aber weißt du, das ist gerade keine gute Prophezeiung, die du mich heute abend hören läßt, Schwester. Aber du kannst mir doch wenigstens sagen, ob sie ein braver, guter Mensch wird?«

»Gut und freundlich wird sie sein,« sagte Tante Wennervik und guckt wieder in die Karten, um nachzusehen, was sie ihr noch weiter zu sagen haben. Aber die alte Frau Lagerlöf unterbricht sie etwas trocken:

»Ich glaube, Schwester, du legst die Karten jetzt zusammen. Ich bin froh, daß ich wenigstens weiß, daß ein ordentlicher Mensch aus ihr wird. Das ist eigentlich das einzige, was man zu wissen braucht.«

Oceola

Es gibt ein Buch, das Oceola heißt. Obgleich es möglich sein kann, das ich mich nicht recht erinnre, und daß es irgendeinen andern prächtigen exotischen Namen führt. Es ist ein Indianerbuch, wie man heutzutage sagt, aber es ist wohl ursprünglich nicht für Kinder geschrieben, sondern war bestimmt, von großen Leuten gelesen zu werden. Ich weiß nicht, wer es verfaßt hat, ich weiß auch nicht, wann es geschrieben wurde, aber es ist wohl recht alt, da es mehr als vierzig Jahre her ist, seit ich es zum ersten Male gesehen habe.

Ich kann auch nicht sagen, wie es kommt, daß das Buch seinen Weg in mein Heim dort oben in Värmland fand. Es gehörte nicht zu dem Bücherschatz des Hauses, der hauptsächlich aus Versdichtungen bestand und nur ganz wenige Romane umfaßte. Vielleicht hatte es ein Besucher mitgebracht, oder auch hatte es sich meine Tante, die eine große Romanvertilgerin war, von irgendeinem der Nachbarn ausgeliehen. Aber wie dem auch sein mag, — eines ist sicher, daß es an einem schönen Tage, als ich etwa sieben, acht Jahre alt bin, daheim auf einem Tische liegt, und daß meine Augen darauf fallen.

Ich lese gerne. Ich pflege jeden Tag auf einem Schemelchen neben Mutter zu sitzen, wenn sie an ihrer Näherei arbeitet, und ihr aus Nösselts »Weltgeschichte für Frauenzimmer« vorzulesen. Wir sind durch alle sieben Teile gekommen, aber am besten verstehe ich den ersten Teil mit den vielen Sagen. Ich kann nie aufhören, mich zu freuen, wenn Odysseus heimkehrt und die Freier totschießt; aber Hektors und Andromaches Abschied übergehe ich am liebsten, weil ich ihn nicht lesen kann, ohne zu weinen.

Die Frithjofsage und Andersens Märchen und Fähnrich Ståls Erzählungen sind auch meine guten Freunde, aber einen Roman habe ich noch nie zu lesen versucht. Ich beabsichtige auch garnicht, mich durch dieses dicke Buch durchzuarbeiten. Es kommt mir vor, als müßte man mehrere Jahre brauchen, um es zu Ende zu lesen; ich will nur hineingucken. Aber das Glück will es, daß ich es gerade an der Stelle aufschlage, wo die Heldin des Buches, die junge, schöne Tochter eines Plantagenbesitzers, beim Bade von einem Alligator überrascht wird. Ich lese, wie sie entflieht und verfolgt wird und in Todesgefahr schwebt. Nie zuvor hat mich ein Buch in solche Spannung versetzt. Ich stehe atemlos und lese, bis der junge heldenmütige Indianer zu ihrer Rettung herbeieilt und nach einem furchtbaren Kampf mit dem Alligator diesem sein Messer in das Herz stößt.

Nun lese ich Seite um Seite, solange man mich in Frieden läßt. Und sowie ich wieder frei bin (denn ich bin ja viele Stunden des Tages damit beschäftigt, bei einer Lehrerin Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen), kehre ich zu dem Tisch zurück, wo der Roman noch immer liegt, und lese darin.

Ich bin ganz benommen, ganz bezaubert. Tag und Nacht denke ich nur an das Buch. Es ist eine neue Welt, die sich mir ganz plötzlich eröffnet hat. Der ganze Reichtum des Lebens strömt mir zu. Da sind Liebe, Heldenmut, schöne, edle Menschen, niedrige Schurken, Gefahren und Freuden, Glück und Schmerz. Da sind kunstvoll verschlungne Ereignisse, die mich in Spannung und Schrecken versetzen. Da ist alles mögliche, wovon ein kleines, siebenjähriges Kind, das auf einem stillen Herrenhof in Värmland aufgewachsen ist, nie zuvor hat reden hören. Man versetze einen der erwachsenen Bewohner der Erde auf einen Stern im Weltenraume. Ich glaube kaum, daß er diese neue Welt mit glühenderem Eifer untersuchen könnte, mit größerem Interesse, mit einem stärkeren Gefühl, wie wunderbar glücklich er sei, weil er all dies Ungeahnte kennen lernen dürfe.

Fortab lese ich alle Romane, die mir in die Hände fallen. Es läßt sich schwer sagen, wieviel ich von ihnen verstand, aber ein unerhörtes Vergnügen bereiteten sie mir. Jetzt sind sie meiner Erinnerung entschwunden, die allermeisten wenigstens.

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, wundert es mich wohl, daß man mich alles lesen ließ, was ich nur fand. Aber ich begreife, daß es Vater und Mutter schwer fiel, mir etwas abzuschlagen. Jene Kränklichkeit, die Tante Wennervik mir prophezeit hatte, war schon eingetreten. Das eine Bein war schwach, und lange Zeit hindurch konnte ich gar nicht gehen. Man fand es nicht zuträglich für mich, daß ich mich mit körperlichen Übungen und Spielen belustigte wie andre Kinder; sondern die Eltern sahen es am liebsten, wenn ich mich still verhielt. Und da sie nun merkten, daß ich mich glücklich fühlte, wenn ich nur ein Buch in der Hand hatte, waren sie froh, daß ich mich auf diese Weise zerstreuen konnte.

Aber für mich wurde die Bekanntschaft mit diesem Indianerbuche Oceola entscheidend für das ganze Leben. Es erweckte in mir die tiefe, starke Sehnsucht, einmal etwas ebenso Herrliches schaffen zu können. Dieses Buch bewirkte, daß ich von den frühesten Kindheitsjahren an wußte, daß, was ich in kommenden Tagen am liebsten tun wollte, Romane schreiben war.

Ich hatte wohl durch Geschwister und Dienstleute gehört, was die alte Tante Wennervik mir an dem Abend, an dem ich geboren wurde, über meine Zukunft prophezeit hatte. Niemand wurde der Weissagung froh; nur ich selbst, — ich war zufrieden, weil sie mir versprach, daß ich viel mit Büchern und Schreiben zu tun haben würde. Nach etwas anderm fragte ich damals nicht. — — —

Ich will auch erzählen, daß es sich vor einigen Jahren, als ich schon ein paar Bücher geschrieben hatte, zutrug, daß ich in dem Bücherstand einer Eisenbahnstation ein kleines, dickes Büchlein erblickte, das »Oceola« hieß. Es war schlecht gedruckt, auf häßlichem grauem Zeitungspapier und in einen schäbigen braunen Umschlag geheftet; es wurde für einen geringen Preis feilgeboten. Ich kaufte es, und als ich im Zuge saß, begann ich darin zu lesen, um zu sehen, ob es wirklich das Wunderbuch meiner Kindheit wäre, das ich hier wiedergefunden hatte. Ich entdeckte auch die Szene mit den Alligator, — es mußte also dasselbe Buch sein.

Aber es war es doch nicht. Dies war ein armseliges, langweiliges, schlecht übersetztes, veraltetes Buch. Es war etwa so, wie wenn man den Geliebten seiner Jugend als hinfälligen Kranken wiedersieht. Ich hatte Angst davor, Angst, daß es das Bild der rechten, der strahlenden Oceola verdunkeln könnte. Ich hatte die größte Lust, es zum Kupeefenster hinauszuwerfen.

Aber das konnte ich doch nicht tun. Es ging nicht an, dieses Buch zum Fenster hinauszuwerfen. Genau bedacht, war etwas Rührendes darin, daß mir ein solches Buch damals soviel Freude hatte schenken können.

Es durfte mit nach Hause kommen, aber dann steckte ich es ganz tief unten in den Bücherschrank, und ich wage es nie mehr anzusehen.

Meine Rose im Walde

Als ich neun Jahre alt bin, geht eine andre von den bösen Prophezeiungen der Pastorin Wennervik in Erfüllung. Da mache ich eine lange Reise. Ich werde nach Stockholm geschickt, um Heilung für mein krankes Bein zu suchen, und es wird mir verordnet, eine Kur im gymnastischen Institut durchzumachen. Ich bleibe einen ganzen Winter in Stockholm, und die Behandlung tut mir sehr gut. Als ich im Frühling heimkomme, bin ich ebenso gesund wie andre Kinder, und man merkt es beinahe gar nicht, daß ich hinke.

Ich wohne bei nahen Verwandten, die sehr gut gegen mich sind, aber das kann nicht hindern, daß ich mich ein wenig nach Hause sehne. Es fällt mir schwer, mich an das Stadtleben zu gewöhnen. Es ist mir eine Last, daß ich jedesmal, wenn ich ausgehe, Hut und Mantel anziehen muß. Ich mag diese Welt von Steinstraßen nicht, wo die Kinder ebenso ordentlich und still wie die Erwachsenen ihrer Wege gehen müssen. Ich verstehe mich auch nicht auf die Spiele der stockholmer Kinder. Ich kann nicht in ihren kleinen Schlitten fahren, und ich mache mir nichts daraus, mit Puppen zu spielen. Ich fühle mich dumm und ungeschickt in Gesellschaft dieser niedlichen und lebhaften Kinder, und ich habe große Angst, ausgelacht zu werden, weil ich mit värmländischem Akzent spreche.

Aber es gibt Dinge in der Hauptstadt, die über alle Beschreibung herrlich sind und für alle Unannehmlichkeiten Ersatz bieten. So zum Beispiel hat mein Onkel alle Romane von Walter Scott in seinem Bücherschrank, und er leiht sie mir, so daß ich im Laufe des Winters die ganze Sammlung durchlesen kann. Und dann das Theater!

Bei meinen Verwandten wohnt eine alte treue Dienerin, die dem Haushalt meines Onkels vorgestanden hat, bevor er sich verheiratete. Sie ist zu alt, um an irgendwelchen Arbeiten teilzunehmen; sie sitzt tagaus, tagein in einem schönen Lehnstuhl in ihrem eignen Zimmerchen und strickt und häkelt. Onkel ist sehr gut gegen sie. Er ist besorgt, daß ihr die Zeit zu einförmig werden könnte, und steckt ihr nicht selten eine Theaterkarte zu. Aber wenn die Alte ins Theater geht, darf ich mitkommen. Meine Verwandten haben schon entdeckt, welches ungeheure Vergnügen mir dies bereitet, und sie sind vielleicht auch ein klein wenig ängstlich, die Alte ganz allein fortzulassen. Meine Theaterbesuche kosten überdies nichts. Die alte Ursula sagt dem Theaterdiener nur ein gutes Wort, und ich darf mit hinein. Ich bekomme keinen Sitzplatz, sondern muß vor ihr stehen, aber das hat nichts zu bedeuten. Im Theater vergeht die Zeit so rasch, daß ich gar nicht müde werde, ehe alles schon vorbei ist.

Es gibt wohl noch heute Menschen, die sich an die ausgetretnen Stufen und die schmalen Gänge im alten Opernhaus erinnern. Und es gibt auch wohl noch den einen oder andern, der sich entsinnt, wie es in den Korridoren roch. Ich komme manchmal im Ausland in irgendein altes Schauspielhaus, wo derselbe Theatergeruch noch herrscht. Und wenn ich ihn spüre, dann werde ich von der Seligkeit der Erwartung erfüllt. Es kommt mir vor, als ob ich wieder als ein kleines Kind vor der Logentür stünde und darauf wartete, daß der Diener komme und aufschließe.

Ulla und ich, wir sitzen stets in der ersten Reihe der zweiten Galerie. Wir gehen übrigens nicht immer in die Oper, sondern wir gehen auch in das dramatische Theater, aber auch dort haben wir denselben Platz.

Auf diese Weise sehen wir »Die Afrikanerin«, »Robert den Teufel«, den »Freischütz«, »Die Värmländer«, »Die schöne Helena«, »Die Frauenschule«, »Die Blumen im Treibhaus«, »Meine Rose im Walde«. Das ist wieder eine neue bunte Welt, in die ich geführt werde. Es ist wirklich gut, daß ich am Nähtisch meiner Mutter gesessen und Nösselts Weltgeschichte gelesen habe. Wie hätte ich mich sonst zurechtfinden können!

Aber eigentlich ist sie nicht ganz neu. Es ist ja meine ganze Romanwelt, die so illustriert und mir in lebenden Bildern vorgeführt wird. So also sehen sie aus, meine edeln Wilden, meine geharnischten Ritter. So geht ein König gekleidet. So nimmt sich ein Klosterhof aus. In solchen langen, grauen Mänteln wandeln Mönche und Nonnen umher. Ich lerne sturmgepeitschte Meere, leuchtende Rittersäle und tropische Landschaften kennen. Und ich nehme natürlich alles blutig ernst. Ich verstehe nicht, daß die schöne Helena ein einziger großer Scherz ist. Ich glaube, daß es wirklich so zugegangen sei, als Helena von Paris geraubt wurde, obgleich Nösselt es zu erzählen vergessen hat.

Wir haben ganz denselben Geschmack, die Alte und ich. Wir lieben prächtige Dekorationen, prächtige Kostüme und große Szenen, wo es auf der Bühne von Menschen wimmelt. Und natürlich kümmern wir uns hauptsächlich um die Handlung. Vom Gesang und von der Musik verstehen wir nicht viel. Wir werden eher davon belästigt, weil es uns schwer fällt, die Worte zu hören, und weil wir den Zusammenhang verlieren.

Aus einfachen Stücken, in denen keine Könige und Ritter auftreten, machen wir uns nicht viel, obgleich ich für meinen Teil ein Volksstück wie »Die Värmländer« sehr gerne habe, weil es mich an die Heimat erinnert. Aber die alte Ulla ist unzufrieden, wenn sie nur Bauern auf der Bühne sieht. Sie kränkt mich tief durch die Bemerkung, daß die schöne Helena mit ihrer großen Königsschar doch etwas ganz andres sei. Ich fühle mich für meine Landsleute verletzt, aber im tiefsten Grunde bin ich eigentlich ihrer Meinung.

Inzwischen geht der Winter zu Ende, und ich darf nach Hause reisen. Und natürlich verfolgt mich die Erinnerung an alles, was ich gesehen habe, und ich erzähle es meinen Geschwistern wieder und wieder.

Eines Tages, als wir aus dem einen oder andern Anlaß keine Schularbeiten haben, fällt es uns ein, daß wir Theater spielen und eines der Stücke aufführen könnten, die ich in Stockholm gesehen habe. Wir entscheiden uns für »Meine Rose im Walde«. Nicht weil es das hübscheste ist, was ich gesehen habe, aber es ist das einfachste, das einzige, das wir uns darstellen zu können getrauen.

Es wird ein anstrengender Tag für mich. Ich bin es, die die Rollen einstudiert und die Auftretenden unterweist, was sie sagen und tun sollen. Wir haben kein Textbuch, sondern alles muß so gemacht werden, wie ich es in der Erinnerung habe. Ich verwandle mit Hilfe von Decken und Tüchern die Kinderstube in eine Bühne. Ich wähle die Kostüme aus, ich erkläre, wie die Mitwirkenden frisiert und geschminkt sein müssen. Ich bin ja die einzige, die einige Erfahrung in allen diesen Dingen hat.

Noch vor dem Abend ist alles fertig, und das Schauspiel geht in Szene. Zuschauer sind Vater, Mutter, Tante, die Erzieherin, die Haushälterin und ein paar Dienstmädchen. Sie sitzen alle in einer engen Türöffnung und können nicht viel von der Bühne sehen. Aber das macht nichts. Sie unterhalten sich doch unbeschreiblich gut.

Wir haben ein junges Mädchen als Pensionärin im Hause. Sie ist sehr reizend und geht in einem alten Ballkleid meiner Mutter umher und spielt die Liebhaberin: »Meine Rose im Walde«. Meine älteste Schwester, die auch zwölf Jahre alt ist, hat sich mit Vaters allerältester Uniformjacke herausstaffiert und spielt den Liebhaber. Sie ist ganz unbeschreiblich niedlich. Sie hat wirklich Anlagen für den schauspielerischen Beruf. Unsere Kammerjungfer gibt die Rolle der Haushälterin, und ich selbst habe es übernommen, einen siebzigjährigen Greis zu spielen. Es muß ein Greis mit langem, weißem Haar im Stücke vorkommen, und ich wähle diese Rolle, weil mein Haar sehr lang und ganz weiß ist.

Wir haben einen großen, großen Erfolg. Ich möchte wissen, was der alte Franz Hedberg gesagt haben würde, wenn er sein Stück auf diese Weise aufgeführt gesehen hätte, aber auch er wäre vielleicht mit uns zufrieden gewesen.

Doch von diesem Tage an träume ich nicht nur davon, Romane zu schreiben. Jetzt will ich auch Theaterstücke verfassen. Ich sehne mich danach, erwachsen zu sein, damit ich nicht mehr am Schultisch sitzen und meine Zeit mit Lektionen und Aufgaben vergeuden muß.

Wie dunkel ist es doch unter der Linde

Es ist ein schöner Frühlingsabend, und ich gehe in dem kleinen Hain hinter dem Garten auf und ab. Sowie ich auf einem der geschlängelten Pfade an die Grenze des Haines komme, schlägt mir das blendendste Licht entgegen. Weite Fluren breiten sich vor mir aus, und der Sonnenschein zittert in dem feuchten Dunst, der von den frischgepflügten Feldern aufsteigt. Auf einer Seite leuchtet die Luft wie Purpur, auf der andern sieht es aus, als wäre sie von Goldstaub erfüllt.

Drinnen unter den Bäumen ist es jedoch merkwürdig finster. Sie haben sich erst ganz kürzlich belaubt, ich bin das grüne Dunkel noch nicht gewohnt, das im Sommer unter ihnen zu herrschen pflegt. Ganz plötzlich, gerade als ich aus dem Licht vor dem Hain wieder unter die Bäume trete, kommen mir ein paar Reime auf die Lippen: