Zwischen den beiden bisherigen Gesamtherrschern von Rom sollten also die Waffen entscheiden, wer von ihnen berufen sei, Roms erster Alleinherrscher zu sein. Sehen wir, wie für die bevorstehende Kriegführung zwischen Caesar und Pompeius sich das Machtverhältnis gestellt hatte.
Caesars Macht ruhte zunächst auf der völlig unumschränkten Gewalt, deren er innerhalb seiner Partei genoß. Wenn die Ideen der Demokratie und der Monarchie in ihr zusammenflossen, so war dies nicht die Folge einer zufällig eingegangenen und zufällig lösbaren Koalition, sondern es war im tiefsten Wesen der Demokratie ohne Repräsentativverfassung begründet, daß Demokratie wie Monarchie zugleich ihren höchsten und letzten Ausdruck in Caesar fanden. Politisch wie militärisch entschied Caesar durchaus in erster und letzter Instanz. In wie hohen Ehren er auch jedes brauchbare Werkzeug hielt, so blieb es doch immer Werkzeug: Caesar stand innerhalb seiner Partei ohne Genossen, nur umgeben von militärisch-politischen Adjutanten, die in der Regel aus der Armee hervorgegangen und als Soldaten geschult waren, nirgends nach Grund und Zweck zu fragen, sondern unbedingt zu gehorchen. Darum vor allem hat in dem entscheidenden Augenblick, als der Bürgerkrieg begann, von allen Soldaten und Offizieren Caesars nur ein einziger ihm den Gehorsam verweigert; und es bestätigt nur diese Auffassung des Verhältnisses Caesars zu seinen Anhängern, daß dieser eine eben von allen der Erste war. Titus Labienus hatte mit Caesar alle Drangsale der düsteren catilinarischen Zeit wie allen Glanz der gallischen Siegeslaufbahn geteilt, hatte regelmäßig selbständig befehligt und häufig die halbe Armee geführt; er war ohne Frage wie der älteste, tüchtigste und treueste unter Caesars Adjutanten, so auch der höchstgestellte und am höchsten geehrte. Noch im Jahre 704 (50) hatte Caesar ihm den Oberbefehl im Diesseitigen Gallien übertragen, um teils diesen Vertrauensposten in sichere Hand zu geben, teils zugleich Labienus in seiner Bewerbung um das Konsulat damit zu fördern. Allein ebenhier trat Labienus mit der Gegenpartei in Verbindung, begab sich beim Beginn der Feindseligkeiten im Jahre 705 (49), statt in Caesars in Pompeius’ Hauptquartier und kämpfte während des ganzen Bürgerkrieges mit beispielloser Erbitterung gegen seinen alten Freund und Kriegsherrn. Wir sind weder über Labienus’ Charakter noch über die einzelnen Umstände seines Parteiwechsels genügend unterrichtet; im wesentlichen aber liegt hier sicher nichts vor als ein weiterer Beleg dafür, daß der Kriegsfürst weit sicherer auf seine Hauptleute als auf seine Marschälle zählen kann. Allem Anschein nach war Labienus eine jener Persönlichkeiten, die mit militärischer Brauchbarkeit vollständige staatsmännische Unfähigkeit vereinigen und die dann, wenn sie unglücklicherweise Politik machen wollen oder müssen, jenen tollen Schwindelanfällen ausgesetzt sind, wovon die Geschichte der Napoleonischen Marschälle so manches tragikomische Beispiel aufzeigt. Er mochte wohl sich berechtigt halten, als das zweite Haupt der Demokratie neben Caesar zu gelten; und daß er mit diesem Anspruch zurückgewiesen ward, wird ihn in das Lager der Gegner geführt haben. Es zeigte hier zum ersten Male sich die ganze Schwere des Übelstandes, daß Caesars Behandlung seiner Offiziere als unselbständiger Adjutanten keine zur Übernahme eines abgesonderten Kommandos geeigneten Männer in seinem Lager emporkommen ließ, während er doch bei der leicht vorherzusehenden Zersplitterung der bevorstehenden Kriegführung durch alle Provinzen des weiten Reiches ebensolcher Männer dringend bedurfte. Allein dieser Nachteil wurde dennoch weit aufgewogen durch die erste und nur um diesen Preis zu bewahrende Bedingung eines jeden Erfolgs, die Einheit der obersten Leitung.
Die einheitliche Leitung erhielt ihre volle Gewalt durch die Brauchbarkeit der Werkzeuge. Hier kam in erster Linie in Betracht die Armee. Sie zählte noch neun Legionen Infanterie oder höchstens 50000 Mann, welche aber alle vor dem Feinde gestanden und von denen zwei Drittel sämtliche Feldzüge gegen die Kelten mitgemacht hatten. Die Reiterei bestand aus deutschen und norischen Söldnern, deren Brauchbarkeit und Zuverlässigkeit in dem Kriege gegen Vercingetorix erprobt worden war. Der achtjährige Krieg voll mannigfacher Wechselfälle gegen die tapfere, wenn auch militärisch der italischen entschieden nachstehende keltische Nation hatte Caesar die Gelegenheit gegeben, seine Armee zu organisieren, wie nur er zu organisieren verstand. Alle Brauchbarkeit des Soldaten setzt physische Tüchtigkeit voraus: bei Caesars Aushebungen wurde auf Stärke und Gewandtheit der Rekruten mehr als auf Vermögen und Moralität gesehen. Aber die Leistungsfähigkeit der Armee beruht, wie die einer jeden Maschine, vor allen Dingen auf der Leichtigkeit und Schnelligkeit der Bewegung: in der Bereitschaft zum sofortigen Aufbruch zu jeder Zeit und in der Schnelligkeit des Marschierens erlangten Caesars Soldaten eine selten erreichte und wohl nie übertroffene Vollkommenheit. Mut galt natürlich über alles: die Kunst, den kriegerischen Wetteifer und den Korpsgeist anzufachen, so daß die Bevorzugung einzelner Soldaten und Abteilungen selbst den Zurückstehenden als die notwendige Hierarchie der Tapferkeit erschien, übte Caesar mit unerreichter Meisterschaft. Er gewöhnte den Leuten das Fürchten ab, indem er, wo es ohne ernste Gefahr geschehen konnte, die Soldaten nicht selten von einem bevorstehenden Kampf nicht in Kenntnis setzte, sondern sie unvermutet auf den Feind treffen ließ. Aber der Tapferkeit gleich stand der Gehorsam. Der Soldat wurde angehalten, das Befohlene zu tun, ohne nach Ursache und Absicht zu fragen; manche zwecklose Strapaze wurde einzig als Übung in der schweren Kunst der blinden Folgsamkeit ihm auferlegt. Die Disziplin war streng, aber nicht peinlich: unnachsichtlich ward sie gehandhabt, wenn der Soldat vor dem Feinde stand; zu anderen Zeiten, vor allem nach dem Siege, wurden die Zügel nachgelassen, und wenn es dem sonst brauchbaren Soldaten dann beliebte, sich zu parfümieren oder mit eleganten Waffen und andern Dingen sich zu putzen, ja sogar, wenn er Brutalitäten oder Unrechtfertigkeiten selbst bedenklicher Art sich zu Schulden kommen ließ und nur nicht zunächst die militärischen Verhältnisse dadurch berührt wurden, so ging die Narrenteidung wie das Verbrechen ihm hin und die desfälligen Klagen der Provinzialen fanden bei dem Feldherrn ein taubes Ohr. Meuterei dagegen ward, nicht bloß den Anstiftern, sondern selbst dem Korps, niemals verziehen. Aber der rechte Soldat soll nicht bloß überhaupt tüchtig, tapfer und gehorsam, sondern er soll dies alles willig, ja freiwillig sein; und nur genialen Naturen ist es gegeben, durch Beispiel und durch Hoffnung und vor allem durch das Bewußtsein, zweckmäßig gebraucht zu werden, die beseelte Maschine, die sie regieren, zum freudigen Dienen zu bestimmen. Wenn der Offizier, um von seinen Leuten Tapferkeit zu verlangen, selbst mit ihnen der Gefahr ins Auge gesehen haben muß, so hatte Caesar auch als Feldherr Gelegenheit gehabt, den Degen zu ziehen und dann gleich dem Besten ihn gebraucht; an Tätigkeit aber und Strapazen mutete er stets sich selbst weit mehr zu als seinen Soldaten. Caesar sorgte dafür, daß an den Sieg, der zunächst freilich dem Feldherrn Gewinn bringt, doch auch für den Soldaten sich persönliche Hoffnungen knüpften. Daß er es verstand, die Soldaten für die Sache der Demokratie zu begeistern, soweit die prosaisch gewordene Zeit noch Begeisterung gestattet, und daß die politische Gleichstellung der transpadanischen Landschaft, der Heimat seiner meisten Soldaten, mit dem eigentlichen Italien als eines der Kampfziele hingestellt ward, wurde schon erwähnt. Es versteht sich, daß daneben auch materielle Prämien nicht fehlten, sowohl besondere für hervorragende Waffentaten, wie allgemeine für jeden tüchtigen Soldaten; daß die Offiziere dotiert, die Soldaten beschenkt und für den Triumph die verschwenderischsten Gaben in Aussicht gestellt wurden. Aber vor allen Dingen verstand es Caesar als wahrer Heermeister, in jedem einzelnen großen oder kleinen Triebrad des mächtigen Instruments das Gefühl zweckmäßiger Verwendung zu erwecken. Der gewöhnliche Mensch ist zum Dienen bestimmt und er sträubt sich nicht, Werkzeug zu sein, wenn er fühlt, daß ein Meister ihn lenkt. Allgegenwärtig und jederzeit ruhte der Adlerblick des Feldherrn auf dem ganzen Heer, mit unparteiischer Gerechtigkeit belohnend und bestrafend und der Tätigkeit eines jeden die zum Besten aller dienenden Wege weisend, so daß auch mit des Geringsten Schweiß und Blut nicht experimentiert oder gespielt, darum aber auch, wo es nötig war, unbedingte Hingebung bis in den Tod gefordert ward. Ohne dem einzelnen in das gesamte Triebwerk den Einblick zu gestatten, ließ Caesar ihn doch genug von dem politischen und militärischen Zusammenhang der Dinge ahnen, um als Staatsmann und Feldherr von dem Soldaten erkannt, auch wohl idealisiert zu werden. Durchaus behandelte er die Soldaten nicht als seinesgleichen, aber als Männer, welche Wahrheit zu fordern berechtigt und zu ertragen fähig waren, und die den Versprechungen und Versicherungen des Feldherrn Glauben zu schenken hatten, ohne Prellerei zu vermuten oder auf Gerüchte zu horchen; als langjährige Kameraden in Krieg und Sieg, unter denen kaum einer war, den er nicht mit Namen kannte und bei dem sich nicht in all den Feldzügen ein mehr oder minder persönliches Verhältnis zu dem Feldherrn gebildet hätte; als gute Genossen, mit denen er zutraulich und mit der ihm eigenen heiteren Elastizität schwatzte und verkehrte; als Schutzbefohlene, deren Dienste zu vergelten, deren Unbill und Tod zu rächen ihm heilige Pflicht war. Vielleicht nie hat es eine Armee gegeben, die so vollkommen war, was die Armee sein soll: eine für ihre Zwecke fähige und für ihre Zwecke willige Maschine in der Hand eines Meisters, der auf sie seine eigene Spannkraft überträgt. Caesars Soldaten waren und fühlten sich zehnfacher Übermacht gewachsen: wobei nicht übersehen werden darf, daß bei der durchaus auf das Handgemenge und vornehmlich den Schwertkampf berechneten römischen Taktik der geübte römische Soldat dem Neuling in noch weit höherem Grade überlegen war, als dies unter den heutigen Verhältnissen der Fall ist ^1. Aber noch mehr als durch die überlegene Tapferkeit fühlten die Gegner sich gedemütigt durch die unwandelbare und rührende Treue, mit der Caesars Soldaten an ihrem Feldherrn hingen. Es ist wohl ohne Beispiel in der Geschichte, daß, als der Feldherr seine Soldaten aufrief, ihm in den Bürgerkrieg zu folgen, mit der einzigen, schon erwähnten Ausnahme des Labienus kein römischer Offizier und kein römischer Soldat ihn im Stich ließ. Die Hoffnungen der Gegner auf eine ausgedehnte Desertion scheiterten ebenso schmählich wie der frühere Versuch, sein Heer wie das des Lucullus auseinander zu sprengen; selbst Labienus erschien in Pompeius’ Lager wohl mit einem Haufen keltischer und deutscher Reiter, aber ohne einen einzigen Legionär. Ja die Soldaten, als wollten sie zeigen, daß der Krieg ganz ebenso ihre Sache sei wie die des Feldherrn, machten unter sich aus, daß sie den Sold, den ihnen Caesar beim Ausbruch des Bürgerkrieges zu verdoppeln versprochen hatte, bis zu dessen Beendigung dem Feldherrn kreditieren und inzwischen die ärmeren Kameraden aus allgemeinen Mitteln unterstützen wollten; überdies rüstete und besoldete jeder Unteroffizier einen Reiter aus seiner Tasche.
———————————————————————————
^1 Ein gefangener Centurio von der zehnten Legion Caesars erklärte dem feindlichen Oberfeldherrn daß er bereit sei, es mit zehn von seinen Leuten gegen die beste feindliche Kohorte (500 Mann) aufzunehmen (Bell. Afr. 45). “In der Fechtweise der Alten”, urteilt Napoleon I., “bestand die Schlacht aus lauter Zweikämpfen; in dem Munde des heutigen Soldaten würde es Prahlerei sein, was in dem jenes Centurionen nur richtig war.” Von dem Soldatengeist, der Caesars Armee durchdrang, legen die seinen Memoiren angehängten Berichte über den Afrikanischen und den Zweiten Spanischen Krieg, von denen jener einen Offizier zweiten Ranges zum Verfasser zu haben scheint, dieser ein in jeder Beziehung subalternes Lagerjournal ist, lebendigen Beweis ab.
———————————————————————————
Wenn also Caesar das eine hatte, was not tat: unbeschränkte politische und militärische Gewalt und eine schlagfertige zuverlässige Armee, so dehnte seine Macht verhältnismäßig sich nur über einen sehr beschränkten Raum aus. Sie ruhte wesentlich auf der oberitalischen Provinz. Diese Landschaft war nicht bloß die am besten bevölkerte unter allen italischen, sondern auch der Sache der Demokratie als ihrer eigenen ergeben. Von der daselbst herrschenden Stimmung zeugt das Verhalten einer Abteilung Rekruten von Opitergium (Oderzo in der Delegation Treviso), die nicht lange nach dem Ausbruch des Krieges in den illyrischen Gewässern, auf einem elenden Floß von den feindlichen Kriegsschiffen umzingelt, den ganzen Tag bis zur sinkenden Sonne sich zusammenschießen ließen, ohne sich zu ergeben, und, soweit sie den Geschossen entgangen waren, in der folgenden Nacht mit eigener Hand sich den Tod gaben. Man begreift, was einer solchen Bevölkerung zugemutet werden konnte. Wie sie Caesar bereits die Mittel gewährt hatte, seine ursprüngliche Armee mehr als zu verdoppeln, so stellten auch nach Ausbruch des Bürgerkrieges zu den sofort angeordneten umfassenden Aushebungen die Rekruten zahlreich sich ein. In dem eigentlichen Italien dagegen war Caesars Einfluß dem der Gegner nicht entfernt zu vergleichen. Wenn er auch durch geschickte Manöver die Catonische Partei ins Unrecht zu setzen gewußt und alle, die einen Vorwand wünschten, um mit gutem Gewissen entweder neutral zu bleiben, wie die Senatsmajorität, oder seine Partei zu ergreifen, wie seine Soldaten und die Transpadaner, von seinem guten Recht hinreichend überzeugt hatte, so ließ sich doch die Masse der Bürgerschaft natürlich dadurch nicht irren und sah, als der Kommandant von Gallien seine Legionen gegen Rom in Bewegung setzte, allen formalen Rechtserörterungen zum Trotz, in Cato und Pompeius die Verteidiger der legitimen Republik, in Caesar den demokratischen Usurpator. Allgemein erwartete man ferner von dem Neffen des Marius, dem Schwiegersöhne des Cinna, dem Verbündeten des Catilina die Wiederholung der Marianisch-Cinnanischen Greuel, die Realisierung der von Catilina entworfenen Saturnalien der Anarchie; und wenn auch Caesar hierdurch allerdings Verbündete gewann, die politischen Flüchtlinge sofort in Masse sich ihm zur Verfügung stellten, die verlorenen Leute ihren Erlöser in ihm sahen, die niedrigsten Schichten des haupt- und landstädtischen Pöbels auf die Kunde von seinem Anmarsch in Gärung gerieten, so waren dies doch von den Freunden, die gefährlicher als die Feinde sind. Noch weniger als in Italien hatte Caesar in den Provinzen und den Klientelstaaten Einfluß. Das Transalpinische Gallien bis zum Rhein und zum Kanal gehorchte ihm zwar, und die Kolonisten von Narbo sowie die sonst daselbst ansässigen römischen Bürger waren ihm ergeben; allein selbst in der Narbonensischen Provinz hatte die Verfassungspartei zahlreiche Anhänger, und nun gar die neueroberten Landschaften waren für Caesar in dem bevorstehenden Bürgerkrieg weit mehr eine Last als ein Vorteil, wie er denn aus guten Gründen in demselben von dem keltischen Fußvolk gar keinen, von der Reiterei nur sparsamen Gebrauch machte. In den übrigen Provinzen und den benachbarten, halb oder ganz unabhängigen Staaten hatte Caesar wohl auch versucht, sich Rückhalt zu verschaffen, hatte den Fürsten reiche Geschenke gespendet, in manchen Städten große Bauten ausführen lassen und in Notfällen ihnen finanziellen und militärischen Beistand gewährt; allein im ganzen war natürlich damit nicht viel erreicht worden, und die Beziehungen zu den deutschen und keltischen Fürsten in den Rhein- und Donaulandschaften, namentlich die der Reiterwerbung wegen wichtige zu dem norischen König Voccio waren wohl die einzigen derartigen Verhältnisse, die für ihn etwas bedeuten mochten.
Wenn Caesar also in den Kampf eintrat nur als Kommandant von Gallien, ohne andere wesentliche Hilfsmittel als brauchbare Adjutanten, ein treues Heer und eine ergebene Provinz, so begann ihn Pompeius als tatsächliches Oberhaupt des römischen Gemeinwesens und im Vollbesitz aller der legitimen Regierung des großen römischen Reiches zur Verfügung stehenden Hilfsquellen. Allein wenn seine Stellung politisch und militärisch weit ansehnlicher war, so war sie dagegen auch weit minder klar und fest. Die Einheit der Oberleitung, die aus Caesars Stellung sich von selbst und mit Notwendigkeit ergab, war dem Wesen der Koalition zuwider; und obwohl Pompeius, zu sehr Soldat, um sich über die Unentbehrlichkeit derselben zu täuschen, sie der Koalition aufzuzwingen versuchte und sich vom Senat zum alleinigen und unumschränkten Oberfeldherrn zu Lande und zur See ernennen ließ, so konnte doch der Senat selbst nicht beseitigt und ein überwiegender Einfluß auf die politische, ein gelegentliches und darum doppelt schädliches Eingreifen in die militärische Oberleitung ihm nicht verwehrt werden. Die Erinnerung an den zwanzigjährigen, auf beiden Seiten mit vergifteten Waffen geführten Krieg zwischen Pompeius und der Verfassungspartei, das auf beiden Seiten lebhaft vorhandene und mühsam verhehlte Bewußtsein, daß die nächste Folge des erfochtenen Sieges der Bruch zwischen den Siegern sein werde, die Verachtung, die man gegenseitig und von beiden Seiten mit nur zu gutem Grund sich zollte, die unbequeme Anzahl angesehener und einflußreicher Männer in den Reihen der Aristokratie und die geistige und sittliche Inferiorität fast aller Beteiligten erzeugten überhaupt bei den Gegnern Caesars ein widerwilliges und widersetzliches Zusammenwirken, das mit dem einträchtigen und geschlossenen Handeln auf der anderen Seite den übelsten Kontrast bildet.
Wenn also alle Nachteile der Koalition unter sich feindlicher Mächte von Caesars Gegnern in ungewöhnlichem Maße empfunden wurden, so war doch allerdings auch diese Koalition eine sehr ansehnliche Macht. Die See beherrschte sie ausschließlich: alle Häfen, alle Kriegsschiffe, alles Flottenmaterial standen zu ihrer Verfügung. Die beiden Spanien, gleichsam Pompeius’ Hausmacht so gut wie die beiden Gallien Caesars, waren ihrem Herrn treu anhänglich und in den Händen tüchtiger und zuverlässiger Verwalter. Auch in den übrigen Provinzen, natürlich mit Ausnahme der beiden Gallien, waren die Statthalter- und Kommandantenstellen während der letzten Jahre unter dem Einfluß von Pompeius und der Senatsminorität mit sicheren Männern besetzt worden. Durchaus und mit großer Entschiedenheit ergriffen die Klientelstaaten Partei gegen Caesar und für Pompeius. Die bedeutendsten Fürsten und Städte waren in den verschiedenen Abschnitten seiner mannigfaltigen Wirksamkeit zu Pompeius in die engsten persönlichen Beziehungen getreten - wie er denn in dem Kriege gegen die Marianer der Waffengenosse der Könige von Numidien und Mauretanien gewesen war und das Reich des ersteren wiederaufgerichtet hatte; wie er im Mithradatischen Kriege außer einer Menge anderer kleinerer geistlicher und weltlicher Fürstentümer die Königreiche Bosporus, Armenien und Kappadokien wiederhergestellt, das galatische des Deiotarus geschaffen hatte; wie zunächst auf seine Veranlassung der Ägyptische Krieg unternommen und durch seinen Adjutanten die Lagidenherrschaft neu befestigt worden war. Selbst die Stadt Massalia in Caesars eigener Provinz verdankte wohl auch diesem manche Vergünstigungen, aber Pompeius vom Sertorianischen Kriege her eine sehr ansehnliche Gebietserweiterung, und es stand außerdem die hier regierende Oligarchie mit der römischen in einem natürlichen und durch vielfache Zwischenbeziehungen befestigten Bunde. Diese persönlichen Rücksichten und Verhältnisse sowie die Glorie des Siegers in drei Weltteilen, welche in diesen abgelegeneren Teilen des Reiches die des Eroberers von Gallien noch weit überstrahlte, schadeten indes hier Caesar vielleicht weniger noch als die daselbst nicht unbekannt gebliebenen An- und Absichten des Erben des Gaius Gracchus über die Notwendigkeit der Reunion der abhängigen Staaten und die Nützlichkeit der Provinzialkolonisationen. Keiner unter den abhängigen Dynasten sah von dieser Gefahr sich näher bedroht als König Juba von Numidien. Nicht bloß war er vor Jahren, noch bei Lebzeiten seines Vaters Hiempsal, mit Caesar persönlich aufs heftigste zusammengeraten, sondern es hatte auch kürzlich derselbe Curio, der jetzt unter Caesars Adjutanten fast den ersten Platz einnahm, bei der römischen Bürgerschaft den Antrag auf Einziehung des Numidischen Reiches gestellt. Sollte endlich es so weit kommen, daß die unabhängigen Nachbarstaaten in den römischen Bürgerkrieg eingriffen, so war der einzige wirklich mächtige, der der Parther, durch die zwischen Pakoros und Bibulus angeknüpfte Verbindung tatsächlich bereits mit der aristokratischen Partei alliiert, während Caesar viel zu sehr Römer war, um aus Parteiinteressen sich mit den Überwindern seines Freundes Crassus zu verkuppeln.
Was Italien anlangt, so war, wie schon gesagt, die große Majorität der Bürgerschaft Caesar abgeneigt; vor allem natürlich die gesamte Aristokratie mit ihrem sehr beträchtlichen Anhang, nicht viel minder aber auch die hohe Finanz, die nicht hoffen durfte, bei einer durchgreifenden Reform des Gemeinwesens ihre parteiischen Geschworenengerichte und ihr Erpressungsmonopol zu konservieren. Ebenso antidemokratisch gesinnt waren die kleinen Kapitalisten, die Landgutsbesitzer und überhaupt alle Klassen, die etwas zu verlieren hatten; nur daß freilich in diesen Schichten die Sorge um die nächsten Zinstermine und um Saaten und Ernten in der Regel jede andere Rücksicht überwog.
Die Armee, über die Pompeius verfügte, bestand hauptsächlich in den spanischen Truppen, sieben krieggewohnten und in jeder Hinsicht zuverlässigen Legionen, wozu die weiter in Syrien, Asia, Makedonien, Afrika, Sizilien und sonst befindlichen, freilich schwachen und sehr zerstreuten Truppenabteilungen kamen. In Italien standen unter den Waffen zunächst nur die zwei von Caesar kürzlich abgegebenen Legionen, deren Effektivbestand sich nicht über 7000 Mann belief und deren Zuverlässigkeit mehr als zweifelhaft war, da sie, ausgehoben im Diesseitigen Gallien und alte Waffengefährten Caesars, über die unfeine Intrige, durch die man sie das Lager hatte wechseln machen, in hohem Grade mißvergnügt waren und ihres Feldherrn, der die für den Triumph jedem Soldaten versprochenen Geschenke ihnen vor ihrem Abmarsch großmütig vorausgezahlt hatte, sehnsüchtig gedachten. Allein abgesehen davon, daß die spanischen Truppen mit dem Frühjahr entweder auf dem Landweg durch Gallien oder zur See in Italien eintreffen konnten, konnten in Italien die Mannschaften der von den Aushebungen von 699 (55) noch übrigen drei Legionen sowie das im Jahre 702 (52) in Pflicht genommene italische Aufgebot aus dem Urlaub einberufen werden. Mit Einrechnung dieser stellte sich die Zahl der Pompeius im ganzen zur Verfügung stehenden Truppen, ohne die sieben Legionen in Spanien und die in den andern Provinzen zerstreuten zu rechnen, bloß in Italien auf zehn Legionen ^2 oder gegen 60000 Mann, so daß es eben keine Übertreibung war, wenn Pompeius behauptete, nur mit dem Fuße stampfen zu dürfen, um den Boden mit Bewaffneten zu bedecken. Freilich bedurfte es wenn auch kurzer, doch einiger Frist, um diese Truppen zu mobilisieren; die Anstalten dazu sowie zur Effektuierung der neuen, infolge des Ausbruchs des Bürgerkrieges vom Senat angeordneten Aushebungen waren aber auch bereits überall im Gange. Unmittelbar nach dem entscheidenden Senatsbeschluß (7. Januar 705 49), mitten im tiefen Winter, waren die angesehensten Männer der Aristokratie in die verschiedenen Landschaften abgegangen, um die Einberufung der Rekruten und die Anfertigung von Waffen zu beschleunigen. Sehr empfindlich war der Mangel an Reiterei, da man für diese gewohnt war, sich gänzlich auf die Provinzen und namentlich die keltischen Kontingente zu verlassen; um wenigstens einen Anfang zu machen, wurden dreihundert Caesar gehörende Gladiatoren aus den Fechtschulen von Capua entnommen und beritten gemacht, was indes so allgemeine Mißbilligung fand, daß Pompeius diese Truppe wieder auflöste und dafür aus den berittenen Hirtensklaven Apuliens 300 Reiter aushob.
————————————————————————
^2 Diese Ziffer gab Pompeius selbst an (Caes. civ. 1, 6) und es stimmt damit, daß er in Italien etwa 60 Kohorten oder 30000 Mann einbüßte und 25000 nach Griechenland überführte (Caes, civ. 3, 10).
————————————————————————-
In der Staatskasse war Ebbe wie gewöhnlich; man war beschäftigt, aus den Gemeindekassen und selbst den Tempelschätzen der Munizipien den unzureichenden Barbestand zu ergänzen.
Unter diesen Umständen ward zu Anfang Januar 705 (49) der Krieg eröffnet. Von marschfähigen Truppen hatte Caesar nicht mehr als eine Legion, 5000 Mann Infanterie und 300 Reiter, bei Ravenna, das auf der Chaussee etwa 50 deutsche Meilen von Rom entfernt war; Pompeius zwei schwache Legionen, 7000 Mann Infanterie und eine geringe Reiterschar, unter Appius Claudius’ Befehlen bei Luceria, von wo man, ebenfalls auf der Chaussee, ungefähr ebensoweit nach der Hauptstadt hatte. Die anderen Truppen Caesars, abgesehen von den rohen, noch in der Bildung begriffenen Rekrutenabteilungen, standen zur Hälfte an der Saône und Loire, zur Hälfte in Belgien, während Pompeius’ italische Reserven bereits von allen Seiten in den Sammelplätzen eintrafen; lange bevor auch nur die Spitze der transalpinischen Heerhaufen Caesars in Italien einrücken konnte, wußte hier ein weit überlegenes Heer bereit stehen, sie zu empfangen. Es schien eine Torheit, mit einem Haufen von der Stärke des Catilinarischen und augenblicklich ohne wirksame Reserve angreifend vorzugehen gegen eine überlegene und stündlich anwachsende Armee unter einem fähigen Feldherrn; allein es war eine Torheit im Geiste Hannibals. Wenn der Anfang des Kampfes bis zum Frühjahr sich hinauszog, so ergriffen Pompeius’ spanische Truppen im Transalpinischen, seine italischen im Cisalpinischen Gallien die Offensive, und Pompeius, als Taktiker Caesar gewachsen, an Erfahrung ihm überlegen, war in einem solchen regelmäßig verlaufenden Feldzug ein furchtbarer Gegner. Jetzt ließ er vielleicht, gewohnt, mit überlegenen Massen langsam und sicher zu operieren, durch einen durchaus improvisierten Angriff sich deroutieren; und was Caesars dreizehnte Legion nach der ernsten Probe des gallischen Überfalls und der Januarkampagne im Bellovakerland nicht aus der Fassung bringen konnte, die Plötzlichkeit des Krieges und die Mühsal des Winterfeldzuges, maßte die Pompeianischen aus alten Caesarischen Soldaten oder auch schlecht geübten Rekruten bestehenden und noch in der Bildung begriffenen Heerhaufen desorganisieren.
So rückte denn Caesar in Italien ein ^3. Zwei Chausseen führten damals aus der Romagna nach Süden: die Aemilisch-Cassische, die von Bononia über den Apennin nach Arretium und Rom, und die Popillisch-Flaminische, die von Ravenna an der Küste des Adriatischen Meeres nach Fanum und, dort sich teilend, in westlicher Richtung durch den Furlopaß nach Rom, in südlicher nach Ancona und weiter nach Apulien lief. Auf der ersteren gelangte Marcus Antonius bis Arretium; auf der zweiten drang Caesar selbst vor. Widerstand ward nirgends geleistet: die vornehmen Werbeoffiziere waren keine Militärs, die Rekrutenmassen keine Soldaten, die Landstädter nur besorgt, nicht in eine Belagerung verwickelt zu werden. Als Curio mit 1500 Mann auf Iguvium anrückte, wo ein paar tausend umbrische Rekruten unter dem Prätor Quintus Minucius Thermus sich gesammelt hatten, suchten, auf die bloße Meldung seines Anmarsches, General und Soldaten das Weite; und ähnlich ging es im kleinen überall. Caesar hatte die Wahl, entweder gegen Rom, dem seine Reiter in Arretium bereits auf 28 deutsche Meilen sich genähert hatten, oder gegen die bei Luceria lagernden Legionen zu marschieren. Er wählte das letztere. Die Konsternation der Gegenpartei war grenzenlos. Pompeius erhielt die Meldung von Caesars Anmarsch in Rom; er schien anfangs die Hauptstadt verteidigen zu wollen, aber als die Nachricht von Caesars Einrücken in das Picenische und von seinen ersten Erfolgen daselbst einlief, gab er sie auf und befahl die Räumung. Ein panischer Schreck, vermehrt durch das falsche Gerücht, daß vor den Toren sich Caesars Reiter gezeigt hätten, kam über die vornehme Welt. Die Senatoren, denen angezeigt worden war, daß man jeden in der Hauptstadt Zurückbleibenden als Mitschuldigen des Rebellen Caesar behandeln werde, strömten scharenweise aus den Toren. Die Konsuln selbst hatten so vollständig den Kopf verloren, daß sie nicht einmal die Kassen in Sicherheit brachten; als Pompeius sie aufforderte, dies nachzuholen, wozu ausreichend Zeit war, ließen sie ihm zurücksagen, daß sie es für sicherer hielten, wenn er zuvor Picenum besetze! Man war ratlos; also ward großer Kriegsrat in Teanum Sidicinum gehalten (23. Januar), dem Pompeius, Labienus und beide Konsuln beiwohnten. Zunächst lagen wieder Vergleichsvorschläge Caesars vor: selbst jetzt noch erklärte dieser sich bereit, sein Heer sofort zu entlassen, seine Provinzen den ernannten Nachfolgern zu übergeben und sich in regelrechter Weise um das Konsulat zu bewerben, wofern Pompeius nach Spanien abgehe und Italien entwaffnet werde. Die Antwort war, daß man, wenn Caesar sogleich in seine Provinz zurückkehre, sich anheischig mache, die Entwaffnung Italiens und die Abreise des Pompeius durch einen ordnungsmäßig in der Hauptstadt zu fassenden Senatsbeschluß herbeizuführen; was vielleicht nicht eine plumpe Prellerei, sondern eine Annahme des Vergleichsvorschlags sein sollte, jedenfalls aber der Sache nach das Gegenteil war. Die von Caesar gewünschte persönliche Zusammenkunft mit Pompeius lehnte dieser ab und mußte sie ablehnen, um nicht durch den Anschein einer neuen Koalition mit Caesar das schon rege Mißtrauen der Verfassungspartei noch mehr zu reizen. Die Kriegführung anlangend einigte man in Teanum sich dahin, daß Pompeius das Kommando der bei Luceria stehenden Truppen, auf denen trotz ihrer Unzuverlässigkeit doch alle Hoffnung beruhte, übernehmen, mit diesen in seine und Labienus’ Heimat, in Picenum, einrücken, dort wie einst vor fünfunddreißig Jahren den Landsturm persönlich zu den Waffen rufen und an der Spitze der treuen picenischen und der kriegsgewohnten, ehemals Caesarischen Kohorten versuchen solle, dem Vordringen des Feindes eine Schranke zu setzen. Es kam nur darauf an, ob die picenische Landschaft sich so lange hielt, bis Pompeius zu ihrer Verteidigung herankam. Bereits war Caesar mit seiner wiedervereinigten Armee auf der Küstenstraße über Ancona in dieselbe eingedrungen. Auch hier waren die Rüstungen in vollem Gange; gleich in der nördlichsten picenischen Stadt Auximum stand ein ansehnlicher Haufe von Rekruten unter Publius Attius Varus beisammen; allein auf Ersuchen der Munizipalität räumte Varus die Stadt, noch ehe Caesar erschien, und eine Handvoll von dessen Soldaten, die den Trupp unweit Auximum einholten, zerstreuten ihn vollständig nach kurzem Gefecht - es war das erste in diesem Kriege. Ebenso räumten bald darauf Gaius Lucilius Hirrus mit 3000 Mann Camerinum, Publius Lentulus Spinther mit 5000 Asculum. Die Pompeius ganz ergebenen Mannschaften ließen zum größten Teil Haus und Hof willig im Stich und folgten den Führern über die Grenze: die Landschaft selbst aber war schon verloren, als der zur vorläufigen Leitung der Verteidigung von Pompeius gesandte Offizier Lucius Vibullius Rufus, kein vornehmer Senator, aber ein kriegskundiger Militär, daselbst eintraf; er mußte sich begnügen, die geretteten etwa 6000 bis 7000 Rekruten den unfähigen Werbeoffizieren abzunehmen und sie vorläufig nach dem nächsten Sammelplatz zu führen. Dies war Corfinium, der Mittelpunkt der Aushebungen im albensischen, marsischen und pälignischen Gebiet; die hier versammelte Rekrutenmasse von beiläufig 15000 Mann war das Kontingent der streitbarsten und der zuverlässigsten Landschaften Italiens und der Kern des in der Bildung begriffenen Heeres der Verfassungspartei. Als Vibullius hier eintraf, war Caesar noch mehrere Tagemärsche zurück; es war nichts im Wege, Pompeius’ Instruktionen gemäß sofort aufzubrechen und die geretteten picenischen nebst den in Corfinium gesammelten Rekruten dem Hauptheer in Apulien zuzuführen. Allein in Corfinium kommandierte der designierte Nachfolger Caesars in der Statthalterschaft des Jenseitigen Gallien, Lucius Domitius, einer der borniertesten Starrköpfe der römischen Aristokratie; und dieser weigerte sich nicht bloß, Pompeius’ Befehlen Folge zu leisten, sondern verhinderte auch den Vibullius, wenigstens mit der picenischen Mannschaft nach Apulien abzurücken. So fest hielt er sich überzeugt, daß Pompeius nur aus Eigensinn zaudere und notwendig zum Entsatz herbeikommen müsse, daß er kaum sich ernstlich auf die Belagerung gefußt machte und nicht einmal die in die umliegenden Städte verlegten Rekrutenhaufen in Corfinium zusammenzog. Pompeius aber erschien nicht und aus guten Gründen; denn seine beiden unzuverlässigen Legionen konnte er wohl als Rückhalt für den picenischen Landsturm verwenden, aber nicht mit ihnen allein Caesar die Schlacht anbieten. Dafür kam nach wenigen Tagen Caesar (14. Februar). Zu den Truppen desselben war in Picenum die zwölfte und vor Corfinium die achte von den transalpinischen Legionen gestoßen, und außerdem wurden teils aus den gefangenen oder freiwillig sich stellenden Pompeianischen Mannschaften, teils aus den überall sofort ausgehobenen Rekruten drei neue Legionen gebildet, so daß Caesar vor Corfinium bereits an der Spitze einer Armee von 40000 Mann, zur Hälfte gedienter Leute, stand. Solange Domitius auf Pompeius’ Eintreffen hoffte, ließ er die Stadt verteidigen; als dessen Briefe ihn endlich enttäuscht hatten, beschloß er nicht etwa, auf dem verlorenen Posten auszuharren, womit er seiner Partei den größten Dienst geleistet haben würde, auch nicht einmal zu kapitulieren, sondern, während dem gemeinen Soldaten der Entsatz als nahe bevorstehend angekündigt ward, selber mit den vornehmen Offizieren in der nächsten Nacht auszureißen. Indes selbst diesen sauberen Plan ins Werk zu setzen verstand er nicht. Sein verwirrtes Benehmen verriet ihn. Ein Teil der Mannschaften fing an zu meutern: die marsischen Rekruten, die eine solche Schändlichkeit ihres Feldherrn nicht für möglich hielten, wollten gegen die Meuterer kämpfen; aber auch sie mußten sich widerwillig von der Wahrheit der Anschuldigung überzeugen, worauf denn die gesamte Besatzung ihren Stab festnahm und ihn, sich und die Stadt an Caesar übergab (20. Februar). Das 3000 Mann starke Korps in Alba und 1500 in Tarracina gesammelte Rekruten streckten hierauf die Waffen, sowie Caesars Reiterpatrouillen sich zeigten; eine dritte Abteilung in Sulmo von 3500 Mann war bereits früher genötigt worden zu kapitulieren.
———————————————————————-
^3 Der Senatsbeschluß war vom 7. Januar; am 18. wußte man schon in Rom seit mehreren Tagen, daß Caesar die Grenze überschritten habe (Cic. Att. 7, 10; 9, 10, 4); der Bote brauchte von Rom nach Ravenna allermindestens drei Tage. Danach fällt der Aufbruch um den 12. Januar, welcher nach der gangbaren Reduktion dem julianischen 24. November 704 (50) entspricht.
———————————————————————-
Pompeius hatte Italien verloren gegeben, sowie Caesar Picenum eingenommen hatte; nur wollte er die Einschiffung so lange wie möglich verzögern, um von den Mannschaften zu retten, was noch zu retten war. Langsam hatte er demnach sich nach dem nächsten Hafenplatz Brundisium in Bewegung gesetzt. Hier fanden die beiden Legionen von Luceria und was Pompeius in dem menschenleeren Apulien an Rekruten in der Eile hatte zusammenraffen können, sowie die von den Konsuln und sonstigen Beauftragten in Kompanien ausgehobenen und eiligst nach Brundisium geführten Leute sich ein; ebendahin begab sich eine Menge politischer Flüchtlinge, unter ihnen die angesehensten Senatoren in Begleitung ihrer Familien. Die Einschiffung begann; allein die vorrätigen Fahrzeuge genügten nicht, um die ganze Masse, die sich doch noch auf 25000 Köpfe belief, auf einmal zu transportieren. Es blieb nichts übrig, als das Heer zu teilen. Die größere Hälfte ging vorauf (4. März), mit der kleineren von etwa 10000 Mann erwartete Pompeius in Brundisium die Rückkehr der Flotte; denn wie wünschenswert für einen etwaigen Versuch, Italien wieder einzunehmen, auch der Besitz von Brundisium war, so getraute man sich doch nicht, den Platz auf die Dauer gegen Caesar zu halten. Inzwischen traf Caesar vor Brundisium ein; die Belagerung begann. Caesar versuchte vor allem, die Hafenmündung durch Dämme und schwimmende Brücken zu schließen, um die rückkehrende Flotte auszusperren; allein Pompeius ließ die im Hafen liegenden Handelsfahrzeuge armieren und wußte die völlige Schließung des Hafens so lange zu verhindern, bis die Flotte erschien und die von Pompeius, trotz der Wachsamkeit der Belagerer und der feindlichen Gesinnung der Stadtbewohner, mit großer Geschicklichkeit bis auf den letzten Mann unbeschädigt aus der Stadt herausgezogenen Truppen aus Caesars Bereich nach Griechenland entführte (17. März). An dem Mangel einer Flotte scheiterte wie die Belagerung selbst, so auch die weitere Verfolgung.
In einem zweimonatlichen Feldzug, ohne ein einziges ernstliches Gefecht, hatte Caesar eine Armee von zehn Legionen so aufgelöst, daß mit genauer Not die kleinere Hälfte derselben in verwirrter Flucht über das Meer entkommen, die ganze italische Halbinsel aber mit Einschluß der Hauptstadt nebst der Staatskasse und allen daselbst aufgehäuften Vorräten in die Gewalt des Siegers geraten war. Nicht ohne Grund klagte die geschlagene Partei über die schauerliche Raschheit, Einsicht und Energie des “Ungeheuers”.
Indes es ließ sich fragen, ob Caesar durch die Eroberung Italiens mehr gewann oder mehr verlor. In militärischer Hinsicht wurden zwar jetzt sehr ansehnliche Hilfsquellen nicht bloß den Gegnern entzogen, sondern auch für Caesar flüssig gemacht; schon im Frühjahr 705 (49) zählte seine Armee infolge der überall angeordneten massenhaften Aushebungen außer den neun alten eine bedeutende Anzahl von Rekrutenlegionen. Andererseits aber wurde es jetzt nicht bloß nötig, in Italien eine ansehnliche Besatzung zurückzulassen, sondern auch Maßregeln zu treffen gegen die von den seemächtigen Gegnern beabsichtigte Sperrung des überseeischen Verkehrs und die infolgedessen namentlich der Hauptstadt drohende Hungersnot, wodurch Caesars bereits hinreichend verwickelte militärische Aufgabe noch weiter sich komplizierte. Finanziell war es allerdings von Belang, daß es Caesar geglückt war, der hauptstädtischen Kassenbestände sich zu bemächtigen; aber die hauptsächlichsten Einnahmequellen, namentlich die Abgaben aus dem Orient, waren doch in den Händen des Feindes und bei den so sehr vermehrten Bedürfnissen für das Heer sowie der neuen Verpflichtung, für die darbende hauptstädtische Bevölkerung zu sorgen, zerrannen die vorgefundenen ansehnlichen Summen so schnell, daß Caesar sich bald genötigt sah, den Privatkredit anzusprechen, und, da er unmöglich damit lange sich fristen zu können schien, allgemein als die einzig übrig bleibende Aushilfe umfassende Konfiskationen erwartet wurden.
Ernstere Schwierigkeiten noch bereiteten die politischen Verhältnisse, in welche Caesar mit der Eroberung Italiens eintrat. Die Besorgnis der besitzenden Klassen vor einer anarchischen Umwälzung war allgemein. Feinde und Freunde sahen in Caesar einen zweiten Catilina; Pompeius glaubte oder behauptete zu glauben, daß Caesar nur durch die Unmöglichkeit, seine Schulden zu bezahlen, zum Bürgerkrieg getrieben worden sei. Das war allerdings absurd; aber in der Tat waren Caesars Antezedentien nichts weniger als beruhigend und noch weniger beruhigend der Hinblick auf das Gefolge, das jetzt ihn umgab. Individuen des anbrüchigsten Rufes, stadtkundige Gesellen wie Quintus Hortensius, Gaius Curio, Marcus Antonius - dieser der Stiefsohn des auf Ciceros Befehl hingerichteten Catilinariers Lentulus - spielten darin die ersten Rollen; die höchsten Vertrauensposten wurden an Männer vergeben, die es längst aufgegeben hatten, ihre Schulden auch nur zu summieren; man sah Caesarische Beamte Tänzerinnen nicht bloß unterhalten - das taten andere auch -, sondern öffentlich in Begleitung solcher Dirnen erscheinen. War es ein Wunder, daß auch ernsthafte und politisch parteilose Männer Amnestie für alle landflüchtigen Verbrecher, Vernichtung der Schuldbücher, umfassende Konfiskations-, Acht- und Mordbefehle erwarteten, ja eine Plünderung Roms durch die gallische Soldateska?
Indes hierin täuschte das “Ungeheuer” die Erwartungen seiner Feinde wie seiner Freunde. Schon wie Caesar die erste italische Stadt Ariminum besetzte, untersagte er allen gemeinen Soldaten, sich bewaffnet innerhalb der Mauern sehen zu lassen; durchaus und ohne Unterschied, ob sie ihn freundlich oder feindlich empfangen hatten, wurden die Landstädte vor jeder Unbill geschützt. Als die meuterische Garnison am späten Abend Corfinium übergab, verschob er, gegen jede militärische Rücksicht, die Besetzung der Stadt bis zum anderen Morgen, einzig, um die Bürgerschaft nicht einem nächtlichen Einmarsch seiner erbitterten Soldaten preiszugeben. Von den Gefangenen wurden die Gemeinen, als voraussetzlich politisch indifferent, in die eigene Armee eingereiht, die Offiziere aber nicht bloß verschont, sondern auch ohne Unterschied der Person und ohne Annahme irgendwelcher Zusagen frei entlassen, und was sie als Privateigentum in Anspruch nahmen, ohne auch nur die Berechtigung der Reklamationen mit Strenge zu untersuchen, ihnen ohne Weiterungen verabfolgt. So ward selbst Lucius Domitius behandelt, ja sogar dem Labienus das zurückgelassene Geld und Gepäck ins feindliche Lager nachgesandt. In der peinlichsten Finanznot wurden dennoch die ungeheuren Güter der anwesenden wie der abwesenden Gegner nicht angegriffen; ja Caesar borgte lieber bei den Freunden, als daß er auch nur durch Ausschreibung der formell zulässigen, aber tatsächlich antiquierten Grundsteuer die Besitzenden gegen sich aufgeregt hätte. Nur die Hälfte, und nicht die schwerere, seiner Aufgabe betrachtete der Sieger als mit dem Siege gelöst; die Bürgschaft der Dauer sah er nach seiner eigenen Äußerung allein in der unbedingten Begnadigung der Besiegten und hatte darum auch auf dem ganzen Marsche von Ravenna bis Brundisium unablässig die Versuche erneuert, eine persönliche Zusammenkunft mit Pompeius und einen erträglichen Vergleich einzuleiten. Aber wenn die Aristokratie schon früher von keiner Aussöhnung hatte wissen wollen, so hatte die unerwartete und so schimpfliche Emigration ihren Zorn bis zum Wahnsinn gesteigert, und das wilde Racheschnauben der Geschlagenen kontrastierte seltsam mit der Versöhnlichkeit des Siegers. Die aus dem Emigrantenlager den in Italien zurückgebliebenen Freunden regelmäßig zukommenden Mitteilungen flossen über von Entwürfen zu Konfiskationen und Proskriptionen, von Epurationsplänen des Senats und des Staats, gegen die Sullas Restaurationen Kinderspiel waren und die selbst die gemäßigten Parteigenossen mit Entsetzen vernahmen. Die tolle Leidenschaft der Ohnmacht, die weise Mäßigung der Macht taten ihre Wirkung. Die ganze Masse, der die materiellen Interessen über die politischen gingen, warf sich Caesar in die Arme. Die Landstädte vergötterten “die Rechtschaffenheit, die Mäßigung, die Klugheit” des Siegers; und selbst die Gegner räumten ein, daß es mit diesen Huldigungen Ernst war. Die hohe Finanz, Steuerpächter und Geschworene verspürten nach dem argen Schiffbruch, der die Verfassungspartei in Italien betroffen hatte, keine besondere Lust, sich weiter denselben Steuermännern anzuvertrauen; die Kapitalien kamen wieder zum Vorschein und “die reichen Herren begaben sich wieder an ihr Tagewerk, die Zinsbücher zu schreiben”. Selbst die große Majorität des Senats, wenigstens der Zahl nach - denn allerdings befanden sich von den vornehmeren und einflußreichen Senatsmitgliedern nur wenige darunter - war, trotz der Befehle des Pompeius und der Konsuln, in Italien, zum Teil sogar in der Hauptstadt selbst zurückgeblieben und ließ Caesars Regiment sich gefallen. Caesars eben in ihrer scheinbaren Überschwenglichkeit wohlberechnete Milde erreichte ihren Zweck: die zappelnde Angst der besitzenden Klassen vor der drohenden Anarchie wurde einigermaßen beschwichtigt. Wohl war dies für die Folgezeit ein unberechenbarer Gewinn; die Abwendung der Anarchie und der fast nicht minder gefährlichen Angst vor der Anarchie war die Vorbedingung der künftigen Reorganisation des Gemeinwesens. Aber für den Augenblick war diese Milde für Caesar gefährlicher als die Erneuerung der cinnanischen und catilinarischen Raserei gewesen sein würde; sie verwandelte Feinde nicht in Freunde und Freunde in Feinde. Caesars catilinarischer Anhang grollte, daß das Morden und Plündern unterblieb; von diesen verwegenen, verzweifelten und zum Teil talentvollen Gesellen waren die bedenklichsten Quersprünge zu erwarten. Die Republikaner aller Schattierungen dagegen wurden durch die Gnade des Überwinders weder bekehrt noch versöhnt. Nach dem Credo der Catonischen Partei entband die Pflicht gegen das, was sie Vaterland nannte, von jeder anderen Rücksicht; selbst wer Caesar Freiheit und Leben verdankte, blieb befugt und verpflichtet, gegen ihn die Waffen zu ergreifen oder doch mindestens gegen ihn zu komplottieren. Die minder entschiedenen Fraktionen der Verfassungspartei ließen zwar allenfalls sich willig finden, von dem neuen Monarchen Frieden und Schutz anzunehmen; aber sie hörten doch darum nicht auf, die Monarchie wie den Monarchen von Herzen zu verwünschen. Je offenbarer die Verfassungsänderung hervortrat, desto bestimmter kam der großen Majorität der Bürgerschaft, sowohl in der politisch lebhaften, aufgeregten Hauptstadt wie in der energischen ländlichen und landstädtischen Bevölkerung, ihre republikanische Besinnung zum Bewußtsein; insofern berichteten die Verfassungsfreunde in Rom mit Recht an ihre Gesinnungsgenossen im Exil, daß daheim alle Klassen und alle Individuen pompeianisch gesinnt seien. Die schwierige Stimmung all dieser Kreise wurde noch gesteigert durch den moralischen Druck, den die entschiedeneren und vornehmeren Gesinnungsgenossen eben als Emigranten auf die Menge der Geringeren und Lauen ausübten. Dem ehrlichen Mann schlug über sein Verbleiben in Italien das Gewissen; der Halbaristokrat glaubte sich zu den Plebejern zu stellen, wenn er nicht mit den Domitiern und den Metellern ins Exil ging und gar, wenn er in dem Caesarischen Senat der Nullitäten mitsaß. Die eigene Milde des Siegers gab dieser stillen Opposition erhöhte politische Bedeutung: da Caesar nun einmal des Terrorismus sich enthielt, so schienen die heimlichen Gegner ihre Abneigung gegen sein Regiment ohne viele Gefahr betätigen zu können. Sehr bald machte er in dieser Beziehung merkwürdige Erfahrungen mit dem Senat. Caesar hatte den Kampf begonnen, um den terrorisierten Senat von seinen Unterdrückern zu befreien. Dies war geschehen; er wünschte also von dem Senat die Billigung des Geschehenen, die Vollmacht zu weiterer Fortsetzung des Krieges zu erlangen. Zu diesem Zwecke beriefen, als Caesar vor der Hauptstadt erschien (Ende März), die Volkstribune seiner Partei ihm den Senat (1. April). Die Versammlung war ziemlich zahlreich, aber selbst von den in Italien verbliebenen Senatoren waren doch die namhaftesten ausgeblieben, sogar der ehemalige Führer der servilen Majorität, Marcus Cicero, und Caesars eigener Schwiegervater Lucius Piso; und was schlimmer war, auch die Erschienenen waren nicht geneigt, auf Caesars Vorschläge einzugehen. Als Caesar von einer Vollmacht zur Fortsetzung des Krieges sprach, meinte der eine der zwei einzigen anwesenden Konsulare, Servius Sulpicius Rufus, ein urfurchtsamer Mann, der nichts wünschte als einen ruhigen Tod in seinem Bette, daß Caesar sich mehr um das Vaterland verdient machen werde, wenn er es aufgebe, den Krieg nach Griechenland und Spanien zu tragen. Als dann Caesar den Senat ersuchte, wenigstens seine Friedensvorschläge an Pompeius zu übermitteln, war man dem an sich zwar nicht entgegen, aber die Drohungen der Emigranten gegen die Neutralen hatten diese so in Furcht gesetzt, daß niemand sich fand, um die Friedensbotschaft zu übernehmen. An der Abneigung der Aristokratie, den Thron des Monarchen errichten zu helfen, und an derselben Schlaffheit des hohen Kollegiums, durch die kurz zuvor Caesar Pompeius’ legale Ernennung zum Oberfeldherrn in dem Bürgerkrieg vereitelt hatte, scheiterte jetzt auch er mit dem gleichen Verlangen. Andere Hemmungen kamen hinzu. Caesar wünschte, um seine Stellung doch irgendwie zu regulieren, zum Diktator ernannt zu werden; es geschah nicht, weil ein solcher verfassungsmäßig nur von einem der Konsuln bestellt werden konnte und der Versuch, den Konsul Lentulus zu kaufen, wozu bei dessen zerrütteten Vermögensverhältnissen wohl Aussicht war, dennoch fehlschlug. Der Volkstribun Lucius Metellus ferner legte gegen sämtliche Schritte des Prokonsuls Protest ein und machte Miene, die Staatskasse, als Caesars Leute kamen, um sie zu leeren, mit seinem Leibe zu decken. Caesar konnte in diesem Falle nicht umhin, den Unverletzlichen so sänftiglich wie möglich beiseiteschieben zu lassen; übrigens blieb er dabei, sich aller Gewaltschritte zu enthalten. Dem Senat erklärte er, ebenwie es kurz zuvor die Verfassungspartei getan, daß er zwar gewünscht habe, auf gesetzlichem Wege und mit Beihilfe der höchsten Behörde die Verhältnisse zu ordnen; allein da diese verweigert werde, könne er ihrer auch entraten. Ohne weiter um den Senat und die staatsrechtlichen Formalien sich zu kümmern, übergab er die einstweilige Verwaltung der Hauptstadt dem Prätor Marcus Aemilius Lepidus als Stadtpräfekten und ordnete für die Verwaltung der ihm gehorchenden Landschaften und die Fortsetzung des Krieges das Erforderliche an. Selbst unter dem Getöse des Riesenkampfes und neben dem lockenden Klang der verschwenderischen Versprechungen Caesars machte es noch tiefen Eindruck auf die hauptstädtische Menge, als sie in ihrem freien Rom zum erstenmal den Monarchen als Monarchen schalten und die Tür der Staatskasse durch seine Soldaten aufsprengen sah. Allein die Zeiten waren nicht mehr, wo Eindrücke und Stimmungen der Masse den Gang der Ereignisse bestimmten; die Legionen entschieden und auf einige schmerzliche Empfindungen mehr oder weniger kam eben nichts weiter an.
Caesar eilte, den Krieg wiederaufzunehmen. Seine bisherigen Erfolge verdankte er der Offensive, und er gedachte auch ferner, dieselbe festzuhalten. Die Lage seines Gegners war seltsam. Nachdem der ursprüngliche Plan, den Feldzug zugleich von Italien und Spanien aus in den beiden Gallien offensiv zu führen, durch Caesars Angriff vereitelt war, hatte Pompeius nach Spanien zu gehen beabsichtigt. Hier hatte er eine sehr starke Stellung. Das Heer zählte sieben Legionen; es dienten darin eine große Anzahl von Pompeius’ Veteranen, und die mehrjährigen Kämpfe in den lusitanischen Bergen hatten Soldaten und Offiziere gestählt. Unter den Anführern war Marcus Varro zwar nichts als ein berühmter Gelehrter und ein getreuer Anhänger; aber Lucius Afranius hatte mit Auszeichnung im Orient und in den Alpen gefochten, und Marcus Petreius, der Überwinder Catilinas, war ein ebenso unerschrockener wie fähiger Offizier. Wenn in der jenseitigen Provinz Caesar noch von seiner Statthalterschaft her mancherlei Anhang hatte, so war dagegen die wichtigere Ebroprovinz mit allen Banden der Verehrung und der Dankbarkeit an den berühmten General gefesselt, der zwanzig Jahre zuvor im Sertorianischen Kriege in ihr das Kommando geführt und nach dessen Beendigung sie neu eingerichtet hatte. Pompeius konnte nach der italischen Katastrophe offenbar nichts Besseres tun als mit den geretteten Heerestrümmern sich dorthin begeben und an der Spitze seiner gesamten Macht Caesar entgegentreten. Unglücklicherweise aber hatte er, in der Hoffnung, die in Corfinium stehenden Truppen noch retten zu können, so lange in Apulien sich verweilt, daß er statt der kampanischen Häfen das nähere Brundisium zum Einschiffungsort zu wählen genötigt war. Warum er, Herr der See und Siziliens, nicht späterhin auf den ursprünglichen Plan wieder zurück kam, läßt sich nicht entscheiden; ob vielleicht die Aristokratie in ihrer kurzsichtigen und mißtrauischen Art keine Lust bezeigte, sich den spanischen Truppen und der spanischen Bevölkerung anzuvertrauen - genug, Pompeius blieb im Osten und Caesar hatte die Wahl, den nächsten Angriff entweder gegen die Armee zu richten, die in Griechenland unter Pompeius’ eigenem Befehl sich organisierte, oder gegen die schlagfertige seiner Unterfeldherren in Spanien. Er hatte für das letztere sich entschieden und, sowie der italische Feldzug zu Ende ging, Maßregeln getroffen, um neun seiner besten Legionen, ferner 6000 Reiter, teils in den Keltengauen von Caesar einzeln ausgesuchte Leute, teils deutsche Söldner, und eine Anzahl iberischer und ligurischer Schützen an der unteren Rhone zusammenzuziehen.
Aber ebenhier waren auch seine Gegner tätig gewesen. Der vom Senat an Caesars Stelle zum Statthalter des Jenseitigen Galliens ernannte Lucius Domitius hatte von Corfinium aus, sowie Caesar ihn freigegeben, sich mit seinem Gesinde und mit Pompeius’ Vertrauensmann Lucius Vibullius Rufus nach Massalia auf den Weg gemacht und in der Tat die Stadt bestimmt, sich für Pompeius zu erklären, ja Caesars Truppen den Durchmarsch zu weigern. Von den spanischen Truppen blieben die zwei am wenigsten zuverlässigen Legionen unter Varros Oberbefehl in der jenseitigen Provinz stehen; dagegen hatten die fünf besten, verstärkt durch 40000 Mann spanischen Fußvolks, teils keltiberischer Linieninfanterie, teils lusitanischer und anderer Leichten, und durch 5000 spanische Reiter, unter Afranius und Petreius, den durch Vibullius überbrachten Befehlen des Pompeius gemäß sich aufgemacht, um die Pyrenäen dem Feinde zu sperren.
Hierüber traf Caesar selbst in Gallien ein und entsandte sogleich, da die Einleitung der Belagerung von Massalia ihn selber noch zurückhielt, den größten Teil seiner an der Rhone versammelten Truppen, sechs Legionen und die Reiterei, auf der großen, über Narbo (Narbonne) nach Rhode (Rosas) führenden Chaussee, um an den Pyrenäen dem Feinde zuvorzukommen. Es gelang; als Afranius und Petreius an den Pässen anlangten, fanden sie dieselben bereits besetzt von den Caesarianern und die Linie der Pyrenäen verloren. Sie nahmen darauf zwischen diesen und dem Ebro eine Stellung bei Ilerda (Lerida). Diese Stadt liegt vier Meilen nördlich vom Ebro an dem rechten Ufer eines Nebenflusses desselben, des Sicoris (Segre), über den nur eine einzige solide Brücke unmittelbar bei Ilerda führte. Südlich von Ilerda treten die das linke Ufer des Ebro begleitenden Gebirge ziemlich nahe an die Stadt hinan; nordwärts erstreckt sich zu beiden Seiten des Sicoris ebenes Land, das von dem Hügel, auf welchem die Stadt gebaut ist, beherrscht wird. Für eine Armee, die sich mußte belagern lassen, war es eine vortreffliche Stellung; aber die Verteidigung Spaniens konnte, nachdem die Besetzung der Pyrenäenlinie versäumt war, doch nur hinter dem Ebro ernstlich aufgenommen werden, und da weder eine feste Verbindung zwischen Ilerda und dem Ebro hergestellt, noch dieser Fluß überbrückt war, so war der Rückzug aus der vorläufigen in die wahre Verteidigungsstellung nicht hinreichend gesichert. Die Caesarianer setzten sich oberhalb Ilerda in dem Delta fest, das der Fluß Sicoris mit dem unterhalb Ilerda mit ihm sich vereinigenden Cinga (Cinca) bildet; indes ward es mit dem Angriff erst Ernst, nachdem Caesar im Lager eingetroffen war (23. Juni). Unter den Mauern der Stadt ward von beiden Teilen gleich erbittert und gleich tapfer mit vielfach wechselndem Erfolg gekämpft; ihren Zweck aber: zwischen dem Pompeianischen Lager und der Stadt sich festzusetzen und dadurch der Steinbrücke sich zu bemächtigen., erreichten die Caesarianer nicht und blieben also für ihre Kommunikation mit Gallien lediglich angewiesen auf zwei Brücken, welche sie über den Sicoris und zwar, da der Fluß bei Ilerda selbst zu solcher Überbrückung schon zu ansehnlich war, vier bis fünf deutsche Meilen weiter oberwärts in der Eile geschlagen hatten. Als dann mit der Schneeschmelze die Hochwasser kamen, wurden diese Notbrücken weggerissen; und da es an Schiffen fehlte, um die hochangeschwollenen Flüsse zu passieren, und unter diesen Umständen an Wiederherstellung der Brücken zunächst nicht gedacht werden konnte, so war die Caesarische Armee beschränkt auf den schmalen Raum zwischen der Cinca und dem Sicoris, das linke Ufer des Sicoris aber und damit die Straße, auf der die Armee mit Gallien und Italien kommunizierte, fast unverteidigt den Pompeianern preisgegeben, die den Fluß teils auf der Stadtbrücke, teils nach lusitanischer Art auf Schläuchen schwimmend passierten. Es war die Zeit kurz vor der Ernte; die alte Frucht war fast aufgebraucht, die neue noch nicht eingebracht und der enge Landstreif zwischen den beiden Bächen bald ausgezehrt. Im Lager herrschte förmliche Hungersnot - der preußische Scheffel Weizen kostete 300 Denare (90 Taler) - und brachen bedenkliche Krankheiten aus; dagegen häufte am linken Ufer Proviant und die mannigfaltigste Zufuhr sich an, dazu Mannschaften aller Art: Nachschub aus Gallien von Reiterei und Schützen, beurlaubte Offiziere und Soldaten, heimkehrende Streifscharen, im ganzen eine Masse von 6000 Köpfen, welche von den Pompeianern mit überlegener Macht angegriffen und mit großem Verlust in die Berge gedrängt wurden, während die Caesarianer am rechten Ufer dem ungleichen Gefecht untätig zusehen mußten. Die Verbindungen der Armee waren in den Händen der Pompeianer; in Italien blieben die Nachrichten aus Spanien plötzlich aus, und die bedenklichen Gerüchte, die dort umzulaufen begannen, waren von der Wahrheit nicht allzuweit entfernt. Hätten die Pompeianer ihren Vorteil mit einigem Nachdruck verfolgt, so konnte es ihnen nicht fehlen, die auf dem linken Ufer des Sicoris zusammengedrängte, kaum widerstandsfähige Masse entweder in ihre Gewalt zu bringen oder wenigstens nach Gallien zurückzuwerfen und dies Ufer so vollständig zu besetzen, daß ohne ihr Wissen kein Mann den Fluß überschritt. Allein beides war versäumt worden; jene Haufen waren wohl mit Verlust beiseite gedrängt, aber doch weder vernichtet noch völlig zurückgeworfen worden, und die Überschreitung des Flusses zu wehren, überließ man wesentlich dem Flusse selbst. Hierauf baute Caesar seinen Plan. Er ließ tragbare Kähne von leichtem Holzgestell und Korbgeflecht mit lederner Bekleidung, nach dem Muster der im Kanal bei den Briten und später den Sachsen üblichen, im Lager anfertigen und sie auf Wagen an den Punkt, wo die Brücken gestanden hatten, transportieren. Auf diesen gebrechlichen Nachen wurde das andere Ufer erreicht und, da man es unbesetzt fand, ohne große Schwierigkeit die Brücke wiederhergestellt; rasch war dann auch die Verbindungsstraße freigemacht und die sehnlich erwartete Zufuhr in das Lager geschafft. Caesars glücklicher Einfall riß also das Heer aus der ungeheuren Gefahr, in der es schwebte. Sofort begann dann Caesars an Tüchtigkeit der feindlichen weit überlegene Reiterei, die Landschaft am linken Ufer des Sicoris zu durchstreifen; schon traten die ansehnlichsten spanischen Gemeinden zwischen den Pyrenäen und dem Ebro, Osca, Tarraco, Dertosa und andere, ja selbst einzelne südlich vom Ebro auf Caesars Seite. Durch die Streiftrupps Caesars und die Übertritte der benachbarten Gemeinden wurde nun den Pompeianern die Zufuhr knapp; sie entschlossen sich endlich zum Rückzug hinter die Ebrolinie und gingen eiligst daran, unterhalb der Sicorismündung eine Schiffbrücke über den Ebro zu schlagen. Caesar suchte den Gegnern den Rückweg über den Ebro abzuschneiden und sie in Ilerda festzuhalten; allein solange die Feinde im Besitz der Brücke bei Ilerda blieben und er dort weder Furt noch Brücken in seiner Gewalt hatte, durfte er seine Armee nicht auf die beiden Flußufer verteilen und konnte Ilerda nicht einschließen. Seine Soldaten schanzten also Tag und Nacht, um durch Abzugsgräben den Fluß so viel tiefer zu legen, daß die Infanterie ihn durchwaten könne. Aber die Vorbereitungen der Pompeianer, den Ebro zu passieren, kamen früher zu Ende als die Anstalten der Caesarianer zur Einschließung von Ilerda; als jene nach Vollendung der Schiffbrücke den Marsch nach dem Ebro zu am linken Ufer des Sicoris antraten, schienen die Ableitungsgräben der Caesarianer dem Feldherrn doch nicht weit genug vorgerückt, um die Furt für die Infanterie zu benutzen; nur seine Reiter ließ er den Strom passieren und, dem Feinde an die Fersen sich heftend, wenigstens ihn aufhalten und schädigen. Allein als Caesars Legionen am grauenden Morgen die seit Mitternacht abziehenden feindlichen Kolonnen erblickten, begriffen sie mit der instinktmäßigen Sicherheit krieggewohnter Veteranen die strategische Bedeutung dieses Rückzugs, der sie nötigte, dem Gegner in ferne, unwegsame und von feindlichen Scharen erfüllte Landschaften zu folgen; auf ihre eigene Bitte wagte es der Feldherr, auch das Fußvolk in den Fluß zu führen, und obwohl den Leuten das Wasser bis an die Schultern ging, ward er doch ohne Unfall durchschritten. Es war die höchste Zeit. Wenn die schmale Ebene, welche die Stadt Ilerda von den den Ebro einfassenden Gebirgen trennt, einmal durchschritten und das Heer der Pompeianer in die Berge eingetreten war, so konnte der Rückzug an den Ebro ihnen nicht mehr verwehrt werden. Schon hatten dieselben, trotz der beständigen, den Marsch ungemein verzögernden Angriffe der feindlichen Reiterei, den Bergen sich bis auf eine Meile genähert, als sie, seit Mitternacht auf dem Marsche und unsäglich erschöpft, ihren ursprünglichen Plan, die Ebene noch an diesem Tage ganz zu durchschreiten, aufgaben und Lager schlugen. Hier holte Caesars Infanterie sie ein und lagerte am Abend und in der Nacht ihnen gegenüber, indem der anfänglich beabsichtigte nächtliche Weitermarsch von den Pompeianern aus Furcht vor den nächtlichen Angriffen der Reiterei wieder aufgegeben ward. Auch am folgenden Tage standen beide Heere unbeweglich, nur beschäftigt, die Gegend zu rekognoszieren. Am frühen Morgen des dritten brach Caesars Fußvolk auf, um, durch die pfadlosen Berge zur Seite der Straße die Stellung der Feinde umgehend, ihnen den Weg zum Ebro zu verlegen. Der Zweck des seltsamen Marsches, der anfangs in das Lager vor Ilerda sich zurückzuwenden schien, ward von den Pompeianischen Offizieren nicht sogleich erkannt. Als sie ihn faßten, opferten sie Lager und Gepäck und rückten im Gewaltmarsch auf der Hauptstraße vor, um den Uferkamm vor den Caesarianern zu gewinnen. Indes es war bereits zu spät; schon hielten, als sie herankamen, auf der großen Straße selbst die geschlossenen Massen des Feindes. Ein verzweifelter Versuch der Pompeianer, über die Bergsteile andere Wege zum Ebro ausfindig zu machen, ward von Caesars Reiterei vereitelt, welche die dazu vorgesandten lusitanischen Truppen umzingelte und zusammenhieb. Wäre es zwischen der Pompeianischen Armee, die die feindlichen Reiter im Rücken, das Fußvolk von vorne sich gegenüber hatte und gänzlich demoralisiert war, und den Caesarianern zu einer Schlacht gekommen, so war deren Ausgang kaum zweifelhaft, und die Gelegenheit zum Schlagen bot mehrfach sich dar; aber Caesar machte keinen Gebrauch davon und zügelte nicht ohne Mühe die ungeduldige Kampfeslust seiner siegesgewissen Soldaten. Die Pompeianische Armee war ohnehin strategisch verloren; Caesar vermied es, durch nutzloses Blutvergießen sein Heer zu schwächen und die arge Fehde noch weiter zu vergiften. Schon am Tage, nachdem es gelungen war, die Pompeianer vom Ebro abzuschneiden, hatten die Soldaten der beiden Heere miteinander angefangen zu fraternisieren und wegen der Übergabe zu unterhandeln, ja es waren bereits die von den Pompeianern geforderten Bedingungen, namentlich Schonung der Offiziere, von Caesar zugestanden worden, als Petreius mit seiner aus Sklaven und Spaniern bestehenden Eskorte über die Unterhändler zukam und die Caesarianer, deren er habhaft ward, niedermachen ließ. Caesar sandte dennoch die zu ihm in das Lager gekommenen Pompeianer ungeschädigt zurück und beharrte dabei, eine friedliche Lösung zu suchen. Ilerda, wo die Pompeianer noch Besatzung und ansehnliche Magazine hatten, ward jetzt das Ziel ihres Marsches; allein vor sich das feindliche Heer und zwischen sich und der Festung den Sicoris, marschierten sie, ohne ihrem Ziele näher zu kommen. Ihre Reiterei ward allmählich so eingeschüchtert, daß das Fußvolk sie in die Mitte nehmen und Legionen in die Nachhut gestellt werden mußten; die Beschaffung von Wasser und Fourage ward immer schwieriger; schon mußte man die Lasttiere niederstoßen, da man sie nicht ernähren konnte. Endlich fand die umherirrende Armee sich förmlich eingeschlossen, den Sicoris im Rücken, vor sich das feindliche Heer, das Wall und Graben um sie herumzog. Sie versuchte den Fluß zu überschreiten, aber Caesars deutsche Reiter und leichte Infanterie kamen in der Besetzung des entgegenstehenden Ufers ihr zuvor. Alle Tapferkeit und alle Treue konnten die unvermeidliche Kapitulation nicht länger abwenden (2. August 705 49). Caesar gewährte nicht bloß Offizieren und Soldaten Leben und Freiheit und sowohl den Besitz der ihnen noch gebliebenen Habe wie auch die Zurückgabe der bereits ihnen abgenommenen, deren vollen Wert er selber seinen Soldaten zu erstatten übernahm, sondern während er die in Italien gefangenen Rekruten zwangsweise in seine Armee eingereiht hatte, ehrte er diese alten Legionäre des Pompeius durch die Zusage, daß keiner wider seinen Willen genötigt werden solle, in sein Heer einzutreten. Er forderte nur, daß ein jeder die Waffen abgebe und sich in seine Heimat verfüge. Demgemäß wurden die aus Spanien gebürtigen Soldaten, etwa der dritte Teil der Armee, sogleich, die italischen an der Grenze des Jen- und Diesseitigen Galliens verabschiedet.
Das Diesseitige Spanien fiel mit der Auflösung dieser Armee von selbst in die Gewalt des Siegers. Im Jenseitigen, wo Marcus Varro für Pompeius den Oberbefehl führte, schien es diesem, als er die Katastrophe von Ilerda erfuhr, das rätlichste, sich in die Inselstadt Gades zu werfen und die beträchtlichen Summen, die er durch Einziehung der Tempelschätze und der Vermögen angesehener Caesarianer zusammengebracht hatte, die nicht unbedeutende von ihm aufgestellte Flotte und die ihm anvertrauten zwei Legionen dorthin in Sicherheit zu bringen. Allein auf das bloße Gerücht von Caesars Ankunft erklärten die namhaftesten Städte der Caesar seit langem anhänglichen Provinz sich für diesen und verjagten die Pompeianischen Besatzungen oder bestimmten sie zu gleichem Abfall: so Corduba, Carmo und Gades selbst. Auch eine der Legionen brach auf eigene Hand nach Hispalis auf und trat mit dieser Stadt zugleich auf Caesars Seite. Als endlich selbst Italica dem Varro die Tore sperrte, entschloß dieser sich zu kapitulieren.
Ungefähr gleichzeitig unterwarf sich auch Massalia. Mit seltener Energie hatten die Massalioten nicht bloß die Belagerung ertragen, sondern auch die See gegen Caesar behauptet; es war ihr heimisches Element und sie durften hoffen, auf diesem kräftige Unterstützung von Pompeius zu empfangen, welcher ja das Meer ausschließlich beherrschte. Indes Caesars Unterfeldherr, der tüchtige Decimus Brutus, derselbe, der über die Veneter den ersten Seesieg im Ozean erfochten hatte, wußte rasch eine Flotte herzustellen und, trotz der wackeren Gegenwehr der feindlichen, teils aus albiökischen Soldknechten der Massalioten, teils aus Hirtensklaven des Domitius bestehenden Flottenmannschaft, durch seine tapferen, aus den Legionen auserlesenen Schiffssoldaten die stärkere massaliotische Flotte zu überwinden und die größere Hälfte der Schiffe zu versenken oder zu erobern. Als dann ein kleines Pompeianisches Geschwader unter Lucius Nasidius aus dem Osten über Sizilien und Sardinien im Hafen von Massalia eintraf, erneuerten die Massalioten noch einmal ihre Seerüstung und liefen zugleich mit den Schiffendes Nasidius gegen Brutus aus. Hätten in dem Treffen, das auf der Höhe von Tauroeis (La Ciotat, östlich von Marseille) geschlagen ward, die Schiffe des Nasidius mit demselben verzweifelten Mut gestritten, den die massaliotischen an diesem Tage bewiesen, so möchte das Ergebnis desselben wohl ein verschiedenes gewesen sein; allein die Flucht der Nasidianer entschied den Sieg für Brutus und die Trümmer der Pompeianischen Flotte flüchteten nach Spanien. Die Belagerten waren von der See vollständig verdrängt. Auf der Landseite, wo Gaius Trebonius die Belagerung leitete, ward auch nachher noch die entschlossenste Gegenwehr fortgesetzt; allein trotz der häufigen Ausfälle der albiökischen Söldner und der geschickten Verwendung der ungeheuren, in der Stadt aufgehäuften Geschützvorräte rückten endlich doch die Arbeiten der Belagerer bis an die Mauer vor und einer der Türme stürzte zusammen. Die Massalioten erklärten, daß sie die Verteidigung aufgäben, aber mit Caesar selbst die Kapitulation abzuschließen wünschten, und ersuchten den römischen Befehlshaber, bis zu Caesars Ankunft die Belagerungsarbeiten einzustellen. Trebonius hatte von Caesar gemessenen Befehl, die Stadt so weit irgend möglich zu schonen; er gewährte den erbetenen Waffenstillstand. Allein da die Massalioten ihn zu einem tückischen Ausfall benutzten, in dem sie die eine Hälfte der fast unbewachten römischen Werke vollständig niederbrannten, begann von neuem und mit gesteigerter Erbitterung der Belagerungskampf. Der tüchtige Befehlshaber der Römer stellte mit überraschender Schnelligkeit die vernichteten Türme und den Damm wieder her; bald waren die Massalioten abermals vollständig eingeschlossen. Als Caesar, von der Unterwerfung Spaniens zurückkehrend, vor ihrer Stadt ankam, fand er dieselbe teils durch die feindlichen Angriffe, teils durch Hunger und Seuchen aufs Äußerste gebracht und zum zweitenmal, und diesmal ernstlich, bereit, auf jede Bedingung zu kapitulieren. Nur Domitius, der schmählich mißbrauchten Nachsicht des Siegers eingedenk, bestieg einen Nachen und schlich sich durch die römische Flotte, um für seinen unversöhnlichen Groll ein drittes Schlachtfeld zu suchen. Caesars Soldaten hatten geschworen, die ganze männliche Bevölkerung der treubrüchigen Stadt über die Klinge springen zu lassen und forderten mit Ungestüm von dem Feldherrn das Zeichen zur Plünderung. Allein Caesar, seiner großen Aufgabe, die hellenisch-italische Zivilisation im Westen zu begründen auch hier eingedenk, ließ sich nicht zwingen, zu der Zerstörung Korinths die Fortsetzung zu liefern. Massalia, von jenen einst so zahlreichen freien und seemächtigen Städten der alten ionischen Schiffernation die von der Heimat am weitesten entfernte und fast die letzte, in der das hellenische Seefahrerleben noch rein und frisch sich erhalten hatte, wie denn auch die letzte griechische Stadt, die zur See geschlagen hat - Massalia mußte zwar seine Waffen- und Flottenvorräte an den Sieger abliefern und verlor einen Teil seines Gebietes und seiner Privilegien, aber behielt seine Freiheit und seine Nationalität und blieb, wenn auch materiell in geschmälerten Verhältnissen, doch geistig nach wie vor der Mittelpunkt der hellenischen Kultur in der fernen, eben jetzt zu neuer geschichtlicher Bedeutung gelangenden keltischen Landschaft.
Während also in den westlichen Landschaften der Krieg nach manchen bedenklichen Wechselfällen schließlich sich durchaus zu Caesars Gunsten entschied und Spanien und Massalia unterworfen, die feindliche Hauptarmee bis auf den letzten Mann gefangengenommen wurde, hatte auch auf dem zweiten Kriegsschauplatze, auf welchem Caesar es notwendig gefunden, sofort nach der Eroberung Italiens die Offensive zu ergreifen, die Waffenentscheidung stattgefunden.
Es ward schon gesagt, daß die Pompeianer die Absicht hatten, Italien auszuhungern. Die Mittel dazu hatten sie in Händen. Sie beherrschten die See durchaus und arbeiteten allerorts, in Gades, Utica, Messana, vor allem im Osten, mit großem Eifer an der Vermehrung ihrer Flotte; sie hatten ferner die sämtlichen Provinzen inne, aus denen die Hauptstadt ihre Subsistenzmittel zog: Sardinien und Korsika durch Marcus Cotta, Sizilien durch Marcus Cato, Afrika durch den selbst ernannten Oberfeldherrn Titus Attius Varus und ihren Verbündeten, den König Juba von Numidien. Es war für Caesar unumgänglich nötig, diese Pläne des Feindes zu durchkreuzen und demselben die Getreideprovinzen zu entreißen. Quintus Valerius ward mit einer Legion nach Sardinien gesandt und zwang den Pompeianischen Statthalter, die Insel zu räumen. Die wichtigere Unternehmung, Sizilien und Afrika dem Feinde abzunehmen, wurde unter Beistand des tüchtigen und kriegserfahrenen Gaius Caninius Rebilus dem jungen Gaius Curio anvertraut. Sizilien ward von ihm ohne Schwertstreich besetzt; Cato, ohne rechte Armee und kein Mann des Degens, räumte die Insel, nachdem er in seiner rechtschaffenen Art die Sikelioten vorher gewarnt hatte, sich nicht durch unzulänglichen Widerstand nutzlos zu kompromittieren. Curio ließ zur Deckung dieser für die Hauptstadt so wichtigen Insel die Hälfte seiner Truppen zurück und schiffte sich mit der anderen, zwei Legionen und 500 Reitern, nach Afrika ein. Hier durfte er erwarten, ernsteren Widerstand zu finden: außer der ansehnlichen und in ihrer Art tüchtigen Armee Jubas hatte der Statthalter Varus aus den in Afrika ansässigen Römern zwei Legionen gebildet und auch ein kleines Geschwader von zehn Segeln aufgestellt. Mit Hilfe seiner überlegenen Flotte bewerkstelligte indes Curio ohne Schwierigkeit die Landung zwischen Hadrumetum, wo die eine Legion der Feinde nebst ihren Kriegsschiffen, und Utica, vor welcher Stadt die zweite Legion unter Varus selbst stand. Curio wandte sich gegen die letztere und schlug sein Lager unweit Utica, ebenda, wo anderthalb Jahrhunderte zuvor der ältere Scipio sein erstes Winterlager in Afrika genommen hatte. Caesar, genötigt, seine Kerntruppen für den Spanischen Krieg zusammenzuhalten, hatte die sizilisch-afrikanische Armee größtenteils aus den vom Feind übernommenen Legionen, namentlich den Kriegsgefangenen von Corfinium, zusammensetzen müssen; die Offiziere der Pompeianischen Armee in Afrika, die zum Teil bei denselben in Corfinium überwundenen Legionen gestanden hatten, ließen jetzt kein Mittel unversucht, ihre alten, nun gegen sie fechtenden Soldaten zu ihrem ersten Eidschwur wieder zurückzubringen. Indes Caesar hatte in seinem Stellvertreter sich nicht vergriffen. Curio verstand es, ebensowohl die Bewegung des Heeres und der Flotte zu lenken, als auch persönlichen Einfluß auf die Soldaten zu gewinnen; die Verpflegung war reichlich, die Gefechte ohne Ausnahme glücklich. Als Varus, in der Voraussetzung, daß es den Truppen Curios an Gelegenheit fehlte, auf seine Seite überzugehen, hauptsächlich, um ihnen diese zu verschaffen, sich entschloß, eine Schlacht zu liefern, rechtfertigte der Erfolg seine Erwartungen nicht. Begeistert durch die feurige Ansprache ihres jugendlichen Führers schlugen Curios Reiter die feindlichen in die Flucht und säbelten im Angesichte beider Heere die mit den Reitern ausgerückte leichte Infanterie der Feinde nieder; und ermutigt durch diesen Erfolg und durch Curios persönliches Beispiel, gingen auch seine Legionen durch die schwierige, die beiden Linien trennende Talschlucht vor zum Angriff, den die Pompeianer aber nicht erwarteten, sondern schimpflich in ihr Lager zurückflohen und auch dies die Nacht darauf räumten. Der Sieg war so vollständig, daß Curio sofort dazu schritt, Utica zu belagern. Als indes die Meldung eintraf, daß König Juba mit seiner gesamten Heeresmacht zum Entsatz heranrückte, entschloß sich Curio, ebenwie bei Syphax’ Eintreffen Scipio getan, die Belagerung aufzuheben und in Scipios ehemaliges Lager zurückzugehen, bis aus Sizilien Verstärkung nachkommen werde. Bald darauf lief ein zweiter Bericht ein, daß König Juba durch Angriffe seiner Nachbarfürsten veranlaßt worden sei, mit seiner Hauptmacht wieder umzukehren, und den Belagerten nur ein mäßiges Korps unter Saburra zur Hilfe sende. Curio, der bei seinem lebhaften Naturell nur sehr ungern sich entschlossen hatte zu rasten, brach nun sofort wieder auf, um mit Saburra zu schlagen, bevor derselbe mit der Besatzung von Utica in Verbindung treten könne. Seiner Reiterei, die am Abend voraufgegangen war, gelang es in der Tat, das Korps des Saburra am Bagradas bei nächtlicher Weile zu überraschen und übel zuzurichten; und auf diese Siegesbotschaft beschleunigte Curio den Marsch der Infanterie, um durch sie die Niederlage zu vollenden. Bald erblickte man auf den letzten Abhängen der gegen den Bagradas sich senkenden Anhöhen das Korps des Saburra, das mit den römischen Reitern sich herumschlug; die heranrückenden Legionen halfen, dasselbe völlig in die Ebene hinabdrängen. Allein hier wendete sich das Gefecht. Saburra stand nicht, wie man meinte, ohne Rückhalt, sondern nicht viel mehr als eine deutsche Meile entfernt von der numidischen Hauptmacht. Bereits trafen der Kern des numidischen Fußvolks und 2000 gallische und spanische Reiter auf dem Schlachtfeld ein, um Saburra zu unterstützen, und der König selbst mit dem Gros der Armee und sechzehn Elefanten war im Anmarsch. Nach dem Nachtmarsch und dem hitzigen Gefecht waren von den römischen Reitern augenblicklich nicht viel über 200 beisammen, und diese sowie die Infanterie von den Strapazen und dem Fechten aufs äußerste erschöpft, alle in der weiten Ebene, in die man sich hatte verlocken lassen, rings eingeschlossen von den beständig sich mehrenden feindlichen Scharen. Vergeblich suchte Curio, handgemein zu werden; die libyschen Reiter wichen, wie sie pflegten, sowie eine römische Abteilung vorging, um, wenn sie umkehrte, sie zu verfolgen. Vergeblich versuchte er, die Höhen wiederzugewinnen; sie wurden von den feindlichen Reitern besetzt und versperrt. Es war alles verloren. Das Fußvolk ward niedergehauen bis auf den letzten Mann. Von der Reiterei gelang es einzelnen sich durchzuschlagen; und Curio hätte wohl sich zu retten vermocht, aber er ertrug es nicht, ohne das ihm anvertraute Heer allein vor seinem Herrn zu erscheinen, und starb mit dem Degen in der Hand. Selbst die Mannschaft, die im Lager vor Utica sich zusammenfand, und die Flottenbesatzung, die sich so leicht nach Sizilien hätte retten können, ergaben sich unter dem Eindruck der fürchterlich raschen Katastrophe den Tag darauf an Varus (August oder September 705 49).