Ein Idyll.

1790.

Langsam erhob sich Almansur aus dem Schatten der Palme, eine Thräne rollte von seinen Wangen, er blickte ihr wehmuthsvoll nach, wie sie an seinem Stabe hinuntergleitete und sich im Staube verlor, die ganze Vergangenheit stand mit ihren hellen und finstern Farben vor ihm, Abendroth und Regennächte. Noch einmal blickte er rückwärts nach Bagdad und sahe wie sich der letzte goldne Mond hinter einem blauen Berge langsam hinabzog. — Nun so lebe wohl! Auf ewig wohl! rief er, und ging langsam weiter ohne selbst zu wissen, wohin. Die Sonne ging unter, die Vögel des Abends sangen im nahen Walde, aber seine Augen sahen weder das goldne Feuermeer um dort sich Trost zu holen, sein Ohr hörte nicht die Melodieen, die von jedem Zweige herab um ihn schwammen, der Wind spielte mit seinem Mantel, aber er ließ ihn nachläßig hängen und eilte weiter vom Wege ab, mit tiefgesenktem Blick.

Endlich blickte er auf, er sah sich in einem schönen Thale, rings um von grünen Bergen umschlossen, im Thale glänzte ein silberner See, auf den das Abendroth auf jeder Welle sich wiegte, die Berge erhoben sich sanft umher und auf ihnen schimmerten Reben, Palmen standen auf Abhängen und wiegten sich rauschend über das Thal hinab, die ganze Gegend spiegelte sich zitternd im See, und das Abendroth und der aufgehende Vollmond gossen ein so süßes Licht um alle Gegenstände, daß Almansur sich in einem Theile des Paradieses glaubte. Er stand und sahe die schönbewachsnen Berge, wie der Abendschein über die grünen Abhänge herüberschwamm und sanftes Roth auf den gegenüberstehenden Berg streute, durch einen Palmenhain schlängelte sich der schimmernde Glanz der Gluth des Himmels, und bebte zurück in jedem Tropfen der am Grase zitterte, von jedem Blatt, an welchem ein Rubin sich wiegte. Der Mond stand über einem finstern Tannenhain, ein kleiner Wasserfall rauschte, die großen Wälder sangen der Natur ihr Abendlied, der Tag eilte in sein Rosenbett hinab, das Heimchen zirpte, der Mond schien aus dem goldnen See zu trinken, und auf jedem leichten Wölkchen des Himmels, das unter dem Monde hinwegschlüpfte und ihm etwas von seinem goldnen Glanze stahl, schien Ruhe, Trost und Freude zu schweben. Lange stand noch Almansur so, doch endlich lößte sich sein Gefühl in die Harmonie einer wonnevollen Wehmuth auf die Erinnerung seines Unglücks war mit dem letzten Streit der untergehenden Sonne hinter den Bergen hinabgeleitet. Er bestieg den Berg, ging bald hinauf, bald hinab, und sein Blick schwebte stets auf den gegenüberstehenden Abhang, oder auf den Spiegel des tief unten glänzenden Sees.

Er ging über einen Quell, der aus den Spalten des Berges sich drängte und sein Silber hinuntergoß; er kam zu einer kleinen Vertiefung, wo unter Weidenzweigen versteckt der Gipfel eines moosbewachsnen Daches hervorragte. Ruhe und Heiterkeit schienen hier ihren Sitz aufgeschlagen zu haben; er ging herum um diesen Kranz von Weiden, und stand vor dem Eingang einer kleinen Hütte. Ein Greis, dessen Silberhaar im Winde hin und her wallte, pflanzte mit ruhigem Lächeln Reben, und band sie an die schwesterliche Ulme, dann sah er zum Monde hinauf, dann in den goldnen See hinab, und setzte wieder freudig seine Arbeit fort. — »Der Himmel schütte seinen Segen auf dich herab!« rief Almansur dem Greise zu; liebevoll dankte der Greis und führte den Jüngling in die dämmernde Hütte.

Freundlich sprangen dem Alten zwei Hunde entgegen, bellten und wedelten. Der Greis und der Jüngling setzten sich auf Flechtwerk von Binsen; dann holte der geschäftige Alte aus seiner Vorrathskammer Milch und Datteln. »Iß!« sprach er. — Almansur aß wenig; bald sah er die niedren Wände der Hütte an, bald blickte er auf den lächelnden Alten. Nach der Mahlzeit setzten sich beide vor dem Eingang der Hütte.

Du bist recht glücklich! fing Almansur nach einer langen Stille an, wenn man je glücklich werden kann. — Ja, war die Antwort des Greises; ich stahl mich aus dem Getümmel der Welt hinweg, und niemand vermißte mich; ängstlich, mit Schweißtropfen auf der Stirn jagte ich dem Glücke nach — umsonst! Es floh wie der luftgewebte Morgentraum; verzweiflungsvoll schlich ich mich in diese Hütte, ich sah mich um, und es stand neben mir. — Ja! Dank dir großer Prophet! Ich bin hier recht glücklich! — O, wenn ich am Morgen hier stehe, der frischgebadete Tag, rosenroth an jener neigenden Spitze hängt, dann zollen dir meine Thränen heißen Dank, dann seh ich auf mein voriges Leben zurück, wie der müde Pilger am Grabe des Propheten auf die zurückgelegten Steppen; — dann schwebt vor mir die ferne Zukunft, dann fliegt mein Geist durch das rosenrothe Gewebe des Morgens, er durchfliegt die Bahn der Sterne, und schwingt sich im Flug um die glühenden Räder des Sonnenwagens. — Jeder meiner Blicke schaut dann voll Dank zum Himmel!

Almansur horchte vorwärts gebeugt mit Ehrfurcht der Rede des Greises, er sah in seinen Augen eine Thräne glänzen, heiß rann eine Zähre über die Wangen Almansurs. — Dann ergriff er voll Zutraun die Hand des Greises; o weiter! sprach er, deine Stimme ist wie das Murmeln der fernen Quelle dem Durstigen. Weiter! Mein Geist fliege dir nach! — Versuch' es in todten Worten mir das Abendroth deines Glücks zu malen. —

O Jüngling, sprach der Greis, Glück läßt sich besser fühlen, als dies Gefühl sich in Worten zwängen läßt. — Leise schleicht sich durch das helle Weinlaub am Morgen die Sonne; sie fliegt zu meinem Bette und flüstert mir: »Erwache!« zu. Ich erhebe mich vom rothen Glanz umflossen, und sehe wie die Sonne majestätisch hinab ins Thal schreitet, die Natur wacht auf und lächelt freundlich der Sonne entgegen, unter mir glüht der See, über mir flammt der Himmel, die Waldung rauscht, die Lerche singt, der See bebt, und ihre Rosenwellen laufen mit dem Westwind um die Wette. Wenn das purpurne Gold des Himmels sich hinter den blauen Mantel stiehlt, dann besuch ich meine Heerden, die Ziegen blöken mir entgegen, die Lämmer hüpfen um mich her. — O ich lebe hier nicht ganz verlassen! Ich kenne jeden Baum dieser Gegend, jeden Zweig eines jeden Baums; wenn das erste Laub nach dem Winter erscheint, oder mein Blick des Frühlings erstes Veilchen erjagt, o dann freu ich mich eben so, als wenn ein längst gewünschter Freund unvermuthet dem Schiff' entsteigt; das erste Sommerlüftchen, das meiner Wange vorüberbebt, ist mir, was dem Elenden ein blauer Hoffnungsstrahl ist. Als der Sturmwind im vorigen Monden von meinem Berge herab eine junge Pappel ins Thal warf, da weint' ich um den jungen Baum, als habe mir der Tod einen geliebten Jüngling davon geführt. Ach, dies einsame Thal möcht ich nur gegen Mahomets Paradies vertauschen, es gilt mir mehr als die Erde mit ihren Königreichen, diese Bäume gelten mir mehr als Könige und Fürsten mit ihren Unterthanen. Ich besuche oft drüben die alten Palmen, sehe nach jenen jungen Birken die ich selber pflanzte, und freue mich über ihren Wachsthum wie ein Vater über seine Kinder. Im kleinen Gärtchen hinter meiner Hütte scheint die Gluth der Rose auf die weiße Lilie, das Veilchen kniet zu den Füßen der stolzen Malve, und jede der Blumen kenn' ich, bei jeder erinnre ich mich im Vorbeigehn, wann und wie ich sie pflanzte, jede habe ich selbst am Morgen und Abend begossen. Diese Blumen, diese Bäume sind meine Freunde, von ihnen brüstet sich keiner vor dem andern, von ihnen lacht mir keiner höhnisch nach. Neid und Verläumdung dürfen nicht über diese Berge fliegen, des Glückes Pfeil zerschnitt ihnen die Sehnen des Fittigs, sie liegen jenseits den Bergen und suchen vergebens mit schwarzen nachschleppenden Schwingen der Felsen Gipfel zu erklimmen; das Glück und die Ruhe fliegen hier verschlungen Arm in Arm durch den Himmel, in jedem Baum, in jeder Quelle flüstert Glück, in jedem Nachhall der Berge tönt ruhige Freude.

Wenn nach und nach das gelbe Laub zur Erde fällt, wenn der Herbst auf selbst gesponnenen Seidenfäden durch die Lüfte schwebt, sie um die Bäume wickelt, und das reife Obst mit den Blättern abschüttelt, dann seh' ich, wie die Natur sich einkleidet, und unter dem glänzenden Schwanenbette schläft, um gestärkt mit neuem Glanze zu erwachen. Wenn dann Regen herabrauscht, wenn der Nordwind durch den Gipfel der Palmen saußt, wenn die Fichten knarren, der Wind Schneegestöber vor sich her wirbelt — dann nehm ich von der Wand die silberbezogne Leier, dann sing' ich dem Frühlinge meines Lebens Lieder, und sehe lächelnd dem Untergang meiner Sonne entgegen. Dann dämmert vor meinen Augen der Nebel der Vergangenheit, dann schwing ich mich auf dem Adlersfittig meiner Phantasie durch Dämmrung ferner Vorzeit, durch schweigende öde Nacht der Zukunft. — In diesem Kreislauf wallte mir mehr als ein halbes Jahrhundert vorüber, in dieser schönen, ununterbrochenen Einförmigkeit. — —

O Jüngling! Mit warmer Freundschaft drückst du meine Hand, eine Thräne zittert in deinen schwarzen Augenwimpern, — sprich — führte dich Kummer zu meiner einsamen Hütte?

Almansur. Ja, Kummer führt mich zu dir, Greis! — Ach, laß mich mit Dir diese Hütte bewohnen, laß mich dein Sohn sein. Die Freude ist für mich gestorben. — Ich muß die Gesellschaft der Menschen verlassen; hier laß unter dieser Palme den Wind am Abend meine Seufzer davon führen, laß am Morgen mich unter dieser Cypresse weinen. — Warum sollt' ich zu jenen Menschen zurückkehren, wo jeder dem fliehenden Glücke nachläuft, und keiner den Saum seines Kleides berührt, wo einer des andern lacht, und blind für eigne Fehler ist, wo Verläumdung und Neid hinter mir gehn, die sich täuschend in das Gewand der Freundschaft hüllen. — Nein, hier will ich ein neues Leben beginnen, mein voriges Leben mir als einen Traum denken, den der Sonne heller Strahl verscheuchte. O Greis, weise meine Bitte nicht zurück, in keinem Winkel glimmt für mich ein Fünkchen Freude mehr als hier. Schon lange war es mir unerträglich, mich ohne Zweck und Absicht vom Wirbel der menschlichen Gesellschaft mit fortreissen zu lassen, warum sollt' ich noch ferner unter einem Haufen, wo jedes Gesicht mir zuwider ist, essen und trinken, schlafen und aufstehn, den einen Tag so wie den andern; warum leb' ich in der menschlichen Gesellschaft? Ich bin mir selbst und andern verhaßt! zu welchem Endzweck schuf der Schöpfer die Menschheit? Einer den andern zu quälen? Ihm den Genuß des Lebens zu rauben? Warum tanzen die zahllosen Welten den ewigen schwerfälligen Tanz um ihre Sonnen? Warum ließ der Schöpfer aus seiner Hand die Schöpfung hervorgehn? Warum warf er das Sternenheer durch den Himmel? Sollen wir hier leben, ohne glücklich zu sein, und dann wie der Baum verwelken; wozu dann dies quaalenvolle Leben? — Oder harrt schönerer Sonnenschein unsrer nach dem Todesschlaf; wozu diese Pilgerschaft durch Dornen, über Felsen? — — O Greis! dies, dies hat mich schon längst unglücklich gemacht! —

Der Greis sah ihn an und schwieg. »Verweile!« sprach er dann. Ein frommer Einsiedler schenkte mir schon vor vielen Jahren ein kleines Buch; es ist nur ein Märchen, der Mond scheint hell; ich will es dir lesen. — —

Er ging fort. Almansur sah indeß starr vor sich hin ins Thal, sein Blick ruhte auf einen Zweig, den der Wind hin und her warf; sein Kummer war zurückgekehrt, die mancherlei Scenen seines Lebens wachten in seiner Seele auf. Er preßte eine Thräne in sein Auge zurück; der Greis kam, setzte sich nieder und las: — —

Nadir. Ein Mährchen.

Der finstre Menschenhasser Nadir wandelte über eine von Arabiens Steppen. Die Sonne stand in der Mitte des Himmels und warf ihre glühenden Strahlen auf den Wandrer, ringsum kein Baum, kein Gesträuch, welches einen erquickenden Schatten darbot; Nadirs Auge suchte vergebens eine Quelle, seinen brennenden Durst zu löschen, er ging matt und langsam, er sah schmachtend umher, ob keine mitleidige Wolke herbeischweben wollte, ihm Regen und Kühlung zu schenken; so weit sein Auge reichte, glänzte der Himmel im hellblauen Gewande, der Sonne Strahlen wurden immer heißer und heißer, kein milder Wind wehte ihm Kühlung zu, Stille lag ausgestreckt über der Erde, die Vögel waren im Schatten des fernsten Waldes zurückgeflogen, und kein Dorf, kein Haus winkte dem Wandrer. Vor sich und um sich sah Nadir nur eine unermeßliche Wüste, er beneidete die kleine Fliege die sich in den Schatten des verdorrten Grases setzen konnte.

Nadir verwünschte tausendmal sein Schicksal, tausendmal das Schicksal der Menschen, denen ewig Quaal und Schmerz auf jedem ihrer Schritte folgen. Durch den blauen Himmel goß sich nach und nach ein sanfter Purpur, die Sonne sank, der Schatten flog über die Ebne.

Dank sei dir großer Prophet! rief der schmachtende Nadir, indem er über sich den Mond und die Sterne hervorkeimen sah. Er schleppte sich langsam fort, seine Zunge lechzte nach einem einzigen Wassertropfen. O ging' ich im tiefsten Schnee des klippigen Caucasus, könnt' ich jetzt durch einen Strom des Nordpols schwimmen! Er ging weiter. Es wehte ein kühlender Wind über die Haide, Nadir kam in einen Wald. Der Wind ward stärker, Wolken flohen durch den Himmel, und löschten mit ihren schwarzen Fingern den Mond und die Sterne aus, der Sturm schüttelte den Wald, die Fichten seufzten, die Cypressen rauschten, Regen stürzte herab. Endlich sah Nadir durch den verschränkten Wald ein fernes, flimmerndes Licht, das durch das nasse Laub und durch den Regen ihm entgegenblickte: er drängte sich durch den Wald, durch Gebüsche, die ihn oft mit ihren nassen Armen umfaßten: er kam durch die Waldung, und sah über eine Ebne das Licht vor sich glänzen.

Es war eine niedre Hütte, deren moosiges Dach vom Regen triefte, er schlug an die kleine Thür, ein Hund bellte ihm aus dem Hofe entgegen, der Wetterhahn des Daches knarrte im Winde; leise öffnete sich die Thür des Hauses, eine alte Frau trat heraus. — Wollt ihr einem armen Wandrer erlauben, diese Nacht hier zu schlafen? flehte Nadir. Sehr gern war die Antwort. Sie führte ihn in das Haus durch einen Gang. Dort, wo du das Licht durch die Thüre flimmern siehst, dort geh' hinein; — sie verließ ihn. Nadir bewunderte den großen Gang in der kleinen Hütte, seine Schritte hallten von der Mauer zurück, als er durch die Stille ging. Er stand vor der Thür, aus der das Licht ihm entgegenglänzte, — er öffnete sie — und das Erstaunen schlug seine geblendeten Augen zu. Er trat in einen großen unermeßlichen Saal, den tausend Lichter erleuchteten; die Wände glänzten von Marmor mit Gold umgossen, eine himmlische Musik schwamm auf den Wellen der Harmonie durch den Saal. — Wo bin ich? rief Nadir. — Ein prächtiggekleidetes Frauenbild kam ihm entgegen, sie führte ihn zu einem Tische und lud ihn zum Essen ein; Nadir aß und wagte kaum die Augen empor zu heben. Als er gegessen und getrunken hatte, fühlte er sich durch neuen Muth, durch neue Kraft beseelt, er sah um sich. Tausend Lichter glänzten auf Kronenleuchtern von Diamant. Saphir, Rubinen und Gold waren über die schönpolirten Wände hingestreut, unsichtbare Musik goß sich umher und gaukelte um Nadirs Ohr, sein Auge verlor sich ermüdet in die entferntesten Bogengänge, ohne ihr Ende erreicht zu haben; Nadirs Staunen ward immer größer.

»Komm!« rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu und führte ihn durch die blendenden Säle. Er sahe sie mit allen Arten von Menschen angefüllt und weidete sich an den verschiedenen Gruppen. Hier tranken und aßen einige, dort weinten andre, andre tanzten in fröhlichen Reihen. Dieser Pallast, begann Nadirs Führerin, ist ein Werk meines gestorbenen Gatten, er suchte das Glück lange vergebens und fand es endlich mit mir in der Einsamkeit; zu seiner Erinnerung hat er mir dies Spielwerk hinterlassen, das ich erneuern kann, so oft ich will. — Er war ein mächtiger Zauberer, gewandt in allen geheimen Künsten; auf sein Gebot entstand dieser Pallast, er brachte in ihm die Welt im Kleinen zusammen. Sieh, jede Art von Menschen befindet sich hier; dort auf den Thron sitzt ein König, seine Stirn schmückt das Diadem, seine Schultern umfließt der Purpur, er wird von jedermann beneidet, aber ach! er beneidet heimlich den Sklaven, der jetzt vor ihm kniet und zittert; er ist ein gütiger Regent, er macht andre glücklich, ist aber selbst unglücklich. Jener Volkslehrer lehrt Demuth und haßt den der neben ihm steht, weil er ihn mehr als sich geehrt glaubt. Dort an jene Säulen gelehnt steht ein Haufe unglücklicher Menschen, in der Welt nennt man sie Kluge, sie sehn die Eitelkeit der Welt ein, sie lassen sich durch keinen Glanz von Ehre noch von Reichthümern blenden, ihre Wünsche scheinen so mäßig und sind doch so vielumfassend, werden fast nie erfüllt. — Dort stehen andre, für welche die Welt mit allen ihren Schönheiten gestorben ist, sie können keine Blume sehen, ohne ihr einen Namen zu geben und ihre Blätter zu zählen, keinen schönen Baum, ohne sein Laub und seine Rinde zu betrachten und zu bemerken, zu welchem Geschlecht er gehöre; sie kennen jeden Stern, der am Himmel flammt, und wissen die Stunde, wenn der Mond auf und untergeht, sie haschen jede Abendfliege, und stellen sie in ihren Rang in der Schöpfung, sie sagen uns, daß jeder Sonnenstaub bewohnt sei. — Dieser Pallast ist zugleich auf eine wunderbare Art mit Gemälden ausgeziert, sie sind doppelt; auf der einen Seite stellen sie alles ernsthaft, auf der andern dasselbe lächerlich dar. Sieh, hier trauert eine Mutter um ihren einzigen Sohn, dieser Zuschauer weint gerührt, jener auf der andern Seite lacht. — Siehst du jene dort, die so bleich sind und starr auf die Erde blicken? bei ihrer Geburt vergoß das Elend Thränen über sie und weihte sie sich dadurch zu seinen Kindern; sie können über ein gelbes Blatt weinen, das vom Baume auf die Erde fällt, sie hassen die Welt und sich am meisten; sie machen oft andre glücklich, aber kein Anblick von Glück, kein Anblick der aufgehenden Sonne kann sie vergnügt machen; sie lächeln, aber ihr Lächeln ist als wenn die Abendsonne durch einen verdorrten Baum scheint, ihnen folgt das Unglück wie ihr Schatten, ihre Augen sind matt von Thränen, ihre Wangen bleich, sie sind die ärmsten Geschöpfe. — Jener jauchzende Haufe verspottet sie, ihr Mund lacht stets, ihre Augen blinzeln jedem freudig entgegen, die Welt nennt sie Thoren, sie sind glücklich, denn sie halten sich für weise, sie fragen nicht nach ihrer Bestimmung, sie durchlachen ihr Leben, lachen im Winter eben so wie im Sommer, bei dem Aufgang der Sonne wie beim Untergang, die Natur nahm ihnen jede sanftere Empfindung und gab ihnen das Vermögen alles lächerlich zu finden. — Jene spielten mit ihrer Phantasie, der Verstand löste die Fesseln der gebundenen Einbildung, sie schoß wie ein Blitzstrahl dahin und nun hinkt der Verstand an seinen Krücken hinter sie her und kann sie nicht einholen, jede Saite ihrer Laute ist verstimmt und giebt angeschlagen einen falschen Ton, man nennt sie Wahnsinnige, Unglückliche; aber sie sind wirklich glücklich. Jener hält die Kette, die ihn an die Mauer festhält, für ein goldnes Halsgeschmeide, seine Lumpen für den Purpurmantel des Königs. Jener glaubt in seinem Strohlager alle Schätze Indiens zu besitzen und fühlt sich beseligt. — Jener ist taub für jeden Harfenton, blind für jede Schönheit, die der Maler der Natur abstahl, seine Seele sitzt auf seiner Zunge, er freut sich nur wenn er sich an den Tisch setzt, er hört nicht die himmlische Musik, die ihn umfließt, aber er lächelt beim Becherklang, der Duft von Speisen bringt Freude in seine Seele. — Wer von allen diesen scheint dir in dem Zustande zu sein, in den die Natur den Menschen aus ihrer Hand hervorgehn ließ? — O jener, rief Nadir, der sich an den Dampf der Speisen weidet, denn er ist der glücklichste, an sein Herz reicht nicht die Stimme des Elends, ihn durchbohrt nicht des Mitleids scharfer Pfeil, er ist der glücklichste, er kann viermal täglich glücklich sein; wozu sind jene feinern Empfindungen, sie bringen weit mehr Schmerz als Vergnügen hervor! — Sieh, jener Mann, fing die Führerin Nadirs an, der dort unbekannt herumgeht, ist ein verehrungswürdiger Mann; keiner kennt ihn, keiner achtet auf ihn, aber er findet sein Glück im Glücke anderer; manche heiße Thräne fleht im Dunkeln Segen für ihn vom Himmel, manche Brust athmet durch ihn freier, manche Klage verstummte durch ihn, er erfüllt den Beruf des Menschen, er macht andre glücklich, und nur dazu schuf uns die Natur. — Du willst die Gesellschaft der Menschen verlassen, komm und überzeuge dich, daß der Mensch da sei um in Gesellschaft glücklich zu leben; warum will der schwache Mensch seine Bestimmung erforschen, warum die Bestimmung der Welten? zwecklos rollen sie nicht um ihre Sonnen, aber warum wollen des Verstandes Maulwurfsaugen den Plan der Natur durchdringen? der Mensch ist da, das zu genießen, was ihm die freigebige Natur darbeut, sein Verstand soll aber nicht über die Gränze hinausschreiten wollen, die ihm gezeichnet ward. Sie gingen hin durch die hundert Bogengänge und Nadir bewunderte die Pracht des Pallastes; seine Augen wurden erhellt, er sahe ein, daß es Frevel sei, sich von den Menschen zurückzuziehn, vor ihm zerrann der dunkle Nebel, er durchdrang den Plan der höchsten Weisheit; er versprach zur Gesellschaft der Menschen zurückzukehren.

Der Tag öffnete die blinzelnden Augen, das Morgenroth flog über die Ebne und schimmerte an den Fenstern; Nadirs Führerin verließ ihn, ein Bogengang verschwand nach dem andern, mit ihm ihre Gemälde und ihre Beschauer, ein Licht erlosch nach dem andern, die Pracht gleitete von den Wänden, die Decke sank, der Saal zog sich zusammen, ward immer kleiner und kleiner, immer düstrer und düstrer, und der helle Sonnenschein glänzte endlich an den Wänden einer niedern Hütte. Nadir öffnete vor Staunen stumm die niedre Thür, er suchte vergebens den langen Gang, die alte Frau öffnete die kleine Hausthür, er ging hinaus, die Thür ward hinter ihm verschlossen; dieselbe kleine Hütte, an deren Thür er gestern klopfte — der Hund bellte ihm wieder nach, der Wetterhahn knarrte in den Wind, das moosbewachsne Dach triefte noch vom gestrigen Regen und das Morgenroth schwamm in den großen Tropfen. »Wacht' ich, oder träumt' ich?« rief Nadir aus; er sah über einen niedern Zaun in den Garten neben der Hütte, ein Knabe mit nackten Füßen pflückte sich Kirschen von einem Baume. Er stand lange stumm da, seine Phantasie malte ihm noch einmal den gestrigen Tag; stumm ging er weiter, blickte noch oft zurück nach der wundervollen Hütte, bis ein Wald den letzten weißen Schimmer von ihr ihm entzog. — —

Der Greis schwieg. Almansur sah starr vor sich hin. Der Mond schien hell, die Sterne bebten im schimmernden See, die Cypressen rauschten. Kehre zurück, Jüngling, begann der Greis, kehre zur Welt zurück, wer weiß, wo dein Glück schlummert, gehe hin und erwecke es, du bist zur Gesellschaft geboren, gehe hin und erfülle deine Bestimmung, genieße ohne zu grübeln und du wirst gewiß glücklich sein.

Almansur. Verzeihe, edler Greis, daß ich dich täuschte, dir meinen Gram nicht ganz enthüllte. Wenn du die Geschichte meines Unglücks hörst, und du räthst mir dann noch zur menschlichen Gesellschaft zurückzukehren, so will ich dein Verlangen erfüllen.

Ich heiße Almansur, mein Vater war ein Kaufmann in Bagdad; ich hatte einen Freund, einen einzigen, ganz mir gleichgeschaffenen, er starb vor wenig Wochen; ich hatte eine Geliebte, ich liebte sie mehr als meine Seele, sie vermählte sich vor wenig Tagen. — Roxane war schön, wie der werdende Tag, schöner wie eine der Houris, auf ihren Wangen floß Abendroth, ihre Lippen waren wie der Purpur der untergehenden Sonne, die sich im Meere spiegelt, ihr Lächeln war der Sonnenschein des Frühlings, in ihren blauen Augen lachte das ganze Paradies Mahomets, ihre blonden Haare flossen um ihre Schultern, wie der Nebel im goldnen Glanze der Morgensonne um Felsen sich kräuselt; — sie kannte meine Liebe. — Ihr Vater lag einst auf dem Sterbebette, nur ein Trank konnte ihn retten, aber er mußte ihn trinken in weniger Zeit als die Biene am Abend braucht nach ihren Zellen zurückzufliegen, es war ein Quell, der in der schwarzen Kluft eines weitentfernten Felsen murmelte. Roxane liebte ihren Vater, ich sah die Thränen in ihren Augen glänzen, ich schwang mich auf mein Roß, eilte hin, füllte eine Flasche mit diesem wundervollen Wasser, ich stürzte zurück, die Wälder sausten mir vorüber, eine Eiche raubte mir meinen Turban, mein Roß eilte dem Winde voraus, sein Hufschlag tönte laut, ich kam zurück; Roxanens Vater ward gerettet, ihr Lächeln dankte mir, und ich war vergnügt. Ich sank nieder von Schweiß und Staub bedeckt, mein gutes treues Roß starb noch an demselben Abend, Roxanens Lächeln dankte mir, und ich war vergnügt. O für sie hätte ich die heißen Ebnen Äthiopiens mit nackten Füßen durchmessen, für sie hätte ich unbedeckt den Schnee des Caucasus erklettert. Ach ich träumte eine so heitre goldne Zukunft in ihren Armen; mein Freund starb, sie trauerte mit mir, aber ach, sie gab ihre Hand einem andern, denn er war reicher als ich; vorgestern ward ihre Vermählung gefeiert, jeder Trompetenstoß, der aus der Ferne mein Ohr erreichte, jeder Klang der Cymbeln, jeder ferne Donner der Pauken, stieß einen glühenden Dolch durch meine Brust; in der Mitternacht verließ ich Bagdad kalt und stumm, verließ den Ort, wo jeder Baum, wo jedes Haus, verflossene frohe Scenen in meine Seele zurückriefen, die Sonne war für mich auf ewig untergegangen; ich ging fort ohne zu wissen wohin, endlich kam ich zu deiner glücklichen Einsamkeit. Edler Greis, o höre meine heiße Bitte, es ist der einzige Wunsch, der mir zurückblieb, laß mich an deiner Seite, im Schooße der Ruhe und der Einsamkeit, meine übrigen Tage verleben; ach, die Einsamkeit hat ja Trost für so manche Leiden, sie trocknet so manche Zähre, wiegt so manchen Kummer ein; hier in diesem glücklichen Thale will ich den Traum meiner Jugend noch einmal träumen, hier will ich weinen, wenn ich erwache. Laß mich bei dir wohnen, jedes Band, das mich an die Menschheit fesselte, ist gerissen, jede Freude hat der Ostwind von dort weggeweht, sie sind alle hier auf diesen Bergen hingestreut, laß sie mich hier wiedersuchen; laß sie mich wiederfinden, Greis, denn beim Barte des Propheten! ich kann nie unter Menschen wieder glücklich sein. — Aber warum glänzen Thränen in deinen Augen und verlieren sich in die Silberwellen deines Bartes? Woher diese Seufzer, die deine Brust erheben? Woher diese fliegende Röthe auf deinen Wangen?

Greis. Ach, Almansur! — deine Worte haben meinen entschlafenen Kummer erweckt, ich hielt ihn für todt, aber er schlief nur. — O Jüngling, du hast den Morgentraum meiner Jugend, meiner Phantasie wieder vorübergeführt. — Ein ähnlich Schicksal führte mich hierher; ach, Fatime! diese Thränen fließen dir! dieser Seufzer fliegt zu dir! Vor meinen Augen webt sich die Vergangenheit noch einmal hin, sie glänzt im Sonnenschein, eine Nebelwolke verfinstert sie auf ewig. — O Almansur, bewohne mit mir diese Hütte, trinke mit mir von meiner Milch, laß uns beide in den Schatten eines Baumes ruhn. Ach, ich will denken, du seist mein Sohn, denke du, ich sei dein Vater. Jüngling, du bist mir theuer geworden, theile mit mir was ich habe, wir wollen wie die Sonne des Tages, wie der Mond der Nacht, in schöner Gleichförmigkeit unser Leben verfließen sehn, wollen sehn, wie sich unser Leben in einem Kreise dreht, so leben, wie eine Welle beständig um ihr grünes Eiland murmelnd fließt; beide bewundern wir nun den Aufgang der Sonne, wir beide sehn ihrem Scheiden nach, du hilfst mir Blumen in meinem Gärtchen pflanzen, du begießest sie mit mir am Abend, du brichst mit mir das Obst von den Zweigen und freust dich mit mir des Frühlings und Sommers: Jeden Wandrer, der seinen Weg verfehlte, wollen wir mit Speise und Trank erquicken, und ihn dann auf die rechte Straße führen; dem Trauernden wollen wir den Balsam des Trostes reichen, vor dem Fröhlichen unsern Kummer in unsrer Brust verschließen. Wir erzählen uns dann die Geschichte unsrer verflossenen Jahre, wir tauschen unsre Erfahrungen gegen einander ein, ich lerne jeden Baum kennen, der dir einst mächtig war, du beschreibst mir deine vorige Wohnung so genau als wollte ich sie morgen beziehn, ich sage dir von jedem Bache, bei dem ich mich einst freute oder Thränen vergoß, ich zeichne dir jeden Gang in meines Vaters Garten, jede Rosenhecke, jeden Apfelbaum; so lebe ich in deiner vorigen Welt, du in der meinigen, oder wir sitzen am Abend unter dieser Cypresse und sehen wie sich der Mond auf jeder Welle wiegt, wie sich jene Ulme im Wasser spiegelt, wie ihre Zweige zittern, und durch ihr finstres Laub die Sterne gebrochen flimmern; wir erzählen uns wunderbare Mährchen so vertraut als wären es die alltäglichsten Dinge; wir träumen uns unser Leben nach dem Tode, bauen luftige Schlösser und reissen sie wieder ein; so leben wir, bis der Tod mir immer näher und näher schleicht und mich unvermerkt aus deinen Armen führt, dann häufest du mir einen Grabhügel unter jener Cypresse, die ich selber pflanzte, dann bewohnest du meine Hütte allein, dann sitzest du ohne mich vor dem Eingange, dann denkst du beim Schimmer des Mondes an den gestorbenen Abdallah, dann brichst du das Obst allein, und pflanzest Blumen ohne meine Hülfe, dem verirrten Pilger zeigst du das Gras auf meinem Grabe und sagst zu ihm: hier ruht ein biedrer Greis! dann sitzest du einsam in der kleinen Hütte und hörst den Regen gegen die Fenster schlagen, bis ich deinem Geiste mit einem Lichtkranze entgegenfliege.

 


 

Das grüne Band.

Eine Erzählung.

1792.

Durch die Thäler und über die Wiesen wandelte der graue Nebel; über einen Tannenhain blickte die Sonne noch einmal aus Westen auf die Fluren zurück, die sie itzt verlassen wollte; in den Wipfeln eines einsamen Gebüsches begann die Nachtigall ihr Lied, und das Murmeln eines kleinen Baches ward hörbarer: als über die Haide eine Schaar von Kriegern gegen die Veste Mannstein zog. Der letzte goldne Schein der Sonne flog zitternd die schönpolirten Rüstungen auf und ab, durch die abendliche Stille tönte laut der Huftritt ihrer Rosse. — Da schmetterte von der Zinne der Burg eine fröhliche Trompete, und weckte mit ihren Tönen den Widerhall am Tannenberge; die Zugbrücke ließ sich nieder, und Friedrich von Mannstein zog mit seiner Schaar in seine Veste, wo sein Hausgesinde sich um ihn her drängte, um ihm Glück zu wünschen, daß er aus der Fehde wohlbehalten zurück gekehrt sey.

Kaum war der Ritter von seinem Rosse gestiegen, als seine Tochter auf ihn zueilte und in die Arme ihres Vaters sank. »Meine Emma!« rief Friedrich, »bist du wohl? Gottlob, daß ich dich wiedersehe!« — »Kommt Ihr wohlbehalten zurück?« sprach sie, indem sie schüchtern um sich blickte und sich etwas aus den Armen ihres Vaters zurück bog. — »Habt Ihr viele von euren Leuten verloren?« — »Ja,« antwortete Friedrich, »zwölf, und unter diesen einen meiner treusten Diener.« — »Doch nicht« — fiel Emma schnell ein, — der Name Adalbert zitterte auf ihren Lippen, sie ward bleich, — »doch nicht — Wilibald?« sagte sie, indem sie eine unwillkührliche Thräne in ihr Auge zurückzwängte.

Eben diesen, erwiederte der Vater; der Alte hielt sich wacker, — aber er fiel, — er hat sein Leben rühmlich beschlossen. Wohl jedem Kriegesmanne, der so wie er stirbt! — Ich werde seinen Verlust fühlen; ich liebte ihn, als wär' er mein Bruder. — Aber komm in die Burg, liebe Tochter, der Nebel hängt schon kalt und feucht in den Wipfeln der Bäume, dein Haar flattert in der kühlen Abendluft; mich dünkt, du siehst bleich aus, — du bist doch wohl?

Ihr seid ja wieder hier, antwortete sie schnell.

»Herr Ritter!« sprach ein Knappe, der aus dem Schloßhofe trat, »wollt Ihr nicht in die Burg gehn? Euer Waffenbruder Konrad von Burgfels harrt Eurer drinnen.«

»Konrad? Er sei mir willkommen!« rief Friedrich, und ging in den Schloßhof; Emma, die Hausgenossen und sein Knappe Adalbert folgten ihm. — Adalberts und Emma's Blicke fanden sich. — Wie viel sagten sie sich nicht in diesem Blick! — Die Freude sich wiederzusehn, Dank für die Rettung, zärtliche Besorgniß, — dieß und hundert Fragen und hundert Antworten lagen in diesem einzigen Blicke. — Adalbert führte sein treues Roß in den Stall, Emma ging langsam aber heiter die Wendeltreppe hinan, blickte aus dem runden Fenster noch einmal in den Hof hinab, und begab sich dann in ihr Gemach.

Der wackre Konrad eilte dem Ritter Friedrich entgegen und schloß ihn froh in seine Arme. — »Gottlob!« rief er, »daß ich dich einmal wiedersehe! — Du kommst aus einer Fehde mit Manfred?«

Friedrich. Ja, Freund! und du?

Konrad. Woher? Für mich, weißt du ja, giebt's schon lange keine Fehden mehr! ich komme von meinem alten einsamen Schlosse. — Seit mein Karl nicht mehr da ist, sieht es so öde und verlassen aus. Stehe ich auf dem Altan, oder sehe ich aus den Bogenfenstern, so muß ich immer wider Willen nach dem Berge hinsehn, hinter welchem er zuletzt verschwand; die eisernen Fahnen auf der Burg rufen mir immer den Namen Karl zu, und muß dann jedesmal an den Tod denken. — Ach! es ist traurig, Freund, wenn man alt wird, der Tummelplatz unsrer Wünsche wird dann so eng, wir können nur noch wenig hoffen, — aber dieß wenige wünschen wir mit einer Sehnsucht, mit einer Wehmuth — So lange sich mein Sohn in Palästina unter den Ungläubigen herumtummelt, werde ich dich öfter auf deiner Burg heimsuchen, die Einsamkeit macht mich traurig.

Sie waren indeß in den Saal getreten. — »Setz dich, Freund!« sprach Friedrich, »ich habe dich schier verkennen gelernt, Konrad saß lange nicht auf jenem Sessel.«

Konrad. Es soll von itzt an öfter geschehen. — Du hast ihn geschlagen?

Friedrich. Den räuberischen Manfred, — ja — Zwölf meiner besten Leute hab' ich verloren, es war ein hitziges Gefecht. — Mein Knappe Adalbert, du wirst ihn kennen, hat sich heute wie ein wackrer Mann gezeigt, ohne ihn stand es so so — wir waren schon einmal zurückgetrieben, — ich sage dir, es wird ein tapfrer Ritter, ich will meinen Stolz an ihm erziehn. — Bringt Wein, Buben! —

Die Buben brachten Wein, und die Ritter tranken.

Konrad. Wir leben in unsern Nachkommen wieder auf; ich hoffe, mein Karl soll dem Namen Burgfels keine Schande machen.

Friedrich. Das wird er nicht. Welch ein glücklicher Vater bist du! Es war mein tägliches Gebet zu Gott, mir einen Sohn zu schenken, der mir einst die Augen zudrückte, der nach meinem Tode auf meiner Burg haußte, der — doch, wir wollen ja nicht traurig sein.

Konrad. Du hast es auch nicht Ursach, der weise Himmel erhörte dein Gebet vielleicht darum nicht, um dir Jammer zu ersparen. — Du weißt nicht, wie wehe der Kummer um einen geliebten, oder gar einzigen Sohn der Brust des Vaters thut. Man gewöhnt sich früh an Gram. — Bald siehst du den Knaben auf einen schroffen Felsen klettern, und zitterst bei jedem Schritte; der Jüngling kommt nicht von der Jagd zurück, und bei jedem Wiehern, bei jedem Hufschlag eines Rosses eilst du ans Fenster, aber er ist es nicht, dein schlafloses Auge starrt erwartend durch das Dunkel der Nacht, — und wenn du ihn gar fern von dir weißt, im Gewühl der Schlachten, — erst als Vater macht der Ritter mit der Furcht Bekanntschaft. — Alle Freuden seines vorigen Lebens, jede seligverflossene Stunde, jede schöne Erinnerung, das Glück der Vergangenheit und Zukunft flicht der Greis in einen freudenreichen Kranz und schlingt ihn um den Helm des Jünglings, — ach! und wie viel tausend Schwerter können diesen Kranz zerreissen. Wir setzen unser ganzes Vermögen auf einen Wurf, und in jedem Augenblicke müssen wir zittern, zu verarmen. — Es ist warlich besser der Vater einer hoffnungsvollen Tochter sein!

Friedrich. Du bist undankbar gegen das gütige Schicksal. — Den Knaben zum Jüngling werden sehn, in jeder seiner Thaten sich selbst wiederfinden, — nenne mir eine Freude, die größer sei, als diese. — Und wenn er nun zurückkehrt, wenn er nun von jenem Berg wieder heruntersprengt, vor ihm her der Ruhm, hinter ihm der Jubel des Volks, in seiner Rechten eine erbeutete Fahne, wenn er nun so in deine Arme eilt, wie dann?

Konrad der sich die Augen trocknet. Dann? — Nun dann will ich dir Recht geben, aber eher nicht.

Friedrich. Immer find' ich doch noch in dir den alten Konrad wieder, der jedesmal im Wort- und Lanzenkampf das Feld behalten muß. — Trink! stoß an! auf den Ruhm deines Sohnes!

Konrad. Und das Glück deiner Tochter!

Friedrich. Denkst du, daß ich für sie unbekümmert bin? — Wollen wir mit unsern Kindern tauschen, Konrad?

Konrad. Freund und Waffenbruder! — ein Gedanke kömmt mir wieder, den ich schon oft dachte, wenn ich des Nachts in meiner einsamen Kammer schlaflos lag, und der Wind um den Schloßthurm saußte, — sei du der Vater meines Sohnes, deine Tochter sei mein, doch so, daß keiner von uns das Recht auf sein Kind verliert.

Friedrich. Topp, alter Freund! — Da hast du die Hand eines Ritters, der noch nie sein Wort brach! — Bei Gott und Ritterehre! keiner als dein Karl soll der Gatte meiner Tochter werden, — nur muß er mit Ehre zurückkehren.

Konrad. Das wird er, wenn er zurückkehrt, dafür laß dir den alten Konrad bürgen. Mit Ruhm, oder nie sehn wir ihn wieder. —

Friedrich. Alter Freund! der Wein hat mich sehr froh gemacht. — Welch eine liebliche Zukunft seh' ich emporblühen! — Allenthalben winkt die schönste Blume des Lebens: Vaterfreude! — In diesem Garten wollen wir ruhen, bis wir in einen noch schönern hinüberschlummern.

Die Alten drückten sich schweigend die Hand, ihre Freude war eine wehmüthige geworden; ein Paar große Thränen fielen schwer aus ihren Augen, die sie in einem schönen Irrthum für Freudenthränen hielten. Sie merkten nicht, daß sie der bange Zweifel erzeugte: »Werden diese Träume in Erfüllung gehn?«

Sie saßen noch lange zusammen im traulichen Gespräch, und erzählten sich noch einmal die Geschichte ihrer Jugend und ihres männlichen Alters. Die Gesichter der Greise glühten voll Jugendkraft, beide vergaßen, daß sie Greise waren.

Die Mitternachtstunde rief sie endlich von ihrem Gespräche ab, jeder ging heiter in sein Schlafgemach.

 


 

Alles schlief schon in der Burg, der aufgehende Mond brach seine dämmernde Strahlen durch die Bogenfenster; eine heilige Stille schwebte über Flur und Wald mit leisem langsamen Fluge, nur die Burgglocke tönte durch die feierliche Einsamkeit: als die leisegezogenen Schritte Emma's längst den Wänden des großen Ganges, der die Zimmer der Burg theilte, hinrauschten. Sie hatte Adalbert in der Ferne gesehn, und schien ihm itzt wie von ungefähr zu begegnen.

Beide blickten sich froh in's Auge, denn sie wurden itzt von keinem Überlästigen beobachtet. »Meine Emma!« rief Adalbert aus, und schloß das Mädchen rasch in seine Arme.

»Bist du endlich wieder da?« fing Emma an, — »O! wüßtest du, wie vielen Kummer du mir indeß gemacht hast, die ganze Burg war mir indeß so eng wie ein Gefängniß, die Flur war für mich ein Klosterzwinger, denn Berge und Wälder schlossen mich ja ringsum ein und trennten mich von dir. — Der Garten schien mir öde und finster, das Blaue des Himmels hing düstrer als sonst über meinem Haupte — sage mir doch, — was hat itzt alles wieder so hell und frei gemacht?«

Adalbert. Die Sonne der Liebe, Emma!

Emma. Dein schönes Auge, Adalbert! — Ach! wie viel hab' ich um dich gelitten, itzt erst weiß ich es, wie theuer, wie unentbehrlich du mir bist. Beständig hab' ich an dich gedacht, und wenn meine Phantasie auch noch so fern umherschwärmte, so war die Rückkehr zu dir, ihrer lieben Heimath, doch stets das nächste: der Gedanke, der der fernste schien, war doch unmittelbar eins mit der Liebe. — Bei Dingen, wobei ich bis itzt nichts dachte, dacht' ich sehr viel, Vergangenheit, Zukunft und — dich! — Ich schwatze, lieber Adalbert! aber die Freude ist ja geschwätzig. —

Adalbert. Und welcher Liebende hörte dieß Geschwätz nicht gern?

Emma. Neulich ging ich jenen verdorrten Baum vorüber, — ich bin vor ihm hundertmal vorübergegangen, aber nicht mit diesem sonderbaren Gefühl — ich dachte plötzlich an jenes Jahr, in welchem er noch grünte; ich war noch ein Kind, als ich einst an ihn gelehnt die Frühlingsflur überschaute; — er blühte damals so schön, die Sonne glänzte so hell in seinen zitternden Blättern, o! wie fröhlich war ich damals, — die ganze Natur und der Baum schien mit mir fröhlich; — itzt stand er da, als wenn er mich traurig ansähe, als wenn es ihn schmerzte, daß er nicht mehr fröhlich seyn könnte. — Wie ganz anders war itzt alles um mich her als ehemals, und doch war mir diese Erinnerung nur wie von gestern. — Ach! Adalbert! da dacht' ich an dich und mich. —

Adalbert. Du erschreckst mich, Emma! ich war so heiter, du hast mich traurig gemacht.

Emma. Du glaubst nicht, Adalbert! wie sonderbar mir in diesem einzigen Augenblicke die Welt vorkam; die Vergangenheit schien mir ein Traum, die Zukunft ein Schatten. — Wie der Frühling entflieht dein Glück, sagte mir der ernste Baum; du wirst bald, sehr bald unglücklich sein. —

Adalbert. Verjage diese schwarze Ahnungen, laß diese grausamen Spiele deiner Einbildung! — Emma kann, darf nicht unglücklich sein!

Emma. Daß sie es kann, empfand ich in jedem Augenblicke deiner Abwesenheit. — Ach Adalbert! ich fange an zu glauben, daß Unglück sehr wohlfeil sei, und ich will mich an diesen Gedanken gewöhnen.

Adalbert. Du hast Recht. — Unglück ist ja der Preis, um den wir unser weniges Glück in diesem Leben erkaufen müssen. — Du seufzest, Emma? — Himmel! du weinst? — O! ich verstehe diese Seufzer, diese Thränen. — Könnt' ich doch das Schicksal fragen: Wird Emma einst die Meinige?

Emma. Um gewisses Unglück für ungewisse Hoffnungen einzutauschen? Laß sie ungewiß seyn, es sind doch immer Hoffnungen.

Adalbert. Und werden diese Hoffnungen nie Verzweiflung werden? Wird diese schöne Frucht nie vertrocknet vom Baume fallen? — Ach, Emma! — der Winter kömmt endlich: und Sommer und Herbst sind nur ein schöner Traum gewesen. — Wie dann?

Emma. Dann laben wir uns an der Erinnerung dieses schönen Traums, wie Kinder, die im Finstern erwacht sind und gern wieder einschlafen möchten.

Adalbert. Emma! wird dein Vater je den armen verwaisten Knappen Adalbert, der nichts als sein Schwert besitzt, mit deiner Hand beglücken? — Er, der Herr so vieler Burgen, der Besitzer großer Schätze? Wird er das je?

Emma. Willst du denn, daß ich durchaus sagen soll: ich glaube es nicht. — Doch warum wollen wir nur immer zweifeln? — Er hat dich erzogen, er liebt dich wie seinen Sohn, er schätzt deine Tapferkeit — Adalbert! wir wissen ja nicht, was die folgende Stunde gebiert, warum wollen wir denn über künftige Jahre hinwegschauen? — Trage von itzt an dieß grüne Band um deinen Arm, es erinnert dich vielleicht im Kampfe, dein Leben nicht unnöthig zu wagen.

Adalbert. Grün ist die Farbe der Hoffnung.

Emma. Und die Meinige. Verlier' es nie, es sei dir ein Unterpfand meiner ewigen Liebe und Treue.

Adalbert. Auch wenn die Farbe verbleicht ist? —

Emma. Auch dann.

Itzt rauschte die Thür eines Gemachs, die beiden alten Ritter traten heraus; ein stummer Händedruck, und Adalbert und Emma schieden. — —

Alles war wieder laut und geschäftig in der Burg, die Sonne war schon seit einigen Stunden aufgegangen, als vor den Thoren von Mannstein ein Ritter hielt, und begehrte eingelassen zu werden. Die Thore öffneten sich, im Burghofe stieg er ab, und ward dann in den Saal zum alten Friedrich geführt.

Friedrich ging ihm entgegen, ließ ihn sich niedersetzen, befahl ihm einen Becher Wein zu reichen, und fragte dann, was sein Begehr sei?

»Ich bin ein Abgesandter,« begann der fremde Ritter.

»So seid mir in meiner Burg nochmals willkommen!« sprach Friedrich — »Aber wer sendet Euch?«

Ritter. Der Ritter Manfred, der Euch wohl bekannt sein wird.

Friedrich. Was verlangt er?

Ritter. Er ist gesonnen seine Fehde mit euch zu endigen, Frieden zu schließen und Euer Freund zu werden.

Friedrich. Mein Freund? —

Ritter. Aber nur unter einer Bedingung —

Friedrich. Sie ist? —

Ritter. Eure schöne Tochter! —

Friedrich sprang auf, schlug unwillig mit der Hand auf den Tisch und blickte den Ritter zornig an. Dann ging er lange mit großen Schritten auf und ab. — Endlich stand er still, sah den Ritter noch einmal lange und bedeutend an, und sprach dann mit lauter, starker Stimme, die zuweilen nur von einer unterdrückten Wuth zitterte: »Geht zurück, Ritter! und sagt dem schändlichen Manfred, daß eher meine Burg in Trümmern stürzen soll, daß ich lieber mit eigner Hand meine Tochter ermorden, als in seinen Armen wissen will. — Ein Ritter, kein Meuchelmörder, soll ihr Gemal werden; unsre Fehde ist nicht geendet, kann nicht geendet sein, denn es ist die Pflicht jedes braven Ritters, Räuber zu vertilgen, und ein Räuber ist Manfred. — Sagt ihm nur, ich habe es nicht vergessen, wie er meuchlings den Grafen von Otterfeld gemordet, wie durch ihn des Edeln von Löwenau Burgen und Ländereien widerrechtlich gepreßt werden; sagt ihm, daß mein Schwert noch nicht in der Scheide ruhe, sondern bereit sei, den Kampf zu erneuen. — Will er Euch nicht glauben, so mag er sich von mir selbst die Antwort im Blachfelde holen.«

Schweigend stand der Ritter auf, schwang sich auf sein Roß, und jagte hinweg ohne nur einen Blick nach der Burg zurückzuwerfen.

Friedrich ging noch lange auf und ab, bis sich sein Ingrimm in einem freundschaftlichen Gespräche mit Konrad von Burgfels nach und nach verlor.

 


 

Am Abend hatten Konrad und Friedrich schon die Gesandtschaft Manfreds vergessen. Der Wein machte, daß sie in der Zukunft, welche sie sich erträumten, allenthalben nur Glück und Freude sahen, und dadurch harmlos und unbefangen die traurige Wahrheit vergaßen: daß jeder Augenblick ein Unglück erzeugen könne.

Emma stand indeß an einem Bogenfenster und blickte in die schöne Gegend hinaus, welche der Mond beleuchtete. Sie träumte sich in die Zukunft hinüber, tausend angenehme Gebilde flogen vor ihrer Seele auf, in denen sie stets sich an der Seite ihres Adalberts erblickte.

Die Luft wehte warm und lieblich. Ein sanftes Rauschen ferner Wälder rief das Andenken der Vergangenheit in ihre Seele zurück. Um sich diesem Gefühle ganz zu überlassen, schlich sie sich langsam auf den Altan der Burg und sah itzt mit jenem ruhigen Entzücken auf ihre väterlichen Fluren herab, mit dem der Liebende den Abendschein der Erinnerung vorigen Glücks betrachtet.

Itzt schwebte der Mond noch eben über einen fernen Hügel, nun sank er langsam, und ein blasser zitternder Glanz überflog noch einmal die Eichenwälder, dann standen sie ernst und finster da; die fernsten westlichen Wolken tauchten sich im Vorüberschweben in einen bleichen goldenen Schimmer, und bald lag die ganze Gegend in Dunkel eingehüllt, finster und schauerlich, wie die Zukunft dem, der Unglück ahndet.

»O Bild des Glücks!« rief Emma aus. — »So stirbt die letzte Hoffnung auf dem Grabe des Geliebten, so welkt die letzte Blume im Kranze menschlicher Freuden, so weht der Sturm die letzte Blüthe vom verdorrenden Baum.«

Eine heisse Thräne stieg langsam in ihr Auge.

Alles war still und feierlich, der Wind schwieg itzt, schwarze Wolken hingen ernst unter dem Glanze der Sterne über fernen Wäldern, und schon begann die Eule ihr einsames Klagelied aus der Felsenhöle — da braust es wie ein Waldstrom aus der Ferne, es rauscht daher wie ein Schwarm Gespenster, die durch den Eichenforst fahren, — ein unwillkührlicher Schauer zitterte langsam über Emma's Körper hin. —

Wie Hufschlag von Rossen kam es itzt näher, wie ein Klang von Harnischen. — Wie sich um den Felsen eine schwarze Wolke schleicht, so lenkte itzt eine düstre Schaar um die Mauer der Burg.

Emma wollte zurück und in das Gemach ihres Vaters eilen, aber sie fühlte sich zu schwach, eine unbekannte Macht hielt sie gewaltsam zurück, sie drängte sich bebend in die Ecke des Altans.

Itzt schwebte es über den Wall herüber, — schon rauschte es durch den Graben der Burg — da schmetterte plötzlich laut und furchtbar von der Zinne der Burg die Trompete des Thurmwächters, und Emma schrak heftig zusammen.

Plötzlich kam die ganze Burg in Bewegung, die Sturmglocke hallte fürchterlich, Panzer rasselten, Pferde wieherten, Tritte dröhnten laut durch alle Säle, Stimmen schallten verwirrt durch einander, — ihr war, wie in einem Traume, große Tropfen der Angst standen auf ihrer Stirn, und ihre Bangigkeit stieg endlich so hoch, daß sie mit einem schmerzhaften Vergnügen die Entwickelung dieses fürchterlichen Traums erwartete.

Noch einmal schrie alles plötzlich laut durcheinander, Rüstungen erklangen, Schwerter klirrten, dann eine kurze Stille, die von einem neuen Geschrei unterbrochen wurde, die Krieger wütheten wie zwei Gewitter gegeneinander. — Itzt hörte sie Adalberts Gang, er ging durch die Säle, den Altan vorüber, sie wollte seinen Namen ausrufen, aber kein Ton stand ihr zu Gebot.

Als er vorüber war, rief sie laut: »Adalbert!« — Aber er konnte diesen Ruf nicht mehr vernehmen. Sie raffte sich gewaltsam auf, und floh eilig durch die Säle, bleich und zitternd eilte sie durch die einsame Burg, in welche aus der Ferne der Kampf dumpf herauftönte; sie rannte durch eine verborgene Thür, eilte über die niedergelassene Zugbrücke nach dem offenen Felde, wo ihr die Sterne bleich und erschrocken über ihrem Haupte zu flimmern schienen.

Hier setzte sie sich auf einen kleinen Hügel nieder, und sah nach der Burg zurück, die wie in Nebelwolken eingehüllt da lag. — Das Schmettern der Trompeten tönte durch die ruhige Nacht, weithin flog der laute Klang über Berge und Wälder, gebrochen schmetterte der Widerhall am fernen Felsen die Töne nach, die dann verhallten und wie im Gebrause des Kampfs versanken. —

Der Schein von Fackeln sprang itzt durch das Dunkel der Nacht, Schatten flohen hin und her, Nacht und Helle kämpften mit einander, alle Schrecken boten sich die Hand, und schwebten furchtbar vor Emmas Auge, die endlich das Gesicht mit den Händen verdeckte.

Das Geräusch des Kampfes kam ihr näher, Krieger flohen ihr dicht vorüber, andre sanken verfolgt zu Boden, sie hörte das Röcheln der Todesangst und schauderte noch stärker.

Ein Ritter eilt daher, der Flüchtlinge verfolgt, sie springt auf und stürzt athemlos in seine Arme! — Es war Adalbert. —

»Adalbert! Adalbert!« ruft sie mit bebender Stimme und drückt sich fast ohne Bewußtsein an seine Brust, — »rette mich!«

»Manfred siegt!« rief er wüthend aus, »aber ein guter Engel ließ mich dich finden, meinen Muth zu stärken. — Zurück in den Kampf! — Ha! die Meutrer! — die Burg brennt!«

Er ließ sie sanft nieder, und stürzte wild hinweg.

Emma schloß die Augen, denn sie hörte noch immer die schrecklichen Worte: die Burg brennt! — Endlich blickte sie matt und schüchtern auf, — welcher Anblick! — Kühn wälzte sich eine Flamme aus der Burg himmelan, wie eine Welle im Sturm wogte sie majestätisch hin und her, und übersah mit kühnem Blicke die ganze Gegend. — Der Burggraben glühte im Widerschein, alle Wälder und Berge wankten hin und her im zitternden Flammenglanze, große Funken flogen Sternen ähnlich durch die Nacht, und sanken neben Emma im feuchten Grase verlöschend nieder! —

Im Schein sah sie die Kämpfenden gegeneinander wüthen, Arme gegen Arme in rastloser Arbeit aufgehoben; Schwerter glänzten wie fernes Wetterleuchten durch die Nacht, Trompeten und Hörner hallten wie Donner. — Ihre Augen schlossen sich müde und geblendet.

Sie öffnete sie nur mühsam nach langer Zeit, die Flamme war zurück gesunken, das Geräusch des Kampfes war verschwunden, die gräßlichste Stille lag schwer und drückend über der ganzen Natur. — Zweifel schüttelten itzt ihre Seele, eine noch schrecklichere Ungewißheit trat an die Stelle des vorigen Entsetzens. — »Gott!« rief sie lautseufzend, und im Ton der Verzweiflung.

»Emma!« seufzte es leise aus einem nahen Gebüsche mit dem ächzenden Tone eines Sterbenden. Emma bebte auf. Es rasselte im Laube. — »Mein Vater!« rief sie aus, und stürzte in die Arme Friedrichs, der verwundet hieher geflohen und niedergesunken war. —

»Wüthet noch die Flamme in der Burg meiner Väter?« fragte er mit schwacher Stimme.

»Nein!« sprach Emma, »die Flamme ist gelöscht.«

»Nun Gott sei Dank!« antwortete Friedrich und erhob sich.

Emma umschlang ihn mit ihren Armen, da fühlte sie das Blut des Greises über ihre Hand fließen.

»Himmel!« rief sie aus, »mein Vater, Ihr blutet!« — Schnell zerriß sie ihren Schleier und verband die Wunde so sorgfältig, als es die Finsterniß der Nacht erlaubte. Friedrich küßte sie und drückte sie stumm an seine Brust. — »O, ich bin glücklich!« sprach er endlich, »da ich dich wieder gefunden habe; mag Manfred doch in meinen Burgen wüthen, wenn du nur mein bleibst; mag das Feuer meine Schätze verzehren, wenn ich dich nur noch an meine Brust drücken kann. — Ich bin nicht unglücklich!« —

Der Tag fing an zu grauen, schwarze Wolken säumten sich mit sanftem Roth, ein kalter Morgenwind wehte, die Gegend trat nach und nach aus der Nacht hervor, und mit goldnem Gefieder schwang sich endlich das Morgenroth aus der Tiefe empor, und sein leuchtender Fittig umarmte den östlichen Horizont.

Friedrichs Wunde blutete nicht mehr, und er fühlte sich stärker, als er aus der Ferne über einen Berg einen Trupp Reiter auf sich zusprengen sahe; Adalbert war an ihrer Spitze.

»Sieg! Sieg!« frohlockte die jauchzende Schaar; »Sieg!« hallte das Thal mit seinen Felsen wieder; »Sieg!« sprach Emma freudig nach; eine Thräne der Freude stürzte schnell aus ihrem Auge, und eine schöne Röthe überflog ihr bleiches Antlitz. Friedrich erhob sich schnell bei dem Worte, und sah wieder so kühn umher, als er es sonst gewohnt war.

Adalbert stieg von seinem Rosse. »Manfred ist geschlagen!« sprach er, »nur wenige von seiner Rotte sind meinem strafenden Schwerte entronnen.« Friedrich eilte ihm entgegen, und schloß ihn herzlich in seine Arme. »Sei mir willkommen!« rief er ihm entgegen, »willkommen, mein geliebter Sohn!«

»Euer Sohn?« sprach Adalbert froh auffahrend; er blickte schüchtern auf Emma, die bei diesem Blicke erröthete.

»Ja! wie meinen Sohn lieb' ich dich,« sprach Friedrich, »verdank ich dir nicht alles? — Sage, wie kann ich dich belohnen? Fordre, bei meinem Ritterworte! alles was meine Ehre erlaubt sei dein.«

Adalbert blickte in Friedrichs Auge, schon wollte er den Namen Emma aussprechen, als er das Auge noch einmal zu ihr wandte. — Sie schlug schüchtern die Augen nieder, und schüchtern stammelten nun Adalberts Lippen statt Emma — »das Ritterschwert.« —

Er kniete nieder und stand als Ritter wieder auf.

 


 

Manfreds Schaar war gänzlich zerstreut, und die Ordnung in Friedrichs Burg wieder hergestellt. Das Feuer hatte durch Adalberts Vorsorge nur wenigen Schaden thun können, und obgleich viele von Friedrichs Kriegern gefallen und verwundet waren, konnte dieser doch dem Glück und Adalbert Dank sagen, daß er den verrätherischen Überfall nicht theurer hatte bezahlen müssen.

Konrad von Burgfels verließ Friedrichs Veste, um die seinige zu besuchen, der nächtliche Überfall hatte ihn besorgt gemacht; er reiste mit dem Versprechen ab, in kurzer Zeit wieder bei seinem Waffenbruder einzukehren.

Unmuthig ging indeß Adalbert im Schloßgarten auf und ab, denn sein Gedächtniß wiederholte ihm alle Vorfälle dieser Nacht mit den kleinsten Umständen. — »Adalbert!« rief er endlich aus, »was hast du gethan? —« Unbesonnen hast du den großen Augenblick deines Lebens verscherzt, in welchem die Waage deines Glücks im Gleichgewichte stand; — kam es nicht bloß auf dich an, glücklich zu seyn? — Ein Wort aus meinem Munde, und sie war mein, ewig mein! — Dein? Ist das so gewiß? — Welcher Sterbliche wagt es, so frech das ganze Glück seines Lebens einem einzigen Hauche anzuvertrauen? — Hätte mir nun das Nein wie meine Sterbeglocke fürchterlich aus seinem Munde getönt, Adalbert, wie dann? — Itzt bleibt dir doch noch die tröstende Hoffnung. — Aber hoffen, und ewig nur hoffen, indeß sich meine Kraft aufzehrt, und das Ziel meines Glücks immer weiter aus meinen Augen gerückt wird. — Hoffnung! dieser ärmliche Ersatz für Genuß, dieser schadenfrohe Schatten, der ewig uns freundlich winkt und uns so in unser Grab lockt, — lieber Gewißheit des Unglücks als dieses peinliche Schwanken zwischen Zweifeln und Hoffen, lieber sterben als in jedem Augenblick den Tod fürchten. Und muß ich nicht doch irgend einmal mein ganzes Glück einer Frage anvertrauen? — Ja! es sei gewagt, noch heut muß sich mein Schicksal entscheiden, — und was wag' ich denn dabei?

»Was?« fuhr er seufzend nach einer Pause fort, »die ganze Seligkeit dieses Lebens. Wie wird die ganze Welt verdorren, wie werden alle meine Freuden hinwelken, wenn der verdammende Urtheilsspruch mir tönt! — Aber sei's! der hat noch dem Glücke keine Krone abgewonnen, der nicht mit ihm zu würfeln wagte, — mag das Spiel um Tod und Leben gehn! — was ist mir ein solches Leben? der Tod sei mir willkommen! —

»O daß ich jenen Augenblick nicht benutzte! Jahre werden ihn mir nicht wieder anbieten, er nannte mich Sohn — Wird er mich je wieder so nennen? — Kenne ich nicht Friedrich, der so stolz auf seine Schätze ist?

»Und wer hat ihm diese erhalten? Und bin ich itzt nicht Ritter so wie er? — Itzt sind wir uns gleich, und die vorige glückliche Nacht hat mich noch über ihn gestellt.

»Stolzer Adalbert! Wer nahm dich verwaisten Knaben auf? Wer erzog dich? Wem dankst du dein Leben? — O, ich fühl' es! dieser Kampf meiner Seele wird nie enden.«

So stritt Adalbert lange mit sich selbst. Er ging heftig auf und ab, bald stand er plötzlich still und heftete den Blick auf den Boden, dann ging er langsamer, stand wieder still, bis er erschrocken wieder auffuhr, und noch schneller auf- und niederging.

»Wir sind ja Beide Menschen!« sprach er endlich langsam und beruhigt, »es betrifft das Glück meines Lebens, und auch er soll dadurch glücklich werden; ich will der zärtlichste Sohn seyn, ihn im Alter schützen, sein pflegen, es soll ihn gewiß nicht reuen. Er findet keinen Eidam, der seine Emma so lieben, so glücklich machen würde, als ich, das fühl' ich, und ihr Glück, hat er mir ja oft gesagt, wird auch das seinige sein.«

So ausgerüstet ging er itzt muthig in Friedrichs Gemach. Die Sonne war schon untergegangen, und der Ritter saß still und gedankenvoll in seinem Zimmer.

Adalbert fühlte sein Herz heftig klopfen, als er die Thür öffnete, die Brust ward ihm zu enge, er war mit dem Ritter so vertraut, und doch war es ihm als wollt' er itzt mit einem Unbekannten sprechen.

»Willkommen, Adalbert!« rief ihm Friedrich entgegen, »gut daß du kömmst, ich wollte dich schon rufen lassen; wir haben lange nicht mit einander getrunken, und ich bin heut so traurig. Es wird doch wohl nicht das letztemal sein, daß mir mit einander trinken?«

»Das letztemal?« fragte Adalbert und eine glühende Hitze überflog ihn; er war itzt fest entschlossen, kein Wort zu sagen.

Friedrich. Setze dich zu mir, Adalbert! wir wollen uns heut wohl sein lassen, du hast gekämpft, dafür mußt du ruhen.

Buben brachten Wein, der Alte goß die Becher voll, und Beide tranken. Adalbert nachdenkend und traurig, fast ohne zu wissen, daß er trank, Friedrich desto fröhlicher.

Friedrich. Du bist nicht munter, Adalbert! du trinkst ja warlich wie ein Mädchen. — Was ist dir?

Adalbert. Nichts. — Er sahe starr vor sich hin, indem er mit Wollen und Nichtwollen kämpfte. Itzt riß er sich gewaltsam aus seiner Träumerei, glaubte falsch geantwortet zu haben und setzte noch schnell und zerstreut hinzu: O ja!

Friedrich. Adalbert! du sprichst im Traume. Sonst bist du ein fröhlicher Gesellschafter, man verkennt dich heute ganz.

Adalbert. Heut?

Friedrich. Am ersten Tage deines Lebens?

Adalbert. Ich bin unzufrieden, — eine peinigende Reue verscheucht allen Frohsinn.

Friedrich. Reue? worüber?

Adalbert. Ein einziges Wort bereu' ich, ich bin unzufrieden mit dem heutigen Morgen.

Friedrich. Wie? — Wäre es nicht dein heißester Wunsch gewesen, in den Orden der Ritterschaft zu treten?

Adalbert. Nicht mein heißester, — meine Zunge sprach es wider meinen Willen, — ich hätte Euch — um Emma bitten sollen! —

Die letzten Worte sprach er sehr schnell; laut und schmerzlich fühlte er itzt sein Herz schlagen, das Wamms ward ihm zu enge; er wollte nach einem Becher greifen um seine glühende Röthe zu verbergen, aber der Becher fiel aus seiner zitternden Hand.

Eine lange tiefe Stille. Adalbert hörte seinen heißen Athem wehen und zwängte ihn in seine Brust zurück, er wünschte sich itzt in das Geräusch einer Schlacht, mitten unter die Stürme einer Gewitternacht.

»Adalbert!« sagte Friedrich, und Adalbert schrak zusammen, als hätte ihn der Blitz getroffen.

»Adalbert!« fuhr Friedrich fort, »du bist undankbar, — du bist mein Freund, bist du damit nicht zufrieden?

Adalbert. Nein, edler Ritter! ich will, ich muß Euer Sohn werden. —

Alle seine Furcht war verschwunden, denn Friedrich zürnte nicht, er hatte ihn angeredet, wie ein gütiger Vater seinen Sohn anredet. So tief vorher sein Muth gesunken war, so hoch stieg er itzt wieder empor.

»Du mußt?« sagte Friedrich, »wärst du boshaft genug, mir eine schwarze Mauer vor die schönste Aussicht hinzustellen? — Nein, Adalbert! — diese Bitte muß ich dir abschlagen.«

»Abschlagen?« sprach Adalbert ganz leise nach, als wenn er sich fürchtete, dieß Wort noch einmal zu hören. — Aber die Bahn war gebrochen, er war in einer Lage, die an kalte Verzweiflung grenzte, daher behielt er Muth genug zu fragen: »aus welcher Ursach?«

Friedrich. Meine schönsten Träume waren von jeher, daß meine Tochter einem Ritter vermählt würde von edler und berühmter Abkunft, — die fehlt dir; ich habe keinen Sohn, sie ist mein Stolz und meine Freude, — sie erbt von mir Burgen und Schätze, diese muß mein Eidam auch besitzen, — du hast diese nicht. — Du kannst mein Freund sein, aber nicht mein Sohn.

Adalbert. Ritter! um Gottes willen, widerruft was Ihr da gesagt habt! — Ruhm und Schätze verlangt Ihr? wie nichtswürdig ist beides in den Armen der Liebe! — Vater! Emma an meine Seite, und Ihr sollt in einem Himmel leben, Ihr sollt ungern diese Erde verlassen! — Können Euch Ruhm und Schätze Glück bezahlen? Wiegen Goldstücke die Thränen Eurer Tochter auf? — Ich muß verzweifeln, wenn Ihr nicht widerruft!

Friedrich. Adalbert!

Adalbert. Wird Euch nach meinem Tode auf dieser Stelle nie der Name Adalbert einfallen? — O Friedrich! Friedrich!

Er stürzte kraftlos nieder und umarmte heftig die Kniee des Ritters. — Friedrich beugte sich gerührt über ihn und hob ihn auf. »Unglücklicher!« sagte er, »Konrad hat mein Ritterwort, sie ist die Braut seines Sohnes.«

Adalbert. O widerruft Euer Ritterwort, vernichtet Euer Versprechen —

»Halt!« rief Friedrich und stand wüthend auf, »Bösewicht! mein Ritterwort brechen! — Bei Gott! dann mag der Henker mein Wappen zertrümmern, und den Namen Mannstein an eine Schandsäule schreiben! Geh Verworfner! — Geh! du entehrst das Schwert an deiner Seite.

Er schwieg und erwartete eine Antwort, aber Adalbert stand stumm und unbeweglich vor ihm, ohne alle Zeichen des Lebens.

»Von itzt an,« sprach Friedrich, »halte ich dich jeder Schandthat fähig; du verlässest morgen meine Burg, ich lasse dir ein Roß zäumen; bei meiner Ritterehre! ich will dich nicht wieder sehn, denn ein solcher Bube könnte Emma entehren, und Konrad von Burgfels ermorden.«

Itzt ging Adalbert stumm fort, an der Thüre des Zimmers stand er still, seine Kniee wankten, seine Hände zitterten, so nahte er sich dem Ritter und sagte halblächelnd: »Seht Ihr! nun haben wir doch zum letztenmal mit einander getrunken.«

Mit einer schweren Thräne sprach er die Worte »zum letztenmale« aus. Dann verließ er schnell und stumm das Gemach.

Friedrich sah ihm lange nach, dann starrte er auf die Thräne Adalberts, die brennend auf seine Hand gefallen war, er selbst konnte eine andre nicht in sein Auge zurückzwängen, sie rollte langsam über seine Wange.

Er wischte sie seufzend weg, trocknete dann die Thräne Adalberts, um es zu vergessen, daß ein Mann hier geweint habe.

Er hätte so gern diese Stunde vernichtet, ihm reute die Hitze, in welcher er Adalberts Leidenschaft zu unbillig behandelt hatte, — aber die Stunde war vorüber, die schrecklichen Worte waren gesprochen.

Betäubt ging Adalbert auf sein Zimmer. Das Loos ist gefallen! rief er wild und warf sich in einen Sessel; ich habe verloren, setzte er dann mit schrecklicher Kälte hinzu, — wie konnte ich auch auf einen Gewinn rechnen? — Dann ging er lange heftig auf und ab, öffnete stumm das Fenster und schaute mit starrendem Auge in die monderhellte Gegend.

Es war eine schöne Sommernacht, die Luft bebte ihm warm und lieblich entgegen, die ganze Gegend war still und ruhig; der Mond schien durch dunkele Tannen und warf in der Ferne auf die schlanken Erlen am See ein ungewisses Licht; Schatten und Helle flohen und wechselten; Eichen und Buchen standen da in Glanz und helles funkelndes Grün gekleidet, auf jedem sanftzitternden Blatte schien ein Flämmchen zu brennen und durch die Nacht zu leuchten. Durch die verschränkten Zweige schlüpfte der Strahl des Mondes und spielte wallend und webend auf dem grünen Rasen; die ganze bekannte Gegend war durch die magische Beleuchtung fremd und unbekannt; die Birken am Abhang des Berges waren Wolken ähnlich, die in den ersten Strahl des Morgens getaucht aufwärts schweben; ihre weißen Stämme glichen Geistern, die ruhig durch die Wolkennacht den Berg erstiegen. Unken klagten aus fernen Teichen, eine Nachtigall sang aus dem Busche ihr entzückendes Lied, Feuerwürmchen schwebten wie kleine Sterne durch die Nacht und spielten fröhlich im weißen Strahl des Mondes.

Die kalte Verzweiflung Adalberts lößte sich bald in die Thränen der Wehmuth auf. — Wenn er jetzt den Tönen der Nachtigall folgte, wenn sein Blick durch den glänzenden Himmel dahin eilte, so schien ihm der ganze heutige Tag nichts als ein Traum zu sein. — Wie könnte Unglück diese schöne Welt entstellen? so dachte er und freute sich schon auf das angenehme Gefühl, wenn er aus diesem Traum erwachen würde.

Seine Phantasie begann ein bezauberndes Spiel mit den Strahlen des Mondes, sie zeichneten ihm im wankenden Grase das Bild seiner Emma, bald wie sie ihm froh entgegeneilte, bald wie sie kniend vor ihrem Vater lag und ihn um seinen Segen bat. In den wunderbaren Gebilden der mondbeglänzten Wolken sah' er bald Ungeheuer, die seine Emma verfolgten, dann sah' er sich selbst, wie er für sie kämpfte und siegte, — sie reichte ihm den Kranz der Belohnung, und der Kranz floß in einen glühenden Dolch zusammen; aber sein Auge verfolgte so lange das schwebende Wölkchen, bis er den Myrthen-Kranz in ihm wiederfand.

So schwärmte sein Geist in den süßesten Träumen umher, der Zorn Friedrichs lag ihm wie in einer weiten Ferne, reizende Bilder lebten und webten in seiner Seele und stellten sich lächelnd vor jede traurige Erinnerung, — als nach und nach der Mond erblich und über die fernen Hügel das erste graue Licht des Tages zitterte.

Plötzlich war der schöne Schleier zerrissen, der seine Schläfe so sanft umfing, alle Täuschungen der Phantasie sanken plötzlich unter. Die Sterne verloschen, die Nachtigall verstummte, eine heilige Stille in der Natur — und er fand sich und seine Verzweiflung wieder. Mit dem Tage kehrten alle Gefühle des Schmerzes in seine Seele zurück. Alle Phantasien entflohen, die Freuden sanken mit dem Monde unter und der kalte Morgenwind wehte ihm die schreckliche Überzeugung zu: Du bist unglücklich!

Wie oft habe ich sie nicht unter jenem Baume gesehn, — dachte er jetzt, — ich werde sie dort nicht mehr sehn! Mein erster Gedanke beim Erwachen war sie, wie freudig sucht' ich den ersten Blick ihrer Augen! — jetzt wird der bleiche Gram an meinem Lager sitzen, und mir bei meinem Erwachen die dürre Hand entgegenstrecken. — Ach, Emma! wirst du mich vergessen? — O noch einmal wünsch' ich sie zu sehn, sie an das Versprechen ihrer Treue zu erinnern. — Werde ich sie noch einmal sehn? Sie schläft vielleicht noch und ahnet nicht, daß sie meinen Abschied auf ewig verschläft. — Emma! Soll ich fortgehn ohne wenigstens aus ihrem Munde ein süßes: Lebewohl! mitzunehmen?

Er verzögerte seine Abreise, er hoffte noch immer, daß sie bei seinem Zimmer vorbeirauschen würde, wie sie oft am Morgen that; er horchte aufmerksam auf jeden Zug des Windes. — Schon hundertmal hatte er die Thür geöffnet und hundertmal trat er wieder in das Zimmer zurück; es fiel ihm jedesmal ein, daß er auf ewig Abschied nehme, daß er, wenn er aus der Thür getreten sei, vielleicht eben so aus dem Leben gehe, ohne sie wiederzusehen. — Eine Stunde nach der andern eilte hinweg, sie kam nicht, — da stieg die Sonne düster hinter schwarzen Wolken empor — wüthend öffnete er die Thür, schlug sie heftig zu und ging.