„Ja, ich sehe wohl, der Wald gibt eine viel größere Ernte, als ich gedacht hatte,“ sagte Nils Holgersson. „Aber noch mehr solcher Holzmühlen gibt es doch wohl nicht?“

Der Adler bewegte nur ganz sachte die Flügel; er flog an einigen Sägewerken vorüber, und so gelangten sie rasch an eine große Stadt. Als der Adler hörte, daß der Junge fragte, was das wohl für eine Stadt sein könnte, rief er: „Dies ist Sundsvall. Das ist der Hauptplatz des Bezirks.“

Da mußte der Junge an die Städte drunten in Schonen denken, die gar so alt und grau und ernst aussahen. Hier oben im kalten Norden lag Sundsvall ganz drinnen in einer schönen Bucht und sah neu und vergnügt und strahlend schön aus. Von oben gesehen hatte die Stadt etwas überaus Lustiges, denn in der Mitte lag eine Gruppe schöner, hoher steinerner Häuser, die kaum in Stockholm ihresgleichen haben konnten; rings um diese hohen steinernen Gebäude her war ein freier Raum, und dann erst kam ein Kranz von Holzhäusern, die freundlich und gemütlich von kleinen Gärten umgeben dalagen, aber allem Anscheine nach sehr gut wußten, daß sie geringer waren als die steinernen Häuser und sich deshalb nicht ganz zu ihnen hinwagen dürften.

„Das ist ja eine sehr große, reiche Stadt,“ sagte der Junge. „Sollte der magere Waldboden dies alles hervorgebracht haben? Das ist aber doch wohl nicht möglich?“

Der Adler bewegte die Flügel und flog hinüber nach Alnön, das Sundsvall gerade gegenüber liegt. Hier konnte sich der Junge nicht genug verwundern über alle die vielen Sägewerke, die der Küste entlang lagen. Hier bei Alnön lagen sie dicht nebeneinander, und auf dem Festland gerade gegenüber lag auch Sägewerk neben Sägewerk, Zimmerplatz neben Zimmerplatz. Der Junge zählte mindestens vierzig, aber er glaubte, es seien noch mehr.

„Es ist doch recht merkwürdig, daß es hier oben so aussehen kann,“ sagte er. „So viel Leben und so viel Bewegung habe ich auf der ganzen Reise noch nirgends gesehen. Das ist doch ein wunderbares Land! Wohin ich auch kommen mag, überall gibt es etwas, wodurch sich die Menschen ihren Lebensunterhalt verschaffen können.“


42
Ein Morgen in Ångermanland

Das Brot

Samstag, 18. Juni

Als der Adler am nächsten Morgen eine Strecke weit nach Ångermanland hineingeflogen war, sagte er, heute sei er hungrig, er wolle sich etwas Nahrung verschaffen. Er setzte Nils Holgersson auf einer mächtigen Tanne ab, die auf einem hohen Felsen stand, und flog davon.

Der Junge machte sich einen guten Sitzplatz auf einem gegabelten Ast, und von da aus schaute er nach Ångermanland hinunter. Es war ein wunderschöner Morgen, die Sonne vergoldete die Baumwipfel, ein sanfter Wind strich wie liebkosend durch die Nadeln, und ein lieblicher Duft stieg aus dem Walde auf. Dem Jungen war froh und sorglos zumute; er dachte, niemand könnte es besser gehen als ihm.

Nach allen Seiten war die Aussicht offen, und er konnte frei umherschauen. Gegen Westen war das Land voller Felsenkuppen und Berggipfel, die in der Ferne immer höher und wilder wurden. Ostwärts war auch hügeliges Land; da aber senkte es sich und wurde niedriger, bis es sich drunten am Meere schließlich ganz flach hinzog. Überall blinkten Bäche und Flüsse, die, so lange sie zwischen den Bergen flossen, einen gar beschwerlichen Lauf mit vielen Stromschnellen und Wasserfällen hatten, sich aber ausbreiteten, glänzend hell und breit wurden, sobald sie sich der Küste näherten. Den Bottnischen Meerbusen konnte Nils Holgersson auch sehen. In der Nähe des Landes war er mit Inseln gespickt und in Landzungen ausgezackt, aber weiterhin lag die Wasserfläche dunkelblau glänzend da wie ein Sommerhimmel.

„Dieses Land sieht aus wie ein Flußufer, gleich nachdem es geregnet hat,“ dachte der Junge. „Viele kleine Bäche fließen heraus und graben Furchen in den Boden, die sich winden und hinschlängeln und ineinanderlaufen. Und es ist in der Tat ein recht schöner Anblick. Ich erinnere mich wohl, daß der alte Lappe auf Skansen immer sagte, der liebe Gott habe Schweden, als er es auf der Erde ausbreitete, verkehrt hingestellt. Die andern lachten ihn aus, aber er blieb bei seinem Ausspruch und sagte, wenn sie gesehen hätten, wie schön es da droben im Norden sei, dann würden sie wohl einsehen, daß es nicht von Anfang beabsichtigt gewesen sei, ein solches Land so abseits zu legen. Und ich glaube fast, darin hatte er recht.“

Nachdem sich der Junge an der Landschaft satt gesehen hatte, nahm er sein Ränzel ab, zog ein Stück feines Weißbrot heraus und begann zu essen.

„Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch kein so gutes Brot gegessen,“ sagte er. „Und wieviel ich noch habe! Das genügt noch für mehrere Tage. Gestern um diese Zeit hätte ich nicht geglaubt, daß ich heute im Besitz von solchem Reichtum sein würde.“

Während er lustig kaute und drauf los aß, dachte er daran, auf welche Weise er das Brot bekommen hatte.

„Es schmeckt mir gewiß auch deshalb so ausgezeichnet, weil ich es auf eine so schöne Weise erhalten habe,“ sagte er.

Schon am Abend vorher hatte der Königsadler Medelpad verlassen, und kaum hatte er die Grenze von Ångermanland erreicht, als der Junge ein Wiesental und einen Fluß erblickte, die an Schönheit und Größe alles andre, was er bisher gesehen hatte, übertrafen.

Das Tal lag ungeheuer breit zwischen den Bergen, und der Junge fragte sich, ob nicht am Ende dieses Tal in frühern Zeiten von einem andern Flusse, einem viel größern und breitern als dem jetzigen, ausgegraben worden sein könnte. Nachdem das Tal hergestellt gewesen war, mußte es durch irgendein Ereignis mit Sand und Erde verschüttet worden sein, zwar nicht vollständig, aber doch ein gutes Stück an dem Gebirge hinauf. Durch das Geröll hindurch hatte sich dann der jetzige Fluß, der sehr breit und wasserreich war, auch ein tiefes Bett gegraben. Er hatte seine Ufer wunderschön ausgeschnitten: bald umsäumten ihn Abhänge, die in roter, blauer und gelber Blumenpracht bis herauf zu dem Jungen leuchteten, bald ragten die felsigen Strecken, die dem Wasser zu hart zum Durchbrechen gewesen waren, wie steile Mauern und Türme am Flußufer auf.

Als der Adler den Jungen so hoch droben durch die Lüfte getragen hatte, war es diesem gewesen, als könne er zu gleicher Zeit in drei verschiedene Welten hineinschauen. Ganz drunten im Tale, wo der Fluß hinzog, war die eine Welt. Da wurden Balken fortgeflößt, da eilten Dampfboote von Brücke zu Brücke, da klapperten die Sägewerke, da wurden große Frachtschiffe beladen, da wurde der Lachs gefangen, da wurde gerudert und gesegelt, da flogen unzählige Schwalben, die ihre Nester in der Nähe des Ufers hatten, hin und her!

Aber ein Stockwerk höher, sozusagen zur ebenen Erde, die sich ganz bis an den Rand der Berge erstreckte, war die zweite Welt. Da lagen Gehöfte, Dörfer und Kirchen; da bestellten die Bauern ihre Felder, da weidete das Vieh, da grünten die Wiesen, da waren die Weiber in ihren kleinen Gemüsegärten eifrig an der Arbeit, da zogen sich die Landstraßen in vielen Krümmungen hin, da brauste die Eisenbahn einher!

Und dann, weit entfernt von all diesem, droben auf den waldbestandenen Höhen, da war die dritte Welt. Da lag das Weibchen des Auerhahns auf seinen Eiern, da stand der Elch im tiefen Waldesdunkel verborgen, da lauerte der Luchs, da knabberte das Eichhörnchen, da dufteten die Tannen, da blühten die Heidelbeeren, da schlug die Drossel ihre Triller!

Als Nils Holgersson das reiche Flußtal erblickte, fing er an, über Hunger zu klagen. „Nun habe ich seit zwei vollen Tagen nichts zu essen bekommen,“ sagte er, „und ich bin ganz ausgehungert.“

Gorgo war der Gedanke unerträglich, es könne nachher heißen, dem Jungen sei es bei ihm schlechter gegangen als bei den Wildgänsen, und er flog deshalb sogleich langsamer.

„Warum hast du das nicht früher gesagt?“ fragte er. „Du kannst so viel zu essen haben, wie du nur willst. Wenn du einen Adler als Reisekameraden hast, brauchst du nicht zu hungern.“

Gleich darauf gewahrte Gorgo einen Bauern, der drunten am Flusse ein Feld besäte. Das Saatkorn trug der Mann in einem Korbe vorn auf der Brust, und so oft der Korb leer war, holte er sich neuen Vorrat aus einem Sack, der drüben am Rande des Ackers stand. Der Adler vermutete mit Recht, daß dieser Sack mit dem Besten gefüllt sei, was sich der Junge nur wünschen könnte, und er ließ sich deshalb an dieser Stelle hinuntersinken.

Aber ehe der Adler den Boden erreicht hatte, entstand um ihn her ein entsetzlicher Lärm; in dem Glauben, der Adler wolle sich auf einen Vogel stürzen, kamen Krähen, Sperlinge und Schwalben mit lautem Geschrei eilig dahergeflogen.

„Weg, weg, du Räuber! Weg, weg, du Vogelmörder!“ schrien sie; und sie verführten einen solchen Spektakel, daß der Bauer aufmerksam wurde und herbeilief. Da war der Adler gezwungen, zu fliehen, und der Junge hatte auch nicht ein einziges Körnchen bekommen.

Diese kleinen Vögel hatten sich zu sonderbar benommen; nicht genug, daß sie den Adler in die Flucht zwangen, sie verfolgten ihn auch noch eine gute Strecke das Tal entlang. Und überall wurden die Leute auf das laute Vogelgeschrei aufmerksam; die Weiber liefen vor die Häuser heraus und klatschten so laut in die Hände, daß es wie Gewehrsalven klang, und die Männer kamen mit der Flinte in der Hand herbeigelaufen.

Und so ging es jedesmal, sobald sich der Adler auf die Erde hinabsinken ließ. Der Junge hatte die Hoffnung, der Adler werde ihm etwas Nahrung verschaffen können, schon aufgegeben. Ach, er hatte bis jetzt gar nicht gewußt, wie verhaßt und verabscheut Gorgo war! Dieser tat dem Jungen herzlich leid, und er meinte fast, es geschähe ihm unrecht.

Nach einer Weile flogen sie über einen schönen Bauernhof hin, wo die Hausfrau offenbar großen Backtag gehabt hatte. Die frischgebackenen Weißbrote standen zum Abkühlen auf dem Hofplatz, und die Bäuerin selbst stand zur Aufsicht daneben, damit weder Hund noch Katze eines davon stibitze.

Der Adler hätte sich auf den Hof hinabsinken lassen können; aber vor den Augen der Bäuerin wagte er die Brote nicht anzugreifen. Ratlos flog er hin und her; ein paarmal war er schon dicht über dem Schornstein, flog aber jedesmal wieder in die Höhe.

Jetzt gewahrte die Bäuerin den Adler; sie hob den Kopf und sah ihm nach.

„Wie sonderbar dieser Vogel sich benimmt!“ sagte sie. „Ich glaube gar, er möchte eines von meinen Brötchen.“

Es war eine sehr schöne Frau, groß und blondhaarig, mit einem offenen, fröhlichen Gesicht. Sie lachte herzlich, nahm eines der Brötchen von der Platte und hielt es hoch über ihrem Kopf empor. „Wenn du es willst, dann hol es dir!“ rief sie.

Der Adler konnte nicht verstehen, was sie sagte; aber er war sich doch sogleich klar darüber, daß sie ihm das Brot geben wollte. Blitzschnell schoß er hinunter, schnappte ihr das Brot aus der Hand und schoß wieder in die Luft hinauf.

Als der Junge den Adler das Brot ergreifen sah, traten ihm die Tränen in die Augen; einerseits aus Freude, weil er nun mehrere Tage lang nicht zu hungern brauchte, andrerseits aber, weil er tief gerührt war, daß die Bäuerin ihr Brot mit einem wilden Raubvogel geteilt hatte.

Und während Nils Holgersson nun hier in dem Tannenwipfel saß, konnte er sich, sobald er nur wollte, das Bild der großen, blondhaarigen Frau ins Gedächtnis zurückrufen; er sah sie ganz deutlich vor sich, wie sie auf dem Hofplatz stand und das Brot in die Höhe hob. O, sie hatte ohne Zweifel gewußt, daß der große Vogel ein Königsadler war, ein Räuber, den die Leute sonst mit scharfen Schüssen begrüßen, und sie hatte wohl auch das sonderbare Wesen bemerkt, das der Adler auf dem Rücken trug; aber sie hatte nicht erst lange gefragt, wer die beiden waren; sobald sie begriff, daß sie hungrig waren, hatte sie ihnen von ihrem guten Brot mitgeteilt!

„Wenn ich einmal wieder ein Mensch bin,“ dachte der Junge, „dann mache ich mich auf den Weg und suche die schöne Bäuerin an dem großen Flusse auf, um ihr dafür zu danken, daß sie so gut gegen uns gewesen ist.“

Der Waldbrand

Während Nils Holgersson noch mit seinem Frühstück beschäftigt war, wehte ihm plötzlich von Norden her ein schwacher Brandgeruch entgegen. Er wendete sich gleich nach dieser Seite und sah von einem der bewaldeten Hügel eine ganz dünne Rauchsäule aufsteigen, und zwar nicht von dem ihm am nächsten liegenden, sondern von einem aus der dahinter aufragenden Hügelkette. Dieser Rauch, der da mitten aus dem wilden Walde aufstieg, machte den Jungen stutzig; aber dann dachte er, es könne ja möglicherweise dort eine Sennhütte sein, und die Sennerinnen seien beim Kaffeekochen.

Aber es war doch sonderbar, wie sehr der Rauch zunahm und wie er sich immer weiter ausbreitete! Von einer Sennhütte konnte er nicht aufsteigen; aber vielleicht waren dort Kohlenbrenner bei ihren Meilern. Auf Skansen hatte der Junge eine Kohlenbrennerhütte und einen Kohlenmeiler gesehen, und er hatte auch gehört, daß in diesen Wäldern hier an verschiedenen Orten Kohlen gebrannt würden. Aber eigentlich hatten Kohlenbrenner doch nur im Frühjahr und im Winter brennende Meiler!

Der Rauch nahm mit jedem Augenblick zu; jetzt wogte er über den ganzen Hügel hin. Ein Kohlenmeiler konnte nicht so viel Rauch hervorbringen, das war ausgeschlossen. Irgendwo mußte ein Brand sein; der Junge sah auch eine Menge Vögel aufsteigen und nach dem nächsten Hügel hinüberfliegen. Habichte und Auerhähne und andre kleine Vögel, die der Junge aus dieser Entfernung nicht erkennen konnte, flüchteten sich vor dem Brande.

Aus der kleinen weißen Rauchsäule war jetzt eine schwere weiße Wolke geworden, die sich am Hügelrand hinwälzte und von da ins Tal hinabsenkte. Aus der Wolke heraus flogen Funken und Rußflocken, und ab und zu leckte auch eine rote Flamme durch den Rauch. Dort drüben mußte sicher eine gewaltige Feuersbrunst ausgebrochen sein! Aber was in aller Welt brannte denn dort? Es konnte doch unmöglich ein Bauernhof so tief drinnen im Walde versteckt liegen?

Und bei einer solchen Feuersbrunst, wie die da drüben, hätte sicher auch mehr als ein Hof brennen müssen. Jetzt wallte der Rauch nicht nur von dem Hügel auf; nein, auch aus dem Tale drunten, das der Junge zwar nicht sehen konnte, weil es von dem nächsten Hügel verdeckt war, stiegen große Rauchmassen auf. Es war nicht anders möglich, der Wald selbst mußte in Brand geraten sein.

Der Junge konnte sich fast nicht vorstellen, daß der frische grüne Wald in Brand geraten könnte. Und doch mußte es so sein! Aber wenn nun der Wald dort drüben wirklich brannte, dann konnte das Feuer ja bis zu ihm herüberdringen! „Sehr wahrscheinlich ist dies zwar nicht, aber es wäre mir doch recht angenehm, wenn der Adler jetzt bald käme,“ dachte der Junge. „Wenn ich doch nur von hier fort wäre!“ Schon allein der Brandgeruch, den er bei jedem Atemzug einatmen mußte, war ihm unerträglich.

Plötzlich erklang ringsum ein entsetzliches Knattern und Dröhnen. Es kam von dem nächsten Hügel her. Ganz oben auf dem Gipfel stand eine ebenso hohe Tanne wie die, auf der Nils Holgersson saß. Sie war sehr hoch und ragte über alle andern hinaus. Vorhin war sie von der Morgensonne rot beleuchtet gewesen, jetzt glühten alle ihre Nadeln wie auf einen Schlag, und sie fing Feuer. So schön war sie noch niemals gewesen; aber dies war das letztemal, wo sie ihre Schönheit zeigen konnte. Sie war der erste Baum auf diesem Hügel, der Feuer fing, und der Junge konnte gar nicht begreifen, wie es zugegangen war. War das Feuer auf roten Schwingen dahergeflogen gekommen? Oder war es zischend an der Erde hingekrochen wie eine Schlange? Das war nicht leicht zu entscheiden, jedenfalls war es nun da; der ganze Baum loderte hell auf wie ein Haufen Reisig.

Da, da! Jetzt schlug der Rauch an verschiedenen Stellen auf dem Hügel zugleich heraus! Der Waldbrand war Vogel und Schlange zugleich; er konnte sich ebensogut weit durch die Luft schwingen wie an der Erde hinkriechen; er entzündete den ganzen Waldhügel auf einen Schlag.

Nun entstand eine wahre Panik; die Vögel flohen in wilder Eile. Wie große Rußflocken flatterten sie aus dem Rauche heraus, flogen quer übers Tal hin und auf den Hügel, wo sich der Junge befand. Ein Uhu ließ sich neben dem Jungen nieder, und gerade über ihm setzte sich ein Habicht auf einen Zweig. Zu jeder andern Zeit wären dies gefährliche Nachbarn gewesen; aber jetzt beachteten die Vögel den Jungen gar nicht. Sie starrten nur in das Feuer hinein und konnten offenbar durchaus nicht begreifen, was dort im Walde vorging. Ein Marder lief auch auf den Baum herauf; er stellte sich auf die äußerste Spitze eines Zweiges und schaute unverwandt zu dem brennenden Waldhügel hinüber. Dicht neben dem Marder saß ein Eichhörnchen; aber die beiden schienen einander gar nicht zu sehen.

Jetzt jagte das Feuer den Abhang herunter. Es zischte und dröhnte wie ein brausender Sturm. Durch den Rauch hindurch konnte man die Flammen von Baum zu Baum züngeln sehen. Ehe eine Tanne in Brand geriet, wurde sie zuerst in eine dünne Rauchwolke wie in einen Schleier gehüllt, dann wurden mit einem Schlag alle ihre Nadeln rot, und dann begann sie zu knistern und zu brennen.

Drunten im Tal vor dem Hügel floß ein kleiner von Erlen und Birken umsäumter Bach. Es sah aus, als müsse das Feuer hier Halt machen. Die Laubholzbäume gerieten nicht so rasch in Brand wie die Nadelhölzer. Hier stand das Feuer wie vor einer Mauer und konnte nicht weiter. Es glühte und sprühte und versuchte, nach dem Nadelwald auf der andern Seite des Baches hinüberzuspringen; aber es gelang ihm nicht.

Für eine Weile war das Feuer zum Stillstand gebracht; doch jetzt leckte eine lange Feuerzunge hinüber nach einer hohen, abgestorbenen Fichte, die unten am Abhang wuchs; sofort stand auch der ganze Baum in heller Lohe, und damit war das Feuer über den Bach herübergekommen. Die Hitze war überaus stark; jeder Baum am ganzen Abhang war in größter Gefahr: er konnte im nächsten Augenblick in Brand geraten. Und mit solchem wilden Brausen und Donnern, wie es nur der heftigste Sturm oder der wildeste Wasserfall hervorbringt, jagte das Feuer jetzt den jenseitigen Hügel hinauf.

Da breiteten der Habicht und der Uhu die Flügel aus und flogen davon. Der Marder schoß von dem Baum hinunter. Allem Anscheine nach dauerte es jetzt nicht mehr lange, bis das Feuer diese Tanne ergriff, und der Junge mußte machen, daß er herunterkam. Aber es war nicht so leicht für ihn, an dem hohen, geraden Stamm der Tanne hinabzuklettern; er klammerte sich an, so gut es ging, und ließ sich so von einem Zweig zum andern hinuntergleiten, und schließlich stürzte er schwer zu Boden. Aber er hatte keine Zeit, sich zu überzeugen, ob er sich verletzt hatte. Nur fort, fort! Das war die Losung. Wie ein zischender Blitz schlug das Feuer in die Tanne, der Erdboden darunter war glühend heiß und begann zu rauchen. Auf der einen Seite von dem Jungen lief ein Luchs, auf der andern ringelte sich eine lange Kreuzotter, und ganz dicht neben der Kreuzotter kluckte eine Auerhenne, die mit ihren kleinen flaumigen Jungen davoneilte.

Als die Flüchtlinge den Abhang hinuntergekommen waren und das Tal erreicht hatten, trafen sie mit Menschen zusammen, die ausgezogen waren, das Feuer zu löschen. Sie waren gewiß schon lange hier am Werke gewesen; aber der Junge hatte so fortgesetzt nach der Seite gestarrt, woher das Feuer kam, daß er sie nicht früher wahrgenommen hatte. Auch durch dieses Tal floß ein dicht mit Laubhölzern umsäumter Bach, und hinter diesen Bäumen arbeiteten die Leute. Sie fällten die den Erlen zunächststehenden Nadelhölzer, holten Wasser aus dem Bach, schütteten es aufs Erdreich und rissen Heidekraut und Maiblumenstöcke heraus, damit sich das Feuer keinen Weg durch das Gestrüpp bahnen könnte.

Auch diese Leute dachten an nichts andres als an den Waldbrand, der sich ihnen entgegenwälzte. Die fliehenden Tiere liefen ihnen zwischen den Beinen durch; aber sie kümmerten sich gar nicht darum. Sie schlugen nicht nach der Kreuzotter, machten keinen Versuch, die Auerhenne zu fangen, während sie mit ihren kleinen piependen Jungen am Bachufer hin und her lief; ja sie beachteten nicht einmal den Däumling. Sie standen da und hielten große Tannenzweige in den Händen, die sie vorher in den Bach getaucht hatten und offenbar als Waffen gegen das Feuer benützen wollten. Es waren nicht besonders viele Leute, und es war ein merkwürdiger Anblick, wie sie so ganz ruhig zum Kämpfen bereit dastanden, während alles andre, was Leben hatte, entfloh.

Als sich das Feuer mit lautem Dröhnen und Krachen, mit unerträglicher Hitze und erstickendem Rauch den Hügel herabwälzte und ohne einen Augenblick anzuhalten, Miene machte, über den Bach mit seiner Mauer aus grünen Bäumen nach dem andern Ufer hinüberzuspringen, wichen die Menschen zuerst unwillkürlich zurück, als wenn sie es nicht mehr hier aushalten könnten. Aber sie flohen nicht weit, sondern kehrten wieder um.

Jetzt lief der Waldbrand mit wilder Gewalt Sturm. Die Funken sprühten und ergossen sich wie ein Feuerregen über die Laubholzbäume. Lange, feurige Zungen schlugen zischend aus dem Rauch heraus, als wenn der Wald auf der andern Seite sie anzöge.

Aber die Laubholzbäume hielten das Feuer auf, und unter ihnen arbeiteten die Menschen. Wo die Erde zu rauchen anfing, trugen sie in Eimern Wasser herbei und kühlten sie ab. Wenn ein Baum in Rauch eingehüllt wurde, hieben sie mit gewaltigen Axtschlägen drauf los, stürzten ihn um und löschten die Flammen. Wo das Feuer im Heidekraut glimmte, schlugen sie mit den nassen Tannenzweigen darauf und erstickten es.

Der Rauch war jetzt so dicht, daß er alles einhüllte. Man konnte nicht sehen, wie der Kampf sich entwickelte; aber es war wohl zu merken, welch ein harter Kampf es war, und mehrere Male war es gewiß nahe daran, daß das Feuer den Sieg davongetragen hätte.

Aber gottlob, nach einer guten Weile nahm das laute Krachen und Dröhnen des verheerenden Feuers ab, und der Rauch verteilte sich! Da hatten die Laubholzbäume alle ihre Blätter verloren, das Erdreich darunter war vollständig versengt, die Menschen waren vom Rauch geschwärzt und in Schweiß gebadet, aber der Waldbrand war überwältigt, er flammte nicht mehr. Weiß und weich glitt jetzt der Rauch am Boden hin, und eine Menge schwarze Stämme tauchte aus ihm auf. Das war alles, was von dem prächtigen Wald noch übrig war.

Der Junge war auf einen Steinblock hinaufgeklettert und hatte von da dem Kampfe der Menschen mit dem Feuer zugesehen. Aber jetzt, wo der Wald gerettet war, begann für ihn die Gefahr; der Uhu und der Habicht richteten plötzlich ihre Augen auf ihn.

Doch in diesem Augenblick hörte der Junge eine ihm wohlbekannte Stimme seinen Namen rufen. Der Königsadler Gorgo kam durch den Wald heruntergesaust. Und bald wiegte sich der Junge von aller Gefahr erlöst hoch in den Lüften.


43
Västerbotten und Lappland

Die fünf Kundschafter

Während Nils Holgersson auf Skansen war, saß er einmal unter der Treppe des Bollnäshauses und hörte da, wie Klement Larsson und der alte Lappe sich miteinander über Lappland unterhielten. Sie stimmten ganz miteinander überein, daß Norrland der beste Teil von ganz Schweden sei; aber Klement Larsson gefiel die Gegend südlich vom Ångermanfluß am besten, während der Lappe behauptete, die nördlich von diesem Fluß liegenden Landschaften seien die wichtigsten.

Im Laufe des Gesprächs kam es aber heraus, daß Klement nie höher droben gewesen war als in Härnösand, und da konnte der Lappe das Lachen nicht unterdrücken, weil er sich mit so großer Bestimmtheit über Gegenden aussprach, die er nie gesehen hatte.

„Ich sehe schon, Klement, ich muß dir eine Geschichte erzählen, aus der du ersehen kannst, wie es in Västerbotten und Lappland, in dem großen Sameland aussieht, wo du noch nie gewesen bist,“ sagte er.

„Von mir kann gewiß niemand sagen, daß ich eine Geschichte ausgeschlagen hätte, ebensowenig wie man von dir sagen könnte, du sagtest jemals nein zu einer Tasse Kaffee,“ antwortete Klement.

Und dann begann der alte Lappe seine Geschichte.

„So höre denn, Klement! Einmal geschah es, daß die Vögel, die drunten in Schweden südlich von dem alten Sameland wohnten, meinten, sie säßen zu eng aufeinander und könnten sich nicht mehr ausbreiten. Deshalb beschlossen sie, nordwärts zu ziehen.

Sie versammelten sich und hielten Rat. Die Jungen und Ungeduldigen wollten sogleich aufbrechen; aber die Alten und Klugen bestanden darauf, daß zuerst Kundschafter ausgesandt würden, die das Land erforschen sollten.

‚Jede von den fünf großen Vogelscharen soll einen Kundschafter ausschicken,‘ sagten die Weisen, ‚damit wir alle zuvor erfahren, ob wir da droben auch gute Brutstätten, Nahrung und Schlupfwinkel finden können.‘

Da wählten die fünf großen Vogelscharen sogleich fünf gute kluge Vögel aus. Die Waldvögel einen Auerhahn, die Vögel der Ebene eine Lerche, die Seevögel eine Fischmöwe, die Süßwasservögel eine Lumme und die Bergvögel einen Schneesperling.

Als diese fünf die Reise antreten sollten, sagte der Auerhahn, der größte und gebieterischste von diesen fünf: ‚Was da vor uns liegt, sind sehr große Länderstrecken. Wenn wir zusammen reisen, dauert es überaus lange, bis wir über das ganze Gebiet, das wir untersuchen sollen, hingeflogen sind. Fliegt aber jeder von uns für sich allein und untersucht seinen Teil des Landes, dann kann unsre ganze Aufgabe in ein paar Tagen vollendet sein.‘

Die vier andern Kundschafter waren mit diesem Vorschlag einverstanden und richteten sich danach. Sie einigten sich dahin, daß der Auerhahn den mittelsten Teil des Landes untersuchen sollte; die Lerche sollte eine Strecke östlicher fliegen, die Fischmöwe noch weiter gegen Osten, da wo das Land ins Meer abfällt; die Lumme übernahm es, weiter westlich zu fliegen als der Auerhahn, und der Schneesperling sollte am weitesten westlich, ganz an der Landesgrenze hinfliegen.

In dieser Ordnung flogen die fünf Vögel gen Norden, so weit als das Festland reichte. Dann drehten sie um und kehrten wieder heim und erzählten den versammelten Vögeln, was sie gesehen hatten.

Die Fischmöwe, die dem Meeresufer entlang geflogen war, ergriff zuerst das Wort.

‚Da droben im Norden ist ein gutes Land,‘ sagte sie. ‚Es besteht aus einer einzigen Reihe von Schären; überall sind fischreiche Sunde und bewaldete Landzungen und Inseln, von denen die meisten unbewohnt sind, und die Seevögel finden dort überall ausgezeichnete Brutplätze. Die Menschen treiben ein wenig Fischfang und Seefahrt in den Sunden, aber nicht so viel, daß es uns Vögel stören könnte. Wenn die Seevögel meinem Rat folgen, dann ziehen sie sogleich gen Norden.‘

Nach der Fischmöwe begann die Lerche, die das Land innerhalb der Küste untersucht hatte.

‚Ich verstehe nicht, was die Möwe da von Landzungen und Inseln behauptet,‘ sagte sie. ‚Ich habe nichts weiter gesehen als große Felder und wunderschöne blühende Wiesen. In meinem ganzen Leben hab ich noch nie ein Land gesehen, das von so vielen großen Flüssen durchschnitten gewesen wäre; es war eine wahre Freude, zu sehen, wie diese Ströme mit ihren gewaltigen Wassermassen so ruhig und gleichmäßig durch die Ebene hinzogen. An den Ufern liegen die Bauernhöfe so dicht wie die Häuser an einer Straße, und an den Flußmündungen sind Städte, sonst aber ist das Land sehr einsam und nur spärlich bewohnt. Wenn die Vögel der Ebene meinem Rat folgen, ziehen sie sogleich nordwärts.‘

Nach der Lerche kam der Auerhahn an die Reihe, der in der Mitte des Landes geflogen war.

‚Ich begreife weder, was die Lerche mit ihren Wiesen, noch was die Fischmöwe mit ihren Schären will,‘ sagte er. ‚Ich habe auf der ganzen Reise nichts andres gesehen als Tannen- und Fichtenwälder, eine Menge großer Moore und viele rauschende, brausende Flüsse; aber alles, was nicht Moor oder Fluß war, war dunkler Wald, und ich habe keine Felder und keine menschlichen Wohnungen gesehen. Wenn die Waldvögel meinem Rat folgen wollen, ziehen sie sogleich nordwärts.‘

Nach dem Auerhahn berichtete die Lumme, die den Landstrich auf der andern Seite der Wälder untersucht hatte.

‚Ich begreife nicht, wo die Lerche und die Fischmöwe ihre Augen gehabt haben,‘ sagte die Lumme. ‚Es ist ja fast gar kein Erdreich da droben. Nichts als große Seen. Zwischen schönen Ufern blinken dunkelblaue Bergseen, die sich da und dort zu brausenden Wasserfällen erweitern. An einigen dieser Seen habe ich Kirchen und Dörfer gesehen, aber andre lagen ganz einsam und friedlich da. Wenn die Süßwasservögel meinem Rat folgen, dann ziehen sie sogleich nordwärts.‘

Zum Schluß gab der Schneesperling, der an der Landesgrenze hingeflogen war, seine Meinung preis.

‚Ich begreife nicht, was die Lumme mit ihren Seen will, und es ist mir auch ganz unverständlich, was der Auerhahn, die Lerche und die Fischmöwe für ein Land gesehen haben wollen,‘ sagte er. ‚Ich habe da droben im Norden ein großes Gebirgsland gefunden. Nirgends traf ich Ebenen und ebensowenig große Wälder, dagegen Berggipfel um Berggipfel, Felsengegend an Felsengegend. Und ich habe Eisfelder und Schnee gesehen, sowie Gebirgsbäche, deren Wasser milchweiß waren. Keine Felder, keine Wiesen, so weit das Auge reichte, nur große mit Weiden, Zwergbirken und Renntiermoos bedeckte Halden. Keine Bauern, keine Haustiere, keine Höfe habe ich angetroffen, aber Lappen, Renntiere und Lappenzelte. Wenn die Gebirgsvögel meinem Rate folgen, ziehen sie sogleich nordwärts.‘

Nachdem die fünf Kundschafter also gesprochen hatten, schalten sie einander und nannten sich gegenseitig Lügner, und sie waren schon im Begriff, aufeinander loszufahren, um die Wahrheit ihrer Worte mit einem Kampfe auszufechten. Aber die alten, klugen Vögel, die die Kundschafter ausgeschickt und mit großer Freude vernommen hatten, was diese berichteten, beruhigten die Kampflustigen.

‚Streitet euch nicht!‘ sagten sie. ‚Soviel haben wir aus euren Worten vernommen, daß da droben im Norden ein gutes Gebirgsland und ein großes Seenland und ein großes Waldland und ein großes ebenes Land und große Schären sind. Das ist mehr, als wir erwartet hatten, ja, viele große Königreiche können sich nicht rühmen, dies alles innerhalb ihrer Grenzen zu besitzen.‘“

Das wandernde Land

Samstag, 18. Juni

Jetzt, wo Nils Holgersson selbst über das Land hinflog, von dem der Lappe erzählt hatte, fiel ihm diese Geschichte wieder ein. Der Adler hatte ihm gesagt, der flache Küstenstrich, der sich da unter ihnen ausbreitete, sei Västerbotten, und die blauenden Höhen ganz draußen im Westen seien Lappland.

Ach, wie glücklich war Nils Holgersson, daß er jetzt nach all der Angst, die er während des Waldbrandes ausgestanden hatte, wohlbehalten wieder auf Gorgos Rücken saß! Dieses Gefühl war an und für sich schon beglückend, aber die Reise selbst war jetzt auch wunderbar schön. Am Morgen war der Wind aus Norden gekommen, jetzt hatte er sich gewendet, die Reisenden hatten ihn im Rücken, und deshalb spürten sie ihn gar nicht. Da auch der Adler ganz gleichmäßig flog, glaubte der Junge bisweilen, dieser stehe ganz still, und er schlage nur immerfort mit den Flügeln, ohne vom Flecke zu kommen. Statt dessen aber schien unter ihm alles in Bewegung zu sein. Der ganze Erdboden und alles, was darauf war, glitt langsam südwärts. Wälder, Häuser, Wiesen, Zäune, Flüsse, Ortschaften, Schäreninseln, Sägewerke, alles war auf der Wanderschaft! Der Junge überlegte, wohin alle miteinander nur wollten? Waren sie es müde geworden, so lange da droben im Norden zu stehen, und wollten sie nun südwärts ziehen?

Zwischen allem diesem, das sich bewegte und gen Süden wanderte, stand nur eins still, nämlich ein Eisenbahnzug. Er hielt gerade unter den beiden, die da droben durch die Lüfte flogen, und es ging dem Zuge genau wie Gorgo: er konnte nicht vom Flecke kommen. Die Lokomotive spie Rauch und Funken aus, der Junge konnte bis zu sich herauf hören, daß die Räder laut auf den Schienen rasselten, aber der Zug selbst bewegte sich nicht. Die Wälder glitten an ihm vorüber, die Bahnwärterhäuschen glitten vorüber, die Schlagbäume und die Telegraphenstangen glitten vorüber, aber der Zug stand still. Ein breiter Fluß mit einer langen Brücke über sich floß ihm entgegen; aber der Fluß und die Brücke glitten ohne jegliche Schwierigkeit unter dem Zuge durch. Schließlich kam ein Bahnhof dahergelaufen. Der Stationsvorsteher stand mit seiner roten Fahne in der Hand auf dem Bahnsteig und glitt langsam zu dem Zuge hin. Als er seine Fahne schwang, stieß die Lokomotive noch schwärzere Rauchwirbel heraus als vorher und pfiff jämmerlich, wie wenn sie sich darüber beklagte, daß sie nicht vorwärts kommen könne. Aber in demselben Augenblick setzte sich der Zug in Bewegung und, gerade wie der Bahnhof und alles andre, glitt jetzt auch er südwärts dahin. Der Junge sah, wie die Wagentüren aufgemacht wurden und die Reisenden ausstiegen, während doch alle beide, die Reisenden mitsamt dem Zuge, sich in südlicher Richtung weiter bewegten. Aber jetzt wendete Nils Holgersson seine Blicke von der Erde ab und versuchte geradeaus zu schauen. Der Anblick dieses wunderbaren Eisenbahnzuges hatte ihn ordentlich schwindlig gemacht.

Doch nachdem er eine Weile eine kleine weiße Wolke angestarrt hatte, wurde ihm diese Unterhaltung langweilig, und er schaute wieder hinunter. Immer noch war es, als halte sich der Adler ganz ruhig in den Lüften, während alles andre südwärts davon eilte. Als nun der Junge so auf dem Rücken des Adlers saß und sich mit nichts anderm unterhalten konnte als mit seinen eignen Gedanken, machte es ihm Spaß, sich auszudenken, wie es wäre, wenn ganz Västerbotten in Bewegung käme und gen Süden zöge. Ei der Tausend, wenn nun der Acker dort, der da unter ihm hinglitt – er war wohl eben erst eingesät, denn nirgends war ein grünes Hälmchen zu sehen – hinunter auf die Südebene in Schonen fahren würde, wo der Roggen um diese Zeit schon Ähren trug!

Die Nadelwälder hatten sich da oben verändert. Die Bäume standen weit auseinander, mit kurzen Zweigen und fast schwarzen Nadeln. Viele Bäume hatten verdorrte Wipfel und sahen krank aus. Die Erde unter ihnen war mit alten Stämmen bedeckt, die wegzuschaffen niemand sich die Mühe gegeben hatte. Wie, wenn nun so ein Wald so weit hinunterkäme, daß er den Kolmården sehen könnte? Wie ärmlich müßte er sich dann vorkommen!

Und der Garten, den er jetzt gerade unter sich sah! Es waren schöne Bäume darin, aber weder Obstbäume, noch edle Linden oder Kastanien, nur Vogelbeeren und Birken. Es war auch schönes Gebüsch darin, aber kein Goldregen und Flieder, nur Faulkirschen und Holunder. Auch Gemüsebeete sah der Junge, aber die waren bis jetzt weder umgegraben noch angepflanzt. Wie, wenn nun so ein Gütchen an einem Herrschaftsgarten in Sörmland angefahren käme? Da würde es sich selbst gewiß nur für eine Einöde halten!

Oder diese Wiese dort, die mit so vielen kleinen grauen Scheunen bedeckt war, daß man hätte meinen können, die Hälfte des Bodens sei zu Bauplätzen verwendet worden! Wenn sie hinunterzöge nach der Ostgötaebene, würden die Bauern da drunten wahrlich große Augen machen!

Aber wenn das große Moorland, das jetzt unter ihm lag und ganz mit Fichten bestanden war, die aber nicht wie in gewöhnlichen Wäldern aufrecht und gerade wuchsen, sondern sich mit buschigen Zweigen und üppigen Kronen in hübschen Gruppen auf dem schönsten Teppich von Renntiermoos aufgestellt hatten, wenn dieses Moorland den Weg hinunter nach Övedskloster einschlüge, dann würde der prächtige Park dort einräumen müssen, daß nun seinesgleichen gefunden sei.

Wie, wenn die hölzerne Kirche dort unter ihm, mit den roten Holzschindeln an den Wänden, mit dem bunt bemalten Glockenturm und einem ganzen Städtchen von grauen Kirchenhütten um sich her, in denen die Familien, die weit her kamen, übernachteten, an einer der großen fest gemauerten Kirchen auf der Insel Gotland vorübergezogen käme? Die würden einander ordentlich etwas zu erzählen haben!

Aber der Stolz und die Ehre der ganzen Landschaft waren die gewaltigen dunkeln Flüsse mit ihren prächtigen Tälern, diesen Tälern mit ihren vielen Höfen, ihrer Menge Bauholz, ihren Sägewerken, ihren Dörfern und mit dem großen Gewimmel von Dampfschiffen an den Mündungen! Wenn solch ein Fluß sich weiter drunten im Land zeigen würde, dann würden alle Flüsse und Bäche südlich vom Dalälf vor lauter Scham in die Erde versinken!

Und wie, wenn so eine ungeheuer große Ebene, eine so gut gelegene, so leicht zu bebauende Ebene vor die Augen der armen Smålandbauern herangeglitten käme? Da würden sie von ihren kleinen Äckerchen und ihren steinigen Wiesen daherlaufen und eifrig zu graben und zu bebauen anfangen!

Und seht, an einem war diese Landschaft reicher als alle andern, nämlich an Licht. Die Kraniche schliefen stehend auf den Mooren; die Nacht mußte angebrochen sein, aber das Licht war nicht verschwunden. Die Sonne war nicht südwärts gezogen wie alles andre. Dagegen war sie jetzt so weit nördlich gewandert, daß sie dem Jungen mit geraden Strahlen ins Gesicht schien. Und sie hatte es offenbar gar nicht im Sinne, hinter den Horizont hinabzutauchen. Wie, wenn dieses Licht und diese Sonne in Westvemmenhög scheinen würden? Das würde dem Häusler Holger Nilsson und seiner Frau gefallen, ein Arbeitstag, der vierundzwanzig Stunden dauerte!

Der Traum

Sonntag, 19. Juni

Nils Holgersson hob den Kopf und schaute sich plötzlich hell wach um. Das war doch merkwürdig! Hier lag er und hatte an einem Orte geschlafen, wo er noch nie gewesen war. Nein, dieses Tal hier, in dem er lag, hatte er gewiß noch nie gesehen, und ebensowenig die Berge, die es umgaben. Er erkannte den runden See nicht, der mitten im Tale lag, und noch niemals hatte er so ärmliche, verkrüppelte Birken gesehen wie die, unter denen er ruhte.

Und wo war der Adler? Er konnte ihn nirgends entdecken. Gorgo mußte ihn verlassen haben. Welch ein Abenteuer!

Der Junge legte sich wieder auf den Boden nieder, schloß die Augen und versuchte sich ins Gedächtnis zurückzurufen, wie alles vor seinem Einschlafen gewesen war.

Er erinnerte sich, daß es ihm, während sie über Västerbotten hingeflogen waren, die ganze Zeit gewesen war, als ob der Adler ganz ruhig in der Luft droben auf ein und demselben Flecke verbliebe, während das Land unter ihnen gen Süden zog. Aber dann hatte sich der Adler nordwestwärts gewandt, und in demselben Augenblick hatte das Land drunten stillgestanden, und der Junge hatte gefühlt, daß der Adler ihn mit Windeseile davontrug.

„Jetzt fliegen wir nach Lappland hinein,“ sagte Gorgo. Und sofort beugte sich der Junge weit vor, um die Landschaft zu sehen, von der er so viel gehört hatte.

Aber er fühlte sich ziemlich enttäuscht, denn er sah nichts als große Wälder und weite Moore. Nichts als Wald und Moor, Moor und Wald, bis ins Unendliche. Die große Einförmigkeit machte ihn schließlich so schläfrig, daß er beinahe hinuntergestürzt wäre.

Da sagte er zu dem Adler, er könne nicht länger auf dessen Rücken sitzen bleiben, er müsse durchaus ein wenig schlafen. Sofort ließ sich Gorgo ins Tal hinuntersinken, und der Junge warf sich ins Moos; aber dann nahm ihn Gorgo zwischen seine Klauen und schwang sich wieder mit ihm in die Luft hinauf.

„Schlaf du nur, Däumling!“ rief er. „Mich hält der Sonnenschein wach, und ich will die Reise fortsetzen.“

Und obgleich der Junge sehr unbequem zwischen den Klauen des Adlers hing, schlief er wirklich ein, und während er schlief, hatte er einen Traum.

Es war ihm, als sei er auf einer breiten Straße drunten im südlichen Schweden, und als laufe er da so schnell vorwärts, wie seine kleinen Beine ihn nur zu tragen vermochten. Er war jedoch nicht allein: eine Menge Wanderer zog denselben Weg. Dicht neben ihm marschierten Roggenhalme mit schweren Ähren an der Spitze, blaue Kornblumen und andre bunte Feldblumen; die Apfelbäume keuchten unter der Last ihrer Früchte daher, hinter ihnen kamen die Bohnen und Erbsen mit vollen Bälgen, große Büsche Wucherblumen und ein ganzes Buschwerk von Beerensträuchern. Große Laubholzbäume, Buchen, Eichen und Linden schritten in aller Ruhe in der Mitte der Straße; stolz rauschten ihre Kronen, und sie gingen niemand aus dem Wege. Die kleinen Pflanzen liefen dem Jungen zwischen den Beinen durch: Erdbeerstöcke, Anemonen, Löwenzahn, Klee und Vergißmeinnicht. Zuerst meinte der Junge, es seien lauter Pflanzen, die auf dem Wege dahinzogen, aber bald entdeckte er, daß auch Tiere und Menschen dazwischen waren. Die Insekten summten zwischen den vorwärtsstrebenden Pflanzen, in den Gräben schwammen Fische, auf den dahinwandernden Bäumen sangen die Vögel, zahme und wilde Tiere liefen um die Wette mit; und mitten zwischen all diesem Gewimmel wanderten Menschen daher, die einen trugen Spaten und Sensen, andre Äxte, wieder andre Flinten und einige Fischgeräte.

Der Zug wanderte fröhlich und lustig dahin, und das verwunderte den Jungen gar nicht, als er sah, wer ihn führte. Denn das war niemand geringeres als die Sonne selbst. Diese rollte auf der Straße vor ihnen her wie ein großes glänzendes Haupt, von vielfarbig strahlendem Haar umgeben und mit einem Gesicht, das vor Frohsinn und Güte leuchtete.

„Vorwärts!“ rief sie ununterbrochen. „Niemand braucht sich zu fürchten, wenn ich dabei bin. Vorwärts! Vorwärts!“

„Ich möchte wohl wissen, wohin die Sonne uns zu führen gedenkt?“ sagte der Junge vor sich hin.

Die Roggenhalme, die neben ihm gingen, hörten, was der Junge sagte, und entgegneten sogleich: „Sie will uns nach Lappland hinaufführen, und dort sollen wir gegen den großen Versteinerer kämpfen.“

Nils Holgersson sah bald, daß allmählich mehrere von den Fußgängern bedenklich wurden; sie gingen langsamer und blieben schließlich zurück. Er sah, wie die großen Buchen anhielten; die Rehe und der Weizen blieben am Grabenrand stehen, und ebenso die Brombeerbüsche, die großen gelben Dotterblumen, die Kastanienbäume und die Rebhühner.

Er schaute zurück, um zu ergründen, warum so viele zurückblieben. Da entdeckte er, daß er sich nicht mehr in dem südlichen Schweden befand; die Reise war über die Maßen rasch vor sich gegangen, sie befanden sich jetzt schon im Svealand.

Hier oben ging die Eiche mit immer langsameren Schritten. Sie blieb ein wenig stehen, machte noch einige zögernde Schritte und hielt dann ganz an.

„Warum geht die Eiche nicht mehr mit?“ fragte der Junge.

„Sie hat Angst vor dem großen Versteinerer,“ sagte eine helle, grüne junge Birke, die so froh und wohlgemut vorwärts schritt, daß es eine wahre Lust war.

Obgleich nun schon viele zurückgeblieben waren, wanderte doch noch eine große Schar mit frischem Mute weiter. Und das Sonnenhaupt rollte die ganze Zeit vor ihnen her und rief: „Vorwärts! Vorwärts! Niemand braucht Angst zu haben, solange ich dabei bin!“

Der Zug setzte seine Reise mit derselben Hast fort. Bald war er droben in Norrland; aber jetzt half alles nichts mehr, soviel auch die Sonne bat und flehte. Der Apfelbaum blieb stehen, der Kirschbaum blieb stehen und die Haferfrucht blieb stehen. Der Junge wendete sich an die Zurückbleibenden.

„Warum wollt ihr nicht mehr mit? Warum verlasset ihr die Sonne?“ fragte er.

„Wir wagen es nicht. Wir haben Angst vor dem großen Versteinerer, der droben in Lappland wohnt,“ antworteten sie.

Der Junge schloß daraus, daß sie jetzt sehr hoch hinauf nach Lappland gekommen sein müßten, und hier wurde die Schar auch immer dünner. Der Roggen und die Gerste, die Erdbeerstöcke und die Heidelbeerbüsche, die Erbsenranken, die Johannisbeersträucher waren alle bis hierher mitgegangen; das Elentier und die Kuh waren Seite an Seite gewandert; aber jetzt blieben alle diese zurück. Die Menschen gingen noch eine Strecke weiter mit, aber dann hielten auch sie an. Die Sonne wäre jetzt beinahe ganz verlassen gewesen, wenn nicht neue Reisegenossen dazu gekommen wären. Weidenbüsche und eine Menge anderes Strauchwerk schlossen sich dem Zuge an, desgleichen auch Lappen und Renntiere, Bergeulen und Blaufüchse und Schneehühner.

Jetzt hörte der Junge, daß ihnen etwas entgegenkam. Eine Menge Bäche und Flüsse, die mit gewaltigem Rauschen und Brausen daherschäumten.

„Warum haben sie es denn so eilig?“ fragte der Junge.

„Sie fliehen vor dem großen Versteinerer, der droben auf dem Gebirge wohnt,“ antwortete ein Schneehuhn.

Ganz plötzlich sah Nils Holgersson, daß gerade vor ihnen eine hohe, dunkle, mit Zinnen gekrönte Mauer aufragte. Bei dem Anblick dieser Mauer schienen alle zurückzuweichen; aber die Sonne wendete rasch ihr strahlendes Gesicht der Mauer zu und goß ihr Licht darüber aus. Und siehe da! keine Mauer stand ihnen im Wege, nur lauter wunderschöne Berge, die sich einer hinter dem andern auftürmten. Die Gipfel leuchteten glänzend im Sonnenschein, und die Abhänge schimmerten hellblau mit goldenen Streifen dazwischen.

„Vorwärts! Vorwärts! Es ist keine Gefahr, so lange ich dabei bin!“ rief die Sonne; und schon rollte sie an den steilen Bergwänden hinauf.

Aber auf diesem Wege den Berg hinauf wurde die Sonne von der tapfern jungen Birke, der starken Fichte und der wetterfesten Tanne verlassen. Hier verließen sie auch das Renntier, die Lappen und das Weidengebüsch. Und schließlich, als die Sonne den Gipfel des Berges erreicht hatte, war keiner mehr bei ihr als der kleine Nils Holgersson.

Die Sonne rollte in eine Schlucht hinein, wo die Wände mit Eis bedeckt waren, und Nils Holgersson wollte ihr in die Schlucht hinein folgen; aber er kam nicht weiter als bis an den Eingang, denn plötzlich sah er etwas Entsetzliches. Ganz drinnen in der Schlucht saß ein alter Troll mit einem Körper aus Eis, mit Haar aus Eiszapfen und einem Mantel aus Schnee. Vor dem Troll lagen mehrere schwarze Wölfe, die, sobald die Sonne sich zeigte, aufstanden und den Rachen weit aufsperrten. Da drang aus dem einen Wolfsrachen bittere Kälte, aus dem zweiten ein beißender Nordwind und aus dem dritten schwarze Finsternis heraus.

„Da haben wir wohl den großen Versteinerer und sein Gefolge,“ dachte der Junge. Er war sich ganz klar darüber, daß er am besten täte, wenn er sich auf und davon machte; aber er war zu neugierig, zu sehen, wie die Begegnung zwischen der Sonne und dem Troll ablaufen würde, und so blieb er stehen.