Und noch etwas war schuld daran, daß der Junge alles, was er sah, zuerst für ein Gemälde gehalten hatte; von allem, was er sah, hatte nämlich nichts seine richtige Farbe. Der Aussichtsturm, auf dem er sich befand, stand auf einem Berg, der Berg auf einer Insel, und die Insel selbst lag nahe bei dem östlichen Ufer eines großen Sees. Der See aber war nicht grau, wie solche Binnenseen sonst zu sein pflegen, sondern ein großer Teil seines Wasserspiegels schimmerte ebenso rosig wie der Morgenhimmel, und drinnen in den tiefen Buchten blinkte er fast nachtschwarz heraus. Und dann war das Land um den See herum nicht grün; mit allen seinen eingeheimsten Getreidefeldern und den goldigschimmernden Laubwäldern leuchtete es hellgelb herüber, und rings um das Gelbe zog sich ein breiter Gürtel aus schwarzem Nadelwald. Noch niemals war dem Jungen der Wald so schwarz erschienen wie an diesem Morgen; aber er meinte, es komme vielleicht daher, weil der Laubwald innerhalb des dunklen Fichtengürtels so besonders hell glänzte. Jenseits dieser dunkeln Strecke blauten im Osten einige Höhenzüge; aber am ganzen westlichen Horizont wölbte sich ein langgestreckter, glänzender Bogen aus zackigen, verschiedengeformten Bergen von einer wunderbar schönen, sanftglänzenden Farbe, die weder rot noch weiß noch blau genannt werden konnte, – es gab einfach gar keinen Namen für diese Schattierung.

Doch jetzt wendete der Junge seinen Blick von den Bergen und Nadelwäldern ab und richtete ihn auf die nächste Umgebung. Rings um den See her in dem goldnen Gürtel tauchte allmählich ein rotes Dorf nach dem andern und eine weiße Kirche nach der andern auf, und direkt gen Osten, jenseits des schmalen Sundes, der die Insel vom Festland trennte, lag eine Stadt. Sie breitete sich am Seeufer aus, dicht hinter ihr ragte ein Berg auf, der sie beschützte, und ringsumher lag eine reiche dichtbevölkerte Landschaft.

„Diese Stadt hat es wirklich verstanden, sich eine gute Lage auszuwählen,“ dachte der Junge. „Wie sie wohl heißen mag?“

In demselben Augenblick fuhr er heftig zusammen und schaute sich um. Er war ganz in die Aussicht versunken gewesen und hatte deshalb gar nicht gemerkt, daß unten Menschen herangekommen waren.

Jetzt liefen diese Besucher eilig die Treppen herauf. Der Junge hatte gerade noch Zeit, sich nach einem Versteck umzusehen und sich dort zu verbergen; da waren sie auch schon oben.

Es war eine Schar junger Leute, die auf einer Fußwanderung begriffen waren. Sie hatten Jämtland durchstreift und gaben nun ihrer Freude in lauten Worten Ausdruck, daß sie am vorhergehenden Abend Östersund noch erreicht hätten und nun an diesem schönen Morgen die Aussicht vom Östberg auf die Frösö genießen könnten. Von hier aus könne man mehr als zwanzig Meilen im Umkreis umherschauen, nun könnten sie doch noch einen letzten Blick auf ihr liebes Jämtland werfen, ehe sie es verließen.

„Dort unten haben wir Sunne,“ sagten sie. „Und dort liegt Marby und dort drüben Hallen. Was wir dort gerade im Norden sehen, ist die Kirche von Rödö, und die andere da unter uns ist die von Frösö.“

Dann unterhielten sie sich über die Berge. Die nächstliegenden seien die Oviksfjälle, sagten die einen, und die anderen stimmten alle damit überein; aber dann waren sie nicht ganz einig darüber, welcher wohl der Klövsjöfjäll und der Anarisfjäll seien, und wo Västerfjället, Almåsafjället und der Åreskutan lägen.

Während sie noch darüber sprachen, zog ein junges Mädchen eine Landkarte heraus, breitete sie auf ihren Knieen aus und studierte darin. Plötzlich schaute sie auf.

„Wenn ich das Jämtland so hier auf einer Karte sehe,“ sagte sie, „kommt es mir immer wie ein einziger großer Felsen vor. Ich warte immer darauf, daß mir jemand einmal erzählt, dieses Gebirge habe einst ganz aufrecht dagestanden und bis zum Himmel hinaufgereicht.“

„Das hätte wahrlich ein gewaltiger Berg sein müssen,“ sagte eines von den andern und lachte das junge Mädchen aus.

„Allerdings; aber deshalb ist er ja auch umgefallen. Hier, seht doch selbst! Es gleicht wahrhaftig einem richtigen hohen Berge mit breitem Fuß und spitzigem Gipfel.“

„Es paßt gar nicht so schlecht für ein Gebirgsland, wenn der ganze Gebirgsstock wie ein einzelner Berg aussieht,“ sagte wieder eines von den Umstehenden. „Ich habe zwar schon allerlei Sagen vom Jämtland gehört, aber doch noch nie …“

„Kennst du die Sage vom Jämtland?“ fiel ihm das junge Mädchen eifrig ins Wort. „Dann mußt du sie sogleich erzählen.“

„Und hier ist der allerbeste Platz zum Anhören, hier, wo wir gleich das ganze Land vor uns haben.“

Alle anderen stimmten mit dem jungen Mädchen überein; und ihr Gefährte ließ sich nicht lange nötigen, sondern begann sogleich seine Erzählung.

Die Sage von Jämtland

„Zu der Zeit, wo es noch Riesen in Jämtland gab, geschah es einmal, daß ein alter Bergriese auf dem Hofe vor seinem Hause stand und seine Pferde striegelte. Während er eifrig bei dieser Arbeit war, fingen die Pferde plötzlich vor lauter Angst heftig zu zittern an.

‚Was ist denn mit euch los?‘ sagte der Riese und sah sich um, was die Pferde wohl erschreckt haben könnte. Es waren aber weder Wölfe noch Bären in der Nähe zu erblicken; das einzige, was er entdecken konnte, war ein Wandersmann, der zwar bei weitem nicht so groß und stark war wie er selbst, aber doch recht stattlich aussah und offenbar auch über gute Kräfte verfügte, und der eben den Pfad heraufstieg, der zu der Berghütte führte. Aber kaum war der alte Bergriese des Wandersmanns gewahr geworden, als er auch schon von Kopf bis zu Fuß zitterte, gerade wie seine Pferde; er nahm sich gar nicht Zeit, seine angefangene Arbeit fertig zu machen, sondern lief eiligst in den Saal hinein zu seinem Weib, das an der Kunkel Werg spann.

‚Was ist denn los?‘ fragte die Frau. ‚Du siehst ja todesbleich aus.‘

‚Soll ich etwa nicht bleich aussehen,‘ erwiderte der Riese, ‚wenn ein Wanderer des Weges daherkommt, der ebenso gewiß, wie du mein Weib bist, Asa-Thor sein muß.‘

‚Das ist freilich kein willkommener Besuch,‘ erwiderte das Weib des Riesen. ‚Kannst du ihm nicht die Augen verhexen, daß er den ganzen Hof hier für einen Felsen hält und an unserer Tür vorübergeht?‘

‚Es ist zu spät, Zauberkunst auszuüben,‘ sagte der Riese, ‚denn ich höre ihn schon die Pforte öffnen und in den Hof hereintreten.‘

‚Dann rate ich dir, dich verborgen zu halten und mich ihn allein in Empfang nehmen zu lassen,‘ sagte die Frau schnell. ‚Ich will mein bestes tun, ihm das Wiederkommen zu verleiden.‘

Der Vorschlag gefiel dem Riesen über die Maßen. Er ging in die Kammer nebenan, seine Frau aber blieb auf der Frauenbank in dem Saal sitzen und spann ruhig weiter, als ahnte sie keine Gefahr.

Aber nun müßt ihr wissen, daß es zu jenen Zeiten im Jämtland ganz anders aussah als heutigen Tages. Das ganze Land war eine einzige flache Hochebene, die vollständig kahl und nackt dalag, nicht einmal ein Fichtenwald konnte sich da fortbringen. Es gab weder See, noch Fluß, und auch keine Felder, über die der Pflug hätte gehen können. Ja, zu jener Zeit waren nicht einmal die Berge und Felsenmassen da, die jetzt im ganzen Lande zerstreut liegen, diese standen alle weit drüben im Westen. In dem ganzen großen Lande konnten keine Menschen leben, aber den Riesen ging es dafür um so besser. Wohl kaum ohne ihren Willen und ihr Einverständnis blieb das Land so öde und ungastlich liegen; und deshalb hatte es seine guten Gründe, wenn der Bergriese so erschrak, als er Asa-Thor auf sein Haus zukommen sah. Er wußte, die Asen waren denen nicht hold, die Kälte, Dunkelheit und Öde um sich verbreiteten und die Erde daran verhinderten, reich und fruchtbar zu werden und sich mit menschlichen Wohnungen zu schmücken.

Die Frau des Riesen brauchte nicht lange zu warten; nach wenigen Augenblicken ertönten feste Schritte vor dem Hause, und der Wanderer, den der Riese auf dem Pfad gesehen hatte, riß die Tür auf und trat in die Stube. Er blieb jedoch nicht an der Tür stehen, wie sonst die umherziehenden Leute zu tun pflegen, sondern ging geradeswegs auf die Frau zu, die auf der entgegengesetzten Seite des Saals an der Giebelwand saß. Aber wie merkwürdig! Als er meinte, nun habe er ein ordentliches Stück zurückgelegt, war er erst eine ganz kleine Strecke von der Tür entfernt, und es war noch weit bis zur Feuerstelle, die sich mitten in der Stube befand. Der Fremde machte längere Schritte; aber nachdem er wieder eine Weile gegangen war, kam es ihm vor, als sei die Frau und auch die Feuerstelle noch weiter entfernt als bei seinem Eintritt. Im Anfang war ihm das Haus gar nicht besonders groß vorgekommen, und er merkte erst, wie groß es war, als er die Feuerstelle schließlich erreicht hatte; denn da war er so müde, daß er sich auf seinen Stab stützen und ausruhen mußte. Als die Frau des Riesen sah, daß er stehen blieb, legte sie die Kunkel weg, stand von der Bank auf und war mit wenigen Schritten neben ihm.

‚Wir Riesen haben große Stuben gern,‘ sagte sie, ‚und mein Mann beklagt sich oft darüber, wie enge es hier sei. Aber für jemand, der keine größeren Schritte machen kann als du, muß es sehr anstrengend sein, das Zimmer eines Riesenhauses zu durchschreiten, das begreife ich recht wohl. Laß mich nun wissen, wer du bist und was du von den Riesen willst?‘

Augenscheinlich lag dem Wanderer eine heftige Antwort auf der Zunge; aber er wollte sich ohne Zweifel mit einer Frau nicht in Streit einlassen, denn er antwortete ganz ruhig: ‚Mein Name ist Handfest, und ich bin ein Recke, der manches Abenteuer bestanden hat. Nun habe ich das ganze Jahr daheim auf meinem Hof gesessen und hatte mich schon gefragt, ob es denn gar nichts mehr für mich zu tun gebe, als ich die Menschen sagen hörte, ihr Riesen sorgtet gar zu schlecht für das Land hier oben, so daß es außer euch niemand hier aushalten könne. Da habe ich mich flugs aufgemacht, um mit deinem Manne über diese Sache zu sprechen und ihn zu fragen, ob er nicht für eine bessere Ordnung hier Sorge tragen wolle.‘

‚Mein Mann ist auf der Jagd,‘ sagte die Frau, ‚und wenn er nach Hause kommt, wird er dir selbst Antwort auf deine Fragen geben. Aber das will ich dir doch sagen: wer mit solchen Fragen zu einem Bergriesen kommt, müßte eigentlich ein größerer Mann sein als du. Es wäre gewiß am besten für deinen guten Ruf, wenn du dich gleich wieder aus dem Staube machtest, ohne mit dem Riesen zusammengetroffen zu sein.‘

‚O nein, da ich nun einmal gekommen bin, will ich auch auf ihn warten,‘ erwiderte der Mann, der sich Handfest genannt hatte.

‚Ich habe dir nach meinem besten Wissen geraten,‘ sagte die Riesin, ‚tu nun eben, was du nicht lassen kannst. Setze dich indessen hier auf die Bank, dann will ich dir einen Willkommtrunk holen.‘

Die Frau ergriff ein gewaltiges Methorn und begab sich damit in den hintersten Winkel der Stube, wo das Metfaß lag. Auch dieses kam dem Gaste nicht besonders groß vor; als aber die Frau den Zapfen herauszog, stürzte der Met mit so lautem Brausen in das Methorn, wie wenn ein Wasserfall ins Zimmer hereingerauscht käme. Das Horn war bald voll. Aber als die Frau den Zapfen wieder in das Faß hineinstecken wollte, kam sie nicht zustande damit; der Met schäumte wild hervor, riß ihr den Zapfen heraus und floß auf den Boden. Die Frau machte noch einen Versuch, den Zapfen wieder hineinzustecken, aber es mißlang ihr abermals. Da rief sie den Fremden zu Hilfe.

‚Siehst du denn nicht, daß mir der Met ausläuft, Handfest? Komm her und steck den Zapfen in die Tonne!‘

Der Gast eilte ihr sofort zu Hilfe; er nahm den Zapfen und versuchte, ihn in das Spundloch hineinzudrücken; aber der Met riß ihn wieder heraus, schleuderte ihn weit weg, schoß mit unverminderter Gewalt heraus und überschwemmte den Boden.

Handfest versuchte es ein Mal ums andre, den Zapfen hineinzustecken, aber es gelang ihm nicht, und schließlich warf er den Zapfen weg. Der ganze Boden war nun mit Met bedeckt, und damit man doch wenigstens im Zimmer sein konnte, zog der Fremde tiefe Furchen, in denen der Met fließen konnte. Er machte in dem harten Felsengrund Rinnen, wie Kinder im Frühling durch den Sand Furchen ziehen, damit das Schneewasser ablaufen kann, und da und dort stampfte er mit dem Fuße tiefe Löcher, in denen die Flüssigkeit sich sammeln konnte. Die Frau sah ganz ruhig zu; und wenn der Gast aufgeschaut hätte, würde er entdeckt haben, daß sie seiner Arbeit verwundert und auch entsetzt zusah.

Aber als er fertig war, sagte sie spöttisch: ‚Ich danke dir schön, Handfest. Ich sehe, du tust, was in deiner Macht steht. Sonst hilft mir mein Mann, den Zapfen einzusetzen; aber es kann ja nicht jedermann so stark sein wie er. Da du nun dies nicht tun kannst, wäre es wohl am besten für dich, wenn du gleich jetzt deines Weges zögest.‘

‚Ich gehe nicht, ehe ich mein Vorhaben ausgeführt habe,‘ sagte der Fremde, aber er sah beschämt und niedergeschlagen dabei aus.

‚Dann setze dich dort auf die Bank,‘ sagte die Frau. ‚Ich will den Kessel aufs Feuer stellen und dir einen Teller Grütze kochen.‘

Sie tat, wie sie gesagt hatte; als aber die Grütze beinahe fertig war, wendete sie sich an den Gast und sagte: ‚Ich sehe eben, daß ich fast kein Mehl mehr habe, um die Grütze gehörig dick zu machen. Meinst du, du seiest stark genug, die Mühle zu drehen, die dort neben dir steht; ein paar Drehungen genügen schon, und es ist Korn zwischen den Steinen. Du mußt jedoch deine ganze Kraft zusammennehmen, denn die Mühle geht nicht gerade leicht.‘

Der Gast ließ sich nicht lange bitten, sondern suchte die Handmühle zu drehen. Sie kam ihm nicht besonders groß vor; als er aber den Griff erfaßt hatte und den Stein im Kreise herumdrehen wollte, ging sie so schwer, daß er sie nicht bewegen konnte; er wendete seine ganze Kraft auf, brachte aber trotz aller Mühe die Mühle nur ein einziges Mal im Kreise herum.

Mit stummer Verwunderung sah die Riesenfrau zu, während er sich abmühte; und als er die Mühle losließ, sagte sie: ‚Ja, ich bin von meinem Mann her freilich bessere Hilfe gewöhnt, wenn die Mühle nicht gehen will. Aber es kann ja niemand von dir fordern, daß du mehr tun sollst, als deine Kraft vermag; du wirst jetzt aber doch wohl selbst einsehen, daß es am besten für dich wäre, wenn du nicht mit dem zusammen träfest, der auf dieser Mühle mahlen kann, soviel er Lust hat.‘

‚Trotzdem habe ich im Sinne, auf ihn zu warten,‘ erwiderte Handfest ganz leise und sanft.

‚Nun, dann setze dich dort auf die Bank, während ich ein Bett für dich zurecht mache,‘ sagte die Frau; ‚denn in diesem Falle wirst du hier übernachten müssen.‘

Sie richtete ihm aus vielen Kissen und Decken ein Lager her und wünschte ihm gute Nacht. ‚Du wirst das Bett ziemlich hart finden,‘ sagte sie, ‚aber mein Mann liegt jede Nacht auf so einem Lager.‘

Als Handfest sich nun in dem Bett behaglich ausstrecken wollte, fühlte er so viel Unebenheiten und Vertiefungen unter sich, daß von Schlafen keine Rede sein konnte; er wälzte und drehte sich von einer Seite auf die andere, konnte aber durchaus nicht einschlafen. Schließlich warf er in hellem Zorn ein Kissen dahin und ein Polster dorthin, und dann schlief er ruhig bis zum Morgen.

Als die Sonne durch die Dachluke herein schien, stand er auf und verließ das Haus der Riesen. Er ging über den Hofplatz und durch die Pforte; als er jedoch diese wieder hinter sich zumachte, stand plötzlich die Frau des Riesen neben ihm.

‚Ich sehe, du willst nun doch deiner Wege gehen, Handfest,‘ sagte sie, ‚und das ist gewiß auch das klügste, was du tun kannst.‘

‚Wenn dein Mann in einem solchen Bett schlafen kann, wie du mir für diese letzte Nacht bereitet hast,‘ sagte Handfest mißmutig, ‚dann will ich mich nicht mit ihm einlassen, denn dann muß er ein Mann von Eisen sein, mit dem es niemand aufnehmen kann.‘

Die Riesin lehnte an der Pforte. ‚Jetzt, wo du außerhalb meines Hofes bist, Handfest,‘ sagte sie, ‚will ich dir doch sagen, daß deine Reise zu uns Riesen durchaus nicht so unehrenvoll für dich abgelaufen ist, wie du selbst zu denken scheinst. Es ist gar nicht merkwürdig, daß du den Weg durch meine Stube lang fandest; da bist du über die ganze Hochebene, die Jämtland genannt wird, hingegangen. Desgleichen war es auch nicht verwunderlich, daß du den Zapfen nicht in das Faß hinein brachtest, denn aus dem Faß ist dir alles Wasser entgegengeströmt, das von den Schneebergen herabläuft. Und als du das Wasser auf dem Boden in Rinnen leitetest, hast du Furchen und Vertiefungen geschaffen, die jetzt Flüsse und Seen sind. Es war kein geringer Beweis deiner Stärke, daß du die Mühle einmal im Kreise herumgebracht hast, denn zwischen den Steinen war kein Korn, sondern Kalksteine und Schiefer, und mit der einen Drehung hast du soviel gemahlen, daß die ganz Hochebene mit guter fruchtbarer Erde bedeckt worden ist. Daß du in dem Bett, das ich dir zurecht gemacht habe, nicht hast liegen können, verwundert mich auch nicht; denn ich habe große eckige Berggipfel hineingelegt; diese hast du nun über das halbe Land hingeschleudert, und vielleicht sind dir die Menschen dafür nicht so dankbar wie für das andere, was du getan hast. Ich sage dir jetzt Lebewohl und verspreche dir, daß ich und mein Mann von hier fortziehen werden an einen Ort, wo du uns nicht so leicht aufsuchen kannst.‘

Der Wanderer hörte dies alles mit wachsendem Zorne an, und als die Riesenfrau ausgesprochen hatte, griff er nach dem Hammer, den er in seinem Gürtel trug. Aber ehe er ihn herausziehen konnte, war die Frau verschwunden, und da, wo das Haus der Riesen gestanden hatte, war nichts mehr zu sehen als eine graue Bergwand. Aber was nicht verschwunden war, das waren die mächtigen Flüsse und Seen, denen Handfest auf der Hochebene einen Weg geschaffen, sowie das fruchtbare Erdreich, das er gemahlen hatte. Nicht verschwunden waren außerdem noch die prächtigen Berge, die dem Jämtland seine Schönheit verleihen und allen denen, die es besuchen, Kraft und Gesundheit, Freude, Mut und Lebenslust schenken; deshalb ist wohl auch von allen Taten, die Asa-Thor vollbracht hat, keine lobenswerter als die, welche er in jener Nacht ausführte, als er Felsenmassen hinausschleuderte, vom Frostviksgebirge im Norden bis zum Helagsberg im Süden, von den Ovikshöhen bis jenseits des Storsee, ja bis zu den Sylarna, den hohen Bergen an der Reichsgrenze.“


47
Die Sage vom Härjedal

Dienstag, 4. Oktober

Nils Holgersson wurde unruhig, weil die Reisenden gar so lange auf dem Aussichtsturm blieben. Der Gänserich Martin konnte seinen Gefährten nicht abholen, solange die Fremden da waren, und der Junge wußte doch, daß die Wildgänse so rasch wie möglich südwärts reisen wollten. Mitten unter der Erzählung war es ihm freilich gewesen, als höre er Gänsegeschnatter und laute Flügelschläge; vielleicht waren das die Wildgänse, die weiterflogen. Aber der Junge hatte nicht an die Brüstung zu treten gewagt, um zu sehen, wie es sich verhielt.

Als die Gesellschaft endlich gegangen war und der Junge sich aus seinem Versteck herauswagen konnte, sah er keine Wildgänse drunten auf dem Boden, und kein Gänserich Martin kam, ihn zu holen. Er rief: „Hier bin ich! Wo bist du?“ so laut er konnte; aber die Reisegefährten zeigten sich nicht. Es fiel ihm zwar keinen Augenblick ein, sie könnten ihn verlassen haben; aber er fürchtete, es sei ihnen ein Unglück zugestoßen, und er überlegte eben, auf welche Weise er sie ausfindig machen könnte, als sich plötzlich der Rabe Bataki neben ihm niederließ.

Der Junge hätte nie gedacht, daß er Bataki jemals mit einem so frohen Willkommen begrüßen würde, wie er jetzt tat. „Lieber Bataki,“ sagte er, „wie herrlich, daß du kommst! Du kannst mir vielleicht sagen, was aus dem Gänserich Martin und aus den Wildgänsen geworden ist.“

„Jawohl, und ich komme gerade in ihrem Auftrag,“ antwortete der Rabe. „Akka hat einen Jäger auf dem Gebirge umherstreifen sehen, deshalb wagte sie es nicht, auf dich zu warten, sondern ist vorausgeflogen. Setze dich jetzt auf meinen Rücken, dann wirst du gleich wieder bei deinen Freunden sein.“

Der Junge setzte sich eiligst auf Batakis Rücken, und Bataki würde die Wildgänse auch bald eingeholt haben, wenn ihn der Nebel nicht daran verhindert hätte. Aber es war, als hätte die Morgensonne den Nebel wieder geweckt. Kleine, leichte Nebelschleier, die sich verdichteten und mit erstaunlicher Schnelligkeit ausbreiteten, stiegen plötzlich vom See, von den Feldern und aus dem Walde auf, und schon nach ganz kurzer Zeit war die Erde ringsum von weißen, wogenden Nebelmassen verhüllt.

Da droben, wo Bataki flog, war vollständig klare Luft und strahlender Sonnenschein; aber die Wildgänse waren offenbar mitten in den Nebelmassen, da die beiden sie mit keinem Auge entdecken konnten. Der Junge und der Rabe riefen und schrien aus vollem Halse, aber sie erhielten keine Antwort.

„Das ist doch ein rechtes Mißgeschick,“ sagte der Rabe schließlich. „Aber wir wissen ja, in welcher Richtung sie fliegen, und sobald der Nebel sich verzieht, werde ich sie schon ausfindig machen.“

Der Junge war sehr betrübt, daß er gerade jetzt von dem Gänserich Martin getrennt worden war, denn auf der Reise war der große Weiße allen möglichen Gefahren ausgesetzt. Aber nachdem er sich ein paar Stunden lang gegrämt und geängstigt hatte, sagte er sich, es sei ja doch bisher auch kein Unglück geschehen, und deshalb hätte es keinen Sinn, wenn er jetzt schon den Mut sinken ließe.

In diesem Augenblick hörte er drunten auf der Erde einen Hahn krähen, und sogleich neigte er sich über den Rücken des Raben vor und rief: „Wie heißt das Land, über das ich hinfliege? Wie heißt das Land, über das ich hinfliege?“

„Es heißt Härjedal! Härjedal! Härjedal!“ krähte der Hahn.

„Wie sieht es bei euch da drunten aus?“ fragte der Junge.

„Berge im Westen, Wälder im Osten und ein breites Tal durchs ganze Land!“ antwortete der Hahn.

„Schönen Dank! Schönen Dank für die gute Antwort!“ rief der Junge.

Nachdem sie wieder eine Weile geflogen waren, hörte er unter sich im Nebel eine Krähe krächzen.

„Was für Menschen wohnen hier in diesem Lande?“ rief der Junge hinunter.

„Ein prächtiges, gutes Bauernvolk!“ antwortete die Krähe. „Ein prächtiges, gutes Bauernvolk!“

„Was arbeiten sie?“ fragte der Junge. „Was arbeiten sie?“

„Sie treiben Viehzucht und roden den Wald aus!“ krächzte die Krähe zurück.

„Schönen Dank! Schönen Dank für die gute Antwort!“ rief der Junge.

Kurz darauf hörte er den Gesang eines Menschen durch den Nebel heraufdringen.

„Gibt es irgendeine große Stadt in dieser Landschaft?“ fragte der Junge.

„Was … Was … Wer ruft denn hier?“ rief der Mensch als Antwort.

„Gibt es irgendeine große Stadt in dieser Landschaft?“ wiederholte der Junge.

„Ich will wissen, wer da ruft?“ schrie der Mensch.

„Ja, ich habe mir wohl gedacht, daß ich keinen ordentlichen Bescheid bekäme, wenn ich einen Menschen fragte,“ rief der Junge.

Nach kurzer Zeit verzog sich der Nebel ebenso rasch wieder, wie er aufgetaucht war, und nun sah der Junge, daß Bataki über einem breiten Flußtal hinflog. Es war ein schöner Landstrich mit ebenso hohen Bergen wie im Jämtland, aber am Fuße der Berge war kein fruchtbares, dichtbebautes Land wie dort. Die Ortschaften lagen weit voneinander entfernt, und die Felder waren nur klein. Bataki flog den Fluß in südlicher Richtung entlang, bis er in die Nähe eines Dorfes kam. Da flog er auf ein Stoppelfeld hinunter und ließ den Jungen absteigen.

„Auf diesem Felde hat im Sommer Gerste gestanden,“ sagte Bataki. „Sieh, ob du nicht etwas Eßbares findest.“

Der Junge befolgte den guten Rat, und schon nach ganz kurzer Zeit fand er eine Ähre. Während er die Körner herausschälte und sie verzehrte, fing Bataki ein Gespräch mit ihm an.

„Siehst du das große Gebirge dort, das gerade im Süden vor uns aufragt?“ fragte er.

„Jawohl, ich sehe es deutlich,“ antwortete der Junge.

„Es heißt Sonfjället,“ fuhr der Rabe fort, „und du darfst mir glauben, in den alten Tagen hat es dort viele Wölfe gegeben.“

„Dieses Gebirge muß auch ein guter Schlupfwinkel für sie gewesen sein,“ räumte der Junge ein.

„Ja, für die Leute hier im Tale war es oft sehr schwer, daß sie sich auch noch mit den Wölfen herumschlagen mußten,“ sagte Bataki.

„Weißt du nicht irgendeine gute Geschichte von Wölfen, die du mir erzählen könntest?“ fragte der Junge. Und Bataki erzählte:

„Vor langer, langer Zeit sollen die Wölfe von Sonfjället einmal einen Bauern überfallen haben, der mit einer Ladung Böttchergefäße umherfuhr. Er war von Hede, einem Dorf, das einige Meilen höher droben, als wir uns hier befinden, im Ådal liegt. Es war Winter, und die Wölfe jagten hinter dem Schlitten her, als er eben über das Eis des Ljusnan hinüberfuhr. Es waren ihrer wohl acht bis zehn Stück, und der Bauer hatte kein gutes Pferd, so daß er nicht viel Hoffnung hatte, ihnen entkommen zu können.

Als der Mann die Wölfe hinter sich heulen hörte und sah, was für ein großes Rudel er im Rücken hatte, verlor er alle Besinnung, und es fiel ihm nicht ein, daß er Kübel, Bottiche und Wannen eiligst von seinem Wagen hätte werfen sollen, um die Last zu erleichtern. Er peitschte nur auf das Pferd los, und dieses lief auch wie noch nie, aber trotzdem kamen die Wölfe immer näher, das merkte der Bauer wohl. Es war eine sehr einsame Gegend, der nächste Hof lag mindestens noch zwei Meilen entfernt, der Bauer konnte nichts anderes erwarten, als daß seine letzte Stunde gekommen sei, und er fühlte, wie ihm vor Entsetzen alle Glieder erstarrten.

Während er so wie gelähmt dasaß, sah er, daß sich zwischen den Tannenbüschen, die auf dem Eis aufgepflanzt waren, um den Weg zu bezeichnen, etwas bewegte. Und als er sah, was es war, wuchs der Schrecken, der ihn schon vorher erfaßt hatte, ins ungeheure.

Aber nicht Wölfe waren es, die ihm da entgegenkamen, sondern ein altes Bettelweib. Sie hieß die Finnen-Malin und war eine rechte Landstreicherin. Sie hinkte ein wenig und hatte überdies einen kleinen Höcker; der Mann konnte sie schon aus der Ferne erkennen.

Die Frau ging gerade auf die Wölfe zu. Offenbar wurden sie durch den Schlitten vor ihr verdeckt, und dem Bauern war es sogleich klar: wenn er an ihr vorüberfuhr, ohne sie zu warnen, dann fiel sie den wilden Tieren unwiederbringlich zur Beute, und während diese die Alte zerrissen, konnte er entkommen. Auf ihren Stock gestützt, hinkte sie langsam daher; ja, sie war unrettbar verloren, wenn er ihr nicht half. Aber wenn er auch anhielt und sie auf den Schlitten nahm, war es durchaus nicht sicher, daß sie gerettet würde; wenn er es tat, war es mehr als wahrscheinlich, daß er von den Wölfen eingeholt würde, und dann wurden alle miteinander, er und die Alte und das Pferd, zerrissen und aufgefressen, und der Bauer fragte sich, ob es nicht am richtigsten wäre, ein Leben zu opfern, um zwei andere zu retten.

Aber damit war es noch nicht genug, er mußte sogleich auch daran denken, wie es ihm wohl nachher selbst gehen würde: Ob er Gewissensbisse bekäme, weil er dem Weib nicht geholfen hatte, ob die Leute erführen, daß er ihr begegnet war und sie im Stiche gelassen hatte?

In seiner Brust entspann sich ein großer Streit, und er sagte sich schließlich: ‚Es wäre mir viel lieber, ich wäre ihr gar nicht begegnet!‘

In diesem Augenblick stießen die Wölfe ein lautes Geheul aus. Das Pferd schreckte zusammen, fuhr wild davon und jagte an dem Bettelweib vorüber. Sie hatte das Wolfsgeheul auch gehört, und als der Bauer an ihr vorübersauste, las er in ihrem Gesicht, daß sie wußte, was ihr bevorstand. Sie stand da, den Mund zu einem Schrei geöffnet und die Arme um Hilfe ausgestreckt, aber sie hatte weder geschrien noch einen Versuch gemacht, sich auf den Schlitten zu werfen. Sie mußte von irgendeiner Erscheinung wie versteinert worden sein.

‚Ich habe wohl wie ein böser Geist ausgesehen, als ich an ihr vorüberfuhr,‘ dachte der Bauer, und er versuchte, sich jetzt, wo er seines Lebens sicher sein konnte, zufrieden zu fühlen. Aber in demselben Augenblick begann es in seiner Brust zu arbeiten und zu brennen. Er hatte noch nie etwas Böses getan, und nun hatte er in einem einzigen Augenblick sein Leben verdorben. ‚Nein, es mag gehen, wie es will!‘ rief er plötzlich und hielt das Pferd an. ‚Ich kann sie nicht mit den Wölfen allein lassen.‘

Nur mit großer Mühe gelang es ihm, das Pferd zu wenden; aber schließlich brachte er es doch zustande, und er hatte die Finnen-Malin bald wieder erreicht.

‚Steige schnell in meinen Schlitten!‘ befahl er ihr in barschem Ton; denn er war wütend über sich selbst, weil er das Weib nicht seinem Schicksale überlassen konnte. ‚Du tätest auch besser, daheim zu bleiben, anstatt dich immer herumzutreiben, du alte Hexe,‘ fuhr er fort, ‚jetzt werden wir beide deinetwegen umkommen, der Rappe und ich.‘

Das Weib erwiderte kein Wort, aber der Bauer war jetzt in einer so verzweifelten Stimmung, daß er sie nicht schonen konnte. ‚Der Rappe ist heute schon fünf Meilen gelaufen, da wirst du begreifen, daß er bald ermattet sein wird. Und die Last ist nicht leichter geworden, seit du dazu gekommen bist.‘

Die Schlittenkufen knirschten auf dem Eis; aber trotzdem vermeinte er zu hören, wie die Klauen der Wölfe hinter ihm aufschlugen, und er fühlte, daß die Raubtiere ihn nun eingeholt hatten.

‚Jetzt ist es aus mit uns,‘ sagte er. ‚Daß ich dich zu retten versucht habe, ist weder dir noch mir gut bekommen, Finnen-Malin.‘

Erst jetzt sprach das Weib ein paar Worte. Vorher hatte sie nur geschwiegen, wie jemand, der an Scheltworte gewöhnt ist.

‚Ich kann nicht verstehen, warum du deine Gefäße nicht abladest und die Last erleichterst,‘ sagte sie. ‚Du kannst ja morgen früh wiederkommen und sie zusammenlesen.‘

Der Bauer verstand, welch ein kluger Rat das war, und war nur höchst erstaunt, daß er nicht selbst daran gedacht hatte. Er übergab dem Weib die Zügel, löste den Strick, der die Gefäße zusammenhielt, und begann eifrig, sie abzuladen. Die Wölfe jagten schon neben dem Schlitten her, hielten aber jetzt an, um zu untersuchen, was da aufs Eis flog, und dadurch bekamen die Reisenden wieder einen kleinen Vorsprung.

‚Wenn das nicht hilft, werde ich mich selbstverständlich den Wölfen ausliefern, damit du entkommst,‘ sagte die Finnen-Malin.

Als sie dies sagte, war der Bauer eben dabei, einen großen schweren Braubottich vom Schlitten hinabzustoßen. Aber plötzlich hielt er inne, als wenn er sich nicht entschließen könnte, diesen abzuladen. In Wirklichkeit jedoch waren seine Gedanken von etwas ganz anderem in Anspruch genommen. ‚Ein Pferd und ein Mann, denen gar nichts fehlt, sollten doch eigentlich nicht gezwungen sein, sich wegen einer alten Frau von den Wölfen fressen zu lassen,‘ dachte er. ‚Es muß doch wohl noch einen Ausweg zur Rettung geben. Ja, ganz sicher gibt es einen; der Fehler ist nur, daß ich ihn nicht herausfinden kann.‘

Schließlich schob er wieder an dem Braubottich; doch plötzlich hielt er wieder an und brach in lautes Lachen aus.

Das Weib sah ihn erschreckt an und fragte sich, ob er verrückt geworden sei; aber der Bauer lachte nur über sich selbst, weil er bisher so dumm gewesen war.

Jetzt wußte er, was er tun mußte; es war das einfachste von der Welt, und er konnte gar nicht begreifen, daß es ihm nicht früher eingefallen war.

‚Paß nun wohl auf, was ich sage, Malin,‘ begann er. ‚Was du da gesagt hast, daß du dich den Wölfen vorwerfen wollest, war wirklich gut von dir. Aber das ist nicht nötig, denn ich weiß jetzt, wie uns allen dreien geholfen werden kann. Du mußt jetzt nur tun, was ich sage. Du nimmst die Zügel, und was ich auch danach tue, du bleibst ganz ruhig sitzen und fährst geraden Wegs nach Linsäll. Dort weckst du die Leute auf und sagst ihnen, daß ich hier mit zehn Wölfen allein auf dem Eise sei, und bittest sie, mir zu helfen.‘

Der Bauer wartete nun, bis die Wölfe wieder ganz dicht herangekommen waren. Dann wälzte er den großen Bottich aufs Eis hinab, sprang selbst nach und kroch darunter.

Es war ein großer, schwerer Bottich, dazu gemacht, einen ganzen Weihnachtsvorrat an Bier fassen zu können. Die Wölfe sprangen darauf zu, bissen in die Reifen und versuchten, den Bottich umzustürzen. Aber er war zu stark und zu schwer, sie konnten nichts ausrichten; der darunter saß, war sicher.

Ja, der Bauer wußte, daß er sicher war, die Wölfe konnten ihm nichts anhaben, und er lachte unter seinem Bottich.

Aber plötzlich wurde er sehr ernst. ‚Sobald ich wieder in irgendeiner Not bin,‘ sagte er, ‚werde ich an diesen Braubottich denken; und ich werde mich daran erinnern, daß ich weder mir selbst noch andern unrecht zu tun brauche. Es gibt immer noch einen dritten Ausweg, es handelt sich nur darum, ihn zu finden.‘“

Damit schloß Bataki seine Erzählung. Aber Nils Holgersson hatte jetzt schon gemerkt, daß Bataki nie eine Geschichte erzählte, ohne eine besondere Absicht dabei zu haben, und je länger er ihm zuhörte, desto nachdenklicher wurde der Junge.

„Ich möchte wohl wissen, warum du mir eigentlich diese Geschichte erzählt hast?“ sagte er schließlich.

„Ach, sie ist mir eben gerade eingefallen, als ich den Sonfjäll betrachtete,“ antwortete der Rabe.

Sie flogen nun weiter den Ljusnan entlang, und nach ungefähr einer Stunde gelangten sie an das Dorf Kolsätt, das gerade auf der Grenze von Hälsingeland liegt. Hier ließ sich der Rabe in der Nähe einer kleinen niedrigen Hütte nieder. Sie hatte keine Fenster, sondern nur eine Luke; aus dem Schornstein stieg ein mit Funken vermischter Rauch empor, und aus dem Hause heraus dröhnten laute Hammerschläge.

„Wenn ich diese Schmiede hier sehe,“ sagte der Rabe, „muß ich unwillkürlich daran denken, daß es in früherer Zeit im Härjedal und ganz besonders in diesem Dorfe hier ausgezeichnete Schmiede gegeben hat, die ihresgleichen im ganzen Reiche nicht hatten.“

„Kannst du mir nicht vielleicht auch von ihnen eine Geschichte erzählen?“ fragte der Junge.

„O doch, denn ich habe gehört, ein Schmied von Härjedal habe einmal zwei andere Schmiedemeister, einen von Dalarna und einen von Wärmland, zu einem Wettstreit im Nägelschmieden herausgefordert. Die Herausforderung wurde angenommen, und die drei Schmiede kamen hier in Kolsätt zusammen. Der Dalmann machte sich zuerst an die Arbeit. Er schmiedete ein Dutzend Nägel, die alle ganz gleich und so spitzig und glatt waren, daß sie nicht besser hätten sein können. Nach ihm kam der Wärmländer an die Reihe. Er schmiedete auch ein Dutzend Nägel, und diese waren über alles Lob erhaben, und dazu kam noch, daß dieser Schmied nur halb soviel Zeit dazu gebraucht hatte als der Dalmann. Als die zu Schiedsrichtern erwählten Männer dies sahen, sagten sie zu dem Schmied vom Härjedal, es hätte gar keinen Wert, wenn er noch irgendeinen Versuch machte, denn besser als der Dalmann und hurtiger als der Wärmländer könne er doch nicht schmieden.

‚Nein, ich ergebe mich nicht,‘ sagte der Mann vom Härjedal. ‚Es wird sich ja wohl noch etwas finden, womit ich mich auszeichnen kann.‘ Er legte das Eisen auf den Amboß, ohne es vorher in der Esse erhitzt zu haben, und hämmerte drauf los, bis es heiß war, und dann schmiedete er einen Nagel um den andern, ohne Kohlen oder einen Blasebalg zu brauchen. Noch niemals hatte man einen Schmied mit solcher Meisterschaft den Hammer schwingen sehen, und der Schmied von Härjedal wurde als der beste im ganzen Lande ausgerufen.“

Bataki schwieg, aber der Junge wurde noch nachdenklicher.

„Warum hast du mir das eigentlich erzählt, Bataki?“ sagte er.

„Ach, die Geschichte fiel mir ein, als ich die alte Schmiede da sah,“ antwortete Bataki ganz gleichgültig.

Die beiden Reisenden stiegen nun wieder miteinander in die Luft hinauf, und der Rabe flog jetzt südwärts nach dem Kirchspiel Lillhärdal auf der Grenze von Dalarna. Hier ließ er sich auf einem bewaldeten Hügel nieder, der ganz oben auf einem Bergrücken aufragte.

„Ob du wohl eine Ahnung davon hast, was das für ein Hügel ist, auf dem du jetzt stehst, Däumling?“ fragte Bataki.

Nein, der Junge mußte einräumen, daß er es nicht wußte.

„Es ist ein Grabhügel,“ sagte Bataki. „Hier ruht ein Mann namens Härjulf, und er ist der erste gewesen, der sich im Härjedal niedergelassen hat und das Land hier zu bebauen anfing.“

„Vielleicht kannst du mir auch von ihm eine Geschichte erzählen?“ bat der Junge.

„Ich habe nicht viel von ihm gehört, aber meiner Ansicht nach muß er ein Norweger gewesen sein. Er hatte zuerst bei einem norwegischen König im Dienst gestanden, aber es erhob sich ein Zwist zwischen ihnen, und so mußte er aus dem Lande fliehen. Da begab er sich zu dem schwedischen Könige, der in Uppsala wohnte, und trat bei diesem in Dienst. Aber nach einiger Zeit begehrte er die Schwester des Königs zur Ehefrau, und als ihm der König eine so vornehme Braut nicht geben wollte, entfloh er mit ihr. Jetzt war es soweit gekommen, daß er weder in Norwegen noch in Schweden wohnen konnte, und ins Ausland wollte er nicht ziehen.

‚Aber es muß doch wohl noch einen dritten Weg geben,‘ dachte er; und so zog er mit seinen Dienern und seinen Schätzen durch Dalarna hindurch immer weiter gen Norden, bis er die großen, wilden Wälder erreichte, die sich nördlich von Dalarna ausbreiteten. Dort siedelte er sich an, baute sich ein Haus und rodete den Wald aus, und so ist er der erste gewesen, der sich in dieser Einöde niedergelassen hat.“

Als Nils Holgersson diese Geschichte hörte, wurde er noch viel nachdenklicher. „Wenn ich nur wüßte, was du für eine Absicht dabei hast, daß du mir alles dies erzählst,“ sagte er noch einmal.

Bataki gab lange keine Antwort; er verdrehte nur den Kopf und kniff die Augen zusammen. „Da wir beide jetzt allein hier sind, will ich doch die Gelegenheit benützen und dich nach etwas fragen, was mir sehr wichtig ist. Hast du je genauen Bescheid darüber erhalten, unter welchen Bedingungen dir das Wichtelmännchen, das dich verwandelt hat, deine frühere Gestalt wiedergeben will?“

„Ich habe nie von einer anderen Bedingung gehört, als daß ich den weißen Gänserich wohlbehalten nach Lappland und wieder nach Schonen zurückbringen solle.“

„Das habe ich mir doch gedacht,“ rief Bataki; „denn als wir uns das letztemal sahen, nahmst du den Mund sehr voll und sagtest, es gäbe nichts Häßlicheres, als einen Freund, der sich auf einen verläßt, im Stiche zu lassen. Deshalb solltest du doch Akka einmal nach der Bedingung fragen. Du weißt, sie ist bei dir daheim gewesen und hat mit dem Wichtelmännchen gesprochen.“

„Davon hat mir Akka nichts gesagt,“ entgegnete der Junge.

„Sie hielt es wohl fürs Beste, dich in Unkenntnis darüber zu lassen, wie die Worte des Wichtelmännchens lauteten, denn sie will natürlich lieber dir als dem Gänserich Martin helfen.“

„Es ist doch sonderbar, Bataki, so oft ich mit dir zusammen bin, gelingt es dir, mir das Herz so recht schwer und unruhig zu machen,“ sagte der Junge.

„Ja, es mag wohl so aussehen,“ versetzte der Rabe, „aber ich glaube, diesmal wirst du mir doch dankbar sein, denn ich will dir die Worte des Wichtelmännchens jetzt mitteilen. Sie lauteten so: Du werdest wieder ein Mensch werden, wenn du den Gänserich Martin wieder heimbringest, damit ihn deine Mutter schlachten könne.“

Nils Holgersson fuhr auf: „Das ist gewiß nur eine boshafte Erfindung von dir!“ rief er.

„Du kannst ja Akka selbst fragen,“ sagte Bataki. „Da kommt sie eben mit ihrer ganzen Schar angeflogen. Vergiß nun nicht, was ich dir heute erzählt habe; es gibt immer einen Ausweg aus allen Schwierigkeiten, es handelt sich nur darum, ihn zu finden. Und ich freue mich schon jetzt darauf, zu erfahren, wie dir das glücken wird.“


48
Wärmland und Dalsland

Mittwoch, 5. Oktober

Am nächsten Tag, als die Wildgänse ausruhten und Akka ein wenig abseits von den andern weidete, benutzte der Junge die Gelegenheit und fragte sie, ob es wahr sei, was Bataki gesagt hatte. Und Akka konnte es nicht leugnen. Da mußte Akka dem Jungen hoch und teuer versprechen, das Geheimnis dem Gänserich Martin niemals zu verraten; denn der große Weiße war tapferer, edelmütiger Natur, und der Junge fürchtete, es könnte ein Unglück daraus entstehen, wenn er die Bedingung des Wichtelmännchens erführe.

Jetzt saß der Junge traurig und schweigsam auf dem Rücken des Gänserichs; er ließ den Kopf hängen und hatte gar keine Lust, sich umzuschauen. Er hörte, wie die Wildgänse den jungen Gänsen zuriefen, jetzt flögen sie nach Dalarna hinein, und jetzt könne man den Städjan droben im Norden sehen, und jetzt flögen sie über den östlichen Dalälf, jetzt hätten sie den Horrmundsee erreicht – und jetzt hätten sie das Tal des westlichen Dalälfs unter sich; aber der Junge mochte nichts von allem dem ansehen.

„Ich werde ja wohl mein Leben lang mit den Wildgänsen umherziehen müssen und bekomme also noch mehr als genug von diesem Lande zu sehen,“ dachte er.

Es ermunterte ihn auch nicht, als die Wildgänse riefen, jetzt hätten sie Wärmland erreicht, und der Fluß, dem sie südwärts folgten, sei der Klarälf. „Ich habe schon so viele Flüsse gesehen,“ dachte er, „und brauche mir also nicht die Mühe zu nehmen, noch einen zu betrachten.“

Aber wenn der Junge auch mehr Lust gehabt hätte, sich umzusehen, wäre es doch kaum der Mühe wert gewesen, denn im nördlichen Wärmland gibt es nichts als große, einförmige Wälder, durch die sich der Klarälf schmal und schäumend hindurchschlängelt. Da und dort sieht man einen Kohlenmeiler, einen Brandplatz, wo früher ein Meiler gestanden hatte, oder einige niedrige Hütten ohne jeden Schornstein, in denen die Finnen wohnen; aber im allgemeinen steht der weite Wald so unberührt da, daß man meinen könnte, man befinde sich hoch droben in Lappland.

Die Wildgänse ließen sich auf einem solchen Brandplatz am Ufer des Klarälf nieder; und während die Vögel von der eben hervorsprießenden frischen Wintersaat in der Nähe weideten, hörte der Junge helles Lachen und lautes Reden aus dem Walde herausdringen. Das Ränzel auf dem Rücken und die Axt über der Schulter kamen sieben große starke Männer des Weges daher. An diesem Tage sehnte sich der Junge ganz unbeschreiblich nach Menschen; er war daher ganz beglückt, als diese sieben Arbeiter die Ränzel vom Rücken nahmen und am Flußufer Rast machten.

Sie unterhielten sich äußerst lebhaft miteinander, und der Junge lag hinter einem Erdhaufen, voller Freude darüber, Menschenstimmen zu hören. Er erfuhr bald, daß diese Männer Wärmländer waren, die sich auf dem Wege nach Norrland befanden, wo sie sich nach Arbeit umsehen wollten. Es waren fröhliche Menschen, die viel zu erzählen wußten, denn sie hatten an den verschiedensten Orten in Arbeit gestanden. Aber während sie sich nun so eifrig unterhielten, sagte einer ganz zufällig, er sei jetzt in allen Teilen von Schweden gewesen, aber keiner habe ihm so gut gefallen, wie die Nordmark droben im westlichen Wärmland, wo er daheim sei.

„Ich stimme ganz mit dir überein, wenn du nur anstatt Nordmark Fryksdal sagst, wo meine Heimat ist,“ fiel einer von den andern ein.

„Ich aber bin aus dem Bezirk Jösse,“ sagte ein dritter, „und ich versichere euch, dort ist es noch viel schöner als in der Nordmark und im Fryksdal.“

Nun kam es heraus, daß alle diese sieben Männer aus den verschiedenen Teilen von Wärmland waren, und daß jeder seine Heimatgegend für besser und schöner hielt als die der andern. Sie stritten sich ein wenig, aber keiner konnte den andern von der Richtigkeit seiner eigenen Behauptung überzeugen. Es sah fast aus, als würden sie sich schließlich im Ernst entzweien; doch da kam ein alter Mann mit langem, schwarzem Haar und kleinen, zwinkernden Augen des Wegs daher.

„Was gibts, ihr Leute? Warum streitet ihr euch denn?“ fragte er. „Ihr schreit ja, daß es nur so durch den Wald schallt.“

Einer der Wärmländer wendete sich rasch an den Neuangekommenen und sagte: „Da du hier so hoch droben durch den Wald wanderst, bist du wohl ein Finne?“

„Ja, das bin ich,“ erwiderte der Alte.

„Ei, das ist recht gut,“ sagte der Mann, „denn es heißt ja, ihr Finnen hättet mehr Verstand als andere Menschen.“

„Ein guter Ruf ist besser als Gold,“ sagte der Finne.

„Nun, wir streiten uns eben darüber, welcher Teil von Wärmland der beste sei. Könntest du da nicht vielleicht unsern Streit schlichten, damit wir uns dieser Frage wegen nicht schließlich noch untereinander verfeinden?“

„Ich werde entscheiden, so gut ich kann,“ sagte der Finne. „Aber ihr müßt Geduld mit mir haben, denn ich möchte euch zuerst eine alte Geschichte erzählen.“

„In den alten Zeiten,“ berichtete der Finne, indem er sich bei den Männern niederließ, „sah das ganze Land nördlich vom Wenersee ganz entsetzlich aus. Überall waren nur kahle Hochebenen und steile Bergkegel. Für Menschen war es ganz unmöglich, da zu wohnen und zu leben. Wege konnten nicht gebahnt werden, und der Boden war nicht zu bebauen. Das Land südlich vom Wenersee dagegen war auch in jenen Zeiten schon ebenso fruchtbar wie am heutigen Tage.

Nun wohnte damals im südlichen Teile ein Riese, der sieben Söhne hatte. Alle sieben waren kecke, kräftige Männer; aber sie hatten einen stolzen Sinn, und es herrschte sehr oft Unfriede unter ihnen, weil jeder mehr sein wollte als der andere.

Der Vater war des ewigen Streitens und Zankens müde, und um ein Ende zu machen, versammelte er eines Tages die Söhne um sich und fragte sie, ob sie geneigt wären, es auf eine Probe ankommen zu lassen, damit er als Vater herausfinde, welcher von ihnen der Tüchtigste sei.

O ja, die Söhne waren sehr damit einverstanden; sie wünschten sich gar nichts Besseres.

‚Dann wollen wir die Sache folgendermaßen einrichten,‘ sagte der Vater. ‚Ihr wißt, nördlich von dem kleinen Teich, den wir den Wenersee nennen, liegt eine Einöde, die so voller Erdschollen und Gerölle liegt, daß wir gar keinen Nutzen davon haben. Morgen soll nun jeder von euch mit seinem Pflug hinausfahren und dort soviel umpflügen, als ihm in einem Tag möglich ist. Gegen Abend komme ich dann zu euch hinaus, zu sehen, wer am meisten geleistet hat.‘

Kaum war die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen, als die Brüder auch schon mit den bespannten Pflügen bereit standen. Es war der Mühe wert, sie zur Arbeit abfahren zu sehen! Die Pferde waren glänzend gestriegelt, das Eisen blinkte, und die Pflugschar war frisch geschliffen. Sie fuhren fast im Galopp davon, bis sie am Wenersee angekommen waren. Da wichen einige von den Brüdern auf die Seite, aber der älteste fuhr geradeswegs in den See hinein. ‚Sollte ich mich vor so einer kleinen Pfütze fürchten?‘ sagte er vom Wenersee.

Als die andern diesen Mut sahen, wollten sie auch nicht zurückstehen. Sie stellten sich auf die Pflüge und trieben die Pferde ins Wasser hin. Es waren lauter große Pferde, und es dauerte eine gute Weile, bis sie keinen Grund mehr unter sich hatten und schwimmen mußten. Die Pflüge trieben auf dem Wasser hin, aber für die Männer war es nicht leicht, sich darauf festzuhalten. Einige von den Söhnen ließen sich von den Pflügen ziehen, und einige mußten waten; aber sie erreichten doch alle das jenseitige Ufer, und dort angekommen, machten sie sich alle sogleich an die Arbeit, die Einöde zu pflügen, die nichts weniger war als der Landstrich, der später Wärmland und Dalsland genannt wurde.

Der älteste von den Söhnen sollte die mittelste Furche pflügen, die beiden nächsten stellten sich zu beiden Seiten von ihm auf, und wieder die beiden nächstältesten nahmen zu beiden Seiten von diesen Platz; von den beiden jüngsten aber pflügte jeder seine Furche, der eine ganz am westlichen Ende, der andere aber im östlichsten Teil der Einöde.

Der älteste Bruder zog mit seinem Pfluge im Anfang eine breite und gerade Furche, denn unten am Wenersee war der Boden ganz eben und deshalb leicht umzubrechen. Es ging rasch vorwärts, bis er an einen großen Stein kam, an dem er nicht vorbeikommen konnte, sondern er mußte den Pflug darüber hinwegheben. Dann stieß er die Pflugschar aus aller Macht in den Boden und schnitt eine breite, tiefe Furche. Aber kurz nachher traf er auf so hartes Erdreich, daß er gezwungen war, den Pflug zu heben. Dasselbe wiederholte sich noch einmal, und der Riesensohn ärgerte sich, daß er die Furche nicht die ganze Strecke gleich breit und tief ziehen konnte. Schließlich wurde der Boden ganz hart, und er konnte mit seiner Pflugschar nur noch eine Ritze darauf zustande bringen. Auf diese Weise gelangte er aber schließlich doch an die nördliche Grenze des Feldes. Dort setzte er sich nieder und wartete auf den Vater.

Der zweite Bruder pflügte auch eine breite, tiefe Furche, und er hatte Glück, denn er fand eine gute, flache Strecke zwischen Erdschollen, daß er seine Furche ohne Unterbrechung ziehen konnte. Da und dort wich er an einer Schlucht etwas aus, und je weiter er nach Norden kam, desto mehr Ausbiegungen mußte er machen, und desto schmäler wurde seine Furche. Aber er war so gut im Gang, daß er nicht an der Grenze anhielt, sondern noch ein gutes Stück weiter pflügte, als er nötig gehabt hätte.

Auch dem dritten Bruder, der links von dem Ältesten pflügte, ging es im Anfang recht gut. Sein Pflug schnitt eine breitere und tiefere Furche als die der andern Brüder; aber nach kurzer Zeit stieß er auf so schlechtes Erdreich, daß er nach Westen ausbiegen mußte. Sobald wie möglich pflügte er wieder in nördlicher Richtung weiter und pflügte da breit und tief in den Boden hinein; aber lange, bevor er an der Grenze angekommen war, konnte er nicht mehr weiter. Er wollte aber nicht mitten auf dem Felde aufhören, deshalb drehte er die Pferde um und pflügte in einer andern Richtung weiter. Doch schon nach kurzer Zeit war er so von allen Seiten eingeschlossen, daß er aufhören mußte. ‚Diese Furche wird wohl die schlechteste von allen sein,‘ dachte er und setzte sich auf seinen Pflug, um den Vater zu erwarten.

Es ist wohl nicht nötig, zu berichten, wie es den andern Brüdern gegangen war. Sie vollendeten ihre Aufgaben als rechte Männer. Die von ihnen, die in der Mitte pflügten, hatten es sehr streng, aber die, die östlich und westlich von ihnen gingen, hatten es noch härter. Denn da waren überall soviel Steine und Sümpfe, daß die Furchen trotz aller Mühe, die sie sich gaben, nicht ganz gerade und gleichmäßig tief werden konnten. Von den beiden jüngsten wäre noch zu berichten, daß sie ihren Pflug immer wenden und drehen mußten, aber schließlich doch ein gutes Stück Arbeit vollbrachten.

Am Abend saß jeder der sieben Brüder müde und niedergeschlagen am Ende seiner Furche und wartete auf den Vater.

Jetzt kam der Vater heran. Er trat zuerst zu dem, der am weitesten westwärts gearbeitet hatte.

‚Guten Abend!‘ sagte er. ‚Wie ist es dir bei der Arbeit gegangen?‘

‚Nicht besonders gut,‘ sagte der Sohn. ‚Das war ein äußerst schwieriger Boden, den Ihr uns da zum Bearbeiten ausgesucht habt.‘

‚Du wendest ja deinem Arbeitsfeld den Rücken zu,‘ sagte der Vater. ‚Dreh dich einmal um, dann kannst du sehen, was du ausgerichtet hast. Es ist gar nicht so wenig, wie du meinst.‘

Der Sohn drehte sich um, und da sah er, daß da, wo er den Pflug gezogen hatte, herrliche Täler mit Seen und schönen, waldigen Berghängen entstanden waren. Er war ein gutes Stück durch Dalsland und die Nordmark von Wärmland hindurchgekommen und hatte den Laxsee und Lelången und Groß-Le und die beiden Silarna durchgepflügt; ja, der Vater hatte allen Grund, mit ihm zufrieden zu sein.

‚Nun wollen wir sehen, was die andern zustande gebracht haben,‘ sagte der Vater.

Der nächste Sohn, zu dem sie kamen – der fünfte in der Reihe – hatte den ganzen Jösseer Bezirk und den Glafsfjord gepflügt, und wieder der nächste, der dritte, den Värmeln. Der älteste in der Mitte war mit dem Fryksdal und den Frykenseen fertig geworden. Der zweitälteste hatte das Älfdal mit dem Klarälf gepflügt. Der vierte hatte mit saurer Mühe den Bergwerkdistrikt, den Yngen- und Daglösee, sowie eine Menge andere kleine Seen gepflügt. Der sechste hatte eine ganz merkwürdige Furche gezogen. Zuerst hatte er für den großen See Skagern Platz geschaffen, dann war er in einer schmalen Rinne weiter gezogen, die der Letälf ausfüllte, und schließlich war er über die Grenze hinübergefahren und hatte in den Bergwerkdistrikten von Westmanland kleine Seen herausgegraben.

Nachdem der Vater das ganze umgepflügte Land in Augenschein genommen hatte, sagte er, soweit er es beurteilen könne, hätten die Söhne ein gutes Stück Arbeit vollbracht, und er habe allen Grund, mit ihnen zufrieden zu sein. Jetzt sei das Land keine Wildnis mehr, nun könne es bebaut und bepflanzt werden. Sie hätten viele fischreiche Seen und fruchtbare Täler geschaffen. Die Flüsse und Bäche hätten einen ordentlichen Fall, daß sie Mühlen, Sägewerke und Eisenhämmer treiben könnten. Auf den Bergrücken zwischen den gezogenen Furchen sei Platz für Wälder, wo Waldbau und Kohlenbrennerei betrieben werden könne, und jetzt sei auch die Möglichkeit da, zu den großen Erzlagern in dem Bergwerkdistrikt gute Straßen anzulegen.

Die Söhne freuten sich, als sie den Vater so sprechen hörten; aber sie wollten nun auch noch wissen, welcher von ihnen die beste Furche gezogen habe.

‚Bei einem Erdreich wie diesem hier,‘ sagte der Vater, ‚ist es wichtiger, daß alle Furchen gut ineinander passen, als daß die eine schöner sei als die andre, und ich glaube, wer zu den großen, langen Seen in der Nordmark und im Dalsland kommt, wird gerne zugeben, daß er selten etwas Schöneres gesehen habe. Aber trotzdem wird er sich freuen, wenn er die hellen, fruchtbaren Gegenden um den Glafsfjord und den Värmeln her sieht.

Hat er sich dann eine Weile in diesen lachenden, betriebsamen Landstrichen aufgehalten, dann wird er sie gewiß auch gerne mit den langen, engen Tälern am Frykensee und am Klarälf vertauschen. Und sollte er auch dieser überdrüssig werden, dann wird es ihn erfrischen, wenn er im Bergwerkdistrikt verschiedentlich geformte Seen antrifft, die sich dahinschlängeln und durch die Berge winden, und deren es so viele sind, daß niemand alle ihre Namen behalten kann. Nach diesen Seen mit ihren vielen Buchten und Landzungen freut er sich natürlich, wenn er schließlich den großen Wasserspiegel des Skagern erblickt. Und nun will ich euch noch etwas sagen: Gerade wie mit diesen Furchen geht es auch mit den Söhnen. Kein Vater freut sich, wenn der eine tüchtiger ist als der andre; kann er aber seinen Blick mit ganz derselben Befriedigung von dem Ältesten bis zum Jüngsten schweifen lassen, dann wohnt in seinem Herzen eitel Freude.‘“