Samstag, 9. April
Am nächsten Tage wanderte der Widder mit dem Jungen auf dem Rücken auf der Insel umher. Diese bestand aus einem einzigen großen Felsen. Sie war wie ein großes Haus mit senkrechten Mauern und einem Plattdach. Der Widder ging zuerst auf das Felsendach hinauf und zeigte dem Jungen die guten Weideplätze, die da oben waren, und dem Jungen kam die Insel gerade wie für Schafe geschaffen vor. Auf dem Berge wuchs nicht viel weiter als Schafschwingel und andre kleine, dürre, gewürzige Kräuter, die Schafe gern fressen.
Aber wer glücklich den jähen Abhang hinaufgekommen war, für den gab es da oben wahrlich auch noch andres zu sehen als nur Schafweiden. Da war zuerst das weite, weite Meer, das jetzt im Sonnenglanz herrlich blau leuchtete und mit schimmernden Wellen daherrollte. Nur an einzelnen Klippenvorsprüngen schäumte es weiß auf. Geradeaus gegen Osten lag die gleichmäßige, langgestreckte Küste von Gotland, und im Südwesten die Große Karlsinsel, die dieselbe Formation zeigte wie die Kleine Karlsinsel. Als der Widder ganz an den Rand der Felsenkuppe trat, so daß der Junge die Bergwand hinunterschauen konnte, sah er, daß sie voller Vogelnester war, und in der blauen Flut unten lagen in friedlicher Vereinigung die verschiedensten Arten von Möwen, Eidervögeln und Lummen und Alken, die eifrig Strömlinge fischten.
„Dies ist wirklich ein gelobtes Land,“ sagte der Junge. „Ihr habt es wahrlich gut, ihr Schafe.“
„Jawohl, es ist schön hier,“ sagte der Widder. Es war, als wollte er noch etwas hinzufügen, sagte aber doch nichts, sondern seufzte nur. „Aber wenn du allein hier umhergehst,“ fuhr er nach einer Weile fort, „dann nimm dich ja vor allen den Spalten in acht, die über den Berg hinlaufen.“ Und das war eine gute Warnung, denn an mehreren Stellen waren tiefe und breite Felsenrisse. Die größte von diesen Spalten heiße das Höllenloch, sagte der Widder, es sei mehrere Meter tief und mehr als einen Meter breit. „Wenn einer da hinunterfiele, dann wäre es aus mit ihm,“ fügte der Widder noch hinzu, und dem Jungen kam es vor, als habe er dies mit einer besondern Absicht gesagt.
Nun führte er den Jungen an den Strand hinunter. Da bekam er denn auch die Riesen, die ihn in der Nacht erschreckt hatten, in der Nähe zu sehen. Es waren große Felsengebilde; der Widder nannte sie „Raukar“, und der Junge konnte sich nicht satt daran sehen. Er meinte, wenn es wirklich in Steine verwandelte Zauberer gäbe, müßten sie so aussehen.
Obgleich es unten am Strande auch recht schön war, gefiel es dem Jungen doch noch besser oben auf der Felsenhöhe. Es war ihm unheimlich da unten, weil überall tote Schafe lagen, denn hier pflegten die Füchse ihre Mahlzeiten zu halten. Der Widder und der Junge sahen vollständig abgenagte Skelette, aber auch Körper, die nur halb abgefressen waren, und wieder andre, die die Füchse ganz unversehrt gelassen hatten. Mit Grausen sahen sie, daß die wilden Tiere nur zu ihrem Vergnügen über die Schafe herfielen, nur um zu jagen und zu morden.
Der Widder hielt nicht bei den Toten an, sondern ging still an ihnen vorbei. Aber selbstverständlich sah der Junge die ganze Abscheulichkeit; er konnte nicht anders.
Jetzt stieg der Widder wieder den Berg hinauf; als er aber oben angekommen war, blieb er stehen und sagte: „Wenn jemand, der klug und tüchtig wäre, all dieses Elend hier zu sehen bekäme, dann würde er gewiß nicht ruhen, bis die Füchse ihre gerechte Strafe bekommen hätten.“
„Die Füchse müssen aber doch auch leben,“ sagte der Junge.
„Jawohl,“ erwiderte der Widder. „Und wer nicht mehr Tiere tötet, als er zu seinem Unterhalt bedarf, der darf wohl am Leben bleiben. Diese hier aber sind Übeltäter!“
„Die Bauern, denen die Insel gehört, müßten kommen und euch helfen,“ meinte der Junge.
„Sie sind auch schon mehrere Male hier gewesen,“ sagte der Widder, „aber die Füchse versteckten sich in Höhlen und Felsenspalten, wo man nicht auf sie schießen konnte.“
„Ach, mein guter Alter, Ihr glaubt doch wohl nicht, daß so ein armer kleiner Wicht wie ich mit ihnen fertig werden könnte, nachdem weder ihr noch die Bauern sie haben überwältigen können?“ sagte der Junge.
„Wer klein und pfiffig ist, kann vieles ausrichten,“ antwortete der Widder.
Sie sprachen jetzt nicht weiter von dieser Sache, und der Junge begab sich zu den Wildgänsen, die auf dem Berggipfel weideten. Obgleich er es dem Widder nicht hatte zeigen wollen, war er doch sehr betrübt über das Schicksal der Schafe, und er hätte ihnen gar zu gern geholfen. „Ich will jedenfalls mit Akka und dem Gänserich Martin darüber reden,“ dachte er. „Vielleicht können sie mir einen guten Rat geben.“
Etwas später nahm der weiße Gänserich den Jungen auf den Rücken und wanderte mit ihm über den Felsengipfel nach dem Höllenloch. Ganz sorglos lief er über die offne Berghöhe hin und schien gar nicht daran zu denken, wie weiß und groß er war. Er suchte sich nicht hinter Erdhaufen oder andern Erhöhungen zu verstecken, sondern ging ruhig seines Weges weiter. Es war merkwürdig, daß er nicht ein bißchen vorsichtig war, denn es schien ihm während des gestrigen Sturmes gar schlecht gegangen zu sein. Er hinkte mit dem rechten Bein, und der linke Flügel schleifte am Boden, als ob er gebrochen wäre.
Er wanderte umher, als sei durchaus keine Gefahr zu befürchten, biß da und dort einen Grashalm ab und sah sich gar nicht um. Der Junge lag auf dem Gänserücken ausgestreckt und schaute zum blauen Himmel empor. Er war das Reiten jetzt so gewohnt, daß er auf dem Gänserücken stehen und liegen konnte.
Da der Gänserich und der Junge so sorglos waren, bemerkten sie natürlich die drei Füchse nicht, die jetzt auf dem Berggipfel auftauchten. Und die Füchse, die wohl wußten, daß es beinahe unmöglich ist, einer Gans auf offnem Felde beizukommen, dachten im ersten Augenblick gar nicht daran, auf sie Jagd zu machen. Da sie aber nichts andres zu tun hatten, sprangen sie schließlich in eine der langen Felsenspalten hinein und versuchten, sich an die Gans heranzuschleichen. Sie gingen dabei so vorsichtig zu Werk, daß der Gänserich auch nicht einen Schein von ihnen sehen konnte.
Als sie nicht mehr weit von dem Gänserich entfernt waren, machte dieser einen Versuch, aufzufliegen. Er schlug mit den Flügeln, aber es gelang ihm nicht, vom Boden wegzukommen. Daraus folgerten die Füchse, der Gänserich könne nicht fliegen, und sie eilten rascher vorwärts. Sie hielten sich nicht mehr in der Kluft versteckt, sondern liefen auf die Hochebene hinaus. Hier verbargen sie sich, so gut sie konnten, hinter Erdhaufen und Felsstücken und kamen so immer näher zu dem Gänserich hin, ohne daß dieser merkte, daß Jagd auf ihn gemacht wurde. Schließlich waren sie ihm ganz nahe, jetzt konnten sie den Sprung wagen, und mit einem großen Satz warfen sie sich alle drei zugleich auf ihn.
Im letzten Augenblick mußte der Gänserich aber doch etwas gemerkt haben, denn er sprang rasch zur Seite, und die Füchse verfehlten ihn. Aber das war nicht von großer Bedeutung, denn der Gänserich hatte nur ein paar Meter Vorsprung, und dazu war er lahm. Der Ärmste lief zwar, was er konnte, und Gänse können ja ungeheuer schnell laufen, selbst einem Fuchs kann es schwer fallen, sie zu fangen.
Der Junge saß rücklings auf dem Gänserücken und rief und schrie den Füchsen zu: „Ihr habt euch am Schaffleisch zu fett gefressen, ihr Füchse, ihr könnt ja nicht einmal eine Gans fangen!“ Er reizte und ärgerte sie; das machte sie ganz toll und hitzig, und sie rannten jetzt sinnlos vorwärts.
Der weiße Gänserich aber lief geradeswegs auf die große Kluft zu. Als er sie erreicht hatte, schlug er mit den Flügeln, und drüben war er! Gerade da hatten ihn die Füchse eingeholt.
Der Gänserich lief, nachdem er über das Höllenloch hinübergekommen war, ebenso schnell vorwärts wie vorher. Doch kaum war er einige Meter weiter gelaufen, als der Junge ihm auf den Hals klopfte und sagte: „Jetzt kannst du anhalten, Gänserich!“
In diesem Augenblick hörten sie hinter sich ein paar wilde Schreie, ein Kratzen von Krallen und das Aufschlagen von mehreren Körpern. Aber von den Füchsen sahen sie nichts mehr.
Am nächsten Morgen fand der Leuchtturmwächter auf der Großen Karlsinsel ein Stück Rinde unter seiner Haustür, auf dem mit krummen, eckigen Buchstaben geschrieben stand: „Die Füchse auf der kleinen Insel sind in das Höllenloch gefallen. Mach, daß du hinkommst!“
Und das tat der Leuchtturmwächter auch.
Samstag, 9. April
Es war eine stille, klare Nacht. Die Wildgänse brauchten nicht in einer der Höhlen Schutz zu suchen; sie schliefen oben auf dem Felsengipfel, und der Junge hatte sich neben den Gänsen auf dem kurzen, trockenen Grase ausgestreckt.
Der Mond schien hell in jener Nacht, so hell, daß der Junge lange nicht einschlafen konnte. Er besann sich, wie lange er nun schon von Hause fort war, und als er nachrechnete, waren seit dem Beginn seiner Reise gerade drei Wochen verflossen. Und da fiel ihm ein, daß heute der stille Sonnabend vor Ostern war.
„Heute nacht sind alle Hexen vom Blocksberg unterwegs,“ dachte er und kicherte ein wenig. Vor dem Nöck und dem Wichtelmännchen fürchtete er sich wohl ein wenig, aber an die Hexen glaubte er ganz und gar nicht.
„Wenn in dieser Nacht das Hexenpack unterwegs wäre, dann müßte ich es doch sehen. Bei so vollständig hellem und klarem Himmel könnte sich nicht der kleinste Punkt durch die Luft bewegen, ohne daß ich ihn wahrnähme,“ dachte er weiter.
Während er nun zum Himmel aufschaute und an alles dies dachte, wurde ihm ein sehr schöner Anblick zuteil. Ziemlich hoch über dem Horizont segelte der Vollmond rund und hell dahin, und über ihn hin flog ein großer Vogel. Er flog nicht am Mond vorüber, sondern tauchte so auf, als flöge er gerade aus ihm heraus. Ganz schwarz hob sich der Vogel von dem hellen Hintergrunde ab, und seine Schwingen reichten von dem einen Rand der Mondscheibe bis zum andern. Sein Körper war klein, der Hals lang und schmal, die Beine hingen lang und dünn herab, und der Junge erkannte bald, daß es ein Storch sein mußte.
Ein paar Augenblicke später ließ sich auch wirklich der Storch, Herr Ermenrich, neben dem Jungen nieder. Er neigte sich über ihn und stieß ihn mit dem Schnabel an, um ihn zu wecken.
Der Junge setzte sich sogleich auf. „Ich schlafe nicht, Herr Ermenrich,“ sagte er. „Aber warum sind Sie mitten in der Nacht unterwegs, und wie steht es auf Glimmingehaus? Wollen Sie mit Mutter Akka sprechen?“
„Die Nacht ist zu hell zum Schlafen,“ antwortete Herr Ermenrich. „Ich bin daher über die Karlsinsel geflogen, um dich, meinen Freund Däumling, zu besuchen, denn ich habe von einer Fischmöwe gehört, du seiest heute nacht hier. Nach Glimmingehaus bin ich noch nicht gezogen, sondern wohne noch in Pommern.“
Der Junge freute sich über die Maßen, daß Herr Ermenrich ihn aufgesucht hatte. Sie plauderten eine Weile über alles mögliche wie alte Freunde. Plötzlich fragte der Storch den Jungen, ob er nicht Lust hätte, in dieser schönen Nacht einen Ausflug zu machen?
Doch, das wollte der Junge von Herzen gern, wenn der Storch ihn nur bis zum Sonnenaufgang wieder zu den Gänsen zurückbringen wolle. Herr Ermenrich versprach es, und sogleich ging es auf die Reise.
Wieder flog Herr Ermenrich geraden Weges auf den Mond zu. Höher und höher ging es hinauf, das Meer versank unter ihnen; aber sie schwebten gar leicht dahin, es war fast, als lägen sie ganz still.
Als Herr Ermenrich sich auf die Erde hinabsinken ließ und anhielt, war es dem Jungen, als sei erst eine unbegreiflich kurze Zeit vergangen; und doch hatte der Storch einen ganz bedeutenden Weg zurückgelegt, denn in demselben Augenblick, wo er den Jungen auf die Erde setzte, sagte er: „Dies ist Pommern. Jetzt bist du in Deutschland, Däumling.“ Der Junge war über die Nachricht, daß er sich in einem fremden Lande befinde, ganz verdutzt. Das hätte er nie gedacht. Schnell sah er sich um. Er stand auf einem einsamen, mit weichem, feinem Sand bedeckten Meeresstrand. Auf der Landseite lief eine lange Reihe oben mit Strandhafer bewachsener Dünenhügel hin, die zwar nicht sehr hoch waren, dem Jungen aber die Aussicht ins Land hinein vollständig versperrten.
Herr Ermenrich stieg auf einen Sandhügel hinauf, zog das eine Bein in die Höhe und legte den Hals zurück, um den Schnabel unter die Flügel zu stecken. „Während ich mich ausruhe, kannst du eine Weile am Strande umherwandern,“ sagte er zu Däumling. „Aber verlaufe dich nicht, damit du mich wiederfinden kannst.“
Der Junge wollte zuerst einen der Dünenhügel erklettern, um zu sehen, wie das Land dahinter aussehe. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht, als er mit der Spitze seines Holzschuhs an etwas Hartes stieß. Er bückte sich, und da sah er auf dem Sande eine kleine von Grünspan durch und durch zerfressene dünne Kupfermünze. Sie war so schlecht, daß sie ihn nicht einmal des Aufhebens wert deuchte, und er schleuderte sie mit dem Fuße weg.
Aber als sich der Junge wieder aufrichtete, wie grenzenlos überrascht war er da! Keine zwei Schritte vor ihm erhob sich eine dunkle Mauer mit einem großen turmgekrönten Tor.
Vor einem Augenblick, als er sich nach der Münze bückte, hatte sich das Meer noch glänzend und glitzernd vor ihm ausgebreitet, jetzt aber war es durch eine lange Mauer mit Zinnen und Türmen verdeckt. Und gerade vor dem Jungen, wo vorher nur einige Tangbänke gewesen waren, öffnete sich das große Tor in der Mauer.
Der Junge war sich ganz klar darüber, daß dies eine Art Geisterspuk sein mußte. Aber er dachte, davor brauche er sich wahrlich nicht zu fürchten. Was er sah, war ja gar nicht unheimlich oder grauenhaft. Die Mauern und Türme waren prächtig gebaut, und jetzt regte sich auch gleich der Wunsch in ihm, zu sehen, was dahinter sei. „Ich muß untersuchen, was das ist,“ dachte er, und damit ging er durchs Tor.
Unter dem kleinen Torgewölbe saßen in bunten, gepufften Anzügen, langstielige Streitäxte neben sich, die Wächter und spielten Würfel. Sie waren ganz in ihr Spiel vertieft und gaben nicht auf den Jungen acht, der hastig an ihnen vorbeieilte.
Dicht am Tor war ein freier, mit glatten Steinfliesen gepflasterter Platz. Ringsum standen hohe, prachtvolle Häuser, und zwischen diesen öffneten sich lange, schmale Straßen.
Auf dem Platz vor dem Tor wimmelte es von Menschen. Die Männer trugen lange, pelzverbrämte Mäntel über seidenen Unterkleidern, federngeschmückte Barette saßen ihnen schräg auf dem Scheitel, und über die Brust herunter hingen ihnen wunderschöne Ketten. Alle waren herrlich gekleidet, es hätten lauter Fürsten sein können.
Die Frauen trugen spitze Hauben und lange Gewänder mit engen Ärmeln. Sie waren auch prächtig geschmückt, aber ihr Staat konnte sich bei weitem nicht mit dem der Männer messen.
Dies alles glich ja ganz den Bildern in dem alten Märchenbuch, das Mutter ab und zu einmal aus ihrer Truhe holte und ihm zeigte. Der Junge wollte seinen Augen nicht trauen.
Aber noch viel merkwürdiger als die Männer und die Frauen war die Stadt selbst. Jedes Haus hatte einen Giebel nach der Straße zu, und diese Giebel waren so reich verziert, daß man hätte glauben können, sie wollten miteinander wetteifern, welcher von ihnen am schönsten geschmückt sei.
Wer rasch viel Neues zu sehen bekommt, kann sich nachher nicht mehr an alles erinnern. Aber der Junge erinnerte sich später doch noch, daß er ausgezackte Giebel gesehen hatte, auf deren verschiedenen Absätzen die Figuren von Christus und den Aposteln standen, Giebel, die an beiden Seiten hinauf mit Figuren geschmückte Nischen hatten, dann wieder solche, die mit buntem Glas oder mit weißem und schwarzem Marmor eingelegt waren und die ihm gewürfelt und gestreift entgegenschimmerten.
Doch während der Junge alles dies bewunderte, wurde er von einer ihm selbst unbegreiflichen Hast überfallen. „So etwas haben meine Augen noch nie gesehen. So etwas werde ich meiner Lebtage nicht wieder sehen,“ sagte er sich. Und er begann in die Stadt hineinzulaufen, Straße auf, Straße ab, ohne anzuhalten. Die Straßen waren eng und schmal, aber durchaus nicht leer und düster wie in den Städten, die er bis jetzt gesehen hatte. Überall waren Menschen; alte Weiber saßen vor ihren Türen und spannen ohne Spinnrädchen, nur an der Kunkel. Die Warenlager der Kaufleute waren wie Marktbuden nach der Straße zu offen. An einem Platze wurde Tran gekocht, an einem andern wurden Häute gegerbt, an einem Wege war eine Seilerbahn.
Wenn der Junge nur Zeit gehabt hätte, ja dann hätte er hier alles mögliche lernen können! Er sah, wie die Waffenschmiede dünne Brustharnische hämmerten, wie die Goldschmiede Edelsteine in Ringe und Armbänder einsetzten, wie die Drechsler ihre Dreheisen handhabten, wie die Schuhmacher weiche rote Schuhe sohlten, wie der Goldspinner Goldfäden drehte und wie die Weber Seide und Gold in ihre Gewebe hineinwoben.
Aber der Junge hatte keine Zeit zum Verweilen. Er stürmte nur immer vorwärts, um so viel als möglich zu sehen, ehe alles wieder verschwinden würde.
Die Stadtmauer ging rund um die ganze Stadt herum und umschloß sie, gerade wie in Schweden die Steinmäuerchen die Äcker einfrieden. Am Ende jeder Straße sah man die Mauer turm- und zinnengekrönt hervorschauen. Und oben darauf wanderten Kriegsknechte umher in glänzendem Harnisch und blankem Helm.
Als der Junge die ganze Stadt durchquert hatte, kam er wieder an ein Stadttor. Da draußen lag das Meer und der Hafen. Hier sah der Junge altertümliche Schiffe mit Ruderbänken in der Mitte und mit hohen Aufbauten vorn und hinten. Lastträger und Kaufleute liefen eifrig hin und her. Überall war Leben, und alle hatten es eilig.
Aber auch hier erlaubte ihm seine innere Unruhe nicht, sich aufzuhalten. Er eilte wieder in die Stadt hinein und kam jetzt auf den großen Marktplatz. Hier lag die Domkirche mit drei hohen Türmen und tiefen, mit steinernen Figuren geschmückten Toren. Die Wände waren mit Bildhauerarbeit so reich verziert, daß auch nicht ein einziger Stein zu sehen war, der nicht seinen Schmuck gehabt hätte. Und welch eine Pracht schimmerte durch das offne Portal heraus! Goldne Kruzifixe, mit vergoldeter Schmiedearbeit verzierte Altäre und Priester in goldnen Meßgewändern! Der Kirche gerade gegenüber stand ein Haus mit Zinnen auf dem Dach und mit einem einzigen schlanken himmelhohen Turm. Das war wohl das Rathaus. Und von der Kirche bis zum Rathaus, rings um den ganzen Markt herum, standen die schönsten Giebelhäuser mit den mannigfaltigsten Verzierungen.
Der Junge hatte sich warm und müde gelaufen; er dachte, er habe nun so ziemlich das Merkwürdigste von der Stadt gesehen, und ging deshalb etwas langsamer weiter. Die Straße, in die er eben eingebogen war, das war gewiß die, wo die Stadtbewohner ihre prächtigen Kleider kauften. Die Leute drängten sich vor den kleinen Läden, wo die Kaufleute auf ihren Tischen starre, geblümte Seidenstoffe, dicken Goldbrokat, schillernden Samt, leichte, flockig gewobene seidene Tücher und spinnwebdünne Spitzen ausbreiteten.
Vorher, als der Junge so rasch gelaufen war, hatte niemand auf ihn acht gegeben. Die Leute hatten gewiß geglaubt, es springe nur eine graue Ratte vorbei. Aber jetzt, wo er ganz langsam durch die Straße dahinwandelte, gewahrte ihn einer der Kaufleute, und sogleich begann er ihm zu winken.
Der Junge wurde zuerst ängstlich und wollte davonlaufen; aber der Kaufmann winkte ihm nur, lachte ihm zu und breitete ein herrliches Stück Seidensamt auf seinem Tische aus, als ob er ihn damit herbeilocken wollte.
Der Junge schüttelte den Kopf. „Ich werde in meinem ganzen Leben nicht so reich sein, um auch nur einen Meter von diesem Stoff kaufen zu können,“ dachte er.
Aber jetzt hatte man ihn die ganze Straße entlang von jedem Laden aus bemerkt. Wohin er auch sah, überall stand ein Krämer und winkte ihm. Sie ließen ihre reichen Kunden stehen und dachten nur noch an ihn. Er sah, wie sie in den verstecktesten Winkel des Ladens liefen, um das Beste, was sie zu verkaufen hatten, hervorzuholen, und wie ihnen, während sie es auf den Tisch legten, vor Hast und Eifer die Hände zitterten.
Als der Junge nicht anhielt, sondern weiterging, sprang einer der Kaufleute über seinen Tisch weg, hielt ihn fest und breitete Silberbrokat und in allen Farben schillernde gewebte Tapeten vor ihm aus. Der Junge konnte nicht anders, als den guten Mann auslachen. Er hätte ihm doch ansehen müssen, daß ein so armer Schlucker wie er keine solchen Waren kaufen konnte. Er blieb stehen und streckte dem Krämer seine beiden leeren Hände hin, um den Leuten zu zeigen, daß er nichts besaß und daß sie ihn in Ruhe lassen sollten.
Da hob der Kaufmann einen Finger auf, nickte ihm zu und schob ihm den ganzen Haufen von herrlichen Waren hin.
„Kann er meinen, er wolle dies alles für ein einziges Geldstück verkaufen?“ fragte sich Däumling.
Der Kaufmann zog ein kleines abgegriffenes, schlechtes Geldstück heraus, das geringste, das es überhaupt gibt, und hielt es dem Däumling hin. Und in seinem Eifer, zu verkaufen, legte er noch zwei große silberne Becher auf den Haufen.
Da begann der Junge in seinen Taschen zu suchen. Er wußte zwar wohl, daß er nicht einen einzigen roten Heller besaß, aber unwillkürlich sah er doch nach.
Alle die andern Kaufleute sahen eifrig zu, wie der Handel ablaufen würde, und als sie den Jungen in seinen Taschen suchen sahen, sprangen sie über ihre Tische, ergriffen so viel Gold- und Silberschmuck, als ihre Hände zu fassen vermochten, und boten es ihm an. Und alle machten ihm Zeichen, daß sie als Bezahlung nichts weiter verlangten, als einen einzigen Heller.
Aber der Junge drehte seine Westen- und Hosentaschen um und um; er besaß nichts, gar nichts. Da traten allen diesen stattlichen Kaufleuten, die doch so viel reicher waren als er, die Tränen in die Augen, und der Junge fühlte sich seltsam bewegt, denn sie sahen gar so ängstlich aus. Er besann sich, ob er ihnen denn nicht auf irgend eine Weise helfen könnte, und da fiel ihm plötzlich die grünspanige Kupfermünze ein, die er vorhin am Strand gesehen hatte.
Sofort lief er in größter Eile die Straße hinunter; und er hatte Glück, denn er kam an dasselbe Tor, durch das er zuerst gegangen war. Er stürzte hinaus und suchte nach der Kupfermünze, die vorhin hier gelegen hatte.
Und richtig, da lag sie; aber als er sie aufgehoben hatte und mit ihr in die Stadt zurückeilen wollte, sah er nur noch das Meer vor sich. Keine Stadtmauer, kein Tor, keine Wächter, keine Straßen, keine Häuser waren mehr zu sehen, nichts, nichts als das Meer!
Unwillkürlich traten dem Jungen die Tränen in die Augen. Von Anfang an hatte er ja alles, was er gesehen hatte, für eine Gesichtstäuschung gehalten, aber nachher hatte er dies ganz vergessen, und nur noch daran gedacht, wie schön alles sei; und jetzt, wo die Stadt verschwunden war, fühlte er sich aufs tiefste betrübt.
In demselben Augenblick erwachte Herr Ermenrich und ging zu Däumling hin. Aber der Junge hörte ihn nicht, und der Storch mußte ihn mit dem Schnabel anstoßen, um sich bemerklich zu machen. „Ich glaube, du hast ebenso fest geschlafen wie ich,“ sagte er.
„Ach, Herr Ermenrich,“ sagte Däumling. „Was war das für eine Stadt, die eben hier stand?“
„Hast du eine Stadt gesehen?“ erwiderte der Storch. „Du hast geschlafen und geträumt, ich hab es ja gesagt.“
„Nein, ich habe nicht geschlafen,“ sagte Däumling. Und er erzählte dem Storch alles, was er erlebt hatte.
Da sagte Herr Ermenrich: „Was mich selbst anbetrifft, so glaube ich doch, daß du hier am Strande geschlafen und alles dies geträumt hast. Aber ich will dir nicht verschweigen, daß Bataki, der Rabe, der der gelehrteste von allen Vögeln ist, mir einmal erzählt hat, hier habe einst eine Stadt gestanden, namens Vineta. Diese Stadt sei über die Maßen reich und schön gewesen, und keine einzige Stadt auf der Welt habe sich mit ihr vergleichen können. Aber unglücklicherweise seien ihre Einwohner hochmütig und prunksüchtig geworden. Und,“ fuhr der Storch fort, „Bataki sagt, zur Strafe dafür sei Vineta von einer Sturmflut überschwemmt und ins Meer hinab versenkt worden. Ihre Einwohner aber dürften nicht sterben und auch ihre Stadt nicht zerstören. Nur alle hundert Jahre einmal dürfe diese in all ihrer Pracht aus dem Meere aufsteigen und liege dann genau eine Stunde lang auf dem Festlande.“
„Ja, das muß wahr sein,“ sagte Däumling, „denn ich habe sie gesehen.“
„Aber wenn die Stunde vorübergegangen und es während dieser Zeit niemand in Vineta gelungen sei, irgend etwas an ein lebendes Wesen zu verkaufen, dann versinke die Stadt wieder ins Meer. Wenn du, Däumling, auch nur ein einziges, noch so ärmliches Geldstück gehabt hättest, um den Kaufmann zu bezahlen, dann hätte Vineta am Strande liegen bleiben dürfen, und deren Menschen hätten wie andre Menschen leben und sterben dürfen.“
„Ach, Herr Ermenrich,“ sagte der Junge, „jetzt weiß ich, warum Sie mitten in der Nacht gekommen sind und mich geholt haben. Sie glaubten, ich könne die alte Stadt retten. Ach, Herr Ermenrich, ich bin tief betrübt, daß es mir nicht gelungen ist!“
Er verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte; und man hätte kaum sagen können, welcher von den beiden betrübter aussah, der Junge oder Herr Ermenrich.
Montag, 11. April
Am Ostermontag waren die Wildgänse mit Däumling wieder auf der Reise und flogen jetzt über Gotland hin. Die große Insel lag flach und gleichmäßig unter ihnen, der Erdboden war ganz so wie in Schonen, und sie sahen viele Kirchen und Bauernhöfe. Der Unterschied aber war, daß hier zwischen den Feldern viele Baumwiesen prangten und daß die Höfe nicht im Viereck gebaut waren. Und große Herrensitze mit alten, von reichen Parkanlagen umgebenen Schlössern und Türmen gab es auf Gotland gar nicht.
Däumlings wegen hatten die Wildgänse den Weg über Gotland gewählt, denn der arme Junge war nun schon zwei Tage lang sehr niedergedrückt.
Ohne Aufhören sah er jene Stadt vor sich, die sich ihm auf so merkwürdige Weise gezeigt hatte. Er konnte an nichts andres denken als an diese schönen Gebäude und prächtigen Menschen. „Ach, wenn es mir doch gelungen wäre, dies alles dem Leben zurückzugeben!“ dachte er. „Welch ein Unglück ist es doch, daß so viel Schönes auf dem Grunde des Meeres liegen soll!“
Akka und der Gänserich hatten sich alle Mühe gegeben, Däumling zu überzeugen, daß dieses Erlebnis ein Traum oder eine Gesichtstäuschung gewesen sei; aber davon wollte der Junge nichts hören. Er war ganz sicher, alles selbst gesehen zu haben, und niemand konnte ihn von seiner Überzeugung abbringen. Tiefbetrübten Herzens ging er umher, und schließlich wurden seine Reisegefährten besorgt um ihn.
Doch plötzlich, gerade als der Junge am allerniedergeschlagensten gewesen war, kam die alte Kaksi dahergeflogen. Sie war von dem Sturm nach Gotland verschlagen worden und hatte über die ganze Insel hinfliegen müssen, bis sie erfuhr, wo sich ihre Reisegefährten befanden. Als sie nun auf der Kleinen Karlsinsel eintraf und hörte, was Däumling fehlte, sagte sie plötzlich:
„Wenn Däumling über eine alte Stadt trauert, dann kann ich ihn schnell trösten. Kommt nur mit mir, ich zeige ihm einen Ort, den ich gestern gesehen habe, und dann braucht er nicht länger betrübt zu sein.“
Darauf hatten sich die Gänse von den Schafen verabschiedet, und jetzt waren sie auf dem Wege nach dem Ort, den Kaksi dem Däumling zeigen wollte. Und so betrübt er auch war, so konnte er es doch nicht lassen, auf das Land hinunterzusehen, über das sie eben hinflogen.
Da kam es ihm vor, als ob diese Insel von Anfang an eine ebenso hohe, steile Klippe gewesen sein müsse, wie die Karlsinsel, nur natürlich viel, viel größer. Aber später mußte sie auf irgend eine Weise platt gedrückt worden sein. Irgend jemand hatte wohl ein großes Wellholz genommen und war damit über die Insel hingefahren wie über ein Stück Teig; er hatte aber diese Arbeit nicht solange fortgesetzt, bis alles vollständig glatt und eben geworden war wie ein Fladen, denn als die Gänse dem Ufer entlang flogen, sah der Junge an mehreren Stellen hohe weiße Kalkwände mit Grotten und Felsenpfeilern; aber an den meisten Stellen war die Insel doch plattgedrückt, und der Strand fiel flach gegen das Meer ab.
Die Schar verbrachte einen schönen, friedlichen Sonntagnachmittag auf dem Festland. Das Wetter war so recht behaglich warm wie an einem Sommertag, die Bäume waren mit großen Knospen wie übersät, und die Frühlingsblumen bedeckten die Wiesen wie mit einem Teppich, die langen, schlanken Kätzchen der Pappelbäume schwankten, und in den Gärtchen, die jedes noch so kleine Häuschen umgaben, prangten die Stachelbeerbüsche im schönsten Grün.
Die Wärme und das Knospen und Blühen allüberall hatten die Menschen auf Wege und Stege herausgelockt; wo immer eine kleine Anzahl versammelt war, wurde gespielt, und zwar nicht allein von Kindern, sondern auch von Erwachsenen. Sie warfen um die Wette mit Steinen nach einem bestimmten Ziel und schlugen Bälle in so großen Bogen in die Luft hinauf, daß sie die Wildgänse fast erreichten. Es sah sehr lustig und hübsch aus, große Leute so spielen zu sehen, und der Junge hätte sich sicherlich darüber gefreut, wenn ihm nicht so sehr betrübt zumute gewesen wäre.
Aber er mußte doch zugeben, daß dies ein schöner Ausflug war. Überall sang und klang es fröhlich durch die Luft. Kleine Kinder spielten Ringelreihen und sangen dazu. Und die Heilsarmee war auch unterwegs. Der Junge sah eine ganze Menge schwarz und rot gekleidete Menschen auf einem Waldhügel sitzen; es wurde Gitarre gespielt und auf Blechinstrumenten geblasen. Auf einer Straße kam eine große Schar Menschen daher. Das waren die Guttempler oder Antialkoholiker, der Junge erkannte sie an ihren großen flatternden Fahnen mit goldnen Inschriften. Sie sangen ununterbrochen ein Lied ums andre. Der Junge vernahm fortwährend den Schall ihrer Stimmen, solange er sich in Hörweite befand.
So oft der Junge später an Gotland dachte, mußte er immer gleich auch an Spiel und Tanz denken.
Lange hatte er still hinabgeschaut, als er zufällig die Augen aufschlug. Nein, wie erstaunte er da! Ohne daß er es gemerkt hatte, waren die Gänse von dem Innern der Insel in westlicher Richtung auf die Küste zugeflogen. Jetzt lag das weite, blaue Meer vor ihnen! Aber nicht das Meer erschien dem Jungen so merkwürdig, sondern eine Stadt, die dort an dem hohen Meeresstrand aufragte.
Die Gänseschar kam von Osten her, und die Sonne war im Untergehen, als sie die Stadt erreichte, deren Mauern und Türme und hohe Giebelhäuser und Kirchen sich vollständig schwarz von dem hellen Abendhimmel abhoben. Der Junge konnte deshalb nicht sehen, wie sie in Wirklichkeit beschaffen waren, und ein paar Augenblicke glaubte er, dies sei eine ebenso prächtige Stadt wie jene, die er in der Osternacht gesehen hatte.
Als er aber richtig in die Stadt hineinkam, da sah er, daß die Stadt hier jener auf dem Meeresgrunde ähnlich und unähnlich zugleich war. Es herrschte derselbe Unterschied zwischen ihnen, wie zwischen dem Aussehen eines Menschen, der an dem einen Tag in Purpur und mit reichem Schmuck angetan, am nächsten aber in dürftige Lumpen gehüllt ist.
Ja, diese Stadt hier hatte wohl auch einmal so ausgesehen wie jene, die er an der pommerschen Küste bewundert hatte. Diese hier war auch von einer Ringmauer mit Türmen und Toren umgeben. Aber die Türme der Stadt, die auf der Erde hatte bleiben dürfen, waren ohne Dächer, leer und öde. Die Torbogen hatten keine Türen, die Wächter und Kriegsknechte waren verschwunden, die ganze glänzende Pracht war dahin. Nur die nackten, grauen Mauern waren noch da.
Als der Junge weiter über die innre Stadt hinflog, sah er, daß sie zum größten Teil aus kleinen, niedrigen hölzernen Häusern bestand; nur da und dort fanden sich einige hohe Giebelhäuser und Kirchen, die noch aus der alten Zeit stammten. Die Giebelhäuser waren weiß angestrichen und ohne jeglichen Zierat. Aber weil der Junge so ganz kürzlich erst die versunkene Stadt gesehen hatte, glaubte er zu wissen, wie sie geschmückt gewesen waren: die einen mit Bildsäulen, andre mit schwarzem und weißem Marmor.
Und genau so war es auch bei den alten Kirchen. Die meisten von ihnen waren ohne Dach mit kahlen Mauern. Überall öde Fensterhöhlen, grasbewachsener, mit zerbrochenen Fliesen bedeckter Boden und mit Schlingpflanzen bewachsene Mauerreste! Aber jetzt wußte der Junge, wie diese Kirchen einstmals ausgesehen hatten: die Wände waren mit Bildwerken und Gemälden bedeckt gewesen, im Chor hatten Altäre und goldne Kreuze gestanden, und da und dort hatten Priester in goldgestickten Meßgewändern ihres Amtes gewaltet.
Der Junge sah auch die kleinen, jetzt am Sonntagabend fast menschenleeren Stadttore. O er wußte, wie es hier von prächtig gekleideten Menschen gewimmelt hatte! Er wußte, daß diese Tore wie große Werkstätten gewesen waren, wo alle Arten von Arbeitern gewirkt und geschafft hatten.
Aber was Nils Holgersson nicht sah, das war, daß diese Stadt auch heute noch schön und merkwürdig ist. Er sah weder die hübschen Häuschen in den hinteren Gäßchen, mit ihren geschwärzten Mauern, ihren weißen Hausecken und der roten Pelargonienpracht hinter den blitzblanken Fensterscheiben, noch die vielen prächtigen Gärten und Alleen, und ebensowenig die großartige Schönheit der mit Schlingpflanzen bewachsenen Ruinen. Seine Augen waren so erfüllt von der vergangenen Herrlichkeit, daß er an der gegenwärtigen nichts Gutes sehen konnte.
Die Wildgänse flogen ein paarmal über der Stadt hin und her, damit Däumling alles recht genau sehen könnte. Zuletzt ließen sie sich in einer Kirchenruine auf dem grasigen Boden nieder, um dort zu übernachten.
Als die Gänse schon schliefen, war Däumling immer noch wach und schaute durch das zertrümmerte Dachgewölbe zu dem blaßroten Abendhimmel empor. Nachdem er so eine Weile in Gedanken versunken war, beschloß er, sich nicht mehr darüber zu grämen, daß er die versunkene Stadt nicht hatte retten können.
Nein, jetzt wollte er nicht mehr trauern! Wenn die Stadt, die er gesehen hatte, nicht ins Meer versunken wäre, hätte sie vielleicht nach einiger Zeit ebenso arm und verfallen ausgesehen wie diese hier. Vielleicht hätte sie der Zeit und der Vergänglichkeit auch nicht widerstehen können, sondern wäre bald gewesen wie diese hier mit ihren Kirchen ohne Dächer, mit Häusern ohne Zierat und mit ihren einsamen leeren Gassen. Da war es doch besser, sie stand im Verborgnen dort unten in all ihrer Herrlichkeit.
„Es wird ja wohl so am besten sein, wie es gekommen ist,“ dachte er. „Ich glaube, selbst wenn ich die Macht hätte, die Stadt zu retten, würde ich es jetzt wohl nicht mehr tun.“
Von da an trauerte er nicht mehr über diese Sache. Und es gibt sicher viele, die so denken, weil sie noch jung sind. Aber wenn die Menschen alt werden und sich daran gewöhnt haben, sich mit wenigem zu begnügen, dann freuen sie sich mehr über das Visby, das da ist, als über das schöne Vineta auf dem Meeresgrund.
Dienstag, 12. April
Die Wildgänse waren gut übers Meer gekommen und hatten sich im nördlichen Småland im Tjuster Bezirk niedergelassen. Hier erstreckten sich überall Meeresarme weit ins Land hinein und teilten es in Inseln, in Halbinseln, in Landengen und Landzungen. Das Meer war so aufdringlich, daß schließlich nur noch die Hügel und Bergrücken vom Wasser unbedeckt blieben.
Als die Wildgänse vom Meer hereinflogen, war es Abend geworden, und das hügelige Land lag schön zwischen den glänzenden Fjorden vor ihnen. Da und dort sah der Junge Hütten und Häuser auf den Inseln; und je weiter man ins Land hineinkam, desto größer und besser wurden die Wohnstätten, schließlich wuchsen sie zu großen weißen Herrenhöfen heran. Am Ufer hin stand gewöhnlich eine Reihe Bäume, diesseits davon lagen Ackerfelder, und oben auf den kleinen Hügeln wuchsen aufs neue Bäume. Der Junge mußte unwillkürlich an Blekinge denken. Hier war wieder eine Gegend, wo Land und Meer auf so schöne und stille Weise zusammentrafen, sich gleichsam das Schönste und Beste, was sie hatten, zu zeigen.
Die Wildgänse ließen sich auf einem kahlen Holm weit drinnen im Gåsfjord nieder. Beim ersten Blick auf den Strand merkten sie, daß der Frühling große Fortschritte gemacht hatte, während sie sich auf den Inseln aufgehalten hatten. Die großen, prächtigen Bäume waren zwar noch nicht belaubt, aber die Wiesen darunter schimmerten in weiß, grün, gelb und blau. Die Gänse hielten verwundert an und überlegten, woher das wohl komme. Aber dann ging ihnen auf einmal ein Licht auf; die Wiesen waren mit weißen Anemonen, Krokus und Leberblümchen bedeckt.
Als die Wildgänse den Blumenteppich sahen, erschraken sie, denn sie fürchteten, sich am Ende zu lange in dem südlichen Teil des Landes aufgehalten zu haben, und Akka sagte sogleich, sie würden wohl keine Zeit haben, einen von den Ruheplätzen in Småland aufzusuchen. Schon am nächsten Morgen müßten sie über Ostgötland nordwärts weiterreisen.
Demgemäß würde also der Junge nicht viel von Småland sehen, und es fehlte nicht viel, so hätte er sich darüber gegrämt. Von keiner andern Landschaft hatte er nämlich so viel sprechen hören, als gerade von Småland, und er hatte sich sehr gewünscht, es einmal mit eignen Augen zu sehen.
Wie wir wissen, war er im letzten Sommer bei einem Bauern in der Nähe von Jordberga als Gänsejunge angestellt gewesen, und da war er beinahe jeden Tag mit ein paar armen Kindern aus Småland zusammengetroffen, die auch Gänse hüteten. Und diese Kinder hatten ihn mit ihrem Småland beständig geneckt und geärgert.
Aber es wäre unrecht gewesen, wenn er behauptet hätte, das Gänsemädchen Åsa habe ihn geärgert. Dazu war es viel zu klug. Nein, wer einen mit Absicht ärgern konnte, das war ihr Bruder Klein-Mats gewesen.
„Du, Gänsejunge Nils, weißt du, wie es ging, als Småland und Schonen erschaffen wurden?“ konnte er fragen. Und wenn dann Nils nein sagte, begann er schnell die witzige Geschichte über Småland zu erzählen.
„Ja, weißt du,“ begann er, „es geschah zu der Zeit, wo der liebe Gott die Welt erschuf. Während er mitten darin war, kam Sankt Petrus des Wegs daher. Er blieb bei dem lieben Gott stehen und sah ihm eine Weile zu, dann aber fragte er, ob das eine sehr schwierige Arbeit sei? ‚O ja, so ganz leicht ist es gerade nicht,‘ antwortete der liebe Gott. Sankt Petrus blieb noch eine Weile stehen, und als er merkte, mit welcher Leichtigkeit der liebe Gott ein Land ums andre herausarbeitete, bekam er Lust, es auch zu versuchen. ‚Möchtest du nicht ein wenig ausruhen?‘ sagte er zum lieben Gott. ‚Dann könnte ich indessen deine Arbeit übernehmen.‘ Aber das wollte der liebe Gott nicht. ‚Ich weiß nicht, ob du dich auf diese Kunst so gut verstehst, daß ich dich da weiterarbeiten lassen kann, wo ich aufhöre,‘ antwortete er. Da wurde Sankt Petrus ärgerlich und sagte, er getraue sich, ebenso gute Länder erschaffen zu können, wie der liebe Gott.
In diesem Augenblick war der liebe Gott gerade an der Erschaffung von Småland. Es war zwar noch nicht einmal halbfertig, aber es versprach ein unbeschreiblich schönes und fruchtbares Land zu werden. Da aber der liebe Gott Sankt Petrus nur schwer etwas abschlagen konnte und außerdem wohl auch dachte, was so gut begonnen worden sei, könne eigentlich niemand mehr verderben, sagte er: ‚Wenn es dir recht ist, wollen wir einmal versuchen, welcher von uns sich auf diese Art Arbeit am besten versteht. Da du noch ein Anfänger bist, sollst du an dem Land hier, das ich angefangen habe, weiterarbeiten, ich aber will ein neues schaffen.‘ Sankt Petrus ging gleich auf den Vorschlag ein, und jeder begann sofort an seinem Platz zu arbeiten.
Der liebe Gott rückte ein wenig südwärts und machte sich daran, Schonen zu erschaffen. Es dauerte auch gar nicht lange, da war er fertig. Nun wendete er sich an Sankt Petrus und fragte ihn, ob er fertig sei und ob er das neue Land betrachten wolle. ‚Ich habe meines schon lange in Ordnung,‘ sagte Sankt Petrus; und man hörte seiner Stimme an, wie zufrieden er mit seinem Werk war.
Als Sankt Petrus Schonen sah, mußte er zugeben, daß von diesem Land nur Gutes gesagt werden könne. Es war ein fruchtbares, leicht zu bebauendes Land mit großen Ebenen, wohin man sah, und kaum einer leichten Andeutung von Berg. Es sah aus, als habe sich der liebe Gott vorgenommen, dieses Land besonders gut zu machen, damit es den Leuten da wohl sei. ‚Ja, das ist ein gutes Land,‘ sagte Sankt Petrus, ‚aber ich glaube, meines ist doch noch besser.‘ – ‚Dann wollen wir es gleich einmal ansehen,‘ sagte der liebe Gott.
Als Sankt Petrus die Arbeit aufnahm, war das Land im Norden und Osten schon fertig gewesen, aber den südlichen und westlichen Teil und die ganze Mitte hatte er allein machen dürfen. Als nun der liebe Gott sah, was Sankt Petrus gearbeitet hatte, erschrak er so, daß er unwillkürlich anhielt und ausrief: ‚Aber was hast du nur gemacht, Sankt Petrus?‘
Sankt Petrus selbst sah ganz verdutzt drein. Er hatte sich eingebildet, für das Land könne nichts besser sein, als wenn es recht warm sei. Deshalb hatte er eine ungeheure Menge Steine und Berge aufgehäuft und ein Hochland zusammengemauert, in dem Glauben, daß er es dadurch näher an die Sonne heranbringe, und daß es alsdann recht viel Sonnenwärme bekomme. Auf die Steinhaufen hatte er eine dünne Lage Erde gebreitet, und dann war seiner Meinung nach alles aufs Beste bestellt gewesen.
Aber während er in Schonen gewesen war, waren ein paar starke Regengüsse niedergerauscht, und mehr hatte es nicht bedurft, um zu zeigen, wessen Arbeit die beste sei. Als der liebe Gott herzutrat, das Land zu betrachten, war alles Erdreich weggeschwemmt, und der nackte Gebirgsstock wurde überall sichtbar. Wo es noch am besten aussah, lag Lehm und schwerer Kies auf den Steinflächen, aber auch dies sah äußerst mager aus, und man begriff leicht, daß da kaum etwas andres als Wacholder und Fichten, Moos und Heidekraut wachsen könnte. Nur allein das Wasser war in reicher Menge vorhanden, denn das hatte alle die Schluchten unten in dem Gebirge gefüllt, und überall sah man Seen, Bäche und Flüsse, von den Mooren und Teichen, die sich über große Flächen ausbreiteten, gar nicht zu reden. Das ärgerlichste aber war, daß die einen Gegenden zu viel Wasser hatten, während in andern großer Mangel daran war; weite Felder lagen wie ausgetrocknete Heiden da, und der geringste Luftzug wirbelte ganze Wolken von Erde und Sand auf.
‚Was kannst du nur für eine Absicht gehabt haben, daß du dieses Land so erschaffen hast?‘ fragte der liebe Gott. Sankt Petrus entschuldigte sich und sagte, er habe das Land so hoch gebaut, damit es recht viel Sonnenwärme bekomme.
‚Aber dann bekommt es ja auch sehr viel Nachtkälte,‘ entgegnete der liebe Gott, ‚denn auch sie kommt vom Himmel herunter. Ich fürchte, das wenige, was da wachsen kann, wird erfrieren.‘
Daran hatte Sankt Petrus natürlich nicht gedacht.
‚Ja, das wird ein mageres, vom Frost heimgesuchtes Land sein,‘ sagte der liebe Gott. ‚Daran läßt sich nun nichts mehr ändern.‘“
Wenn Klein-Mats in seiner Erzählung so weit gekommen war, fiel ihm immer die Gänsehirtin Åsa ins Wort. „Ich kann es nicht leiden, Klein-Mats,“ sagte sie, „daß du Småland so elendiglich hinstellst. Du vergißt ganz, wieviel guter Boden doch da ist. Denk nur an den Mörebezirk am Sund von Kalmar! Ich möchte wohl wissen, ob es irgendwo üppigere Getreidefelder gibt? Dort liegt Acker an Acker, ganz wie hier in Schonen. Das ist ausgezeichneter Boden, und ich wüßte wirklich nicht, was dort nicht wachsen würde.“
„Ich kann nichts daran ändern,“ sagte Klein-Mats, „denn ich erzähle die Geschichte, wie ich sie selbst gehört habe.“
„Und ich habe viele Leute sagen hören, ein so schönes Küstenland wie Tjust gebe es nirgends mehr. Denk doch an die Buchten und die Holme und die Herrenhöfe und die Wälder!“
„Ja, das ist wohl wahr,“ gab Klein-Mats zu.
„Und weißt du nicht mehr, was die Lehrerin sagte? Eine so belebte, schöne Gegend wie das Stückchen von Småland, das südlich vom Wettern liegt, gebe es in ganz Schweden nicht mehr. Denk an den schönen See und an die gelben Strandberge, und an Grenna und Jönköping mit den Zündholzfabriken und an den Munksee, und denk doch nur an Huskvarna und an alle die großen Anlagen dort!“
„Ja, das ist wohl wahr,“ sagte Klein-Mats noch einmal.
„Und denk an Visingö, Klein-Mats, mit den Ruinen dort, und an den Eichenwald, und an alle die historischen Erinnerungen! Denk an das Tal, wo der Emfluß entspringt, mit allen den Ortschaften und Mühlen und Holzstoffabriken und Sägereien und Schreinerwerkstätten dort!“
„Ja, das ist alles wahr,“ sagte Klein-Mats mit ganz betrübtem Gesicht.
Aber plötzlich schaute er auf. „Sind wir aber dumm!“ rief er. „Das alles liegt ja in dem Småland des lieben Gottes, in dem Teil des Landes, der schon fertig war, als Sankt Petrus sich an die Arbeit machte. Es ist also ganz richtig, denn das sollte ja schön und prächtig sein. Aber in Sankt Petrus Småland sah es ganz so aus, wie es in der Sage heißt, und es wundert mich gar nicht, daß der liebe Gott betrübt war, als er es sah. Sankt Petrus verlor aber jedenfalls den Mut nicht, er versuchte im Gegenteil, den lieben Gott zu trösten. ‚Sei mir nicht böse,‘ bat er. ‚Warte nur, bis ich Menschen geschaffen habe, die die Moore urbar machen und die Bergrücken in Äcker umwandeln.‘
Aber jetzt war die Geduld des lieben Gottes doch schließlich erschöpft. ‚Nein, du magst hinuntergehen nach Schonen, das ich zu einem guten, fruchtbaren Land gemacht habe, und dort den Schonen schaffen, aber den Småländer, den überlaß mir.‘ Und dann erschuf der liebe Gott den Småländer und machte ihn klug und genügsam, froh und fleißig, unternehmend und tüchtig, damit er sich in dem armen Land seinen Unterhalt erwerben könne.“
Sobald Klein-Mats an diesem Punkt angekommen war, pflegte er aufzuhören, und wenn dann Nils Holgersson auch geschwiegen hätte, wäre alles gut gegangen; der aber konnte es nicht lassen, zu fragen, wie es denn Sankt Petrus bei der Erschaffung der Menschen gegangen sei.
„Ja, wie gefällst du dir selber?“ antwortete Klein-Mats mit so verächtlicher Miene, daß Nils Holgersson sofort über ihn herfiel, um ihn durchzubläuen. Aber Mats war nur ein kleiner Kerl, und die ein Jahr ältre Åsa lief rasch herbei, ihm zu helfen. So gutmütig sie sonst war, sobald jemand dem Bruder zu nahe kam, fuhr sie auf wie eine Löwin. Nils Holgersson aber wollte sich nicht mit einem Mädel balgen, deshalb kehrte er den Geschwistern den Rücken und ging seiner Wege und schaute den ganzen Tag hindurch nicht ein einziges Mal nach der Seite, wo sich die småländischen Kinder befanden.