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Die Krähen

Der tönerne Topf

In der südöstlichen Ecke von Småland liegt der Bezirk Sunnerbo. Dort ist aber ganz ebner, gleichmäßiger Boden, und wer diesen Bezirk im Winter sieht, kann sich nichts andres denken, als daß sich unter dem Schnee umgepflügte Brachfelder, grüne Roggenäcker und abgemähte Kleewiesen ausbreiten, wie es im Flachland zu sein pflegt. Aber wenn der Schnee in Sunnerbo im Anfang April endlich schmilzt, dann zeigt es sich, daß das, was grün darunter liegen sollte, nichts als trockne, sandige Heiden, nackte Felskuppen und große, sumpfige Moore sind. Wohl gibt es da und dort auch Äcker, aber sie sind so klein, daß man sie kaum bemerkt; und kleine graue oder rote Bauernhütten sind wohl auch da, aber meistens sind sie in einem Buchenwäldchen ganz versteckt, als ob sie Angst hätten, sich zu zeigen.

Wo der Sunnerboer Bezirk mit der Grenze von Halland zusammenstößt, liegt eine Sandheide, die so groß ist, daß jemand, der auf der einen Seite steht, nicht bis zum andern Ende sehen kann. Auf der ganzen Ebene wächst nichts als Heidekraut, und man könnte wohl auch schwerlich etwas andres dort zum Wachsen bringen. Zu allererst müßte man dann das Heidekraut ausrotten; denn obgleich dieses nur einen kleinen, verkrüppelten Stamm, kleine verkrüppelte Zweige und trockne, verkrüppelte Blätter hat, bildet es sich doch ein, es sei ein Baum, und beträgt sich demgemäß ganz wie die wirklichen Bäume, breitet sich waldartig über weite Strecken aus, hält treulich zusammen und will nicht leiden, daß andre kleine und große Gewächse in seinen Bereich eindringen.

Die einzige Stelle auf der Heide, wo das Heidekraut nicht Alleinherrscher sein kann, ist ein niedriger, steiniger Bergrücken, der sich mitten über das Heideland hinzieht. Da gibt es Wacholderbüsche, Ebereschen und mehrere große, schöne Buchen. Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, war auch eine Hütte mit einem kleinen Stück gepflügten Landes dort, aber die Leute, die da gewohnt hatten, waren aus dem einen oder andern Grunde weggezogen. Die kleine Hütte stand leer, und die Äcker lagen unbebaut.

Beim Verlassen ihrer Hütte hatten die Menschen zwar vorsorglich die Ofenklappe zugemacht, die Fensterhaken angelegt und die Tür verschlossen. Aber sie hatten nicht daran gedacht, daß eine Fensterscheibe zerschlagen und die Öffnung nur mit einem Lappen verstopft war. Nach ein paar tüchtigen Sommerregen war der Lappen verfault und zusammengesunken; und schließlich war es einer Krähe gelungen, ihn wegzupicken.

Der Bergrücken auf der Heide war nämlich nicht so einsam, wie man annehmen könnte, sondern er war von einem großen Volke Krähen bewohnt, das aber natürlich nicht das ganze Jahr hindurch seinen Aufenthalt da hatte. Im Winter zogen die Krähen ins Ausland, im Herbst flogen sie von einem Acker zum andern im ganzen Götaland umher und pickten Saatkörner auf, im Sommer zerstreuten sie sich auf die Höfe im Bezirk Sunnerbo und lebten von Eiern, Beeren und jungen Vögeln; aber in jedem Frühling, wenn sie Nester bauen und Eier legen wollten, kehrten sie auf dieses mit Heidekraut bewachsene Heideland zurück.

Die Krähe, die den Lappen aus dem Fenster herausgepickt hatte, hieß Garm Weißfeder, wurde aber nie anders als Fumle oder Drumle oder schlechtweg Fumle-Drumle genannt, weil sie sich immer dumm und ungeschickt anstellte und zu nichts zu gebrauchen war, als daß man sich über sie lustig machte. Fumle-Drumle war größer und stärker als alle die andern Krähen, aber das half ihr gar nichts, die andern trieben nach wie vor ihren Spott mit ihr. Und auch das half ihr nichts, daß sie aus sehr vornehmem Geschlecht stammte. Von Rechts wegen hätte sie sogar der Anführer der ganzen Schar sein müssen, weil diese Würde von Urzeiten her dem Ältesten der Weißfeder zu eigen gewesen war. Aber lange, ehe Fumle-Drumle zur Welt kam, hatte ihre Familie die Macht verloren, und diese gehörte jetzt einer grausamen wilden Krähe, namens Wind-Eile.

Der Herrscherwechsel aber stammte daher, daß die Krähen auf dem Krähenbergrücken beschlossen hatten, ihre Lebensweise zu ändern. Viele werden wohl glauben, alles, was Krähe heiße, lebe auf ein und dieselbe Weise, aber dies ist ganz unrichtig. Es gibt ganze Krähenvölker, die ein ehrenwertes Leben führen, das heißt, sich nur von Samenkörnern, Würmerlarven und schon gestorbenen Tieren nähren. Und es gibt andre, die ein wahres Räuberunwesen treiben; diese fallen über junge Hasen und kleine Vögel her und rauben jedes Vogelnest aus, das sie nur entdecken können.

Die alten Weißfeder waren streng und mäßig gewesen; und so lange sie die Anführer waren, hatten die Krähen sich so aufführen müssen, daß ihnen die andern Vögel nichts Böses nachsagen konnten. Aber die Krähen waren sehr zahlreich; es herrschte große Armut bei ihnen, und sie brachten es auf die Dauer nicht fertig, einen so strengen Wandel zu führen. Sie empörten sich deshalb gegen die Weißfeder und gaben die Macht einem Krähenmann namens Wind-Eile, der der schlimmste Räuber und Nestplünderer war, den man sich denken konnte, wenn nicht sein Weib, die Wind-Kåra, schließlich noch schlimmer war. Unter der Anführerschaft dieser beiden hatten sich die Krähen einem solchen Lebenswandel hingegeben, daß sie jetzt mehr gefürchtet waren als Habichte und Eulen.

Fumle-Drumle wurde natürlich keine Stimme eingeräumt. Die ganze Schar erklärte einstimmig, er schlage nicht im geringsten seinen Vorfahren nach und passe ganz und gar nicht zum Anführer. Es wäre überhaupt nicht von ihm gesprochen worden, wenn er nicht immer neue Dummheiten gemacht hätte. Einige besonders kluge sagten allerdings bisweilen, es sei vielleicht ein Glück für Fumle-Drumle, daß er ein so unbeholfener Tropf sei, sonst hätten Wind-Eile und Kåra es nicht gewagt, diesen Abkömmling des alten Häuptlingsgeschlechtes in der Schar bleiben zu lassen.

Jetzt waren diese beiden im Gegenteil sehr freundlich gegen Fumle-Drumle und nahmen ihn gern mit auf ihre Jagdzüge; da konnten dann alle andern sehen, daß sie viel geschickter und kühner waren als der gute Fumle-Drumle.

Keine von den Krähen wußte, daß Fumle-Drumle den Lappen aus der zerbrochenen Fensterscheibe herausgepickt hatte, und wenn sie es gewußt hätten, würden sie sich aufs höchste darüber verwundert haben. Die Keckheit, sich einer menschlichen Wohnung zu nähern, hätten sie Fumle-Drumle nie zugetraut. Fumle-Drumle behielt die Sache auch vollständig für sich, und dazu hatte er seine guten Gründe. Wind-Eile und Kåra behandelten ihn zwar bei Tage und in Gegenwart der andern immer gut, aber in einer sehr dunklen Nacht, als die Krähen schon auf ihren Zweigen aufgesessen waren, war er plötzlich von ein paar Krähen überfallen und beinahe ermordet worden. Von da an begab er sich jeden Abend, nachdem es dunkel geworden war, von seinem gewohnten Schlafplatz in die Hütte hinein.

Da geschah es, daß die Krähen, nachdem sie schon ihre Nester auf dem Krähenberge in Ordnung gebracht hatten, einen merkwürdigen Fund machten. Eines Nachmittags waren Wind-Eile, Fumle-Drumle und ein paar andre in ein großes, an dem einen Ende der Heide liegendes Loch im Boden hinabgeflogen. Dieses Loch war nichts weiter als eine Kiesgrube, aber die Krähen konnten sich mit einer so einfachen Erklärung nicht zufrieden geben; sie flogen beständig hinein und drehten jedes Sandkorn um, weil sie gar zu gern gewußt hätten, warum die Menschen diese Grube gemacht hatten. Während sie so eifrig beschäftigt waren, stürzte plötzlich eine Masse Kies von der einen Seite herunter. Die Krähen liefen erregt dorthin, und das Glück wollte es, daß zwischen den herabgestürzten Steinen und dem Kies ein ziemlich großer tönerner, mit einem Holzdeckel verschlossener Topf lag. Sie wollten natürlich wissen, ob etwas darin sei, versuchten auch, ein Loch in den Topf zu hacken und den Deckel aufzumachen; aber keins von beiden gelang ihnen.

Ganz ratlos standen sie um den Topf herum und betrachteten ihn, als sie plötzlich eine Stimme hörten: „Soll ich kommen und euch helfen, ihr Krähen?“ Sie schauten hastig auf, und da, am Rande der Grube, saß ein Fuchs, der zu ihnen herunterschaute. Der Fuchs war, was Farbe und Gestalt betraf, einer der schönsten Füchse, den die Krähen je gesehen hatten. Sein einziger Schönheitsfehler war, daß er ein Ohr verloren hatte.

„Wenn du Lust hast, uns eine Gefälligkeit zu erweisen,“ sagte Wind-Eile, „werden wir nicht nein sagen.“ Gleichzeitig aber flog sie aus der Grube heraus, und die andern Krähen folgten ihr eilig nach. Der Fuchs hüpfte an ihrer Statt hinunter, biß an dem Topf herum und zog am Deckel, aber auch er konnte ihn nicht öffnen.

„Kannst du dir denken, was darin ist?“ fragte Wind-Eile.

Der Fuchs rollte den Topf hin und her und horchte aufmerksam. „Silbermünzen sinds gewiß und wahrhaftig, lauter silberne Münzen sinds!“ sagte er.

Das war mehr, als die Krähen erwartet hatten. „Meinst du wirklich, es könnte Silber sein?“ fragten sie, und ihre Augen funkelten vor Begierde; denn so merkwürdig es auch klingen mag, es gibt auf der Welt nichts, was die Krähen mehr lieben, als Silbermünzen.

„Hört nur, wie sie klirren!“ sagte der Fuchs und rollte den Topf noch einmal hin und her. „Ich weiß nur nicht, wie wir dazu kommen sollen.“

„Nein, das ist wohl unmöglich,“ seufzten die Krähen.

Der Fuchs rieb sich den Kopf mit der linken Pfote und überlegte. Vielleicht könnte es ihm jetzt mit Hilfe der Krähen gelingen, diesen Knirps, der ihm immer wieder entging, in seine Gewalt zu bekommen. „Ich wüßte wohl einen, der uns den Topf öffnen könnte,“ sagte der Fuchs schließlich.

„Wen? Wen?“ riefen die Krähen, und in ihrem Eifer flatterten sie wieder in die Grube hinab.

„Das will ich euch sagen, wenn ihr mir versprecht, ihn mir nachher auszuliefern,“ sagte der Fuchs.

Und nun erzählte er den Krähen von Däumling und sagte, wenn sie ihn auf die Heide hier herausbringen könnten, würde der ihnen den Topf sicher öffnen können. Aber als Lohn für diesen Rat verlange er, daß ihm Däumling überlassen werde, sobald er den Krähen die Silbermünzen verschafft hätte. Die Krähen hatten keinen Grund, Däumling zu verschonen, und gingen ohne weitres auf die Bedingung ein.

Dies alles war leicht zu vereinbaren gewesen, schwerer aber war es, zu erfahren, wo der Däumling und die Wildgänse sich befanden. Wind-Eile machte sich selbst mit fünfzehn Krähen auf den Weg und sagte, er werde bald wieder zurück sein. Aber ein Tag um den andern verging, ohne daß die Krähen auf dem Krähenhügel auch nur einen Schein von ihm gesehen hätten.

Von den Krähen geraubt

Mittwoch, 13. April

Beim ersten Morgengrauen waren die Wildgänse draußen, um sich etwas Nahrung zu verschaffen, ehe sie die Reise nach Ostgötland antraten. Der Holm in der Gåsbucht, wo sie geschlafen hatten, war klein und kalt, aber im Wasser ringsum wuchsen allerlei Gewächse, an denen sie sich sättigen konnten. Der Junge war schlimmer daran, er suchte vergeblich etwas Eßbares für sich.

Als er sich nun hungrig und in der Morgenkühle schnatternd nach allen Seiten umsah, fiel sein Blick auf ein paar Eichhörnchen, die auf einer mit Bäumen bestandenen Landzunge gerade vor der kleinen Felseninsel spielten. Da dachte er, die Eichhörnchen hätten vielleicht noch etwas von ihrem Wintervorrat übrig, und er bat den weißen Gänserich, ihn auf die Landzunge hinüberzubringen, er wolle die Eichhörnchen um ein paar Haselnüsse bitten.

Der große Weiße schwamm gleich mit ihm über die Meerenge; aber zum Unglück waren die Eichhörnchen von ihrem Spiel vollständig in Anspruch genommen, sie jagten einander von Baum zu Baum und nahmen sich keine Zeit, den Jungen anzuhören, sondern zogen sich im Gegenteil immer tiefer ins Gebüsch hinein. Der Junge lief ihnen eilig nach und war bald aus dem Gesichtskreis des Gänserichs verschwunden, der ruhig am Strande liegen geblieben war.

Der Junge watete durch einige Wiesen, wo die Anemonen so hoch standen, daß sie ihm beinahe bis zum Kinn reichten, da fühlte er sich plötzlich hinten angefaßt, und es wurde der Versuch gemacht, ihn aufzuheben. Rasch wendete er sich um; da sah er, daß ihn eine Krähe am Halskragen gepackt hatte. Er versuchte sich loszureißen; aber ehe ihm dies gelang, eilte noch eine Krähe herbei, biß sich in einem von seinen Strümpfen fest und riß ihn zu Boden.

Wenn der Junge sogleich um Hilfe geschrieen hätte, wäre es dem Gänserich wohl gelungen, ihn zu befreien, aber der Junge dachte wahrscheinlich, mit ein paar Krähen müsse er es allein aufnehmen können. Er schlug und stieß um sich; aber die Krähen ließen nicht los, und es gelang ihnen auch wirklich, ihre Beute mit sich in die Luft hinaufzunehmen. Sie gingen aber dabei so unvorsichtig zu Werke, daß der Kopf des Jungen gegen einen Baum stieß. Er bekam einen starken Schlag auf den Wirbel; es wurde ihm schwarz vor den Augen, und er verlor das Bewußtsein.

Als der Junge die Augen wieder aufschlug, befand er sich hoch über der Erde. Nur langsam kehrte ihm das Gedächtnis zurück, und im Anfang wußte er weder, wo er war, noch was er sah. Als er unter sich schaute, glaubte er, da unten sei ein ungeheuer großer wolliger Teppich ausgebreitet, der in den unregelmäßigsten Mustern von grün und blau gewebt war. Es war ein sehr dicker, prachtvoller Teppich, aber der Junge dachte: „Wie schade, daß er so verdorben ist!“ Denn der Teppich sah geradezu zerfetzt aus, lange Risse liefen mitten hindurch, und an einigen Stellen waren große Stücke weggerissen. Das merkwürdigste aber war, daß der Teppich über einen Spiegel ausgebreitet zu sein schien, denn da, wo die Löcher und Risse waren, schimmerte helles, glänzendes Spiegelglas hervor.

Das nächste, was der Junge sah, war die aufgehende Sonne, die sich jetzt über dem Horizont zeigte, und siehe da, der Spiegel unter den Löchern und Rissen in dem Teppich begann plötzlich in rotem und goldnem Glanze zu schimmern. Das sah prachtvoll aus, und der Junge freute sich über das schöne Farbenspiel, obgleich er nicht recht begriff, was er eigentlich sah. Aber jetzt begannen die Krähen abwärts zu fliegen, und auf einmal entdeckte er, daß der große Teppich unter ihm die mit grünen Nadelholzwäldern und braunen, kahlen Laubwäldern bedeckte Erde war, die Löcher und Risse aber lauter glänzende Fjorde und kleine Seen waren.

Und nun fiel ihm ein, daß er, als er das erstemal auf dem Gänserücken durch die Luft geflogen war, geglaubt hatte, der Erdboden in Schonen sei ein gewürfeltes Tuch. Doch dieses Land hier, das wie ein zerrissener Teppich aussah, wie mochte es wohl heißen?

Eine Menge Fragen gingen ihm durch den Kopf. Warum saß er nicht auf dem Rücken des weißen Gänserichs? Warum flog ein großer Schwarm um ihn her? Und warum wurde er hierher und dorthin gezerrt und geschleudert, so daß er fast hinunterfiel?

Doch plötzlich wurde ihm alles klar. Er war von ein paar Krähen geraubt worden. Der weiße Gänserich lag noch am Strand und wartete auf ihn, und die Wildgänse wollten heute noch nach Ostgötland weiterreisen; ihn selbst aber brachte man fort. Südwestwärts ging es; das erkannte er daran, daß er die Sonnenscheibe hinter sich hatte. Ja, und der große Wälderteppich dort drunten mußte Småland sein.

„Wie wird es dem weißen Gänserich nun gehen, wenn ich nicht mehr für ihn sorgen kann?“ dachte der Junge. Er begann den Krähen zuzurufen, sie sollten ihn sogleich zu den Wildgänsen zurückbringen. Seiner selbst wegen war er jedoch nicht im geringsten beunruhigt, er glaubte, die Krähen hätten ihn aus reinem Mutwillen mitgenommen.

Die Krähen aber richteten sich ganz und gar nicht nach seinen Befehlen, sondern flogen so schnell als möglich weiter. Aber nach einer Weile schlug eine mit den Flügeln auf eine Art, die bei den Krähen bedeutet: „Seht euch vor! Gefahr!“ Sogleich tauchten alle in einen Fichtenwald unter und drangen zwischen riesigen Zweigen hindurch bis hinunter auf den Waldboden. Hier angekommen, setzten sie den Jungen unter einer dichten Fichte nieder, wo er so gut verborgen war, daß ihn nicht einmal der Blick eines Falken hätte entdecken können.

Die Schnäbel auf den Jungen gerichtet, stellten sich fünfzehn Krähen als Wache um ihn herum. „Nun, ihr Krähen, werde ich jetzt vielleicht erfahren, warum ihr mich geraubt habt?“ fragte der Junge.

Aber er hatte kaum ausgeredet, als ihn auch schon eine große Krähe anzischte: „Schweig! Oder ich hacke dir die Augen aus!“

Und mit diesem Ausspruch war es der Krähe sicherlich Ernst, darüber konnte kein Zweifel herrschen; dem Jungen blieb also nichts andres übrig, als zu gehorchen. Schweigend saß er da und starrte die Krähen an, und die Krähen starrten ihn an.

Aber je länger er sie betrachtete, desto weniger gefielen sie ihm. Ihr Federkleid war schrecklich schmutzig und schlecht geputzt, ganz als ob die Krähen von einem Bad oder von Einölen gar nichts wüßten. An ihren Zehen und Klauen klebte vertrocknete Erde, und in den Schnabelwinkeln saßen Speisereste. Das war ein andrer Schlag Vögel als die Wildgänse, das sah der Junge wohl. Sie hatten ein grausames, habsüchtiges, gieriges und freches Aussehen, ganz wie richtige Räuber und Landstreicher.

„Da bin ich ja wohl unter ein echtes Räuberpack geraten,“ dachte der Junge.

In demselben Augenblick hörte er den Lockruf der Wildgänse über sich: „Wo bist du? Hier bin ich! Wo bist du? Hier bin ich!“

Er erriet, daß Akka und die andern auf der Suche nach ihm waren; aber ehe er antworten konnte, zischte die große Krähe, die der Anführer der Bande zu sein schien, ihm ins Ohr: „Denk an deine Augen!“ Und es blieb ihm nichts andres übrig, als zu schweigen.

Die Wildgänse hatten wohl keine Ahnung, daß der Junge ihnen so nahe war; sie waren gewiß nur zufällig über diesen Wald hingeflogen, denn der Junge hörte sie nur noch ein paarmal rufen, dann verstummten sie. „Ja, nun mußt du dir selbst helfen, Nils Holgersson!“ sagte er zu sich selbst. „Nun mußt du zeigen, ob du während der in der Wildnis verbrachten Wochen etwas gelernt hast.“

Nach einer Weile machten die Krähen Anstalt, aufzubrechen; sie hatten offenbar die Absicht, den Jungen noch weiter mitzunehmen, und zwar wieder so, daß ihn die eine am Hemdkragen, die andre am Strumpf festhielt. Doch da sagte der Junge: „Ist denn keine unter euch stark genug, mich auf ihrem Rücken zu tragen? Ihr habt mich schon so mißhandelt, daß ich wie gerädert bin. Laßt mich doch reiten, ich werde mich gewiß nicht hinabstürzen, das verspreche ich.“

„Glaube nur nicht, daß wir uns darum kümmern, wie es dir geht,“ sagte der Anführer.

Aber jetzt kam die größte von den Krähen herbei; sie hatte eine weiße Feder im Flügel und sagte: „Es wäre gewiß besser für uns alle, Wind-Eile, wenn wir Däumling ganz und nicht halb an Ort und Stelle brächten, deshalb will ich versuchen, ihn auf meinem Rücken zu tragen.“

„Wenn du es kannst, Fumle-Drumle, dann hab ich nichts dagegen,“ sagte Wind-Eile. „Aber verliere ihn ja nicht!“

Damit war schon viel gewonnen, und der Junge war wieder ganz vergnügt. „Den Mut brauche ich noch nicht zu verlieren, weil mich die Krähen geraubt haben,“ dachte er. „Mit diesen Gaunern werde ich schon fertig werden.“

Die Krähen flogen in südwestlicher Richtung immer weiter über Småland hin. Es war ein herrlicher, sonniger, warmer Morgen, die Vögel auf der Erde drunten gingen alle auf Freiersfüßen, sie sangen und zwitscherten ihre zärtlichsten Weisen. In einem hohen, dunklen Wald, hoch droben in dem Wipfel einer Fichte, saß eine Drossel mit herabhängenden Flügeln und aufgeblähtem Hals und sang ein Mal ums andre: „Ach, wie schön bist du! Wie wunderbar schön bist du! Niemand ist so schön wie du!“ Und sobald sie mit diesem Liede zu Ende war, fing sie wieder von vorn an.

Aber gerade zu der Zeit flog der Junge über den Wald hin, und nachdem er das Lied ein paarmal mit angehört hatte und merkte, daß die Drossel sonst keines konnte, hielt er beide Hände wie eine Trompete vor den Mund und rief hinab: „Das haben wir schon früher gehört! Das haben wir schon früher gehört!“

„Wer macht sich über mein Lied lustig?“ fragte die Drossel und versuchte den Sprecher zu entdecken.

„Der von den Krähen Geraubte ist es!“ antwortete der Junge.

Da wendete der Krähenhäuptling den Kopf und sagte: „Hüte deine Augen, Däumling!“

Aber der Junge dachte: „Ach, was kümmere ich mich darum! Nun gerade will ich dir zeigen, daß ich mich nicht fürchte!“

Immer weiter ins Land hinein ging es, und überall gab es Wälder und Seen. Auf einem von Birken eingefriedigten Weideplatze saß die Waldtaube auf einem kahlen Zweige, und vor ihr stand der Täuberich. Er blies die Federn auf, verdrehte den Hals, wiegte den Körper auf und ab, so daß die Brustfedern den Zweig streiften, und dazwischen gurrte er: „Du, du, bist die schönste im Walde! Keine im Walde ist so schön wie du, du, du!“

Aber oben in den Lüften flog der Junge vorüber, und als er den Täuberich hörte, konnte er sich nicht still verhalten. „Glaub ihm nicht! Glaub ihm nicht!“ rief er hinab.

„Wer, wer, wer ist es, der mich verleumdet?“ gurrte der Täuberich und versuchte den zu entdecken, der ihm die Worte zugerufen hatte.

„Der von den Krähen Geraubte ist es!“ rief der Junge.

Wieder drehte Wind-Eile den Kopf nach dem Jungen und befahl ihm zu schweigen; aber Fumle-Drumle, der ihn trug, sagte: „Laß ihn doch schwatzen, dann denken die kleinen Vögel, wir Krähen seien gute, freundliche Vögel geworden.“

„O, die sind wohl auch nicht so dumm!“ entgegnete Wind-Eile; aber der Gedanke schmeichelte ihm doch, und von da an ließ er den Jungen rufen, so viel er wollte.

Weiter und weiter ging es, meistens über Wälder und Waldwiesen hin, aber natürlich kamen hin und wieder auch Kirchen und Dörfer und am Waldesrand kleine Häuser. Einmal sahen sie einen alten schönen Herrensitz mit rotangestrichenen Mauern und einem steilen Dach mit mehreren Absätzen. Dahinter lag der Wald, davor ein See, der Vorplatz war von mächtigen Ahornbäumen eingefaßt, und im Garten standen große, vielästige Stachelbeerbüsche. Ganz oben auf der Wetterfahne saß ein Star und zwitscherte so laut, daß jeder Ton bis zu dem Starenweibchen hinunterdrang, das in einem Starenkasten am Birnbaum auf seinen Eiern saß. „Wir haben vier kleine Eier!“ sang der Star. „Wir haben vier schöne, runde Eier! Wir haben das ganze Nest voll prächtiger Eier!“

Der Star sang sein Lied zum tausendsten Mal, als der Junge über den Hof hinflog. Da legte er die Hände wie ein Rohr vor den Mund und rief: „Die Dohle wird sie holen! Die Dohle wird sie holen!“

„Wer ist es, der mich erschrecken will?“ fragte der Star und schlug unruhig mit den Flügeln.

„Der Krähenreiter ists, der Krähenreiter!“ rief der Junge. Diesmal gebot der Krähenhäuptling dem Jungen nicht Schweigen. Er und die ganze Schar waren im Gegenteil so lustig, daß sie vor Befriedigung krächzten.

Je weiter sie ins Land hineinkamen, desto größer wurden die Seen, und desto mehr Inseln und Landzungen hatten sie. Am Ufer eines Sees stand der Enterich und machte tiefe Bücklinge vor der Ente. „Ich will dir treu bleiben mein Leben lang! Ich will dir treu bleiben mein Leben lang!“ erklärte er feierlich.

„Es dauert keinen Sommer lang!“ schrie der Junge, der eben vorüberflog.

„Was bist du denn für einer?“ rief ihm der Enterich nach.

„Ich heiße Krähenraub!“ schrie der Junge.

Um die Mittagszeit ließen sich die Krähen auf einer Waldwiese nieder. Sie flogen umher und suchten sich Speise, aber keiner von ihnen fiel es ein, auch dem Jungen etwas zu geben. Plötzlich flog Fumle-Drumle mit einem wilden Rosenzweig, an dem einige rote Hagebutten saßen, im Schnabel zu dem Häuptling hin. „Sieh, was ich dir bringe, Wind-Eile,“ sagte er. „Dies ist etwas Gutes, das für dich paßt.“

Aber Wind-Eile krächzte verächtlich. „Meinst du, ich wolle alte, vertrocknete Hagebutten fressen?“

„Und ich hatte gedacht, du würdest dich darüber freuen,“ sagte Fumle-Drumle und warf den Zweig in hellem Mißmut weg. Der Zweig aber fiel gerade vor dem Jungen nieder, und dieser war nicht faul, ihn aufzuheben und seinen Hunger mit den Beeren zu stillen.

Als die Krähen satt waren, begannen sie miteinander zu plaudern. „Woran denkst du, Wind-Eile? Du bist heute so still?“ sagte eine zu dem Anführer.

„Ich denke daran, daß in dieser Gegend einmal eine Henne lebte, die ihre Herrin sehr lieb hatte; und um ihr eine rechte Freude zu machen, legte sie ein besonders großes Ei, das sie unter dem Scheunenboden verbarg. So lange sie das Ei ausbrütete, freute sie sich immerfort, wie beglückt die Frau über das Küchlein sein werde. Die Frau wunderte sich natürlich, wo die Henne so lange blieb. Sie suchte überall nach, fand sie aber nicht. Langschnabel, kannst du erraten, wer sie fand?“

„Ich glaube, ich kann es erraten, Wind-Eile, und nachdem du dies erzählt hast, will ich etwas Ähnliches zum besten geben. Entsinnt ihr euch der großen schwarzen Katze im Hinneryder Pfarrhaus? Sie war mit ihrer Herrschaft unzufrieden, weil diese ihr immer die neugeborenen Jungen wegnahm und ertränkte. Nur ein einziges Mal gelang es der Katze, die kleinen Neugeborenen zu verstecken, denn da legte sie sie in eine Strohmiete auf dem Acker. Sie war überglücklich mit ihren Jungen, aber ich glaube, ich hatte noch mehr Freude an ihnen als sie.“

Jetzt wurden die andern Krähen so eifrig, daß sie einander ins Wort fielen. „Ist das eine Kunst, Eier und neugeborene Junge zu stehlen?“ rief eine. „Ich hab einmal einen jungen, beinahe ausgewachsenen Hasen erjagt. Da galt es, ihn von Dickicht zu Dickicht zu verfolgen – –“

Weiter kam sie nicht, denn schon fiel ihr eine andre ins Wort. „Es mag ja ganz lustig sein, Hühner und Katzen zu ärgern, aber viel interessanter finde ich es, wenn eine Krähe einem Menschen Verdruß bereiten kann. Ich hab einmal einen silbernen Löffel gestohlen – –“

Aber länger konnte der Junge diese Unterhaltung nicht mit anhören. „Nein, hört nun, ihr Krähen, ihr solltet euch schämen,“ sagte er, „so viele Schlechtigkeiten preiszugeben. Jetzt habe ich drei Wochen bei den Wildgänsen zugebracht, aber von ihnen habe ich nur Gutes gehört. Ihr müßt einen schlechten Häuptling haben, wenn er euch erlaubt, auf solche Weise zu rauben und zu morden. Ihr solltet ein neues Leben anfangen, denn ich sage euch, die Menschen sind eurer Bosheit so überdrüssig geworden, daß sie euch auszurotten versuchen, koste es, was es wolle. Und dann wird es bald aus mit euch sein.“

Als Wind-Eile und die Krähen dies hörten, wurden sie so erbost, daß sie sich auf den Jungen stürzten, um ihn zu zerhacken und zu zerreißen. Aber Fumle-Drumle lachte und krächzte und stellte sich vor ihn hin. „Nein, nein, nein!“ wehrte er ab und schien ganz entsetzt zu sein. „Was meint ihr wohl, was Wind-Kåra sagen wird, wenn ihr den Däumling umbringt, ehe er uns die Silbermünzen verschafft hat?“

„Ja du, du hast wohl Angst vor dem Weibervolk!“ rief Wind-Eile. Aber jedenfalls ließen er und die andern Krähen Däumling jetzt in Frieden.

Bald darauf zogen die Krähen weiter. Bis dahin hatte der Junge fortwährend gedacht, Småland sei doch kein so armes Land, wie ihm gesagt worden war. Es war ja wohl dicht bewaldet und voller Bergrücken, aber an den Flüssen und Seen lagen bebaute Felder, und eine wirkliche Wildnis hatte er bis jetzt noch nicht angetroffen. Aber je tiefer er ins Land hineinkam, desto weiter voneinander entfernt waren die Dörfer und Gehöfte, und schließlich war es doch, als fliege er über eine wahre Wildnis hin, denn er sah nichts als Moore, Heideland und Felsenhügel.

Die Sonne war im Untergehen, aber es war doch noch taghell, als die Krähen die mit Heidekraut bewachsene Ebene erreichten. Wind-Eile schickte eine Krähe voraus mit der Nachricht, daß ihr Suchen mit Erfolg gekrönt worden sei; und als dies bekannt wurde, flogen mehrere hundert Krähen, Wind-Kåra an der Spitze, vom Krähenhügel fort und den Ankommenden entgegen. Mitten unter dem ohrenzerreißenden Krächzen, das die Krähen bei der gegenseitigen Begrüßung ausstießen, sagte Fumle-Drumle zu dem Jungen: „Du bist auf der ganzen Reise so lustig und vergnügt gewesen, daß ich dich liebgewonnen habe. Deshalb will ich dir jetzt einen guten Rat geben. Sobald wir uns niederlassen, trägt man dir eine Arbeit auf, die dir sehr leicht vorkommen wird. Aber hüte dich wohl, sie auszuführen.“

Gleich darauf setzte Fumle-Drumle den Jungen in einer Sandgrube nieder. Der Junge ließ sich auf den Boden fallen und blieb wie zum Tode ermattet liegen. Flügelschlagend, daß es wie ein Sturm brauste, flatterten unzählige Krähen um ihn her; aber der Junge machte die Augen nicht auf.

„Steh auf, Däumling!“ befahl Wind-Eile. „Du mußt etwas für uns tun, was für dich eine Kleinigkeit ist.“

Aber der Junge rührte sich nicht, sondern stellte sich schlafend. Doch ohne ein weitres Wort zu verlieren, packte ihn Wind-Eile am Arm und schleppte ihn über den Sand zu einem altertümlich geformten tönernen Topf hin, der mitten in der Grube stand. „Steh auf, Däumling,“ befahl er, „und öffne uns den Topf!“

„Warum läßt du mich denn nicht schlafen?“ sagte der Junge. „Heute abend bin ich zu müde dazu. Wartet bis morgen!“

„Öffne den Topf!“ befahl Wind-Eile und schüttelte den Jungen.

Jetzt setzte sich der Junge auf und betrachtete den Topf sehr genau. „Wie sollte ich armes Kind einen solchen Topf öffnen können? Er ist ja ebenso groß wie ich selbst!“

„Öffne ihn!“ befahl Wind-Eile noch einmal. „Sonst geht es dir schlecht!“

Der Junge stand auf, wankte zu dem Topf hin, befühlte den Deckel und ließ die Arme sinken. „Ich bin doch sonst nicht so schwach,“ sagte er. „Laßt mich doch nur bis morgen schlafen, dann werde ich den Deckel gewiß aufbringen.“

Doch Wind-Eile war ungeduldig; er sprang vor und pickte den Jungen ins Bein. Aber eine solche Behandlung wollte dieser sich nicht gefallen lassen; rasch riß er sich los, sprang ein paar Schritte zurück, zog sein Messer aus der Scheide und hielt es ausgestreckt vor sich hin.

„Nimm dich in acht, du!“ rief er Wind-Eile zu.

Der aber war zu erbittert, um der Gefahr auszuweichen. Ganz blind vor Wut stürzte er auf den Jungen zu und direkt in das Messer hinein, das ihm durch das eine Auge ins Gehirn hineindrang. Der Junge zog zwar das Messer hastig zurück, aber Wind-Eile schlug nur noch ein paarmal mit den Flügeln, dann sank er tot zu Boden.

„Wind-Eile ist tot! Der Fremde hat unsern Häuptling Wind-Eile umgebracht!“ schrien die Krähen, die zunächst standen. Und dann erhob sich ein entsetzlicher Lärm; die einen jammerten, die andern schrien nach Rache. Alle miteinander, Fumle-Drumle an der Spitze, stürzten oder flatterten auf den Jungen zu. Aber wie gewöhnlich benahm sich Fumle-Drumle ganz verkehrt. Er flatterte nur mit ausgebreiteten Flügeln über dem Jungen und verhinderte dadurch die andern, an ihn heranzukommen und auf ihn loszuhacken.

Jetzt sah der Junge, daß er sich da in eine schlimme Lage gebracht hatte. Er konnte den Krähen nicht entfliehen, und nirgends war ein Ort, wo er sich hätte verstecken können? Aber dann fiel ihm der tönerne Topf ein. Mit einem kräftigen Ruck riß er den Deckel herunter und sprang hinein, um sich darin zu verstecken. Aber der Topf war ein schlechter Schlupfwinkel, denn er war fast bis zum Rande mit kleinen dünnen Silbermünzen gefüllt, und der Junge konnte nicht tief genug hineinkommen. Da beugte er sich vor und begann die Münzen herauszuwerfen.

Bis jetzt waren die Krähen in einem dichten Schwarm um ihn hergeflattert und hatten versucht, nach ihm zu hacken; als er aber die Münzen herauswarf, vergaßen sie auf einmal ihre Rachgier und pickten die Geldstücke eiligst auf. Mit vollen Händen warf der Junge Münzen heraus, und alle Krähen, ja selbst Wind-Kåra, versuchten sie aufzufangen. Und jede, der es gelang, eine Münze zu erhaschen, stürzte in größter Hast auf und davon nach ihrem Nest, die Beute dort zu verstecken.

Als der Junge alle Silbermünzen aus dem Topf herausgeworfen hatte, sah er auf. Da war nur noch eine einzige Krähe in der Sandgrube, Fumle-Drumle mit der weißen Feder im Flügel, der ihn getragen hatte. „Du hast mir einen größern Dienst geleistet, als du ahnen kannst, Däumling,“ sagte die Krähe mit einer ganz andern Stimme und mit ganz anderm Tonfall als vorher, „und deshalb will ich dir das Leben retten. Setz dich auf meinen Rücken, dann bringe ich dich in ein Versteck, wo du während der Nacht sicher bist. Morgen werde ich es dann so einrichten, daß du zu deinen Freunden zurückgebracht wirst.“

Die Hütte

Donnerstag, 14. April

Als der Junge am nächsten Morgen erwachte, lag er auf einem Bett, und als er vier Wände um sich her und ein Dach über sich sah, glaubte er daheim zu sein. „Ob Mutter nicht bald mit dem Kaffee kommt?“ murmelte er noch im Halbschlaf. Aber dann fiel ihm ein, daß er ganz verlassen in einer Hütte auf dem Krähenberg lag, und daß Fumle-Drumle mit der weißen Feder ihn am vorhergehenden Abend hierhergetragen hatte.

Dem Jungen taten alle Glieder weh nach der Reise, die er am gestrigen Tage gemacht hatte, und das Stilliegen kam ihm deshalb sehr schön vor. Er wartete auf Fumle-Drumle, der versprochen hatte, wiederzukommen, ihn zu holen. Das Bett war von einem Vorhang aus gewürfeltem Baumwollstoff umgeben, der Junge schob ihn zur Seite, um sich in der Stube umzusehen. Nein, ein solches Gebäude hatte er sicherlich noch nie gesehen! Die Wände bestanden nur aus einer doppelten Reihe Latten, dann kam gleich das Dach. Eine Zimmerdecke war nicht da, man konnte bis zum Dachfirst hinaufsehen. Die ganze Hütte war so klein, daß sie ihm mehr für solche Wesen, wie er jetzt eines war, als für richtige Menschen gemacht zu sein schien; aber der Herd und der Kamin waren ganz richtig gebaut und kamen ihm gerade so groß vor wie alle, die er früher gesehen hatte. Die Eingangstür auf der einen Giebelseite neben dem Herd war so schmal, daß sie beinahe einer Luke glich. An der andern Giebelseite war ein niedriges, breites Fenster mit vielen kleinen Scheiben. Es waren fast keine beweglichen Möbel im Zimmer, die Bank an der einen Langseite und der Tisch am Fenster waren an der Wand festgemacht, und desgleichen das große Bett, in dem der Junge lag, sowie auch der bunte Wandschrank.

Der Junge hätte gar zu gern gewußt, wem die Hütte gehörte, und warum sie unbewohnt sei. Es sah ganz so aus, als ob die abwesenden Bewohner die Absicht gehabt hätten, wiederzukommen. Die Kaffeekanne und der Grützentopf standen auf dem Herd, und in dem Ofenwinkel lag etwas Brennholz. Der Ofenschürer und die Backschaufel standen in einer Ecke, der Spinnrocken war auf einen Stuhl gestellt, auf dem Bort über dem Fenster lagen Werg und Flachs, ein paar Stränge Garn, ein Talglicht und ein Bund Zündhölzer.

Ja, es sah gerade aus, als ob die Leute, denen die Hütte gehörte, zurückzukehren gedächten. In der Bettlade lagen die nötigen Bettstücke, und an der Wand waren lange Tuchstreifen befestigt, auf denen drei Reiter zu sehen waren, die Kaspar, Melchior und Balthasar hießen. Dieselben Pferde und dieselben Reiter waren viele Male abgebildet. Sie ritten in der ganzen Stube herum und nahmen ihren Weg sogar bis zu den Dachbalken hinauf.

Aber oben im Dach erblickte der Junge etwas, das ihn eiligst auf die Beine brachte. Da oben auf einem Haken hingen ein paar trockne Brotkuchen. Sie sahen allerdings etwas schimmelig und alt aus, aber es war doch immerhin Brot. Er versetzte ihnen mit der Backschaufel ein paar Schläge, daß ein Stück herunterfiel. Schnell stillte er seinen Hunger und stopfte auch seine Taschen noch voll damit. Wie unglaublich gut doch Brot schmeckte!

Dann schaute er sich noch einmal in der Stube um, ob er nicht etwas entdecke, das ihm nützlich sein könnte! „Ich darf doch wohl das mitnehmen, was mir notwendig ist, da sich niemand darum kümmert,“ dachte er. Aber das meiste, was er sah, war zu groß und zu schwer. Das einzige, was er etwa mitnehmen konnte, waren ein paar Zündhölzer.

Er kletterte auf den Tisch hinauf und schwang sich mit Hilfe der Vorhänge auf das Brett über dem Fenster. Während er da oben stand und die Zündhölzer in sein Säckchen hineinstopfte, flog die Krähe mit der weißen Feder zum Fenster herein.

„Nun, da bin ich,“ sagte sie und hielt bei dem Tisch an. „Ich konnte nicht früher abkommen, weil wir Krähen heute einen neuen Häuptling gewählt haben.“

„Wen habt ihr denn gewählt?“ fragte der Junge.

„Einen, der keine Räuberei und Ungerechtigkeit dulden wird,“ sagte die Krähe und reckte sich, daß sie ganz majestätisch aussah. „Garm Weißfeder ist gewählt worden, der vorher Fumle-Drumle hieß.“

„Das ist eine gute Wahl,“ sagte der Junge, und er gratulierte Fumle-Drumle herzlich.

„Ja, du darfst mir wohl Glück wünschen,“ sagte Garm; und dann erzählte er dem Jungen, was für ein Leben er mit Wind-Eile und Kåra gehabt hätte.

Plötzlich hörte der Junge vor dem Fenster eine Stimme, die ihm bekannt vorkam. „Ist er hier?“ fragte Smirre, der Fuchs.

„Ja, da drinnen hat er sich versteckt,“ antwortete eine Krähenstimme.

„Nimm dich in acht, Däumling!“ rief Garm. „Wind-Kåra steht mit dem Fuchs draußen, der dich auffressen will!“

Mehr konnte er nicht sagen, denn der Fuchs machte einen Satz gegen das Fenster. Die alte, morsche Fensterverkleidung gab nach, und im nächsten Augenblick stand Smirre auf dem Tische am Fenster. Den neugewählten Häuptling, Garm Weißfeder, der keine Zeit zum Davonfliegen gehabt hatte, biß er sofort tot. Dann sprang er auf den Boden hinunter und schaute sich nach dem Jungen um.

Dieser versuchte sich hinter einem Garnhaspel zu verstecken, aber Smirre hatte ihn schon gesehen und duckte sich zum Sprunge. Ach, die Hütte war so gar klein und niedrig, der Junge war keinen Augenblick im Zweifel, daß ihn der Fuchs ohne Schwierigkeit erreichen könne! Aber in diesem Augenblick war der Junge nicht ohne Verteidigungswaffen. Eilig brannte er ein Zündholz an, hielt es an das Wergbündel, und als dieses aufflammte, warf er es auf Smirre hinunter. Und als das Feuer auf den Fuchs fiel, wurde dieser von einem wahnsinnigen Schrecken erfaßt. Er dachte nicht mehr an den Jungen; ohne sich zu besinnen, floh er aus der Hütte hinaus.

Aber es sah aus, als ob der Junge zwar einer Gefahr entgangen sei, jedoch nur, um sich in eine größere zu bringen. Von dem Wergbündel, das er nach Smirre geworfen hatte, verbreitete sich das Feuer weiter, und schon hatte es den Bettumhang ergriffen. Der Junge sprang hinunter und versuchte die Flammen zu löschen; aber das Feuer brannte schon zu stark, die Stube füllte sich schnell mit Rauch, und Smirre, der vor dem Fenster stehen geblieben war, erriet leicht, wie es da drinnen stand. „Na, Däumling,“ rief er, „was willst du wählen? Gebraten werden oder zu mir herauskommen? Ich möchte dich allerdings am liebsten auffressen, aber wenn dich der Tod auf andre Weise erreicht, bin ich es auch zufrieden.“

Der Junge war überzeugt, daß der Fuchs recht habe, denn das Feuer griff schrecklich schnell um sich. Schon brannte das ganze Bett, vom Boden stieg Rauch auf, und an den gemalten Tuchstreifen krochen die Flammen von einem Reiter zum andern. Der Junge war auf den Herd hinaufgesprungen und versuchte die Klappe zum Backofen zu öffnen; da hörte er plötzlich, daß ein Schlüssel in die Tür gesteckt und leise umgedreht wurde. Das mußten Menschen sein, und in der Not, in der der Junge sich befand, fürchtete er sich nicht, er freute sich nur. Er sah zwei Kinder vor sich; aber zu beobachten, was für Gesichter sie machten, als sie die Stube in Flammen stehen sahen, dazu ließ er sich keine Zeit, sondern stürzte an ihnen vorbei ins Freie.

Weit wagte er jedoch nicht zu laufen, denn er wußte wohl, daß Smirre ihm auflauerte, und daß er am besten tat, sich in der Nähe der Kinder aufzuhalten. Er wendete den Kopf, um zu sehen, wie sie aussähen; aber er hatte sie noch keine Sekunde betrachtet, als er auch schon auf sie zustürzte und ausrief: „Guten Tag, Åsa! Guten Tag, Klein-Mats!“

Denn als der Junge die Kinder erkannte, vergaß er vollständig, wo er sich befand. Die Krähen, die brennende Hütte und die sprechenden Tiere verschwanden aus seinem Gedächtnis. In Westvemmenhög auf einem Stoppelfelde hütete er seine Gänse, auf dem Felde daneben wanderten die beiden småländischen Kinder mit den ihrigen; und sobald er die Kinder sah, sprang er auf das Steinmäuerchen und rief: „Guten Tag, Gänsehirtin Åsa! Guten Tag, Klein-Mats!“

Als aber die beiden Kinder einen kleinen Knirps mit ausgestreckten Händen auf sich zulaufen sahen, faßten sie sich gegenseitig an, wichen ein paar Schritte zurück und sahen zum Tod erschrocken aus.

Und als der Junge ihren Schrecken wahrnahm, kam er zu sich und erinnerte sich, wer er war. Und da meinte er, es könnte ihm nichts Schlimmeres passieren, als wenn ihn gerade diese Kinder in seiner verhexten Gestalt sähen. Die Scham und der Kummer darüber, daß er kein Mensch mehr war, überwältigten ihn. Er wendete sich um und entfloh, wohin, das wußte er selbst nicht.

Aber siehe da, draußen auf der Heide, was begegnete ihm da Gutes? Aus dem Heidekraut schimmerte etwas Weißes hervor, und ihm entgegen kamen der weiße Gänserich und Daunenfein. Als der Weiße ihn in solcher Hast daherrennen sah, glaubte er, daß der Junge von gefährlichen Feinden verfolgt würde. In aller Eile hob er ihn auf seinen Rücken und flog mit ihm davon.


17
Die alte Bauernfrau

Donnerstag, 14. April

Drei müde Wanderer waren spät am Abend noch unterwegs und suchten sich eine Nachtherberge. Sie befanden sich in einer armen einsamen Gegend des nördlichen Smålands, und doch hätte sich ein solches Ruheplätzchen, wie sie es wünschten, eigentlich finden lassen müssen, denn es waren keine verwöhnten Schwächlinge, die nach weichen Betten oder wohleingerichteten Zimmern fragten.

„Wenn nur einer von diesen langen Bergrücken einen so steilen, hohen Gipfel hätte, daß ein Fuchs an keiner Seite hinaufklettern könnte, dann hätten wir einen guten Schlafplatz!“ sagte einer von ihnen.

„Wenn ein einziges von den großen Mooren aufgefroren und so weich und naß wäre, daß sich ein Fuchs nicht darauf hinauswagte, dann wäre das auch ein recht guter Nachtaufenthalt,“ sagte der zweite.

„Wenn nur an einem der zugefrorenen Seen, an denen wir vorbeikamen, das Eis vom Ufer ganz losgelöst wäre, so daß kein Fuchs vom Lande aus hinüber gelangen könnte, dann hätten wir das, was wir suchen,“ sagte der dritte.

Das Schlimmste aber war, daß zwei von den Reisenden nach Sonnenuntergang furchtbar schläfrig wurden und sich kaum noch aufrecht halten konnten. Deshalb wurde der dritte, der auch nachts wachen konnte, bei der zunehmenden Dunkelheit mit jedem Augenblick unruhiger. „Es ist doch wirklich ein Unglück,“ dachte er. „Nun sind wir in ein Land geraten, wo die Seen und Moore mit Eis bedeckt daliegen, so daß der Fuchs überall hinübergelangen kann. An andern Orten ist das Eis ganz geschmolzen; aber jetzt sind wir wohl in dem kältesten Småland, wo der Frühling seinen Einzug noch nicht gehalten hat. Ich weiß nicht, was ich tun soll, um einen guten Schlafplatz ausfindig zu machen. Wenn ich nicht einen Ort erreiche, wo wir wohlbeschützt sind, fällt Smirre über uns her, ehe der Morgen anbricht.“

Er sah sich nach allen Seiten um; aber nirgends fand sich ein Platz, der ihm passend erschienen wäre. Ach, und es war ein trüber kalter Abend mit Wind und Sprühregen! Immer unheimlicher und unbehaglicher wurde es ringsum.

Es mag einem sonderbar vorkommen, aber die Reisenden schienen ganz und gar keine Lust zu haben, in irgend einem Hof um Obdach zu bitten. Sie waren schon an vielen Kirchspielen vorübergekommen, ohne an einer einzigen Tür anzuklopfen. Selbst die kleinen Schutzhütten am Waldesrand, bei deren Anblick alle armen Wanderer freudig aufatmen, schienen ihnen nicht zu gefallen. Man hätte sich schließlich versucht fühlen können, zu sagen, es geschehe ihnen ganz recht, wenn sie in Not seien, da sie ja die Hilfe, die ihnen geboten werde, nicht annehmen wollten.

Als es aber endlich so dunkel geworden war, daß kaum noch ein heller Streifen am Himmel zu sehen war, und die beiden, die sich des Schlafes nicht erwehren konnten, im Halbschlummer weiter wanderten, kamen sie an einen Bauernhof, der fern von allen andern Höfen ganz einsam dalag. Und er lag nicht allein einsam da, sondern sah auch aus, als sei er vollständig unbewohnt. Aus dem Schornstein stieg kein Rauch auf, aus den Fenstern drang kein Lichtschein heraus, kein Mensch war auf dem Hofplatze zu sehen. Als nun der eine, der sich auch nachts wach halten konnte, den Hof sah, dachte er: „Nun mag es gehen, wie es will, aber hier müssen wir hineinzukommen versuchen. Etwas Besseres finden wir wahrscheinlich doch nicht.“

Gleich darauf standen alle drei auf dem Hofplatze. Die beiden Schläfrigen schliefen wirklich ein, sobald sie anhielten, der dritte aber spähte eifrig umher, um herauszufinden, wo sie am besten unterkommen könnten. Der Hof war durchaus nicht klein; außer dem Wohngebäude, dem Pferde- und Viehstall, war noch eine lange Reihe von andern Wirtschaftsgebäuden, Scheunen, Lagerräumen und Geräteschuppen zu sehen. Aber alles sah schrecklich ärmlich und heruntergekommen aus; die Häuser hatten graue, moosbewachsene, schiefe Mauern, die einzufallen drohten. Die Dächer zeigten gähnende Löcher, und die Türen hingen schräg in ihren zerbrochenen Angeln. Offenbar hatte sich seit langer Zeit niemand mehr die Mühe gegeben, hier auch nur einen Nagel einzuschlagen.

Indessen aber hatte der von den Reisenden, der wach war, ausfindig gemacht, welches von den Gebäuden der Viehstall sein mußte. Er rüttelte die beiden andern auf und führte sie zu der Stalltür hin. Glücklicherweise war sie nur mit einem Haken zugemacht, den man mit einem Stecken leicht zurückschieben konnte. In dem Gedanken, daß sie nun bald alle in Sicherheit seien, stieß der Anführer der drei Wanderer einen Seufzer der Erleichterung aus; als aber die Stalltür laut knarrend aufging, hörte er plötzlich eine Kuh brüllen. „Kommt Ihr nun endlich, Mutter?“ sagte die Kuh. „Ich glaubte schon, Ihr würdet mir heute gar kein Futter bringen.“

Als er merkte, daß der Stall nicht leer war, blieb der wache Wanderer ganz erschrocken in der Tür stehen. Doch bald faßte er wieder Mut, denn er sah, daß nur eine Kuh und drei oder vier Hühner da waren.

„Wir sind drei arme Reisende, die eine Nachtherberge suchen, wo uns kein Fuchs überfallen und kein Mensch fangen kann,“ sagte er. „Wir möchten wohl wissen, ob dies ein guter Platz für uns wäre.“

„Das glaube ich gewiß,“ antwortete die Kuh. „Die Wände sind zwar schlecht, aber bis jetzt ist noch nie ein Fuchs hereingedrungen, und auf dem Hofe wohnt niemand als eine alte Frau, die gewiß nicht imstande ist, jemand zu fangen. Aber was seid ihr für Leute?“ fuhr sie fort und drehte den Kopf, um die Eingetretenen sehen zu können.

„Ach, ich bin Nils Holgersson aus Westvemmenhög, der in ein Wichtelmännchen verwandelt worden ist,“ antwortete der erste der Reisenden. „Ich habe eine zahme Gans bei mir, auf der ich gewöhnlich reite, und außerdem auch noch eine Graugans.“

„So liebe Gäste sind noch nie innerhalb meiner vier Wände gewesen,“ sagte die Kuh. „Ich heiße euch willkommen, obgleich ich fast noch lieber gesehen hätte, wenn meine Hausmutter mit meinem Nachtessen gekommen wäre.“

Der Junge geleitete nun die Gänse in den recht großen Stall hinein und brachte sie in einem leeren Stand unter, wo sie auch gleich wieder einschliefen.

Sich selbst machte er ein kleines Häufchen Stroh zurecht und dachte nicht anders, als daß er auch gleich einschlafen werde.

Aber daraus wurde nichts, denn die arme Kuh, die kein Futter bekommen hatte, verhielt sich keinen Augenblick ruhig. Sie rasselte mit ihrer Halskette, drehte sich in ihrem Stande hin und her und klagte, wie hungrig sie sei. Der Junge konnte kein Auge schließen; wachend lag er auf seinem Häuflein Stroh und dachte an alles, was er in den letzten Tagen erlebt hatte. Da war zuerst das unerwartete Zusammentreffen mit dem Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats, und er grübelte darüber nach, ob wohl die kleine Hütte in Småland, die er angezündet hatte, die Hütte der beiden Kinder gewesen sei. Er konnte sich ja wohl erinnern, daß sie gerade von so einem Häuschen an der großen Heide erzählt hatten. Sie waren also miteinander gekommen, ihre Heimat wiederzusehen, und als sie endlich dahingelangt waren, hatte sie in Flammen gestanden. Ach, welch ein großer Schmerz mußte das für sie gewesen sein! Und er, er war schuld daran! Es tat ihm schrecklich leid, und er gelobte sich, wenn er je wieder ein Mensch würde, sich alle Mühe zu geben, sie für den Verlust und die Enttäuschung schadlos zu halten.

Dann kehrten seine Gedanken zu den Krähen zurück, und als er an Fumle-Drumle dachte, der ihn gerettet, aber in demselben Augenblick, wo er zum Häuptling gemacht worden war, den Tod erlitten hatte, da wurde der Junge tief betrübt, und die Tränen traten ihm in die Augen. Ja, er hatte es recht schwer gehabt in den letzten Tagen. Aber ein großes Glück war ihm doch widerfahren – der Gänserich und Daunenfein hatten ihn gefunden.

Der Gänserich hatte ihm dann alles erzählt. Sobald die Wildgänse gemerkt hatten, daß Däumling verschwunden war, hatten sie alle die kleinen Tiere des Waldes nach ihm gefragt, und da hatten sie bald erfahren, daß eine Schar småländischer Krähen ihn fortgeführt habe. Die Krähen waren aber schon außer Sehweite gewesen, und niemand hatte gewußt, wohin sie sich gewandt hatten. Um nun den Jungen so schnell als möglich wiederzufinden, hatte Akka den Wildgänsen befohlen, sich zu zerstreuen und immer zwei und zwei zusammen nach allen Seiten hin zu suchen. Wenn sie zwei Tage lang gesucht hätten, sollten sie, ob sie ihn gefunden hätten oder nicht, im nordwestlichen Småland auf einem hohen Berggipfel, der einem jäh abgebrochenen Turm glich und Taberg hieß, wieder zusammentreffen. Und nachdem Akka ihnen noch die besten Wegzeichen angegeben und ihnen beschrieben hatte, wie sie den Taberg finden könnten, hatten die Gänse sich getrennt.

Der weiße Gänserich hatte sich Daunenfein als Reisegefährten gewählt. Aufs höchste besorgt waren sie da und dorthin geflogen, und wie sie so umhergeirrt waren, hatten sie eine Amsel in einem Baumwipfel klagen und schelten hören, weil sie von einem, der sich Krähenraub genannt habe, verspottet worden sei. Die beiden hatten die Amsel ausgefragt, und sie hatte ihnen gezeigt, in welcher Richtung dieser „Krähenraub“ gereist war. Später waren sie einem Täuberich begegnet, sowie einem Star und einer Wildente, die sich alle über einen Übeltäter beklagt hatten, der sie in ihrem Gesang unterbrochen und sich Krähenraub, Krähenbeute und Krähendiebstahl geheißen habe. Auf diese Weise hatten der Gänserich und Daunenfein die Spur des Däumlings bis zu der mit Heidekraut bewachsenen Heide im Bezirk Sunnerbo verfolgen können.

Sobald nun die beiden Däumling gefunden hatten, waren alle drei in nördlicher Richtung weitergezogen, um den Taberg zu erreichen. Aber das war ein sehr weiter Weg, und die Dunkelheit hatte sie überfallen, ehe sie den Berggipfel hatten wahrnehmen können. „Aber wenn wir nur morgen hinkommen, dann hat alle Not ein Ende,“ dachte der Junge und bohrte sich tiefer in das Stroh hinein, um es wärmer zu haben.

Die Kuh hatte sich indessen nicht beruhigt, und jetzt begann sie plötzlich mit dem Jungen zu sprechen. „Hat nicht einer von euch vorhin gesagt, er sei ein Wichtelmännchen? Wenn er wirklich eines ist, versteht er wohl auch, eine Kuh zu versorgen?“

„Was fehlt dir denn?“ fragte der Junge.

„Alles mögliche fehlt mir,“ antwortete die Kuh. „Ich bin weder gemolken noch versorgt worden, habe kein Futter für die Nacht und keine Streu unter mir. Die Hausmutter kam in der Dämmerung zu mir in den Stall, um mich wie gewöhnlich zu versorgen, aber sie fühlte sich so krank, daß sie sogleich wieder hineingehen mußte, und seither ist sie nicht wiedergekommen.“

„Da ist es recht schade, daß ich so klein und schwach bin,“ sagte der Junge, „denn ich werde dir leider nicht helfen können.“

„Du wirst mir doch nicht weismachen wollen, du seiest schwach, weil du so klein bist?“ sagte die Kuh. „Alle die Wichtelmännchen, von denen ich je gehört habe, waren so stark, daß sie ein ganzes Fuder Heu tragen und eine Kuh mit einem einzigen Faustschlag töten konnten.“

Unwillkürlich mußte der Junge lachen. „Das waren Wichtelmännchen von einer andern Sorte als ich!“ rief er. „Aber ich will deine Halskette lösen und die Stalltür aufmachen, dann kannst du hinausgehen und deinen Durst an einer der Wasserpfützen löschen. Und dann will ich sehen, ob ich auf den Heuboden hinaufklettern und Heu in deine Krippe hinunterwerfen kann.“

„Ja, das wäre doch immerhin etwas,“ sagte die Kuh.

Der Junge tat, wie er gesagt hatte; und als die Kuh eine volle Krippe vor sich hatte, hoffte er endlich selbst schlafen zu dürfen. Aber kaum hatte er es sich auf seinem Lager bequem gemacht, als die Kuh wieder mit ihm zu sprechen begann.

„Du wirst gewiß ärgerlich über mich, wenn ich dich um etwas bitte,“ sagte sie.

„Gewiß nicht,“ antwortete der Junge, „wenn es nur etwas ist, was ich tun kann.“

„Dann sei so gut und geh in das Haus hier über dem Hof gerade gegenüber und sieh nach, wie es der Hausmutter geht. Ich fürchte, es ist ihr ein Unglück zugestoßen.“

„Nein, das kann ich nicht, denn ich habe nicht den Mut, mich vor den Menschen sehen zu lassen.“

„Vor einer alten, kranken Frau wirst du dich doch nicht fürchten?“ sagte die Kuh. „Und du brauchst nicht einmal zu ihr in die Stube hineinzugehen. Stell dich nur vor die Tür und schau zu dem Türspalt hinein.“

„Ja, wenn du weiter nichts verlangst, kann ich es ja tun,“ sagte der Junge.

Damit öffnete er die Stalltür und trat auf den Hofplatz hinaus. Es war eine schreckliche Nacht, um draußen zu sein. Weder Mond noch Sterne leuchteten, der Wind heulte, und der Regen prasselte hernieder. Das Schlimmste aber war, daß sieben große Eulen auf dem Dachfirst des Wohnhauses saßen. Wie schauerlich war es für den Jungen, sie da droben krächzen und über das schlechte Wetter klagen zu hören! Aber noch schrecklicher war ihm doch das Bewußtsein, daß es um ihn geschehen sei, sobald auch nur eine von ihnen ihn erblicke.

„Ja, wer klein ist, der ist zu bedauern,“ sagte der Junge, als er auf den Hof trat. Und er hatte ein Recht, so zu sprechen. Zweimal wurde er vom Sturm umgeblasen, ehe er das Wohnhaus erreichte, und einmal fegte ihn ein Windstoß in einen Wassertümpel hinein, in dem er beinahe ertrunken wäre. Aber schließlich erreichte er doch sein Ziel.

Als er vor dem Hause angekommen war, kletterte er ein paar Stufen hinauf, stieg mühselig über eine Schwelle hinüber und gelangte in den Flur. Die Zimmertür war geschlossen, aber in der einen Ecke war ein großes Stück herausgesägt, damit die Katze aus und eingehen könnte. Das Hineingucken in die Stube fiel also dem Jungen durchaus nicht schwer.

Aber kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, als er auch schon erschrocken den Kopf zurückbog. Auf dem Boden da drinnen lag eine alte grauhaarige Frau. Sie rührte sich nicht und stöhnte auch nicht, und ihr Gesicht sah merkwürdig weiß aus. Es war, als ob ein unsichtbarer Mond einen bleichen Schein darauf werfe.

Da tauchte in dem Jungen eine Erinnerung auf. Als sein Großvater starb, war dessen Gesicht gerade auch so sonderbar weiß geworden. Die alte Frau, die da drinnen auf dem Boden lag, mußte tot sein. Sie hatte wohl einen Schlag bekommen, und der Tod hatte sie so rasch ereilt, daß sie sich nicht einmal mehr zu Bett hatte legen können.

Der Junge erschrak fürchterlich; mitten in der stockfinstern Nacht war er ganz allein mit einer Toten. Hals über Kopf stürzte er über die Schwelle und die Treppe hinunter und lief in größter Eile in den Stall zurück.

Als er der Kuh erzählt hatte, was er in der Stube gesehen, hörte sie auf zu fressen. „So, so, die Hausmutter ist tot,“ sagte sie. „Dann wird es auch mit mir bald aus sein.“

„Es wird schon jemand kommen, der Euch versorgt,“ sagte der Junge tröstend.

„Ach,“ sagte die Kuh, „du weißt nicht, daß ich schon doppelt so alt bin, als eine Kuh sonst zu werden pflegt, ehe sie auf die Schlachtbank gelegt wird. Aber wenn mich meine gute Hausmutter nicht mehr versorgen kann, habe ich auch gar kein Verlangen, noch länger zu leben.“

Eine Weile schwieg sie; aber der Junge merkte wohl, daß sie weder schlief noch fraß. Und es dauerte auch nicht lange, da begann die Kuh von neuem: „Liegt sie auf dem Boden?“

„Ja, mitten in der Stube,“ antwortete der Junge.

„Wenn sie hier im Stall war, sprach sie immer von allem, was sie bekümmerte,“ fuhr die Kuh fort. „Ich verstand alles, was sie sagte, obgleich ich ihr nicht antworten konnte. Und gerade in den letzten Tagen sagte sie, sie fürchte, wenn es bei ihr ans Sterben gehe, werde niemand bei ihr sein. Niemand werde ihr die Augen zudrücken, niemand ihr die Hände auf der Brust falten, wenn sie tot sei. Möchtest du nun nicht hinübergehen und dies tun?“

Der Junge war unentschlossen. Er erinnerte sich, daß seine Mutter den Großvater, als er gestorben war, sehr fürsorglich zurecht gelegt hatte. Und er wußte, daß dies etwas war, was man tun mußte. Aber er fühlte auch, daß er nicht den Mut habe, mitten in dieser schauerlichen Nacht zu der Toten hinüberzugehen. Er gab der Kuh keine abschlägige Antwort, aber er machte auch keinen Schritt in der Richtung der Stalltür.

Das alte Tier verhielt sich eine Weile stumm, als ob es auf Antwort wartete, und als der Junge fortgesetzt schwieg, wiederholte es seine Bitte nicht; statt dessen begann es dem Jungen von seiner Hausmutter zu erzählen.

Und wie viel war doch da zu erzählen! In allererster Linie von allen den Kindern, die sie aufgezogen hatte. Die Kinder waren ja jeden Tag in den Stall gekommen, und im Sommer waren sie mit dem Vieh auf das Moor und die Weideplätze gezogen. Die alte Kuh hatte alle genau gekannt, und es waren lauter gesunde, fröhliche, fleißige Kinder gewesen. „Ja, ja, das Vieh weiß sehr gut, ob die Hirten tüchtig sind,“ sagte die Kuh.

Und ebensoviel hatte sie von dem Hof zu berichten. Er war nicht immer so armselig gewesen wie jetzt. Ein sehr ausgedehntes Besitztum war es, obgleich es zum größten Teil aus Moor und steinigem Heideland bestand und nicht viel Platz zu Äckern vorhanden war; aber als Viehweide war es überall ausgezeichnet. Zu einer Zeit hatte in dem ganzen langen Stallgebäude in jedem Stand eine Kuh ihren Platz gehabt, und der jetzt ganz leere Ochsenstall war voll schöner Ochsen gewesen. Und damals hatte im Wohnhaus und im Stall eitel Lust und Freude geherrscht. Wenn die Hausmutter die Stalltür öffnete, sang und trällerte sie, und alle Kühe brüllten vor Freude, wenn sie sie kommen hörten.

Aber der Hausherr war gestorben, als die Kinder noch klein waren und sich noch nicht nützlich machen konnten. Die Frau hatte den Hof übernehmen müssen mit all seiner Arbeit und all seiner Sorge. Sie war stark wie ein Mann und pflügte und erntete. Wenn sie am Abend zum Melken in den Stall kam, war sie bisweilen müde und weinte. Aber sobald sie an ihre Kinder dachte, wurde sie wieder froh. Dann wischte sie sich die Tränen aus den Augen und sagte: „Das tut nichts, sobald meine Kinder erwachsen sind, bekomme auch ich gute Tage. Ja, wenn nur sie heranwachsen!“

Doch sobald die Kinder erwachsen waren, überfiel diese eine ganz eigentümliche Sehnsucht. Sie wollten nicht daheim bleiben, und so zogen sie fort in ein fremdes Land. Die Mutter bekam keine Hilfe. Einige der Kinder hatten sich verheiratet, ehe sie weggezogen waren, und diese ließen ihre kleinen Kinder bei der Großmutter zurück. Und gerade wie früher ihre Kinder, so begleiteten jetzt die Enkel die Frau in den Stall. Sie hüteten die Kühe, und es waren auch lauter gute, gesunde Menschenkinder. Und abends, wenn die Frau gar so müde war, daß sie beim Melken fast einschlief, rüttelte sie sich doch wieder auf und faßte neuen Mut, sobald sie an die Enkelkinder dachte. „Auch ich bekomme noch gute Tage,“ sagte sie, „wenn sie einmal herangewachsen sind.“

Aber als diese Kinder herangewachsen waren, zogen auch sie fort, hinüber zu den Eltern in das fremde Land. Keines kehrte zurück, keines blieb daheim. Die alte Frau war schließlich ganz allein auf dem Hof.

Sie bat auch niemals, daß eines bei ihr bleibe. „Meinst du denn, Rotkopf, ich hätte das Herz, sie zu bitten, bei mir zu bleiben, wenn sie es draußen in der Welt besser bekommen können?“ pflegte sie zu sagen, wenn sie neben der alten Kuh in deren Stand stand. „Hier in Småland steht ihnen ja nichts als Armut bevor.“

Als aber das letzte Enkelkind fortgezogen war, war auch die Frau am Ende ihrer Kräfte. Sie wurde auf einmal gebückt und grauhaarig und ging gar mühselig, als ob sie sich kaum noch von der Stelle bewegen möchte. Und dann hörte sie auf zu arbeiten. Die Fürsorge für den Hof wurde ihr gleichgültig, und sie ließ fünf gerade sein. Sie ließ das Gebäude verfallen und verkaufte die Ochsen und Kühe. Nur die alte Kuh, die jetzt mit Däumling sprach, behielt sie. Diese ließ sie am Leben, weil alle die Kinder mit ihr auf die Weide gezogen waren.

Sie hätte sich ja wohl Knechte und Mägde zur Hilfe halten können, aber seit die eignen Kinder sie verlassen hatten, mochte sie keine Fremden um sich sehen. Und vielleicht war es ihr gerade recht, wenn der Hof verfiel, da ja keines der Kinder ihn je übernehmen würde. Sie kümmerte sich nicht darum, ob sie selbst verarmte, weil sie nicht mehr für ihr Eigentum sorgte. Nur eins fürchtete sie, daß die Kinder erfahren könnten, wie schlecht es um sie stünde. „Daß es nur die Kinder nicht erfahren! Daß es nur die Kinder nicht erfahren!“ seufzte sie, wenn sie mit unsichern Schritten durch den Stall ging.

Die Kinder schrieben beständig und baten sie, zu ihnen zu kommen, aber das wollte sie nicht. Sie wollte das Land nicht sehen, das ihr die Kinder genommen hatte. Sie war böse auf das Land. „Es ist wohl dumm von mir, daß ich es nicht leiden kann, das Land, das gut gegen sie gewesen ist,“ sagte sie, „aber ich will es nicht sehen.“

Sie dachte an nichts als an die Kinder, und daran, daß sie in ein fremdes Land hatten ziehen müssen. Im Sommer führte sie die Kuh zur Weide hinaus auf das große Moor. Sie selbst saß den lieben langen Tag am Rande des Moors, die Hände im Schoß, und wenn sie heimging, sagte sie: „Siehst du, Rotkopf, wenn hier anstatt des unfruchtbaren Moorlandes große, fette Äcker gewesen wären, dann hätten sie nicht fortzuziehen brauchen.“

Sie konnte sich in einen wahren Zorn über das Moor hineinreden, das sich so groß vor ihr ausbreitete und doch von keinem Nutzen war. Und oftmals sagte sie auch, ihr Mann sei schuld daran, daß die Kinder von ihr fortgezogen seien.

Am letzten Abend war sie zittriger und schwächer gewesen als je vorher. Nicht einmal zum Melken hatte sie die Kraft gehabt. Über den Stand gebeugt erzählte sie von zwei Bauern, die dagewesen seien und ihr das Moor hätten abkaufen wollen. Sie hätten Ablaufgräben hindurchziehen, dann Getreide darein säen und ernten wollen. Diese Nachricht hatte die alte Frau froh und ängstlich zugleich gemacht. „Hör nur, Rotkopf,“ sagte sie, „hör nur, sie sagten, auf dem Moor könnte Roggen wachsen. Jetzt will ich den Kindern schreiben, sie sollen heimkommen. Sie brauchten nicht länger fortzubleiben, denn jetzt könnten sie ihr tägliches Brot daheim gewinnen.“

Um diesen Brief zu schreiben, war sie in ihre Stube gegangen – – –

Der Junge hörte nicht mehr, was die alte Kuh noch erzählte. Er öffnete die Stalltür und ging über den Hof in die Stube zu der Toten, vor der er sich vorhin so gefürchtet hatte.

An der Tür hielt er an und sah sich um.

Es sah in der Stube nicht so ärmlich aus, wie er erwartet hatte. Es waren viele solche Dinge da, wie die Leute sie zu haben pflegen, die Verwandte in Amerika haben. In einer Ecke stand ein amerikanischer Schaukelstuhl, auf dem Tisch am Fenster lag eine schöne Plüschdecke, und eine andre schöne Decke war über das Bett gebreitet. An den Fenstern hingen in reich geschnitzten Rahmen die Photographien der fortgezogenen Kinder und Enkel, auf der Kommode standen hohe Vasen und ein paar Leuchter mit dicken gedrehten Kerzen.

Der Junge suchte eine Zündholzschachtel und zündete die beiden Kerzen an; nicht weil er noch besser zu sehen wünschte, sondern weil er wußte, daß dies eine Sitte war, womit man die Toten ehrte.

Dann trat er zu der Toten, drückte ihr sanft die Augen zu, faltete ihr die Hände auf der Brust und strich ihr das dünne graue Haar aus dem Gesicht.

Er dachte gar nicht mehr an Furcht, er war im Gegenteil von Mitleid erfüllt und tief betrübt, daß die alte Frau auf ihre alten Tage so verlassen gewesen war und so bitteres Heimweh gelitten hatte. Diese eine Nacht wenigstens wollte er bei ihrem toten Körper Wache halten.

Er suchte nach dem Gesangbuch und begann einige Lieder halblaut zu lesen. Aber da hörte er mitten in einem Lied auf, denn er hatte plötzlich an seine Eltern denken müssen.

Nein, daß sich Eltern so nach ihren Kindern sehnen können! Das hatte er ja noch gar nicht gewußt. Nein, daß das Leben für sie zu Ende sein sollte, wenn die Kinder nicht mehr da sind! Wie, wenn sich nun seine Eltern daheim auch so nach ihm sehnten, wie die Alte hier sich nach ihren Kindern gesehnt hatte?

Der Gedanke machte ihn froh, aber er wagte nicht daran zu glauben. Er war nicht so gewesen, daß jemand nach ihm Heimweh haben könnte.

Aber was nicht war, das konnte vielleicht noch werden!

Ringsum im Zimmer sah er die Bilder der fernen Kinder. Bilder von großen, starken Männern und Frauen mit ernsten Gesichtern, Bräute in langen Schleiern, Herren in feinen Anzügen, und Kinder mit lockigem Haar und in schönen weißen Kleidern! Und ihm war, als starrten sie alle nur ins Blaue hinein und wollten nichts sehen.

„Ihr Armen!“ sagte er. „Eure Mutter ist tot. Ihr könnt nicht mehr gut machen, daß ihr sie verlassen habt. Aber meine Mutter lebt.“

Hier hielt er inne; er mußte lächeln. „Ja, meine Mutter lebt,“ sagte er. „Alle beide leben, Vater und Mutter.“