Im gleichen Augenblick, ehe noch Châtillon Zeit gehabt hatte, wieder zum Schwert zu greifen, sprang Adolf über die Leichen hinweg, gelangte so zu dem französischen Ritter und schlug ihm so furchtbar aufs Haupt, daß er einen Teil der Wange nebst einem Stück des Helms einbüßte. Das Blut strömte auf seine Schultern. Er wollte sich noch wehren, aber zwei kräftige Hiebe warfen ihn aus dem Sattel unter die Hufe der Pferde. Die Vlaemen zogen ihn darunter hervor, schleiften ihn hinter die Schlachtlinie und hieben ihn in Stücke.
Inzwischen war Arnold van Oudenaarde dem linken Flügel zu Hilfe gekommen; das gab dem Stand der Dinge schnell eine andere Wendung. Die Zünfte von Veurne hatten sich, mit dieser neuen Schar vereint, wieder vorwärts gestürzt, und die Franzosen wurden in der größten Verwirrung zurückgetrieben. Mengen von Pferden und Reitern stürzten zu Boden, und die Unordnung unter ihnen wurde so groß, daß die Vlaemen den Kampf für gewonnen hielten und auf dieser ganzen Linie unaufhörlich jauchzten:
„Sieg, Sieg! Vlaenderen den Leeuw! Wat walsch is, valsch is! Slaet al dood!“
Wer in diesem Augenblick die Fleischer hätte sehen können, der wäre, auch ohne ihren Schlägen ausgesetzt zu sein, schier vor Schrecken und Graus gestorben. Über Leichen von Menschen und Pferden sah man sie mit bloßer Brust, bloßen Armen und bluttriefendem Beile daher laufen, springen und alles niederschlagen. Ihre Gesichter waren von Schlamm, Schweiß und Blut unkenntlich, ein grimmiges Lachen in ihren Zügen kündete den bitteren Haß gegen ihre Feinde und ihre Kampflust.
Die Franzosen hatten in ihrem Übermut von den Vlaemen gesprochen, als ob sie sie gleich mit einem Ansturm zu Boden werfen würden. Jetzt wurden sie zu ihrem eigenen Schaden inne, daß man mit eitlem Geschwätz auf dem Schlachtfeld nicht viel ausrichtet. Sie bedauerten die Folgen ihrer Unbesonnenheit und erkannten nun, was für ein Volk sie vor sich hatten. Doch den Mut verloren sie nicht; noch immer waren sie zahlreicher als die Vlaemen, denn sie besaßen Truppen, die noch gar nicht im Kampfe gewesen waren.
Während die vordersten Scharen des französischen Heeres solchermaßen vernichtet waren, stand der Seneschall d'Artois mit der zweiten Abteilung von dem vlaemischen Heere noch weiter entfernt. Da die Schlachtordnung des Feindes nicht breit genug war, daß man sie mit so vieler Mannschaft auf einmal bekämpfen konnte, war er noch nicht vorgerückt. Er glaubte, seine Leute hätten ohne Zweifel die Oberhand, denn er sah keinen von ihnen zurückkehren. Indessen sandte er Ludwig von Clermont mit viertausend normannischen Reitern, um die vlaemische Schlachtordnung auf dem linken Flügel anzugreifen. Es glückte Clermont, an dieser Seite festeren Boden zu finden. Er gelangte mit allen seinen Reitern über den Bach und brach plötzlich auf Gwijdes Scharen herein.
Da diese somit von neuen Feinden im Rücken angegriffen wurden, während sie mit Châtillons Leuten vor sich noch genug zu tun hatten, konnten sie nicht länger Widerstand leisten; die ersten Glieder wurden niedergeworfen, die übrigen gerieten in Verwirrung, und dieser ganze Teil des vlaemischen Heeres wich in Unordnung zurück. Zwar flößte ihnen die Stimme des jungen Gwijde genugsam Mut ein, indem sie beschwor, stehen zu bleiben, aber das half alles nichts. Der Ansturm war zu gewaltig, und die Bitten ihres Feldherrn konnten einzig und allein erreichen, daß sie ihren Rückzug so langsam als möglich ausführten.
Das Unglück wollte, daß Gwijde in diesem Augenblick einen so furchtbaren Schlag auf seinen Helm bekam, daß er vornüber auf den Nacken seines Pferdes stürzte und sein Schwert fallen ließ. Er war verwirrt und betäubt und konnte sich in dieser Lage nicht wehren. Es wäre wohl um ihn geschehen gewesen, wenn ihm Adolf nicht geholfen hätte. Dieser Ritter sprengte vor Gwijdes Pferd und schwang sein Schwert so kühn und unverzagt in die Runde, daß die Franzosen nicht zu dem jungen Gwijde gelangen konnten. Nachdem er einige Zeit gekämpft hatte, wurde sein Arm schwach und müde: man konnte das an den Streichen seines Schwertes sehen, die immer langsamer wurden. Schläge und Hiebe prasselten auf seine Rüstung nieder, er fühlte seine Kräfte schwinden und hauchte der Welt bereits sein letztes Lebewohl zu. Inzwischen war Gwijde hinter die Schlachtordnung gebracht worden und hatte sich von der Betäubung erholt. Angstvoll bemerkte er die Lage seines Retters, ergriff ein anderes Schwert und stürzte sich aufs neue in den Kampf. Mit ihm waren einige der Kühnsten herbeigeeilt, und die Franzosen wurden noch zurückgedämmt, bis wieder neue Haufen zum Kampf anrückten. Nun aber konnten die vlaemischen Ritter trotz aller Furchtlosigkeit die Franzosen nicht mehr aufhalten; der Ruf: „Vlaenderen den Leeuw!“ wurde von einem anderen übertönt; jetzt waren es die Franzosen, die da riefen:
„Noël, Noël! Vorwärts, der Sieg ist unser! Schlagt sie tot, diese Fußgänger!“
Die Vlaemen wurden über den Haufen geworfen und auseinandergetrieben. Mochte auch Gwijde noch so Erstaunliches leisten, er konnte den Rückzug seiner Truppen nicht mehr hindern; denn es kamen wohl drei Reiter auf jeden Vlaemen; die Pferde rannten sie um oder trieben sie mit unwiderstehlicher Gewalt zurück. Nun kamen ihre Glieder in Unordnung, und dieser Flügel des vlaemischen Heeres mußte vor dem Feinde fliehen; viele von ihnen wurden erschlagen, die anderen alle so zerstreut, daß sie den Reitern keinen Widerstand mehr zu leisten vermochten und von den Franzosen bis an die Leye verfolgt wurden, wo ein großer Teil ertrank.
Am Ufer dieses Flusses hatte Gwijde seine Leute wieder einigermaßen in geschlossenen Gliedern aufstellen können, aber die Übermacht der Feinde war zu groß. Obgleich zerstreut, fochten die Leute von Veurne voller Verzweiflung; der Schaum stand ihnen vor dem Mund, und überall rieselte das Blut an ihrem Körper herab. Doch all ihr Heldenmut konnte ihnen nichts nützen. Jeder hatte schon drei bis vier Reiter erschlagen, aber es wurden ihrer immer weniger, während die Zahl der Feinde stetig wuchs. Ihr einziger Gedanke war, ehrenvoll zu sterben und die Rache vollzogen zu haben.
Als Gwijde sein Heer erliegen sah und die Schlacht für verloren hielt, hätte er vor Schmerz weinen mögen; aber in seinem Herzen war für Trauer kein Raum; düstere Raserei hatte ihn gepackt. Seinem Eide getreu, wollte er nicht länger leben, und wie ein Wahnsinniger trieb er sein Pferd mitten unter die frohlockenden Feinde. Adolf van Nieuwland und Arnold van Oudenaarde folgten ihm; sie kämpften so wütend, daß die Feinde ob ihrer Wundertaten erschraken. Wie durch Zauberei sanken die Reiter von ihren Schwertern dahin. Doch die meisten Vlaemen lagen schon am Boden, und die Franzosen schrien mit Recht: „Noël, Noël!“ denn nichts schien mehr Gwijdes Scharen retten zu können.
In diesem Augenblick sah man von Oudenaarde her, hinter dem Haverschen Bach etwas hell in der Sonne aufleuchten, das sich zwischen den Bäumen bewegte. Diese seltsame Gestalt nahte sich rasch und langte endlich auf dem offenen Felde an; zwei Reiter wurden sichtbar, die in größter Eile auf das Schlachtfeld gesprengt kamen. Der eine war seiner prächtigen Rüstung nach ein Ritter; sein Harnisch und alles Eisen, das ihn und sein Pferd bedeckte, war vergoldet und verbreitete ungemeinen Glanz. Ein großer, blauer Federbusch wallte im Winde auf seinen Rücken nieder, das Zaumzeug seines Rosses war ganz mit silbernen Schuppen bedeckt, und auf seiner Brust prangte ein rotes Kreuz; über diesem Zeichen stand auf schwarzem Grunde mit silbernen Buchstaben das Wort „Flandern“.
Kein Ritter auf dem ganzen Schlachtfeld war so prächtig gerüstet wie dieser Unbekannte, aber was ihn am meisten von allen unterschied, war seine Gestalt. Er war einen Kopf größer als die Größten, und seine Glieder waren so kräftig, daß man ihn für einen Riesen hätte halten können. Das Pferd, das er ritt, trug viel zu seinem ungewöhnlichen Aussehen bei, denn es war auch wunderbar groß und stark, der schönste deutsche Hengst, den man sich denken konnte. Lange Schaumflocken flogen um sein Maul, und schnaubend kam er heran. Der Ritter hatte keine andere Wehr als einen furchtbaren Waffenhammer, dessen Stahl sich glänzend in der goldenen Rüstung spiegelte. Der andere Reiter war ein Mönch. Der war schlecht gewappnet: Harnisch und Helm waren so verrostet, daß sie ganz rot zu sein schienen. Er hieß Bruder Wilhelm van Saestinge. In seinem Kloster zu Doest erfuhr er, daß bei Kortrijk gegen die Franzosen gekämpft werden solle; er nahm deshalb zwei Pferde aus dem Stall, gab das eine für die verrosteten Waffen dahin, die er trug, und auf dem anderen kam er jetzt herangesprengt, um der Schlacht beizuwohnen. Auch er war ungewöhnlich kräftig gebaut und unverzagten Mutes; ein langes Schlachtschwert blitzte in seiner Faust, und schon an seinen Augen konnte man erkennen, daß er ein furchtbarer Kämpfer sein mußte; er war dem wunderbaren Ritter soeben begegnet, und da beide demselben Ziel zustrebten, so waren sie zusammen geritten.
Die Vlaemen richteten ihre Augen mit freudiger Erwartung auf den goldenen Ritter, den sie von ferne herankommen sahen. Sie konnten das Wort Flandern noch nicht lesen und also nicht wissen, ob er ein Freund oder Feind war; aber in ihrer gefährlichen Lage vermeinten sie, daß Gott ihnen unter dieser Gestalt einen seiner Heiligen sende, um sie zu befreien. Dazu trugen die glänzende Rüstung, die ungewöhnliche Gestalt und das rote Kreuz, das der Ritter auf seiner Brust trug, nicht wenig bei.
Gwijde und Adolf, die mitten unter den Feinden standen, sahen einander hocherfreut an; sie hatten den goldenen Ritter erkannt. Nun hielten sie die Franzosen für verloren; denn auf die Kraft und Erfahrung dieses neuen Kriegers hatten sie das größte Vertrauen. Die Blicke, die sie sich einander zuwarfen, besagten: O, welch ein Glück, da ist der Löwe von Flandern!
Der goldene Ritter kam endlich an die französischen Truppen heran; ehe man noch fragen konnte, wen er bekämpfen, wem er beistehen wollte, stürzte er sich in die dichtesten Reiterhaufen und schlug mit seinem Hammer so wild und furchtbar auf sie ein, daß sie, von Schrecken ergriffen, einander umrannten, um nur seinen Schlägen zu entgehen. Alles stürzte unter seinem schmetternden Hammer nieder, und überall, wo er durch die feindlichen Scharen drang, blieb hinter seinem Rosse eine Spur wie von einem segelnden Schiffe. Solcherart warf er alles, was er treffen konnte, nieder und gelangte mit unheimlicher Schnelligkeit zu den Scharen, die gegen die Leye gedrängt wurden. Da rief er:
„Vlaenderen den Leeuw! Folgt mir! folgt mir!“
Mit diesen Worten schleuderte er eine große Anzahl Franzosen in den Schlamm und erschlug so erstaunlich viele, daß die Vlaemen ihn für ein übernatürliches Wesen ansahen.
Jetzt kehrte der Mut in ihre Herzen zurück. Unter Freudengeschrei stürzten sie vorwärts und strebten, den Wundertaten des Ritters gleich zu tun. Die Franzosen konnten diesem unerschrockenen Löwen nicht länger widerstehen. Die vordersten machten kehrt und wollten fliehen, aber sie stürzten auf die Pferde ihrer Genossen, und einer warf den anderen zu Boden.
Ein allgemeines Gemetzel begann jetzt, soweit nur das Heer reichte. Die Vlaemen schlugen alles nieder und sprangen über große Haufen Leichen, um die entfernteren Feinde anzugreifen. Jetzt wurde nicht mehr „Noël!“ geschrien, der Ruf: „Vlaenderen den Leeuw!“ beherrschte jeden anderen Laut und betäubte die Kämpfer so, daß sie die Schläge ihrer eigenen Waffen nicht mehr hören konnten.
Bruder Wilhelm, der Mönch, war von seinem Pferde gesprungen und kämpfte zu Fuß; alles, was in seinen Bereich kam, wurde von tödlichen Streichen getroffen. Er schwang sein Schwert, als wäre es eine Feder, und verlachte spottend die Feinde, die ihn angreifen wollten. Man hätte denken können, daß er sich an einem Spiel erlustige: er war so fröhlich und scherzte so ausgelassen, als ob er mit Kindern zu kämpfen hätte. Trotz seiner Gewandtheit fiel doch mancher Schwerthieb auf seinen verrosteten Harnisch. Ein anderer wäre recht wohl unter jedem dieser Schläge gefallen; aber Bruder Wilhelm blieb unerschütterlich. Jeder, der das Unglück hatte, ihm zu begegnen, sank im gleichen Augenblick vor seinem Riesenschwert dahin.
Plötzlich sah er etwas weiter Ludwig von Clermont mit seinem Banner stehen.
„Vlaenderen den Leeuw!“ rief Bruder Wilhelm. „Die Standarte ist mein!“
Als sei er tödlich getroffen, ließ er sich zu Boden sinken, kroch auf Händen und Füßen unter den Pferden dahin und stand plötzlich neben Ludwig von Clermont wieder auf. Von allen Seiten prasselten die Hiebe auf ihn nieder, doch wußte er sich so gut zu verteidigen, daß er nur einige arge Quetschungen davontrug. Daß er es auf die Standarte abgesehen hatte, ließ er sich nicht merken; ja, er kehrte ihr sogar den Rücken zu. Aber plötzlich wandte er sich um, hieb dem Fahnenträger jählings den Arm ab und zerriß das gefallene Banner in Stücke. Sicherlich hätte der Mönch hier seinen Tod gefunden; aber inzwischen waren die Seinigen schon bis zu ihm vorgedrungen, und die Franzosen wurden in größter Unordnung zurückgetrieben.
Der goldene Ritter hatte die Feinde, die den jungen Gwijde umringten, in wenigen Augenblicken zerstreut und drang immer weiter vorwärts. Mit seinem Hammer zerschmetterte er Helme und Schädel, und niemanden fand er, der ihm Widerstand leisten konnte. Jeder, der, von seinen Schlägen betäubt, zu Boden fiel, wurde unter den Hufen der Rosse zertreten. Gwijde nahte sich ihm und sagte rasch:
„O Robrecht, mein Bruder, wie danke ich Gott, daß Ihr angekommen seid! Ihr habt das Vaterland gerettet!“
Der goldene Ritter antwortete nicht. Nur legte er den Finger auf den Mund, als wollte er sagen: Still! still!
Adolf hatte dies Zeichen ebenfalls gesehen und beschloß, sich so zu verhalten, als ob er den Grafen von Flandern nicht kenne.
Inzwischen stürzten die Franzosen einer über den anderen nieder; die vlaemischen Scharen drangen unwiderstehlich auf die Fliehenden ein und erschlugen die gefallenen Ritter mit Keulen und Streitäxten. Tausende von Pferden lagen halb versunken in dem sumpfigen Boden; unzählige Leichen der Feinde bedeckten den Kampfplatz. Der Groeninger Bach war nicht mehr zu sehen: die Leichen, mit denen er angefüllt war, bildeten eine Masse mit denen, die an seinen Ufern lagen; vielleicht hätte man seinen Lauf an dem Blutstrom erkannt, aber das Blut stand überall in großen Lachen. Das Wimmern der Sterbenden, die Klagen der Erstickenden, das Jauchzen der siegesfrohen Vlaemen vermischte sich zu einem grausigen Lärm; dazu kam das Schmettern der Trompeten, das Klirren der Schwerter auf den Harnischen, das schmerzliche Wiehern der verwundeten Pferde! Einzig ein berstender Vulkan, der unter rollendem Donner das Innere der Erde zerreißt, kann ein Bild solcher Schrecken geben. Es war, als wenn der Jüngste Tag hereingebrochen wäre.
Es schlug neun Uhr auf dem Turm zu Kortrijk, als Nesles und Châtillons weichende Reiterei zu den Scharen Roberts d'Artois flüchteten. Als er die Niederlage der Seinen vernahm, entbrannte Robert in wilder Wut. Er wollte sich mit den zahlreichen Abteilungen, die seinem Befehl unterstanden, auf das vlaemische Heer werfen. Die anderen Ritter suchten ihn von diesem unvorsichtigen Vorhaben abzubringen und machten ihm klar, daß sich kein Pferd auf dem Kampfplatz bewegen könne; aber er wollte auf niemand hören und sprengte, von all seinen Leuten gefolgt, mitten durch die Flüchtlinge dahin. Die Reiter, die der ersten Niederlage entkommen waren, wurden von dem Seneschall und seinen neuen Truppen niedergeritten und entflohen alsbald in größter Unordnung nach allen Seiten hin vom Schlachtfeld, um dieser schrecklichen Verwirrung zu entrinnen. Aber das war nicht möglich; die ersten Scharen wurden von den letzten vorwärts gedrängt, und so warf sich die Masse frischer Truppen mit größtem Wagemut auf die vlaemische Schlachtordnung.
Beim ersten Stoß sah sich Gwijdes Heer genötigt, hinter den Groeninger Bach zurückzuweichen. Hier aber dienten die gefallenen Pferde als Brustwehr: es war, als ob sie sich hinter eine Verschanzung zurückgezogen hätten. Die französischen Reiter konnten sich in dem sumpfigen Boden nicht aufrecht erhalten; einer fiel über den andern, und im Fallen töteten sie sich gegenseitig. Als Robert d'Artois das sah, wurde er wie wahnsinnig; er setzte mit einigen furchtlosen Rittern über den Bach und drang auf Gwijdes Scharen ein. Nach kurzem Gefecht, in dem eine Menge Vlaemen fielen, ergriff Robert d'Artois einen Zipfel der großen Standarte von Flandern und riß ein Stück mit der vordersten Klaue des Löwen davon ab.
Ein rasendes Geschrei erhob sich aus den vlaemischen Scharen, die zunächst standen. Alles rief:
„Schlagt ihn tot! schlagt ihn tot!“
Der Seneschall versuchte, die Standarte den Händen des Segher Lonke zu entreißen. Aber Bruder Wilhelm warf sein Schwert fort, sprang am Pferde Roberts d'Artois hinauf und schlang seine beiden Arme um den Hals des Feldherrn. Dann stemmte er seinen Fuß gegen den Sattel und riß mit solcher Gewalt an Roberts Haupte, daß dieser das Gleichgewicht verlor und beide zur Erde fielen. Inzwischen waren die Fleischer herbeigeeilt. Jan Breydel wollte die Schmach rächen, die der Standarte Flanderns widerfahren war, und hieb Robert den Arm mit einem Schlag ab.
Als der unglückliche Seneschall inne ward, daß er dem Tode verfallen war, fragte er, ob kein Edelmann da sei, dem er seine Waffen übergeben könne. Die Fleischer aber brüllten, daß sie diese Sprache nicht verständen, und hieben so lange auf ihn ein, bis er seinen Geist aufgab.
Derweile hatte Bruder Wilhelm den Kanzler Pierre Flotte ebenfalls zu Boden geworfen und erhob sein Schwert, um ihm das Haupt zu spalten; der Franzose flehte um Gnade. Bruder Wilhelm lachte höhnisch auf und hieb ihm in den Nacken, also daß er leblos zu Boden sank. Die französischen Herren von Tarcanville und von Aspremont wurden von dem Hammer des goldenen Ritters niedergeschmettert: Gwijde spaltete Renold von Longueval mit einem Schlage das Haupt, und Adolf van Nieuwland warf Raoul von Nortfort aus dem Sattel. In wenigen Augenblicken fielen mehr als hundert Edelleute.
Herr Rudolf von Gaucourt hatte sich mit den beiden Königen Balthasar und Sigis und noch siebzehn auserlesenen Rittern lange Zeit gegen die Genter Jan Borluuts verteidigt. Die beiden Könige waren mit vielen andern Rittern bereits erschlagen, auch sein Pferd war schon gefallen. Aber Rudolf stand noch mit wundersamer Kühnheit inmitten seiner Feinde. Er wehrte sich mit der größten Gewandtheit gegen die Genter und hielt sie mit furchtbaren Schlägen von sich fern. Als er eines Trupps von fast vierzig französischen Reitern ansichtig wurde, sprang er mitten in ihre Reihen. Doch Jan Borluut setzte ihm mit einer großen Anzahl Genter nach. Die vierzig Ritter waren bald erschlagen, und noch immer verteidigte sich Rudolf von Gaucourt mit gleichem Mute. Von Wunden und Anstrengung ermattet, sank er schließlich auf die Leichen seiner Waffenbrüder nieder, und die Genter liefen herzu, um ihn zu töten; aber Jan Borluut wollte den tapferen Franzosen nicht sterben lassen. Er ließ ihn hinter die Schlachtlinie tragen und nahm ihn unter seinen Schutz.
Obgleich die Franzosen in den vordersten Gliedern während dieses Gefechts unterlegen waren, rückte die vlaemische Schlachtordnung doch nur wenig vor. Denn immer neue Feinde eilten herbei, um die Gefallenen zu ersetzen.
Der goldene Ritter kämpfte am linken Flügel wie ein wahrer Löwe gegen eine ganze Reiterschar. An seiner Seite fochten mit gleichem Mute der junge Gwijde und Adolf van Nieuwland; letzterer warf sich beständig mitten unter die Feinde und brachte sich oftmals in Lebensgefahr. Es war, als ob er beschlossen hätte, unter den Augen des goldenen Ritters zu sterben. Der Vater Machtelds sieht mich! dachte er, und dann fühlte er, wie seine Brust sich weitete; seine Muskeln spannten sich, und seine Seele war von Todesverachtung erfüllt. Der goldene Ritter rief ihm manchmal zu, er solle sich nicht so sehr der Gefahr aussetzen; aber diese Worte klangen in Adolfs Ohr wie ein Lob: sie hatten nur die entgegengesetzte Wirkung! Bei jedem Zuruf des goldenen Ritters sprengte das Roß des tapferen jungen Mannes vorwärts und drang immer tiefer in die Reihen der Franzosen. Es war ein Glück für den Jüngling, daß ein stärkerer Arm als der seinige sein Leben bewachte, daß jemand neben ihm war, der in väterlicher Liebe geschworen hatte, ihn zu beschützen.
Im ganzen Heere der Franzosen war nur mehr eine Fahne zu sehen: noch entfaltete das große Kronbanner seine schillernden Wappenzeichen, seine silbernen Lilien und all die glänzenden Perlen, woraus das Wappen Frankreichs zusammengesetzt war. Gwijde wies mit der Hand nach dem Ort, da der Fahnenträger stand, und rief dem goldenen Ritter zu:
„Dort ist es, das müssen wir haben!“
Sie versuchten zunächst, ein jeder von seiner Seite, durch die französischen Scharen zu dringen, doch das glückte ihnen anfangs nicht, mochten sie auch noch so unermüdlich die Feinde auseinandertreiben. Adolf van Nieuwland hatte endlich eine günstigere Stelle gefunden, drang allein durch und kam nach langem Kampf bis zum großen Banner.
Welch unseliger Eifer trieb den Jüngling so dem Tode entgegen! Wenn er gewußt hätte, wieviel bittere Tränen in diesem Augenblick seinetwegen vergossen wurden, wie oft sein Name aus dem Mund einer Jungfrau mit Gebeten zum Himmel gesandt wurde, dann würde er sich nicht so tollkühn dem Tode preisgegeben haben; vielleicht wäre er zurückgeblieben.
Das Kronbanner war von einer großen Reiterschar umringt. Sie hatten bei ihrer Ehre und Treue geschworen, lieber unter diesem letzten Zeichen zu sterben, ehe sie es rauben ließen. Was vermochte Adolf wider so viele mutige Krieger? Sobald sie seiner ansichtig wurden, begrüßten sie ihn mit höhnenden Worten: alle Schwerter wurden gleichzeitig über seinem Haupte geschwungen, und er sah sich rings umschlossen. Schläge hagelten unaufhörlich auf seine Rüstung nieder, und trotz seiner bewunderungswürdigen Gewandtheit konnte er sich nicht mehr verteidigen. Das Blut lief bereits unter seinem Helm hervor, es wurde dunkel vor seinen Augen; seine Muskeln waren unter so vielen Schlägen erlahmt. Voll Verzweiflung, in dem sicheren Vorgefühl, daß seine letzte Stunde gekommen sei, rief er mit so lauter Stimme, daß es die Franzosen hörten:
„Machteld! Machteld! Lebe wohl!“
Mit diesem Rufe sprengte er quer durch die Schwerter der Feinde zu dem Banner hin und riß es dem Fahnenträger aus der Faust. Aber zehn Hände nahmen es ihm wieder ab. Hiebe prasselten auf ihn nieder, und kraftlos fiel er auf den Rücken seines Rosses.
Durch die Bewegung, die in diesem Augenblick unter die Streitenden kam, wurde der goldene Ritter auf die Gefahr Adolfs aufmerksam. Er dachte an den Schmerz, den seine unglückliche Machteld erleben würde, wenn Adolf von Feindeshand stürbe, wandte sich zu seinen Leuten und rief mit einer Stimme, die wie Donner das Schlachtgetümmel beherrschte:
„Vorwärts! Männer von Flandern! Heran! heran!“
Gleich der stürmenden See, die mit unermeßlicher Kraft wider ihre Dämme tobt, sie nach langem Kampf unter einer himmelhohen Welle begräbt und ihre schäumenden Wogen über die Fluren ergießt, Wälder entwurzelt und Städte zu Boden wirft, so warf sich die vlaemische Löwenschar bei diesem Rufe des unbekannten Ritters vorwärts. Die Franzosen wurden mit solcher Wut angegriffen, daß beim ersten Stoße ganze Haufen niederstürzten; die Keulenschläge und die Hiebe der Beile prasselten auf sie ein wie Hagel, der die Früchte des Feldes vertilgt. Noch nie sah man ein solch hartnäckiges Gefecht; alle Streiter waren mit Blut überdeckt, und viele hatten noch die Waffen in der Faust, während sie schon längst von tödlicher Wunde getroffen waren. Es war ein unbeschreibliches Wirrsal von Menschen und Pferden. Gräßlichstes Mordgeschrei, schmerzlichste Klagen verschmolzen ineinander und bildeten ein dröhnendes Tosen, das die Herzen noch mehr zur Wut entflammte. Die französischen Ritter konnten sich nicht mehr bewegen, denn sie wurden von allen Seiten auf die hinter ihnen stehenden Scharen gedrängt, während Beile und Schwerter die vordersten Glieder der Reihe niederhieben.
Der goldene Ritter hatte sich mit seinem vertilgenden Waffenhammer einen Weg durch die Feinde gebahnt und war dem Kronbanner von Frankreich genaht. Dicht hinter ihm kamen Gwijde, Arnold van Oudenaarde und noch einige der mutigsten Vlaemen. Er versuchte, in dieser Verwirrung die grüne Feder Adolfs van Nieuwland im Umkreise des Banners zu entdecken, doch vergebens. Einen Augenblick später schien es ihm jedoch, als ob er sie in der Ferne unter den Vlaemen gewahrte. Die vierzig erlesenen Ritter, die noch bei dem Banner standen, sprengten dem goldenen Ritter entgegen. Aber er ließ seine Waffe so rasch kreisen, daß kein Schwert ihn berührte. Das erste Mal, da er seinen Hammer wie ein Felsstück niedersausen ließ, zerschmetterte er den Herrn Alin von Bretagne, mit dem zweiten Schlage zertrümmerte er den Harnisch Richards von Falais und zerbrach ihm die Rippen.
Inzwischen kämpften die Vlaemen mit gleichem Mut; Arnold van Oudenaarde empfing eine Wunde am Kopf, und mehr als zwanzig seiner Leute wurden von den Franzosen niedergemacht. Der goldene Ritter hieb alles nieder, was er erreichen konnte; schon lagen die Herren Jean d'Emmery, Arnold von Wahain und Hugo de Viane zu seinen Füßen; das Auge konnte dem Schwunge seines Hammers nicht folgen, so rasch flog er von einem Feind zum andern.
Der Fahnenträger ward alsbald inne, daß das Banner auf diesem Platze nicht mehr zu halten war, und deshalb floh er mit ihm zurück. Als aber der goldene Ritter das sah, warf er mit wunderbarer Kraft drei oder vier Feinde zur Seite und verfolgte den Fahnenträger bis weitab vom Kampfplatz. Als er ihn eingeholt hatte, kämpfte er so lange und unverdrossen, bis er schließlich das Banner errungen hatte. Eine ganze Schar Reiter war über ihn hergefallen, um die Fahne wieder zu erobern. Doch der goldene Ritter hatte sie wie einen Speer in den Steigbügel gestellt und begann jählings so wild auf sie einzuhauen, daß gar viele umkamen. Jetzt drang er unter fortwährenden Kämpfen durch die Feinde hindurch und gelangte mitten unter das vlaemische Heer. Er hob das Banner empor und rief:
„Vlaenderen den Leeuw! Unser ist der Sieg! Heil! Heil!“
Die Scharen antworteten durch ein lautes Jauchzen und schwangen als Zeichen ihrer Freude die Waffen hoch in der Luft. Ihr Mut wuchs noch beim Anblick dieses eroberten Feldzeichens.
Gui de Saint-Pol stand noch mit etwa zehntausend Fußknechten und einer starken Reiterschar am Pottelberg. Schon hatte er die kostbarsten Güter im Lager zusammenpacken lassen und wollte seine Leute durch die Flucht retten; Peter Lebrun, einer der Ritter, die bei dem Kronbanner gefochten hatten, war halb betäubt vom Schlachtfeld zurückgekommen. Als er das sah, ging er auf ihn zu und rief:
„Wie, Saint-Pol! Könnt Ihr das wagen? Wollt Ihr wie ein Feigling den Tod Roberts d'Artois und all unserer Brüder ungerächt lassen? Ich bitte Euch um der Ehre Frankreichs willen, tut das nicht! Laßt uns lieber sterben, um dieser Schande zu entgehen! Führt Eure Scharen vorwärts in den Kampf, vielleicht werdet Ihr noch mit Euren frischen Truppen den Sieg erringen.“
Gui von Saint-Pol wollte nichts von Kämpfen hören; Furcht hatte ihn übermannt, und er antwortete:
„Herr Lebrun, ich weiß, was ich zu tun habe. Ich werde das Gepäck des Heeres nicht rauben lassen; es ist besser, daß ich die übriggebliebenen Leute nach Frankreich zurückbringe, als daß ich sie nutzlos erschlagen lasse.“
„Und so wollt Ihr alle, die noch mit dem Schwert in der Faust dastehen, verlassen und dem Feinde ausliefern? Aber das wäre gar verräterisch von Euch! Sollte ich den heutigen Tag überleben, so werde ich Euch der Treulosigkeit beim König beschuldigen.“
„Die Vorsicht gebietet mir den Rückzug, Herr Lebrun. Ich werde abziehen, mögt Ihr auch sagen, was Ihr wollt; denn Euer Rat gibt Euch die Aufregung ein, und Ihr seid gar zu sehr in Wut entbrannt.“
„Und Ihr seid gar zu sehr von Furcht ergriffen! Aber sei es denn, wenn Ihr es durchaus wollt; um Euch zu zeigen, daß ich noch vorsichtiger bin als Ihr, werde ich mit einem Trupp den Rückzug decken. Ziehet denn ab, ich werde den Feind aufhalten.“
Er nahm zweitausend Fußknechte und führte sie auf das Schlachtfeld.
Inzwischen war die Zahl der kämpfenden Franzosen so zusammengeschmolzen, daß ihre Schlachtordnung an vielen Stellen durchbrochen war. Das erlaubte den Vlaemen, sie von vorn und im Rücken anzugreifen.
Der goldene Ritter, der ob seiner riesigen Gestalt und der Größe seines Pferdes das ganze Schlachtfeld übersehen konnte, bemerkte die Bewegung Lebruns und durchschaute seine Absicht. Es war ihm klar, das Saint-Pol mit dem Troß des Heeres entwischen wollte. Deshalb ritt er zu Gwijde heran und setzte ihn von dem Vorhaben des Feindes in Kenntnis. Sofort wurden einige Ritter hinter die Schlachtlinie gesandt, um den Anführern die nötigen Befehle zu überbringen. Wenige Augenblicke später setzten sich mehrere Scharen in Bewegung und breiteten sich nach allen Richtungen hin über das Schlachtfeld aus. Jan Borluut zog mit seinen Gentern an den Stadtwällen entlang und griff Lebrun von der Seite an; die Fleischer mit ihrem Obmann Breydel schwenkten um das Kastell Nedermosschere herum und stürmten das französische Lager von hinten.
Die Scharen Saint-Pols waren dieses Angriffs nicht gewärtig. Sie waren damit beschäftigt, die kostbarsten Güter des Lagers zu sammeln, als sie die Beile der Fleischer und mit ihnen den Tod über ihren Häuptern schweben sahen. Das furchtbare Geschrei der angreifenden Vlaemen erschreckte sie so sehr, daß sie in Unordnung durcheinanderliefen und nach allen Seiten hin über die Felder entflohen; die Fleischer aber hieben gar furchtbar auf sie ein. Gui de Saint-Pol, der auf einem guten Traber saß, entging der Todesgefahr und entfloh so rasch als möglich, ohne sich mehr um seine Leute zu bekümmern.
Das Lager war bald gesäubert, und nach wenigen Minuten war nicht ein einziger lebender Franzose mehr darin. Die Vlaemen eroberten alle die goldenen und silbernen Gefäße und noch unendlich viele andere Schätze, die der Feind mitgebracht hatte.
Auf dem Schlachtfeld war der Kampf noch nicht beendet. Ein Haufe von etwa tausend Reitern verteidigte sich noch; sie kämpften wie die Löwen, trotzdem sie bereits über und über mit Wunden bedeckt waren. Darunter befanden sich mehr als hundert edle Ritter, die diese Niederlage nicht überleben wollten und mit rasender Wut auf die Vlaemen einhieben. Allmählich wurden sie unter die Wälle der Stadt, in die Bittermeersch[37], getrieben. Hier stürzten die Pferde in den Ronduitebach oder versanken an den Ufern. Die Ritter konnten sich nicht mehr auf ihren Pferden halten; deshalb sprang einer nach dem anderen aus dem Sattel, sie scharten sich wieder zu einem Kreise, kämpften weiter zu Fuß und schlugen noch gar manchen Vlaemen tot. Die Bittermeersch war zu einem Blutsee geworden; die Kämpfenden standen bis über die Knöchel im Blute. Köpfe, Arme, Beine, alles lag hier mit zerbrochenen Helmen und Schwertern durcheinander.
Einige Leliaerts, darunter Jan van Gistel und eine Anzahl Brabanter, sahen, daß an Entkommen nicht mehr zu denken war. Deshalb liefen sie mitten unter die Vlaemen und riefen: „Vlaenderen den Leeuw! Heil, Heil Flandern!“ Sie glaubten sich hierdurch zu retten; aber gleich kam ein Weber auf Jan van Gistel zugelaufen und versetzte ihm einen so furchtbaren Schlag auf den Kopf, daß sein Schädel zerschmettert wurde. Der Weber murmelte mit unterdrückter Stimme:
„Mein Vater hat Euch gesagt, daß Ihr nicht auf dem Bette sterben würdet, Ihr Verräter!“
Die anderen wurden an ihren Wappen erkannt und als Verräter niedergemacht und durchbohrt.
Der junge Gwijde empfand Mitleid mit den noch verbliebenen Rittern, die sich so mutig verteidigten, und rief ihnen zu, sie sollten sich gefangen geben, damit ihr Leben erhalten bliebe. Da sie einsahen, daß Mut und Tapferkeit ihnen nichts mehr helfen konnten, ergaben sich die Ritter und wurden entwaffnet. Sie wurden Jan Borluuts Obhut anvertraut.
Der vornehmste dieser edlen Kriegsgefangenen (im ganzen waren es etwa sechzig) war Thibaut II., nachmals Herzog von Lothringen; auch die übrigen waren von hoher Geburt und als tapfere Ritter berühmt.
Jetzt blieb kein einziger Feind mehr auf dem Schlachtfeld; aber nach allen Richtungen sah man sie entfliehen. Die Vlaemen waren ganz verwundert, daß sie nichts mehr zu bekämpfen hatten, und glühten noch von Kampfbegier. So liefen sie scharenweise durch die Felder, um die Fliehenden zu verfolgen; beim St. Magdalenen-Hospital holten sie eine Abteilung von Saint-Pols Leuten ein und erschlugen sie alle; etwas weiter fanden sie Willem van Mosschere, den Leliaert, der sich mit einigen anderen aus dem Gefecht entfernt hatte. Als er sich umringt sah, bat er um Gnade und gelobte, Robrecht van Bethune als ein treuer Untertan zu dienen. Aber sie hörten ihn nicht an, und die Beile der Fleischer raubten ihm Sprache und Leben.
So ging es den ganzen Tag fort, bis nicht ein einziger Franzose oder französisch Gesinnter mehr zu finden war.
Obgleich eine starke Abteilung der vlaemischen Truppen den Feind scharenweise in den Feldern verfolgte, blieben doch noch einige geordnete Truppenteile auf dem Schlachtfeld zurück. Jan Borluut hatte seine Leute haltmachen lassen, um dem Kriegsbrauch gemäß das Schlachtfeld bis zum anderen Tage zu behaupten; nur wenige hatten in heftiger Leidenschaft auf diesen Befehl nicht geachtet; die Abteilung, die er bei sich hatte, bestand noch aus dreitausend Gentern; dazu kamen Leute von allen Waffengattungen, die von Anstrengung oder Wunden ermattet waren, den Feind nicht verfolgen konnten und deshalb auf dem Schlachtfeld geblieben waren. Jetzt, da der Kampf gewonnen und die Fesseln des Vaterlands gebrochen waren, jauchzten die Vlaemen mit inniger Freude:
„Vlaenderen den Leeuw! Sieg! Sieg!“
Alsbald antworteten die Yperner und Kortrijker von den Wällen der Stadt mit noch lauterem Jubel. Auch sie konnten wohl Sieg rufen; denn während die beiden Heere einander auf dem Groeninger Kouter bekämpften, war der Kastellan van Lens mit hundert seiner Leute von dem Kastell in die Stadt gedrungen und hätte sie vielleicht ganz niedergebrannt. Aber die Yperner hieben so unverzagt auf seine Schar ein, daß die Franzosen nach langem Kampf in Unordnung in das Kastell zurückflohen. Als van Lens seine Leute zählte, fand er, daß nur der zehnte Teil der Wut der Feinde entgangen war.
Die meisten Anführer und Edeln hatten sich in das Lager begeben und um den goldenen Ritter versammelt; sie drückten ihm alle ihre Dankbarkeit aus, er aber antwortete nicht, aus Furcht, sich zu verraten. Gwijde, der bei ihm stand, wandte sich zu den Rittern und sprach:
„Meine Herren, der Ritter, der uns alle und Flandern so wunderbar errettet hat, ist ein Kreuzfahrer, der unbekannt zu bleiben wünscht: der edelste Sohn Flanderns trägt seinen Namen.“
Die Ritter sagten nichts, aber jeder bemühte sich, zu erraten, wer das wohl sein mochte, der so edel, so tapfer und so stark war. Diejenigen, die bei der Zusammenkunft in dem Gehölz bei Dale gewesen waren, wußten schon längst, wer es war, aber sie wagten nicht, ihre Überzeugung zu verkünden, da sie feierlich gelobt hatten, das Geheimnis zu wahren. Unter den anderen waren viele, die gar nicht daran zweifelten, daß es der Graf von Flandern selbst sein müsse; allein sie schwiegen, weil Gwijde den Wunsch des goldenen Ritters ausgesprochen hatte.
Robrecht hatte schon einige Zeit leise mit Gwijde gesprochen; da ließ er sein Auge über die anwesenden Scharen schweifen und sagte endlich:
„Ich sehe Adolf van Nieuwland nicht; sollte mein junger Freund unter dem Schwerte der Feinde gefallen sein? O, das würde mich ewig schmerzen. Und wie würde meine arme Machteld heiß um ihren guten Bruder weinen!“
„Gefallen wird er nicht sein, Robrecht; mich dünkt, ich hätte soeben noch seine grüne Feder zwischen den Bäumen des Neerlander Busches gesehen. Gewiß jagt er nun den übrigen Feinden nach; Ihr habt gesehen, mit welch unbändiger Wut er sich stets mitten unter die Franzosen wagte. Fürchtet nichts, Gott hat ihn sicherlich nicht sterben lassen.“
„O Gwijde, ich wollte, Ihr sprächet die Wahrheit! Mein Herz bricht bei dem Gedanken, daß sich mein unglückliches Kind an einem so frohen Tage nicht freuen sollte. Ich bitte Euch, mein Bruder, laßt die Leute Borluuts das Schlachtfeld absuchen, ob Adolf nicht zu finden ist. Ich gehe, um meine kranke Machteld zu trösten. Die Gegenwart ihres Vaters möchte ihr zum wenigsten einen frohen Augenblick geben.“
Er grüßte die anwesenden Ritter mit der Hand und eilte nach der Abtei von Groeningen. Gwijde befahl Jan Borluut, seine Leute über das Schlachtfeld zu schicken, um die Verwundeten unter den Leichen hervorzuziehen und in das Lager zu bringen.
Als die Genter das Schlachtfeld betraten, blieben sie anfangs, entsetzt über den furchtbaren Anblick, stehen. Jetzt, da die Leidenschaft des Kampfes in ihnen erloschen war, schweiften ihre Augen mit Schaudern über das ausgedehnte Blutfeld, darauf Tausende von Leichen, Pferden, Fahnen und allerlei Waffen in wilder Verwirrung durcheinanderlagen. Hie und da sah man einen Sterbenden den Arm bittend um Hilfe ausstrecken. Schrecklich tönten über das Schlachtfeld die Stimmen der Verwundeten, die da riefen:
„Trinken, trinken … gebt uns um Gottes willen zu trinken!“
Die Sonne brannte mit sengender Glut auf ihre offenen Wunden und quälte sie mit unerträglichem Durst; ihre trockenen Lippen klebten aufeinander, und nur mit Mühe konnten sie röchelnd die Todesklage hervorbringen. Die Luft war von schwarzen Raben wie von einer Gewitterwolke erfüllt; das Krächzen dieser gefräßigen Raubvögel hallte wie der Ruf des Todes über das Schlachtfeld und erfüllte die Herzen der Überlebenden mit düsterer Beklemmung. Die kreischenden Vögel stürzten sich auf die Leichen, und die Verwundeten kämpften mit Angst gegen diese scheußlichen Feinde und erzitterten bei dem Gedanken, sie könnten eine Beute dieser Tiere werden, sie sollten keine Ruhestätte nach dem Tode finden, keine geweihte Erde, um bis zum Jüngsten Tage darin zu schlafen!
Welch schreckliche Aussicht! Welch fürchterlicher Gedanke!
Unzählige Hunde hatte der Geruch des Blutes aus der Stadt gelockt; sie liefen von einer Leiche zur anderen und heulten sich in furchtbaren Tönen an. Zu alledem gesellte sich das dumpfe Wiehern oder vielmehr das Röcheln der sterbenden Rosse und der jauchzende Siegesruf der Leute in der Stadt.
Sowie die Genter sich über das Schlachtfeld hinbreiteten, stiegen die Raben vor ihnen auf und flogen weiter auf Raub aus. Man untersuchte alle Gefallenen, und die, deren Herz noch schlug, trug man in das Lager, um sie in das Leben zurückzurufen. Eine große Schar hatte in allen möglichen Gefäßen frisches Wasser aus dem Gaverschen Bach geschöpft, um die noch Lebenden damit zu laben. Es war rührend und ergreifend anzuschauen, wie gierig die Verwundeten das kühle Wasser einsogen, wie dankbar sie mit einer Freudenträne diese Labung aus den Händen ihrer Brüder und Feinde entgegennahmen. War man eben derart mit einem beschäftigt, so reckten sich in der Nähe flehend eine Menge Arme, und viele schwache Stimmen riefen:
„O, gebt auch mir zu trinken – nur einen einzigen Tropfen Wasser! Bei den Leiden unseres Seligmachers, Brüder, befeuchtet meine Lippen und errettet mich vom Tode!“
Die Genter hatten den Befehl erhalten, die vlaemischen Ritter, die sich fänden, tot oder lebend in das Lager zu tragen. Sie hatten nun schon fast die Hälfte des Schlachtfelds abgesucht. Die Leichen der edeln Herren Salomon van Sevecote, Philipp van Hofstade, Eustachius Sporkijn, Jan van Severen, Peter van Brügge waren bereits fortgetragen, und man war dabei, dem verwundeten Jan van Mechelen den Harnisch loszuschnallen. Jetzt waren sie zu der Stelle gekommen, wo der Kampf am hartnäckigsten getobt hatte; die Leichen lagen mit Blut bedeckt rings um sie her. Während sie noch damit beschäftigt waren, Herrn van Mechelen zu laben, hörten sie plötzlich ein Stöhnen, gleich als stieg es aus dem Boden auf; sie horchten, doch sie sahen nichts, keine der Leichen ringsumher gab das geringste Lebenszeichen von sich. Nach einiger Zeit wiederholte sich das Stöhnen, und nun merkten sie, daß es etwas weiter abseits unter mehreren gefallenen Pferden hervortönte. Nach langen Mühen hatten sie diese endlich beiseite geschafft und fanden einen sterbenden Ritter.
Er lag ausgestreckt auf dem Rücken, ganz mit Blut bedeckt. Sein Harnisch war von der Last eines darauf gefallenen Pferdes ganz eingedrückt. Mit der rechten Hand hatte er noch das Schlachtschwert umfaßt, während er in der linken einen grünen Schleier hielt; seine Wangen waren bleich und trugen das Zeichen des nahenden Todes. Mit wirrem, mattem Blicke betrachtete er die Leute, die zu seiner Rettung herbeikamen. Seine Wimper hatte nicht mehr die Kraft, das brechende Auge vor der Sonne zu schützen.
Jan Borluut erkannte den unglücklichen Adolf van Nieuwland.
In aller Eile wurden die Riemen seines Harnischs gelöst, sein Haupt aus dem Schlamm emporgehoben und seine Lippen mit erquickendem Wasser benetzt. Mit ersterbender Stimme flüsterte er einige unverständliche Worte, und seine Augen schlossen sich, als ob seine Seele aus dem wunden Leib entflohen sei. Einige Augenblicke war er ganz ohne Bewußtsein; dann kam er wieder zu sich, doch er blieb äußerst schwach. Er ergriff Jan Borluuts Hand und sprach so langsam, daß zwischen jedem Wort eine lange Pause war:
„Ich sterbe, Ihr seht es, Herr Jan; meine Seele wird nicht lange mehr auf Erden weilen. Aber – beweint mich nicht. Ich sterbe froh, – da das Vaterland befreit ist …“
Sein Atem war zu kurz, als daß er länger hätte sprechen können; er ließ sein Haupt in den Arm Jan Borluuts sinken und führte den grünen Schleier langsam an seine Lippen. Dann sank er wie tot an Jan Borluuts Brust. Sein Herz schlug aber noch, und die Wärme des Lebens verließ ihn nicht. Der Anführer der Genter ließ den verwundeten Ritter mit aller nur erdenklichen Vorsicht in das Lager bringen.
Machteld hatte sich mit Adolfs Schwester vor dem Gefecht in eine Zelle der Abtei Groeningen zurückgezogen. Sicherlich war in diesem Augenblick niemand in Flandern geängstigter als diese unglückliche Jungfrau. All ihre Verwandten und ihr Freund Adolf waren im Kampfe. Von dieser Schlacht, welche die Vlaemen gegen eine so überlegene Macht wagten, hing die Freiheit ihres Vaters ab; diese Schlacht mußte den Thron von Flandern wiederherstellen oder für immer vernichten. Wenn die Franzosen den Sieg errangen, dann mußte sie auf den Tod all derer, die ihr teuer waren, für sich selbst auf das furchtbarste Los gefaßt sein.
Sobald die Kriegstrompete ihre Töne über das Schlachtfeld sandte, erzitterten die beiden Frauen und erbleichten, als ob sie zur gleichen Zeit ein tödlicher Schlag getroffen hätte. In diesem bangen Augenblick vermochten sie die Gefühle ihrer Seele nicht auszusprechen; sie waren zugleich auf einen Betstuhl niedergesunken, hatten den Kopf darauf gestützt, und still flossen Tränen über ihre Wangen. So knieten sie nun dort in feurigem Gebet, ohne sich zu regen, als wären sie in tiefen Schlaf versunken gewesen; von Zeit zu Zeit hörte man einen schwachen Seufzer, und wenn das Tosen der Schlacht lauter anschwoll, dann schluchzte Maria:
„O allmächtiger Gott, Herr der Heerscharen, erbarme dich unser! Steh uns bei in der Not, o Herr!“
Und Machtelds zarte Stimme erwiderte:
„O süßer Jesus, Seligmacher, schütze ihn! Und rufe ihn nicht zu dir, o barmherziger Gott!“
„Heilige Mutter Gottes, bitte für uns!“
„O Mutter Christi, Trösterin der Betrübten, bitte für ihn!“
Dann tönte das donnernde Kriegsgetöse noch furchtbarer zu ihnen herüber, und ihre Hände zitterten vor Angst wie Espenlaub; ihre Häupter beugten sich tiefer, ihre Tränen flossen reichlicher, und ihr Gebet wurde wieder unverständlich; denn die Beklemmung raubte ihnen die Sprache.
Der Kampf dauerte lange, das furchtbare Geschrei der widereinander anstürmenden Scharen schwebte fortwährend über der Abtei von Groeningen, aber noch länger dauerte das stille Gebet der Frauen; denn als der goldene Ritter an die Pforte des Klosters klopfte, waren sie noch nicht vom Betstuhl aufgestanden. Plötzlich vernahmen sie dröhnende Männerschritte in dem Gange, der zur Zelle führte. Sie wandten das Haupt, und während sie starr auf die Tür blickten, erbebten beide in einem süßen Vorgefühl des Trostes.
„Adolf kommt wieder!“ schluchzte Maria. „O, unser Gebet ist erhört worden.“
Machteld lauschte sorglicher hin und antwortete niedergeschlagen:
„Nein, nein, er ist es nicht, sein Schritt ist nicht so schwer. O, Maria, vielleicht ein Unglücksbote!“
In diesem Augenblick hörte man die Tür der Zelle in ihren Angeln knarren; eine Nonne öffnete sie und ließ den goldenen Ritter hinein. Die zarte Gestalt Machtelds erstarrte, ihre Augen hefteten sich zweifelnd auf den Krieger, der mit offenen Armen vor ihr stand, um sie zu empfangen. Erst schien es ihr, als ob ein falscher Traum sie narrte; aber dies Gefühl war flüchtiger denn der Blitz, und ungestüm warf sie sich jauchzend an die Brust des goldenen Ritters.
„Mein Vater,“ rief sie, „o mein teurer Vater! Ich sehe Euch wieder, frei, ohne Ketten! Laßt mich Euch in meine Arme schließen! O Gott, wie gütig bist du! Entzieht mir Eure Wange nicht, lieber Vater; laßt mich die Freude, die ich empfinde, ausdrücken.“
Robrecht van Bethune umarmte seine zärtliche Tochter voller Entzücken; er hielt sie an seine Brust gepreßt, bis ihre Aufregung ein wenig nachgelassen hatte, und legte dann den Helm und seine eisernen Handschuhe auf den Betstuhl. Von der Anstrengung des Tages ermattet, zog er einen Sessel herbei und ließ sich darin nieder. Machteld umschlang seinen Hals mit beiden Armen; dann betrachtete sie mit Bewunderung und Ehrerbietung den Mann, dessen Züge sie mit so viel Glück erfüllten, und der sie so zärtlich, so innig liebte. Mit klopfendem Herzen lauschte sie den süßen Worten, die seine geliebte Stimme ihr zuflüsterte.
„Machteld,“ sprach er, „mein edles Kind, der Herr hat uns lange geprüft; aber nun ist all unser Leid zu Ende. Flandern ist frei, das Vaterland ist gerächt, der schwarze Löwe hat alle Lilien zerrissen, und alle Fremden sind erschlagen. Fürchte nun nichts mehr, die bösen Söldner, die Johanna von Navarra ausgeschickt hat, sind tot.“
Machteld horchte mit ängstlicher Begierde den Worten ihres Vaters; sie blickte träumerisch in seine Augen und lächelte mit gar seltsamem Ausdruck. Sie war so von Freude erfüllt, daß sie dasaß, als ob sie jeglichen Gefühls beraubt wäre. Nach einigen Augenblicken merkte sie, daß ihr Vater nicht mehr sprach, und rief:
„O Herr, das Vaterland ist frei! Die Franzosen sind geschlagen! Und Euch, meinen Vater, Euch habe ich wieder! Dann wollen wir in unser schönes Wijnendaal zurückkehren, kein Kummer wird Eure alten Tage mehr verbittern, und ich werde mein Leben froh und glücklich in Euern Armen verbringen! Solches Glück konnte ich nicht erwarten, soviel wagte ich nicht von Gott in meinen Gebeten zu verlangen!“
„Höre, mein Kind, und werde nicht niedergeschlagen, ich bitte Dich: heute noch muß ich Dich wieder verlassen. Der edelmütige Krieger, der mich diesmal noch aus meinen Banden freiließ, empfing mein Ehrenwort, daß ich zurückkehren würde, sobald die Schlacht geliefert wäre.“
Tieftrauernd ließ die Jungfrau bei diesen Worten ihr Haupt auf die Brust sinken und schluchzte.
„Sie werden Euch ermorden, unglücklicher Vater!“
„Sei doch nicht so furchtsam, Machteld,“ erwiderte Robrecht, „mein Bruder Gwijde hat sechzig französische Ritter von edelm Blute gefangengenommen; man wird Philipp dem Schönen kundtun, daß ihr Leben für das meine als Pfand dient, und er darf die übriggebliebenen Helden seiner Rachsucht nicht opfern. Ich habe nichts mehr zu befürchten, Flandern ist mächtiger denn Frankreich. Deshalb bitte ich Dich, weine nicht. Sei froh, unser harrt die schönste Zukunft! Ich werde Wijnendaal wiederherstellen lassen: es soll uns alle empfangen. Dann werden wir wieder zusammen auf die Falkenjagd gehen; denke Dir, wie fröhlich unser erster Jagdzug sein wird!“
Ein Lächeln unaussprechlicher Freude und ein herzlicher Kuß waren Machtelds Antwort. Aber plötzlich schien sich ein quälender Gedanke in ihrem Geist zu regen, ihre Züge wurden traurig, und schweigend blickte sie zu Boden, wie jemand, der von Scham ergriffen ist.
Robrecht warf einen forschenden Blick auf seine Tochter und fragte sie:
„Machteld, mein Kind, warum wirst Du plötzlich so traurig?“
Die Jungfrau erhob nur halb ihr Haupt und antwortete mit leiser Stimme:
„Aber, mein lieber Vater, Ihr sprecht ja gar nicht von Adolf, weshalb kommt er nicht mit Euch?“
Es dauerte einen Augenblick, ehe Robrecht ihre Frage beantwortete; er glaubte, in Machteld ein Gefühl entdeckt zu haben, das, vielleicht ihr selbst noch unbewußt, in ihrem Herzen verborgen ruhte. Nicht ohne Absicht sprach er daher folgende Worte:
„Ihn halten noch einige Geschäfte zurück, mein Kind; noch immer ziehen zersprengte Feinde im Feld umher; die verfolgt er gewiß. Machteld, ich kann Dir sagen, daß unser Freund Adolf der edelste und mutigste Ritter ist, den ich kenne; noch nie sah ich bei jemandem ein so männliches Verhalten. Zweimal hat er meinem Bruder Gwijde das Leben gerettet, bis unter das Kronbanner Frankreichs fielen die Feinde haufenweise unter seinem Schwert; alle Ritter rühmten seine Tapferkeit und gestanden, daß ihm ein großer Teil an der Befreiung Flanderns zukommt.“
Während Robrecht also sprach, hielt er die Augen auf seine Tochter geheftet und folgte jeder Regung, die sich in ihren Zügen aussprach. Er sah darin Freude und Stolz sich ablösen und zweifelte nicht mehr an der Richtigkeit seiner Ahnung.
Maria stand begeistert vor Robrecht; sie lauschte mit Rührung dem Lobe auf ihren Bruder.
Während die junge Machteld ihren Vater in größter Erregung anblickte, vernahm man lautes Stimmengewirr an der Pforte des Klosters; das dauerte nur wenige Augenblicke, dann wurde alles wieder still. Bald öffnete sich die Tür der Zelle, und Gwijde, Robrechts Bruder, trat langsam, mit bedrückter Miene herein; er nahte ihnen und sprach:
„Ein großes Unglück, mein Bruder, trifft uns heute in einem Manne, der uns allen teuer ist. Die Genter haben ihn auf dem Schlachtfeld unter den Toten gefunden und hierher in das Kloster gebracht; seine Seele schwebt auf seinen Lippen, und vielleicht ist seine Sterbestunde nahe. Er wünscht Euch noch zu sehen, ehe er von der Welt scheidet; deshalb bitte ich Euch, ihm diese letzte Gunst zu erzeigen.“
Dann wandte er sich zu Adolfs Schwester und fügte hinzu:
„Euch läßt er gleichfalls bitten, edle Dame.“
Ein schmerzlicher Schrei entfloh dem Munde der beiden Frauen.
Machteld fiel ohnmächtig in die Arme ihres Vaters, und Maria eilte, ohne weiter auf etwas hören zu wollen, mit herzzerreißenden Weherufen zur Tür und verließ die Zelle. Auf diesen Lärm hin kamen zwei Nonnen herbei und empfingen die ohnmächtige Machteld aus den Armen des Ritters; der küßte seine Tochter noch einmal und wollte gehen, um den sterbenden Adolf zu besuchen. Aber die Jungfrau öffnete die Augen, und als sie die Absicht ihres Vaters merkte, riß sie sich aus den Händen der Nonnen los, umklammerte Robrecht und rief:
„Laßt mich mit Euch gehen, Vater, daß er mich noch einmal sieht. Wehe mir, welch tiefer Schmerz zerreißt mein Herz! Mein Vater, ich sterbe mit ihm – schon fühle ich den Tod in mir – ich will ihn sehen: eilt, kommt, o kommt rasch! – Er stirbt – Adolf!“
Robrecht betrachtete seine Tochter voll Mitleid. Jetzt blieb ihm kein Zweifel mehr über das Gefühl, das im geheimen im Herzen seiner Tochter Wurzel gefaßt hatte. Diese Gewißheit machte ihn aber weder bestürzt noch mißmutig. Da es ihm nicht möglich war, seine Tochter durch Worte zu trösten, so drückte er sie fest an sein Herz. Doch Machteld entwand sich bald den zärtlichen Banden; sie zog Robrecht bei der Hand fort und rief:
„O, Vater, erbarmt Euch meiner! Kommt, daß ich noch einmal die Stimme meines guten Bruders höre, daß seine Augen mich noch einmal in diesem Leben anblicken!“
Sie kniete vor ihm nieder, und während Tränen aus ihren Augen strömten, fuhr sie fort:
„Ich bitte Euch, mißachtet mein Flehen nicht. Erhört mich, Vater!“
Robrecht hätte am liebsten seine Tochter bei den Nonnen gelassen, denn er fürchtete, daß der Anblick des sterbenden Ritters sie zu sehr ergreifen würde. Doch den dringenden Bitten Machtelds konnte er nicht länger widerstehen; er nahm sie bei der Hand und sprach:
„Wohlan, meine Tochter, geh mit mir und besuche den armen Adolf. Aber, bitte, betrübe mich nicht zu sehr durch Deine Verzweiflung; bedenke, daß Gott uns heute so große Gnaden erwiesen hat, und daß er ob Deiner Verzweiflung zürnen könnte.“ Als er diese Worte sprach, waren sie bereits im Gange vor der Zelle.
Man hatte Adolf in den großen Speisesaal des Klosters gebracht, ein Federbett auf der Erde hingebreitet und ihn daraufgelegt. Ein Priester, der in der Heilkunde wohlerfahren war, hatte seinen Körper ganz genau untersucht und keine offene Wunde an ihm gefunden; lange blaue Striemen kennzeichneten die empfangenen Schläge auf seiner Haut, und unter den schweren Quetschungen war das Blut zusammengelaufen und geronnen. Nach einem Aderlaß wurde er gewaschen und mit kräftigem Balsam gerieben. Durch die sachverständige Behandlung des Priesters war er schon ein wenig gekräftigt, doch schien er noch immer seinem Ende nahe, obgleich seine Augen nicht mehr so trübe und glasig waren. Rund um das Bett standen gar viele Ritter, die stumm um ihren Freund trauerten. Jan van Renesse, Arnold van Oudenaarde und Peter De Coninck leisteten dem Priester hilfreiche Hand, Wilhelm von Jülich, Jan Borluut und Balduin van Papenrode befanden sich zur Linken, während der junge Gwijde mit Jan Breydel und den anderen vornehmsten Rittern gebeugten Hauptes am Fußende standen.
Breydel war gräßlich anzuschauen. Seine Hände waren in vielen Stellen geritzt, und ein blutiges Tuch bedeckte die Hälfte seines Hauptes. Seine Arme und Kleider waren zerrissen und das stumpf gewordene Beil hing an seiner Seite. Die anderen Ritter hatten gleichfalls das eine oder andere Glied mit Tüchern umwickelt, und eines jeden Rüstung zeigte furchtbare Beulen und war schrecklich zerhackt.
Maria kniete weinend neben ihrem Bruder. Sie hatte seine Hand ergriffen und benetzte sie mit ihren Tränen, während Adolf sein mattes Auge auf sie heftete.
Sobald Robrecht mit seiner Tochter den Saal betrat, packte alle Ritter Staunen und Bewunderung: der Held, der ihnen in der Not so wunderbar zu Hilfe gekommen war, war der Löwe von Flandern, ihr Graf! Sie beugten alle mit der größten Ehrerbietung ein Knie zur Erde und sprachen:
„Ehre sei dem Löwen, unserem Herrn!“
Robrecht ließ seine Tochter los, hob die Herren Jan Borluut und van Renesse auf und küßte beide auf die Wangen. Dann gab er den übrigen ein Zeichen, sich zu erheben, und sprach:
„Meine treuen Untertanen, meine Freunde! Ihr habt mir heute bewiesen, wie mächtig ein Heldenvolk ist. Jetzt trage ich die Krone meines kleinen Reiches mit mehr Hochgefühl als Philipp der Schöne die von Frankreich; denn auf euch kann ich mit Recht stolz sein.“
Dann ging er zu Adolf, ergriff seine Hand und betrachtete ihn lange; in beiden Augen des Löwen von Flandern glänzten helle Tränen, die allmählich schwerer wurden, sich schließlich losrissen und wie Perlen blinkend zu Boden fielen. Machteld lag schon neben Adolfs Haupt auf den Knien. Sie hatte den grünen Schleier, der jetzt beschmutzt und blutig war, an sich genommen und benetzte mit ihren Tränen dieses Zeichen ihrer Zuneigung und seiner Aufopferung. Sie sprach kein Wort, sah auch Adolf nicht an; denn sie hielt ihre beiden Hände vor das Gesicht und schluchzte in tiefer Betrübnis, ohne sich zu rühren.
Der Priester blickte gleichfalls bewegungslos auf den leidenden Ritter. Ihm schien es, als vollzöge sich eine wunderbare Veränderung in seinen Zügen, als strömte wieder mehr Leben in ihn über. Und wirklich, seine Augen erhielten mehr Glanz, und sein Gesicht verlor die Anzeichen des nahenden Todes. Bald richtete er einen Blick voll Liebe auf Robrecht und sprach langsam und mit Anstrengung:
„O, mein Herr und Graf, Eure Gegenwart ist mir ein süßer Trost. Nun kann ich sterben; das Vaterland ist frei! Ihr werdet den Thron in friedensreichen Tagen besitzen … Ich verlasse freudig die Welt, jetzt, da die Zukunft Euch und Eurer edeln Tochter dauerndes Glück verheißt. O, glaubt mir in meiner Todesstunde! Euer Unglück war für mich, Euren unwürdigen Diener, ergreifender als für Euch selbst. So manchmal habe ich in stillen Nächten mein Lager mit Tränen benetzt, wenn ich der traurigen Lage der edlen Machteld und Eurer Gefangenschaft gedachte …“
Dann wandte er das Haupt ein wenig zu Machteld, und ihre Tränen flossen noch reichlicher, als er also sprach:
„Weinet nicht, edle Jungfrau, ich verdiene dieses liebevolle Mitleid nicht. Es gibt noch ein anderes Leben; dort werde ich meine gute Schwester wiedersehen! Bleibet auf Erden, um im Alter Eurem Vater eine Stütze zu sein, und denkt zuweilen in Euren Gebeten an den guten Bruder, der Euch verlassen muß …“
Hier brach er plötzlich ab und schaute wie verwundert um sich.
„Aber, mein Gott,“ sprach er und sah den Priester fragend an, „was ist das? Ich fühle neue Kraft, das Blut kreist freier durch meine Adern.“
Machteld erhob sich und betrachtete ihn mit ängstlicher Erwartung.
Alle blickten gespannt auf den Priester. Der hatte inzwischen den Kranken mit scharfem Blicke gemustert und alle Eindrücke, welche auf ihn gewirkt hatten, geprüft. Er ergriff Adolfs Hand und fühlte ihm den Puls, während alle Umstehenden angstvoll seinen Bewegungen folgten; sie schlossen aus den Mienen des Priesters, daß noch nicht jede Hoffnung dahin war, den Leidenden am Leben zu erhalten.
Der Geistliche setzte schweigend seine Untersuchung fort. Er hob die Augenlider des Kranken auf und betrachtete sie, er öffnete ihm den Mund und ließ die Hand über seine bloße Brust gleiten. Dann wandte er sich zu den umstehenden Rittern und sprach im Tone der tiefsten Überzeugung:
„Ich sage euch, meine Herren, das Fieber, das diesem jungen Ritter den Tod bringen mußte, ist vorüber – er wird nicht sterben.“
Alle wurden so von ihrem Gefühl übermannt, als hätten die Lippen des Priesters ein Todesurteil ausgesprochen. Aber bald vermochten sie, ihrer Freude durch Worte und Gebärden Ausdruck zu verleihen.
Maria hatte die Verkündigung des Priesters mit einem lauten Schrei beantwortet und ihren Bruder in größter Aufregung umarmt. Machteld fiel auf die Knie nieder, erhob ihre Hände und rief mit lauter Stimme:
„Ich danke Dir, Du gütiger, Du barmherziger Gott, daß Du das Gebet Deiner demütigen Dienerin erhört hast!“
Nach dieser kurzen Danksagung sprang sie auf und warf sich voll grenzenloser Freude in die Arme ihres Vaters. „Er bleibt am Leben! Er wird nicht sterben!“ rief sie. „O, jetzt bin ich so glücklich!“ und einen Augenblick ruhte sie ermattet an Robrechts Brust. Aber ebenso rasch kehrte sie zu Adolf zurück und gab ihrem Entzücken ihm gegenüber Ausdruck.
Was allen wie ein Wunder erschien, war nur eine Folge von Adolfs Zustand. Er hatte weder offene noch tiefe Wunden empfangen, sondern viele Quetschungen; die Schmerzen, die er infolgedessen litt, hatten ein gefährliches Fieber hervorgerufen, das ihm den Tod hätte bringen können. Aber Machtelds Gegenwart, die seiner Seele Kräfte verdoppelte, verscheuchte das tödliche Fieber, und so entrann er dem Grabe, das schon den Rachen nach ihm aufsperrte.
Robrecht van Bethune ließ seine Tochter, die vor Freude ganz außer sich war, neben Adolf niedersitzen, trat zu den Rittern und redete sie folgendermaßen an:
„Ihr edeln Männer von Flandern habt heute einen Sieg errungen, der als ein Beweis eurer großen Tapferkeit auf eure Kinder und Kindeskinder übergehen wird; ihr habt der ganzen Welt gezeigt, wie es dem Fremden ergeht, der den Fuß auf unseres Vaterlandes Boden zu setzen wagt. Die Liebe zum Vaterland hat in euren Heldenseelen unerhörten Mut entflammt und, durch gerechte Rache gestählt, haben eure Arme die Tyrannen erschlagen. Die Freiheit ist einem Volke, das sie mit seinem Blute besiegelt hat, teuer; fortan kann kein Fürst des Westens mehr die Vlaemen auch nur für einen Augenblick zu Sklaven machen; denn ihr alle würdet lieber sterben, ehe ihr das duldetet. Doch das brauchen wir ja auch nicht mehr zu befürchten. Flandern hat sich heute über alle Völker erhoben, und ihr edeln Männer seid es, denen das Vaterland diesen Ruhm verdankt. Jetzt wünschen wir, daß Friede und Ruhe unsere Untertanen für ihre Treue belohnt; es wird uns glücklich machen, von allen mit dem Namen Vater begrüßt zu werden, wenn wir uns durch unsere fürsorgliche Liebe und das unaufhörliche Bestreben, sie glücklich zu machen, diesen Namen verdienen können. Sollte es dennoch wieder geschehen, daß die Franzosen zurückzukommen wagten, so würden wir noch der Löwe von Flandern sein, und unser Hammer würde euch nochmals zum Kampfe führen. Wir bitten euch, ihr Herren, sänftigt die Gemüter, sobald ihr in eure Lehen zurückgekehrt seid, bringt alles zur Ruhe, damit der Sieg nicht durch Aufruhr befleckt werde, und leidet vor allem nicht, daß das Volk die Verfolgungen wider die Leliaerts nochmals aufnimmt. Es ist unsere Sache, über sie zu Gericht zu sitzen. Wir müssen euch nun verlassen. Während unseres Fernseins werdet ihr unserem Bruder Gwijde als eurem Herrn und Grafen Gehorsam leisten.“
„Uns verlassen!“ rief Jan Borluut ungläubig. „Ihr kehrt nach Frankreich zurück? Tut es nicht, edler Graf, sie werden ihre Niederlage an Euch rächen.“
„Meine Herren,“ unterbrach ihn Robrecht, „ich frage euch, wer unter euch möchte aus Furcht vor dem Tode sein Ehrenwort und seine Rittertreue brechen?“
Alle beugten das Haupt, und keiner sprach ein Wort; voll Schmerz sahen sie ein, daß nichts ihren Grafen zurückhalten konnte. Der fuhr fort:
„Meister De Coninck, Eure Weisheit hat uns großen Nutzen gebracht und soll es auch ferner tun; wir berufen Euch in unseren Rat und wünschen, daß Ihr bei uns an unserem gräflichen Hofe verbleibt. Herr Breydel, Eure Tapferkeit und Eure Treue verdienen großen Lohn; seid von jetzt an für immerdar Oberbefehlshaber all Eurer Stadtgenossen, die uns mit den Waffen dienen können; wir wissen, wie ehrenvoll Ihr dieses Amt ausüben könnt. Zudem sollt auch Ihr zu unserem Hofe gehören und dorten wohnen können, wenn es Euch beliebt.“
„Und Ihr, mein Freund Adolf, Ihr verdient noch größeren Lohn. Wir alle waren Zeugen Eures furchtlosen Mutes; Ihr habt Euch des edeln Namens Eurer Vorfahren würdig gezeigt. Ich habe Eure Aufopferung nicht vergessen. Ich weiß, mit welcher Sorge, mit welcher Liebe Ihr mein unglückliches Kind beschützt und getröstet habt; ich weiß, welch reines, welch inniges Gefühl in euer beider Herzen, still und euch selbst unbewußt, lodert. Wohlan, ich will Euch an Edelmut gleichkommen; die durchlauchtige Familie des Grafen von Flandern vereinige sich mit der der Edelherren van Nieuwland; der schwarze Löwe glänze auf Eurem Schilde. Ich gebe Euch mein teures Kind, meine Machteld, zum Weibe!“
Machtelds Brust entfloh nur ein Laut, der Name Adolfs; aber sie ergriff bewegt seine Hand, zitterte heftig und sah ihm tief in die Augen; dann strömten ihre Tränen reichlicher; doch jetzt waren sie durch reinste Freude hervorgelockt. Der junge Ritter sprach gleichfalls kein Wort, sein Glück war zu innig, zu groß, als daß er es hätte ausdrücken können. Er hob nur seine glänzenden Augen voll Liebe zu Machteld empor, voll Erkenntlichkeit zu Robrecht und voll Dankbarkeit zu Gott.
Seit einiger Zeit war lautes Tosen bei dem äußeren Tor der Abtei vernehmlich geworden. Es klang, als ob sich ein Volksauflauf zusammenrottete. Dies Getöse nahm ständig mehr und mehr zu und wuchs bisweilen zu lautem Jauchzen an. Jetzt kam eine Nonne herein und teilte mit, daß eine große Volksmenge vor dem Tor stehe und unaufhörlich verlange, den goldenen Ritter zu sehen. Nun, da die Tür des Saales offen stand, war der Jubelruf „Vlaenderen den Leeuw! Heil unserem Befreier, Heil, Heil!“ bei den Rittern deutlicher zu verstehen.
Robrecht wandte sich zu der Nonne und sprach:
„Wollet ihnen sagen, daß der goldene Ritter, nach dem sie rufen, in wenigen Augenblicken zu ihnen kommen werde.“
Dann trat er zu dem kranken Ritter, ergriff seine noch schwache Hand und sprach:
„Adolf van Nieuwland, meine teure Machteld wird nun Eure eheliche Gemahlin. Der Segen des Allmächtigen komme über eure Häupter und verleihe euren Kindern die Tapferkeit ihres Vaters, die Tugenden ihrer Mutter. Ihr habt mehr verdient; aber es steht nicht in meiner Macht, Euch ein kostbareres Geschenk zu geben, denn das Kind, das der Trost und die Stütze meiner alten Tage werden sollte.“
Während Adolf von Danksagungen überfloß, schritt Robrecht eilig auf Gwijde zu.
„Lieber Bruder,“ sprach er, „ich will, daß diese Hochzeit so bald als möglich mit Pracht gefeiert und durch den Segen der Kirche bekräftigt wird; das ist mein inniger Wunsch. Meine Herren, ich verlasse euch jetzt in der Hoffnung, bald frei und ungehindert für das Glück meiner treuen Untertanen wirken zu können. Ich ersuche euch alle, das Geheimnis von dem wahren Namen des goldenen Ritters aufs sorglichste zu wahren; mein Bruder Gwijde wird den Leuten der Abtei dies gleichfalls befehlen.“
Nach diesen Worten trat er zu Adolf und küßte ihn auf die Wange.
„Lebe wohl, mein Sohn,“ sagte er.
Und seine Machteld ans Herz drückend:
„Lebe wohl, geliebte Machteld. Weine nun nicht mehr über mich; ich bin glücklich, da das Vaterland gerächt ist, und ich werde nun bald zurück sein.“
Dann umarmte er noch seinen Bruder Gwijde, Wilhelm von Jülich und seine anderen Freunde, drückte allen bewegt die Hand und rief:
„Lebt wohl, lebt wohl, ihr alle, edle Söhne von Flandern, treue Waffenbrüder!“
Auf dem Vorhof legte er seine Rüstung an, stieg zu Pferde, ließ das Visier seines Helmes fallen und ritt zum Tor hinaus. Eine unübersehbare Volksmenge hatte sich davor versammelt; sobald sie des goldenen Ritters ansichtig wurde, teilte sie sich in zwei Reihen, um ihn durchzulassen, und begrüßte ihn mit jauchzenden Zurufen.
Wohl hundertmal schallte immer wieder der Ruf: „Heil dem goldenen Ritter! Sieg! Sieg! Unser Befreier!“ Sie winkten mit den Händen, um ihre Freude auszudrücken, und rafften die Erde aus den Hufspuren seines Pferdes wie ein Heiligtum auf. Ihnen schien, daß der heilige Georg, den man während des Kampfes in allen Kirchen von Kortrijk angerufen hatte, ihnen in dieser Gestalt zu Hilfe gekommen war. Daß der Ritter so langsam und schweigsam dahinritt, festigte sie noch in dieser Meinung, und manche fielen, während er vorbeiritt, ehrfurchtsvoll auf ihre Knie nieder. Lange folgten sie ihm nach und schienen sich an seinem Anblick nicht sättigen zu können; denn je länger es dauerte, um so wundersamer erschien ihnen der goldene Ritter. Ihre Einbildung lieh ihm eine Gestalt, wie sie sich die Heiligen vorstellten.
Endlich gab er seinem Pferde den Sporn und verschwand wie ein Pfeil zwischen den Bäumen des Waldes. Das Volk versuchte, seines goldenen Harnisches noch zwischen dem Laube gewahr zu werden, aber vergebens; das Roß hatte seinen Herrn bereits weit aus dem Bereich ihrer Augen entführt. Da sahen sie denn einander an und sprachen traurig:
„Er ist in sein himmlisches Vaterhaus zurückgekehrt!“