Seit seiner Verwundung hatte der Kranke noch nicht wieder verständlich gesprochen; es schien sogar, als ob er die Worte, die man leise zu ihm sprach, nicht vernahm. Doch als Machteld ihn in den ersten Tagen seiner Krankheit freundlich ermunterte: „Werde doch gesund, armer Adolf, mein teurer Bruder; ich will für dich beten, denn dein Tod würde mich noch unglücklicher machen,“ – und mancherlei, was sie ganz arglos an seinem Bette sprach, hatte Adolf gar wohl vernommen und verstanden, wenn es ihm auch an Kraft gebrach, zu sprechen.

In der vergangenen Nacht hatte sich Adolfs Zustand wirklich gebessert. Nach langem Kampf hatte ihm die Natur heilsamen Schlaf geschenkt, und daraus war er mit neuer Lebenskraft erwacht. Der Seufzer, der sich bei seinem Erwachen seiner Brust entrang, war kräftiger, als es ihm seine Wunde bisher gestattet hatte.

Als nun Machteld den Becher von seinem Munde nahm, faßte sie gewaltiges Staunen; denn mit schwacher, doch klarer Stimme sprach er:

„O edle Jungfrau! Mein lieber Schutzengel! Ich danke dem gütigen Gott für den Trost, den er mir durch Euch beschert hat. Bin ich der Sorge wert, edle Maid, daß Eure durchlauchtige Hand mein Haupt so freundlich stützt? Seid gesegnet für Eure Mühen um einen armen Rittersmann.“

Das Mägdelein sah ihn verwundert an; als sie aber merkte, wie sehr er an Lebenskraft gewonnen hatte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und lieh ihrer Freude jubelnden Ausdruck.

„O, Ihr werdet wieder genesen, Herr Adolf!“ rief sie. „Nun mag ich nicht mehr trauern; jetzt werde ich wenigstens einen Bruder haben, der mich tröstet.“

Als erinnerte sie sich dann aber an etwas Vergessenes, hemmte sie jäh ihre heftige Bewegung; ihr Gesicht wurde ernst, und kniend warf sie sich vor einem Kreuz am Kopfende des Bettes nieder. Sie faltete ihre Hände und richtete ein langes Dankgebet an den Herrn, der ihren Freund und Bruder Adolf hatte genesen lassen. Dann erhob sie sich, blickte noch einmal den Ritter an und sprach fröhlich:

„Haltet Euch recht still, Herr Adolf, und rühret Euch nicht, so hat es Meister Rogaert geheißen.“

„Was habt Ihr nicht alles für mich getan, durchlauchtigste Tochter meines Herrn,“ sprach Adolf. „Beständig vernahm ich Eure Gebete, so manches Mal hat Eure tröstende Stimme mein Herz gestärkt! Ja, im Schlummer schien es mir, daß ein Engel Gottes den Tod von meinem Bett abwehrte. Ein Engel, der mein Haupt stützte, meinen brennenden Durst mitleidig stillte und mir unaufhörlich versicherte, daß ich nicht sterben würde. Möge Gott mir bald meine Gesundheit wieder geben, auf daß ich mein Blut für die Euren vergießen kann.“

„Herr van Nieuwland,“ entgegnete das Mägdelein, „Ihr habt Euer Leben für meinen Vater gewagt; Ihr liebt ihn so treu wie ich; ziemte es mir da nicht, Euch meine Dankbarkeit zu beweisen und für Euch wie für meinen Bruder zu sorgen? Der Engel, den Ihr sahet, war der heilige Michael, den ich bat, daß er Euch seine Hilfe leihe. – Nun will ich geschwind Eure gute Schwester Maria rufen; sie soll sich mit mir über Eure Besserung freuen.“

Sie verließ den Ritter und kam einige Augenblicke danach mit Maria ins Gemach zurück. Ihre Freude über die Fortschritte in Adolfs Befinden sprach aus ihren Zügen und ihrer ganzen Haltung. Ihre Bewegungen wurden rascher und bestimmter; die Tränen waren versiegt, und der treue Vogel hörte wieder heitere Worte. Sobald sie mit Maria in das Gemach zurückgekehrt war, hatte sie den Falken vom Stuhl auf ihre Hand genommen und war mit ihm an Adolfs Bett getreten.

„Mein teurer Bruder,“ rief Maria und küßte ihn auf die bleiche Wange, „du wirst gesund; nun werden die trüben Träume von mir weichen. O, wie bin ich froh! Wie oft habe ich an deinem Bette in bittrem Herzeleid geweint, wie oft glaubte ich, daß du sterben würdest, doch nun schwindet aller Gram. Willst du trinken, Bruder?“

„Nein, gute Maria,“ antwortete Adolf. „Nie habe ich in meiner Krankheit Durst gelitten: hat mich doch die edelmütige Machteld gar fürsorglich gelabt! Sobald ich nur zum heiligen Kreuz[18] wandern kann, soll mein Gebet den Segen Gottes auf sie niederflehen, auf daß ihr nie ein Unglück widerfahren möge.“

Inzwischen erzählte Machteld eifrig flüsternd ihrem Falken von der erfreulichen Besserung. Als der Vogel seine Gebieterin so fröhlich sah, schüttelte er sein Gefieder, als rüstete er sich zur Jagd.

„Treuer Vogel,“ sagte das Mägdelein, indem es des Falken Kopf Adolf zuwandte, „sieh, nun wird Herr van Nieuwland gesund, den wir so lange in tiefem Schweigen daliegen sahen. Nun können wir zusammen sprechen und werden nicht mehr so im Dunkeln sitzen. Unsere Furcht entschwand, und so wird auch aller Kummer entweichen, denn nun wirst du wohl inne, daß Gott gütig und gerecht ist. Ja, mein schöner Falke, so endet wohl auch dereinst die bittere Gefangenschaft von …“

Hier merkte Machteld, daß sie fast etwas gesagt hätte, was der kranke Ritter nicht wissen sollte. Aber brach sie auch kurz ab, das Wort „Gefangenschaft“ erklang befremdend in Adolfs Ohr. Auch die Tränen, die er bei seinem Erwachen auf des Mägdeleins Wangen bemerkt hatte, erfüllten ihn nun mit banger Ahnung.

„Was sagt Ihr, Machteld?“ rief er, „von wessen Gefangenschaft sprecht Ihr? Ihr weint! Himmel, was ist Euch widerfahren?“

Machteld durfte nicht antworten; aber Maria lenkte geschickt ein und flüsterte ihm ins Ohr:

„Sie meint die Gefangenschaft ihrer Tante Philippa; sprich nicht mehr darüber; denn sie weint unaufhörlich. Da es dir nun besser geht, kann ich bald Wichtiges mit dir besprechen, wenn Meister Rogaert es erlaubt; aber sie darf uns nicht hören, auch will ich erst Meister Rogaert erwarten. Nun bleib' ruhig, lieber Bruder, ich will Machteld in ein anderes Zimmer führen.“

Der Ritter ließ sein Haupt in die Kissen sinken und stellte sich, als ob er ruhe. Alsbald wandte sich Maria zu Machteld und sprach:

„Kommt, laßt uns gehen; denn Adolf möchte ein wenig schlafen. Aus Dankbarkeit gegen Euch spricht er zu viel.“

Das Mädchen folgte willig ihrer Freundin. Bald darauf trat der Wundarzt Rogaert ein, und Maria führte ihn zu ihrem Bruder.

„Nun, Herr Adolf,“ rief Rogaert und ergriff seine Hand, „ich sehe, es geht gut. Nur keine Furcht, wir sind nun über den Berg. Ich brauche Eure Wunde jetzt nicht zu verbinden. Trinkt nur reichlich von diesem Wasser und haltet Euch so ruhig wie möglich. In weniger als einem Monat werden wir eine Wanderung zusammen machen, wenn nicht ganz unvorhergesehene Rückfälle eintreten. Da aber Euer Geist nicht so krank ist wie Euer Körper, so gestatte ich, daß Fräulein Maria Euch von dem traurigen Ereignis berichtet; aber bitte, Herr Adolf, erschreckt nur nicht und bleibt immer hübsch ruhig.“

Maria hatte schon zwei Stühle herangeschoben und setzte sich mit Meister Rogaert beim Kopfende des Bettes nieder. Der kranke Ritter betrachtete sie voll gespannter Neugierde. Man konnte in seinen Zügen lesen, wie sehr es ihm schon jetzt nahe ging.

„Laß mich erst ganz ausreden,“ begann Maria, „unterbrich mich nicht und sei vernünftig, lieber Bruder. – Am Abend deines Mißgeschicks rief unser Graf seine getreuen Lehnsleute zusammen und teilte ihnen mit, daß er nach Frankreich reisen wolle, um dem König Philipp dem Schönen zu Füßen zu fallen, und Gwijde von Flandern zog also mit den Edlen nach Compiègne; aber dort wurden sie allesamt gefangen genommen, und nun wird unser Land von den Franzosen beherrscht. Flandern untersteht Raoul von Nesle …“

Dieser knappe Bericht ergriff den Ritter nicht so heftig, als man hätte erwarten sollen. Er antwortete nicht und schien in tiefes Nachdenken versunken.

„Ist das nicht traurig?“ fragte Maria.

„O großer Gott!“ seufzte Adolf, „welche holde Seligkeit hast du Gwijde zugedacht, da er so viele Demütigungen hienieden erdulden muß! – Aber sage mir, Maria, ist auch der Löwe von Flandern gefangen?“

„Ja, lieber Bruder, Robrecht van Bethune sitzt zu Bourges in Berry gefangen und Herr Wilhelm in Rouen. Von all den Edlen, die mit ihm beim Grafen waren, ist nur einer diesem traurigen Schicksal entgangen – der listige Dietrich.“

„Nun begreife ich auch die abgebrochenen Worte und die Tränen der unglücklichen Machteld. – Ohne Vater, ohne Verwandte muß die Tochter des Grafen von Flandern bei Fremden Zuflucht suchen!“

Hell funkelten seine Augen, sein Gesicht strahlte vor Begeisterung, und er fuhr fort:

„Das teure Kind meines Fürsten und Gebieters ist mein Schutzengel gewesen! Wohl ist sie jetzt verlassen, unglücklich, allen Verfolgungen ausgesetzt; aber eingedenk der Wohltaten des Löwen werde ich über sie wachen wie über ein Heiligtum. O, welch schöne, welch erhabene Aufgabe ward mir zuteil! Wie ist mir nun das Leben wert, da ich es ganz der Dankbarkeit weihen kann.“

Nach kurzem, tiefem Nachdenken ward plötzlich sein Gesicht finster; flehend blickte er den Arzt an und sprach:

„O Gott! wie quälend wird nun meine Wunde, wie unerträglich das Krankenlager! Rogaert, werter Freund, o macht mich doch rasch gesund – Gott wird's Euch vergelten, damit ich etwas für sie tun kann, die mich so liebreich in meiner Krankheit gepflegt hat. Spart kein Geld, braucht die köstlichsten Kräuter, die edelsten Arzneien, damit ich aus dem Bett komme, denn hier werde ich fürder keine Ruhe mehr haben!“

„Aber, Herr van Nieuwland,“ antwortete Rogaert, „die Heilung Eurer Wunde läßt sich nicht beschleunigen, die Natur muß immer Zeit haben, die Wundflächen wieder zu vereinigen. Geduld und Ruhe werden Euch mehr helfen als alle Wundersteine. Aber wir wollten Euch noch mehr sagen. Wißt, daß die Franzosen überall die Herren spielen und mit jedem Tag hochmütiger werden. Bisher haben wir die junge Machteld noch ihren Augen entzogen, aber wir fürchten, sie könnte doch einmal entdeckt werden, und dann kann es geschehen, daß auch sie an Johanna von Navarra ausgeliefert wird.“

„Heiliger Himmel!“ rief Adolf aus, „Ihr habt recht, Meister Rogaert, man würde sie nicht schonen! Aber was tun? Welch Elend, so da zu liegen, während sie meine Hilfe braucht!“

„Ich weiß einen Platz,“ erwiderte Rogaert, „wo Machteld in Sicherheit sein würde.“

„O, Ihr rettet mich aus der Verzweiflung, sagt rasch, wo das ist!“

„Meint Ihr nicht, Adolf, daß sie im Jülicher Lande bei ihrem Ohm Wilhelm in aller Ruhe bleiben könnte?“

Bei dieser Frage erschrak der Ritter sichtlich. Sollte er Machteld in fremde Lande ziehen lassen? Sollte er sich selbst in die Unmöglichkeit setzen, ihr zu helfen, sie zu verteidigen? Dazu konnte er sich nicht entschließen, da er sich doch schon innerlich vorgenommen hatte, Machteld persönlich ihrem Vater zurückzugeben und sie vor jeder Kränkung zu bewahren.

Er bot all seine Seelenkräfte auf, um einen anderen Weg zu finden, ohne daß sie so weit von ihm fort mußte. Als er ihn gefunden glaubte, verklärte die Freude sein Gesicht, und er entgegnete:

„Wahrlich, Meister Rogaert, dieser Ort scheint mir recht günstig; aber Ihr sagt selbst, daß die französischen Banden über ganz Flandern verstreut sind; deshalb wäre solche Reise für ein Edelfräulein wohl zu gefährlich. Mit einem Geleit stände es noch ärger. Und sollte ich Jungfrau Machteld allein mit einigen Dienern ziehen lassen? Nein! ich muß über sie wie über mein Seelenheil wachen, denn Robrecht van Bethune wird von mir einst seine Tochter zurückfordern.“

„Aber, Herr Adolf, erlaubt mir zu erwidern, daß Ihr die Jungfrau noch mehr bloßstellt, wenn Ihr sie in Flandern haltet; denn wer soll sie beschirmen? Ihr nicht, – dazu seid Ihr nicht imstande. – Die Herren der Stadt werden es auch nicht tun, sie sind ja Frankreich ergeben. Was würde aus dem armen Edelfräulein werden, wenn die Franzosen es entdeckten?“

„Ich habe ihren Beschirmer bereits gefunden,“ antwortete Adolf, – „Maria, schick' bitte einen Knecht zu dem Zunftmeister der Wollenweber, er möchte mich besuchen. Meister Rogaert, ich beabsichtige, unsere junge Edeldame unter den Schutz der Gemeinde zu stellen. – Findet Ihr den Einfall nicht gut?“

„O ja, er ist nicht übel, aber es wird Euch nicht glücken; denn das Volk ist aufgebracht gegen alles, was sich adlig nennt; man darf ihm damit nicht kommen. – Und eigentlich haben sie nicht so unrecht, Herr Adolf, denn die meisten der Edelleute halten zu den Feinden und wollen die Rechte der Gemeinden vernichten.“

„Das kann mich von meinem Vorhaben nicht abbringen, Meister Rogaert. Mein Vater hat der Stadt Brügge viele Vorrechte verschafft, und der Zunftmeister der Weber und seine Kameraden haben das nicht vergessen. Sollte es mir aber dennoch mißglücken, so werden wir überlegen, wie wir die Jungfrau nach Jülich bringen.“

Etwa eine halbe Stunde nach dieser Unterredung trat Meister De Coninck, Obmann der Wollweber, in Adolfs Zimmer.

Ein langes Koller von braunwollenem Tuche, ohne Zierat oder Borten, also gänzlich verschieden von der stolzen Kleidung der Edlen, wallte bis auf seine Füße herab. Man sah, daß der Vorsteher der Weber absichtlich allen Putz mied, um seinen niedrigen Stand anzuzeigen und so Hochmut mit Hochmut zu beantworten; denn dieses wollene Wams umhüllte den mächtigsten Mann von Flandern. Auf dem Haupte trug er eine flache Mütze, unter der seine Haare einen halben Fuß lang über die Ohren fielen. Ein Gürtel hielt die weiten Falten seines Kollers über den Hüften zusammen, und der Griff eines Kreuzmessers blinkte an seiner Seite. Da er ein Auge verloren hatte, war sein Antlitz nicht sehr einnehmend. Ungewöhnliche Blässe, vorstehende Backenknochen und die gefurchte Stirn verliehen seinem Gesicht einen sinnenden Ausdruck. Gewöhnlich fiel nichts Besonderes an ihm auf; wenn aber etwas seine Aufmerksamkeit erregte, ward sein Blick durchdringend und lebhaft; dann leuchtete sein kluger, männlicher Geist aus dem einzigen Auge, das ihm noch geblieben war, und seine Haltung wurde trotzig und stolz. Beim Eintreten betrachtete er wie ein mißtrauischer Fuchs die Menschen im Zimmer und zumal Meister Rogaert; denn er merkte gleich, daß dieser listiger war als die anderen.

„Meister De Coninck,“ sprach Adolf, „wollet bitte näher treten. Ich habe eine Bitte, die Ihr mir nicht abschlagen werdet; denn meine ganze Hoffnung ruht auf Euch. Aber erst müßt Ihr mir geloben, das Geheimnis, welches ich Euch anvertrauen will, niemandem zu entdecken.“

„Die Rechtfertigkeit und die Freundlichkeit des Herrn van Nieuwland sind den Wollwebern noch unvergessen,“ antwortete De Coninck, „deshalb mögen Euer Edeln auf mich als einen dankbaren Diener rechnen. Sollte allerdings Eure Bitte den Rechten des Volkes und der Gemeinde widersprechen, so würde ich Euch raten, das Geheimnis für Euch zu behalten und nichts von mir zu verlangen.“

„Seit wann,“ rief Adolf etwas unwillig, „seit wann, Meister, haben die Herren van Nieuwland Eure Rechte verkürzt? Ihr beleidigt mich.“

„Vergebt mir, Herr, wenn Euch meine Worte verletzt haben,“ entgegnete De Coninck; „es ist so schwer, die Guten von den Bösen zu unterscheiden, daß man klüglich allen mißtraut. Gestattet mir eine Frage, um allen Zweifel in mir zu zerstreuen: Ist Euer Edeln ein Leliaert?“

„Ein Leliaert?“ fuhr Adolf entrüstet auf, „nein, Meister De Coninck, in mir pocht ein Herz, das allen Franzosen feind ist; meine Bitte an Euch sollte gerade gegen sie gerichtet sein.“

„O Herr, dann sprecht frei heraus, ich stehe zu Euren Diensten.“

„Schön. Also Ihr wißt, daß unser Graf Gwijde mit all' seinen Edlen gefangen ist; noch aber ist jemand in Flandern verblieben, die, aller Hilfe, alles Beistands bar, des Mitleids der Vlaemen um ihres Unglücks und ihrer edlen Abkunft willen wert ist.“

„Ihr sprecht von Jungfrau Machteld, der Tochter des Herrn van Bethune,“ fiel De Coninck ein.

„Woher wißt Ihr das?“ fragte Adolf erstaunt.

„O, ich weiß noch mehr. So heimlich habt Ihr Machteld nicht in Eure Wohnung bringen können, daß De Coninck es nicht gewußt hätte, und sie würde sie auch nicht ohne mein Wissen verlassen haben. Aber seid nur ruhig; ich kann Euer Edeln versichern, daß nur wenige Personen in Brügge außer mir um dieses Geheimnis wissen.“

„Meister, Ihr seid ein wunderlicher Mann; doch Euer Edelmut bürgt mir dafür, daß Ihr die junge Tochter des Löwen von Flandern gegen die Gewalt der Franzosen beschützen werdet, falls es nötig wäre.“

De Coninck entstammte wohl dem Volke, aber er war einer jener seltenen Geister, die durch Verstand und Einsicht die geborenen Beherrscher ihrer Mitmenschen sind. Kaum hatten die Jahre seine Gabe zur Reife gebracht, da rüttelte er seine Brüder aus ihrem trägen Schlummer, überzeugte sie von der Macht der Einigkeit und erhob sich mit ihnen wider die Zwingherren. Die wollten freilich das Erwachen ihrer einstigen Sklaven gewaltsam hindern, doch vergeblich: De Conincks Beredsamkeit hatte den Geist seiner Brüder so hoch gestimmt, daß sie kein Joch mehr tragen mochten. Wurden sie dennoch bisweilen mit bewaffneter Hand unterdrückt, so beugten alle demütig den Nacken, und De Coninck tat, als ob ihm Sprache und Verstand fehle; aber sein rastloser Geist ruhte nicht: Kaum hatte er den Mut seiner Brüder in der Stille wieder gestählt, so standen sie vereint gegen die Bedrücker auf, und die Gemeinde erlangte wieder ihre Freiheit. Alle politischen Pläne der Edelleute zerstoben vor De Conincks Geist, und durch ihn sahen sie all ihre Rechte auf das Volk schwinden, ohne es hindern zu können. Entschieden hat De Coninck mit am meisten das Verhältnis der Edlen zum Volke umgestaltet; all sein Planen galt lediglich der Erhebung eines Volkes, das so lange in der niederen Knechtschaft der Lehensherren geschmachtet hatte.

Als Adolf van Nieuwland die junge Machteld seinem Schutz anvertraute, da lächelte er befriedigt, denn das war ja ein Triumph des Volkes, welches er vertrat. Er berechnete die Vorteile, die ihm bei der Ausführung des großen Befreiungsplanes aus der Gegenwart des durchlauchtigsten Edelfräuleins erwachsen konnten.

„Herr van Nieuwland,“ antwortete er, „Eure Bitte ehrt mich sehr. Alles soll zum Schutz eines so edlen Sprosses geschehen.“ Und um die Bedeutung des Volkes noch mehr zu unterstreichen, fügte er hinzu:

„Aber sie könnte von hier entführt werden, noch ehe ich ihr zu Hilfe kommen kann.“

Das erzürnte Adolf sehr, denn er schloß daraus, daß der Obmann nicht so recht bei der Sache war. Deshalb erwiderte er:

„Wenn Ihr uns nicht tatkräftig helfen könnt, Meister, so ratet mir bitte, was man am besten zum Schutze der Tochter unseres Landesherrn tun könnte.“

„Die Weberzunft ist stark genug, um das Edelfräulein vor allem Unheil zu bewahren,“ antwortete De Coninck listig; „ich kann Euch versichern, sie würde hier in Brügge ebenso sicher wie in Deutschland wohnen können, wenn ich sie beraten dürfte.“

„Aber wer hindert Euch daran?“ fragte Adolf.

„O Herr, ein geringer Bürger kann nicht so ohne weiteres über seine Landesherrin verfügen; sollte es ihr aber belieben, künftig meinem Rate zu folgen, so könnte ich für sie einstehen.“

„Ich verstehe Euch nicht recht, Meister. Was verlangt Ihr denn von der Jungfrau? Ihr wollt sie doch nicht anderswohin bringen?“

„O nein; – aber sie dürfte sich nicht ohne mein Wissen auf die Straße begeben, sich auch nicht weigern, auszugehen, wenn ich es für nötig halte. Übrigens soll es Euch freistehen, mir diese Vollmacht zu entziehen, sobald Ihr an meiner Aufrichtigkeit zweifelt.“

Da De Coninck in Flandern für einen der verständigsten Männer galt, so nahm Adolf an, daß sein Verlangen von Vorsicht diktiert war, und gestand ihm deshalb alles zu, unter der Bedingung, daß er persönlich für die Jungfrau einstehe. Der Obmann machte alsdann darauf aufmerksam, daß er die edle Machteld nicht kannte, und deshalb wurde sie von Maria herbeigeholt.

De Coninck verbeugte sich tief und demütig vor ihr; das Mägdelein aber betrachtete ihn erstaunt, denn es wußte nicht, wer er war. Da hörte man plötzlich Lärm auf dem Gang, als ob zwei Menschen sich stritten.

„So wartet doch!“ rief einer von ihnen, „ich will gehen und fragen, ob Ihr eintreten dürft.“

„Was?“ rief eine andere noch gewaltigere Stimme, „Ihr wollt die Fleischer fernhalten, während die Weber zugelassen werden? Rasch, macht Platz, oder Ihr werdet es bereuen!“

Die Tür ging auf, und ein junger kräftig gebauter Mann mit stolzen Zügen trat ins Zimmer. Er trug ein Koller wie De Coninck, nur war es geschmackvoller verziert. Ein großes Kreuzmesser steckte in seinem Gürtel. Als er in das Zimmer trat, warf er sein langes blondes Haar zurück und blieb verblüfft an der Tür stehen. Er hatte geglaubt, den Obmann der Weber mit einigen seiner Genossen zu finden. Als er jetzt aber diese herrliche Jungfrau und vor ihr De Coninck in demütiger Haltung erblickte, wußte er nicht, was er denken sollte. Doch ließ er sich weder hierdurch, noch durch Meister Rogaerts forschende Blicke außer Fassung bringen. Er entblößte sein Haupt, verbeugte sich hastig vor allen anwesenden Personen und ging stracks auf De Coninck zu. Dem klopfte er freundschaftlich auf die Schulter und meinte:

„Meister Peter, ich suche Euch schon seit zwei Stunden in der ganzen Stadt, aber ich konnte Euch nirgends finden. Ihr wißt ja noch nicht, was vorgeht, was ich Euch für Nachrichten bringe.“

„Nun, was gibt es denn, Meister Breydel?“ fragte De Coninck ungeduldig.

„Starrt mich doch nicht so mit Eurem grauen Auge an,“ rief Jan Breydel, „denn Ihr wißt wohl, daß ich mich vor Eurem Katzenblick nicht fürchte. Doch einerlei – wisset denn, König Philipp der Schöne und die verfluchte Johanna von Navarra kommen morgen nach Brügge. – Und die sauberen Herren vom Magistrat haben hundert Weber, vierzig Fleischer, und ich weiß nicht wie viele noch zum Herrichten von Triumphbogen, Wagen und Schafotten verlangt.“

„Und was besagt denn das so Außerordentliches, daß Ihr so lauft?“

„Wie, Meister! – was das besagt? Mehr, als Ihr denkt; denn nicht ein einziger Fleischer mag helfen, und dreihundert Weber warten auf Euch vor dem Pand[19]. Was mich betrifft, so sollen sie nur warten, bis ich mich für die rühre. Die Goedendags[20] stehen bereit, die Messer sind geschliffen. Ihr wißt wohl, was das bei meiner Zunft besagen will.“

Die Anwesenden lauschten neugierig den ungezwungenen Worten des Fleischers. Seine Stimme war angenehm und wohlklingend, ohne die Weichheit einer Frauenstimme. De Coninck bedachte, daß Breydels Vorhaben heikel war und antwortete daher:

„Meister Jan, ich komme mit; wir werden unter uns die nötigen Maßnahmen treffen. Erst aber erkennet in dieser edlen Jungfrau die Tochter von unserem Herrn Robrecht van Bethune!“

Breydel warf sich bestürzt vor Machteld auf die Knie, blickte zu ihr auf und rief:

„O meine durchlauchtigste Gebieterin! vergebt mir die unbesonnenen Worte, die ich ahnungslos vor Euch sprach. Die edle Tochter des Löwen von Flandern, unseres Herrn, möge es einem geringen Bürger nachsehen.“

„Steht auf, Meister,“ antwortete Machteld freundlich. „Eure Worte haben mich nicht verletzt; denn Liebe zum Vaterland und Haß gegen unsere Feinde gaben sie Euch ein. Ich danke Euch für Eure Treue.“

„Gnädige Gräfin,“ sprach Breydel, und stand auf, „Euer Edeln können nicht glauben, wie sehr ich die Snakkers[21] und Leliaerts hasse! O, könnte ich das Leid rächen, das dem Hause von Flandern angetan wurde, – o, könnt' ich's doch! Aber der Obmann der Wollenweber kommt mir immer dazwischen. Vielleicht hat er recht, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben; aber ich kann kaum an mich halten. Morgen kommt die falsche Königin von Navarra nach Brügge: Gott wende meinen Sinn, sonst sieht sie ihr verhaßtes Frankreich nicht wieder.“

„Meister,“ sprach Machteld, „wollt Ihr mir etwas versprechen?“

„Ich Euch etwas versprechen, edle Dame? Wie gütig sprecht Ihr doch zu Eurem unwürdigen Diener! Ein Gedanke von Euch soll mir ein heiliges Gebot sein, durchlauchtige Jungfrau!“

„Gut; ich wünsche, daß Ihr während der Anwesenheit Eurer neuen Fürsten die Ruhe nicht stört.“

„Es soll geschehen,“ sagte Breydel betrübt, „ich hätte lieber gehört, daß Ihr meinen Arm und mein Messer braucht. Aber was nicht ist, kann noch werden!“

Dann beugte er nochmals ein Knie vor der jungen Machteld und fuhr fort:

„Ich bitte, ich beschwöre Euch, edle Tochter des Löwen, vergeßt Euren Diener Breydel nicht, falls Ihr jemals mutiger Männer bedürfet. Die Fleischerzunft wird ihre Goedendags und ihre Messer Euch zu Diensten geschliffen halten.“

Das Mädchen erschrak nicht wenig über dies blutige Anerbieten; aber der junge Mann gefiel ihr sehr.

„Meister,“ entgegnete sie, „ich werde meinen Herrn und Vater, wenn ihn mir Gott zurückgibt, von Eurer Treue in Kenntnis setzen; ich kann Euch nur meiner Dankbarkeit versichern.“

Bei diesen Worten stand der Obmann der Fleischer auf und zog De Coninck am Arm mit sich fort. Nachdem beide das Zimmer und das Nieuwlandsche Haus verlassen hatten, plauderten die Zurückbleibenden noch lange über den unerwarteten Besuch.

Als die beiden auf der Straße waren, begann De Coninck:

„Meister Jan, Ihr wißt, der Löwe von Flandern war immer ein Freund des Volkes; deshalb ist es unsre Pflicht, seine Tochter wie ein Heiligtum zu hüten.“

„Still,“ sprach Breydel, „der erste Franzose, der sie unfreundlich ansieht, soll mit meinem Kreuzmesser Bekanntschaft machen. Aber, Meister Peter, wäre es nicht besser, wenn wir die Tore schlössen und Johanna nicht in die Stadt ließen? Alle Fleischer stehen bereit; die Goedendags stehen hinter der Tür, und auf den ersten Ruf sind die Leliaerts …“

„Hütet Euch wohl, Gewalttätigkeiten zu begehen,“ unterbrach De Coninck. „Es ist überall Sitte, seinen Landesherrn prunkvoll zu empfangen – das kann also die Gemeinde nicht entehren. Es ist besser, die Kräfte für wichtige Unternehmungen aufzusparen. Das Vaterland wimmelt von französischen Kriegsknechten, und wahrscheinlich würden wir gegen sie den kürzeren ziehen.“

„Aber, Meister, das dauert schon zu lange. Wir wollen lieber den Knoten mit einem guten Messer durchschneiden, statt ihn so langsam zu lösen. Ihr versteht –!“

„O ja, aber der Plan ist schlecht. Das beste Messer ist die Vorsicht, Breydel. Es schneidet zwar langsam, aber es wird nie stumpf und bricht auch nicht. – Wozu wollt Ihr denn die Tore schließen? Nichts ist damit gewonnen. Ich will Euch einmal etwas sagen: Laßt das Unwetter sich ruhig verziehen, laßt die Kriegsknechte mählich nach Frankreich zurückkehren, gebt den Französlingen und Leliaerts ein wenig nach, damit ihre Wachsamkeit nachläßt.“

„Nein,“ warf Breydel ein, „unmöglich. – Schon werden sie herrisch, beginnen zu drohen; sie berauben die Bauern ihrer Freiheit und behandeln uns Bürger wie Sklaven.“

„Desto besser, Meister Jan, desto besser!“

„Desto besser! was soll das heißen? Geht, Meister! Habt Ihr den Mantel gedreht, wollt Ihr uns mit Eurer Fuchsesschläue verraten? – Fast scheint es mir, als wenn Ihr mit der Zeit etwas nach Lilien röchet!“

„Nein, nein, mein Freund Jan! Bedenkt nur wie ich, daß die Befreiung um so schneller naht, je mehr die Erbitterung steigt. Würden sie ihr Tun beschönigen, mit scheinbarer Gerechtigkeit herrschen, dann würde das Volk im Joch entschlummern und das Gebäu unserer Freiheit sänke für immer dahin. Seht, die Tyrannei der Herrscher brütet die Freiheit des Volkes wie eine Henne aus. Sollten sie aber wagen, die Vorrechte unserer Stadt anzutasten, so wäre ich der erste, der Euch zum Widerstand ermunterte – aber auch dann noch nicht zur offenen Gewalt. Es gibt andere Waffen, die sicherer arbeiten.“

„Meister,“ gestand Jan Breydel zu, „ich verstehe jetzt, Ihr habt immer recht, als ständen Eure Worte auf Pergament. Aber es fällt mir sehr schwer, die kecken Franzosen so lange zu ertragen; lieber noch wäre ich sarazenisch als welsch[22]. Doch Ihr sagt ganz richtig: je mehr ein Frosch sich aufbläst, desto eher platzt er. Ich muß zugeben: im Verstand sind uns die Weber über.“

„Gut, Meister Breydel, und in Mut und Kühnheit die Fleischer. Gehen beide Tugenden, Vorsicht und Mut, bei uns stets Hand in Hand, dann wird es den Franzosen an Zeit fehlen, uns in Ketten zu schlagen.“

Der Obmann der Fleischer lachte laut und zufrieden über die Schmeichelei. „Ja,“ meinte er, „in meiner Zunft gibt's tapfere Leute, Meister Peter. Und die Welschen sollen das merken, wenn der bittere Apfel reif ist. Aber da fällt mir ein: wie wollt Ihr die Tochter des Löwen, unseres Herrn, den Augen der Königin entziehen?“

„Ich werde sie ihr im Sonnenlicht zeigen.“

„Wie, Meister? Jungfrau Machteld Johanna von Navarra zeigen? Mir scheint, Ihr redet irre! Seid Ihr auf den Kopf gefallen?“

„Keineswegs! Morgen, beim Einzug der fremden Herrschaften, sollen alle Weber unter Waffen sein; Ihr werdet an der Spitze der Fleischer stehen. Was können die Welschen dann ausrichten? Nichts natürlich. Schön. Dann stelle ich Jungfrau Machteld in die vorderste Reihe, damit Johanna von Navarra sie bestimmt bemerkt. So erfahre ich auch zugleich, was die Königin im Sinne hat, und was wir für Machteld zu befürchten haben.“

„Recht so, Meister Peter! Ihr habt zu viel Verstand für einen sterblichen Menschen! Ich werde die Tochter des Löwen bewachen und habe nur den einen Wunsch, daß ein Franzose sie beleidigt, denn es juckt mir gewaltig in den Fäusten. Aber heute muß ich noch nach Lijseele gehen und Hornvieh kaufen, so lange werdet Ihr über die junge Gräfin wachen.“

„Nun seid nur ruhig, Freund Jan, und laßt Euer Blut nicht zu arg kochen. So, da sind wir ja am Weber-Pand.“

Wie Breydel gesagt hatte, standen dort unzählige Weber vor der Tür. Alle hatten sie Wämser und Mützen genau wie ihr Obmann. Hie und da hatte wohl ein junger Gesell längeres Haar und mehr Verzierungen am Rocke, aber schlimm war das nicht, denn allzu viel Eitelkeit war bei der Zunft nicht gestattet.

Jan Breydel sprach noch leise ein paar Worte mit De Coninck und verließ ihn dann ganz befriedigt.

Beim Nähern ihres Obmannes löste sich die Schar der Weber; sie entblößten ehrerbietig das Haupt und folgten ihm in die Herberge.

VII.

Die Leliaerts hatten ungewöhnliche Anstalten zum Schmucke der Stadt getroffen; sie hofften sich dadurch die Gunst des neuen Fürsten zu erringen. Alle Zunftgesellen hatten an der Errichtung der Triumphbögen mitgearbeitet; mit Geld war nicht gespart worden; die reichsten Stoffe waren aus den Läden hervorgesucht und an den Giebeln der Häuser aufgehängt worden; auch viele junge Bäume hatte man abgehauen und in den Straßen aufgestellt. Am andern Morgen um zehn Uhr war alles fertig.

In der Mitte des großen Marktes hatte die Zunft der Zimmerleute ein prachtvolles, mit blauem Sammet überzogenes Schaugerüst errichtet. Darauf standen Sessel mit goldenen Borden und gestickten Kissen und daneben zwei Standbilder, der Friede und die Macht, die Kronen aus Lorbeer- und Ölzweigen über die Häupter Philipps des Schönen und Johannas von Navarra halten sollten. Leichte Behänge schmückten den Thron, und der Markt war rings mit reichen Teppichen belegt. Am Eingang der Steinstraße ragten vier marmorne Fußsäulen; auf jeder stand ein Posaunenbläser in Engelskleidung, mit langen Flügeln und purpurnem Gewand. Gegenüber der großen Fleischhalle in der Frauenstraße war ein prächtiger Triumphbogen mit gotischen Pfeilern errichtet worden. Ob der Wölbung hing das Wappen von Frankreich auf purpurnem Grunde, weiter unten an Pfeilern die Schilde von Flandern und Brügge. Überall an den Leisten waren Sinnbilder angebracht, um dem fremden Gebieter zu schmeicheln. Hier kroch Flanderns schwarzer Löwe vor einer Lilie, dort waren die Sterne des Himmels mit Lilien vermengt, kurz lauter plattes Zeug, das die Bastardvlaemen erdacht hatten.

Wäre Jan Breydel nicht durch den Obmann der Weber zurückgehalten worden, so hätten die unwürdigen Darstellungen das Volk nicht lange erbittert; so aber verhehlte er seinen Ärger und beschaute alles mit finsterer Ruhe. De Coninck hatte ihm begreiflich gemacht, daß der rechte Augenblick noch nicht gekommen war.

Die Kathelinenstraße war ihrer ganzen Länge nach mit schneeweißer Leinwand und langen Laubkränzen behangen. Willkommensprüche schmückten die Häuser der Leliaerts. Auf kleinen viereckigen Ständern brannte allerlei Rauchwerk in prächtig getriebenen Vasen und junge Mägdelein streuten Blumen auf die Straßen. – Das Kathelinentor, durch das die Fürsten in die Stadt einziehen mußten, war von außen mit kostbarem Scharlach behangen. Sinnbilder schmeichelten den Fremden und entehrten den Löwen, das siegreiche Zeichen früherer Geschlechter. Acht Trompeter standen neben dem Tor auf dem Wall, um den Willkomm zu blasen und die Fürsten anzukündigen. Auf dem großen Markte standen die Zünfte mit ihren Goedendags in Reihe und Glied längs der Häuser. De Coninck lehnte sich mit dem rechten Flügel der Weber an den Eiermarkt; Breydel mit der Fleischerzunft stand zur Steinstraße hin; die anderen Zünfte verteilten sich in kleineren Gruppen auf der anderen Seite. Die Leliaerts und vornehmsten Edlen der Stadt hatten sich unter der Halle auf einem prächtigen Gerüst versammelt.

Gegen elf Uhr kündeten die Trompeter auf den Wällen die Ankunft der Herrschaften an, und endlich betrat der königliche Zug durch das Kathelinentor die Stadt. Voraus ritten vier Herolde auf schönen weißen Pferden; an ihren Trompeten hingen die Banner Philipps des Schönen, ihres Gebieters, mit goldenen Lilien auf blauem Felde. Sie bliesen einen schönen Marsch und entzückten die Zuhörer durch den Zusammenklang der Töne.

Zwanzig Schritt dahinter ritt König Philipp der Schöne hoch zu Roß einher. Keiner von allen Rittern, die ihn begleiteten, konnte ihn an Schönheit übertreffen; schönes schwarzes Haar fiel in leichten Locken auf seine Schultern nieder und spielte schmeichelnd um seine zarten Wangen, auf die ein Weib hätte stolz sein können. Die gebräunte Farbe seines weichen Gesichts verlieh ihm einen männlichen Ausdruck; sein Lächeln war sanft und seine ganze Erscheinung sehr einnehmend. Die hohe, schöne Gestalt und die edle Haltung machten ihn zum vollkommensten Ritter seiner Zeit. Deshalb wurde er denn auch in ganz Europa le Bel ‚der Schöne‘ genannt. – Seine Kleidung war reich mit Gold und Silber gestickt und doch nicht überladen. Überhaupt empfand man, daß feinster Geschmack, nicht Eitelkeit den Ausschlag gab. Der versilberte Helm auf seinem Haupte war mit einem großen Federbusch geschmückt, der bis auf den Rücken seines Pferdes herabhing.

Neben ihm ritt seine Gemahlin, die stolze Johanna von Navarra. Sie saß auf einem falben Zelter und war ganz mit Gold und Edelsteinen beladen. Ein langes Reitkleid von Goldstoff, das eine silberne Schnur auf der Brust zusammenfaßte, fiel in schweren Falten bis auf die Erde und schillerte lebhaft in tausendfältigem Glanz. Perlen, Knöpfe und Eicheln aus den kostbarsten Stoffen hingen im Übermaß an ihr und ihrem Zelter. Man konnte in den Zügen der hochmütigen, eitlen Fürstin lesen, daß dieser siegreiche Einzug ihrem stolzen Herzen schmeichelte. Sie blickte mit hochfahrender Aufgeblasenheit auf das überwundene Volk, das in den Fenstern, auf den Brunnen, ja sogar auf den Dächern stand, um den Zug sehen zu können.

An der andern Seite des Königs ritt sein Sohn Ludwig Hutin. Der junge Fürst war trotz seiner hohen Stellung demütig und gutartig; Wohlwollen für seine neuen Untertanen strahlte von seinem Gesicht, und die Bürger sahen ihn stets freundlich lächeln. Er besaß die guten Eigenschaften seines Vaters, nichts von den häßlichen Wesenszügen seiner Mutter.

Dicht hinter dem König kamen einige Schildknappen, Pagen und Hofdamen, dann folgte ein langer Zug prächtig gekleideter Ritter, darunter die Herren Enguerrand von Marigny, Châtillon, Saint-Pol, de Nesle, de Nogaret und andere. Die königliche Standarte und eine Menge kleiner Fahnen flatterten lustig über den edlen Rittern.

Schließlich kam noch ein Trupp Leibwachen, wohl dreihundert Mann, alle zu Pferde, von Kopf bis zu Füßen in Eisen. Lange Speere ragten wohl zwanzig Fuß über die Schar empor; sie hatten Helme, Harnische, Waffenröcke, Schilde und eiserne Handschuhe, auch die schweren Pferde waren mit Eisenplatten bedeckt.

Die vielen Bürger, deren Scharen überall standen, betrachteten den Zug in feierlichem Schweigen. Kein einziger Willkommengruß ertönte aus ihren Reihen, keinerlei Freude tat sich kund. Durch diesen kalten Empfang fühlte sich Johanna von Navarra schwer gekränkt, und ihre Erbitterung stieg, als sie bemerkte, daß viele Augen ohne jede Ehrerbietung auf ihr ruhten, und daß manch verächtliches Lächeln ihr den Haß der Vlaemen gegen sie bezeigte.

Sobald der Zug zum Markt kam, setzten die beiden Engel auf den Marmorsäulen ihre Posaunen an und bliesen ihren Willkomm, daß es über den ganzen Platz schallte. Dann stimmten die Herren vom Magistrat mit einigen anderen Leliaerts den Ruf an: „Hoch Frankreich! Es lebe der König! Es lebe die Königin!“

Die stolze Johanna kochte innerlich vor Wut, als sie auch nicht einen Einzigen aus dem Volk oder den Zünften rufen hörte. Alle Bürger standen regungslos da, nicht das kleinste Zeichen von Ehrerbietung oder Freude ward laut[23]. Die zornige Königin verbiß vorerst ihren Grimm, und nur ihr Gesicht verriet ihre Mißstimmung.

Etwas abseits vom Throne befand sich eine Schar Edeldamen auf auserlesenen Zeltern. Um die Königin Johanna mit geziemender Pracht zu empfangen, hatten sie sich so reich mit Juwelen und kostbarem Schmuck behangen, daß das Auge den Glanz kaum ertragen konnte. Machteld, die schöne junge Tochter des Löwen von Flandern, war ganz vorn und fiel der Königin zuerst in die Augen.

Ein langer spitzer Hut von gelber Seide und rotsammeten Bändern saß leicht auf ihrem Kopf; darunter fiel ein Tuch von feinstem Linnen über Wangen, Hals und Schultern bis zur Mitte des Rückens hernieder. An einem goldenen Knopf, oben auf dem Hut, hing ein durchsichtiger, mit tausend goldenen und silbernen Punkten durchwirkter Schleier; ihr Obergewand war vorn offen und ließ einen Latz von blauem Sammet mit silbernen Schnüren hervorschauen; es reichte nur bis an die Knie und war von dem kostbarsten Goldstoff. Darunter kam ein grünes Atlasgewand hervor, das lang, in reichen Falten bis zur Erde niederhing. Lieblich schimmerte dies reiche Gewand, denn bei jeder Bewegung änderte es die Farbe: bald schien es im Sonnenlichte wie feinstes Gold in gelbem Glanze zu erstrahlen, bald wieder ward es grün, bald blau. Auf der Brust der jungen Edeldame an einer kostbaren Perlenschnur, blinkte eine Platte von geschlagenem Gold, die den schwarzen Löwen von Flandern, kunstvoll in Achat geschnitten, umfaßte. Ein goldener Schuppengürtel mit seidenen und silbernen Fransen zeigte einen Verschluß aus zwei Rubinen. Das Geschirr des Zelters, der die liebliche Jungfrau trug, war auch über und über mit goldenen und silbernen Plättchen und beweglichen Eicheln verziert. Ebenso kostbar und prächtig waren auch die anderen Frauen gekleidet.

Die Königin von Navarra kam mit dem ganzen Zuge langsam angeritten und richtete den Blick mit unwilliger Neugierde auf diese Frauen, die so im Sonnenlicht glänzten. Als sie sich ihnen auf eine bestimmte Entfernung genähert hatte, ritten ihr die Edeldamen mit vielem Anstand entgegen und bewillkommneten ihre neue Fürstin mit manch höflichem Gruße. Nur Machteld schwieg und betrachtete Johanna ernst; es war ihr nicht möglich, die Frau zu ehren, die ihren Vater hatte in den Kerker werfen lassen. Ihr Grimm war deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen; Johanna bemerkte es. Hochmütig blickte sie auf Machteld, um sie einzuschüchtern; aber sie täuschte sich, denn die Jungfrau senkte ihre Augenlider nicht und sah die grimmige Königin stolz an. Diese war schon durch die ungewohnte Pracht der Edeldamen erregt, nun konnte sie nicht länger an sich halten, wandte mit sichtlichem Ärger ihren Zelter um und rief, mit dem Kopf auf die Damen weisend:

„Seht, meine Herren, ich glaubte allein Königin in Frankreich zu sein; aber fast dünkt mich, die Vlaemen, die in unseren Gefängnissen liegen, sind allesamt Prinzen, da ich ihre Frauen hier gekleidet sehe wie Königinnen und Prinzessinnen.“

Sie hatte das so laut gerufen, daß alle umstehenden Ritter, ja, selbst einige Bürger es verstanden. Mit schlecht verhehltem Mißvergnügen fragte sie den Ritter, der ihr folgte:

„Herr von Châtillon, was ist das nur für eine trotzige Jungfrau hier vor mir mit dem Löwen von Flandern auf der Brust? Was bedeutet das?“

Châtillon ritt heran und antwortete:

„Es ist die Tochter des Herrn van Bethune, sie heißt Machteld.“

Dabei legte er seinen Finger auf den Mund, um der Königin Verstellung und Schweigen anzuraten. Sie verstand und gab ihre Zustimmung durch ein Lächeln zu erkennen, ein Lächeln voll grausamer Falschheit und häßlicher Rachsucht.

Wer in diesem Augenblick den Vorsteher der Weber beobachtete, der konnte sehen, wie starr sein einziges Auge auf die Königin gerichtet war; kein Fältchen war auf ihrer Stirn erschienen und verschwunden, das De Coninck nicht bemerkt hätte. In ihren wechselnden Zügen hatte er ihren Zorn, ihre Absichten und Pläne gelesen. Schon wußte er, daß Châtillon der Vollstrecker ihrer Befehle sein sollte, und sann sofort auf Mittel, der List und Gewalt dieser Feindin zu begegnen.

Bald darauf stieg das Fürstenpaar ab und nahm auf dem Schaugerüst Platz. Die Edelknaben und Hofdamen stellten sich in zwei Reihen auf die Stufen, die edlen Ritter scharten sich hoch zu Roß um das Gerüst. Als alle die bestimmten Plätze eingenommen hatten, traten die Herren vom Magistrat mit den Jungfrauen als den Vertreterinnen der Stadt Brügge vor und überreichten auf einem kostbaren Sammetkissen die Schlüssel der Stadt. Gleichzeitig stießen die Engel wieder in ihre Posaunen, und die Leliaerts riefen abermals: „Es lebe der König! Es lebe die Königin!“

Totenstille herrschte unter den Bürgern; sie schienen sich absichtlich so ruhig zu verhalten, um ihre Unzufriedenheit um so deutlicher zu zeigen, und erreichten auch vollkommen ihren Zweck; denn Johanna bedachte schon in ihrem beleidigten Herzen, wie sie am besten diese unehrerbietigen Untertanen bestrafen und ducken könnte.

König Philipp der Schöne empfing in seiner Sanftmut den Magistrat mit größtem Wohlwollen und gelobte, für die Wohlfahrt Flanderns nach Möglichkeit zu sorgen. Dieses Versprechen war aufrichtig gemeint. Er war ja ein edelmütiger Fürst und ehrenhafter Ritter und hätte vielleicht in Frankreich wie in Flandern seine Untertanen glücklich gemacht, wenn nicht zwei Ursachen die Ausführung seiner guten Vorsätze verhindert haben würden. Die erste und schlimmste war die Herrschaft seiner stolzen Frau Johanna. Hatte Philipp der Schöne etwas Gutes im Sinn, so lenkte sie ihn wie ein böser Geist zum Schlechten und zwang ihn, all ihre verderblichen Pläne gutzuheißen. Dazu kam die Verschwendung, die ihn zu allen Mitteln, guten wie schlechten, greifen ließ, um das vergeudete Geld zu ersetzen. Wohl meinte er es jetzt aufrichtig gut mit Flandern, aber was nützte das, da doch Johanna darüber schon anders beschlossen hatte?

Nachdem die Schlüssel überreicht waren, lieh der König noch einige Zeit der Ansprache des Magistrats ein gnädiges Ohr und verließ dann den Thron. Alles stieg zu Pferde, und langsam ritt der Zug durch die übrigen Straßen der Stadt, bis zum Prinzenhof, wo sie einkehrten, um hier mit den vornehmsten Herren und Leliaerts das Mittagmahl einzunehmen.

Derweile kehrten die Zunftgenossen heim, und das Fest nahm sein Ende.

Abends, als die Gäste längst fort waren, saß die Königin Johanna allein mit ihrer Kammerfrau in ihrem Schlafgemach. Schon hatte sie einen großen Teil der lästigen Prachtgewänder abgelegt und war noch damit beschäftigt, sich ihrer Schmuckstücke zu entledigen. Ihre Hast und der unzufriedene Ausdruck ihrer Züge verrieten die größte Ungeduld. Die Kammerfrau mußte heftige Worte hören und alles, was sie tat, trug ihr scharfen Tadel ein. Halsband und Ohrgehänge flogen wie wertloses Zeug umher.

Dann schritt sie in weißem Nachtgewand, tief in Gedanken im Zimmer auf und ab. Sie hatte nicht die mindeste Lust zu schlafen, und ihre flammenden Augen irrten wild umher. Die Kammerjungfer näherte sich der Fürstin mit liebenswürdiger Ehrerbietung und fragte:

„Beliebt es Eurer Majestät noch länger zu wachen, und soll ich einen größern Leuchter mit mehr Wachslichtern herbeiholen?“

Ungestüm erwiderte die Königin:

„Es ist hell genug. Quält mich nicht mit Euren lästigen Fragen und laßt mich allein. Wartet im Vorsaal auf meinen Oheim de Châtillon – er soll gleich kommen! Geht!“

Während die Kammerjungfer dem groben Befehl Folge leistete, setzte sich Johanna an einen Tisch und ließ den Kopf auf die Hand niedersinken. In dieser Stellung verharrte sie einige Augenblicke: sie gedachte, wie man ihrer gespottet hatte. Dann stand sie auf, schritt hastig mit heftigen Gebärden im Zimmer auf und ab. Endlich sprach sie mit gedämpfter Stimme:

„Wie! Ein kleines erbärmliches Volk sollte mich, die Königin der Franzosen, verhöhnen dürfen? Ein trotziges Mädchen wagt es, meinen Blick zu erwidern? Das ist Hohn!“ Tränen des Zornes rollten über ihre glutroten Wangen.

Plötzlich warf sie den Kopf zurück und lachte tückisch wie ein böser Geist. Dann fuhr sie fort:

„Wartet nur, ihr aufgeblasenen Vlaemen, ihr kennt Johanna von Navarra noch schlecht; ihr wißt nicht, wie schrecklich ihre Rache euch treffen kann. Ruht und schlaft nur ohne Bangen in eurer Vermessenheit; ich weiß euch zu foltern! Tränen sollt ihr vergießen, schmerzhaft sollt ihr meine Hand fühlen! Ja, ihr sollt meine Macht kennen lernen! Kriechen sollst du und winseln, vermessenes Volk! Und ich werde euerm Flehen taub sein. Mit Wonne werde ich eure stolzen Häupter mit Füßen treten. Vergebens sollt ihr weinen und jammern, Johanna von Navarra ist unerbittlich – das wißt ihr noch nicht.“

Jetzt vernahm sie die Schritte der Kammerjungfer im Vorzimmer. Aufgeregt eilte die Fürstin zum Spiegel und änderte ihre ganze Haltung; sie glättete ihre Züge, alle Erregung schien geschwunden. In der Kunst der Verstellung, der größten Untugend der Frauen, war Johanna von Navarra Meisterin.

Alsbald trat Châtillon in das Zimmer und beugte ein Knie vor der Königin.

„Herr von Châtillon,“ sprach sie, und hob ihn mit der Hand empor, „Ihr scheint auf meine Wünsche nicht viel Wert zu legen. Habe ich Euch nicht vor zehn Uhr hierher beschieden?“

„Es ist wahr, Madame, aber der König, mein Herr, hielt mich wider meinen Willen zurück. Seid versichert, durchlauchtigste Nichte, daß ich auf glühenden Kohlen gestanden habe; ich brannte, Eurem königlichen Befehl Folge zu leisten.“

„Eure Ergebenheit freut mich; ich beabsichtige auch, Euch heute für Eure treuen Dienste zu belohnen.“

„Gnädige Fürstin, es ist schon eine hohe Gnade für mich, Eurer Majestät folgen und dienen zu dürfen. Laßt mich Euch überall begleiten. Ein anderer Untertan mag höheren Ämtern nachjagen; für mich ist Eure huldreiche Gegenwart das größte Glück; weiter verlange ich nichts.“

Die Königin lächelte und sah mißbilligend auf den Schmeichler; denn sie durchschaute, wie sehr sein Herz seine Worte Lügen strafte. Dann sagte sie mit Nachdruck zu ihm: „Und wenn ich Euch das Land Flandern zu Lehen geben wollte?“

Châtillon, der solches Anerbieten nicht erwartet hatte, bereute sofort seine Worte; er wußte im ersten Augenblick nicht, was er antworten sollte. Doch sammelte er sich schnell und sprach:

„Falls Eure Majestät mich gnädigst mit soviel Vertrauen beehren wollte, wie dürfte ich es da wagen, mich Eurem königlichen Willen eigensinnig zu widersetzen. In dankbarer Ergebenheit würde ich diese hohe Gunst hinnehmen und Eure großmütige Hand mit ehrerbietiger Liebe küssen.“

„Hört, Herr von Châtillon,“ rief die Königin ungeduldig, „ich beabsichtige nicht, Eure Höflichkeit auf die Probe zu stellen; deshalb wäre es mir lieber, wenn Ihr Eure Redensarten ließet und offen reden würdet! Denn Ihr könnt mir doch nichts sagen, was ich nicht besser wüßte. Was dünkt Euch von meinem Einzug hier? Hat Brügge nicht die Königin von Navarra über die Maßen herrlich empfangen?“

„Ich bitte Euch, durchlauchtige Nichte, laßt diese bittern Scherze. Mir ist der Hohn, der Euch zuteil ward, furchtbar nahe gegangen; ein schlechtes, verächtliches Volk hat Euch offen getrotzt und Eure Würde mit Füßen getreten. Doch bekümmert Euch nicht darüber. Es fehlt uns ja nicht an Mitteln, die vermessenen Untertanen zu bändigen und zu zähmen.“

„Kennt Ihr Eure Nichte, Herr von Châtillon? Das stolze Herz der Königin von Navarra?“

„Wahrlich, o Fürstin, edelster, preislichster Stolz. Denn wer eine Krone trägt, ohne ihr Achtung zu verschaffen, verdient sie nicht. Mit Recht bewundert jedermann Euer königliches Wesen.“

„Wißt Ihr auch, daß kleine Rache mir nicht genügt? Die Strafe der Beleidiger muß meiner Stellung entsprechen. Ich bin Königin und ein Weib; das genügt Euch, um zu wissen, wie Ihr Euch zu verhalten habt, wenn ich Euch zum Landvogt von Flandern mache.“

„Eure Majestät braucht sich deshalb nicht länger Sorgen zu machen; seid sicher, daß Eure Rache vollkommen befriedigt werden wird. Vielleicht werde ich Eure Wünsche übertreffen, denn ich habe nicht nur Eure Schmach, nein auch die Beleidigungen zu rächen, die dies starrköpfige Volk der Krone von Frankreich täglich antut.“

„Herr von Châtillon, laßt Eure Schritte durch schlaueste Politik leiten; zieht den Strick nicht mit einem Male um ihren Hals zusammen; raubt ihnen vielmehr durch langsame Demütigung den Mut. Nehmt ihnen mählich ihr Geld, das ihren Widerstand spornt, und habt Ihr sie an den Pflug gewöhnt, so preßt das Joch so fest, daß ich mich siegesfroh an ihrer Erniedrigung weiden kann. Überhastet nichts; ich habe genügend Geduld, wenn man dadurch besser zum Ziel kommt. Es wird schneller gehen, wenn man klüglich einen gewissen De Coninck, den Obmann der Weber, entfernt und stets nur Franzosen oder gute Freunde zu einflußreichen Ämtern zuläßt.“

Châtillon lauschte aufmerksam dem Rat der Königin und wunderte sich innerlich über ihre schlaue Politik. Da ihn schon eigene Rachsucht zu schlimmer Zwingherrschaft trieb, so freute er sich sehr, gleichermaßen seiner Leidenschaft und den Wünschen seiner Nichte entsprechen zu können.

Er antwortete mit sichtlicher Freude:

„Dankbar empfange ich die Ehre, die mir Eure Majestät erzeigt, und ich werde nichts versäumen, um als treuer Diener den Rat meiner Fürstin zu befolgen. Habt Ihr mir sonst noch Befehle zu geben?“

Diese Frage bezog sich auf die junge Machteld. Châtillon wußte wohl, daß diese Jungfrau den Zorn der Königin erregt hatte, und konnte sich deshalb wohl denken, daß sie es sühnen mußte. Johanna entgegnete:

„Es scheint ratsam, die Tochter des Herrn van Bethune nach Frankreich zu überführen, denn auch sie hat sich die vlaemische Starrköpfigkeit zu eigen gemacht. Es wäre mir lieb, sie am Hofe zu haben. Doch genug davon – Ihr versteht meine Absichten. Morgen verlasse ich dies verwünschte Land, denn ich habe schon zu lange den Hohn ertragen. Raoul von Nesle folgt uns, Ihr bleibt als Statthalter in Flandern mit der Vollmacht, das Land nach Eurem Willen zu regieren.“

„Oder vielmehr gemäß dem Willen meiner königlichen Nichte,“ fiel von Châtillon ihr schmeichelnd ins Wort.

„Ganz recht,“ fuhr Johanna fort, „Eure Bereitwilligkeit freut mich. Zwölfhundert Reiter sollen Euch zur Seite bleiben und Euren Befehlen Nachdruck verschaffen. Nun möge Euer Edlen mich die nötige Ruhe genießen lassen. Ich wünsche Euch gute Nacht, mein trefflicher Oheim!“

„Ein guter Engel bewahre Eure Majestät,“ sprach Châtillon, indem er sich verneigte und das Gemach der argen Frau verließ.

VIII.

Die Herren vom Magistrat hatten mit Zustimmung der Leliaerts übergroße Kosten zur Einholung der französischen Fürsten aufgewandt. Das Errichten von Siegesbögen und Prunkgerüsten mit den dazu nötigen Stoffen hatte bedeutende Ausgaben verursacht. Zudem hatte jeder Mann von der Leibwache des Königs ein gutes Maß vom besten Wein erhalten. Da diese Ausgaben durch die Regierung angeordnet waren und deshalb auch aus dem Gemeindesäckel bestritten werden mußten, so hatten sich die Bürger dazu ziemlich gleichgültig verhalten.

Nun war all dies Prunkwerk schon wieder fortgeräumt. Châtillon war in Kortrijk, der Einzug der fremden Fürsten fast vergessen, als eines Morgens um zehn Uhr ein Ausrufer vor dem Stadthaus auf dem Pui[24] erschien und mit einigen Posaunenstößen das Volk zusammenrief. Als der Haufe groß genug war, zog er ein Pergament aus der Tasche und las mit lauter Stimme:

„Es wird jeglichem Bürger kund und zu wissen getan, daß der Magistrat das Folgende beschlossen hat:

Eine außerordentliche Besteuerung ist festgesetzt, um die Kosten vom Einzug unseres gnädigsten Fürsten Philipp, des Königs von Frankreich, zu decken.

Jeder Eingesessene der Stadt Brügge hat hierzu, ohne Unterschied des Alters, auf jeden Kopf acht Grooten Vlaamsch zu bezahlen;

die Zollbeamten sollen das Geld am nächsten Samstag an den Türen in Empfang nehmen; wer sich mit List oder Gewalt der Zahlung entzieht, soll hierzu durch den Herrn Baljuw von Rechts wegen dazu gezwungen werden.“

Die Bürger sahen sich ob dieser Verkündigung verwundert an und murrten im stillen gegen das willkürliche Gebot. Auch einige Mitglieder der Weberzunft waren darunter. Sie gingen unverzüglich zu ihrem Obmann, um ihn sofort davon in Kenntnis zu setzen.

De Coninck vernahm die Nachricht mit innerem Grimm. Dieser einschneidende Streich gegen die Vorrechte der Gemeinde machte ihn sehr besorgt; er sah in diesem Erlaß ein Vorzeichen dafür, daß sich die Adligen aufs neue unter französischem Schutz Gewaltherrschaft über das Volk anmaßen wollten, und beschloß, diesen ersten Versuch durch List oder Gewalt zu vereiteln. Zwar konnte er das Opfer seiner Vaterlandsliebe werden, weil das fremde Heer noch in Flandern stand. Aber das vermochte ihn nicht zurückzuhalten; mit Leib und Seele hatte er sich dem Wohle seiner Vaterstadt geweiht. Sofort berief er den Zunftknappen zu sich und hieß ihn:

„Geh schnell zu allen Meistern und entbiete sie in meinem Namen zum Pand. Sie sollen sofort ihr Geschäft verlassen, denn es eilt!“

Der Weberpand war ein geräumiges Gebäude mit rundem Giebel. Durch ein einziges großes Fenster mit dem Wappen der Zunft darüber fiel das Licht in das erste Stockwerk der Vorderseite. Über dem großen Tore ragte kunstvoll in Stein gehauen St. Georg mit dem Drachen. Im übrigen war der Giebel dieses Versammlungshauses unbedeutend und ohne Zierat. Nach seinem Äußern hätte man schwerlich erraten können, daß die reichste Zunft in Flandern hier ihre Zusammenkünfte hielt; denn viele Häuser in der Nachbarschaft übertrafen es an Größe und Pracht. War es auch in zahlreiche größere und kleinere Räume geteilt, so blieb doch keiner leer oder unbenutzt. In einer geräumigen Kammer des zweiten Stockwerks waren die Probestücke der Freigesellen und Meister mit den Mustern vom kostbarsten Tuch oder Stoff aufgehängt, der je in Brügge gefertigt worden war. In einem anderen Gemach daneben waren all die Werkzeuge aufgestellt, die von den Webern, Tuchwalkern und Färbern gebraucht werden. Ein drittes Gemach diente zur Aufbewahrung der Prachtgewänder und Festwaffen der Zunft.

Der große Versammlungssaal der Meister lag vorn an der Straße. Alle Wandlungen der Wolle auf dem Wege vom Schafhirten bis zum Weber, vom Färber bis zu dem fremden Kaufmann, der aus fernen Landen kam, um vlaemisches Tuch gegen Gold zu erhandeln, waren auf den Wänden dargestellt. Einige eichene Tische und viele schwere Sessel standen auf den Quadersteinen des Fußbodens. Sechs mit Sammet ausgeschlagene Lehnstühle bezeichneten die Plätze des Obmannes und der Altmeister im Hintergrund des Gemaches.

In kurzer Zeit waren die Weber bereits zahlreich in dem Saale versammelt. Leidenschaftlich besprachen sie die wichtige Frage, und die größte Unzufriedenheit leuchtete aus ihren Zügen. Die meisten ergingen sich in bitteren Worten über den Magistrat, doch einige schienen nicht sehr zum Widerstand geneigt. Während die Versammlung ständig wuchs, kam De Coninck in den Saal und schritt langsam durch seine Genossen auf den für ihn bestimmten großen Sessel zu. Die Altmeister setzten sich neben ihn; die übrigen blieben zumeist bei ihren Lehnstühlen stehen, um auf der gefurchten Stirn ihres Vorstehers den Sinn seiner Worte besser lesen zu können. Zusammen waren es ihrer sechzig.

Sobald De Coninck die Aufmerksamkeit seiner Genossen auf sich gerichtet sah, sprach er ausdrucksvoll und anschaulich:

„Meine Brüder! Achtet auf meine Worte: denn die Feinde unserer Freiheit, unserer Wohlfahrt wollen uns aufs neue in Banden schlagen! Der Magistrat und die Leliaerts haben dem fremden Gebieter mit ungewohnter Pracht geschmeichelt, sie haben uns zur Errichtung von Prunkgerüsten gezwungen, und nun verlangen sie, daß wir ihre dummen Verschwendungen mit dem Lohn unserer Arbeit bezahlen! Das widerspricht den Vorrechten der Stadt und der Zunft. Meine Brüder, versteht mich wohl und richtet mit mir einen Blick auf die Zukunft! Wenn wir dieses Mal dem willkürlichen Gebot Gehorsam leisten, wird unsere Freiheit bald niedergetreten sein. Dies ist der erste Versuch, das erste Stück des Sklavenjochs, das man unserm Nacken aufbürden will. Die treulosen Leliaerts, die es dulden, daß ihr Graf, unser rechtmäßiger Herr, bei dem Fremden im Kerker schmachtet, um uns desto ungestörter unterdrücken zu können, – sie haben sich lange vom Schweiß unseres Angesichts gemästet. Lange hat das Volk wie ein verächtliches Lasttier für sie die schwerste Arbeit getan und sich abgequält; Euch, Brügger! Kameraden! euch ward zuerst des Himmels Licht zuteil; ihr habt die Ketten zuerst gebrochen; groß und männlich habt ihr euch aus der Knechtschaft erhoben und eure Häupter beugen sich nicht mehr vor Zwingherrn. Nun beneiden uns die Völker ob unseres blühenden Wohlstands; sie bewundern unsre Größe. Ist es denn nicht unsere Pflicht, ungeschmälert die Freiheit zu bewahren, die uns zum edelsten Volke der Welt macht? Ja, eine heilige Pflicht! Wer sie vergißt, ist ein Feigling, der seine Menschenwürde verkennt: ein Sklave nur, der zur Verachtung geboren ward.“

Brakels, ein Weber, der schon zweimal Obmann gewesen war, erhob sich von seinem Sessel und unterbrach De Conincks Rede:

„Ihr sprecht immer von Knechtschaft und Rechten! Aber wer sagt denn, daß der Magistrat uns schmälern will? Ist es nicht besser, die acht Grooten zu zahlen und Ruhe zu halten? Ihr könnt Euch doch denken, daß es zum Blutvergießen kommen wird. Gar mancher von uns wird die Leichen seiner Kinder und Brüder begraben müssen – und all das wegen acht Grooten! Hörte man auf Euch, so hätten die Weber mehr mit dem Goedendag als mit dem Weberschiff zu schaffen; aber ich hoffe, daß es unter unseren Meistern noch mehr gescheite Leute gibt, die Eurem Rat nicht folgen.“

Diese Worte riefen unter den Webern die größte Bestürzung hervor. Einige, doch nur ganz wenige, hatten durch ihre Gebärden zu erkennen gegeben, daß sie diese Ansicht teilten. Die meisten waren mit Brakels Rede unzufrieden.

Mit forschendem Auge hatte De Coninck alle scharf beobachtet und seine Anhänger gezählt. Es schmeichelte ihn, daß nur wenige die Besorgnisse seines Gegners teilten. So antwortete er:

„Es steht ausdrücklich im Gesetz, daß man dem Volk ohne seine Zustimmung keine neuen Lasten aufbürden darf. Wir bezahlen diese Freiheit nur allzu teuer, und niemand, selbst der Höchste nicht, darf sie antasten. Für einen Menschen, der nicht weiter in die Zukunft blickt, machen freilich acht Grooten einmal bezahlt nicht viel aus; aber es sind ja auch nicht die acht Grooten, die mich zum Widerstande reizen; sollen wir etwa die Vorrechte, unsere Schutzwehr gegen die Herrschsucht der Leliaerts zerstören lassen? Nein, das wäre feig und höchst unvorsichtig. Wißt, meine Brüder, die Freiheit ist ein zarter Baum, bricht man einen seiner Zweige ab, so vergeht er und stirbt. Duldet ihr, daß die Leliaerts den Baum derart beschneiden, so werden sie uns bald die Kraft rauben, den verdorrten Stamm zu verteidigen. Wer ein Männerherz hat, darf die acht Grooten nicht bezahlen! Wer das echte Klauwaarts-Blut in sich strömen fühlt, der ergreife den Goedendag und verteidige die Rechte des Volkes! Die Abstimmung mag hierüber entscheiden, denn mein Rat ist kein Befehl.“

Nun ergriff der Weber, der bereits gesprochen hatte, wieder das Wort:

„Ihr gebt uns einen verderblichen Rat. Ihr freut Euch an Aufruhr und Blutvergießen, damit Ihr überall als Anführer genannt werdet; wäre es nicht viel weiser, uns der französischen Herrschaft als getreue Untertanen zu unterwerfen und dadurch unseren Handel auf dieses große Land auszudehnen? Ja, ich behaupte: die Regierung Philipps des Schönen wird unseren Wohlstand vermehren, und jeder wohldenkende Bürger muß die französische Herrschaft als ein Glück betrachten. Unser Magistrat besteht aus achtbaren, weisen Herren.“

Alle Weber waren höchst verdutzt und viele warfen finstere, verächtliche Blicke auf den Mann, der solch feige Worte gesprochen hatte. De Coninck flammte zornig auf. Seine Volksliebe kannte keine Grenzen; daß ein Weber so reden konnte, schien ihm die ganze Zunft zu entehren.

„Wehe!“ rief er, „ist denn alle Liebe zur Freiheit und zu eurem Vaterland in eurer Brust erstorben? Wollt ihr aus Geldgier denen die Hände küssen, die euch in Ketten schlagen? Sollen unsere Nachkommen sagen, die Brügger hätten ihr Haupt vor einem Fremden und vor dessen Sklaven gebeugt? Nein, Brüder, duldet das nicht, besudelt euren Namen nicht mit solcher Schmach! Laßt die feigen Leliaerts immerhin um der Ruhe und des Geldes willen ihre Freiheit dem Ausländer verpfänden. Wir bleiben frei von Schande und Schmach! Mögen die Kinder des freien Brügge nochmals ihr Blut für das Recht dahingeben. Um so herrlicher prangt die purpurne Standarte, um so fester wird des Volkes Recht besiegelt!“

Meister Brakels ließ De Coninck nicht fortfahren:

„Was Ihr auch sagen mögt, ich wiederhole, es ist keine Schande für uns, einem fremden Fürsten zu unterstehen; im Gegenteil sollten wir uns freuen, daß wir nunmehr dem großen Frankreich zugehören. Was kümmert es ein handeltreibend Volk darum, unter wem es seinen Reichtum mehrt? Mohammeds Gold ist so gut wie das unserige.“

Die Erbitterung gegen Brakels erreichte jetzt den Höhepunkt; niemand antwortete. De Coninck seufzte laut und schmerzlich: „O welche Schande! ein Leliaert, ein Bastard hat in der Versammlung der Weber gesprochen; der Fleck ist nicht zu tilgen.“

Ungestümer Zorn packte die Schar der Weber; wutentbrannt, flammenden Auges blickten sie auf Meister Brakels. Und plötzlich ertönte hier und dort der Schrei: „Stoßt ihn aus, den Leliaert! Kein französisch Gesinnter soll unter uns sein!“

De Coninck mußte allen Einfluß aufbieten, um die Ruhe wiederherzustellen, denn manche waren drauf und dran, zu Gewalttaten zu schreiten. Es ward beantragt, daß man Meister Brakels von der Zunft ausschließen oder zu einer Buße von vierzig Pfund Wachs verurteilen sollte. Während der Schreiber mit der Abstimmung beschäftigt war, stand Brakels ganz ruhig vor dem Obmann. Er baute auf alle, die seine erste Rede gutgeheißen hatten. Aber er täuschte sich gewaltig; der Name Leliaert galt allen als Schandfleck, und deshalb blieb ihm kein einziger Freund. Alle Stimmzettel trugen das Urteil: Ausgestoßen, und diese Entscheidung wurde mit allgemeinem Jubel begrüßt.

Nun flammte der Zorn des Leliaerts auf, und er erging sich in ungestümen Drohungen und Scheltworten gegen De Coninck. Der Obmann blieb mit der größten Ruhe in seinem Stuhl sitzen und antwortete nicht auf die Schmähungen seines Gegners. Zwei starke Gesellen, die als Türwärter angestellt waren, traten alsbald zu dem Ausgestoßenen und befahlen ihm, auf der Stelle die Versammlung zu verlassen. In bitterem Grimm gehorchte Brakels dem Geheiß und lief wutschnaubend zu Johannes van Gistel, dem Oberzöllner, den er von dem Widerstand des Obmanns der Weber in Kenntnis setzte.

De Coninck sprach noch lange mit seinen Genossen und ermutigte sie zur Verteidigung ihrer Rechte; doch verlangte er keinerlei Aufstand, sondern empfahl ihnen, einfach Zahlung der acht Grooten zu verweigern und zu warten, bis er sie zu den Waffen rufen würde. Hierauf trennten sie sich und gingen heim. De Coninck allein schritt tief nachdenklich durch die alte Sackstraße, um sich zu seinem Freunde Breydel zu begeben. Er sah voraus, welche Anstrengungen die Lehensherren machen würden, um ihre Herrschaft über das Volk wiederzugewinnen, und bedachte, wie er seine Brüder vor der Knechtschaft bewahren könnte. Als er fast die Fleischerstraße erreicht hatte, wurde er von etwa zehn Bewaffneten umringt. Angesichts dieses Überfalls blieb er stehen, der Vogt trat an ihn heran und befahl ihm, ohne Widerstand den Dienern des Gesetzes zu folgen. Wie einem Missetäter wurden ihm die Hände auf den Rücken gebunden; man überhäufte ihn mit Schmähungen; aber er trug das alles mit der größten Geduld und ohne Murren; denn er begriff, daß jeder Widerstand hier nutzlos war. Er ließ sich von den mit Streitäxten bewaffneten Gerichtsdienern durch drei bis vier Straßen führen und schien gar nicht auf die Ausrufe des verwunderten Volkes zu achten. Endlich brachte man ihn in den oberen Saal des Prinzenhofs.

Hier waren die vornehmsten Leliaerts und der Magistrat versammelt. Der Oberzöllner Johannes van Gistel nahm unter ihnen den höchsten Rang ein; er war auch in ganz Flandern der wärmste Freund der Franzosen. Sobald er De Coninck vor sich sah, sprach er erzürnt:

„Wie wagt Ihr es, die Oberhoheit des Magistrats zu mißachten, hochfahrender Bürger? Eure Auflehnung ist uns bekannt, und in Bälde werdet Ihr Euren Ungehorsam am Galgen büßen.“

De Coninck antwortete ruhig:

„Mir ist die Freiheit des Volkes teurer als das Leben. Auch die schändlichste Todesstrafe werde ich furchtlos erleiden, denn mit mir stirbt das Volk doch nicht; es gibt noch Männer genug, die das Joch nicht mehr gewohnt sind.“