Im Jahre 1280 hatte ein furchtbarer Brand die alte Halle am Markt völlig vernichtet. Dort war der hölzerne Turm mit allen Rechtsurkunden der Stadt Brügge in Flammen aufgegangen. Nur einige massive Mauern des untersten Stockwerkes waren verschont geblieben und mit ihnen einige Räume, welche bisweilen als Wachtstuben dienten. Die französischen Kriegsknechte hatten dies verlassene Gemäuer zum Sammlungsplatz erwählt, und hier verbrachten sie ihre freien Stunden mit Schwelgen und Spielen.
Einige Zeit nach der Abreise Adolfs van Nieuwland befanden sich acht französische Söldner in einem der entlegensten Räume der Brandstätte. Eine große tönerne Lampe beleuchtete die gebräunten Gesichter der Krieger, und kräuselnd stieg ihr Qualm zum Gewölbe empor. An den Wänden konnte man beim grellen Lampenschein noch einige Verzierungen im römischen Stile bemerken. Eine weibliche Statue ohne Hände, deren Gesicht mit der Zeit schon ganz entstellt war, stand in einer Nische des Gemachs. Vier Kriegsknechte saßen an einem schweren eichenen Tische und würfelten eifrig. Mehrere andere standen dabei und folgten aufmerksam dem Spiel. Offenbar waren diese Leute nicht zum Würfeln allein hierhergekommen: sie hatten Helme auf, und breite Schwerter hingen an ihrem Gürtel, als ob es zum Kampfe ginge.
Nach einigen Augenblicken stand einer der Spieler auf und warf ärgerlich die Würfel beiseite.
„Ich glaube, der alte Bretone hat keine sauberen Finger,“ rief er. „Das wäre doch recht sonderbar, wenn ich unter fünfzig Würfen nicht einmal gewinnen sollte. Ich habe keine Lust mehr zum Spiel, ich höre auf.“
„Ihr wollt nicht mehr spielen!“ rief der Gewinner frohlockend. „Was Teufel, Johann, Eure Tasche ist doch sicher nicht leer! – Fliehet Ihr so vor dem Feind?“
„Wage es noch einmal,“ meinte ein anderer, „vielleicht wendet sich das Glück.“
Der Söldner, der Johann genannt wurde, schwankte lange, ob er sein Glück noch einmal versuchen sollte; endlich griff er in sein Panzerhemd und zog einen glänzenden Schmuck hervor. Es war ein Halsschmuck von den feinsten Perlen mit goldenem Schloß.
„Da,“ sprach er, „ich setze diese Perlen gegen euren Gewinn: die schönste Schnur, die je am Hals einer vlaemischen Frau geblinkt hat! Wenn ich diesmal wieder verliere, bleibt mir kein Härlein von der Beute.“
Der Bretone nahm den Schmuck in die Hand und betrachtete ihn neugierig.
„Gut, es gilt!“ rief er; „in wieviel Würfen?“
„In zwei,“ antwortete Johann, „werft Ihr zuerst.“
Ein Haufen Goldstücke lag auf der Tafel neben den kostbaren Juwelen. Aller Augen folgten in beklemmender Spannung den rollenden Würfeln, und die Herzen der Spieler klopften heftig. Beim ersten Wurf schien das Glück Johann zu lächeln, denn er warf zehn, sein Genosse nur fünf. Während er sich nun der Hoffnung hingab, sein Geld wiederzugewinnen, sah er, daß der Bretone die Würfel heimlich zum Munde führte und an einer Stelle benetzte. Als er merkte, daß Trug an seinem Verluste schuld war, jagte ihm Ärger und Rachsucht das Blut zu Kopfe. Er tat aber, als habe er nichts gesehen, und meinte:
„So werft; was zaudert Ihr? Seid Ihr bange?“
„Nein, nein!“ rief der Bretone und ließ die Würfel rasch aus den Händen rollen. „Das Glück kann sich wenden – seht Ihr wohl? Zwölf!“
Nun warf Johann die Würfel nachlässig auf den Tisch. Da er unglücklicherweise diesmal nur sechs bekam, nahm der Bretone mit Freudenrufen das Geschmeide an sich und barg es unter seinem Harnisch. Johann wünschte ihm mit erkünstelter Ruhe Glück zu seinem Gewinn und schien sich über den Verlust nicht sonderlich zu grämen. Aber in seiner Brust fraß geheimer Grimm, und er konnte sich nur mühsam zurückhalten. Während der frohe Gewinner mit einem anderen Genossen sprach, flüsterte Johann denen, die bei ihm standen, etwas ins Ohr und schien den Bretonen durch seine Blicke ihrer Aufmerksamkeit anzuempfehlen; dann rief er:
„Da Ihr mir alles abgewonnen habt, Kamerad, werdet Ihr es mir nicht abschlagen, das Glück noch einmal zu versuchen. Ich setze das Geld, das wir diesen Abend noch verdienen, gegen eine gleiche Summe. Tut Ihr mit?“
„Aber natürlich, ich weiche nie!“
Johann nahm die Würfel und warf achtzehn in zweimal. Während nun der andere die Würfel von der Tafel nahm und sie beim Sprechen ganz absichtslos in der Hand zu halten schien, gaben die Soldaten neben Johann genau darauf acht. Sie sahen deutlich, daß der Bretone die Würfel nochmals an seine Lippen führte, und dank dieser List einmal zehn und einmal zwölf warf.
„Ihr habt verloren, Freund Johann!“ rief er.
Ein furchtbarer Faustschlag war die Antwort auf diesen Zuruf; Blut strömte aus seinem Mund, und einen Augenblick war er ganz betäubt, denn der Schlag hatte sein Hirn erschüttert.
„Ihr seid ein Schelm, ein Dieb!“ schrie Johann; „ich habe gar wohl gesehen, wie Ihr die Würfel naß machtet und mich so um mein Geld betroget! Ihr sollt mir alles wiedergeben, oder …“
Der Bretone ließ ihn nicht fortfahren. Er zog sein breites Schwert und stürzte unter furchtbaren Schmähungen auf ihn los. Auch Johann hatte sich kampfbereit gemacht und schwur blutige Rache. Aber dazu kam es nicht. Schon blitzten die beiden Klingen bereits im Lampenschein, und alles kündete unvermeidliches Blutvergießen, als ein anderer Krieger in die Stube trat.
Seine stolzen und gebieterischen Blicke auf die Streitenden machten ihn sogleich als Vorgesetzten kenntlich. Sowie die Soldaten seiner ansichtig wurden, verstummten die Flüche und Scheltworte, und die Schwerter fuhren schleunigst in die Scheiden.
Johann und der Bretone kündeten einander durch Blicke an, daß der Kampf nur aufgeschoben sei, und traten mit den anderen zu ihrem Vorgesetzten, der sie fragte:
„Seid ihr bereit, Leute?“
„Wir sind fertig, Herr de Cressines!“ klang es zurück.
„Beobachtet die größte Stille,“ nahm de Cressines das Wort, „und vergeßt nicht, daß das Haus, in das uns dieser Bürger führt, unter dem Schutz unseres Feldherrn Châtillon steht. Der erste, der irgend etwas anrührt, wird es bitter bereuen. Man folge mir.“
Der Bürger, der den französischen Kriegsknechten als Führer diente, war eben jener Meister Brakels, der Leliaert, der aus der Weberzunft ausgestoßen worden war. Als die Söldner mit ihrem Anführer auf der Straße waren, ging Brakels schweigend voran und führte sie durch die Finsternis in die spanische Straße zur Tür von Herrn van Nieuwlands Wohnung. Hier stellten sich die Söldner längs der Mauer auf und atmeten kaum, damit man ihre Gegenwart nicht bemerkte. Meister Brakels ließ den Klopfer des Tores leise niederfallen. Nach einigen Augenblicken kam eine Dienstmagd in den Gang und fragte mißtrauisch, wer so spät anklopfe.
„Öffnet rasch,“ gab Brakels zur Antwort, „ich komme von Meister de Coninck mit einer eiligen Nachricht für Jungfrau Machteld van Bethune. Zögert keinen Augenblick; denn die Jungfrau ist in großer Gefahr.“
Die Dienstmagd war weit entfernt, Verrat zu argwöhnen. Sie zog den Riegel weg und öffnete die Tür rascher als sonst wohl. Aber wie groß war ihre Bestürzung, als acht französische Soldaten hinter dem Vlaemen her in den Gang drangen. Ihr gellender Schrei scholl bis in die entlegensten Gemächer des Hauses, und sie wollte sich durch die Flucht retten. Aber Cressines hielt sie zurück.
„Wo ist Eure Gebieterin, Machteld van Bethune?“ fragte Cressines mit kalter Ruhe.
„Gräfin Machteld hat sich schon seit zwei Stunden zur Ruhe begeben, und nun schläft sie,“ stammelte die erschrockene Magd.
„Geht zu ihr,“ sprach der Befehlshaber, „und sagt ihr, sie möge sich ankleiden; denn sie muß auf der Stelle dieses Haus verlassen und uns folgen. Seid gehorsam, denn es täte mir leid, wenn ich Gewalt anwenden müßte.“
Die Magd lief in angstvoller Eile die Treppe hinauf und weckte Adolfs Schwester.
„Ach, Herrin,“ rief sie, „steht schnell auf, das ganze Haus wimmelt von Soldaten!“
„Himmel,“ sagte Maria mit bebender Stimme, „was sagst du? Soldaten in unserem Hause? Was wollen sie?“
„Sie wollen die Gräfin van Bethune sofort wegführen. Bitte eilt, denn sie schläft noch – ich fürchte, die Soldaten könnten in ihr Zimmer dringen.“
Hastig, ohne Antwort warf die erschrockene Maria ein weites Gewand über und ging mit der Magd zu Herrn de Cressines, der noch auf dem Gange stand. Zwei Diener des Hauses waren auf das Geschrei der Magd herbeigelaufen und standen entmutigt zwischen den französischen Soldaten. Man hatte sie gepackt und festgehalten.
„Mein Herr,“ fragte Maria den Anführer, „wollt Ihr mir sagen, warum Ihr so zur Nachtzeit in meine Wohnung dringt?“
„Ja, edle Dame,“ bekam sie zur Antwort, „es geschieht auf Befehl des Landvogts. Gräfin Machteld van Bethune, die hier wohnt, muß uns unverzüglich folgen. Fürchtet nicht, daß sie schlecht behandelt wird. Ich verpfände Euch meine Ehre, daß kein Wort sie kränken soll.“
„O mein Herr,“ rief Maria, „wüßtet Ihr, welches Los Ihr dem Mägdelein bereitet, Ihr würdet unverrichteter Sache wieder fortgehen; denn ich entnehme Euren Worten, daß Ihr ein ehrenwerter Ritter seid.“
„Ihr habt recht, ich bin kein Freund solcher Unternehmungen, aber den Befehl meines Feldherrn muß ich pünktlich ausführen. Wollet mir also die Jungfrau Machteld ausliefern; wir können nicht länger warten. Erspart mir strenge Maßregeln.“
Maria sah wohl, daß nichts diesen Schlag abwenden konnte; doch verhehlte sie ihre tiefe Betrübnis vor den fremden Kriegsknechten und weinte nicht. Mit sichtlichem Abscheu schaute sie auf den Vlaemen, der in einem Winkel des Ganges stand, und ihre Blicke schienen ihm seinen Verrat vorzuwerfen. Meister Brakels war nicht kühn genug, dem entrüsteten Mägdelein in die Augen zu sehen. Zitternd ward er sich nun bewußt, welche Rache ihn verfolgen würde, und wich einige Schritte zurück, als ob er fliehen wollte.
„Man bewache diesen Vlaemen,“ rief Cressines seinen Leuten zu; „laßt ihn nicht fort; denn wer wie er seine Freunde verrät, ist zu allem fähig.“
Meister Brakels wurde beim Arm gepackt und mit Gewalt zwischen die Soldaten gedrängt. ‚Verräter‘ ward er geschmäht, und die Verachtung der Männer, denen er gedient hatte, war sein Lohn.
Maria verließ den Gang und trat bekümmerten Herzens in Machtelds Schlafgemach; wie erstarrt blieb sie vor dem Bette stehen und betrachtete das unglückliche Mägdelein, das so sanft schlief. Eine helle Träne glänzte unter seinen Wimpern, und der Atem ging schwer und fiebrig. Plötzlich zog es die Hand unter der Decke hervor und reckte sie, als wollte es ein Schreckbild verscheuchen. Aus dem unverständlichen Gemurmel tönte mehrmals Adolfs Name wie ein Hilferuf.
Tränen brachen aus Marias Augen; der Anblick griff ihr tief ins Herz, und ihr Mitleid wuchs noch bei dem Gedanken an das Leid, das das arme Mägdelein fürder erdulden sollte. Doch so sehr sie sich auch quälte, ihrer unglücklichen Freundin die Nachricht zu bringen, sie durfte nicht zögern, die Zeit war kostbar. Jeden Augenblick konnten die Söldner in das Zimmer treten, und welchen Schrecken, welchen Kummer hätte dann die edle Machteld erlebt! In dieser Erkenntnis ergriff sie die Hand ihrer Freundin und weckte sie mit den Worten:
„Meine liebe Machteld, wachet auf, ich habe Euch etwas Eiliges zu sagen.“
Die Berührung Marias hatte das Mägdelein heftig erschreckt; weit öffnete sie die Augen und zitterte, während sie ihre Freundin unsicher anschaute.
„Seid Ihr es, Maria?“ fragte sie und rieb die tränenfeuchten Augen; „was führt Euch zu so ungewöhnlicher Stunde zu mir?“
„Ach, meine arme Machteld,“ rief Maria weinend aus, „steht auf. Hier ist Euer Kleid, – steht rasch auf, ein großes Unglück steht Euch bevor.“
Erschrocken sprang Machteld auf und blickte Maria ängstlich an; die weinte bitterlich, während sie Machteld ankleidete. Erst als sie ihr ein langes Reitkleid reichte, antwortete sie mit einem tiefen Seufzer:
„Ihr geht auf Reisen, edle Dame, der heilige Georg beschütze Euch!“
„Aber warum dieses Reitkleid, meine teure Maria? Ach, jetzt sehe ich, welches Los meiner harrt! Mein böser Traum ist wahr geworden: als Ihr mich wecktet, sah ich mich in Frankreich, vor Johanna von Navarra. O Gott, nun ist alle Hoffnung dahin! Ich werde das schöne Flandern nicht wiedersehen, und Du, mein teurer Löwe, du lieber Vater, wirst Dein Kind vielleicht nicht mehr in dieser Welt wiedersehen …“
Maria hatte sich gramverzehrt in einen Sessel niedergelassen und schluchzte schweigend. Sie brachte es nicht über sich, die Befürchtungen ihrer Freundin zu bestätigen. Nach einigen Augenblicken warf sich ihr die geängstigte Machteld um den Hals und sagte:
„Weinet nicht so um mich, liebe, teure Freundin. Schon längst bin ich mit Unglück und Elend vertraut; für das Haus Flandern ist alle Ruhe, alle Freude dahin.“
„Unglückliches, edles Mägdelein,“ schluchzte Maria, „Ihr wißt nicht, daß drunten französische Söldner Eurer harren, daß man Euch auf der Stelle fortführen wird.“
Das bleiche Mägdelein erschauerte bei diesen Worten.
„Söldner?“ rief sie. „Soll ich der Roheit unedler Mietlinge ausgesetzt sein? O liebe Maria, schützet mich … O Gott, könnte ich jetzt sterben! Robrecht, Robrecht, wüßtet Ihr, welche Schmach Eurem Kinde widerfährt!“
„Erschreckt nicht so; ein ehrenwerter Ritter ist bei ihnen.“
„So ist denn die Unglücksstunde gekommen; ich muß Euch verlassen, Maria, und die böse Königin von Navarra wird mich, wie meinen Vater, einkerkern. Doch es sei! Es gibt einen Beschützer im Himmel, der mich nicht verlassen wird …“
„Zieht rasch Euer Reitkleid an, ich höre die Tritte der Söldner.“
Während Machteld das Kleid anzog, öffnete sich die Tür. Die Magd trat ein und sagte:
„Der französische Edelmann läßt fragen, ob das Fräulein van Bethune bereit sei, und ob er vor ihr erscheinen dürfe.“
„Er mag kommen!“ war Marias Antwort.
Herr de Cressines war der Magd gefolgt und trat unmittelbar darauf in das Zimmer. Er verbeugte sich vor der Jungfrau, und man las in seinen mitleidigen Blicken, daß er diesen Auftrag widerwillig ausführte.
„Gräfin,“ sprach er, „deutet es mir nicht übel, wenn ich Euch ersuche, mir auf der Stelle zu folgen. Ich darf keinen Augenblick mehr säumen.“
„Ich werde mich gehorsam fügen,“ antwortete Machteld, die ihre Tränen zurückhielt. „Ich hoffe, mein Herr, daß Ihr mich vor aller Schmach bewahren werdet.“
„Ich versichere Euch, edle Dame,“ rief Cressines, den des Mägdeleins Ergebung rührte, „daß Euch kein Leid zugefügt werden soll, solange Ihr unter meinem Schutze steht.“
„Aber Eure Söldner, mein Herr?“
„Meine Söldner, Fräulein, sollen Euch kein Wort sagen. Diese Versicherung mag Euch genügen.“
Die beiden Mädchen umarmten sich zärtlich und vergossen viele Tränen. Immer aufs neue wiederholten sie die bitteren Worte der Trennung, immer wieder fielen sie sich um den Hals. Endlich folgten sie dem Ritter in den Gang.
„O mein Herr,“ rief Maria, „sagt mir doch, wohin Ihr meine unglückliche Freundin führt!“
„Nach Frankreich,“ sagte Cressines; und den Soldaten gebot er:
„Achtet auf meine Worte! – Wer in Gegenwart dieser Dame ein unziemendes Wort sagt, wird streng bestraft. Ich will, daß man sie ihrem durchlauchtigen Stande gemäß behandelt. Führt die Pferde vor!“
Machteld weinte still unter dem Schleier, der ihr Gesicht bedeckte. Maria hielt eine Hand gefaßt, und beide standen bewegungslos wie Bildsäulen da. Worte reichten nicht hin, ihren herben Abschiedsschmerz auszudrücken.
Als die Pferde vor die Tür gebracht waren, half Herr de Cressines Machtelden auf einen leichten Traber. Meister Brakels und die Diener wurden freigelassen, und der Zug entfernte sich rasch durch die Straßen von Brügge. Einige Augenblicke später waren sie auf freiem Felde, auf Wegen, welche Machteld nicht erkennen konnte. Die Nacht war düster, und feierliche Stille lag auf der schlummernden Natur. Herr de Cressines blieb stets an Machtelds Seite. Weil er sie in ihrer Betrübnis nicht stören wollte, sprach er nicht mit ihr und würde vielleicht die Reise schweigend zurückgelegt haben, wenn ihn nicht die junge Machteld zuerst angeredet hätte.
„Ist es mir erlaubt, mein Herr, etwas über mein zukünftiges Schicksal zu wissen, und darf ich fragen, von wem der Befehl stammt, der mich aus meiner Wohnung reißt?“
„Der Befehl ward mir durch Herrn de Châtillon gegeben,“ antwortete de Cressines. „Wahrscheinlich kommt er von höherer Seite, denn das Ziel Eurer Reise ist Compiègne.“
„Ja,“ schluchzte das betrübte Mägdelein, „Johanna von Navarra erwartet mich. Meinen Vater und alle meine Blutsverwandten einzukerkern genügte nicht; ich fehle ihr noch. Jetzt ist ihre Rache vollständig. O mein Herr, Ihr habt eine böse Königin!“
„Ein Mann hätte mir das nicht sagen dürfen. Es ist wahr, edle Frau, unsere Königin behandelt die Vlaemen sehr strenge, und ich hege innigstes Mitleid für Herrn van Bethune; aber ich kann nicht mit anhören, daß man meine Fürstin schmäht.“
„Vergebt! Eure ritterliche Treue verdient meine Achtung. Ich werde über Eure Königin nicht mehr Klage führen und schätze mich glücklich, in meinem Unglück einen so ehrenwerten Ritter zum Führer zu haben.“
„Es wäre mir ein wahres Vergnügen, Euer Edeln bis nach Compiègne zu begleiten; aber diese Ehre ist mir nicht zugedacht. In einer Viertelstunde bekommt Ihr eine andere Gesellschaft, aber das kann Eure Lage in nichts ändern; die französischen Ritter vergessen nie, was sie den Frauen schuldig sind.“
„Es ist wahr, mein Herr, die französischen Ritter sind sehr höflich und ehrerbietig gegen uns; aber wer bürgt mir dafür, daß ich immer eine Begleitung haben werde, die meinem Stande angemessen ist?“
„O! das wird sicher der Fall sein. Ich bringe Euch nach Schloß Male und muß Euch dem Herrn von Saint-Pol übergeben. Soweit geht mein Auftrag.“
Sie plauderten noch einige Zeit, bis sie vor der Brücke des Schlosses anlangten. Bei ihrem Nahen rief die Torwache sie an, und das Fallgitter ging hoch. Kurz darauf fiel die Brücke rasselnd nieder, und der ganze Zug ritt in das Schloß.
Nun waren schon Monate seit der Übergabe der Stadt Brügge verflossen. Herr de Châtillon hatte Herrn von Mortenay[28] zum Stadtvogt ernannt und war nach Kortrijk zurückgekehrt; denn er traute den Brüggern nicht genug, um unter ihnen zu wohnen. Die Söldner, welche er in der eroberten Stadt gelassen hatte, begingen allerlei Ausschreitungen und setzten den Bürgern gar boshaft zu. Dieses Druckes müde, kehrten fast alle fremden Kaufleute in ihr Vaterland zurück, und der Handel ging von Tag zu Tag zurück. Die Zünfte sahen mit Schmerz und innerer Erbitterung ihren Wohlstand dahinsinken; doch die Maßregeln der Franzosen waren hinreichend streng, um einstweilen ihre Wut zu zügeln. Ein großer Teil der Festungswerke wurde geschleift und ein starkes Kastell gebaut, um die Stadt im Zaume zu halten.
Zur großen Verwunderung seiner Mitbürger ließ De Coninck all das ohne Widerstreben geschehen und ging ruhig und anscheinend gleichgültig durch die Straßen; nur in den Versammlungen der Weber verkündete er die Befreiung des Vaterlandes und hielt so die Hoffnung in den Herzen seiner Brüder wach.
Breydel war gar nicht mehr wiederzuerkennen. Düsteres Brüten hatte seine jugendlichen Züge alt gemacht. Seine Augenbrauen hingen tief herab, das stolze Haupt des tapferen Vlaemen war gebeugt wie unter einer drückenden Last. Die Herrschaft, der Anblick der aufgeblasenen Franzosen war für ihn wie eine Natter, die sein Herz fest umschlungen hielt und grausam zerfleischte. Alle Freude, alle Zufriedenheit war für ihn dahin. Selten verließ er seine Wohnung; denn das eroberte Brügge war ihm ein Kerker, dessen Luft ihn erdrückte. Dieser edle Schmerz verließ ihn keinen Augenblick, und seine Brüder vermochten ihn durch nichts zu trösten oder aufzumuntern. In den Augen jedes Franzosen las er gleich einem Vorwurf das Schandwort: Sklave!
Eines Morgens war er sehr früh in seinem Laden und setzte die Träumereien der Nacht fort, mit der linken Hand auf einen Hauklotz gestützt. Seine unsteten Blicke glitten über die Fleischstücke an der Wand, doch er sah sie nicht; seine Seele war mit anderen Gedanken beschäftigt. So stand er geraume Zeit regungslos da, bis seine rechte Hand unwillkürlich ein Schlachtbeil ergriff, das, viel größer als die anderen, besonderen Zwecken bestimmt schien. Als er den glänzenden Stahl gewahrte, glitt ein seltsames Lächeln über seine grimmen Züge, und lange starrte er das Mordwerkzeug an. Plötzlich wurde sein Angesicht finster und traurig. Er blickte düster vor sich hin und sagte klagend: „Vorbei! Keine Hoffnung mehr auf Befreiung! Wir müssen das Haupt beugen und weinen über unser besiegtes Vaterland. Da laufen täglich diese frohblickenden Franzosen durch die Stadt, spotten, verhöhnen jeden – und wir, wir Vlaemen, wir müssen es dulden, müssen es ertragen! O Gott, wie grausam nagt die Verzweiflung an meinem Herzen!“ Er packte krampfhaft das Beil und betrachtete es: „Und du, meine treue Waffe, wozu wirst du mir fürder dienen? Es gibt kein Vaterland mehr zu rächen, kein fremdes Blut mehr zu vergießen. Tränen der Scham benetzen dich, Breydel flennt wie ein Weib …“
Alsbald ergriff ihn heftige Wut. Er warf das Beil zu Boden und trat mit dem Fuße darauf. „Geh!“ rief er, „ein Sklave bedarf keiner Waffen!“ Und dann sank seine Hand wieder auf die Bank nieder.
Die Tür des Ladens tat sich auf, und Breydel erkannte nun verwundert De Coninck.
„Guten Tag, Meister,“ sprach er, „welch schmerzliche Neuigkeit bringt Ihr mir so früh?“
„Freund Jan,“ erwiderte De Coninck, „ich frage Euch nicht, weshalb Ihr so traurig seid, ich kenne Eure edle Seele; der Gedanke an die Sklaverei bringt Euch um, ich sehe es wohl.“
„Schweigt, Meister, schweigt davon; mir ist, als ob die Wände meines Hauses dieses schmachvolle Wort wiederholen. O mein Freund, wäre ich doch auf den Mauern unserer Stadt gestorben, dann hätte ich mir solch bittere Pein erspart. Wieviel feindliche Franzosen hätten dann neben mir ihr Grab gefunden! Aber diese glorreichen Tage sind vorüber.“
De Coninck betrachtete den Obmann der Fleischer mit Rührung; er ermaß an seinen eigenen Leiden, wie tödlich dieser Schmerz für eine Seele, wie die Breydels, sein mußte und antwortete:
„Tröstet Euch doch, edler Freund! Bedenkt: das Feuer, welches unter der Asche glimmt, ist noch nicht erloschen. Einst kehren die ruhmreichen Tage zurück; die dunstige Luft der Knechtschaft klärt sich auf; schon hat die Freiheitssonne einige Strahlen zu uns niedergesandt. Ihr wißt es nicht, aber Ihr könnt mir glauben, die Stunde der Freiheit naht. Noch sind wir nicht schwer genug gedrückt, die Bande der Sklaverei müssen noch schmerzlicher auf uns lasten, damit selbst den Feiglingen die Kette unerträglich wird. Dann, tapferer Bruder, dann wird unsere teure Vaterstadt wieder den schwarzen Löwen von Flandern hochtragen vor allem Volke.“
Breydel betrachtete den Obmann der Weber bei diesen Worten mit seltsamem Ausdruck. Ein Lächeln der Hoffnung verklärte sein Gesicht, und sein bedrücktes Herz erleichterte sich durch einen tiefen Seufzer. Er ergriff De Conincks Hand, drückte sie an sein Herz und sprach:
„Ihr allein, mein Freund, kennt mich, Ihr allein könnt mich rühren und trösten.“
„Aber,“ fuhr De Coninck fort, „mein Besuch hat einen anderen Zweck, Meister Jan. Ihr wißt, daß wir gelobt haben, die junge Machteld zu beschützen.“
„Was gibt's?“ rief Breydel ungestüm. Bange Ahnung verfärbte seine Wangen. „Freund, bringt Ihr eine schreckliche, schmähliche Kunde?“ rief er aus.
„Die Franzosen haben die Tochter unseres Herrn gefangengenommen und fortgeführt!“
Breydel trat einen Schritt vorwärts, hob das Beil vom Boden und schwang es wütend in seiner Faust. Seine Lippen bewegten sich, aber kein Wort kam aus seinem Mund; endlich rollten zwei glänzende Tränen über seine Wangen, Tränen der Wut und Rachsucht.
„O Löwe von Flandern!“ keuchte er, „so gehen sie mit Deinen Kindern um; und das sollte ich dulden? Nein, nein, jetzt ist's vorbei, De Coninck, es ist vorbei! Ich höre auf nichts; heute muß ich Blut sehen, viel Blut, oder ich sterbe!“
„Ruhig, mein Freund,“ antwortete De Coninck, „ruhig, und nehmt Vernunft an: Euer Leben schuldet Ihr dem Vaterland und dürft es nicht nutzlos wagen.“
„Ich will nichts hören,“ fuhr Jan Breydel fort. „Ich danke Euch für Euren weisen Rat, aber ich mag und kann ihn nicht befolgen. Spart Eure Worte, sie sind fruchtlos.“
„Aber, Meister Jan, laßt Euch nicht so hinreißen; Ihr könnt die Franzosen doch nicht allein verjagen.“
„Das kümmert mich nicht, so weit denke ich nicht. Rache für die Tochter des Löwen, und dann den Tod! O, jetzt bin ich glücklich! Mein Geist riß sich wieder empor, mein Herz schlägt wieder kühn und stark! Aber ich will mich beruhigen; sagt mir nur, was Ihr wißt.“
„O, nicht viel. Heute ganz früh hat mich ein Diener des Herrn van Nieuwland geweckt. Von ihm erfuhr ich, daß die edle Machteld in der Nacht fortgeführt worden ist, und daß der Verräter Brakels den Franzosen zum Führer gedient hat.“
„Brakels!“ rief Breydel; „noch einer mehr für mein Beil; der soll den Franzosen nicht mehr dienen!“
„Wohin man die Jungfrau gebracht, weiß ich nicht; vermutlich nach Schloß Male; denn der Diener hat diesen Namen zweimal von den Söldnern nennen hören. Ihr seht wohl, Breydel, es wäre besser, Genaueres abzuwarten, statt so unbesonnen zu Werke zu gehen. Ja, es ist fast gewiß, daß die edle Jungfrau bereits nach Frankreich gebracht worden ist.“
„Ihr pocht an eines Tauben Tür,“ rief Breydel; „ich sage Euch, nichts kann mich mehr wankend machen. Ich will und muß fort, vergebt mir, daß ich Euch stehenden Fußes verlasse.“
Er barg das Beil unter seinem Wams und wandte sich hastig nach der Tür; aber De Coninck hatte ihm rasch der Weg vertreten. Wie ein Tiger, der in der Schlinge hängt, spähte Breydel im Laden umher, als suchte er einen Ausgang. Sein Körper neigte sich vor, seine Muskeln waren gespannt, wie wenn er sich auf etwas stürzen wollte, das seine Flucht hemmte.
„Laßt die nutzlosen Versuche,“ redete ihm De Coninck zu, „ich versichere Euch, Ihr werdet mit dem Beil nicht ausgehen. Ihr seid mir zu teuer, und ich halte es für meine Pflicht, Euch vor Unheil zu bewahren.“
„Laßt mich durch, Meister Peter,“ rief der Obmann der Fleischer, „ich bitte Euch, laßt mich fort. Ihr quält mich grausam.“
„Nein, hierin bin ich unerbittlich; glaubt Ihr, Ihr wäret Euer eigener Herr, daß Ihr Euer Leben nach Belieben wagen dürftet? O nein, Meister, Gott hat Euch eine tiefere Seele geschenkt, und das Vaterland hat in Euch einen kräftigen Mann gefunden, um Euch zum Schutz für unsre Freiheit am Leben zu erhalten. Bedenkt diese hohe Sendung, Meister, und vergeudet Eure Kräfte nicht durch nutzlose Rache.“
Während De Coninck so sprach, besänftigte sich die Aufregung des Fleischers. Seine Haltung wurde ruhig, und man hätte glauben können, daß er durch die weise Rede seines Freundes überzeugt worden sei. Das war zwar nicht Verstellung, aber auch nicht der wahre Ausdruck seiner Gefühle. Er schwankte zwischen Rachsucht und Besonnenheit, ohne innerlich zur Ruhe zu kommen.
„Ihr habt recht, mein Freund,“ sprach er, „ich lasse mich zu leicht hinreißen; aber Ihr wißt, es gibt Leidenschaften, deren Drängen man nicht widerstehen kann. Ich will meine Waffe da wieder an die Wand hängen; nun werdet Ihr mich doch herauslassen; ich muß ja heute noch nach Thourout, um Vieh zu kaufen.“
„Gut, ich will Euch nicht länger zurückhalten, obgleich ich weiß, daß Ihr nicht nach Thourout gehen werdet.“
„Gewiß, Meister, ich habe kein Vieh mehr im Stalle und muß mir noch vor Abend welches beschaffen.“
„Ihr könnt mich nicht täuschen, Meister Jan, ich kenne Euch zu lange. Durch Eure Augen blicke ich bis ins Innerste Eurer Seele; Ihr geht geradeswegs nach Male.“
„Ihr seid ein Zauberer, Meister Peter, denn Ihr kennt meine Gedanken besser als ich. Ja, ich gehe nach Male, aber glaubt mir, nur, um nach der unglücklichen Tochter unseres Herrn zu forschen. Ich gelobe Euch, die Rache bis auf einen günstigeren Tag zu verschieben.“
Die beiden Obmänner gingen zusammen hinaus und trennten sich vor der Tür nach kurzem Gespräch.
Breydel erreichte nach einer halben Stunde das Dorf Male. Die Herrschaft Male liegt eine kleine Meile von Brügge entfernt. Zur Zeit unserer Erzählung bestand sie vornehmlich aus ungefähr dreißig Strohhütten, die hier und da auf dem Gebiet des Schlosses zerstreut lagen. Zwischen den undurchdringlichen Wäldern rings um das Dorf waren durch Fleiß die fruchtbarsten Äcker erstanden. Da die Erde jener Gegend ihren Bewohnern dankbar schien und mit reicher Ernte lohnte, hätte man annehmen sollen, daß die Bauern von Male in Wohlstand lebten. Und doch zeigte ihre Kleidung, ihre ganze Erscheinung größte Dürftigkeit. Knechtschaft und Bedrückung waren an ihrer Armut schuld. Der Schweiß ihres Angesichts rann weder für sie noch für ihre Familie. Alles kam dem Lehnsherrn, ihrem Gebieter, zugute, und sie schätzten sich glücklich, wenn ihnen nach Abzug der Steuer und Lehnsabgaben noch genug blieb, um ihren Körper während des Jahres für die schwere Arbeit zu stärken.
Unweit des Schlosses befand sich ein viereckiger Platz, um den etwas dichter einige steinerne Gebäude errichtet waren. In der Mitte stand eine steinerne Säule, und daran hing eine Kette mit einem eisernen Halsband. Dies war das Wahrzeichen der gräflichen Rechtspflege und die Säule der bekannte Pfahl, an dem man die Missetäter ausstellte. An der einen Seite war eine kleine Kapelle erbaut, deren Kirchhof seine Mauern einige Schritte auf den Platz hin dehnte.
Daneben stand ein ziemlich hohes Haus, der einzige Krug oder das Wirtshaus, da man Wein und Bier ausschenkte. Der Name der Herberge war über der Tür dargestellt, aber so schlecht und ungeschickt, daß man kaum den heiligen Martin in diesem steinernen Bilde erkennen konnte. Der Flur des untersten Stockwerkes war so weit, wie es die Außenmauern erlaubten. Ein breiter, sehr großer Herd ragte einige Fuß vor und füllte den Hintergrund des Raumes aus; er ließ nur an jeder Seite einen kleinen Winkel übrig, in dem Samen und Pflanzenwurzeln zum Trocknen hingen. Die anderen Wände waren mit Kalk geweißt und mit allerlei hölzernem und zinnernem Küchengerät behängt. Ein Schlachtbeil und eine Anzahl großer Messer in ledernen Scheiden hingen an einem dafür bestimmten Platz. Der Rauch, der beständig vom Herd in die Stube drang, hatte die Balken der Decke ganz geschwärzt. Das Zimmer erhielt dadurch ein ungemütliches Aussehen. Obgleich die Sonne sehr hell schien, war es darin doch ziemlich düster; denn die halb romanischen, halb gotischen Fenster waren fast sieben Fuß über dem Boden und bestanden aus kleinen Scheiben. Schwere Sessel und noch klumpigere Tische standen in der Stube herum. Die Wirtin lief hin und her, um die zahlreichen Gäste zu bedienen und ihnen einzuschenken. Die zinnernen Kannen und Becher standen nicht still, und dadurch wurde die lebhafte Unterhaltung der Gäste zu einem unverständlichen Summen. Am Herde kündete männlich-kräftiger Klang, daß Vlaemisch gesprochen wurde, während in der Stube mehr weibische, lispelnde Töne die französische Sprache verrieten. Unter denjenigen, welche sich dieser fremden Sprache bedienten und zur Besatzung des Schlosses gehörten, war ein Kerl namens Leroux, der wie ein Vorgesetzter zu seinen Genossen sprach; doch war er ein einfacher Krieger wie sie; nur seine ungewöhnliche Stärke hatte ihm diesen Vorrang verschafft.
Während die französischen Kriegsknechte ihre Kannen unter heiteren Gesprächen leerten, kam ein anderer Söldner in den Krug und sprach zu ihnen:
„Holla, Kameraden, ich bringe euch gute Kunde. Wir werden das verwünschte Flandern verlassen, und wahrscheinlich sehen wir schon morgen unser schönes Frankreich wieder.“
Die Söldner staunten über seine Worte und blickten den Boten verwundert an.
„Ja,“ fuhr der fort, „morgen geht es mit der schönen Edeldame fort, die uns heut nacht so zur Unzeit besucht hat.“
„Ist das wahr, was Ihr da sagt?“ fragte Leroux.
„Natürlich ist es wahr, unser Herr de Saint-Pol hat mich geschickt, Euch davon zu benachrichtigen.“
„Ich glaube Euch, denn Ihr seid immer ein Unglücksbote,“ rief Leroux.
„Aber warum erbittert Euch diese Nachricht? Kehrt Ihr nicht gern nach Frankreich zurück?“
„Durchaus nicht, wir genießen hier die Früchte des Sieges, und ich habe keine Lust, sie sobald im Stiche zu lassen.“
„O, dann erschreckt nicht so sehr, wir kommen in wenigen Tagen wieder zurück. Wir müssen Herrn de Saint-Pol nur bis Rijssel begleiten.“
Als Leroux eben antworten wollte, öffnete sich die Tür und ein Vlaeme trat ein. Er betrachtete die Franzosen mit kühnem Stolz, setzte sich allein an einen Tisch und rief:
„Wirt! einen Krug Bier und rasch, denn ich bin eilig.“
„Sogleich, Meister Breydel,“ war die Antwort.
„Das ist ein schöner Vlaeme,“ flüsterte ein Söldner Leroux in das Ohr. „Er ist zwar nicht so groß wie Ihr; aber welch kräftiger Körper und was für eine Stimme; das ist kein Bauer!“
„Wahrlich,“ antwortete Leroux, „es ist ein prächtiger Kerl. Er hat Augen wie ein Löwe. Ich würde mich gern mit ihm anfreunden.“
„Wirt,“ rief Jan Breydel und stand auf, „wo bleibt Ihr, die Kehle brennt mir fürchterlich.“
„Sagt, Vlaeme,“ begann Leroux, „könnt Ihr Französisch?“
„Mehr, als mir lieb ist,“ antwortete Breydel in derselben Sprache.
„Schön. Ich sehe, Ihr seid ungeduldig und habt Durst. Hier biete ich Euch meine Kanne an. Trinkt, und wohl bekomm's!“
Breydel nahm die Kanne mit einem Zeichen des Dankes aus der Hand des Söldners und sprach, indem er sie zum Munde führte:
„Auf Eure Gesundheit und Glück im Kriege.“
Doch kaum hatten nur einige Tropfen seinen Mund benetzt, so setzte er den Becher mit Widerwillen auf den Tisch.
„Was ist das? Fürchtet Ihr Euch vor dem edlen Trank? Die Vlaemen sind das nicht gewohnt,“ rief Leroux lachend.
„Das ist französischer Wein,“ antwortete Breydel so gleichgültig, als wäre der Widerwille ganz natürlich.
Die Söldner sahen einander verwundert an, und sichtlicher Ärger verfinsterte Leroux' Züge. Doch bestimmte ihn Breydels kalter Ausdruck, den Vlaemen ohne Auseinandersetzung zu seinem Sitz zurückzulassen. Mittlerweile hatte der Wirt das verlangte Bier gebracht, und der Obmann der Fleischer tat mehrere Züge, ohne auf die Franzosen zu achten.
„Nun denn, Kameraden,“ rief Leroux und hob den Becher, „laßt uns noch ein Glas leeren, damit man nicht sagen kann, wir verreisten mit trockener Kehle. Auf die Gesundheit der schönen Edelfrau.“
Jan Breydel kämpfte bei diesen Worten mit Mühe seine Aufregung nieder.
„Wenn während unserer Abwesenheit nur nichts vorfällt!“ meinte Leroux anzüglich, „die Brügger beginnen wieder zu murren und unruhig zu werden. Man müßte die Stadt einmal plündern, während wir in Frankreich sind.“
Breydel knirschte vor Wut mit den Zähnen, aber er hatte sein Gelübde und die Warnung De Conincks noch nicht vergessen. Er horchte noch gespannter, als Leroux fortfuhr:
„Den Schaden würden wir der schönen Edeldame zu danken haben … Aber wer mag es nur sein? Ich für meinen Teil glaube, es ist die Frau eines mächtigen Meuterers, und sie wird zu den anderen nach Frankreich geführt. Sie wird noch bitteres Brot essen …“
Der Vorsteher der Fleischer war von seinem Sessel aufgestanden, und während er lässig in der Stube auf und ab ging, um seine Aufregung zu verbergen, brummte er mit leiser Stimme einige Worte eines Volksliedes:
Als die Franzosen diese Töne hörten, waren sie äußerst erstaunt.
„Hört,“ sagte einer, „das ist das Lied der Klauwaerts; welche Frechheit! Wagt es der Vlaeme, in unserer Gegenwart so etwas zu singen!“
Breydel hatte diese Worte wohl gehört. Aber er sang ruhig weiter, ja, er hob sogar seine Stimme, als ob er den Franzosen trotzen wollte:
„Aber was bedeutet dieser Gesang, den ihr ewig im Munde führt?“ fragte Leroux einen Vlaemen aus dem Schloß, der bei ihm saß.
„Nun, er besagt, daß der schwarze Löwe von Flandern seine Klauen in den Halbmond der Sarazenen geschlagen und Graf Boudewyn zum Kaiser gemacht hat.“
„Hört mal, Vlaeme,“ rief Leroux Breydel zu, „Ihr müßt doch zugeben, daß der schreckliche schwarze Löwe vor dem Lilienbanner unseres mächtigen Fürsten, Philipps des Schönen, fliehen mußte; jetzt ist er sicher für immer tot.“
Meister Jan lächelte und antwortete mit verächtlichem Spott:
„Das Lied hat noch einen Schlußvers, hört nur:
Fragt nun, was das bedeutet!“
Als Leroux sich den Sinn dieser Worte hatte erklären lassen, warf er heftig seinen Sessel um, schenkte seinen Becher bis zum Rande voll und rief:
„So will ich denn doch mein Leben lang eine feige Memme sein, wenn ich Euch nicht den Hals breche, falls Ihr noch ein Wort sagt!“
Jan Breydel lachte spöttisch bei dieser Drohung und antwortete:
„Schwört nicht solche Sachen, Ihr macht die Rechnung ohne den Wirt. Denkt Ihr, ich werde vor Euch schweigen? Vor allen Franzosen der Welt würde ich auch nicht ein einziges Wort unterdrücken. Und, um Euch das zu beweisen, trinke ich auf die Ehre des Löwen, – und ich verachte die Franzosen, hört Ihr es?“
„Kameraden,“ sagte Leroux wutbebend, „laßt mich allein mit dem Vlaemen kämpfen, er soll durch meine Hand sterben.“
Dann trat er an Breydel heran und sprach:
„Ihr lügt! Es lebe die Lilie!“
„Ihr selbst lügt! Und Heil dem schwarzen Löwen von Flandern!“ schrie Breydel ihm ins Gesicht.
„Kommt heran,“ fuhr der Franzose fort, „Ihr seid stark; ich will Euch beweisen, daß die Lilie vor keinem Löwen zu weichen braucht. Wir kämpfen bis auf den Tod!“
„Versteht sich, aber laßt uns schnell machen. Es freut mich, einen mutigen Feind gefunden zu haben; das ist der Mühe wert!“
Schon waren sie außerhalb des Kruges und schritten zwischen den Bäumen hin. Als sie einen bequemen Platz gefunden hatten, trat jeder einen Schritt zurück, und beide richteten sich zu einem furchtbaren Kampfe. Breydel warf seinen Dolch auf die Erde und streifte die Ärmel seines Wamses bis zu den Schultern auf; seine muskelstrotzenden Arme setzten die Söldner in Erstaunen, die abseits standen, um das Ringen mit anzusehen. Da Breydel keine andere Waffe als den Dolch hatte, warf Leroux seine Waffen ebenfalls von sich. Er wandte sich zu seinen Kameraden und sprach:
„Achtung, was auch geschehen mag, ich will nicht, daß man mir hilft. Dieser Kampf muß ehrlich abgemacht werden, denn mein Gegner ist ein tapferer Vlaeme.“
„Seid Ihr fertig?“ rief Breydel.
„Ich bin bereit!“ war die Antwort.
Nun zogen die Kämpfer die Köpfe zwischen die Schultern, die Augen blitzten unter den gefalteten Brauen, Zähne und Lippen preßten sich hart zusammen, und so stürzten sie wie zwei rasende Stiere aufeinander los. Von jeder Seite fiel ein schwerer Faustschlag auf des Gegners Brust, wie ein Hammer auf einen Amboß, und beide Streiter taumelten zurück; aber das entflammte sie zu noch größerer Wut. Sie stießen ein dumpfes Geheul aus und umschlangen sich mit den Armen wie mit zwei eisernen Gürteln; jetzt drückten sie sich gegenseitig mit furchtbarer Gewalt nieder. Arme, Beine, Schenkel – alle Glieder zeigten ungewöhnliche Kraft; denn sie preßten sich furchtbar widereinander, und manchmal stöhnten die Streiter ob der quälenden Quetschungen infolge dieses erbitterten Ringens. Das Feuer der Raserei brannte in ihren grimmen Zügen, und ihrer Augen Weiß war ganz mit Blut unterlaufen. Doch keiner konnte den andern aus seiner Stellung bringen; es war, als wären ihre Füße am Boden festgewurzelt. Breydels Adern waren so geschwollen, daß sie wie Bänder auf seinen Armen lagen. Dampfender Schweiß troff strömend von den Wangen der Kämpfer, und ihr Atem ward kurz und abgerissen. Ihre Brust senkte und hob sich rasch; aber man hörte nichts als einige Flüche, und dazwischen dumpfes Stöhnen.
Nachdem sie solcherart einige Zeit miteinander gerungen hatten, trat der Franzose etwas zurück, umschlang Breydels Hals und drückte ihm den Kopf unwiderstehlich vornüber, so daß er wankte und sich niederbeugte. Leroux ließ ihm keine Zeit, sich aufzurichten. Er benutzte seinen Vorteil – nun noch ein kräftiger Druck, und Breydel mußte seine Knie unter dieser furchtbaren Gewalt beugen.
„Da kniet der Löwe schon,“ rief Leroux und versetzte Breydel einen so entsetzlichen Schlag auf den Kopf, daß dem das Blut aus dem Munde stürzte.
Aber dabei hatte er Breydel mit einer Hand loslassen müssen. Als er eben die Hand reckte, um dem Vlaemen den Garaus zu machen, sprang dieser auf und wich drei Schritt zurück. Schnell, wie der Blitz, schnellte er brüllend auf den Franzosen los und umfaßte ihn mit solcher Wut, daß ihm die Rippen im Leibe krachten. Aber auch der schlang seine Glieder wie Schlangen um Breydels Körper mit einer Kraft, die noch durch Übung und Gewohnheit gesteigert wurde. Der junge Vlaeme fühlte, daß sich seine Beine unter den Knien des Franzosen bogen und den Grund verloren. Dies anhaltende Ringen, darin er zum erstenmal in seinem Leben seinen Mut zuschanden werden sah, war ihm qualvoller als die Hölle. Schaum trat auf seine Lippen, und er wurde ganz toll vor Wut; plötzlich riß er sich von dem Franzosen los, senkte sein Haupt gegen die Brust und warf sich ihm entgegen. Wie eine Sturmramme gegen eine Mauer stieß Breydels Stirn gegen die Brust seines Feindes, also daß dieser wankend zurückwich und nun auch ihm das Blut aus Nase und Mund stürzte. Ehe er sich wieder erholen konnte, fiel des Vlaemen Faust wie ein Stein zerschmetternd auf sein Haupt, und er stürzte mit einem Schmerzensschrei zu Boden.
„Ihr habt des Löwen Klauen gespürt,“ keuchte Breydel.
Die Söldner, welche diesem Ringen beiwohnten, hatten ihren Genossen durch Worte und Zurufe ermutigt, sich jedoch in den Kampf nicht weiter eingelassen. Während sie den röchelnden Leroux vom Boden aufhoben, verließ Breydel langsamen Schrittes den Platz und kehrte in das Wirtshaus zurück. Er verlangte einen anderen Krug Bier und tat mehrere Züge, um seinen Durst zu löschen. Er saß eine Weile an dem Tisch, und seine Müdigkeit begann zu schwinden, als sich die Tür hinter seinem Rücken auftat. Ehe er sich umdrehen konnte, um zu sehen, wer hereinkam, ward er von starken Männern gepackt und zu Boden geworfen. In einem Augenblick wimmelte das ganze Haus von bewaffneten Franzosen. Breydel kämpfte lange mit nutzloser Anstrengung gegen seine Feinde. Macht- und kraftlos blieb er endlich still liegen und betrachtete die Franzosen mit giftigem Blick wie einer, der töten will oder den Tod erwartet. Gar mancher Söldner bebte beim Anblick des dahingestreckten Vlaemen; denn während sein Leib regungslos am Boden lag, rollten seine flammenden Augen so gar stolz und drohend, daß die Herzen der Umstehenden banges Ahnen durchschauerte.
Ein Ritter, dem man an der Kleidung den Anführer ansehen konnte, näherte sich Breydel vorsichtig. Er befahl, ihn in jeder Bewegung zu hindern, und sagte zu dem Vlaemen:
„Wir kennen uns schon längst, schändlicher Bursch! Im Walde von Wijnendaal habt Ihr den Schildknappen des Herrn von Châtillon erschlagen und uns Ritter mit dem Messer zu bedrohen gewagt. Nun untersteht Ihr Euch wieder, auf dem Grund und Boden meines Rechtsgebieters einen meiner besten Leute zu ermorden. Euch soll nach Euren Taten geschehen; noch heute soll man Euch einen Galgen auf den Mauern von Male errichten, damit die Brügger Meuterer sich an Euch ein Beispiel nehmen.“
„Ihr seid ein Verleumder!“ rief Breydel, „ich habe ehrlich um mein Leben gekämpft, und wenn Ihr mich nicht mit verräterischer Gewalt daran hindert, so würde ich Euch beweisen, daß ich keine Reue habe!“
„Ihr habt Frankreichs Wappen zu lästern gewagt!“
„Ich habe den schwarzen Löwen meines Vaterlandes gerächt und würde es wieder tun. Aber laßt mich nicht wie einen geschlachteten Ochsen hier auf dem Boden liegen, – oder ermordet mich auf der Stelle. Ich werde mich geduldig führen lassen.“
Ohne ihn loszulassen, ließen ihn die Söldner auf Befehl Saint-Pols aufstehen, und man brachte ihn mit aller Vorsicht an die Tür. Der gefangene Vlaeme ging langsam zwischen den Kriegsknechten vorwärts; zwei der stärksten hielten ihn an den Armen, vier andere gingen vor und hinter ihm, so daß es ihm unmöglich war, zu entwischen. Das war aber auch nicht seine Absicht. Getreu seinem Versprechen leistete er nicht den geringsten Widerstand. Während die Söldner dann mit dem Gefangenen des Weges schritten, ergingen sie sich in höhnenden Scherzen über ihn. Breydel erfaßte ob ihres Spottes eine unaussprechliche Wut, und innerlich wünschte er sich den Tod. Doch er bekämpfte seine leidenschaftliche Aufwallung, bis einer zu ihm sagte:
„Hört mal, schöner Vlaeme, wenn Ihr morgen am Strick so lieblich vor uns tanzt, werden wir die Raben von Eurer Leiche fortjagen.“
Der Obmann der Fleischer warf einen verächtlichen Blick auf den Söldner, der seines Mißgeschickes spottete. Der fuhr fort:
„Betrachtet mich doch nicht immer, verwünschter Klauwaert, oder ich zerschlage Euch das Gesicht.“
„Feigling!“ rief Breydel; „das sieht euch ähnlich! einen gefangenen Feind verhöhnt und verspottet ihr; unedle Mietlinge eines verächtlichen Herrn …“
Ein Backenstreich des Söldners unterbrach ihn. Er schwieg plötzlich und neigte sein Haupt, als ob er den Mut sinken ließe; aber das war es nicht. Furchtbare Wut kochte in seiner Seele, und gleich dem Feuer im Schoße des Vulkans flammte rasende Rachsucht im Herzen des Vlaemen auf. Die Söldner fuhren fort, ihn zu schmähen, und sein Schweigen reizte sie noch mehr. Aber an der Brücke des Schlosses fand ihr Lachen ein jähes Ende, und ihre Gesichter erbleichten vor Angst und Schrecken. Breydel raffte in diesem Augenblick all seine Kräfte, die ihm die Natur so freigebig verliehen hatte, zusammen und riß sich von seinen Wächtern los. Wie ein Leopard stürzte er sich auf die beiden Söldner, die ihn am meisten gereizt hatten, und krallte seine Hände um ihre Kehlen.
„Für Dich, Du Löwe von Flandern, will ich sterben, aber nicht am Galgen, nicht ohne Rache!“
Mit diesen Worten drückte er die Gurgel der Söldner so fest zu, daß ihre Wangen bleich und bleifarben wurden; mit unwiderstehlicher Gewalt schüttelte er die Körper seiner Feinde hin und her und schlug ihre Köpfe mit furchtbarer Kraft widereinander. Durch das Würgen betäubt, leisteten sie keinen Widerstand, und ihre Arme hingen schlaff an ihrem Körper herunter. Die Tat war unbeschreiblich schnell vollbracht. Als die übrigen Franzosen ihre Genossen in Gefahr sahen, liefen sie fluchend herbei. Aber Breydel ließ die Erwürgten zu Boden fallen und floh eiligst davon. Er wurde von den Söldnern bis an einen breiten Graben verfolgt. Gewohnt, auf Wiesen und Weiden seinem Gewerbe nachzugehen, sprang Breydel wie ein Hirsch über das Wasser und lief weiter nach Saint Kruis. Zwei Söldner versuchten es, ihm nachzutun, aber sie fielen bis an den Hals hinein und mußten die Verfolgung aufgeben. – Der Obmann der Fleischer eilte voll Wut nach Brügge und ging stracks nach seiner Wohnung. Er fand nur einen jungen Gesellen dort vor, der sich just anschickte, auszugehen.
„Wo sind meine Gesellen?“ rief Breydel ungeduldig.
„Nun, Meister,“ antwortete der Bursche, „die sind nach dem Pand, denn die Fleischer sind eiligst zusammengerufen.“
„Was ist denn wieder geschehen?“
„Ich weiß nicht recht, Meister, aber der Stadtbote hat vor dem Rathaus einen Befehl verlesen, daß alle Bürger, welche ihren Lebensunterhalt mit ihrer Hände Arbeit gewinnen, jede Woche am Samstag einen Silberpfennig von ihrem Arbeitslohn an die Zollknechte zahlen müssen. Es heißt allgemein, dies sei die Veranlassung zu der Zunftversammlung, die der Obmann der Weber angeordnet hat.“
„Bleib du hier und schließe den Laden,“ hieß ihn Breydel; „sage meiner Mutter, daß ich diese Nacht nicht nach Hause komme. Sie braucht sich nicht zu ängstigen.“
Er nahm sein gewohntes Beil von der Wand. Als er es unter seinem Wams verborgen hatte, verließ er seine Wohnung und begab sich nach dem Pand seiner Zunft. Sobald er in den Saal trat, verbreitete sich ein freudiges Gemurmel unter den Gesellen, und sie riefen:
„Ha! Da ist Breydel, unser Obmann.“
Jeder, der einstweilen seinen Platz eingenommen hatte, stand auf und bot ihm den großen Sessel an. Aber Breydel setzte sich nicht wie gewöhnlich an das obere Ende, sondern nahm einen kleineren Stuhl und ließ sich mit bitterm Lächeln darauf nieder.
„O meine Brüder,“ rief er, „kommt, reicht mir die Hand, denn ich habe eure Freundschaft nötig. Mir und unserer Zunft ist heute eine tiefe Schmach widerfahren.“
Meister und Gesellen drängten sich um Breydels Sessel. Nie hatten sie eine so tiefe Bestürzung und Betrübnis an ihm bemerkt; er schien unsagbaren Folterqualen zu erliegen. Aller Augen richteten sich fragend auf ihn; nach einem tiefen Seufzer fuhr er fort:
„Ihr echten Söhne von Brügge habt nun schon zu lange mit mir diese Schmach erduldet, auch ihr könnt die Sklaverei nicht ertragen. Aber, o Himmel, wüßtet ihr, was mir heute widerfahren ist, so würdet ihr wie Kinder weinen. O über die unerhörte Schande! Ich wage nicht, es auszusprechen, die Schmach quält mich zu sehr.“
Schon waren die gebräunten Gesichter all dieser Männer von Wut gerötet. Noch kannten sie nicht den Grund ihres Zornes, und doch ballten sie schon krampfhaft die Fäuste und stießen furchtbare Flüche aus.
„Hört,“ fuhr Breydel fort, „und erliegt nicht der Scham. Hört wohl, tapfere Brüder! Die Franzosen haben euren Obmann ins Gesicht geschlagen, und diese Wange ist durch einen schmählichen Backenstreich entehrt.“
Unbeschreiblich war die Wut, die den Fleischern bei diesen Worten aufstieg. Unerhörtes Rachegebrüll stieg zur Decke des Saales empor, und jeder schwur bei sich, diese Schmach zu rächen.
„Und womit“, fragte Breydel, „wäscht man solchen Schandfleck ab?“
„Mit Blut!“ schrien alle.
„Ihr versteht mich, Brüder,“ fuhr der Obmann fort, „ja, Blut allein kann mich rächen. Wisset denn, daß die Besatzung des Schlosses Male mich also behandelt hat. Sprecht denn mit mir: Morgen soll die Sonne kein Schloß von Male mehr finden!“
„Sie soll es nicht mehr finden!“ wiederholten alle Fleischer mit wilder Rachegier.
„Kommt,“ sprach Breydel, „laßt uns gehen. Jeder kehrt nach seiner Wohnung zurück, macht sich bereit und nimmt sein bestes Beil. Besorgt euch womöglich auch andere Waffen und Gerätschaften, denn wir müssen das Schloß ersteigen. Gegen elf Uhr in der Nacht werden wir uns alle im Elsterbusch hinter Saint Kruis zusammenfinden.“
Nachdem er den Ältesten noch einige besondere Anordnungen erteilt hatte, verließ er den Pand, und auch seine Genossen gingen bald heim. Noch ehe jene Stunde auf dem Turm von Saint Kruis geschlagen hatte, konnte man nächtlings beim schwachen Scheine des zunehmenden Mondes zwischen den Bäumen und auf allen Pfaden um das Dorf einen Haufen Menschen erblicken. Alle eilten derselben Richtung zu und verschwanden einer nach dem andern im Elsterbusch. Einige von ihnen trugen Armbrüste, andere Keulen; doch die meisten hatten keine sichtbaren Waffen. Jan Breydel stand in der Mitte des kleinen Gehölzes und beratschlagte mit den Meistern der Zunft, von welcher Seite man den Angriff auf das Schloß wagen sollte.
Endlich einigten sie sich, den Graben neben der Brücke mit Holz zu füllen. Dann wollte man versuchen, die Mauer zu übersteigen. Der Obmann ging rastlos zwischen den vielen Gesellen umher, die damit beschäftigt waren, Stauden und kleine Bäume umzuhauen und in Bündel zu binden. Sobald er sich überzeugt hatte, daß es ihnen nicht an Leitern fehle, gab er den Befehl zum Aufbruch. Die Fleischer verließen das Gehölz, um Schloß Male zu zerstören.
Den Chroniken zufolge waren es ihrer siebenhundert; und dennoch waren sie so einig in ihrer Rachegier, daß sich nicht ein einziger unvorsichtiger Laut aus dieser Menge vernehmen ließ. Man hörte nur das Rascheln des Reisigs, das man nachschleifte, und das Bellen der Hunde, die von dem ungewohnten Geräusch aufgeschreckt wurden. Einen Bogenschuß vom Schlosse blieben sie stehen, und Breydel ging mit einigen Gesellen voraus, um die Feste zu erkunden. Die Torwache hatte das Geräusch ihrer Schritte gehört; so lauschte sie, da sie noch im Zweifel war, mit größerer Aufmerksamkeit und kam auf den Wall heraus.
„Warte,“ sprach einer der Gesellen Breydels, „ich werde den lästigen Wächter da einmal heimschicken.“
Damit spannte er seine Armbrust und zielte auf die Schildwache. Er erreichte sein Ziel, doch der Pfeil zersplitterte an dem Panzer des Franzosen. Der lief, durch diesen Schlag erschreckt, zurück und schrie aus voller Kraft:
„Frankreich! Der Feind! Zu den Waffen! Zu den Waffen!“
„Vorwärts, Genossen!“ rief Breydel. „Vorwärts! Hierher mit den Bündeln!“
Die Fleischer warfen einer nach dem andern ihre Bündel in den Graben; bald war er hinlänglich ausgefüllt, um über ihn hin wie über eine Brücke zum Fuß der Mauer gelangen zu können. Die Leitern wurden angesetzt, und ein Teil der Vlaemen erstieg die Mauer, ohne Gegenwehr zu finden. Auf den Ruf der Schildwache war die Besatzung aus den Betten gesprungen, und in wenigen Augenblicken waren mehr denn fünfzig bekleidet und gewappnet. Die Zahl verstärkte sich rasch. Besser noch als der Ruf der Wache hatte das Geschrei der Fleischer die Schlafenden geweckt.
Jan Breydel befand sich mit nur dreißig seiner Gesellen innerhalb des Schlosses, als eine große Schar Ritter und Söldner gegen ihn anstürmte. Anfangs fiel gar mancher Fleischer; denn da sie keine Panzerhemden hatten, konnte nichts die Pfeile der Franzosen hemmen. Doch das dauerte nicht lange; in kurzer Zeit waren alle Vlaemen innerhalb der Mauern.
„Seht, Brüder,“ rief Breydel, „ich beginne das Schlachten! Mir nach!“
Wie sich ein Pflug selbst eine Spur in die Erde gräbt, so bahnte sich Breydel einen Weg durch die Franzosen. Jeder Schlag mit seinem Beil kostete einem Feind das Leben, und das Blut seiner Schlachtopfer strömte in Bächen von seinem Wams. Wütend wie er warfen sich die anderen Vlaemen von allen Seiten auf die Söldner, und ihr Jauchzen übertönte das Todesgeschrei der Franzosen.
Während solcherart im Vorhof und auf den Wällen gekämpft wurde, hatte der Burgvogt, Herr von Saint-Pol, in aller Eile einige Pferde satteln lassen. Als man ihm verkündete, daß keine Hoffnung mehr wäre, und daß die meisten Söldner erschlagen seien, ließ er das Tor öffnen. Dann wurde mit Gewalt ein weinendes Mädchen aus dem Gebäude geschleppt, und nachdem sie in den Armen eines Söldners auf einem der Pferde Platz gefunden hatte, durchschwammen alle Reiter den Graben und verschwanden zwischen den Bäumen des Waldes. Es war den Franzosen unmöglich, der Gewalt der Fleischer zu widerstehen, zumal ihnen letztere an Zahl überlegen waren. Eine Stunde später war keiner mehr in Male, der nicht sein Leben auf vlaemischem Boden empfangen hatte. Man durchsuchte über zwei Stunden mit Fackeln alle Gemächer und Keller des Schlosses, doch traf man nirgends mehr einen Feind, denn wer nicht getötet worden war, hatte sich durch's Nottor ins Freie geflüchtet.
Nachdem sich Breydel von einem Diener des Schlosses genau alle Räume hatte zeigen lassen, nahm er mit Recht an, daß die Jungfrau Machteld fortgeführt war. Nun überließ er sich ganz seiner Wut und steckte das herrliche Schloß an allen vier Ecken in Brand. Während die Flammen zum Himmel aufloderten und schon ein großer Teil der Mauern krachend zusammenstürzte, hieben die Fleischer Bäume, Brücken und alles, was vernichtet werden konnte, nieder, bis das Schloß ein Bild gänzlicher Zerstörung darbot. Die Glocken der umliegenden Dörfer läuteten Brand, und die Bauern verließen ihre Hütten, um das Feuer zu löschen, aber es war zu spät. Von der gräflichen Burg stand nichts mehr als die vier glühenden Mauern.
Ja, ja, mag denn die morgige Sonne vergebens nach dem Schloß von Male suchen!
Da nunmehr die Rache vollzogen war, kamen die Fleischer wieder zusammen und verließen die Brandstätte mit siegesfrohem Gesang: sie sangen das Lied vom schwarzen Löwen.