Aber die Umstehenden antworteten nicht so rasch, wie er es wünschte, und so rief er:
„Meine Herren, es scheint Euer Edeln zu befremden, einen Fuchs unter dieser Kutte zu finden, und doch habe ich schon zwei Jahre darin verbracht.“
„Willkommen, willkommen, teurer Freund Dietrich!“ riefen die Edeln wie aus einem Mund; „wir dachten, Ihr wäret längst tot!“
„Dann könnt ihr Gott danken, daß ich wieder auferstanden bin,“ erwiderte Dietrich der Fuchs; „aber nein, ich war nicht tot, unsere gefangenen Brüder und Herr van Nieuwland können es bezeugen. Ich habe sie alle getröstet, denn als ein Wanderpriester durfte ich die Gefangenen besuchen; Gott vergebe mir das Latein, das ich gesprochen habe. Ja, ja, meine Herren, lacht nicht, ich habe Latein gesprochen. Ich bringe Nachrichten von all unseren unglücklichen Landsleuten für ihre Blutsverwandten und Freunde.“
Einige der Ritter wollten ihn über das Schicksal der Gefangenen ausfragen; aber er verweigerte jede Antwort und fuhr fort:
„Um Gottes willen! fragt mich jetzt nicht darüber. Ich habe euch viel Wichtigeres zu erzählen. Hört und zittert nicht; denn ich bringe euch traurige Kunde. Ihr habt das Joch abgeschüttelt und eure Freiheit erkämpft; ich bedauere, daß ich dem Feste nicht habe beiwohnen können. Ehre sei euch, ihr edeln Ritter und Bürger, die ihr das Vaterland befreit habt. Ich kann euch versichern: wenn die Vlaemen binnen vierzehn Tagen keine neuen Ketten tragen, werden ihnen alle Teufel der Hölle die Freiheit nicht wieder rauben können; aber daran zweifle ich noch stark.“
„So erklärt Euch denn, Herr Dietrich, erklärt Euch näher und erschreckt uns nicht durch unverständliche Worte.“
„Nun denn, so sage ich euch: vor der Stadt Rijssel lagern zweiundsechzigtausend[32] Franzosen.“
„Zweiundsechzigtausend!“ wiederholten die Ritter und blickten einander erschrocken an.
„Zweiundsechzigtausend!“ wiederholte auch Breydel, während er erfreut die Hände rieb, „o Gott, welch schöne Herde!“
De Coninck senkte sein Haupt und verfiel in tiefes Sinnen; dieses war immer das erste, was der kluge Obmann der Weber in schwierigen Fällen tat. Dann berechnete er rasch die Gefahr und die Mittel, ihr zu begegnen.
„Ich versichere euch, meine Herren,“ nahm Dietrich wieder das Wort, „es sind ihrer mehr denn zweiunddreißigtausend Reiter und wohl ebensoviel Fußknechte. Sie rauben und brennen, als ob sie sich dadurch den Himmel verdienen sollten.“
„Seid Ihr dieser schlimmen Kunde auch ganz gewiß,“ fragte Gwijde ängstlich, „hat Euch der, der es Euch sagte, nicht getäuscht, Herr Dietrich?“
„Nein, nein, edler Gwijde, ich habe es mit eigenen Augen gesehen, habe selbst gestern abend in dem Zelt des Seneschalls Robert d'Artois gespeist. Er hat mir auf seine Ehre geschworen, daß der letzte Vlaeme von seiner Hand sterben solle. Seht nun, was Ihr tun könnt. Ich meinesteils werde schleunigst einen Harnisch anlegen; und müßte ich auch allein gegen die zweiundsechzigtausend verwünschten Franzosen kämpfen, ich würde keinen Schritt zurückweichen; ich mag Flanderns Sklaverei nicht mehr länger mit ansehen.“
Jan Breydel konnte sich keinen Augenblick stillhalten; ständig waren Arme und Beine in Bewegung. Hätte er nur zu sprechen gewagt; aber die Ehrfurcht vor den anwesenden Herren hielt ihn zurück. Gwijde und die anderen Edeln sahen einander in ratloser Betrübnis an. Zweiunddreißigtausend geübter Reiter, das schien ihnen zu viel, um Widerstand leisten zu können. Im vlaemischen Heere waren nur die fünfhundert Reiter, die Gwijde mitgebracht hatte. Was vermochte diese kleine Anzahl gegen die furchtbare Masse der Feinde?
„Was sollen wir tun,“ fragte Gwijde, „wie sollen wir jetzt das Vaterland retten?“
Einige waren der Meinung, man müsse sich in der Stadt Brügge einschließen, bis das französische Heer aus Mangel an Lebensmitteln abziehen würde; andere wieder wollten gerade dem Feinde entgegenziehen und ihn nachts überfallen. Es wurden noch verschiedene Vorschläge gemacht, aber die meisten als unvorteilhaft, die übrigen als undurchführbar verworfen.
De Coninck stand noch immer gesenkten Hauptes sinnend da; er lauschte wohl auf das, was da gesagt wurde, aber das hinderte ihn nicht an weiterem Nachdenken.
Endlich fragte ihn Gwijde, welche Mittel er angesichts solcher bedenklichen Lage vorschlagen könne.
„Edler Herr,“ antwortete De Coninck, „wäre ich Befehlshaber, so würde ich mich folgendermaßen verhalten: Ich würde in aller Eile mit den Zünften nach Kortrijk ziehen, um den Kastellan van Lens zu verjagen – dann würden die Franzosen diese Stadt nicht als Ausgangspunkt für ihre Pläne benutzen können. Wir aber hätten eine sichere Unterkunftsstätte für die Frauen und Kinder und auch für uns selbst; denn Kortrijk mit seinem Kastell ist stark, während Brügge, so wie es jetzt ist, nicht einen einzigen Sturm aushalten kann. Ich würde noch in dieser Stunde dreißig Boten zu Pferde mit der Nachricht von der Ankunft des Feindes in alle Städte Flanderns senden und alle Klauwaerts nach Kortrijk berufen. Desgleichen würde ich Herrn van Renesse und Herrn Wilhelm von Jülich dorthin bitten. Auf diese Weise, edler Graf, davon bin ich überzeugt, werden binnen vier Tagen dreißigtausend streitbare Vlaemen im Lager sein, und dann brauchen wir die Franzosen nicht so sehr zu fürchten.“
Die Ritter lauschten in feierlicher Stille; sie bewunderten den ungewöhnlichen Mann, der in so wenig Augenblicken einen allgemeinen Kriegsplan entworfen hatte und ihnen jetzt so treffliche Maßregeln darlegte. Obgleich sie die Tüchtigkeit des Obmanns kannten, kostete es sie doch Mühe, sich zu überzeugen, daß ein Weber, ein Mann aus dem gemeinen Volke, soviel Geist besaß.
„Ihr habt mehr Verstand als wir alle zusammen,“ rief Dietrich, „ja, ja, so muß es geschehen! Wir sind stärker, als wir glaubten: nun wendet sich das Blatt. Ich glaube, die Franzosen werden ihr Kommen noch bereuen.“
„Ich danke Gott, daß er Euch diesen Gedanken eingegeben hat, Meister De Coninck,“ fuhr der junge Graf fort, „Eure guten Dienste sollen nicht unbelohnt bleiben. Ich werde Eurem Rate folgen; er zeugt von großer Weisheit. Meister Breydel, ich hoffe, Ihr werdet die Leute, die Ihr uns versprochen habt, auch herbeischaffen.“
„Achttausend habe ich gesagt, edler Graf,“ entgegnete Breydel; „nun gut! jetzt sage ich zehntausend. Ich will nicht, daß auch nur ein einziger Geselle oder Lehrjunge in Brügge bleibe. Jung und alt, alles muß mit. Ich werde schon sorgen, daß uns die Franzosen nicht auf einmal über den Haufen rennen; und diese Obmänner, meine Freunde, werden das auch tun, das weiß ich.“
„Fürwahr, edler Herr,“ riefen die Obmänner einstimmig, „es soll niemand fehlen, denn alle brennen auf den Kampf!“
„Die Zeit ist zu kostbar, um uns noch länger aufzuhalten,“ sprach Gwijde, „geht nun schnell, eure Zünfte zu versammeln; binnen zwei Stunden werde ich für den Kriegszug bereit sein und an der Spitze eurer Scharen auf dem Freitagsmarkte stehen. Geht, ich bin mit eurer Bereitwilligkeit und eurem Mute zufrieden.“
Alle verließen den Saal. Gwijde sandte sofort zahlreiche Boten nach allen Richtungen mit Befehlen für die Edelleute aus, die dem Vaterland treu geblieben waren; desgleichen schickte er auch Herrn Wilhelm von Jülich die Botschaft, daß er mit Herrn Jan van Renesse nach Kortrijk kommen müsse.
Die schreckliche Kunde verbreitete sich in kurzer Zeit durch die ganze Stadt. In dem Maße sie von einem zum anderen ging, vergrößerte das Gerücht die Zahl der Feinde gar wundersam; bald waren die Franzosen über hunderttausend Mann stark. Man kann sich denken, wie zagend und ängstlich die Frauen und Kinder dem nahenden Unheil entgegenblickten! In allen Straßen sah man weinende Mütter, die ihre zitternden Töchter voll Liebe und Mitleid umarmten. Die Kinder jammerten, weil sie ihre Mütter weinen sahen, und zitterten, ohne die drohende Gefahr ganz zu begreifen. Die schmerzlichen Klagen und die Todesangst in den Zügen dieser schwachen Wesen stachen seltsam von der kühnen, trotzigen Haltung der Männer ab.
Von allen Seiten kamen die Zünfte mit ihren Waffen herangelaufen. Das Rasseln der eisernen Platten, die einige umgehängt hatten, klang klirrend in das Ohr und verschwamm mit dem furchtbaren Spottgesang der geängstigten Frauen und Kinder: Wehe! wehe! Wenn einige Männer sich in der Straße begegneten, blieben sie wohl einen Augenblick stehen, um einige Worte miteinander zu wechseln und sich zum Siegen oder Sterben zu ermutigen. Hier und da sah man, wie ein Vater vor der Tür seiner Wohnung Frau und Kind umarmte; aber dann trocknete er bald die Tränen und verschwand pfeilgeschwind in der Richtung zum Freitagsmarkt. Die Frau blieb noch lange auf der Schwelle stehen und starrte nach der Ecke, hinter der der Vater ihrer Kinder verschwunden war. Das Lebewohl schien ihr ein Abschied auf ewig gewesen zu sein, und Tränen rannen über ihre Wangen; dann hob sie ihre schluchzenden Kinder vom Boden auf und lief verzweifelt ins Haus zurück.
In kurzer Zeit standen schon die Zünfte in langen Reihen auf dem Freitagsmarkt versammelt. Breydel hatte sein Versprechen erfüllt. Zwölftausend Gesellen von den verschiedenen Zünften hatte er unter sich. Die Beile der Fleischer blinkten wie Spiegel im Sonnenlicht und blendeten den Zuschauer. Über der Schar der Weber ragten zweitausend Goedendags mit ihren eisernen Spitzen empor; auch eine Abteilung Bogenschützen war darunter. Gwijde stand in der Mitte des Platzes, etwa zwanzig edle Ritter um ihn. Er wartete auf die Rückkunft der Boten, die man nach allen Karren und Pferden ausgeschickt hatte, die in der Stadt aufzutreiben waren. Ein Weber, den De Coninck auf den Glockenturm geschickt hatte, kam in diesem Augenblick mit der großen Fahne von Brügge auf den Markt. Kaum wurden die Zunftleute des blauen Löwen gewahr, da stieg ein hinreißendes Jubelgeschrei aus ihren Scharen empor. Unaufhörlich wiederholten sie denselben Ruf, der in der blutigen Nacht das Zeichen der Rache gewesen war:
„Vlaenderen den Leeuw! Wat Walsch is, valsch is!“
Und dann schwangen sie ihre Waffen, als ob sie ihren Feinden bereits gegenüberständen.
Als das Gepäck des Heeres auf die Wagen geladen war, ertönten die schmetternden Klänge der Trompeten, und die Bürger verließen mit wehenden Fahnen durch das Genter Tor ihre Stadt. Da die Frauen sich ohne jeden Schutz sahen, packte sie die Angst noch mehr. Jetzt war ihnen, als ob sie nur noch den Tod zu erwarten hätten.
Nachmittags verließ Machteld die Stadt mit all ihren Dienern und Frauen, und diese Abreise brachte viele auf den Gedanken, daß sie in Kortrijk sicherer würden wohnen können. Rasch packten sie alles ein und zogen, nachdem sie ihre Häuser verschlossen hatten, mit ihren Kindern zum Genter Tor hinaus.
Solcherart zogen unzählige Familien nach Kortrijk, und ihre bitteren Tränen netzten das Gras, das am Rande des Weges grünte.
In Brügge ward es so still wie im Grab.
Es war dunkle Nacht, als Gwijde mit ungefähr sechzehntausend Mann in Kortrijk anlangte. Die Einwohner waren durch vorausgesandte Reiter benachrichtigt worden; sie standen gar zahlreich auf den Wällen der Stadt und empfingen ihren Landesherrn bei Fackelschein mit frohem Jauchzen. Sobald sich das Heer innerhalb der Mauern aufgestellt hatte, brachten die Kortrijker alle nur möglichen Lebensmittel heran. Ganze Fässer Wein schenkten sie an ihre ermüdeten Brüder aus, blieben die ganze Nacht mit ihnen auf den Wällen und umarmten sie in ihrer Freude einmal übers andere. Während dieser Beweise brüderlicher Liebe gingen eine ganze Menge den ermatteten Kindern und Frauen auf dem Wege entgegen, um ihnen die Last des Gepäcks abzunehmen. Manche dieser schwachen Wesen, die sich die Füße wund gelaufen hatten, wurden auf den breiten Schultern der hilfreichen Bürger Kortrijks zur Stadt getragen. Alle wurden beherbergt und sorglich gepflegt und getröstet. Die Dankbarkeit der Kortrijker und ihre innige Freundschaft steigerte den Mut der Brügger gewaltig; denn allezeit wird der Menschen Geist durch edle Gefühle gehoben.
Machteld und Maria, die Schwester Adolfs van Nieuwland, und eine große Anzahl anderer Edelfrauen aus Brügge waren bereits einige Stunden in Kortrijk, ehe das Heer anlangte; sie waren bei ihren Bekannten abgestiegen und hatten für das Unterkommen der Ritter bei ihren Blutsverwandten und Freunden Sorge getragen, so daß die Edelleute, die Gwijde begleiteten, bei ihrer Ankunft die Abendmahlzeit schon bereit fanden.
Am nächsten Morgen besichtigte Gwijde in aller Frühe mit einigen vornehmen Einwohnern der Stadt die Festungswerke des Kastells und fand zu seiner großen Betrübnis, daß es nicht ohne große Sturmwerkzeuge erobert werden könnte. Die Mauern waren zu hoch, und aus den Trümmern, die darob emporragten, konnten die Belagerer mit zuvielen Pfeilen überschüttet werden. Nachdem er alles vorsichtig bedacht hatte, beschloß er, keinen tollkühnen Sturm zu wagen, der ihm zum mindesten tausend Mann hätte kosten können. Er gebot, Sturmrammen und Falltürme zu bauen und das in der Stadt befindliche Kriegswerkzeug herbeischaffen. Dies bestand aus einigen Ballisten und ganz wenigen „Blijden“[33]. So konnte man erst nach fünf Tagen daran denken, das Kastell zu bestürmen. Dieser Verzug war übrigens den Kortrijkern nicht mehr so schlimm; denn seit der Ankunft des vlaemischen Heeres hatte die französische Besatzung damit aufgehört, Brandpfeile auf die Stadt zu schleudern. Wohl sah man die Besatzung vor den Schießscharten der Türme mit ihren Armbrüsten bereit stehen, aber sie schoß nicht. Den Vlaemen war der Grund unbekannt; sie glaubten, daß eine List dahinter steckte und hielten ihrerseits sehr scharfe Wacht. Jeder Angriff war von Gwijde verboten worden; er wollte nichts wagen, ehe seine Sturmwerkzeuge bereit waren und er des Sieges gewiß sein konnte. Der Kastellan van Lens war in äußerster Not; seine Bogenschützen hatten nur noch wenige Pfeile übrig, und daher gebot ihm die Vorsicht, sie für einen Angriff aufzusparen. Auch waren die Vorräte so zusammengeschrumpft, daß er der Besatzung nicht mehr als die Hälfte der gewöhnlichen Ration geben konnte. Er hoffte, daß die Wachsamkeit der Vlaemen etwas nachlassen und er so Gelegenheit finden würde, einen Boten nach Rijssel in das französische Lager zu senden.
Arnold van Oudenaarde, der einige Tage zuvor mit dreihundert Mann den Kortrijkern zu Hilfe gekommen war, hatte sich unter den Wällen der Stadt auf dem Groeninger Kouter nicht weit von der Abtei gelagert. Dieser Platz war für ein allgemeines Lager sehr günstig und wurde in dem Kriegsrat, den Gwijde zusammengerufen hatte, auch für diesen Zweck bestimmt. Schon am anderen Tage, während die Zunft der Zimmerleute an den Sturmwerkzeugen arbeitete, wurden die anderen Vlaemen aus der Stadt geführt, um die Gräben des Lagerplatzes auszuwerfen. Die Weber und die Fleischer bekamen jeder eine Hacke und einen Spaten und machten sich eifrig ans Werk. Die Verschanzungen stiegen wie durch Zauberei empor, das ganze Heer wetteiferte bei der Arbeit, man stritt sich förmlich darum. Die Spaten und Hacken wurden so rasch gehandhabt, daß man ihnen mit den Augen nicht folgen konnte, und große Erdschollen flogen in Massen auf die Verschanzung, gleich den zahllosen Steinen, die eine belagerte Stadt auf den Feind wirft.
Sowie ein Teil der Erdarbeiten vollendet war, kamen andere Leute und spannten dort ihre Zelte auf. Von Zeit zu Zeit ließen die Arbeiter ihre Werkzeuge in der Erde stecken und erkletterten hastig die Verschanzung. Dann hallte ein allgemeiner Willkommgruß über dem Lager, und der Ruf: „Vlaenderen den Leeuw! Vlaenderen den Leeuw!“ klang noch aus der Ferne als Antwort wieder. Dies geschah jedesmal, wenn Beistand aus anderen Städten herankam.
Das vlaemische Volk hatte seine Edeln doch etwas mit Unrecht der Treulosigkeit und Feigheit beschuldigt; freilich hatten sich viele von ihnen offen für Frankreich erklärt; aber die Zahl der treugebliebenen war dennoch größer als die der Abtrünnigen. Zweiundfünfzig der vornehmsten vlaemischen Ritter saßen in Frankreich gefangen, und gewiß war es nur die Liebe zum Vaterland und zu ihrem Fürsten, die sie ins Gefängnis gebracht hatte. Die anderen treuen Edelleute, die in Flandern lebten, hielten es für unrühmlich, mit einem aufrührerischen Volke gemeinsame Sache zu machen. Turnier und Schlachtfeld allein waren würdige Stätten für ihre Waffentaten. Die Sitten jener Zeit hatten diese Meinung in ihnen gefestigt, denn damals war der Abstand zwischen einem Ritter und einem Bürger so groß, wie jetzt zwischen dem Herrn und seinem Diener. Solange sich der Kampf innerhalb der Mauern der Städte und unter dem Befehl der Volksführer abspielte, blieben sie auf ihren Kastellen und trauerten über die Unterdrückung des Vaterlands. Jetzt aber, da Gwijde als Feldherr über seine Untertanen gebot, kamen sie alle mit ihren Untergebenen aus ihren Herrschaften herbeigeeilt.
Am Morgen des ersten Tages langten die Herren Balduin van Papenrode, Hendrik van Raveschoot, Ivo van Belleghem, Salomon van Sevecote und Herr van Maldeghem mit seinen zwei Söhnen zu Kortrijk an. Gegen Mittag stieg wirbelnd eine ungeheure Staubwolke in der Richtung von Moorseele über dem umliegenden Wald empor. Während die Brügger in ihren Verschanzungen laut aufjauchzten, zogen fünfzehnhundert Mann von Veurne in die Stadt, an ihrer Spitze der berühmte Krieger Eustachius Sporkijn. Eine große Ritterschar, der sie unterwegs begegnet waren, begleitete sie; die vornehmsten darunter waren: Herr Johann van Ayshoven, Wilhelm van Dakenam und sein Bruder Peter, Herr van Landeghem, Hugo van der Moere und Simon van Caestere. Auch Johann Willebaert van Thourout hatte sich mit einigen Reitern dem Befehl Sporkijns unterstellt. Fast jeden Augenblick kamen einzelne Reiter in das Lager, ja selbst Angehörige anderer Länder oder Grafschaften, die sich eben in Flandern befanden, zauderten nicht, zur Befreiung Flanderns mitzuwirken. So waren Hendrik van Lonchijn aus Luxemburg, Goswijn van Goetsenhove und Jan van Cuyck, zwei edle Brabanter, bereits bei Gwijde, als die Leute von Veurne in die Stadt kamen. All diese Truppen zogen sofort, nachdem sie in Kortrijk etwas erfrischt worden waren, ins Lager und wurden dem Befehl des Herrn van Renesse unterstellt.
Am zweiten Tag eilten die Yperner heran. Obgleich sie die eigene Stadt bewachen mußten, mochten sie doch nicht zugeben, daß Flandern ohne ihr Zutun befreit würde. Ihre Truppen waren weitaus die schönsten und reichsten ringsum: fünfhundert Keulenträger, ganz in Scharlach gekleidet, mit schönen Federn auf ihren glänzenden Helmen, zudem mit kleinen Brustplatten und Kniescheiben, die im Sonnenschein erglänzten; siebenhundert andere Leute trugen ungewöhnlich große Armbrüste mit stählernen Federn; sie waren grün mit gelber Verzierung gekleidet. Bei ihnen befanden sich folgende Herren: Jakob van Ypern, Waffenträger des Grafen Jan van Namen, Dietrich van Vlamertinghe, Josef van Hollebeke und Balduin van Passchendale; die Anführer waren Philipp Baalde und Peter Belle, die Vorsteher der beiden vornehmsten Zünfte von Ypern. Am Nachmittag kam die übrige Bevölkerung von der Ost- und Westgrafschaft aus den Dörfern, die rund um Brügge herum lagen, zweihundert wohlgerüstete Krieger.
Am dritten Tage kam vormittags Wilhelm von Jülich mit Jan van Renesse von Kassel zurück, und mit ihnen trafen fünfhundert Reiter, vierhundert Seeländer und noch eine Anzahl Brügger im Lager ein.
Die einberufenen Ritter und Vertreter der Städte hatten sich fast sämtlich eingestellt, und alle möglichen Waffengattungen befanden sich unter Gwijdes Befehl. Die Freude der Vlaemen während dieser Tage war unaussprechlich; jetzt sahen sie, daß ihre Landsleute noch nicht entartet waren, daß es noch mutige Männer in ihrem Vaterland gab. Schon waren an einundzwanzigtausend tapferer Krieger unter dem Banner des schwarzen Löwen versammelt, und noch strömten unaufhörlich kleine Abteilungen herzu.
Obgleich die Franzosen ein Heer von zweiundsechzigtausend Mann hatten, davon die Hälfte beritten war, konnte in den Herzen der Vlaemen nun keine Furcht mehr Platz finden. In ihrer Begeisterung ließen sie bisweilen ihre Arbeit liegen, um einander zu umarmen, und dann sprachen sie so zuversichtlich, als ob ihnen der Sieg nicht entgehen könnte.
Gegen Abend, just als sie mit ihren Spaten in die Zelte gehen wollten, erhob sich aufs neue der Ruf: „Vlaenderen den Leeuw!“ von den Mauern Kortrijks. Alle liefen nach der Verschanzung zurück, um zu sehen, was da vorging, und antworteten dann mit lauter, froher Stimme auf den Ruf der Kortrijker. Sechshundert Reiter trabten, ganz mit Eisen bedeckt, unter allgemeinem Jubel in das Lager. Dieser Zug kam von Namur und war durch den Grafen Johann, Bruder Robrechts van Bethune, nach Flandern gesandt worden.
Durch das Eintreffen dieser Hilfstruppen stieg noch die Freude der Vlaemen; denn gerade an Reiterei litten sie den größten Mangel. Obgleich sie wohl wußten, daß die Leute von Namur sie nicht verstanden, riefen sie ihnen Grüße zum Willkomm entgegen und brachten ihnen Wein in Überfluß. Als die fremden Krieger dieser großen Freundschaft gewahr wurden, fühlten auch sie in sich Gegenliebe erwachen und schwuren, ihr Blut für so gute Leute zu vergießen.
Nur die Stadt Gent hatte den Aufruf noch nicht beantwortet; nicht ein einziger Geselle war von dorther nach Kortrijk gekommen. Man wußte schon längst, daß es in Gent von Leliaerts wimmelte und der Magistrat ganz französisch gesinnt war; trotzdem waren dort siebenhundert französische Söldner erschlagen worden, und Jan Borluut hatte seinen Beistand zugesagt. In dieser Ungewißheit erhoben zwar die Vlaemen im Lager gegen ihre Brüder von Gent noch nicht laut den Vorwurf der Verräterei, doch der Argwohn gegen sie war recht stark.
Am Abend, als die Sonne schon hinter dem Dorfe Moorseele gesunken war, hatten sich alle Arbeiter in ihre Zelte zurückgezogen. Hie und da ertönte Gesang. Bisweilen war er vom Klingen der Kannen unterbrochen, und sein Schlußvers wurde von vielen Stimmen jauchzend wiederholt. In anderen Zelten hörte man wildes Stimmengewirr. Nur der Ruf: „Vlaenderen den Leeuw!“ verriet, daß die Sprechenden sich gegenseitig Mut machten und überschäumende, ungezügelte Worte der Begeisterung austauschten. In der Mitte des Lagers etwas abseits von den Zelten brannte ein großes Feuer, das seinen roten Glanz weithin verbreitete. Etwa zehn Leute waren damit beschäftigt, es zu unterhalten; man sah sie hin und wieder große Baumstämme heranschleppen und hörte bisweilen, wie ein Anführer ihnen zurief:
„Vorsichtig, Leute! Hört auf, und schürt das Feuer nicht zu arg; jagt die Funken nicht so hoch über das Lager hinaus!“
Einige Schritt von diesem Feuer stand das Zelt der Lagerwache. Es bestand aus einem Dach, das mit Ochsenhäuten überdeckt war. Sein Fachwerk ruhte auf acht schweren Balken; die vier Seiten waren offen, damit man das Lager nach allen Richtungen übersehen könnte.
Jan Breydel mußte mit fünfzig seiner Leute während der Nacht Wache halten. Sie saßen alle auf kleinen hölzernen Stühlen rund um einen Tisch unter dem Dache, das sie vor Tau und Regen schützte; ihre Beile blitzten im Widerschein des Feuers und glimmten in ihren Händen auf, als ob sie glühende Waffen wären. Man konnte im Finstern die von ihnen ausgestellten Wachen auf- und abschreiten sehen. Vor ihnen auf dem Tisch standen ein großer Krug Wein und einige zinnerne Kannen, und obgleich ein Trunk ihnen nicht versagt war, so konnte man dennoch merken, daß sie sehr mäßig tranken. Denn nur selten führten sie die Kannen zum Munde. Sie lachten und schwatzten heiter, um die Zeit zu verbringen, und sprachen schon im voraus von den schönen Schlägen, die sie den Franzosen beibringen wollten.
„Nun soll mal einer sagen,“ rief Breydel, „daß die Vlaemen ihren Vätern nicht gleichen, wenn sich ein Heer, wie das unsrige, aus freiem Willen versammelt! Jetzt mögen die Franzosen nur kommen mit ihren zweiundsechzigtausend Mann! Je mehr Wild, desto besser die Jagd. Sie sagen, wir wären ein Haufen schlechter Hunde; aber sie mögen Gott bitten, daß sie nicht gebissen werden. Die Hunde haben gute Zähne.“
Die Fleischer lachten herzlich über die scherzenden Worte ihres Obmannes und blickten dabei auf einen greisen Gesellen, dessen grauer Bart sein hohes Alter bezeugte. Einer von ihnen rief ihm zu:
„Ihr, Jakob, werdet sie wohl nicht mehr beißen können!“
„Wenn meine Zähne auch nicht so gut sind wie die Eurigen,“ brummte der alte Fleischer, „so habe ich doch ein Beil, welches schon lange ans Beißen gewöhnt ist. Ich möchte wohl zwanzig Maß Wein auf die Wette wagen, wer von uns beiden die meisten Franzosen zur Hölle sendet.“
„Es gilt,“ rief der andere, „wir wollen sie zusammen austrinken; ich gehe und hole sie.“
„Oho!“ rief Breydel, „wollt ihr euch wohl still verhalten! Trinkt morgen; denn das sage ich euch: den ersten von euch, der sich betrinkt, lasse ich in Kortrijk einsperren; er soll am Kampfe nicht teilnehmen.“
Diese Drohung übte eine wundersame Wirkung auf die Fleischer aus; die Worte erstarben auf ihren Lippen, und keiner von ihnen rührte auch nur mehr ein Glied. Einzig der alte Fleischer wagte noch zu sprechen.
„Beim Barte unseres Obmanns!“ rief er, „wenn mir das widerführe, dann ließ ich mich lieber noch am Feuer braten, wie das einst dem heiligen Laurentius geschehen ist. Denn solch ein Fest werde ich nie weder erleben.“
Breydel merkte, daß seine Drohung der ganzen Wache Furcht und Betrübnis einjagte; dies war ihm nicht recht, da er selbst freudig gestimmt war. Um ihnen ihre Heiterkeit wiederzugeben, ergriff er den Krug, füllte die Kannen und sprach:
„Nun, Leute, weshalb schweigt ihr jetzt? Da, nehmt und trinkt, damit euch der Wein die Sprache wiedergibt. Es ist mir leid, daß ich mit euch so gesprochen habe. Ich kenne euch ja und weiß, daß echtes Fleischerblut in euren Adern strömt! Nun denn, auf euer Wohl, Genossen!“
Nun war plötzlich die Freude zurückgekehrt, und das Schweigen endete mit anhaltendem Gelächter, da sie inne wurden, daß die Drohung ihres Obmannes nur Scherz gewesen war.
„Trinkt nur,“ fuhr Breydel fort, indem er seinen Becher füllte, „diesen Krug will ich euch darangeben, ihr mögt ihn bis zum Grunde leeren. Für eure Freunde, die auf Wache stehen, soll ein anderer herbeigeschafft werden. Jetzt, da wir sehen, daß aus allen Städten Hilfe herbeieilt und wir so stark werden, können wir uns dieses Glückes wohl freuen.“
„Ich trinke einen Verachtungsschluck auf die Genter,“ rief ein Geselle; „wir wissen schon längst, daß man sich auf einen zerbrochenen Stab stützt, wenn man ihnen vertraut. Aber das hat nichts zu sagen; mögen sie nur zu Hause bleiben, dann hat eben unsere Stadt Brügge allein die Ehre des Kampfes und der Befreiung.“
„Sind etwa die Genter Vlaemen wie wir?“ spottete ein anderer, „schlägt ihr Herz auch für die Freiheit? Und wohnen auch wohl Fleischer in Gent? Es lebe Brügge! Da ist der echte Stamm.“
„Oho!“ rief Breydel, „zu Gent wohnt ein Mann, der ein Löwenherz zu eigen hat. Ist Jan Borluut nicht in der ganzen Welt bekannt? Ich bin überzeugt, wollte er die Sache genau untersuchen, so würde er finden, daß seine Voreltern Fleischer waren oder doch so etwas der Art; denn Herr Jan gleicht einem Genter, wie ein Stier einem Schaf.“
Die Fleischer brachen von neuem in schallendes Gelächter aus; sie begriffen sehr gut, daß ihr Obmann damit sagen wollte, die Genter wären Schafe.
„Und ich weiß nicht,“ fuhr Breydel fort, „weshalb Herr Gwijde ihre Ankunft überhaupt wünscht; wir haben keinen solchen Überfluß an Lebensmitteln im Lager, daß wir uns noch mehr Esser zu der Mahlzeit rufen brauchen. Glaubt der Feldherr vielleicht, wir würden das Spiel verlieren? Da merkt man so recht, daß er in Namur gewohnt hat, er kennt die Brügger nicht, sonst würde er nicht nach den Gentern verlangen. Wir haben sie nicht nötig. Sie mögen daheim bleiben, wir werden unsere Sachen schon ohne sie erledigen, und zudem ist es ja doch nur wankelmütiges Volk!“
Als ein echter Brügger liebte Breydel die Genter nicht. Zwischen den beiden ersten Städten Flanderns herrschte seit ihrem Ursprung her eine gewisse Eifersucht. Nicht, daß die eine etwa mutigere Leute besaß als die andere; aber beide waren arbeitsam und suchten einander den Handel zu rauben und an sich zu ziehen. Noch heute besteht dieser Haß zwischen den Einwohnern von Gent und Brügge; so schwer ist es, dem gemeinen Volke ererbte Gefühle zu nehmen, daß sich diese Eifersucht trotz aller Umwälzungen bis auf uns erhalten hat.
Solcherart fuhr Breydel fort, mit seinen Genossen zu schwatzen, und manch höhnisches Scheltwort fiel gegen die Genter, bis diese Frage ganz erschöpft war und das Gespräch auf einen anderen Stoff überging. Plötzlich wurde die Aufmerksamkeit durch ein Geräusch geweckt; sie hörten ein paar Schritte hinter dem Zelt einen Wortwechsel, wie wenn sich zwei Männer stritten. Alle standen auf, um zu sehen, was da sein mochte; aber ehe sie noch das Zelt verlassen hatten, kam schon ein Fleischer, der auf Wache gestanden hatte, mit einem anderen Menschen herbei, den er gewaltsam vorwärts riß.
„Meister,“ sagte er, während er den Fremdling in das Zelt stieß, „hinter dem Lager habe ich diesen Minstrell entdeckt; er ging an alle Zelte, lauschte und schlich wie ein Fuchs durch die Finsternis; ich bin ihm lange gefolgt und habe ihn beobachtet. Sicher steckt dahinter Verrat, denn seht nur, wie der Schelm zittert!“
Der Mann, den man in das Zelt gebracht hatte, war mit einem blauen Wams bekleidet, eine Mütze mit einer Feder bedeckte sein Haupt. Ein langer Bart beschattete sein halbes Gesicht. In der linken Hand hielt er ein kleines Instrument, das fast einer Harfe glich, als ob er darauf vor der Gesellschaft ein Liedchen spielen wollte. Er zitterte vor Furcht, und sein Gesicht war so bleich, als ob er am Sterben sei; sichtlich suchte er sich den Blicken Jan Breydels zu entziehen, denn er wandte das Haupt nach der anderen Seite, damit jener seine Züge nicht erblicken sollte.
„Was habt Ihr in dem Lager zu tun,“ rief Breydel, „weshalb lauscht Ihr an den Zelten? Antwortet rasch!“
Der Sänger antwortete in einer Sprache, die hochdeutsch zu sein schien, und weckte dadurch die Vermutung, daß er in irgend einem anderen Landesteile zu Hause wäre.
„Meister, ich komme von Luxemburg und habe dem Herrn van Lonchijn zu Kortrijk eine Botschaft gebracht. Man hat mir gesagt, einer meiner Brüder wäre im Lager, und ich war hergekommen, um ihn zu suchen. Ich bin ängstlich und fürchte mich, weil die Schildwache mich für einen Spion angesehen hat; aber ich hoffe, ihr werdet mir nichts zuleide tun.“
Breydel, der Mitleid mit dem Sänger empfand, sandte die Schildwache zurück, wies dem Fremdling einen Stuhl und meinte:
„Ihr müßt von einer so langen Reise ermüdet sein. Da, mein schöner Sänger, setzt Euch her, trinkt – diese Kanne ist für Euch. Ihr müßt uns einige Lieder vorsingen, und wir wollen Euch einschenken. Habt Mut, Ihr befindet Euch unter guten Leuten.“
„Vergebt mir, Meister, ich kann nicht hierbleiben, denn Herr van Lonchijn wartet auf mich. Ich hoffe, daß Ihr mich nicht dem Wunsche dieses edlen Ritters zuwider länger aufhalten werdet!“
„Erst ein Lied!“ riefen die Fleischer; „er kommt nicht fort, ehe er ein Lied gesungen hat!“
„Macht rasch,“ rief Breydel; „wenn Ihr uns nicht das Vergnügen gewähren wollt, einige Lieder zu hören, dann halte ich Euch bis morgen hier. Hättet Ihr gleich gutwillig damit angefangen, so wäret Ihr schon fertig damit. Singt, ich befehle es Euch!“
Die Furcht des Sängers steigerte sich angesichts dieses strengen Befehls; nur mit Mühe konnte er die Harfe in den Händen halten, denn er bebte so, daß die Saiten des Instruments seine Kleider streiften und davon erklangen. Dies kitzelte die Lust der Fleischer noch mehr.
„Wollt Ihr spielen oder singen?“ rief Breydel; „wenn Ihr nicht eilt, so ergeht's Euch schlecht!“
Zu Tode erschrocken, griff der Sänger mit seinen zitternden Händen in die Harfe. Aber er brachte nur falsche, wirre Töne hervor. Nun merkten die Fleischer, daß er nicht spielen konnte.
„Er ist ein Spion,“ rief Breydel, „entkleidet ihn und seht nach, ob er nichts bei sich trägt.“
In einem Augenblick waren ihm die Oberkleider vom Leibe gerissen, und wenngleich er flehentlich um Gnade bat, wurde er bei dieser Untersuchung von einer Ecke in die andere gestoßen.
„Hier habe ich's!“ rief ein Fleischer, der mit der Hand zwischen das Wams auf der Brust des Unbekannten gegriffen hatte, „hier ist der Verrat!“
Als er die Hand aus dem Wams hervorzog, hielt er darin ein Pergament. Es war in drei- oder vierfaches Wachstuch gewickelt, und daran hing ein Siegel, das mit Flachs umwunden war, um es vor dem Zerbrechen zu schützen. Der Sänger stand zitternd da, als hätte er den Tod vor Augen; während er den Vorsteher ängstlich ansah, murmelte er einige unverständliche Worte, welche die Fleischer aber nicht hörten.
Jan Breydel ergriff das Pergament, und nachdem er es entfaltet hatte, starrte er es lange Zeit an, ohne daß ihm dadurch die mindeste Aufklärung wurde.
Damals konnten außer den Geistlichen nur wenige lesen, selbst fast alle Edelleute lebten noch in größter Unwissenheit.
„Was ist das, Ihr Schelm?“ rief Breydel.
„Es ist ein Brief des Herrn van Lonchijn …“ stammelte der angebliche Sänger abgebrochen.
„Warte,“ fuhr Breydel fort, „das werde ich bald sehen.“
Er nahm seinen Dolch und schnitt den um das Siegel gewundenen Flachs ab. Kaum ward er der Lilien des Wappens von Frankreich ansichtig, da sprang er voll Wut auf, packte den Unbekannten beim Bart, schleifte ihn daran hin und her und rief dabei:
„Ist das ein Brief des Herrn van Lonchijn, Ihr Verräter? Nein, es ist ein Brief des Kastellans van Lens, und Ihr seid ein Spion. Ihr sollt eines bitteren Todes sterben, Ihr Bösewicht!“
Bei diesen Worten zog er mit solcher Gewalt an dem Bart des Spions, daß die Bänder rissen, mit denen er am Kopfe befestigt war; nun erkannte Breydel sein Gesicht. Er stieß ihn mit solchem Ingrimm zurück, daß er gegen einen Pfeiler des Zeltes taumelte.
„O Brakels! Brakels! Eure letzte Stunde ist gekommen!“ rief Breydel, als ob ihn ein Gespenst erschreckte.
Der alte Fleischer, den man ob seiner schlechten Zähne verspottet hatte, sprang auf Brakels zu, griff ihn mit den Händen bei der Kehle und preßte ihn wider den Pfeiler, gegen den ihn Breydel geworfen hatte. Die Augen seines Opfers verdrehten sich in den Höhlen; denn unter dem Griff des Fleischers ging dem Verräter der Atem aus. Er wäre fast erwürgt worden, wenn er nicht durch seine Bemühungen, sich loszureißen, von Zeit zu Zeit Luft bekommen hätte. Das Geschrei der Fleischer hatte viele geweckt; die strömten nun aus allen Zelten neugierig herbei. Der eine kam ohne Koller, der andere ohne Wams. Kaum vernahmen sie die Ursache des Lärms, da verlangten sie wütend, daß man ihnen Brakels überliefern solle.
„Gebt ihn uns,“ schrien sie, „sein Blut, sein Leben!“
Breydel nahm den alten Fleischer bei den Schultern, schob ihn von Brakels weg und rief:
„Besudelt Euch nicht mit dem Blute dieses Verräters! Er ist zu verächtlich, sonst wäre er bereits durch meine Hand getötet worden.“
„Nein,“ rief der Fleischer, sein Beil erhebend, „ich muß an diesem Spiel meine Freude haben. Man tut ein verdienstliches Werk, wenn man einen Landesverräter erschlägt. Laßt mich, Meister, ich bitte Euch um Gottes willen; nur einen Schlag.“
„O Meister, habt doch Mitleid mit mir … ich werde dem Vaterland getreulich dienen … tötet mich doch nicht!“
Breydel betrachtete ihn voll Wut und tiefer Verachtung, setzte ihm einen Fuß in die Seite und schleuderte ihn plötzlich bis in die andere Ecke des Zeltes. Inzwischen hatten die Fleischer die größte Mühe, die Menge zurückzuhalten, die voll Rachsucht das Zelt umringte.
„Gebt ihn uns,“ rief die wütende Schar, „ins Feuer, ins Feuer!“
„Ich will nicht,“ sprach Breydel mit gebieterischem Blick zu seinen Leuten, „daß das Blut dieser Schlange eure Beile beflecke. Er soll dem Volke ausgeliefert werden.“
Der Befehl war noch nicht ausgesprochen, als schon ein Mann aus der Schar hervortrat und Brakel eine Schnur um den Hals warf; dann rissen sie den Verräter rücklings über und schleiften ihn aus dem Zelte. Seine bangen Schreie verschmolzen mit dem stürmischen Jauchzen der Menge. Nachdem sie ihn rund um das Lager geschleift hatten, kamen sie unter johlendem Geheul zu dem Feuer und zogen ihn vier-, fünfmal durch die Glut, bis er ganz unkenntlich geworden war. Dann setzten sie ihren Lauf wieder fort und verschwanden mit dem leblosen Körper in der Finsternis. Lange noch hörte man ihr Geschrei in der Ferne, und noch lange zerrten sie die Leiche des Verräters, bis sie schließlich eine Stunde später ganz verstümmelt an einem Galgen beim Feuer zur Schau aushing. Dann kehrten alle in ihre Zelte zurück, und tiefe Stille folgte diesem schrecklichen Lärm.
Gwijde hatte Befehl gegeben, daß sich das ganze Heer, eine jegliche Rotte unter ihrem Anführer, am anderen Morgen auf dem Groeninger Kouter vor dem Lager einfinden sollte; er wollte eine allgemeine Musterung halten.
Gemäß diesem Befehle hatten sich die Vlaemen auf dem bestimmten Platz geschickt in einem Viereck aufgestellt, gleich vier Grundmauern eines Gebäudes. Jede Rotte bestand aus acht geschlossenen Gliedern; die viertausend Weber De Conincks bildeten das vordere Ende des rechten Flügels. Das erste Glied seiner Abteilung bestand aus Schützen, die ihre schweren Armbrüste über die Schulter gehängt hatten, während eiserne Pfeile in einem Köcher an ihrer Seite hingen. Sie hatten keine andere Schutzwaffe als eine dicke eiserne Platte, die ihnen mit vier Riemen vor die Brust gebunden war. Über sechs tieferen Gliedern starrten Tausende von Speeren zehn Fuß hoch empor. Diese Waffe, der berüchtigte Goedendag, wurde von den Franzosen am meisten gefürchtet, denn mit ihr konnte man ein Pferd sehr leicht durchbohren. Kein Harnisch schützte gegen ihren gewaltigen Stich, jeder Ritter, der davon getroffen wurde, fiel unfehlbar aus dem Sattel.
Auf demselben Flügel standen auch die schweren Truppen von Ypern; ihr vorderstes Glied bestand aus fünfhundert kräftigen Leuten, deren Kleidung von einem so hellen Rot wie das der feinsten Korallen war; von ihren glänzenden Helmen wallten wehende Federbüsche auf die Schultern herab, große Keulen, mit stählernen Spitzen beschlagen, standen mit dem dicken Ende neben ihrem Fuße, während ihre Hand am Griffe ruhte; ihre Arme und Schenkel waren mit kleinen eisernen Platten bedeckt. Die übrigen Leute dieser trefflichen Schar waren alle in Grün gekleidet; ihre stählernen Bogen ragten entspannt über ihre Köpfe hinaus. Der linke Flügel bestand lediglich aus den zehntausend Kriegern Breydels. An der einen Seite blendeten die unzähligen Beile der Fleischer die Augen der anderen Kriegsknechte, die auch ständig den Kopf abwendeten; denn die Glut der Sonne, die aus diesen stählernen Spiegeln zurückstrahlte, brachte sie in die Gefahr, zu erblinden. Die Fleischer waren nicht kunstvoll gekleidet; kurze braune Hosen und Jacken von gleicher Farbe bildeten ihren ganzen Anzug; die Ärmel waren bis an den Ellenbogen aufgestreift. Das war ihre gewöhnliche Art, denn sie waren auf ihre kräftigen Muskeln stolz. Viele hatten blondes Haar, aber sie waren von der Sonne ganz verbrannt. Lange Narben aus früheren Gefechten zogen sich wie tiefe Furchen über ihr Gesicht. Für sie waren es Lorbeeren, die ihre Tapferkeit bezeugten. Die Züge Breydels stachen auffallend gegen diese düsteren, unheimlichen Wesen ab; während die meisten seiner Genossen durch ihren furchtbaren Ausdruck Schrecken einflößten, war Breydels Gesicht angenehm und edel: schöne blaue Augen flammten unter fein gezogenen Augenbrauen, lange blonde Locken fielen über seinen Hals, und sein Bart verlängerte das schöne Oval seines Gesichts. Jetzt, da er heiter und zufrieden war, berührten seine Züge angenehm; aber wenn ihn der Zorn hinriß, hätte kein Löwenhaupt das seine an Furchtbarkeit übertroffen; dann furchten sich seine Wangen, seine Zähne knirschten ingrimmig, und seine Brauen ballten sich buschig über den Augen.
Im dritten Flügel standen die Leute von Veurne mit den Waffenknechten Arnolds van Oudenaarde und Balduins van Papenrode. Die Zünfte von Veurne hatten tausend Schleuderer und fünfhundert Helmschläger. Die ersteren standen in den vordersten Gliedern und waren ganz in Leder gekleidet, damit die Schleuder beim Schwingen an der Kleidung kein Hindernis fände. Um ihre Lenden wand sich ein breiter lederner Schlauch wie ein Gürtel; darin lagen die runden Kiesel, die sie auf den Feind warfen. An ihrer rechten Hand hing ein lederner Riemen mit einer Öffnung in der Mitte: das war die Schleuder, eine furchtbare Waffe, mit der sie ihren Feind so genau zu treffen wußten, daß die schweren Steine, die sie gegen ihn schleuderten, selten ihr Ziel verfehlten. Hinter ihnen standen die Helmschläger; sie waren ganz mit eisernen Platten bedeckt und trugen schwere Sturmhauben auf dem Kopf. Ihre Waffe war eine Streitaxt mit einem langen Stiel; oben an der Axt war eine dicke eiserne Spitze, mit der sie die Helme und Harnische durchbohrten: darum hießen sie Helmschläger. Die Leute von Oudenaarde und Papenrode, die auf derselben Seite standen, hatten verschiedenerlei Waffen; die beiden ersten Reihen bestanden aber nur aus Bogenschützen. Die anderen hatten Speere, Keulen und Schlachtschwerter.
Den letzten Flügel, der das Viereck schloß, bildete die ganze Reiterei des Lagers, jene elfhundert Mann zu Pferde, die Johann Graf von Namur seinem Bruder Gwijde geschickt hatte. Diese Abteilung war ganz in Eisen und Stahl gehüllt; man konnte nichts sehen als die Augen der Reiter, die aus dem Visier des Helmes hervorblitzten, und die Hufe der Pferde, die aus ihrer eisernen Verhüllung herausragten.
Solcherart war das Heer gemäß dem Befehl des Feldherrn aufgestellt. Größte Stille herrschte in den Scharen; die Kriegsknechte fragten einander wohl, was es geben solle, aber dann sprachen sie so leise, daß es niemand außer ihren Nebenmännern hören konnte.
Gwijde und all die anderen Ritter, welche keine Truppen mitgebracht hatten, wohnten in Kortrijk; das ganze Heer stand bereits einige Zeit in der beschriebenen Aufstellung, als man plötzlich das Banner des Herrn Gwijde unter dem Stadttor hervorkommen sah. Herr van Renesse, der in Abwesenheit des Feldherrn Oberbefehlshaber des Lagers war, rief:
„Die Waffen auf, schließt an! Richtet die Glieder! Ruhe!“
Auf den ersten Befehl des edeln Herrn van Renesse brachte jeder seine Waffe in gehörige Lage; dann nahmen sie näher Fühlung und richteten sich. Kaum war das geschehen, als die Reiterlinie sich öffnete, um den Feldherrn mit seinem zahlreichen Gefolge in das Viereck hineinzulassen.
Voran ritt der Fahnenträger mit dem Banner Flanderns; der schwarze Löwe auf goldenem Felde flatterte leicht neben dem Kopfe des Pferdes und schien den erfreuten Vlaemen seine Krallen wie ein Siegeszeichen zu weisen. Gleich nach ihm kam Gwijde mit seinem Neffen Wilhelm von Jülich. Der junge Feldherr trug einen blinkenden Harnisch, auf dem das Wappen Flanderns kunstreich dargestellt war; seinen Helm schmückte ein schöner Federbusch, der bis auf den Rücken seines Pferdes herabwallte. Auf dem Harnisch Wilhelms von Jülich war ein breites rotes Kreuz. Die weiße Priesterkleidung hing unter seinem Panzerhemd hervor und reichte bis auf den Sattel; sein Helm war ohne Federn und seine ganze Rüstung einfach und ohne Verzierung. Unmittelbar nach diesen durchlauchtigen Herren folgte Adolf van Nieuwland; seine ganze Bewaffnung war äußerst zierlich, überall an den Verbindungsstellen der Schuppen seiner Rüstung waren goldene Knöpfe angebracht. Sein Helmbusch war grün und seine eisernen Handschuhe versilbert. Unter seinem Panzerhemd konnte man einen grünen Schleier hervorhängen sehen, – das Geschenk, das ihm die Tochter des Löwen als Zeichen der Dankbarkeit überreicht hatte. Neben ihm ritt Machteld auf einem schneeweißen Zelter. Die Jungfrau war noch blaß, aber nicht mehr krank. Die Ankunft ihres Bruders Adolf hatte ihre Krankheit verscheucht. Ein himmelblaues Reitkleid vom feinsten Samt, mit kleinen silbernen Löwen wie übersät, fiel in leichten Falten über ihre Füße bis zur Erde nieder, und ein seidener Schleier hing von der Spitze ihres Hutes bis auf das Pferd herab.
Dann kamen noch ungefähr dreißig Ritter und Edelfrauen, alle auf das kostbarste gekleidet und so froh und munter, als ob sie irgendeinem Turnier beiwohnen wollten. Endlich folgten vier Schildknappen zu Fuß; die beiden ersten trugen jeder einen reichen Harnisch und ein Schlachtschwert am Arme, die anderen jeder einen Helm und einen Schild. Während die Scharen in feierlicher Stille dastanden, kam der glänzende Zug in die Mitte des Vierecks und machte dort halt.
Gwijde ließ seinen Herold kommen und gab ihm ein Pergament, dessen Inhalt er verkünden sollte.
„Füge den Kriegsnamen ‚Löwe von Flandern‘ hinzu,“ sprach er; „denn das freut unsere guten Leute von Brügge.“
Die Neugier der Kriegsknechte tat sich durch eine augenblickliche Bewegung und die größte Aufmerksamkeit kund; sie sahen wohl, daß hinter all diesen feierlichen Formen ein Geheimnis verborgen sei; denn sicherlich hatten sich die Edeldamen nicht ohne Absicht so reich gekleidet. Der Herold ritt vor, stieß dreimal in die Posaune und rief mit lauter Stimme:
„Wir, Gwijde von Namur, entbieten im Namen unseres Grafen und Bruders Robrecht van Bethune, des Löwen von Flandern, allen, die dieses lesen oder lesen hören, Heil und Frieden. In Anbetracht …“
Plötzlich hielt er inne; ein Murmeln ging durch die verschiedenen Rotten, und während jeder hastig nach seinen Waffen griff, spannten die Schützen ihre Bogen, als ob ihnen irgendeine Gefahr drohte.
„Der Feind! der Feind!“ rief es hier und da.
In der Ferne sah man ein zahlreiches Heer heranrücken; mehrere tausend Mann schritten in dichtgedrängten Scharen vorwärts, und das Ende war nicht abzusehen. Doch war man ungewiß, ob es der Feind wäre oder nicht, da keine Reiterei dabei war. Bald sah man, wie sich ein Reiter von diesem unbekannten Zug ablöste und in vollem Trab auf den Lagerplatz zusprengte. Er hing vornüber auf dem Hals seines Trabers, so daß man ihn nicht erkennen konnte, obgleich er nun schon ganz dicht herangekommen war. Immer mehr nahte er dem erstaunten Heere und rief zugleich:
„Vlaenderen den Leeuw! Vlaenderen den Leeuw! Hier sind die Genter!“
Man erkannte den alten Krieger: ein frohes Jauchzen antwortete seinem Ruf, und sein Name erscholl aus aller Mund:
„Hoch Gent! Heil Herrn Johann Borluut! Willkommen, gute Brüder!“
Als die Vlaemen sahen, daß ihnen ein so unerwarteter Beistand, ein so zahlreiches Heer zu Hilfe kam, da war ihre Freude nicht mehr zu bändigen; die Anführer mußten alles aufbieten, um sie nur in ihren Gliedern zu halten. Sie ergingen sich in ungestümen Bewegungen und tobten vor Freude, als ob sie wahnsinnig wären. Herr Jan Borluut rief ihnen zu:
„Habt Mut, meine Freunde, Flandern wird frei sein. Ich bringe fünftausend wohlbewaffnete, unverzagte Leute.“
Und aufs neue erscholl der Ruf: „Heil, Heil dem Helden von Woeringen! Borluut! Borluut!“
Borluut kam zu dem jungen Grafen und wollte ihn mit höflichen Wendungen begrüßen; aber Gwijde unterbrach ihn:
„Laßt die Redensarten beiseite, Herr Johann, gebt mir die Hand als Freund. Ich bin froh, daß Ihr gekommen seid, Ihr, der Ihr Euer Leben unter dem Harnisch verbracht habt, und dem so tiefe Weisheit innewohnt; ich war schon mißmutig, als ich Euch nicht kommen sah. Ihr habt lange gezaudert …“
„O ja, edler Gwijde,“ war die Antwort, „länger, als ich wünschte, aber die feigen Leliaerts haben mich zurückgehalten. Können Euer Edeln wohl glauben, daß in Gent eine Verschwörung ausgebrochen war, um den Franzosen wieder Eingang in die Stadt zu verschaffen? Sie wollten uns nicht herauslassen, als es galt, unseren Brüdern zu Hilfe zu kommen; aber, Gott sei Dank! das ist ihnen nicht geglückt, denn das Volk haßt und verachtet sie über die Maßen. Die Genter haben den Magistrat auf die Burg gejagt und die Tore der Stadt erbrochen. Dort hinten kommen nun fünftausend unerschrockene Männer, die es ebensosehr nach dem Kampf wie nach einer Mahlzeit verlangt: sie haben heute noch keinen Bissen Brot gegessen.“
„Ich dachte mir wohl, daß Euch große Hindernisse zurückhielten, und fürchtete schon, Ihr würdet nicht kommen.“
„Wie, edler Gwijde, ich hätte nicht in Kortrijk sein sollen? Ich, der ich mein Blut für Fremde vergossen habe, ich sollte meinem Vaterland in der Not nicht beistehen? Das sollen die Franzosen erfahren! Ich fühle mich, als wäre ich keine dreißig Jahre alt! Und meine Leute erst, o Himmel! Wartet nur, edler, Herr, bis die blutige Stunde gekommen ist, und achtet dann auf den weißen Löwen von Gent, wie Ihr da die Franzosen werdet fallen sehen.“
„Ihr erfreut mich, Herr Borluut. Auch unsere Leute sind allesamt ebenso mutig, ebenso unverzagt; wenn wir im Kampf unterliegen sollten, würden nicht viele Vlaemen nach Hause zurückkehren, das versichere ich Euch!“
„Verlieren, sagt Ihr? Verlieren, Herr Gwijde? Das glaube ich nicht, dafür sind unsere Leute zu guten Mutes. Und Breydel erst! Der Sieg steht ihm auf dem Gesicht geschrieben. Seht, edler Herr, ich möchte meinen Kopf verwetten: wenn man Breydel gehen ließe, würde er mit seinen Fleischern durch die zweiundsechzigtausend Franzosen durchbrechen, wie man durch ein Kornfeld dringt. Gott und der heilige Georg werden uns beistehen, hofft nur alles Gute; aber nun entschuldigt mich, Herr Gwijde, mein Heer ist angelangt. Ich verlasse Euch für einen Augenblick.“
Die Genter schritten schon ganz ermattet und mit Staub bedeckt auf den Groeninger Kouter; bei starker Sonnenglut waren sie in schnellem Marsch dahergeeilt. Man sah bei ihnen all die verschiedenen Waffengattungen, die wir bereits beschrieben haben. An der Spitze trabten etwa vierzig Edle hoch zu Roß; es waren fast lauter Freunde des alten Kriegers Jan Borluut: Herr van Leerne, Jan van Coyeghem, Balduin Steppe, Simon Bette, Paul van Severen und sein Sohn, Jan van Aerseele, Junker van Vijnkt, Thomas van Vuselaare, Jan van Mechelen, Wilhelm und Robrecht Wenemaer und noch viele, viele andere. Mitten über diesem Heere flatterte das Banner von Gent mit seinem weißen Löwen. Die Brügger, die nun fühlten, wie ungerecht ihre Schmähungen gegen die Genter gewesen waren, riefen immer wieder: „Willkommen! Willkommen, Brüder! Heil Gent!“
Jan Borluut stellte inzwischen seine Leute in regelmäßigen Abteilungen vor dem linken Flügel des Vierecks auf; er wollte seine tapferen Genter gleichsam zur Schau stellen, damit sich die Brügger überzeugen sollten, daß sie ihnen auch in der Liebe zum Vaterland nicht nachstanden. Auf Befehl Gwijdes verließ er dann den Lagerplatz und rückte in Kortrijk ein, um seine Leute gut unterzubringen, so daß sie die nötige Ruhe genießen konnten.
Sobald die Genter abgezogen waren, trat Johann van Renesse vor und rief: „Die Waffen auf! Still!“
Der Zug, der sich in die Mitte des Heeres begeben hatte, nahm seinen vorigen Platz wieder ein. Alles schwieg auf Befehl des Herrn van Renesse und lauschte aufmerksam dem Herold, der die drei Posaunenstöße wiederholte und dann mit lauter Stimme las:
„Wir, Gwijde von Namur, entbieten im Namen unseres Grafen und Bruders Robrecht van Bethune, des Löwen von Flandern, allen, die dieses lesen oder lesen hören, Heil und Frieden!
„In Anbetracht der guten und treuen Dienste, die dem Lande von Flandern und uns selbst von Meister De Coninck und Meister Breydel aus Brügge erwiesen worden sind;
„willens, ihnen beiden, mit Wissen all unserer Untertanen, einen Beweis unserer Gunst zu geben;
„willens auch, ihre edelmütige Liebe zum Vaterland zu belohnen, wie es sich geziemt und gehört, auf daß ihre treuen Dienste bleiben mögen in ewigem Gedächtnis und Andenken;
„also unser Graf und Vater, Gwijde von Flandern, uns die Macht dazu gegeben hat, tun zu wissen:
„Peter De Coninck, Obmann der Wollweber, und Jan Breydel, Obmann der Fleischer, aus unserer guten Stadt Brügge, und ihre Nachkommen bis in ewige Zeiten, sind und sollen bleiben von edelm Blute; genießen die Vorrechte, in deren Genuß die Lehnsherren in unserem Lande von Flandern sind;
„und damit sie in Ehren hiervon Gebrauch machen können, wird jedem von ihnen ein Zwanzigstel des Zolles in unserer guten Stadt Brügge zum Unterhalt ihrer Häuser zugestanden.“
Ehe noch der Herold geendet hatte, übertönte hallendes Jauchzen der Weber und Fleischer seine Stimme. Die große Gunst, die ihren Obmännern bewiesen worden, war auch ein Lohn für ihre Tapferkeit. Ein Teil dieser Ehre mußte auch auf die Zünfte zurückfallen. Wären sie nicht so fest von der Treue und Liebe ihrer Obmänner gegen das Volk überzeugt gewesen, so hätten sie diese Erhebung ohne Zweifel mit Zorn aufgenommen und als eine politische List der Edeln angesehen. Sie würden gesagt haben: So rauben die Lehnsherren uns die Vertreter unserer Rechte und bringen unsere Obmänner auf ihre Seite. In einem anderen Falle wäre dieser Verdacht vielleicht nicht unbegründet gewesen, denn die Menschen lassen sich gewöhnlich durch Ehrfurcht verleiten. Daher ist es nicht zu verwundern, daß das Volk bitteren Haß gegen diejenigen seiner Brüder hegt, die zu hoch emporsteigen. Denn aus edelmütigen Volksfreunden werden sie schlechte, feige Schmeichler und unterstützen die Macht, die sie erhoben hat. Sie wissen, daß sie mit derselben steigen und fallen müssen, und sehen voraus, daß sie das Volk, das sie verlassen haben, als Überläufer verstoßen und verachten wird.
Die Zünfte von Brügge vertrauten zu fest auf De Coninck und Breydel, um in diesem Augenblick solchen Gedanken Raum zu geben. Ihre Obmänner gehörten jetzt zu den Edelleuten; sie hatten nun zwei Leute, die zum Grafenrat zugelassen wurden und den Feinden ihrer Vorrechte frei entgegentreten, sie offen bekämpfen konnten. Sie fühlten, wie sehr ihre Macht hierdurch wachsen mußte, und gaben sich deshalb der ungetrübtesten Freude hin; ihr Jauchzen hallte so lange fort, bis ihnen die Stimme versagte. Dann schwieg der Lärm, und der Jubel war nur noch in ihren Zügen, an ihren Bewegungen zu erkennen.
Adolf van Nieuwland trat jetzt zu den Obmännern und ersuchte sie, vor den Feldherrn zu treten; sie gehorchten und nahten langsam dem Zuge der Ritter.
In De Conincks Zügen war keine Freude zu lesen. Er kam stattlich und ruhig heran, ohne auch nur die mindeste Erregung zu zeigen. Doch in seinem Herzen herrschte innige Zufriedenheit und edler Stolz. Nur hatte seine gewohnte Vorsicht seine Züge so sehr in die Gewalt bekommen, daß man seine Gefühle nur selten aus ihnen entnehmen konnte. Jetzt wollte er sich seine Unabhängigkeit bewahren; wenn man dann einst von ihm etwas verlangen sollte, das dem Vorteil des Volkes zuwiderlief, so konnte er dem Fürsten sagen: Wer hat Eure Gunst verlangt, was habt Ihr mir denn gegeben, daß Ihr nun Unrechtes von mir fordert? – Anders bei Breydel: der hatte seine Empfindungen nie bezwungen; die geringste Regung, das leiseste Gefühl, das sein Herz bewegte, drückte sich in seinen Zügen aus, und man konnte leicht bemerken, daß eine seiner Tugenden seine große Offenherzigkeit war. Auch konnte er die Tränen, die seinen blauen Augen entströmten, nicht zurückhalten; er beugte sein Haupt, um sie zu verbergen, und stellte sich pochenden Herzens neben seinen Freund De Coninck.
Alle Ritter und Edelfrauen waren abgestiegen und hatten ihre Pferde den Schildknappen übergeben. Gwijde ließ die vier Waffenträger vortreten und bot den Obmännern die überaus kostbare Rüstung dar; der Harnisch wurde ihnen angelegt und der Helm mit der blauen Feder ihnen aufs Haupt geschnallt.
Die Brügger betrachteten diese feierliche Handlung mit ruhiger Aufmerksamkeit. Ihre Herzen waren von Zufriedenheit erfüllt, und sie waren so bewegt, als ob ihnen selbst diese Ehre widerfahren wäre. Als die Obmänner in ihr Gewaffen gekleidet waren, mußten sie das eine Knie zur Erde beugen; dann trat Gwijde vor und erhob sein Schlachtschwert über De Conincks Haupt.
„Herr De Coninck,“ sprach er, „seid ein treuer Ritter, verletzt nie die Ehre und greift nie zum Schwert, es sei denn für Gott, Euer Vaterland und Euren Fürsten.“
Damit versetzte er ihm dem Brauch der Ritterschaft zufolge einen leichten Schlag mit seinem Schlachtschwert. Ebenso wurde Jan Breydel zum Ritter geschlagen. Zu gleicher Zeit trat Machteld aus dem Zug und stellte sich vor die knienden Obmänner; sie nahm die Schilde aus den Armen der Knappen und hing sie um den Hals der neuen Ritter. Viele Zuschauer bemerkten, daß sie den Schild zuerst um Breydels Hals gehängt hatte, und daß dies absichtlich geschehen sein mußte, da sie deshalb einige Schritte seitwärts zu tun hatte.
„Dies Wappen ist ein Geschenk meines Vaters für Euer Edeln,“ sprach sie, mehr zu Breydel hingewandt; „ich weiß, edle Herren, daß ihr sie vor aller Schmach bewahren werdet; ich freue mich, daß ich an der Belohnung eurer Vaterlandsliebe teilnehmen kann.“
Breydel sah die junge Edeldame mit tiefster Dankbarkeit an; seine Augen sprachen den Eid feurigster Zuneigung und Aufopferung. Er würde sich ohne Zweifel der edlen Jungfrau zu Füßen geworfen haben, aber die feierliche Haltung der umstehenden Ritter machte zu großen Eindruck auf ihn; erstaunt, bewegungslos stand er da, ohne zu sprechen.
„Meine Herren, nun könnt ihr zu euren Leuten zurückgehen,“ sprach Gwijde. „Wir hoffen, daß ihr diesen Abend in unseren Rat kommen werdet, wir müssen mit euch eine längere Besprechung haben. Führet nun eure Truppen nach dem Lager zurück.“
De Coninck verbeugte sich leicht und ging fort, und ebenso tat es Breydel; aber kaum hatte sich dieser einige Schritte entfernt, als er schon die Last der Waffen inne wurde, die ihn überall beklemmte; er kehrte hastig zu Gwijde zurück und sprach:
„Edler Graf, ich ersuche Euer Edeln um noch eine Gunst.“
„Sprecht, Herr Breydel, sie soll Euch zugestanden werden.“
„Seht, durchlauchtiger Herr,“ fuhr der Obmann fort, „Ihr habt mir heute eine große Gnade erwiesen, aber Ihr wollt mich doch nicht hindern, gegen unsere Feinde zu streiten?“ Die Ritter kamen näher an Breydel heran, seine Worte versetzten sie in großes Staunen.
„Was wollt Ihr damit sagen?“ fragte Gwijde.
„Daß diese Waffen mich überall beengen und kneifen, Herr Graf! Ich kann mich in dem Harnisch nicht rühren, und dieser Helm lastet so schwer auf meinem Kopfe, daß ich den Hals nicht bewegen kann; ich versichere Euch, daß ich mich in diesem eisernen Kerker totschlagen lassen müßte wie ein gebundenes Kalb.“
„Der Harnisch wird Euch vor den Schwertern der Franzosen schützen,“ bemerkte der Ritter.
„Ja,“ entgegnete Breydel, „dessen bedarf ich aber durchaus nicht. Wenn ich frei bin mit meinem Beil in der Faust, dann fürchte ich nichts. Wahrlich, ich würde da eine schöne Figur machen, steif und unbehilflich! Nein, nein, meine Herren, ich will das nicht am Leibe haben; deshalb, Herr Graf, ersuche ich Euch: erlaubt mir, bis nach dem Kampfe Bürger zu bleiben; später will ich dann mit diesem lästigen Harnisch Bekanntschaft machen.“
„Das mögt Ihr halten, wie es Euch beliebt, Herr Breydel,“ antwortete Gwijde, „dennoch seid und bleibt Ihr ein Ritter.“
„Wohlan!“ rief Breydel erfreut, „dann bin ich der Ritter mit dem Beil! Dank, Dank, durchlauchtiger Herr.“
Mit diesem Ausruf lief er zu seinen Leuten, die ihm durch laute Glückwünsche und allerlei Zurufe ihre Freude bekundeten. Er hatte bereits die ganze Rüstung abgeworfen, noch ehe er die Reihen der Fleischer erreichte. Nur den Wappenschild behielt er, den ihm Machteld um den Hals gehängt hatte.
„Albrecht, mein Freund,“ rief er einem seiner Leute zu, „nimm die Waffen auf und trage sie nach meinem Zelt! Ich will kein Eisen an meinem Leibe tragen, während ihr mit bloßer Brust der feindlichen Waffe entgegengeht; dieser Kirmeß will ich im Fleischergewand beiwohnen. Sie haben mich zu einem Edelmann gemacht, meine Gesellen, aber das ändert nichts an der Sache! Mein Herz ist und bleibt den Fleischern treu, und das werden die Franzosen schon fühlen. Kommt, wir gehen nach dem Lager, ich werde mit euch Wein trinken, wie vorhin, ich schenke euch jedem ein Maß, und dann trinken wir ein Hoch auf den schwarzen Löwen!“
All seine Gesellen wiederholten diesen Ruf; die Glieder kamen etwas in Unordnung, und ungestüm wollten sie sich nach dem Lager zurückbegeben.
„Oho, Leute,“ rief Breydel, „so nicht, jeder in sein Glied, oder wir werden schlechte Freunde.“
Die anderen Abteilungen waren bereits in Bewegung und kehrten beim Schall der Hörner mit fliegenden Fahnen nach der Verschanzung zurück; der Zug der Ritter rückte in das Stadttor und verschwand hinter den Wällen. Bald danach plauderten sämtliche Vlaemen vor ihren Zelten von der Erhebung der Obmänner. Eine große Schar Fleischer saß in weitem Kreise, die Humpen in der Hand, auf dem Boden; große Kannen standen neben ihnen; einstimmig sangen sie das Lied vom schwarzen Löwen. Mitten unter ihnen, auf einer leeren Tonne, saß der geadelte Breydel, der als Vorsänger jeden Vers begann; er trank wiederholt auf die Befreiung des Vaterlandes und suchte durch größere Vertraulichkeit die Änderung seines Standes vergessen zu machen; denn er fürchtete, daß seine Gesellen denken könnten, er wolle ihnen nicht mehr, wie zuvor, ihr Freund und Genosse sein.
De Coninck hatte sich in seinem Zelt eingeschlossen, um den Glückwünschen seiner Weber zu entgehen; die Beweise ihrer Liebe gingen ihm zu nahe, und es wurde ihm zu schwer, diese Rührung zu verbergen; deshalb blieb er den ganzen Tag allein, während das Heer sich der ungetrübtesten Freude hingab.