[1] Auch rückwärts zu lesen.
Die Leute guckten staunend auf den Erzähler. Ein fürwitziger Bursche aber rief: »Ei, Herr Krämer, warum habt Ihr dann Eure Sachen nicht gleich von dem besseren Zauberer machen lassen?« Er suchte nach seiner kecken Rede zu entschlüpfen, weil die Umstehenden ihn gar nicht liebreich stießen und pufften. Sie fürchteten, der fremde Krämer möchte erzürnt sein und seine Ware einpacken.
»Recht habt Ihr, junger Bursche,« sagte der Kaufmann Goldreich. »Das hätte ich können, wenn der böse Zauberer nicht sich geweigert hätte, für Christenfrauen zu arbeiten. Dann wartete auch mein Schiff im Hafen, das des Kaisers Majestät für mich gesandt hatte. Und jetzt sagt an, liebe Bürger und edle Frauen, ob Ihr kaufen wollt, oder ob ich meine Gewänder wieder in die Truhen packen soll.« Dabei hielt er die Stoffe hoch, daß die Sonne darauf fiel und die Farben gleißten und glänzten, und alle drängten sich herzu und wollten von den seltenen Tüchern kaufen. »Denn,« sagten sie, »was so weit her ist, muß etwas Besonderes sein,« und »Selbstgewebtes haben wir in den Truhen genug.« Schließlich kam der gestrenge Herr Bürgermeister an und wollte die goldene Kette kaufen und den Gürtel, den der Krämer auf der Schulter trug. Aber da jammerte Schlupps gar kläglich, daß ihm der Kaiser von Spanien arg zürnen werde, wenn er den Schatz, der für seine hohe Gemahlin bestimmt sei, verkaufe, und konnte sich erst auf vieles Bitten und Drängen dazu verstehen, den Schmuck für hundert Taler herzugeben.
»Es ist zu billig. Es ist zu billig!« beteuerte er immer wieder. »Wenn Ihr’s nicht wäret, hochedler Herr, wahrhaftig! Nichts in der Welt hätte mich verführen können. Aber so geht’s, wenn man mit vornehmen Herren Handel treibt.«
Und der Bürgermeister zog mit seinen Ketten stolz ab; seine Frau aber sah um sich, als wäre sie die Kaiserin von Spanien.
Ehe Schlupps sich’s versah, waren seine Waren ausverkauft und seine Truhe leer; seine Beutel aber konnten kaum das viele Geld fassen. »Morgen gibt es mehr, Ihr Leute,« rief er, als immer neue Käufer andrängten. »Habt Geduld. Ja, alle Tage kommt nicht einer aus der Türkei, gradenwegs aus des Sultans Schloß,« und er kreuzte wieder die Arme über der Brust, verneigte sich tief und schritt, von dem Mohrenknaben gefolgt, langsam und nachdenklich in das Wirtshaus.
Die andern Kaufleute wußten nicht, wie ihnen geschah. Die Waren, die man ihnen wies, waren gewöhnliches Bauernleinen, bunt bemalt und grob genäht, und wenn sie auch zehnmal beteuerten, daß ihr Leinen feiner, ihr Tuch weicher sei, so glaubte es keiner; denn niemand wollte dafür gelten, daß er das, was aus fremden Landen stamme, nicht verstehe. »Das ist nur Neid von den Krämern, weil sie keine ausländischen Waren haben,« schrieen die Käufer. Die Krämer gaben Antwort, und bald hallte der Markt von Lärm und Geschrei. Man prügelte aufeinander los, man zerrte und riß sich, und manchen Händler ereilte jetzt die Strafe für falsches Gewicht und ungerechtes Maß, und noch tönte von den Gassen das Zetern, als Schlupps durch eine Hinterpforte das Gasthaus verließ. Dem Wirt und seinem Jungen hatte er ein Teil von seinem Gewinn geschenkt, so daß sie zufrieden waren und reinen Mund zu halten versprachen. Als am andern Morgen die Leute herbeiströmten und auf den Krämer warteten, trat der Wirt händeringend aus dem Haus und rief: »Wo ist der Galgenstrick! Wo ist der Zauberer, der mit der Zeche verschwunden ist. Wo seine Rößlein im Stall gestanden haben, liegen ausgeglühte Kohlen, in seinem Bett fand ich einen Besen. Keiner sah ihn gehen, noch hörte man den Wagen rollen. Weh mir armen, geschlagenen Mann! Alles war eitel Trug und Blendwerk, und Wagen und Pferde sind nimmer richtig gewesen!«
Da liefen die Leute entsetzt nach Haus, sahen die Einkäufe an und erkannten mit Schrecken, daß alles, was in der Sonne geglänzt und gegleißt hatte, nichts nutz war und nicht einmal so gut, wie das selbstgewebte Bauerntuch, das sie auf dem Markt sonst kauften. Der Bürgermeister lief voll Angst zu einem Goldschmied und ließ seine Kette prüfen. Der erklärte sie für eitel Messing und die Steine für Glas, grad gut genug für Mummerei und Fastenscherz. Jetzt schämten sich alle, die erst das große Wort geführt hatten und mancher, der einem Krämer mit böser Rede und hartem Schlag weh getan hatte, ging hin, entschuldigte sich und bat, wieder »gut Freund« zu sein. Auf die fremdländischen Händler aber war man lange Zeit nicht gut zu sprechen und wies jeden, der kam, des Ortes hinaus.
Schlupps zog weiter, die Straße entlang, die durch den Wald führte, dann am Flußufer hin und freute sich, wie die Sonne so hell aus dem Wasser flimmerte, wie die Vöglein sangen und wie die Blumen lieblich dufteten, brach sich einen Zweig ab und wehrte damit die Fliegen, die seine Rößlein umschwirrten. Dazwischen aber fühlte er seine Geldsäckel an, die er neben sich gelegt hatte und die gar schwer und steif waren.
»Man muß das Gras mähen, wenn es reif ist,« dachte er, »Wäre ich’s nicht gewesen, so wäre ein anderer gekommen, und die Krämer hierzulande können mir Dank sagen, daß ich ihnen die fremdländischen vom Halse geschafft habe.« An einem Wirtshause hielt er Mittagsrast, ließ sich ein gutes Essen geben und fuhr dann weiter. Unterwegs sah er eine Frau auf der Landstraße gehen, die ein Kind auf dem Arme trug und nur langsam vom Fleck kam. »Steigt auf, gute Frau,« rief er. »Seid gewiß rechtschaffen müde.« Sie nickte dankbar, ließ sich nicht lange bitten und reichte ihm das Kind zu, damit sie leichter aufsteigen konnte. Es war ein herziges Büblein von vier Jahren mit blauen Augen, blonden Löckchen und einem weißen Gesichtchen.
»Seit des Morgens vier Uhr sind wir zu Wege,« erzählte die junge Mutter. »Bin mit dem Kinde in der Stadt gewesen bei einem Doktor. Das war ein gar gelehrter Herr, alles stand bei ihm voll von Geräten und Pfannen und Tiegeln. Er besah den Kleinen von allen Seiten und sprach fremde Worte, die ich nicht verstand. Dann gab er mir ein Fläschchen mit Arznei, die war gar teuer, und verordnete, ich solle jede Woche kommen und solch eine Flasche holen, und je mehr ich holte, desto besser wäre es für das Kind. Auf Speise und Trank soll ich es nicht ansehen und dem Kinde alles vom Besten und Feinsten geben und kein Hafermus, sondern nur Brei von weißem Weizenmehl. Milch aber soll es trinken den ganzen Tag, soviel es nur zu trinken vermag. Solch ein Doktor hat gut reden. Mein Mann ist ein armer Waldheger. Zu einer Kuh langt das Geld nicht, und Ziegenmilch kann das Büblein nicht vertragen. Ich möchte mir schier das Herz aus der Brust reißen für ihn und kann ihm doch nicht helfen.«
Dabei drückte sie das Kind an sich und sah ihm liebreich in die Augen. Schlupps antwortete nicht viel, weil er nicht sprechen konnte. Es saß ihm etwas in der Kehle, was ihn drückte und würgte, und er mußte an sein lieb Mütterlein denken, das ihn immer geherzt und geküßt hatte und schon so lange unter dem grünen Rasen lag. Seitdem hatte kein Mensch mehr ein lieb Wort zu ihm gesprochen, und wenn er es auch gewiß nicht wahr haben wollte, so hätte er doch gern alle seine Schätze um ein gut Mutterwort gegeben. »Macht Euch keinen Kummer weiter, liebe Frau,« sagte er endlich, »unverhofft kommt oft; wer weiß, was Eurem Kinde noch Gutes widerfährt.«
Da richtete die Frau ihren Kopf hoch und sah ihn getröstet an; denn einer Mutter klingt es wie Himmelswort, wenn man ihr etwas Gutes von ihrem Kinde sagt, und der Gedanke an eine Freude, die ihm begegnen könne, tut der Seele einer Mutter so wohl wie ein Gebet.
»Wie weit habt Ihr’s noch?« fragte Schlupps. »Noch reichlich zwei Stunden,« gab sie zurück, »gerade das Tal entlang, in dem Walde, den Ihr in der Ferne seht, steht mein Haus.« »Das trifft sich gut,« meinte er, »das ist mein Weg, und so kann ich Euch bis dahin fahren.« Die Rößlein liefen tapfer zu; denn ihr Herr hatte an ihnen nie den Hafersack gespart. Der Bursche ließ sich von der Frau erzählen, wie sie und ihr Mann lebten und erkannte immer mehr, daß sie ein braves, schlichtes Gemüt war, von den Menschen nur Liebes und Gutes dachte und sich von Keinem etwas Böses vermeinte. »Du sollst in deinem Glauben nicht zu schanden werden,« dachte er.
Endlich, die Sonne ging schon nach Westen zu, langten sie an dem Häuschen an. Schlupps sprang herunter, nahm der Frau das Kind ab, das eingeschlafen war, und trug es in’s Haus. Sie konnte nicht genug Worte des Dankes finden und bat ihn dringlich, bei ihr Rast zu halten und ihrem Heim nicht die Ruhe zu rauben, holte Brot und Ziegenkäse herbei und bat ihn, fürlieb zu nehmen.
»Wüßt’ ich nur, wie ich Eure Guttat vergelten kann,« überlegte sie. »Wart’, ich hab’s. Geduldet Euch eine Weile; ich bin bald zurück.«
Als sie fort war, untersuchte Schlupps das Zimmer, in dem alles vom Einfachsten war. Tische und Bänke waren aus sauber gescheuertem Tannenholz, die bunte Truhe barg für jeden der Eheleute ein Gewand und auf dem Sims über der Ofenbank lag in ein sauberes Tuch geschlagen die Bibel. Die nahm der Bursche rasch herunter, schlug sie auf, blätterte darin und legte zwischen die Seiten je ein Goldstück, so daß jetzt das heilige Buch nicht nur mit goldener Rede, sondern auch mit goldener Münze gespickt war. Dann legte er das Buch wieder an seinen Platz und setzte sich an den Tisch. »Hier nehmt,« sagte die Frau noch außer Atem, »bin ein bischen rasch die Kellertreppe hinuntergesprungen. Hab mich besonnen, daß unten ein Fläschchen alten Weines liegt, den der Herr Graf meinem Manne geschenkt hat, als er krank war. Ich bitt’ Euch, erweist mir die Gefälligkeit und nehmt’s. Wir sind so etwas doch nicht zu trinken gewohnt. Es ist mir nur arg, daß ich denk, Ihr müßt so heimatlos umher ziehen und habt nicht Weib und Kind und keine Mutter, wie Ihr mir sagtet. Nehmt’s mit, und wenn Ihr draus trinkt, vergeßt nicht mein Kind und mich. Sagt mir auch Euren Namen, daß ich Euch in mein Gebet einschließen kann.«
Dem Gesellen war es ungewohnt, seinen richtigen Namen zu nennen und er sagte langsam: »Heinz Kurzweil.« Dann nahm er das Fläschchen, das eine absonderliche Form hatte, platt und breit war, so daß er es in eine Tasche seines Kittels stecken konnte.
»Ich danke Euch,« sagte er und reichte ihr die Hand. »Bleibt gesund beieinand, und wenn einmal ein armer Handwerksbursch oder sonst ein Heimatloser bei Euch anklopft, dann seid gut zu ihm.«
»Das will ich wohl,« beteuerte sie, »und jetzt hab ich noch eine Bitte an Euch, Heinz. Laßt mich Euch segnen, wie Euch Eure Mutter gesegnet hätte.« Da kniete der Bursche nieder, und die junge Frau legte ihm die Hände auf das Haupt, sprach ein Vaterunser und fügte eine Bitte um sein Wohlergehen hinzu, und Heinz war es, als sei er wieder ein klein Kind, das daheim im Bettchen läge, von Mutterliebe betreut. Denn allen Mutterhänden ist ein Zauber eigen, und wenn sie einem Menschen die Stirn berühren, sieht er die Kindheit wieder auferstehen, wo er auch immer sei.
»Lest nur fleißig in der Bibel,« sagte der Bursche beim Abschied. »Denn Gottes Wort ist eitel Gold,« bestieg seinen Wagen und fuhr weiter, die Landstraße hinab in die ferne Welt.
Die Dunkelheit brach herein und er beschloß, nach Nachtlager auszuspähen; da hörte er helle Töne, fuhr zu und kam in ein Dorf. Unter der großen Linde geigten drei Fiedler; Burschen und Mädchen schwenkten sich im Tanz und stießen helle Jauchzer aus. Schlupps war nicht froh zu Sinn, sein Herz stand ihm nicht nach Lustigkeit, und er bog seitab, um seine Rößlein am Bache zu tränken. Da sah er auf einem Weidenstumpf zwei Menschen zusammengekauert hocken, einen silberhaarigen Greis und ein Weiblein. Sie hielten die Hände um die Kniee geschlungen, und aus den trüben Augen tropften schwere Tränen langsam über die Wangen herab. Erstaunt trat Schlupps näher; denn wenn ihm etwas arg schien, so war es der Anblick von Kummer und Sorge, und die beiden Huzzelchen sahen so kläglich aus, daß es ihm in die Seele schnitt.
»Was fehlt Euch, Großvater?« fragte er und legte dem Alten die Hand auf die Schulter. Der schüttelte traurig das Haupt, ohne zu antworten; das Weiblein aber heftete den Blick auf den Frager und wies dann stumm hinüber nach der Linde, von wo das Jauchzen erscholl. Jetzt stand Schlupps ratlos und wußte nicht, was er aus der Antwort machen sollte. Er nahm sich aber zusammen, um seine Verlegenheit nicht merken zu lassen und meinte: »Weiß schon, was Euch fehlt; denn ich bin ein vielgereister Mann, der als Arzt gar berühmt ist und manchem geholfen hat, der schon meinte, es wäre Matthäi am letzten. Fasset Vertrauen und beichtet mir, was Euch härmt.«
»Uns ist nicht zu helfen,« schluchzte das Weiblein. »Könnt Ihr uns unser Leben wiedergeben?«
Da verwunderte sich Schlupps noch mehr; denn eine solche Klage hatte er noch nie vernommen. »Wollt Ihr Geld und Gut?« forschte er. »Nein, nein,« wehrte der Alte, »die können uns nichts nützen, uns steht der Sinn nicht nach Geldeswert. Nein, Herr. Damit Ihr aber nicht denkt, wir wären absonderliche Leute und das Alter hätte uns den Verstand verwirrt, so laßt Euch berichten, was uns fehlt, und wenn Ihr auch ein großer Doktor seid und manch Gebrechen heilen könnt, uns vermögt Ihr nicht zu helfen. Seht,« fuhr der Alte fort, »mein Weib, die Mariann, und ich waren arme Waislein und von der Gemeinde aufgezogen. Das ist ein hartes Brot, Herr, wenn man jede Woche auf einem andern Hof herumgestoßen wird, jedem im Weg und keinem zur Freud, und wenn die andern Kinder zu Vater und Mutter liefen, dann standen wir abseits, wünschten uns wohl auf den Gottesacker und neideten den Toten ihre Ruh. Keiner dachte an uns. Unser bischen Essen gab man uns manchmal gutwillig, manchmal mit scheelem Blick, und wie wir etwas herangewachsen, da mußten wir unser täglich Leben schwer verdienen. Die Mariann als Gänsehirtin, ich als Hirt, und uns beiden durfte der Strickstrumpf nicht in der Hand ruhen. Aber wir fanden doch Gelegenheit, zu einander zu laufen und versprachen uns, daß wir einmal einander angehören wollten und uns immer Lieb und Treue erweisen. Ich wurde dann Knecht und sie Magd. Ihr wißt, wie lange es währt, bis zwei solche soviel haben, daß sie ein Häuschen anschaffen können und ein Äckerlein pachten. Wir sparten und sparten. Wenn die andern zum Tanz gingen, schritten wir selband abseits, weil uns der Kreuzer für den Fiedler und das Schöppchen Sauren reute. So kam es, daß wir beide schon graue Strähnen hatten, als es zur Heirat langte und wir hier am Ende des Dorfes ein Häuslein erwerben konnten.« Er atmete tief auf, nickte der Alten zu und fuhr dann fort: »Dann kam Kind auf Kind. Die Mariann und ich schafften im Tagelohn noch nebenher, damit all die hungrigen Mäuler satt wurden und die junge Brut mit Schuh und Gewand sauber angetan Sonntag in die Kirche konnte. Als aber die Kinder so weit waren, da zogen sie in die Welt hinaus. Es duldete sie nimmer im Vaterhaus. Ging da gar eng her. Die Mädels taten sich als Mägde in die Stadt, die Jungen sind landein gewandert, und wir sitzen allein. Und wie wir das Lachen und Jauchzen hier hörten, da kam es uns in den Sinn, wie wir immer unser ganzes Leben abseits von aller Freude gestanden sind, wie heute bei der Linde, und daß wir ein Leben voll Müh und Arbeit, aber nie Freude und Lust gehabt haben. Und wißt, Herr,« setzte er hinzu, »in jedem Menschen ist eine Sehnsucht nach Freude, und wie die Tierlein froh sind, wenn die liebe Sonne scheint und nach ihr hinverlangen, so zieht es des Menschen Herz dazu, eine Freude zu haben. Sonst ist sein Sinn schwer und unfroh, und er weiß nicht, ob er lebt oder tot ist, und es liegt ihm die Kirchhofsrede schon bei Lebzeiten auf der Brust. Das ist uns heute zu Sinn gekommen, und nun lacht über die beiden närrischen Leute, die dem Leben nachlaufen wollen.«
»Gott verhüte, daß ich da lachen wollte,« rief Schlupps. »Tät mich der Sünde fürchten. Aber froh bin ich, daß ich Euch getroffen habe und meine Kunst an Euch zeigen kann. Denn wißt: gebrochene Arme und Beine kurieren, das kann jeder, und ist keine besondere Kunst dabei. Aber wenn die Seele krank ist, da helfen, das ist erst das Rechte, Doktor Kurzweil ist nicht umsonst überall berühmt. Kaiser und Könige haben mich schon oft gebeten, ihnen zu helfen; denn die leiden an der Seele genau so wie andere Menschenkinder und oft noch mehr.«
»Aber wir sind arm,« fiel das Weiblein ängstlich ein und dachte an die wenigen Silbermünzen, die es daheim im Strumpfe hatte. »Nicht um Geld darf ich Euch helfen, sonst ist es um meine Kunst geschehen,« sagte der Wunderdoktor. »Nur um Gotteswillen und um himmlischen Lohn. Setzt Euch her und schaut hinüber wie die Sonne noch einmal hinter den Wolken vorschaut, und wie die Wiese daliegt, als wäre sie rot wie die Wangen eines Mägdleins, und die Bäume heben die Zweige wie junge Burschen das Haupt, wenn sie zu ihrer Liebsten gehen. Hier aber,« und er nahm das Fläschchen heraus, »das soll Euch Eure Wünsche erfüllen. Ist kein gefährlicher Zauber dabei und kein Unrecht. Es ist ein Trank von Sonnenglut gereift und von Gott gesegnet. Trinkt jeder einen herzhaften Schluck und sagt: ›Gott helf!‹«
Er machte ein so treu Gesicht, daß das alte Weiblein Mut faßte und trank, und da es des Weines ungewohnt war, rannen ihm die Tropfen wie Feuer durch den Leib und das Blut stieg ihm zu den Wangen. »Ei Mariann,« scherzte ihr Gespons, »du glühst ja wie ein jung Mägdlein,« nahm ihr die Flasche aus der Hand, tat einen kräftigen Zug und auch ihm war es, als ob ein neu Leben in ihm blühe.
Er faßte ihre Hand, und so standen sie aufgerichtet da und schauten in die Sonne, deren rote Glut über sie hinflackerte und die alten Augen mit hellem Licht erfüllte, daß sie leuchteten. »Trinkt noch einmal,« mahnte der Doktor. Da begannen sie herzhaft zuzugreifen, und wie jetzt die Töne von der Linde herüberschallten, hob der Alte erst ein Bein und dann das andere, faßte die Liebste an der Hand, und das Pärchen begann sich zu drehen und zu schwenken. Dann neigten sie sich über den Bach, der ihre Gesichter im matten Abendschein widerspiegelte, und der Alte sprach: »Ei, Mariann, wie bist du jung und schön. Deine lieben Augen glänzen noch wie damals, da du als junge Dirn am Hoftor auf mich gewartet.« Und sie nickte und sagte: »Bist doch ein stattlicher Bursch, und wenn die Mägdlein wüßten, was für ein Schöner mein Liebster ist, kämen sie und neideten dich mir.«
Dann faßten sie einander wieder an, neigten und drehten sich und lachten mit dem ganzen Gesicht. Und Heinz Kurzweil stand abseits und sah zu, wie der Mond langsam heraufstieg und die beiden Alten mit weißem Licht beschien. Nach einer Weile nahm er das Paar bei der Hand; denn es hatte zu tanzen aufgehört und lauschte, einander umschlungen haltend, auf die Weisen, die fernher leise ertönten. Er leitete die beiden Treuen in ihre Hütte und sprach. »So oft bei Vollmond unter der Linde Musik erklingt, geht hinaus an die Stelle, wo ich Euch getroffen und achtet darauf, daß Euch kein menschlich Auge gewahre: Trinkt aus dem Fläschchen und der Zauber wird wieder mächtig. Ist aber der Trank zu Ende, dann bescheidet Euch und denkt, daß es Gottes Wille war.« Damit wandte er sich ab und fuhr hinaus in die Nacht.
So zog Schlupps durch die Lande, beobachtete die Menschen und bekam es manchmal überdrüssig, ihr Treiben anzuschauen. Sah er sie doch allerorten die gleichen Torheiten vollführen, und mehr als einmal konnte er der Versuchung nicht widerstehen, sie seine Launen und seinen Spott fühlen zu lassen. Nur der Müßiggang wurde ihm allmählich verleidet. Er hätte gern ein rechtschaffen Gewerbe angefangen und konnte sich doch nicht dazu entschließen; denn das Schreinerhandwerk war ihm zuwider und etwas anderes, das ihm Freude machte, wußte er nicht.
Eines Tages kam er in einen Flecken, in dem die Häuser gar sauber aussahen, die Gassen ordentlich gehalten waren. Man mußte nicht fürchten, daß einem die Gäule die Beine in den Löchern brachen und daß der Schlamm bis in den Wagen hineinspritzte. An den Fenstern standen in Scherben Nelkenstöcke oder Blaublümlein, und hinter den blinkenden Scheiben lugten fröhliche Mädchengesichter hervor. »Hier ist gut sein,« dachte Schlupps. »Hier liegt die Freude auf der Gasse und scheinen gar gute Leute im Ort.« Da hörte er aus einem Hause Weinen und Wehklagen, stieg vom Wagen ab, band sein Rößlein an einen Baum und schlich sich näher, um durch die Fenster zu spähen, was es denn Trauriges gäbe. Wie er so hinblickte, sah er eine Menge Kinder, große und kleine, auf Bänken sitzen und merkte, daß er vor dem Schulhause stand und die Kleinen vom Schulmeister unterwiesen wurden. Der war ein langer, hagerer Mann, mit einem Gesicht wie ein Raubvogel, die Nase stand ihm wie ein gekrümmter Schnabel heraus. Er trug ein blaues Wams mit goldenen Knöpfen, auf dem Kopfe hatte er ein klein Käppchen, unter dem eine mächtige Perücke hervorsah, in der Hand aber eine lange Gerte, mit der schmitzte er über die Bänke herüber.
Aber eins wollte Schlupps nicht recht in den Sinn und erschien ihm sonderbar. An der Seite zum Fenster zu, wo das Licht hineinfiel, saßen Kinder, Knaben und Mädchen, denen man ansah, daß sie guter Leute Kind waren und daheim alles voll und viel hatten, denn die Jöppelchen waren von echtem Tuch, und die Mädchen trugen Schürzen und Jäckchen gar nett und zierlich; einige hatten Häubchen auf dem Kopfe, die mit Gold verputzt waren, wie man sie zum Kirchgang anlegt. An der Wand entlang auf den Bänken aber saßen Buben und Dirnchen, die wohl sauber, doch ärmlich angezogen waren, mit Holzschuhen an den Füßen. Die Spenzer und Röckchen hatten Flicken in allen Farben, auch waren die Schürzen von grobem Stoff und arg verwaschen, und der erfahrene Mann sah bald, daß hier die armen Häusler- und Taglöhner-Kinder saßen. Wenn eines von ihnen sich bewegte, fielen die Holzschuhe von den Füßen und klapperten auf dem Boden, denn es war Sommer und da sparte man gern die Strümpfe, die noch den langen Winter halten müssen.
»Den Schulmeister muß ich mir einmal in der Nähe betrachten,« dachte der Neugierige, fuhr in das Gasthaus, gab Pferde und Wagen dort ab und ging in den Kramladen, wo man allerlei einkaufen konnte.
»Gute Frau,« sagte er zu der Alten, die ihn frug, was er begehre. »Habt Ihr eine große Hornbrille, dieweil meine auf der Fahrt zerbrochen ist?« – »Mein’, daß ich eine hab! Ein Fremder, der mich nicht bezahlen konnte, hat sie mir als Pfand dagelassen. Er ist aber nimmer wiederkommen, also daß ich sie wohl verkaufen kann.«
Damit fing sie an, nach der Brille zu suchen, die sie irgend wo gut versteckt hatte, und nachdem sie alle ihre Ware durchwühlt, und Brot, Käse, Tücher, Schnupftabak, Zunder, Strümpfe und Gewürz herausgenommen und wieder in die Gefache gelegt hatte, fand sie endlich die Brille. Die war gar groß und bedeckte dem Käufer die halbe Stirn und die halbe Wange.
»Was bin ich dafür schuldig?« fragte Schlupps. »Zahlt mir die Zeche, die der andere schuldig geblieben ist. Es waren zwei Kreuzer und drei Heller.« Deß war er zufrieden, strich sich die Haare nach beiden Seiten der Stirn glatt, ließ sich von der Frau ein Stück Kreide geben und fuhr damit über die Scheitel, also daß diese weiß aussahen und die schwarze Farbe nur wenig durchschimmerte; dann setzte er die Brille auf und hatte jetzt das Aussehen wie ein hochgelehrter Herr.
»Ist eine Schule am Ort?« fragte er die Frau, die hin und her gegangen war, in der Küche die Suppe verrührte, die Katze vom Milchtopf jagte und auf das Gebahren des Fremden wenig acht gab; denn sie war schon alt und kümmerte sich nicht mehr viel um andrer Leute Tun. »Will’s meinen,« sagte sie. »Ist der Schulmeister schon lange im Dorf?« »Ach nein, Herr, der ist erst kurze Zeit da, und ist leider nicht so wie unser alter, der vor einem Jahr gestorben ist. So einer kommt nicht wieder.« »Erzählt mir von ihm,« bat der Fremde, denn er merkte, daß er jetzt das gefunden hatte, wovon zu erzählen ihr Herz erfreute.
Auf all seinen Fahrten hatte er eines wahrgenommen: daß auch der Verschlossenste redselig wird, wenn er von dem sprechen kann, was ihm im tiefsten Herzen sitzt. Und weil Schlupps die Gabe besaß, an jedem das herauszufinden, was ihm das Beste dünkte, so wußte er jedermanns Vertrauen zu gewinnen und lernte den Menschen in die Seele schauen. Nun sagte er: »Liebe Frau, ich habe von Eurem Schulmeister gehört; aber von Euch, die Ihr ihn gut gekannt habt, möchte ich noch mehr wissen.«
»Ja, wie soll ich Euch den beschreiben?« besann sich das Weiblein. »Fünfzig Jahre hat er seines Amtes gewaltet. Wie er kam, lag das Dorf im Argen. Der vor ihm war, hatte kaum vermocht, die wilden Buben zu zügeln und die Mädchen zur Ordnung anzuhalten. Aber der konnte es, keiner wußte wie. Bei dem vorigen ruhte der Bakel nimmer, und es regneten nur so die Strafen. Oft kam es, daß eine ganze Reihe Kinder vor der Kirche hinknien mußten, zur Schande der Eltern; denn das war damals der Brauch so, Herr. Jetzt hörte das mit einem Male auf. Wie er eigentlich hieß, wußte keiner. ›Nennt mich Herzfroh,‹ sagte er, wenn man seinen Namen wissen wollte. Ich glaube, er war weit her und ohne Anverwandte.
Manche sagten, er sei ein Grafensohn, und von Hause verstoßen, andere, er habe nicht wollen Mönch werden und sei daheim entwichen – niemand wußte etwas Genaues. Aber die Kinder hatten ihn bald lieb, und wenn sie sonst mit Heulen und Zähneklappern in die Schule gingen, so war es jetzt für sie eine Lust und Freude. Selbst die Kleinsten quälten die Eltern, sie sollten sie zu dem guten Schulmeister schicken.
War ein besonders böser Bub unter der Schar und drohte dem der Vater, er wolle seine Rute an ihm zerschlagen, dann holte ihn der Herzfroh in sein Haus, behielt ihn da einige Zeit bei sich, und kehrte der Junge heim, dann erkannte keiner den Unwilligen von vordem wieder.« »Hatte er denn Weib und Kind?« fragte Schlupps. »Ach nein,« entgegnete sie. »Das war es auch, daß manche meinten, seine Lieben seien ihm gestorben, und er habe sich deshalb hierher geflüchtet, wo ihn keiner kannte, und es mag wohl etwas derart gewesen sein, denn er nahm sich besonders der Waisen an, und die hatten an ihm Vater und Mutter.
Eine Magd führte ihm Haus. Gegen jeden war er freundlich. Den Frauen schenkte er Setzlinge für ihre Blumenstöcke, die Männer unterwies er, wie sie ihre Obstbäume pflegen sollten, und als die Eltern sahen, wie sauber und ordentlich ihre Kinder wurden, wie sie auf sich hielten, da wollten sie hinter den Kindern nicht zurückstehen, und so kam Zucht und Ordnung in unser Dorf. Wie dann die Kleinen, die er großgezogen, heranwuchsen und selbst Kinder hatten, da war es schon leichter mit dem Schulehalten. Und wenn der Schulmeister in ein Haus trat, da war es jedem, als käme sein leiblicher Vater zu ihm. Dabei tat er den Leuten nichts besonderes, nahm von keinem etwas an, schenkte aber den Armen, was er entbehren konnte. Für ihn gab es keine größere Freude, als wenn ein Bauer sagte: ›Schulmeister, ich hab ein Schwein geschlachtet und den Armen ein Teil Würste gegeben um Euretwillen.‹ Dann strich er am Sonntag Nachmittag unter der Linde die Fiedel, und die Buben und Mädel sangen dazu. Denn das wollte er haben. Singen mußte alles und froh sein. ›Fröhlich lachen schafft halbe Arbeit,‹ meinte er. Nun ist er tot, und jedem fehlt er. Die Kleinsten sind gar am übelsten dran.«
»Warum denn die?« fragte Schlupps, der aufmerksam zugehört hatte. »Seht,« sagte sie flüsternd, »da ist jetzt ein Neuer, der ist gar herb und grandig und ganz anders, wie Herzfroh war. Die Reichen setzt er gesondert von den Armen. Nie hört man bei ihm in der Schule lachen, und wenn die Kleinen ihn kommen sehen, springen sie von der Gasse fort und verstecken sich hinter der Haustür. Wenn der Herzfroh einmal gescholten hat, dann geschah es aus lauter Liebe und Güte und tat wohl. Wenn der aber nur vorbeigeht an einem Haus, wird die Milch im Keller sauer von dem Gewitter, das in seinem Gesicht steht. Und Ihr sollt sehen, Herr, unser Dorf bleibt nimmer wie es ist. Wo die Kinder unfroh sind, kann nichts gedeihen und entsteht bald Zank und Unfrieden. Ist mir nur um meine armen Kindeskinder leid, das Lenerl und der Hansi, die gar so lustige Gemüter haben und jetzt sich nimmer zu lachen getrauen. Aber da klag ich dem Herrn meine Kümmernisse und gehen ihn doch nichts an. Er meint gewiß, ich wäre ein schwatzhaft Weib.«
»Nicht so, liebe Frau,« sagte Schlupps. »Wißt, ich bin ein berühmter Gelehrter und weiß von Kindererziehung gar viel. Ich war in mancherlei Landen, hab aber immer gefunden, daß Lachen dem Menschen gedeiht und eine Gottesgabe ist wie das liebe Brot. Wer den Kindern das Frohsein verkümmert und läßt sie in Mißmut aufwachsen, dem gebührt, daß er in der tiefsten Hölle sitzt und nimmer herauskommt. Gehabt Euch wohl, gute Frau!«
Damit ging er fort und stracks auf das Schulhaus zu, klopfte an und trat ein. »Verzeiht, Herr Kollege,« sagte er. »Ich komme von weit her. Mein Name ist Neunmalgescheit, bin Professor in Padua und will in Deutschland die Schulmeisterei aus dem Grunde studieren. Da hat man mich zu Euch gewiesen und mir gesagt, daß Ihr, der Schulmeister Säuerling, einer von denen seid, die es am besten verstünden. So erlaubt, daß ich zuhöre, wie Ihr es macht und laßt Euch durch mich nicht stören.«
Der Schulmeister verneigte sich bei dieser Anrede unaufhörlich und wußte nicht, wie ihm geschah; denn er war heute gar nicht zum besten aufgelegt, weil er seinen grünen Tag hatte.
So nannten es die Kinder, wenn sie in die Schule kamen und sahen, wie er mit zusammengekniffenen Lippen grün und gelb im Gesicht in dem Schulzimmer hin- und herlief und jedem Kinde, das hereintrat, einen Hieb mit der Gerte austeilte. An solchen Tagen mußten sie still sitzen, ihre Tafeln vollkritzeln und durften den ganzen Tag kein Wort sprechen. Er sprach auch nicht und rannte nur immer auf ein- und derselben Planke am Boden auf und nieder; trat nicht rechts und nicht links und warf zornige Blicke auf die Kleinen.
Hatte er aber seinen roten Tag, dann stand er schon vor dem Schultor, die Kinder zu erwarten, hochrot im Gesicht und dann schrie und wetterte er auf die Kleinen ein, daß ihnen Hören und Sehen verging und sie vor Angst nicht antworten konnten. Er nahm sich auch nicht die Zeit, sie zu unterweisen, sondern schrie und tobte nur immer ärger. So kam es, daß keines etwas lernte, weder die Dummen noch die Gescheiten, und alle unwissend geblieben wären, hätten sich nicht manche Eltern erbarmt und die Kinder im Lesen und Schreiben angelernt, und diese zeigten es wieder den andern.
Der Schultheiß hatte schon einmal mit dem Pfarrer Rücksprache gehalten, daß ein anderer Lehrer ins Dorf sollte. Der Geistliche aber war mit der Zucht des Lehrers sehr einverstanden. Ihn freute es, wenn die Kinder in der Kirche still, mit gesenktem Kopfe dasaßen und nicht wagten, die Augen aufzuschlagen. Er wußte nicht, daß die Furcht vor dem Schulmeister sie so brav machte; denn Säuerling stand in der Nähe der Kinderbänke und drohte jedem, der sich rührte, mit Schlägen.
Bei dem Grafen aber durfte man sich gar nicht beklagen; denn der hatte dem Schulmeister die Stelle verliehen und ließ sich in seine Sachen nicht dreinreden. »Für die Dorfkinder ist der gut genug,« sagte er auf alle Vorstellungen und Bitten; denn er war froh, ihn los zu sein. Ein Vetter hatte ihm den Mann zugeschickt und ihn gebeten, ihm zu einem Auskommen zu verhelfen; und so hatte der Herr Graf es versucht, ihn als Schulmeister für seine eigenen Kinder zu nehmen. Aber die konnten sich in die Art des Mannes nicht finden. Sie waren gewohnt, ungebunden und frei zu sein, und so kam Säuerling an die Stelle von Herzfroh. Schlupps gab acht auf den Unterricht, wie es der Lehrer mit den Kindern machte. Er lief hin und her, warf eine Frage auf, gab dann eines nicht Antwort, so frug er das zweite und so fort. Er erklärte nichts, und es schien ihm ganz gleich, ob sie das Gefragte verstanden oder nicht.
Dann hieß er die Kinder aufstehen und führte sie in den Hof hinab. Da hatte er platt auf den Boden Fäden gespannt, auf denen mußten die Kinder einzeln entlang gehen, eines hinter dem andern. »Seht, Herr,« sagte er, »das ist die Hauptsache im Unterricht, daß jedes lernt, nur nach der Schnur laufen, nicht abbiegen, noch rechts und links, und immer die Augen auf mich gerichtet halten.«
Trat aber eines der armen Würmchen mit einem Fuß über die Schnur, dann wetterte der Lehrer und schlug auf es ein. »Wenn es nach mir ginge, wären im ganzen Orte solche Schnüre gezogen,« meinte Säuerling zu seinem Gaste, »und jeder sollte lernen, darauf gehen, daß es eine Lust wäre. Seht unser Dorf an,« fuhr er fort, »wie es ausschaut. Der eine hat sein Haus rot gemalt, der andere blau; die eine Dirne hat Nelken am Fenster und die andere Blauveiglein. Sieht der Ort nicht aus wie ein Hänfling?« »Wie meint Ihr, daß Euer Dorf aussehen müsse?« fragte der Professor Neunmalgescheit ernsthaft.
»Weiß wie der Tag und schwarz wie die Nacht. Die Häuser schwarz wie die Erde; denn die ist ein Jammertal, und die Fenster weiß vom Sonnenlicht; denn das soll hineinscheinen und die Menschen in all ihrer Schlechtigkeit beleuchten, daß sie sehen, wie erbärmlich sie sind. Und ich setze es auch noch durch. Unter meinem Vorgänger ist gar viel Unfug eingerissen, das muß ich umwandeln.«
»War gewiß ein jung Blut?« meinte Schlupps entschuldigend.
»Nein, das ist es gerade,« ereiferte sich Säuerling. »Alt war er schon und hielt doch noch die Leute zum Singen an und zur Kurzweil. Als ob der Mensch dazu auf der Welt wäre. Ich werde ihnen aber schon die rechte Art beibringen, und wenn sie sich auch widersetzen. Kann ich bei den Großen nichts erreichen, so sollen die Kleinen anders werden. Wie ich es für Recht halte, muß es in der Welt zugehen. Alles schön geordnet. Die Reichen für sich und die Armen für sich. Die Alten allein und die Jungen abseits. Eingeteilt sollten sie werden. Wie das Gerät in einem Schrank darf nichts durcheinander gehen, jedes für sich und Alles nach der Schnur.«
»Recht habt Ihr, Schulmeister,« gab Schlupps bedächtig zurück. »Hab das schon lange gemeint und bin nur froh, daß ich einen finde wie Ihr seid. Schade, daß der liebe Herrgott Euch bei der Erschaffung der Welt nicht hat fragen können. Wie viel Ungelegenheit und Unruh wäre da erspart geblieben! Wirklich, Ihr seid ein grundgelehrter Mann.«
Säuerling lächelte zum ersten Male. Das Lob tat ihm gar wohl. Hatte bis jetzt selten ein solches gehört.
»Eigentlich bin ich nicht zum Schulmeister bestimmt gewesen,« sagte er vertraulich. »Mein Vater war Schuster und hat mich in seinem Handwerk unterwiesen, ließ mich immer die Stiefel für die Arbeitsleute machen, die er auf den Märkten feil hielt, weil es keiner so gut wie ich verstand, alles über einen Leisten zu arbeiten. Das Schusterhandwerk war mir aber verleidet, weil es mich verdroß, daß ich für rechts und links einen besonderen Stiefel machen mußte und das Verschiedenerlei mich ärgerte. Deshalb ging ich zu einem Bader in die Lehre und mußte alle Leute einseifen, dieweil er mit dem Messer kratzte. Dies Geschäft gefiel mir schon besser. Das geschah immer gleich, sodaß kein Unterschied dabei war. Ob Alt ob Jung, alle mußten stillsitzen, wie ich befahl. Da starb der Bader. Das Scheren mit dem Messer verstand ich nicht, denn es ist ein gar schweres Handwerk. So nahm mich ein Magister in sein Haus, unterwies mich, der ich nur notdürftig lesen und schreiben gelernt hatte, in seiner Kunst. Dafür mußte ich die alten Pergamente, die er hatte, ausklopfen, daß sich kein Staub hineinsetzte. Wie auch der eines seligen Todes verblich, vermachte er mir seine Bücher und seine Perrücke. Letzteres tat mich am meisten freuen, dieweil mein Schädel wenig bewachsen war.
Mein Vater hatte aber einen Kunden, einen Grafen, der oft zum Magister gekommen war, um von ihm die Kunst des Goldmachens zu erlernen. Haben Tag und Nacht daran studiert, wollt’ aber nichts gelingen. Dieser Graf wies mich her an unsern hochmögenden Herrn, und so bin ich hier, um in die Bauernschädel Ordnung zu bringen und sie zu rechten Menschen zu erziehen.«
»Habt Ihr kein Weib, Schulmeister?« fragte Schlupps.
»Nein,« war die Antwort, und Säuerling machte ein Gesicht, das aussah wie sein Name.
»Ist es tot?« forschte Doktor Neunmalgescheit. »Nein. Davongelaufen ist mir’s.« Die Sache war aber so: Säuerling hatte ein Weib gehabt, das war eines Tages auf und davon gegangen und zu seinem Vater zurückgekehrt. Als der Richter ihr Vorstellungen machte, daß ein braves Eheweib bei ihrem Gatten zu bleiben und eine gute Ehe zu führen habe, erklärte sie ihm, eine Ehe mit einem fromm gesinnten braven Manne wolle sie wohl führen; einer aber, der alles besser wissen wolle als der liebe Gott selber, habe keinen Glauben. Denn Gott habe die Menschen verschieden gemacht, ihr Mann aber wolle alle nach einem Muster. Wer anders sei als er, wäre in seinen Augen ein schlechter Mensch, und da sie eine Frau und kein Mann sei, so könne sie auch nicht denken wie Säuerling und ihre Art nicht ablegen und verleugnen. Er solle sich zum Frommsein bekehren und was Gott geschaffen habe als recht annehmen, dann wolle sie zu ihm zurückkehren. Da er sich aber nicht ändern wollte und bei seiner Art verharrte, blieb sie bei ihrem Vater und gedieh von nun an wie ein Apfel am Baume, den die Sonne bescheint, während sie vorher war wie eine Schlehe, die im Schatten gewachsen war.
Der Richter merkte, daß er einer Weiberzunge nicht gewachsen sei, gab ihr im Grunde recht, sprach mit Säuerling und suchte ihn umzuändern. Wies ihm nach, daß Gott wohl gewußt, warum er so vieles auf der Welt verschieden gemacht habe, und riet ihm, daß er doch versuchen solle, mit den Menschen in Güte auszukommen. Aber da stieß er auf den Unrechten; denn der Ehemann konnte keine Widerrede vertragen und ereiferte sich sehr, wenn ihn jemand tadeln wollte.
Also ließ ihn der Richter gehen und dachte sich sein Teil. Daher kam es, daß Säuerling nicht in der Heimat geblieben war, sondern auswärts ein Unterkommen gesucht hatte. »Wißt Ihr, Schulmeister,« nahm der Herr Neunmalgescheit das Wort, »Ihr tut mir leid, daß Ihr hier sitzen müßt. Ihr gehörtet an einen andern Platz, und weil ich sehe, was für ein Mann Ihr seid, will ich Euch ein Geheimnis anvertrauen.« Säuerling spitzte die Ohren und sagte: »Da bin ich sehr begierig, Herr Kollege. Ist mir eine Ehre, daß ein so großer Gelehrter sich zu mir herabläßt.« »Das kommt, weil Ihr bei meinesgleichen gewesen seid und habt dürfen die alten Pergamente bewachen. Hättet Ihr in sie hineingeschaut, wäre Euch noch manches klarer im Kopfe geworden, und Ihr wüßtet, wie man es dazu bringt, die Welt nach seinem Willen zu lenken. Hier ist nicht der Ort, über Dinge zu sprechen, die Unberufene nicht hören dürfen. Heute Abend, wenn es dunkelt, kommt auf den Kirchhof hinaus, da können wir von erhabenen Geheimnissen reden, und ich will Euch zu Eurem Glücke verhelfen.«
Damit nickte er recht stolz und hochmütig, als hätte er alle Gelehrsamkeit der Welt in sich und verließ das Schulhaus. Säuerling aber war wie benommen von dem, was er gehört hatte, so daß er wie im Traum umherging und vergaß, die Kinder zu prügeln, ja, es nicht einmal merkte, als eines heimlich lachte. Das Sünderlein steckte rasch den Kopf unter die Bank und harrte vergeblich seiner Schläge. Kaum erklang die Vesperglocke, so liefen die Kinder fort und wußten nicht, wie ihnen geschehen war. Solch einen Nachmittag hatten sie lange nicht erlebt.
Am Abend, als es dunkel wurde, schlich ein Mann auf den Gottesacker, trat hinter einen großen Leichenstein und wartete. Wartete auf einen, der lang und schmal wie ein leibhaftiger Schatten zwischen den Gräberreihen dahin schlich und ängstlich um sich schaute. Denn so tapfer Säuerling vor seinen Kindern war, wenn es galt, sie zu dreschen, so feige fühlte sein Herz, wenn er allein war. Er fuhr daher erschreckt zurück, als der zuerst Gekommene auf ihn zuschritt und ihm feierlich winkte.
»Ach, Ihr seid’s, Herr Professor,« atmete der Schulmeister auf. »Dachte schon, ein Geist wäre es.« »Der könnte Euch nichts anhaben,« versicherte Schlupps lächelnd, »dieweil Geister am liebsten mit ihresgleichen zu tun haben und merken würden, daß Ihr nicht zu ihnen gehört. Aber kommt her, daß niemand wahrnimmt, was ich Euch anzuvertrauen habe.« Damit führte er Säuerling tief hinten an die Mauer und hieß ihn auf einen umgestürzten Leichenstein niedersitzen.
»Wißt,« hub er an, »ich habe viel alte Pergamente durchstudiert und wollte wissen, wie man es fertig bekommt, die Menschen nach seinem Willen zu lenken und sie sich untertan zu machen. Da entdeckte ich denn, daß einst vor tausend Jahren hier im Walde ein weiser Mann etwas vergraben habe.«
»Horcht,« unterbrach ihn Säuerling. »Hört Ihr nicht die Hunde bellen? Oh, es ist furchtbar, wenn sie so zu aller Tag- und Nachtzeit heulen und kläffen. Wißt, daß mir nichts so zuwider ist, als bellende Hunde und krähende Hähne. Die machen ihr Maul immer zur Unzeit auf, statt ordentlich an bestimmten Tagesstunden zu schreien.« »Hört zu, Schulmeister, und unterbrecht mich nicht. Also hier im Walde hat besagter Mann etwas vergraben: Ein Knäuel, aufgerollt aus Bindfaden. Die Stelle habe ich gefunden; aber ausgraben darf ich es nicht; denn es muß ein Mensch sein, der nie Unrecht getan hat, nie Böses von den Menschen gedacht und ihnen immer Gutes erwiesen. Ein solcher kann, wenn er das Knäul aufrollt, die ganze Welt damit umspannen und hat dann Macht über alle Seelen. Ergreift es aber ein Unwürdiger, so kommt der Satan in Hahnengestalt mit dem Gebrüll eines wütenden Hundes und jagt den vermeintlichen Weltbezwinger in die Hölle hinab. Nun seht, Schulmeister, ich bin ein sündiger Mensch, der schon manchem Unrecht getan hat. Ihr aber scheint besser zu sein denn ich, und so frage ich hiermit feierlich und rufe den Mond und die Sterne als Zeugen an: Seid Ihr der Mann, das Knäul zu heben? So will ich Euch die Stelle zeigen und nichts dafür verlangen, als was Ihr mir gutwillig gebt. Ihr aber werdet Herr der Welt, und niemand darf Euch etwas verweigern.«
»Der Mann bin ich!« rief Säuerling und streckte seine Hand hoch. »Nie habe ich Unrecht getan; denn ich bin die Gerechtigkeit selbst. Die reichen und armen Kinder habe ich gesondert, weil Gott die Menschen unterschiedlich geschaffen hat und man ihnen immer seinen Willen vor Augen halten soll. Böses habe ich nie besonders von ihnen gedacht; denn ich weiß, daß die Menschen von Grund aus böse sind, und so habe ich sie nur für das angesehen, was sie sind und nie etwas dazu getan. Gutes habe ich ihnen erwiesen; denn ich hab’ sie von Tand und Lustigkeit abgehalten und sie hingewiesen auf das, was allein ewig bleibt, – – auf die Trauer und die Unlust an der Welt. Und so,« schloß er, »hätte der Herr Professor können keinen Gescheiteren finden als mich. Als Dank aber will ich ihm meine Stelle vermachen. Da kann er in meinem Sinne weiter wirken und die Kinder unterweisen.«
»So steht dem Werke nichts mehr im Wege,« sprach der Herr Professor aus Padua. »Findet Euch morgen gegen Mitternacht hier ein. Alles Nötige werde ich mitbringen. Bereitet Euch vor durch Buße und Reue, falls Ihr noch eine Sünde auf dem Gewissen habt.« »So sündenrein wie ich ist niemand,« erwiderte Säuerling. »Aber jetzt tut mir die Liebe und geleitet mich zu meiner Behausung. Denn die Hunde bellen, wenn ich an den Häusern vorbeigehe, und Ihr wißt, das kann ich nicht vertragen. Bald will auch die Sonne aufgehen und die Hähne beginnen zu krähen.« »Geht nur allein, Schulmeister,« sagte Schlupps, »langsam über den Friedhof, stoßt an keinen Leichenstein, daß kein Nachtgespenst aus seiner Ruhe aufgeschreckt wird und Euch an den Kopf springt. Denn wißt, es gibt auch falsche Geister, die dem Menschen in den Kopf springen und nimmer herausgehen. Dann haltet Euch genau in der Mitte der Straße, seht nicht rechts und links um Euch, bis Ihr in Eurem Bette liegt. Das Weitere kommt morgen.« Und der Schulmeister schlich zitternd und angstvollen Herzens fort, sah sich nicht um und war froh, als er in seinem Bette lag und die Decke über den Kopf ziehen konnte. Am liebsten hätte er gar keine Schule gehalten; da das nicht anging, ließ er die Kinder kommen und suchte ihnen heute nur Freundlichkeiten zu erweisen. Er forderte sie auf fromme Sprüche zu sagen und erzählte ihnen dann, daß er dereinst die Welt beherrschen und zu hohen Ehren gelangen würde. Dann entließ er sie, schloß das Schulhaus ab und erwartete mit Ungeduld den Abend.
Indessen war Schlupps auch nicht faul gewesen. Als er den Kirchhof verlassen hatte, setzte er die Brille ab und begab sich in das Wirtshaus. Am andern Morgen erkundigte er sich, ob nirgends Hunde zu verkaufen seien. »Das wohl,« beschied ihn der Wirt. »Geht nur hinaus auf den Anger, wo der Schäfer weidet, der hat solche zu vergeben. Sag Euch aber gleich, daß es bissige Tiere sind, die man nicht frei herum laufen lassen darf und die keinem gehorchen außer ihrem Herrn.«
Das war Schlupps gerade recht. Er ging zu dem Schäfer hinaus und fand ein Männchen mit faltigem Gesicht und verschmitztem Ausdruck. Neben ihm saß ein kleines Mädchen. »Ist das Euer Jüngstes, Schäfer?« fragte er. »Jawohl, Herr; die andern sind noch in der Schule.« »So, so, hab’ da hineingeguckt, gefällt mir gar nicht, Euer Schulmeister; bin zwar selber einer, möcht’ aber keine Kinder um mich haben, die nicht lachen und froh sind.« »Ihr seid mein Mann,« rief der Schäfer. »Wollte Gott, wir hätten einen wie Ihr seid und wären den Sauertopf los.« »Dazu könnt Ihr kommen,« lachte der falsche Schulmeister. »Hab einen gar feinen Plan und wenn Ihr, Schäfer, mir helft, so sollt Ihr den Griesgram bald vom Ort haben.« »Da bin ich dabei. Sagt, was Ihr begehrt.« »Ich brauche nichts, als zwei oder drei bissige Hunde, die bellen, wenn man sie in den Schwanz kneift, und einen Hahn. Ein paar Buben sind auch vonnöten.« Dann weihte er den Schäfer in seinen Plan ein, und der Hirte versprach ihm lachend, alles auf das Pünktlichste zu besorgen.
Als es ganz dunkel war und vom Turm langsam die Glocke elf schlug, betrat Säuerling den Friedhof, wo ihn der Professor Neunmalgescheit erwartete. Der faßte schweigend des Schulmeisters Hand, schritt mit ihm hinaus, links in den Wald, der sich bergwärts zog, und machte am Fuße einer hohen Eiche Halt. »Hier nehmt,« sagte er feierlich und reichte Säuerling seine Schaufel. »Grabt zehnmal; aber hütet Euch innezuhalten, weil sonst der Teufel Macht über Eure Seele gewinnt. Dann werdet Ihr den Knäul finden. Seht: ich habe Euch ein wenig vorgearbeitet und die Erde aufgelockert.« In Wahrheit hatte der Schelm am Nachmittag ein gewöhnliches Garnknäul an der Stelle vergraben und die Erde wieder tüchtig festgestampft. Nicht weit davon hatte er den Schäfer aufgestellt, der hielt die Hunde an der Leine. Auf einem Baume daneben aber saß des Schäfers Ältester mit einem Hahn, und der jüngere Bube hockte unweit davon auf dem Boden und hielt Feuerstein und Zunder in der Hand und eine mächtig lange Pfeife seines Vaters lag neben ihm.