Maintonis Hochzeit

Plötzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf. Ganz steil stand sie tief am Horizont auf der weißen glühenden Straße.

„Es sind noch fünf Minuten“, murmelte Antoine.

Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen; da nahm Antoine meinen Arm und zog mich unter die Platanen. Wir schritten langsam über Rasen. Das Gras war am Rand der Chaussee leicht gelb. Im Schatten stand es satt und buschig. Wasser lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr heiß. Nun sagte Antoine: „Fahren sie mit nach Paris!“ Nach einer Pause wiederholte er mit eigentümlich gedehnter Betonung: „Paris.“ Dann wandte er sich um und sprach ganz laut und anders:

„Sie müssen nicht daran denken!“

Ich machte eine Bewegung mit der Achsel. Antoine kniff die Augen fest zusammen: „Er hat doch sein Ehrenwort gegeben . . .“

„Kurz! Ich sah ihn“, erwiderte ich ungeduldig. Es klang vielleicht schroff. Antoine beugte sich ein wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter. Die Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen Hügelzug verloren. Durch die ganze stille Luft hörte man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm Antoine beim Arm:

„Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß ich mich nicht täusche. Ich weiß Ihnen gewiß Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie müssen doch einsehen, daß Ihre Argumente wertlos sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er sein Ehrenwort brach und doch wieder in einem Spielbad auftauchte, auf Grund der damaligen Verhältnisse verhaften lassen wollte, hätte ich durchaus keine Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium sind. In einer Stunde erst erreichen Sie die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon ab! Ich will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach, auf unangenehme Ideengänge zu kommen. Umsonst vergrabe ich mich doch nicht in die Pyrenäen.“

Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten Baumganges ein und fachte sich mit dem Hut Luft ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte ihn in die Schulter: „Der arme Perdican . . .“, flüsterte er.

Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward, legte er die Hand auf meine Schulter. Er sah mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an. Darauf flog eine rasche Spannung über seine Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf einen Stein. Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem Knie hastig ein paar Worte. Ich nahm, etwas verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir eine Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen Straße die Post herbei. Antoine rief mir rasch zu: „Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen mit meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten Miseren!“

Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und zogen die Ohren trotzig an. Antoine winkte. Sein Bart und sein schräges Profil traten bedeutend aus der Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor. Die Diligence rollte um eine Ecke, und die Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen die Häuser.

Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs las ich die Zeilen Antoines. Es mußte ein Dialekt sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte ich wieder an den Grafen Perdican denken. Er war ein lieber Freund. Sein Tod hatte ungemeine Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung sah man, daß sein Partner, dessen Wechsel er nicht einlösen konnte, Karten aus einer doppelten Manschette schüttelte. Man verband damals noch andere seltsame Themen mit seinem Namen. Es war eigentlich lächerlich, daß wir uns damit begnügten, ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu widersinnig. Damals hatte niemand hieran gedacht.

Ich frug mittags in Tarragona nach meiner Adresse. Es seien höchstens drei Stunden zu gehen . . . Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel. Ich sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam ein schmutziger Hausknecht. Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der Hand hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben mein Gesicht neigte. Da er nichts sagte und keine Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen. Nun las ich sie laut vor.

Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück und streckte den Span mit gespanntem Arm noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich einen Augenblick scharf. Darauf verschwand er: ich hörte verhandeln. Ein Mann mit einem starken Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen erweckte, prüfte mich, während das brennende Holz mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich fremd sei. Ich sagte: nein . . . Zugleich kam mir meine Antwort dumm vor. Ich zeigte Antoines Zeilen. Er rief sofort ein paar Worte in das Haus. Dann forderte er mich ganz verändert auf einzutreten. Währenddem sagte er, es seien bis zu meinem Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als ich meine Auskunft über den Weg von Tarragona erzählte. Drinnen saßen noch drei Männer. Sie tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht hatten, stand eine harte Luft in dem Raum. Eine Lampe hing an Eisendrähten über einem Tisch.

Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer nahm mich bei der Hand, verbeugte sich und sagte: „Der Sennor will zu Joaquin Pelayo . . .“

Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas, das ich wieder nicht verstand, worauf jeder mir die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank aber ein paar Gläser Wein mit ihnen. Dann ward ich müd. Auf einem Strohsack in einer Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich niemand mehr. Ich durchsuchte das ganze Haus. Niemand. Ich ließ ein Silberstück liegen und ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung sein, als das hölzerne Geklapper eines Maultiers mich umwenden ließ. Der Knecht brachte mir das Geldstück und viele Empfehlungen für Joaquin Pelayo.

Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er stand vor seinem Haus und wusch sich den Oberkörper mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begnügte sich zuerst, durchaus keine Notiz von mir zu nehmen. Ich begrüßte ihn. Dann wiederholte ich meinen Gruß. Ich nannte seinen Namen. Darauf stellte ich mich aufgerichtet vor ihn hin und trat mit dem Fuße mehrmals gegen das Faß. Er ließ ruhig ohne Rührung den Strahl über seinen Arm laufen. Die Muskeln brachen wie Wülste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig krümmte.

Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt konnte mich betrogen haben. Nun nahm ich meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit der Zwinge auf den Rücken. Wie ein Schlagbaum wuchs etwas vor mir in die Höhe. Ich hielt verwirrt meinen Stock in einer lächerlich täppischen Lage wie eine Kinderfahne.

Ich erstaunte über die Würde des Mannes und seine unnatürliche Größe.

Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir die Hand. Er fragte nach seinem Freunde Antoine. Antoine war doch ältester französischer Adel. Ich ließ nicht merken, daß ich verblüfft war. Ich redete rasch und abgerissen. Er schloß sein Hemd und zog eine kurze Jacke darüber, die ihn noch größer machte. Dann rief er zweimal : „Maintoni . . .“

Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen der Lider meine rechte Hand und zog mich ins Haus. Wir gingen über einen langen Gang und traten in ein hohes Zimmer. Maintoni drehte sich um und rief hinaus: „Rodriguez!“ Eine alte Frau saß an einem Fenster und murmelte vor sich hin. Maintoni küßte ihr die Hand und ging hinaus.

Rodriguez goß eine Flut Freundschaftsversicherungen aus. Sein Körper war schlank und von wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das Gesicht wirkte in der Nähe kantig gegen die Harmonie des Wuchses. Die Nase war ein wenig zu lang.

Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme hatte eine knarrende Biegungslosigkeit. Einige Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch vor ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrüßt hatte. Sie dankte, sprach aber weiter. Dann sagte er mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur noch in ihren ersten dreißig Jahren. Die Umgebung kannte sie nicht mehr. Eine dichte Luftschicht, von Erinnerungen gesättigt, umgab sie wie körperlich und schloß hermetisch alle Berührungen mit der Welt ab.

Doch küßte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll die Hand, als er eintrat. Maintoni brachte mir zu trinken. Während dem Essen legte der Hausherr plötzlich die Hand auf den Arm seiner Tochter. Er trug einen Ring mit einem riesigen Solitaire. Ohne daß Sonne ihn traf, blendete er. Ich sah sofort, daß er echt war. Pelayo sagte zu Rodriguez, als Maintoni hinausgegangen war:

„Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr Zimmer abtreten! Sie werden unten schlafen bis zur Hochzeit.“ Ich wollte Einwendungen machen. Aber man schlug mich mit Freundlichkeit nieder. Pelayo zog sich zuerst zurück. Rodriguez erzählte mir gleich, daß er in vierzehn Tagen heiraten werde. Maintoni sei dann gerade siebzehn Jahre alt.

Er hob den Arm und bog ihn über dem Kopf zusammen, daß das Gelenk knackte, und der bronzene Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er dehnte sich weit zurück, schlug rasch auf seine Schenkel, daß es wie Gewehrfeuer klang und an der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf. Dann erst konnte er wieder reden, so nahm ihn die Freude mit.

Maintoni führte mich zu meinem Zimmer. Als wir die Treppe hinaufstiegen, öffnete sich neben dem Geländer eine Tür. Ihr Vater trat heraus. Eine eigentümlich süße und berauschende Luft quoll heraus. Pelayo schloß rasch wieder. Ich fühlte, daß mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein wenig und wollte Maintoni fragen. Aber sie ging so ruhig vor mir, daß ich es ließ.

Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde Hitze auf die Landschaft. Die Nerven lösten sich und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer aus hatte ich weite Schau und staunte über die Seltsamkeit der Gegend, die mit einer Welle von Grün und übertriebener Fruchtbarkeit noch gegen das Haus prallte und sich hinunter nach Valencia zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus der, zäh und kantig, der Engpaß zum Schloß von Hospitalitet hinaufwuchs.

Am nächsten Tag verabschiedete sich Joaquin Pelayo von mir. Er ließ Maintoni allein mit uns beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging. Morgens liefen wir zwei Stunden südlich, wo der Postdampfer anlegte, und fragten, ob etwas für mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien ihnen fremd und eigenartig zu sein. Rodriguez tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das seine Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch nehme. Allmählich hatte er sich so in die Rolle hineingelebt, daß er meinte, seine Anwesenheit sei nötige Bedingung dafür, daß der Matrose, der die Post ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn herüberwarf und mit affenhaften Verrenkungen eine Kupfermünze dafür fing. Manchmal forderte er mich mit einer kleinen Gebärde von Ungeduld auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal allein gehen ließ, reichte er mir schweigend die Hand, als hätte ich ihm das Wertvollste anvertraut. Maintoni hatte eine stumme Verwunderung dafür. Sie strich mit ihrer ganz hellen Hand über den Brief hin, beschaute ihn von allen Seiten und blieb mit einem märchenhaften Ausdruck des Verlangens an den vielen bunten Marken hängen.

„Hätten Sie sie gerne?“ fragte ich lächelnd. Ich löste sie und reichte sie ihr hin. Da ging ein namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie öffnete halb den Mund. Zwischen den sanften Bogen ihrer Lippen traten die Zähne, die weiß und außerordentlich schön gesetzt waren. Dann senkte sie rasch den Blick, bewegte den Arm einige Male wie streichelnd über den Gürtel, wandte sich langsam um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu Rodriguez hin. Er umarmte mich:

„Hombre, si: Sennor!“ Sie sind ein guter Mensch“, rief er enthusiastisch. Abends fuhren wir aufs Meer hinaus. Die leichte Brise löste die heiße Stille des Tages zu einer bewegten Kühle, die einen Schauer von Ruhe und dämmerndem Glücksgefühl entfachte. Ich lehnte mich zurück in dem Boot, dessen geschweifte Flanken in eine Spitze aufstiegen, die über meinem Kopfe stand. Maintonis Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez, dessen braune Rückenmuskeln im Takt des Ruderns fächerhaft zusammenschnellten und wieder unter der Haut verliefen.

Wenn die Sonne verschwunden war und die Berge um das Castel de Balaguer wie mit violetter Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt schienen, sang Maintoni eine Romanze, deren Rhythmus immer steil aufwärts und tief herab ging. Einmal erzählte Rodriguez von seinem Vater, der vor fünf Jahren in Asturien auf einer Bärenjagd verunglückt war. Das Tier hatte ihm den Kopf abgerissen. Das Messer des Freundes schon im Herz, hatte es ihn mit einer der letzten Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen. Man mußte den Leichnam ohne Kopf begraben. Rodriguez schien bang:

„Glauben Sie, Sennor, daß mein Vater trotzdem . . .“

Ich nickte ihm bestätigend zu. Er war rührend. Er hatte die Hand fest gegen sein Knie gepreßt und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig:

„Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben war und mit dem Kopf verschwunden ist . . .?“

Ich sagte ihm, daß es genüge, wenn das Kreuz die Brust berührt habe . . .

Oft trug der Wind den Duft der Linden herüber und verteilte ihn dünn und zärtlich über das Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand lag eine breite Klippe. Dort war, wenn die Flut nicht ging, die kühlste Stelle der ganzen Gegend.

Nachts schlug das Meer gegen den Strand.

Joaquin Pelayo kam noch stolzer als früher. Es war am heißesten Mittag. Maintoni brachte eisgekühltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und später Schokolade. Mein Gepäck war nachgekommen, und ich zeigte ihm ein paar Aufnahmen Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzählte ihm auch von dem Eindruck des Zettels auf den Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht hatte auf der Suche nach ihm. Er lächelte leicht:

„Lassen Sie aber keine Geldstücke bei mir liegen!“

Ich lachte: „Da müßte der Diamant an Ihrem Finger nicht unter Brüdern zwanzigtausend Francs wert sein . . .“

Es war, als hätte ich mit der Hand auf den Tisch gehauen. Alle wurden still. Rodriguez strich sich übers Haar, und Maintoni sah scheu zu ihrem Vater.

Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser Lähmung lief an uns ab, wir rauchten, und als es kühler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen kniete sie nieder. Wir saßen auf der Galerie des ersten Stocks. Beim Näherkommen ging sie langsamer. Sie blieb lange unten bei der alten Frau, die immer mit sich sprach. Dann trat sie bescheiden heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in sonderbarem Widerspruch mit dem heroischen Risse des Gesichts. Nur die Augen linderten die Stärke der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie waren weit aufgebogen und leuchteten in hellem Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen von Hospitalitet.

„Sor Gracia, meine Schwester“, sagte Pelayo.

Ein kräftiger Wind ließ das Meer opalisieren. Die Linie der Küste zischte wie in versteckter Wut. Draußen an der Klippe sprang manchmal eine gepeitschte Welle springbrunnenhaft und heftig in die Höhe. Der Himmel nahm eine tiefrote Glut mit blauen Rändern an.

Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom Kloster; und wie sie sich freue, am jüngsten Tage eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.

Am nächsten Tage kam der betäubende Duft wieder heftig aus dem Zimmer im Erdgeschoß. Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton durch das Haus von splitterndem Glas.

Den Tag darauf legte sich der Wind ganz. In den Zimmern ward alle Stunden gesprengt. Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute zum Strand über die kleine Bucht, wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines gelbes Tuch, das schlaff an einer Stange herabfiel. Wir schliefen den vollen Mittag. —

Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte am folgenden Morgen. Sie wehte wieder am Abend. Ein schwacher Wind spielte lüstern mit ihr. Er legte sich in die Falten, drehte sich darin und ließ das Tuch herabfallen. Dann blies er es von neuem hoch.

Mit der Dunkelheit zündeten wir Laternen an. Wir gingen am Strand entlang. Dann bogen wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis Haare glänzten kupfern. Wir trugen kurzgestielte Netze mit feinen Maschen. In kleinen Abständen blieben wir stehen und hielten mit kurzem Ruck die Laternen dicht über das Wasser. So schritten wir den kleinen Fluß entlang ins Land hinein. Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran, das zuckende Heranschleichen der Aale zu beobachten. Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das Netz halten, wie ich zustoßen müsse. Doch ich fing keine.

Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben.

Es wurde hell, als wir nach Hause kamen. Maintoni hatte die gleiche Ruhe wie stets. Sie hatte kein Brennen im Blick, keine Röte auf der Haut. Ich schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte, hörte ich, noch schlaftrunken, Stimmen. Eine kurze, spitzige, die herüberschoß, eine breite, starke, die ihr entgegenkam. Dann ein ärgerlicher Ausruf — — ein Wagen, der anzog — — noch ein paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog mich weit über die Holzstäbe . . . . . .

Ich taumelte, ich riß mich hoch. Das Holz knirschte. Ich fühlte, daß mein Atem pfiff. Ich sah es . . . es war dasselbe Gesicht des, der lächelnd Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte . . . es waren dieselben Züge, es war derselbe, den ich zwei Tage vor dem Tod der Frau von Montbellaire mit entstelltem Gesicht, die Augen grün untergraben, mit schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen, aus ihrer Loge stürzen sah.

In dem Wagen saßen noch Frauen, auch einige Männer.

Ohne Gefühl nahm ich, als ich hinausschaute, in mich auf: Die Fahne wehte nicht mehr.

Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht. Da drang ich in das Zimmer im Erdgeschoß. Ich hatte nicht geklopft. Ich stieß die Türe auf. Ganz weit. Aber der Duft schlug mir süßlich ins Gesicht und nahm mir den Atem. Ich sah kurz ein Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich hinausgezogen. Er war höflich, schien aber verletzt. Er begriff meine Erregung nicht. — — Was sie gewollt hätten?

Das Haus mieten oder so etwas . . .

Es schien ihn gar nicht zu interessieren.

In diesem Augenblick rief draußen einer der Knechte. Pelayo sprang hinaus. Ich folgte. Der Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe raste etwas herunter . . . an uns vorbei. Wir stürzten nach. Maintonis Kahn schaukelte leer draußen. Die Flut kam, die die Klippe überschwemmte. Wellen mit breitem dunklen Rücken wälzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte es und weiße Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz. An einem Vorsprung hielt sich Maintoni mit gekreuzten Armen.

Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust drängte sich heraus. Er bog die Hände vor die Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und aus dem qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes flog seine Stimme wie ein Schuß:

„Ay!“ rief er.

„Ay! Maintoni — —“

Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez. Ich hielt das Steuer, sah sein Gesicht. Wie lächerlich die rotweiße Lackierung der Ruderstangen wirkte. Zweimal sahen wir Wellen über die Klippe gehn. Maintoni hatte den Vorsprung umklammert und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand uns zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht. Wir wagten es nicht, zu atmen. Nein. Wir konnten nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge.

Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht. Die Flut trieb es weg, während sie die Fahne einstrich.

Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am Morgen sehr früh weckte mich Pelayo und fragte, ob ich ihn begleiten wolle.

„Es wird zwei Tage dauern“, sagte er. Ich war dabei. Wir gingen Stunden. Wir schliefen den Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde dämmerig. Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen rauhe Bergwände einnistete. Ein abschüssiger Pfad führte zum Meer.

Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die Fahne auf der Klippe bedeute. Ich hatte ihn gefragt, woher er Antoine kenne. Dann hatte ich gefragt, was das Geheimnis des Zimmers sei, aus dem der Duft ströme, und auf dessen Tisch ich das Blitzen sah.

Joaquin Pelayo sagte mir, daß er Baske sei. Antoines Mutter sei aus dem alten Königsgeschlecht und in einem Zweige mit ihm verwandt.

Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht mehr. Sie mußte schon lange tot sein. „Bei Antoines Geburt“, sagte Pelayo. „Dieser Familienstamm ist älter als der ganze europäische Adel. Antoine und ich entdeckten unsere Verwandtschaft, als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu lassen.“ Das sei auch das Geheimnis des Zimmers: Sein Laboratorium. —

„Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten. Es ist gefährlich, Sennor, wenn man weiß, daß Diamanten bei mir ausgeladen werden. Ich habe den Schmuck der Herzogin von Guise und das Diadem der Fürstin Rubinowitsch geschliffen. Sie sehen, welche Werte ich manchmal im Hause habe. Die Fahne bedeutet je nach der Farbe, daß ich am soundsovielten Tage hierher komme. Das Schiff fährt an der Küste vorbei, und man läd hier aus.“ Pelayo schaute angestrengt durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte er lächelnd: „Sie werden erstaunt sein, Sennor, . . . ein unbekannter Mann . . . hier in der Einöde . . . schleift den berühmtesten Schmuck. — — Ich habe in Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein System erhalten. — — — Maintoni soll glücklich werden“, fügte er ohne Zusammenhang hinzu.

Er zeigte mir eine Holzhütte mit Stroh. Der dünne Ton einer Pfeife — — — Pelayo verschwand. Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging das Tal hinauf. Mohn wuchs im Gras. Wilde Lilien standen überall. Durch einen kleinen Wald mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe rauschte an mir vorbei. Leicht feucht war die Luft. Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen.

Ich warf mich auf den Rücken und sah, wie die Sterne über das Meer hinauswuchsen und mich traurig machten.

Pelayo schlief in der Hütte. Wir schenkten einem bettelnden Gendarmen Brot unterwegs. Maintoni weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht erwartet.

Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, daß es niemand sah. Maintoni hatte goldene, glänzende Zöpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebänderte Enden sie im Gürtel trug. Ihre Brauen waren halb blau und halb schwarz und waren lang und so fein wie der Schatten einer Feder.

Es war so heiß, daß die Fenster im ganzen Haus ausgehängt wurden, die Türen wurden geöffnet. Die Diener wehten mit Palmblättern Wind, wenn wir speisten.

Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er setzte sich auf die Binsenmatte. Dann stand er wieder auf. Dann stützte er sich gegen das silberne Kohlenbecken. Er sagte: „Sennor, Maintoni ist traurig.“ Ich tröstete ihn. Ich sagte ihm: „Es wird die Hochzeit sein, Rodriguez.“ Doch er schüttelte den Kopf.

Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: „Ich bin nicht traurig. Ich freue mich, Sennor.“ Aber Maintoni hatte rote Augen.

Da sagte ich: „Maintoni! Rodriguez leidet sehr.“ —

Maintoni bekam große blendende Augen! „Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich liebe ihn auch. Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor, was habe ich, um es ihm wiederzugeben? Nichts, Sennor.“ . . .

Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia. Sie setzte sich lang zu der Alten, die immer sprach. Der Saal war weiß gestrichen. Oben lief eine Borte von gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines jeden wuchs ein Arm aus Messing. In der Hand hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zündete alle Kerzen an. Es mochten hundert sein.

Sie sprach noch, daß sie am Jüngsten Tage eine kleine Harfe spielen werde. Sor Blanca und Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.

Viele Leute kamen. Frauen in grünen und gelben Miedern. Frauen in Schuhen ohne Absätze, in Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit Gold, mit Silber, mit Muscheln, mit vielen weißen Perlen bestickt. Sie tanzten Fandango. Sie tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez tanzte. Alle anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten. Tamburine und Flöten klangen. Die Männer schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen in die Hände. Eine Sackpfeife spielte mit hohem, eintönigem, melancholischem Klang. Maintoni trat allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte. Die Glieder spannten sich in einen heißeren Rhythmus. Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie wölbten die Brust. Der Rücken bog sich, die Hände wurden heiß. Dann hielten sie in einer plastischen Pose, lösten sich und gingen allein in das Dunkel. Sie kehrten bald zurück.

Die Gäste gingen.

Ich stieg hinauf, um zu schlafen.

Es war spät in der Nacht.

Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte, pfiff, peitschte sich durch das Haus. Ich stürzte die Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles fiel auf meine Augen und drückte. Als ich erwachte, lag ich schräg auf der Treppe. Langsam stand ich auf und ging hinaus.

Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak in seinem Hals. Nur Leute, denen der Tod in die Gurgel fährt, können so schreien. Blut sah ich keines. Es war Rodriguez.

Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten rote Räder. Flimmernde Punkte sprangen hin und her.

Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht nebeneinander. Ich ging hin. Da lag noch ein Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte mich nicht mehr. — — — Es war dasselbe Gesicht des, der lächelte, als er Graf Perdicans Wechsel in die Tasche schob . . . dasselbe, das grünunterlaufen war, wie ich es vor Frau von Montbellaires Loge sah.

Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif Schaum hing aus dem Mund. Im Gesicht waren blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und am Gurgelknopf rot wie rohes Fleisch.

Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten gereizt. Rodriguez war dazugekommen. Das Messer . . . der Schrei . . . Pelayos Faust hatte ihm den Kehlkopf zerdrückt. — — — Ich sah alles.

Maintoni weinte nicht.

Das Meer lag wie eine große Perle da.

Der Kopf des Fremden stand schräg über die Schulter in die Höhe. Der Hals wölbte sich heraus. Es konnte nicht mehr lange dauern.

Die Augen sahen nun aus, als hätten sie den Star. Die Pupillen wurden grau. Sie wurden breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer. Die Nägel hatte er in die Handflächen eingeschlagen. Die Arme lagen still neben ihm. Alles Leben stand nur noch im Krampf der Pupillen.

Dann brach der Blick. Ein Zucken lief vom Hals über die Brust und spielte mit schwachen Erschütterungen über den Bauch.

Da tat Maintoni dies, das größer war und furchtbarer, wie alles, was Rodriguez gab, als er sie von der Klippe rettete . . . Maintoni tat es: sie trat dem Sterbenden mit dem Fuß breit ins Gesicht; sein Kopf rollte schwerfällig zurück.

Und Maintoni lief hinunter zum Strand. Sie warf sich vor dem Meer auf die Knie, und indem sie in den ungeheuren Glanz der kommenden Sonne viele Male hineinrief: „O Santa Maria . . . Santa Maria de la Mar . . .“, schlug sie die Hände vor das Gesicht, weinte laut und schrie.

Fifis herbstliche Passion

Brigitte: Und begreifst du nun das Leben?
Ulrich: Jetzt begreife ich den Tod.

Carl Sternheim

Und niemals wieder war die Liebe so sanft, demütig und rein,
So voller Musik wie da . . .

Ernst Stadler

Die Straßen mit den tagmüden, grauen Trottoirs wurden gesprengt, und die schweifhaften, breiten Güsse, die den säenden und starken Gesten der Männer entflogen, legten sich klatschend und eigenwillig auf den Boden. Es wurde Abend. Die Weiden und Eschen der Gärten schwebten scheu und flimmernd vor der ungeheuren Ruhe des opalenen und tiefgelben Himmels. Und wie das Wasser das Irisierende aus der Luft sog, schritten die Menschen über die Straßen wie über Bilder von Signac oder Croß: Eine Viertelstunde brannte die Stadt in einer stillen Glut von gelbem Getupf.

Brandfeuer rannen in dünnen Strähnen dann in die Stadt und mischten sich Glockengeläut und dem grausamen Drang einer fressenden Dämmerung. Wie Schlünde tagelang entfeuerter Kanonen brachen die Schloßfenster über die auslöschenden Häuserquadrate, feierlich, hart und alt, eine Zeit noch hinaus.

Dann sprangen die Laternenreihen die Straßen hinunter und erreichten, leichtes Geknatter der Zündung zurücklassend, den Platz, der mit rasender Wucht an tausend Ecken, Schnüren und Windungen von Licht geborsten und aufgerammt war und über den ein tiefdunkler, sterndurchlochter Herbsthimmel schräg und kühl heraufwuchs.

Fifi erschien auf dem Podium.

Von den Schießbuden klang schon das Hämmern der Treffer, die Spielorgel setzte ein. Aber aus dem rechten Ausgang der Baracke trat ein herkulischer Mann, winkte ungeduldig mit der Achsel, die Orgel schwieg: Fifi setzte die Spitze des rechten Fußes nach hinten auf, stellte die Arme wie Henkel auf die Hüften und wartete. Der Große fing an zu schreien. Seine Arme ruderten durch die Luft, sie umschrieben die gewagtesten Figuren, hemmten sich gegenseitig und warfen sich in gelungenem Überschwall auf das Publikum, weit geöffnet, hinaus. Ein verknickter Hut saß ihm auf dem Kopf. An den Griffstellen glänzte er. Der Rock war zerdrückt und hing um den Körper, dessen Fleisch schwammig und unangenehm schien. Es ist zu betonen, daß die Figur herkulisch war, um die Augen zu verstehen, die, wenn die Brust und die Gebärde sich herausspreizten und mit pompösen Auftakten in die Höhe stiegen, klein und feig dies alles wieder leugneten und ängstlich wie Wassertropfen von einer öligen Fläche an dem angesammelten Publikum abliefen. Sein Mund rief heisere Worte hinunter. Er schrie. Er warf geifernde Reden den Leuten ins Gesicht. „Seht,“ rief er, „auf Fifis Tanz. Kommt herein, alle,“ und er winkte, „nur Erwachsene dürfen kommen: Plastische Darstellungen . . . pikante Szenen . . . (es war, als zerdrücke er etwas Klebriges im Munde.) Der König von Griechenland haben uns beehrt in Wien. Höchste Herrschaften drückten ihre Bewunderung“ . . . und so sehr lief eine Welle von Ekel von seinen Sätzen und dem wissenden Winken seiner plumpen Hände aus, daß zwei forsche Unteroffiziere selbst sich brüsk wandten und gingen. Über der Baracke stand rot auf blau: Pariser Relief!

Der Alte hob die Hand, die Orgel schlug an, und vor dem in einem Teil aus dem Strudel wieder zusammengeschlossenen Publikum trat Fifi in ihren Tanz ein.

Zwei junge Leute waren inzwischen gegenüber eingetreten in „die Schönheiten des Orients.“ Vor der Bude standen zwei Palmen und ein dickes Weib, alt, voll Vergangenheit, mit bösen weißen Augen. Sie war die Frau des Athleten; Orient und Paris lagen gleich zwei Rachen auf den beiden Seiten der Meßstraße und bissen sich Opfer heraus. Doch ging der Orient besser, und Paris sank von Stadt zu Stadt. Fifi hatte feine Fesseln, aber Lizzy, genannt Luise, hatte Hüften wie ein Dynamo. Und an ihren Zoten gingen die beiden Männer vorbei, schauten durch runde Gläser eine Photographie von Dschiseh und traten, indem sie einen Teppich zurückstießen, bei Lydia ein, der Dame ohne Unterleib, die, in grünem Samt, in einem Sesselstuhl saß und rote entzündete Augen hatte.

Der eine der Herren zog seine Handschuhe an, und nach dieser symbolischen Handlung traten sie rasch den Rückzug an. In Jena hätten sie Ringkämpfe aufgeführt mit den Studenten, rief ihnen Lizzy nach, genannt Luise.

Gleich einer unangenehmen Luftschicht fiel dies hinter sie zurück, und sie traten hinaus in das Erregte des Platzes, in dem die breiten, musikbeladenen Karusselle schwammen und sich überrasten und Geglitzer von Spiegeln, Lichtschnüren und bunten Mädchen vorüberdrehten und auf dem ein Meer von Menschen schiebend, erregt und drückend sich schaukelte, über denen Schüsse knallten, Schreie hin und her zuckten und laute Glocken dunkel aufzitterten.

Da wandte sich Franz plötzlich herum und zog den anderen mit. Sie brachen durch den Strom, und indem sein Gesicht sich erhellte, zeigte Franz auf Fifi und sagte: „Die leichten Bogen dieser Beine sind entzückend schön . . .“ Sein Gesicht hatte eine vollendete Güte, die das Kühne und Auffallende dieses Profils in einen seltsamen Adel steigerte.

Und wie er dies sprach, die Lippen nur wenig bewegend, fielen Fifis Blicke plötzlich auf seine Augen, und die Blicke hingen sich ineinander, bis die Orgel mit einem aufflammenden Stoß plötzlich schwieg. Der Herkulische trommelte rasselnd auf einem Schild, Fifi war zurückgetreten, er winkte zum Eintritt, aber nur ein Einziger folgte, die Menge schob weiter.

Und Franz und sein Freund wurden weiter gedrückt, als sie sich der Strömung übergaben, vorbei an dem grünbemalten Gerüst, in dem Menschenfresser hausten. Drei Cowboys, mit roten Blusen, kokett, über die eine ganze Prärie unbändig eine halbe Woche lang eitel brüllendes Gelächter wäre, schossen zeitweise Revolver prahlerisch in die Luft. Ein echter Mexikaner hielt eine Harpune hoch mit rotblänkerndem Fleisch. Überall lief der Witz, daß die Menschenfresser — Krokodile seien, und weil das Volk voraus wußte, daß es geleimt würde, zog man in Scharen hinein.

Dann kam die große Bude mit den „Fliegenden Menschen“, zwei Mädchen in blauen Trikots mit Silberschnüren: die eine blond und mit dem Anfang der sich wölbenden Formen, die eine sonderbare Sinnlichkeit aussprühten, und die andere mit ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das Gesicht Toulouse Lautrecs Durchschnittsmodell (breit, gemein, verworfen) mit einem unheimlichen Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darüber. An der Galerie entlang stand die Familie, sechs Menschen, und bliesen Blechinstrumente, und die Mädchen oben wiegten in das Derbe, Kommune der Straßenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre Bude war ganz voll. Immer!

Und als Franz dem Strom entkam und wieder zurückeilte, sah er, wie Fifi, mit einem Stoß herausgedrückt, aus der leeren Baracke taumelte, rasch sich faßte und anfing zu tanzen, mühselig, müd und fein und beschwingter, als sie Franz erblickte. Nur kleine Truppen blieben stehen, die Masse strömte zu den Fliegenden Menschen.

„. . . Augenstern . . .“ rollte es von unten herauf.

Es war spät geworden. Die Orgel schloß. Fifi verbeugte sich. Der Athlet rief den Beginn der Vorstellung aus. „Soeben Beginn . . .“ rief er und schnalzte. Aber niemand stieg auf. Er schrie. Niemand. Da ging er, von der Leere beschämt, verlegen einmal über das Podium, verschwand ins Innere, lauerte bis die Gruppe sich ganz verlaufen hatte und trat wieder vor. Fifi schlich wieder heraus. Wie eine große Spinne hing der Herkulische auf seinem Podium. Franz stand beiseite, beobachtend, den Kopf schief aufgelegt. Und wie eine Truppe nahte, fing der oben an, Schlüpfriges zu reden, ein Wink, die Orgel: Fifi . . .

Die Leute hielten, schoben ab, es wurde später, das Gesicht des Alten rötete sich, er suchte die Uhr. Immer wieder verschwand Fifi, immer begann der Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf Szene: das Greifen und Locken nach spärlichen Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis und die bleierne Schwere ihres Tanzes, angezündet manchmal und heftiger im Erblicken von Franz. Dann ward es zehn Uhr. Polizei drängte mit Seilen vor, die Pfeife des Dampfwerkes heulte, die Menge lief ab.

Über den leeren Platz, durch einen schmalen Gang, den Schutzleute freihielten, und um den Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die Artisten, zum Teil mit Mänteln, die sie über das Bunte und den Flitter gehängt hatten und die so zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden und mit ihren andersgewordenen Gebärden plötzlich desillusionierend und doch noch von dem erregenden Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die Straße hineinströmten. Zuerst kamen großspurig und in der starken Lüge der hohen bespornten Lederschuhe sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und Garmisch.

Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand stak in der Revolvertasche, so daß Dienstmädchen erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven sich loslösten.

Hinter der bewußten Brutalität der Ringkämpfertruppe mit dem haarlosen Bär schritt die Besatzung der Schießbude links ganz hinten. Sie hatten alle halblange Röcke an und Kleider, welche schöne und zierliche kleine Blumenmuster trugen, im pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie sie, zu zweien links und rechts der ebenso gekleideten und schön aufrechten Mutter eingehängt, die Köpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten, erschienen sie wie eine Porzellangruppe aus einer kleinen, bürgerlich-graziösen, deutschen Manufaktur.

Dann: Leere . . . und Fifi . . . Schmal, doch köstlich in einen gelben Gummimantel gehüllt, fröstelnd, den Platz mit Adel ausfüllend, kam sie auf den Ausgang zu. Mit der dünnen linken Hand krampfte sie den Kragen über die Brust vor dem Hals zu wie mit einer weißen Agraffe. Die Lippen waren rot und merkwürdig wie mit feinem Lack auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie stieß kurz vor der Straße mit den anderen zusammen. Die Alte trug einen Milcheimer. Der Herkulische schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu, Lydia — ein dickes aufgeschwollenes Tier — ging idiotisch, faul nebenher, ohne Umhang in grünen Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit gierigen Augen schloß sich der Mexikaner von den Krokodilen Fifi auf der anderen Seite an, daß sie zwischen ihm und dem Athleten um so reiner erschien.

Schräg auf der Holztreppe, die in den großen gelben Wagen hineinlief, in dem sie wohnten, wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklärt nach der Stelle, an der Franz stand (den sie nicht — dies war auffallend und seltsam zugleich — gesehen haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lächelns, während der Mexikaner in lüsternem Scherz sie, mit auf ihre Hüften aufgesetzten Händen, ins Innere drängte.

Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der Achseln reagierte.

Später glitt der Mexikaner aus dem Wagen. Eine Zigarette drehend, mit der Eleganz des Romanen alle Glieder bewegend, schlenderte er zur Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen umkreiste, sah Licht aus den schmalen Luken dringen und hörte keifende Stimmen das Innere des Raumes hin und her zerreißen. Dann nahten mit schwerem, gleichabgetöntem Schritt die Patrouillen.

Es ward spät.

Er ging.

Alle Tage tanzte Fifi. Es war kühler geworden. Ungeheuer gewölbt spannte sich der Himmel. Sinnlose Monde stiegen über die Nächte hin. Franz sah sich aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft und Dingen herausgerissen und in die Aura dieses Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen. Bei den „Fliegenden Menschen“ stieg täglich der Kassensturm und die Sensation. Der „Orient“ verdiente gut an reiferen Herren. „Paris“ brachte es von 8—10 abends manchmal nur auf eine Vorstellung. In den Pausen tanzte Fifi. Der Alte winkte, schrie, ward gieriger, je später die Zeit hinlief. Verkündigte Anfang der Vorstellung, er öffnete die Vorhänge, Fifi tänzelte ins Innere. Niemand kam. Manchmal vielleicht zwei Herren. Und dann packte der Alte Fifi mit seiner Tatze an der Schulter und schleuderte sie hinaus. Die Orgel hob an, Fifi erhob die Füße, hinten der blaue Horizont der Draperien gab ihren Bewegungen Haltung und Relief, und die müden Schwingungen ihrer Arme und Beine waren wie das kurze Geflatter einer Libelle, die, in der Luft anhaltend, über einem schönen Gewässer erblitzt. Langsam im Fortschreiten des Abends wurden ihre Gesten müder, von einer schmerzlichen, bleihaften Schwere überhaucht. Franz hörte das Pfeifen ihres Atems. Und wenn sie, leicht gerötet die Wangen, schloß, fiel die Kühle des Herbstes auf ihren Schweiß.

Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des Zuschauens von Mitleid und schmerzlicher Bewunderung angefüllt. Manchmal schien es, als müsse der nächste Pas sie stürzen, in sich zusammensinken lassen. Doch sie blieb. Ihm aber widerstrebte es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen, die unter den Augen des klebrigen Athleten oder mit dem Beigeschmack der gewohnten leichterotischen Anknüpfung sich vollziehen mußte. Er fühlte, daß er Inhalte in sich trüge, die in ihrem Wesen auf dieses Kind abgestimmt seien, und die Schwere dieses Bewußtseins nahm ihm den Mut zur Leichtigkeit. Ihre Blicke trafen sich hin und wieder — nicht oft — aber in einem berückenden, außerweltlichen Zusammenhang.

Sie waren schon tief ineinander eingewöhnt, als sie ihre Stimmen noch nicht kannten.

Dann kam jener Abend. Donnerstags.

Es war ein schöner Abend, mit bunter Kühle, sternhart, der Park voll gärendem Geräusch. Er zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch, überdunkelt und alt im Sommer, winters bereift, immer schön. Die Lichtgurte ganzer Grenzstraßen warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen Teich, aber er gab kein Dunkel wieder zurück. Nahm alles auf mit großer, tiefer Selbstverständlichkeit. Stand geborgen, bergend, unberührbar, geschlossener Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein Zentrum, um das die Stadt mit Geleucht rotierte. Donnerstag abends . . .

Es war schön.

Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr im Schloß hakte ein: Fünf Minuten bis halb acht Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr begann, die vorher um sieben aufgehört hatte: Zeit, in der die Artisten aßen. Seine Gedanken gingen langsam, gemächlich, nichts erwartend, ohne Tatkraft um das innerlich abgespiegelte Bild von Fifis Tanz sich bewegend, Erklärungen ersinnend, von einer leisen Sehnsucht aufgelockert und beschwingt gemacht. Da knirschte es, und noch ehe ihm durch sein Geträum das Bewußtsein heftiger Schritte und haschender Bewegungen ins Gedächtnis stieß, hieb mit einem unendlich scharfen Akzent ein Schrei in ihn hinein, warf ihn herum. Er lief über ein Grasrondell, stolperte, stieß an ein Gitter, sprang darüber. Sein Hut war verloren, der Ärmel geschlitzt, seine Brust zitterte. Er stürmte um ein eingezäuntes Denkmal, mußte umkehren, lief in einen dunklen Weg, packte einen Mann am Genick und schmiß ihn zurück, daß sein Körper krachend an die Stakete knallte und an ihnen wie eine dumpfe Masse niedersank. Hinten im Weg leuchtete der rote Kopf einer Zigarette auf, bewegte sich her. Neben ihm selbst stand Fifi, die Arme noch schräg aufgehoben, die Augen ganz groß in der Form und schalenhaft, in die nun plötzlich ein beinahe bläulich erglänzendes Licht floß. Zwei schimmernde Kreise, standen die Augen in ihrem Gesicht.

Und so die Hände haltend, ungeschickt, doch ganz sich in der Geste erfüllend, tat sie einen unnennbar müden und langsamen Schritt auf ihn zu, das Gesicht transparent, mit zwei schimmernden Hostien. In diesem Augenblick lief das Geknatter rasch folgender Schüsse neben ihnen hin, und wie sie umschauten, war es nur noch Fifi, die sah: sah, wie Franz dem Hingesunkenen den Revolver aus den Fingern riß, ihm den Kolben gegen die Schläfe hämmerte und ganz groß auf sie, die zitternd harrte, zuging.

Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette heraufgekommen, zwischen sie gesprungen und löste die Luftströme los, die zwischen ihnen liefen.

Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie es: „Verletzt?“ Franz zeigte den Revolver; er deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner riß sein Gesicht in Falten, fauchte, trat dem Klumpen in den Bauch, schnippte das Bein hoch, daß der Körper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht neben den Liegenden und sog heftig an der Zigarette, daß ein roter Kreis auf die Erde fiel, in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben und Stichwunden durchbohrtes Gesicht auftauchte.

„Der Fakir,“ . . . schäumte der Mexikaner. „Man sollte ihn peitschen“, . . . und fing an, ihn mit den Füßen zu bearbeiten. Wie Franz ihn hinderte, fiel sein Blick auf Fifi.

Sie war ganz verändert. Ihr Gesicht war wie ein weißer Fels, über den in zuckhaft raschen Stößen rote Wallungen strömten. Blitzhaft wechselten Hell und Rot und drohten, den Hals zu sprengen.

Und während sie wieder auf Franz zuging, als trüge sie alles gegen ihn, zitterte ein Klang, rauh, gegenströmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle Glieder zu ihm drängten, hielt sie ein Schluchzen zurück; sie warf den Kopf zur Seite, gewaltige Erschütterungen lösten sich aus, und gleich einer Verurteilten ließ sie sich gegen den Mexikaner fallen, der sie verwirrt aufnahm, der nach Franz schaute, wieder auf sie, maßlos erregt und erstaunt schien. Dann plötzlich, aber mit unverstehender Achselbewegung seinen Mund auf ihren warf und in langem Kusse sie wegzog.

Franz stand noch eine Weile.

Dann drehte er um.

Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen Revolver. Er sagte es englisch.

Nichts schien Franz selbstverständlicher, wie diese Folge fremder Laute. Er gab ihm den Revolver.

Der Fakir verbeugte sich, ging. — —

Fifi erhielt Faustschläge, weil sie zu spät kam. Der Herkulische beulte auf sie los und sie erschien unter seinen Händen wie ein feines Tuch Spitzen in der wringenden Faust einer grobknochigen Wäscherin. Sie gab keinen Ton. Sie tanzte den Abend, daß es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, daß ihre Beine glühten wie die wundgespielten Saiten einer schönen Violine, während die Kühle auf ihre Brust drückte, aus der in langen, keuchenden Stößen ihr Atem rang.

Franz kam nicht.

Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag rasend und aufglühend herunter wie Spulen, die ihre Füße abtraten. Es wurde kälter; erbarmungsloser drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun Luise, eigentlich Lizzy, unter dem ihren. Als Fifi danach fragte, schrie der Alte sie nieder. Das dicke Weib mit den weißen bösen Augen keifte, sie solle mehr verdienen und wies mit einer vergleichenden und stolzen Gebärde auf den einträglichen Busen der Dame ohne Unterleib.

Sonntag tanzte sie den ganzen Tag.

Das Landvolk strömte in die Stadt, schob sich, in Keile zusammengepreßt, über den Platz, der staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne zusammenbrannte, auf die die Kühle so unmittelbar folgte, wie das Dunkel plötzlich und hastig vorsprang.

Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park, streichelte das Gitter, an dem sie damals gelehnt, kniete nieder dicht neben der Pfütze, wo Franz gestanden und berührte mit den Lippen den Boden. Dann lief sie weiter, kam durch ein Tor, eilte durch eine Straße und stand wieder auf einem Platz mit stillen Bäumen.

Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu dessen Tür viele Stufen führten, über der Fahnen hingen und in gewaltigen Lettern das Wort erglühte: „Deo“, das sie wohl nicht begriff, das sie aber sänftete und hineinzog, wo sie Weihwasser nahm und in einer Nische unter einem in vielen Farben erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele der Steinfliese warf und so weinend ein Vaterunser schluchzte, daß von zwei vorübergehenden Damen eine erregt und voll Neid über diese inbrünstige Stärke, höhnisch auflachte, wie von der schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im Klang der Stimme voraus desavouierte) Überlegenheit heuchelnd und darstellend.

Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen heraus, böhmisch, das die Leute nicht verstanden, aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt hingen, rief mit lauter und klarer Stimme, die aus allen Seiten der Kirche wieder auf sie zurückströmte, ein Gebet.

Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte der Störung nachgehen, die Weinende, deren heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen übermäßig und sie gering machend auftürmte, beruhigen, sie hinausweisen . . . aber er blieb wie gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen und nicht begreifendes Wunderbare über sein wenig gescheites Gesicht gestreut, wie hingewiesen und in diese Position gebannt von dem seltsamen Geläute dieser Stimme.

Aus dem klaren und in langen tönenden Linien verschwebenden Glanz ihrer Sätze aber lief in verströmenden Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet begann mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt ward von dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen mußten: Sie und Lydia und Lizzy, genannt Luise. Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf die äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das alles sei wenig und tief im Herzen sehr gering gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an dem der Alte den Teller, voll von heißer Suppe, ihr auf die Brust warf, als sie beten wollte nach einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken daran sprangen alle Ventile der Angst und Unterdrückung weit auf, und in einem köstlichen und befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes Leben heraus, wie eine lang im Tiefen der Rohre. gehaltene Fontäne sich in einen späten Sommerabend mit starker und doch resignierter Kurve erhebt. Und in ihren Worten glommen die Namen der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war: Franz und der Mexikaner, den sie Partufa nannte. Und der Klang ihrer Stimme sank etwas zurück in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an denen jener bei ihnen eindrang, begrüßt vom entsetzlichen Gelächter Luises, den tierisch und röter aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch das indolente Nichtbeachten des Alten, in dessen schmierigen Beutel die Hälfte von dem floß, was die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf im höchsten Schmerz tiefer senkte, dachte sie an das Gefletsch und den Schaum um den Mund des Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise wegwandte zu ihr, die, den Kopf gegen die Wand gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt blieb und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen Mädchen (o über Lizzys Gelächter und schmutzige Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur anzusehen . . . und wie Lydia aus Wut sie eine ganze Nacht hindurch mit Nadeln stach. — Doch ihre Silben mäßigten sich wieder zu einem verklärten Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß, den mit dem gütigen Gesicht und den Sonnenaugen, und sie dankte Gott tief und herrlich errötend für die Nächte, die er im Traum diese Augen über ihren Schlaf wie hütende Gestirne verteilte und so die Nächte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz und keine Demütigung des Tages berennen konnte. Und wieder und immer wieder dankte Fifi dafür, daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not sandte, damals, wie der Fakir im Park sie überfiel, um dann wie vor einer Mauer und endlos erregt vor dem Wunder stehen zu bleiben (während ihre Stimme fast erlöschte), wie sie damals plötzlich und wie von einer Macht, die aus ihr selbst heraus allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den Arm des Mexikaners warf und die kalte Übelkeit seiner Lippen auf den ihren fühlte und den anderen stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man verläßt für immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos für den Ziehenden, langsam am Ufer verbrennen. Und sie sann mit flackernden Worten über den Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen, was einen Menschen zwingen kann, die höchste, nie erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu lassen . . . nein . . . nicht nur dieses: sie zu verschmähen — o vieles mehr — sie zu höhnen und zu begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem strengsten Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend, in Verzweiflungen wälzend um diese Fragen wand, erschien es ihr, als ob es eine Angst vielleicht oder ganz gewiß gewesen sei, die sie vor dem plötzlichen Glück überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun lassen, und sie schrie auf, wie sie dieses Entsetzliche — sich selbst in den Armen des Partufa — erblickte. Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen sei. Sie erkannte etwas, das einer Schuld ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun betend und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei, nicht Angst; daß es Aufbäumen gewesen sei aus der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens vor der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive jener höchsten Erfüllungen. Aus diesen hin und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem sie in schrillen und ekstatischen Rufen ihn hervorgestoßen hatte, fiel sie wieder in ein beruhigtes Beten zurück, fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung sie umfaßte, welche all diesen Entladungen zu folgen pflegt und lag dann eine Zeitlang ausgestreckt auf den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten, im Glauben, daß sie ohnmächtig sei. Da sprang sie auf und eilte durch Straßen und Park zur Messe. Sie kam zu spät. Der Alte trat ihr mit dem Fuß in den Bauch.

Aber sie spürte es nicht.

Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll, in Tragik und Schmerz vertieft und einem brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand.

Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den Leib ihr hinanstieg, alles löste und ihren Augen Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um den starren Blick des da unten frei und klar wieder zu machen, und all ihr Sinnen stand danach, die Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender Glaube überfiel sie, daß der noch so sehr Enttäuschte und Erstaunte nun alles begreifen müsse: daß es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie ängstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All dieses tanzte sie nun. Und sah in seine Pupillen und lauschte auf Wirkung, wie einer an Abenden hinter der Ebene den Mond über dem Strich der Wälder sucht. Sie glaubte nicht mehr, daß alles verloren sei, wieder überbrandete sie die absolute Zuversicht, jener da unten begreife allmählich, was, als alles zu ihm allein zog, sie auf die andere Seite warf. Sie fühlte, wie jene Schauer des Glücks, das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie wie eine Keule überfiel, nun in langsamen Zügen wiederum in sie einzogen.

Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen Glauben hinein, der sie erschimmern machte, aber noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah dies nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte) kalt und hart.

Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich Wellen stießen die Anstürme der Menschen gegen die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons stiegen in die Höhe. Das spitze Geknatter von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle und das Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver und das Stampfen und Pfeifen der Maschinen

Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß und erzählten alles, was sie wußte noch von der dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo in ihrem Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie riefen um Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen, das sie deutlich erstrahlen zu sehen glaubte, und dankten ihm.

Aber er verstand sie nicht.

Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten Bogen, ihre Hände schienen etwas zu glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden immer linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und kleiner, die Beine hatten ein Tempo der größten Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien. Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus, die Blicke strahlten überirdischer, ein leises Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele Wunder hineinschaute . . . und so tanzend, geklärt und eine merkwürdige Leisheit erregend, die kurz eine Sekunde sich über den Platz verteilte, losch sie, während die Rohre der Dampfmaschine plötzlich lautlos Säulen weißen Dampfes gegen den Himmel stießen und ein großes Haus hinter dem Platz wie grundlos von einer hellen Strahlung mächtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte . . . losch sie, sich in sich selbst verströmend, tanzend, zusammensinkend, hin wie ein seltsames und gutes Licht.

Yousouf

. . . ich glaube indessen, daß, hier wie
überall, Liebe eine Kunst ist wie das
Reiten und Flöteblasen.

Der Marquis de Langle

Die Herren standen in dem Vorsaal und klirrten leis mit den Degen. Ihre Gespräche liefen verhalten und erwartungsvoll.

Dann flogen die Flügeltüren auf und Las Casas trat aus dem Kabinett. Sie sahen sofort sein Gesicht, das beherrscht in der Rampe stand und dann an ihnen vorbeischritt. Sie sahen Stolz darin und verbeugten sich. Einer ging auf ihn zu und sagte ein paar Worte. Man sah nur seinen gekrümmten Rücken. Der andere dankte mit der Höflichkeit einer wahnsinnigen Verachtung und ging weiter.

Im folgenden Saal standen größere Gruppen. Er mußte wie durch eine Gasse gehen. Alle grüßten ihn tief. Las Casas dankte herablassend, denn es war niederer Adel.

Darauf glitt er durch eine Flucht von Räumen, die in Röte brannten von Decken und Möbeln und in denen auf beiden Seiten verwischte Bilder von ihm über die Spiegel fuhren und Hellebardiere standen, die den König zum Bad begleiteten . . . und wo sonst nichts war als das einsame Hallen seines Schrittes.

Und dann löste sich aus einer Nische ein junger Mann und ging auf ihn zu mit einer sicheren und allgemeinen Haltung.

„Sie haben . . .?“ fragte er.

„Ich habe . . . Luis Quijada . . .“, sagte Las Casas und riß die Papierrolle auf, die seine linke Hand trug. Der junge Mann zuckte leis und verbeugte sich kalt und so unwillkürlich, wie wenn er auf einem Schiff stünde. Er hatte blonde auffallende Haare.

„Ich werde“, sagte er fest und beiläufig, „dann eigene Segler ausrüsten — — — auf jede Gefahr.“

Er zeigte durch das Fenster nach dem Meer. Der Abend hatte das Glas dunkel-silbern gemacht, und sein Kopf schwamm schwer wie auf Pergament gemalt in der Füllung.

Las Casas lächelte leis, und seine Stimme bebte ein wenig in Geringschätzung, indem er erhabenen Erfolg wünschte und die Treppen hinunterstieg, aus denen die Dämmerung ihm entgegenschwoll.

Er eilte nach einem Palast, der in zwei Gärten lag, und ließ sich nieder und wartete, bis man ihn gemeldet hatte. Darauf erhob er sich. Es war kühler geworden.

Ein Stern blinkte über der Mauer.

Die Zofe ging vor ihm über den bläulichen Kies. Sie kamen über ein Boskett, und dann blieb sie stehen und öffnete eine Tür.

Las Casas trat aus dem Garten in einen Pavillon und schritt durch ein Boudoir in ein helles Zimmer, in dessen Mitte das Bett stand. Ein weißer Arm streckte sich ihm entgegen, von dem ein weiter Ärmel zurückfiel. Er stürzte darauf und küßte ihn. Er fiel auf die Knie und legte seinen Kopf neben den der Frau und seine Wangen brannten nach ihren hinüber und machten sie rot, obwohl sie sich nicht berührten.

„Sie haben die Erlaubnis . . .?“

„Ich habe sie . . .“ und seine Hände fuhren nach ihren Hüften und zuckten rasch zurück. „Ich fahre heute nacht . . .“

Sie schnellte auf: „Nein — — — morgen!“

Dann schloß sie den allzu heftigen Verrat der Augen mit den Lidern und meinte, als ob sie nun erst in Besinnung und klug spräche, lächelnd und ruhig: „Wie könnten Sie das möglich machen, Marques? Sie waren gestern noch beklagt, weil Sie des Königs Gaben verschleuderten und portugiesische Kaufleute abstechen ließen. Sie erhalten heute den Auftrag, den Räuber zu jagen, nach dem jedes Herz lechzt. Und da wollen Sie dazu auch schon gerüstet sein?“

„Ich habe drei Schiffe.“

Sie verriet sich wieder und gab ihre Augen preis, indem sie nach ihm blickte. Seine Hände zitterten, und die Lippen verzerrten sich vor Stolz:

„Ich habe dem König bedeutet, daß ich die Dörfer nur verkauft habe, um Geld zu bekommen für diese Expedition. Doch sein Gesicht blieb kalt. Ich sagte ihm, daß ich es getan hätte, obwohl ich wußte, daß seine Ungnade darauf folge, weil er es nicht liebe, daß seine Geschenke sich zersplitterten und so fortfliegen und so . . . daß ich es aber getan hätte, weil mein Wunsch, ihm durch die Expedition zu nützen, heftiger gewesen als die Scheu vor seinem Zorn.

Darauf nahm der König sein Lieblingswiesel und setzte es am Fenster in die Sonne und spielte und sprach mit ihm.

Es war mir einen Augenblick, als ob ich nicht in dem Raume sei — — so sehr nahm diese Bewegung den Glauben an die eigene Wirklichkeit.

Dann aber ward ich zornig, Juana, und da mir Tränen in das Gesicht schwammen, drehte ich mich um und schrie das entsetzliche Bild seines Großvaters, das mich reizte und nicht hilflos machte wie seine Ruhe, mit heftigen Worten an, als ob er es sei.

Sire, rief ich, es ist schade um die Seelen der beiden Kaufleute aus Lissabon, um die ich beklagt bin. Denn ich ließ sie nur töten, um angeklagt zu werden und so unter Eure Augen zu kommen, was ich anders nicht konnte, da Ihr zornig auf mich wart der Dörfer wegen. Denn meine Petitionen werden nicht gelesen. Es ist schade, denn mein Wort scheint leer wie ein geschriebenes zu sein.

Der König sagte: Und wenn ich es nicht erlaube . . . — Ich sagte: Dann tue ich es auf die Möglichkeit hin, daß Sie mich als Briganten erklären. Ich fange Yousouf . . . auch dann und — gegen Sie, Sire.

Er sah mich an, zum erstenmal, und lächelte: Auch dazu hätten Sie mein Geld zum Equipieren nötig. Ihre unbedachte Ehrlichkeit nimmt Ihnen selbst das.

Ich sagte ihm, daß ich das Geld für die Dörfer hätte, aber da er wußte, wie gering es war, lächelte er wieder.

Da zwang mich das Weh meiner Lippen — und es schrie in meiner Brust wie ein Degen im Gefecht — daß ich ihm meinen Hals hinwies und ihm zurief, daß ich wisse, daß er nach seinem Gesetz verfallen sei, aber daß ich es ihm doch sage: Daß ich drei Schiffe hätte, ausgerüstet im spanischen Viertel von Brügge, gebaut in Barcelona, Santa Maria, Coruña . . . daß ich die letzten Kredite auf meinen Namen genommen, die Kerker der Dominikaner nach Sklaven geplündert, daß ich den Albaycin in Granada nächtelang durchsucht und aus den Schenken und verschrienen Gassen alles herausgerissen, was in meine Fäuste fiel und kräftig war . . . Zuhälter, arabische Matrosen, drei hünenhafte Priester . . . und daß ich fahren würde die Nacht — so oder so.

Da lächelte er wieder und sagte: Ich werde Sie verhaften.

Ich könnte Sie töten, Sire, rief ich; Juana, mein Kopf brannte, aber ich zerbrach den Degen nur und warf ihn gegen die Wand.

Ah, sagte der König und ließ das Tier und zweifelte: Haben Sie Mut . . .

Da nahm ich das Wiesel und zerdrückte es in der Hand, langsam . . . während das Furchtbare des königlichen Zornes mir entgegenquoll.

Ich ließ das Tier fallen. Aber des Königs Arme kamen über seine Wut auf mich zu und drückten die meinen, und er zerriß das Diplom, das auf den Grafen von Oropesa, Luis Quijada, gezeichnet war, und ließ die Fetzen durch das Fenster fliegen und klebte sein Siegel auf meines — — —“

„Sie machen mich stolz auf Sie, Marques!“ Juana warf sich zurück und gab ihre feuchten Blicke frei, die auf seinem trotzigen Körper weideten und in dem Erglühen seines Gesichts wie zwischen jungen und heftig aufgebrochenen Rosen spielten.

Dann fragte sie rasch: „Weiß es Luis Quijada?“

„Er fragte mich.“

„Was sagten Sie ihm, Marques?

„Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen sagen, daß ich nicht, wie ich könnte nach meinem Diplom, ihn als Briganten erklären werde, (denn mir allein gehört nun der Stolz dieser Jagd) wenn er die Expedition, von der er sagte, rüstet. Das Meer ist ihm frei.“

Juanas Körper streckte sich. Sie riß sich an den Händen nach ihm hin: „Sie werden den Auftrag da zurücknehmen!“ Er verneinte.

Sie flehte: „Marques, erklären Sie ihn als zum Töten erlaubt, als Brigant!“ Da schwoll Las Casas’ Gesicht, der Körper wand sich, und aufzischend stampfte er den Fuß auf den Boden und bat sie hochmütig und verächtlich, nicht zu scherzen und in diesem Sinne die Demütigung von ihm zu verlangen, daß er Luis Quijada für wert hielte, seine Rivalität zu fürchten. Und er bewegte die flache Hand nach der Seite, als ob er nach einer Fliege schlage.

Juana sagte kühl mit gesenktem Kopf: „Ich werde den Auftrag nicht ausrichten. Aber nur um des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute nie mehr bei mir sehe.“

Las Casas aber warf sich nieder und wälzte sich neben ihrem Bett und zwang sie so lange, bis sie zugestand, daß sie mit dem Grafen verkehre wie früher. Denn sein Stolz wäre dadurch schon erregt gewesen, wenn sie Quijada die Beachtung des Hasses geschenkt hätte.

Sie richtete sich hoch, und er berührte dabei ihre Brust. Seine Hand fing an heftig zu schwanken vor Verhaltenem.

Er stand auf.

„Ich gehe.“

Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses verwirrte sie und blätterte sie auseinander in Begehr und Hilflosigkeit: „Nein . . . morgen —!“

Ihre Glieder rauschten unter der dünnen Decke. Wie sie auffuhr, sah er nur das Innige ihrer Form, den Druck des Körpers in den Kissen — und dann roch er sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang sich zurück und roch sie nur, sah nichts, hatte kein Gehör und atmete mit geschwellten Nüstern.

Ich habe noch nie den Duft ihres Körpers gespürt, war es ihm.

Es spannte ihm das Hirn dunkel und süß zusammen.

„Morgen —?“ knirschte er, denn selbst die Stimmbänder waren mit Blut überschwemmt. Und er legte seinen heißen Kopf neben den ihren und riß ihn weg, taumelnd, und legte ihn wieder hin und Härte und Knabenhaftes verstießen sich gegenseitig von seinen Mienen.

Dann riß er sich hoch. Juana faßte seinen Nacken und zog ihn von neuem herunter: „Warum — du . . . heute?“ Sie stieß es brennend heraus und in Scham. Sie stand halb und war halb gekauert in der Ecke des Bettes. Sie faßte seinen Kopf, daß ihre Ellenbogen schräg nach oben standen und ihre Fingerspitzen sich unter seinem Kinn berührten, während die Handflächen kühl nach den Schläfen hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der Gesichter voreinander und das Liegen von Auge auf Auge.

Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange schon schrien: „Sie sollen bleiben, Marques . . . hier — —“ und zitterte.

Er entrann gewaltig ihren Händen und wie von einer Welle aufgejagt und gesteilt warf er sich auf die Knie, wühlte den Kopf in ihren Leib und drückte die trockenen Lippen in einer Schnur von Küssen den Körper hinauf nach dem Hals auf den dünnen Batist.

„Corazon!“ . . . stammelte sie. Und wieder: „Corazon!“ . . . mit hingebenden Lippen. Seine Hände hatte Las Casas auf dem Rücken übereinander geschlagen und mit entsetzlicher Anstrengung ineinander verkrampft.

Sein Mund spannte sich in allen Qualen und mit von Küssen halbzerfressenen Worten sagte er: „Nein!“ und viele Male: „Nein.“ Und als er ruhiger war, kam es ihm in das Bewußtsein, daß er sie liebe und daß sie ihn liebe und daß er es immer schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er haßte die Erkenntnis, und sein Blick stieß gegen die Wand und kam nicht weiter, und sein Kopf füllte sich schwer mit Blut und er sagte ihr, daß dies ihm nicht genug sei. „Ich habe Durst nach dir, aber das Fliegende und Schreiende in meinem Blut geht weit darüber.“ Und er weinte und zerbiß den dünnen Stoff ihres Hemdes. Er stammelte gehetzt von seinem Brande nach dieser Tat, die endlich soweit vorbereitet war, und indem er davon sprach, sprühte das Aufleuchtende der Meere und Flotten vor seinen Augen auf und raste in grellroten Kreisen über ihn: „Ich will den Bassa nicht nur jagen, aufhängen, schinden, weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe fraß und Isabella, die eine Verwandte ist, schändete und seinen Leuten ließ zwei Wochen lang. Seit ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn Gedanken packt, denke ich an ihn. Ich weiß jede Phase des Kampfes, mag er sein vor Venedig, bei Cadix, in Marokko . . . ich weiß wie eingebrannt im voraus die kleinste Schwankung des Gefechts. Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn nicht im Traum schon niederstieß. Meine Gedanken haben ihn so umkreist, daß ich jede Narbe an ihm kenne, daß ich mehr von ihm weiß wie von mir. Der Name Bassa Yousouf macht mich blind. — — Ich fahre heute nacht.“

Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem Haar. Sie ließ ihn, denn sie begriff das Heiße in ihm und auch, daß sie ihn noch nicht ganz umschloß, aber sie wußte, daß er sie liebe, und ihr war stolz, als er sich aufriß und sie nicht nahm und sie brennend verließ.

Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie mit Gold, als käme er von einer Liebesnacht.

Die Nacht war noch dicht über den Gärten, ein wenig gepreßt schon von Jasmin, aber der Mond, der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine flaue Dämmerung hing zwischen den Masten.

Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem Schatten einer Mauer, nahm ihn und landete im Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg am Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch, jemand schoß eine Pistole in das Schweigen. Sofort rasten Männer über den Steg und schlugen mit langen Stäben die Sklaven wach, Ketten rasselten, am Vorderdeck sammelten sich dunkle Haufen, hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa blitzten die Offiziere.

Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bänken zu sechst an jedem Ruder zweihundertvierzig Sklaven. Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur sechsten Reihe, und alle Köpfe waren gegen ihn gerichtet. Die letzten und die Massen Soldaten auf der Proda erkannte er nur im Mond wie weiße Bogen und Flecken. Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten die blutunterlaufenen Hunderte Augen um ihn. Er schrie sie an:

„Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine! Dazu habe ich euch gekauft. Das wißt ihr. Ihr werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags. Dafür spritzt ihr das letzte Blut aus den Nägeln. So ist dies ausgemacht. — — Ihr sollt noch mehr haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen ist, sei jeder frei. Jeder kriegt tausend Maravedis. Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr bekommt Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist. Ich gebe euch die Offiziere zum Schinden frei, wenn ich falle und sie hindern euch. — — —“

Er hob den Blick zum Himmel. Denn das Schweigen schwelte dumpf unter ihm. Die Augen der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert Lichter auf den Bänken.

„Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus Yousouf Bassas Harem. Eine braune und eine helle. Am selben Abend noch . . . —“

Las Casas trat zurück. Die Ketten rasten auf. Grunzende Töne johlten herauf. Schreie rissen sich los. Einer bäumte sich und bellte wie ein Hund. Ganz am Ende hoben sich ganze Reihen und fielen zurück, glänzend wie Fische im Wasser. Viele knieten hin und brüllten mit den geketteten Armen zu ihm winkend oder den Kopf auf den Steg legend, daß er darauf trete.

Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten hoch. Eine große Fanale senkte sich über die Poppa. Am Vorderdeck lösten sich schwer Kartaunen. Fünfhundert Rücken warfen sich mit vorgestreckten Armen zurück, zogen sie an, Ruder schäumten durchs Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge schnellte die Galeere aus dem Maul des Hafens in das leichte blaugelbe Band, das über dem Wasser lag und Horizont war. Links und rechts zwei Zungen stießen nach.