Von drei Vorderdecks blies man: Benedito sea Dioz.
Die Sonne ging auf.
Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie kamen eines Abends an. Eine Goelette legte an bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie fuhren in die Nacht zurück. Am nächsten Tage fingen sie ein paar holländische Segler, die in der Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und Pomeranzen. Sie verkauften die Schiffe in San Sebastian.
„Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast setzen und ihn nachts im königlichen Garten aufpflanzen“, sagte Las Casas zu seinen Offizieren, und sein Gesicht zuckte, während seine Hände mit den besten Perlen spielten, die er zu einer Kette gebunden hatte und indem seine Gedanken um den Nacken Juanas flossen.
Am Abend bliesen sie Hörner und Zinken auf der Proda. Aus dem Korb rief einer und meldete etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte.
Am folgenden Mittag stießen sie auf eine Flottille mit gekappten Masten. Die Besatzung fehlte; nur einige Verstümmelte hockten auf den Rahen und schnitten Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig geworden. Ihre Ladung war Florentiner Brokat und lombardische Mützen. Vor drei Tagen waren sie überfallen worden. „Hui“, rief einer, auf einem nackten Widder-Gallion reitend, immer: — — „die Weiberchen“ und schälte mit einem Nagel an dem Horn. Man ließ sie weiter treiben. Man war auf der Spur. Mittags brannte es neben der Munition.
Sie fuhren die Küste von Tunis entlang. Der Abend war ruhig, und es ging kein Löffel Wind. Die Ruder liefen langsam und fast ohne Geräusch. Las Casas saß in seinem Sessel und fühlte die gewaltige Stille und das maßlos blaue Meer, auf dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken davon lösen, aber es legte sich über ihn. Er befahl zu musizieren, die Offiziere warnten. Doch er ließ die Stücke abfeuern und mit achtzig Rudern das Meer aufwirbeln. Aber die ganze entfesselte Wut war wie das Hüpfen einer kleinen Welle gegen das Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit tausend Stimmen: Juana! anschrie.
Da ließ er den Gedanken fahren, ihr die Kette zu senden und löste sie von seinem Gürtel und warf sie ins Meer, daß sie seine Gedanken nicht zwänge.
Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den Zaffarin-Inseln. Sofort meldete es von oben: „Zwei Gallionen.“ Las Casas kletterte selbst hoch, beschirmte die Augen. Es waren Mudjaren und Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste herunter. Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie schäumend, und die Ruder überschlugen sich. Immer rascher raste seine Stimme, die selbst den Takt sang. Sie kamen näher. Schon lösten sich vorn Geschütze. Doch trafen sie nicht. Die Galeeren waren schon so dicht herangekommen, daß die Soldaten anfingen, in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken bereit hielten. Da schwenkten die Gallionen, ein Vorsprung verschluckte sie. Die hinterste hißte eine Fahne. — — — — — — —: Schwarz, ein goldener Arm mit einem Säbel und ein Totenkopf — — — die Flagge der Hauptschiffe Yousoufs.
Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er wählte einen großen Araber und ließ ihn hinrichten (er wollte sie zwingen, stärker zu fahren), daß sein Blut in einer dünnen Rinne den anderen Sklaven zwischen die Füße lief.
Er betrachtete sie genau während des Vorgangs. Doch es erschien kein Ausdruck auf ihren von Stumpfheit abgefeilten Gesichtern.
In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe. Fortwährend gingen Signale hin und her. Am Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften Biegungen durcheinander. Von der Mitte einer Insel schoß in Abständen ein weißliches Feuer hoch. Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang über das Wasser.
Las Casas stand weiß und die Zähne zusammengeschlagen auf der Poppa. In der Dunkelheit konnte er nicht landen. Er war fünfhundert Meter von dem Bassa und konnte ihn nicht fassen. Die Sklaven ruderten die ganze Nacht in Schweißwolken gehüllt. Es roch noch nach Blut.
Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch dunkel war, nach verschiedenen Seiten durch. Sie hörten auf den Galeeren nur ein fernes Brausen, als streiche ein großer Vogel mit der Brust über das Wasser.
Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres Forcas zu. Die andere Galeere schwamm eine Stunde nach Westen. Der Offizier ließ dann die Lichter löschen, Anker werfen und ruhen. Denn ihm schien das Tempo Las Casas’ wahnsinnig.
Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione. Sie hetzten den ganzen Tag, verloren sich, fanden sich. Inseln und Buchten der Küste versteckten sie. Am Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fraß das Dunkel sie weg. Die Nacht kreuzten sie vor dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise treibend auf dem Meere. Die Besatzung war geflohen. Sie sprangen hinüber. Am Mast stand ein großer athletischer Türke. Die Sonne brannte mit weißer Glut. Die Planken waren gesprungen. Der Türke war mit nassen Stricken an den Baum gebunden, die Seile hatten sich gestrafft in der Hitze und ihm das Fleisch eingeschnürt, bis es geplatzt war.
Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen machten. Da sprang einer vor und deutete in sein Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten ihn an dem einen grünen Auge. Sie schnitten ihn los, aber seine Haltung, die ihre Wut durch Geringschätzung niederdrückte und ihre Freude ihnen selbst verächtlich erscheinen ließ, bewahrte ihn davor, daß sie an ihn rührten.
Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas. Als sie ihn nicht fanden, brachten sie den Bassa nach Cartagena. Auf alle Verhöre schwieg er. Das Volk schrie nach Las Casas, als man ihn zur Exekution führte.
Juana weinte vor Zorn, daß Las Casas’ größter Ehrgeiz, dem er sie opferte, von einem Subalternen blind und dumpf ausgeführt worden sei. Sie empfand es, als hätte man ihren Körper beschmutzt, und schien sich gering geworden.
Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der Gefangene um und sagte kalt: „Ist es zum Tod?“
„Ja!“ . . . brüllten ihm zehn ins Gesicht.
Da spie er ruhig den Henker an.
Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor.
Von Las Casas keine Spur. —
Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile eine Fregatte in den Hafen. Ein Kapitän stand vorgebeugt ganz vorn und rief es hinüber ans Land, eh er nachsprang: daß Yousouf Bassa eine Flotte, die Silber aus Mexiko und Gold aus Peru brachte, ausgeraubt habe, und daß er Las Casas, der ihn verfolgte, geschlagen habe. — — — — — — — — — — — — — Der Hingerichtete war nicht der Bassa gewesen . . .
Am Abend saß Juana im Parterre des Spielhauses, über dessen Bühne ein Stück von Moreto ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von Zeit zu Zeit auf sie ein. Sie folgte angestrengt den schwerbeladenen Szenen und bat in der Zwischenpause, als ein burleskes Entremes wie eine klebrige Kette von Küssen sich vorne erhob und sie zu sehr belästigte, den Grafen, sich neben sie zu setzen.
Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie dann, an was sie denke. Sie antwortete nicht, sondern beschäftigte sich ganz mit ihrem Fächer.
„Ich bedaure es, daß Ihre Hoffnungen Sie so enttäuschen“, sagte er dann und legte die Hand auf ihren Fächer.
Sie sprach sehr nachlässig: „Bei Gott, was habe ich gehofft?“ . . . und wagte nicht aufzusehen.
„Das scherzen Sie, weil Ihre Wünsche in eine niederschlagende — — Komik ausgelaufen sind . . . wie auf der Bühne: der Schwur des Königs in die Knutscherei des Zwischenaktes.“
Sie sah ihn überlegen lächelnd an, allein das Spöttische seiner Mundwinkel besiegte sie. Sie brauste auf: „Was wollen Sie mit Las Casas?“
Er hob die Achseln: „Casas . . . toll . . . Aufschwung . . . ziellos ehrgeizig . . . jung, jung! — —“ Quijadas Stimme klang kühl, klang gerecht. Er fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie unterbrach ihn einmal höhnisch: „Neid.“ Er schüttelte nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr selbst, denn es waren Schmerzen, die ihr nicht wehe taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und haßte ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich in der Wirkung, aber scharf und zergliedernd und langsam überlegt. Wie er Schlechtes über Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen auf das unerträgliche Heiß ihrer Haut legten und irgendwas Luft ihr einblase, die wohltuend in sie ströme, wo sie am Ersticken war.
Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an, daß er schweige, weil sie plötzlich begriff, daß seine Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in der Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der klare und starre Intellekt seiner Worte überschwemmte sie. Sie fühlte in einer wohligen Apathie, wie er das Heiße, das Begeisterte und das ungenau, aber groß Aufstrebende in ihr wie zwischen zwei Fingern langsam zerquetschte und Las Casas’ Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte und verschieden beleuchtete, bis seine Silhouette klein vor seinen Worten stand und er phantastisch und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam und beschämt in der Schwankung der Ereignisse und sich das Bewußtsein dahinein verstrickte, daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt einer Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen und Wandlungen dieser Dinge, zürnte sie Quijada nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust der Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete. Sie hörte ihm gern zu.
Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte sie, wie sehr blond er war, und sie zwang sich, daß es ihr gefiel. — — — — — — — — — — — — —
Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei gelbe Segel kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander zu und schnitten sich wie zwei Säbel. Dann kam eine Barchette mit singenden Sklaven vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter auf das Wasser . . .
Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham ergriff sie leicht über die Worte und Gedanken des Tags vorher wie über eine geheime und später sich mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände vor das Gesicht . . . und tat sie rasch hinweg, daß ihre Blicke groß gegen den ungeheueren Horizont schlugen . . . und da empfand sie deutlich wieder, in dieser Minute, daß dieser, daß er trotz allem „O Las Casas!“ dessen Ehrgeiz an fremden Küsten wie eine heiße Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne als alles, was an sie herankam. Sie dachte an Quijada, und es schien ihr jetzt, als sei er nur wie ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre.
Später kam Quijada. Er sprach wieder über Las Casas. Er sprach nie über sich oder über sie. Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen in der Beziehung auf das eigene Ich ganz und allein Wesen und Eigenes der Frau ist und weil sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie das Verschmähen ihres Besitzes um einer Tat willen, sie bis zu den äußersten Grenzen der Idee entflammt, ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren Wort eine Nichtachtung des Bluts erscheint — und wie sie nur aus gekränktem Eros heraus denken können und tun . . . so empfinden sie, unbewußt vielleicht, vielleicht oft, immer — es ist möglich und einerlei — den Haß des Mannes auf den Mann als Liebe zur Frau. O wie die Frauen über alles umronnen stehn von ihrem Blut!
Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas Grausamkeit gegen diesen lockte ihr Blut. Seine Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz, der (es schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an.
Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen Gärten.
Von unten herauf kam ein Offizier in Gala, grüßte und ging nach dem Palast.
„Las Casas . . .?“
„Beruhigen Sie sich!“
Sie sah ihn an.
Bleich.
Da sagte er heiser: „Las Casas!“
Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere vor ihm . . . öffneten den Vorhang. Er stand vor dem König.
„Sie?“ sagte der.
Las Casas verbeugte sich.
„Warum kommen Sie?“
„Der Prinz ließ mich rufen.“
„Duell . . .?“
„Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen den Prinzen) nannte ihn irgendwas. Ich schlage mich für den Prinzen.“
Der König winkte ab.
Langsam drehte er sich um und schaute durch das Fenster.
„Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.“
Las Casas verbeugte sich. Da wandte der König ihm das Gesicht zu, nahm einen verzierten Dolch, schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und sagte gütig und klar:
„Das Wiesel soll nicht umsonst getötet sein.“
Las Casas lächelte verzerrt und ging.
Er schritt durch Säle und Verbeugungen, bis er in den Eckraum kam, den ihm der Prinz überlassen hatte. Er ließ zuerst den Offizier kommen, der die Galeere kommandiert hatte, die den falschen Bassa fing.
Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem Lächeln, verlegen und geschmeichelt auf ihn zukam, griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf einem Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen Armen ihm zu vor ihn. Er rief ihm gleichzeitig, daß er sie aufhebe und als Belohnung nehme für seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden, nicht wußte, was das war, befahl er ihm, den einen Beutel zu öffnen. Die Hand des Offiziers fuhr hinein und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex von fassungsloser Enttäuschung.
„Holländische Münzen . . . ge . . . fäl . . . schte . . . Molinillos —?“
„Wollen Sie, daß ich Sie für diese Tat mit anderem als mit einer — Imitation belohne?“
Der Offizier begriff, daß dies ihm ins Gesicht geschlagen war. Er stemmte sich auf, als wolle er den Beutel wegwerfen.
Da begann Las Casas’ Gesicht zu zittern: „He,“ tief er, „Herr!“ — und es klang wie der Ton eines der krummen Hörner an einer königlichen Barchette: im Befehl unabwendbar . . . und es knickte den Zornigen. Er ging mit hängenden Armen.
Las Casas promenierte noch über eine Stunde in der Kühle des Korridors, bis die Herren kamen, ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn umarmte. Das Rendezvous war in einem gesperrten Teil des Gartens zwischen einer Fontäne und einem Käfig mit zwei Löwen. Las Casas stieß nach wenigen Minuten seinen Gegner durch den Nabel mitten durch, daß der Herzog von Medina-Sidonia mit liebenswürdigem Lächeln die Bemerkung nicht unterlassen konnte, daß an der Stelle, da ihm das Leben geworden sei, es wieder verströme.
Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die Löwen. Ihre Augen wurden grün vor Gier. Es pfiff durch ihre Nüstern, die sich nach außen bogen. Dann brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins in ein erschütterndes Gebrüll aus — durch die Stäbe, und sie warfen die Breite der Körper rasend dagegen, als der Herzog sie mit seinem Degen kitzelte.
Mit Blut bespritzt, auf dem Rückweg zum Palast, traf Las Casas auf Juana und Luis Quijada, der sich um sie bemühte. Sie war auf eine Bank zurückgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand sie auf.
Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl.
Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hämmerten einen gleichen in hetzenden Takten selig geschwellten Rhythmus. Sie spürten, wie ihre Körper aufeinanderdrangen und sich umschlossen, obwohl sie sich nicht bewegten . . . und wie wenn ihr Blut aus den Adern presse, heraustrete und ineinanderströme.
Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte von irgendwo her, von der Seite her? — — — neben ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die Stimme Quijadas:
„Ich, Marques, beglückwünsche Sie sehr zu Ihrem Erfolg heute — — wie ich ihr Unglück bedaure — sonst.“
Las Casas’ Blick fuhr an ihm vorüber wie an einer Wand. Drehte die Schultern, entblößte seine Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an Juana her und küßte ihr ernst und ehrerbietig die Hand. Sie sahen sich in das Weiße. Dann ging er.
Nach drei Schritten wieder bog er um: „Graf Oropesa, . . . Sie sagten . . . vielleicht, daß Sie mehr Glück gehabt, hätten Sie nicht versäumt, Ihre Segler zu rüsten.“
Der Graf spürte, daß er eine schlechte Rolle spielte, sagte scharf, den Schnurrbart kauend: „Sie haben mir nicht den Gefallen getan, mich für diesen Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklären. Auch im Großzügigen wie in der Verachtung weiche ich Ihnen nicht.“
„Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklärung haben, jetzt . . . gleich . . . sofort — Auf Wiedersehen.“
Er machte eine schwache Geste nach dem Meere und ging.
Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen nahm, brachte ein Diener ihm einen Brief von ihr. Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder. Nur dieses: „Komm —!“
Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd: „Komm!“ Es fielen ihm ein die Abende im Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor Sehnsucht wie der Horizont und darüber erschrak, zürnte und zitterte. Und das betäubte ihn so, daß er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er sich selbst empfindend, langsam zurückkehrte in die Umgebung und sich gewaltig zufammenraffte und toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb:
„Wie kann ich nun, beschämt, zu Dir kommen, wo ich Dich aufschob bis nach dem Erfolg. Ich müßte Scham haben über mich wie über einen Fuchs. Du aber wärst feig, wenn Du nachher mich nicht verachtetest.“
Aber in der Dämmerung fand er sie in dem Garten. Sie spannte die Arme nach ihm. Da fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte und die verbotene, selbstversperrte Sehnsucht in einem knabenhaften Weinen in ihren Schoß. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre Schenkel, und sie sagten kein Wort. Doch er warf ihre Robe zur Seite und küßte sie, eh er sie verließ, lechzend auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein Mund.
Als er am nächsten Morgen sich einschiffen wollte, erhielt er ein Billet. Er erbrach es am Ufer noch, einen Fuß in der Barchette.
Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil das Dunkel ihr Blut quälte, und raste nun nach ihm, daß er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl! auf den Rücken des Papiers. Dann schiffte er ein.
Eh die Galeeren den Hafen verließen, stürmte ein ganz kleiner Hucker mit unmäßig geschwellten Segeln, schräg liegend, nach. Nur ein Mann stand darin. Warf einen Brief herauf.
Sie schrieb: „Ich liebe . . . Deinen Stolz . . . die Härte . . . warte — trotz alledem. —“
Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die Augen rot — eine überreife Frucht. Die Lippen hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie eine weiße Falte lag der Mund in dem Gesicht.
Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen an den beiden Abenden, die folgten, ins sinnloseste betrinken. Er schenkte es ihnen.
Zehn Tage später liefen die drei Segler des Luis Quijada aus.
Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden.
Juana hielt die flachen Hände an die Brust und fing den Herzschlag auf darin und warf ihn den Galeeren nach.
Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrückte sie auch sein Fehlen doch, da sie ganz allein war. Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen sprach, das sie nicht liebte. Doch sie vermißte sehr das Kühlende seines Hasses. So glaubte sie. Manchmal erschrak sie.
Es schien ihr, als ob ganz ferne ein großer Donner sich sammle, wie wenn ein Bergwerk einstürze in allen Stollen und eine helle Lawine aus dem glatten Himmel sause irgendwo. Und sie bedauerte, daß sie nicht tiefer hören könne, und streckte sich im Kampf mit dem Unbewußten, auf, höher . . . und ward straff gegen jeden Anprall und scharf wie eine Lanze.
Bandieren und Standarten spannten sich auf Las Casas’ Galeeren. Morgens und abends bliesen sie Hörner auf dem Vorderdeck. Das Meer wechselte blau und grün. Gegen Mallorka zu ward es wie Bernstein, als lägen glühende Monde auf dem Grund. Die Sklaven ließen die Ruder und beugten sich über die Geländer und starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie zu prügeln, und sie krochen wie die Hunde zurück.
Über die Poppa hing eine Fanale aus weißer Seide mit Las Casas’ Wappen in Granaten bestickt. Menorkas Leuchtturm glühte in der Nacht vorüber.
Bei der Insel Galita war eine Falle für den Bassa gelegt. Zwei kleine Segler mit Lamawolle und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden nachts, lautlos.
Las Casas kreuzte ganz Tunis ab.
In einem Felsversteck schloß er ein paar türkische Caramuzzals ein, die völlig braun waren und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten. Sie schossen verzweifelt mit Hagel und Ketten aus kleinen Kanonen. Beim Entern sprang ein Mann zu ihnen herüber, Psalmen singend und Gott lobend. Las Casas ließ ihn trotz dem Geplärr in Ketten legen. Die anderen schlug sein Henker mit der Keule tot und vierteilte sie. Die stärksten wurden auf die Ruderbänke geschmiedet. Die Türken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere stach die Sonne zusammen.
Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang (sein Blick hatte den gewöhnlichen Wahnsinn der Überläufer), weigerten die Aufseher sich, ihn langsam totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder. Das fiel vor ihm hin und nannte sich einen Franziskaner aus Jerusalem, der gezwungen übergetreten war. Er küßte die Füße Las Casas’, und als der ihn nach dem Versteck des Bassa fragte, heulte er auf, drohte und fluchte dem Türken und schrie, daß er den Platz wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches gab er singend die Weisungen für das Schiff.
Las Casas ließ ihn an das Steuer schmieden und versprach ihm straflose Freiheit, wenn sie den Bassa fingen. Legte aber eine Pistole in die Nähe seines Blicks und sagte ihm, daß sie allein für ihn sei — — — für den anderen Fall. Der Renegat allein lobte nur Gott.
Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den Bassa überraschen sollten, sahen sie eine gelbe Caramuzzal in einem schönen Bogen eine Mauer von Klippen nach dem Lande zu durchschneiden. Von beiden Seiten wurden sie mit Brandpfeilen und glühenden Eisen überschüttet.
Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert Soldaten aus, fing und erschlug eine Anzahl Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe Caramuzzal, die äußerst kostbar war. Zwei verschnittene Nubier saßen vor des Bassas Kajüte. Er ließ sie foltern und sie gestanden, daß er wenige Tage entfernt im Innern seinen Hauptpalast, ein stehendes Lager und den Harem hätte.
Las Casas beschloß die Expedition zum nächsten Morgen. Sein Herz ging hoch, als ob er ganz dicht am Ziel sei. Er behielt nur fünfzig Soldaten. Die Galeeren sollten so lange kreuzen.
Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer.
Von einem der Schiffe brüllte der Franziskaner seine Hymnen, bis ihm ein Offizier mit einem Koran als Knebel das Maul verstopfte.
Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren sie, daß am Abend der Bassa in aller Flucht vorbei gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Männer und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu weisen, obwohl sie schrien und sich wehrten aus Furcht.
Sie brachen in die Wüste ein. Ein glühender fiebervoller Ring wälzte der Himmel sich um den Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in der Luft wie Sand. Sie mußten die Augen senken, und das Blut zog sich ihnen wie gefroren im Kopf zusammen. Manche fühlten, wie ihre Füße empfindungslos wurden, schrien plötzlich etwas, rannten ein Stück in die leichten Dünen und verbeugten sich . . . Sie hörten nirgends ein Geräusch, keinen Laut. Nur das war: wie wenn der grünliche Schlauch am Himmel sich langsam um sie zusammenziehe.
Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte, zündeten Feuer an und stellten Wachen aus. Die Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf der einen Seite die Männer, auf der anderen Seite die Frauen, und wenn die Schlußtöne scharf in die Höhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen in die Arme. Dann spielte die Muschel allein. Auch sie schwieg.
Las Casas spürte eine große Ruhe und er glaubte, daß es Zuversicht sei. Er wußte (ganz unstreitbar), daß er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie war zu zweifeln? . . . Juana? Er würde sie dann in fiebernden Händen besitzen.
Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Körper zitterte unter dem Gedanken.
Er hob den Kopf. — Ja . . . Bisamrosen hatten um die Bank gestanden und geduftet. Und Nelken.
Sehr scharfe Nelken. — — —
Als er eingeschlafen war, wuchs ein Wald von Beduinen um das Lager und senkte seine Lanzen in die Körper, die herumlagen. Las Casas banden sie und einige andere, trennten ihn von ihnen und ritten mit ihm die Nacht durch und den ersten Morgen. Dann rasteten sie. Las Casas ritt ein Kamel. Sie gaben ihm Stutenmilch dieser Tiere. Er trank es nicht. Mittags ritten sie weiter. Rötlicher Nebel schoß vor die Sonne und glühte die Kehlen aus.
Die Wüste war flach, ein wenig gewellt. Dann ritten sie eine hohe Düne herunter. Ein Park von Zelten in grellem Karmesin, Gold und Grün stand um ein paar Bäume und einen Brunnen. Las Casas trank Wasser. Abends fragte er, ob sie ihn zu Yousouf brächten. Sie grinsten: Nein —! Da wuchs alle Kraft in ihm und durchbebte ihn wieder.
Er liebkoste mit den Schenkeln sein Reittier: „Gute Stute . . .“ Denn seine Hände waren gebunden. Nachts ritten sie in eine Stadt ein, er schritt durch Gewölbe und Gänge und stand in einem Zimmer, plötzlich, mit hellgelben Steinen, zwischen denen dunkle Ziegel in Figuren saßen. Eine Laterne stand auf dem Tisch, Wein, Brot, Früchte.
Kurz darauf erhielt er den Besuch eines schönen bärtigen Türken. Sie verhandelten über sein Lösegeld. Während sie sprachen, senkten des Türken Augen sich auf den Tisch. Blitzhaft zuckte Las Casas’ Hand hoch, ein wenig. Sein Dolch lag auf dem Tisch, den man ihm gelassen hatte. „Gib dir keine Mühe!“ lächelte der Türke. Der Marques hatte die Waffe schon gepackt. Er sauste mit einem heftigen Sprung durch die Tür. Er sauste gegen einen dreifachen Ring Eunuchen, ohrfeigte einen aus Zorn und kehrte ruhig zurück. „Ich sagte es dir“, achselzuckte der Türke, ein bißchen beleidigt.
Allein er ließ ihm den Dolch.
„Sag mir das eine!“ fragte der Marques scharf. „Bin ich bei Yousouf Bassa?“
Der andere lächelte: „Nein.“
Sie einigten sich über das Lösegeld und Las Casas blieb allein. Es ging schon gegen Morgen. Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann.
Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tür war nicht verschlossen und er sah keine Wache. Er stieß sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel eines Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog. Es roch modrig. Von Zeit zu Zeit merkte er, daß Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber er mied sie. Plötzlich fühlte er Schwindel, und die Furcht, daß er sich im Kreise bewege, zog ihm das Blut aus dem Gesicht. Er fühlte im Dunkel, wie er bleich ward und schlug hastig den Gang in einen Kreuzstollen ein, der das Gewölbe durchbrach. Als er ein paar Minuten sich die Wände entlang getastet hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab, eine Dämmerung schwoll auf, leichte Helle lockte, und er folgte der Anziehung eines blauen Lichtes, das größer wurde und ihm entgegenströmte im Nahen und Mond ward . . . und ihn hinauszog auf einen Hof, der ganz durchflutet war von dem Licht.
Zwei große Steinlöwen lagen einander zugekehrt in der Mitte, als schwämmen sie auf dem Glanz. Aus Mäulern und Nüstern stiegen ihnen blitzende Strahlen Quecksilber.
Las Casas schlich über den taghellen Hof, an die Mauer geduckt und von dem schmalen Gurt ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen zwei Palmen. Er zwängte sich hindurch und sah hinein.
Ein weißbärtiger Türke saß auf dem Boden und schaute müd und regungslos dem Spiel eines jungen Hasen mit einer Schildkröte zu. Sie blieben eine Zeit so. Innen der Türke in das Betrachten versunken, der Marques fand nicht den Augenblick, sich von dem Posten geräuschlos zu lösen.
Da schoß etwas ins Zimmer. Der Alte hob die Augen. Die Augen mußten über das Fenster . . . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in die Luft, Glas splitterte, ein Dolch schlug neben Las Casas’ Kopf vorbei durch die Scheibe und verlor sich zischend und blinkend nach den Brunnen.
Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine Blicke faßten plötzlich eine dunkle Öffnung in dem hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen Ausgang. Er tastete und die Wände waren feucht und glatt. Während er suchte, fing ein runder Lichtfleck an, über die Mauer zu hüpfen. Wo er auftrat und hielt, funkelte es auf. Andere Lichtbälle tauchten auf und spielten mit dem ersten. Sie glitten übereinander und vermehrten sich, bis die eine Seite eine strahlende Scheibe schien. Da erkannte Las Casas, die Wände seien Spiegel. Er suchte noch einmal nach einer Öffnung, aber er fand keine mehr. Die Lichter stachen ihm nun in die Augen. Da hieb er mit einem Aufschrei bebend vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles Gelächter lief über die Wände, irgendwo gab es einen Ruck, eine Öffnung, durch die er schritt fünf Schritte bis in sein Zimmer.
Am Morgen flog die Türe auf, Mekkije wehte herein. Sie betrachtete ihn lang und eingehend. Dann setzte sie sich vor seine Füße und fuhr fort, ihn anzusehen.
Darauf schüttelte sie wenig den Kopf und sagte: „Ich kann mit dir machen, was ich will.“
Las Casas zuckte die Achseln.
„Wenn du mich liebtest“, meinte sie nach einiger Zeit ernst und überlegen, „kostete es dich den Kopf. Zwei, drei Schnitte . . .“ . . . sie fuhr sachlich mit dem Zeigefinger über den Handrücken. Sie sah ihn an, als ob sie immer mehr über ihn erstaune.
Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der Marques die Linien ihres Körpers nach und wandte sich langsam nach der Wand.
Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und brannten ihr Bild in die Mauer. Sie war sehr schön.
„Mein Vater hat sieben Monde“, fuhr ihre Stimme fort, „ich habe den Alten schlagen lassen, dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und dich.“
Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr. Da fuhr ein Lachen mit tausend süßen Spitzen in ihr Gesicht: „Alle Querstollen führen in den Hof“, lachte sie. Sie krallte die Hände auf und hielt sie ihm vor das Gesicht. Dann lenkte sie ab: „Deine Haut ist schön. Sie ist nicht weiß und nicht sehr braun . . .“ Sie strich mit der Handfläche neugierig und schauernd über seinen Hals.
Der Marques packte ihre Hand und warf sie mit spitzen Fingern zurück. Sie zog sie erstaunt an, legte sie in die Achselhöhle des anderen Arms und senkte den Kopf schräg. Sie war enttäuscht und drohte ihrem hellbraunen Spielzeug überrascht:
„Wenn ich will, kann ich dich an das Bein einer Kamelstute binden lassen, die nach Tripolis geht. Du bekommst Schläge unterwegs und faules Wasser zum Trinken. Oder du mußt Sand scharren im Hof, und wenn es mir paßt, auf dem Kopf stehen und durch die Nase lachen.“
Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen. Rasch flog ihr Fuß aus dem Pantoffel, das Bein schoß schlank aus dem weißen Hemd, hob sich und zupfte ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las Casas schlug mit der Hand hart auf den Fuß, der sich zurückzog.
Er stöhnte auf vor Schmach und schien sich gering gemacht und wie ein Schwein oder gleich einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang auf ihn zu und drückte sich an ihn und strich ihm über den Arm und den Hals. Sie begriff ihn nicht. Aber sie wollte ihn besänftigen. Doch er warf sie, während seine Finger die ganze Schönheit ihres Körpers begriffen und im Gefühl bewahrten, ins Zimmer zurück. Sie taumelte gegen die Wand, stieß einen kleinen spitzen Ruf aus, zog ihr Tuch bis unter die Augen und ging.
Einmal noch floh Las Casas.
Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit vielen Begleiterinnen dunkelblaue Bohnen und Winden begoß.
Er wußte nun, daß er ganz — wie ein Tuch und ein Stein — in ihren Händen sei. Aber die Erniedrigung war nicht tief genug, daß er sich tötete. Er spielte oft mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam zu. Einmal setzte sie sich auf seine Knie und flüsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff und das sie nie wiederholte. Er sank, sank mehr. Um so stärker aber stieg das Bewußtsein der Berufung in ihm.
Mekkije streichelte ihn oft und lächelte, wenn er sie abschüttelte, obwohl sie sah, wie seine Lippen brannten.
Doch langsam sahen Las Casas’ Augen sie nicht mehr. Sie sahen trüb aus wie Zisternenwasser. Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte es drei Tage nacheinander und hielt ihm ihren Finger vor die Pupille und stieß danach. Sie brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm der Stern auf dem Weiß.
Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien eingeritzt standen, und flüsterte an sein Ohr: „Palast-Plan . . . Palast-Plan“, bis er begriff und ihn vor ihre Füße warf. Denn er hielt das für eine List.
Allein sie verschloß sein bitteres Lachen mit den Lippen. Sie küßte ihn auf den Mund und sah ihn traurig an: „Was willst du?“ Der ganze Körper bat.
Da floh er.
Er kämpfte sich durch Gewölbe und Tunnels, glitt über Terrassen und Galerien und tauchte in einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog. Seine Hände führten ihn tastend die Wand entlang. Er schritt minutenlang. In Abständen waren in der Mauer Einlasse, die kleine Säulchen hatten. Einige waren aus einem porösen Stein, andere völlig glatt. Er streichelte seine Hände kurz und stolz: „Kluge Hände“. Ein Übermaß von Freude stand ihm bis zum Kopf, bereit, durch Mund und Augen übermäßig aufzuspringen. Plötzlich packte er einen Auswuchs und empfand im gleichen Moment, daß seine Hand in einer Zahnreihe lag. Er half mit der anderen und erschrak, wie die Finger der beiden in zwei hohlen Augenhöhlen verschwanden, die feucht waren und sich anklebten. Da faßte er fest zu, brachte die Augen nahe und merkte, daß es ein Ornament aus Gips sei. Wie er aufatmend vorwärts trat und sein Blut, das gehalten hatte, aufsauste, griff er etwas Warmes. Mit dem Rücken stieß er dabei gegen die Tür, die hinausführen mußte.
Seine Hände aber erkannten die Schönheit wieder, die sie einmal gefühlt hatten, und packten sie. Es war heiß. Ein Mund saugte an seinem. Da gab er nach. — — —
Die Sonne draußen hatte schwarze Ringe, die um sie kreisten. Er senkte die Augen. Zwei Beduinen empfingen ihn an der Tür, hoben ihn auf ein Tier und ritten neben ihm. Er hatte den einen Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie ihm einen Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschläuche. Als sie ihn verließen, sagten sie ihm, daß es knapp ein Tageslauf sei.
Er hielt sie an.
Er hielt sie an und fragte: „Wer war es, der mich losließ?“
„Die Tochter Yousouf Bassas . . .“ sagten sie. — — — — — — — — Er wartete, bis sie verschwunden waren. Dann hielt er die Hand so, daß sie den ganzen Horizont, aus dem er kam, bedeckte.
Hiermit und so war er fertig mit ihm.
Durch die Hand sah er sein Blut. „Juana . . . ja . . . mein Blut — — unser Blut —“ schrie er und stachelte den Hengst mit dem Dolch.
Moos spann sich grau über die Wüste. Kranichzüge rauschten über ihm. Endlos blendeten die weißen Kaktusfelder in der Ferne.
Ein Tuareg begegnete ihm.
Sie ritten scharf aneinander vorbei. Ihre Augen hielten sich so fest, daß ihre Hände sich nicht rührten.
Endlich: Bäume . . . Bäume! Eine Allee. Orangenallee . . . Er fiel vom Pferde, umarmte es, tanzte und küßte die dampfenden Flanken des Tiers. Am nächsten Tag fand er die Galeeren. Am gleichen Mittag rannte eine Patrouille von ihm zu Yousouf und bat ihn um eine offene Schlacht. Der Bassa schlug ein und bezeichnete den Platz.
Sie stachen sofort los. Las Casas kam in Streit mit den Offizieren. Er trieb die größte Eile an, weil er vor dem Bassa an der Kampfstelle sein wollte. Denn er mußte auf jeden Fall die Stellung an der Küste haben, damit er den Feind gegen das offene Meer hatte und so Flucht eine Unmöglichkeit sei und auf diese oder jene Form dieser Kampf ein Ende sei. Die Offiziere wollten erst Wasser aufnehmen in einem Hafen, der nahe lag. Doch Las Casas sagte, daß sie nach der Schlacht Wasser genug haben würden hier oder da, und er wies auf das Meer und in die Richtung des Hafens; da schwiegen sie, denn er lächelte dabei.
Die Sklaven hatten ausgehöhlte Gesichter und knirschten, als die raschen Takte des Vorsängers ihre Muskeln zu angespannten Zügen zwangen.
Las Casas ließ sie schlagen und stand auf dem Vorderdeck, unbeweglich, den Blick auf das Meer ausgestreckt. Die Ruder hieben in kurzen Intervallen in das ruhige Wasser.
Er spreizte die Arme aus, und sie schienen ihm wie zwei Segel, die ihn nach der endlichen Tat hin aufbauschten und trieben. An Juana dachte er wenig und kaum. Nur dies eine erfüllte ihn. Ein Lächeln, fast spöttisch, kräuselte seinen Mund. Er schüttelte den Gedanken an sie unwillig ab. Stolz durchfuhr ihn stürmisch und sengte seine Augen.
Er drehte sich und es war ihm, daß einige Bänke die Ruder weniger tief streckten und so den Lauf hemmten, und er ließ auf einer erhöhten Bühne mitten auf dem Steg zwischen den Bänken mit Sklaven zwei Neger hinrichten. Die nächsten schauten bleich zu. In den zerrissenen Gesichtern stand Wut.
„Wasser . . . !“ brüllte ein langer Portugiese und drohte. Las Casas lächelte ruhig und sehr gefaßt und ließ ihm das Halsblut der Neger reichen.
Er fühlte einen starken Sturm in sich, der ihn hob, schwellte und maßlos mit sich selbst erfüllte, daß sein Wollen ins Ungeheuerste gesteigert und seine endlos beschwingten Gefühle über alle Schicksale hinausstiegen und der Tod ihm nur ein geringschätziges Spiel (wie mit Masken) erschien.
Am Abend stellten sie sich auf für den folgenden Tag.
Früh riß die Sonne den Himmel tiefrot auf und färbte das Wasser so. Und als bedrücke das Ungeheuere der Front vor ihm etwas in seiner Seele, horchte er in sich hinein und fand wie ein Pizzicato in der Ruhe seines höchsten Geschwelltseins den Gedanken an Juana und riß ihn heraus und maß ihn mit den letzten Erlebnissen und der Idee seiner Tat. Die Kartaunen des Vorderdecks lösten sich schon. Die türkischen Caramuzzals umsprühten die Galeeren mit glühenden Kugeln. Eine zischte zwischen die Ruderer und verbrannte sie. Es roch nach versengtem Fleisch. Die nächsten heulten auf und ließen die Ruder.
Da ließ Las Casas die Hörner blasen.
Auf den anderen Schiffen antworteten sie. Eine Schlinge fiel vom Hauptmast. Sie legte sich um den Kopf des Portugiesen und zog ihn hoch und schwang ihn, der sich verrenkte und mit den Armen, die Hände zu Fäusten gekrallt und die Zeigefinger nur erhoben, die Luft schlug, in weitem Bogen über das Schiff.
Pfiffe rasten über die Decke. Alle Ruder hoben sich und schäumten auf die Caramuzzals ein.
Las Casas zwang nun den Gedanken an Juana ganz aus sich. Nur die Tat sollte sein. Er stand auf der Poppa und suchte die größte Caramuzzal. Eine Flagge deckte sie: Rot mit sieben schwarzen Monden.
Endlich: Yousouf! —
Das Wasser spritzte karminenen Schaum, so war es von der Sonne durchtränkt.
Las Casas suchte hier in der ungeheuersten Erhebung, in der durchbebtesten Ekstase seines Lebens den Gedanken an Juana zu töten. Eine wahnsinnige Freude durchschwang ihn. Er hatte den Dolch durch den Mund gezogen. Seine Hände hielten kalt und verkrampft das Steuer. Alle Kanonen entluden sich und schrien gegeneinander.
Ein junger Offizier vor ihm drehte sich um und brüllte etwas mit leuchtenden Augen zurück, was das Getöse verschluckte. Las Casas sah ihn an. Und als hätten die nicht gehörten Worte etwas gelockert, als hätten sie ihn das gefragt, um was er rang, brüllte er dem Jungen zu (der ihn nicht verstehen konnte) die Arme um das Rad, mit Lippen, die sich zerrissen an dem Dolch im Mund:
„O alles . . . hätte ich auf den Bauch geschmissen Dreck gefressen, drei Monate oder vier . . . wären meine Gedärme zerfetzt daran . . . hätte ich den Bart säubern müssen des Bassa jeden Tag von Eiern und Speisen und schlechten Küssen, wäre ich stinkend geworden und nach Übelem riechend und hätte ich keine Zähne mehr im Mund und wäre ich gewesen wochenlang beschämt bei alten Weibern, die hängende Brüste hatten und Riemen von Adern aus den Gliedern quellend . . . o, alles nichts, klein, sehr klein, — — — kein Lachen . . . keinen Wink wert ist es, ist die Schmach gegen diesen Moment, gegen dieses Steigen — — — und was Juana ist — — — was ihr Andenken ist . . . es wiegt nicht so viel, daß ich es nur so sage, nicht einmal mein Brüllen ist es wert . . .“ — — —
Nun hatte Las Casas Ruhe für seine Tat.
Seine Lippen zuckten zerrissen.
Ehrgeiz füllte seine Augen, daß sie grün blitzten.
Die Offiziere standen um ihn.
Blut rann über sein Gesicht.
Mit einem scharfen Ruck warf er das Steuer nach rechts. Geknarr und Erschütterung knirschte auf. Die Galeere lag nun neben der Caramuzzal Yousoufs, deren Geländer sie weggerissen hatte. Dunkle Massen strömten hinüber.
Mit einem Lächeln (dies war sein Tag), ganz ruhig stand Las Casas auf der Poppa. Sein Gesicht war hell und stet wie eine Fahne.
Aber dann: — — als er hinübersprang und sah, wie Bassa Yousouf mit vielen Kugeln durch den Bauch geschossen erledigt war und sie ihn aufhoben und vorbeitrugen dicht an ihm . . . kniete er, wo er stand, nieder, warf sich auf den ersten Toten, der aus der Brust blutete, küßte die Brust — — — und stammelte: „Juana“. Stammelte: „Juana“. Nichts weiter. Nur dies.
Sie legten den Toten auf die Poppa. Las Casas betrachtete ihn genau. Er sah seiner Tochter ähnlich . . . die Wolke über der Stirn . . . die Braue und der Nasenflügel . . . Las Casas erstaunte über die Leiche. Er wußte nichts damit anzufangen. Er roch die Nelken im Garten von Cartagena. Jonquillen, fiel ihm ein, waren auch dabei. Er fuhr mit den Fingern in die Wunden des Bassa und untersuchte sie.
Dann zuckte er die Achseln und trat zurück.
Der junge Offizier kam und küßte ihm die Hand.
Die Kommandeure der beiden anderen Galeeren traten auf ihn zu: Sie seien stolz . . . unter ihm . . . dieser Sieg — — —
Nun begriff er wieder: So, ja, Yousouf Bassa . . . Er strich die Stirn: Ja. Er lag da. Auf der Poppa . . . tot? . . . Tot!
Stolz hob seine Schultern. Freude überflammte ihn. Es war die erste Tat im Reich. Gewiß. Er hob die Hand. Sie bliesen: Benedito sea Dios.
Die Sonne ward schon gelb und stieg.
Dann sprang er zurück auf dem Hinterdeck und gab das Signal zur Abfahrt.
Ein Schrei der Wut peitschte über das Verdeck.
Offiziere hoben die Hände, bestürmten ihn: „Teilung der Beute . . . Ruhe . . . Soldaten . . . die Sklaven seien ausgelaugt.“
Las Casas stemmte sich hoch: „Wir fahren!“
Sie fuhren in einem dumpfen Schweigen.
Niemand sprach.
Sieben türkische Caramuzzals waren erobert worden, auf die Soldaten verteilt wurden. Die Gefangenen mußten rudern. Ein Schiff trug den Harem.
Als sie den ganzen Morgen gerudert hatten, sprangen den Leuten Arme und Lippen auf. Die Sonne brannte einige tot. Doch sie wimmerten kaum.
Weißglühende Wut schwelte in den Augen der Soldaten.
Las Casas saß auf dem Vorderdeck, wo der Wind ihn zuerst kühlte. Die Leiche Yousouf Bassas lag neben ihm. Seine Augen weilten manchmal auf ihr, dann sogen sie sich wieder glühend, brennend in den Horizont fest. Er freute sich über die Tat. Aber er begriff nicht mehr, daß er über Juana weggesprungen sei wegen ihr. Er fühlte sie so um sich, als könne er ihre Umrisse mit den Händen fassen. Es war unmöglich — wie konnte es sein, lachhaft und kindisch? — daß er sie dreimal verschmäht hatte. Er blickte auf den Toten. Es war doch so. Doch er verstand die Wichtigkeit dieser Tötung nicht mehr.
Offiziere baten ihn, das Tempo des Ruderns zu mäßigen. „Die Leute verrecken vor Durst. Die Zungen kriechen ihnen wie böse Tiere aus den Mäulern,“ sagte heftig der junge Offizier.
Las Casas ließ ihnen die letzten Rationen austeilen. Das Tempo blieb das gleiche. Es ward Nachmittag.
Las Casas brannte in einer Flamme: Juana. —
Seine Blicke hoben aus dem Ende der Wasserfläche einen Garten voll Lauben und Gerüchen und eine Nacht darüber, mit Sternen dicht verschnürt, in der er sie besitzen wollte. Es nahm ihm den Atem. Es preßte alles beiseite. Er mußte ohne einen Ruderschlag Pause nach Cartagena. Er schob den Toten mit dem Fuß zur Seite, da er ihn plötzlich haßte, weil er in ihn die Ursache verlegte (die in seiner eigenen Brust saß), daß er Juana verschmäht hatte.
Da brüllte es hinter ihm plötzlich wie aus einem Ventil: „Wasser!“ Es war ein gellender, trockener Ruf. Er fuhr herum. Murmeln erstickte in seiner Nähe. Aber dort brach es aus: „Wasser!“ . . . und schlug hinüber und zündete und an hundert Seiten zuckte es hoch und heulte aus den Mündern. Die Augen waren ihnen stier geworden, und die weißschweißigen Gesichter brannten.
Las Casas’ Hirn schob blitzschnell den Gedanken vor: Gefahr! Sein Bewußtsein packte zu und begriff dumpf, daß ihm ein Hindernis entgegentrete. Rote Wut schüttelte ihn. Er sprang vor:
„Schmeiß,“ schrie er, „Geschmeiß,“ und wieder: „Vieh . . . Ihr wollt weniger tun, Hunde, wo ich mehr Eile habe. — Sklavenführer, aufs Vorderdeck! . . . Die Riemen in die Peitschen gezogen . . . Zehn Takte rascher gefahren im Viertel der Stunde. — Den Bankersten die Bastonade!“ . . . Seine Stimme war wieder beherrscht geworden. Die Riemen klatschten über die Rücken.
Die ganze Nacht ließ er sie mit Wasser begießen, das sie kühlte und ihren Schweiß wegschwemmte. Allein das Meerwasser biß scharf in ihre Wunden, daß sie schrien über das Geschenk.
Am Morgen stand einer auf als Deputat: „Wir können nicht mehr.“ Niemand hörte auf ihn.
„Gib uns einen halben Tag. Wir legen uns auf den Bauch diese Zeit. Dann streifen wir das Schiff wie einen flachen Stein übers Wasser.“
„Einen halben Tag . . .“ johlten die anderen.
Der Deputat drohte: „Wir brechen die Ruder . . .“ Da gab Las Casas Befehl, ihm, dem die Ohren von Toledo her fehlten, die Zunge aus dem Munde zu nehmen und ging hinunter, die Zähne in den Lippen und bleich. Denn es schmerzte ihn, solches zu befehlen, aber seine Lippen hatten nur ein Wollen, das wie ein ungeheueres Zittern daran hing und auf alles niederfiel, was es sperrte: „Juana!“
Er ließ den Sklaven Wein geben. Das Geringe berauschte sie. Die Galeeren zogen rascher.
Sie zogen rascher. Die Sklaven lechzten, Mäuler aufgesperrt, aber noch entfeuert.
Sie bekamen neue Mengen und ruderten rasender, bis einer schrie:
„Weiber — — — — — — — — — — — —“
Langgedehnt zog der Laut über das Schiff. Eine Stille schob sich nach, die alles preßte.
Dann rasten alle in die Höhe und hämmerten ihre Ketten gegen die Bänke:
„Dein Ver—spr—e—e—e—chen . . . am selben Abend . . . zwei . . .
Schuft! — — — Du . . .“
Las Casas stand ihnen mit blassem Lächeln entgegen. Die Aufseher peitschten sie mühsam wieder an die Ruder zurück. Eine Bank hatte sich ineinander verbissen. Sie bissen sich Stücke aus dem Fleisch.
„Ihr werdet sie haben, eh’ der Tag ’runter ist. Wenn ihr euch eilt, Bande! Dann sind wir in Cartagena.“ Las Casas’ Stimme klang knapp, unendlich beherrscht.
„Es ist gelogen, ist erlogen . . . Hund!“
Las Casas ließ sie.
Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden, erschrak er. Es blitzte ihm durch den Kopf — er müsse den Abend in Cartagena sein — — um alles.
Er ging auf dem Deck herum und zerbog die Hände ineinander, bis er den letzten Entschluß sich abgepreßt hatte.
Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem Harem herüberzuschaffen. Er wußte (in brennendster Qual), daß die Sklaven die Frauen des Harems beim Umladen nach der Schlacht gesehen hatten: Sie waren nackt. Ihre Brüste waren kobaltblau. Der Bauch glänzte nach ihrer Sitte rund mit Gold gemalt. Sie sollten vor ihnen tanzen, daß sie rascher führen.
Alle mußten hinuntersteigen.
Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und Las Casas.
Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven die Gesichter weiß wie die Planken, die Augen rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las Casas’ Gesicht saß ein Lächeln wie eine Dolchspitze.
Dann fingen die Boote an hinüberzufahren zur Caramuzzal, die den Harem trug. Die Wächter hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend vor Scham und Schmerz, wie irgendwo einem Geifer aus dem Maul rann, während er blöd auflachte. Anderen brach der Schweiß in Strömen aus dem Gesicht. Sie sahen aus wie Pilze, auf die plötzlich Tau fällt.
Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel auf die Schiffe. Die Gesichter waren ins Unkenntlichste verzerrt. Wo manches Nase oder Mund sonst war, saß nun eine Falte der grausamsten Qual.
Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er tat, empörte seine Seele. Er schlug die Arme übereinander, daß sie ihm die Brust einbogen, biß die Lippen zusammen und starrte ins Meer und weinte vor Zorn über sich. Er flüsterte: „Juana“ und empfand Rechtfertigung für alles. Denn er mußte den Abend in Cartagena sein (er kam den Abend nach Cartagena) oder wahnsinnig werden oder zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war blaß gegen diesen Willen.
Er hörte keinen Laut wie das Keuchen der Männer. Dabei empfand er, wie die Galeere mit erstaunlicher Geschwindigkeit flog.
In der drückenden Stille hinter seinem Rücken bohrten die achthundert Augen sich auf die Caramuzzal, an der die Boote gerade anlegten. Ein silbernes Horn (wie rein es scholl zwischen den Masten und gelben Segeln!) hob sich mit zartem Laut auf dem Verdeck drüben. Eine Stimme rief einmal (wie klang sie jung und nach Andalusien!): „Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.“
Las Casas wandte sich nicht um.
Aber plötzlich trat er zur Seite, wie zerrissen von einem Gedanken und hob den Arm mit einem raschen Mal streng und senkrecht . . . niemand wußte, wollte er Einhalt rufen oder winken.
Doch die Geste wirkte unsächlich.
Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus allen Brüsten lösender Schrei über die Galeere hin. Es war zu viel.
Einer der Sklaven hatte Las Casas’ Bein gepackt. Las Casas verschwand unter der gebeugten Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos, und flog wie ein Ball auf die andere Seite. Sie warfen ihn sich zu. Vierzig Bänke links. Vierzig auf der anderen Seite. Einer senkte seinen Mund auf seinen Hals. Ein anderer schlug seinen Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann blieb er irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf, Gefangene, erschlugen die Offiziere, befreiten sich und vergaßen ihn über ihrem Gelage.
Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte im Horizont auf.
Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind herauf. Drei Schiffe mit roten aufgebauschten Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven wurden überwältigt. Luis Quijada kam herüber von seinem Segler. Denn er war es.
Luis Quijada ließ sie im Kranz zu Vierhundert um die Reeling hängen. Die Leiche Las Casas’ ließ er hinüberbringen und bedeckte sie mit seiner Fanale.
Dann ließ er die anderen Schiffe herankommen und bestieg die Caramuzzal, die des Bassas Harem trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fünfzig Besten aus und schiffte sie in seinen Segler ein. Die anderen schenkte er seinen Soldaten. Darauf stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen Yousoufs lagen. Es war eine kleine Kajüte mit lackiertem Mahagoni und Zitronenholz. Sie hatten sich mit Alhenna gefärbt und rauchten. Er saß mit ihnen und sie tranken gemächlich mit ihm, der lächelnd und zärtlich scherzend mit ihnen sprach, zutraulich Kakao und Orangenwasser.
Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward Abend, als sie in Cartagena einliefen. Große Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte kommen. Das Banner Las Casas’, Quijadas, das von Kastilien und die rote Fahne mit sieben Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana stand am Steg.
Eine Bahre ward aus dem Schiff herübergebracht und ans Land gestellt. Quijada folgte. Las Casas’ Kopf erschien, wie einer das Tuch hob, unter der weißen Fanale, auf der sein Wappen stand. Um seine Stirn saß festgebissen mit einem dunklen Strich das Bleigefäß des Sklaven wie ein schlechter Heiligenschein.
Juana taumelte.
Dann aber fing sie sich mit einer maßlosen Bewegung wieder in sich selber ein. Und da sie nicht allein das Stolze liebte und die Stärke, sondern das Endgültige vor allem und den Sieg, ging sie um den Liegenden herum und raffte ihr Gesicht auf, daß es glänzend ward wie das Metall einer über einem Heer geblasenen Trompete, schritt kurz auf Luis Quijada zu und legte ihren Kopf an seine Brust.
Luis Quijada fröstelte erstaunend über das Entsetzliche ihrer Entschlossenheit, aber er tat doch den Arm um sie, denn er hielt sie nicht für schlechter als die drei Besten aus seinem Harem.
Yup Scottens wette niemals. Sie wüßten es alle.
Das Blut steige ihm noch röter unter das breit und tot herabfallende Haar. Er schlage auf den Tisch. Jedesmal würde er auf den Tisch schlagen, wenn wieder einer vom Wetten spreche.
Also schweige man davon.
Ob Yup verheiratet sei?
Nein.
Und es würde besser sein, auch danach nicht zu fragen.
Leise höchstens, ganz leise könne man davon erzählen.
Tim Porker müßte dann die Beine vom Tische nehmen. Denn ihr Ledergeruch würde stören. Und dann hätte er heute morgen den einzigen Kartoffelacker hinter der Farm gedüngt. Kinder, man sei ja nicht so, aber Tim müsse diese Lederranzen von den Füßen nehmen und sie vor die Tür stellen. Noch weiter, zwanzig Meter vom Haus weg . . . so . . . und auch dann stänken sie noch. Aber weniger, Gott sei Dank, und auch weil Ralf den algerischen Tabak rauche, wegen dem man allein fünf Jahre in der Fremdenlegion sein könnte. Selbst wenn man kommandiert würde . . . Oder doch nicht, nein . . . nicht . . . Aber komisch, wo er den Tabak herbekomme, Ralf brauche nicht wegzusehen, warum denn auch. Yup Scottens wüßte manches davon, und wenn er wieder da sei, in drei Tagen wohl ungefähr — denn schließlich sei er doch der beste Reiter —, er würde möglicherweise davon erzählen. Ralf sollte doch schweigen. Es sei ein Irrtum. Yup hätte an manchen Abenden beim einsamen Feuer am Rande der Kordilleren mehr erzählt, als sie wüßten und dächten. Alle miteinander.
Tim Porker müsse auch die Strümpfe ausziehen. Es ginge nicht anders. Frischgedüngte Äcker brächten auf so verfluchte Gedanken, röchen einem an mit Erinnerungen. Boys! wer hörte die gern! Nach den Sternen speien nachts durch die blanke Kühle, hundertmal denselben Büffel anschießen, eh man ihm die Kugel ins Ohr brennt, Mestizen an den Beinen aufhängen, daß die Köpfe wie Früchte platzten, Kinder, ja, alles, gern — aber nicht an frischgedüngte Äcker denken!
Tizzy solle nach den Koppelungen sehen. Ob die Pferde fräßen. Büffelmist solle hereingekehrt werden und sparsam auf das schwelende Feuer gelegt werden. Morgen werde es schneien, es werde tagelang schneien.
Ralf solle seinen Schnurrbart kauen und ihm die Pfeife geben. Wie? Yup werde länger brauchen? Yup wisse, daß nur für vier Tage zu essen da sei. In vier Tagen werde Yup den Transport herbringen. Heiho! Yup.
Ganz andere Fahrten hätte Yup gemacht.
Tim Porker solle das Maul halten, bei Gott. Und wenn sie morgen früh einen Tunnel nach seinen Stiefeln machen müßten durch den Schnee, die Stiefel blieben draus.
Ein glühender Tag sei es gewesen, hinten am Gebirg, der plötzlich wie ein Signal an der Eisenbahnstrecke, die Yup drei Tage von hier kreuzen müsse — also der wie ein Signal umgeklappt sei in eine stechend kühle Nacht. Sie hatten auf dem heißen Felsen gelegen. Die Knochen hätten gebrannt, das Hirn geglüht, aber sie hätten gefroren. Der Schein des Feuers wäre die Felswand hinaufgeklettert, aus der sternüberhängten Nacht hätte ein Fuchs gebellt, spitz und lang auslaufend. Manchmal. Da habe Yup sich aufgesetzt und ihm erzählt, warum er nichts hören könne vom Wetten. Manches habe er schon früher geahnt, denn Yup habe dies schon angedeutet und jenes. Yup habe ihm aber auch erzählt, warum er nicht verheiratet sei trotz dem Ring an seinem Finger. Yup habe ihm alles erzählt. So:
„Er war fünfundzwanzig Jahre, Yup Scottens, und hatte ein schönes Geschäft. Es war seine Erfindung, auf Emailleschilder eine grüne Schrift anzubringen, die abends leuchtete. Die Fabrik lief famos. Yup bastelte an neuen Erfindungen, ritt, spielte und hatte einen Klub. In dem Klub waren Leute, ähnlich wie er. Seht ihr, sie hatten lackierte Schuhe an den Füßen — ich sehe dich nicht an, Tim Porker —, aber sonst waren sie wie wir, hatten knackende Muskeln, legten im Box einen Professionell säuberlich in eine Ecke hin, fuhren sechs Tage, immer verfolgt im Auto, mit einer fremden Frau durch die ganzen Staaten. Sie trafen sich allabendlich, und keiner wußte anders, als daß sie zusammengehörten, einer zum nächsten, jeder zum andern, sich herausbeißen würden und ginge der letzte Zahn zum Teufel, immerfort, daß sie beisammen bleiben müßten. Stets.
Nun lernte Yup eine Miß kennen, die Laura hieß. Ein komischer Name — aber er verliebte sich in sie. Niemand hatte daran gedacht, denn sonst ging er Frauenzimmern aus dem Wege, selbst bei Abenteuern; trotzdem er den Weibern gefiel — er sagte es nicht —, aber er besaß früher eine volle Brust, ich sah es, und schöne Beine. Jetzt allerdings, ja, jetzt sind sie nach innen gebogen und haben die Linien der Pferdeweichen. Verflucht, Kinder, Yup hatte gerade Beine, jetzt aber sind sie krumm, weil Yup ein Cowboy ist.
Yup sagte mir nicht, wie er sie kennen lernte, ist auch egal. Hat ein wenig gestottert und mit einem glimmenden Holz herumgestochert. Ich habe weggeschaut, denn er hat sich, glaub ich, geschämt. Ihr begreift das nicht, kann euch auch einerlei sein. Ich habe einen Stein nach einem Fuchs geschmissen, der Bogen um uns lief, und dann ein paarmal geknallt.
Yup Scottens verlobte sich nun mit Miß Laura und ging alle freie Zeit zu ihr. Die anderen begriffen das nicht. Sie hatten das Gefühl, als sei etwas aus ihnen herausgebrochen. Das war Yup Scottens. Sie versuchten ihn wieder zu bekommen. Aber er erschien nur noch selten. Dann erzählte er von den Haaren der Miß Laura. Das war ihnen langweilig, begreiflicherweise.
Da sprach eines Abends, wie Yup da war, einer von dem neuen Postzug, der über tausend Meilen laufe von Morgen bis Sonnenuntergang. Man hatte die eigenartigsten Sicherungen angebracht, um Anschläge und Überfälle zu vermeiden. Patentschlösser wie Signalschellen nach den verschiedenen Waggons und gleichzeitig zu den Stationen rückwärts und voraus schnitten Diebstähle ab. Das Personal kontrollierte sich selbst mit Stechuhren . . . Jeder kannte andere Schwierigkeiten. Einige widersprachen und sagten, Eingriffe seien doch möglich. Nun stand einer auf und erklärte, daß es unmöglich sei, überhaupt an den Zug heranzukommen, da er die ganze Strecke laufe ohne Anhalt. Von früh morgens bis abends ohne Station. Blinde Passagiere seien bei dieser Kontrolle ausgeschlossen. Nun standen sofort zwei Parteien gegenüber. Yup schrie natürlich mit denen, die behaupteten, man könne blind fahren. Man drängte zum Austrag, einige schlugen Wetten vor. Plötzlich ward es stiller. Nur Yup schrie noch. Innerlich dachte er nicht daran, es zu tun, was er in der Möglichkeit der Ausführung verteidigte. Einige versuchten, ihn auf seine Behauptungen festzunageln. Yup lacht noch scherzend. Da fiel wo das Wort „verlobt“. Und mit einem Male stand wie eine Fahnenstange aufgerichtet die Tatsache da, daß Yup fahren würde. Daß er die tausend Meilen fahren werde als blinder Passagier gegen den simplen Einsatz von hundert Dollars. Mehr als dreihundert war die Strafe, wenn man ihn erwischte, und einige Tage Gefängnis dazu.
Yup Scottens ging den Abend zu Miß Laura, küßte sie auf das Haar und dann auf die Augen und sagte ihr, daß er am Morgen mit dem Zug verreisen müsse für ein paar Tage. Dann schlief er auf seinem Sofa ein wenig, bis die anderen kamen. Sie machten aus, daß einer in dem Expreß, der dem Postzug in kurzem Abstand folgte, nachfahren solle. Hatte Yup die Endstation erreicht, ohne gesehen zu sein, und den Zug ebenso verlassen, hatte er gewonnen.
In der Dämmerung gingen sie an sechzig Meter von der Station am Gleise entlang und legten sich hin. Yup kauerte sich etwas weiter an den Damm und legte das Ohr auf die Erde. Ganz langsam wickelte der Zug, der sehr groß war und den drei Lokomotiven zogen, sich aus der Halle und setzte gerade bei Yup die erste Geschwindigkeit ein. Yup hatte seinen Rock ausgezogen, um freie Arme zu haben. Yup trug damals noch einen Rock, aus dem ein Stück blitzendes Hemd herausschaute mit Knöpfen drin, wie ihr es bei den Herren seht, wenn wir im September zur Kommission hinunterreiten. Er warf ihn dem Partner zu, der ihn im Expreß verfolgte, und griff fest nach dem Ende eines Wagentrittbretts. Dann machte er eine Drehung und saß darauf. Der Zug raste bald, Yup hing am Brett, dann legte er sich längs auf den Bauch, aber trotzdem blies ihn der Wind fast herunter. Er sah, daß er so nicht bleiben könnte. Später würde der Zug noch rascher fahren, in einer halben Stunde würde es hell sein und von jeder Station würde er signalisiert werden. Stöhnend und ohne Atem vor Wind schob er sich vor. Er preßte sich fest auf das Holz. Keine Muskel durfte nachlassen. Das Gesicht strich, während er vorwärts kroch, den Schmutz von dem Trittbrett, ein Splitter stach ihn in die Wange. Plötzlich wurde der Zug in eine Kurve hineingerissen, und Yup flog nach vorn, die Beine fielen seitlings herunter, blieben aber auf einem Reifrahmen stehen. Den Augenblick benutzte er, einen der Bügel am Ende des Waggons zu fassen und sich anzuklammern. Die Beine ließ er los und schwebte sekundenlang an den Armen zwischen zwei Wagen, den Körper mühsam angezogen. Er schnellte einige Male mit den Füßen nach den Puffern, bis er sie erreichte, griff mit den Händen nach und stand nun auf der Kuppelung zwischen zwei der langgestreckten Waggons. Der Wind belästigte ihn nicht mehr.
Rechts und links waren an den Wagenseiten ovale Haken, die dazu dienten, die Züge heranzuziehen. Er steckte die Arme hindurch, daß die Ringe, ihn haltend, in den Achseln saßen, mit den Füßen stand er auf den Puffern. Der Zug lief hundertzwanzig Kilometer die Stunde. Yup dachte, es die zwölf Stunden schon auszuhalten.
Yup hatte sehr viel Kautabak mitgenommen und kaute stundenlang. Mählich fühlte er aber, wie das Blut ihm in den Armen stockte und ein Schmerz ihn in den Rücken stach. Doch er kaute weiter. In der Nähe der Stationen zog er den einen Arm aus dem Ring und bückte sich ein wenig, als schaue er nach der Federung des Wagens. Dann sah er jedesmal, wie längs dem Wagen hinter ihm eine große Gabel vorschoß und die Postsäcke, die wie an Galgen hingen, packte und einzog. Nie hielt der Zug.
Gegen Mittag merkte Yup, wie ihm die Augen zuklappten. Er trat von einem Fuß auf den anderen, er stampfte auf, bog sich in den Kniekehlen — langsam fielen die Augen zu. Nun stieg Wut in ihm auf. Aber der Schlaf war stärker als er, Yup fühlte es genau. Wenn er einschlief, fiel er herunter, das wußte er. Ganz zuletzt, schon halb bewußtlos, fiel ihm ein Ausweg ein. Er löste seinen Gürtel und knotete damit mühselig eine Fessel um die Hände, nachdem er die Arme durch die Ringe gesteckt hatte, Jetzt konnte er unmöglich mehr abstürzen und schlief ein.
Manchmal wurde er wach, dann schlief er wieder. Es wurde kühler. Ein Druck, als hätte er blutige Ränder um die Schultern, zwang ihn endgültig aufzusehen. Auch im Genick fühlte er nun Schmerzen. Sofort fing er an, mit den Beinen aufzutreten. Er atmete auf, als es ging, wenn auch schwer. Doch die Bewegungsmöglichkeit der Arme schien ganz gehemmt. Eine Stunde, noch länger, wippte er mit den Achseln auf und ab, hob sich auf die Zehenspitzen aus der Spannung der Ringe heraus und wieder zurück. Endlich merkte er, daß Blut wieder sickernd und schwach den Oberarm hinunterfloß. Es war höchste Zeit. Mühselig löste er den Riemen von den Handgelenken, als er die Finger einigermaßen wieder bewegen konnte.
Es war wirklich höchste Zeit, Boys! Denn es war Abend. Denkt an den Indianer, der den Büffel, auf dessen Rücken geschnürt er hinausgetrieben war, qualvoll geblendet und, die Finger in seine Nüstern vergraben, tagelang erdrosselt hatte — und den wir schier verhungert an den Hügeln fanden . . . so ähnlich ging es Yup. Der Zug raste. Die Lokomotiven wurden im Fahren gewechselt.
Endlich, endlich pfiff die vorderste Lokomotive. Die beiden anderen folgten. Der Zug lief langsam. Er stand. Endlich stand er.
Yup ließ sich herunterfallen. Voll Öl und Schmutz, schwarz, blutend im Gesicht, schien er ein Heizer. Er sah schon lange nichts mehr, die Augen brannten scharf, er fühlte nur ein heftiges Zucken im Kopf. Trotzdem ging er mechanisch in das Restaurant, setzte sich auf eine Bank und spie seinen Kautabak aus. Dann erst fiel er um.
Drei Tage schlief er im Lazarett. Am vierten ließ er nach dem Partner aus dem Expreß fragen. Er hatte ihn noch nicht besucht. Ärgerlich, daß er nicht zu finden war, telegraphierte Yup nach Geld und fuhr am fünften zurück — mit einem Elektrisierapparat, den er jede halbe Stunde an seine Schultern setzte.
Er schellte am Hause seiner Braut, der er telegraphiert hatte. Die Verwandten prallten zurück. Das Mädchen lief fort und schrie. Man war verlegen. Plötzlich brach die Mutter der Braut in wildes Weinen aus. Nun sprach sie leis, aber es schlug grausam auf Yup herunter.
Der Expreß war entgleist. Eine Weiche war herumgeworfen worden, aber sie hatte zu spät funktioniert. Der Postzug, dem natürlich der Anschlag galt, war schon vorbei, der folgende Expreß sauste die Böschung hinunter. Unter den halbverbrannten Leichen ward eine als die von Yup Scottens nach einer aufgefundenen Brieftasche legitimiert. Es war Yups Partner, der Yups Rock trug. Der Telegraph brauste, die Namen der Toten standen an allen Mauern. Währenddem schlief Yup, mit gefesselten Händen zwischen den Wagen, hängend wie ein Sack. Miß Laura war nicht ohnmächtig geworden, als sie hörte, Yup sei tot. Aber sie sprach nichts mehr. Sie erkannte niemand mehr. Auch Yup nicht, als er zu ihr sprach.
Yup streichelte sie und sagte zu ihr, daß er Yup sei. Vielemal erzählte er ihr alles. Er erklärte ihr den Irrtum. Dann ging er tagelang weg, als sie sich nicht rührte, und brütete und wollte sich töten. Denn Yup spürte, daß er schuld sei. Hätte er ihr erzählt, wie es wahr war, von der Wette (Laura hätte ihn lächelnd gewähren lassen, so bitter sie nach seiner Abfahrt geweint hätte, aber er wollte ihr keinen Kummer machen), hätte Laura gewußt, daß die Nachricht von seinem Tod irgendwie ein Irrtum sein müsse. So hatte durch seine Unaufrichtigkeit sie das überganglose Begreifen des Verlustes wie eine Faust mitten in ihr Gesicht getroffen. Yup dachte aber auch, daß er nicht hätte zu wetten brauchen, daß er es wegen Laura vielleicht nicht hätte tun dürfen (darüber war er sich allerdings nicht ganz klar, denn Laura hatte ihn immer angehalten, den Instinkten seiner Kraft nachzugehen, wohl weil sie fühlte, daß ein Versagen ihn dumpf auf die Dauer und ungleichmäßig ihr gegenüber machen würde), und er fühlte, indem er überlegte, daß er nur gewettet hatte, weil einer wegen seiner Verlobung seinen Mut bezweifelt hatte. „Verlobt“, hatte einer gerufen, und Yup sann so lange über den Klang der Stimme, bis er wußte, daß es Gerd Robinson war, der so gerufen hatte, aber als er mit dem Revolver zu ihm ging, erfuhr er, daß Gerd verschollen sei seit dem Unglück. Später fand man ihn.
Yup ging nun wieder zu seiner Braut, legte ihre Hände zusammen und sagte ihr wieder alles. Boys! ich hoffe, daß keiner lacht, denn es wird dunkler und ich kann eure Gesichter nur undeutlich noch sehen, Boys, — Yup Scottens setzte sich in die Knie und beugte sich nach dem Ohr seiner Braut und flüsterte weinend, sie solle ihm verzeihen. Laura! stammelte er, ich bin Yup, ich lebe.
Aber sie sah starr gerade aus.
Tagelang saß Yup bei ihr. Manchmal sprach er lange kein Wort. Dann rief er ihren Namen. Stundenlang rief er: Laura! Wie ein grüner Papagei schreit, rief ers. Da nahm man sie weg von ihm; eines Nachts, ohne daß, er es merkte. Nach ein paar Tagen verschwand auch Yup. Er schlug sich in unsere Gegenden.
Einmal vor zwei Jahren war er einige Wochen verschwunden. Mitten in der Biberzeit geschah es, und Yup verlor die Hälfte seiner Jahreslöhnung. Damals war Yup noch einmal bei ihr. Niemand wußte es. Es war damals, als er nachts oft lachte und den Mestizen durch das Fenster erschoß.“ — — —