Wie Dr. Hiob Paupersum seiner
Tochter rote Rosen brachte
In vorgerückter Nachtstunde saß in dem bekannten Münchener Prunkcafé »Stefanie«, regungslos vor sich hinstarrend, ein Greis von höchst bemerkenswertem Aussehen. Die zerschlissene, selbständig gewordene Krawatte, sowie die mächtige bis auf den Nacken herabwallende hohe Stirn verrieten den bedeutenden Gelehrten.
Außer einem silbernen schütteren Knebelbarte, der, einem Siebengestirn von Kinnwarzen entspringend, mit seinem unteren Ende gerade noch jene Stelle inmitten der Weste verdeckte, wo bei weltabgewandten Denkern regelmäßig ein Knopf zu fehlen pflegt, besaß der alte Herr nur wenig Nennenswertes an irdischen Gütern.
Genau genommen eigentlich gar nichts mehr.
Um so belebender wirkte es daher auf ihn, als plötzlich der bezwickerte weltmännisch gekleidete Gast mit dem gewichsten schwarzen Schnurrbart, der bislang an dem Tisch in der Ecke schräg gegenüber ein Stück kalten Lachs bissenweise mit dem Messer zum Munde geführt (wobei ein kirschgroßer Brillant an dem elegant weggestreckten kleinen Finger jedesmal prächtig aufblitzte) und zwischendurch forschend gestielte Blicke herübergeworfen hatte, sich mundwischend erhob, das fast menschenleere Zimmer durchmaß, sich vor ihm verbeugte und fragte:
»Ist dem Herrn eine Partie Schach gefällig? – Vielleicht um eine Mark die Partie?«
Farbenglühende Phantasmagorien von Schwelgerei und Üppigkeit aller Art taten sich vor dem geistigen Auge des Gelehrten auf, und noch während sein Herz entzückt raunte: »Dieses Rindvieh hat mir Gott geschickt«, herrschten bereits seine Lippen dem Kellner zu, der soeben angebraust kam, um gewohnheitsmäßig an den elektrischen Glühbirnen eine Reihe umfassender Beleuchtungsstörungen einzuleiten: »Julius, ein Schachbrett«. »Wenn ich nicht irre, habe ich die Ehre mit Herrn Dr. Paupersum?« – begann der Weltmann mit dem gewichsten Schnurrbart das Gespräch.
»Hiob,– – ja, hm, ja, – Hiob Paupersum«, bestätigte der Gelehrte zerstreut, denn er war wie gebannt von der Pracht des Mordssmaragden, der, ein Automobillaternchen darstellend, als Schlipsnadel die Gurgel seines Gegenübers verzierte.
Erst das Erscheinen des Schachbrettes löste seine Verzauberung; dann aber waren im Nu die Figuren aufgestellt, die lockern Köpfe der Rössel mit Spucke befestigt und der fehlende Turm durch ein geknicktes Streichholz ersetzt.
Nach dem dritten Zuge entzwickerte sich der Weltmann, nahm eine verkrampfte Stellung an und versank in dumpfes Brüten.
»Er scheint den dümmsten Zug auf dem Brett herausfinden zu wollen, – ich wüßte nicht, weshalb er sonst so lange nachdächte!« murmelte der Gelehrte und stierte dabei geistesabwesend die schweinfurtergrünseidene Dame – das einzige Lebewesen im Zimmer außer ihm und dem Weltmann – an, die ruhevoll wie die Göttin auf dem Titelkopf von »Über Land und Meer« auf dem Wandsofa thronte, vor sich einen Teller Schaumrollen, und das kühle Frauenherz mit hundertpfündigem Speck umpanzert.
»Ich geb’s auf«, meldete sich endlich der Herr mit der edelsteinernen Automobillaterne, schob die Schachfiguren zusammen, entnahm seiner Rippengegend ein güldenes Futteral, fischte eine Visitenkarte heraus und reichte sie dem Gelehrten. Dr. Paupersum las:
Zenon Sawaniewski
Impresario für Monstrositäten.
»Hm. Tja. Hm – für Monstrositäten, hm, – für Monstrositäten«, wiederholte er eine Weile verständnislos. »Aber gedenken Sie nicht noch ein paar Partien zu spielen?«, fragte er dann laut, den Sinn auf Kapitalsvermehrung gerichtet.
»Gewiß. Natürlich. Soviel Sie wünschen,« sagte der Weltmann höflich, »aber wollen wir nicht vorerst von etwas Einträglicherem sprechen?«
»Von etwas noch – noch Einträglicherem?«, fuhr es dem Gelehrten heraus, und leise Falten des Mißtrauens legten sich um seine Augenwinkel.
»Ich habe zufällig gehört,« begann der Impresario und bestellte bei dem Kellner durch plastische Handbewegungen eine Flasche Wein und ein Glas, »ganz zufällig, daß Sie trotz Ihres großen Rufes als Leuchte der Wissenschaft zur Zeit keine feste Anstellung haben?«
»Doch. Ich wickle tagsüber Liebesgaben ein und versehe sie mit Postwertzeichen.«
»Und das ernährt Sie?«
»Nur insofern, als durch das damit verbundene Ablecken der Briefmarken meinem Organismus eine gewisse Menge von Kohlehydraten zugeführt wird.«
»Ja, warum verwerten Sie denn nicht lieber Ihre Sprachkenntnisse? Zum Beispiel als Dolmetscher in einem Gefangenenlager?«
»Weil ich nur Altkoreanisch, dann die spanischen Mundarten, ferner Urdu, drei Eskimosprachen und ein paar Dutzend Suahelinegerdialekte gelernt habe und wir mit diesen Völkerschaften vorläufig leider noch nicht verfeindet sind.«
»Sie hätten eben statt dessen Französisch, Russisch, Englisch und Serbisch lernen sollen«, brummte der Impresario.
»Dann wäre natürlich mit den Eskimos und nicht mit den Franzosen der Krieg ausgebrochen«, wendete der Gelehrte ein.
»So? Hm.«
»Ja, ja, lieber Herr, da gibt’s nichts zu hmen; es ist leider so.«
»Ich an Ihrer Stelle, Herr Doktor, hätte es mit Abhandlungen über den Krieg bei irgendeiner Zeitung versucht. So ganz vom Schreibtisch aus. Erfundenes Zeug selbstredend, nichts sonst.«
»Hab ich doch,« klagte der Greis, »Frontberichte, knapp sachlich, erschütternd einfach gehalten in der Schilderung, aber – –«
»Mensch, Sie sind toll«, fuhr der Impresario auf. »Frontberichte knapp gehalten? Frontberichte schreibt man im Gemsjägerstil! Sie hätten –«
Der Gelehrte wehrte müde ab: »Ich habe alles Menschenmögliche im Leben versucht. Als ich für mein Buch, eine vierbändige populäre Erschöpfung des Stoffes: ‘Über den vermutlichen Gebrauch des Streusandes im vorgeschichtlichen China’ keinen Verleger finden konnte, warf ich mich auf Chemie«, – der Gelehrte wurde beim bloßen Zusehen, wie der andere Wein trank, redseliger, – »machte alsbald eine Erfindung, ‘Stahl auf neue Art zu härten’ – –«
»Na, aber das hätte doch Geld tragen müssen!« rief der Impresario.
»Nein. Ein Fabrikant, dem ich die Erfindung zeigte, riet mir ab, sie patentieren zu lassen (er patentierte sie später für sich selbst) und meinte, Geld könne man nur mit kleinen unscheinbaren Erfindungen verdienen, die den Neid der Konkurrenz nicht erwecken. Ich befolgte den Rat und erfand den berühmten zusammenlegbaren Konfirmationsbecher mit selbsttätig aufwärtssteigendem Boden, um den Methodistenmissionären das Bekehren wilder Völkerschaften zu erleichtern.«
»Nun und?«
»Ich bekam zwei Jahre Kerker wegen Gotteslästerung.«
»Fahren Sie fort, Herr Doktor,« munterte der Weltmann den Gelehrten auf, »das ist alles ungemein amüsant.«
»Ach, ich könnte Ihnen tagelang von fehlgeschlagenen Hoffnungen erzählen. – So machte ich zum Beispiel, um ein gewisses Stipendium, das ein bekannter Förderer der Wissenschaft ausgesetzt hatte, zu erlangen, mehrjährige Studien im Völkermuseum und schrieb ein aufsehenerregendes Buch: ‘Wie, nach der Gaumenbildung bei peruanischen Mumien zu schließen, die alten Inkas mutmaßlich den Namen Huitzitopochtli ausgesprochen haben würden, wenn dieses Wort nicht in Mexiko, sondern in Peru bekannt gewesen wäre.’«
»Und haben Sie das Stipendium bekommen?«
»Nein. Der bekannte Förderer der Wissenschaft sagte mir, – es war damals vor dem Kriege, – er habe zurzeit kein Geld, er sei nebenbei Friedensfreund und müsse sparen, da es vor allem gelte, die guten Beziehungen Deutschlands zu Frankreich zum Zwecke der Erhaltung der allgemeinen mühsam geschaffenen Menschheitswerte und -werke zu befestigen.«
»Aber, als dann der Krieg ausbrach, hatten Sie doch Aussichten?!«
»Nein. Der Förderer sagte, jetzt müsse er vor allem sparen, um auch seinerseits ein Scherflein beizutragen, auf daß der Erbfeind für alle Zeiten niedergeworfen werde.«
»Nun, nach dem Kriege blüht sicher Ihr Weizen, Herr Doktor!«
»Nein. Dann wird der Förderer sagen, erst recht müsse er sparen, damit die zahllosen zerstörten Menschheitswerte und -werke wiederum aufgebaut und die abgebrochenen guten Beziehungen der Völker aufs neue hergestellt werden können.« –
Der Impresario dachte lange und ernst nach; dann fragte er mitleidig: »Wieso haben Sie sich eigentlich nie erschossen?«
»Erschossen? Um Geld zu verdienen?«
»No nein; ich meine – nun, hm – ich meine halt, es ist bewundernswert, daß Sie nicht den Mut verloren haben, immer wieder von vorn den Kampf mit dem Leben zu beginnen?«
Der Gelehrte wurde plötzlich unruhig; sein Gesicht, das bis dahin starr gewesen wie aus Holz geschnitzt, bekam ein ängstliches, flackerndes Leben.
Über die Augen furchtsamer Tiere zieht, wenn sie zu Tode gehetzt vor dem Abgrund stehen hinter sich den Verfolger – bevor sie sich in die Tiefe stürzen, um ihrem Peiniger nicht in die Hände zu fallen, ein ähnlich irrer Glanz von Qual und tiefster stummer Hoffnungslosigkeit, wie er jetzt in den Blick des Alten trat. Seine mageren Finger tasteten wie unter dem Zucken verhaltenen Weinens auf der Tischplatte umher, als wollten sie dort einen Halt suchen. Die Falte, die vom Nasenflügel zum Munde läuft, war mit einem Male lang und straff bei ihm geworden und verzog seine Lippen, als kämpfe er mit einer Lähmung. Er schluckte ein paarmal.
»Ich weiß jetzt alles,« kam es dann mühsam heraus, wie bei einem, der sich gegen das Lallen seiner Zunge wehrt, »ich weiß schon, Sie sind ein Versicherungsagent. Ein halbes Leben lang habe ich mich gefürchtet, mit so einem zusammenzutreffen.« (Der Weltmann bemühte sich vergebens, zu Worte zu kommen, und protestierte mit Händen und Mienen.) »Ich weiß schon: Sie wollen mir heimlich zu verstehen geben, ich solle mich versichern lassen und dann irgendwie umbringen, damit – nun ja, damit mein Kind wenigstens leben kann und nicht mit mir verhungert! Reden Sie nicht! Glauben Sie denn, ich wüßte nicht, daß einem von Ihrer Sorte nichts, aber auch gar nichts unbekannt ist?! Ihr kennt doch unser ganzes Leben und habt unsichtbare Gänge gegraben von Haus zu Haus und schielt hinein mit euern Wolfsaugen in die Stuben, wo etwas zu holen ist, – ob ein Kind geboren wird, wieviel Pfennige jeder in der Tasche hat, ob er heiraten wird oder eine gefahrvolle Reise plant. Ihr führt Buch über uns und verschachert einander unsere Adressen. Und Sie, Sie schauen mir ins Herz hinein und lesen da drinnen den Gedanken, der mich zerfrißt jetzt schon ein Jahrzehnt lang. – Ja, glauben Sie denn, ich sei ein so niederträchtiger Egoist, daß ich mich nicht schon längst versichert und erschossen hätte meiner Tochter zuliebe, – aus eigenem Antrieb und ohne es erst von euch, die ihr uns betrügen wollt und eure eigene Anstalt betrügt, nach rechts betrügt und nach links, untern Fuß zu bekommen, wie man’s machen soll, damit nichts herauskommt?! Glauben Sie, ich wüßte nicht, daß ihr dann, wenn’s – vorbei ist, hinlauft und verratet – wiederum gegen ‘Provision’: Hier liegt Selbstmord vor, die Versicherungssumme braucht nicht ausgezahlt zu werden! – – Glauben Sie, ich sähe nicht – so, wie’s jeder sieht –, wie die Hände meiner lieben Tochter immer weißer und durchsichtiger werden von Tag zu Tag, und verstünde nicht, was es bedeutet: trockene fieberige Lippen und Hüsteln in der Nacht!? Selbst wenn ich ein Halunke wäre wie euresgleichen, hätte ich, um Arznei und kräftige Nahrung zu schaffen, schon längst – –, aber ich weiß doch, wie’s dann käme: das Geld würde nie ausbezahlt, und – und dann – –, nein, nein, es ist nicht auszudenken!«
Wieder wollte der Impresario unterbrechen, um den Verdacht, er sei Versicherungsagent, zu entkräften, getraute sich aber nicht, denn der Gelehrte ballte drohend die Faust.
»Ich muß immerhin noch einen andern Weg zur Hilfe in Erwägung ziehen,« beendete halblaut nach längerem unverständlichem Gebärdenspiel Dr. Paupersum irgendeinen offenbar nur gedachten Satz, »das – das mit den – Ambraser Riesen.«
»Ambraser Riesen! Donnerkeil, da sind Sie ja plötzlich bei meinem Thema. Das ist’s doch, was ich von Ihnen wissen möchte!« Der Impresario ließ sich nicht mehr halten: »Wie verhält sich das mit den Ambraser Riesen? Ich weiß, Sie haben einmal einen Aufsatz darüber geschrieben. Aber warum trinken Sie denn nicht, Herr Doktor?! Julius, rasch noch ein Weinglas!«
Sofort war Dr. Paupersum wieder ganz Gelehrter.
»Die Ambraser Riesen,« erzählte er trocken, »waren mißgestaltete Menschen mit ungeheuern Händen und Füßen, und ihr Vorkommen beschränkte sich ausschließlich auf das Tiroler Dorf Ambras, was zu der Vermutung Anlaß gab, es müsse sich dabei um eine seltene Krankheitsform handeln, deren Erreger an Ort und Stelle zu suchen sei, da er anderwärts offenbar keinen Nährboden finden könne. Ich aber war der allererste, der nachgewiesen hat, daß der gewisse Krankheitserreger im Wasser einer dortigen, inzwischen nahezu versiegten Quelle zu suchen ist, und gewisse Versuche, die ich in dieser Richtung machte, berechtigten mich, den Beweis an mir selbst in der Weise anzubieten, daß ich mich anheischig machen kann, nötigenfalls bereits in wenigen Monaten – trotz meines vorgeschrittenen Alters – an meinem eigenen Körper derartige und noch weit darüber hinausgehende Mißwachserscheinungen herbeizuführen.«
»Welcher Art zum Beispiel?« fragte der Impresario gespannt.
»Meine Nase würde sich fraglos um eine Spanne ins Rüsselartige verlängern – etwa in der Form, die dem amerikanischen Wasserschwein eigentümlich ist, die Ohren würden sich zu Tellergröße auswachsen, meine Hände hätten sicherlich schon nach einem Vierteljahr das Ausmaß eines mittleren Palmenblattes (Lodoicea Sechellarum) erreicht, wohingegen meine Füße leider die Dimensionen eines 100-Liter-Faßdeckels schwerlich übertreffen würden. Was ferner die immerhin zu erhoffende knollenartige Wucherung der Knie nach Art des mitteleuropäischen Baumschwammes anbelangt, sind meine theoretischen Berechnungen noch nicht abgeschlossen, so daß ich eine wissenschaftliche Garantie nur mit Vorbehalt übernehmen – –«
»Das genügt! Sie sind mein Mann!« fiel der Impresario atemlos ein. »Bitte, unterbrechen Sie mich nicht. – Kurz und gut: Sind Sie willens, das Experiment an sich zu machen, wenn ich Ihnen ein jährliches Einkommen von einer halben Million garantiere und einen Vorschuß von ein paar tausend Mark – sagen wir – na, sagen wir: fünfhundert Mark erlege?«
Dr. Paupersum war wie betäubt. Er schloß die Augen. Fünfhundert Mark! – Ja, gab’s denn überhaupt so viel Geld auf der Welt!
Ein paar Minuten lang sah er sich bereits in ein vorsintflutliches Ungetüm mit langem Rüssel verwandelt, hörte im Geiste einen Neger, grell als Jahrmarktsbudenausrufer gekleidet, in eine bierschwitzende Menge hinabkreischen: »Nurr herreinspaziert, meine Herrschaften, – das größte Scheusal des Jahrhunderts für lump’je zehn Fenn’je!« – – Dann aber sah er seine liebe, liebe Tochter voll blühender Gesundheit, in weiße Seide reich gekleidet, mit dem Myrtenkranz als Braut vor dem Altare selig knien – und die ganze Kirche war strahlend erhellt – und von dem Muttergottesbild ging ein Glanz aus – und – und – einen Augenblick krampfte sich ihm wohl das Herz zusammen: er selbst mußte sich hinter einem Pfeiler verborgen halten, er durfte seine Tochter ja nie mehr küssen, sich nicht einmal von weitem sehen lassen, um ihr seinen Segen zuzuwinken, – er, er, das grauenhafteste Monstrum der Erde! Denn er hätte doch sonst den Bräutigam verscheucht! Und er würde fortan in der Dämmerung leben müssen, wie ein lichtscheues Tier, sich bei Tag sorgfältig verborgen halten, – aber was lag an all dem! Plunder! Kleinigkeiten! Wenn nur seine Tochter wieder gesund werden kann! Und glücklich! Und reich! – Eine stumme Verzückung kam über ihn. – Fünfhundert Mark! Fünf – hundert – Mark! – –
Der Impresario, der das lange Schweigen des Gelehrten als Unentschlossenheit deutete, fing an, seine ganze Überredungskunst aufzubieten: »Herr Doktor! So hören Sie doch! Sie treten ja Ihr Glück mit Füßen, wenn Sie ‘nein’ sagen! Ihr ganzes Leben war bisher verfehlt. Und warum? Sie haben Ihren Verstand vollgepfropft mit lauter Lernen. Lernen ist doch Blödsinn. Schauen Sie mich an: hab’ ich vielleicht was gelernt? Das Lernen können sich Leute leisten, die wo von Haus aus schon reich sind – und die haben’s dann eigentlich erst recht net nötig. – Der Mensch muß demütig sein und – dumm, sozusagen, dann hat ihn die Natur gern. Die Natur ist doch auch dumm. Haben Sie schon einmal g’sehn, daß ein dummer Mensch zugrund’ ’gangen is? – Sie hätten von Anfang an die Talente dankbar entwickeln sollen, die Ihnen das Schicksal als Geschenk in die Wiege gelegt hat. Oder haben Sie sich ’leicht noch nie in den Spiegel geschaut? Wer so aussieht wie Sie, selbst jetzt, wo Sie noch kein Ambraser Trinkwasser eing’nommen haben, hätt’ sich schon längst als Clown eine solide Existenz gründen können, – Gott, die Fingerzeige der gütigen Mutter Natur sind doch so blitzeinfach zu verstehen. Oder fürchten Sie sich ’leicht, als Monstrosität keine Ansprache zu haben? Ich kann Ihnen nur sagen, ich hab’ schon ein stattliches Angsambel beisammen. Und lauter Leute aus den besten Kreisen. – Da hab’ ich zum Beispiel einen alten Herrn, der wo ohne Arme und Beine geboren worden ist. Den führ’ ich demnächst Ihrer Majestät der Königin von Italien als belgischen Säugling vor, den die deutschen Generäle verstümmelt haben.«
Dr. Paupersum hatte nur die letzten Worte klar erfaßt. »Was reden Sie da für Zeug zusammen?« fuhr er unwirsch auf. »Erst sagen Sie, der Krüppel sei ein alter Herr, und dann wollen Sie ihn als belgischen Säugling vorstellen!«
»Das erhöht doch gerade den Reiz!« widersprach der Impresario; »ich behaupte ganz einfach, er sei so rapid gealtert – aus Gram, weil er hat zuschauen müssen, wie ein preußischer Ulan seine Mutter bei lebendigem Leib aufgefressen hat.«
Der Gelehrte wurde unsicher; die Schlagfertigkeit des andern war zu verblüffend. »Na gut, meinetwegen. Aber sagen Sie mir vor allem: Wie gedenken Sie mich zur Schau zu stellen, bis ich erst einen Rüssel habe, Füße wie ein Faßdeckel und so weiter?«
»Blitzeinfach! – Ich schmuggle Sie mit falschem Paß über die Schweiz nach Paris. Dort kommen Sie in einen Käfig, haben alle fünf Minuten zu brüllen wie ein Stier und dreimal täglich ein paar lebende Ringelnattern zu essen (die Sache kriegen wir schon, es hört sich nur ein bissel grausig an). Abends ist dann Galavorstellung: ein Turko zeigt, wie er Sie in den Urwäldern Berlins mit dem Lasso eingefangen hat. Und draußen auf einem Plakat steht: Dieses ist ein garantiert echter deutscher Professor (und das ist doch die Wahrheit; zu einem Schwindel gebe ich meine Hand nicht her), das erstemal lebend nach Frankreich gebracht! – und so weiter. Übrigens wird mein Freund d’Annunzio den Text gern verfassen, der findet den richtigen poetischen Schwung schon.«
»Was aber, wenn inzwischen der Krieg beendet ist?« gab der Gelegte zu bedenken, »wissen Sie, bei meinem Pech – – –«
Der Impresario lächelte: »Seien Sie unbesorgt, Herr Doktor; die Zeit, wo ein Franzose nicht alles glaubt, was gegen die Deutschen spricht, kommt nie. Auch in tausend Jahren nicht.« – –
War das ein Erdbeben gewesen? Nein, – nur der Pikkolo hatte seinen Nachtdienst im Café angetreten und als musikalisches Vorspiel ein Kredenzblech mit Wassergläsern heruntergeschmissen.
Dr. Paupersum blickte verstört umher. Die Göttin von »Über Land und Meer« war verschwunden und statt ihrer hockte ein alter unverbesserter Gewohnheits-Theaterkritiker auf dem Sofa, »verriß« im Geiste eine Premiere, die nächste Woche stattfinden sollte, tupfte mit nassem Zeigefinger ein paar Semmelbrösel vom Tisch, zernagte sie mit den Vorderzähnen und schnitt Iltisgesichter dazu.
Allmählich wurde sich Dr. Paupersum darüber klar, daß er selbst sonderbarerweise mit dem Rücken gegen das Lokal saß – vermutlich die ganze Zeit über so gesessen hatte – und alles, was er mit dem Auge erlebt, in dem großen Wandspiegel vor sich gesehen haben mußte, denn sein eigenes Gesicht starrte ihn jetzt nachdenklich an. – Der Weltmann war auch noch da, fraß auch wirklich kalten Lachs – mit dem Messer natürlich –, aber er saß ganz drüben im Winkel und nicht hier am Tisch.
»Wie bin ich eigentlich ins Café Stefanie gekommen?« fragte sich der Gelehrte.
Er konnte sich nicht entsinnen.
Dann legte er sich langsam zurecht: Es kommt von dem ewigen Hungern, und wenn man andere Lachs essen sieht und Wein dazu trinken. Mein Ich hat sich eine Weile gespalten. Alte Sache das und ganz natürlich; in solchen Fällen sind wir mit einem Male wie Zuschauer im Theater und doch auch gleichzeitig die Darsteller unten auf der Bühne. Und die Rollen, die wir spielen, setzen sich zusammen aus dem, was wir einst gelesen und gehört und heimlich – gehofft haben. Ja, ja, die Hoffnung ist ein grausamer Dichter! Wir malen uns da Gespräche aus, die wir zu erleben glauben, sehen uns Gebärden machen, bis die Außenwelt fadenscheinig wird und unsere Umgebung zu anderen trügerischen Formen gerinnt. Selbst die Sätze, die in unserem Hirn geboren werden, denken wir nicht mehr wie sonst; sie sind mit Phrasen und Begleitbemerkungen umhüllt wie in einer Novelle. – Ein seltsames Ding, dieses »Ich«! Es fällt zuweilen auseinander wie ein Bündel Ruten, von dem man die Schnur löst ... – und wieder ertappte sich Dr. Paupersum dabei, daß seine Lippen murmelten: »Wie bin ich eigentlich ins Café Stefanie gekommen?«
Plötzlich zerriß ein Jubelschrei in seinem Innern alles Grübeln: »Ich habe doch eine Mark gewonnen im Schachspiel. Eine ganze Mark! Jetzt ist ja alles gut; mein Kind kann wieder gesund werden. Rasch eine Flasche roten Wein, und Milch, und – – –.«
In wilder Aufregung durchwühlte er seine Taschen, da fiel sein Blick auf den Trauerflor, den er am Ärmel trug, und mit einem Schlage stand die nackte entsetzliche Wirklichkeit vor ihm: seine Tochter war doch gestern nacht gestorben!
Er griff mit beiden Händen nach seinen Schläfen – – ja, ge–stor–ben. Jetzt wußte er auch, wieso er ins Café gekommen war – vom Friedhof, vom Begräbnis. Am Nachmittag hatten sie sie doch bestattet. Eilig, teilnahmslos, verdrossen. Weil es so geregnet hatte.
Und dann war er durch die Straßen geirrt, stundenlang, hatte die Zähne zusammengebissen und krampfhaft auf das Klappen seiner Absätze gehorcht und dabei gezählt, immer gezählt und gezählt von eins bis hundert und wieder von vorn, um nicht wahnsinnig zu werden vor Furcht, seine Schritte könnten ihn gegen seinen Willen nach Hause führen in sein kahles Zimmer mit dem ärmlichen Bett, in dem sie gestorben, und das jetzt – leer war. Irgendwie mußte er dann hier gelandet sein. Irgendwie.
Er hielt sich am Tischrand, um nicht zusammenzubrechen. Abgerissen und unvermittelt zog es durch sein Gelehrtenhirn: »Hm, ja, ich hätte – ich hätte ihr durch Transfusion Blut aus meinen Adern überleiten sollen; – Blut überleiten sollen – –« wiederholte er ein paarmal mechanisch; da schreckte ihn ein Gedanke auf: »Ich kann mein Kind doch nicht allein lassen – draußen in der nassen Nacht,« wollte er aufschreien, aber es kam nur ein leises Winseln aus seiner Brust. – – – – – – –
»Rosen, ein Strauß Rosen war ihr letzter Wunsch gewesen,« scheuchte es ihn nochmals auf – – – »so kann ich ihr doch wenigstens einen Strauß Rosen kaufen, ich habe ja eine Mark im Schachspiel gewonnen,« – er wühlte wieder in seinen Taschen und eilte hinaus, ohne Hut in die Dunkelheit, einem letzten winzigen Irrlicht nach.
Am nächsten Morgen fanden sie ihn auf dem Grab seiner Tochter. Tot. Die Hände tief in die Erde gewühlt. Er hatte sich die Pulsadern durchschnitten, und sein Blut war hinabgesickert zu der, die da unten schlief.
Auf seinem weißen Gesicht aber lag ein Glanz jenes stolzen Friedens, den keine Hoffnung mehr stören kann.
Amadeus Knödlseder
Der unverbesserliche Lämmergeier
»Knödlseder, schleich dich!« hatte der bayerische Steinadler Andreas Humplmeier gesagt und das Fleischstück, das des Wärters spendende Hand durchs Gitter gesteckt, brüsk an sich gerissen.
»Sauviech, verfluachts«, schimpfte, vor Wut außer sich, der hochbetagte, in der langen Gefangenschaft bereits kurzsichtig gewordene Lämmergeier – denn dies war der solchergestalt auf geringschätzige Weise Angeredete, flog auf eine Stange und spuckte dünn nach seinem Widersacher.
Doch Humplmeier ließ sich nicht beirren; den Kopf in die schützende Ecke gesteckt, verzehrte er das Fleisch, hob nur verächtlich die Schwanzfedern und höhnte: »Geh her! Kriagst a Watschn.«
Es war nun schon das drittemal, daß Amadeus Knödlseder um sein Abendessen kam!
»Das geht nicht länger so weiter«, brummte er und schloß die Augen, um das unverschämte Grinsen des Marabus nebenan im Käfig nicht zu sehen, der regungslos im Winkel saß und angeblich »Gott dankte«, – eine Beschäftigung, der er als heiliger Vogel rastlos obliegen zu müssen glaubte, »das geht nicht länger so weiter«.
Knödlseder ließ die Ereignisse der verflossenen Wochen im Geiste an sich vorüberziehen: anfangs, nun ja, da hatte er selbst oft über des Steinadlers urwüchsige Art lächeln müssen; besonders bei einer Gelegenheit: in den anstoßenden Raum waren damals zwei engbrüstige, hochmütige Gesellen – stelzbeinig wie Störche – gebracht worden, und der Steinadler hatte ausgerufen: »Ja, was wär denn jetzt dös? Was seid’s denn ös für welche?«
»Wir sind Jungfernkraniche«, war die Antwort gewesen.
»Wer’s glaubt«, hatte der Steinadler zur allgemeinen Heiterkeit gesagt, aber gar bald kehrte sich die Spottlust des rüden Burschen auch gegen ihn: So zum Beispiel besprach er sich heimlich einmal mit einem Raben, der bis dahin ein sehr umgänglicher Kollege gewesen, und sie entwendeten einer unvorsichtigerweise zu nahe am Gitter vorbeifahrenden Kindsfrau aus deren Säuglingswagen einen roten Gummischlauch. Dann legten sie den Schlauch in die Freßmulde, und der Steinadler hatte mit dem Daumen hingedeutet und gesagt: »Amatöus, da hast du eine Wurscht.« Und er – er, der bislang einstimmig als die Zierde des Zoologischen Gartens gegolten, der hochgeehrte königliche Lämmergeier Knödlseder! – hatte es geglaubt, war mit dem Schlauch auf die Stange geflogen, hatte ihn zwischen die Fänge genommen und mit dem Schnabel daran gezogen und gezogen, bis er selbst schon ganz lang und dünn geworden und dann war das elastische Zeug plötzlich gerissen und er nach hinten heruntergefallen, wobei er sich den Hals scheußlich verrenkte. Unwillkürlich befühlte Knödlseder die noch immer schmerzende Stelle. Wieder schüttelte ihn ein Wutausbruch, aber er bezwang sich rasch, um dem Marabu keinen Anlaß zur Schadenfreude zu geben. Er warf einen raschen Blick hinunter: nein, zum Glück hatte der ekelhafte Kerl nichts bemerkt – er saß im Winkel und »dankte Gott«. –
»Heute nacht wird entflohen,« beschloß der Lämmergeier nach längerem Hin- und Hergrübeln endlich bei sich; »besser die Freiheit mit ihren Sorgen ums Dasein, als mit diesen Unwürdigen auch nur einen Tag noch beisammen sein!« – Ein kurzer Versuch zeigte ihm, daß die Klappe – oben im Käfig am Scharnier durchgerostet – noch immer leicht zu öffnen war, ein Geheimnis, um das er seit geraumer Zeit schon wußte.
Er zog seine Taschenuhr zu Rate: Neun Uhr! Also mußte es bald finster werden!
Er wartete noch eine Stunde und packte dann geräuschlos seinen Handkoffer. Ein Nachthemd, drei Taschentücher (er hielt sie ans Auge: mit A. K. gemerkt?, ja, es waren die seinigen), sein abgegriffenes Gesangbuch mit dem vierblättrigen Kleeblatt drin und dann – eine Träne der Wehmut feuchtete seine Lider – das alte liebe Bruchband, das, bunt als Brillenschlange bemalt, ihm einst Mütterlein zum Osterfeste kurz bevor er von Menschenhand aus dem Neste genommen worden, zum Spielen geschenkt hatte. So, das war alles. Zugesperrt und den Kofferschlüssel im Kropfe geborgen.
»Eigentlich sollte ich mir«, überlegte Knödlseder, »noch vom Herrn Vorstand ein Leuschnabelzeugnis ausstellen lassen! Man kann nie wissen – –«; aber er verwarf den Gedanken; nicht mit Unrecht sagte er sich, die Direktion des Zoologischen Gartens könnte trotz ihrer sprichwörtlichen Harmlosigkeit seiner Abreise mißbilligend gegenüberstehen. »Nein, lieber noch ein Stündchen schlafen.«
Schon wollte er den Kopf unter den Flügel stecken, da schreckte ihn ein Klappern auf. Er horchte. Es war nichts weiter von Bedeutung: der Marabu, der insgeheim dem Hazard fröhnte, spielte bei Mondenschein unter dem Schutze der Nacht, »grad ungrad auf Ehrenwort« mit sich selber. Und das machte er so: er schluckte einen Haufen Kieselsteine und spuckte sie zum Teil wieder aus; war die Zahl ungrad, hatte er »gewonnen«. Eine Weile sah der Lämmergeier zu und freute sich mordsmäßig, da der Marabu unausgesetzt verlor, bis wiederum ein Geräusch, – diesmal aus dem künstlichen Zementbaum, der das Innere des Käfigs verschönte, kommend – seine Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nahm. Es war eine Flüsterstimme, die ihm zuraunte: »Pst, pst, Herr Knödlseder!«
»Ja, was gibts?« antwortete der Lämmergeier ebenso leise und flog lautlos von seiner Stange herab.
Es war ein Igel, der ihn angeredet hatte, zwar auch ein gebürtiger Bayer, aber im Gegensatz zu dem widerwärtigen Steinadler ein schlichter biederer Charakter und rohen Späßen von Grund aus abhold.
»Sie wollen entfliehen«, begann der Igel und wies mit dem Kopf nach dem gepackten Handkoffer. Einen Augenblick überlegte der Lämmergeier, ob er dem Sprecher sicherheitshalber nicht den Kragen umdrehen sollte, aber der offene ehrliche Blick des Wackern entwaffnete ihn. »Kennen S’ Ihna denn aber auch in der Gegend bei München aus, Herr Knödlseder?«
»Nein«, gab der Lämmergeier betroffen zu.
»No, so seg’n S’. Da kann i Ihna rat’n. Also zerscht, bal S’ außa kemman: links ums Eck umi; nacher halten S’ Eahna rechterhand. Na seg’n S’ scho selber. Und nacher« – der Igel machte eine Pause, schüttelte sich aus seinem Schmalzlerglas eine Prise Tabak auf die Daumengrube und schnupfte sie zischend auf – »und nacher pfeilgrad füri, bis S’ zu aner Oasn kemman – Daglfing hoaßt mer’s, na’ müass’n S’ weiterfrag’n. Und viel Glück auf d’ Reis’, Herr Nachbar«, schloß der Igel und verschwand.
* * *
Alles war gut gegangen. Noch vor Tagesgrauen hatte Amadeus Knödlseder vorsichtig die Gitterklappe geöffnet, schnell das Edelweißhütlein und die gestickten Hosenträger Humplmeiers, des Steinadlers, der auf seiner Stange wie eine Brettsäge schnarchte, mit seinen eignen abgetragenen vertauscht und sich, das Köfferchen in der Linken, in die Lüfte geschwungen. Wohl war bei dem Geräusch der Marabu aus dem Schlummer erwacht, aber ohne etwas zu bemerken, denn er hatte sich sofort, noch schlaftrunken, in den Winkel gestellt und dankte Gott.
»Eine Flachheit ist das!« brummte der Lämmergeier beim Anblick der träumenden Stadt, wie er durchs rosige Dämmerlicht nach Süden flog, »und so was nennt sich Kunstmetropole!«
Bald war das liebliche Daglfing erreicht, und Amadeus Knödlseder ließ sich herab, um, von der ungewohnten Anstrengung erhitzt, eine Maß Bier käuflich an sich zu bringen.
Gemächlich schlenderte er durch die ausgestorbenen Gassen. Doch weit und breit kein Ausschank, der so früh schon offen gewesen wäre. Ein einziger Laden nur, der eine Ausnahme machte: die »Handlung« von Barbara Mutschelknaus.
Eine Weile musterte der Lämmergeier die bunte Auslage, dann schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Entschlossen drückte er auf die Klinke.
* * *
Schon in der Nacht hatte ihn die Sorge gequält, womit er wohl in der Freiheit sein Dasein fristen sollte. Beute erjagen? Bei meiner Kurzsichtigkeit? hatte er sich gefragt.
Hm. Oder eine kleine Guanofabrik errichten? Dazu gehört in erster Linie Essen, und zwar viel, sehr viel Essen; ex nihilo nihil fit; – doch jetzt mit einem Male eröffnete sich ihm ein neuer Plan. Er betrat den Laden.
»Teifi, was is denn jetzt dös für a scheißlichs Viech!« kreischte die alte Frau Mutschelknaus beim Anblick des sonderbaren frühen Kunden auf; doch gar bald besänftigte sie sich, als Amadeus Knödlseder ihr freundlich die Wangen tätschelte und in wohlgesetzter Rede zu verstehen gab, er gedenke behufs Vervollständigung seiner Reisetoilette umfangreiche Einkäufe zu machen, wofür hauptsächlich farbige Krawatten aller Arten und Formen in Betracht kämen.
Durch das joviale Benehmen des Lämmergeiers bestrickt, türmte die Alte denn auch in Windeseile ganze Berge der prächtigsten Halsbinden auf den Ladentisch.
Und alles nahm der »gnä Herr« ohne zu feilschen und ließ es in eine große Pappschachtel packen. Nur einen feuerroten Schlips wählte er selbst aus mit dem Ersuchen, ihn an seinem langen kahlen Hals zu befestigen, dabei mit sengendem Blick verführerisch das Liedchen trällernd:
»No, die steht Eahna«, rief die Alte selig, als die Krawatte endlich richtig saß, »und ausschaugn tuan S’ (wie ein Schnallentreiber, hätte sie beinahe gesagt) – wie ein leibhaftiger Baron.«
»So, nun noch ein Glas Wasser, liebe Frau, wenn ich bitten darf«, flötete der Lämmergeier.
Dienstbeflissen eilte die Betörte in die rückwärtigen Gefilde des Hauses; doch kaum war sie dem Blick entschwunden, ergriff Amadeus Knödlseder die Pappschachtel, stürmte ohne zu zahlen aus dem Laden und schwebte in der nächsten Minute dem klaren Himmelszelt zu. Wohl gellte alsbald eine Flut von Verwünschungen seitens der geschädigten Handelsfrau in die Luft, doch ohne jeglichen Gewissensbiß – im linken Fang den Handkoffer, rechts die gefüllte Pappschachtel – gaukelte der Ruchlose fürbaß durch den blauen Äther.
Erst spät am Nachmittage – die scheidenden Strahlen des zur Rüste gehenden Sonnenballes schickten sich bereits an, die roterglühenden Alpengipfel zu küssen – lenkte er seinen Flug erdwärts. Der balsamische Duft der heimatlichen Bergwelt umfächelte kosend sein Antlitz und trunken schwelgte das Auge in köstlichem Fernblick.
Melodisch klang aus grünenden Triften der schwermütige Gesang der Hirtenknaben empor zum schwindelnden Firn, gar lieblich durchflochten von dem Silberschall der heimziehenden Herden. Von dem richtigen Instinkt des Sohnes der Lüfte geleitet, erkannte Amadeus Knödlseder gar bald zu seiner Freude, daß ein günstiges Schicksal wohlwollend seine Schwingen gelenkt und ihn in die Nähe eines wohlhabenden Murmeltierstädtchens geführt hatte.
Wohl suchten die Bewohner sofort bei seinem Erscheinen den schützenden Herd auf und schlossen die Türen, aber rasch legte sich ihre Furcht, als sie sahen, daß Knödlseder einem greisen Hamster, der in der Ortschaft ein Getreidegeschäft leitete und nimmer schnell genug hatte fliehen können, nicht nur kein Haar krümmte, vielmehr ehrerbietig vor ihm den Hut zog, um Feuer bat und sich nach einer Herberge erkundigte.
»Sie sind gewiß kein Hiesiger, nach dem Dialekt zu schließen?«, fragte er, leutselig ein längeres Gespräch anknüpfend, als ihm der Hamster, vor Zittern kaum der Rede fähig, die gewünschte Auskunft erteilt hatte.
»Nein, nein«, stotterte der alte Herr.
»Wohl aus dem Süden?«
»Nein. Aus – aus Prag.«
»Demnach mosaischen Glaubensbekenntnisses, wie?« forschte Amadeus Knödlseder und drückte lächelnd ein Auge zu.
»Ich? I – ich? Was denken Sie von mir, Herr Lämmergeier!« leugnete der Hamster in seiner Angst, möglicherweise einen Russen vor sich zu haben, drauflos. »Ich mosaisch? Im Gegenteil, ich war doch zehn Jahr lang Schabbesgoj bei einer zwar jüdischen, aber armen Familie!«
Nachdem der Lämmergeier sich noch eingehend über alles Mögliche erkundigt und insbesondere seiner hohen Freude Ausdruck verliehen, daß es im Städtchen keinerlei wie immer geartete Nachtlokale gab, entließ er den Ärmsten, der von beständiger Furcht inzwischen beinahe den Veitstanz bekommen hätte, und begab sich auf die Suche nach einer Wohnung.
Das Glück lächelte ihm, und noch ehe die Nacht hereinbrach, war es ihm gelungen, auf dem Marktplatz einen schmucken Laden mit anstoßender Kammer sowie Nebenräumen, die alle ihre eigenen Ausgänge hatten, zu mieten.
* * *
Friedlich flossen Tage und Wochen dahin, die Bürgerschaft hatte ihre Besorgnisse längst fahren lassen, und fröhliches Gemurmel belebte wiederum von früh bis spät die Straßen.
Fein säuberlich mit Rundschrift auf ein Brett geschrieben stand über dem neuen Laden zu lesen:
Krawattengeschäft in allen Farben,
ausgeübt
von
Amadeus Knödlseder.
(Braune Rabattmarken.)
und gaffend staute sich die Menge vor den ausgestellten Herrlichkeiten.
Früher, wenn die Wildenten – protzig, daß ihnen die Natur so schöne grünschillernde Halsbinden geschenkt – in Schwärmen vorübergezogen kamen, hatte jedesmal Verstimmung und Bitterkeit im Orte geherrscht – wie anders war das jetzt geworden! Wer halbwegs auf Rang und Ansehen hielt, besaß einen Schlips von primissima Qualität, aber noch viel, viel greller. Da gab’s rote und blaue, dieser trug einen gelben, jener einen gewürfelten, und gar der Herr Bürgermeister, der hatte einen so langen, daß er sich beim Gehen beständig mit den Vorderpfoten dreinverwickelte.
Die Firma Amadeus Knödlseder war in aller Munde, und der Inhaber galt als Vorbild für sämtliche Untertanentugenden. Sparsam, fleißig, erwerbsfreudig und mäßig (er trank bloß Limonade).
Tagsüber bediente er vorn im Laden die Kundschaft: nur zuweilen führte er besonders wählerische Käufer in das rückwärtige Zimmer, wo er dann auffallend lang zu verweilen pflegte, wahrscheinlich um Eintragungen im Hauptbuch vorzunehmen; wenigstens hörte man ihn in solchen Fällen oft und laut rülpsen – bei Kaufleuten seiner Branche stets ein Zeichen angestrengter, geistiger Tätigkeit.
Daß der betreffende Käufer das Geschäft niemals wieder durch das vordere Lokal verließ, war nicht weiter befremdlich. Gab es doch so viele rückwärtige Ausgänge!
In den Stunden nach Feierabend liebte es Amadeus Knödlseder, auf einem steilen Schroffen zu sitzen und schwärmerische Weisen auf der Schalmei zu blasen, bis er die heimlich Angebetete seines Herzens – ein ältliches Gemsenfräulein mit Hornbrille und schottischem Plaid – auf dem schmalen Felsenbande gegenüber einhertrippeln sah. Dann grüßte er stumm und ehrerbietig. Und sie dankte mit züchtigem Neigen des Köpfchens. Man munkelte bereits, die beiden würden ein Paar werden, und alle, die um die zarten Beziehungen wußten, konnten sich nicht genugtun in Ausrufen der Bewunderung, wie erfreulich es doch sei, die segensreiche Wirkung gesitteten Lebenswandels selbst bei einem erblich so schwer belasteten Individuum, wie es ein Lämmergeier naturgemäß sein mußte, mit eigenen Augen ansehen zu dürfen.
Daß trotzdem keine rechte Freude unter den Bewohnern des Murmeltierstädtchens einziehen wollte, war lediglich dem ebenso befremdenden wie betrüblichen Umstande zuzuschreiben, daß die Zahl der Bürgerschaft auf erschreckende Weise und ohne ersichtlichen Grund abnahm, sozusagen von Woche zu Woche abnahm. Fast keine Stunde verging, ohne daß nicht irgendein Familienmitglied als »vermißt« gemeldet wurde. Man riet auf dies, man riet auf jenes, man wartete – aber niemals kehrte eines der Verschollenen jemals wieder.
Eines Tages fehlte sogar – das Gemsenfräulein! Man fand ihr Riechfläschchen auf dem Felsenbande; sie selbst mußte infolge eines Schwindelanfalles verunglückt sein.
Amadeus Knödlseders Schmerz kannte keine Grenzen.
Immer wieder und wieder stürzte er sich mit ausgebreiteten Schwingen hinab in den Abgrund – wie er sagte, um die Leiche der Teuern zu suchen. Oder er saß in der Zwischenzeit, einen Zahnstocher im Schnabel, unverwandt in die Tiefe starrend am Rande der Schlucht.
Sein Krawattengeschäft vernachlässigte er ganz und gar. – – –
Da, eines Nachts, enthüllte sich Schreckliches! Der Besitzer des Hauses, in dem der Lämmergeier wohnte, – ein alter mürrischer Murmler, – erschien auf der Polizei und verlangte die sofortige zwangsweise Öffnung des Ladens, sowie die Beschlagnahme der darin befindlichen Waren seines Mieters, da er nicht länger gesonnen sei, auf Zahlung des schuldigen Zinses zu warten.
»Hm! Seltsam. Herr Knödlseder sollte die Miete nicht gezahlt haben?« – der Beamte mochte es gar nicht glauben – und ob Herr Knödlseder denn nicht zu Hause sei? Man brauche ihn doch nur zu wecken!
»Der, und zu Hause?« – der alte Murmler lachte schrill auf – »der? Der kommt doch nie vor fünf Uhr früh heim und dann jedesmal schwer besoffen!«
»So?! Besoffen?!« – der Beamte gab seine Befehle.
Der erste Morgenschein zog bereits herauf, und noch immer arbeiteten die Schergen schweißtriefend an dem schweren Vorhängschloß, das den rückwärtigen Teil des Krawattenladens versperrte.
Eine aufgeregte Menge flutete auf dem Marktplatz hin und her.
»Schuldbare Krida!« – »Nein: Wechselreiterei«, lief es von Schnauze zu Schnauze.
»Tj, schuldbare Krida! – Ihnen gesaaagt! Tj. Ich versteh immer: schuldbare Krida?« höhnte gestikulierend der greise Hamster, der sich ebenfalls eingefunden hatte, dazwischen; – es war das erstemal seit jenem schreckhaften Zusammentreffen mit Knödlsedern, daß er sich wieder in der Öffentlichkeit zeigte.
Die allgemeine Unruhe wuchs und wuchs.
Selbst die feinen Murmeltierdämchen, die, in kostbare Pelze gehüllt, nach Hause fuhren von Lustbarkeit und Mummenschanz, ließen halten, reckten die Hälschen und fragten, was es gäbe.
Plötzlich ein Krachen: die Türe war dem Drucke gewichen. Grauenvoll, was sich da den Blicken bot!
Ein bestialischer Gestank entströmte der geöffneten Kammer, und wohin sich das Auge wandte: ausgespienes Gewöll, fast bis zur Decke hinauf abgenagte Knochen, Gebein auf den Tischen, Gebein auf den Regalen, selbst in den Schubladen und im Geldschrank: Gebein und Gebein.
Entsetzen lähmte die Menge; jetzt war mit einem Schlage klar, wohin alle die Vermißten gekommen waren. Knödlseder hatte sie gefressen und ihnen die verkaufte Ware wieder abgenommen – ein zweiter »Juwelier Cardillac« im Roman des Fräuleins von Scuderi!
»Nu, was i i – is mit der schuldbaren Krida? Waas?« höhnte schon wieder der Hamster. Man umringte ihn und staunte ihn an, daß er so klug gewesen und sich und seine Familie ferngehalten hatte von dem Verkehr mit dem tückischen Mordbuben.
»Wie konnte es nur sein, Herr Kommerzienrat,« riefen alle durcheinander, »daß Sie allein ihm mißtrauten? Man mußte doch annehmen, er habe sich gebessert und – – –«
»Ä Lämmergeier und sich bessern?!« rief höhnisch der Hamster, drückte die Fingerspitzen zusammen, als hielte er eine Prise Salz darin und bewegte sie vor den Augen seiner Zuhörer ausdrucksvoll hin und her: »was ämol ä Lämmergeier is, is ä Lämmergeier und bleibt ä Lämmergeier und wird ä Lämmergeier bleiben, bis – –« er kam nicht weiter: laute menschliche Stimmen näherten sich. Touristen!
Im Nu waren sämtliche Murmeltiere verschwunden.
Er auch.
»Herrlich! Zückend! So’n Sonnenaufgang! Achch!« schrillte die eine Menschenstimme. Sie gehörte einer spitznasigen, idealgesinnten Jungfrau an, die gleich darauf, an ihren Bergstock geschmiegt, das Hochplateau betrat, den Busen wogend, so gut es gehen wollte, und die treuherzigen Augen rund und offen wie Spiegeleier. Nur nicht so gelb! (Sondern veilchenblau): »achch! Nu, im Angesicht der ’zückenden Natua – wo allens so schön ist – dürfen Se auch nich mehr sagen, Herr Klempke, was Se unten im Tale üwah das italien’sche Volk gesacht haben. Sie werden sehen, wenn der Kriech ma’ vorüwer ist, werden die Italienah die ersten sein, die komm’ und uns die Hand hinstrecken und sagen:
‘Liewes Deutschland, verzeih uns, awa wir haben uns – gebessert.’«
J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln
Mein Großvater liegt auf dem Friedhof des weltvergessenen Städtchens Runkel zur ewigen Ruhe bestattet. Auf einem dicht mit grünem Moos bewachsenen Grabstein stehen unter der verwitterten Jahreszahl, in ein Kreuz gefaßt und so frisch im Golde glänzend, als seien sie erst gestern gemeißelt worden, die Buchstaben:
»Vivo« das heißt: »ich lebe«, bedeute das Wort, sagte man mir, als ich noch ein Knabe war und das erstemal die Inschrift las, und es hat sich mir so tief in die Seele geprägt, als hätte es der Tote selbst aus der Erde zu mir empor gerufen.
Vivo – ich lebe, – ein seltsamer Wahlspruch für ein Grabmal!
Er klingt heute noch in mir wider, und wenn ich daran denke, wird mir wie einst, als ich davor stand: ich sehe im Geist meinen Großvater, den ich doch niemals im Leben gekannt, da unten liegen, unversehrt, die Hände gefaltet und die Augen, klar und durchsichtig wie Glas, weit offen und unbeweglich. Wie einer, der mitten im Reiche des Moders unverweslich zurückgeblieben ist und still und geduldig wartet auf die Auferstehung.
Ich habe die Friedhöfe so mancher Stadt besucht: immer war es ein leiser, mir unerklärlicher Wunsch, auf einem Grabstein wieder dasselbe Wort zu lesen, der meine Schritte lenkte, aber nur zweimal fand ich dieses »vivo« wieder, – einmal in Danzig, und einmal in Nürnberg. In beiden Fällen waren die Namen ausgetilgt vom Finger der Zeit; in beiden Fällen leuchtete das »vivo« hell und frisch, als sei es selber voll des Lebens.
Von jeher nahm ich als erwiesen hin, daß, wie man mir schon als Kind gesagt, mein Großvater keine Zeile von seiner Hand hinterlassen habe, um so mehr erregte es mich, als ich vor nicht langer Zeit in einem versteckten Fache meines Schreibtisches, unseres alten Erbstückes, auf ein ganzes Bündel Aufzeichnungen stieß, die offenkundig von ihm geschrieben waren.
Sie lagen in einer Mappe, auf der der sonderbare Satz zu lesen stand: »Wie will der Mensch dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er nicht warte noch hoffe.« Sofort flammte das Wort »Vivo« in mir auf, das mich mein ganzes Leben hindurch wie ein lichter Schein begleitet hatte und nur weilenweis schlafen gegangen war, um, bald in Träumen, bald in Wachen, ohne äußeren Anlaß, wieder und wieder neu in mir zu werden. Wenn ich zuzeiten geglaubt, es könne Zufall gewesen sein, daß jenes vivo auf den Grabstein kam, – eine Inschrift, der Wahl des Pfarrers überlassen, – so wurde mir, als ich den Sinnspruch auf dem Buchdeckel gelesen, zu voller Gewißheit, es müsse sich dabei um eine tiefere Bedeutung handeln, um etwas, was vielleicht das ganze Dasein meines Großvaters erfüllt hatte.
Und was ich weiter las – in seinem Nachlaß – bestärkte mich in meiner Ansicht von Seite zu Seite.
Es stand zu viel von privaten Beziehungen darin, als daß ich es fremden Ohren enthüllen dürfte, und so mag es genügen, daß ich flüchtig nur das berühre, was zu meiner Bekanntschaft mit Johann Hermann Obereit führte und mit dessen Besuch bei den Zeit-egeln im Zusammenhang steht.
Wie aus den Aufzeichnungen hervorging, gehörte mein Großvater der Gesellschaft der »Philadelphischen Brüder« an, ein Orden, der mit seinen Wurzeln zurückreicht bis ins alte Ägypten und den sagenhaften Hermes Trismegistos seinen Begründer nennt. Auch die »Griffe« und Gesten, an denen die Mitglieder einander erkannten, waren ausführlich erklärt. – Sehr oft kam der Name Johann Hermann Obereit, eines Chemikers, der mit meinem Großvater eng befreundet gewesen schien und in Runkel gelebt haben mußte, vor, und da es mich interessierte, Näheres über das Leben meines Vorfahren und die dunkle weltabgewandte Philosophie, die aus jeder Zeile seiner Briefe sprach, zu erfahren, beschloß ich nach Runkel zu reisen, um dort zu erkunden, ob nicht vielleicht Nachkommen des erwähnten Obereit existierten und eine Familienchronik vorhanden sei. – – – – – – – – – –
Man kann sich nichts Traumhafteres denken als jenes winzige Städtchen, das wie ein vergessenes Stück Mittelalter mit seinen krummen, totenstillen Gassen und dem grasdurchwachsenen buckligen Pflaster zu Füßen des Bergschlosses Runkelstein, dem Stammsitz der Fürsten von Wied, unbekümmert den gellenden Schrei der Zeit verschläft.
Schon am frühen Morgen zog es mich hinaus zu dem kleinen Friedhof, und meine ganze Jugend wachte wieder auf, wie ich in dem strahlenden Sonnenschein von einem Blumenhügel zum andern schritt und mechanisch die Namen derer von den Kreuzen ablas, die dort unten schlummerten in ihren Särgen.
Von weitem erkannte ich an der funkelnden Inschrift den Grabstein meines Großvaters.
Ein alter Mann mit weißem Haar, bartlos, die Züge scharf geschnitten, saß davor, den Elfenbeingriff seines Spazierstocks ans Kinn gedrückt, und blickte mich mit merkwürdig lebhaften Augen an, wie jemand, bei dem die Ähnlichkeit eines Gesichtes allerlei Erinnerungen weckt.
Altmodisch gekleidet, fast in Biedermeiertracht, mit Vatermördern und schwarzseidner breiter Halsbinde, sah er aus wie ein Ahnenbild aus längst vergangener Zeit.
Ich war über seinen Anblick, der ganz und gar nicht in die Gegenwart paßte, dermaßen erstaunt und hatte mich überdies so vergrübelt in all das, was ich dem Nachlaß meines Großvaters entnommen, daß ich, mir kaum bewußt, was ich tat, halblaut den Namen »Obereit« aussprach.
»Ja, mein Name ist Johann Hermann Obereit,« sagte der alte Herr, ohne sich im geringsten zu wundern.
Mir verschlug es fast den Atem, und was ich im Verlauf des sich entwickelnden Gespräches noch weiter erfuhr, war ebenfalls nicht danach angetan, meine Überraschung zu vermindern.
Es ist an sich kein alltäglicher Eindruck, einen Menschen vor sich zu haben, der nicht viel älter scheint, als man selbst ist, und doch anderthalb Jahrhunderte gesehen hat: – ich kam mir vor wie ein Jüngling trotz meiner schon weißen Haare, als wir nebeneinander hergingen und er mir von Napoleon und andern geschichtlichen Persönlichkeiten, die er gekannt, erzählte, wie man von Leuten spricht, die erst vor kurzem gestorben sind.
»In der Stadt gelte ich als mein eigener Enkel,« sagte er lächelnd und deutete auf einen Grabstein, an dem wir vorüberkamen und der die Jahreszahl 1798 trug, »von Rechts wegen sollte ich hier begraben liegen; ich habe das Todesdatum draufschreiben lassen, denn ich wünsche nicht, von der Menge als moderner Methusalem angestaunt zu werden. Das Wort ‘Vivo’« fügte er bei, als habe er meine Gedanken erraten, »kommt erst hinzu, wenn ich wirklich tot bin.« –
Wir schlossen bald enge Freundschaft, und er bestand darauf, daß ich bei ihm wohnte.
Wohl ein Monat war verflossen und oft saßen wir bis tief in die Nacht in angeregter Unterhaltung beisammen, aber immer lenkte er ab, wenn ich die Frage stellte, was wohl der Satz auf der Mappe meines Großvaters: »Wie will einer dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er nicht warte noch hoffe,« bedeuten möge: eines Abends jedoch, – der letzte, den wir zusammen verbrachten (das Gespräch kam auf die alten Hexenprozesse, und ich vertrat die Ansicht, es müsse sich in solchen Fällen wohl nur um hysterische Frauenzimmer gehandelt haben), – unterbrach er mich plötzlich: »Sie glauben also nicht, daß der Mensch seinen Körper verlassen kann und, sagen wir mal, nach dem Blocksberg reisen?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Soll ich es Ihnen vormachen?«, fragte er kurz und sah mich scharf an.
»Ich gebe gerne zu,« erklärte ich, »daß die sogenannten Hexen durch den Gebrauch gewisser narkotischer Mittel in einen Zustand der Entrückung gerieten und felsenfest glaubten, auf einem Besen durch die Luft zu fliegen.«
Er dachte eine Weile nach. »Freilich, Sie werden immer sagen, auch ich bilde es mir nur ein« – erwog er halblaut und versank wieder in Nachsinnen. Dann stand er auf und holte vom Bücherbord ein Heft. »Aber vielleicht interessiert es Sie, was ich hier niedergeschrieben habe, als ich vor Jahren das Experiment machte? Ich muß vorausschicken, ich war damals noch jung und voller Hoffnungen« – ich sah an seinem versinkenden Blick, daß sein Geist zurückwanderte in ferne Zeiten – »und glaubte an das, was die Menschen das Leben nennen, bis es dann Schlag auf Schlag kam: ich verlor, was einem auf Erden lieb sein kann, mein Weib, meine Kinder, – alles. Da führte mich das Schicksal mit Ihrem Großvater zusammen und er lehrte mich verstehen, was Wünsche sind, was Warten ist, was Hoffen ist, wie sie miteinander verflochten sind, und wie man diesen Gespenstern die Maske vom Gesicht reißt. Wir haben sie die ‘Zeit-egel’ genannt, weil sie, wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren Saft des Lebens, aus dem Herzen saugen. Hier in diesem Zimmer war’s, da lehrte er mich den ersten Schritt auf den Weg tun, auf dem man den Tod besiegt und die Vipern der Hoffnung zertritt. – – – Und dann« – er stockte einen Augenblick – »ja – und dann bin ich geworden wie Holz, das nicht fühlt, ob man es streichelt oder zersägt, ins Feuer oder ins Wasser wirft. Mein Inneres ist leer seitdem; ich habe keinen Trost mehr gesucht. Habe keinen mehr gebraucht. Wofür hätte ich ihn suchen sollen? Ich weiß: ich bin, und jetzt erst lebe ich. Es liegt ein feiner Unterschied zwischen: ‘ich lebe’ und ‘ich lebe’.«
»Sie sagen das alles so einfach, und es ist doch furchtbar!« fiel ich erschüttert ein.
»Es scheint nur so,« beruhigte er mich lächelnd; »es strömt ein Glücksgefühl aus der Unbeweglichkeit des Herzens, das Sie sich nicht träumen lassen. Es ist wie eine ewige süße Melodie, dieses ‘ich bin’, die nie mehr erlöschen kann, wenn sie einmal geboren ist, – weder im Schlaf, noch, wenn die Außenwelt wieder aufwacht in unsern Sinnen, noch auch im Tod. – – – – – – – Soll ich Ihnen sagen, warum die Menschen so früh sterben und nicht 1000 Jahre leben, wie’s in der Bibel steht über die Patriarchen? Sie sind gleich den grünen Wassertrieben eines Baumes, – sie haben vergessen, daß sie zum Stamme gehören, darum verwelken sie im ersten Herbst. Doch ich wollte Ihnen erzählen, wie ich das erstemal meinen Körper verließ.
Es gibt eine uralte verborgene Lehre, so alt wie das Menschengeschlecht; sie hat sich vererbt von Mund zu Ohr bis heutigentags, aber nur wenige kennen sie. Sie zeigt uns die Mittel, die Schwelle des Todes zu überschreiten, ohne das Bewußtsein zu verlieren, und wem es gelingt, der ist von da an Herr über sich selbst: – er hat ein neues Ich erworben und was ihm bis dahin als ‘Ich’ erschienen, ist nur mehr ein Werkzeug, so wie jetzt Hand oder Fuß unsere Werkzeuge sind.
Herz und Atem stehen still wie bei einer Leiche, wenn der neuentdeckte Geist auszieht, – wenn wir ‘wegwandern, wie die Israeliten von den Fleischtöpfen Ägyptens, und zu beiden Seiten die Wasser des Roten Meeres stehen wie Mauern.’ Lange und vielemal mußte ich es üben unter namenlosen, zermürbenden Qualen, bis es mir endlich gelang, mich vom Leibe loszulösen. Anfangs fühlte ich mich schweben, so wie wir wohl im Traume zuweilen glauben fliegen zu können, – mit angezogenen Knien und ganz leicht, – aber plötzlich trieb ich in einem schwarzen Strom dahin, der von Süden nach Norden floß, – wir nennen es in unserer Sprache das Aufwärtsfließen des Jordan, – und sein Brausen klang wie das Rauschen des Blutes im Ohr. Viele aufgeregte Stimmen, deren Urheber ich nicht sehen konnte, schrien mich an, ich solle umkehren, bis mich ein Zittern befiel und ich in dumpfer Angst einer Klippe zuschwamm, die vor mir auftauchte. Im Mondlicht sah ich ein Geschöpf dortstehen, so groß wie ein halbwüchsiges Kind, nackt und ohne die Merkmale männlichen oder weiblichen Geschlechtes; es hatte ein drittes Auge auf der Stirn wie der Polyphem und deutete regungslos in das Innere des Landes.
Dann schritt ich durch ein Dickicht dahin auf einem glatten, weißen Wege, doch ich spürte den Boden mit meinen Füßen nicht, und auch, wenn ich die Bäume und Sträucher ringsum berühren wollte, konnte ich ihre Oberfläche nicht greifen: immer lag eine dünne Schicht Luft dazwischen, die sich nicht durchdringen ließ. Ein fahler Glanz wie von faulem Holz bedeckte alles und machte das Sehen deutlich. Die Umrisse der Dinge, die ich wahrnahm, schienen locker, molluskenartig aufgeweicht und wunderlich vergrößert. Junge federlose Vögel mit runden frechen Augen hockten feist und gedunsen gleich Mastgänsen in einem riesigen Nest und kreischten auf mich herab; eine Rehkitz, kaum noch fähig zu laufen und doch schon so groß wie ein völlig entwickeltes Tier, saß träge im Moos und drehte, fett wie ein Mops, schwerfällig den Kopf nach mir.
Eine krötenhafte Faulheit in jedem Geschöpf, das mir zu Gesichte kam.
Allmählich ging mir die Erkenntnis auf, wo ich mich befand: In einem Land, so wirklich und wahrhaftig wie unsere Welt und dennoch nur ein Widerschein von ihr: in dem Reich der gespenstischen Doppelgänger, die sich von dem Mark ihrer irdischen Urformen nähren, sie ausplündern und selber ins Ungeheuere wachsen, je mehr sich jene verzehren in vergeblichem Hoffen und Harren auf Glück und Freude. Wenn auf der Erde jungen Tieren die Mutter weggeschossen wird, und sie voll Vertrauen und Glauben auf Nahrung warten und warten, bis sie in Qualen verschmachten, entsteht ihr gespenstisches Ebenbild auf dieser verfluchten Geisterinsel und saugt wie eine Spinne das versickernde Leben der Geschöpfe unserer Erde in sich: die im Hoffen entschwindenden Kräfte des Daseins der Wesen werden hier Form und wucherndes Unkraut, und der Boden ist geschwängert von dem düngenden Hauch einer verwarteten Zeit.
Und wie ich weiterwanderte, kam ich in eine Stadt, die voller Menschen war. Viele von ihnen kannte ich auf Erden, und ich erinnerte mich ihrer zahllosen fehlgeschlagenen Hoffnungen und wie sie von Jahr zu Jahr gebeugter gingen und doch die Vampire, – ihre eigenen dämonischen Iche, – die ihnen das Leben und die Zeit fraßen, sich nicht aus dem Herzen reißen wollten. Hier sah ich sie zu schwammigen Scheusalen aufgebläht, mit dickem Wanst, die Augen stier und gläsern über den speckverquollenen Wangen, umherschwabbern.
Aus einem Bankladen mit dem Aushängeschild
Wechselstube Fortuna
Jedes Los gewinnt den Haupttreffer
drängte Kopf an Kopf eine grinsende Menge, Säcke von Gold hinter sich herschleifend, die wulstigen Lippen in sattem Schmatzen verzogen: die zu Fett und Gallert gewordenen Phantome aller derer, die auf Erden dahinsiechen in unstillbarem Durst nach Spielergewinn.