Es war am Nachmittag des ersten Aufgebotes. Der alte Mattßon, der noch immer ein von Gerede und Spott verfolgter Mann war, ging die Mole entlang, bis zu dem weißgetünchten Leuchtturm, um dort allein zu sein. Dort draußen traf er seine Braut. Sie saß da und weinte.
Da fragte er sie, ob sie lieber einen andern hätte haben wollen. Sie saß da und lockerte kleine Kalkstückchen von der Mauer des Leuchtturmes und warf sie in das Wasser. Zuerst gab sie gar keine Antwort.
Gab es vielleicht jemanden, dem sie gut war?
Ach nein, gewiß nicht.
Draußen am Leuchtturm ist es sehr schön. Das klare Wasser des Sunds umrauscht ihn. Der flache Strand, die kleinen, regelrechten Häuschen des Fischerdorfes, die ferne Stadt, alles ist von der ewigen Schönheit des Meeres beglänzt. Aus den weichen Nebeln, die zumeist den westlichen Horizont verhüllen, taucht hier und da ein Fischerboot auf. Mit kühnem Kreuzen steuert es dem Hafen zu. Es rauscht fröhlich um den Kiel, wenn es in den engen Hafen gleitet. In demselben Augenblick werden ganz still die Segel eingezogen. Die Fischer schwenken den Hut zum fröhlichen Gruße, und unten im Boot liegt glitzernd die gefangne Beute.
Es kam gerade ein Boot in den Hafen, während der alte Mattßon draußen am Leuchtturm stand. Ein junger Bursche, der am Steuer saß, lüftete den Hut und nickte dem Mädchen zu. Da sah der Alte, wie es in ihren Augen aufleuchtete.
„Ach so,“ dachte er, „hast du dich in den schönsten Burschen im ganzen Dorfe verliebt? Ja, den kriegst du nie. Ebensogut kannst du da mich heiraten, wie auf den warten.“
Er merkte, daß er Mutters Bild nicht entkommen konnte. Wenn das Mädchen jemanden lieb gehabt hätte, den sie die geringste Aussicht hatte zu bekommen, dann wäre dies eine schöne Ausrede gewesen, um die ganze Sache loszuwerden. Aber jetzt nützte es nichts, sie freizugeben.
Vierzehn Tage später wurde die Hochzeit gefeiert, und ein paar Tage drauf kam der große Novembersturm.
Da wurde eines der Boote des Fischerdorfes den Sund hinabgetrieben. Steuer und Mast waren fort, so daß es unmöglich zu lenken war. Der alte Mattßon und fünf andre waren an Bord. Und sie trieben zwei Tage lang ohne Nahrung herum. Als sie geborgen wurden, waren sie vor Mattigkeit und Kälte ganz erschöpft. Alles im Boote war mit einer Eiskruste überzogen, und ihre feuchten Kleider waren in der Kälte ganz steif geworden. Der alte Mattßon erkältete sich dabei so schwer, daß er nie mehr seine Gesundheit wiedererlangte. Er lag zwei Jahre lang krank, dann kam der Tod.
Manchen schien es eigentümlich, daß er unmittelbar vor dem Unglücksfalle den Einfall gehabt hatte, zu heiraten, denn die kleine Frau war ihm eine gute Pflegerin geworden. Wie wäre es ihm wohl ergangen, wenn er einsam und hilflos dagelegen wäre? Das ganze Fischerdorf erkannte schließlich, daß er nie etwas Klügres getan hätte, als da er sich verheiratete, und die kleine Frau stand in großem Ansehen wegen der Zärtlichkeit, mit der sie den Mann pflegte.
„Der wird es nicht schwer fallen, sich wieder zu verheiraten,“ sagte man.
Der alte Mattßon erzählte jeden Tag, solange er krank lag, seiner Frau die Geschichte von dem Bilde.
„Du sollst es haben, wenn ich tot bin, so wie du alles haben sollst, was mein ist,“ sagte er.
„Sprich doch nicht von so etwas.“
„Und du sollst auf Mutters Porträt acht geben, wenn die jungen Burschen um dich werben. Wahrlich, ich glaube, es gibt niemanden im ganzen Fischerdorf, der sich besser auf Heiratsgeschichten versteht, als dieses Bild.“
„Mein war das Reich der Phantasie,
Nun bin ich ein gefallener König.“
Snoilsky.
Es klapperte über die Pflastersteine, die Holzpantoffeln klatschten in unruhigem Takt. Die Gassenjungen eilten vorbei. Sie schwatzten und pfiffen. Es ging im Laufmarsch. Die Häuser zitterten, und aus den Seitengäßchen stürzte das Echo hervor wie ein Kettenhund aus seiner Hütte.
Hinter den Fensterscheiben zeigten sich Gesichter. Hatte sich etwas zugetragen? War etwas los? Der Lärm verzog sich nach der Vorstadt. Die Dienstmädchen eilten hin, hinter den Gassenjungen drein. Sie schlugen die Hände zusammen und schrien: „Gott bewahre uns, Gott bewahre uns! Gibt es Mord, gibt es Brand?“ Niemand antwortete. Das Klappern ertönte aus der Ferne.
Nach den Mädchen kamen die weisen Matronen der Stadt geeilt. Sie fragten: „Was geht vor? Was stört die Vormittagsruhe? Ist es eine Trauung? Ist es ein Begräbnis? Ist es eine Feuersbrunst? Was tut der Turmwächter? Soll die Stadt niederbrennen, ehe er zu läuten anfängt?“
Der ganze Haufen machte vor dem kleinen Häuschen des Schuhmachers in der Vorstadt halt, dem kleinen Häuschen, das Weinranken um Türen und Fenster hatte und darunter zwischen der Straße und dem Hause einen ellenbreiten Garten. Ein Lusthäuschen aus Stroh, Bosketts für ein Mäuslein, Wege für ein Kätzchen. Alles aufs beste geordnet! Erbsen und Bohnen, Rosen und Lavendel, eine Handvoll Gras, drei Stachelbeerbüsche und einen Apfelbaum.
Die Gassenjungen standen am nächsten, sie spähten und berieten. Die blanken schwarzen Fensterscheiben ließen die Blicke nicht weiter vordringen als bis zu den weißen Zwirngardinen. Einer der Jungen klammerte sich an die Weinranken fest und drückte das Gesicht an die Scheibe. „Was sieht er?“ flüsterten die andern. „Was sieht er?“ Die Schusterwerkstatt und die Schusterbank, Schmierbüchsen und Lederflecke, Leisten und Pflöcke, Ringe und Riemen. „Sieht er keinen Menschen?“ Er sieht den Gesellen, der den Absatz an einem Schuh macht. Sonst niemand, sonst niemand? Große, schwarze Fliegen springen über die Scheibe und trüben seinen Blick. „Sieht er niemand anders als den Gesellen?“ Niemand anders. Des Meisters Stuhl steht leer. Er sah einmal, zweimal, dreimal nach, des Meisters Stuhl war leer.
Die Menge stand still, riet hin und her und wunderte sich. Es war also wahr. Der alte Schuhmacher war durchgegangen. Niemand wollte es glauben. Man stand da und wartete auf ein Zeichen. Die Katze kam auf das steile Dach heraus. Sie streckte die Krallen aus und glitt die Dachrinne hinab. Ja, der Hausherr war fort, die Katze hatte freie Jagd. Die Spatzen flatterten und kreischten ganz hilflos.
Ein weißes Küchlein guckte um die Hausecke. Es war schon beinahe ein richtiger Hahn. Der Kamm leuchtete rot wie Weinlaub. Es spähte und guckte, krähte und rief. Die Hühner kamen, eine Reihe weißer Hühner in vollem Lauf, die Körper wiegten sich, die Flügel schlugen, die gelben Beinchen regten sich wie Trommelschlägel. Die Hühner hüpften in die Erbsen. Schlägereien entspannen sich. Mißgunst brach aus. Eine Henne entfloh mit einer vollen Erbsenschote Zwei Hähne hackten sie in den Nacken. Die Katze verließ das Spatzennest, um zuzusehen. Bums, da fiel sie mitten in die Schar. Die Hühner entflohen in einer langen, schwankenden Reihe. Der Volkshaufe dachte: „Freilich ist es wahr, daß der Schuster sich aus dem Staube gemacht hat. Man sieht es an der Katze und an den Hühnern, daß der Hausherr fort ist.“
Die holprige, vom Herbstregen schlüpfrige Vorstadtgasse hallte von allen den Reden wider. Die Türen standen offen, die Fenster schwangen hin und her. Ein Kopf steckte sich neben den andern in verwundertem Geflüster. „Er ist durchgegangen.“ Menschen flüsterten, Sperlinge kreischten, Holzpantoffeln klapperten: „Er ist durchgegangen. Der alte Schuhmacher ist durchgegangen. Der Besitzer des kleinen Häuschens, der Mann der jungen Frau, der Vater des schönen Kindes ist durchgegangen. Wer kann es verstehen? Wer kann es verstehen?“
So geht ein altes Liedchen: „Alter Mann im Hause, junger Knab' im Walde; Frau entflieht; Kind weint; Heim ohne Herrin.“
Das Liedchen ist alt. Alle verstehen es.
Dies war ein neues Lied. Der Alte war fort. Auf dem Tisch der Werkstatt lag seine Erklärung, daß er niemals wiederzukommen gedachte; daneben war auch ein Brief gelegen. Den hatte die Frau gelesen, aber sonst niemand.
Die junge Frau war in der Küche. Sie tat nichts. Die Nachbarin ging hin und her; hantierte geschäftig herum, setzte die Tassen hin, legte Brennholz zu, weinte ein bißchen und trocknete sich die Tränen mit dem Wischfetzen.
Die weisen Frauen des Viertels saßen steif rings an den Wänden. Sie wußten, was sich in einem Trauerhause schickte. Sie sahen darauf, daß Schweigen herrschte, daß Kummer herrschte. Sie feierten einen Freitag, um die verlassene Frau in ihrer Trauer zu stützen. Grobe Hände lagen still im Schoße, wettergebräunte Wangen legten sich in tiefe Runzeln, dünne Lippen kniffen sich über zahnlosen Kinnladen zusammen.
Die Frau saß unter diesen Bronzebraunen, sanft, hell, mit süßem Taubengesicht. Sie weinte nicht, aber sie zitterte. Sie war so ängstlich, daß sie fast vor Furcht starb. Sie biß die Zähne zusammen, damit niemand hörte, wie sie aufeinander schlugen. Wenn Schritte ertönten, wenn es klopfte, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, fuhr sie zusammen.
Sie saß mit dem Brief des Mannes in der Tasche da. Sie erinnerte sich bald an eine Zeile daraus, bald an eine andre. Da stand: „Ich halte es nicht länger aus, Euch beide zu sehen.“ Und an einer andern Stelle: „Ich habe jetzt die Gewißheit, daß Du mit Erikson durchgehen willst.“ Und dann wieder: „Du sollst es nicht tun, denn die böse Nachrede der Leute würde Dich unglücklich machen. Ich will fort, dann kannst Du Dich scheiden lassen und wieder ordentlich heiraten. Erikson ist ein braver Arbeiter und kann Dich gut versorgen.“ Dann tiefer unten: „Laß die Leute von mir sagen, was sie wollen, ich bin schon froh, wenn sie nichts Böses von Dir glauben; denn Du würdest es nicht ertragen.“
Sie begriff es nicht. Sie hatte ihn nicht betrügen wollen. Wenn sie auch gerne mit dem jungen Gesellen plauderte, was ging das den Mann an? Die Liebe ist eine Krankheit, aber sie ist nicht tödlich. Sie hatte sie das ganze Leben hindurch mit Geduld tragen wollen. Wie hatte der Mann ihre heimlichsten Gedanken erraten können?
Welche Qual es ihr war, an ihn zu denken! Er mußte sich geängstigt und gesorgt haben. Er hatte über seine Jahre geweint. Er hatte über die Kräfte und den Mut des Jungen gerast. Er war bei jedem Flüstern, jedem Lächeln, jedem Händedruck erzittert. In lichterlohem Wahnsinn, in knirschender Eifersucht hatte er eine ganze Fluchtgeschichte aus etwas gemacht, was noch nichts war.
Sie dachte daran, wie alt er heute nacht gewesen sein mußte, als er ging. Sein Rücken war gebeugt, seine Hände zitterten. Langer Nächte Qual hatte ihn so gemacht. Er war gegangen, um dieses Dasein quälender Zweifel los zu sein.
Sie erinnerte sich an andre Zeilen aus dem Briefe: „Es ist nicht meine Absicht, Dich zu beschämen, ich bin immer zu alt für Dich gewesen.“ Und dann an eine andre: „Du sollst immer geachtet und geehrt sein. Schweige nur selbst, dann fällt alle Schande auf mich.“
Die Frau fühlte immer größre Angst. War es möglich, daß man Menschen so betrügen konnte? Ging es auch an, so vor Gott zu lügen? Warum saß sie hier in der Stube, beklagt wie eine trauernde Mutter, geehrt wie eine Braut am Hochzeitstage? Warum war nicht sie heimatlos, freundelos, verachtet? Wie kann so etwas geschehen? Wie kann Gott sich so betrügen lassen?
Über der großen Chiffoniere hing ein kleines Bücherbrett. Zu oberst auf dem Brett stand ein großes Buch mit Messingspangen. Und diese Spangen bargen die Erzählung von einem Manne und einem Weibe, die vor Gott und den Menschen logen. „Wer hat es dir eingegeben, o Weib, daß du solches tun sollst? Sieh, junge Männer stehen hier vor deiner Tür, um dich fortzuführen.“
Die Frau starrte das Buch an, sie lauschte den Schritten der jungen Männer. Sie erzitterte bei jedem Klopfen, erschauerte bei jedem Schritt. Sie war bereit, aufzustehen und zu bekennen, bereit, niederzufallen und zu sterben.
Der Kaffee war in Ordnung. Die Frauen glitten sittsam zum Tisch hin. Sie schenkten die Tassen voll, nahmen Zucker in den Mund und begannen den siedendheißen Kaffee einzuschlürfen, still und anständig, die Handwerkerfrauen zuerst, die Scheuerfrauen zuletzt. Aber die Frau des Schusters sah nicht, was vorging. Die Angst raubte ihr ganz die Besinnung. Sie hatte eine Erscheinung. Mitten in der Nacht saß sie auf einem frisch gepflügten Acker. Rings um sie saßen große Vögel mit starken Flügeln und spitzigen Schnäbeln. Sie waren grau, kaum merkbar auf dem grauen Boden, aber sie wachten über sie. Sie hielten Gericht über sie. Mit einemmal flogen sie auf und senkten sich auf ihren Kopf herab. Sie sah ihre scharfen Klauen, ihre spitzigen Schnäbel; ihre peitschenden Flügel kamen immer näher. Es war wie ein tödlicher Regen von Stahl. Sie duckte den Kopf hinab und fühlte, daß sie sterben mußte. Aber als sie näher kamen, ganz dicht an sie heran, mußte sie aufsehen. Da sah sie, daß die grauen Vögel alle diese alten Frauen waren.
Eine von ihnen fing zu sprechen an. Sie wußte, was anständig war, was sich in einem Trauerhause schickte. Man hatte jetzt lange genug geschwiegen. Aber die Schustersfrau fuhr auf, wie von einem Peitschenhiebe getroffen. Was wollte die Frau sagen? „Du Matts Wiks Frau, Anna Wik, gestehe! Lange genug hast du vor Gott und vor uns gelogen. Wir sind deine Richter. Wir wollen dich richten und dich zerreißen.“
Nein, die Frau begann von den Männern zu sprechen. Und die andern stimmten ein, so wie der Anlaß es erforderte. Es wurde nicht zum Lob der Männer gesprochen. Alles Böse, was Männer je getan hatten, wurde ans Licht gezogen. Das war Trost für eine verlassene Frau.
Verleumdung ward auf Verleumdung gewälzt. Wunderliche Wesen, diese Männer! Sie schlagen uns, sie vertrinken unser Geld. Sie verpfänden unsre Habe. Warum in aller Welt hatte unser Herrgott solche erschaffen?
Die Zungen wurden wie Drachenzähne, sie spien Gift, sie sprühten Feuer. Jede fügte ihr Wort ein. Erzählung häufte sich auf Erzählung. Die Frau floh vor dem berauschten Mann aus dem Hause. Frauen rackerten sich für versoffne Männer. Ehefrauen wurden um andrer Frauen willen verlassen. Die Zungen sausten wie Peitschenhiebe. Das häusliche Elend wurde entblößt. Lange Litaneien wurden gesprochen. Vor des Mannes Tyrannei bewahre uns, o gütiger Gott!
Krankheit und Armut, der Tod der Kinder, die Kälte des Winters, die Plage mit den Alten, alles kommt vom Manne. Die Sklaven zischten gegen ihre Herren. Sie wendeten den Stachel gegen den, zu dessen Füßen sie krochen.
Der Frau des durchgegangnen Mannes gellten diese Worte schrill in den Ohren. Sie wagte, die Unverbesserlichen zu verteidigen. „Mein Mann,“ sagte sie, „ist gut.“ Die Frauen fuhren auf, sie zischten und fauchten. „Er ist durchgegangen. Er ist nicht besser als irgendein andrer. Er, der schon alt ist, hätte es besser verstehen müssen, als von Frau und Kind fortzulaufen. Kannst du glauben, daß er besser ist als irgendein andrer?“
Die Frau bebte, es war ihr, als würde sie durch stechendes Dornengestrüpp geschleift. Ihr Mann zu den Sündern gezählt! Sie erglühte in Scham, sie wollte sprechen, aber sie schwieg. Sie hatte Angst. Sie vermochte es nicht. Aber warum schwieg Gott? Warum ließ Gott so etwas geschehen?
Wenn sie den Brief herausnähme und ihn laut läse. Dann würde sich der Giftstrom wenden. Der Eiter würde sie bespritzen. Todesangst kam über sie. Sie wagte es nicht. Sie wünschte beinahe, daß eine freche Hand in ihre Tasche gegriffen und den Brief hervorgezogen hätte. Sie vermochte nicht, sich selbst preiszugeben. Drinnen aus der Werkstätte hörte man einen Schusterhammer. Hörte niemand, wie siegesfreudig er klopfte? Den ganzen Tag hatte sie dieses Klopfen gehört und sich darüber erzürnt. Aber keine der Frauen verstand es. Allwissender Gott, hattest du keinen Diener, der die Herzen durchschaute? Sie wollte gern ihr Urteil hinnehmen, wenn sie nur nicht gestehen mußte. Sie wollte jemanden sagen hören: „Wer hat es dir eingegeben, daß du vor Gott lügen solltest?“ Sie horchte nach dem Laut der Schritte der jungen Männer, um niederzufallen und zu sterben.
Mehrere Jahre nach diesem Vorfall heiratete eine geschiedene Frau einen Schuhmacher, der Gesell bei ihrem Manne gewesen war. Sie hatte es nicht gewollt, aber sie war dazu hingezogen worden, wie eine Forelle zum Bootsrand gezogen wird, wenn sie einmal an der Schnur hängen geblieben ist. Der Fischer läßt sie spielen, er läßt sie hin und her schnellen und läßt sie glauben, daß sie frei ist. Aber wenn sie müde geworden ist, wenn sie nicht weiter kann, dann zieht er sie mit leichtem Ruck an das Boot, dann holt er sie herauf und wirft sie auf den Bootsgrund, ehe sie noch weiß, um was es sich handelt.
Die Frau des durchgegangnen Schuhmachers hatte ihren Gesellen verabschiedet und hatte allein leben wollen. Sie wollte ihrem Manne zeigen, daß sie unschuldig war. Aber wo war der Mann? Kümmerte er sich nicht um ihre Treue? Sie litt Not, ihr Kind ging in Lumpen. Wie lange glaubte denn der Mann, daß sie warten konnte? Sie ging zugrunde, wenn sie niemanden hatte, an den sie sich lehnen konnte.
Erikson ging es gut. Er hatte einen Laden drinnen in der Stadt. Seine Schuhe standen auf Spiegelglasscheiben hinter breiten Auslagefenstern. Seine Werkstätte dehnte sich aus. Er mietete eine Wohnung und stellte Sammetmöbel in das Sitzzimmer. Alles wartete nur auf sie. Als sie der Armut gar zu müde war, kam sie.
Sie war anfangs sehr ängstlich. Aber es traf sie kein Unglück. Sie wurde mit jedem Tage sichrer und immer glücklicher. Sie stand bei den Menschen in Ansehen und wußte bei sich, daß sie es nicht verdiente. Dies hielt ihr Gewissen wach, so daß sie eine gute Frau wurde.
Nach einigen Jahren kam ihr erster Mann wieder in das Haus in der Vorstadt. Er ließ sich wieder dort nieder und wollte anfangen zu arbeiten. Aber er bekam keine Arbeit, und kein ordentlicher Mensch wollte mit ihm verkehren. Er wurde verachtet, während seine Frau große Ehre genoß. Und doch hatte er recht getan und sie unrecht gehandelt.
Der Mann behielt sein Geheimnis bei sich, aber es erstickte ihn beinahe. Er fühlte, wie er sank, weil alle ihn für einen schlechten Menschen hielten. Niemand verließ sich auf ihn, niemand wollte ihm Arbeit anvertrauen. Er schloß sich der Gesellschaft an, die er finden konnte, und gewöhnte es sich an, zu trinken.
Während es so bergab mit ihm ging, kam die Heilsarmee in die Stadt. Sie mietete einen großen Saal und begann ihre Tätigkeit. Schon vom ersten Abend an lief alles Lumpengesindel zu den Vorstellungen, um dort Unfug zu treiben. Als dies ungefähr eine Woche gedauert hatte, kam Matts Wik mit, um an der Belustigung teilzunehmen. Es herrschte Gedränge auf der Gasse, und im Tore entstand eine Stockung. Da waren scharfe Ellenbogen und scharfe Zungen; Gassenjungen und Soldaten, Mägde und Scheuerfrauen; friedliche Polizisten und lärmender Pöbel. Die Armee war neu und modern. Die Bälle verloren an Reiz, die Schenken standen leer. Elegants und Hafengesindel, alles ging zur Heilsarmee.
Im Saale war die Decke niedrig. Ganz im Hintergrunde stand eine leere Estrade. Ungestrichne Bänke, geliehene Stühle. Zerschlissener Boden, Feuchtigkeitsflecke an der Decke, Lampen, die rauchten. Der eiserne Ofen mitten im Zimmer verbreitete Wärme und Kohlendunst. Im Augenblick waren alle Plätze besetzt. Zunächst der Estrade saßen Frauen, anständig wie in der Kirche, feierlich wie unter dem Brauthimmel, und hinter ihnen Tagediebe und Nähmädchen. Ganz rückwärts saßen die Jungen, ein Gassenjunge dem andern auf dem Schoß. Und in der Tür gab es Schlägereien zwischen jenen, die nicht hereinkommen konnten.
Die Estrade war leer. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen, die Vorstellung noch nicht begonnen. Einer pfiff, einer lachte. Bänke wurden zertreten. Der „Kampfruf“ flog wie ein Drache zwischen den Leuten hin und her. Das Publikum unterhielt sich auf eigne Faust.
Die Seitentüre öffnete sich. Kalte Luft strömte in das Zimmer. Das Kaminfeuer loderte auf. Schweigen trat ein. Erwartungsvolle Aufmerksamkeit. Endlich kamen sie, drei junge Frauen, Gitarren tragend, die Gesichter von breitkrempigen Hüten beinahe verdeckt. Sie stürzten auf die Knie, sobald sie die Stufen der Estrade erklommen hatten.
Eine von ihnen betete laut. Sie hob den Kopf empor, schloß aber die Augen. Die Stimme war schneidend wie ein Messer. Während des Gebetes war es still. Gassenjungen und Hafengesindel waren noch nicht recht in Zug gekommen. Sie warteten auf die Geständnisse und die anregenden Melodien.
Die Frauen machten sich ans Werk. Sie sangen und beteten, sangen und predigten. Sie lächelten und sprachen von ihrem Glück. Vor sich hatten sie ein Parterre von Hafengesindel. Die begannen aufzustehen, sie sprangen auf die Bänke. Ein drohender Lärm erhob sich in den Scharen. Die Frauen auf der Estrade sahen furchtbare Gesichter durch die rauchige Luft schimmern. Die Männer hatten feuchte, schmutzige Kleider, die übel rochen. Sie spien jeden Augenblick Tabak aus und fluchten bei jedem Wort. Diese Frauen, die gegen sie kämpfen wollten, sprachen von ihrem Glück.
Wie tapfer war diese kleine Armee! Ach, ist es nicht schön, tapfer zu sein, ist es nicht ein Hochgefühl, Gott mit sich zu haben! Es half nichts, über die mit den großen Hüten zu lachen. Es war höchstwahrscheinlich, daß sie die schwieligen Hände, die grausamen Gesichter, die lästernden Lippen besiegen würden.
„Singet mit,“ riefen die Heilsarmeesoldatinnen. „Singet mit. Es ist gut, zu singen.“ Sie stimmten eine bekannte Melodie an. Sie zupften an ihren Gitarren und wiederholten denselben Vers einmal ums andre. Sie brachten den einen oder andern der Zunächstsitzenden dazu, mitzusingen. Doch jetzt erdröhnte unten von der Türe ein leichtsinniger Gassenhauer. Töne kämpften gegen Töne; Worte gegen Worte; die Gitarre gegen die Zischpfeife. Die starken, geübten Stimmen der Frauen stritten gegen die heisern, mutierenden Stimmen der Knaben, gegen die Brummbässe der Männer. Als der Gassenhauer nahe daran war, unterzutauchen, begann man unten an der Tür zu stampfen und zu pfeifen. Der Heilsarmeegesang sank wie ein verwundeter Krieger. Der Lärm war entsetzlich, die Frauen stürzten auf die Knie.
Sie lagen wie ohnmächtig da. Die Augen waren geschlossen. Die Körper wiegten sich in stummem Schmerz. Der Lärm erstarb. Die Heilsarmeekapitänin begann augenblicklich: „Herr, alle diese wirst du zu den Deinen machen. Dank, o Herr, daß du sie alle in dein Kriegsheer aufnehmen willst! Dank, o Herr, daß wir sie dir zuführen dürfen!“
Die Volksmasse knirschte, heulte, toste. Es war, als ob alle diese Kehlen von einem scharfen Messer gekitzelt würden. Es war, als fürchteten die Menschen, überwunden zu werden, als hätten sie vergessen, daß sie freiwillig gekommen waren.
Aber die Frau fuhr fort, und ihre scharfe schneidende Stimme trug den Sieg davon. Sie mußten hören.
„Ihr tobt und schreit. Die alte Schlange in euch windet sich und rast. Aber das ist gerade das Zeichen. Gesegnet sei das Brüllen der alten Schlange! Es zeigt, daß sie sich quält, daß sie sich fürchtet. Lacht uns aus! Schlagt uns die Fenster ein! Verjagt uns von der Estrade! Morgen werdet ihr uns angehören! Wir werden die Erde besitzen. Wie wollt ihr uns widerstehen? Wie wollt ihr Gott widerstehen?“
Gleich darauf befahl die Kapitänin einer ihrer Gefährtinnen, vorzutreten und ihr Bekenntnis abzulegen. Sie kam lächelnd. Sie stand kühn und unerschrocken da und schleuderte die Geschichte ihrer Sünde und ihrer Bekehrung den Höhnenden entgegen. Wo hätte es das Küchenmädchen gelernt, lächelnd unter allem diesem Hohn zu stehen? Einige von ihnen, die gekommen waren, um ihren Spott zu treiben, erblaßten. Woher nahmen diese Frauen ihren Mut und ihre Macht? Es stand jemand hinter ihnen.
Die dritte der Frauen trat vor. Sie war ein wunderschönes Kind, reicher Eltern Tochter, mit einer sanften, klaren Singstimme. Sie erzählte nicht von sich selbst. Ihr Zeugnis war eines der gewöhnlichen Lieder.
Das war wie der Schatten eines Sieges. Die Versammlung vergaß sich und lauschte. Dieses Kind war schön zu sehen, lieblich zu hören. Aber als sie verstummt war, brach das Getöse noch furchtbarer los. Unten an der Tür bauten sie eine Estrade aus Bänken, sprangen hinauf und legten Geständnisse ab.
Es wurde immer unheimlicher im Saal. Der eiserne Ofen wurde glutrot, er schluckte Luft und strömte Wärme aus. Die ehrbaren Frauen auf den vordersten Bänken sahen sich nach einem Ausweg zu fliehen um, aber es gab keine Möglichkeit, den Saal zu verlassen. Die Heilssoldatinnen auf der Estrade wankten, und auf ihren Stirnen perlte der Schweiß. Sie riefen und beteten um Stärke. Plötzlich fuhr ein Hauch durch die Luft, ein Flüstern schlug an ihr Ohr. Sie wußten nicht, woher es kam, aber sie fühlten einen Umschlag. Gott war mit ihnen. Er kämpfte für sie.
Aufs neue in den Kampf! Die Kapitänin trat vor und erhob die Bibel über ihren Kopf. „Haltet inne, haltet inne! Wir fühlen, daß Gott unter uns wirkt. Eine Bekehrung ist nahe. Helft uns beten! Gott will uns eine Seele schenken.“
Sie fielen in stummem Gebet auf die Knie. Einige im Saal nahmen an dem Gebet teil. Allen teilte sich eine spannende Erwartung mit. War es wahr? Trug sich etwas Großes in der Seele eines Mitmenschen zu, hier, mitten unter ihnen? Würden sie es sehen? Konnten diese Frauen etwas bewirken?
Für einen Augenblick war die Menge gewonnen. Jetzt war sie ebenso erpicht auf Wunder wie eben erst auf Lästerung. Niemand wagte sich zu rühren. Alle keuchten vor Erwartung, aber nichts geschah. „O Gott, du verlässest uns! Du verläßt uns, o Gott!“
Die schöne Heilsarmeesoldatin begann zu singen. Sie wählte die mildeste der Melodien, das zarteste Kind der Sehnsucht: „Fern er weilet von grünenden Tälern.“
Die Worte waren nur wenig verändert. Das Lied des finnischen Hirtenmädchens war unschwer zu Jesu Sehnsucht nach der Seele geworden. „O, du meine Geliebte, kommst du nicht bald?“
So mild lockend wie ein bittendes Kind glitt der Gesang in die Gemüter, wie eine Liebkosung, wie ein Segen.
Die Versammlung war stumm, wie versunken in diese Töne. – „Berge und Wälder verschmachten, Himmel und Erde leben in Sehnsucht. Mensch, alles in der Welt dürstet danach, daß du deine Seele dem Lichte erschließest. Dann verbreitet sich Herrlichkeit über alle Welt, dann stehen die Tiere auf aus ihrer Erniedrigung. Alles Seufzen der Kreatur hat ein Ende. O, du meine Geliebte, kommst du nicht bald?“
„Es ist nicht wahr, daß du in hohen Königssälen weilest. In dunklen Wäldern, in elenden Hütten hausest du, und du willst nicht kommen. Mein lichter Himmel lockt dich nicht. O, du meine Geliebte kommst du nicht bald?“
Unten im Saale stimmten immer mehrere in den Kehrreim ein. Stimme um Stimme kam mit. Sie wußten nicht recht, welcher Worte sie sich bedienten. Die Melodie war genug. Alle Sehnsucht konnte sich in diesen Tönen freisingen. Auch unten an der Tür wurde es gesungen. Es sprengte Herzen. Es unterjochte Willen. Es klang nicht mehr wie eine jammervolle Klage, sondern stark, fordernd, befehlend.
„O, du meine Geliebte, kommst du nicht bald?“
Unten an der Tür im dichtesten Knäuel stand Matts Wik. Er sah ganz vertrunken aus, aber an diesem Abend war er nicht berauscht. Er stand da und dachte: „Wenn ich sprechen dürfte, wenn ich sprechen dürfte.“
Dies war der wunderbarste Raum, den er je gesehen hatte, die wunderbarste Gelegenheit. Eine Stimme sprach zu ihm: „Dies ist das Schilf, in das du flüstern kannst, die Wellen, die deine Stimme tragen werden.“
Die Singenden zuckten zusammen. Es war, als hätten sie einen Löwen brüllen hören. Eine starke, furchtbare Stimme sprach furchtbare Worte.
Sie höhnte Gott. Warum dienten die Menschen Gott? Er verließ alle, die ihm dienten. Er hatte seinen Sohn verlassen. Gott half niemandem.
Die Stimme stieg gewaltig an, sie wurde mit jeder Minute brausender. Solche Kraft hatte niemand Menschenlungen zugetraut. Solche Raserei hatte niemand je aus einem zertretnen Herzen losbrechen hören. Sie neigten ihr Haupt wie die Wandrer in der Wüste, wenn der Sturm über sie kommt.
Gewaltige, gewaltige Worte. Sie waren wie donnernde Hammerschläge gegen Gottes Thron. Gegen ihn, der Hiob quälte, der die Märtyrer leiden, der seine Bekenner auf Scheiterhaufen verbrennen ließ. Der Ohnmächtige, wann begründet er sein Reich? Wann läßt er ab, die Arglist zum Siege zu führen?
Anfangs hatten einige versucht, zu lachen. Einige hatten geglaubt, daß dies ein Scherz sei. Jetzt hörten sie bebend, daß es Ernst war. Schon erhoben sich einige, um die Estrade hinaufzufliehen. Sie verlangten den Schutz der Heilsarmee gegen jenen, der Gottes Zorn auf sie herabbeschwor.
Die Stimme fragte sie in zischendem Tonfall, welchen Lohn sie für ihre Mühe erwarteten, Gott zu dienen. Sie sollten sich nicht den Himmel erwarten. Gott geizte mit seinem Himmel. Ein Mann, sagte er, hatte mehr Gutes getan, als notwendig war, um die Seligkeit zu erringen. Er hatte größre Opfer gebracht, als Gott verlangte. Aber dann wurde er zur Sünde verlockt. Das Leben ist lang. Er bezahlte seine verdiente Gnade schon in dieser Welt. Er muß den Weg der Verdammten gehen.
Die Rede war der furchtbare Nordwind, der die Schiffe in den Hafen treibt. Bei den Worten des Höhnenden stürzten die Frauen die Estrade hinan. Die Hände der Heilsarmeesoldatinnen wurden erfaßt und geküßt. Bekehrung folgte auf Bekehrung. Sie konnten kaum alle aufnehmen. Knaben und Greise priesen Gott.
Er, der sprach, fuhr fort. Die Worte berauschten ihn. Er sagte zu sich selbst: „Ich spreche, ich spreche, endlich spreche ich. Ich sage ihnen mein Geheimnis, und ich sage es doch nicht.“ Zum ersten Male, seit er das große Opfer gebracht hatte, war er frei von Kummer.
Es war ein Sonntagnachmittag im Hochsommer. Die Stadt sah wie eine Steinwüste aus, wie eine Mondlandschaft. Man sah keine Katze, keinen Sperling, kaum eine Fliege an einer sonnigen Wand. Kein Schornstein rauchte. In den schwülen Straßen war keine Luft. Das Ganze war nur ein steinbesäter Acker, aus dem Steinwände wuchsen.
Wo waren Hunde und Menschen? Wo waren die jungen Damen in schmalen Röcken und weiten Ärmeln, langen Handschuhen und roten Sonnenschirmen? Wo waren Soldaten und Stutzer, Heilsarmeesoldaten und Gassenjungen?
Wohin zogen an dem taufrischen Morgen alle die bunten Lustfahrerscharen, alle die Körbe und Ziehharmonikas und Flaschen, die das Dampfboot ans Land lud. Oder wo kam er hin, der lange Guttemplerzug? Die Fahnen wehten, die Trommeln dröhnten, Gassenjungen schwärmten, stampften, schrien hurra. Oder wo blieben sie, die blauen Schleierchen, unter denen die Kleinen schliefen, während Vater und Mutter sie andächtig über die Gasse schoben.
Alle waren sie auf dem Wege hinaus in den Wald. Sie klagten über die langen Straßen. Es war, als wenn die Steinhäuser ihnen nachjagten. Endlich, endlich schimmerte Grün. Und gleich vor der Stadt, wo der Weg sich durch platte, feuchte Felder schlängelte, wo der Lerchengesang am vollsten ertönte, wo der Klee honigsüß duftete, da lagen die ersten Zurückgebliebenen. Die Mütze im Nacken, die Nase im Grase. Den Körper in Sonnenschein und Blumenduft gebadet, die Seele von Muße und Ruhe erquickt.
Aber über den Weg zum Walde eilten Proviantträger und Radfahrer. Jungen kamen mit Spaten und blanken Tornistern. Mädchen tanzten in Staubwolken. Himmel und Fahnen und Kinder und Trompeten. Handwerkerfamilien und Arbeiterscharen. Die sich bäumenden Klepper der Charabans erhoben die Vorderbeine über die Haufen. Ein wilder berauschter Geselle sprang auf das Rad. Er wurde von flinken Damen heruntergeschleudert und blieb zappelnd auf dem Rücken im Staube der Landstraße liegen.
Drinnen im Walde spielte und sang, flötete und schluchzte eine Nachtigall. Die Birken kamen nicht gut fort, sie hatten schwarze Stämme. Die Buchen bauten hohe Tempel, Stockwerk auf Stockwerk von quergestreiftem Grün. Der Frosch saß da und zielte mit der Zunge. Und jedesmal fing er eine Fliege. Der Igel patschte in dem alten raschelnden Buchenlaub herum. Libellen huschten über das Moor mit glitzernden Flügeln. Die Menschen ließen sich um die Eßkörbe nieder. Goldkäfer krochen rings um sie durch das Gras. Die piepsenden funkelnden Grillen suchten ihren Sonntag froh zu machen.
Plötzlich verschwand der Igel, er rollte sich erschrocken in seine Stacheln. Die Grillen tauchten in das Grün unter, ganz verstummt. Die Nachtigall sang aus Leibeskräften. Es waren Gitarren, Gitarren. Die Heilsarmee zog unter den Buchen ein. Die Leute erwachten aus der stumpfen Ruhe unter den Bäumen. Tanzboden und Krocketplatz wurden verödet. Schaukel und Karussell hatten eine Stunde Rast. Alles strömte dem Lager der Heilsarmee zu. Die Bänke füllten sich, und auf jeder Erdhöhe saßen Zuhörer.
Jetzt war die Armee gewachsen und stark und mächtig geworden. Um manche liebliche Wange schloß sich der Heilsarmeehut. Mancher starke Mann trug das rote Wams. Es herrschte Friede und Ordnung unter der Menge. Schimpfworte wagten sich nicht über die Lippen. Die Flüche verrollten unschädlich hinter den Zähnen. Und Matts Wik, der Schuhmacher, der gewaltige Gotteslästerer, stand jetzt als Fahnenwächter unter der Estrade. Er war auch einer der Gläubigen. Die Enden der roten Fahne liebkosten freundlich seinen grauen Kopf.
Die Heilsarmeesoldatinnen hatten den Alten nicht vergessen. Sie hatten ihm ihren ersten Sieg zu danken. Sie waren in seiner Einsamkeit zu ihm gekommen. Sie wuschen seine Stube und besserten seine Kleider aus. Sie weigerten sich nicht, mit ihm umzugehen. Und bei ihren Zusammenkünften durfte er sprechen. Seit er sein Schweigen gebrochen hatte, war er glücklich. Er stand nicht mehr als ein Feind Gottes da. Eine brausende Kraft erfüllte ihn. Er war glücklich, wenn er ihr Luft machen durfte. Wenn die Säle vor seiner Löwenstimme erzitterten, war er glücklich.
Er sprach immer von sich selbst. Er erzählte immer seine eigne Geschichte. Das Schicksal des Verkannten schilderte er. Er sprach von Opfern bis aufs Blut, die gebracht worden waren, ohne Lohn zu gewinnen, ohne Anerkennung zu finden. Er kleidete das ein, was er erzählte. Er erzählte sein Geheimnis und erzählte es doch nicht.
Aus ihm wurde ein Dichter. Er bekam die Kraft, die Herzen zu gewinnen. Um seinetwillen sammelte sich die Menge vor der Estrade der Heilsarmee. Er zog sie hin mit den berückend phantastischen Bildern, die sein krankes Hirn erfüllten. Er fesselte sie mit den Worten ergreifender Klage, die seines Herzens Qual ihn gelehrt hatte.
Vielleicht hatte sein Geist schon einmal in dieser Welt des Todes und des Wechsels geweilt. Vielleicht war er damals ein mächtiger Dichter gewesen, erfahren in der Kunst, auf den Saiten des Herzens zu spielen. Aber um schwerer Verbrechen willen war er verurteilt worden, sein Erdenleben abermals zu beginnen, von seiner Hände Arbeit zu leben, unbekannt mit der Macht des Geistes. Doch jetzt hatte sein Kummer den Kerker seines Geistes gesprengt. Seine Seele war ein eben befreiter Gefangner. Lichtscheu und verwirrt, aber dennoch jubelnd über ihre Freiheit zog sie über die einstigen Schlachtfelder.
Der wilde, ungelehrte Sänger, die schwarze Drossel, die unter Staren aufgewachsen war, lauschte mißtrauisch den Worten, die ihm auf die Lippen kamen. Woher hatte er die Macht, die Menge zu zwingen, hingerissen seiner Rede zu lauschen? Woher hatte er die Macht, stolze Menschen auf die Knie zu zwingen, sie die Hände ringen zu lassen? Er erzitterte, ehe er zu reden begann. Dann kam ruhige Zuversicht über ihn. Aus der niemals ermessenen Tiefe seines Leidens stiegen unablässig Wolken von qualschweren Worten empor.
Diese Reden wurden nie gedruckt. Sie waren Jagdrufe, schmetternde Hornfanfaren, lockend, belebend, erschreckend, anfeuernd. Nicht zu fangen, nicht wiederzugeben. Sie waren Blitze und rollende Donnerschläge. Die Herzen erschütterten sie in düstrer Angst. Aber vergänglich waren sie, niemals ließen sie sich fangen. Der Wasserfall kann bis auf den letzten Tropfen gemessen werden, das irrende Spiel des Schaumes läßt sich malen, nicht aber der schnelle, irrende, rauschende, wachsende, gewaltige Strom dieser Reden.
An jenem Tage im Walde fragte er die Versammelten, ob sie wüßten, wie sie Gott dienen müßten. – Wie Uria seinem König diente.
Nun wurde der Mann auf der Rednertribüne zu Uria. Nun ritt er durch die Wüste mit seines Königs Brief. Er war allein, die Einsamkeit ängstigte ihn. Seine Gedanken waren düster. Aber er lächelte, wenn er an sein Weib dachte. Die Wüste wurde ein Blumengefilde, wenn er ihrer gedachte. Quellen entsprangen aus der Erde bei dem Gedanken an sie.
Sein Kamel stürzte. Seine Seele ward von bösen Ahnungen erfüllt. Das Unglück, dachte er, ist ein Geier, der die Wüste liebt. Er machte nicht kehrt, sondern ging vorwärts mit des Königs Brief. Er trat auf Dornen. Er ging unter Nattern und Skorpionen. Ihn dürstete und hungerte. Er sah Karawanen ihre dunklen Streifen durch den Wüstensand ziehen. Er suchte sie nicht auf. Er wagte es nicht, sich Fremden zuzugesellen. Wer des Königs Brief trägt, muß allein gehen. Er sah des Abends die weißen Zelte der Hirten. Sie lockten ihn, wie die lächelnde Wohnstatt seines Weibes. Er glaubte, weiße Schleier winken zu sehen. Doch er wich den Zelten aus und ging in die Einsamkeit. Wehe, wenn sie seines Königs Brief gestohlen hätten!
Wankend geht er, als er die spähenden Räuber hinter sich herjagen sieht. Er denkt an des Königs Brief. Er liest ihn, um ihn dann zu vernichten. Er liest ihn und faßt neuen Mut. Steht auf, Krieger von Juda! Er zerstört den Brief nicht. Er ergibt sich den Räubern nicht. Er kämpft und siegt. Und dann weiter, weiter. Er führt sein Todesurteil mit sich durch tausend Gefahren. – –
So ist es, Gottes Wille muß befolgt werden bis aufs Blut, bis in den Tod. – –
Während Wik sprach, stand seine geschiedene Frau da und hörte ihm zu. Sie war am Morgen in den Wald gezogen, vergnügt und strahlend, am Arm des Mannes höchst matronenhaft, respektabel bis in die Fingerspitzen. Die Tochter und der Geselle trugen den Eßkorb. Die Magd folgte mit dem jüngsten Kinde nach. Alles war Friede, Glück, Ruhe gewesen.
Dann hatten sie in einem Waldesdickicht gelegen. Sie hatten gegessen und getrunken, gespielt und gelacht. Nicht ein Gedanke an vergangne Zeiten! Das Gewissen schwieg wie ein gesättigtes Kind. Früher, wenn der erste Mann betrunken an ihrem Fenster vorbeigetaumelt war, hatte sie einen Stich in der Seele gefühlt.
Dann hatte sie gehört, daß er der Abgott der Heilsarmee geworden sei. Sie fühlte sich daher ganz ruhig. Jetzt war sie gekommen, um ihn zu hören. Und sie verstand ihn. Er sprach nicht von Uria. Er erzählte von sich selbst. Er wand sich unter dem Gedanken an sein eignes Opfer. Er riß Stücke aus seinem eignen Herzen und warf sie unter das Volk. Sie kannte diesen Wüstenreiter, diesen Besieger der Räuber. Und diese ungestillte Qual starrte sie an wie ein offnes Grab. –
Es wurde Nacht. Der Wald wurde menschenleer. Lebt wohl nun, Grün und Blumen! Weiter Himmel, lebe wohl auf lange! Die Schlangen begannen um die Hügel zu kriechen. Die Kröten sprangen über den Weg. Der Wald wurde häßlich. Alle sehnten sich heim nach der Steinwüste, nach der Mondlandschaft. Dort ist es für Menschen gut sein. Vielleicht können leidende Herzen dort einer raschen Versteinerung entgegengehen.
Frau Anna Erikson lud ihre alten Freundinnen zusammen. Die Handwerkersgattinnen der Vorstadt und die Scheuerfrauen kamen zu ihr zum Vormittagskaffee. Es waren dieselben da, die am Tage der Flucht bei ihr gewesen waren. Eine war neu hinzugekommen, Maria Anderson, die Kapitänin der Heilsarmee.
Anna Erikson hatte nun viele Wandrungen zur Heilsarmee unternommen. Sie hatte ihren Mann gehört. Er erzählte immer von sich selbst. Er verkleidete seine Geschichte. Sie erkannte sie immer. Er war Abraham. Er war Hiob. Er war Jeremias, den das Volk in den Brunnen warf. Er war Elisa, den die Kinder auf dem Wege verhöhnten.
Dieser Schmerz erschien ihr bodenlos. Dieser Kummer lieh sich alle Stimmen, er machte sich Masken aus allem, was ihm begegnete. Sie begriff nicht, daß der Mann sich gesund sprach, daß es in seinem Innern leuchtete und lachte vor Freude über die Dichtermacht.
Sie hatte ihre Tochter mit zur Armee geschleppt. Die Tochter hatte nicht gehen wollen. Sie war sittsam, streng, pflichttreu. Keine Jugend spielte in ihrem Blut. Sie war alt geboren.
Sie hatte sich ihres Vaters immer geschämt. So war sie herangewachsen. Sie ging gerade, herbe, gleichsam als sagte sie: „Seht, eines verachteten Mannes Tochter! Seht, ob Staub auf meinem Kleide ist! Ist ein Tadel auf meinem Wandel?“ Ihre Mutter war stolz auf sie. Dennoch seufzte sie bisweilen: „Ach, daß meiner Tochter Hände weniger weiß wären, vielleicht wären dann ihre Liebkosungen wärmer!“
Das Mädchen saß in der Armee, spöttisch lächelnd. Sie verachtete die Theatervorstellung. Als ihr Vater hinauftrat, um zu sprechen, wollte sie gehen. Frau Anna Eriksons Hand umklammerte die ihre fest wie eine Zange. Das Mädchen blieb sitzen. Der Wortstrom begann über sie hinzubrausen. Aber was zu ihr sprach, waren nicht so sehr die Worte, als die Hand ihrer Mutter.
Diese Hand krümmte sich, krampfhafte Zuckungen durcheilten sie. Sie lag schlaff, gleichsam tot in der ihren, sie griff wild um sich, fieberheiß. Das Gesicht ihrer Mutter verriet nichts. Nur die Hand litt und kämpfte.
Der alte Redner beschrieb das Martyrium des Schweigens. Jesu Freund lag krank. Seine Schwestern sandten ihm Boten. Aber seine Zeit war noch nicht gekommen. Für Gottes Reich mußte Lazarus sterben.
Er ließ nun allen Zweifel, alle Verleumdung auf Christus niedersausen. Er beschrieb sein Leiden. Sein eignes Mitleid quälte ihn. Er machte alle Todespein durch, er wie Lazarus. Und doch mußte er schweigen.
Nur ein Wort hätte es ihn gekostet, die Achtung der Freunde wiederzugewinnen. Er schwieg. Er mußte die Klage der Schwestern hören. Er sagte ihnen die Wahrheit in Worten, die sie nicht verstanden. Die Feinde höhnten ihn.
Und so weiter, immer ergreifender und ergreifender.
Anna Eriksons Hand lag in der der Tochter. Diese Hand beichtete und bekannte: „Der Mann dort drüben trägt selbst das Martyrium des Schweigens. Er wird zu Unrecht angeklagt. Mit einem Worte könnte er sich frei machen.“
Das Mädchen ging mit ihrer Mutter heim. Sie gingen stumm. Das Gesicht des jungen Mädchens war wie Stein. Sie grübelte, suchte alles auf, was die Erinnerung ihr sagen konnte. Ihre Mutter sah angstvoll zu ihr auf. Was wußte sie?
An dem Tage darauf hatte Anna Erikson ihre Kaffeegesellschaft. Man sprach gar lustig vom Markt des Tages, von dem Preise der Holzschuhe, von diebischen Mägden. Die Frauen plauderten und lachten. Sie gossen Kaffee in die Untertassen. Sie waren heiter und sorglos. Frau Anna Erikson konnte nicht verstehen, woher es gekommen war, daß sie sie früher gefürchtet, daß sie immer geglaubt hatte, daß diese sie richten würden.
Als sie mit ihrer zweiten Tasse versehen waren, als sie wohlbehaglich dasaßen und der Kaffee auf dem Rand der Tassen zitterte und die Teller mit Weizenbrot beladen waren, nahm sie das Wort. Ihre Worte waren ein wenig feierlich, aber ihre Stimme war ruhig.
„In der Jugend ist man unvorsichtig. Ein Mädchen, das sich verheiratet hat, ohne recht zu bedenken, was sie auf sich nimmt, kann in große Not kommen. Wer hat es schlimmer getroffen als ich?“
Das wußten sie alle. Sie waren bei ihr gewesen und hatten mit ihr getrauert.
„In der Jugend ist man unvernünftig. Man verschweigt das, was man sagen sollte, weil man sich schämt. Man wagt nicht zu sprechen, aus Furcht vor dem, was die Leute sagen könnten. Wer nicht zur rechten Zeit gesprochen hat, kann es ein ganzes Leben lang bereuen.“
Sie glaubten alle, daß dies wahr sei.
Sie hatte Wik gestern gehört, wie so viele Male zuvor. Jetzt mußte sie ihnen allen etwas über ihn sagen. Es kam eine brennende Unruhe über sie, wenn sie bedachte, was er um ihretwillen gelitten hatte. Dennoch meinte sie, daß er, der alt gewesen war, es besser hätte verstehen sollen, als sie, das junge Ding zum Eheweib zu nehmen.
„Ich wagte es in meiner Jugend nicht zu sagen. Aber er ist aus Barmherzigkeit von mir fort, weil er glaubte, daß ich Erikson haben wollte. Ich habe seinen Brief dafür.“
Sie las ihnen den Brief vor. Eine Träne kam wohlanständig ihre Wangen hinabgeglitten.
„Er hatte in seiner Eifersucht falsch gesehen. Zwischen Erikson und mir war damals nichts. Es war vier Jahre, ehe wir heirateten. Aber ich will dies jetzt sagen, denn Wik ist zu gut, um so verkannt herumzulaufen. Er ist nicht aus Leichtsinn von Frau und Kindern fort, sondern in guter Absicht. Ich möchte, daß dies überall bekannt wird. Kapitänin Anderson kann vielleicht den Brief in der Armee vorlesen. Ich will, daß Wik Genugtuung widerfährt. Ich weiß auch, daß ich allzulange geschwiegen habe, aber man gibt sich nicht gern selbst eines Trunkenboldes wegen preis. Jetzt ist es eine andre Sache.“
Die Frauen saßen förmlich versteinert da. Anna Erikson bebte die Stimme ein wenig, und sie sagte mit einem matten Lächeln:
„Jetzt wollt ihr Frauen vielleicht gar nie mehr zu mir kommen?“
„Aber warum denn! Frau Erikson war doch noch so jung! Und Frau Erikson konnte doch nichts dafür. – Es war ja seine Schuld, wenn er sich solche Dinge einbildete.“
Sie lächelte. Dies waren die harten Schnäbel, die sie zerreißen sollten. Die Wahrheit war nicht gefährlich, und die Lüge auch nicht. Die Füße der jungen Männer warteten nicht vor ihrer Tür.
Wußte sie oder wußte sie nicht, daß ihre älteste Tochter an demselben Morgen ihr Haus verlassen hatte und zu ihrem Vater gegangen war?