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Fünftes Buch.

Witichis.

Zweite Abteilung.

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Erstes Kapitel.

Im Lager angelangt fand König Witichis alles in höchster Verwirrung; gewaltsam riß ihn die drängende Not des Augenblicks aus seinem Gram und gab ihm vollauf zu thun.

Er traf das Heer in voller Auflösung und in zahlreiche Parteiungen zerspalten. Deutlich erkannte er, daß der Fall der ganzen gotischen Sache die Folge gewesen wäre, hätte er die Krone niedergelegt oder das Heer verlassen.

Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit.

Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschließen. Andere zu den Empörern sich wenden, andere Italien verlassend über die Alpen flüchten. Endlich fehlte es nicht an Stimmen, die für eine neue Königswahl sprachen: und auch hierin standen sich die Parteien waffendrohend gegenüber.

Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen, die an des Königs Flucht nicht glauben wollten. Der Alte hatte erklärt, wenn Witichis wirklich entflohen, wolle er nicht ruhen, bis der eidbrüchige König wie Theodahad geendet. Hildebad schalt jeden einen Neiding, der also von Witichis denke. Sie hatten die Wege zur [pg 168]Stadt und nach dem Wölsungenlager besetzt und drohten, jeden Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt zurückzuweisen, während auch bereits Herzog Guntharis von der Verwirrung Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager der Königlichen anrückte.

Überall traf Witichis auf unruhige Haufen, abziehende Scharen, Drohungen, Scheltworte, erhobene Waffen: – jeden Augenblick konnte auf allen Punkten des Lagers ein Blutbad ausbrechen. Rasch entschlossen eilte er in sein Zelt, schmückte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab, stieg auf Boreas, das mächtige Schlachtroß, und sprengte, gefolgt von Teja, der die blaue Königsfahne Theoderichs über ihm hielt, durch die Gassen.

In der Mitte des Lagers stieß er auf einen Trupp von Männern, Weibern und Kindern, – denn ein gotisches Volksheer führte auch diese mit sich – der sich drohend gegen das Westthor wälzte.

Hildebad ließ die Seinen mit gefällten Speeren in die Thore treten.

»Laßt uns hinaus,« schrie die Menge, »der König ist geflohen, der Krieg ist aus, alles ist verloren, wir wollen das Leben retten.« »Der König ist kein Tropf wie du,« sagte Hildebad, den Vordersten zurückstoßend. »Ja, er ist ein Verräter,« schrie dieser, »er hat uns alle verlassen und verraten um ein paar Weiberthränen.«

»Ja,« schrie ein anderer: »er hat dreitausend von unseren Brüdern hingeschlachtet und ist dann entflohn.«

»Du lügst,« sprach eine ruhige Stimme und Witichis bog um die Lagerecke.

»Heil dir, König Witichis!« schrie der riesige Hildebad, »seht ihr ihn da! – Hab’ ich’s nicht immer gesagt, ihr Gesindel? Aber Zeit war’s, daß du kamst – sonst ward es schlimm.«

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Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran: »Heil dir, König, und der Krone auf deinem Helm. – Reitet durch das Lager, Herolde, und kündet, was ihr saht: und alles Volk soll rufen: »Heil König Witichis, dem Vielgetreuen.««

Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab. –

Die Boten schossen wie Blitze hinweg; bald scholl aus allen Gassen der donnernde Ruf: »Heil König Witichis,« und von allen Seiten stimmten die jüngst noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen.

Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes über die Tausende. Und Teja sprach hinter ihm leise: »du siehst, du hast das Reich gerettet.«

»Auf, führ uns zum Sieg!« rief Hildebad, »denn Guntharis und Arahad rücken an: sie wähnen, uns ohne Haupt in offenem Zwist zu überraschen! heraus auf sie! sie sollen sich schrecklich irren; heraus auf sie und nieder die Empörer.« – »Nieder die Empörer!« donnerten die Heermänner nach, froh, einen Ausweg ihrer tieferregten Leidenschaft zu finden.

Aber der König winkte mit edler Ruhe: »Stille! nicht noch einmal soll gotisch Blut fließen von gotischen Waffen. Ihr harret hier in Geduld: du, Hildebad, thu’ mir auf das Thor. Niemand folgt mir: ich allein gehe zu den Gegnern. Du, Graf Teja, hältst das Lager in Zucht, bis ich wiederkehre. Du aber, Hildebrand,« – er rief’s mit erhobener Stimme, – »reit’ an die Thore von Ravenna und künde laut: sie sollen sie öffnen. Erfüllt ist ihr Begehr, und noch vor Abend ziehen wir ein: der König Witichis und die Königin Mataswintha.«

So gewaltig und ernst sprach er diese Worte, daß das Heer sie mit lautloser Ehrfurcht vernahm.

Hildebad öffnete die Lagerpforte: man sah die Reihen [pg 170]der Empörer im Sturmschritt heraneilen: laut scholl ihr Kriegsruf, als sich das Thor öffnete.

König Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen. Hinter ihm schloß sich das Thor.

»Er sucht den Tod,« flüsterte Hildebrand. »Nein,« sprach Teja, »er sucht und bringt das Heil der Goten.«

Wohl stutzten die Feinde, als sie den einzelnen Reiter erkannten: neben den wölsungischen Brüdern, die an der Spitze zogen, ritt ein Führer avarischer Pfeilschützen, die sie in Sold genommen. Dieser hielt die Hand vor die kleinen, blinzenden Augen und rief: »Beim Rosse des Roßgotts, das ist der König selbst! jetzt, meine Burschen, pfeilkundige Söhne der Steppe, zielt haarscharf und der Krieg ist aus.« Und er riß den krummen Hornbogen von der Schulter.

»Halt, Chan Warchun,« sprach Herzog Guntharis, eine eherne Hand auf seine Schulter legend. »Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem. Du nennst den Grafen Witichis König: das sei dir verziehn. Und du willst ihn morden, der im Botenfrieden naht: Das mag avarisch sein: es ist nicht Gotensitte. Hinweg mit dir und deiner Schar aus meinem Lager.«

Der Chan stutzte und sah ihn staunend an: »Hinweg, sogleich!« wiederholte Herzog Guntharis. Der Avare lachte und winkte seinen Reitern: »Mir gleich! Kinder: wir gehn zu Belisar. Sonderbare Leute, diese Goten! Riesenleiber – Kinderherzen.«

Indessen war Witichis herangeritten. Guntharis und Arahad musterten ihn mit forschenden Blicken. In seinem Wesen lag neben der alten, schlichten Würde eine ernste Hoheit: die Majestät des höchsten Schmerzes.

»Ich komme, mit euch zu reden, zum Heil der Goten. Nicht weiter sollen Brüder sich zerfleischen. Laßt uns [pg 171]zusammen einziehen in Ravenna und zusammen Belisar bekämpfen. Ich werde Mataswintha freien und ihr beide sollt am nächsten stehen an meinem Thron.«

»Nimmermehr!« rief Arahad leidenschaftlich. »Du vergißt,« sprach Herzog Guntharis stolz, »daß deine Braut in unsern Zelten ist.«

»Herzog Guntharis von Tuscien, ich könnte dir erwidern, daß bald wir in euren Zelten sein werden. Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr, und, o Herzog Guntharis, mit uns ist das Recht. Ich will nicht also sprechen. Aber mahnen will ich dich des Gotenvolks. Selbst wenn du siegen solltest, – du wirst zu schwach, um Belisar zu schlagen. Kaum einig sind wir ihm gewachsen. Gieb nach!«

»Gieb du nach!« sprach der Wölsung, »wenn dir’s ums Gotenvolk zu thun. Lege diese Krone nieder: kannst du kein Opfer bringen deinem Volk?« – »Ich kann’s – ich hab’s gethan. Hast du ein Weib, o Guntharis?«

»Ein teures Weib habe ich.« – »Nun wohl: auch ich hatte ein teures Weib. Ich hab’s geopfert meinem Volk: ich habe sie ziehen lassen, Mataswinthen zu freien.«

Herzog Guntharis schwieg. Arahad aber rief: »dann hast du sie nicht geliebt.«

Da fuhr Witichis empor: sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengroß: Glut deckte seine Wangen, und einen vernichtenden Blick warf er auf den erschrockenen Jüngling: »Schwatze mir nicht von Liebe, lästre nicht, du thörichter Knabe! Weil dir ein paar rote Lippen und weiße Glieder in deinen Träumen vor den Blicken glänzen, sprichst du von Liebe? Was weißt du von dem, was ich an diesem Weib verloren, der Mutter meines süßen Kindes! Eine Welt von Liebe und Treue. Reizt mich nicht: meine Seele ist wund: in mir liegen Schmerz und Verzweiflung [pg 172]mit Mühe gebändigt: reizt sie nicht, laßt sie nicht losbrechen.«

Herzog Guntharis war sehr nachdenklich geworden.

»Ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah ich unadeligen Mann so adelige Streiche thun. Ich weiß, es ist kein Falsch an dir. Ich weiß, wie Liebe bindet an ein ehlich Weib. Und du hast das Weib deinem Volk geopfert? Das ist viel.«

»Bruder! was sinnest du?« rief Arahad, »was hast du vor?« – »Ich habe vor, das Haus der Wölsungen an Edelmut nicht beschämen zu lassen. Edle Geburt, Arahad, heischt edle That!

Sag’ mir nur eins noch: weshalb hast du nicht lieber die Krone hingegeben, ja dein Leben, als dein Weib?«

»Weil es des Reiches sicheres Verderben war. Zweimal wollt’ ich die Krone Graf Arahad abtreten: zweimal schwuren die Ersten meines Heeres, ihn nie anzuerkennen. Drei, vier Gegenkönige würden gewählt, aber, bei meinem Wort, Graf Arahad würde niemals anerkannt. Da rang ich mein Weib von mir ab, vom blutenden Herzen. Und nun, Herzog Guntharis, gedenk’ auch du des Gotenvolks. Verloren ist das Haus der Wölsungen, wenn die Goten verloren. Die edelste Blüte des Stammes fällt mit dem Stamm, wenn Belisar die Axt an die Wurzel legt. Ich habe mein Weib dahingegeben, meines Lebens Krone: gieb du die Hoffnung einer Krone auf.«

»Man soll nicht singen in der Goten Hallen: Der Gemeinfreie Witichis war edler, als des Adels Edelste! Der Krieg ist aus: ich huldige dir, mein König.« Und der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis, der ihn aufhob und an seine Brust zog.

»Bruder! Bruder! was thust du an mir! welche Schmach!« rief Arahad. »Ich rechn’ es mir zur Ehre!« [pg 173]sprach Guntharis ruhig. »Und zum Zeichen, daß mein König nicht Feigheit sieht, sondern eine Edelthat in der Huldigung, erbitt’ ich mir eine Gunst. Amaler und Balthen haben unser Geschlecht zurückgedrängt von dem Platz, der ihm gebührt im Volke der Goten.« »In dieser Stunde,« sprach Witichis, »kaufst du ihn zurück: die Goten sollen nie vergessen, daß Wölsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart hat.« – »Und des zum Zeichen sollst du uns das Recht verleihen, daß die Wölsungen der Goten Sturmfahne dem Heer vorauftragen in jeder Schlacht.« »So sei’s,« sagte der König, ihm die Rechte reichend, »und keine Hand wird sie mir würdiger führen.« »Wohlan, jetzt auf zu Mataswintha,« sprach Guntharis.

»Mataswintha!« rief Arahad, der bisher wie betäubt der Versöhnung zugesehen, die alle seine Hoffnungen begrub. »Mataswintha!« wiederholte er. »Ha, zur rechten Zeit gemahnt ihr mich. Ihr könnt mir die Krone nehmen: – sie fahre hin, – nicht meine Liebe und nicht die Pflicht, die Geliebte zu beschützen. Sie hat mich verschmäht: ich aber liebe sie bis zum Tode. Ich habe sie vor meinem Bruder beschirmt, der sie zwingen wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will ich sie beschützen, wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhaßten Feindes zu werden. Frei soll sie bleiben, diese Hand, die kostbarer als alle Kronen der Erde.« Und rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhängtem Zügel seinem Lager zu.

Witichis sah ihm besorgt nach. »Laß ihn,« sprach Herzog Guntharis, »wir beide, einig, haben nichts zu fürchten. Gehen wir die Heere zu versöhnen, wie die Führer.«

Während Guntharis zuerst den König durch seine Reihen führte und diese aufforderte, gleich ihm zu huldigen, was sie mit Freuden thaten, und darauf Witichis den [pg 174]Wölsungen und seine Anführer mit in sein Lager nahm, wo die Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein Wunderwerk des Königs angesehen wurde, sammelte Arahad aus den Reitern im Vordertreffen eine kleine Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen Gefolgen und sprengte mit ihnen nach seinem Lager zurück.

Bald stand er im Zelt vor Mataswinthen, die sich bei seinem Eintreten unwillig erhob. »Zürne nicht, schilt nicht, Fürstin! diesmal hast du kein Recht dazu. Arahad kommt, die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfüllen. Flieh, du mußt mir folgen.« Und im Ungestüm seiner Aufregung griff er nach der weißen, schmalen Hand.

Mataswintha trat einen Schritt zurück und legte die Rechte an den breiten Goldgürtel, der ihr weißes Untergewand umschloß: »fliehen?« sagte sie, »wohin fliehen?«

»Übers Meer! Über die Alpen! gleichviel: in die Freiheit. Denn deiner Freiheit droht höchste Gefahr.«

»Von euch allein droht sie.« – »Nicht mehr von mir! Und ich kann dich nicht mehr beschirmen. Solang du mein werden solltest, konnte ich es, konnte grausam sein gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun –«

»Aber nun?« sprach Mataswintha erbleichend.

»Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, mein Heer und meine Feinde im Königslager und in Ravenna, alle sind darin einig. – Bald werden sie dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich kann’s nicht denken! Diese Seele, diese Schönheit entweiht als Opfer in ungeliebtem Ehebund.«

»Laß sie kommen,« sagte Mataswintha, »laß sehen, ob sie mich zwingen!« Und sie drückte den Dolch, den sie im Gürtel trug, an sich. – »Wer ist er, der neue Zwingherr, der mir droht.«

»Frage nicht!« rief Arahad, »dein Feind, der dein [pg 175]nicht wert, der dich nicht liebt; der – folge mir! – flieh’, schon kommen sie!« Man hörte von draußen nahenden Hufschlag.

»Ich bleibe. Wer zwingt das Enkelkind Theoderichs?«

»Nein! du sollst nicht, sollst nicht in ihre Hände fallen, der Fühllosen, die nicht dich lieben, nicht deine Herrlichkeit, nur dein Recht auf die Krone! Folge mir ... –«

Da ward der Thürvorhang des Zeltes zur Seite geschoben: Graf Teja trat ein. Zwei Gotenknaben mit ihm, in weißer Seide, festlich gekleidet.

Sie trugen ein mit einem Schleier verhülltes Purpurkissen. Er trat bis an die Mitte des Zeltes und beugte das Knie vor Mataswinthen. Er trug, wie die Knaben, einen grünen Rautenzweig um den Helm. Aber sein Auge und seine Stirne war düster, – als er sprach: »Ich grüße dich, der Goten und Italier Königin!«

Mit erstauntem Blick maß sie ihn. Teja erhob sich, trat zurück zu den Knaben, nahm von dem Kissen einen goldenen Reif und den grünen Rautenkranz und sprach: »Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone, Mataswintha, und lade dich zur Hochzeit und zur Krönung – die Sänfte steht bereit.«

Arahad griff ans Schwert.

»Wer sendet dich?« fragte Mataswintha mit klopfendem Herzen, aber die Hand am Dolch. »Wer sonst, als Witichis, der Goten König.« Da leuchtete ein Strahl der Begeisterung aus Mataswinthens wunderbaren Augen: sie erhob beide Arme gen Himmel und sprach: »Dank, Himmel, deine Sterne lügen nicht: und nicht das treue Herz. Ich wußt es wohl.« Und mit beiden schimmernden Händen ergriff sie das bekränzte Diadem und drückte es fest auf das dunkelrote Haar. »Ich bin bereit. Geleite mich,« sprach sie, »zu deinem Herrn und meinem.« Und mit [pg 176]königlicher Wendung reichte sie Graf Teja die Linke, der sie ehrerbietig hinausführte.

Arahad aber starrte der Verschwundenen nach, sprachlos, noch immer die Hand am Schwert. Da trat Eurich, einer seiner Gefolgen, zu ihm heran, und legte ihm die Hand auf die Schulter: »Was nun?« fragte er, »die Rosse stehen und harren: wohin?« »Wohin?« rief Arahad auffahrend – »wohin? Es giebt nur noch Einen Weg: wir wollen ihn gehen. Wo stehen die Byzantiner und der Tod?«

Zweites Kapitel.

Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles Fest auf den Fora und in dem Königspalast zu Ravenna.

Die Bürger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in gemischten Scharen durch die Straßen und fuhren durch die Lagunenkanäle, – denn Ravenna war damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, wie heute Venedig – die riesigen Kränze, Blumenbogen und Fahnen zu bewundern, die von allen Zinnen und Dächern niederwehten: denn es galt, Vermählung des gotischen Königspaares zu feiern.

Am frühen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor den Thoren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart. Der König und die Königin erschienen auf milchweißen Rossen: abgestiegen waren sie vor allem Volk unter eine breitschattende Steineiche getreten: dort hatte Witichis seiner Braut die rechte Hand [pg 177]auf das Haupt gelegt: sie aber trat mit dem entblößten linken Fuß in den Goldschuh des Königs.

Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe nach Volksrecht geschlossen. Darauf bestieg das Paar einen mit grünen Zweigen geschmückten Wagen, der von vier weißen Rindern gezogen ward; der König schwang die Geißel und sie fuhren, gefolgt von dem Heere, in die Stadt. Dort schloß sich an die halb heidnische, germanische, eine zweite, die christliche Feier: der arianische Bischof erteilte seinen Segen über das Paar in der Basilika Sancti Vitalis und ließ es die Ringe wechseln.

Rauthgundens wurde nicht gedacht.

Noch war die Kirche nicht mächtig genug, ihre Forderung der Unauflöslichkeit einer kirchlich geschlossenen Ehe überall durchzusetzen: vornehme Römer und vollends Germanen verstießen noch häufig in voller Willkür ihre Frauen. Und wenn gar ein König aus Gründen des Staatswohls und ohne Einspruch der Gattin das Gleiche beschloß, erhob sich kein Widerstand. –

Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in dessen Hallen und Gärten ein großes Festmahl gerüstet war.

Das ganze Gotenheer und die ganze Bevölkerung der Stadt fand hier, dann auf den Fora des Herkules und des Honorius und in den nächsten Straßen und Kanälen auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, während die Großen des Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Königspaar in der Gartenrotunde oder in der weiten Trinkhalle, die Theoderich hatte in dem römischen Palast anbringen lassen, tafelten.

So wenig die Lage des Landes und des Königs Stimmung zu rauschenden Festen passen mochten, – es galt, die Ravennaten mit den Goten und die verschiedenen Parteien der Goten unter sich zu versöhnen: und man [pg 178]hoffte, in Strömen des Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen hinwegzuspülen.

Am besten übersah man den Königstisch und die festlichen Tafeln, die sich über den weiten Garten und Park verteilten, von dem zum Brautgemach Mataswinthens bestimmten kleinen Gelaß, dessen einziges Fenster auf die Rotunde vor dem Garten und, über den Garten hin, bis auf das Meer ausblicken ließ.

In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmückend zu schalten und zu walten, hatte sich Aspa, die Numiderin, als Lohn treuer Dienste ausgebeten. »Denn diese ernsten, finstern Römer wissen ebensowenig wie die rauhen Goten, dem schönsten Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: in Afrika, im Land der Wunder, lernt man das.«

Und wohl war ihr’s gelungen, wenn auch im Sinn der schwülen, phantastischen Üppigkeit ihrer Heimat. Sie hatte das enge und niedre Gemach wie zu einem kleinen Zauberkistchen umgeschaffen! Wände und Decke waren von glänzend weißen Marmorplatten gefügt.

Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach aufeinandergelegten Gehängen von dunkelroter Seide verhüllt, die in schweren Falten von den Wänden niederfloß, sich über die Getäfeldecke wie ein Rundbogen wölbte und den Marmorboden so dicht verhüllte, daß jeder Tritt lautlos drüber hin glitt und alles Geräusch sich im Entstehen brach. Nur an der Fensterbrüstung sah man den schimmernd weißen Marmor sich prachtvoll von der Glut der Seide heben.

Das Fenster von weißem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber Seide verhangen und alles Licht in dem kleinen Raum strömte aus von einer Ampel, die von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube mit goldnen Flügeln schwebte aus einem Füllhorn von [pg 179]Blumengewinden: in den Füßen trug sie eine flache Schale aus einem einzigen großen Karneol, der, ein Geschenk des Vandalenkönigs, in den aurasischen Bergen gefunden, als ein seltenes Wunder galt.

Und in dieser Schale glühte ein rotes Flämmchen, genährt von stark duftendem Cederöl. Ein gebrochenes, träumerisches Dämmerlicht ergoß sich von hier aus über das phantastische Doppelpfühl, das, halb von Blumen verschüttet, darunter stand. Aspa hatte sich das bräutliche Lager als die aufgeschlagnen Schalen einer Muschel gedacht, die an der innern Seite zusammenhängen, zwei ovale muschelförmige Klinen von Citrusholz erhoben sich nur wenig von dem Teppich des Bodens. Über die weißen Kissen und Teppiche hin war eine Linnendecke von orangegoldnem Glanz gegossen.

Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Fülle von Blumen, welche die Hand der Numiderin mit poesiereichem, wenn auch phantastischem Geschmack über das ganze Gemach verstreut und über die Wände, Decken, Vorhänge, die Thüre und das Lager verteilt hatte.

Ein Bogen von starkduftigen Geißblattranken überwölbte laubenartig die einzige Thüre, den schmalen Eingang. Zwei mächtige Rosenbäume standen zu Häupten des Lagers und streuten ihre roten und weißen Blüten auf die Teppiche. Die Ampel hing, wie erwähnt, aus einem kunstvoll gewundnen Füllhorn von Blumen herab. Und überall sonst, wo eine Falte, eine Biegung der Teppiche das Auge zu verweilen lud, hatte Aspa eine seltene Blume glücklich angeschmiegt. Der Lorbeer und der Oleander Italiens, die sicilische Myrte, das schöne Rhododendron der Alpen und die glühenden Iriaceen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: – alle lauschten je am gelegensten Ort und doch, wie es schien, vom Zufall hingeworfen. –

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Schon standen die Sterne am Himmel.

Es dämmerte draußen: im Gemach hatte Aspa die Flamme in der veilchendunkeln Schale entzündet und war nur noch beschäftigt, hier und da eine Falte zu glätten, indes sie eine römische Sklavin anwies, in den Silberkrügen auf dem Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu kühlen, eine andre, das Gemach mit Balsam zu durchsprengen.

»Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! So!« rief Aspa, eine volle Libation über das Lager spritzend.

»Laß ab,« mahnte die Römerin, »es ist zu viel! Schon der Duft der Blumen betäubt: die Rose und das Geißblatt berauschen fast die Sinne: mir würde schwindeln hier.«

»Ah,« lachte Aspa, »wie singt der Dichter: »Nüchternen nimmer nahet das Glück: nur in seligem Rausche.« Laß uns jetzt das Fenster schließen.« – »Nur ein wenig noch laß mich lauschen,« bat eine dritte junge Sklavin, die dort lehnte. »Es ist zu schön! Komm, Frithilo,« sprach sie zu einer gotischen Magd, die neben ihr stand, »du kennst ja all die stolzen Männer und Frauen: sage, wer ist der zur Linken der Königin mit dem goldnen Schuppenpanzer? er trinkt dem König zu.« – »Herzog Guntharis von Tuscien, der Wölsung. Sein Bruder, Graf Arahad von Asta ... – wo mag der sein zu dieser Stunde?«

»Und der Alte neben dem König, mit dem grauen Bart?«

»Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna befehligt. Er spricht die Fürstin an. Wie sie lacht und errötet! Nie war sie so schön.« – »Ja, aber auch der Bräutigam – welch herrlicher Mann! Der Kopf des Mars, der Nacken des Neptun. Aber er sieht nicht fröhlich: – vorhin starrte er lange sprachlos in seinen Becher [pg 181]und furchte die Stirn: – die Königin sah es: – bis der alte Hildebrand, gegenüber, ihm zurief. Da sah er seufzend auf. Was hat der Mann zu seufzen? neben diesem Götterweib.«

»Nun,« sprach die Gotin, »er hat dann doch nicht ein ganz steinern Herz. Er denkt dann vielleicht an die, die sein rechtes Weib vor Gott und Menschen, die er verstoßen.«

»Was? wie? was sagst du? riefen die drei Sklavinnen zugleich. Aber urplötzlich fuhr Aspa zwischen die Mädchen: »Willst du wohl schweigen mit dem dummen Gerede, Barbarin! Mach, daß du fortkommst! Ein solches Wort: – eine Silbe, daß es die Königin hört und du sollst der Afrikanerin gedenken.«

Frithilo wollte erwidern. »Still,« rief eine der Römerinnen. »Die Königin bricht auf.« – »Sie wird hier herauf kommen.« – »Der König bleibt noch.« – »Nur die Frauen folgen ihr.« – »Sie geben ihr das Geleit bis hierher,« sprach Aspa. »Gleich kann sie hier sein: bereitet euch, sie zu empfangen.«

Bald nahte der Zug, von Fackelträgern und Flötenbläsern eröffnet. Darauf eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: neben Mataswintha, der Braut oder jungen Frau, schritt Theudigotho, die Gattin Herzogs Guntharis, und Hildiko, die Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen den Zug.

An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswintha ihr Gefolge, an die jungen Mädchen ihren Schleier, an die Frauen ihren Gürtel verschenkend.

Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten, andre nach Hause zurück. Sechs Gotinnen aber, drei Frauen und drei Jungfrauen, ließen sich als Ehrenwache vor der Thüre des Brautgemaches nieder, wo Teppiche für sie bereitet lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen [pg 182]Zahl gotischer Männer, die den Bräutigam geleiteten, die Nacht zu verbringen: so wollt’ es die gotische Sitte.

Mataswintha überschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens. »Aspa,« rief sie, »das hast du schön gemacht! – zauberisch!« –

Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme über die Brust und beugte den Nacken. Sie an sich ziehend, flüsterte die Braut:

»Du kanntest mein Herz und seine Träume! Aber,« fuhr sie aufatmend fort, »wie schwül! Deine glühenden Blumen berauschen.«

»In Glut und Rausch nahen die Götter!« sprach Aspa.

»Wie schön jene Violen: und dort die Purpurlilie; mir ist, die Göttin Flora flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darüber ihre schönsten Blumen. Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier erlebe. Es durchrieselt mich heiß. – Es ist schwül. – Nehmt mir den schweren Prunk ab.« Und sie nahm die goldne Krone aus dem Haar.

Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und zog die goldne Nadel heraus, die sie am Hinterkopf zusammenhielt: frei wallte das Haar in den Nacken. Die andern Sklavinnen lösten die Spange, die in Gestalt einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit seinen reichen Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt. Der Mantel fiel und zeigte die edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem ärmellosen wallenden Unterkleid von weißer persischer Seide. Ihre schimmernden Arme umzirkten zwei breite, goldne Armreife: – Erbstücke aus dem alten Schatz der Amalungen: grüne Schlangen von Smaragden waren darin eingelegt.

Mit Entzücken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie [pg 183]diese vor den in den Marmor eingelassenen Metallspiegel trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu schlichten.

»Wie schön du bist! wie zauberschön! – wie Astaroth, die Liebesgöttin: – nie warst du so schön, wie in dieser Stunde.« Mataswintha warf einen raschen Blick in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fühlte, daß Aspa recht hatte: und sie errötete.

»Geht,« sagte sie, »laßt mich allein mit meinem Glück.« Die Sklavinnen gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, das sie rasch öffnete, wie um ihren Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der unten vom Schein der Hängelampen im Garten voll beleuchtet war.

»Er! Wieder er. – Wohin entflieh ich vor ihm, dem süßen Tod?«

Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenüber, glänzte im Ampellicht eine weiße Marmorbüste. Sie kannte sie wohl: Aspa hatte den Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender Sehnsucht. Heute aber schlang sich ein Kranz von weißen und roten Rosen um sein Haar. »Und wieder du!« flüsterte die Braut, süß erschrocken und legte die weiße Hand vor die Augen. »Und schließ ich die Augen und wend’ ich sie nach innen, so seh ich wieder sein Bild, sein Bild allein im tiefsten Herzen. Ich werde noch untergehn in diesem Bilde! Ach, und ich will’s!« rief sie die Hand fallen lassend und dicht vor die Büste tretend: »ich will’s! Wie oft, mein Ares, wann der Abend kam, hab’ ich zu dir aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus deinen klaren, großen Zügen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat dieses Ahnen, dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfüllt! Wie er einst dem weinenden Kinde die Thränen getrocknet und die Ratlose nach Hause [pg 184]geführt, so wird er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in seinem Herzen. Und durch all diese öden Jahre, durch all die letzten Monate voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefühl: »Es wird! Dir wird geschehen wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher an der starken Brust.« Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des Himmels: – es ward. Ich bin sein! Dank, glühenden, seligen Dank, wer immer du bist, beglückende Macht, die über den Sternen die Bahn der Menschen lenkt mit weiser, mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich will’s verdienen, dieses Glück. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich bin schön: ich weiß es, daß ich’s bin: ich weiß es ja durch ihn: – ich will’s für ihn sein. Laß mir, Himmel, diese Schöne. Sie sagen: ich habe einen mächtigen, schwungvollen Geist. O gieb ihm Flügel, Gott, daß ich seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhöhen. Aber, o Gott, laß mich auch abthun meine Fehler, den spröden, stolzen, leicht gereizten Sinn, den Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbändigen Drang nach Freiheit ... – O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmütiger Geist: ihm sich zu beugen ist edelster Ruhm. Gieb dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig an ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis,« rief sie und sank fortgerissen vom Gefühl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und zu der Büste aufblickend mit schwimmenden Augen – »ich bin dein. Thu wie du willst mit meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh, daß du glücklich bist, glücklich durch mich.«

Und sie beugte das schöne Haupt vor, nach den gefaltenen Händen.

Doch plötzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht floß ins Gemach. An der offenen Thüre stand der König: [pg 185]draußen auf dem Gang zeigten sich zahlreiche Goten und Ravennaten mit hellen Fackeln.

»Dank, meine Freunde,« sprach der König mit ernster Stimme. »Dank, für das Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht,« und er wollte die Thüre schließen.

»Halt,« sprach Hildebrand, mit der Hand die Thüre wieder öffnend, so daß Mataswintha sichtbar ward, »hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das Weib, die heut wir vermählt, sind glücklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet Witichis und Mataswintha: und ihren ersten ehelichen Kuß.«

Mataswintha erbebte. Sie wankte, und schlug erglühend die Augen nieder.

Unschlüssig stand der König in der Thür. »Du kennst der Goten Brauch,« sprach Hildebrand laut, »so thu’ danach.«

Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswinthens, führte sie schnell einen Schritt vorwärts und berührte mit den Lippen ihre Stirn. Mataswintha zuckte.

»Heil euch!« rief Hildebrand. »Wir haben gesehen den bräutlichen Kuß. Wir bezeugen hinfort den ehelichen Bund! Heil König Witichis und seinem schönen Weib, der Königin Mataswintha.«

Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand, Graf Grippa, Herzog Guntharis, Hildebad, Aligern und der tapfere Bandalarius (Bannerträger) des Königs, Graf Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen und Mädchen vor der Thüre des Brautgemachs, welche Witichis nun schloß.

Sie waren allein.

Witichis warf einen langen, prüfenden Blick durch das Gemach. Das erste, was Mataswintha that, war, – sein [pg 186]Kuß brannte auf ihrer Stirn, – daß sie unwillkürlich soweit als möglich von ihm hinwegglitt. So war sie – sie wußte nicht wie – in die fernste Ecke des Zimmers, an das Fenster, gelangt. Witichis mochte es bemerken. Er stand hart an der Schwelle, die Hände auf das mächtige, breite und fast brusthohe Schwert gestützt, das er, aus dem Wehrgehäng genommen, in der Scheide, wie einen Stab, in der Rechten führte.

Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das Auge ruhig auf Mataswintha gerichtet. »Königin,« sprach er und seine Stimme drang ernst und feierlich aus seiner Brust, »sei getrost! Ich ahne, was du fürchtend fühlst in zarter Mädchenbrust. Es mußte sein. Ich durfte dein nicht schonen. Das Wohl des Volks gebot’s: ich griff nach deiner Hand: sie muß mein sein und bleiben. Doch hab’ ich schon in allen diesen Tagen dir gezeigt, daß deine Scheu mir heilig. Ich habe dich gemieden: – und wir sind jetzt zum ersten Mal allein. Auch diese gepreßte bange Stunde hätt’ ich dir gern erspart: es ging nicht an. Du kennst, glaube ich, die alte Sitte des Brautgeleits. Und du weißt, in unserem Fall liegt alles daran, sie nicht zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat, und die Röte in deinen Wangen aufflammen sah, – lieber hätt’ ich im ödesten Berggeklüft dieses müde Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt. Es ging nicht: Hildebrand und Graf Grippa und Herzog Guntharis hüten diese Schwelle. Sonst ist kein Ausgang aus diesem Gemach.

Wollt’ ich dich verlassen, es gäbe Lärm und Spott und Streit: und neuen Zwist vielleicht. Du mußt mich diese Nacht in deiner Nähe dulden.«

Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab: auch den Purpurmantel, den er, ähnlich dem Mataswinthens, über der Schulter trug, warf er ab.

[pg 187]

Zitternd, sprachlos lehnte Mataswintha an der Wand.

Witichis drückte dies Schweigen: so schwer er selber litt, ihn dauerte des Mädchens. »Komm, Mataswintha,« sprach er. »Verharre nicht in unversöhntem Zorn. Es mußte sein, sag’ ich dir. Laß uns, was sein muß, edel tragen und nicht durch Kleinheit uns verbittern. Ich mußte deine Hand nehmen, – dein Herz bleibt frei.

Ich weiß, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, du darfst mich nicht lieben. Doch glaub’ mir: redlich ist mein Herz und achten sollst du immerdar den Mann, mit dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft, Königin der Goten!«

Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte.

Nicht länger hielt sich Mataswintha: rasch ergriff sie seine Hand und sank zugleich zu seinen Füßen nieder, daß Witichis überrascht zurücktrat.

»Nein, weiche nicht zurück, du Herrlicher!« rief sie. »Es ist doch kein Entrinnen vor dir! Nimm alles hin und wisse alles. Du sprichst von Zwang und Furcht und Unrecht, das du mir gethan. O Witichis, wohl hat man mich gelehrt, – das Weib soll immer klug verbergen, was es fühlt, soll sich bitten lassen und erweichen und nur genötigt geben, was es aus Liebe giebt, auch wenn ihr ganzes Herz danach verlangt. Sie soll niemals ... – Hinweg mit diesen niedrigen Plänen armer Klugheit! Laß mich thöricht sein! Nicht thöricht! Offen und groß, wie deine Seele!

Nur Größe kann dich verdienen, nur das Ungewöhnliche. Du sprichst von Zwang und Furcht? Witichis, du irrst! – Es brauchte keines Zwangs! – gern ...« –

Staunend hatte sie Witichis eine Zeit lang angesehen.

Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. »Das ist schön und groß, Mataswintha, daß du feurig fühlest für [pg 188]dein Volk, die eigene Freiheit ohne Zwang ihm opfernd. Glaub’ mir, ich ehre das hoch, und schlage das Opfer darum nicht niedriger an. That ich doch desgleichen! Nur um des Gotenreiches willen griff ich nach deiner Hand und nun und nie kann ich dich lieben.«

Da erstarrte Mataswintha.

Sie ward bleich wie eine Marmorstatue: die Arme fielen ihr schlaff herab: sie starrte ihn mit großen, offnen Augen an. »Du liebst mich nicht? du kannst mich nicht lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch kein Gott? Sag, bin ich denn nicht Mataswintha, die du das schönste Weib der Erde genannt?«

Aber der König beschloß, dieser Aufregung, die er nicht verstand und nicht erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. »Ja, du bist Mataswintha, und teilst meine Krone, nicht mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Königs, aber nicht das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein Herz, mein Leben ist auf ewig einer andern gegeben. Es lebt ein Herz, ein Weib, das sie von mir gerissen: und dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rauthgundis, mein Weib, mein treues Weib im Leben und im Tod!«

»Ha!« rief Mataswintha, wie von Fieber geschüttelt und beide Arme erhebend, »und du hast es gewagt ... –«

Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den König. »Du wagst es!« rief sie nochmals – »Hinweg, hinweg von mir!«

»Still,« sprach Witichis, »willst du die Lauscher draußen herbeirufen? Fasse dich, ich verstehe dich nicht.«

Und rasch zog er das mächtige Schwert aus der Scheide, trat damit an das Doppelpfühl und legte es auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng aneinanderstießen.

»Sieh hier dies Schwert! Es sei die ewige, scharfe, [pg 189]eherne, kalte Grenze zwischen uns! Zwischen deinem Wesen und dem meinen.

Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden.

Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide, – ich bleibe links. So teile, wie ein Schwertschnitt, diese Nacht für immer unser Leben!«

Aber in Mataswinthens Busen wogten die mächtigsten Gefühle, furchtbar ringend, drohend: Scham und Zorn, Liebe und glühender Haß. Die Stimme versagte ihr. »Nur fort, fort aus seiner Nähe,« konnte sie noch denken. Sie eilte gegen die Thür.

Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm.

»Du mußt bleiben.« Da zuckte sie zusammen: das Blut schoß in ihr auf: bewußtlos sank sie nieder.

Ruhig sah Witichis auf sie herab. »Armes Kind,« sprach er, »der schwüle Duft in diesem Gelaß hat sie ganz verwirrt! Sie wußte nicht, was sie sinnlos sprach!

Was ist deine kleine mädchenhafte Verwirrung gegen Rauthgundens Herzzerreißung und die meine.«

Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfühl zur Rechten des Schwertes.

Er selbst setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf den Bodenteppich zur Linken und lehnte den Rücken an das Lager.

Lang saß er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes Haargeflecht gedrückt, das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug. Es kam kein Schlaf in seine kummervollen Augen. –

Mit dem ersten Hahnenschrei verließ die Brautwache ihren Posten, von Flötenbläsern abgeholt. Gleich darauf schritt der König aus dem Gemach, in voller Rüstung.

Die Flöten hatten auch Mataswintha geweckt.

Aspa, die sich leise heranschlich, hörte plötzlich einen [pg 190]dumpfen Schlag. Sie eilte in das Gemach. Da stand die Königin, auf des Königs langes Schwert gestützt, und starrte vor sich zur Erde.

Der Areskopf lag zertrümmert zu ihren Füßen.

Drittes Kapitel.

Im friedlichen Licht des späten Nachmittags schimmerten die Kirche und das Kloster, die am Fuß des Apenninus nordöstlich von Perusia und Asisium, südlich von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb des kleinen Fleckens Taginä, Valerius gebaut, seine Tochter vom Dienst des Jenseits einzulösen.

Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgeführt, umfriedete mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem grünem Laubwerk. An den vier Seiten desselben liefen kühle Bogengänge hin mit Apostelstatuen und Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmückt. All dies Bildwerk hatte den freudlosen byzantinischen Ernst: es waren sinnbildliche Darstellungen aus der heiligen Schrift, zumal aus der Offenbarung Johannis, dem Lieblingsbuch jener Zeit.

Feierliche Stille waltete rings. Das Leben schien weithin ausgeschlossen von diesen hohen und starken Mauern. Cypressen und Thuien herrschten vor in den Baumgruppen des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen ward. Die strenge Klosterordnung duldete die Vöglein nicht: der Nachtigall süßes Rufen sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stören.

Cassiodor war es, der, schon als Minister Theoderichs [pg 191]einer streng kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll, seinem Freunde Valerius den ganzen Plan der äußeren und inneren Einrichtung seiner Stiftung entworfen – ähnlich der Regel des Männerklosters, das er selbst zu Squillacium in Unteritalien gegründet – und dessen Ausführung überwacht hatte. Und sein frommer, aber strenger, der Welt und dem Fleisch feindlich abgewendeter Geist drückte sich denn im größten wie im kleinsten dieser Schöpfung aus. Die zwanzig Jungfrauen und Witwen, welche hier als Religiosä lebten, verbrachten in Beten und Psalmensingen, in Buße und Kasteiung ihre Tage. Doch auch in werkthätiger christlicher Liebe, indem sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Hütten aufsuchten und ihnen Seele und Leib trösteten und pflegten.

Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr ernsten Eindruck, wenn durch die dunkeln Cypressengänge hin eine dieser frommen Beterinnen wandelte, in dem faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt die weiße enganschließende Kalantika, eine Tracht, die das Christentum von den ägyptischen Isispriestern überkommen. Vor den oft in Kreuzesform geschnittenen Buchsgebüschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf der Brust. Immer gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten sie bei jeder Begegnung aneinander vorüber. Denn das Gespräch war auf das Unerläßliche beschränkt.

In der Mitte des Gartens floß ein Quell aus dunklem Gestein von Cypressen überragt. Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen.

Es war ein stilles, schönes Plätzchen: wilde Rosen bildeten dort eine Art Laube und verbargen beinahe völlig ein finsteres, rohes Steinrelief, das die Steinigung des heiligen Stephanus darstellte.

An diesem Quell saß, eifrig lesend in aufgerollten [pg 192]Papyrusrollen, eine schöne, jungfräuliche Gestalt in schneeweißem Gewand, das eine goldne Spange über der linken Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in weichen Wellen zurückgelegt, umflocht eine fein geschlungene Epheuranke: – Valeria war’s, die Römerin.

Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden, seit die Säulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestürzt. Sie war bleicher und ernster geworden in diesen einsamen Räumen. Aber ihr Auge leuchtete noch in seiner ganzen stolzen Schönheit.

Sie las mit großem Eifer; der Inhalt schien sie lebhaft fortzureißen, die feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkürlich und zuletzt ward die Stimme der Lesenden leise vernehmlich:

Sie las nicht weiter: die großen runden Augen wurden feucht, ihre Stimme versagte; sie neigte das blasse Haupt.

»Valeria,« sprach eine milde Stimme, und Cassiodor beugte sich über ihre Schulter. »Thränen über dem Buch [pg 193]des Trostes? Aber was sehe ich: – die Ilias! Kind! ich gab dir doch die Evangelien.«

»Verzeih mir, Cassiodor. Es hängt mein Herz noch andern Göttern an als deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten ernster Entsagung auf mich eindringen, seit ich bei dir und in diesen Mauern weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an die letzten Fäden, die mich mit einer andern Welt verbinden. Und zwischen Grau’n und Liebe ratlos schwankt der Sinn.«

»Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden. Wohlan, so zieh hinaus. Du bist ja frei und Herrin deines Willens. Kehre zurück zu jener bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glück zu finden.«

Sie aber schüttelte das schöne Haupt. »Es geht nicht mehr. Feindlich ringen in meiner Seele zwei Gewalten. Welche auch siege, – ich verliere immer.«

»Kind, sprich nicht so! du kannst die beiden Mächte, Erdenlust und Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen.«

»Weh’ denen,« fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, »welchen das Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt, der bald zu den Sternen nach oben, bald nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines der beiden froh.«

»In dir, mein Kind,« sprach Cassiodor, sich zu ihr setzend, »walten freilich unversöhnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter Sinn. Dein Vater, ein Römer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen Welt, kühn, sicher, selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht strebend, wenig, allzuwenig, fürcht’ ich, ergriffen von dem Geist unseres Glaubens, der nur im Jenseits unsere Heimat sucht, – in der That Valerius, mein Freund, [pg 194]war mehr ein Heide denn ein Christ. Und daneben deine Mutter, fromm, sanft, aus einem Martyrergeschlecht, den Himmel suchend und der Erde vergessen, auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in dich ... –«

»Nein,« sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt kräftig zurückwerfend, »ich fühle nur des Vaters Art in mir. Kein Tropfen Blut neigt jener Seite zu. Die Mutter war viel krank und starb schon früh. Unter meines Vaters Augen wuchs ich auf; Iphigenia und Antigone und Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia waren die Freundinnen meiner Jugend. Nicht viele Priester sah man in des Kaufherrn Haus und wenn er abends mit mir saß und las, so waren’s Livius und Tacitus und Vergilius, nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs ich heran bis in mein siebzehntes Jahr, den Sinn allein auf diese Welt gerichtet. Denn auch die Tugenden, die der Vater pries und übte, sie galten nur dem Staat, dem Haus, den Freunden. Glücklich war ich in jener Zeit, ungespalten meine Seele.«

»Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers.«

»Ich war glücklich. Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern mit ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in meine Seele. Dich fand ich hier und du entdecktest mir, was man mir bisher sorgfältig verborgen hatte, daß die Mutter in schwerer Krankheit mich schon vor meiner Geburt durch ein Gelübde dem ehelosen Leben im Kloster geweiht, wenn Gott sie und ihr Kind am Leben erhalte, und daß mein Vater, dem dieser Gedanke unerträglich, später mich vom Himmel eingelöst, indem er, freilich mit Zustimmung des Bischofs von Rom, statt die Tochter hinzugeben, Kirche und Kloster hier gebaut.«

»So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Ver[pg 195]mögens! Darüber kannst du dich beruhigen. Der Nachfolger des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu binden und zu lösen, hat den Tausch, die Umwandlung des Gelübdes gebilligt. Du bist frei!« – »Aber ich fühle mich nicht frei! Nicht mehr seit jener Stunde! Was auch du, was auch der Vater gesagt, tief, tief in meinem Herzen spricht eine Stimme: »der Himmel nimmt nicht totes Gold statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal läßt sich nicht abkaufen, was einmal ihm verwirkt war.« Die finstre, ernste, drohende Macht jenes heiligen Glaubens, der meiner Seele fremd gewesen und geblieben ist, die in diesem feierlichen Raume wohnt, hat ein Recht, ein zwingend Herrschaftsrecht über meine Seele und läßt nicht davon. Ich bin ihr verfallen. Ihr gehör’ ich an, nicht wollend, widerstrebend, aber sicher doch. Der Welt der Entsagung, des Schmerzes, der Dornen: nicht jener goldnen Welt meines Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch immer von innen meine ganze Seele neigt. So oft ich’s auch vergessen will, immer ziehen wieder die Wolkenschatten über meine Seele. Sie drohen im Hintergrunde aller Freuden: wie dort das finstre Martyrbild hinter den roten Rosen.«

»Valeria, du hassest, scheint’s, was du verehren solltest.«

»Ich hasse es nicht. Ich fürchte es. Wohl war eine Zeit,« – und ein Strahl der Freude flog über ihre Züge – »da glaubte ich den dunkeln Schatten für immer besiegt von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst des jungen Goten lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschloß, als soviel Jugend, Schönheit, Liebe und Glück mich umfluteten, da wähnte ich wohl, für immer sei jener Bann gelöst. Aber es währte nicht lang.

Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand, die ich zwischen ihn und mich gebaut [pg 196]und immer näher drangen seine Schläge. Der Krieg bricht aus, mein teurer Vater fällt und nimmt einen verhängnisvollen Eid des Geliebten mit sich ins Grab. In Schutt versinkt das Haus meiner Ahnen und ich muß flüchten aus meiner Vaterstadt. Sie fällt dem Feinde zu. Nur das Opfer eines köstlichen Lebens rettet mir den Geliebten. Die Woge des Krieges verschlägt ihn fern von mir.

Und wie ich erwache aus der Betäubung dieses Streichs, – find’ ich mich hier, in diesem großen Grabe, dem Ort meiner Bestimmung. Ach, du wirst sehen, der Himmel begnügt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch die Leiche, die hinein gehört.«

»Valeria! du solltest Kassandra heißen.«

»Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte trafen ein!«

»Du weißt, wir erkennen einer Seele den Preis zu, die der Erde vergißt über dem Himmel. Aber Gott will erzwungne Opfer nicht. Und so sag’ ich dir, du quälst dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich gelöst, so bist du frei.«

»Die Seele löst kein Papst. Der Papst nimmt Gold, das Schicksal nicht. Du wirst erfüllt sehen, was ich dir ahnend vorhersage – nie werd ich glücklich, nie werd ich Totilas und diese Stätte wird ... –«

»Und wenn’s so wäre? Hängst du denn noch gar so fest an Glück und Hoffnung? Freilich, du bist noch jung. Aber Kind, ich sage dir: je früher du dich losmachst, desto größerem Weh entrinnst du. Ich habe die Welt und ihre falschen Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und treulos erfunden. Nichts auf Erden füllt die Seele aus, die nicht von dieser Erde ist. Wer das erkennt, der sehnt sich hinweg aus dieser Welt der Unrast und der [pg 197]Sünde. Erst in der Welt jenseits des Grabes ist deine Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele ... –«

»Nein, nein, Cassiodor,« rief die Römerin, »meine ganze Seele verlangt nach Glück auf dieser schönen Erde! Ihr gehör’ ich an! Auf ihr fühl’ ich mich heimisch. Blauer Himmel, weißer Marmor, rote Rosen, linde, duftgefüllte Abendluft: – wie seid ihr schön!

Das will ich einatmen mit entzückten Sinnen! Wer das genießt, ist glücklich! Weh dem, der es verloren! Von deinem Jenseits hab’ ich kein Bild in meiner bangen Seele! Nebel, Schatten – graues Ungewiß allein liegt jenseit des Grabes. Wie spricht Achilleus?

So empfind’ auch ich. Weh’ dem, den nicht die goldne Sonne mehr bescheint. O wie gern, wie gern wär’ ich glücklich in dieser schönen Welt, in meinem schönen Heimatland: wie fürcht ich das Unheil, das doch unaufhaltsam näher dringt, wie hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten unhörbar, doch unhemmbar wachsen. O, wer ihn aufhielte, den furchtbar nahenden Schatten meines Lebens!«

Da drang vom Eingang her ein heller, kräftiglust’ger Schall, ein fremder Ton in diesen stillen Mauern, die nur vom leisen Choral der Jungfraun wiedertönten. Die Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der gotischen Reiter: belebend drang der Ton in die Seele Valerias.

Aus dem Wohngebäude aber eilte der alte Pförtner herbei. »Herr,« rief er, »keckes Reitervolk lagert vor den [pg 198]Mauern. Sie lärmen und verlangen Fleisch und Wein. Sie lassen sich nicht abweisen und der Führer: – da ist er schon« –

»Totila!« jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen, der in schimmernder Rüstung, vom weißen Mantel umwallt, waffenklirrend, heranschritt.

»O du bringst Luft und Leben!« »Und neues Hoffen und die alte Liebe,« rief Totila. Und sie hielten sich umschlungen.

»Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern geblieben!« – »Ich komme geradeswegs von Paris und Aurelianum, von den Höfen der Frankenkönige. O Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseit der Berge! Wie leicht haben sie’s! Da kämpft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre Germanenart. Nahe ist der Rhenus und Danubius und ungezählte Germanenstämme wohnen dort in alter ungebrochner Kraft: – wir dagegen sind wie ein vorgeschobner, verlorner Posten, ein einzelner Felsblock, den rings feindliches Element benagt.

Doch desto größer,« sprach er, sich aufrichtend, »ist der Ruhm, hier, mitten im Römerland, Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten.

Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, Valeria. Es ist das unsre auch geworden! Wie frohlockte mein Herz, als mich wieder Oliven und Lorbeer begrüßten und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fühlte klar: wenn mein edles Volk sich siegreich erhält in diesem edlen Land, dann wird die Menschheit ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn.«

Valeria drückte dem Begeisterten die Hand.

»Und was hast du ausgerichtet?« fragte Cassiodor.

»Viel! – Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von Byzanz, die ihn schon halb ge[pg 199]wonnen, als sein Bundesgenosse in Italien einzufallen. Die Götter – vergieb mir, frommer Vater – der Himmel war mit mir und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. Schlimmstenfalls ruhen seine Waffen ganz. Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe.«

»Wo ließest du Julius?«

»Ich geleitete ihn bis in seine schöne Heimatstadt Avenio. Dort ließ ich ihn unter blühenden Mandelbäumen und Oleandern. Dort wandelt er, fast nie mehr den Platon, meist den Augustinus in der Hand und träumt und träumt vom ewigen Völkerfrieden, vom höchsten Gut und von dem Staate Gottes! Wohl ist es schön in jenen grünen Thälern: – doch neid’ ich ihm die Muße nicht. Das Höchste ist das Volk, das Vaterland! Und mich verlangt’s, für dieses Volk der Goten zu kämpfen und zu ringen. Überall, wo ich des Rückwegs kam, trieb ich die Männer zu den Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich auf dem Wege nach Ravenna. Ich selber führe eine vierte dem wackern König zu. Dann geht es endlich vorwärts gegen diese Griechen, und dann: Rache für Neapolis!« Und mit blitzenden Augen hob er den Speer – er war sehr schön zu schauen.

Entzückt warf sich Valeria an seine Brust. »O sieh, Cassiodor, das ist meine Welt! meine Freude! mein Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und Volkesliebe und die Seele in Lieb’ und Haß bewegt – füllt das die Menschenbrust nicht aus?«

»Jawohl: im Glück und in der Jugend! Es ist der Schmerz, der uns zum Himmel führt.«

»Mein frommer Vater,« sagte Totila, mit der Linken Valeria an sich drückend, mit der Rechten an seine Schulter rührend, »schlecht steht mir an, mit dir, dem Ältern, Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist mein Herz [pg 200]geartet. Wenn ich je zweifeln könnte an eines gütigen Gottes Walten, so ist es, wann ich Schmerz und unverschuldet Leiden sehe. Als ich der edeln Miriam Auge brechen sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: »lebt denn kein Gott?«

Im Glück, im Sonnenschein fühl’ ich den Gott und seine Gnade wird mir offenbar. Er will gewiß der Menschen Glück und Freude: – der Schmerz ist sein heiliges Geheimnis – ich vertraue: dereinst wird uns auch dies Rätsel klar. Einstweilen aber laß uns auf der Erde freudig das Unsere thun und keinen Schatten uns allzulang verdunkeln.

In diesem Glauben, Valeria, laß uns scheiden. Denn ich muß fort zu König Witichis mit meinen Reitern.«

»Du gehst von mir? schon wieder? Wann, wo werd’ ich dich wiedersehn?«

»Ich seh’ dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand!

Ich weiß, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht dich aus diesen ernsten Mauern führen darf ins sonnige Leben. Laß dich indes nicht allzusehr verdüstern. Es kommt der Tag des Sieges und des Glücks: und mich erhebt’s, daß ich zugleich das Schwert für mein Volk und meine Liebe führe.«

Inzwischen war der Pförtner mit einem Schreiben an Cassiodor wiedergekommen.

»Auch ich muß dich verlassen, Valeria,« sprach der.

»Rusticiana, des Boëthius Witwe, ruft mich dringend an ihr Sterbebett: sie will ihr Herz erleichtern von alter Schuld. Ich gehe nach Tifernum.«

»Dahin führt auch unser Weg, du ziehst mit mir, Cassiodor. Leb wohl, Valeria!«

Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn. Sie bestieg ein Türmchen der Gartenmauer und [pg 201]sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller Rüstung sich in den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine Reiter hinter ihm traben. Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht, die blaue Fahne flatterte lustig im Winde: alles war voll Leben, Kraft und Jugend.

Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend.

Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der frohe Mut, den sein Erscheinen gebracht, wieder von ihr. Bange Ahnungen stiegen ihr auf und unwillkürlich sprachen sich ihre Gefühle aus in den Worten ihres Homeros:

Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurück.