Am 23. August 1916 wurden wir in Lastautomobile verladen und fuhren bis Le Mesnil. Obgleich wir schon erfahren hatten, daß wir im damaligen Brennpunkt der Sommeschlacht, dem Dorfe Guillemont, eingesetzt werden sollten, war die Stimmung vorzüglich. Scherzworte flogen unter allgemeinem Gelächter von einem Auto zum andern. Von Le Mesnil marschierten wir nach Einbruch der Dunkelheit bis Sailly-Saillisel, wo das Bataillon auf einer großen Wiese die Tornister ablegte und Sturmgepäck fertigmachte. Vor uns rollte und donnerte ein Artilleriefeuer von nie geahnter Stärke, tausend zuckende Blitze hüllten den westlichen Horizont in ein glühendes Flammenmeer. Fortwährend schleppten sich Verwundete mit bleichen, eingefallenen Gesichtern zurück, oft jäh von vorüberrasselnden Geschützen oder Munitionskolonnen in den Straßengraben gedrückt.
Ein Mann im Stahlhelm meldete sich bei mir, um meinen Zug in das berühmte Städtchen Combles zu führen, wo wir vorläufig in Reserve bleiben sollten. Neben ihm im Straßengraben sitzend, fragte ich natürlich begierig nach den Verhältnissen in Stellung und vernahm eine eintönige Erzählung von tagelangem Hocken in Granattrichtern ohne Verbindung und Annäherungswege, von unaufhörlichen Angriffen, von Leichenfeldern und wahnsinnigem Durst, vom Verschmachten Verwundeter und anderem mehr. Das halb vom Stahlhelm umrahmte, unbewegliche Gesicht und die monotone, vom Lärm der Front begleitete Stimme machten den Eindruck unheimlichen Ernstes. Man merkte dem Manne an, daß er jeden Schrecken bis zur Verzweiflung durchgekostet und dann verachten gelernt hatte. Nichts schien zurückgeblieben als eine große und männliche Gleichgültigkeit.
„Wer fällt, bleibt liegen. Da kann keiner helfen. Niemand weiß, ob er lebend zurückkommt. Jeden Tag wird angegriffen, doch durch kommen sie nicht. Jeder weiß, daß es auf Leben und Tod geht.“
Mit solchen Leuten kann man kämpfen.
Wir schritten auf einer breiten Chaussee, die sich im Mondschein wie ein weißes Band über das dunkle Gelände spannte, dem Kanonendonner entgegen, dessen verschlingendes Gebrüll immer unermeßlicher wurde. Lasciate ogni speranza! Bald schlugen die ersten Granaten rechts und links von unserem Wege ein. Die Unterhaltung wurde leiser und verstummte zuletzt ganz. Jeder lauschte mit jener seltsamen Spannung, die das ganze Fühlen und Denken auf das Ohr konzentriert, dem gezogenen Heranheulen der Geschosse. Besonders das Passieren von Frégicourt-Ferme, einer kleinen Häusergruppe vor dem Friedhof von Combles, die unter ständigem Feuer lag, war eine Nervenprobe.
Combles war, soweit wir in der Dunkelheit beobachten konnten, völlig zerschossen. Große Mengen von Holz zwischen den Trümmern und auf den Weg geschleudertes Hausgerät verrieten, daß die Zerstörung ganz jungen Datums sein mußte. Nach dem Übersteigen zahlreicher Schutthaufen, das durch eine Reihe von Schrapnells beschleunigt wurde, erreichten wir unser Quartier, ein großes, von Löchern durchsiebtes Haus, das ich mit drei Gruppen zum Wohnsitze erwählte, während meine beiden anderen Gruppen den Keller einer gegenüberliegenden Ruine bezogen.
Schon um 4 Uhr wurden wir von unserem aus Bettstücken zusammengesuchten Lager geweckt, um Stahlhelme zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit fanden wir in einer Kellernische einen Sack voll Kaffeebohnen, eine Entdeckung, die eine eifrige Kaffeesiederei zur Folge hatte.
Nachdem ich gefrühstückt hatte, sah ich mich etwas im Orte um. In wenigen Tagen hatte die Wirkung der schweren Artillerie ein friedliches Etappenstädtchen in ein Bild des Grauens verwandelt. Ganze Häuser waren durch einen Treffer niedergestampft oder mitten auseinandergerissen, so daß die Zimmer und ihre Einrichtung wie Theaterkulissen über dem Chaos schwebten. Aus vielen Ruinen drang süßlicher Leichengeruch, denn der erste Feuerüberfall hatte eine Menge von Zivilisten unter den Trümmern ihrer Wohnungen begraben. Vor der Schwelle einer Haustür lag ein totes kleines Mädchen in einer roten Lache.
Ein stark beschossener Ort war der Platz vor der zerstörten Kirche gegenüber dem Eingang der Katakomben, eines uralten Höhlenganges mit eingesprengten Nischen, in denen zusammengedrängt fast sämtliche Stäbe der kämpfenden Truppen hausten. Es wurde erzählt, daß die Zivilisten bei Beginn der Beschießung mit Hacken den vermauerten Zugang freigelegt hätten, den sie während der ganzen Besatzungszeit den Deutschen verheimlicht hatten.
Die Straßen bestanden nur noch aus schmalen Trampelpfaden, die sich in Schlangenlinien durch und über gewaltige Hügel von Balken und Mauerwerk wanden. In zerwühlten Gärten verkam eine Unmenge von Früchten und Gemüsen.
Nach dem Mittagessen, das wir uns in der Küche aus den im Überfluß vorhandenen eisernen Portionen gekocht hatten und das natürlich durch einen kräftigen Kaffee beschlossen wurde, legte ich mich oben in einen Lehnstuhl. Aus umherliegenden Briefen ersah ich, daß das Haus dem Brauereibesitzer Lesage gehörte. In dem Zimmer standen aufgerissene Schränke und Kommoden, ein umgestürzter Waschtisch, eine Nähmaschine und ein Kinderwagen. An den Wänden hingen zerschlagene Bilder und Spiegel. Auf dem Boden waren in meterhoher Unordnung herausgerissene Schubladen, Wäsche, Korsetts, Bücher, Zeitungen, Nachttische, Scherben, Flaschen, Notenbücher, Stuhlbeine, Röcke, Mäntel, Lampen, Gardinen, Fensterläden, aus den Angeln gerissene Türen, Spitzen, Photographien, Ölgemälde, Albums, zerschmetterte Kisten, Damenhüte, Blumentöpfe und zerfetzte Tapeten wirr ineinander verknäult.
Durch die demolierten Fensterläden blickte man auf das von Granaten zerpflügte Viereck eines verödeten Platzes, den das Geäst zerfetzter Linden bedeckte. Dieser Komplex von Eindrücken wurde noch verfinstert durch das unaufhörliche Artilleriefeuer, das rings um den Ort tobte. Ab und zu überbrüllte der gigantische Einschlag einer 38-Zentimeter-Granate den Lärm. Wolken von Splittern fegten dann durch Combles, klatschten gegen die Zweige der Bäume oder schlugen auf die wenigen noch stehenden Häuser, daß die Schiefertafeln herabrollten.
Im Laufe des Nachmittags schwoll das Feuer zu solcher Stärke, daß nur noch das Gefühl eines ungeheuren Getöses verblieb, in dem jedes Einzelgeräusch verschluckt wurde. Von 7 Uhr an wurden der Platz und die umliegenden Häuser in Abständen von halben Minuten mit 15-Zentimeter-Granaten beworfen. Es waren viele Blindgänger darunter, die trotzdem noch die Häuser ins Schwanken brachten. Wir saßen während der ganzen Zeit in unserem Keller auf seidenbezogenen Sesseln rund um den Tisch, den Kopf in die Hände gestützt und zählten die Zeit zwischen den Einschlägen. Die Witzworte wurden immer seltener, und endlich ließ die Nervenanstrengung auch den Verwegensten verstummen. Um 8 Uhr brach das Nebenhaus nach zwei Volltreffern zusammen.
Von 9 bis 10 Uhr nahm das Feuer eine wahnwitzige Wucht an. Die Erde wankte, der Himmel schien ein brodelnder Riesenkessel.
Hunderte von schweren Batterien krachten um und in Combles, unzählige Granaten kreuzten sich heulend und fauchend über uns. Alles war in dichten Rauch gehüllt, der von bunten Leuchtkugeln unheildrohend bestrahlt wurde. Bei heftigsten Kopf- und Ohrenschmerzen konnten wir uns nur noch durch abgerissene, gebrüllte Worte verständigen. Die Fähigkeit des logischen Denkens und das Gefühl der Schwerkraft schienen aufgehoben. Man hatte das Empfinden des Unentrinnbaren und unbedingt Notwendigen wie einem Ausbruch der Elemente gegenüber. Ein Unteroffizier des dritten Zuges wurde tobsüchtig.
Um 10 Uhr beruhigte sich diese Fastnacht der Hölle allmählich und ging in ein ruhiges Trommelfeuer über, in dem man allerdings den einzelnen Abschuß auch noch nicht wahrnehmen konnte.
Um 11 Uhr kam eine Ordonnanz und brachte Befehl, die Züge auf den Kirchplatz zu führen. Wir vereinigten uns daraufhin mit den beiden anderen Zügen zum Abmarsch in Stellung. Um Verpflegung nach vorn zu bringen, war noch ein vierter Zug unter Führung des Leutnants Sievers ausgeschieden. Diese Leute umdrängten uns, während wir uns unter hastigen Zurufen an dem gefährlichen Ort sammelten und beluden uns mit den damals noch reichlich vorhandenen Lebensmitteln. Sievers drängte mir ein Kochgeschirr voll Butter auf, drückte mir zum Abschied die Hand und wünschte uns viel Glück.
Dann marschierten wir ab in Reihe zu einem hintereinander. Jeder hatte Befehl, sich unbedingt hinter seinem Vordermann zu halten. Gleich am Ortsausgang merkte unser Führer, daß er sich verirrt hatte. Wir waren gezwungen, bei starkem Schrapnellfeuer kehrtzumachen. Dann ging es, meist im Laufschritt, an einem zur Orientierung ausgelegten, in kleine Teile zerschossenen, weißen Band entlang über freies Feld. Oft mußten wir gerade an den übelsten Stellen stehen bleiben, wenn der Führer die Richtung verloren hatte. Dabei war es zur Aufrechterhaltung der Verbindung verboten, sich hinzulegen.
Trotzdem waren plötzlich der erste und dritte Zug verschwunden. Weiter! In einem heftig beschossenen Hohlweg stauten sich die Gruppen. Hinlegen! Ein ekelhaft aufdringlicher Geruch belehrte uns, daß diese Passage schon viele Opfer gefordert hatte. Nach todbedrohtem Lauf gelangten wir in einen zweiten Hohlweg, der den Unterstand des Kampftruppenkommandanten (K. T. K.) barg, verrannten uns und machten im qualvollen Gedränge nervöser und aufgeregter Menschen kehrt. Höchstens fünf Meter neben dem Leutnant Vogel und mir schlug eine mittlere Granate mit dumpfem Krach auf die hintere Böschung und bewarf uns mit gewaltigen Erdklumpen, während Todesschauer über unseren Rücken glitten. Endlich fand der Führer durch den Merkpunkt einer auffälligen Leichengruppe den Weg wieder.
Weiter! Weiter! Leute brachen im Laufe zusammen, von uns hart bedroht, um die letzte Kraftanspannung aus ihren erschöpften Körpern zu pumpen. Verwundete schlugen mit unbeachtetem Hilfeschrei rechts und links in die Trichter. Weiter ging es, die Augen starr auf den Vordermann gerichtet, durch einen knietiefen, von einer Kette riesiger Trichter gebildeten Graben, in dem ein Toter neben dem anderen lag. Widerstrebend trat der Fuß auf die weichen, nachgebenden Körper. Auch der in den Weg stürzende Verwundete verfiel dem Schicksal, unter die Stiefel der weiter Hastenden getreten zu werden.
Und immer dieser süßliche Geruch! Auch meine Gefechtsordonnanz, der kleine Schmidt, Begleiter auf mancher gefährlichen Patrouille, begann zu taumeln. Ich riß ihm das Gewehr aus der Hand, wobei der gute Junge sich selbst in diesem Moment noch aus Höflichkeit sträuben wollte.
Endlich gelangten wir in die vordere Linie, die von eng in die Löcher gekauerten Leuten besetzt war, deren tonlose Stimmen vor Freude zitterten, als sie erfuhren, daß die Ablösung da wäre. Ein bayrischer Feldwebel übergab mir mit einigen Worten Abschnitt und Leuchtpistole.
Mein Zugabschnitt bildete den rechten Flügel der Regimentsstellung und bestand aus einem flachen, muldenartig zertrommelten Hohlweg, der ein paar hundert Meter links von Guillemont und etwas näher rechts am Bois de Trônes lag. Von der rechten Nachbartruppe, dem Infanterie-Regiment 76, trennte uns ein 500 Meter breiter, unbesetzter Raum, in dem sich wegen des überaus heftigen Feuers niemand aufhalten konnte.
Der bayerische Feldwebel war plötzlich spurlos verschwunden, und ich stand ganz allein, meine Leuchtpistole in der Hand, mitten in dem unheimlichen Trichtergelände, das am Boden lagernde weiße Nebelschwaden in ein noch drohenderes und rätselhafteres Aussehen hüllten. Hinter mir ertönte ein andauerndes, unangenehmes Geräusch; ich stellte mit merkwürdiger Objektivität fest, daß es von einem riesenhaften, in Zersetzung übergehenden Leichnam herrührte.
Da mir nicht einmal klar war, wo der Feind ungefähr sein könnte, begab ich mich zu meinen Leuten und riet ihnen, sich auf das Schlimmste gefaßt zu machen. Wir blieben alle wach; ich verbrachte die Nacht mit meinem Burschen und meinen beiden Gefechtsordonnanzen in einem Fuchsloch von vielleicht einem Kubikmeter Rauminhalt.
Als der Morgen graute, entschleierte sich die fremde Umgebung allmählich den staunenden Augen.
Der Hohlweg erschien nur noch als eine Reihe riesiger, mit Uniformstücken, Waffen und Toten gefüllter Trichter; das umliegende Gelände war, soweit der Blick reichte, völlig von schweren Granaten umgewälzt. Nicht ein einziger armseliger Grashalm zeigte sich dem suchenden Auge. Der zerwühlte Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die toten. Beim Graben von Deckungslöchern bemerkten wir, daß sie in Lagen übereinander geschichtet waren. Eine Kompagnie nach der anderen war dicht gedrängt im Trommelfeuer ausharrend vernichtet. Dann waren die Leichen durch die von den Geschossen hochgeschleuderten Erdmassen verschüttet, und die nächste Kompagnie war an den Platz der Gefallenen getreten.
Der Hohlweg und das Gelände dahinter lag voll Deutscher, das Gelände davor voll Engländer. Aus den Böschungen starrten Arme, Beine und Köpfe; vor unseren Erdlöchern lagen abgerissene Gliedmaßen und Tote, über die man zum Teil, um dem steten Anblick der entstellten Gesichter zu entgehen, Mäntel oder Zeltbahnen geworfen hatte. Trotz der Hitze dachte niemand daran, die Körper mit Erde zu bedecken.
Das Dorf Guillemont unterschied sich vom übrigen Terrain nur dadurch, daß die Trichter infolge der zu Staub zermalmten Steine der Häuser von weißlicherer Farbe waren. Vor uns lag der wie ein Kinderspielzeug zerknüllte Bahnhof von Guillemont und weiter hinten der in Späne zerrissene Wald von Delville.
Kaum war der Tag hereingebrochen, als sich ein tieffliegender Engländer heranschraubte und uns gleich einem Aasvogel ununterbrochen überkreiste, während wir in unsere Löcher flohen und uns dort zusammenkauerten. Das scharfe Auge des Beobachters mußte uns trotzdem erspäht haben, denn bald ertönten von oben in kurzen Abständen langgezogene, dumpfe Sirenentöne. Nach kurzer Zeit schien eine Batterie die Zeichen aufgenommen zu haben. Ein schweres Flachbahngeschoß nach dem anderen sauste mit unglaublicher Wucht heran. Wir hockten untätig in unseren Zufluchtsorten, ab und zu eine Zigarre anzündend und wieder fortwerfend, gewärtig, jeden Augenblick verschüttet zu werden. Schmidts Rockärmel wurde durch einen großen Splitter zerrissen.
Gleich beim dritten Schuß wurde der Bewohner des Erdloches neben uns durch einen ungeheuren Einschlag verschüttet. Wir gruben ihn sofort wieder aus; trotzdem war er durch den Druck der Erdmassen zu Tode erschöpft, sein Gesicht eingefallen und einem Totenkopf ähnlich. Es war der Gefreite Simon. Er war durch den Schaden klug geworden, denn wenn im Laufe des Tages Leute bei Fliegersicht sich außer Deckung bewegten, vernahm man seine scheltende Stimme und sah seine Faust aus einer Öffnung seines zeltbahnverhangenen Fuchsloches drohen.
Um 3 Uhr nachmittags kamen meine Posten von links und gaben an, sich nicht mehr halten zu können, da ihre Löcher zusammengeschossen wären. Ich mußte meine ganze Rücksichtslosigkeit anwenden, um sie wieder auf ihre Plätze zu bringen.
Kurz vor 10 Uhr abends setzte am linken Flügel des Regiments ein Feuersturm ein, der nach 20 Minuten auch auf uns übergriff. Nach kurzer Zeit waren wir völlig in Rauch und Staub gehüllt, doch lagen die meisten Einschläge dicht vor oder hinter dem Graben. Während des uns umbrausenden Orkans ging ich den Abschnitt meines Zuges ab. Die Leute standen in steinerner Unbeweglichkeit, das Gewehr in der Hand, am vorderen Hange des Hohlweges und starrten in das Vorgelände. Ab und zu beim Scheine einer Leuchtkugel sah ich Stahlhelm an Stahlhelm, Seitengewehr an Seitengewehr blinken und wurde von dem stolzen Gefühl erfüllt, einer Handvoll Männern zu gebieten, die vielleicht zermalmt, nicht aber besiegt werden konnten. In solchen Augenblicken triumphiert der menschliche Geist über die gewaltigsten Äußerungen der Materie, der gebrechliche Körper stellt sich, vom Willen gestählt, dem furchtbarsten Gewitter entgegen.
Im linken Nachbarzuge wollte der Feldwebel H., der unglückliche Rattenfänger von Monchy, eine weiße Leuchtkugel abschießen, vergriff sich indes und ein rotes Sperrfeuersignal zischte, von allen Seiten weitergegeben, gen Himmel. Im Nu setzte unsere Artillerie ein, daß es eine Freude war. Eine Mörsergranate neben der anderen kam hoch aus den Lüften herabgeheult und zerschellte im Vorgelände zu Splittern und Funken. Ein Gemisch von Staub, stickigen Gasen und dem Dunsthauch aufgeschleuderter Leichen braute aus den Trichtern.
Nach dieser Orgie der Vernichtung flutete das Feuer wieder auf sein gewöhnliches Niveau zurück, das es während der Nacht und des nächsten Tages beibehielt. Der aufgeregte Griff eines einzelnen Mannes hatte die ganze gewaltige Kriegsmaschinerie ausgelöst.
H. war und blieb ein Unglücksmensch; er schoß sich noch in derselben Nacht beim Laden seiner Pistole eine Leuchtkugel in den Stiefelschaft und mußte mit schweren Brandwunden zurückgetragen werden. Am nächsten Tage regnete es stark, was uns nicht unlieb war, da das ausgetrocknete Gefühl im Gaumen nach dem Verschwinden des Staubes nicht mehr so quälend war und die großen, blauschwarzen Fliegen, die sich in riesigen Klumpen an den sonnigen Stellen gesammelt hatten, vertrieben wurden. Ich saß fast den ganzen Tag vor meinem Fuchsloch auf dem Boden, rauchte und aß trotz der Umgebung mit gutem Appetit.
Am nächsten Vormittag erhielt der Füsilier Knicke meines Zuges von irgendwoher einen Gewehrschuß durch die Brust, der auch das Rückenmark streifte, so daß er die Beine nicht mehr bewegen konnte. Als ich nach ihm sah, lag er sehr gefaßt in einem Erdloche. Er wurde am Abend durch das Artilleriefeuer geschleppt, wobei er durch das häufige Deckungnehmen seiner Träger noch ein Bein brach. Er starb auf dem Verbandplatze.
Am Nachmittag rief mich ein Mann meines Zuges und ließ mich über das abgerissene Bein eines Engländers zum Bahnhof Guillemont visieren. Ich sah durch einen flachen Laufgraben Hunderte von Engländern nach vorn eilen. Durch das Gewehrfeuer von uns paar Leuten ließen sie sich nicht sonderlich stören. Dieser Anblick war bezeichnend für die Ungleichheit der Mittel, mit denen wir kämpften. Hätten wir dasselbe gewagt, so wären unsere Abteilungen innerhalb weniger Minuten zusammengeschossen worden. Während nicht ein Fesselballon von uns zu sehen war, standen auf englischer Seite gleich über 30 auf einem Klumpen und beobachteten mit Argusaugen jede Bewegung, die sich in dem zerstampften Gelände zeigte, um sofort einen Eisenhagel dorthin zu dirigieren.
Am Abend schnurrte mir noch ein großer Granatsplitter gegen den Magen, der zum Glück ziemlich am Ende seiner Flugbahn war und nach einem kräftigen Schlage vor mein Koppelschloß zu Boden fiel.
Vor dem Abschnitt des ersten Zuges erschienen bei Einbruch der Dunkelheit zwei englische Essenholer, die sich verlaufen hatten. Beide wurden auf kürzeste Entfernung niedergeschossen, der eine schlug mit dem Oberkörper in den Hohlweg, während seine Beine auf der Böschung liegen blieben. Gefangene zu machen war allen Leuten unerwünscht, denn wie sollte man sie durch die Sperrfeuerzone bringen, in der man mit sich selbst schon so viel zu tun hatte?
Gegen 1 Uhr nachts wurde ich von Schmidt aus wirrem Schlaf gerüttelt. Nervös fuhr ich hoch und griff nach dem Gewehr. Unsere Ablösung war gekommen. Wir übergaben, was zu übergeben war, und verließen so schnell wie möglich diesen Ort des Teufels.
Kaum hatten wir den flachen Laufgraben erreicht, als die erste Gruppe Schrapnells zwischen uns krepierte. Mein Vordermann taumelte infolge einer Wunde am Handgelenk, aus der das Blut spritzte und wollte sich auf die Seite legen. Ich packte ihn am Arm, riß ihn trotz seines Stöhnens hoch und gab ihn erst beim Sanitätsunterstand neben dem K. T. K. ab.
In beiden Hohlwegen ging es scharf her. Wir kamen stark außer Atem. Die schlimmste Ecke war ein Tal, in das wir gerieten, und in dem ununterbrochen Schrapnells und leichte Granaten aufflammten. Brrruch! Brrruch! umkrachte uns der eiserne Wirbel, einen Funkenregen in die Dunkelheit sprühend. Huiiiii! Wieder eine Gruppe! Mir blieb der Atem aus, denn ich wußte Bruchteile von Sekunden vorher aus dem immer schärfer werdenden Heulen, daß der absteigende Ast der Geschoßkurve unmittelbar bei mir enden mußte. Gleich darauf wuchtete neben meiner Fußsohle ein schwerer Aufschlag, weiche Lehmfetzen hochschleudernd. Gerade diese Granate ging blind!
Hier war eine Mustergelegenheit, den Einfluß des Offiziers geltend zu machen. Überall eilten ablösende und abgelöste Trupps durch Nacht und Feuer, zum Teil völlig verirrt, vor Aufregung und Erschöpfung stöhnend; dazwischen erschollen Zurufe, Befehle und in eintöniger Wiederholung die langgezogenen Hilfeschreie im Trichtergelände verlorener Verwundeter. Ich gab Verirrten im Vorbeirasen Auskunft, zog Leute aus Granatlöchern, bedrohte die, die sich hinlegen wollten, schrie dauernd meinen Namen, um alle zusammenzuhalten und brachte so meinen Zug wie durch ein Wunder nach Combles.
Wir mußten von Combles noch über Sailly und die Gouvernements-Ferme zum Walde von Hennois marschieren, in dem wir biwakieren sollten. Jetzt zeigte sich unsere Erschöpfung erst in vollem Maße. Den Kopf stumpfsinnig zu Boden gerichtet, schlichen wir, oft von Automobilen oder Munitionskolonnen an die Seite gedrückt, unsere Straße entlang. In einer Art von krankhafter Nervosität war ich fest überzeugt, daß die vorbeirasselnden Fahrzeuge nur uns zum Ärger so scharf am Wegrande fuhren und überraschte meine Hand mehr als einmal am Kolben des Revolvers.
Nach dem Marsche mußten wir noch Zelte aufschlagen und konnten uns dann erst auf den harten Boden werfen. Während unseres Aufenthaltes in diesem Waldlager gingen gewaltige Regengüsse nieder. Das Stroh in den Zelten begann zu faulen, und viele Leute erkrankten. Wir fünf Kompagnieoffiziere ließen uns durch die Nässe wenig stören, sondern saßen jeden Abend auf unseren Koffern im Zelte hinter einer Batterie von Flaschen zusammen.
Nach drei Tagen rückten wir wieder nach Combles ab, wo ich mit meinem Zug vier kleinere Keller bezog.
Am ersten Morgen war es verhältnismäßig ruhig; ich machte daher einen kleinen Spaziergang durch die verwüsteten Gärten und plünderte mit köstlichen Pfirsichen behangene Spaliere. Bei meinen Irrgängen geriet ich in ein von hohen Hecken umschlossenes Haus, das ein Liebhaber schöner, alter Sachen bewohnt haben mußte. An den Wänden der Zimmer hing eine Sammlung bemalter Teller, wie sie der Nordfranzose liebt, Weihwasserbecken, Kupferstiche und holzgeschnitzte Heiligenbilder. In großen Schränken stapelte altes Porzellan, zierliche Lederbände waren auf den Boden geschleudert, darunter eine köstliche alte Ausgabe des Don Quijote. Es war ein Jammer, all diese Schätze dem Verderben preisgegeben zu sehen.
Als ich in mein Domizil zurückkehrte, hatten die Leute, die auch ihrerseits die Gärten untersucht hatten, aus Gemüse und Fleischkonserven, Kartoffeln, Erbsen, Möhren, Artischocken und vielerlei Grünkram eine Suppe gebraut, in der der Löffel stehen blieb. Während des Essens schlug eine Granate ins Haus und drei in die Nähe, ohne uns weiter zu stören. Wir waren durch die Überfülle der Eindrücke schon zu sehr abgestumpft. In dem Hause mußte sich schon Blutiges zugetragen haben, denn auf einem Schuttberg im Mittelzimmer erhob sich ein rohgeschnitztes Kreuz mit einer Reihe ins Holz gegrabener Namen. Am nächsten Mittag holte ich mir aus dem Hause des Porzellansammlers einen Band der illustrierten Beilagen des „Petit Journal“, die in fast jedem französischen Hause zu finden sind und von wüster Geschmacklosigkeit strotzen; dann setzte ich mich in ein erhaltenes Zimmer, entzündete im Kamin aus Möbelstücken ein Feuerchen und begann zu lesen. Ich mußte häufig den Kopf schütteln, denn mir waren die zur Zeit der Faschoda-Affäre gedruckten Nummern in die Hände geraten. Ungefähr um 7 Uhr hatte ich die letzte Seite umgewandt und ging in den Vorraum vor dem Eingang des Kellers, wo meine Leute an einem kleinen Herd kochten.
Kaum stand ich zwischen ihnen, gab es vor der Haustür einen scharfen Knall, und im selben Moment spürte ich einen starken Schlag gegen meinen linken Unterschenkel. Mit dem uralten Kriegerruf: „Ich habe einen weg!“ sprang ich, meine Shagpfeife im Munde, die Kellertreppe hinunter.
Es wurde rasch Licht angezündet und der Fall untersucht. In der Wickelgamasche klaffte ein gezacktes Loch, aus dem ein Blutstrahl auf den Boden sprang. Auf der anderen Seite erhob sich der rundliche Wulst einer unter der Haut liegenden Schrapnellkugel. Meine Leute verbanden mich und trugen mich über die beschossene Straße in die Katakomben, wo mich unser Oberstabsarzt in Empfang nahm. Während mir der herbeigeeilte Leutnant Wetje den Kopf hielt, schnitt er mir mit Messer und Schere die Schrapnellkugel heraus, wobei er mich beglückwünschte, denn das Blei war scharf zwischen Schien- und Wadenbein hindurchgegangen, ohne einen Knochen zu verletzen. Habent sua fata libelli et balli, meinte der alte Korpsstudent schmunzelnd, indem er mich einem Sanitäter zum Verbinden überließ.
Während ich bis zum Einbruch der Dunkelheit auf einer Bahre in einer Nische der Katakomben lag, kamen zu meiner Freude viele meiner Leute, um Abschied von mir zu nehmen. Auch mein verehrter Oberstleutnant von Oppen besuchte mich für kurze Zeit.
Am Abend wurde ich mit anderen Verwundeten an den Ortsausgang getragen und dort in einen Sanitätswagen geladen. Ohne auf das Geschrei der Insassen zu achten, raste der Fahrer auf der unter starkem Feuer liegenden Chaussee über Trichter und andere Hindernisse hinweg und gab uns endlich an ein Auto weiter, das uns bis zur Kirche des Dorfes Fins fuhr, die mit Hunderten von Verwundeten belegt war. Eine Krankenschwester erzählte mir, daß in der letzten Zeit mehr als 30 000 Verwundete über Fins abtransportiert wären. Von dort kam ich nach St. Quentin, dessen Fensterscheiben vom unaufhörlichen Donner der Schlacht zitterten, und dann im Lazarettzuge weiter nach Gera, wo ich im Garnisonlazarett eine vorzügliche Pflege fand.
Von Kameraden der anderen Bataillone, die nach mir verwundet waren, erfuhr ich das weitere Schicksal meiner Kompagnie, die am Tage nach meiner Verwundung wieder in Stellung gerückt war. Nach verlustreichem Anmarsch und zehnstündigem Trommelfeuer war sie infolge der großen Frontlücken von allen Seiten angegriffen worden. Der kleine Schmidt, Fähnrich Wohlgemut, Leutnants Vogel und Sievers, kurz, fast alle Kameraden hatten, bis zur letzten Sekunde fechtend, den Tod gefunden. Nur wenige Überlebende, darunter Leutnant Wetje, waren dem Feinde in die Hände gefallen; kein einziger war nach Combles zurückgekehrt, um dort von dem Heldenkampfe, der mit so unerhörter Erbitterung ausgefochten war, zu erzählen. Selbst der englische Heeresbericht erwähnte ehrend die Handvoll Männer, die in eherner Treue bei Guillemont gestanden hatten bis zuletzt.
Wenn ich mich auch des Zufallstreffers freute, der mich am Vorabend der Schlacht wie durch ein Wunder dem sicheren Tode entrissen hatte, so hätte ich anderseits doch, so seltsam es manchem klingen mag, gern das Los der Kameraden geteilt und mit ihnen vereint auch über mich den eisernen Würfel des Krieges dahinrollen lassen. Stets hat mich, auf den Höhepunkten der blutigen Schlachten, die ich noch erleben sollte, der strahlende, unauslöschliche Ruhm dieser Kämpfer gemahnt, mich der ehemaligen Kameradschaft würdig zu erweisen.
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Die Tage von Guillemont machten mich zum ersten Male mit den verheerenden Wirkungen der Materialschlacht bekannt. Wir mußten uns ganz neuen Formen des Krieges anpassen. Jede Verbindung der Truppe mit der Führung, der Artillerie und den Anschlußregimentern war durch das furchtbare Feuer lahmgelegt. Die Meldeläufer fielen dem Eisenhagel zum Opfer, der Telephondraht war, kaum gezogen, bereits in kleine Stücke zerhackt. Selbst die Blinkzeichen der Signallampen versagten in dem dampf- und staubüberwölkten Gelände. Hinter der vorderen Linie erstreckte sich eine kilometerbreite Zone, in der nur der Sprengstoff herrschte.
Selbst der Regimentsstab erfuhr erst, als wir nach drei Tagen zurückkamen, wo wir eigentlich gelegen hatten und wie die Front verlief. Bei diesen Verhältnissen war ein genaues Schießen der Artillerie ausgeschlossen.
Auch die Stellung der Engländer war uns völlig unklar, obwohl wir oft, ohne es zu wissen, nur wenige Meter auseinander lagen. Manchmal lief ein Tommy, der sich durch die Trichter tastete, wie eine Ameise durch einen Sandweg, direkt in ein von uns besetztes Granatloch und umgekehrt, da unsere vordere Linie nur aus einzelnen, verbindungslosen Stücken bestand, die man leicht verfehlen konnte.
Das Landschaftsbild ist dem, der es geschaut, unvergeßlich. Vor kurzem hatte diese Gegend doch noch aus Dörfern, Wiesen, Wäldern und Feldern bestanden, und nun war buchstäblich kein Strauch, kein winziges Hälmchen mehr zu sehen. Jede Handbreit Bodens war umgewühlt und immer wieder umgewühlt, die Bäume entwurzelt, zerfetzt und zu Mulm zermahlen, die Häuser weggeblasen und zu Pulver zerstäubt, Berge abgetragen und das Ackerland zur Wüste verwandelt.
In dieser Wüstenei, umgeben von Toten und halbverdurstet, kämpften Männer tage- und wochenlang mit dem Bewußtsein, im Falle einer Verwundung rettungslos dem Tode des Verschmachtens preisgegeben zu sein.
An den im Verhältnis zur Breite der Angriffsfront ungeheuren Verlusten trug die mit altpreußischer Zähigkeit durchgeführte starre Lineartaktik die Hauptschuld. Ein Bataillon nach dem andern wurde in die überfüllte vordere Linie geworfen und in wenigen Stunden zusammengetrommelt.
Erst recht spät sah man ein, daß es so nicht weiter gehen konnte und hörte auf, um wertlose Geländestreifen zu kämpfen, um sich einer beweglicheren Verteidigung, deren Höhepunkt die elastische Zonentaktik wurde, zuzuwenden.
Daher wurde nie wieder mit solch verbissener Erbitterung gekämpft wie damals, wo man wochenlang um zerschossene Waldstücke oder unkenntliche Ruinen rang. Der Name auch des kleinsten pikardischen Nestes erinnert an unerhörte Heldenkämpfe, die wahrhaft einzig in der Weltgeschichte dastehen. Erst dort sank die Blüte unserer disziplinierten Jugend in den Staub. Erhabene Werte, die das deutsche Volk groß gemacht hatten, leuchteten dort noch einmal in blendendem Glanze auf, um langsam in einem Meere von Schlamm und Blut zu erlöschen.
Nachdem ich 14 Tage im Lazarett und ebensoviele auf Urlaub verbracht hatte, begab ich mich wieder zum Regiment, das in Stellung bei Deuxnouds, ganz nahe der wohlbekannten Grande Tranchée, lag. Es blieb nach meiner Ankunft nur zwei Tage dort und die gleiche Zeit in dem idyllischen, altertümlichen Bergneste Hattonchâtel. Dann dampften wir vom Bahnhof Mars-la-Tour wieder in der Richtung auf das Sommegebiet ab.
Wir wurden in Bohain ausgeladen und in dem naheliegenden Dorf Brancourt untergebracht. Diese Gegend, die wir später noch oft berührten, ist von Ackerbauern bewohnt, doch steht in fast jedem Hause ein Webstuhl. Die Bevölkerung schien mir unsympathisch, schmutzig und auf geringer Kultur- und Moralstufe stehend. Ich war in einem Häuschen einquartiert, das durch ein Ehepaar und seine Tochter bewohnt wurde. Man muß den Leuten lassen, daß sie mir für mein gutes Geld vorzügliche Eierspeisen zubereiteten. Die Tochter erzählte mir gleich beim Antrittskaffee, daß sie mit Poincaré nach seiner Rückkehr einen guten Kaffee trinken, das heißt ihm ordentlich die Meinung sagen würde. Niemals habe ich jemand mit so großer Zungengeläufigkeit schimpfen hören wie diese filia hospitalis auf die Anschuldigung einer Nachbarin hin, in einer gewissen Straße von St. Quentin gewohnt zu haben. „Ah, cette plure, cette pomme de terre pourrie, jetée sur un fumier, c’est la crème de la crème“, sprudelte sie hervor, während sie mit krallenartig vorgestreckten Händen durch das Zimmer raste, ohne ein Objekt für ihre Wut finden zu können.
Am Morgen, wenn diese Rose von Brancourt mit der Zubereitung der Butter und anderen häuslichen Arbeiten beschäftigt war, sah sie unglaublich wenig einladend aus, doch nachmittags, wenn es galt, die Dorfstraße auf und ab zu stolzieren oder Freundinnen zu besuchen, hatte sich die garstige Puppe in einen prächtigen Schmetterling verwandelt. Mit einem gewissen Mißtrauen betrachtete ich immer eine große Schachtel voll Reispuder, die dauernd auf dem Tische stand und Wasser und Seife völlig zu ersetzen schien.
Ihr Vater bat mich eines Tages, ihm eine Anklageschrift an den Ortskommandanten aufzusetzen, da ihn ein Nachbar an der Kehle gepackt, geprügelt und unter dem Rufe: „Demande pardon!“ mit dem Tode bedroht hätte.
Derartige kleine Beobachtungen gaben mir die tröstliche Versicherung, daß Nationalstolz auch in Frankreich keine Eigenschaft der Allgemeinheit ist. Diese Erkenntnis half mir zwei Jahre später über den merkwürdigen Empfang hinweg, den uns manche Volksgenossen nach vier Jahren ehrenvoller härtester Kämpfe in der Heimat zuteil werden ließen. Il y a des cochons partout.
Die zweite Kompagnie wurde nun durch den Leutnant Boje geführt. Wir verlebten hier eine Reihe durch gute Kameradschaft verschönter Tage. Ich muß gestehen, daß wir oft bei schwerem Umtrunk zusammensaßen, bis wir die ganze Welt nur noch als ein lächerliches Phantom, das um unseren Tisch kreiste, betrachteten. Auch aus dem Zimmer der Burschen drang meist ein gewaltiger Lärm. Wer sich noch nie in der kurzen Zeitspanne zwischen zwei mörderischen Schlachten befunden hat, mag darüber absprechend urteilen, wir gönnten jedenfalls uns und unseren Leuten aus vollem Herzen jede Stunde des Rausches, die wir dem Leben abringen konnten, solange es uns noch in seinem Kreise hielt.
Für den kommenden Einsatz war ich als Spähoffizier bestimmt und stand mit einem Spähtrupp und zwei Unteroffizieren und vier Mann der Division zur Verfügung.
Am 8. November fuhr das Bataillon bei strömendem Regen nach dem von der Zivilbevölkerung verlassenen Dorfe Gonnelieu. Von dort wurde der Spähtrupp nach Liéramont abkommandiert und dem Leiter des Divisionsnachrichtendienstes, Rittmeister Böckelmann, unterstellt. Der Rittmeister bewohnte mit uns vier Spähoffizieren, zwei Beobachtungsoffizieren und seinem Adjutanten das geräumige Pfarrhaus, in dessen gemütlich eingerichteten Zimmern ein kameradschaftliches Zusammenleben geführt wurde.
Unsere Vorgänger machten uns mit der Stellung der Division vertraut. Wir mußten uns jede zweite Nacht nach vorn begeben. Unsere Aufgabe war, die Stellung genau festzulegen, die Anschlüsse zu prüfen und uns überall zu orientieren, um im Notfalle Truppen einweisen und eventuelle Aufträge ausführen zu können. Der mir als Arbeitsgebiet zugewiesene Abschnitt lag links vom St. Pierre-Vaast-Walde, unmittelbar vor dem sogenannten „Namenlosen Walde“. In der ersten Nacht geriet ich, nachdem ich beim Durchstreifen eines vom Tortille-Bach durchflossenen Sumpfes fast ertrunken wäre, in eine dichte Geschoßwolke von Phosgengas, die mich tränenden Auges zum Vaux-Walde zurückscheuchte, wobei ich, durch die beschlagene Gasmaske geblendet, von einem Trichter in den anderen stürzte.
Am 12. November trat ich, auf besseres Glück hoffend, mit dem Auftrage, die Anschlüsse in der Trichterstellung festzustellen, meinen zweiten Gang nach vorn an. An einer in Erdlöchern verborgenen Kette von Relaisposten strebte ich meinem Ziele zu.
Die Trichterstellung trug ihren Namen zu Recht. Auf einem vor dem Dorfe Rancourt liegenden Plateau waren zahllose Miniaturkrater verstreut, hier und dort von einigen Leuten besetzt. Das Gelände machte in seiner Einsamkeit, in der nur das Pfeifen und Krachen der Geschosse ertönte, einen Eindruck beängstigender Öde.
Nach einiger Zeit verlor ich den Anschluß an die Trichterlinie und ging zurück, um nicht den Franzosen in die Hände zu laufen. Ich stieß dabei auf einen bekannten Offizier vom Regiment 164, der mich warnte, in der anbrechenden Dämmerung noch länger zu verweilen. Ich durchschritt daher eilig den „Namenlosen Wald“ und stolperte durch tiefe Trichter, über entwurzelte Bäume und ein fast undurchdringliches Gewirr herabgeschlagener Äste.
Als ich aus dem Waldrande trat, war es hell geworden. Das Trichterfeld lag ohne eine Spur von Leben vor mir. Ich stutzte, denn in der modernen Schlacht sind menschenleere Flächen stets verdächtig.
Plötzlich fiel ein von einem unsichtbaren Schützen abgegebener Schuß, der mich an beiden Unterschenkeln traf. Ich warf mich in den nächsten Trichter und verband die Wunden mit meinem Taschentuch, da ich meine Verbandpäckchen natürlich wieder vergessen hatte. Ein Geschoß hatte mir die rechte Wade durchbohrt und die linke gestreift.
Mit äußerster Vorsicht kroch ich in den Wald zurück und humpelte von dort durch das schwerbeschossene Gelände zum Verbandplatz.
Kurz davor erlebte ich wieder ein Beispiel dafür, von wie kleinen Umständen das Glück im Kriege abhängt. Ungefähr 100 Meter vor einer Straßenkreuzung, auf die ich zustrebte, rief mich der Führer einer schanzenden Abteilung an, mit dem ich in der 9. Kompagnie zusammen gefochten hatte. Kaum hatten wir eine Minute gesprochen, als mitten auf der Kreuzung eine Granate krepierte, die ohne diese zufällige Begegnung wahrscheinlich mich getroffen haben würde.
Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ich bis Nurlu auf einer Bahre getragen. Der Rittmeister Böckelmann erwartete mich freundlicherweise mit einem Auto. Auf der von feindlichen Scheinwerfern bestrahlten Chaussee zog der Führer plötzlich den Bremshebel an. Ein dunkles Hindernis sperrte die Straße. Es war eine Infanteriegruppe mit ihrem Führer, die soeben einem Volltreffer zum Opfer gefallen war. Die im Tode vereint liegenden Kameraden hatten das friedliche Aussehen stiller Schläfer.
Im Pfarrhause mußte ich in den Keller getragen werden, da Liéramont gerade seinen Abendsegen bekam. Ich wurde am selben Abend in das Feldlazarett Villeret und von dort zum Kriegslazarett Valenciennes transportiert.
Das Kriegslazarett war nahe dem Bahnhof im Gymnasium eingerichtet und beherbergte über 400 Schwerverwundete. Tag für Tag verließ unter dumpfem Trommelschlag ein Leichenzug das große Portal. In dem weiten Operationssaal konzentrierte sich der ganze Jammer des Krieges. An einer Reihe von Operationstischen walteten die Ärzte ihres blutigen Handwerkes. Hier wurde ein Glied amputiert, dort ein Schädel aufgemeißelt oder ein festgewachsener Verband gelöst. Wimmern und Schmerzensschreie hallten durch den von mitleidlosem Licht durchfluteten Raum, während weißgekleidete Schwestern geschäftig mit Instrumenten oder Verbandzeug von einem Tisch zum andern eilten.
Der Soldat, der nach solchem Anblicke wieder in alter Frische ins Feuer geht, hat seine Nervenprobe bestanden, denn jeder neue, schreckliche Eindruck krallt sich im Hirn fest und reiht sich an den lähmenden Vorstellungskomplex, der die Zeitspanne zwischen Heranbrausen und Einschlag der Eisenklumpen immer furchtbarer gestaltet.
Neben meinem Bette lag ein Feldwebel, der ein Bein verloren hatte, im Sterben. In seiner letzten Stunde erwachte er aus wirren Fieberschauern und ließ sich von der Schwester sein Lieblingskapitel aus der Bibel vorlesen. Dann bat er mit kaum hörbarer Stimme sämtliche Stubengenossen um Entschuldigung, daß er sie durch seine Fieberdelirien so oft aus der Ruhe gestört hätte und war in wenigen Minuten tot, nachdem er, um uns aufzuheitern, noch versucht hatte, den komischen Dialekt unserer Ordonnanz nachzuahmen.
Ich war froh, als ich halbgeheilt nach 14 Tagen diese Stätte gehäuften Elends verlassen konnte. Mit Stolz hatte ich von dem inzwischen so glänzend durchgeführten Sturm des Füsilier-Regiments gegen den St. Pierre-Vaast-Wald gelesen.
Die 111. Division hatte noch dieselbe Stellung inne. Als mein Zug in Epéhy einrollte, ertönte eine Reihe von Explosionen. Verstreute verbeulte Trümmer vom Güterwagen verrieten, daß hier nicht gespaßt wurde.
„Was ist denn hier los?“ fragte ein mir gegenübersitzender Hauptmann, der anscheinend frisch aus der Heimat exportiert war. Ohne mich mit einer Antwort aufzuhalten, riß ich die Tür des Abteils auf und nahm hinter dem Bahndamm Deckung. Zum Glück waren diese Einschläge die letzten. Es waren nur einige Pferde verwundet.
Da ich noch nicht gut marschieren konnte, wurde mir der Posten eines Beobachtungsoffiziers übertragen. Die Beobachtung lag an dem abfallenden Hang zwischen Nurlu und Moislains. Sie bestand aus einem in einen Unterstand eingebauten Scherenfernrohr, durch das ich die mir wohlbekannte vordere Linie beobachten konnte. Bei stärkerem Feuer, bunten Leuchtkugeln oder sonstigen besonderen Ereignissen war die Division telephonisch zu benachrichtigen. Tagelang hockte ich frierend auf einem Stühlchen hinter dem Doppelglase im Novembernebel ohne eine andere Abwechslung als ab und zu eine Leitungsprobe. War der Draht zerschossen, so mußte ich ihn durch meinen Störungstrupp flicken lassen.
Das moderne Schlachtfeld gleicht einer ungeheuren, ruhenden Maschinerie, in der ungezählte verborgene Augen, Ohren und Arme untätig auf die eine Minute lauern, auf die es allein ankommt. Dann fährt als feurige Ouverture eine einzelne rote Leuchtkugel aus irgendeinem Erdloche in die Höhe, tausend Geschütze brüllen zugleich auf, und mit einem Schlage beginnt das Werk der Vernichtung, von unzähligen Hebeln getrieben, seinen zermalmenden Gang.
Befehle stiegen als Funken und Blitze durch ein engmaschiges Netz, um vorn zu gesteigerter Vernichtung anzuspornen und von hinten in gleichmäßigem Strome neue Menschen und neues Material in Bewegung zu setzen und in die Brandung zu schleudern. Jeder fühlt sich wie durch einen Strudel von weither durch einen rätselhaften Willen gepackt und mit unerbittlicher Präzision zu den Brennpunkten tödlichen Geschehens getrieben.
Nach je 24 Stunden löste mich ein anderer Offizier ab, und ich erholte mich im nahen Nurlu, wo in einem großen Weinkeller ein verhältnismäßig bequemes Quartier eingerichtet war. Ich erinnere mich noch manchmal der langen, nachdenklichen Novemberabende, die ich, meine Pfeife rauchend, einsam vor dem Kamin des kleinen, tonnenförmigen Kellergewölbes verbrachte, während draußen im verwüsteten Park der Nebel von kahlen Bäumen tropfte und in langen Pausen ein widerhallender Einschlag die Stille unterbrach.
Am 18. November wurde die Division abgelöst und ich stieß wieder zum Regiment, das im Dorfe Fresnoy-le-Grand in Ruhe lag. Ich übernahm dort für den beurlaubten Leutnant Boje die Führung der zweiten Kompagnie. In Fresnoy hatte das Regiment vier Wochen ungestörter Ruhe, und jeder bemühte sich, davon so viel als möglich zu profitieren. Weihnachten und Neujahr wurden durch große Kompagniefeste gefeiert, bei denen Bier und Grog in Strömen floß. Es waren gerade noch fünf Mann in der zweiten Kompagnie, die das vorige Weihnachtsfest mit mir zusammen in den Schützengräben von Monchy gefeiert hatten.
Ich bewohnte mit dem Fähnrich Gornick und meinem Bruder Fritz, der als Fahnenjunker für sechs Wochen zum Regiment gekommen war, den sogenannten Salon und zwei Schlafzimmer eines französischen Kleinrentners. Wir machten uns redlich lustig über das spießige Ehepaar, das seine Plüschmöbel und Markartbuketts sowie den im Hofe aufgestapelten Holzvorrat mit wahren Argusaugen bewachte und mit den Burschen auf ständigem Kriegsfuße lebte.
Der Becher wurde in dem kleinen Neste schlimmer denn je geschwungen. Wenn man spät durch die engen Gassen schritt, hörte man überall aus Mannschafts-, Unteroffiziers- und Offiziersquartieren das Gewirr fröhlicher Gelage. Im Kriege ist alles auf rücksichtslose Wirkung berechnet, daher kam wohl auch die Vorliebe des Feldsoldaten für den Alkohol in seinen konzentrierten Formen. Der Verkehr mit der Zivilbevölkerung war teilweise von unerwünschter Vertraulichkeit; Venus entzog dem Mars manchen Diener.
Der Dienst wurde selbstverständlich sofort in altpreußischer Strammheit aufgenommen, und es war ein vorzügliches Zeichen für Führer und Truppe, daß nach 14 Tagen die Mannszucht wieder auf der alten Höhe stand.
In der ersten Woche fand eine Besichtigung durch den Divisionskommandeur, Generalmajor Sontag, statt, bei der das Regiment für seine hervorragende Haltung beim Sturm auf den St. Pierre-Vaast-Wald gerühmt und mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht wurde. Als ich dem Divisionskommandeur die zweite Kompagnie im Parademarsch vorführte, bemerkte ich, daß der Oberstleutnant v. Oppen dem General über mich zu berichten schien. Einige Stunden später wurde ich zum Divisionsstabsquartier befohlen, wo mir der General das Eiserne Kreuz I. Klasse überreichte.
Am 17. Januar 1917 wurde ich von Fresnoy für vier Wochen nach dem französischen Truppenübungsplatz Sisonne bei Laon zu einem Kompagnieführerkursus abkommandiert. Der Dienst wurde uns durch den Leiter unserer Abteilung, den Hauptmann Funk, sehr angenehm gemacht, der es in glänzender Weise verstand, das Wesen über die starre Form zu stellen und uns mit Interesse für die Sache zu erfüllen.
Die Verpflegung während dieser Zeit war wohl die kümmerlichste, die ich im Kriege erlebt habe. Auf den Tischen unseres riesengroßen Kasinos stand während der ganzen vier Wochen selten etwas anderes als ein dünnes Steckrübengemüse. Dabei war der Dienst keineswegs leicht.
Zum Regiment zurückgekehrt, das seit einigen Tagen bei den Ruinen von Villers-Carbonnel in Stellung lag, bekam ich vertretungsweise die Führung der 8. Kompagnie. Ruheort war Devise.
Wenn man von dort nach der Front marschierte, mußte man die Somme-Niederung bei den Dörfern Brie und St. Christ überschreiten, deren trostlose Verwüstung inmitten der melancholischen Sumpflandschaft mich besonders nachts in eine traurige Stimmung versetzte, wenn dunkle Wolkenfetzen über den Mondhimmel jagten und durch unheimliche Beleuchtungsdifferenzen den Eindruck des Chaotischen verstärkten.
Die Stellung war während der letzten Zeit unseres Aufenthaltes zahlreichen englischen Vorstößen ausgesetzt, die mit unserer eifrig vorbereiteten großen Räumung des Sommegebietes zusammenhingen. Der Gegner entsandte fast jeden Morgen eine Kampfpatrouille gegen unsere Linie, um sich von unserer Anwesenheit zu überzeugen. Ich bringe hier einige Erlebnisse der damaligen Periode:
4. 3. 1917. Am Nachmittag herrschte des klaren Wetters wegen lebhafte Feuertätigkeit. Besonders eine schwere Batterie ebnete unter Ballonbeobachtung den Abschnitt meines 3. Zuges fast vollkommen ein. Um meine Stellungskarte zu vervollständigen, patschte ich am Nachmittag durch den vollständig versoffenen „namenlosen Graben“ zum 3. Zuge. Während dieses Weges sah ich vor uns eine riesige, gelbe Sonne zur Erde sinken, eine lange, schwarze Rauchfahne nach sich ziehend. Ein schneidiger Flieger hatte sich an den unangenehmen Fesselballon herangemacht und ihn in Brand geschossen. Er entkam trotz rasendem Verfolgungsfeuer.
Am Abend kam der Gefreite Schnau zu mir und meldete, unter seinem Gruppenunterstande schon seit vier Tagen ein pickendes Geräusch vernommen zu haben. Ich gab diese Beobachtung weiter und bekam ein Pionierkommando mit Horchapparaten gestellt, das allerdings nichts Verdächtiges wahrnahm. Später erfuhren wir, daß damals die ganze Stellung unterminiert gewesen sein soll.
Am 5. 3. näherte sich in den frühen Morgenstunden eine Patrouille unserem Graben und begann, das Drahtverhau zu durchschneiden. Der Leutnant Eisen eilte mit einigen Leuten auf die Meldung eines Postens herbei und warf Handgranaten, worauf die Angreifer sich zur Flucht wandten und zwei Mann liegen ließen. Der eine, ein junger Leutnant, starb gleich darauf; der andere, ein Sergeant, war schwer an Arm und Bein verwundet. Aus den Papieren des Offiziers ging hervor, daß er den Namen Stokes trug und dem Royal Munster 2. Füsilier-Regiment angehörte. Er war sehr gut angezogen, und sein vom Tode verkrampftes Gesicht war intelligent und energisch geschnitten. Wir begruben ihn hinter unserem Graben und setzten ihm ein einfaches Kreuz. Ich ersah aus diesem Erlebnis, daß nicht jeder Patrouillengang so glücklich zu enden brauchte wie meine bisherigen.
Am nächsten Morgen griff der Engländer nach kurzer Artillerievorbereitung den Abschnitt der Nachbarkompagnie, in dem der Leutnant Reinhardt befehligte, mit 50 Mann an. Der Gegner hatte sich vor den Draht geschlichen, und nachdem einer von ihnen mit einer am Ärmelaufschlag befestigten Reibfläche ein Lichtzeichen gegeben hatte, um die englischen Maschinengewehre zum Schweigen zu bringen, war er gleichzeitig mit seinen letzten Granaten gegen unseren Graben angelaufen. Alle hatten berußte Gesichter, um sich möglichst wenig von der Dunkelheit abzuheben.
Unsere Leute empfingen sie indessen so meisterhaft, daß nur ein einziger in den Graben gelangte. Dieser rannte gleich bis zur zweiten Linie durch, wo er, nachdem er die Aufforderung, sich zu ergeben, nicht beachtet hatte, niedergeschossen wurde. Den Draht zu überspringen, gelang nur einem Leutnant und einem Sergeanten. Der Leutnant wurde, trotzdem er unter der Uniform einen Panzer trug, erledigt, da ihm eine von Reinhardt à coup portant entgegengesandte Pistolenkugel eine ganze Panzerplatte in den Leib jagte. Dem Sergeanten wurden durch Handgranatensplitter beide Beine fast abgerissen, trotzdem behielt er mit stoischer Ruhe seine kurze Pfeife bis zum Tode zwischen den zusammengebissenen Zähnen.
Am Vormittag dieses erfolgreichen Morgens schlenderte ich durch meinen Graben und sah auf einem Postenstande den Leutnant Pfaffendorf, der von dort mit einem Scherenfernrohr das Feuer seiner Minenwerfer leitete. Ich trat neben ihn und bemerkte sofort einen Engländer, der hinter der dritten feindlichen Linie über Deckung ging und sich in seiner khakibraunen Uniform scharf vom Horizont abhob. Ich riß dem nächsten Posten das Gewehr aus der Hand, stellte Visier 600, nahm den Mann scharf aufs Korn, hielt etwas vor den Kopf und zog ab. Er tat noch drei Schritte, fiel dann auf den Rücken, als ob ihm die Beine unter dem Leib fortgezogen wären, schlug ein paarmal mit den Armen und rollte in ein Granatloch, aus dem wir durch das Glas noch lange seinen braunen Ärmel leuchten sahen.
Am 9. 3. wurde unser Abschnitt mit schweren Granaten zugedeckt. Ich hatte einen Toten und mehrere Verwundete. Der Eingang meines Stollens wurde wie eine Streichholzschachtel zermalmt. Am Abend wurden wir abgelöst und marschierten nach Devise.
Am 13. bekam ich vom Oberst v. Oppen den ehrenvollen Auftrag, den Kompagnieabschnitt mit einer Patrouille von zwei Gruppen bis zum völligen Übergang des Regiments über die Somme zu halten. Jeder der vier Abschnitte in vorderer Linie sollte durch eine derartige Patrouille, deren Führung energischen Offizieren übertragen war, besetzt werden. Die Abschnitte waren vom rechten Flügel den Leutnants Reinhardt, Fischer, Lorek und mir unterstellt. Die Dörfer, die wir auf unserem Marsch nach vorn passierten, hatten das Aussehen großer Tollhäuser angenommen. Ganze Kompagnien stießen und rissen Mauern um oder saßen oben auf den Dächern und zertrümmerten die Ziegel. Bäume wurden gefällt, Scheiben zerschlagen, rings stiegen von gewaltigen Schutthaufen Rauch und Staubwolken auf, kurz, es wurde eine Orgie der Vernichtung gefeiert.
Man sah Leute in den von den Einwohnern zurückgelassenen Anzügen und Frauenkleidern, Zylinderhüte auf den Köpfen, voll unglaublichem Eifer umherrasen. Sie fanden mit geradezu genialem Scharfsinn den Hauptbalken der Häuser heraus, befestigten Seile daran und zogen mit dem taktmäßigen Geschrei größter Anstrengung so lange, bis alles zusammenprasselte. Andere schwangen gewaltige Hämmer und zerschmetterten damit, was ihnen in den Weg kam, vom Blumentopfe vorm Fensterbrett bis zur kunstvollen Glaskonstruktion eines Wintergartens.
Bis zur Siegfriedstellung war jedes Dorf ein Trümmerhaufen, jeder Baum gefällt, jede Straße unterminiert, jeder Brunnen verpestet, jeder Flußlauf abgedämmt, jeder Keller gesprengt oder durch versteckte Bomben gefährdet, alle Vorräte oder Metalle zurückgeschafft, jede Schiene abmontiert, jeder Telephondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt; kurz, das Land, das den vordringenden Gegner erwartete, war in ödeste Wüste verwandelt.
Die moralische Berechtigung dieser Zerstörungen ist viel umstritten, doch scheint mir das chauvinistische Wutgeheul diesmal verständlicher als der befriedigte Beifall der Heimkrieger und Zeitungsschreiber. Wo tausende friedlicher Menschen ihrer Heimat beraubt werden, muß das selbstgefällige Machtgefühl schweigen.
Über die Notwendigkeit der Tat bin ich als preußischer Offizier natürlich keinen Augenblick im Zweifel. Kriegführen heißt, den Gegner durch rücksichtslose Kraftentfaltung zu vernichten suchen. Der Krieg ist der Handwerke härtestes, seine Meister dürfen der Menschlichkeit nur so lange das Herz öffnen, als sie nicht schaden kann.
Daß diese Handlung, die die Stunde forderte, nicht schön war, tut nichts zur Sache. Der aufmerksame Beobachter ersah es schon aus der Weise, in der sich der objektive Führerwille bei der Mannschaft in eine Reihe von niederen Instinkten umsetzte.
Am 13. verließ die zweite Kompagnie die Stellung, die ich mit meinen beiden Gruppen übernahm. In dieser Nacht fiel ein Mann mit dem ominösen Namen Kirchhof durch Kopfschuß. Merkwürdigerweise war dieses Unglücksgeschoß das einzige, das vom Gegner innerhalb mehrerer Stunden abgeschossen wurde.
Ich ordnete alles Mögliche an, um den Gegner über unsere Stärke zu täuschen. Bald wurden hier, bald dort einige Schaufeln voll Erde über Deckung geworfen, und unser einziges Maschinengewehr mußte bald vom rechten, bald vom linken Flügel eine Reihe von Schüssen abgeben. Trotzdem klang unser Feuer recht dünn, wenn niedrigfliegende Beobachter die Stellung überkreuzten oder eine Abteilung von Schanzern das feindliche Hinterland durchquerte. Daher tauchten jede Nacht an verschiedenen Punkten vor unserem Graben Patrouillen auf, die sich am Draht zu schaffen machten.
Am vorletzten Tage hätte ich beinahe ein ärgerliches Ende gefunden. Der Blindgänger einer Ballonabwehrkanone sauste aus gewaltiger Höhe herunter und explodierte auf der Schulterwehr, an die ich mich ahnungslos gelehnt hatte. Ich wurde durch den Luftdruck genau in die gegenüberliegende Öffnung eines Stollens geschleudert, wo ich mich äußerst verdutzt wiederfand.
Am 17. morgens merkten wir, daß ein Angriff nahe bevorstehen mußte. Im vorderen, sonst unbesetzten, stark verschlammten englischen Graben erklang das Patschen vieler Stiefel. Das Lachen und Rufen einer starken Abteilung verriet, daß diese Leute sich auch innerlich gut angefeuchtet haben mußten. Dunkle Gestalten näherten sich unserem Draht und wurden durch Schüsse vertrieben, eine brach jammernd zusammen und blieb liegen. Ich zog meine Leute igelförmig um die Einmündung eines Laufgrabens zusammen und bemühte mich, das Vorgelände in dem plötzlich einsetzenden Artillerie- und Minenfeuer durch Leuchtkugeln zu erhellen. Da uns die weißen bald ausgingen, jagten wir ein wahres Feuerwerk von bunten in die Luft. Als um 5 Uhr die Stunde der befehlsmäßigen Räumung anbrach, sprengten wir noch rasch die Unterstände mit Handgranaten auseinander, soweit wir sie nicht vorher mit teilweise genial konstruierten Höllenmaschinen versehen hatten.
Zur festgesetzten Zeit zogen sich sämtliche Patrouillen, teilweise schon in Handgranatenkämpfe verwickelt, gegen die Somme zurück. Nachdem wir als die Letzten die Niederung überschritten hatten, wurden die Brücken durch Pionierkommandos in die Luft gesprengt. Auf unserer Stellung tobte noch immer das Trommelfeuer. Erst nach einigen Stunden erschienen die ersten feindlichen Patrouillen an der Somme. Wir zogen uns hinter die noch im Bau befindliche Siegfriedstellung zurück; das Bataillon bezog Quartier in dem am „Canal de St. Quentin“ gelegenen Dorfe Lehaucourt. Ich bewohnte mit meinem Burschen ein kleines, gemütliches Häuschen, in dem der Hausrat der verbannten Bewohner noch in Truhen und Schränken aufgespeichert war. Als bezeichnenden Zug für das Wesen unserer Leute möchte ich anführen, daß mein Bursche, der treue Knigge, trotz allem Zureden nicht zu bewegen war, sein Nachtlager im warmen Wohnzimmer aufzuschlagen, sondern durchaus in der kalten Küche schlafen wollte. Diese dem Niedersachsen eigene Zurückhaltung machte dem Führer den Verkehr mit der Mannschaft leicht. Die Disziplin im Regiment wurde erst von dem Tage an lockerer, an dem wir Angehörige anderer Stämme als Ersatz einstellen mußten.
Am ersten Ruheabend lud ich meine Freunde zu einem mit sämtlichen vom Hausbesitzer hinterlassenen Gewürzen gefeuerten Glühwein ein, denn unsere Rückzugspatrouille hatte nicht nur das Lob aller Vorgesetzten, sondern auch einen vierzehntägigen Urlaub zur Folge gehabt.
Mein Urlaub, den ich einige Tage später antrat, wurde diesmal nicht unterbrochen. Am 9. April 1917 kam ich wieder bei der zweiten Kompagnie an, die im Dorfe Merignies unweit Douai in Quartier lag. Die Wiedersehensfreude wurde durch einen unerwarteten Alarm gestört, der mir besonders durch den Auftrag, den Gefechtstroß nach Beaumont zu führen, unangenehm wurde. Durch Regenschauer und Schneegestöber ritt ich an der Spitze der über die Chaussee schleichenden Wagenkolonne, bis wir um 1 Uhr nachts unser Ziel erreicht hatten.
Nachdem ich Pferde und Leute aufs notdürftigste untergebracht hatte, ging ich auf Suche nach einem Quartier für mich, doch fand ich auch den kleinsten Platz schon besetzt. Endlich kam ein Feldintendanturbeamter auf den guten Gedanken, mir sein Bett anzubieten, da er am Telephon wachen mußte. Während ich mich mit Stiefeln und Sporen darauf warf, erzählte er mir, daß die Engländer den Bayern die Vimy-Höhe und ein großes Stück Gelände abgenommen hätten. Trotz seiner Gastfreundlichkeit mußte ich feststellen, daß ihm die Verwandlung seines stillen Etappendörfchens in einen Rendez-vous-Platz der Kampftruppen äußerst unangenehm schien.
Am folgenden Morgen marschierte das Bataillon dem Kanonendonner entgegen bis zum Dorfe Fresnoy. Dort bekam ich Befehl, eine Beobachtungsstelle zu errichten. Ich suchte mir mit einigen Leuten am Westrande des Dorfes ein Häuschen aus, durch dessen Dach ich einen zur Front gerichteten Ausguck schlagen ließ. Unsere Wohngemächer verlegten wir in den Keller, bei dessen Ausräumung uns als angenehmer Zuschuß zu unserer äußerst knappen Verpflegung ein Sack Kartoffeln in die Hände fiel. Auch schickte mir der Leutnant Gornick, der das bereits geräumte Dorf Villerwal mit einem Zuge als Feldwache besetzt hielt, als kameradschaftliches Geschenk aus den in der Eile zurückgelassenen Beständen eine große Dose Leberwurst und einige Flaschen Rotwein. Eine von mir sofort mit Kinderwagen und ähnlichen Transportmitteln ausgerüstete Expedition zur Bergung dieser Schätze mußte leider unverrichteter Dinge wieder umkehren, da der Engländer den Dorfrand bereits mit dichten Schützenlinien erreicht hatte.
Am 14. April bekam ich den Auftrag, im Dorfe eine Nachrichtensammelstelle zu errichten. Es waren mir zu diesem Zwecke Meldeläufer, Radfahrer, Telephone, Lichtsignalstation, Erdtelegraph, Brieftauben und eine Leuchtpostenkette zur Verfügung gestellt. Ich suchte mir am Abend einen passenden Keller mit eingebautem Stollen aus und begab mich dann zum letztenmal in meine alte Wohnung am Westrande.
In der Nacht glaubte ich einige Male Krachen und Geschrei meines Burschen zu hören, war aber so schlaftrunken, daß ich nur murmelte: „Laß man schießen!“ und mich auf die andere Seite wälzte, trotzdem der ganze Raum dicht voll Staub war. Am nächsten Morgen wurde ich durch den Neffen des Obersts von Oppen, den kleinen Schultz, mit dem Rufe geweckt: „Mensch, wissen Sie noch gar nicht, daß Ihr ganzes Haus zusammengeschossen ist?“ Als ich aufstand und mir den Schaden besah, merkte ich, daß eine schwere Granate oben am Dache geplatzt war und sämtliche Räume mit dem Beobachtungsstande eingerissen hatte. Der Zünder hätte nur ein wenig gröber zu sein brauchen, und das Geschoß hätte uns im Keller an die Wände geklebt. Schultz erzählte mir, daß seine Ordonnanz beim Anblick des zerstörten Hauses gesagt hätte: „Da hat doch gestern ein Leutnant drin gewohnt, wir wollen doch mal sehen, ob der noch is.“ Mein Bursche war ganz außer sich über meinen unglaublich festen Schlaf.
Am Vormittag siedelten wir in unseren neuen Keller über. Auf dem Wege dorthin hätten uns beinahe die Trümmer des einstürzenden Kirchturms erschlagen, der von einem Pionierkommando sans façon in die Luft gesprengt wurde, um der feindlichen Artillerie das Einschießen zu erschweren. In einem Nachbardorfe hatte man sogar vergessen, einen Doppelposten zu benachrichtigen, der aus der Turmluke beobachtete. Wunderbarerweise konnte man die Leute unverletzt aus dem Gebälk hervorziehen.
Wir richteten uns in unserem geräumigen Keller ganz leidlich ein, indem wir Möbelstücke aus Schloß und Hütte, die uns gerade praktisch erschienen, zusammenschleppten.
Während der ganzen Tage spielte sich über uns eine Reihe erbitterter Fliegerkämpfe ab, die fast immer mit der Niederlage der Engländer endeten, da die Kampfstaffel Richthofen über der Gegend kreiste. Oft wurden fünf, sechs Flugzeuge nacheinander auf den Boden gedrückt oder brennend abgeschossen. Einmal sahen wir den Insassen in weitem Bogen herausfliegen und als schwarzen Punkt von seiner Maschine getrennt zur Erde stürzen. Das Hinaufstarren barg allerdings auch seine Gefahren, so wurde zum Beispiel ein Mann der 4. Kompagnie durch einen herabfallenden Splitter tödlich am Halse getroffen.
Am 18. April besuchte ich die 2. Kompagnie in Stellung, die in einem um das Dorf Arleux geschlungenen Frontbogen lag. Leutnant Boje erzählte mir, daß er bislang nur einen einzigen Verwundeten gehabt hätte, da das planmäßige Einschießen der Engländer jedesmal eine Räumung der beschossenen Abschnitte gestattete.
Nachdem ich ihm alles Gute gewünscht hatte, mußte ich der ständig einschlagenden schweren Granaten wegen das Dorf im Galopp verlassen. 300 Meter hinter Arleux blieb ich stehen und betrachtete die Wolken der hochspritzenden Einschläge, die, je nachdem Ziegelmauern zermalmt oder Gartenerde aufgeschleudert wurde, rot oder schwarz gefärbt waren, vermischt mit dem zarten Weiß platzender Schrapnells. Als jedoch einige Gruppen leichter Granaten auf die schmalen Trampelpfade fielen, die Arleux mit Fresnoy verspannen, verzichtete ich auf weitere Impressionen und räumte eiligst das Feld, um mich nicht „antöten“ zu lassen, wie der damals gerade übliche Fachausdruck der zweiten Kompagnie lautete.
Derartige Spaziergänge, die ich zum Teil bis zum Städtchen Henin-Liétard ausdehnte, machte ich ziemlich oft, da in den ersten 14 Tagen trotz meines großen Personals nicht eine einzige Meldung zu befördern war.
Vom 20. April ab wurde Fresnoy durch ein 30,5-cm-Geschütz beschossen, dessen Granaten mit geradezu infernalischem Fauchen heranheulten. Nach jedem Einschlag war das Dorf in eine gewaltige, rotbraune Pikrinwolke gehüllt. Ein Mann der 9. Kompagnie, auf dem Schloßhofe von einem derartigen Geschoß überrascht, wurde hoch über die Bäume des Parkes geschleudert und brach beim Aufsturze sämtliche Knochen.
An den Nachmittagen lag das Dorf unter dem Feuer verschiedenster Kaliber. Trotz der Gefahr konnte ich mich nicht vom Dachfenster meines Quartiers trennen, denn es war ein spannender Anblick, einzelne Abteilungen und Meldegänger hastig und sich oft niederwerfend über das beschossene Gelände eilen zu sehen, während rechts und links von ihnen der Boden aufwirbelte.
Von Tag zu Tag wurde die Artillerietätigkeit lebhafter und schloß jeden Zweifel an einem baldigen Angriffe aus. Am 27. bekam ich um Mitternacht den Fernspruch: „67 von 5 a. m.“, was nach unserem Zifferncode „von 5 Uhr vormittags an erhöhte Alarmbereitschaft“ bedeutete.
Ich legte mich also, um den voraussichtlichen Anstrengungen gewachsen zu sein, gleich nieder, doch als ich gerade beim Einschlafen war, schlug eine Granate ins Haus, drückte die Wand der Kellertreppe ein und warf uns das ganze Mauerwerk in den Raum. Wir sprangen hoch und eilten in den Stollen.
Als wir verdrossen und müde beim Scheine einer Kerze auf der Treppe hockten, kam der Führer meiner Lichtsignalisten, deren Station nebst zwei wertvollen Signallampen am Nachmittage zerschmettert war, angestürmt und meldete: „Herr Leutnant, der Keller von Haus Nr. 11 hat einen Volltreffer bekommen, es liegen noch welche unter den Trümmern!“ Da ich im Haus Nr. 11 zwei Radfahrer und drei Telephonisten liegen hatte, eilte ich mit einigen Leuten zu Hilfe.
Ich fand dort im Stollen einen Gefreiten und einen Verwundeten und erhielt folgenden Bericht: Als die ersten Schüsse verdächtig nahe einschlugen, beschlossen vier von den fünf Bewohnern, sich in den Stollen zu begeben. Der eine sprang gleich hinunter, einer blieb ruhig auf seinem Bette liegen, während die übrigen erst ihre Stiefel anzogen. Der Vorsichtigste und der Gleichgültigste kamen, wie so oft im Kriege, gut davon, der eine ganz ohne Verwundung, der Schlafende mit einem Splitter am Oberschenkel. Die drei anderen wurden von der durch die Kellerwand fliegenden und in der gegenüberliegenden Ecke zerschellenden Granate zerrissen.
Nach dieser Erzählung zündete ich mir für alle Fälle eine Zigarre an und trat in den raucherfüllten Raum, in dessen Mitte sich ein wüster Trümmerhaufen von zerschlagenen Bettstellen, Strohsäcken und anderen Möbelstücken fast bis zur Decke emporwölbte. Nachdem wir einige Lichter zwischen die Mauerfugen gesteckt hatten, machten wir uns an die traurige Arbeit. Wir packten die aus den Trümmern ragenden Gliedmaßen und zogen die Leichen heraus. Dem einen war der Kopf abgeschlagen und der Hals saß am Rumpf wie ein großer, blutiger Schwamm. Aus dem Armstumpf des zweiten ragte der zersplitterte Knochen, und die Uniform war vom Blute einer großen Brustwunde durchtränkt. Dem dritten quollen die Eingeweide aus dem aufgerissenen Leib. Als wir diesen herauszogen, stemmte sich ein zersplittertes Brett mit häßlichem Geräusch in die schauerliche Wunde. Die eine Ordonnanz machte eine Bemerkung darüber und wurde von meinem Burschen mit den Worten: „Swieg man stille, bi solchen Sachen hat Quasseln kein Zweck!“ zur Ruhe verwiesen.
Ich nahm ein Verzeichnis der Wertsachen auf, die wir bei ihnen fanden. Es war ein unheimliches Geschäft. Die Kerzen flackerten rötlich durch den dichten Dunst, während die beiden Leute mir Brieftaschen und silberne Gegenstände zureichten wie bei einer geheimen, dunklen Tat. Auf den Gesichtern der Toten hatte sich das feine gelbe Ziegelmehl niedergeschlagen und gab ihnen das starre Aussehen von Wachsmasken. Wir warfen Decken über sie und eilten aus dem Keller, nachdem wir unseren Verwundeten in eine Zeltbahn gepackt hatten. Mit dem stoischen Rate: „Beiß die Zähne zusammen, Kamerad!“ schleppten wir ihn durch ein wildes Schrapnellfeuer zum Sanitätsunterstand.
In meine Behausung zurückgekehrt, stärkte ich mich zunächst durch eine Reihe Sherry-Brandies, denn die Ereignisse waren mir doch auf die Nerven gefallen. Bald bekamen wir wieder lebhaftes Feuer und versammelten uns eiligst im Stollen, da uns allen das eben geschaute Beispiel von Artilleriewirkung in Kellern noch deutlich vor Augen stand.
Um 5.14 Uhr schwoll das Feuer in wenigen Sekunden zu unerhörter Stärke. Unser Stollen wankte und zitterte wie ein Schiff auf stürmischer See; ringsum erdröhnte das Bersten von Mauerwerk und das Krachen der zusammenstürzenden benachbarten Häuser.
Um 7 Uhr fing ich einen Lichtspruch der Brigade an das zweite Bataillon auf: „Brigade will sofort Klarheit über die Lage.“ Nach einer Stunde brachte mir ein Meldeläufer die Nachricht zurück: „Feind besetzte Arleux, Park von Arleux. Setzte achte Kompagnie zum Gegenstoß an, bislang keine Nachricht. Rocholl, Hauptmann.“
Dies war die einzige, allerdings sehr wichtige Nachricht, die ich mit meinem riesigen Apparat von Verbindungsmitteln während der drei Wochen meines Aufenthaltes in Fresnoy weitergab. Jetzt, wo meine Tätigkeit von größtem Wert war, hatte mir die Artillerie fast alle Anlagen außer Gefecht gesetzt. Das waren die Folgen der Über-Zentralisation.
Mir wurde durch diese überraschende Aufklärung verständlich, warum schon seit einiger Zeit aus ziemlicher Nähe abgefeuerte Infanteriegeschosse gegen die Mauern klappten.
Kaum waren wir uns über die großen Verluste des Regiments klar, als die Beschießung mit erneuter Wucht einsetzte. Mein Bursche stand als letzter noch auf der obersten Stollenstufe, als ein Donnerkrach ankündete, daß es dem Engländer endlich gelungen war, unseren Keller einzuschießen. Der biedere Knigge bekam einen derben Kantstein auf den Buckel, nahm aber sonst keinen Schaden. Oben war alles kurz und klein geschlagen. Das Tageslicht blickte nur noch durch zwei in den Stolleneingang gepreßte Fahrräder zu uns herab. Wir zogen uns ziemlich kleinlaut auf die unterste Stufe zurück, während fortwährend dumpfe Erschütterungen und Steingepolter uns von der Unsicherheit unseres Asyles überzeugten.
Wie durch ein Wunder war das Telephon noch unbeschädigt; ich stellte dem Chef des Divisionsmeldewesens unsere unzweckmäßige Lage vor und bekam Befehl, mich mit den Leuten in den naheliegenden Sanitätsstollen zurückzuziehen.
Wir packten also unsere notwendigsten Sachen zusammen und schickten uns an, den Stollen durch den zweiten noch erhaltenen Ausgang zu verlassen. Trotz meiner energischen, durch unzweideutige Drohungen unterstützten Befehle zögerten die wenig kriegsgewandten Leute der Fernsprechkompagnie so lange, sich aus dem Schutze des Stollens ins Feuer zu begeben, bis auch dieser Eingang, von einer schweren Granate zermalmt, krachend zusammenbrach. Zum Glück wurde niemand getroffen, nur unser kleiner Hund heulte jämmerlich auf und war von diesem Augenblick an verschwunden.
Wir rissen nun die den Ausgang zum Keller versperrenden Fahrräder zur Seite, krochen auf allen Vieren über den Trümmerhaufen hinweg und gewannen durch eine enge Mauerspalte das Freie. Ohne uns mit der Betrachtung der unglaublichen Verwandlung des Ortes innerhalb dieser wenigen Stunden aufzuhalten, rannten wir dem Dorfausgang zu. Kaum hatte der Letzte das Hoftor verlassen, als das Haus schon wieder durch einen mächtigen Einschlag getroffen wurde.
Auf dem Gelände zwischen dem Dorfrand und dem Sanitätsstollen lag ein kompakter Feuerriegel. Leichte und schwere Granaten mit Aufschlag-, Brenn- und Verzögerungszündern, Blindgänger, Hohlbläser und Schrapnells vereinten sich zu einer Raserei akustischer und optischer Effekte. Dazwischen strebten, rechts und links dem Hexenkessel des Dorfes ausweichend, Unterstützungstrupps nach vorn.
In Fresnoy löste eine kirchturmhohe Erdsäule die andere ab, jede Sekunde schien die vorhergehende noch übertrumpfen zu wollen. Wie durch Zaubermacht wurde ein Haus nach dem andern vom Erdboden eingesogen; Mauern brachen, Giebel stürzten, und kahle Sparrengerüste wurden durch die Luft geschleudert, die benachbarten Dächer abmähend. Über weißlichen Dampfschwaden tanzten Wolken von Splittern. Auge und Ohr hingen wie gebannt an dieser wirbelnden Vernichtung.