Diese Nachricht gab mir den Rest. Ich sträubte mich, die Tatsache zu fassen, daß ein Freund, mit dem ich jahrelang Freud, Leid und Gefahr geteilt, und der mir vor wenigen Minuten noch ein Scherzwort zugerufen hatte, durch ein sinnloses Stück Blei sein Ende gefunden haben sollte. Es war leider nur zu wahr.
Gleichzeitig verbluteten in diesem mörderischen Grabenstückchen sämtliche hervorragenden Unteroffiziere und ein Drittel meiner Kompagnie. Auch der Leutnant Hopf fiel, ein bereits älterer Mann, Lehrer von Beruf, deutscher Ideal-Schulmeister im besten Sinne des Wortes. Meine beiden Fähnriche und viele andere wurden verwundet. Trotzdem hielt die siebente Kompagnie die glorreich eroberte Stellung unter Führung des Leutnants Hoppenrath, des letzten Kompagnieoffizieres, bis zur Ablösung.
Auch das moderne Gefecht hat seine großen Augenblicke. Man hört so oft die irrige Ansicht, daß der Infanteriekampf zu einer uninteressanten Massenschlächterei herabgesunken ist. Im Gegenteil, heute mehr denn je entscheidet der einzelne. Das weiß jeder, der sie in ihrem Reich gesehen hat, die Fürsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern, tollkühn, so sehnig, geschmeidig vor- und zurückspringend, mit scharfen, blutdürstigen Augen, Helden, die kein Bericht nennt. Der Grabenkampf ist der blutigste, wildeste, brutalste von allen, doch auch er hat seine Männer gehabt, Männer, die ihrer Stunde gewachsen waren, unbekannte, verwegene Kämpfer. Unter allen nervenerregenden Momenten des Krieges ist keiner so stark, wie die Begegnung zweier Stoßtruppführer zwischen den engen Lehmwänden des Grabens. Da gibt es kein Zurück und kein Erbarmen. Blut klingt aus dem schrillen Erkennungsschrei, der sich wie Alpdruck von der Brust ringt.
Auf dem Rückweg blieb ich neben dem Hauptmann von Brixen stehen, der, mit einigen Leuten einen Feuerkampf gegen eine Reihe von Köpfen führte, die aus einem nahen Parallelgraben ragten. Ich stellte mich zwischen ihn und einen anderen Schützen und beobachtete die Geschoßeinschläge.
Plötzlich warf mich wieder ein Prall vor die Stirne auf die Grabensohle, während meine Augen durch herabströmendes Blut geblendet wurden. Der Mann neben mir stürzte zu gleicher Zeit und begann zu jammern. Kopfsteckschuß durch Stahlhelm und Schläfe. Der Hauptmann fürchtete, seinen zweiten Kompagnieführer an diesem Tage verloren zu haben, stellte indes bei näherem Hinsehen nur zwei oberflächliche Löcher an der Haargrenze fest; wahrscheinlich durch das zerschellende Geschoß oder Stahlhelmsplitter des Verwundeten verursacht.
Durch den erneuten Blutverlust geschwächt, schloß ich mich dem Hauptmann an, der zu seiner Befehlsstelle zurückging. Den hart beschossenen Dorfrand von Moeuvres im Laufschritt überwindend, gewannen wir den Unterstand im Kanalbett, wo ich Verband und Tetanusspritze erhielt. — Am Nachmittag setzte ich mich in ein Lastauto und fuhr nach Lécluse, wo ich dem begeisterten Oberst von Oppen beim Abendessen Bericht erstattete. Nachdem ich halb im Schlaf, aber in vorzüglicher Stimmung, eine Flasche Wein geleert hatte, verabschiedete ich mich und warf mich nach diesem gewaltigen Tage mit einem Feierabendgefühl in das Bett, das mir mein treuer, freudestrahlender Vinke bereitet hatte. Am übernächsten Tage rückte das Bataillon in Lécluse ein. Am 4. Dezember hielt der Divisions-Kommandeur, Generalmajor von Busse, eine Ansprache an die beteiligten Bataillone, in der die Verdienste der siebenten Kompagnie besonders hervorgehoben wurden.
Ich konnte mit Recht stolz auf meine Leute sein. Kaum 80 Mann hatten ein langes Grabenstück erobert; eine Menge Maschinengewehre, Minenwerfer und Material erbeutet und 200 Gefangene gemacht. Leider hatten wir auch eine Verlustziffer von 50 Prozent, darunter besonders viele Chargen. Ich hatte die Freude, eine lange Reihe von Beförderungen und Auszeichnungen verkünden zu können. Verdientermaßen erhielten der Leutnant Hoppenrath, Führer der Stoßtruppen, Fähnrich Neupert, der Blockhausstürmer und last not least, der kühne Barrikadenverteidiger Kimpenhaus das E. K. I. Ich bekam als Pflaster auf meine fünfte Verwundung einen vierzehntägigen Weihnachtssurlaub, währenddessen mir das Ritterkreuz des Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern ins Haus geschickt wurde. Ich habe mir im Verlaufe des Krieges über Orden eine eigentümliche Anschauung erworben, indes gestehe ich, daß ich mir das goldgerandete Emaillekreuz mit Stolz an die Brust heftete. Dieses Kreuz, mein durchschossener Stahlhelm und ein silberner Pokal mit der Inschrift „Dem Sieger von Moeuvres“, den mir die drei anderen Kompagnieführer des Bataillons schenkten, sind meine Erinnerungszeichen an den Tag von Cambrai.
Nach wenigen Tagen der Ruhe lösten wir am 9. Dezember 1917 die zehnte Kompagnie in vorderer Linie ab. Die Stellung lag, wie ich schon berichtete, vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Mein Kompagnieabschnitt wurde rechts durch die Straße Arras—Cambrai, links durch das versumpfte Bett des Cojeul-Baches begrenzt, über das wir die Verbindung mit der Nebenkompagnie durch nächtliche Patrouillen aufrechterhielten. Die feindliche Stellung wurde durch eine zwischen den vorderen Gräben liegende Erhebung der Sicht entzogen. Außer ein paar Patrouillen, die sich nachts an unserem Draht zu schaffen machten, und dem Surren eines in der nahen Hubertus-Ferme aufgestellten Lichtmotors nahmen wir nichts von der feindlichen Infanterie wahr.
Mein Unterstand war in die steile Wand einer hinter der Stellung gähnenden Kiesgrube getrieben, die fast jeden Tag stark beschossen wurde. Dahinter ragte in grotesker Wüstheit das Eisengerüst einer zerstörten Zuckerfabrik.
Die Kiesgrube war ein unheimlicher Aufenthaltsort. Zwischen den mit verbrauchtem Kriegsmaterial gefüllten Trichtern steckten die windschiefen Kreuze verfallener Gräber. Nachts konnte man nicht die Hand vor Augen sehen und mußte von dem Erlöschen der einen Leuchtkugel auf das Hochsteigen der anderen warten, um nicht vom sicheren Pfade der Laufrosten in den Schlamm des Cojeul-Grundes zu geraten.
Die Tage verbrachte ich, wenn ich nicht bei dem im Bau befindlichen Postengraben zu tun hatte, in dem eisigkalten Stollen, las ein Buch und trommelte mit den Füßen zur Erwärmung gegen die Stollenrahmen. Demselben Zweck diente auch die in einer Nische des Kalkfelsens verborgene Flasche, der von meinen Ordonnanzen und mir stark zugesprochen wurde.
Hätten wir indes aus der Kiesgrube den Dampf eines Feuerchens zum trüben Dezemberhimmel emporsteigen lassen, so wäre der Platz gänzlich unbewohnbar geworden, da der Feind bislang die Zuckerfabrik für den Sitz der Befehlsstelle zu halten schien und demgemäß bedachte. So kam erst zur Stunde der Dämmerung Leben in unsere erstarrten Glieder. Der kleine Ofen wurde in Brand gesetzt und verbreitete neben dichtem Qualm auch eine behagliche Wärme. Bald klapperten auf der Stollentreppe die Kochgeschirre der aus Vis zurückkehrenden Essenholer, die bereits sehnsüchtig erwartet wurden. Wenn dann die ewige Folge von Steckrüben, Graupen und Dörrgemüse durch Bohnen oder Nudeln unterbrochen wurde, ließ die Stimmung nichts mehr zu wünschen übrig. Ich freute mich manchmal, an meinem kleinen Tische sitzend, über die urwüchsige Unterhaltung der Leute, die, in Tabakswolken gehüllt, um den Ofen hockten, von dem ein Kochgeschirr voll Grog kräftige Gerüche ausströmte. Krieg und Frieden, Kampf und Heimat, Ruheort und Urlaub wurden in trockener niedersächsischer Art besprochen, auch die Erotik spielte eine Hauptrolle.
Am 17. Dezember trat ich meinen Urlaub an, von dem ich am 2. Januar zurückkehrte.
Am 19. Januar wurden wir um 4 Uhr morgens abgelöst und marschierten durch dichtes Schneegestöber nach Gouy, wo wir längere Zeit bleiben sollten, um uns für die Aufgaben der großen Offensive zu schulen. Die wunderbar klaren Ausbildungsbefehle Ludendorffs, die bis zu den Kompagnieführern verteilt wurden, stellten den Angriff für die nächste Zeit in Aussicht.
Wir übten die fast vergessenen Formen des Schützengefechts und Bewegungskrieges, auch wurde eifrig mit Gewehr und Maschinengewehr geschossen. Da alle Dörfer hinter der Front bis zur letzten Dachkammer belegt waren, wurde jede Böschung als Scheibenstand benutzt, so daß die Geschosse manchmal wie bei einem Gefecht über das Gelände flirrten. Ein Richtschütze meiner Kompagnie schoß mit seinem leichten Maschinengewehr den Kommandeur eines fremden Regiments mitten in einer Kritik aus dem Sattel. Zum Glück war die Verwundung eine leichte und unsere Täterschaft nicht klar erweislich.
Einige Male unternahm ich mit der Kompagnie Übungsangriffe mit scharfen Handgranaten auf verwickelte Grabensysteme, um die Erfahrungen der Cambraischlacht auszuwerten. Auch dabei gab es Verwundete. Wo Holz gehauen wird, fallen Späne.
Am 24. Januar verabschiedete sich unser von allen verehrter Oberst v. Oppen, um im fernen Südosten eine Brigade zu übernehmen. Das Scheiden dieses hervorragenden, während der langen Jahre des Krieges fest mit seiner Truppe verwachsenen Führers war dem ganzen Regiment ein schmerzlicher Verlust. Neben einer warmen Teilnahme am Geschick seiner Untergebenen besaß er die bei im eintönigen Friedensdienst alt gewordenen Offizieren nicht häufige Eigenschaft, sich den gewaltigen Neuerungen des Krieges mit Leichtigkeit anpassen zu können. Ein solcher Mann kann im Kriege Unermeßliches leisten. Leider gingen seine Abschiedsworte: „Auf Wiedersehen in Hannover!“ nicht in Erfüllung. Unser lieber Oberst hat weder die Heimat noch sein stolzes Regiment wiedergesehen. Er ruht in fremder Erde, fern von der Heimat, von tückischer Seuche dahingerafft.
Am 6. Februar siedelten wir wieder nach Lécluse über und wurden am 22. für vier Tage im Trichterfelde links der Straße Dury—Hendecourt untergebracht, um nachts in vorderer Linie zu schanzen. Bei der Besichtigung der Stellung, die dem Trümmerhaufen des ehemaligen Dorfes Bullecourt gegenüberlag, wurde mir klar, daß ein Teil des gewaltigen Angriffs, von dem an der ganzen Westfront erwartungsvoll geraunt wurde, an dieser Stelle stattfinden mußte.
Überall wurde mit fieberhafter Hast gebaut, Stollen getrieben und neue Wege angelegt. Das Trichterfeld wimmelte von mitten im Gelände stehenden Schildchen, auf denen unverständliche Ziffern standen, die anscheinend die Plätze für Batterien und Befehlsstellen bezeichneten. Dauernd flogen unsere Flugzeuge Sperre, um den feindlichen den Einblick zu verwehren. Eine interessante Neuerscheinung an der Front war, daß jeden Mittag punkt 12 Uhr von den Fesselballons ein schwarzer Ball heruntergelassen wurde, der um 12.10 Uhr verschwand. Es geschah dies, um die Truppe mit genauer Uhrzeit zu versorgen.
Gegen Ende des Monats marschierten wir wieder nach Gouy in unsere alten Quartiere. Nach mehreren Übungen im Bataillons- und Regimentsverbande exerzierten wir zweimal an einer großen tracierten Stellung einen Durchbruch der ganzen Division. Anschließend hielt der Divisionskommandeur eine Ansprache an seine Offiziere, bei der jedem klar wurde, daß der Sturm in den nächsten Tagen losbrechen sollte. Der eherne Geist des Angriffs, der Geist der preußischen Infanterie, schwebte über den Massen, die sich hier auf nordfranzösischem Felde beim Frühlingserwachen zur Kampfprobe versammelt hatten.
Wenn das Ziel nicht erreicht wurde, das die Führung sich gesteckt hatte, so war es nicht die Schuld der Offiziere und der Leute, die nach 44 Monaten schwerster Kämpfe sich dem Feinde mit einer Begeisterung entgegenwarfen, wie je im August 1914. Fürwahr, es mußte sich die ganze Welt in die Bresche stemmen, um solcher Sturmflut standzuhalten. Wenn sich im Laufe der Jahre einst die Wogen des Hasses geglättet haben, wird die Geschichte anerkennen, daß wir gekämpft haben wie nie ein Volk zuvor.
Mit Vergnügen erinnere ich mich auch jener Abendstunden, wo wir am runden Tisch zusammensaßen und uns mit heißen Köpfen über den bevorstehenden frisch-fröhlichen Bewegungskrieg unterhielten. Ging auch in der Begeisterung der letzte Taler für Wein drauf, was brauchten wir noch Geld jenseits der feindlichen Linien oder gar im besseren Jenseits?
Wer weiß, ob nicht die Welt
Morgen in Schutt zerfällt,
Wenn sie nur heut noch hält,
Heute ist heut!
Nur durch die Vorstellung, daß die Etappe doch auch leben wollte, konnte uns der Hauptmann v. Brixen am letzten Abend davon abhalten, Gläser, Flaschen und Porzellan gegen die Wände zu feuern. Auch die Leute waren gut in Form. Hörte man sie in ihrer trockenen niedersächsischen Weise von dem bevorstehenden „Hindenburg-Flachrennen“ reden, so wußte man, daß sie anpacken würden wie immer, zäh, zuverlässig und ohne unnötiges Geschrei. Wie hätte man hinten sein können, wenn sie ins Gefecht gingen, diese stillen Söhne alter, eichenumrauschter Höfe? Viel schimmernde Ideale, die über unseren Zielen hingen, hat mir der Krieg zerschlagen, eins blieb für immer: diese unerschütterliche Treue.
Am 17. März marschierten wir nach Dunkelwerden von den uns bereits liebgewordenen Quartieren nach Brunemont. Alle Straßen waren überfüllt von rastlos sich vorwälzenden Marschkolonnen, unzähligen Geschützen und endlosen Trains. Trotzdem herrschte genaue Ordnung nach einem von Generalstabsoffizieren ausgearbeiteten Mobilmachungsplan. Wehe der Truppe, die nicht peinlich Weg- und Marschzeit innehielt; sie wurde rücksichtslos in den Straßengraben gedrängt und mußte stundenlang warten, ehe sie sich in eine Lücke zwängen konnte. Einmal gerieten wir doch ins Gedränge, wobei sich das Reitpferd des Hauptmanns v. Brixen auf eine beschlagene Wagendeichsel spießte und verendete.
Das Bataillon wurde im Schloß von Brunemont untergebracht. Wir erfuhren, daß wir in der Nacht vom 19. zum 20. März 1918 nach vorn marschieren sollten, um in der Nähe von Cagnicourt in Stollen des Trichterfeldes bereitgestellt zu werden, und daß der große Angriff am Morgen des 21. beginnen sollte. Das Regiment hatte den Auftrag, zwischen den uns von 1915/16 her wohlbekannten Dörfern Ecoust-St. Mein und Noreuil durchzustoßen und womöglich am ersten Tage Mory zu erreichen.
Ich schickte den Leutnant Schmidt, den wir seines netten Wesen wegen gar nicht anders nennen konnten als „Schmidtchen“, voraus, um die Unterkunft der Kompagnie zu sichern.
Zur bestimmten Stunde marschierte das Bataillon aus Brunemont ab. Trotz strömenden Regens war die Stimmung gut. Einen Betrunkenen, der gröhlend zwischen den Gliedern meiner Kompagnie taumelte, übersah ich. Jetzt mußte jedes scharfe Wort schaden. Die Ausbildung war vorüber, nun kam die Sache selbst. Man mußte jedes Rädchen laufen lassen.
Von einer Straßenkreuzung, an der uns unsere Führerkommandos erwarteten, marschierten die Kompagnien selbständig nach vorn. Als wir in der Höhe der zweiten Linie waren, in der wir untergebracht werden sollten, stellte sich heraus, daß sich unsere Führer verlaufen hatten. Es begann ein Umherirren in dem schwach beleuchteten, aufgeweichten Trichtergelände und ein Fragen bei unzähligen, ebensowenig orientierten Trupps. Um meine Leute nicht völlig zu erschöpfen, ließ ich halten und schickte die Führer in verschiedenen Richtungen aus.
Die Gruppen setzten die Gewehre zusammen und drängten sich in einen gewaltigen Trichter, während ich mit dem Leutnant Sprenger auf dem Rande eines kleineren saß. Schon seit einiger Zeit waren ungefähr 100 Meter vor uns einzelne Einschläge aufgeflammt. Ein neues Projektil schlug in geringerer Entfernung ein; Splitter klatschten in die Lehmwände des Trichters. Ein Mann schrie auf und behauptete, am Fuße getroffen zu sein. Ich rief den Leuten zu, sich in die umliegenden Löcher zu verteilen, während ich mit den Händen den schlammigen Stiefel des Getroffenen nach einem Einschuß untersuchte.
Da pfiff es wieder hoch in der Luft; jeder hatte das zusammenschnürende Gefühl: die kommt hierher! Dann schmetterte ein betäubender, ungeheurer Krach; — die Granate war mitten zwischen uns geschlagen. . . .
Halb ohnmächtig richtete ich mich auf. Aus dem großen Trichter strahlte unsere in Brand gesetzte Maschinengewehrmunition ein intensives rosa Licht. Es beleuchtete den schwelenden Qualm des Einschlages, in dem sich schwarze Körper wälzten und die Schatten der nach allen Seiten auseinanderstiebenden Überlebenden. Gleichzeitig ertönte ein vielfaches, grauenhaftes Gebrüll und Hilfegeschrei.
Ich will nicht verheimlichen, daß ich zunächst, wie alle anderen, nach einem Augenblick starren Entsetzens aufsprang und planlos in die Nacht rannte. Erst in einem kleinen Granatloch, in das ich kopfüber gestürzt war, wurde mir der Vorgang klar. Nichts mehr hören und sehen! Fort, weit weg, verkriechen! Und doch meldete sich sofort die andere Stimme: „Mensch, du bist doch der Kompagnieführer!“ Genau so. Ich sage es nicht, um mich zu rühmen; ich möchte eher sagen: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu. Ich habe an mir und anderen oft erfahren, daß das Verantwortlichkeitsgefühl des Führers die persönliche Angst übertäubte. Man hatte einen Halt, etwas, an das man denken mußte. Ich zwang mich also an den schrecklichen Ort zurück; unterwegs stieß ich auf den Füsilier Haller, der während meiner November-Patrouille das Maschinengewehr erbeutet hatte, und nahm ihn mit.
Die Verwundeten stießen noch immer ihre furchtbaren Schreie aus. Einige kamen auf mich zugekrochen und winselten, meine Stimme erkennend: „Herr Leutnant! Herr Leutnant!“ Einer meiner liebsten Rekruten, dem ein Splitter den Schenkel zerknickt hatte, klammerte sich an meinen Beinen fest. Meinem Unvermögen zu helfen, fluchend, klopfte ich ihm ratlos auf die Schulter. Solche Augenblicke vergißt man nie.
Ich mußte die Unglücklichen dem einzig überlebenden Krankenträger überlassen, um das Häuflein Getreuer, das sich um mich gesammelt hatte, aus dem gefährdeten Bereich zu führen. Vor einer halben Stunde noch an der Spitze einer kriegsstarken, ausgezeichneten Kompagnie, irrte ich nun mit wenigen, seelisch vollkommen deprimierten Leuten durch das Grabengewirre. Ein blutjunges Milchgesicht, das vor einigen Tagen noch, von seinen Kameraden verspottet, beim Exerzieren der schweren Munitionskästen wegen geweint hatte, schleppte nun diese Last, die es aus der furchtbaren Szene gerettet hatte, getreulich auf unserem mühsamen Wege mit. Diese Beobachtung gab mir den Rest. Ich warf mich zu Boden und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus, während die Leute düster um mich herumstanden.
Nachdem wir einige Stunden lang erfolglos, oft von einschlagenden Granaten bedroht, durch Gräben gehastet waren, in denen Schlamm und Wasser fußhoch standen, verkrochen wir uns, zu Tode erschöpft, in einige in die Wände eingebaute Munitionsnischen. Mein Bursche breitete seine Decke über mich; trotzdem konnte ich infolge der furchtbaren Nervenerregung kein Auge schließen und erwartete, Zigarren rauchend, die Dämmerung.
Das erste Tageslicht entschleierte ein ganz unglaubliches Leben im Trichterfelde. Zahllose Trupps Infanterie suchten noch ihre Deckungen zu erreichen. Artilleristen schleppten Munition, Minenwerfer zogen ihre Fahrzeuge; Fernsprecher und Lichtsignalisten bauten Leitungen. Es war der reinste Jahrmarktstrubel tausend Meter vorm Feinde, der unbegreiflicherweise nichts zu merken schien.
Zum Glück stieß ich auf den Führer der zweiten Maschinengewehrkompagnie, Leutnant Fallenstein, einen alten Frontoffizier, der mir unsere Unterkunft zeigen konnte. Sein erstes Wort war: „Mensch, wie sehen Sie denn aus?“ Ich führte meine Leute in einen großen Stollen, an dem wir in der Nacht wohl ein dutzendmal vorbeigelaufen waren, und in dem ich Schmidtchen vorfand, der von unserem Unglück noch nichts wußte. Auch die Führer fand ich hier wieder. Seit diesem Tage habe ich, wenn wir eine neue Stellung bezogen, die Auswahl der Führer stets selbst und mit der größten Sorgfalt getroffen. Im Kriege lernt man gründlich, aber das Lehrgeld ist teuer.
Nachdem ich meine Begleiter untergebracht hatte, machte ich mich auf den Weg nach der Schreckensstelle der vergangenen Nacht. Der Platz sah schaurig aus. Rings um die verbrannte Einschlagsstelle lagen über 20 geschwärzte Leichen, fast alle bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Einige der Gefallenen mußten wir später als vermißt führen, da nichts von ihnen vorzufinden war.
Einige Soldaten fremder Truppenteile fand ich beschäftigt, aus dem gräßlichen Gewirr die blutbesudelten Sachen der Toten hervorzuziehen und nach Beute zu durchsuchen. Angeekelt jagte ich das Hyänengelichter fort und gab meiner Ordonnanz den Auftrag, soweit möglich, die Brieftaschen und Wertsachen an sich zu nehmen, um sie für die Hinterbliebenen zu retten. Wir mußten sie allerdings am folgenden Tage beim Sturm zurücklassen.
Zu meiner Freude kann aus einem nahen Stollen der Leutnant Sprenger mit einer Schar von Leuten, die dort die Nacht verbracht hatten. Ich ließ die Gruppenführer melden und stellte fest, daß mir noch 63 Mann zur Verfügung standen. Mit über 150 war ich am Abend zuvor in bester Stimmung ausgezogen! Es gelang mir, über 20 Tote und über 60 Verwundete, von denen später noch viele ihren Verletzungen erlagen, zu ermitteln.
Der einzige schwache Trost war, daß es noch schlimmer hätte kommen können. So stand z. B. der Füsilier Rust so dicht neben dem Einschlag, daß die Tragegurte seiner Munitionskästen anfingen zu brennen. Der Unteroffizier Peggau, der allerdings am nächsten Tage sein Leben lassen mußte, stand zwischen zwei Leuten, die vollkommen zerrissen wurden, ohne auch nur geritzt zu werden.
Wir verbrachten den Tag in gedrückter Stimmung, meist schlafend. Ich mußte häufig zum Bataillonskommandeur, da immer wieder etwas über den Angriff zu besprechen war. Sonst führte ich mit meinen beiden Offizieren, auf einer Pritsche liegend, eine Unterhaltung über die nebensächlichsten Dinge, um den marternden Gedanken zu entgehen. Der stete Refrain war: „Mehr als totgeschossen können wir Gott sei Dank nicht werden!“ Eine kleine Ansprache, mit der ich die Leute zu ermuntern suchte, die wortlos auf der Stollentreppe zusammenkauerten, schien wenig Wirkung zu haben. Ich war auch zum Ermutigen nicht disponiert.
Um 10 Uhr abends brachte eine Ordonnanz den Befehl zum Abmarsch in vordere Linie. Wenn ein Tier der Wildnis aus seiner Höhle hervorgezerrt wird, oder ein Seemann die rettende Planke unter seinen Füßen sinken sieht, mögen sie ähnliche Gefühle haben wie wir, als wir uns von dem sicheren, warmen Stollen trennen mußten. Jedoch kam nicht einem meiner Leute der Gedanke, unbemerkt zurückzubleiben.
Wir eilten in scharfem Schrapnellfeuer durch den Felixgraben und kamen ohne Verluste vorn an. Dem Bataillon war ein ganz schmaler Abschnitt zugewiesen. Sämtliche Stollen waren im Nu gestopft voll Menschen. Die übrigen gruben sich Löcher in die Grabenwände, um während des dem Angriff vorausgehenden Artilleriefeuers wenigstens etwas Schutz zu haben. Nach vielem Hin und Her hatte jeder sein Plätzlein gefunden. Noch einmal versammelte der Hauptmann von Brixen die Kompagnieführer zur Besprechung. Nachdem zum letzten Mal die Uhren verglichen waren, trennten wir uns mit einem Händedruck.
Ich setzte mich neben meine beiden Offiziere auf eine Stollentreppe, um den Zeitpunkt 5.05 Uhr zu erwarten, mit dem die Feuervorbereitung beginnen sollte. Die Stimmung hatte sich etwas aufgeheitert, da der Regen aufgehört hatte und die sternklare Nacht einen trockenen Morgen versprach. Wir verbrachten die Zeit mit Erzählen und Essen; es wurde stark geraucht, und die gefüllte Feldflasche machte stetig die Runde. In den ersten Morgenstunden war die feindliche Artillerie so lebhaft, daß wir fürchteten, der Engländer hätte Lunte gerochen.
Kurz vor Beginn wurde folgender Funkspruch bekanntgegeben: „S. M. der Kaiser und Hindenburg haben sich an den Schauplatz der Operationen begeben.“ Er wurde mit Beifall begrüßt.
Immer weiter rückte der Zeiger; wir zählten die letzten Minuten mit. Endlich stand er auf 5.05 Uhr. Der Orkan brach los. Ein rasender Donner, der auch die schwersten Abschüsse in seinem gewaltigen Rollen verschlang, ließ die Erde erzittern. Das gigantische Vernichtungsgebrüll der unzähligen Geschütze hinter uns war so furchtbar, daß auch die größten der überstandenen Schlachten dagegen ein Kinderspiel schienen. Was wir nicht gewagt hatten zu hoffen, geschah: Die feindliche Artillerie blieb stumm; sie war mit einem einzigen Riesenschlage niedergeschmettert. Wir hielten es im Stollen nicht länger aus. Auf Deckung stehend, bewunderten wir die über den englischen Gräben flammende Feuerwand, die sich hinter wallenden, blutroten Wolken verschleierte.
Unsere Freude wurde durch Augentränen und Brennen der Schleimhäute gestört, verursacht durch die vom Winde zurückgetriebenen Dünste unserer Gasgranaten. Die unangenehmen Wirkungen des Blaukreuzgases zwangen viele Leute durch Würge- und Hustenreiz, die Masken abzureißen. Ich war sehr besorgt; doch vertraute ich fest darauf, daß unsere Führung unmöglich eine Berechnung gemacht haben könnte, die unser Verderben werden mußte. Trotzdem zwang ich mit Aufbietung aller Energie den ersten Husten zurück, um den Reiz nicht zu fördern. Nach einer Stunde konnten wir die Masken absetzen. Es war Tag geworden. Hinter uns wuchs das ungeheure Getöse fortwährend. Vor uns war eine dem Blick undurchdringliche Wand von Rauch, Staub und Gas entstanden. Leute liefen durch den Graben und brüllten sich freudige Zurufe ins Ohr. Infanteristen und Artilleristen, Pioniere und Fernsprecher, Preußen und Bayern, Offiziere und Mannschaften, alle waren überwältigt, begeistert durch diese elementare Äußerung deutscher Kraft und brannten darauf, um 9.40 Uhr zum Sturm anzutreten. Um 8.25 griffen unsere schweren Minenwerfer ein, die in engen Zwischenräumen hinter dem vorderen Graben standen. Wir sahen die gewaltigen Zweizentner-Minen im hohen Bogen durch die Luft fliegen und drüben mit vulkanartigen Explosionen zu Boden fallen.
Selbst die Naturgesetze schienen ihre Gültigkeit verloren zu haben; die Luft flimmerte wie an heißen Sommertagen. Der wechselnde Brechungsexponent ließ feste Gegenstände hin und her tanzen. Schwarze Schattenstriche huschten durch das Gewölk.
Die letzte Stunde der Vorbereitung wurde gefährlicher als die vier anderen, während deren wir uns ruhig auf Deckung bewegt hatten. Der Feind brachte eine schwere Batterie ins Feuer, die Schuß um Schuß in unseren gedrängt vollen Graben warf. Um auszuweichen, begab ich mich nach links und stieß auf den Adjutanten, Leutnant Heins, der mich nach dem Leutnant Freiherrn v. Solemacher fragte: „Der muß sofort das Bataillon übernehmen, Hauptmann v. Brixen ist eben gefallen.“ Erschüttert von dieser Schreckensnachricht ging ich zurück und setzte mich in ein tiefes Erdloch. Auf dem kurzen Wege hatte ich die Tatsache schon wieder vergessen. Mein Gehirn klammerte sich nur noch durch die Zahl 9.40 Uhr an die Wirklichkeit. Ich schien mich indes sehr kouragiert zu benehmen, denn alle Leute lächelten mir beifällig zu.
Vor meinem Erdloch stand der Unteroffizier Dujesiefken, mein Begleiter bei Regniéville, und bat mich, in den Graben zu kommen, da beim kleinsten Einschlage die Erdmassen über mir zusammenstürzen könnten. Eine Explosion riß ihm das Wort vom Munde: mit einem abgerissenen Bein stürzte er zu Boden. Ich sprang über ihn hinweg und hastete nach rechts, wo ich in ein Fuchsloch kroch, das bereits von zwei Pionieren besetzt war. Im engen Kreise um uns setzten die schweren Geschosse ihr Wüten fort. Man sah plötzlich schwarze Erdklumpen aus einer weißen Wolke wirbeln; die Detonation ging im allgemeinen Tosen unter. Man hörte eigentlich überhaupt nichts mehr. Im Grabenstückchen links neben uns wurden drei Leute meiner Kompagnie zerrissen. Einer der letzten Treffer, ein Blindgänger, tötete das arme Schmidtchen, das noch auf der Stollentreppe saß.
Ich stand zusammen mit Sprenger, die Uhr in der Hand, vor meinem Fuchsloch und erwartete den großen Augenblick. Um uns hatten sich die Reste der Kompagnie geschart. Es gelang uns, sie durch Scherzworte von einer Derbheit, die sich hier leider nicht wiedergeben läßt, aufzuheitern und abzulenken. Der Leutnant Meyer, der einen Augenblick um die Schulterwehr lugte, erzählte mir später, daß er uns für wahnsinnig gehalten hätte.
Um 9.10 Uhr verließen die Offizier-Patrouillen, die unsere Aufstellung sichern sollten, den Graben. Da die vorderen Linien über 800 Meter auseinanderlagen, mußten wir noch während der Vorbereitung antreten und uns im Niemandslande derart bereitlegen, daß wir um 9.40 in die erste feindliche Linie springen konnten. Auch Sprenger und ich kletterten nach einigen Minuten, gefolgt von unseren Leuten, auf Deckung.
„Nun wollen wir mal zeigen, was die siebte Kompagnie kann!“ „Jetzt ist mir alles ejal!“ „Rache für die siebte Kompagnie!“ „Rache für Hauptmann von Brixen!“ Wir zogen die Pistolen und überschritten unseren Draht, durch den sich schon die ersten Verwundeten zurückschleppten.
Ich blickte nach rechts und links. Die Völkerscheide bot ein seltsames Bild. In den Trichtern vor dem feindlichen Graben, der in höchster Feuersteigerung wieder und wieder umgewühlt wurde, harrten in unübersehbar breiter Front, kompagnieweise zusammengeklumpt, die Angriffsbataillone. Beim Anblick dieser aufgestauten gewaltigen Massen schien mir der Durchbruch gewiß. Ob aber auch die Kraft in uns steckte, die feindlichen Reserven zu zersplittern und vernichtend auseinanderzureißen? Ich erwartete es mit Bestimmtheit. Der Endkampf, der letzte Anlauf schien gekommen. Die Stimmung war sonderbar, geladen von höchster Spannung. Offiziere standen aufrecht und riefen sich nervöse Scherzworte zu. Oft ging eine schwere Mine zu kurz, warf eine kirchturmhohe Fontäne hoch und überschüttete uns mit Erde, ohne daß einer auch nur den Kopf beugte. Der Schlachtendonner war so fürchterlich geworden, daß keiner mehr bei klarem Verstande war. Die Nerven konnten keine Angst mehr empfinden.
Drei Minuten vor dem Angriff winkte mir mein Bursche, der treue Vinke, mit einer gefüllten Feldflasche. Sein einfacher Horizont erkannte das Gebot der Stunde. Ich tat einen tiefen Zug. Es war, als ob ich Wasser tränke. Nun fehlte noch die Offensiv-Zigarre. Dreimal löschte der Luftdruck mein Streichholz aus.
Der große Augenblick war gekommen. Die Feuerwalze rollte über die ersten Gräben hinweg. Wir traten an.
In einer Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch Blutdurst, Wut und Alkoholgenuß gingen wir im Schritt auf die feindlichen Linien los. Ich war weit vor der Kompagnie, gefolgt von meinem Burschen und einem Einjährigen. Die rechte Hand umklammerte den Pistolenschaft, die linke einen Reitstock aus Bambusrohr. Ich kochte vor einem mir jetzt unbegreiflichen Grimm. Der übermächtige Wunsch zu töten, beflügelte meine Schritte. Die Wut entpreßte mir bittere Tränen.
Der ungeheure Vernichtungswille, der über der Walstatt lastete, konzentrierte sich in den Gehirnen. So mögen die Männer der Renaissance von ihren Leidenschaften gepackt sein, so mag ein Cellini gerast haben, Werwölfe, die heulend durch die Nacht hetzen, um Blut zu trinken.
Ohne Schwierigkeiten durchschritten wir ein zerfetztes Drahtgewirre und setzten in einem Sprunge über den ersten Graben. Die Sturmwelle tanzte wie eine Reihe von Gespenstern durch weiße, wallende Dämpfe.
Wider Erwarten knatterte uns aus der zweiten Linie Maschinengewehrfeuer entgegen. Ich sprang mit meinen Begleitern in einen Trichter. Eine Sekunde später gab es einen furchtbaren Krach und ich sackte vorn über. Vinke packte mich am Kragen und drehte mich auf den Rücken: „Sind Herr Leutnant verwundet?“ Es war nichts zu finden. Der Einjährige hatte ein Loch im Oberarme und versicherte stöhnend, daß ihm eine Kugel in den Rücken geschlagen wäre. Wir rissen ihm die Uniform vom Leibe und verbanden ihn. Die aufgewühlte Erde zeigte, daß ein Schrapnell in Höhe unserer Gesichter auf den Trichterrand geschlagen war. Ein Wunder, daß wir noch lebten.
Währenddessen waren die anderen an uns vorbeigeschritten. Wir stürzten ihnen nach, den Verwundeten seinem Schicksal überlassend. Halb links vor uns tauchte der mächtige Eisenbahndamm Ecoust-Croisilles, den wir überschreiten mußten, aus dem Dunst. Aus eingebauten Schießscharten und Stollenfenstern prasselte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer.
Auch Vinke war abhanden gekommen. Ich folgte einem Hohlweg, aus dessen Böschung eingedrückte Unterstände gähnten. Wütend schritt ich voran, über den schwarzen, aufgerissenen Boden, dem noch die stickigen Gase unserer Granaten entschwelten.
Da erblickte ich den ersten Feind. Eine Gestalt kauerte etwa drei Meter vor mir, anscheinend verwundet, in der Mitte der zertrommelten Mulde. Ich sah sie bei meinem Erscheinen zusammenfahren und mich mit weit geöffneten Augen anstarren, als ich ganz langsam, die Pistole vorstreckend, auf sie zuschritt. Zähneknirschend setzte ich die Mündung an die Schläfe des vor Angst Gelähmten; mit einem Klagelaut griff er in seine Tasche und hielt mir eine Karte vor Augen. Es war das Bild von ihm, umgeben von einer zahlreichen Familie . . .
Nach sekundenlangem inneren Kampfe hatte ich mich in der Hand. Ich schritt vorüber.
Von oben sprangen Leute meiner Kompagnie in den Hohlweg. Mir war glühend heiß. Ich riß den Mantel herunter und schleuderte ihn fort. Ich weiß noch, daß ich einigemale sehr energisch rief: „Jetzt zieht Leutnant Jünger seinen Mantel aus“, und die Füsiliere dazu lachten, als ob ich den köstlichsten Witz gemacht hätte. Oben lief alles über Deckung, ohne der höchstens 400 Meter entfernten Maschinengewehre zu achten. Auch mich zwang der Vernichtungstrieb in die Feuergarben. Ich rannte den feuerspeienden Bahndamm frontal an. In irgend einem Trichter sprang ich auf eine pistolenschießende Gestalt in braunem Manchester. Es war Kius, der sich in ähnlicher Stimmung befand und mir zur Begrüßung eine Hand voll Munition zusteckte.
Wir müssen nun eine ganze Zeit lang kreuz und quer durch die Trichter gerannt sein und auf verschiedene Ziele geschossen haben. Jedenfalls befand ich mich auf einmal am Fuße des Bahndammes und merkte, daß aus einem mit Sackleinewand verhüllten Stollenfenster dicht neben mir gefeuert wurde. Ich schoß durch das Tuch; ein Mann neben mir riß es fort und warf eine Handgranate in die Öffnung. Ein Stoß und eine entquellende weißliche Wolke verrieten die Wirkung. Das Mittel war rauh, doch probat. Wir beiden rannten an der Böschung entlang und bearbeiteten die nächsten Luken in ähnlicher Weise. Ich hob die Hand, um unsere Leute, deren Geschosse uns aus nächster Entfernung um die Ohren schellten, zu verständigen. Sie winkten freudig zurück. Danach erklommen wir mit hundert anderen zugleich den Damm. Zum ersten Male im Kriege sah ich Massen aufeinanderprallen. Die Engländer hielten auf der hinteren Böschung zwei terrassenartig eingehauene Gräben besetzt. Geschosse wurden auf wenige Meter gewechselt, Handgranaten flogen im Bogen hinunter.
Ich sprang in den ersten Graben; um die nächste Schulterwehr stürzend, stieß ich mit einem englischen Offizier in offener Jacke und herabhängender Halsbinde zusammen. Auf den Gebrauch der Pistole verzichtend, packte ich ihn an der Gurgel und schleuderte ihn gegen eine Sandsackpackung, vor der er zusammenbrach. Hinter mir tauchte der Kopf eines alten Majors auf, der mir zuschrie: „Schlagen Sie den Hund tot!“
Ich überließ diese Arbeit den Folgenden, wandte mich dem unteren Graben zu, der von Engländern wimmelte und schoß meine Pistolenkugeln mit solchem Eifer darauf ab, daß ich nach dem letzten Schuß wohl noch zehnmal abdrückte. Ein Mann neben mir warf Handgranaten unter die Davonhastenden. Ein tellerförmiger Stahlhelm stieg kreiselnd hoch in die Luft.
In einer Minute war der Kampf entschieden. Die Engländer sprangen aus ihren Gräben und flohen zu Bataillonen über das freie Feld. Von der Dammkrone raste tolles Verfolgungsfeuer los. Die Fliehenden überschlugen sich im Laufen, und in einigen Sekunden war der Boden mit Leichen bedeckt. Nur wenige entkamen.
Ich riß einem Unteroffizier, der dieses Schauspiel mit offenem Munde beglotzte, das Gewehr aus der Hand. Mein erstes Opfer war ein Engländer, den ich auf 150 Meter zwischen zwei Deutschen herausschoß. Er klappte wie ein Messer zusammen und blieb liegen.
Nachdem so ganze Arbeit geschafft war, ging es weiter. Der Erfolg hatte Angriffsgeist und Draufgängertum jedes Einzelnen zur Weißglut entfacht. Von der Führung einheitlicher Verbände war keine Rede mehr. Trotzdem kannte jeder Mann nur noch eine Parole: „Vor!“ Jeder rannte geradeaus los.
Als Ziel wählte ich mir eine kleine Anhöhe, auf der die Trümmer eines Häuschens, ein Grabkreuz und ein zerstörtes Flugzeug zu sehen waren. Mein stures Vorstürmen führte mich mitten in die Flammenwand der eigenen Feuerwalze. Ich mußte mich in einen Trichter werfen, um Deckung zu nehmen und das weitere Vorschreiten des Feuers abzuwarten. Neben mir entdeckte ich einen jungen Offizier eines anderen Regiments, der sich gleich mir ganz allein über das gute Gelingen des ersten Ansturmes freute. Die gemeinsame Begeisterung brachte uns in den wenigen Augenblicken so nahe, als ob wir uns schon jahrelang gekannt hätten. Der nächste Sprung trennte uns auf Nimmerwiedersehen.
Neben der Hausruine lag ein kleines Grabenstück, das vom jenseitigen Grunde mit Maschinengewehren abgekämmt wurde. Ich sprang in einem Anlauf hinein und fand es unbesetzt. Gleich darauf erschienen die Leutnants Kius und von Wedelstädt. Eine Ordonnanz Wedelstädts, die als letzter kam, brach mitten im Sprunge zusammen und blieb, durchs Auge getroffen, tot liegen. Als Wedelstädt diesen Letzten seiner Kompagnie stürzen sah, stützte er seinen Kopf auf die Grabenwand und weinte. Auch er sollte den Tag nicht überleben.
Im Grunde lag eine stark befestigte Hohlwegstellung, davor an den beiden Rändern einer Mulde zwei Maschinengewehrnester. Die Feuerwalze war schon über diese Stellung hinweggerollt, der Gegner schien sich erholt zu haben und schoß, was aus den Läufen wollte. Wir waren von ihm durch einen 500 Meter breiten Geländestreifen getrennt, über den die Geschoßgarben wie Bienenschwärme surrten.
Nach kurzer Atempause sprangen wir mit wenigen Leuten aus unserem Grabenstück auf den Feind zu. Es ging um Leben und Tod. Nach ein paar Sprüngen lag ich mit einem Begleitmann allein dem linken Maschinengewehrnest gegenüber. Deutlich sah ich hinter einem kleinen Erdaufwurf einen flach behelmten Kopf neben einer emporsteigenden feinen Wasserdampfsäule. Ich näherte mich durch ganz kurze Sprünge, um keine Zeit zum Zielen zu geben. Jedesmal, wenn ich lag, schleuderte mir der Mann einen Rahmen Patronen zu, mit denen ich eine Reihe wohlgezielter Schüsse abgab. „Patronen, Patronen!“ Ich wandte mich um und sah ihn zuckend auf der Seite liegen. — —
Wenn ich heute an diesen blinden Anlauf über freies Feld gegen eine gespickte Stellung zurückdenke, muß ich gestehen, daß wir von einer ganz unwahrscheinlichen Verwegenheit besessen waren. Und doch, wo wäre der Erfolg im Kriege, wenn nicht der Rausch zur Tat einzelne packte und vorwärtswürfe in unwiderstehlichem Schwung? Manchmal schien es mir, als ob selbst der Tod sich scheute, ihnen in den Weg zu treten. — — —
Von links, wo der Widerstand nicht so stark war, erschienen einige Leute, welche die Verteidiger fast mit Handgranaten erreichen konnten. Ich setzte zum letzten Sprunge an und stolperte über ein Drahtverhau in das Grabenstück. Die Engländer rannten, von allen Seiten beschossen, zum rechten Maschinengewehrnest hinüber, ihre Waffe zurücklassend. Das Maschinengewehr war halb unter einem riesigen Haufen abgeschossener Hülsen verborgen. Es war noch glühendheiß und dampfte. Davor lag ein athletischer Leichnam, dem ein Kopfschuß, der auf meine Rechnung kam, ein Auge herausgetrieben hatte. Der Riesenkerl mit dem großen weißen Augapfel vorm Schädel sah schaurig aus. Da ich vor Durst fast verschmachtete, hielt ich mich nicht weiter auf, sondern suchte nach Wasser. Ein Stolleneingang zog mich an. Ich blickte hinein und sah unten einen Mann sitzen, der Munitionsgurte über seine Knie zog und ordnete. Anstatt ihn sofort zu erledigen, wie es die Vorsicht gebot, rief ich ihm zuvor zu: „Come here, hands up!“ Er sprang hoch, starrte mich entgeistert an und verschwand im Dunkel des Stollens. Wahrscheinlich ist er der Handgranate zum Opfer gefallen, die ich ihm nachschleuderte.
Endlich entdeckte ich einen Blechkasten voll Kühlwasser. Ich stürzte die ölige Flüssigkeit in langen Zügen hinunter, füllte mir eine englische Feldflasche und gab auch den anderen Leuten zu trinken, die plötzlich das Grabenstück füllten.
Währenddessen leistete das rechte Maschinengewehrnest und der 60 Meter vor uns liegende Hohlweg noch immer erbitterten Widerstand. Wir versuchten, das englische Maschinenegewehr darauf einzurichten, hatten aber keinen Erfolg damit, vielmehr sauste mir bei diesem Bemühen ein Geschoß am Kopfe vorbei, streifte einen hinter mir stehenden Jägerleutnant und verwundete einen Mann sehr bedenklich am Oberschenkel. Mit mehr Glück brachte die Bedienung eines leichten Maschinengewehrs ihre Waffe am Rande unseres kleinen Grabenhalbmondes in Stellung und jagte den Engländern eine Reihe von Geschossen in die Flanke.
Diesen Moment der Überraschung benutzten die Stürmer rechts und liefen frontal auf den Hohlweg los, voran unsere noch ganz intakte neunte Kompagnie unter Führung den Leutnants Gipkens. Aus allen Trichtern erhoben sich nun gewehrschwingende Gestalten und rannten mit rollenden Augen und schäumendem Munde unter furchtbarem Hurragebrüll gegen die feindliche Stellung an, aus der die Verteidiger zu Hunderten mit hochgehobenen Händen hervorkamen.
Pardon wurde nicht gegeben. Die Engländer eilten mit hochgereckten Armen durch die erste Sturmwelle nach hinten, wo die Kampfeswut noch nicht zu solcher Siedehitze gestiegen war. Eine Ordonnanz von Gipkens legte mit seiner 32schüssigen Repetierpistole wohl ein Dutzend von ihnen um.
Ich kann unseren Leuten dies blutdürstige Gebaren nicht verübeln. Einen Wehrlosen umzubringen, ist eine Gemeinheit. Mir war im Kriege niemand widerlicher, als die Stammtischhelden, die mit fettigem Lachen die bekannte Geschichte von den Bayern und dem Gefangenentransport erzählten: „Haben Sie schon gehört, die Sache von dem Schlaganfall? Köstlich!“
Andererseits muß ein Verteidiger, der dem Angreifer bis auf fünf Schritt seine Geschosse durch den Leib jagt, die Konsequenzen tragen. Der Kämpfer, dem während des Anlaufs ein blutiger Schleier vor den Augen wallte, kann seine Gefühle nicht mehr umstellen. Er will nicht gefangennehmen; er will töten. Er hat jedes Ziel aus den Augen verloren und steht im Banne gewaltiger Urtriebe. Erst, wenn Blut geflossen ist, weichen die Nebel aus seinem Hirn; er sieht sich um wie aus schwerem Traum erwachend. Erst dann ist er wieder moderner Soldat, imstande, eine neue taktische Aufgabe zu lösen.
In diesem Zustande befanden wir uns nach der Eroberung der Hohlweges. Eine Menge Leute waren zusammengekommen und standen, durcheinanderschreiend, auf einem Klumpen. Offiziere zeigten ihnen die Verlängerung der Mulde, und der gewaltige Kampfhaufen setzte sich mit erstaunlicher Gleichgültigkeit, schwerfällig in Bewegung.
Die Mulde lief in eine Höhe aus, auf der feindliche Kolonnen auftauchten. Wir gingen, ab und zu stehenbleibend und schießend, vor, bis wir durch heftiges Feuer aufgehalten wurden. Es war ein äußerst peinliches Gefühl, die Kugeln neben dem Kopf in den Boden knallen zu hören. Kius, der wieder herangekommen war, hob ein abgeplattetes Geschoß auf, das einen halben Meter vor seiner Nase liegen geblieben war. Wir benutzten eine kleine Pause, um einen der hier bereits selten gewordenen Trichter zu erreichen. Dort fanden sich eine Menge von Offizieren unseres Bataillons zusammen, das jetzt von dem Leutnant Lindenberg geführt wurde, da leider auch der Freiherr von Solemacher eine tödliche Verwundung erhalten hatte. Am rechten Hange der Schlucht spazierte zur allgemeinen Heiterkeit der von den 10. Jägern zu uns kommandierte Leutnant Breyer, den Spazierstock in der Hand und eine lange grüne Jägerpfeife im Munde, mit umgehängter Flinte durch das Maschinengewehrfeuer, als ob es zur Hasenjagd ginge.
Wir erzählten uns in kurzen Worten unsere bisherigen Abenteuer und boten uns Feldflasche und Schokolade an, dann ging es „auf allgemeinen Wunsch“ wieder vor. Die Maschinengewehre, anscheinend in der Flanke bedroht, waren verschwunden. Wir mochten bislang drei bis vier Kilometer gewonnen haben. Die Mulde wimmelte von Angriffstruppen. Soweit das Auge nach hinten blicken konnte, rückten Truppen in Schützenlinie, Reihe und Gruppenkolonne heran. Wir waren leider viel zu dicht, wieviele wir liegen ließen, wurde uns zum Glück im Sturm nicht klar.
Ohne Widerstand zu finden, erreichten wir die Höhe. Rechts von uns sprangen einige khakifarbige Gestalten aus einem Grabenstück, hinter denen wir stehend freihändig herknallten. Die meisten wurden umgelegt. Die Höhe war durch eine Reihe von Unterständen befestigt. Teils zeigten aufquellende Dampfwolken, daß mit Handgranaten kurzer Prozeß gemacht wurde, teils kamen die Insassen mit hochgehobenen Armen und schlotternden Knien heraus. Es wurden ihnen Feldflasche und Zigaretten abgenommen und die Richtung nach hinten gezeigt, in der sie mit großer Geschwindigkeit enteilten. Ein junger Engländer hatte sich mir bereits ergeben, als er sich plötzlich umdrehte und wieder in seinem Unterstand verschwand. Da er trotz meiner Aufforderung, herauszukommen, sich unten versteckt hielt, machten wir seinem Zögern mit einigen Handgranaten ein Ende und gingen weiter. Ein schmaler Fußpfad verschwand jenseits der Höhe. Ein Wegweiser besagte, daß er nach Vraucourt führte. Während sich die anderen noch bei den Unterständen aufhielten, überschritt ich mit dem Leutnant Heins die Höhe.
Jenseits dem Grunde lagen die Ruinen des Dorfes Vraucourt. Davor blitzten die Abschüsse einer feuernden Batterie auf, deren Bedienung bei dem Erscheinen der ersten Sturmwelle ins Dorf flüchtete. Auch die Besatzung einer Reihe in einen Hohlweg eingebauter Unterstände stürzte heraus und entfloh. Ich schoß einen davon in dem Augenblick, als er aus dem Eingange des ersten sprang, nieder.
Mit zwei Leuten meiner Kompagnie, die sich inzwischen bei mir gemeldet hatten, ging ich in dem Hohlweg vor. Rechts davon lag eine besetzte Stellung, aus der wir starkes Feuer erhielten. Wir zogen uns in den ersten Unterstand zurück, über dem sich bald die Geschosse beider Parteien kreuzten. Davor lag mein Engländer, ein blutjunges Kerlchen, den mein Schuß quer durch den Schädel getroffen hatte. Ein merkwürdiges Gefühl, einem Menschen ins Auge zu sehen, den man selbst getötet.
Wir ließen uns durch das zunehmende Feuer nicht stören, sondern richteten uns in dem Unterstande ein und räumten unter den zurückgelassenen Lebensmitteln auf, da unser Magen uns daran erinnerte, daß wir während des ganzen Angriffs noch nichts genossen hatten. Wir fanden Schinken, Weißbrot, Marmelade und einen Steinkrug voll Ingwer-Likör. Nachdem ich mich gestärkt hatte, setzte ich mich auf eine leere Biskuitdose und las einige englische Zeitschriften, die von recht geschmacklosen Ausfällen gegen „the Huns“ wimmelten. Allmählich wurde uns die Lage doch zu langweilig, und wir kehrten in Sprüngen zum Anfange des Hohlweges zurück, wo sich eine Menge von Leuten angesammelt hatte. . . Von dort sahen wir schon ein Bataillon 164er links neben Vraucourt. Wir beschlossen, das Dorf zu stürmen, und eilten wieder durch den Hohlweg vor. Kurz vor dem Dorfrande setzte uns die eigene Artillerie, die stumpfsinnig bis zum Morgen auf denselben Fleck weiterschoß, ein Ziel. Eine schwere Granate schlug mitten auf dem Wege ein und zerriß vier Leute. Die anderen liefen zurück.
Wie ich später erfuhr, hatte die Artillerie Befehl, mit höchster Entfernung weiterzuschießen. Diese unverständliche Anordnung riß uns die schönsten Früchte des Sieges aus der Hand. Zähneknirschend mußten wir vor der Feuerwand Halt machen.
Um eine Lücke des Feuers zu suchen, wandten wir uns weiter nach rechts, wo gerade ein Kompagnieführer des Infanterie-Rgts. 76 zum Sturm auf die Vraucourt-Stellung ansetzte. Wir beteiligten uns mit Hurra, aber kaum waren wir eingedrungen, als uns die eigene Artillerie wieder herausschoß. Dreimal stürmten wir und dreimal mußten wir wieder zurück. Fluchend besetzten wir einige Trichter, in denen uns ein durch die Granaten verursachter Wiesenbrand, bei dem viele Verwundete umkamen, außerordentlich lästig wurde. Auch töteten englische Gewehrgeschosse einige Leute.
Langsam brach die Dämmerung herein. Stellenweise lohte das Gewehrfeuer noch einmal gewaltig auf, um allmählich zu erlöschen. Die erschöpften Kämpfer suchten sich einen Ort, wo sie die Nacht verbringen konnten. Offiziere schrieen ununterbrochen ihren Namen, um die zersplitterten Kompagnien zu sammeln.
Zwölf Mann der siebenten Kompagnie hatten sich während der letzten Stunde um mich geschart; da es kalt zu werden begann, führte ich sie zu dem kleinen Unterstande, vor dem mein Engländer lag und schickte sie aus, um Decken und Mäntel von Gefallenen zu suchen. Als ich alle untergebracht hatte, gab ich meiner Neugier nach, die mich in die vor uns liegende Artilleriemulde trieb. Ich nahm den Füsilier Haller mit, dem ich den größten Sportsgeist zutraute. Wir schritten mit schußbereitem Gewehr gegen die Mulde vor, auf der noch immer unser Artilleriefeuer wuchtete und untersuchten zunächst einen Unterstand, der anscheinend vor kurzem von englischen Artillerieoffizieren verlassen war. Auf einem Tische stand ein riesiges Grammophon, das Haller sofort in Bewegung setzte. Das lustige Couplet, das von der Walze schnurrte, machte einen geisterhaften Eindruck. Ich warf den Kasten auf den Boden, wo er wie ein Erschlagener noch ein paar schnarrende Töne von sich gab und verstummte. Der Unterstand war äußerst behaglich eingerichtet; sogar ein kleiner Kamin, auf dessen Sims Pfeifen und Tabak lagen, mit im Kreise herumgestellten Sesseln fehlte nicht. Merry old England! Wir legten uns natürlich keinen Zwang auf, sondern nahmen, was uns gefiel. Ich suchte mir einen Brotbeutel, Wäsche, eine kleine Metallflasche voll Whisky, eine Kartentasche und einige wundernette Toiletteartikel von Roger und Gallet aus, vermutlich zärtliche Erinnerungen an einen Pariser Fronturlaub.
Ein nebenan liegender Raum enthielt eine Küche, deren Vorräte wir ehrfurchtsvoll bestaunten. Da war eine ganze Kiste voll roher Eier, von denen wir uns gleich eine erhebliche Zahl einverleibten, da wir sie kaum noch dem Namen nach kannten. Auf den Wandborden stapelten Büchsen voll Fleisch, Dosen köstlicher eingedickter Marmelade, ferner Flaschen voll Kaffee-Essenz, Tomaten und Zwiebeln; kurz alles, was der Gourmet sich wünschen konnte.
Dieser Anblick trat mir später noch oft vors Gedächtnis, wenn wir wochenlang bei schmaler Brotportion, wässrigen Suppen und dünner Marmelade im Schützengraben lagen. Der deutsche Feldsoldat eilte in verschlissenem Rock, schlechter verpflegt als ein chinesischer Kuli, vier Jahre lang von Schlachtfeld zu Schlachtfeld, um die an Zahl vielfach überlegenen, wohlausgerüsteten und -genährten Gegner immer wieder seine Eisenfaust spüren zu lassen. Es gibt kein größeres Zeichen für die Macht der Idee, die uns trieb. Dem Tode entgegenschreiten, sterben in Augenblicken der Begeisterung, ist viel; für seine Sache hungern und darben, ist mehr. — — —
Nach diesem kleinen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse des Gegners verließen wir den Unterstand und schritten in die Mulde, in der wir zwei funkelneue verlassene Geschütze vorfanden. Ich nahm einen Kreidestein und zeichnete sie mit der Nummer meiner Kompagnie. Dann kehrten wir, da die eigene Artillerie uns noch fortwährend Eisen um die Ohren schmiß, zu den anderen zurück.
Unsere vordere Linie, inzwischen von nachrückenden Truppen gebildet, war 200 Meter hinter uns. Ich stellte einen Doppelposten vor den Unterstand und befahl den anderen, das Gewehr im Arm zu behalten. Nachdem ich die Ablösung geregelt, noch etwas gegessen und die Tageserlebnisse in kurzen Stichworten notiert hatte, schlief ich ein.
Um 1 Uhr wurden wir durch Hurrageschrei und lebhaftes Feuer rechts von uns geweckt. Wir packten die Gewehre, stürzten aus dem Raum und postierten uns in einem großen Granattrichter. Von vorn kamen einige versprengte Deutsche zurück, auf die von unserer Linie geschossen wurde. Zwei von ihnen blieben auf dem Wege liegen. Durch diesen Zwischenfall gewitzigt, warteten wir, bis sich hinter uns die erste Aufregung gelegt hatte, machten uns durch Zurufe verständlich und gingen in die eigene Linie zurück. Dort saß der Führer der zweiten Kompagnie, Leutnant Kosik, der vor Erkältung kein Wort sprechen konnte und am Arm verwundet war, mit ungefähr sechzig 73ern. Da er sich zum Sanitätsplatze zurückbegeben mußte, übernahm ich das Kommando über seine Schar, bei der sich drei Offiziere befanden. Außerdem bestanden vom Regiment noch die beiden ebenso zusammengewürfelten Kompagnien Gipkens und Vorbeck.
Bataillonsführer war Hauptmann Freiherr von Ledebour, Regimentskommandeur Major Dietlein, da Major v. Bardeleben bereits am Morgen durch Verwundung ausgeschieden war.
Den Rest der Nacht verbrachte ich mit einigen Unteroffizieren der zweiten Kompagnie zusammen in einem kleinen Erdloch, in dem wir vor Kälte erstarrten. Am Morgen frühstückte ich von den erbeuteten Beständen und schickte Leute nach Quéant, um von der Küche Kaffee und Essen zu holen. Die eigene Artillerie begann wieder mit ihrer verfluchten Schießerei und setzte uns als ersten Morgengruß einen Volltreffer in einen Trichter, der vier Leute der MG.-Kompagnie beherbergte. In der ersten Dämmerung stieß noch ein Zugführer meiner Kompagnie, der Vizefeldwebel Kumpart, mit einigen Leuten zu mir.
Kaum hatte ich mir die Nachtkälte etwas aus den Gliedern gestampft, als ich Befehl bekam, weiter rechts mit den Resten des Regiments 76 zusammen die Vraucourt-Stellung zu stürmen, die bei uns schon teilweise genommen war. Wir zogen im dichten Morgennebel zum Bereitstellungsraum, einer Höhe südlich von Ecoust, auf der viele Tote des vorigen Tages lagen. Es gab wie meist vor unklar gefaßten Angriffsbefehlen ein gewaltiges Palaver der Sturmführer, das erst durch die Garbe eines feindlichen Maschinengewehres beendet wurde. Alles sprang in die nächsten Trichter bis auf den Feldwebel Kumpart, der jammernd liegen blieb. Ich eilte mit einem Sanitäter zu ihm und verband ihn. Er hatte einen schweren Knieschuß erhalten. Wir entfernten mit einer Zange mehrere Knochenbrocken aus der Wunde. Er ist einige Tage später gestorben. Mir ging der Fall besonders nahe, weil Kumpart vor drei Jahren in Recouvrence mein Exerziermeister gewesen war.
In einer Besprechung mit dem Hauptmann von Ledebour legte ich das Sinnlose eines Frontalsturmes dar, da die zum Teil schon in unserem Besitz befindliche Vraucourt-Stellung mit viel geringeren Verlusten von links her aufgerollt werden konnte. Wir beschlossen, den Angriff nicht auszuführen, und die Folge zeigte, daß wir recht gehandelt hatten.
Bei solchen Gelegenheiten rächte sich die Einrichtung der weit zurückliegenden Befehlsstellen der höheren Führung, deren Notwendigkeit mir natürlich klar ist. Jedoch verrieten derartige Befehle deutlich einen Mangel an Fronterfahrung. Die Zeiten des unvorbereiteten Frontalangriffes sind für immer vorüber. Der einfache Mann, dem die feindlichen Gewehre das Gesetz des Handelns vorschrieben, konnte auf solche Irrtümer nicht verfallen. Er kam nur da vor, wo der Gegner schwach war. Die starken Stellungsteile fielen dann von selbst . . . . . .
Vorläufig richteten wir uns in den Trichtern auf der Höhe ein. Allmählich brach die Sonne durch, und es erschienen englische Flugzeuge, die mit Maschinengewehren unsere Löcher abstreuten, indes bald von den unsrigen vertrieben wurden. Im Grunde von Ecoust fuhr eine Batterie auf, ein ungewöhnliches Bild für alte Grabenkrieger; sie wurde auch bald zusammengeschossen. Ein einzelnes Pferd riß sich los und galoppierte durch das Gelände; ein gespenstischer Anblick, dieses rasend gewordene Tier auf weiter, einsamer Fläche, vom wechselnden Gewölk der Geschosse behangen. Die feindlichen Flieger waren noch nicht lange verschwunden, als wir das erste Feuer bekamen. Zuerst platzten einige Schrapnells, dann zahlreiche leichte und schwere Granaten. Wir lagen wie auf dem Präsentierteller. Mehrere ängstliche Gemüter vermehrten das Feuer noch, indem sie kopflos hin und her liefen, anstatt in ihre Trichter geduckt, den Segen über sich ergehen zu lassen. In solchen Lagen muß man Fatalist sein. Diesen Grundsatz beherzigte ich, indem ich den geradezu großartigen Inhalt einer erbeuteten Büchse voll Stachelbeer-Marmelade verspeiste. So wurde es langsam Mittag.
Schon seit längerer Zeit war links in der Vraucourtstellung Bewegung zu beobachten. Jetzt sahen wir gerade vor uns die bogenförmige Flugbahn und den weißen Einschlag deutscher Stielhandgranaten. Das war der gegebene Augenblick.
Ich ließ antreten. Ohne stärkeres Feuer zu bekommen, gelangten wir an den feindlichen Graben und sprangen hinein, freudig begrüßt von einem Sturmtrupp des Regiments 76. Im aufrollenden Handgranatenangriff ging es, ähnlich wie bei Cambrai, langsam vor. Der feindlichen Artillerie blieb es leider nicht verborgen, daß wir uns langsam in ihren Linien vorfraßen. Ein scharfer Feuerüberfall von Schrapnells und leichten Granaten faßte uns vorne noch gerade, in der Hauptsache jedoch die Reserven, die hinter uns über freies Feld dem Graben zuströmten. Wir bemühten uns, möglichst schnell mit dem Gegner fertig zu werden, um das Feuer zu unterlaufen.
Die Vraucourt-Stellung schien noch im Bau gewesen zu sein, denn manche Grabenstücke waren nur durch Abheben der Rasenschicht angedeutet. Wenn wir ein solches Stück übersprangen, konzentrierte sich das ganze Feuer des Umkreises auf uns. Ebenso nahmen wir den über diese Stellen vor uns her hastenden Gegner unter Feuer, so daß die kurzen tracierten Stücke bald mit Leichen behäuft waren. Es war eine nervenpeitschende Hetzjagd. Wir eilten an noch warmen, stämmigen Gestalten vorüber, unter deren kurzen Röckchen kräftige Knie glänzten, oder krochen über sie hinweg. Es waren Hochländer, und die Art des Widerstandes zeigte, daß wir keine Feiglinge vor uns hatten.
Nachdem wir so einige hundert Meter gewonnen hatten, geboten uns immer dichter fallende Hand- und Gewehrgranaten Halt. Die Leute begannen zu weichen.
„Der Tommy macht einen Gegenstoß!“
„Bliew stahn!“ „Ich will bloß Verbindung aufnehmen!“
„Handgranaten nach vorn; Handgranaten, Handgranaten!“
„Achtung, Herr Leutnant!“
Gerade im Grabenkampf, wo am brutalsten gefochten wird, sind solche Rückschläge am häufigsten. Die Mutigsten stürzen, schießend und werfend, an der Spitze vor. Die Masse folgt als willenlose Herde auf den Fersen. Beim Aufeinanderprall springen die Kämpfer hin und her, um den vernichtenden Würfen auszuweichen und stoßen dabei auf die Nachdrängenden. Nur die vordersten übersehen die Lage; weiter hinten bricht unter der im engen Graben zusammengekeilten Menge wilde Panik aus. Erkennt der Gegner den Augenblick, ist alles verloren; jetzt muß der Führer zeigen, ob er die Achselstücke zu Recht trägt, obgleich ihn selbst das bekannte „mulmige“ Gefühl beschleicht.
Es gelang mir, eine Handvoll Leute zusammenzuraffen, mit denen ich hinter einer breiten Schulterwehr ein Widerstandsnest bildete. Auf wenige Meter tauschten wir mit einem unsichtbaren Gegner Geschosse. Es gehörte Mut dazu, bei den knallenden Aufschlägen den Kopf hochzuhalten, während der Sand der Schulterwehr aufgepeitscht wurde. Ein 76er neben mir schoß mit wildem Gesichtsausdruck, ohne an Deckung zu denken, eine Patrone nach der anderen ab, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Ein Geschoß hatte ihm mit dem Knall eines aufschlagenden Brettes die Stirn durchbohrt. Er knickte in seiner Grabenecke zusammen und blieb, den Kopf gegen die Wand gelehnt, in kauernder Stellung stehen. Sein Blut floß, wie aus einem Eimer gegossen, auf die Grabensohle. Sein schnarchendes Röcheln ertönte in immer längeren Abständen und hörte endlich ganz auf. Ich ergriff sein Gewehr und feuerte weiter. Endlich trat eine kleine Pause ein. Zwei Mann, die noch vor uns gelegen hatten, machten den Versuch, über Deckung zurückzuspringen. Einer fiel mit einem Kopfschuß in den Graben, der andere konnte ihn eines Bauchschusses wegen nur mehr kriechend erreichen.
Wir setzten uns abwartend auf die Grabensohle und rauchten englische Zigaretten. Ab und zu pfeilten sich gut gezielte Gewehrgranaten herüber. Der Verwundete mit dem Bauchschuß, ein blutjunger Mensch, lag zwischen uns und dehnte sich fast wohlig wie eine Katze in den warmen Strahlen der untergehenden Sonne. Er schlief mit einem kindlichen Lächeln in den Tod hinüber. Es war ein Anblick, bei dem nichts Trübes und Unangenehmes, sondern nur ein klares Gefühl der Zuneigung zu dem Sterbenden mich berührte. Auch das Stöhnen seines Kameraden verstummte allmählich.
Mehrere Male versuchten wir, tief geduckt an den tracierten Stellen über die Leichen der Hochländer vorkriechend, uns weiter vorzuarbeiten, wurden aber immer wieder durch Maschinengewehrfeuer und Gewehrgranaten zurückgetrieben. Jeder Treffer, den ich sah, war tödlich. So füllte sich der vordere Teil des Grabens allmählich mit Leichen; dafür bekamen wir von hinten dauernd Verstärkung. Bald stand hinter jeder Schulterwehr ein leichtes oder schweres Maschinengewehr. Ich stellte mich hinter eine dieser Kugelspritzen und schoß, bis der Zeigefinger von Rauch geschwärzt war. Wenn das Kühlwasser verdunstet war, wurden die Kästen herumgereicht und unter wenig feinen Scherzen durch ein sehr einfaches Verfahren wieder gefüllt.
Die Sonne stand tief am Horizonte. Der zweite Kampftag schien vorüber. Ich sah mir zum erstenmale genau die Umgebung an und schickte Meldung und Skizze nach hinten. Unser Graben schnitt in 500 Meter Entfernung die Straße Vraucourt—Mory, die durch an den Bäumen befestigte Stoffblenden verschleiert war. Auf einem Hange dahinter eilten feindliche Trupps über das geschoßbestreute Gelände. Den blauen, unbewölkten Abendhimmel durchschnitt ein schwarz-weiß-rot bewimpeltes Geschwader. Die scheidenden Strahlen der Sonne tauchten es gleich einer Kette von Flamingos in zartes Rosenrot. Wir entfalteten unsere Stellungskarten und legten die weiße Rückseite aus, um zu zeigen, wie weit wir uns in den Feind hineingebohrt hatten.
Ein kühler Abendwind kündete eine scharfe Nacht an. Ich lehnte, in einen englischen Mantel gehüllt, an der Grabenwand und unterhielt mich mit dem kleinen Schultz, dem Gefährten meiner Inderpatrouille, der mit vier schweren MG. nach altem kameradschaftlichen Brauche dort erschienen war, wo die Sache am brenzlichsten stand. Auf den Postenständen saßen Leute aller Kompagnien mit jungen, scharfgeschnittenen Gesichtern unterm Stahlhelm. Ihre Führer waren gefallen; sie standen aus eigenem Antrieb am rechten Orte.
Da ertönte von rechts erneut Handgranatenkrachen und links stiegen deutsche Leuchtzeichen hoch. Von irgendwo flatterte mit dem Winde ein dünnes, vielstimmiges Hurra herüber. Das zündete. „Sie sind umgangen, sie sind umgangen!“ In einem jener Augenblicke der Begeisterung, die großen Taten vorangehen, griff alles zu den Gewehren und stürmte in dem Graben vor. Nach kurzem Handgranatengefecht eilte ein Trupp Hochländer der Straße zu. Nun gab es kein Halten mehr. Trotz warnender Zurufe: „Vorsicht, das Maschinengewehr links schießt noch!“ sprangen wir aus dem Graben und hatten im Nu die Straße erreicht, die von verstörten Hochländern wimmelte. Ein langes dichtes Drahtverhau verhinderte ihr Entweichen nach hinten, so daß sie unter tosendem Hurragebrüll und rasendem Schnellfeuer in einer Entfernung von 50 Metern wie eingelapptes Hochwild an uns vorüberlaufen mußten. Rasch aufgebaute Maschinengewehre machten das Gemetzel vernichtend.
Fluchend mit einer Ladehemmung beschäftigt, die mich am Schießen hinderte, wandte ich mich infolge eines Schlages auf die Schulter um, und blickte in das wutverzerrte Gesicht des kleinen Schultz: „Da schießen sie noch, die verfluchten Schweine!“ Ich folgte seiner Handbewegung und sah in einem kleinen Grabengewirre, von uns durch die Straße getrennt, eine Reihe von Gestalten, teils ladend, teils das Gewehr an der Backe. Schon flogen von rechts die ersten Handgranaten, den Oberkörper eines von ihnen hoch in die Luft schleudernd.
Die Vernunft gebot, an meinem Platze zu bleiben und die Gegner in aller Ruhe mit einigen Schüssen zu erledigen. Statt dessen warf ich mein Gewehr fort und stürzte mit geballten Fäusten zwischen beide Parteien auf die Straße. Zum Unglück trug ich noch immer den englischen Mantel und meine rot berandete Feldmütze. Mitten im Hochgefühl des Sieges verspürte ich einen scharfen Schlag an der linken Brustseite; es wurde Nacht um mich. Vorbei! Ich glaubte bestimmt, ins Herz getroffen zu sein, doch empfand ich bei der Erwartung meines sofortigen Todes weder Schmerz noch Angst. Da ich indes zu meinem Erstaunen nicht zusammenbrach und auch kein Loch in der Bluse entdeckte, wandte ich mich wieder dem Feinde zu. Ein Mann meiner Kompagnie stürzte heran: „Herr Leutnant, den Mantel ’runter!“ und riß mir das gefährliche Kleidungsstück von der Schulter.
Ein neues Hurra zerriß die Luft. Von rechts, wo auch schon den ganzen Nachmittag mit Handgranaten gearbeitet worden war, sprang eine Anzahl Deutscher über die Chaussee zur Hilfe herbei, voran ein junger Offizier in braunem Manchester. Es war Kius. Die Schotten wurden in wenigen Augenblicken der Wut durch Gewehr und Handgranaten vernichtet. Die Straße war mit Leichen bedeckt, während die wenigen Überlebenden mit Feuer verfolgt wurden.
Als ich, mich mit Kius unterhaltend, in dem eroberten Grabenstück stand, verspürte ich ein feuchtes Gefühl auf der Brust. Die Bluse herunterreißend, sah ich, daß ich einen Schuß quer über dem Herzen bekommen hatte. Das Geschoß war gerade unter dem E. K. I durchgeflogen, zwei Löcher in der Bluse und zwei im Körper hinterlassend. Ohne Zweifel hatte mich einer der Unseren (ich hatte den, der mir den Mantel abriß, in starkem Verdacht) für einen Engländer gehalten und auf eine Entfernung von wenigen Schritten angeschossen.
Kius legte mir einen Verband um und konnte mich nur mit Mühe bewegen, in diesem interessanten Augenblick das Schlachtfeld zu verlassen. Wir trennten uns mit einem: „Auf Wiedersehen in Hannover!“
Ich wählte mir einen Begleiter, suchte auf der scharf beschossenen Chaussee meine Kartentasche, in der mein Tagebuch steckte und ging durch den Graben, in dem wir uns vorgekämpft hatten, zurück.
Unser Angriffsgeschrei war so gewaltig gewesen, daß die feindliche Artillerie schlagartig eingesetzt hatte. Auf dem Gelände hinter der Straße und vor allem auf dem Graben selbst lag ein Sperrfeuer von seltener Dichte. Ein heiles Durchkommen war wenig wahrscheinlich. Wir bewegten uns sprungweise von Schulterwehr zu Schultermehr zurück.
Plötzlich gab es neben mir am Grabenrande einen schmettern den Krach. Ich bekam einen Schlag auf den Hinterschädel und fiel betäubt vornüber. Als ich erwachte, hing ich mit dem Kopfe nach unten über dem Schlitten eines schweren Maschinengewehrs und starrte auf die Grabensohle in eine sich beängstigend schnell vergrößernde rote Lache. Das Blut sprudelte so unaufhaltsam hervor, daß ich ein Davonkommen für ausgeschlossen hielt. Da mein Begleiter indes behauptete, noch kein Hirn zu sehen, raffte ich mich hoch und lief weiter. Hier hatte ich die Quittung für meinen Leichtsinn, ohne Stahlhelm ins Gefecht zu gehen.
Trotz des doppelten Blutverlustes war ich gewaltig aufgeregt und beschwor jeden, der mir im Graben begegnete, wie von einer fixen Idee besessen, nach vorne zu eilen und sich am Kampfe zu beteiligen. Bald waren wir der Zone der leichten Feldgeschütze entronnen und verlangsamten unser Tempo.
Im Hohlwege von Noreuil kam ich am Brigade-Gefechtsstand vorbei, ließ mich beim Generalmajor Höbel melden, dem ich über unseren Erfolg Bericht erstattete, und bat, den Stürmern mit Reserven zu Hilfe zu kommen. Der General erzählte mir, daß ich bei den Gefechtsständen schon seit gestern tot gesagt wäre. Es war nicht das erste Mal im Kriege.
In Noreuil stand dicht am Wege ein hoher Stapel von Handgranatenkisten in hellen Flammen. Wir eilten mit sehr gemischten Gefühlen daran vorüber. Hinter dem Dorfe nahm mich ein Fahrer mit auf seinen leeren Munitionswagen. Ich geriet scharf mit dem führenden Trainoffizier zusammen, der zwei verwundete Engländer, die mich während des letzten Teiles meines Weges gestützt hatten, vom Wagen werfen lassen wollte.
Auf der Straße Noreuil—Quéant herrschte ein unglaublicher Verkehr. Wer es nicht gesehen hat, kann sich kein Bild von den endlosen Kolonnen machen, die zu einer großen Offensive gehören. Hinter Quéant steigerte sich das Gewühl ins Fabelhafte. Ich wandte mich an einen der durch weiße Binden kenntlichen Verkehrsoffiziere, der mir einen Platz in einem Personenauto zum Feldlazarett Sauchy-Cauchy anwies. Wir mußten oft halbe Stunden warten, wenn ineinandergeschachtelte Wagen und Automobile den Weg sperrten. Die Ärzte im Operationsraum des Feldlazaretts waren fieberhaft beschäftigt; trotzdem wunderte sich der Chirurg über die glückliche Art meiner Verletzungen. Auch die Kopfwunde hatte Ein- und Ausschuß, ohne daß die Schädeldecke beschädigt war.
Nachdem ich während der Nacht vorzüglich geschlafen hatte, wurde ich am nächsten Morgen zur Kranken-Sammelstelle Cantin transportiert, wo ich zu meiner Freude den Leutnant Sprenger antraf, den ich seit Beginn des Sturmes nicht mehr gesehen hatte. Er war durch Infanteriegeschoß am Oberschenkel verwundet.
Nach einem kurzen Aufenthalt im bayrischen Feldlazarett 14 (Montigny) wurden wir in Douai in einen Lazarettzug geladen und fuhren bis Berlin. Dort heilte diese sechste Doppelverwundung bei vierzehntägiger Pflege ebenso gut wie alle vorhergehenden.
Leider erfuhr ich in Hannover, daß unter vielen anderen Bekannten während des Handgemenges auch der kleine Schultz gefallen war. Kius war mit einer harmlosen Bauchwunde abgekommen. Wer unsere Wiedersehensfeier in einer kleinen hannoverschen Bar beobachtete, kam wohl schwerlich auf den Gedanken, daß wir uns erst vor vierzehn Tagen bei einer anderen Musik als dem friedlichen Knalle von Pfropfen getrennt hatten.