„Wolle Gott, daß er keines jähen Todes sterbe!“ erwiderte Preziosa.
„Alles wird gut gehn,“ versetzte die Alte, „besonders da die Geburt bis jetzt gehörig vor sich gegangen; und das Kind ist ein wahres Goldbübchen.“
„Ist eine Dame in die Wochen gekommen?“ fragte der Vater des Herren-Andres.
„Ja, mein Herr,“ erwiderte die Zigeunerin, „aber die Geburt fand so im stillen statt, daß niemand davon weiß als Preziosa und ich und noch jemand; und somit können wir nichts darüber verlauten lassen.“
„Wir wollen auch nichts wissen,“ sagte einer der Anwesenden; „aber Gott gnade derjenigen, die ihr Geheimnis auf eure Zungen niederlegt und ihre Ehre eurem Beistand anvertraut.“
„Wir sind nicht alle so schlimm,“ erwiderte Preziosa; „vielleicht gibt es eine unter uns, die sich der Verschwiegenheit und der Wahrheitsliebe ebensosehr rühmen kann wie der vornehmste Mann in diesem Saal. Kommt, Großmutter, man schlägt uns hier zu niedrig an, denn wahrhaftig, wir sind weder Diebe noch Bettler.“
„Werde nicht böse,“ sagte der Vater, „denn wenigstens von dir, Preziosa, läßt sich, denke ich, Schlimmes nicht sagen; dein unschuldiges Gesicht bürgt für die Unschuld deines Treibens. Aber tu mir die Liebe, Prezioschen, und tanze ein wenig mit deinen Begleiterinnen. Ich habe da eine Golddublone mit zwei Gesichtern, von denen jedoch keins dem deinigen gleichkommt, obwohl die Köpfe Königen angehören.“
Kaum hatte die Alte das vernommen, so rief sie: „Auf, Mädchen, tummelt euch und macht den Herren ein Vergnügen!“
Preziosa ergriff die Schellentrommel, und sie tanzten ihre Wendungen und verschlungenen Schritte mit so viel Leichtigkeit und freiem Anstand, daß die Augen aller Zuschauer ihren Füßchen folgten, besonders die des Andres, die an Preziosas Füßen hingen, als fänden sie dort den Mittelpunkt ihres Himmels. Das Schicksal aber trübte ihm diesen Himmel plötzlich so, daß er sich in eine Hölle verwandelte, denn es traf sich, daß in der Lebhaftigkeit des Tanzes Preziosen das Papier entfiel, das ihr der Page gegeben hatte. Kaum aber war es gefallen, so hob jener Herr, der von den Zigeunerinnen eine so schlimme Meinung hatte, es auf, öffnete es unverweilt und rief:
„Vortrefflich! ein Sonettchen! haltet ein mit dem Tanze und hört mir zu, denn nach dem ersten Vers zu schließen, ist es gar nicht übel.“
Preziosen war dies verdrießlich, da sie den Inhalt noch nicht kannte. Sie bat, man möchte es ihr ungelesen zurückgeben; der Eifer aber, mit dem sie darum bat, schärfte in Andres nur die Begierde, es zu hören. Kurz, der Kavalier las mit lauter Stimme diese Verse:
„Bei Gott!“ rief der Kavalier, der vorgelesen hatte, „der Dichter, der dies schrieb, versteht sich auszudrücken!“
„Es ist kein Dichter,“ sagte Preziosa, „sondern ein sehr höflicher und freigebiger Page.“
Bedenke, was du gesagt hast und was du sagen willst, Preziosa, denn es ist nicht sowohl ein Lob des Pagen wie ein Dolchstoß durch die Brust deines Zuhörers Andres. Willst du ihn sehn, Kind? Wende nur die Augen, und du wirst ihn ohnmächtig, mit Angstschweiß bedeckt auf dem Stuhl erblicken. Denke nicht, Mädchen, Andres liebe dich nur zum Scherz, und ihn verwunde und ängstige nicht die kleinste deiner Unbesonnenheiten! Um Gottes willen, tritt zu ihm hin und sage ihm ein paar Worte ins Ohr, die ihm zu Herzen gehn und ihn wieder zu sich bringen. Willst du das nicht, so bringe nur jeden Tag ein Sonett zu deinem Lobe zum Vorschein, und bald wirst du sehn, wohin ihn das führt.
All das begab sich wirklich so, denn als Andres dem Sonette lauschte, durchzuckten ihn tausend Bilder der Eifersucht. Er sank zwar nicht in Ohnmacht, aber er wurde so blaß, daß sein Vater es bemerkte und fragte: „Was ist dir, Don Juan? Du wechselst die Farbe, als wolltest du ohnmächtig werden.“
„Keine Sorge!“ rief Preziosa, „laßt mich ihm nur ein Wörtchen ins Ohr sagen, und Ihr werdet sehn, daß es zu keiner Ohnmacht kommt.“
Damit trat sie auf ihn zu und flüsterte, beinahe ohne die Lippen zu bewegen: „Ein schöner Mut für einen Zigeuner! Wie willst du die Folter aushalten, Andres, wenn du nicht einmal ein Stück Papier erträgst?“
Zugleich machte sie ihm ein halb Dutzend Kreuze aufs Herz und trat zurück. Andres begann wieder zu atmen, was darauf schließen ließ, daß Preziosas Worte wohltätig auf ihn eingewirkt hatten. Kurz, sie erhielt die doppelköpfige Dublone und sagte ihren Gefährtinnen, sie werde sie wechseln lassen und ehrlich mit ihnen teilen.
Andres' Vater bat sie, ihm den Spruch, mit dem sie Don Juan zugesprochen hatte, aufzuschreiben, da er ihn für alle Fälle zur Hand haben möchte. Sie erwiderte, sie wolle ihm die Worte gern angeben, er dürfe versichert sein, obwohl sie scheinbar nur Unsinn seien, besäßen sie doch die besondere Kraft, Ohnmachten und Schwindel zu vertreiben. Sie lauteten also:
„Nur die Hälfte dieses Spruches“, sagte Preziosa, „braucht man dem Ohnmächtigen zuzuflüstern, indem man sechsmal das Zeichen des Kreuzes macht, so ist er alsbald wieder frisch wie ein Apfel.“
Als die alte Zigeunerin diesen angeblichen Segen hörte, war sie ganz erstaunt, und noch mehr war es Andres, der wohl sah, daß alles nur eine Erfindung ihres schnell besonnenen Geistes war. Das Sonett behielt man zurück, weil Preziosa es nicht fordern mochte, um Andres nicht neue Qualen zu bereiten; denn ohne daß man es sie gelehrt hatte, wußte sie bereits, was es heißt, wenn man einem Liebenden, der sich ganz hingibt, die Angst und Pein und die Schrecken der Eifersucht einflößt. Als die Zigeunerinnen Abschied nahmen, sagte sie zu Don Juan: „Bedenkt, mein Herr, daß jeder Tag dieser Woche für Eure Abreise günstig und keiner unheilvoll ist; beschleunigt Euren Aufbruch, so sehr Ihr könnt, denn es wartet Euerer ein reiches, freies und gar angenehmes Leben, falls Ihr Euch ihm bequemen wollt.“
„Mir scheint im Gegenteil,“ erwiderte Don Juan, „als böte das Soldatenleben mehr des Zwanges als der Freiheit; aber ich will sehn, wie ich mich dahinein schicke.“
„Ihr werdet mehr sehn, als Ihr denkt,“ entgegnete Preziosa; „Gott schütze und erhalte Euch, wie Euer gutmütiges Gesicht es verdient.“
Diese letzten Worte heiterten Andres auf, die Zigeunerinnen aber waren voller Freude; sie ließen die Dublone wechseln und verteilten sie gleichmäßig unter sich, nur daß die Alte, wie von allen Sammlungen, anderthalb Teile bekam, und zwar erstens ihrer hohen Jahre wegen, und zweitens weil sie die Magnetnadel war, nach der die andern sich auf dem hohen Meer ihrer Tanzkünste, Scherze und Schelmenstücke richteten.
Endlich kam der Morgen, an dem sich der Herren-Andres in aller Frühe auf einem gemieteten Maultier, ohne irgendeinen Bedienten, an dem Orte einstellte, wo wir ihn zuerst gefunden haben. Dort traf er Preziosa und deren Großmutter, die ihn voll Freuden empfingen. Er bat, sie möchten ihn vor Anbruch des Tages nach dem Lager führen, damit man nicht auf seine Spur geriete, falls man ihn etwa suchen sollte. Sie, die vorsichtig genug gewesen waren, allein zu kommen, traten sofort den Rückweg an und gelangten in kurzer Zeit mit ihm zu ihren Hütten. Andres ging in eins der Zelte, das größte des Lagers, und alsbald eilten zehn bis zwölf Zigeuner zu seinem Empfang herbei, insgesamt junge, starke, wohlgestaltete Leute, denen die Alte den neuen Gefährten, der kommen sollte, schon gemeldet hatte. Verschwiegenheit brauchte sie ihnen dabei nicht erst besonders zu empfehlen, da sie Geheimnisse stets gewissenhaft und klug bewahren. Sie warfen zugleich ein Auge auf das Maultier, und einer sagte: „Das kann man am Donnerstag in Toledo verkaufen.“
„Nein,“ erwiderte Andres, „denn es gibt keinen Maultiertreiber in Spanien, der nicht jedes gemietete Maultier auf den ersten Blick kennte.“
„Bei Gott, Herr Andres,“ versetzte einer von den Zigeunern, „hätte das Tier auch mehr Zeichen an sich als dem jüngsten Tage vorausgehen werden, wir würden es hier schon so verwandeln, daß es weder die Mutter, die es geboren, noch der Herr, der es aufgezogen hat, mehr erkennen sollten!“
„Trotzdem“, entgegnete Andres, „muß diesmal meine Meinung entscheiden: das Tier muß sterben und wird so verscharrt, daß auch kein Knochen von ihm je wieder zum Vorschein kommt.“
„Das wäre eine große Sünde,“ bemerkte ein anderer Zigeuner. „Einem Unschuldigen soll man das Leben nehmen? Sprecht nicht so, guter Andres, sondern merkt auf: Betrachtet das Tier genau, prägt Euch all seine Kennzeichen recht ins Gedächtnis ein und laßt es mich dann fortnehmen: erkennt Ihr es in zwei Stunden noch wieder, so mag man mich peitschen wie einen entlaufenen Neger.“
„Ich kann durchaus nicht zugeben,“ sagte Andres, „daß das Tier am Leben bleibe, und wenn Ihr mir noch so viel von seiner Verwandlung erzählt. Solange die Erde es nicht bedeckt, bin ich in Gefahr, entdeckt zu werden; handelt es sich aber um den Nutzen, der aus seinem Verkauf zu gewinnen wäre, so trete ich keineswegs so arm unter meine neuen Kameraden, um nicht als Eintrittsgeld den Wert von vier Maultieren erlegen zu können.“
„Nun, wenn der Herr Andres es durchaus will,“ erwiderte ein andrer Zigeuner, „so möge das Unschuldige sterben, und Gott weiß, daß es mir leid tut sowohl um seine Jugend, denn es hat noch seine Füllenzähne, was man bei einem Mietsmaultier fast niemals trifft, wie auch, weil es einen guten Schritt haben muß, denn es hat keine Striemen in den Weichen und keine Sporenmäler.“
Sein Tod wurde indessen bis auf den Abend verschoben, und der Rest des Tages wurde für die Feierlichkeiten verwandt, unter denen Andres im Volk der Zigeuner aufgenommen wurde. Sie bestanden in folgendem: Man räumte ihm eins von den größten Zelten des Lagers ein, schmückte es mit Zweigen und Zypergras, ließ den Ankömmling auf dem Stumpf eines Korkbaumes Platz nehmen, gab ihm einen Hammer und ein paar Zangen in die Hand und ließ ihn beim Klang zweier von Zigeunern gespielten Gitarren zwei Luftsprünge machen. Dann entblößte man ihm den einen Arm und gab ihm mit einem neuen seidenen Band und einem Stöckchen zwei leichte Streiche. Bei all dem waren Preziosa und viele andre alte und junge Zigeunerinnen zugegen; die einen betrachteten ihn mit Bewunderung, die andern mit geheimer Neigung; denn so gefällig war seine Gestalt, daß sie selbst Zigeunern Liebe einflößte. Als die Zeremonien vorüber waren, nahm ein alter Zigeuner Preziosen bei der Hand, führte sie Andres vor und sprach: „Dieses Mädchen, die Blume und den Ausbund aller Zigeunerschönheit in Spanien, übergeben wir dir zum Weibe oder zur Liebsten, denn hierin kannst du tun, was am meisten nach deinem Geschmack ist; unser reiches, freies Leben ist keinen Zierereien und Förmlichkeiten unterworfen. Betrachte sie genau und sieh, ob sie dir recht ist, oder ob du irgend etwas an ihr bemerkst, was dir mißfällt; denn dann wähle dir unter den andern Mädchen, die hier stehn, diejenige aus, mit der du am meisten zufrieden bist, und wir werden sie dir überlassen. Wisse aber, wenn du sie einmal gewählt hast, so darfst du sie nicht um einer andern willen wieder verlassen oder mit andern, sei es Verheirateten oder Mädchen, zusammenhalten, denn wir beobachten das Gesetz der Freundschaft unverbrüchlich. Keiner streckt die Hand nach dem Gute des andern aus, wir leben frei und ledig von der Pest der Eifersucht, und gibt es auch manche Ehe unter Blutsverwandten, so gibt es doch keinen Ehebruch bei uns. Kommt bei einem Eheweib oder bei einer Liebsten eine Untreue vor, so gehen wir nicht erst vor Gericht, um Strafe zu fordern, sondern wir selbst sind die Richter und Nachrichter unsrer Weiber und Liebsten, die wir so ohne alle Umstände auf den Bergen und in den Wüsten umbringen und begraben, als wären sie schädliche Tiere. Da gibt es keinen Verwandten, der Rache für sie nähme, keine Eltern, die uns wegen ihres Todes verklagten. So wird durch Angst und Furcht die Zucht unter den Frauen erhalten, und wir selber leben in Sicherheit. Außer der Frau oder der Liebsten jedoch, die stets dem verbleibt, dem sie durch das Schicksal zufiel, haben wir wenig, was nicht gemeinsames Eigentum wäre. Außer dem Tod aber scheidet bei uns auch das Alter den Ehebund. Wer will, kann, falls er selbst jung ist, eine alte Frau verlassen und eine andre wählen, die dem Geschmack seiner Jahre mehr zusagt. Durch diese und einige andre Gesetze und Bedingungen halten wir unsre Gesellschaft aufrecht und leben in Freuden. Wir sind die Herren der Felder, der Äcker, der Wälder, der Berge, der Quellen und Flüsse. Die Berge geben uns unentgeltlich Holz, die Bäume Obst, die Reben Trauben, die Gärten Gemüse, die Quellen Wasser, die Flüsse Fische, die Gehege Wildbret, die Felsen Schatten, die Schluchten Kühlung, die Höhlen Häuser. Für uns sind die Unbilden der Witterung Erfrischungen, der Schnee dient uns zur Erquickung, der Regen zum Bade, der Donner als Musik, der Blitz als Fackel. Für uns ist die harte Erde ein weiches Federbett, die schwielige Haut unsres Leibes dient uns als undurchdringlicher Harnisch; für unsre Gewandtheit sind weder Gitter ein Hindernis, noch halten uns Gräben zurück, noch können Mauern uns bannen. Unsern Mut fesseln weder Stricke, noch schüchtern ihn Fußblöcke ein, noch ersticken ihn Daumenschrauben, noch bändigt ihn der Pranger. Zwischen Ja und Nein machen wir, wenn unser Vorteil es heischt, keinen Unterschied. Stets setzen wir eine größere Ehre darein, Märtyrer als Bekenner zu sein. Für uns wachsen die Lasttiere auf den Feldern auf, und für uns schneidet man in den Städten die Taschen zurecht. Kein Adler noch irgendein anderer Raubvogel stürzt schneller auf seine Beute, als wir uns auf die Gelegenheit stürzen, aus der wir Nutzen zu ziehen gedenken. Kurz wir sind in manchen Dingen geschickt, die uns ein glückliches Ende sichern, denn im Gefängnis singen, am Pranger schweigen wir, bei Tag arbeiten und bei Nacht stehlen wir, oder besser, wir warnen die Leute, daß keiner sein Eigentum unordentlich hinwerfe, wo er gerade gehe und stehe. Uns plagt keine Angst, unsre Ehre einzubüßen, noch raubt uns die Sucht, sie zu mehren, den Schlaf. Wir brauchen uns keine Gönner zu gewinnen noch früh aufzustehen, um Bittschriften zu überreichen; wir brauchen keinen großen Herren das Geleit zu geben, noch um Gunstbezeigungen zu betteln. Diese Hütten und tragbaren Zelte sehen wir an als goldne Dächer und prächtige Paläste; statt der Gemälde und niederländischen Landschaften betrachten wir die Reize der Natur in diesen hohen Klippen und beschneiten Kuppen, diesen weit gedehnten Wiesen und dichten Gesträuchen, die sich unserm Blick bei jedem Schritte bieten. Zu Astronomen werden wir von selbst, denn da wir fast immer im Freien schlafen, so wissen wir jederzeit, welche Stunde des Tages oder der Nacht es ist. Wir sehn, wie die Morgenröte die Sterne des Himmels verdrängt und zertritt und mit ihrer Gefährtin, der Tagesdämmerung, emporsteigt, Freude in der Luft, Kühlung im Wasser und Feuchte auf der Erde verbreitend, und dann die Sonne, die ‚Wipfel vergoldend‘ (wie ein Dichter sagt) ‚und die Berge umzitternd‘. Wir fürchten nicht zu erfrieren, wenn sie fern ist und uns nur mit schrägen Strahlen trifft, und ebensowenig zu verbrennen, wenn sie senkrecht auf uns herabbrennt. Der Sonne wie dem Frost, der Unfruchtbarkeit wie dem Überfluß bieten wir gleichermaßen die Stirn, kurz wir sind Leute, die durch ihre Kunst auf ihr Glück hin leben, ohne uns um das alte Sprichwort zu kümmern: Kirche, Meer oder Königshaus[2]. Wir haben, was wir wollen, weil wir mit dem zufrieden sind, was wir haben. All das aber sage ich Euch, edler Jüngling, damit Ihr das Leben, in das Ihr eintretet, und die Art, wie Ihr Euch zu benehmen habt, nach dieser meiner kurzen Schilderung ein wenig kennen lernt; noch gar viel andres, das der Beachtung nicht minder wert ist, als das, was Ihr soeben vernommen habt, werdet Ihr in Zukunft bei uns finden.“
Der beredte alte Zigeuner verstummte, und der Novize entgegnete, er freue sich sehr, so löbliche Gesetze vernommen zu haben; er gedenke allerdings in einen so sehr auf Vernunft und Staatsklugheit gegründeten Orden zu treten, und er bedaure nur, nicht schon früher Kunde von einem so lustigen Leben erhalten zu haben; so entsage er denn in diesem Augenblick dem Stande eines Ritters und dem eitlen Ruhme der erlauchten Abkunft; er stelle alles unter das Joch, oder besser, unter die Gesetze, nach denen seine neuen Freunde lebten, da sie seinen Wunsch, ihnen zu Diensten zu sein, durch eine so hohe Belohnung anerkannt und ihm die göttliche Preziosa zugesprochen hätten, um derentwillen er Kronen und Kaiserreichen entsagen oder sie doch einzig begehren würde, um sie ihr zu Füßen zu legen.
Preziosa erwiderte: „Haben es auch die Herren Gesetzgeber kraft ihrer Gesetze für richtig erfunden, daß ich die Deine sei und mich dir übergeben, so habe doch ich durch das Gesetz meines eignen Willens (und das ist stärker als alle) bestimmt, daß ich es nur unter den Bedingungen sein will, die wir beide vor deiner Ankunft an diesem Ort miteinander verabredet haben: zwei Jahre lang mußt du in unsrer Gesellschaft leben, ehe du in meinen Besitz gelangst, damit nicht du nachher einen vorschnellen Schritt zu bereuen hast und ich durch Übereilung ins Unglück gerate. Persönliche Bedingungen brechen das allgemeine Gesetz; du weißt, welche ich dir auferlege, und willst du sie beobachten, so werde ich vielleicht die Deine und du der Meine. Willst du nicht, so ist ja dein Maultier noch nicht getötet, deine Kleider sind unversehrt, und von deinem Gelde fehlt kein Pfennig. Noch bist du keinen Tag aus deinem Hause fort, verwende die Zeit bis zur Nacht, um zu überlegen, was du tun sollst. Diese Herren können dir wohl meinen Leib, aber nicht meine Seele übergeben; die ist frei, wurde frei geboren und soll frei bleiben, so lange es mir gefällt. Bleibst du hier, so werde ich dich schätzen; kehrst du zurück, so werde ich dich deshalb nicht geringer achten, denn mir scheint, die Leidenschaft jagt verhängten Zügels davon, bis sie auf die Vernunft oder auf eine Enttäuschung trifft; und ich möchte nicht, daß du es mit mir machtest wie der Jagdhund, der den verfolgten Hasen kaum erreicht und gefaßt hat, so läßt er ihn wieder fahren, um einem andern nachzulaufen, der ihm weit voraus ist. Die Augen sind bisweilen geblendet, so daß sie auf den ersten Blick Rauschgold von echtem Golde nicht unterscheiden, aber gar bald erkennen sie den Unterschied zwischen dem Wahren und Falschen. Weiß ich, ob dir die Schönheit, die du mir zuschreibst und über Sonnenlicht und Gold erhebst, bei näherem Betrachten nicht als glanzlos und bei der Prüfung als Tombak erscheinen wird? Zwei Jahre gebe ich dir, um zu erwägen und herauszufinden, was du tun oder lassen sollst; hast du einmal zugegriffen, so kannst du es nur durch den Tod wieder rückgängig machen. Daher ist es gut, daß du Zeit hast, und lange Zeit, um den Gegenstand deiner Wahl zu betrachten und zu prüfen und Fehler und Tugenden an ihm zu entdecken. Denn ich erkenne das barbarische und vermessene Vorrecht nicht an, das meine Vettern da sich nehmen, die ihre Frauen verstoßen oder mißhandeln, wenn sie ihrer überdrüssig werden. Da ich nichts zu tun gedenke, was Züchtigung verdient, so mag ich auch keinen Gefährten, der mich nach Belieben wegschicken könnte.“
„Du hast recht, Preziosa,“ entgegnete Andres; „willst du also, daß ich dir deine Besorgnis und deinen Argwohn nehme, indem ich dir schwöre, nicht um Haaresbreite deinen Anordnungen zuwiderzuhandeln, so sage nur, welchen Schwur du von mir verlangst, oder welches sonstige Sicherheitspfand ich dir geben soll; du wirst mich zu allem bereit finden.“
„Schwüre und Versprechungen,“ erwiderte Preziosa, „die ein Gefangener ausspricht, um die Freiheit zu erlangen, werden selten erfüllt, wenn er sie erlangt hat. Und ebenso, glaube ich, ist es mit den Eiden der Verliebten, die die Flügel Merkurs und die Blitze Jupiters versprechen würden, um ihr Ziel zu erreichen; hat sie mir doch schon ein Dichter versprochen und noch dazu bei den stygischen Fluten geschworen. Ich verlange weder Eide noch Versprechungen, Herr Andres, sondern alles soll auf die Probe dieses Noviziats ankommen; ich werde schon auf meiner Hut sein, falls Ihr etwas Unrechtes gegen mich unternehmen solltet.“
„So sei es!“ antwortete Andres; „nur um eins bitte ich meine Herren Kameraden: daß sie mich nämlich nicht nötigen, vor Ablauf von etwa einem Monat zu stehlen, denn ich glaube, ich werde ein sehr schlechter Spitzbube sein, wenn ich nicht zuvor noch viele Lektionen genommen habe.“
„Gemach, mein Sohn,“ rief der alte Zigeuner, „wir wollen dich schon so einfuchsen, daß du ein Meister im Handwerk werden sollst; und verstehst du es einmal, so wirst du genug Gefallen daran finden, um dir die Finger danach zu lecken. Wahrlich, es ist keine Kinderei, morgens leer auszuziehen und abends mit einer hübschen Tracht ins Lager zurückzukehren.“
„Mit einer Tracht Prügel habe ich Leute, die leer auszogen, wohl auch schon zurückkehren sehn,“ bemerkte Andres.
„Wenn man Fische fängt, werden die Hände naß,“ antwortete der Alte. „Alles im Leben hat seine Gefahr; dem Spitzbuben drohen die Galeere, die Peitsche und der Galgen, aber wenn ein Schiff in einen Sturm gerät oder versinkt, sollen die andern deshalb die Fahrt aufgeben? Es wäre was Rechtes, wenn man keine Soldaten mehr halten wollte, weil der Krieg Menschen und Pferde frißt! Wir aber können um so weniger auf solche Dinge Rücksicht nehmen, als jeder, der von der Justiz gepeitscht wird, in unsern Augen ein Ordenskreuz auf dem Rücken trägt, das uns ehrenhafter dünkt als eines der vornehmen Kreuze auf der Brust. Die Hauptsache ist, daß man nicht schon in der Blüte der Jugend und gleich nach den ersten Verstößen mit des Seilers Tochter tanzt; aber so ein Fliegenstreich auf den Rücken oder eine Spazierfahrt auf der Galeere – das kann uns weiter nicht schrecken. Sohn Andres, bleibt immerhin für jetzt noch im Nest unter unsern Flügeln; wir wollen Euch schon eines Tages zum Fluge hervorziehen, und zwar an einem Ort, wo Ihr nicht ohne Beute zurückkehren sollt. Wie gesagt, Ihr werdet Euch noch die Finger nach jedem Diebstahl lecken.“
„Als Ersatz für das, was ich in der Zeit stehlen könnte, da ich noch Urlaub habe,“ erwiderte Andres, „will ich jetzt unter sämtliche Mitglieder der Bande zweihundert Goldtaler verteilen.“
Kaum hatte er dies ausgesprochen, als eine Schar Zigeuner auf ihn zustürzte, ihn auf die Schultern hob und ausrief: „Vivat, vivat der große Andres!“ Und andre fügten hinzu: „Vivat, vivat Preziosa, sein geliebter Schatz!“ Die Zigeunerinnen taten desgleichen mit Preziosen, nicht ohne in Christina und andern Zigeunermädchen einen gewissen Neid zu wecken, denn in den Lagern der Wilden und den Hütten der Schäfer findet der Neid seine Stätte so gut wie in den Palästen der Fürsten; und wenn ich einen Nachbar emporkommen sehe, während ich glaube, er habe nicht mehr Verdienst als ich, so ist das immer eine verdrießliche Sache.
Als das vorüber war, hielt man ein fröhliches Mahl, verteilte das Geld gerecht und billig, lobte Andres von neuem und erhob Preziosens Schönheit abermals zum Himmel. Die Nacht kam; man tötete das Maultier durch einen Genickfang und verscharrte es so, daß Andres seine Besorgnis, es könnte ihn verraten, völlig beschwichtigt sah. Mit dem Tier begrub man das Geschirr: Sattel, Zaum und Gurt, wie bei den Indianern, die ihre kostbarsten Kleinode mit sich beerdigen lassen.
Andres war über alles, was er gehört und gesehn hatte, und über den feinen Geist der Zigeuner nicht wenig erstaunt. Er war entschlossen, sein Vorhaben durchzuführen, ohne sich jedoch auf die Gebräuche seiner Gefährten einzulassen; wenigstens wollte er sie auf jede mögliche Weise umgehen und hoffte, sich von dem ihm auferlegten Gehorsam in unsauberen Dingen mit Geld loskaufen zu können. Am folgenden Tage bat er sie, ihren Aufenthalt zu ändern und sich von Madrid zu entfernen, da er bei längerem Verweilen entdeckt zu werden fürchtete. Sie erwiderten, sie hätten bereits beschlossen, sich in die Berge von Toledo zu begeben und von dort aus die ganze Umgegend zu brandschatzen. Wirklich brachen sie das Lager ab und gaben dem Andres eine Eselin zur Reise; er zog es jedoch vor, zu Fuß zu gehn, und zwar als Diener Preziosas, die auf einer andern Eselin ritt. Sie freute sich des Triumphs, den sie über ihren schönen Stallmeister feierte, und er sah sich mit nicht minderem Entzücken an der Seite derer, die er zur Herrin seines Willens gemacht hatte. O mächtige Gewalt dessen, den man den süßen Gott der Bitterkeit nennt (ein Name, den ihm unser Müßiggang und unsre Sorglosigkeit gegeben), wie tyrannisch unterjochst und wie rücksichtslos behandelst du uns! Andres ist ein Kavalier und ein junger Mann von trefflichem Verstande, sein Leben lang in der Residenz und von seinen reichen Eltern mit aller Sorgfalt erzogen; aber seit gestern hat sich in ihm eine solche Wandlung vollzogen, daß er Dienern und Freunden entflieht, die Hoffnungen täuscht, die seine Eltern in ihn setzten, vom Wege nach Flandern, wo er sich persönlich Ehre erwerben und den Ruhm seines Geschlechts mehren sollte, entweicht und sich als Diener einem jungen Mädchen zu Füßen wirft, das, wenn auch noch so schön, doch nur eine Zigeunerin ist! Aber es gehört zu den Vorrechten der Schönheit, daß sie selbst den ungebundensten Willen an einem Haare leitet.
Nach vier Tagen gelangten sie zu einem Flecken, zwei Stunden von Toledo, wo sie ihr Lager aufschlugen und zunächst dem Schulzen des Orts einige silberne Gerätschaften als Pfand dafür gaben, daß sie weder im Dorf noch auf dessen Markung einen Diebstahl begehn würden. Sofort zerstreuten sich sämtliche alte und einige junge Zigeunerinnen sowie die Männer in die umliegenden Ortschaften oder doch in solche, die nicht mehr als vier bis fünf Stunden von dem Flecken entfernt waren, bei dem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Andres ging mit, um den ersten Unterricht im Stehlen zu nehmen; so viel Lektionen man ihm jedoch auf diesem Ausflug auch erteilte, es haftete keine bei ihm, vielmehr ging ihm jeder Diebstahl, den seine Lehrer verübten, seinem edleren Blute gemäß, durchs Herz, und bisweilen vergütete er sogar die von seinen Gefährten begangenen Diebereien mit seinem Gelde, denn er vermochte es nicht, die Tränen der Beraubten mitanzusehn. Darüber aber jammerten die Zigeuner sehr, und sie versicherten, solches widerstreite ihren Gesetzen und Verordnungen, die dem Mitleid den Eintritt in ihr Herz streng untersagten; sonst müßten sie aufhören, Spitzbuben zu sein, was sich nimmermehr für sie schicken würde. Als Andres dies hörte, sagte er, er wolle fortan für sich allein stehlen, ohne irgendwelche Gefährten mitzunehmen, denn er sei gewandt genug, um etwaigen Gefahren zu entgehen, und ihnen zu trotzen fehle es ihm nicht an Mut; er wünsche also, Gewinn und Strafe seiner Diebstähle sollten ihn allein treffen. Die Zigeuner suchten ihm diesen Vorsatz auszureden, indem sie ihm zu bedenken gaben, es könnten Fälle eintreten, in denen die Gesellschaft mehrerer sowohl zum Angriff wie zur Verteidigung nötig wäre, und eine Person allein könnte niemals große Beute machen. Allein je mehr sie sprachen, um so eifriger wünschte Andres auf eigne Faust Spitzbube zu sein, denn seine Absicht war, ohne Zeugen für sein Geld dies oder jenes zu kaufen und es für gestohlene Ware auszugeben, um auf diese Art sein Gewissen so rein zu erhalten wie möglich.
Durch diesen Kunstgriff hatte er denn wirklich in weniger als einem Monat der Bande mehr Nutzen gebracht, als vier der verschmitztesten Beutelschneider gemeinsam zu tun vermocht hätten, und Preziosa freute sich nicht wenig, in ihrem zarten Liebhaber einen so geschickten und aufgeweckten Spitzbuben zu finden. Dabei war sie jedoch beständig in Angst, es möchte ihm irgendein Unfall begegnen, denn um alle Schätze Venedigs hätte sie ihn nicht in Not wissen mögen, zumal sie sich infolge seiner vielen Liebesdienste und Gefälligkeiten einer wachsenden Zuneigung nicht erwehren konnte.
Sie blieben nicht viel länger als vier Wochen in dem Bezirk von Toledo, machten aber, obwohl es bereits September war, aus dieser Zeit ihren Erntemonat und zogen dann nach Estremadura, als einem reichen und warmen Lande. Andres führte mit Preziosa sittsame, verständige und liebeglühende Gespräche, und sie verliebte sich allmählich in den Verstand und das züchtige Benehmen ihres Freundes, wie er in ihres verliebt war. Hätte seine Liebe noch wachsen können, sie wäre gewachsen, so groß waren seiner Preziosa Sittsamkeit, Geist und Schönheit. Wo sie nur hinkamen, gewann er den Preis in Wettlauf und Tanz vor allen andern; im Ball- und Kugelspiel tat es ihm keiner gleich; den Ger warf er mit großer Kraft und ausgezeichneter Geschicklichkeit, und nach kurzer Zeit flog sein Ruhm durch ganz Estremadura, so daß es keine Ortschaft gab, wo man nicht von dem mannhaften Wesen des Zigeuners Andres, von seiner Anmut und Gewandtheit gesprochen hätte. Mit seinem Ruf aber hielt der Ruhm von der Schönheit des Zigeunermädchens gleichen Schritt, und bald blieb keine Stadt, kein Flecken und kein Dorf mehr übrig, wohin man sie nicht zur Verherrlichung der Kirchweihen oder andrer besondrer Festlichkeiten berufen hätte. Auf diese Art wurde die Bande reich, angesehen und zufrieden, und die Liebenden waren schon glücklich, sich nur sehen zu können.
Nun geschah es einst, als das Lager abseits von der Landstraße zwischen einigen Steineichen aufgeschlagen war, daß man gegen Mitternacht die Hunde mit ungewöhnlicher Heftigkeit bellen hörte. Einige Zigeuner, unter ihnen auch Andres, standen auf, um zu sehn, wen sie anbellten, und bald fanden sie einen weiß gekleideten Menschen, den zwei Hunde am Bein gepackt hielten, und der sich heftig gegen sie wehrte. Sie eilten hinzu, befreiten ihn, und einer von den Zigeunern rief: „Was zum Teufel treibt dich um diese Stunde und so abseits von der Straße hierher, du Bursche? Willst du vielleicht stehlen? Wahrhaftig, da bist du vor die rechte Tür gekommen!“
„Ich komme nicht, um zu stehlen,“ erwiderte der Gebissene, „und weiß nicht, ob ich auf der Straße bin oder nicht. Freilich sehe ich, daß ich mich verirrt habe; aber sagt mir, ihr Herren, ist ein Wirtshaus oder ein Hof in der Nähe, wo ich mich die Nacht über etwas erholen und für die Wunden sorgen könnte, die eure Hunde mir gebissen haben?“
„Ein Hof oder ein Wirtshaus,“ versetzte Andres, „in das wir Euch weisen könnten, ist nicht in der Nähe, aber um für Eure Wunden zu sorgen und Euch diese Nacht zu beherbergen, soll es Euch auch in unsern Hütten an keiner Bequemlichkeit fehlen. Kommt mit uns, denn sind wir auch nur Zigeuner, so versagen wir darum doch unsre Hilfe nicht.“
„Gott vergelte es Euch,“ antwortete der Fremde; „führt mich, wohin Ihr wollt, denn der Schmerz in meinem Bein ermattet mich.“
Andres und ein andrer mitleidiger Zigeuner (denn wie unter den Teufeln einige schlimmer sind als die andern, so gibt es unter vielen bösen Buben auch den einen oder andern besseren) nahmen ihn in ihre Mitte und führten ihn fort. Die Nacht war mondhell, und sie konnten sehn, daß der Fremde noch jung, von zartem Gesicht und Wuchs war. Er war ganz in weiße Leinwand gekleidet, und quer über den Rücken hing ihm eine Art Hemd oder Quersack, ebenfalls von Leinwand, die um die Brust gegürtet war. Man gelangte in Andres' Hütte, wo sogleich Feuer und Licht gemacht wurde; dann eilte Preziosas Großmutter herbei, um die Wunde, von der sie gehört hatte, zu verbinden. Sie nahm ein paar Haare von den Hunden, brühte sie in Öl und legte, nachdem sie zuvor die beiden Wunden im linken Beine des Gastes mit Wein gewaschen hatte, die Haare samt dem Öl in die Bisse ein, worauf sie noch ein wenig frischen, gekauten Rosmarin darauf tat, alles mit reiner Leinwand verband, das Kreuz darüber machte und dann sprach: „Schlaft, Freund; mit Gottes Hilfe wird es nun nicht von Bedeutung sein.“
Während sie den Verwundeten verband, stand Preziosa daneben und schaute ihn mit unverwandtem Blicke an, wie er auch sie, so daß Andres seine Aufmerksamkeit nicht entging; er glaubte jedoch, nur ihre große Schönheit ziehe die Augen des Jünglings an. Als er verbunden war, ließ man ihn auf einem Lager von trocknem Heu allein und fragte ihn weder nach dem Ziele seines Weges noch sonst nach irgend etwas. Kaum aber hatten sie ihn verlassen, als Preziosa Andres zu sich rief und fragte: „Erinnerst du dich eines Papieres, das mir in deinem Hause entfiel, als ich mit meinen Begleiterinnen tanzte, und das dir, wie ich glaube, ziemlich verdrießlich war?“
„Wohl erinnere ich mich dessen,“ entgegnete Andres; „es war ein Sonett zu deinem Lobe, und zwar kein übles.“
„Nun, du mußt wissen, Andres,“ erwiderte Preziosa, „daß der Verfasser des Sonetts dieser junge Fremde ist, den die Hunde gebissen haben, und den wir eben im Zelt verließen; ich täusche mich gewiß nicht, denn er hat in Madrid zwei- bis dreimal mit mir gesprochen und mir auch eine sehr gute Romanze geschenkt. Dort trug er sich, soviel ich sehen konnte, wie ein Page, jedoch nicht wie die gewöhnlichen, sondern wie einer, der von einem vornehmen Herrn besonders begünstigt wird. Und wahrhaftig, Andres, ich kann dir sagen, der junge Mensch ist sehr verständig und einsichtig und über die Maßen gesittet, so daß ich nicht weiß, wie ich mir seine Reise und seine Tracht erklären soll.“
„Wie du dir das erklären sollst, Preziosa?“ versetzte Andres. „Nicht anders, als daß die gleiche Gewalt, die mich zu einem Zigeuner machte, ihn, wie es scheint, in einen Müller verwandelt hat, um dich aufzusuchen. Ha, Preziosa, Preziosa, jetzt wird es mir klar, daß du dich rühmen willst, mehr als einen überwunden zu haben. Ist dies der Fall, so töte erst mich und dann diesen andern, aber opfere nicht uns beide zugleich auf dem Altar deiner Falschheit; denn ich kann nicht mehr sagen: deiner Schönheit.“
„Bei Gott,“ entgegnete Preziosa, „du bist sehr leicht verletzt, Andres, und mußt deine Hoffnungen und den Glauben an mich an ein gar dünnes Haar gehängt haben, wenn das harte Schwert der Eifersucht deine Seele so leicht durchbohren kann. Sprich, Andres, wenn hier eine List oder ein Betrug im Spiel wäre, hätte ich nicht eher verschweigen müssen, wer dieser Jüngling ist? Bin ich so töricht, daß ich dir Anlaß geben sollte, meine Tugend und meine Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehn? Um des Himmels willen, schweig, Andres, und sieh, daß du morgen früh dem Gegenstand deines Schreckens das Geheimnis entlockst, wohin er gehe oder was er eigentlich suche; denn es wäre ja möglich, daß deine Vermutung ebenso falsch wäre, wie das, was ich von ihm gesagt habe, richtig ist. Und zu deiner noch größeren Beruhigung – da ich nun schon einmal so weit gekommen bin, für deine Ruhe sorgen zu müssen – verabschiede den jungen Menschen, welches auch die Art und Absicht seiner Reise sei, sogleich wieder und eile, daß er dir aus den Augen kommt. Die ganze Bande gehorcht dir ja, und niemand wird ihm gegen deinen Willen Aufenthalt im Zelt gewähren. Geschieht dies aber nicht, so gebe ich dir mein Wort, daß ich meine Hütte nicht verlassen und mich weder vor ihm noch vor irgend jemand werde blicken lassen, der dir nicht genehm ist.“
Und sie fügte noch hinzu: „Sieh, Andres, es tut mir nicht weh, dich eifersüchtig zu sehn, aber es würde mir sehr weh tun, wenn ich dich nicht mehr mit deiner bisherigen Klugheit handeln sähe.“
„Solange du mich noch nicht wahnsinnig siehst, Preziosa,“ erwiderte Andres, „wird dir nichts die bittere, furchtbare Angst der Eifersucht noch die Qualen meiner Brust verraten können; indessen will ich tun, was du mir gebietest, und ich will, wenn möglich, zu erfahren suchen, was dieser Herr Page und Dichter will, wohin er geht und was er sucht, denn vielleicht bekomme ich durch irgendeinen unvorsichtig von ihm hingeworfenen Faden den ganzen Knäuel in die Hände, mit dem er mich, wie ich fürchte, umgarnen wollte.“
„Die Eifersucht,“ entgegnete Preziosa, „scheint mir, läßt den Verstand niemals so frei, daß er die Dinge beurteilen könnte wie sie sind. Sie sieht immer durch Brillen, die kleine Dinge groß, Zwerge zu Riesen und Vermutungen zur unzweifelhaften Gewißheit machen. Bei deinem und meinem Leben beschwöre ich dich, Andres, handle in dieser Angelegenheit sowie in allem, was unsre Übereinkunft betrifft, vorsichtig und klug. Tust du dies, so stehe ich meinerseits dafür ein, daß du mir den Preis der Sittsamkeit, Vorsicht und Offenheit wirst zuerkennen müssen.“
Damit verabschiedete sie sich von Andres, der mit Verlangen dem Anbruch des Tages entgegensah, um dem Verwundeten seine Beichte abzunehmen. Die Seele voll tausend widersprechender Vorstellungen, vermochte er nicht, den Glauben zu bannen, der Page sei durch Preziosas Schönheit herbeigelockt worden; denn wer stiehlt, hält alle andern auch für Diebe. Er sagte sich jedoch, Preziosa habe ihm ein hinlänglich starkes Sicherheitspfand gegeben, so daß er sich beruhigen und sein ganzes Glück in die Hände ihrer Tugend legen könne.
Endlich brach nach, wie ihm schien, ungewöhnlich langem Zaudern der Tag an; er begab sich zu dem Fremden und fragte ihn, wie er heiße, wohin er gehe und warum er so spät und so abseits der Landstraße reise, doch hatte er sich zuvor nach seinem Befinden erkundigt und gefragt, ob die Bisse ihn noch schmerzten. Der junge Mensch erwiderte, er befinde sich nun besser und sei ohne allen Schmerz, so daß er sich wieder auf den Weg machen könne. Über seinen Namen und das Ziel seiner Reise sagte er weiter nichts, als daß er Alonso Hurtado heiße und in einer gewissen Angelegenheit zu „Unsrer Frau von Penna di Francia“[3] wandere. Um schneller dorthin zu kommen, reise er auch bei Nacht; er habe in der eben vergangenen den Weg verloren und sei zufällig in dieses Lager geraten, wo ihn die Wachthunde auf die geschilderte Art zugerichtet hätten. Andres hielt diese Erklärung keineswegs für wahrheitsgemäß; von neuem fuhr ihm sein Argwohn über die Seele, und er sprach:
„Freund, wäre ich Richter, und Ihr wäret wegen irgendeines Vergehens meiner Gerichtsbarkeit verfallen, so daß ich Euch diese Fragen stellen müßte, ich wäre durch Eure Antwort genötigt, Gewalt gegen Euch zu gebrauchen. Ich will jetzt nicht mehr wissen, wer Ihr seid, wie Ihr heißet und wohin Ihr geht; aber ich rate Euch: wenn es Euch auf dieser Reise von Nutzen sein sollte zu lügen, so bringt Eure Lüge wahrscheinlicher vor. Ihr sagt, Ihr reiset nach Penna di Francia und habt diesen Ort doch hier, wo wir sind, schon volle dreißig Stunden rechts hinter Euch. Ihr reiset bei Nacht, um schneller anzukommen, und streicht doch außerhalb der Straße unter Büschen und Bäumen umher, wo es kaum Fußpfade, geschweige denn Landstraßen gibt. Steht auf, Freund, lernet lügen und geht mit Gott. Aber werdet Ihr mir für den guten Rat, den ich Euch hiermit gebe, nicht eine Wahrheit sagen? Ich denke wohl, da Ihr Euch ja doch so schlecht aufs Lügen versteht! Sagt mir denn, seid Ihr vielleicht ein Mensch, so in der Mitte zwischen Page und Kavalier, den ich oft in der Residenz gesehen habe, wo er in dem Rufe eines großen Dichters stand und eine Romanze und ein Sonett an ein Zigeunermädchen richtete, das unlängst in Madrid umherzog und als eine ausgezeichnete Schönheit galt? Sagt mirs; ich verspreche Euch auf Zigeunerehre, Euer Geheimnis so gut zu bewahren, wie Ihr es nur wünschen könnt. Bedenkt, daß es zu nichts führen kann, wenn Ihr die Wahrheit leugnet, da ich Euer Gesicht, das ich vor mir sehe, sicher erkenne; denn natürlich veranlaßte mich der Ruf Eurer ausgezeichneten Geistesgaben, Euch als einen seltenen und besondern Menschen mehr als einmal ins Auge zu fassen, und so habe ich mir denn Eure Gestalt so ins Gedächtnis eingeprägt, daß ich Euch wiedererkannte, obgleich Eure jetzige Tracht von Eurer damaligen so verschieden ist. Macht Euch deshalb keine Sorge, seid guten Muts und glaubt nicht unter einen Haufen Spitzbuben, sondern an einen Zufluchtsort geraten zu sein, an dem man Euch gegen die ganze Welt zu schützen und zu verteidigen weiß. Seht, ich denke mir etwas, und verhält es sich so, wie ich es mir denke, so hat Euch Euer guter Stern mit mir zusammengeführt. Ich denke mir nämlich, daß Ihr in Preziosa, das schöne Zigeunermädchen, auf das Ihr die Verse machtet, verliebt seid und hierherkamt, um sie aufzusuchen; ich schätze Euch darum auch nicht geringer, sondern um vieles höher. Bin ich auch nur ein Zigeuner, so weiß ich doch aus Erfahrung, wie weit die mächtige Gewalt der Liebe sich erstreckt, und welchen Verwandlungen sie alle unterwirft, die unter ihr Joch geraten. Verhält es sich wirklich so mit Euch, worüber denn wohl kaum ein Zweifel walten dürfte, so ist die kleine Zigeunerin hier.“
„Ja, sie ist hier,“ erwiderte der Fremde, „ich habe sie heute nacht gesehn,“ – ein Wort, das Andres wie der Tod durchs Herz ging, denn es schien ihm seinen Argwohn zu bestätigen. „Ich habe sie heute nacht gesehn,“ fuhr der Jüngling fort, „aber nicht gewagt, ihr zu sagen, wer ich bin, weil es mir nicht geraten schien.“
„So seid Ihr“, rief Andres, „wirklich der Dichter, von dem ich sprach?“
„Ja, ich bin es,“ entgegnete der junge Mann, „ich kann und will es nicht leugnen. Vielleicht daß ich jetzt gerade da, wohin ich zu meinem Unglück gekommen zu sein glaubte, mein Glück finde, wenn anders man Treue in den Wäldern und gastliche Aufnahme in den Bergen trifft.“
„Die trifft man allerdings,“ versetzte Andres, „und überdies unter uns Zigeunern die größte Verschwiegenheit. In dieser Zuversicht könnt Ihr mir Euer Herz eröffnen, Herr, denn Ihr werdet in meinem nicht die geringste Arglist finden. Das Zigeunermädchen ist meine Verwandte und unterwirft sich, falls Ihr sie etwa zur Frau haben wollt, ganz dem, was ich ihr rate; ich und all ihre übrigen Verwandten, wir hätten Vorteil davon und würden es gern sehn. Wollt Ihr sie nur zur Freundin, so werden wir auch gegen einen Mann nicht sonderlich heikel sein, der Geld hat, denn nie verläßt die Habgier unser Lager.“
„Geld habe ich,“ antwortete der Jüngling; „in den Ärmeln des Hemdes da, das ich mir um den Leib geknüpft, bringe ich vierhundert Goldtaler mit.“
Das war für Andres ein zweiter Todesstreich, denn er glaubte, man werde nicht so viel Geld bei sich tragen, wenn man nicht eine teure Ware zu kaufen denke. Mit unsicherer Stimme sagte er:
„Das ist ein hübsches Sümmchen; Ihr braucht Euch nur noch zu entdecken, und dann ans Werk! Denn das Mädchen ist nicht auf den Kopf gefallen und wird wohl einsehn, wie gut es für sie ist, wenn sie die Eure wird.“
„Ach, Freund,“ erwiderte der Jüngling, „die Gewalt, die mich genötigt hat, meine Tracht so zu ändern, ist weder die Liebe, von der Ihr sprecht, noch überhaupt eine Sehnsucht nach Preziosen, denn es gibt Schönheiten in Madrid, die einem ebensogut, ja besser als die reizendsten Zigeunerinnen das Herz rauben und die Seele gefangennehmen können, wenn ich auch zugeben muß, daß die Reize Eures Bäschens alles übertreffen, was ich je gesehn habe. In diese Kleidung aber, auf die Wanderschaft und unter die Zähne der Hunde hat mich nicht die Liebe, sondern mein Unglück getrieben.“
Bei diesen Worten kehrten Andres die verlorenen Lebensgeister wieder zurück, denn die Rede des jungen Mannes schien einem andern Ziele zuzulenken, als er hatte glauben müssen. Begierig, diese Verwirrung zu lösen, gab er dem Gaste von neuem die Versicherung, daß er sich ohne Rückhalt entdecken dürfe, und dieser fuhr also fort:
„Ich lebte in Madrid im Hause eines Herrn vom hohen Adel, dem ich jedoch nicht als einem Gebieter, sondern als meinem Verwandten diente. Er hatte einen einzigen Sohn zum Erben, der mich sowohl wegen unsrer Verwandtschaft, wie auch weil wir beide in einem Alter standen und gleichen Charakters waren, vertraulich als seinen Freund behandelte. Nun geschah es, daß dieser Kavalier sich in ein vornehmes Fräulein verliebte, welches er gern zur Gemahlin erwählt hätte; als guter Sohn jedoch unterwarf er seinen Willen dem seiner Eltern, die ihn noch höher zu verheiraten trachteten, machte aber jener, von allen Augen, die seine geheime Neigung hätten verraten können, unbemerkt, noch fortwährend die Aufwartung; nur ich war Zeuge seines Tuns. Nun sahen wir an einem Abend, den das Unglück für das Ereignis, das ich sogleich erzählen werde, eigens ausgewählt haben mußte, sahen wir, als wir eben aus dem Hause jener Dame traten, zwei Männer von scheinbar guter Herkunft an der Türe lehnen. Mein Vetter wollte sehn, wer sie seien; kaum aber war er auf sie zugetreten, als sie mit großer Schnelligkeit nach den Degen und nach zwei kleinen Schilden griffen und auf uns eindrangen. Natürlich zogen auch wir, und so griffen wir uns denn mit gleichen Waffen an. Der Kampf dauerte nicht lange, denn schnell war es um das Leben unsrer beiden Gegner getan; sie waren gleich nach den beiden ersten Streichen verloren. Meinem Vetter verlieh die Eifersucht und mir das Bestreben, ihn zu verteidigen, Kraft und Schwung – gewiß ein wunderbarer und seltener Fall! Wir kehrten mit unserm ungesuchten Sieg nach Hause zurück, rafften so viel Geld zusammen, wie wir konnten, und begaben uns in das Kloster des heiligen Januarius, wo wir den Tag erwarteten, der den Vorfall ans Licht bringen und zeigen mußte, auf wen der Verdacht der Täterschaft fallen würde. Wir erfuhren jedoch, daß nicht das geringste Zeichen gegen uns spräche; daher rieten uns die klugen Geistlichen, nach Hause zurückzukehren, um nicht durch unsre Abwesenheit Verdacht zu erregen. Schon wollten wir ihrem Rate folgen, als wir Nachricht erhielten, die Herren Hofrichter hätten die Eltern des Fräuleins und das Fräulein selbst in ihrem Hause verhaftet, und von den Bedienten, die man ins Verhör genommen, habe eine Magd ausgesagt, mein Vetter sei bei Nacht und bei Tage oftmals bei ihrer Gebieterin gewesen. Auf diese Anzeige hin sei man sogleich davongeeilt, um uns herbeizuschaffen, und da man nicht uns, wohl aber viele Spuren unsrer Flucht gefunden, habe sich bei dem ganzen Gerichtshof die Ansicht festgesetzt, daß wir jene beiden Kavaliere (denn das waren sie, und zwar aus sehr angesehenen Häusern) getötet hätten. Kurz, auf den Rat des Grafen, meines Verwandten, und der Geistlichen wandte sich mein Gefährte, nachdem wir uns vierzehn Tage lang im Kloster aufgehalten hatten, in Mönchstracht, begleitet von einem andern Mönch, nach Aragonien, um sich dann nach Italien und von dort aus nach Flandern zu begeben, wo er den Verlauf der Sache abwarten wollte. Ich für mein Teil wollte mein Schicksal von dem seinen trennen und schlug daher, damit unser Geschick nicht den gleichen Lauf nähme, zu Fuß und in der Tracht eines Laienbruders einen andern Weg ein, begleitet von einem andern Geistlichen, der mich in Talavera verließ. Von dort bin ich allein und abseits von der Straße weitergezogen, bis ich bei Nacht zu Eurem Lager gelangte, wo mir begegnete, was Ihr ja wißt. Wenn ich von dem Wege nach Penna di Francia sprach, so geschah es nur, um Euch auf Eure Frage irgendeine Antwort zu geben, denn in Wahrheit weiß ich nichts weiter von jenem Orte, als daß er oberhalb Salamankas liegt.“
„Das ist richtig,“ entgegnete Andres, „und Ihr habt es schon fast zwanzig Stunden weit von hier zur rechten Hand liegen lassen, und daraus könnt Ihr sehn, wie wunderlich mir Euer Weg erscheinen mußte, wenn Ihr wirklich dorthin wolltet.“
„Eigentlich wollte ich nach Sevilla,“ versetzte der Jüngling, „denn ich kenne dort einen vertrauten Freund des Grafen, meines Vetters, einen genuesischen Kavalier, der große Silbersendungen nach Genua zu schicken pflegt. Ich wollte ihn bitten, mich den Leuten, die den Transport besorgen, einzureihen, denn so gedachte ich, da in kurzer Zeit wieder zwei Galeeren eintreffen sollen, um das Silber an Bord zu nehmen, nach Cartagena und von dort nach Italien zu gelangen. Das, lieber Freund, ist meine Geschichte; urteilt selbst, ob mich nicht eher das Unglück treibt, als die Liebe. Wenn die Herren Zigeuner mich aber, falls sie selber nach Sevilla gehn, dorthin mitnehmen wollen, so will ich sie gut dafür bezahlen, denn ich sehe, daß ich in ihrer Begleitung sicherer und ohne Besorgnis reisen kann.“
„Sie werden Euch wohl mitnehmen,“ antwortete Andres, „und wenn Ihr nicht mit unsrer Truppe reisen könnt (denn bis jetzt weiß ich noch nicht, ob wir nach Andalusien gehn), so könnt Ihr Euch einer andern anschließen, mit der wir in zwei oder drei Tagen zusammentreffen werden. Gebt Ihr der ein wenig von dem, was Ihr bei Euch habt, so werdet Ihr Euch den Weg zu jeder Unmöglichkeit bahnen.“
Andres verließ ihn und erstattete den andern Zigeunern Bericht von der Erzählung und von den Wünschen des jungen Mannes, sowie von seinem Anerbieten, gut zu zahlen. Alle waren der Ansicht, er sollte in der Bande bleiben, nur Preziosa wollte es nicht, und die Großmutter sagte, sie könnte weder nach Sevilla gehn noch in die Umgegend, und zwar wegen eines Scherzes, den sie sich vor einigen Jahren mit einem in jener Stadt sehr bekannten Mützenmacher, namens Triguillos, erlaubt hätte. Sie habe ihn nämlich veranlaßt, splitternackt, mit einem Zypressenkranz auf dem Kopfe, bis an den Hals in ein Faß mit Wasser zu steigen und so die Mitternacht zu erwarten, um dann herauszusteigen und einen Schatz zu heben, der, wie sie ihm vorgelogen hätte, an einem bestimmten Ort seines Hauses liege. „Wie nun“, fuhr sie fort, „der gute Kappenmacher die Frühmesse läuten hörte, hatte er, um nicht den rechten Augenblick zu versäumen, solche Eile, aus dem Faß herauszukommen, daß er damit umfiel und sich durch den harten Sturz und die losspringenden Splitter den nackten Leib übel zerfetzte. Das Wasser lief heraus, er plätscherte darin herum und schrie aus vollem Hals, er ertrinke. Sein Weib und seine Nachbarn rannten unverzüglich mit Lichtern herbei und fanden ihn, wie er allerlei Schwimmbewegungen machte, prustete, den Bauch auf dem Boden fortschleppte, mit Armen und Beinen zappelte und laut rief: ‚Zu Hilfe, zu Hilfe, ich ertrinke!‘ Denn die Angst hatte sich seiner so bemächtigt, daß er allen Ernstes zu ertrinken glaubte. Sie faßten ihn bei den Armen und entrissen ihn der Gefahr; er kam zu sich und erzählte den Zigeunerstreich. Nichtsdestoweniger aber und allen zum Trotz, die da behaupteten, das Ganze sei nur eine Prellerei, grub er an dem bezeichneten Ort bis über Mannshöhe hinunter, und hätte ihn nicht ein Nachbar gehindert, an dessen Hausfundament er schon streifte, so hätte er beide Häuser zum Einsturz gebracht. Die Geschichte machte die Runde in der ganzen Stadt, so daß selbst die Kinder mit Fingern auf ihn zeigten und von seiner Leichtgläubigkeit und meinem Schwank erzählten.“
So berichtete die alte Zigeunerin und sagte, deshalb könnte sie nicht nach Sevilla gehn. Die Zigeuner aber, die vom Herren-Andres bereits wußten, daß der junge Mensch Geld in Fülle bei sich hatte, nahmen ihn mit Vergnügen in ihre Gesellschaft auf und waren bereit, ihn zu hüten und zu verbergen, so lange er nur wollte. Da sie jedoch zugleich beschlossen, statt nach Sevilla nach links weiterzuziehn und sich in die Mancha und das Königreich Murcia zu begeben, so riefen sie den Jüngling herbei und eröffneten ihm, was sie für ihn zu tun vermöchten. Er dankte und gab ihnen hundert Goldtaler, die sie unter sich verteilen sollten. Durch diese Freigebigkeit wurden sie geschmeidiger als ein Marderpelz. Nur Preziosa war nicht sonderlich damit zufrieden, daß Don Sancho, wie er sich nannte, dablieb: ein Name, den die Zigeuner sofort in Klemens verwandelten. Auch Andres war verdrießlich und hatte keine rechte Freude an dem neuen Gefährten, denn ihm schien, er habe seinen ursprünglichen Plan ohne Grund aufgegeben. Aber als läse er in Andres' Seele, warf der Gast gelegentlich die Bemerkung hin, er freue sich, bald nach Murcia zu kommen, weil er auf diesem Wege ebenfalls in die Nähe von Cartagena gelange; liefen dann die Galeeren dort ein, woran er nicht zweifle, so könne er mit Leichtigkeit nach Italien übersetzen. Andres aber erwählte ihn, um ihn mehr vor Augen zu haben, sein Tun beobachten und seine Gedanken erforschen zu können, zu seinem Zeltkameraden, und Klemens betrachtete diese Freundschaft als eine große Auszeichnung. Sie hielten immer zusammen, ließen fleißig auftischen und sparten die Taler nicht, liefen, tanzten, sprangen, warfen den Ger besser als irgendein Zigeuner, standen bei den Zigeunerinnen keineswegs in Ungunst und wurden von den Zigeunern im höchsten Grade geachtet.
Man verließ Estremadura, durchzog die Mancha und näherte sich allmählich dem Königreich Murcia. In allen Dörfern und Flecken, durch die man kam, hielt man Wettkämpfe im Ballspiel, im Fechten, Laufen, Springen, Gerwerfen und sonstigen Übungen der Kraft und Behendigkeit ab, und aus jedem Kampf gingen Andres und Klemens, wie früher Andres allein, als Sieger hervor. Während dieser ganzen Zeit, mehr als anderthalb Monate hindurch, fand und suchte Klemens nie Gelegenheit, Preziosa zu sprechen, bis er eines Tages, als sie und Andres beisammen standen, von diesen herbeigerufen, an ihrem Gespräche teilnahm.
„Auf den ersten Blick“, sagte Preziosa, „erkannte ich dich, als du in unser Lager kamst, Klemens, und gleich fielen mir die Verse ein, die du mir in Madrid gegeben hast. Ich wollte aber nichts sagen, weil ich nicht wußte, aus welchem Grunde du zu uns gestoßen sein mochtest. Als ich jedoch von deinem Unglück hörte, ging es mir durch die Seele, und mein erschrockenes Herz beruhigte sich erst wieder bei dem Gedanken: wie es in der Welt einen Don Juan gebe, der sich in einen Andres verwandelt habe, so möge wohl auch ein Sancho einen neuen Namen annehmen können. Ich spreche so offen mit dir, weil Andres mir gesagt hat, er habe dir anvertraut, wer er sei und in welcher Absicht er Zigeuner wurde.“ (Und wirklich hatte Andres ihn ins Geheimnis gezogen, um sich freier mit ihm aussprechen zu können.) „Glaube übrigens nicht, der Umstand, daß ich dich erkannte, sei ohne weiteren Nutzen für dich geblieben, denn nur aus Rücksicht auf mich und auf das, was ich von dir sagte, ging deine Aufnahme in unsre Gesellschaft so leicht vonstatten. Nun möge Gott dir alles Gute daraus erwachsen lassen, das du nur wünschen kannst. Ich aber verlange dafür, daß du Andres sein Streben nicht als zu niedrig darstellst, noch ihm vorhältst, wie schlecht es ihm anstehe, in diesem Verhältnis zu beharren. Denn wenn ich auch überzeugt bin, daß sein Wille sich ganz unter meinen beugt, so würde es mir doch schmerzlich sein, wenn er nur im geringsten eine Reue über das, was er tat, erkennen ließe.“
Klemens erwiderte: „Glaube nicht, einzige Preziosa, daß Don Juan mir leichtsinnig entdeckt habe, wer er sei; ich selbst habe es zuerst entdeckt, und seine Augen verrieten mir zuerst seine Seele. Ich war der erste, der ihm sagte, wer er sei, und ich erriet, daß sein Herz, wie du eben angedeutet hast, gefesselt war. Da erst schenkte er mir das verdiente Vertrauen und gestand sein Geheimnis. Nun aber kann er selbst am besten bezeugen, welches Lob ich seinem Entschluß und seiner Beharrlichkeit in dem übernommenen Dienste spendete; denn ich bin nicht so engen Sinnes, Preziosa, daß ich nicht begriffe, wie weit sich die Macht der Schönheit erstrecken kann. Und die deine, die die höchsten Reize übertrifft, könnte noch weit größere Verirrungen entschuldigen, wenn anders man das eine Verirrung nennen kann, was so unwiderstehlichen Gewalten entspringt. Ich danke dir, schöne Freundin, für alles, was du in meiner Sache getan hast, und hoffe es dir durch den Wunsch zu vergelten, daß diese Liebe, die mit so vielen Hindernissen kämpft, ihr Ziel glücklich erreichen und du in den Besitz deines Andres, Andres mit voller Einwilligung seiner Eltern in den Besitz seiner Preziosa gelangen möge, damit aus einer so schönen Verbindung die schönsten Sprößlinge hervorgehn, die die sorgsame Natur zu bilden vermag. Dies wünsche ich, Preziosa, und nur dies werde ich zu deinem Andres sagen, nichts aber, was ihn von seinem wohlüberlegten Entschluß abbringen könnte.“
Klemens sprach diese Worte mit solcher Wärme, daß Andres zweifelte, ob er nur als Mann von Welt so redete oder als Verliebter; denn der höllische Krankheitsstoff der Eifersucht ist so fein, daß er sich selbst an Sonnenstäubchen anhängt und durch alles, was den Gegenstand der Liebe berührt, dem Liebenden Angst und Verzweiflung einflößt. Indessen vermochte er doch keine weitere Bestätigung seines Argwohns zu finden, wobei er freilich mehr auf Preziosens Tugend als auf sein Glück baute; denn Liebende halten sich nun einmal für unglücklich, solange sie das, was sie wünschen, noch nicht erreicht haben. Kurz, Andres und Klemens blieben Kameraden und warme Freunde, da Klemens' ehrenhafte Gesinnung und Preziosens Klugheit und Zurückhaltung, die jeden Anlaß zur Eifersucht sorgfältig vermied, Andres vollkommen beruhigten.
Klemens war in der Dichtkunst keineswegs ohne Begabung, wie er schon in den Preziosa gewidmeten Versen gezeigt hatte. Auch Andres hatte ein wenig Talent, und beide liebten die Musik. Als nun einst das Lager vier Stunden von Murcia in einem Tale aufgeschlagen war, nahm eines Nachts Andres unter einem Korkbaum, Klemens ihm gegenüber unter einer Steineiche Platz, wo sie, der Einladung der nächtlichen Stille folgend, zu ihren Gitarren wechselseitig folgende Verse sangen: