Der Hof (mit Ausnahme Albrechts) war gegen Mittag im Rathaussaale erschienen. Als Klaus Heinrich, das erstandene Kunstglas in Seidenpapier auf den Knien, in seinem Coupé nach Eremitage zurückkehrte, hatte er sich in Delphinenort angesagt, hatte er die Absicht kundgetan, sich das Schloß in seinem neuen Zustande einmal anzusehen und bei dieser Gelegenheit Herrn Spoelmanns Sammlung von Kunstgläsern in Augenschein zu nehmen. Denn unter Miß Spoelmanns Waren hatten sich drei oder vier alte Gläser befunden, die ihr Vater selbst aus seiner Kollektion für den Basar gestiftet hatte, und eines davon hatte Klaus Heinrich gekauft.
Er sah sich wieder in dem Halbkreis von Menschen, die ihnen zusahen – allein vor Imma Spoelmann und getrennt von ihr durch den Budentisch mit seinen Kelchen, Karaffen, seinen weißen und farbigen Porzellangruppen. Er sah sie in dem roten Phantasiegewande, das, aus einem Stück gearbeitet, ihre wohlausgebildete und dennoch kindliche Gestalt umschloß, indem es ihre bräunlichen Schultern und ihre Arme freiließ, die rund und fest waren und dennoch vor dem Handgelenk wie die eines Kindes wurden. Er sah den goldenen Schmuck, halb Kranz und halb Diadem, in der Schwärze ihres aufgelösten Haares, das eine Neigung zeigte, ihr in glatten Strähnen in die Stirn zu fallen, ihre übergroßen und schwarzen, glänzend fragenden Augen in dem perlblassen Gesichtchen, ihren vollen und weichen Mund, den sie mit verwöhnter Geringschätzung vorschob, wenn sie sprach – und um sie herum in dem großen, gewölbten Raum war Tannengeruch und wirrer Lärm, Musik, Gongschläge, Gelächter und Marktschreierei gewesen.
Er hatte das Kunstglas, den alten, edlen Kelch mit seinem Schmuck von silbernem Blattwerk bewundert, den sie ihm zum Kaufe angeboten, und sie hatte gesagt, daß er aus ihres Vaters Sammlung stamme. – So herrliche Dinge besitze also ihr Vater eine ganze Menge? – Allerdings. Und glaublicherweise seien es nicht eben die besten Nummern, die ihr Vater für den Basar gestiftet habe. Sie stehe nicht an, zu erklären, daß er viel schönere Gläser habe. – Die wünschte Klaus Heinrich wohl sehen zu dürfen! – Nun, das würde sich gelegentlich ja unschwer ermöglichen lassen, hatte Fräulein Spoelmann mit ihrer gebrochenen Stimme geantwortet, indem sie die Lippen vorgeschoben und ihr Köpfchen ein wenig hin und her gewandt hatte. Ihr Vater, hatte sie gemeint, werde durchaus nicht dawider seien, die Früchte seines Sammelfleißes wieder einmal einem verständnisvollen Beschauer vorzuführen. Um die Teestunde seien Spoelmanns immer zu Hause.
Sie hatte die Sache sehr bürgerlich genommen, hatte aus der Ansage eine Einladung gemacht und im leichtesten Tone gesprochen. Schließlich, auf Klaus Heinrichs Frage, welchen Tag man in Aussicht nehmen solle, hatte sie geantwortet: »Welchen Sie wollen, Prinz. Wir werden uns jederzeit unsäglich glücklich schätzen …«
»Unsäglich glücklich schätzen« – so sprach sie, so scharfzüngig und spöttisch übertrieben, daß es fast weh tat und man nur mühsam gute Miene machte. Wie sie die arme Schwester-Oberin verwirrt und verletzt hatte, neulich im Spital! Aber bei alledem war etwas Kindliches in ihrer Sprechweise, ja, gewisse Laute kamen heraus, wie Kinder sie bilden – nicht nur das eine Mal, als sie das kleine Mädchen über den Dampfapparat getröstet hatte. Und so große Augen hatte sie gemacht, als von den Vätern die Rede gewesen und den traurigen Fällen …
Am nächsten Tage nahm Klaus Heinrich seinen Tee auf Schloß Delphinenort – am nächstfolgenden, den Tag darauf. Gelegentlich, hatte Imma Spoelmann gesagt, möge er kommen. Aber der nächstfolgende Tag war ihm gelegen, und da ihm die Sache dringlich schien, so fand er es nicht angebracht, sie auf die lange Bank zu schieben.
Gegen fünf Uhr – es war schon dunkel – trug ihn sein Coupé über die aufgeweichten Fahrwege des Stadtgartens, der kahl und menschenleer lag – schon war es Spoelmannscher Besitz, wo er rollte –, Bogenlampen erhellten den Park, das große, viereckige Brunnenbassin schimmerte trüb zwischen den Bäumen, dahinter erhob sich das weißliche Schloß mit dem Säulenaufbau seines Portals, seiner geräumigen Doppelrampe, die, zwischen seinen Flügeln eingelagert, in flachem Aufstieg zur Beletage emporführte, seinen hohen, in kleine Scheiben geteilten Fenstern, seinen römischen Büsten in den Nischen – und als Klaus Heinrich durch die Auffahrtsallee von mächtigen Kastanien fuhr, da sah er zu Füßen der Rampe den bordeauxroten Plüschmohren stehen und mit aufgestütztem Stabe Ausschau halten …
Klaus Heinrich beschritt eine steinerne, hell erleuchtete und lind durchwärmte Halle mit goldig schimmerndem Mosaikfußboden und weißen Götterbildern in der Runde, schritt geradeaus, der marmornen, breitgeländrigen und mit rotem Teppich belegten Freitreppe zu, auf welcher, mit zurückgezogenen Schultern und hängenden Armen, bauchig und stolz, im Schmuck seines rasierten Doppelkinns, der Spoelmannsche Haushofmeister herniederstieg, um den Gast zu empfangen. Er geleitete ihn in den oberen, mit Bilderteppichen umkleideten und mit einem Marmorkamin geschmückten Vorsaal, wo ein paar weißgoldene und schwanverbrämte Bediente des Prinzen Mütze und Mantel in Empfang nahmen, während der Haushofmeister in eigener Person seiner Herrschaft Meldung zu machen ging … Zwischen dem Dienerpaar hindurch, das einen Teppich beiseiteraffte, schritt Klaus Heinrich zwei oder drei Stufen hinab.
Pflanzengeruch umfing ihn, und er hörte das sanfte Plätschern fallenden Wassers; in dem Augenblick aber, da hinter ihm der Teppich sich schloß, brach ein Gebell aus, so jäh und toll, daß Klaus Heinrich, einen Augenblick halb betäubt, zu Füßen der Stufen haltmachte. Perceval, der Colliehund, hatte sich ihm entgegengeworfen, und nichts glich seiner maßlosen Raserei. Er geiferte, er litt, er wußte nicht, wie sich gebärden vor wütender Zerrissenheit seines Innern, er wand sich, peitschte mit dem Schweif seine Flanken, stemmte die Vorderfüße gegen den Boden und schwang sich in blinder Leidenschaft um sich selber, indem er in Lärm und Tobsucht vergehen zu wollen schien. Eine Stimme – es war nicht Immas Stimme – rief ihn zurück, und Klaus Heinrich sah sich in einem Wintergarten, einem von schlanken marmornen Säulen gestützten gläsernen Gewölbe, dessen Boden mit großen, quadratischen, spiegelnden Marmorfliesen belegt war. Palmen aller Art erfüllten es, deren Schäfte und Fächer sich manchmal bis dicht unter die gläserne Decke erhoben. Ein beetartiges Blumenparterre, bestehend aus zahllosen, gleich den Steinen eines Mosaiks aneinandergesetzten Blumentöpfen, breitete sich im starken Mondlicht der Bogenlampen aus und erfüllte die Luft mit Wohlgeruch. Aus einem schöngemeißelten Brunnen rieselten silberne Quellen in ein marmornes Becken, und Enten von seltsam künstlich gefiederter Art schwammen auf der durchleuchteten Wasserfläche. Ein steinerner Wandelgang mit Pfeilern und Nischen nahm den Hintergrund ein. Es war die Gräfin Löwenjoul, die dem Eintretenden entgegenkam und sich lächelnd verneigte.
»Königliche Hoheit wollen verzeihen«, sagte sie. »Unser Percy ist so heftig. Und dann ist er jetzt so wenig an Besuch gewöhnt. Aber er tut niemandem Böses. Darf ich Königliche Hoheit bitten … Fräulein Spoelmann wird sogleich zurückkehren. Sie war eben noch hier. Sie wurde abgerufen. Ihr Vater schickte nach ihr. Mister Spoelmann wird hocherfreut sein …«
Damit führte sie Klaus Heinrich zu einer Anordnung von Korbstühlen, die, mit gestickten Leinwandkissen ausgestattet, vor einer Palmengruppe standen. Sie sprach lebhaft und kräftigen Tons, den kleinen Kopf mit dem spärlichen aschblonden Scheitel zur Seite geneigt und lächelnd ihre weißen Zähne zeigend. Ihre Gestalt war entschieden vornehm in dem eng anschließenden braunen Kleid, das sie trug, und wie sie mit munterem Händereiben Klaus Heinrich zu den Stühlen geleitete, hatte sie die frischen und eleganten Bewegungen der Offiziersfrau. Nur in ihren Augen, deren Lider sie blinzelnd zusammenzog, war etwas wie Tücke und Mißtrauen, etwas Unverständliches. Sie nahmen Platz, einander gegenüber an dem runden Gartentischchen, auf dem ein paar Bücher lagen. Perceval, erschöpft von dem Anfall, den er erlitten, nahm auf dem schmalen, blaßfarbigen und perlmutterartig schimmernden Teppich, darauf die Möbel standen, eine schneckenförmige Ruhestellung ein. Sein schwarzseidiges Fell war weiß an Pfoten, Brust und Schnauze. Er hatte eine weiße Halskrause, goldene Augen und einen Scheitel den ganzen Rücken entlang. Klaus Heinrich begann ein Gespräch um des Gespräches willen, eine förmliche Unterhaltung mit Scheingegenstand, wie er es nicht anders kannte.
»Ich wünschte wohl, Gräfin, daß ich nicht gar zu ungelegen käme. Ich bin glücklich, mich wenigstens nicht als ganz unberechtigter Eindringling zu fühlen. Ich weiß nicht, ob Fräulein Spoelmann Ihnen erzählt hat … Sie hatte die Güte, mich zu einem Besuch zu ermutigen. Es handelte sich um die schönen Gläser, die Herr Spoelmann so freigebig war, für den gestrigen Basar zu stiften. Fräulein Spoelmann meinte, daß ihr Vater nichts dagegen haben werde, mir seine Sammlung einmal zu zeigen. Da bin ich nun …«
Die Gräfin ließ es dahingestellt, ob Imma ihr von der Verabredung erzählt habe. Sie sagte: »Dies ist die Teestunde des Hauses, Königliche Hoheit. Wie könnten Königliche Hoheit ungelegen kommen? Selbst wenn, was ich nicht hoffen will, Mister Spoelmann durch sein Befinden verhindert wäre, zu erscheinen …«
»Oh, er ist leidend?« Eigentlich wünschte Klaus Heinrich ein wenig, daß Herr Spoelmann verhindert sein möge. Er sah der Bekanntschaft mit unbestimmter Besorgnis entgegen.
»Er war heute leidend, Königliche Hoheit. Er hatte leider Fieber, Schüttelfrost und sogar eine kleine Ohnmachtsanwandlung. Vormittags war Doktor Watercloose lange bei ihm. Er hat eine Morphiumeinspritzung vorgenommen. Es handelt sich darum, ob nicht doch einmal eine Operation nötig werden wird.«
»Das tut mir leid«, sagte Klaus Heinrich aufrichtig. »Eine Operation. Das ist schrecklich.« Und hierauf antwortete die Gräfin mit abirrenden Augen: »O ja. Aber es gibt Schrecklicheres im Leben – viele Dinge, die viel schrecklicher sind als dies.«
»Zweifellos«, sagte Klaus Heinrich. »Ich glaube es wohl.« Er fühlte seine Einbildungskraft auf allgemeine und ungewisse Art angeregt durch die Andeutung der Gräfin.
Sie sah ihn an, mit seitwärts geneigtem Kopfe, und ein Ausdruck von Geringschätzung war in ihrem Gesicht. Dann entwichen ihre ein wenig verschwollenen grauen Augen zur Seite, man wußte nicht, wohin, mit jenem geheimnisvollen Lächeln, das Klaus Heinrich schon kannte, und das etwas seltsam Lockendes hatte.
Er empfand die Notwendigkeit, das Gespräch wieder aufzunehmen.
»Leben Sie schon lange im Hause Spoelmann, Gräfin?« fragte er.
»Ziemlich lange«, antwortete sie, und man sah ihr an, daß sie zu rechnen versuchte. »Ziemlich. Ich habe so vieles durchlebt, so viele Erfahrungen gemacht, daß ich es auf den Tag genau natürlich nicht sagen kann. Aber kurz nach der Wohltat war es – bald nachdem mir die Wohltat zuteil geworden.«
»Die Wohltat?« fragte Klaus Heinrich.
»Allerdings«, sagte sie mit Bestimmtheit und sogar ein wenig gereizt. »Denn die Wohltat geschah ja an mir, als es der Erfahrungen zu viele geworden waren und der Bogen hätte springen müssen, um mich dieses Vergleiches zu bedienen. Sie sind so jung,« fuhr sie fort, indem sie nachlässigerweise vergaß, ihn mit seinem Titel anzureden, »so unwissend in betreff des Elends und der Verworfenheit der Welt, daß Sie sich keinen Begriff davon machen können, was ich habe erdulden müssen. In Amerika hatte ich einen Prozeß, zu dem viele Generale erscheinen mußten. Dinge kamen an den Tag, denen mein Humor nicht gewachsen war. Sämtliche Kasernen habe ich putzen müssen, ohne daß es mir gelungen wäre, alle liederlichen Weiber hinauszubefördern. Sie versteckten sich in den Schränken, einige auch unter der Diele, und so kommt es, daß sie fortfahren, mich nachts über Gebühr zu martern. Ich würde mich ungesäumt auf meine Schlösser in Burgund zurückziehen, wenn es nicht von oben hineinregnete. Das wußten Spoelmanns, und darum war es so sehr entgegenkommend von ihnen, mich vorläufig bei sich aufzunehmen, wobei es meine einzige Aufgabe ist, die vollkommen unwissende Imma vor der Welt zu warnen. Nur leidet selbstverständlich meine Gesundheit darunter, daß die Weiber sich nachts auf meine Brust setzen und mich zwingen, ihren unanständigen Fratzen zuzusehen. Und dies ist der Grund, weshalb ich bitte, mich einfach Frau Meier zu nennen«, sagte sie flüsternd, indem sie sich vorbeugte und mit ihrer Hand Klaus Heinrichs Arm berührte. »Die Wände haben Ohren, und es ist unbedingt erforderlich, daß ich mein notgedrungen angenommenes Inkognito wahre, um mich vor den Nachstellungen der lasterhaften Geschöpfe zu schützen. Nicht wahr, Sie gehen auf meine Bitte ein? Nehmen Sie es doch als Scherz … als eine Spielerei, die niemandem weh tut … Warum nicht …«
Sie verstummte.
Klaus Heinrich saß aufrecht und ohne irgendwelche Lässigkeit auf seinem Korbstuhl ihr gegenüber und sah sie an. Er hatte, bevor er seine geradlinigen Stuben verließ, unter Beihilfe seines Kammerdieners Neumann mit all der Sorgfalt Toilette gemacht, die sein den Blicken ausgesetztes Dasein erheischte. Sein Scheitel lief, über dem linken Auge ansetzend, schräg über den Kopf hin genau durch den Wirbel, so daß dort oben weder Strähne noch Härchen sich erheben konnten, und rechts war sein Haar in einem festen Hügel aus der Stirn zurückgebürstet. In seinem Interimsuniformrock, dessen hoher Kragen und fester Sitz eine beherrschte Haltung begünstigte, saß er, den silbern geflochtenen Achselschmuck eines Majors auf seinen schmalen Schultern, leicht angelehnt, doch ohne sich bequeme Abspannung zu erlauben, geordnet, gesammelt, den einen Fuß ein wenig vor dem anderen, und bedeckte seine linke Hand auf dem Säbelgriff mit der rechten. Sein junges Gesicht war ein wenig müde von der Unsachlichkeit, der Einsamkeit, Strenge und Schwierigkeit seines Lebens; allein mit einem freundlichen, klaren und unbedingt gefaßten Ausdruck blickte er in das der Gräfin.
Sie verstummte. Ernüchterung und Gram ergriffen von ihren Zügen Besitz, und während es war, als ob in ihren übernächtigen grauen Augen etwas wie Haß gegen Klaus Heinrich aufzuckte, verfärbte sie sich auf eine ganz besondere und selten beobachtete Weise, indem nämlich die eine Hälfte ihres Gesichtes rot, die andere blaß wurde. Mit gesenkten Lidern antwortete sie: »Ich bin seit drei Jahren im Hause Spoelmann, Königliche Hoheit.«
Perceval schnellte empor. In einem tänzelnden, federnden, wedelnden Trabe begab er sich seiner Herrin entgegen – denn Imma Spoelmann war eingetreten –, richtete sich würdevoll auf und setzte ihr grüßend die Vorderpfoten auf die Brust. Sein Rachen war weit geöffnet, und zwischen seinen prachtvollen weißen Zähnen hing blutrot die Zunge hervor. Er glich einem Wappentier, wie er so aufrecht vor ihr stand.
Sie war wunderbar gekleidet: in ein Hausgewand aus ziegelfarbener Rohseide und mit offen herniederhängenden Ärmeln, dessen ganzes Bruststück aus einer schweren Goldstickerei bestand. An einer Perlenkette lag ein großer, eiförmiger Edelstein auf ihrem bloßen Halse, dessen Haut die Farbe angerauchten Meerschaums hatte. Ihr blauschwarzes, seitwärts gescheiteltes und schlicht geknotetes Haar zeigte eine Neigung, ihr in glatten Strähnen in Stirn und Schläfen zu fallen. Während sie Percevals Greifenkopf mit ihren beiden schmucklosen schmalen und schönen Kinderhänden umfaßt hielt, sagte sie in sein Gesicht hinein: »So … so … guten Tag, mein Freund. Welch ein Wiedersehen. Wir waren von Sehnsucht erfüllt, wir beiden, wir haben die Qualen der Trennung ausgekostet. Guten Tag. Du magst nun immerhin dein Lager wieder aufsuchen.« Und indem sie seine Füße von der Goldstickerei auf ihrer Brust löste und zur Seite trat, machte sie, daß er sich auf seine vier Beine niederließ.
»O Prinz«, sagte sie. »Willkommen in Delphinenort. Sie verabscheuen den Wortbruch, wie ich sehe. Ich setze mich zu Ihnen. Wir werden benachrichtigt, wenn wir Tee trinken können … Es ist zweifellos gegen alle Vorschrift, daß ich habe warten lassen. Aber mein Vater schickte nach mir – und dann hatten Sie ja Unterhaltung solange …« Ihre glänzenden Augen gingen ein wenig zweifelnd zwischen Klaus Heinrich und der Gräfin hin und her.
»Doch,« sagte er, »die hatte ich.« Und dann stellte er eine Frage nach Mister Spoelmanns Befinden, die leidlich zufriedenstellend beantwortet wurde. Herr Spoelmann werde beim Tee das Vergnügen haben, Klaus Heinrichs Bekanntschaft zu machen, er lasse sich entschuldigen bis dahin … Was das für ein hübsches Paar Pferde sei, das Klaus Heinrich vor seinem Coupé habe? Und nun sprachen sie von ihren Pferden, von Klaus Heinrichs gutmütigem Braunen Florian aus dem Hollerbrunner Hofgestüt, von Fräulein Spoelmanns arabischer Milchschimmelstute namens Fatme, die Herr Spoelmann von einem Fürsten aus dem Morgenlande zum Geschenk erhalten hatte, von ihren geschwinden ungarischen Füchsen, die sie als Four-in-hand-Gespann benutzte … »Kennen Sie die Umgegend?« fragte Klaus Heinrich. »Waren Sie beim Hofjäger? Im Fasaneriegarten? Es gibt hübsche Ausflüge.« Nein, Fräulein Spoelmann war hervorragend ungeschickt im Auffinden von neuen Wegen, und die Gräfin – nun, sie war ihrer ganzen Natur nach nicht unternehmungslustig. So ritten sie immer dieselben Wege im Stadtgarten. Das sei vielleicht langweilig, aber Fräulein Spoelmann sei im ganzen nicht mit Abwechslung und Abenteuern verwöhnt. Da sagte er denn, daß sie einmal zusammen reiten müßten, bei schönem Wetter, zum Hofjäger oder nach Schloß Fasanerie, worauf sie mit vorgeschobenen Lippen antwortete, daß man dergleichen ja immerhin in vorläufige Aussicht nehmen könne. Dann kam der Haushofmeister und meldete ernst, daß der Teetisch bereit sei.
Sie gingen durch die Teppichhalle mit dem Marmorkamin, geführt von dem pomphaft schreitenden Butler, begleitet von dem tänzelnden Percy, gefolgt von der Gräfin Löwenjoul.
»Hat die Gräfin vorhin ein bißchen geschwatzt?« fragte Imma im Gehen, ohne ihre Stimme sonderlich in acht zu nehmen.
Klaus Heinrich erschrak und blickte zu Boden. »Aber sie kann uns ja hören!« sagte er leise.
»Nein, sie hört uns nicht«, antwortete Imma. »Ich verstehe mich auf ihr Gesicht. Wenn sie den Kopf so schräg hält und mit den Augen blinzelt, so ist sie abwesend und tief in ihren Gedanken. Sie hat wohl ein bißchen geschwatzt vorhin?«
»Vorübergehend«, sagte Klaus Heinrich. »Ich hatte den Eindruck, daß die Frau Gräfin sich zeitweise gehen ließ.«
»Es ist ihr viel Schlimmes widerfahren.« Und Imma sah ihn an, so groß und dunkel forschend, wie sie es im Dorotheen-Spital auf Schritt und Tritt getan hatte. »Ich erzähle es ein andermal. Es ist eine Geschichte.«
»Ja«, sagte er. »Ein andermal. Das nächste Mal. Vielleicht unterwegs.«
»Unterwegs?«
»Ja, unterwegs zum Hofjäger oder zur Fasanerie.«
»Oh, ich vergaß Ihre Gewissenhaftigkeit, Prinz, was Verabredungen betrifft. Gut, also unterwegs. Hier geht es hinunter.«
Sie befanden sich an der Rückseite des Schlosses. Von einer mit großen Gemälden behangenen Galerie, die sie durchquerten, leiteten teppichbelegte Stufen in den weißgoldenen Gartensalon hinab, hinter dessen hoher Glastür die Terrasse lag. Alles, der große Kristallüster, der von der Mitte der hohen, weiß verschnörkelten Decke herabhing; die ebenmäßig aufgestellten Armstühle mit goldenen Rahmen und Wirkbildbezügen; die schwer herabfallenden, weißseidenen Vorhänge; die feierliche Stutzuhr und die Vasen und goldenen Leuchter auf der weißmarmornen Kaminplatte vor dem hohen Wandspiegel; die mächtigen löwenfüßigen, vergoldeten Kandelaber, die zu beiden Seiten der Eingangsstufen emporragten: alles erinnerte Klaus Heinrich an das Alte Schloß, an die Repräsentationsräume, in denen er von Kind auf Dienst zu tun gewohnt war – nur daß die Kerzen hier Scheinkerzen waren, mit goldig strahlenden Glühlampen an Stelle des Dochtes, und daß alles neu war und glänzend instand bei Spoelmanns auf Schloß Delphinenort. Ein schwanverbrämter Bedienter legte in einem Winkel des Zimmers die letzte Hand an den Teetisch; Klaus Heinrich betrachtete den elektrisch geheizten Kessel, von dem er im »Eilboten« gelesen hatte.
»Hat man Herrn Spoelmann benachrichtigt?« fragte die Tochter des Hauses … Der Butler verneigte sich. »Dann soll nichts uns hindern,« sagte sie in ihrer raschen und spöttisch redegewandten Art, »unsere Plätze einzunehmen und ohne ihn zu beginnen. Kommen Sie, Gräfin! Ich würde Ihnen empfehlen, Prinz, sich Ihrer Waffen zu entledigen, falls nicht Gründe, die sich meiner Einsicht entziehen, dagegen sprechen …«
»Danke«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, es spricht gar nichts dagegen.« Und es schmerzte ihn, daß er zu ungeübten Geistes war, um eine behendere Antwort zu finden.
Der Bediente nahm seinen Säbel in Empfang und trug ihn durch die Galerie davon. Sie saßen am Teetisch nieder, unter Beistand des Butlers, der die Lehnen der Stühle hielt, die Stühle unter sie schob. Dann zog er sich auf die Höhe der Stufen zurück, wo er in schmuckhafter Weise stehenblieb.
»Sie müssen wissen, Prinz,« sagte Fräulein Spoelmann, die das Wasser aufgoß, »daß mein Vater keinen Tee trinkt, den ich nicht selbst bereitet habe. Er mißtraut jedem Tee, der fertig in Tassen herumgereicht wird. Das ist bei uns verpönt. Sie müssen sich dem anbequemen.«
»Oh, es ist schöner so,« sagte Klaus Heinrich, »viel behaglicher und ungezwungener so am Familientisch …« Er brach ab und bedachte, warum bei diesen Worten ein gehässiger Seitenblick aus den Augen der Gräfin Löwenjoul ihn getroffen hatte. »Und Ihr Studium,« fragte er, »gnädiges Fräulein? Darf ich mich erkundigen? Mathematik, wie ich weiß. Es strengt Sie nicht an? Ist es nicht furchtbar hart für den Kopf?«
»Gar nicht«, sagte sie. »Ich weiß nichts Hübscheres. Man spielt in den Lüften, sozusagen, oder schon außerhalb der Luft, in staubfreier Gegend jedenfalls. Man hat es so kühl wie in den Adirondacks …«
»Wie wo?«
»Den Adirondacks. Das ist Geographie, mein Prinz. Ein Bergwald drüben mit hübschen Seen. Wir haben ein Landhaus dort, für den Mai. Im Sommer waren wir immer am Meer.«
»Auf jeden Fall«, sagte er, »kann ich für Ihren Eifer in den Studien Zeugnis ablegen. Sie lassen sich nicht gern hindern, pünktlich in die Vorlesung zu kommen. Ich habe noch nie gefragt, ob Sie eigentlich neulich zur Zeit gekommen sind.«
»Ja, vor einigen Wochen. Nach dem Hindernis an der Hauptwache.«
»Großer Gott, Prinz, nun fangen auch Sie davon an. Diese Geschichte scheint im Palast wie in der Hütte verbreitet zu sein. Hätte ich gewußt, welch Aufhebens man davon machen würde, so wäre ich lieber dreimal um den Schloßplatz gegangen. Sogar in der Zeitung hat es gestanden, wie man mir sagt. Und nun hält natürlich die ganze Stadt mich für einen Teufel an Wildheit und Jähzorn. Aber ich bin das friedfertigste Geschöpf von der Welt und lasse mich nur nicht gern kommandieren. Bin ich ein Teufel, Gräfin? Ich verlange bündige Antwort.«
»Nein, Sie sind gut«, sagte die Gräfin Löwenjoul.
»Nun – gut, das ist wiederum zuviel gesagt, das geht zu weit nach der anderen Seite, Gräfin …«
»Nein,« sagte Klaus Heinrich, »nein, nicht zu weit. Ich glaube der Gräfin ganz fest …«
»Viel Ehre. Wie ist die Kunde von dem Abenteuer denn eigentlich zu Eurer Hoheit gedrungen? Durch die Zeitung?«
»Ich war Augenzeuge«, sagte Klaus Heinrich.
»Augenzeuge?«
»Ja, gnädiges Fräulein. Ich stand zufällig am Fenster der Offizierswachtstube und habe alles von Anfang bis zu Ende mit angesehen.«
Fräulein Spoelmann errötete. Es war kein Zweifel, daß die perlblasse Haut ihres fremdartigen Gesichtchens sich dunkler färbte.
»Nun, Prinz, ich nehme an,« sagte sie, »daß Sie im Augenblick nichts Besseres zu tun hatten.«
»Besseres?« rief er. »Aber es war ja so schön zu sehen! Ich gebe Ihnen mein Wort, gnädiges Fräulein, daß ich nie in meinem Leben …«
Perceval, der mit anmutig gekreuzten Vorderpfoten neben Fräulein Spoelmann lag, erhob das Haupt mit angespannt gesammelter Miene und schlug mit dem Schweif den Teppich. Im selben Augenblick setzte der Butler sich in Bewegung. Er lief, so schnell die Schwere seines Leibes es gestattete, die Stufen hinab zu der hohen Seitentür, die sich dem Teetisch gegenüber befand, und raffte heftig die weißseidene Portiere, indem er sein Doppelkinn mit machtvollem Ausdruck in die Lüfte erhob. Samuel Spoelmann, der Milliardär, trat ein.
Er war zierlich gebaut und von eigenartiger Physiognomie. Aus seinem glattrasierten Gesicht mit den hitzigen Wangen sprang die Nase ungewöhnlich wagerecht hervor, und darüber lagen nahe beieinander seine kleinen Rundaugen, die von metallisch unbestimmtem Blauschwarz waren, wie bei kleinen Kindern und Tieren, und zerstreut und ärgerlich blickten. Der obere Teil seines Schädels war kahl, aber am Hinterkopf und an den Schläfen besaß Herr Spoelmann reichliches graues Haar, das auf eine bei uns nicht übliche Art gehalten war. Er trug es weder kurz noch lang, sondern hochaufliegend, voll, nur im Nacken abgeschnitten und um die Ohren rasiert. Sein Mund war klein und fein geschnitten. Gekleidet in einen schwarzen Schoßrock mit samtener Weste, auf der eine lange, dünne, altmodische Uhrkette lag, und weiche Lederschuhe an seinen kurzen Füßchen, näherte er sich mit mißmutigem und beschäftigtem Gesichtsausdruck rasch dem Teetisch; aber seine Miene erhellte sich, sie gewann Weichheit und Freude, sobald er seiner Tochter ansichtig wurde. Imma war ihm entgegengegangen.
»Guten Tag, verehrungswürdiges Väterchen«, sagte sie; und ihre bräunlichen Kinderarme, von denen die offenen ziegelfarbenen Ärmel niederhingen, um seinen Nacken schlingend, küßte sie ihn auf die Glatze, die er ihr darbot, indem er den Kopf neigte.
»Dir dürfte nicht unbekannt sein,« fuhr sie fort, »daß Prinz Klaus Heinrich heute mit uns den Tee nimmt?«
»Nein, freut mich, freut mich«, sagte Herr Spoelmann gleichsam eilig und mit knarrender Stimme. »Bitte, sich nicht stören zu lassen!« sagte er ebenso. Und indem er mit dem Prinzen, der in geschlossener Haltung am Tische stand, einen Händedruck tauschte (Herrn Spoelmanns Hand war mager und von der ungestärkten weißen Manschette halb bedeckt), nickte er mehrmals irgendwohin nach der Seite. Dies war seine Art, Klaus Heinrich zu begrüßen. Er war fremd, krank und ein Sonderling an Reichtum. Er war entschuldigt und alles Weiteren entbunden – Klaus Heinrich sah es ein und bemühte sich redlich, seine innere Verstörung zu überwinden. »… Sind ja zu Hause hier, gewissermaßen«, sagte Herr Spoelmann noch, indem er die Anrede verschluckte, und vorübergehend erschien ein boshafter Ausdruck um seine rasierten Lippen. Dann veranlaßte er durch sein Beispiel alle, sich wieder zu setzen. Es war der Stuhl zwischen Imma und Klaus Heinrich, der Gräfin und der Verandatür gegenüber, den der Butler unter ihn schob.
Da Herr Spoelmann keine Miene machte, sein Säumen zu entschuldigen, sagte Klaus Heinrich: »Ich höre mit Bedauern, daß Sie heute zu leiden hatten, Herr Spoelmann. Ich hoffe, es geht Ihnen besser?«
»Danke, besser, aber nicht gut«, antwortete Herr Spoelmann knarrend. »Wieviel Löffel hast du genommen?« fragte er seine Tochter. Er meinte damit, wieviel Tee sie in die Kanne geschüttet habe.
»Vier«, sagte sie. »Für jeden einen. Niemand soll sagen, daß ich mein greises Väterchen dem Mangel aussetze.«
»Ach was«, antwortete Herr Spoelmann. »Ich bin nicht greis. Man sollte dir die Zunge stutzen.« Und er nahm aus einer silbernen Büchse eine Art Zwieback, die eigens für ihn da zu sein schien, zerbrach das Gebäck und tauchte es ärgerlich in den goldfarbenen Tee, den er wie seine Tochter ohne Sahne und Zucker trank.
Klaus Heinrich begann von neuem: »Ich sehe mit großer Spannung der Besichtigung Ihrer Sammlung entgegen, Herr Spoelmann.«
»Richtig«, antwortete Herr Spoelmann. »Wollen meine Gläser ansehen. Sind Liebhaber? Vielleicht auch Sammler?«
»Nein,« sagte Klaus Heinrich, »zum Sammeln bin ich bei aller Vorliebe noch nicht gekommen.«
»Keine Zeit?« fragte Herr Spoelmann … »Ist der Offiziersdienst so zeitraubend?«
Klaus Heinrich antwortete: »Ich tue nicht mehr Dienst, Herr Spoelmann. Ich bin à la suite meines Regiments gestellt. Ich trage die Uniform, das ist alles.«
»Ach so, zum Schein«, sagte Herr Spoelmann knarrend. »Was tun denn den ganzen Tag?«
Klaus Heinrich hatte aufgehört, Tee zu trinken, hatte alles von sich geschoben bei diesem Gespräch, das seine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Aufrecht saß er da und verantwortete sich, während er fühlte, daß Imma Spoelmanns Blick groß, schwarz und forschend auf ihm ruhte.
»Ich habe Pflichten bei Hofe, bei den Festen und Zeremonien. Ich habe auch auf militärischem Gebiet zu repräsentieren, bei Rekrutenvereidigungen und Fahnenweihen. Dann muß ich Empfänge abhalten, in Vertretung meines Bruders, des Großherzogs. Und dann gibt es kleine dienstliche Reisen, in die Ortschaften des Landes, zu Enthüllungen und Einweihungen und anderen öffentlichen Feierlichkeiten.«
»Ach so«, sagte Herr Spoelmann. »Zeremonien, Feierlichkeiten. So für die Gaffer. Na, dafür fehlt mir jedes Verständnis. Ich sage Ihnen once for all, daß ich nichts halte von Ihrem Beruf. That's my standpoint, sir.«
»Ich verstehe vollkommen«, sagte Klaus Heinrich. Er hielt sich aufrecht in seinem Majorsrock und lächelte schmerzlich.
»Nun, es will ja wohl auch das geübt sein,« fuhr Herr Spoelmann ein wenig sanfter fort, »geübt und gelernt, wie es scheint. Ich für meine Person werde meiner Lebtage nicht aufhören, mich zu ärgern, wenn ich das Wundertier abgeben muß …«
»Ich will hoffen,« sagte Klaus Heinrich, »daß unsere Bevölkerung es nicht an Rücksicht fehlen läßt …«
»Danke, es geht«, antwortete Herr Spoelmann. »Die Leute sind wenigstens gutmütig hier; es steht ihnen nicht gerade die Mordlust in den Augen geschrieben, wenn sie glotzen.«
»Überhaupt würde ich mich freuen, zu hören, Herr Spoelmann« – und Klaus Heinrich fühlte sich besser, seit das Gespräch sich gewandt hatte und das Fragen an ihm war –, »daß es Ihnen trotz den ungewohnten Verhältnissen dauernd bei uns gefällt.«
»Danke,« sagte Herr Spoelmann, »ich bin at ease. Und das Wasser ist ja nun mal das einzige, das mir ein bißchen hilft.«
»Es ist Ihnen nicht schwer geworden, Amerika zu verlassen?«
Ein Blick streifte Klaus Heinrich, ein rascher und mißtrauischer Blick von unten, den Klaus Heinrich nicht zu deuten wußte.
»Nein«, sagte Herr Spoelmann, scharf und knarrend. Das war alles, was er auf die Frage antwortete, ob ihm der Abschied von Amerika nicht schwer geworden sei.
Eine Pause trat ein. Die Gräfin Löwenjoul hielt ihren kleinen, glattgescheitelten Kopf zur Seite geneigt und lächelte abwesend und madonnenhaft. Fräulein Spoelmann betrachtete Klaus Heinrich unverwandt aus großen, schwarzglänzenden Augen, als prüfe sie die Wirkung, die ihres Vaters wunderliche Schroffheit auf den Gast hervorbringe – ja, Klaus Heinrich hatte den Eindruck, daß sie mit Ruhe und Verständnis seines Aufbruchs und Abschiedes auf Nimmerwiederkehren gewärtig sei. Er begegnete ihrem Blick und blieb. Herr Spoelmann seinerseits zog eine goldene Dose hervor und entnahm ihr eine breite Zigarette, die, nachdem er sie angezündet, einen köstlichen Duft verbreitete.
»Mögen rauchen?« fragte er dann … Und da Klaus Heinrich fand, daß es nicht mehr darauf ankomme, so bediente auch er sich, nach Herrn Spoelmann, aus der dargebotenen Dose.
Es war dann, bevor man zur Besichtigung der Gläser schritt, noch von verschiedenen Gegenständen die Rede – hauptsächlich zwischen Klaus Heinrich und Fräulein Spoelmann, denn die Gräfin war mit ihren Gedanken nicht gegenwärtig, und Herr Spoelmann warf nur dann und wann ein knarrendes Wort dazwischen –: vom hiesigen Hoftheater, von dem großen Schiff, auf welchem Spoelmanns die Reise nach Europa zurückgelegt. Nein, nicht ihre Jacht hatten sie dazu benutzt. Die hatte hauptsächlich dazu gedient, Herrn Spoelmann bei Sommershitze, wenn Imma und die Gräfin in Newport waren und ihn die Geschäfte an die Stadt fesselten, am Abend aufs Meer hinauszufahren, woselbst er auf Deck die Nächte verbracht hatte. Jetzt lag sie wieder in Venedig. Aber über den Ozean hatte ein Riesendampfer sie gebracht, ein schwimmendes Hotel mit Konzertsälen und Sportplätzen. Fünf Stockwerke, sagte Fräulein Spoelmann, habe er gehabt. »Von unten an gerechnet?« fragte Klaus Heinrich. Und sie antwortete unverzüglich: »Allerdings. Von oben hatte er sechs.« Er ließ sich verwirren, verstand gar nichts mehr und merkte lange nicht, daß er verspottet wurde. Dann suchte er, sich zu erklären, seine einfältige Frage zu rechtfertigen, darzutun, daß er gemeint habe, ob sie alles mitrechne, auch die Räume unter Wasser, sozusagen die Kellerräume – kurz, zu beweisen, daß es ihm keineswegs an Scharfsinn fehle, und stimmte schließlich in die Heiterkeit ein, die das Ergebnis dieses Unternehmens war. Was das Hofschauspiel betraf, so fand Fräulein Spoelmann, indem sie die Lippen rümpfte und ihr Köpfchen hin und her wandte, daß der Vertreterin des naiven Faches eine Kur in Marienbad, verbunden mit einem Kursus im Tanz- und Anstandsunterricht, nicht warm genug empfohlen werden könne, während dem Heldendarsteller zu bedeuten sei, daß man sich eines Organes von dem Wohllaut des seinen selbst im Privatleben nur mit äußerster Zurückhaltung bedienen sollte … unbeschadet ihrer, des Fräuleins Spoelmann hoher Achtung vor dem in Rede stehenden Kunstinstitut.
Klaus Heinrich lachte und staunte, ein kleines Weh im Herzen, über so viel Behendigkeit. Wie gut sie sprach, wie scharf und blinkend sie die Worte fügte! Man plauderte auch von Stücken, von Opern und Schauspielen, die diesen Winter in Szene gegangen, und Imma Spoelmann widersprach dem Urteil Klaus Heinrichs, widersprach ihm auf jeden Fall, gerade als schiene es ihr schimpflich, nicht zu widersprechen, setzte ihn matt im Handumdrehen mit der lustigen Übermacht ihrer Zunge, und ihre großen schwarzen Augen in dem perlblassen Gesichtchen schimmerten vor Freude am guten Wort, während Herr Spoelmann, schräg zurückgelehnt, die breite Zigarette zwischen den rasierten Lippen und blinzelnd vor ihrem Rauch, seine Tochter mit zärtlichem Wohlgefallen betrachtete.
Mehr als einmal empfand Klaus Heinrich in seinem Gesicht die kleine schmerzliche Verzerrung, die er damals in dem der guten Schwester-Oberin gesehen, und dennoch glaubte er deutlich zu erkennen, daß es nicht Imma Spoelmanns Meinung war, zu verletzen, daß sie den andern nicht als gedemütigt betrachtete, wenn er ihr nicht Widerpart zu halten vermochte, daß sie vielmehr seine armen Antworten gelten ließ, als sei sie der Ansicht, daß er die Wehr des Witzes nicht nötig habe – nur sie. Aber wie das und warum? Er mußte an Überbein denken bei manchen von ihren Scharfzüngigkeiten, an den wortgewandt rodomontierenden Doktor Überbein, der ein Malheur von Geburt war und unter Bedingungen aufgewachsen, die er die guten nannte. Eine elende Jugend, Einsamkeit und Ausgeschlossenheit vom Glücke, von der Bummelei des Glücks, man setzte kein Fett an dabei, man kannte kein Behagen und sah sich scharf und klar auf seine Fähigkeiten angewiesen, was sicher ein Vorteil vor denen war, die »es nicht nötig hatten«. Aber Imma Spoelmann saß weich in ihrem rotgoldenen Kleide am Tische im Saal, in lässiger Haltung, mit launisch verwöhnten Mienen, saß in üppiger Sicherheit, während ihre Rede scharf ging wie dort, wo es gilt, wo Helligkeit, Härte und wachsamer Witz zum Leben geboten sind. Warum doch? Klaus Heinrich bemühte sich innig, das zu ergründen, während man über Ozeandampfer und Theaterstücke sprach. Aufrecht, in unbedingt beherrschter Haltung und ohne sich bequeme Abspannung zu erlauben, saß er am Tisch, indem er seine linke Hand verbarg, und manchmal traf ihn ein schief gehässiger Blick aus den Augen der Gräfin Löwenjoul.
Ein Diener erschien und überreichte Herrn Spoelmann auf silberner Platte ein Telegramm. Herr Spoelmann riß es ärgerlich auf, durchlas es blinzelnd, den Rest einer Zigarette im Mundwinkel, und warf es auf die Platte zurück mit der kurzen Anordnung: »Mister Phlebs«. Hierauf zündete er sich verdrießlich eine neue Zigarette an. Fräulein Spoelmann sagte: »Das ist, trotz gemessener ärztlicher Vorschrift, die fünfte Zigarette, die du heute nachmittag rauchst. Ich verhehle dir nicht, daß die zügellose Leidenschaft, mit der du dich dem Laster überläßt, deinen grauen Haaren nicht wohlansteht.«
Man sah, daß Herr Spoelmann zu lachen versuchte, und dann sah man, daß es ihm nicht gelang, daß er den starken und scharfen Klang der Worte nicht ertrug und das Blut ihm zu Kopfe fuhr.
»Schweig!« knarrte er bitterböse. »Du denkst immer, daß im Scherze alles zu sagen erlaubt ist. Aber ich verbitte mir deine Keckheiten, du Schwätzerin!«
Klaus Heinrich blickte erschüttert auf Imma, die groß und erschreckt in ihres Vaters jähzorniges Antlitz sah und dann traurig das dunkle Köpfchen senkte. Gewiß, sie hatte sich ergötzt an den düster großen und fremden Worten, die sie spöttisch handhabte, hatte Heiterkeit zu erregen erwartet und war nun zufällig so übel angelaufen. »Väterchen, aber kleines Väterchen!« sagte sie bittend und ging hin, Herrn Spoelmann die hitzige Wange zu streicheln. »Ach was,« murrte er noch, »du bist auch nicht größer.« Aber dann ließ er sich schmeicheln, bot ihr die Glatze zum Kusse dar und gab sich zufrieden. Klaus Heinrich erinnerte an die Gläser, als der Friede hergestellt war, und so verließ man den Teetisch und begab sich hinüber in den anstoßenden Sammlungssaal, mit Ausnahme der Gräfin Löwenjoul, die sich mit tiefer Verbeugung zurückzog. Herr Spoelmann ließ nebenan die elektrischen Kerzen der Lüster erglühen.
Schöne Schränke im Geschmacke des ganzen Schlosses, bauchig und mit gewölbten Glastüren, umstanden abwechselnd mit seidenen Prunkstühlen das ganze Gemach, und sie enthielten Herrn Spoelmanns Kunstgläsersammlung. Ja, das war offenbar die lückenloseste Sammlung beider Welten, und das Glas, das Klaus Heinrich erworben, war freilich nur ein bescheidenes Beispielchen daraus. Sie begann in einem Winkel des Saales mit den frühesten Luxuserzeugnissen des Gewerbezweiges, mit heidnisch bemalten Funden aus den Kulturen der Urzeit, setzte sich fort über die Kunstprodukte des Morgen- und Abendlandes und aller Zeitabschnitte, wies umkränzte, verschnörkelte und reichgestaltete Vasen und Kelche aus den Bläsereien Venedigs und kostbare Stücke aus böhmischen Hütten auf, deutsche Humpen, bilderreiche Zunft- und Kurfürstengläser, untermischt mit fratzenhaften Tiergestaltungen und Scherzgebilden, große Kristallpokale, die an das Glück von Edenhall im Liede erinnerten, und in deren Schliffen das Licht sich prunkend brach, Rubingläser, die glühten gleich dem Heiligen Gral, und edelste Beispiele endlich für den neuesten Aufschwung der Kunst, überzarte Glasblüten auf unendlich gebrechlichen Stielen und Ziergläser im modischen Formengeschmack, die mittels des Dampfes verflüchtigter Edelmetalle mit schillerndem Farbenschmelz überzogen waren. Zu dritt und gefolgt von Perceval, der ebenfalls zuschaute, ging man langsam auf Teppichen um den Saal, und Herr Spoelmann erklärte mit knarrender Stimme die Herkunft einzelner Stücke, indem er sie mit seiner mageren, von der ungestärkten Manschette halbbedeckten Hand behutsam von den Sammetborden nahm und gegen das Glühlicht hielt.
Klaus Heinrich hatte Übung im Besichtigen, in Erkundigungen und höchst anerkennenden Äußerungen, und darum war er imstande, zu gleicher Zeit über Imma Spoelmanns Redeweise nachzudenken, ihre seltsame Redeweise, die ihn schmerzlich beschäftigte. Was sie nicht alles sagte mit ihren vorgeschobenen Lippen! Was für Worte sie leichthin im Munde führte! »Leidenschaft«, »Laster«, wie kam sie dazu, sie zu beherrschen und sich ihrer so keck zu bedienen? Hatte die Gräfin Löwenjoul, die auf verwirrte Art ebenfalls von solchen Dingen redete und offenbar schreckliche Einblicke getan hatte, sie nicht als vollkommen unwissend bezeichnet? Das war zweifellos zutreffend, denn war sie nicht ein Sonderfall von Geburt wie er, aufgewachsen in Reinheit und Feinheit, ausgeschlossen von dem Treiben der Leute und unteilhaft der wilden Dinge, die im wirklichen Leben jenen düster großen Wörtern entsprachen? Aber der Wörter hatte sie sich bemächtigt und führte sie in geschliffener Rede daher, indem sie sich darüber lustig machte. Ja, so war es: dies scharfe und süße Geschöpf in seinem rotgoldenen Kleide, es lebte in Redensarten, es kannte vom Leben nicht mehr als die Worte, es spielte mit den ernstesten und furchtbarsten wie mit bunten Steinen und begriff nicht, wenn es Ärgernis damit erregte! – Klaus Heinrichs Herz war voller Mitgefühl, während er dies bedachte.
Es war fast sieben Uhr, als er bat, nach seinem Wagen zu schicken – etwas beunruhigt über sein langes Verweilen in Hinsicht auf den Hof und das Publikum. Sein Aufbruch rief einen neuen furchtbaren Anfall Percevals, des Colliehundes, hervor. Jede Veränderung oder Unterbrechung eines Zustandes schien das edle Tier um sein seelisches Gleichgewicht zu bringen. Bebend, mit rasendem Gebell und jeder Beschwichtigung unzugänglich, stürmte er durch die Gemächer, die Vorhalle und die Treppe auf und nieder, so daß die Abschiedsworte im Lärm erstarben. Der Butler erwies dem Prinzen die Honneurs bis hinunter in den Flur mit den Götterbildern. Herr Spoelmann begleitete ihn keineswegs. Fräulein Spoelmann machte den Satz verständlich: »Ich halte mich versichert, daß der Aufenthalt im Schoße unserer Familie Sie mit Entzücken erfüllt hat, Prinz.« Und es war ungewiß, ob ihr Spott der Redensart »im Schoße unserer Familie« oder der Sache selber galt. Jedenfalls wußte Klaus Heinrich ihr fast nichts zu erwidern. In einen Winkel seines Coupés gelehnt, ein wenig wund und zerschlagen, aber auch erfrischt von der ungewohnten Behandlung, die ihm widerfahren, fuhr er heim, durch den dunklen Stadtgarten nach Eremitage, kehrte zurück in seine enthaltsamen Empirestuben, woselbst er mit den Herren von Schulenburg-Tressen und Braunbart-Schellendorf zu Abend speiste. Am folgenden Tage las er den Vermerk des »Eilboten«. Er lautete einfach dahin, daß gestern Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich auf Schloß Delphinenort den Tee genommen und die berühmte Kunstgläsersammlung des Herrn Spoelmann in Augenschein genommen habe.
Und Klaus Heinrich fuhr fort, sein unsachliches Leben zu führen und seinen hohen Beruf zu üben. Er sprach seine gnädigen Worte, vollführte seine Handbewegungen, repräsentierte bei Hofe und auf dem Ballfest beim Konseilpräsidenten, erteilte Freiaudienzen, frühstückte in der Offiziersspeiseanstalt der Leibgrenadiere, zeigte sich im Hoftheater und schenkte dieser und jener Ortschaft des Landes seine festliche Anwesenheit. Lächelnd und mit geschlossenen Absätzen waltete er der Form und tat in unbedingt gefaßter Haltung seine schwierige Pflicht, obwohl er zu dieser Zeit über so manches nachzudenken hatte, über den hitzigen Herrn Spoelmann, die verwirrte Gräfin Löwenjoul, den tollen Percy und namentlich auch über Imma, die Tochter des Hauses. Manche Frage, die sein erster Besuch in »Delphinenort« ihm aufgegeben, war er jetzt noch nicht zu beantworten in der Lage, sondern erhielt die Lösung erst im weiteren Laufe des Verkehrs mit dem Hause Spoelmann, den er unter angespannter und schließlich fieberhafter Teilnahme der Öffentlichkeit aufrechterhielt, und der seine nächste Fortsetzung damit fand, daß der Prinz eines Tages in aller Morgenfrühe zum Erstaunen der Herrschaft, der Dienerschaft und seiner selbst, ja, gewissermaßen willenlos und wie vom Schicksal ergriffen, allein und zu Pferd auf »Delphinenort« erschien, um das Fräulein, das er obendrein in seinen mathematischen Studien störte, zu einem Spazierritt abzuholen.
Die Macht des Winters war früh gebrochen in diesem auf immer denkwürdigen Jahr. Nachdem der Januar mild vergangen, setzte schon Mitte Februar mit Vogelsang, Sonnengold und süßen Lüften ein Vorfrühling ein, und als Klaus Heinrich am Morgen des ersten von diesen hoffnungsvollen Tagen auf Schloß Eremitage in seinem alten und geräumigen Mahagonibett erwachte, von dessen einem Pfosten die kugelförmige Bekrönung abgebrochen und verlorengegangen war, fühlte er sich wie von starker Hand berührt und unwiderstehlich zu frischen Taten aufgefordert.
Er zog die Klingel nach Neumann (denn es gab nur Klingelzüge auf Eremitage) und erteilte Weisung, daß binnen einer Stunde Florian gesattelt sein möge. Ob auch für den Lakaien ein Pferd bereitgemacht werden solle? Nein, nicht nötig; Klaus Heinrich erklärte, allein reiten zu wollen. Dann gab er sich zur morgendlichen Herstellung in Neumanns gewissenhafte Hände, frühstückte drunten im Gartenzimmer mit Ungeduld und stieg am Fuße der kleinen Terrasse zu Pferde. Die gespornten Reitstiefel in den Steigbügeln, in der braun behandschuhten Rechten die gelbledernen Zügel und die Linke unter dem offenen Mantel in die Hüfte gestemmt, ritt er im Schritt durch den zarten Morgen, indem er über sich im noch nackten Gezweig die Vögel suchte, deren Zwitschern er hörte. Er ritt durch den öffentlichen Teil seines Parks, durch den Stadtgarten und den Grund von »Delphinenort«. Halb zehn Uhr kam er an. Die Überraschung war groß.
Am Hauptportal übergab er Florian einem englischen Stallknecht. Der Butler, der in Hausstandsgeschäften quer durch die Halle mit dem Mosaikfußboden kam, stand still und entgeistert, als er Klaus Heinrich gewahrte. Auf die Frage, die der Prinz mit heller und gleichsam übermütiger Stimme nach den Damen tat, antwortete er überhaupt nicht, sondern wandte sich ratlos der Marmortreppe zu, blickte stumm von Klaus Heinrich hinauf zu ihrer Höhe; denn dort stand Herr Spoelmann.
Wie es schien, so hatte er kürzlich sein Frühstück beendet und befand sich in behaglicher Laune. Er hielt die Hände in die Hosentaschen versenkt, wobei er den Hausflaus, den er trug, von der Sammetweste zurückraffte, und der bläuliche Rauch der Zigarette zwischen seinen Lippen machte ihn blinzeln. »Na, junger Prinz?« sagte er und schaute hinunter …
Klaus Heinrich eilte salutierend auf dem roten Läufer die Stufen hinan. Ihm war, als ob nur durch Schnelligkeit und sozusagen im Sturm das Ungeheuerliche der Lage zu bewältigen sei.
»Sie werden erstaunt sein, Herr Spoelmann,« sagte er – »zu dieser Stunde …« Er war außer Atem und erschrak sehr darüber: so wenig war er dieses Zustandes gewohnt.
Herr Spoelmann antwortete ihm durch Miene und Schultergebärde, daß er sich zu fassen wisse, immerhin aber auf eine Erklärung begierig sei.
»Es handelt sich um eine Verabredung …« sagte Klaus Heinrich. Er stand zwei Stufen unter dem Milliardär und sprach zu ihm hinauf. »Eine Verabredung zum Spazierritt zwischen Fräulein Imma und mir … Ich habe versprochen, den Damen die Fasanerie oder den Hofjäger zu zeigen … Fräulein Imma kennt fast nichts von der Umgegend, wie sie mir gesagt hat. Am ersten schönen Tage war vereinbart … Nun ist es so schön heute … Es ist natürlich Ihre Zustimmung erforderlich …«
Herr Spoelmann hob die Schultern und machte einen Mund dazu, als wollte er sagen: »Zustimmung – wieso?«
»Meine Tochter ist erwachsen«, sagte er. »Ich pflege ihr nicht dreinzureden. Reitet sie, so reitet sie. Aber ich glaube, sie hat keine Zeit. Müssen sich selbst erkundigen. Da drinnen sitzt sie.« Und Herr Spoelmann wies, indem er beiseitetrat, mit dem Kinn nach der Teppichtür, durch die Klaus Heinrich schon einmal geschritten war.
»Danke!« sagte Klaus Heinrich. »Ja, dann gehe ich selbst.« Und er erstieg vollends die Treppe, schlug mit entschlossener Bewegung den gewirkten Vorhang auseinander und stieg die Stufen hinab in den durchsonnten, von Pflanzenduft erfüllten Wintergarten.
Vor dem rieselnden Brunnen und dem Wasserbecken mit den künstlich gefiederten Enten saß Imma Spoelmann, indem sie dem Eintretenden fast völlig den Rücken zuwandte, über ein Tischchen gebeugt. Ihr Haar war aufgelöst. Blauschwarz und glänzend floß es zu beiden Seiten von ihrem Scheitel hinab, verhüllte ihren Oberkörper und ließ nichts erkennen, als einen Schatten von dem stumpfen und kindlichen Viertelsprofil ihres Gesichtchens, das bleich wie Elfenbein gegen die Finsternis des Haares erschien. So eingehüllt gab sie sich ihren Studien hin, bearbeitete die Aufzeichnungen eines neben ihr liegenden Kollegheftes, indem sie die Lippen auf den schmalen Rücken ihrer Linken gesenkt hielt und mit durchgedrücktem Zeigefinger den Füllfederhalter führte.
Auch die Gräfin war anwesend, ebenfalls mit Schreiben beschäftigt. Sie saß in einiger Entfernung unter der Palmengruppe, wo Klaus Heinrich zuerst mit ihr geplaudert, und schrieb aufrecht, mit zur Seite geneigtem Kopfe, auf Briefbogen, von denen ein Häuflein, dicht bekritzelt, neben ihr lag. Das Klirren von Klaus Heinrichs Sporen ließ sie aufsehen. Sie blickte ihn zwei Sekunden lang, den langen, spindelförmigen Federhalter in der Hand, mit gekniffenen Augen an; dann erhob sie sich zur Verbeugung. »Imma«, sagte sie. »Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich ist da.«
Fräulein Spoelmann wandte sich rasch auf ihrem Korbsessel, schüttelte ihr Haar zurück und sah den Eindringling mit großen, erschrockenen Augen an, ohne zu sprechen, bis Klaus Heinrich mit militärischem Gruß den Damen einen guten Morgen geboten hatte. Dann sagte sie mit ihrer gebrochenen Stimme: »Auch Ihnen guten Morgen, Prinz. Sie kommen aber zu spät zum ersten Frühstück. Wir sind längst fertig.«
Klaus Heinrich lachte.
»Nun, es ist gut,« sagte er, »daß beide Teile gefrühstückt haben. Denn so können wir ja ungesäumt reiten.«
»Reiten?«
»Ja, unserer Verabredung gemäß.«
»Unserer Verabredung?«
»Nein, Sie dürfen das nicht vergessen haben!« sagte er bittend. »Habe ich nicht versprochen, Ihnen die Umgegend zu zeigen? Wollten wir nicht zusammen reiten bei schönem Wetter? Nun, der Tag ist herrlich. Sehen Sie hinaus …«
»Der Tag ist nicht übel,« sagte sie, »aber Sie finde ich stürmisch, Prinz. Ich kann mich erinnern, daß etwas von Reiten in Aussicht genommen wurde – aber doch nicht in so nahe? Wie wäre es denn wenigstens mit einer kleinen Benachrichtigung, einer Anfrage gewesen, wenn Euere Hoheit das Wort genehmigen? Sie werden mir einräumen, daß ich so nicht wohl in die Umgegend reiten kann.«
Und sie stand auf, um ihr Morgenkleid zu zeigen, das aus einem taillenlosen Fluß von schillernder Seide und einem offenen grünsamtenen Jäckchen bestand.
»Nein,« sagte er, »leider, das können Sie leider nicht. Aber ich warte hier, während die Damen sich umkleiden. Es ist ja früh …«
»Ausnehmend früh. Aber zweitens ging ich eben ein wenig meiner harmlosen Beschäftigung nach, wie Sie sahen. Ich habe um elf Uhr Kolleg.«
»Nein,« rief er, »heute dürfen Sie keine Algebra treiben, Fräulein Imma, oder im luftleeren Raume spielen, wie Sie es nennen! Sehen Sie doch die Sonne!… Darf ich …?« Und er trat zum Tischchen und nahm das Kollegheft zur Hand.
Was er sah, war sinnverwirrend. In einer krausen, kindlich dick aufgetragenen Schrift, die Imma Spoelmanns besondere Federhaltung erkennen ließ, bedeckte ein phantastischer Hokuspokus, ein Hexensabbat verschränkter Runen die Seiten. Griechische Schriftzeichen waren mit lateinischen und mit Ziffern in verschiedener Höhe verkoppelt, mit Kreuzen und Strichen durchsetzt, ober- und unterhalb wagrechter Linien bruchartig aufgereiht, durch andere Linien zeltartig überdacht, durch Doppelstrichelchen gleichgewertet, durch runde Klammern zu großen Formelmassen vereinigt. Einzelne Buchstaben, wie Schildwachen vorgeschoben, waren rechts oberhalb der umklammerten Gruppen ausgesetzt. Kabbalistische Male, vollständig unverständlich dem Laiensinn, umfaßten mit ihren Armen Buchstaben und Zahlen, während Zahlenbrüche ihnen voranstanden und Zahlen und Buchstaben ihnen zu Häupten und Füßen schwebten. Sonderbare Silben, Abkürzungen geheimnisvoller Worte, waren überall eingestreut, und zwischen den nekromantischen Kolonnen standen geschriebene Sätze und Bemerkungen in täglicher Sprache, deren Sinn gleichwohl so hoch über allen menschlichen Dingen war, daß man sie lesen konnte, ohne mehr davon zu verstehen als von einem Zaubergemurmel.
Klaus Heinrich sah auf zu der kleinen Gestalt, die in schillerndem Kleide, behangen von den schwarzen Gardinen ihres Haares, neben ihm stand und in deren fremdartigem Köpfchen dies alles Sinn und hohes, spielendes Leben hatte. Er sagte: »Und über diesen gottlosen Künsten wollen Sie den schönen Vormittag versäumen?«
Sie blickte ihn eine Weile befremdet, mit großen, redenden Augen an. Dann erwiderte sie mit vorgeschobenen Lippen: »Es scheint, daß Euere Hoheit sich schadlos halten will für den Mangel an Verständnis, der hier neulich in Hinsicht auf Ihren eigenen Beruf zum Ausdruck kam.«
»Nein,« sagte er, »nein, nicht so! Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Ihrem Studium die höchste Ehrfurcht entgegenbringe. Es ängstigt mich, das gebe ich zu, ich habe niemals etwas davon begriffen. Und auch das gebe ich zu, daß ich es heute ein wenig verabscheue, weil es uns soll hindern dürfen, zu reiten …«
»Oh, ich bin es nicht allein, die Sie aus ihrer Tätigkeit reißen, Prinz! Da ist drittens die Gräfin. Sie schrieb. Sie zeichnet ihre Lebenserinnerungen auf, nicht für die Welt, aber für den engeren Gebrauch, und ich will mich verbürgen, daß ein Werk daraus wird, woraus sowohl Sie, Prinz, wie ich, viel Neues werden lernen können.«
»Ich bin dessen ganz sicher. Aber ebenso sicher bin ich, daß die Frau Gräfin nicht fähig ist, Ihnen, Fräulein Imma, eine Bitte abzuschlagen.«
»Und mein Vater? Wir sind beim vierten Bedenken. Sie kennen den Tigersinn meines Vaters. Wird er seine Einwilligung geben?«
»Er hat sie gegeben. ›Reitet sie, so reitet sie‹, das sind seine Worte …«
»Sie haben sich seiner im voraus versichert? Nun fange ich an, Ihre Umsicht zu bewundern, Prinz. Sie sind wie ein Feldherr vorgegangen, obgleich Sie nicht wirklich Soldat sind, sondern nur zum Schein, wie Sie uns neulich erzählten. Aber es ist noch ein fünfter Gegenstand da, und der ist ausschlaggebend. Es wird regnen.«
»Nein, das ist hinfällig, was Sie da sagen. Der Himmel strahlt …«
»Es wird regnen. Die Luft ist viel zu weich. Ich habe es festgestellt, als wir vorm Frühstück im Quellengarten waren. Kommen Sie zum Barometer, wenn Sie mir nicht glauben. In der Halle hängt es …«
Wirklich traten sie hinaus in die Teppichhalle, wo neben dem Marmorkamin ein großes Wetterglas hing. Auch die Gräfin schloß sich an. Klaus Heinrich sagte: »Es ist gestiegen.«
»Euere Hoheit belieben sich zu irren«, antwortete Fräulein Spoelmann. »Die Parallaxe täuscht Sie.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Die Parallaxe führt Sie irre.«
»Ich weiß nicht, was das ist, Fräulein Imma. Es ist wie mit den Adirondacks. Ich habe nicht viel gelernt, das hängt mit meiner Art von Dasein zusammen. Sie müssen Nachsicht haben.«
»Oh, ich bitte um gnädigste Entschuldigung. Ich hätte mich erinnern müssen, daß man volkstümlich mit Euerer Hoheit zu reden hat. Sie stehen schief vor dem Zeiger, darum scheint er Ihnen gestiegen. Wenn Sie sich entschließen würden, genau davor zu treten, so würden Sie sehen, daß der schwarze keineswegs über den goldenen hinausgegangen, sondern sogar ein bißchen zurückgewichen ist …«
»Ich glaube wahrhaftig, Sie haben recht«, sagte Klaus Heinrich betrübt. »Und also ist der Luftdruck doch höher, als ich dachte!«
»Er ist niedriger, als Sie dachten.«
»Wenn das Quecksilber gefallen ist?«
»Das Quecksilber fällt bei niedrigem Druck und nicht bei hohem, Königliche Hoheit.«
»Nun verstehe ich gar nichts mehr.«
»Ich glaube, Prinz, Sie übertreiben Ihre Unwissenheit in scherzhafter Weise, um die Grenzen derselben zu verwischen. Aber da der Luftdruck so hoch ist, daß das Quecksilber fällt, was freilich auf eine schwere Verirrung der Natur deutet, so wollen wir denn reiten, Gräfin – was meinen Sie? Ich will es nicht verantworten, den Prinzen wieder heimzuschicken, da er einmal gekommen ist. Er möge sich da drinnen gedulden, bis wir fertig sind …«
Als Imma Spoelmann und die Gräfin in den Wintergarten zurückkehrten, waren sie zum Reiten gekleidet, Imma in ein geschlossenes schwarzes Wollkleid mit Brusttaschen und einem Dreispitz aus schwarzem Filz dazu, die Gräfin in schwarzes Tuch mit einem gestärkten Herren-Vorhemd und hohem Hut. Sie gingen miteinander die Treppe hinunter, durch die Mosaikhalle, und traten ins Freie hinaus, wo zwischen dem Säulenportal und dem großen Bassin zwei Stallknechte mit den Pferden warteten. Sie saßen aber noch nicht im Sattel, als mit einem hohen und jaulenden Geheul, das der Ausdruck seiner äußersten Leidenschaft war, Perceval, der Colliehund, geifernd und an wütender Schnellkraft einer Windsbraut gleich, aus dem Schlosse brauste und um die Pferde, die unruhig die Köpfe warfen, einen tobenden Drehtanz zu vollführen begann.
»Da haben wir's«, sagte Imma im Lärm und klopfte der scheuenden Fatme den Hals. »Es war ihm nicht zu verheimlichen. Im letzten Augenblick hat er alles entdeckt. Nun kommt er mit, und zwar nicht ohne Aufhebens von der Sache zu machen. Stehen wir ab von unserem Beginnen, Prinz?«
Aber obgleich Klaus Heinrich verstand, daß man ebensogut den Bedienten mit einer silbernen Drommete sich hätte können voranreiten lassen, damit er durch sein Getön die Teilnahme der Öffentlichkeit an diesem Ausritt erzwinge, so sagte er doch trotzig und froh, daß Perceval nur mitkommen möge; er gehöre dazu und müsse auch seinerseits die Umgegend kennenlernen.
»Wohin nun also?« fragte Imma, als es im Schritt durch die breite Kastanienzufahrt ging. Sie ritt zwischen Klaus Heinrich und der Gräfin. Perceval lärmte voran.
Der englische Reitknecht, mit Rosettenhut und gelben Stulpen, folgte in gemessener Entfernung.
»Der Hofjäger ist hübsch,« antwortete Klaus Heinrich, »aber zur Fasanerie ist es ein bißchen weiter, und wir haben ja Zeit bis zum Frühstück. Ich würde den Damen das Schloß gern zeigen. Ich habe da als Knabe drei Jahre verlebt. Es war ein Konvikt, wissen Sie, mit Lehrern und Mitschülern. Ich habe dort meinen Freund Überbein kennengelernt, Doktor Überbein, meinen liebsten Lehrer.«
»Sie haben einen Freund?« fragte Fräulein Spoelmann gewissermaßen erstaunt und sah ihn an. »Von dem müssen Sie mir einmal erzählen«, fügte sie hinzu. »Und auf Schloß Fasanerie sind Sie erzogen worden? Dann müssen wir es sehen, denn das ist offenbar auch Ihre Überzeugung. Trab!« sagte sie, da man in einen erdigen Reitweg eingelenkt war. »Da liegt Ihre Einsiedelei, mein Prinz … Entenfutter ist auf Ihrem Teiche in hinlänglichen Mengen vorhanden … Ich denke, wir lassen den Quellengarten hübsch seitwärts liegen, wenn es sich machen läßt.«
Klaus Heinrich war es zufrieden, und so verließen sie die Parkgegend und trabten querfeldein, um die Landstraße zu gewinnen, die in nordwestlicher Richtung zu dem gesetzten Ziele führte. Im Stadtgarten waren sie von einigen Spaziergängern begrüßt und bestaunt worden, wofür Klaus Heinrich, die Hand am Mützenschirme, Imma Spoelmann mit ernsthaften und ein wenig befangenen Neigungen ihres schwarzbleichen Köpfchens im Dreispitz gedankt hatte. Nun waren sie im Freien und brauchten keiner Begegnungen mehr gewärtig zu sein. Auf der Chaussee zog dann und wann ein bäuerliches Fuhrwerk dahin, oder ein Radfahrer arbeitete sich gebückt des Weges. Aber sie hielten sich zuseiten der Straße im Wiesengelände, wo es sich sanfter und freier ritt. Perceval tänzelte rückwärts vor den Pferden her, beständig in Unrast und fiebriger Erwartung, beständig in drehender, trippelnder, wedelnder Bewegung – sein Atem flog, seine Zunge hing lang aus dem geifernden Rachen, und manchmal löste die unvernünftige Qual seiner Nerven sich in kurzen, seufzerartigen Schreien. Später toste er im Weiten, verfolgte mit aufgerichteten Ohren in hohen und kurzen Sprüngen irgendein Lebewesen am Boden und setzte in wilder Jagd einem flüchtigen Hasen nach, während sein ausgelassenes Gebell unter dem offenen Himmel verhallte.
Man sprach von Fatme, die Klaus Heinrich zum erstenmal aus solcher Nähe sah und herzlich bewunderte. Auf ihrem langen, muskulösen Hals trug Fatme hoffärtig nickend einen kleinen Kopf mit feurig schielenden Augen; sie hatte die zierlichen Beine des arabischen Typs und einen wallenden Silberschweif. Weiß wie der Mondstrahl, war sie weiß gesattelt und gegürtet und mit weißem Leder gezäumt. Florian, ein etwas schläfriger Brauner mit kurzem Rücken, gestutzter Mähne und gelben Fesselbinden, erschien hausbacken wie ein Esel neben der vornehmen Fremden, obgleich er sorgfältig gehalten war. Die Gräfin Löwenjoul ritt eine große Falbe namens Isabeau. Sie saß vortrefflich zu Pferde, unterstützt von ihrer hohen und straffen Gestalt; aber ihren kleinen Kopf im Herrenhut hielt sie zur Seite geneigt, und ihre Lider waren zwinkernd zusammengezogen. Klaus Heinrich richtete hinter Fräulein Spoelmanns Rücken das Wort an sie, indem er sich im Sattel rückwärts bog; aber sie antwortete nicht, fuhr vielmehr fort, mit halbgeschlossenen Augen und einem madonnenhaften Ausdruck kurz vor sich hinzublicken, und Imma sagte: »Lassen wir die Gräfin, Prinz, sie ist zerstreut.«
»Ich will nicht hoffen,« sagte er, »daß die Frau Gräfin sich uns widerwillig angeschlossen hat.« Und er war aufrichtig bestürzt, als Imma Spoelmann gelassen antwortete: »Die Wahrheit zu sagen, das könnte sein.«
»Ihrer Aufzeichnungen wegen?« fragte er.
»Ach, die Aufzeichnungen. Die sind so dringlich nicht und mehr ein Zeitvertreib – obgleich ich mir unterderhand manches Lehrreiche davon verspreche. Aber ich will Ihnen nicht verschweigen, Prinz, daß die Gräfin nicht sonderlich gut auf Sie zu sprechen ist. Sie hat sich mir gegenüber in diesem Sinne geäußert. Sie seien hart und streng, sagte sie, und hätten erkältend auf sie gewirkt.«
Klaus Heinrich war errötet.
»Ich weiß wohl,« sagte er leise, indem er auf seine Zügel niederblickte, »daß ich nicht erwärmend wirke, Fräulein Imma, oder doch höchstens von weitem … Auch das hängt mit meiner Art von Dasein zusammen, wie ich sagte. Aber ich bin mir nicht bewußt, gegen die Gräfin hart und streng gewesen zu sein.«
»Nicht mit Worten wahrscheinlich«, erwiderte sie. »Aber Sie haben ihr nicht erlaubt, sich ein bißchen gehen zu lassen, haben ihr nicht die Wohltat gegönnt, ein wenig zu schwatzen, – darum ist sie Ihnen gram –, und ich weiß auch wohl, wie Sie das gemacht haben, wie Sie es der Armen schwer gemacht und sie erkältet haben – sehr wohl«, wiederholte sie und wandte sich ab.
Klaus Heinrich schwieg. Er hielt seine linke Hand in die Hüfte gestemmt, und seine Augen waren müde.
»Sie wissen es?« sagte er dann. »Und also wirke ich wohl auch auf Sie erkältend, Fräulein Imma?«
»Ich ermahne Sie,« antwortete sie, ohne sich zu besinnen, mit ihrer gebrochenen Stimme und wandte mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin und her, »die Wirkung, die Sie auf mich ausüben, auf keine Weise zu überschätzen, Prinz.« Und plötzlich ließ sie Fatme zum Galopp ansetzen und flog in solcher Geschwindigkeit über das Blachfeld dahin und der dunklen Masse des fernen Kiefernwaldes entgegen, daß weder die Gräfin noch Klaus Heinrich sich bei ihr zu halten vermochten. Erst am Rande des Gehölzes, durch welches auch die Landstraße lief, machte sie halt und wandte ihr Tier, um den Nachsetzenden mit spöttischer Miene entgegenzusehen.
Gräfin Löwenjoul auf der großen Isabeau war die erste, die sich zu der Flüchtigen fand. Dann kam Florian, schnaubend und tief verdutzt über die ungewohnte Zumutung. Man lachte und atmete rasch, während man in den hallenden Wald hineinritt. Die Gräfin war wach geworden und plauderte lebhaft, mit frischen, vornehmen Bewegungen und ihre weißen Zähne zeigend. Scherzend redete sie auf Perceval hinab, dessen Inneres durch den Gewaltritt aufs neue zerrissen war und der sich wütend vor den Pferden zwischen den Stämmen drehte.
»Königliche Hoheit«, sagte sie, »sollten ihn springen sehen … voltigieren … Er nimmt Gräben und Bäche von sechs Meter Breite, und zwar mit einer Schönheit und Leichtigkeit, daß es entzückend ist. Aber nur eigenwillig, wohlgemerkt, aus freien Stücken, denn eher, glaube ich, ließe er sich totschlagen, als daß er sich irgendwelcher Dressur unterzöge und befohlene Kunststücke ausführte. Er hat, möchte ich sagen, die Dressur und Zucht in sich selbst, von Geburt, und wenn er ungebärdig ist, so ist er doch niemals roh. Das ist ein Freiherr, ein Edelmann, wohlgeboren und vom strengsten Charakter. Oh, er ist stolz, er scheint wohl toll, aber er weiß sich zu beherrschen. Niemand hat ihn im Schmerze je schreien hören, sei es bei Verletzungen oder bei Züchtigungen. Auch nimmt er nur Nahrung, wenn er Hunger hat, und verschmäht im anderen Falle die leckersten Bissen. Morgens erhält er Rahm … man muß ihn nähren. Er verzehrt sich von innen, er ist mager unter seinem seidenen Fell, daß man alle Rippen fühlt, und man muß leider gewärtigen, daß er nicht alt werden, sondern frühzeitig der Schwindsucht zum Opfer fallen wird … Das Gesindel verfolgt ihn, es drängt sich an ihn und hat es auf ihn abgesehen auf allen Gassen; aber wild und ohne sich gemein zu machen, entspringt er, und nur wenn man zu Feindseligkeiten übergeht, so teilt er mit seinen prächtigen Zähnen Bisse aus, an die der Pöbel sich erinnern mag. Soviel Ritterlichkeit im Bunde mit soviel Reinheit ist liebenswert.«
Imma stimmte dem zu mit Worten, die das Wirklichste und zweifellos Ernsteste waren, was Klaus Heinrich bisher aus ihrem Munde vernommen.
»Ja,« sagte sie, »Percy, du bist mein guter Freund, ich werde immer zu dir halten. Jemand, ein Kundiger, hat ihn für geisteskrank erklärt, das komme bei edlen Hunden nicht selten vor, und hat uns geraten, ihn töten zu lassen, weil er unmöglich sei und uns jeden Tag zur Verzweiflung bringen werde. Aber ich lasse mir meinen Percy nicht nehmen. Er ist unmöglich, ja, und manches Mal schwer zu ertragen; aber bei alledem ist er rührend und brav und hat meine volle Zuneigung.«
Hierauf sprach auch die Gräfin noch dies und das über des Collies Natur, aber es wurde bald wirr und sonderbar, was sie sagte, ging in ein Selbstgespräch mit lebhaftem und elegantem Gestenspiel über; und nachdem sie zuletzt einen gekniffenen Blick zu Klaus Heinrich hinübergesandt, verfiel sie aufs neue in Abwesenheit.
Klaus Heinrich fühlte sich froh und getröstet, sei es durch den scharfen Ritt – bei dem er sich übrigens weidlich hatte zusammennehmen müssen, da er zwar gut und ansprechend zu Pferde saß, aber eigentlich, schon seiner linken Hand wegen, kein sehr sicherer Reiter war –, sei es aus anderem Grunde. Als sie das Nadelgehölz verlassen hatten und auf der stillen Landstraße zwischen Wiesen und gefurchten Äckern hin und dann und wann an einem Bauerngehöft, einer ländlichen Wirtschaft vorüber, im Schritt der nächsten Waldung entgegenritten, fragte er gedämpft: »Wollen Sie nicht Ihr Versprechen einlösen und mir von der Gräfin erzählen, Fräulein Imma? Wie ist sie Ihre Gesellschaftsdame geworden?«
»Sie ist meine Freundin,« antwortete sie, »und in gewisser Weise auch meine Lehrerin, obgleich sie erst zu uns kam, als ich schon erwachsen war. Das war vor drei Jahren, in Neuyork, und die Gräfin war damals in schrecklicher Lebenslage. Sie war am Verhungern«, sagte Imma Spoelmann, und indem sie es sagte, richtete sie ihre großen, schwarzen Augen mit einem forschenden und entsetzten Ausdruck auf Klaus Heinrich.
»Wirklich am Verhungern?« fragte er und erwiderte ihren Blick … »Bitte, erzählen Sie weiter!«
»Ja, das sagte ich auch, damals, als sie zu uns kam, und obgleich ich natürlich wohl sah, daß ihr Verstand nicht in Ordnung war, so machte sie doch so großen Eindruck auf mich, daß ich meinen Vater veranlaßte, sie mir zur Gesellschaft zu geben.«
»Wie kam sie nach Amerika? – Ist sie Gräfin von Geburt?« fragte Klaus Heinrich.
»Nicht Gräfin, aber von Adel und in guten und sanften Verhältnissen aufgewachsen, behütet und geschützt vor allen Winden, wie sie mir erzählte, schon weil sie von Kind auf innerlich zart und verletzlich und schonungsbedürftig gewesen sei. Aber dann ging sie ihre Ehe ein mit dem Grafen Löwenjoul, Offizier, Reiterhauptmann – und das war ein etwas eigenartiger Aristokrat, ihren Erzählungen nach – nicht ganz mustergültig, um mich gelinde auszudrücken.«
»Wie mag er gewesen sein …« fragte Klaus Heinrich.
»Ja, Prinz, genau kann ich es Ihnen nicht sagen. Sie müssen in Erwägung ziehen, daß die Gräfin eine etwas dunkle Art zu erzählen hat. Aber ihren Andeutungen nach zu urteilen, muß er ein so wilder und schamloser Mensch gewesen sein, wie man es sich nur schwerlich vorzustellen vermag, so ein Wüstling, wissen Sie …«
»Ja, ich weiß«, sagte Klaus Heinrich; »was man einen Bruder Liederlich nennt, einen lockeren Zeisig oder Lebemann, von dieser Art.«
»Gut, sagen wir Lebemann – aber in der ausschweifendsten und grenzenlosesten Bedeutung, denn nach den Andeutungen der Gräfin zu schließen, gibt es überhaupt keine Grenzen in dieser Richtung …«
»Nein, den Eindruck habe ich auch«, sagte Klaus Heinrich. »Ich habe mehrere Leute dieses Schlages gekannt – verfluchte Kerle, wie man wohl sagt. Von einem ist mir zu Ohren gekommen, daß er in seinem Automobil, und zwar in voller Fahrt, Liebesverhältnisse anzuknüpfen pflegt.«