»Haben Sie das von Ihrem Freunde Überbein?«
»Nein, von anderer Seite. Überbein würde es nicht für passend halten, mich solche Einblicke tun zu lassen.«
»Dann muß er ein unnützer Freund sein, Prinz.«
»Wenn ich Ihnen mehr von ihm erzähle, Fräulein Imma, so werden Sie ihn schätzen lernen. Aber bitte, fahren Sie fort!«
»Nun, ich weiß nicht, ob Löwenjoul es machte wie Ihr Lebemann. Jedenfalls trieb er es arg …«
»Ich kann mir denken, daß er spielte und trank.«
»Allerdings, das ist anzunehmen. Und außerdem knüpfte er natürlich auch Liebesverhältnisse an, wie Sie sagen, betrog die Gräfin mit lasterhaften Weibern, von denen es überall sehr viele gibt – anfangs hinter ihrem Rücken und dann nicht einmal mehr hinter ihrem Rücken, sondern frech und offen und ohne Mitleid mit ihrem Kummer.«
»Sagen Sie mir aber: warum war sie die Ehe mit ihm eingegangen?«
»Das hatte sie gegen den Willen ihrer Eltern getan, weil sie verliebt in ihn war, wie sie mir sagte. Denn erstens war er ein schöner Mann, als sie ihn kennenlernte – später verkam er auch äußerlich. Aber zweitens ging ihm der Ruf eines Lebemannes voraus, und das muß, ihren Äußerungen nach, eine gewisse, unwiderstehliche Anziehung auf sie ausgeübt haben, denn obgleich sie so behütet und geschützt gewesen war, ist sie in dem Entschlusse, das Leben mit ihm zu teilen, nicht zu erschüttern gewesen. Wenn man darüber nachdenkt, so kann man es verstehen.«
»Ja,« sagte er, »ich kann es verstehen. Sie wollte gleichsam stöbern, wollte alles kennenlernen. Und da wehte ihr nun tüchtig der Wind um die Nase.«
»So kann man sagen. Wiewohl der Ausdruck mir etwas zu lustig scheint für das, was sie kennenlernte. Ihr Mann mißhandelte sie.«
»Wollen Sie sagen, daß er sie schlug?«
»Ja, er mißhandelte sie körperlich. Aber nun kommt etwas, Prinz, wovon auch Sie noch nicht gehört haben werden. Sie hat mir zu verstehen gegeben, daß er sie nicht nur im Zorn mißhandelte, nicht nur in Wut und Streit, sondern auch ohne solche Veranlassung, lediglich zu seinem Vergnügen, das heißt dergestalt, daß die Mißhandlungen abscheulichen Liebkosungen gleichkamen.«
Klaus Heinrich schwieg. Sie waren beide sehr ernst. Endlich fragte er: »Hatte die Gräfin Kinder?«
»Ja, zwei. Sie starben ganz früh, beide in den ersten Wochen, und das ist wohl das Schwerste gewesen, was die Gräfin erlebte. Ihren Andeutungen zufolge ist es nämlich die Schuld der lasterhaften Weiber gewesen, mit denen ihr Mann sie betrog, daß die Kinder gleich wieder sterben mußten.«
Sie schwiegen wieder, mit grübelnden Augen.
»Nebenbei«, fuhr Imma Spoelmann fort, »vergeudete er im Spiel und mit den Weibern ihre Mitgift, die ansehnlich gewesen war, und nach dem Tode ihrer Eltern auch ihr ganzes Erbe. Verwandte von ihr halfen ihm noch einmal aus, als er nahe daran war, seiner Schulden wegen den Dienst quittieren zu müssen. Aber dann kam eine Geschichte, etwas ganz Ausschreitendes und Anstößiges, worein er verwickelt war und was ihn vollends aus dem Sattel hob.«
»Was mag das gewesen sein?« fragte Klaus Heinrich.
»Ich kann es Ihnen nicht mit Bestimmtheit sagen, Prinz. Aber nach allem, was die Gräfin darüber verlauten läßt, war es ein Ärgernis der äußersten Art – wir kamen ja schon überein, daß es überhaupt keine Grenzen gibt in dieser Richtung.«
»Und da ging er nach Amerika?«
»Erraten, Prinz. Ich kann nicht umhin, Ihren Scharfsinn zu bewundern.«
»Ach, Fräulein Imma, erzählen Sie weiter! Ich habe nie so etwas gehört wie die Geschichte der Gräfin …«
»Das hatte ich auch nicht; und darum können Sie sich denken, welchen Eindruck sie auf mich machte, als sie zu uns kam. Graf Löwenjoul also, dem die Polizei auf den Fersen war, ward flüchtig nach Amerika, unter Hinterlassung bedeutender Schulden natürlich. Und die Gräfin begleitete ihn.«
»Sie ging mit ihm? Warum?«
»Weil sie ihm immer noch anhing, trotz allem – sie tut es heute noch –, und weil sie auf alle Fälle an seinem Leben teilhaben wollte. Er aber nahm sie wohl mit, weil er eher auf Unterstützung von seiten ihrer Verwandten zu rechnen hatte, solange sie bei ihm war. Die Verwandten schickten ihnen denn auch einmal noch eine Summe Geldes über den Ozean, aber dann nie mehr – sie zogen endgültig die Hand von ihnen; und als Graf Löwenjoul sah, daß seine Frau ihm nichts mehr nütze war, da verließ er sie dennoch – ließ sie vollständig allein im Elend zurück und machte sich fort.«
»Ich wußte es,« sagte Klaus Heinrich, »ich habe es mir gedacht. So geht es zu.« Imma Spoelmann aber fuhr fort: »Da saß sie denn nun, von allen Mitteln entblößt und ohne Hilfe, und da sie nicht gelernt hatte, sich ihren Unterhalt zu verdienen, so war sie ohne Erbarmen der Not und dem Hunger überantwortet. Nun soll aber das Leben dort drüben noch um vieles härter und schnöder sein als hier bei Ihnen, und andererseits ist in Betracht zu ziehen, wie zart und verletzlich sie immer gewesen und wie schonungslos ihr viele Jahre hindurch mitgespielt worden war. Kurzum, sie war den Eindrücken, die sie fortwährend vom Leben empfing, in keiner Weise gewachsen. Und da geschah die Wohltat an ihr.«
»Ja! Welche Wohltat? Sie hat auch zu mir davon gesprochen. Was war es mit der Wohltat, Fräulein Imma?«
»Die Wohltat bestand darin, daß sich ihr Geist verwirrte, daß im äußersten Jammer etwas in ihr übersprang – diesen Ausdruck hat sie mir gegenüber verwendet –, daß sie sich nicht mehr mit klarem und nüchternem Verstande aufrecht zu halten und dem Leben Widerpart zu leisten brauchte, sondern sozusagen die Erlaubnis erhielt, sich gehen zu lassen, sich einige Abspannung zu gönnen und ein bißchen zu schwatzen. Mit einem Worte, die Wohltat war, daß sie wunderlich wurde.«
»Ich hatte allerdings den Eindruck,« sagte Klaus Heinrich, »daß die Frau Gräfin sich gehen ließ, als sie schwatzte.«
»So verhält es sich, Prinz. Sie weiß es ganz gut, wenn sie schwatzt, und lächelt wohl zwischendurch oder läßt einfließen, daß sie ja niemandem weh damit tue. Die Wunderlichkeit ist eine wohltuende Verwirrung, deren sie gewissermaßen Herr ist, und die sie sich erlaubt. Es ist, wenn Sie wollen, ein Mangel an …«
»An Haltung«, sagte Klaus Heinrich und blickte auf seine Zügel nieder.
»Gut, an Haltung«, wiederholte sie und sah ihn an. »Es scheint, daß besagter Mangel nicht Ihre Billigung findet, Prinz.«
»Ich bin allerdings der Meinung,« antwortete er leise, »daß es nicht erlaubt ist, sich gehen zu lassen und es sich bequem zu machen, sondern daß es unter allen Umständen geboten ist, Haltung zu wahren.«
»Euere Hoheit«, erwiderte sie, »bekunden eine löbliche Sittenstrenge.« Damit schob sie die Lippen vor, und indem sie ihr schwarzbleiches Köpfchen im Dreispitz hin und her wandte, fügte sie mit ihrer gebrochenen Stimme hinzu: »Jetzt werde ich Euerer Hoheit etwas sagen, und ich bitte, es wohl zu beachten. Wenn Euere Erhabenheit nicht gesonnen sind, ein wenig Mitleid und Nachsicht und Milde zu üben, so werde ich mich des Vergnügens Ihrer erlauchten Gesellschaft ein für allemal entschlagen müssen.«
Er senkte den Kopf, und sie ritten eine Weile schweigend.
»Wollen Sie nicht weiter erzählen, wie die Gräfin zu Ihnen kam?« fragte er endlich.
»Nein, das will ich nicht«, sagte sie und blickte geradeaus. Aber da er so herzlich bat, beendete sie ihre Erzählung und sagte: »Nun, das war einfach genug. Die Gräfin kam und meldete sich in der Fünften Avenue, da sie gehört hatte, daß man eine deutsche Gesellschaftsdame für mich suchte. Und obgleich sich noch fünfzig andere Damen meldeten, so fiel doch meine Wahl – denn ich hatte zu wählen – sofort auf sie, so sehr war ich nach unserer ersten Unterredung für sie eingenommen. Sie war wunderlich, das sah ich wohl; aber sie war es lediglich aus überguter Kenntnis des Elends und der Schlechtigkeit, das ging aus jedem ihrer Worte hervor, und was mich betrifft, so war ich von jeher ein wenig allein und abgesondert gewesen und vollständig ununterrichtet geblieben, wenn ich von meinen Universitätsstudien absehe …«
»Nicht wahr, Sie waren von jeher ein wenig allein und abgesondert?« wiederholte Klaus Heinrich, und Freude klang aus seiner Stimme.
»So sagte ich. Es war ein einigermaßen langweiliges und einfältiges Leben, das ich führte und eigentlich noch führe, denn es hat sich ja nicht vieles geändert und ist im ganzen überall dasselbe. Es gab Gesellschaften mit Kunststernen und Bälle, und manchmal ging es sehr rasch im geschlossenen Automobil zum Opernhaus, woselbst ich in einer der kleinen flachen Logen über dem Parterre saß, um so recht in ganzer Figur gesehen werden zu können, for show, wie man drüben sagt. Das brachte meine Stellung so mit sich.«
»For show?«
»Ja, for show, das ist die Verpflichtung, sich zur Schau zu stellen, keine Mauern gegen die Leute zu ziehen, sondern sie in die Gärten und über den Rasen und auf die Terrasse sehen zu lassen, wo man sitzt und Tee trinkt. Meinem Vater, Mister Spoelmann, war es im höchsten Grade zuwider. Aber unsere Stellung brachte es mit sich.«
»Und wie lebten Sie sonst, Fräulein Imma?«
»Nun, im Frühjahr ging man in die Adirondacks auf das Schloß und im Sommer auf das Schloß in Newport an der See. Es fanden natürlich Gartenpartien und Blumenkorsos und Tennisturniere statt, und man ritt spazieren und fuhr Four in hand oder im Automobil, und die Leute blieben stehen und gafften, weil man Samuel Spoelmanns Tochter war. Und manche schimpften auch hinter mir drein.«
»Sie schimpften?!«
»Ja, sie hatten wohl ihre Beweggründe dazu. Jedenfalls war es ein etwas vorgeschobenes und der Erörterung ausgesetztes Dasein, das wir führten.«
»Und zwischendurch«, sagte er, »spielten Sie in den Lüften, nicht wahr, oder schon außerhalb der Luft, in staubfreier Gegend …«
»So tat ich. Euere Hoheit erfreuen sich eines überaus offenen Kopfes. Aber nach alldem können Sie sich nun denken, wie außerordentlich willkommen mir die Gräfin war, als sie sich in der Fünften Avenue vorstellte. Sie äußerte sich nicht eben sehr deutlich, sondern vielmehr auf geheimnisvolle Weise, und die Grenze, wo sie zu schwatzen beginnt, ist nicht immer ganz klar ersichtlich. Aber das scheint mir eben recht und lehrreich, denn es gibt eine gute Vorstellung von der Grenzenlosigkeit des Elends und der Schlechtigkeit in der Welt. Nicht wahr, Sie beneiden mich um die Gräfin?«
»Nun, beneiden … Sie scheinen anzunehmen, Fräulein Imma, daß ich niemals irgendeinen Einblick getan habe.«
»Haben Sie Einblicke getan?«
»Vielleicht doch den einen oder den andern. Zum Beispiel sind mir von unseren Lakaien Dinge zu Ohren gekommen, von denen Sie sich schwerlich etwas träumen lassen.«
»Sind die Lakaien so schlimm?«
»Schlimm? Nichtswürdig sind sie, das ist das Wort für sie. Erstens treiben sie Durchstecherei und schleichendes Wesen und lassen sich von den Lieferanten bezahlen …«
»Nun, Prinz, das ist vergleichsweise harmlos.«
»Ja, ja, mit den Einblicken der Gräfin kann es sich wohl nicht messen …«
Sie fielen in Trab, verließen beim Wegweiser die gemächlich steigende und fallende Landstraße, die sie zwischen Nadelwäldern hin verfolgt hatten, und lenkten in den sandigen, ein wenig hohlen und auf seinen erhöhten Rändern von Brombeersträuchern eingefaßten Richtweg ein, der in das buschige Wiesengelände von Schloß Fasanerie mündete. Klaus Heinrich war zu Hause in diesem Gebiet; er streckte den Arm darüber hin, den rechten, um seinen Begleiterinnen alles zu zeigen, obgleich nicht viel Sehenswürdiges vorhanden war. Dort lag das Schloß, verschlossen und stumm, mit seinem Schindeldach und seinen Blitzableitern am Rande des Waldes. Dort abseits war das Fasanengehege, nach welchem das Ganze seinen Namen hatte, und hier Stavenüters Wirtsgarten, wo er zuweilen mit Raoul Überbein gesessen hatte. Über den feuchten Wiesen schien mild die Vorfrühlingssonne und tauchte die fernen umgrenzenden Wälder in zarten Schmelz.
Sie hielten nebeneinander auf ihren Tieren vorm Wirtsgarten, und Imma Spoelmann prüfte das Schloß mit den Augen, dies nüchterne Landhaus, das Schloß Fasanerie benannt war.
»Von sinnverwirrendem Prunk«, sagte sie mit gerümpften Lippen, »scheint Ihre Jugend nicht umgeben gewesen zu sein.«
»Nein,« lachte er, »an dem Schloß ist nichts zu sehen. Innen ist es wie außen. Kein Vergleich mit Delphinenort, selbst bevor Sie es wiederherstellten …«
»Nun wollen wir einkehren«, sagte sie. »Nicht wahr, Gräfin, auf einem Ausflug muß man einkehren. Abgesessen, Prinz! Ich habe Durst und will sehen, was Ihr Stavenüter zu trinken hat.«
Da stand Herr Stavenüter, in grüner Latzschürze und die Hosen in Schmierstiefeln, verbeugte sich, indem er sein gesticktes Käppchen mit beiden Händen an die Brust drückte, und lachte vor Bewegung, so daß man sein vollständig nacktes Zahnfleisch sah.
»Königliche Hoheit!« sagte er, Glück in der Stimme, »tun Königliche Hoheit mir auch einmal wieder die Ehre an? Und das gnädige Fräulein!« setzte er mit andächtiger Stimme hinzu; denn er kannte Samuel Spoelmanns Tochter sehr wohl und hatte so eifrig wie einer im Großherzogtum die Zeitungsnotizen gelesen, die Prinz Klaus Heinrichs und Immas Namen zusammen nannten. Er war der Gräfin beim Absteigen behilflich, da Klaus Heinrich, zuerst aus dem Sattel, sich dem Fräulein widmete, und rief nach einem Knecht, der zusammen mit dem Spoelmannschen Livrierten die Pferde besorgte. Aber hierauf hielt Klaus Heinrich Begrüßung und Empfang, wie er es gewohnt war. In geschlossener Haltung richtete er einige formelhafte Fragen an den dienernden Herrn Stavenüter, erkundigte sich auf gewinnende Art nach seiner Gesundheit, nach dem Stande seiner Geschäfte und nahm die Antworten mit dem lebhaften Kopfnicken scheinbar sachlicher Beteiligung entgegen. Imma Spoelmann, ihre Reitgerte mit beiden Händen hin und her biegend, sah diesem kunstreichen und kalten Auftritt mit ernsten und glänzend forschenden Augen zu. »Ich erlaube mir, in Erinnerung zu bringen, daß ich Durst leide«, sagte sie endlich scharf und verstimmt, und so trat man denn in den Garten und beratschlagte, ob man das Wirtszimmer aufsuchen müsse. Es sei noch zu feucht unter den Bäumen, meinte Klaus Heinrich; aber Imma bestand darauf, im Freien zu sitzen, und wählte selber einen der schmalen und langen Trinktische mit Bänken zu beiden Seiten, den Herr Stavenüter mit einem weißen Tuche zu decken sich beeilte.
»Limonade!« sagte er. »Das ist das Beste für den Durst und reine Ware! Kein Gesudel, Königliche Hoheit und Sie, meine Damen, sondern gezuckerte Natursäfte und das Bekömmlichste von allem!«
Man mußte den Glaskugelpfropfen durch den Flaschenhals stoßen; und während die hohen Gäste das Getränk kosteten, verweilte Herr Stavenüter sich noch ein wenig am Tische, um ihnen mit Plaudern aufzuwarten. Er war längst Witwer, und seine drei Kinder, die ehemals hier unter den Blättern das Lied vom gemeinsamen Menschentum gesungen und sich dabei mit den Fingern geschneuzt hatten, waren nun ebenfalls außer Hause, der Sohn als Soldat in der Stadt und von den Töchtern die eine verheiratet mit einem benachbarten Ökonomen, die andere als Magd in städtischem Hause, weil es sie zum Höheren gezogen hatte. So schaltete Herr Stavenüter allein in dieser Abgeschiedenheit, und zwar in dreifacher Eigenschaft, als Pächter der Schloßwirtschaft, Kastellan und Fasanenmeister, zufrieden mit seinem Lose. Bald, wenn die Witterung sich ferner so anließ, kam wieder die Zeit der Radfahrer und Spaziergänger, die Sonntags den Garten füllten. Dann blühte das Geschäft. Und ob die hohen Herrschaften denn nicht vielleicht die Fasanerie in Augenschein nehmen wollten?
Ja, das wollten sie, später, und so zog Herr Stavenüter sich vorläufig mit Anstand zurück, nachdem er eine Schale mit Milch für Perceval neben den Tisch gestellt.
Der Collie war unterwegs in sumpfiges Wasser geraten und sah aus wie der Teufel. Seine Beine waren dünn vor Nässe – und die weißen Teile seines zerzausten Felles beschmutzt. Sein geifernd geöffnetes Maul, mit dem er die Erde nach Feldmäusen durchwühlt, war geschwärzt bis in den Schlund, und schwarzrot, an der Spitze sich dreieckig verbreiternd, hing seine triefende Greifenzunge daraus hervor. Hastig erquickte er sich aus der Schale und ließ sich hierauf mit flackernd arbeitenden Flanken neben seiner Herrin zu Boden fallen, flach auf die Seite, den Kopf mit ruhelechzendem Ausdruck zurückgeworfen.
Klaus Heinrich nannte es unverantwortbar, daß Imma hier nach dem Ritt so ohne Umhüllung sich der trügerischen Frühlingsluft preisgäbe. »Nehmen Sie meinen Mantel!« sagte er. »Bei Gott, ich brauche ihn nicht. Mir ist warm, und mein Rock ist über der Brust wattiert!« Sie wollte nichts wissen von seinem Vorschlag; aber da er fortfuhr, sie inständig zu bitten, so willigte sie ein und ließ sich seinen grauen Militärmantel mit den Schulterabzeichen eines Majors um die Schultern legen. So eingehüllt stützte sie ihr schwarzbleiches, mit dem Dreispitz bedecktes Köpfchen in die hohle Hand und sah ihm zu, wie er den Arm nach dem Schlosse ausstreckte und von dem Leben erzählte, das er hier einst geführt.
Dort zu ebener Erde, wo man die hohen Fenster sah, war das Speisezimmer gewesen, dort der Schulsaal und dort oben Klaus Heinrichs Zimmer mit dem Gipstorso auf dem Kachelofen. Und er berichtete von Professor Kürtchen und seinem taktvollen Meldesystem beim Unterricht, von der Hauptmännin Amelung, den adeligen »Fasanen«, die alles für »Schweinerei« erklärt hatten, und namentlich von Raoul Überbein, seinem Freunde, auf welchen zurückzukommen Imma Spoelmann ihn mehrmals ermunterte.
Er sprach von des Doktors dunkler Herkunft und von der Abfindungssumme; von dem Kinde im Moor oder Sumpf und der Rettungsmedaille; von Überbeins tapferer und ehrgeiziger Laufbahn, zurückgelegt unter jenen harten und streng auf die Leistung weisenden Bedingungen, die er die guten zu nennen pflegte, und von seinem Bündnis mit Doktor Sammet, den Imma kannte. Er schilderte sein wenig einnehmendes Äußeres und begründete mit frohen Worten die Neigung, die ihn dennoch von Anbeginn zu diesem Lehrer gezogen, indem er sein Verhalten gegen ihn, Klaus Heinrich, beschrieb – diese väterliche und herzlich schwadronierende Kameradschaftlichkeit, die sich von dem Gehaben aller übrigen Leute so strikt unterschieden hatte –, ließ auch, so gut es ihm gelingen wollte, dies und das von Überbeins Lebensaspekten einfließen und gab schließlich seinem Kummer darüber Ausdruck, daß der Doktor bei seinen Mitbürgern sich keiner wahren Beliebtheit zu erfreuen scheine.
»Das glaube ich«, sagte Imma.
Er war erstaunt und fragte, warum sie es glaube.
»Weil ich gewiß bin,« antwortete sie und wandte ihr Köpfchen hin und her, »daß dieser Überbein mit all seinen aufgeräumten Redereien ein unseliger Mensch ist. Er steht wohl da und prahlt; aber er hat gar keinen Rückhalt, Prinz, und darum wird er ein schlechtes Ende nehmen.«
Klaus Heinrich blieb eine Weile bestürzt und nachdenklich über diese Worte. Dann wandte er sich der Gräfin zu, die lächelnd aus einer Abwesenheit zu sich kam, und sagte ihr eine Artigkeit über ihre Reitkunst, wofür sie mit frischen und ritterlichen Worten dankte. Er äußerte, man merke wohl, daß sie beizeiten auf einem Pferderücken zu sitzen gelernt habe, und sie bestätigte, daß allerdings die Stunden in der Reitbahn einen wesentlichen Bestandteil ihrer Erziehung ausgemacht hätten. Sie sprach klar und munter; aber allmählich, fast unmerklich, schweifte sie vom gangbaren Wege ab, erzählte etwas Sonderbares von kühnen Ritten, die sie als Leutnant im letzten Feldzuge ausgeführt, und kam völlig unvermutet auf die unbeschreiblich liederliche Frau eines Feldwebels bei den Leibgrenadieren zu sprechen, die diese Nacht in ihrem Zimmer gewesen, ihr in der erbarmungslosesten Weise die Brust zerkratzt und Reden dazu geführt habe, welche wiederzugeben sie ablehnen müsse. Klaus Heinrich fragte leise, ob denn nicht Tür und Fenster verschlossen gewesen wären. »Allerdings, aber die Scheibe ist ja da!« antwortete sie hastig. Und da sie bei dieser Entgegnung auf der einen Seite ihres Gesichtes blaß, auf der anderen rot wurde, so willigte er nickend und mit sanften Worten darein. Ja, indem er die Augen niederschlug, bot er ihr an, sie einstweilen ein wenig »Frau Meier« zu nennen, ein Vorschlag, den sie mit Eifer und Eile annahm, nicht ohne ein vertrauliches Lächeln übrigens, einen Seitenblick ins Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes hatte. Sie brachen auf zur Besichtigung der Fasanerie, nachdem Klaus Heinrich seinen Mantel zurückerhalten; und als sie den Garten verließen, sagte Imma Spoelmann: »So war es recht, Prinz. Sie machen Fortschritte.« Ein Lob, das ihm die Wangen färbte, ja, ihm ohne Vergleich mehr Freude bereitete als der schönste Zeitungsbericht über die erhebende Wirkung seiner festlichen Person, den Geheimrat Schustermann ihm hätte vorlegen können.
Herr Stavenüter geleitete seine Gäste in das von Palisaden umfriedigte Gehege, wo in Wiese und Busch die sechs oder sieben Fasanenfamilien ein versorgtes und bürgerliches Leben führten, und sie sahen dem Benehmen der bunten, rotäugigen und steifgeschwänzten Vögel zu, besichtigten das Bruthäuschen und wohnten einer Fütterung bei, die Herr Stavenüter am Fuß einer schönen, einzeln stehenden Fichte zu ihrem Vergnügen vornahm, worauf Klaus Heinrich ihm seine vollste Anerkennung des Gesehenen zum Ausdruck brachte. Imma Spoelmann betrachtete ihn mit großen und dunkel forschenden Augen bei Erledigung dieser Förmlichkeit. Dann stieg man vorm Wirtsgarten zu Pferde und trat, während Perceval sich vor den Pferden mit rasendem Geheul um sich selber schwang, den Heimweg an.
Auf diesem Heimwege aber sollte Klaus Heinrich gesprächsweise noch einen nicht unbedeutsamen Fingerzeig über Imma Spoelmanns Natur und Charakter erhalten, eine mittelbare Erläuterung gewisser Seiten ihrer Persönlichkeit, die ihm Stoff zu anhaltendem Nachdenken gab.
Bald nämlich, nachdem man den brombeerbewachsenen Hohlweg verlassen hatte und wieder auf der sanft gewellten Landstraße dahinritt, kam Klaus Heinrich auf einen Punkt zurück, der bei seinem ersten Besuch auf »Delphinenort« in der Unterhaltung am Teetisch seltsam kurz berührt worden war und nicht aufgehört hatte, ihn unbestimmt zu beunruhigen.
»Lassen Sie mich übrigens«, sagte er, »eine Frage tun, Fräulein Imma. Sie brauchen sie nicht zu beantworten, wenn es Ihnen nicht gefällig ist.«
»Wir werden sehen«, antwortete sie.
»Vor vier Wochen,« fing er an, »als ich zum erstenmal das Vergnügen hatte, mit Herrn Spoelmann, Ihrem Vater, zu plaudern, richtete ich eine Frage an ihn, die er so kurz und abbrechend beantwortete, daß ich fürchten muß, einen Mißgriff oder falschen Schritt damit getan zu haben.«
»Was fragten Sie?«
»Ich fragte, ob es ihm nicht schwer geworden sei, Amerika zu verlassen.«
»Ja, sehen Sie, Prinz, das war nun wieder so recht eine Frage, die Ihnen ähnlich sieht, eine ausgemachte Prinzenfrage. Wären Sie auf dem Gebiete der Denklehre ein wenig beschlagener, so hätten Sie sich wohl stillschweigend mit dem Vernunftbeschluß begnügt, daß, wenn mein Vater Amerika nicht leicht und gern verlassen hätte, er es schlechterdings überhaupt nicht verlassen hätte.«
»Das mag wahr sein, Fräulein Imma, verzeihen Sie, ich denke nicht sehr genau. Aber wenn ich mit meiner Frage mich keines andern Fehltritts als nur eines Denkfehlers schuldig gemacht habe, so will ich wahrhaftig zufrieden sein. Können Sie mich soweit beruhigen?«
»Nun denn, Prinz, nein, nicht einmal soweit«, sagte sie und sah ihn plötzlich mit ihren großen, schwarzglänzenden Augen an.
»Sehen Sie? Sehen Sie? Aber was für eine Bewandtnis hat es damit, Fräulein Imma? Lassen Sie mich nun wissen, was hier zu wissen ist. Sie sind es unserer Freundschaft schuldig!«
»Sind wir Freunde?«
»Ich dachte«, sagte er bittend …
»Nun, nun, Geduld! Ich wußte es nicht. Ich lasse mich gern belehren. Um aber auf meinen Vater zurückzukommen, so hat er sich in der Tat über Ihre Frage geärgert – er ärgert sich leicht und hatte Gelegenheit, sich ungewöhnliche Übung in dieser Gemütsbewegung zu erwerben. Die Sache ist die, daß die öffentliche Stimmung und Meinung uns nicht sonderlich günstig war in Amerika. Umtriebe sind da im Gange … ich bemerke, daß ich über die Einzelheiten nicht unterrichtet bin, aber eine eifrige politische Tätigkeit findet statt zu dem Zwecke, die große Menge, wissen Sie, die vielen Leute, die es nicht getroffen hat, gegen uns aufzuwiegeln, und daraus sind gesetzliche Anfeindungen und beständige Widerwärtigkeiten entstanden, die meinem Vater das Leben dort drüben verleidet haben. Sie wissen wohl, Prinz, daß nicht er es war, der unsere Lage geschaffen hat, sondern mein garstiger Großvater mit seinem Paradise-Nugget und seiner Blockhead-Farm. Mein Vater kann gar nichts dafür, er hat sein Schicksal geerbt und hat nicht leicht daran getragen, denn er ist eher scheu und zart von Natur und hätte am liebsten immer nur Orgel gespielt und Gläser gesammelt, ja, ich glaube, daß der Haß, in dem wir schließlich infolge der Umtriebe lebten, so daß zuweilen das Volk hinter mir drein schimpfte, wenn ich im Automobil vorüberfuhr – daß der Haß ihm ganz eigentlich seine Nierensteine eingebracht hat, das ist sehr möglich.«
»Ich bin Ihrem Herrn Vater von Herzen zugetan«, sagte Klaus Heinrich mit Nachdruck.
»Das möchte ich mir ausgebeten haben, Prinz, im Falle, daß wir Freunde sein wollen. Aber dann kam noch ein anderes hinzu, das alles verschärfte und unsere Stellung dort drüben ein wenig schwierig machte, und das hing mit unserer Abstammung zusammen.«
»Mit Ihrer Abstammung?«
»Ja, Prinz, wir sind keine adeligen Fasanen, wir stammen leider weder von Washington noch von den ersten Einwanderern ab …«
»Nein, denn Sie sind ja Deutsche.«
»O ja, aber da ist trotzdem nicht alles in Ordnung. Haben Sie doch die Herablassung, mich einmal genau zu betrachten. Finden Sie es etwa ehrenhaft, so blauschwarzes, strähniges Haar zu haben, das immer fällt, wohin es nicht soll?«
»Gott weiß, daß Sie wunderschönes Haar haben, Fräulein Imma!« sagte Klaus Heinrich. »Auch ist mir wohlbekannt, daß Sie zum Teile südlicher Abstammung sind, denn Ihr Herr Großvater hat sich ja in Bolivia vermählt oder in dieser Gegend, wie ich gelesen habe.«
»Das tat er. Aber hier liegt der Haken, Prinz. Ich bin eine Quinterone.«
»Was sind Sie?«
»Eine Quinterone.«
»Das gehört zu den Adirondacks und der Parallaxe, Fräulein Imma. Ich weiß nicht, was es ist. Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich nicht viel gelernt habe.«
»Nun, das war so. Mein Großvater, unbedenklich wie er in allen Stücken war, heiratete dort unten eine Dame mit indianischem Blut.«
»Mit indianischem?«
»Jawohl. Besagte Dame nämlich stammte im dritten Gliede von Indianern ab, sie war die Tochter eines Weißen und einer Halbindianerin und also Terzerone, wie man es nennt – oh, sie soll erstaunlich schön gewesen sein! –, und sie wurde meine Großmutter. Die Enkel solcher Großmütter aber werden Quinteronen genannt. So liegen die Dinge.«
»Ja, das ist merkwürdig. Aber sagten Sie nicht, daß es auf das Verhalten der Leute Ihnen gegenüber von Einfluß gewesen sei?«
»Ach, Prinz, Sie wissen gar nichts. Sie müssen aber wissen, daß indianisches Blut dort drüben einen schweren Makel bedeutet – einen solchen Makel, daß Freundschaften und Liebesbündnisse mit Schimpf und Schande auseinandergehen, wenn eine derartige Abstammung des einen Teiles ans Licht der Sonnen kommt. Nun steht es ja so arg nicht mit uns, denn bei Quarteronen – in Gottes Namen, da ist der Schade nicht mehr so groß, und ein Quinterone gehört im ganzen schon fast zu den Makellosen. Aber mit uns, die wir so sehr dem Gerede ausgesetzt waren, war es natürlich etwas anderes, und mehrmals, wenn hinter mir drein geschimpft wurde, habe ich zu hören bekommen, daß ich eine Farbige sei. Kurz, es blieb eine Beeinträchtigung, eine Erschwerung, und sonderte uns selbst von den wenigen ab, die sich übrigens ungefähr in der gleichen Lebenslage befanden – blieb immer etwas, was zu verstecken oder zu vertreten war. Mein Großvater hatte es vertreten, er war der Mann dazu und hatte gewußt, was er tat; auch war er ja reinen Bluts, und nur seine schöne Frau trug den Makel. Aber mein Vater war ihr Sohn, und ärgerlich und leicht gereizt, wie er ist, hat er es von Jugend auf nur schwer ertragen, bestaunt und gehaßt und verachtet zu gleicher Zeit zu sein, halb Weltwunder und halb infam, wie er zu sagen pflegte, und hatte Amerika in jeder Beziehung satt. Das ist die Geschichte, Prinz,« sagte Imma Spoelmann, »und nun wissen Sie es, warum mein Vater sich ärgerte über Ihre scharfsinnige Frage.«
Klaus Heinrich sagte ihr Dank für die Aufklärung, ja, noch vor dem Portal von »Delphinenort«, als er sich – es war Lunchzeit geworden –, die Hand an der Mütze, von den Damen verabschiedete, wiederholte er seinen Dank für das, was sie ihm gesagt, und ritt dann schrittweise heim, um über die Ergebnisse des Vormittags nachzudenken.
Imma Spoelmann saß weich in ihrem rotgoldenen Kleide am Tische im Saal, in lässiger Haltung, mit launisch verwöhnten Mienen, saß in üppiger Sicherheit, während ihre Rede scharf ging wie dort, wo es gilt, wo Helligkeit, Härte und wachsamer Witz zum Leben geboten sind. Warum doch? Klaus Heinrich begriff es nun, und Tag für Tag war er beschäftigt, es besser in seinem Herzen zu begreifen. Bestaunt, gehaßt und verachtet zu gleicher Zeit, halb Weltwunder und halb infam, so hatte sie gelebt, und das hatte die Dornen in ihre Rede gebracht, jene Schärfe und spöttische Helligkeit, die Abwehr war, wenn sie Angriff schien, und die eine schmerzliche Verzerrung auf den Gesichtern derer hervorrief, welche die Wehr des Witzes nicht nötig gehabt hatten. Sie hatte ihn zu Mitleid und Milde angehalten gegenüber der armen Gräfin, wenn sie sich gehen ließ; aber ihr selbst tat Mitleid und Milderung not, weil sie einsam war und es schwer hatte – gleich ihm. Eine Erinnerung beschäftigte ihn zu gleicher Zeit mit diesen Erwägungen, eine alte, peinvolle Erinnerung, die den Büfettraum des »Bürgergartens« zum Schauplatz hatte und mit einem Bowlendeckel endigte … »Kleine Schwester!« sagte er bei sich selbst, indem er sich hastig ab davon wandte. »Kleine Schwester!« – Hauptsächlich aber sann er darauf, wie das Zusammensein mit Imma Spoelmann in kürzester Frist zu erneuern sei.
Das geschah bald und wiederholt unter verschiedenen Umständen. Der Februar ging zu Ende, es kamen der ahnungsvolle März, der wetterwendische April, der zärtliche Mai. Und all diese Zeit verkehrte Klaus Heinrich auf Schloß Delphinenort, wohl wöchentlich einmal, vormittags oder nachmittags, und eigentlich beständig in dem unverantwortlichen Zustande, in welchem er an jenem Februarmorgen bei Spoelmanns erschienen war, willenlos sozusagen und wie vom Schicksal ergriffen. Die benachbarte Lage der Schlösser begünstigte den Verkehr, die kurze Parkstrecke von »Eremitage« nach »Delphinenort« war zu Pferd oder mit dem Dogcart ohne bedeutendes Aufsehen zurückzulegen; und wenn bei vorschreitender Jahreszeit infolge größerer Belebtheit der Umgebung es schwerer und schwerer wurde, ohne Aufmerken des Publikums miteinander spazierenzureiten, so ist des Prinzen innere Verfassung während dieses Zeitabschnittes als eine vollkommene Gleichgültigkeit und blinde Rücksichtslosigkeit in bezug auf die Welt, auf Hof, Stadt und Land zu denken. Die Teilnahme der Öffentlichkeit begann erst später in seinem Sinnen und Trachten eine – dann freilich wichtige und beglückende Rolle zu spielen.
Er hatte nach dem ersten Ritt sich nicht von den Damen verabschiedet, ohne einen neuen Ausflug ins Auge zu fassen, wogegen Imma Spoelmann, indem sie mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin und her gewandt, nichts Ernstliches einzuwenden gehabt hatte. So kehrte er wieder, und man ritt zum »Hofjäger«, einer am nördlichen Rande des Stadtgartens gelegenen Waldwirtschaft, kehrte er abermals wieder, und man ritt zu einem dritten Ausflugsziel, das ebenfalls ohne Berührung der Stadt zu erreichen war. Dann, als der Frühling die Residenzler ins Freie lockte und die Wirtsgarten sich füllten, bevorzugte man einen abgelegenen und eigenartigen Weg, der eigentlich kein Weg, sondern ein Damm oder Wiesenrand mit blumiger Böschung war, der zur Seite eines geschwind strömenden Wasserarmes sich langhin in nördlicher Richtung erstreckte. Man gelangte am ungestörtesten dahin, indem man die Rückseite des Parkes von Schloß »Eremitage« entlang und über die Flußaue am Rande des nördlichen Stadtgartens bis zur Höhe des »Hofjägers« ritt, dann aber nicht – bei der Schleuse – auf der hölzernen Brücke den Flußarm überschritt, sondern diesseits seinem Laufe folgte. Rechts blieb das Gehöft der Wirtschaft zurück, und Mittelholz zog sich hin, soweit sie kamen. Links dehnten sich Wiesen aus, die weiß und bunt waren von Schierling und Pustblumen, von Butter- und Glockenblumen, Klee, Margueriten und auch Vergißmeinnicht; der Kirchturm eines Dorfes ragte zwischen Äckern hervor, und fern lief die Landstraße mit ihrem Verkehr, vor dem sie in Sicherheit waren. Später aber traten auch linker Hand Weiden und Haselnußstauden der Böschung nahe, die Aussicht verhindernd, und nun ritten sie, vollends geschützt und abgeschieden, zu zweien meistens und gefolgt von der Gräfin, weil der Weg schmal war, ritten plaudernd und schweigend, während Perceval mit angezogenen Vorderbeinen hin und her über das Wasser setzte oder drunten ein Bad nahm und mit hastigem Schlappen seinen Durst stillte. Sie kehrten auf demselben Wege zurück, auf dem sie gekommen.
Wenn aber vermöge des niedrigen Luftdrucks das Quecksilber fiel, wenn es folglich regnete und Klaus Heinrich dennoch ein Wiedersehen mit Imma Spoelmann für notwendig erachtete, so stellte er sich auf seinem Dogcart um die Teestunde in Delphinenort ein, und man blieb im Schlosse. Nur zwei- oder dreimal erschien auch Herr Spoelmann am Teetisch. Sein Leiden nahm zu in dieser Zeit, und manchen Tag war er genötigt, mit warmen Breiumschlägen im Bette zu liegen. Kam er, so sagte er: »Na, junger Prinz«, tauchte mit seiner mageren, von der weichen Manschette halb bedeckten Hand einen Krankenzwieback in seinen Tee, warf hier und da ein knarrendes Wort in die Unterhaltung ein und bot schließlich dem Gast seine goldene Zigarettendose dar, worauf er mit Doktor Watercloose, der stumm und lächelnd am Tische gesessen hatte, den Gartensaal wieder verließ. Übrigens geschah es auch bei sonnigem Wetter, daß man es vorzog, sich auf den Park zu beschränken und auf dem wohlgeebneten und von einem Netz durchquerten Platze unterhalb der Terrasse sich mit dem Ballspiel zu unterhalten. Ja, einmal wurde sogar eine rasche Fahrt in einem der Spoelmannschen Automobile weit über Schloß Fasanerie hinaus unternommen.
Eines Tages fragte Klaus Heinrich: »Ist es wahr, Fräulein Imma, was ich gelesen habe, daß Ihr Herr Vater täglich so entsetzlich viele Briefe und Bittgesuche bekommt?«
Da erzählte sie ihm von den Kollekten und Subskriptionslisten, die ohne Unterlaß in »Delphinenort« einliefen und auch nach Möglichkeit Berücksichtigung fänden, von den Stößen von Bettelschreiben aus Europa und Amerika, die mit jeder Post eingeliefert, durch die Herren Phlebs und Slippers gesichtet und Herrn Spoelmann in einer Auswahl vorgelegt würden. Zuweilen, sagte sie, mache sie sich das Vergnügen, die Stöße durchzusehen und die Adressen zu lesen, denn diese seien nicht selten phantastischer Art. Die bedürftigen oder spekulativen Absender nämlich suchten einander schon auf den Umschlägen in Kurialien und Wohldienerei zu überbieten, und alle erdenklichen Titulaturen und Rangesbezeichnungen seien in seltsamen Mischungen auf den Briefen zu finden. Ein Bittsteller aber habe kürzlich jeden Wettbewerb geschlagen, indem er seinem Schreiben die Aufschrift gegeben habe: »Seiner Königlichen Hoheit Herrn Samuel Spoelmann«. Übrigens habe er nicht mehr erhalten als die anderen …
Ein andermal kam er mit gesenkter Stimme auf die »Eulenkammer« im Alten Schlosse zu sprechen und vertraute ihr an, daß neuerdings wieder Lärm darin beobachtet worden sei, was auf entscheidende Ereignisse in seiner, Klaus Heinrichs, Familie deute. Da lachte Imma Spoelmann und klärte ihn wissenschaftlich auf, indem sie mit vorgeschobenen Lippen ihr Köpfchen hin und her wandte, wie sie ihn über die Geheimnisse des Barometers aufgeklärt hatte. Das sei Unsinn, sagte sie, und es möge sich etwa so verhalten, daß ein Teil der Polterkammer ellipsoidenartig geformt sei, und eine zweite Ellipsoidenfläche von ähnlicher Krümmung und mit einer Lärmquelle im Brennpunkt sich irgendwo draußen befände, woher es dann komme, daß innerhalb des Spukzimmers Rumoren hörbar sei, das in der nächsten Umgebung nicht vernommen werden könne. Klaus Heinrich war ziemlich niedergeschlagen über diese Auslegung und wollte von dem allgemeinen Glauben an den Zusammenhang zwischen dem Gepolter und den Schicksalen seines Hauses nur ungern lassen.
So unterhielten sie sich, und auch die Gräfin nahm teil, auf verständige und auch auf verwirrte Art, da Klaus Heinrich sich redlich Mühe gab, sie nicht durch sein Wesen zu ernüchtern und zu erkälten, sondern sie »Frau Meier« nannte, sobald sie dessen zu ihrer Sicherheit vor den Nachstellungen der lasterhaften Weiber zu bedürfen glaubte. Er erzählte den Damen von seinem unsachlichen Leben, von den schönen Trinksitzungen der Korpsbrüder, den militärischen Liebesmählern und seiner Bildungsreise, von seinen Angehörigen, seiner ehemals so herrlichen Mutter, die er dann und wann in »Segenhaus« besuchte, wo sie traurigen Hof hielt, von Albrecht und Ditlinde; Imma Spoelmann erwiderte mit einigen Nachträgen über ihre prachtvolle und sonderbare Jugend, und die Gräfin ließ manchmal ein dunkles Wort über die Schrecken und Geheimnisse des Lebens einfließen, worauf die beiden mit ernsten, ja andächtigen Mienen horchten.
Eine Art Spiel trieben sie gern: es war das Erraten von Daseinsformen, das ungefähre Einschätzen der Menschen, die sie etwa sahen, in die Abteilungen der bürgerlichen Welt, soweit ihre Wissenschaft reichte – eine fremde und begierige Beobachtung der Passanten aus der Entfernung, vom Pferde herab oder von der Spoelmannschen Terrasse. Was für junge Leute mochten wohl diese sein? Was mochten sie treiben? Wohin gehören? Es waren wohl keine Handelsschüler, sondern vielleicht der Technik Beflossene oder angehende Forstmänner, gewissen Merkmalen nach, auch wohl von der landwirtschaftlichen Hochschule, ein wenig rauhe, aber tüchtige Burschen jedenfalls, die ihren redlichen Weg schon machen würden. Aber die Kleine, Unordentliche, die hier vorüberschlenderte, war wohl so etwas wie eine Fabrikarbeiterin oder Nähmamsell. Solche Mädchen pflegten einen Liebhaber aus ähnlicher Sphäre zu haben, der sie Sonntags in einen Kaffeegarten führte. Und sie teilten einander mit, was sie sonst etwa noch von den Leuten wußten, sprachen mit Anerkennung davon und fühlten sich mehr als durch Laufen und Ballschlagen erwärmt durch diesen Zeitvertreib.
Was die rasche Automobilfahrt betraf, so erklärte Imma Spoelmann im Laufe derselben, daß sie Klaus Heinrich eigentlich nur dazu eingeladen habe, um ihm den Chauffeur zu zeigen, der sie fuhr, einen jungen, in braunes Leder gehüllten Amerikaner, von dem sie behauptete, daß er dem Prinzen ähnlich sähe. Klaus Heinrich versetzte lachend, daß die Rückansicht des Fahrers ihn nicht befähige, hierüber zu urteilen, und forderte die Gräfin auf, ihre Stimme abzugeben. Diese, nachdem sie die Ähnlichkeit eine Zeitlang mit höfischer Entrüstung geleugnet, ließ sich, von Imma gedrängt, schließlich mit einem gekniffenen Seitenblick auf Klaus Heinrich herbei, sie zu bejahen. Dann erzählte Fräulein Spoelmann, der ernste, nüchterne und geschickte junge Mann sei ursprünglich im persönlichen Dienste ihres Vaters gestanden, den er täglich von der Fünften Avenue zum Broadway und andere Wege gefahren habe. Herr Spoelmann aber habe auf außerordentliche Fahrgeschwindigkeit, die fast der eines Eilzuges gleichgekommen sei, gehalten, und der ungeheuren Anspannung, die solcherweise bei dem Getümmel von Neuyork von dem Wagenlenker gefordert worden, sei dieser auf die Dauer nicht gewachsen gewesen. Zwar habe sich niemals ein Unfall ereignet; der junge Mann habe durchgehalten und mit gewaltiger Aufmerksamkeit seine todesgefährliche Pflicht getan. Endlich aber sei es wiederholt geschehen, daß man ihn am Ziele der Fahrt ohnmächtig vom Sitz habe heben müssen, und da habe es sich gezeigt, in welcher übermäßigen Anstrengung er täglich gelebt habe. Um ihn nicht entlassen zu müssen, habe Herr Spoelmann ihn zum Leibchauffeur seiner Tochter ernannt, welchen leichteren Dienst er auch an dem neuen Aufenthaltsort zu versehen fortfahre. Die Ähnlichkeit zwischen Klaus Heinrich und ihm habe Imma festgestellt, als sie den Prinzen zum ersten Male gesehen. Es sei natürlich keine Ähnlichkeit der Züge, wohl aber eine solche des Ausdrucks. Die Gräfin habe sie zugegeben … Klaus Heinrich sagte, daß er durchaus nichts gegen die Ähnlichkeit einzuwenden habe, da der heldenmütige junge Mann seine volle Sympathie besitze. Sie sprachen dann noch mehreres von dem schweren und angespannten Dasein eines Chauffeurs, ohne daß die Gräfin Löwenjoul sich weiter an diesem Gespräche beteiligte. Sie schwatzte nicht auf dieser Fahrt, sondern sagte später mit frischen Bewegungen einige richtige und klare Dinge.
Übrigens schien Herrn Spoelmanns Schnelligkeitsbedürfnis in gewissem Grade auf seine Tochter übergegangen zu sein, denn jenen ausgelassenen Galopp des ersten gemeinsamen Ausflugs wiederholte sie bei jeder neuen Gelegenheit; und da Klaus Heinrich, durch ihren Spott erhitzt, dem verstörten und von Mißbilligung erfüllten Florian das Äußerste zumutete, um nicht zurückzubleiben, so erhielten diese Gewaltritte jedesmal einen kampfartigen Charakter, wurden zu Wettrennen, die Imma Spoelmann stets auf unvermutete und launenhafte Weise vom Zaune brach. Mehrere dieser Kämpfe entspannen sich an jener einsamen, am Wasser hinlaufenden Wiesenböschung, und einer besonders war langwierig und erbittert. Er schloß sich an ein kurzes Gespräch über Klaus Heinrichs Popularität, das von Imma Spoelmann ebenso unvermittelt eröffnet wie abgebrochen wurde. Sie fragte plötzlich: »Habe ich recht gehört, Prinz, daß Sie so ungemein beliebt sind bei der Bevölkerung? Daß alle Herzen Ihnen zuschlagen?«
Er antwortete: »Man sagt so. Irgendwelche Eigenschaften, die keine Vorzüge zu sein brauchen, mögen der Grund sein. Übrigens weiß ich durchaus nicht, ob ich es glauben oder mich gar darüber freuen soll. Ich zweifle, ob es für mich spräche. Mein Bruder, der Großherzog, meint geradezu, die Popularität sei eine Schweinerei.«
»Ja, der Großherzog muß ein stolzer Mann sein; ich achte ihn sehr. Da stehen Sie dann im Dunst, und alles liebt Sie … go on!« rief sie plötzlich, ein scharfer Schlag mit der weißledernen Gerte traf Fatme, die aufzuckte, und die Jagd begann.
Sie dauerte lange. Noch nie hatten sie den Wasserlauf so weithin verfolgt. Links hatte sich längst die Aussicht geschlossen. Erdklumpen und Grasbüschel stoben unter den Hufen auf. Die Gräfin war bald zurückgeblieben. Als sie endlich die Pferde zügelten, zitterte Florian, der sein Letztes getan hatte, und sie selbst waren bleich und atmeten schwer. Der Rückweg verlief schweigsam. –
Am Nachmittag vor seinem diesjährigen Geburtstag sah Klaus Heinrich Raoul Überbein bei sich auf »Eremitage«. Der Doktor kam, um seine Gratulation darzubringen, da er morgen durch Arbeit verhindert sein würde. Sie gingen auf den Kieswegen im rückwärtigen Teil des Parkes umher, der Oberlehrer in Gehrock und weißer Binde, Klaus Heinrich in seiner Litewka. Das Gras stand reif zur Mahd unter der schrägen Nachmittagssonne, die Linden blühten. In einem Winkel, dicht an der Hecke, die den Grund von unschönen Vorstadtwiesen trennte, war ein kleiner, morscher Borkentempel gelegen.
Klaus Heinrich sprach von seinem Verkehr auf »Delphinenort«, da dieser Gegenstand ihm am nächsten lag; er erzählte anschaulich davon, ohne dem Doktor tatsächliche Neuigkeiten mitteilen zu können, denn dieser zeigte sich auf dem laufenden. Woher er das sei? – Oh, aus verschiedenen Quellen. Überbein habe nichts vor anderen voraus. – Und also kümmere man sich in der Residenz um diese Dinge? – »Nein, behüte, Klaus Heinrich, niemand denkt daran. Weder an die Ritte, noch an die Teevisiten, noch an die Automobilfahrt. Dergleichen vermag natürlich keine Zunge in Bewegung zu setzen.« – »Aber wir sind so vorsichtig!« – »Wir ist prächtig, Klaus Heinrich, und das mit der Vorsicht auch. – Übrigens läßt Exzellenz von Knobelsdorff sich genau über Ihre Taten Bericht erstatten.« – »Knobelsdorff? – Knobelsdorff?« Klaus Heinrich schwieg. – »Und wie stellt sich Baron Knobelsdorff zu den Berichten?« fragte er dann. Nun, der alte Herr habe ja noch nicht Veranlassung genommen, in die Entwicklung der Dinge einzugreifen. – Aber die Öffentlichkeit? Die Leute? – Ja, die Leute hielten natürlich den Atem an. – »Und Sie, Sie selbst, lieber Doktor Überbein?!« – »Ich warte auf den Bowlendeckel«, erwiderte der Doktor.
»Nein!« rief Klaus Heinrich mit freudiger Stimme. »Nein, es wird nichts aus dem Bowlendeckel, Doktor Überbein, denn ich bin glücklich, glücklich, was da auch kommen möge – verstehen Sie das? Sie haben mich gelehrt, daß das Glück nicht meine Sache sei, und haben mich bei den Ohren wieder zu mir selbst gebracht, als ich es dennoch damit versuchte, und ich war Ihnen unaussprechlich dankbar dafür, denn es war schrecklich, schrecklich, und ich vergesse es nicht. Aber dies hier ist kein Ausflug in den Tanzsaal des Bürgergartens, wovon man gedemütigt und Übelkeit im Herzen zurückkehrt, es ist keine Verirrung und Entgleisung und Erniedrigung. Sehen Sie denn nicht, daß die, von der wir reden, daß sie weder in den Bürgergarten gehört, noch zu den adeligen Fasanen, noch irgendwohin sonst in der Welt als zu mir – daß sie eine Prinzessin ist, Doktor Überbein, und meinesgleichen, und daß also von Bowlendeckeln gar nicht die Rede sein kann? Sie haben mich gelehrt, daß es liederlich sei, zu behaupten, daß wir alle nur Menschen seien, und innerlich hoffnungslos für mich, so zu tun, als ob es so sei, und ein verbotenes Glück, das mit Schande enden müsse. Aber dies hier ist nicht das liederliche und verbotene Glück. Es ist zum ersten Male das erlaubte und innerlich hoffnungsvolle und glückselige Glück, Doktor Überbein, dem ich mich guten Muts überlassen darf, was da auch kommen mag …«
»Adieu, Prinz Klaus Heinrich«, sagte Doktor Überbein, ohne übrigens schon aufzubrechen. Vielmehr fuhr er fort, die Hände auf dem Rücken und den roten Bart auf die Brust gesenkt, an Klaus Heinrichs linker Seite dahinzuwandeln.
»Nein«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, nicht adieu, Doktor Überbein – das ist es ja eben! Ich will Ihr Freund bleiben, der Sie es immer so schwer gehabt haben und so stolz auf Schicksal und Strammheit halten und mich ebenfalls stolz machten dadurch, daß Sie mich als Kameraden behandelten. Ich will nun, wo ich das Glück gefunden habe, nicht bequemeren Sinnes werden, sondern Ihnen treu bleiben und mir und meinem hohen Beruf …«
»Wird nicht gegeben«, sagte Doktor Überbein auf lateinisch und schüttelte seinen häßlichen Kopf mit den abstehenden, spitz zulaufenden Ohren.
»Doch, Doktor Überbein, ich bin nun ganz sicher, daß es das gibt, beides zusammen. Und Sie, Sie sollten nicht so kaltsinnig und abweisend neben mir hergehen, wo ich so glücklich bin und obendrein der Vorabend meines Geburtstags ist. Sagen Sie mir … Sie haben so viele Einblicke getan und sich in jeder Weise den Wind um die Nase wehen lassen – aber haben Sie denn niemals Erfahrungen gemacht in dieser Richtung … Sie wissen schon … Sind Sie gar niemals ergriffen worden, wie ich es nun bin?«
»Hm«, sagte Doktor Überbein und kniff die Lippen zusammen, daß sein roter Bart sich hob und Muskelballen sich an seinen Wangen bildeten. »Das könnte wohl dennoch so unterderhand sich einmal ereignet haben.«
»Sehen Sie? Sehen Sie? Und nun erzählen Sie mir's, Doktor Überbein! Heute müssen Sie mir's erzählen!«
Und da es eine ernste und still besonnte, auch vom Dufte der Lindenblüten erfüllte Stunde war, so gab Raoul Überbein Auskunft über einen Zwischenfall seiner Laufbahn, dessen er in früheren Berichten niemals erwähnt hatte, und der gleichwohl vielleicht von entscheidender Bedeutung für sein Leben gewesen war. Er hatte sich abgespielt zu jener frühen Zeit, als Überbein die kleinen Strolche unterrichtet und nebenbei für sich selbst gearbeitet, sich den Leibgurt enger gezogen und fetten Bürgerkindern Privatstunden erteilt hatte, um sich Bücher kaufen zu können. Immer die Hände auf dem Rücken und den Bart auf der Brust, erzählte der Doktor in kurz angebundenem und scharfem Tone davon, indem er zwischen den einzelnen Sätzen fest die Lippen zusammenpreßte.
Damals hatte das Schicksal ihn unaussprechlich fest mit einem Weibe verbunden, einer schönen, weißen Frau, welche die Gattin eines edelsinnigen und achtenswerten Mannes und Mutter dreier Kinder war. Er war als Präzeptor der Kinder in das Haus gekommen, war aber später häufiger Tischgast und Hausfreund geworden, und auch mit dem Manne hatte er herzliche Empfindungen getauscht. Das zwischen dem jungen Lehrer und der weißen Frau war lange unbewußt und länger noch stumm und unterhalb aller Worte geblieben; aber es war im Schweigen erstarkt und übermächtig geworden, und in einer Abendstunde, als der Gatte sich in Geschäften verweilt hatte, einer heißen, süßen, gefährlichen Stunde, da war es in Flammen ausgebrochen und hätte sie fast betäubt. So hatte denn nun ihr Verlangen geschrien nach dem Glück, dem gewaltigen Glück ihrer Vereinigung; allein hie und da, bemerkte Doktor Überbein, kamen in der Welt anständige Handlungen vor. Sie waren sich zu schade gewesen, sagte er, um den gemeinen und lächerlichen Weg des Betruges einzuschlagen; und vor den arglosen Gatten »hinzutreten«, wie man wohl sagt, und sein Leben zu zerstören, indem sie mit dem Rechte der Leidenschaft die Freiheit von ihm forderten, war gleichfalls nicht ganz nach ihrem Geschmack gewesen. Kurz, um der Kinder, um des guten und edlen Mannes willen, den sie hochschätzten, hatten sie Verzicht geleistet und einander entsagt. Ja, dergleichen kam vor, aber es war natürlich erforderlich, ein bißchen die Zähne zusammenzubeißen. Überbein kam noch immer zuweilen in das Haus der weißen Frau. Er speiste dort zu Abend, wenn seine Zeit es erlaubte, spielte eine Partie Kasino mit den Freunden, küßte der Hausfrau die Hand und sagte gute Nacht!… Aber nachdem er dies erzählt hatte, sagte er das letzte, sagte es noch kürzer und schärfer als das vorige, während sich noch öfter die Muskelballen an seinen Mundwinkeln bildeten. Damals nämlich, als er und die weiße Frau Verzicht geleistet hatten, damals hatte Überbein dem Glücke, der »Bummelei des Glücks«, wie er es seitdem nannte, endgültig und auf immer Valet gesagt. Da er die weiße Frau nicht gewinnen konnte oder wollte, hatte er sich zugeschworen, ihr Ehre zu machen und dem, was ihn mit ihr verband, indem er es weit brachte und sich groß machte auf dem Felde der Arbeit – hatte sein Leben auf die Leistung gestellt, auf sie allein, und war geworden, wie er war. – Das war das Geheimnis, war wenigstens ein Beitrag zur Lösung des Rätsels von Überbeins Ungemütlichkeit, Überheblichkeit und Streberei. Klaus Heinrich sah mit Bangen, wie außerordentlich grün sein Gesicht war, als er sich mit tiefer Verbeugung verabschiedete und dabei sagte: »Grüßen Sie die kleine Imma, Klaus Heinrich!«
Am nächsten Morgen nahm der Prinz im Gelben Zimmer die Glückwünsche des Schloßpersonals und später diejenigen der Herren von Braunbart-Schellendorf und von Schulenburg-Tressen entgegen. Im Laufe des Vormittags fuhren die Mitglieder des großherzoglichen Hauses zur Gratulation auf »Eremitage« vor, und um ein Uhr begab sich Klaus Heinrich in seiner Chaise zum Familienfrühstück bei dem Fürsten und der Fürstin zu Ried-Hohenried, unterwegs vom Publikum ungewöhnlich beifällig begrüßt. Die Grimmburger waren vollzählig versammelt in dem zierlichen Palais an der Albrechtsstraße. Auch der Großherzog kam im Gehrock, grüßte alle mit dem schmalen Haupt, indem er mit der Unterlippe leicht an der oberen sog, und trank Milch mit Mineralwasser vermischt zu den Speisen. Fast unmittelbar nach beendetem Frühstück zog er sich zurück. Prinz Lambert war ohne seine Gemahlin erschienen. Der alte Ballettfreund war gefärbt, ausgehöhlt, schlottricht und besaß eine Grabesstimme. Er wurde von den Verwandten bis zu einem gewissen Grade übersehen.
Unter Tafel drehte sich das Gespräch eine Weile um höfische Angelegenheiten, dann um das Gedeihen der kleinen Prinzessin Philippine und später fast ausschließlich um die großgewerblichen Unternehmungen des Fürsten Philipp. Der zarte kleine Herr erzählte von seinen Brauereien, Fabriken und Mühlen und namentlich von seinen Torfstechereien, er schilderte Verbesserungen in den Betrieben, sprach in Ziffern von Anlagen und Erträgnissen, und seine Wangen röteten sich, während die Verwandten seiner Frau ihm mit neugierigen, wohlwollenden oder spöttischen Mienen lauschten.
Als in dem großen Blumensalon der Kaffee genommen wurde, trat die Fürstin mit ihrem vergoldeten Täßchen an ihren Bruder heran und sagte: »Du hast uns aber vernachlässigt in letzter Zeit, Klaus Heinrich.«
Ditlindens herzförmiges Gesicht mit den Grimmburger Wangenknochen war nicht ganz so durchsichtig mehr, es hatte ein wenig mehr Farbe gewonnen seit der Geburt ihres Töchterchens, und ihr Haupt schien weniger schwer an der Last ihrer aschblonden Flechten zu tragen.
»Habe ich euch vernachlässigt?« fragte er. »Ja, verzeih, Ditlinde, es mag wohl sein. Aber ich war so sehr in Anspruch genommen, und dann wußte ich ja, daß auch du es bist, denn nun hast du ja nicht mehr nur deine Blumen zu warten.«
»Ja, die Blumen sind aus der Herrschaft verdrängt, sie machen mir nicht viele Gedanken mehr. Es ist nun ein schöneres Leben und Blühen, das mir zu schaffen macht, und ich glaube, ich habe so rote Backen davon bekommen wie mein guter Philipp von seinem Torf (von dem er während des ganzen Frühstücks gesprochen hat, was ich nicht loben will, aber es ist seine Leidenschaft). Und da ich so wohlbeschäftigt und ausgefüllt war, so bin ich dir auch nicht gram gewesen, daß du dich nicht sehen ließest und deine eigenen Wege gingst, wenn sie mir auch ein bißchen verwunderlich waren …«
»Kennst du denn meine Wege, Ditlind?«
»Ja, leider nicht von dir. Aber Jettchen Isenschnibbe hat mich auf dem laufenden gehalten – du weißt, sie ist stets unterrichtet –, und anfangs war ich heftig erschrocken, das leugne ich nicht. Aber schließlich wohnen sie ja auf ›Delphinenort‹, und er hat einen Leibarzt, und Philipp meint auch, in ihrer Art seien sie ebenbürtig. Ich glaube, ich habe mich früher absprechend über sie geäußert, Klaus Heinrich, habe etwas von ›Vogel Roch‹ gesagt, wenn ich mich recht erinnere, und einen Scherz mit dem Worte ›Steuersubjekt‹ gemacht. Aber wenn du die Leute deiner Freundschaft wert achtest, so habe ich mich eben geirrt und nehme diese Äußerungen natürlich zurück und will versuchen, fortan anders über sie zu denken, das verspreche ich dir … Du hast immer gern gestöbert,« fuhr sie fort, als er ihr lächelnd die Hand geküßt hatte, »und ich mußte mit, und mein Kleid (weißt du noch? das rotsamtne), das hatte die Kosten zu tragen. Nun stöberst du allein, und Gott gebe, daß du nichts Häßliches dabei erfährst, Klaus Heinrich.«
»Ach, Ditlind, ich glaube eigentlich, daß es immer schön ist, was man erfährt, ob gut, ob schlimm, aber es ist gut, was ich erfahre …«
Um halb fünf Uhr verließ der Prinz aufs neue Schloß »Eremitage«, und zwar auf seinem Dogcart, den er selbst kutschierte, Rücken an Rücken mit einem Lakaien. Es war warm, und Klaus Heinrich trug weiße Beinkleider zum zweireihigen Überrock. Nach beiden Seiten grüßend, fuhr er abermals zur Stadt, genauer zum Alten Schloß, ließ aber das Albrechtstor liegen und nahm seine Einfahrt in den Komplex durch einen Nebentorweg, legte zwei Höfe zurück und hielt in demjenigen mit dem Rosenstock.
Alles war still und steinern hier; die Treppentürme mit ihren schrägen Fenstern, schmiedeeisernen Balustraden und schönen Skulpturen ragten in den Ecken empor, und in Licht und Schatten stand das verschiedenartige Bauwerk umher, teils grau und verwittert, teils neueren Ansehens, mit Giebeln und kastenartigen Ausladungen, mit offenen Loggien, Einblicken durch weite Bogenfenster in gewölbte Hallen und gedrungenen Säulengängen. In der Mitte aber, in seinem umgitterten Beet, stand der Rosenstock und blühte, so sehr hatte das Jahr ihn begünstigt.
Klaus Heinrich gab die Zügel dem Diener, ging hin und betrachtete die dunkelroten Rosen. Sie waren außerordentlich schön – voll und sammetähnlich, edel gebildet und wahre Kunstwerke der Natur. Mehrere waren schon ganz erschlossen.
»Bitte, rufen Sie Hesekiel«, sagte Klaus Heinrich zu einem schnurrbärtigen Türhüter, der, die Hand am Dreispitz, herangetreten war.
Hesekiel kam, der Hüter des Rosenstocks. Es war ein Greis von siebzig Jahren, in einer Gärtnerschürze, mit Triefaugen und gebeugtem Rücken.
»Haben Sie eine Schere bei sich, Hesekiel?« fragte Klaus Heinrich laut. »Ich möchte eine Rose haben.« Und Hesekiel zog eine Gartenschere aus der beutelartigen Tasche seiner Schürze.
»Die hier,« sagte Klaus Heinrich, »das ist die schönste.« Und mit zitternden Händen durchschnitt der Alte den dornigen Stengel.
»Ich will sie besprengen, Königliche Hoheit«, sagte er und begab sich mit schlürfenden Schritten in einen Winkel des Hofes zum Wasserhahn. Schimmernde Tropfen hafteten, als er zurückkehrte, auf den Blättern der Rose wie auf dem Gefieder von Wasservögeln.
»Danke, Hesekiel«, sagte Klaus Heinrich und nahm die Rose. »Immer bei Kräften? Hier!« Und er gab dem Greise ein Geldstück und bestieg den Dogcart, fuhr, die Rose neben sich auf dem Sitz, über die Höfe und kehrte nach der Meinung aller, die ihn sahen, vom Alten Schloß, wo er wahrscheinlich eine Unterredung mit dem Großherzog gehabt hatte, nach »Eremitage« zurück.
Er fuhr aber von dort durch den Stadtgarten nach »Delphinenort«. Der Himmel hatte sich verdunkelt, große Tropfen fielen schon auf die Blätter nieder, und in der Ferne donnerte es.
Die Damen saßen beim Tee, als Klaus Heinrich, von dem bauchigen Butler geführt, in der Galerie erschien und die Stufen zum Gartensalon hinabschritt. Herr Spoelmann war, wie gewöhnlich in letzter Zeit, nicht anwesend. Er lag mit Breiumschlägen. Perceval, der in schneckenförmiger Pose neben Immas Stuhle lag, schlug mehrmals grüßend mit dem Schweif auf den Teppich. Die Vergoldung der Möbel war stumpf, denn hinter der Glastür lag der Park im Wetterschatten.
Klaus Heinrich tauschte einen Händedruck mit der Tochter des Hauses und küßte der Gräfin die Hand, indem er sie gleichzeitig sanft aus der höfischen Verbeugung emporhob, in die sie ihrer Gewohnheit nach versunken war. »Da ist es nun Sommer«, sagte er zu Imma Spoelmann und bot ihr die Rose. Er hatte ihr noch niemals Blumen gebracht.
»Welche Ritterlichkeit!« sagte sie. »Danke, Prinz! Und sie ist schön!« fuhr sie in aufrichtiger Bewunderung fort (während sie sonst nie etwas lobte) und umfing das herrliche Blumenhaupt, dessen tauige Blätter an den Rändern köstlich gerollt waren, mit ihren schmalen und schmucklosen Händen. »Gibt es so schöne Rosen hier? Woher haben Sie sie?« Und sie neigte durstig ihr schwarzbleiches Köpfchen darüber.
Ihre Augen waren voller Schrecken, als sie es wieder hob. –
»Sie duftet nicht!« sagte sie, und ein Ausdruck von Ekel erschien um ihren Mund. »Warten Sie … Doch, sie riecht nach Moder!« sagte sie. »Was bringen Sie mir, Prinz?« Und ihre übergroßen schwarzen Augen in dem perlblassen Gesichtchen schienen vor fragendem Entsetzen zu glühen.
»Ja,« sagte er, »verzeihen Sie, das ist unsere Art von Rosen. Sie ist von dem Stock in einem der Höfe des Alten Schlosses. Haben Sie niemals davon gehört? Es hat seine Bewandtnis damit. Das Volk sagt, daß sie eines Tages aufs lieblichste zu duften beginnen werden.«
Sie schien ihm nicht zuzuhören. »Es ist, als hätte sie keine Seele«, sagte sie und betrachtete die Rose. »Aber sie ist vollkommen schön, das muß man ihr lassen … Nun, das ist ein fragwürdiges Naturspiel, Prinz. Aber haben Sie jedenfalls Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Und wenn sie aus dem Schloß Ihrer Väter stammt, so muß man ihr Reverenz erweisen.«
Sie stellte die Rose in ein Wasserglas neben ihr Gedeck. Ein Schwanverbrämter brachte dem Prinzen Tasse und Teller. Und sie plauderten beim Tee über den verwunschenen Rosenstock und dann über gewohnte Gegenstände, über das Hoftheater, über ihre Pferde, über allerlei nichtige Streitfragen, in welchen Imma Spoelmann ihm widersprach, geschliffene Redensarten in Anführungsstrichen daherführte, indem sie sich über sie lustig machte, ihn mattsetzte in erlesener Schriftrede, die sie mit ihrer gebrochenen Stimme hervorsprudelte, während sie launisch ihr Köpfchen dabei drehte. Später wurde ein gewichtiger, in weißes Papier verpackter Ballen gebracht, eine Sendung des Buchbinders für Fräulein Spoelmann, enthaltend eine Anzahl von Werken, die sie in schöne und dauerhafte Gewänder hatte kleiden lassen. Sie öffnete das Paket, und alle drei sahen nach, ob der Handwerker gute Arbeit getan habe.
Es waren fast lauter gelehrte Bücher, entweder solche, die inwendig so zauberhaft aussahen wie Imma Spoelmanns Kollegheft, oder solche, die sich mit wissenschaftlicher Seelenkunde, scharfsinnigen Zergliederungen der inneren Vorgänge befaßten; und sie waren aufs kostbarste ausgestattet, mit Pergament und gepreßtem Leder, mit Golddruck, ausgesuchten Papieren und seidenen Bandzeichen. Imma Spoelmann zeigte sich leidlich zufrieden mit der Lieferung, aber Klaus Heinrich, der niemals so reiche Bände gesehen hatte, war des Lobes voll.
»Nun werden sie also aufgestellt?« fragte er … »Zu den anderen oben? Sie haben wohl viele Bücher? Und sind alle so schön wie diese? Lassen Sie mich zusehen, wie Sie sie einreihen! Ich kann nicht fahren, das Wetter steht immer noch da und droht meinen weißen Hosen. Ich weiß überhaupt nicht, wie Sie wohnen auf Delphinenort, ich war nie in Ihrem Studio. Wollen Sie mir Ihre Bücher zeigen?«
»Das hängt von der Gräfin ab«, sagte sie und war damit beschäftigt, die neuen Bände aufeinanderzustapeln. »Gräfin, der Prinz wünscht meine Bücher zu sehen. Darf ich Sie bitten, sich hierzu zu äußern?«
Gräfin Löwenjoul saß in Abwesenheit. Den kleinen Kopf zur Schulter geneigt, betrachtete sie Klaus Heinrich mit einem scharf gekniffenen, ja boshaften Blick und ließ dann ihre Augen zu Imma Spoelmann hinübergleiten, während ihre Miene sich veränderte und ein weicher, mitleidiger und besorgter Ausdruck davon Besitz ergriff. Lächelnd kam sie zu sich und nestelte eine kleine Uhr aus ihrem braunen, enganschließenden Kleide hervor.
»Um sieben Uhr«, sagte sie frisch, »erwartet Mister Spoelmann Sie, Imma, damit Sie ihm vorlesen. Sie haben eine halbe Stunde, um den Wunsch Seiner Königlichen Hoheit zu erfüllen.«
»Nun, so kommen Sie, Prinz, und besichtigen Sie mein Studio!« sagte Imma. »Auch mögen Sie sich immerhin an der Überführung der Bücher beteiligen, sofern Ihre Hoheit es zuläßt. Ich nehme die Hälfte …«
Aber Klaus Heinrich nahm alle Bücher. Er umfaßte sie mit beiden Armen, obgleich der linke ihm wenig nütze war, und der Stapel reichte ihm über das Kinn. So, rückwärts gebeugt und behutsam, um nichts zu verlieren, folgte er der führenden Imma hinüber in den nach der Auffahrtsallee gelegenen Flügel, in dessen Hauptgeschoß die Wohnungen Fräulein Spoelmanns und der Gräfin Löwenjoul lagen.
In dem großen und wohnlichen Zimmer, das sie durch eine schwere Tür betraten, ließ er seine Last auf die sechseckige Platte eines Ebenholztisches nieder, der vor einem massigen, mit golddurchwirktem Stoff überkleideten Sofa stand. Imma Spoelmanns Studio war nicht in dem geschichtlichen Stile des Schlosses, sondern in neuerem Geschmack und übrigens ohne alle Zierlichkeit, vielmehr mit großzügigem, herrenhaftem und zweckmäßigem Luxus hergerichtet. Mit edlem Holze getäfelt bis hoch hinauf und geschmückt mit alten Tonwaren, die rings unter der Decke auf den Gesimsen schimmerten, war es ausgestattet mit morgenländischen Teppichen, einem Kamin mit schwarzmarmornem Mantel, auf dessen Platte schöngeformte Vasen und eine goldene Stutzuhr standen, breiten, bordierten Sammetstühlen und Vorhängen aus dem gewirkten Stoff des Sofabezuges. Der geräumige Schreibtisch stand vor dem Bogenfenster, welches die Aussicht auf das große Brunnenbassin vorm Schlosse bot. Eine Wand war mit Büchern bedeckt, aber die Hauptbibliothek befand sich in dem anstoßenden, kleineren und ebenfalls mit Teppichen belegten Raum, in den eine offene Schiebetür Einblick gewährte, und dessen Wände durchaus und bis zur Decke hinauf mit Bücherborden umstellt waren.
»Nun, Prinz, dies ist meine Eremitage«, sagte Imma Spoelmann. »Sie gefällt Ihnen, wie ich hoffe?«
»Doch, sie ist herrlich«, sagte er. Übrigens sah er sich gar nicht um, sondern blickte unverwandt auf sie, die bei dem sechseckigen Tisch an dem Seitenpolster des Sofas lehnte. Sie trug eines ihrer schönen Hauskleider, ein sommerliches heute, aus einem blütenweißen, gefalteten Stoff, mit offenen Ärmeln und einer gelben Stickerei auf der Brust. Die Haut ihrer Arme und ihres Halses erschien bräunlich wie angerauchter Meerschaum gegen die Weiße des Kleides, ihre übergroßen und glänzend ernsten Augen in dem seltsamen Kindergesichtchen redeten eine fließende und unaufhaltsame Sprache, und eine glatte Strähne ihres blauschwarzen Haares fiel seitwärts in ihre Stirn. Sie hatte Klaus Heinrichs Rose in der Hand.
»Doch, sie ist herrlich«, sagte er, der vor ihr stand, und wußte nicht, was er meinte. Seine blauen Augen, von den volkstümlichen Wangenknochen bedrängt, waren trüb wie von Schmerz. »Sie haben so viele Bücher,« fügte er hinzu, »wie meine Schwester Ditlinde Blumen hat.«
»Hat die Fürstin so viele Blumen?«
»Ja, aber neuerdings sind sie ihr weniger wert.«
»Nun wollen wir einräumen«, sagte sie und griff nach den Büchern.
»Nein, warten Sie«, sagte er mit schwerer Brust. »Ich habe Ihnen so viel zu sagen, und unsere Zeit ist so kurz. Sie müssen wissen, daß heute mein Geburtstag ist – darum kam ich und brachte Ihnen die Rose.«
»Oh,« sagte sie, »das ist bemerkenswert! Es ist Ihr Geburtstag heute? Nun, ich bin sicher, daß Sie alle Glückwünsche mit dem Ihnen eigenen Anstand entgegengenommen haben. Nehmen Sie auch den meinen! Es war hübsch, daß Sie mir heute die Rose brachten, obgleich sie ihr Bedenkliches hat …« Und sie versuchte noch einmal mit furchtsamem Ausdruck den Moderduft. »Wie alt werden Sie heute, Prinz?«
»Siebenundzwanzig«, antwortete er. »Vor siebenundzwanzig Jahren wurde ich auf der Grimmburg geboren. Ich habe es immer recht streng und einsam seitdem gehabt.«
Sie schwieg. Und plötzlich sah er, wie ihr Blick, unter leicht verfinsterten Brauen, an seiner Seite suchte – ja, obwohl er, seiner Übung nach, ein wenig schräg vor ihr stand und ihr die rechte Schulter zuwandte, konnte er nicht verhindern, daß ihre Augen sich mit stillem Forschen auf seinen linken Arm, auf die Hand hefteten, die er weit rückwärts in die Hüfte gestemmt hatte.
»Haben Sie das da seit Ihrer Geburt?« fragte sie leise.
Er erbleichte. Aber mit einem Laut, der wie ein Laut der Erlösung klang, sank er vor ihr nieder, indem er die seltsame Gestalt mit beiden Armen umschlang. Da lag er in seinen weißen Hosen und seinem blau und roten Rock mit den Majorsraupen auf den schmalen Schultern.
»Kleine Schwester …«, sagte er. »Kleine Schwester …«
Sie antwortete mit vorgeschobenen Lippen: »Haltung, Prinz. Ich bin der Meinung, daß es nicht erlaubt ist, sich gehen zu lassen, sondern daß man unter allen Umständen Haltung bewahren muß.«
Aber hingegeben und mit blinden Augen, das Gesicht zu ihr emporgewandt, sagte er nichts als: »Imma … kleine Imma …«
Da nahm sie seine Hand, die linke, verkümmerte, das Gebrechen, die Hemmung bei seinem hohen Beruf, die er von Jugend auf mit Kunst und Wachsinn zu verbergen gewöhnt war – nahm sie und küßte sie.