The Project Gutenberg eBook of Gedichte und Sprüche in Auswahl

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Title: Gedichte und Sprüche in Auswahl

Author: von der Vogelweide Walther

Release date: April 8, 2011 [eBook #35795]

Language: German

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE UND SPRÜCHE IN AUSWAHL ***

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Walther von der Vogelweide


Gedichte und Sprüche
in Auswahl

Im Insel-Verlag zu Leipzig

FRÜHLINGSSEHNSUCHT

Uns hât der winter geschadet über al:
heide unde walt die sint beide nû val,
dâ manic stimme vil suoze inne hal.
sæhe ich die megde an der strâze den bal
werfen, sô kæme uns der vogele schal.
Möhte ich verslâfen des winters gezît!
wache ich die wîle, sô hân ich sîn nît,
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît;
weiz got, er lât och dem meien den strît:
sô lis' ich bluomen dâ rîfe nû lît.

TRAUMDEUTUNG

Dô der sumer komen was
und die bluomen durch daz gras
wünneclîche ensprungen,
aldâ die vogele sungen,
dar kom ich gegangen
an einen anger langen,
dâ ein lûter brunne enspranc:
vor dem walde was sîn ganc,
dâ diu nahtegale sanc.
Bî dem brunnen stuont ein boum,
dâ gesach ich einen troum.
ich was von der sunnen
gegangen zuo dem brunnen,
daz diu linde mære
mir küelen schaten bære.
bî dem brunnen ich gesaz,
mîner swære ich gar vergaz:
schiere entslief ich umbe daz.
bedûhte mich zehant,
wie mir dienten alliu lant,
wie mîn sêle wære
ze himel âne swære
und der lîp hie solte
gebâren swie er wolte.
dâne was mir niht ze wê:
got der walde's, swie'z ergê,
schœner troum enwart nie mê.
Gerne sliefe ich iemer dâ,
wan ein unsæligiu krâ,
diu begonde schrîen.
daz alle krâ gedîen
alse ich in des günne!
si nam mir michel wünne.
von ir schrîen ich erschrac:
sô wær' ez ir suonetac.
Wan ein wunderaltez wîp
diu getrôste mir den lîp.
die begonde ich eiden.
nû hât si mir bescheiden
waz der troum bediute.
daz merken wîse liute:
zwêne und einer daz sint drî;
dannoch seite s' mir dâ bî,
daz mîn dûme ein vinger sî.

FRÜHLING UND FRAUEN

die bluomen ûz dem grase dringent,
same sie lachen gegen der spileden sunnen,
in einem meien an dem morgen fruo,
und diu kleinen vogellîn wol singent
in ir besten wîse die sie kunnen,
waz wünne mac sich dâ genôzen zuo?
ez ist wol halb ein himelrîche.
suln wir sprechen, waz sich deme gelîche,
sô sage ich, waz mir dicke baz
in mînen ougen hât getân und tæte ouch noch, gesæhe ich daz.
Swâ ein edeliu schœne frouwe reine
durch kurzewîle zuo vil liuten gât,
umbe sehende ein wênic under stunden:
alsam der sunne gegen den sternen stât:
der meie bringe uns al sîn wunder,
waz ist dâ sô wünneclîches under
als ir vil minneclîcher lîp?
wir lâzen alle bluomen stân und kapfen an daz werde wîp.
Nû wol dan, welt ir die wârheit schouwen,
gên wir zuo des meien hôchgezîte!
der ist mit aller sîner krefte komen.
seht an in und seht an werde frouwen,
wederez daz ander überstrîte,
daz bezzer spil ob ich daz habe genomen.
ôwê der mich dâ welen hieze,
deich daz eine durch daz ander lieze,
wie rehte schiere ich danne küre!
hêr Meie, ir müeset merze sîn, ê ich mîne frouwen dâ verlüre.

LIEBESTRAUM

«Nemt, frouwe, disen kranz,»
alsô sprach ich z'einer wol getânen maget:
«sô zieret ir den tanz
mit den schœnen bluomen, als ir s' ûfe traget
hæt' ich vil edele gesteine,
daz mües' ûf iur houbet,
obe ir mir's geloubet:
sêt mîne triuwe, daz ich'z meine.
Ir sît sô wol getân,
daz ich iu mîn schapel gerne geben wil,
daz beste daz ich hân.
wîzer unde rôter bluomen weiz ich vil,
die stênt sô verre in jener heide:
dâ sie schône enspringent
und die vogele singent,
sule wir sie brechen beide.»
Si nam daz ich ir bôt
einem kinde vil gelîch, daz êre hât:
ir wangen wurden rôt
same diu rôse, dâ si bî der liljen stât.
do erschamten sich ir liehtiu ougen,
doch neic si mir schône.
daz wart mir ze lône:
wart mir's iht mêr, daz trage ich tougen.
Mich dûhte daz mir nie
lieber wurde danne mir ze muote was:
die bluomen vielen ie
von den boumen bî uns nider an daz gras.
seht, dô muost' ich von freuden lachen.
do ich sô wünneclîche
was in troume rîche:
dô tagete ez und muose ich wachen.
Mir ist von ir geschehen
daz ich disen sumer allen meiden muoz
lîhte wirt mir eniu, so ist mir sorgen buoz.
frouwe, durch iur güete
rucket ûf die hüete:
ôwê, gesæhe ich s' under kranze!

SCHÖNHEIT UND TUGEND

Wol mich der stunde, daz ich sie erkande,
diu mir den lîp und den muot hât betwungen,
sît deich die sinne sô gar an sie wande,
der sie mich hât mit ir güete verdrungen!
daz ich gescheiden von ir niht enkan,
daz hât ir schœne und ir güete gemachet
und ir rôter munt, der sô lieplîchen lachet.
Ich hân den muot und die sinne gewendet
an die vil reinen, die lieben, die guoten:
daz müez' uns beiden wol werden volendet
swes ich getar an ir hulde gemuoten.
swaz ich ie freuden zer werlde gewan,
daz hât ir schœne und ir güete gemachet
und ir rôter munt, der sô lieplîchen lachet.

UNTER DER LINDE

«Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ muget ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
vor dem walde in einem tal,
tandaradei!
schône sanc diu nahtegal.
Ich kam gegangen
zuo der ouwe:
dô was mîn friedel komen ê.
dâ wart ich enpfangen,
hêre frouwe!
daz ich bin sælic iemer mê.
kuste er mich? wol tûsentstunt:
tandaradei!
sehet, wie rôt mir ist der munt.
Dô het er gemachet
alsô rîche
von bluomen eine bettestat.
des wirt noch gelachet
inneclîche,
kumt iemen an daz selbe pfat.
bî den rôsen er wol mac,
tandaradei!
merken wâ mir'z houbet lac.
Daz er bî mir læge,
wesse ez iemen
(nu enwelle got!), sô schamte ich mich.
wes er mit mir pflæge,
bevinde daz wan er und ich
unde ein kleinez vogellîn:
tandaradei!
daz mac wol getriuwe sîn.»

GEGENSEITIGE LIEBE

Bin ich dir unmære,
des enweiz ich niht: ich minne dich.
einez ist mir swære:
dû sihst bî mir hin und über mich.
daz solt dû vermîden:
i'ne mac niht erlîden
solhe liebe ân' grôzen schaden.
hilf mir tragen, ich hân ze vil geladen!
Sol daz sîn dîn huote,
daz dîn ouge an mich sô selten siht?
tuost dû mir'z ze guote,
sône wîze ich dir dar umbe niht:
sô mît mir daz houbet
(daz sî dir erloubet)
und sich nider an mînen fuoz,
sô dû baz enmügest: daz sî dîn gruoz.
Swanne ich s' alle schouwe,
die mir suln von schulden wol behagen,
sô bist du'z mîn frouwe:
daz mac ich wol âne rüemen sagen.
edel unde rîche
sint sie sumelîche,
dar zuo tragent sie hôhen muot;
lîhte sint sie bezzer, dû bist guot.
Frouwe, nû versinne
dich, ob ich dir z'ihte mære sî.
eines friundes minne
diu ist niht, da ensî ein ander bî.
minne entouc niht eine,
si sol sîn gemeine,
sô gemeine, daz si gê
durch zwei herzen unde niwet mê.

SCHÖNHEIT UND ANMUT

Herzeliebez frouwelîn,
dot gebe dir hiute und iemer guot!
kunde ich baz gedenken dîn,
des hæte ich willeclîchen muot.
waz mac ich nû sagen ,
wan daz dir nieman holder ist? ôwê, dâ von ist mir vil wê.
Sie verwîzent mir daz ich
sô nidere wende mînen sanc.
daz sie niht versinnent sich
waz liebe sî, des haben undanc!
sie getraf diu liebe nie,
die dâ nâch guote und nâch der schœne minnent: wê, wie minnent die!
Bî der schœne ist dicke haz:
zer schœne niemen sî ze gâch.
liebe tuot dem herzen baz:
der liebe gêt diu schœne nâch.
liebe machet schœne wîp:
des'n mac diu schœne niht getuon, sin' machet niemer lieben lîp.
Ich vertrage als ich vertruoc
und als ich iemer wil vertragen:
dû bist schœne und hâst genuoc.
waz mugen sie mir dâ von gesagen?
swaz sie sagen, ich bin dir holt
und nim dîn glesîn vingerlîn für einer küniginne golt.
Hâst dû triuwe und stætekeit,
sô bin ich dîn ân' angest gar,
daz mir iemer herzeleit
hâst ab dû der zweier niht,
sô müezest dû mîn niemer werden: ôwê, obe daz geschiht!

DIE HERRLICHE FRAU

Si wunderwol gemachet wîp,
daz mir noch werde ir habedanc!
vil werde in mînen hôhen sanc.
gern' ich in allen dienen sol:
doch habe ich mir dise ûz erkorn.
ein ander weiz die sînen wol:
die lobe der âne mînen zorn,
hab' ime wîs' unde wort
mit mir gemeine: lobe ich hie, sô lobe er dort.
Ir houbet ist sô wünnenrîch,
als ez mîn himel welle sîn.
wem solde ez anders sîn gelîch?
ez hât joch himeleschen schîn.
liuhtent zwêne sternen abe:
müeze ich mich noch inne ersehen,
daz si mir s' alsô nâhen habe!
mac ein wunder wol geschehen:
ich junge, und tuot si daz,
Got hâte ir wengel hôhen flîz:
er streich sô tiure varwe dar,
sô reine rôt, sô reine wîz,
hie rœseloht, dort liljenvar.
ob ich'z vor sünden tar gesagen,
sô sæhe ich s' iemer gerner an
dan himel oder himelwagen.
ôwê, waz lobe ich tumber man?
mach' ich mir sie ze hêr,
vil lîhte wirt mîns mundes lop mîns herzen sêr.
Si hât ein küssen, daz ist rôt:
gewunne ich daz für mînen munt,
stüende ich ûf ûz dirre nôt
und wære ouch iemer mê gesunt.
dem si daz an sîn wengel leget,
der wonet dâ gerne nâhe bî:
ez smecket, man'z iender reget,
alsam ez allez balsme sî.
daz sol sie lîhen mir:
sô dicke sô si'z wider wil, sô gibe ich'z ir.
Ir kel, ir hende, ietweder fuoz,
ob ich da enzwischen loben muoz,
sô wæne ich mê beschouwet hân:
ich hæte ungerne «decke blôz!»
gerüefet, do ich sie nacket sach.
sie sach mîn niht, dô si mich schôz:
daz stichet noch als ez stach.
ich lobe die reinen stat,
dâ diu vil minneclîche ûz einem bade trat.

TROST IM LEIDE

Wil ab iemen wesen frô,
daz wir iemer in den sorgen iht enleben?
wê wie tuont die jungen sô,
die von freuden solten in den lüften sweben?
i'n weiz anders weme ich'z wîzen sol,
wan den rîchen wîze ich'z und den jungen.
die sint unbetwungen:
des stât in trûren übel und stüende in freude wol.
Wie frô Sælde kleiden kan,
daz si mir gît kumber unde hôhen muot!
gît s' einem rîchen man
ungemüete: ôwê, waz sol dem selben guot?
mîn frou Sælde, wie si mîn vergaz,
daz si mir sîn guot ze mînem muote
mîn kumber stüende im dort bî sînen sorgen baz.
der gedenke an guotiu wîp – er wirt erlôst –
und gedenke an liehte tage:
die gedanke wâren ie mîn bester trôst.
gegen den vinstern tagen hân ich nôt,
wan daz ich mich rihte nâch der heide,
diu sich schamt ir leide:
sô si den walt siht gruonen, sô wirt s' iemer rôt.
Frouwe, als ich gedenke an dich,
waz dîn reiner lîp erwelter tugende pfliget,
lâ stân! dû rüerest mich
mitten an daz herze, dâ diu liebe liget.
liep und lieber des enmeine ich niht,
dû bist aller liebest, daz ich meine:
dû bist mir alleine
vor al der werlte, frouwe, swaz sô mir geschiht.

DAS HALM-MESSEN

was ich gesezzen und gedâhte,
ich wolte von ir dienste gân,
wan daz ein trôst mich wider brâhte.
trôst mag ez rehte niht geheizen, ouwê des!
ez ist vil kûme ein kleinez trœstelîn,
sô kleine, swenne ich'z iu gesage, ir spottet mîn;
Mich hât ein halm gemachet frô:
er giht, ich sül genâde vinden.
ich maz daz selbe kleine strô,
als ich hie vor gesach von kinden.
nû hœret unde merket, ob si'z denne tuo:
«si tuot, si entuot, si tuot, si entuot, si tuot.»
swie dicke ich'z tete, sô was ie daz ende guot.
daz trœstet mich: dâ hœret ouch geloube zuo.
Swie liep si mir von herzen sî,
sô mac ich doch vil wol erlîden,
daz ich ir sî zem besten bî.
ich darf ir werben dar niht nîden:
i'n mac, als ich erkenne, des gelouben niht,
daz s' ieman sanfte in zwîvel bringen müge.
mir'st liep, daz die getrogenen wizzen, waz sie trüge,
wan alze lanc daz s' iemer rüemic man gesiht.

DAS RECHTE MASS