Er machte den Kampf gegen den Krieg. Alles, was eigentlich seither über Politisches, Geographisches und Landschaftliches gesagt ist, ist über Schickele gesagt. Es deckt sich vollauf das Persönliche und das Allgemeine. Man muß diese Dinge sehr genau und mit aller Wahrheit und voll Nachdruck sagen, damit sie unbefangen genommen und in ihrer ganzen Kühnheit begriffen werden. Schickele kämpfte gegen den Krieg. Er stellte sich außerhalb dieser Dinge, wo Feldherren und Völker sich töteten und die Grenzen der Länder wie Goalstangen hin- und herschoben. Er nahm keine deutsche Partei. Aber auch keine französische. Er trieb eine europäische Politik, und es mag sein, daß er, Elsässer (das heißt weder Deutscher noch Franzose, sondern in diesem Fall fast schon Bewohner eines fremden Sterns, denn wer war sonst außer Planetenbewohnern ohne Haß), daß er als Elsässer, die Situation klug bedenkend, taktisch denselben Ruck machte wie das Elsaß und den Sieg des demokratischen Gedankens und der Befreiung des Elsaß mehr von einer Demütigung des deutschen Militarismus erwartete als von der des französischen. Hier muß ein Akzent gemacht werden. Schickele war nicht für einen französischen Sieg, er war überhaupt für keinen Sieg, weil er nur ein Imperium des Geistes liebte und jede Gewalt bekämpfte, sei sie für Wilhelm den Zweiten oder für Lenin. Er glaubte höchstens, wie viele der besten Deutschen, daß eine Niederlage des militaristischen Geistes das deutsche Volk im Sinne der Humanität und der Liebe weiter seiner Vollkommenheit und seiner Mission entgegenbringen werde. Sein Kampf war kühn, tapfer und ehrlich. Aber er ist in die furchtbarste Lage gekommen. Die Menschen verstanden ihn nicht. Die Deutschen schalten ihn Deserteur. Die Franzosen machten eine Kampagne gegen ihn als Kompagnon Erzbergers und Beteiligten an der deutschen Propaganda, obwohl Schickele Erzberger nicht kennt. Die „Tägliche Rundschau“ nennt ihn einen Vaterlandsverräter und übergießt ihn mit jener Mayonnaise, die an Verleumdung, Verdächtigung und Deutsch der Gosse ein wesentliches und penetrantes Requisit der alldeutschen Presse ist. Der Führer der Elsässer, Grumbacher, der aus der Schweiz heraus den Krieg bekämpfte, dämpft den französischen Aufruhr, indem er im Mühlhauser „Republikaner“ für Schickeles unantastbare Ehrlichkeit eintritt. Aber er zeichnet Schickeles Bild nicht als das des Europäers, sondern malt seine Gesinnung mit den Farben der Trikolore, den Farben, die nur den Durchmarsch der Elsässer auf dem Weg zum eigenen Volk umgeben. Das verdirbt seine Stellung wieder gegen Deutschland. Und kürzlich veröffentlicht die französische Regierung den Erlaß, daß Schickeles Altersklasse zu den Fahnen gerufen werde, als mobilisiert betrachtet sei. Und Schickele, durch die Annexion seiner Heimat Franzose geworden, Schickele, der den deutschen Militarismus bekämpft hat, steht dem französischen nationalistischen mit der gleichen Geste gegenüber. Schält sich nicht aus so zwischen zwei Fronten hin- und hergehetzter Figur, aus solch zwischen den Heerlagern der Völker von Mißverständnissen umwölkter Person die europäische reine Menschlichkeit? Die Linie seines Geistes liegt von vornherein klar. Seine Taktik, sein menschlich sichtbarer Weg ist der seines Landes. Nur Narren können hier verwechseln und die Idee da nicht sehen, wo sie schon siegt.
Was Schickele in solchem Kampf zu sagen hat, das ist die „Genfer Reise“. Es ist ein Buch, so üppig wie seine Landschaft, mit schräger Sonne und muskulösen, herben, doch von starker Grazie geführten Vogesenzügen, an deren Abhängen der Wein wächst und über denen französische Winde und deutsche Wolken stehen. Dieses Buch ist locker komponiert. Es schlingen sich Marginalien um eine Reise von Zürich nach Genf. Aber immerhin ist in dem Buch das Bedeutendste gesagt, was ein Dichter Geistiges über den Krieg gesagt hat. In Sätzen von blühendster Kraft und springender Schönheit verblutet ein europäisches Herz, das keinen Augenblick bereut, sich an einen Ort begeben zu haben, dessen unerhörte Kühnheit den Lebenden noch zu nah ist, um gebilligt zu werden, dessen großer Kampf gegen den Kampf und das heißt gegen die Welt, aber nie das tapfere Echo verlieren wird, solange noch Jünglinge da sind und mutige Männer, die den Herzschlag weitertragen in eine Epoche, die unsere Zeit mit dem Abscheu besieht, den das wahre Menschliche der Barbarei gegenüber unentwegt getragen hat. In dem Buch stehen Novellen, die Essais sind. Aufsätze von der Anmut tiefer Erzählungen und der spröden Glätte und Durchsichtigkeit der Sprache. Es ist bezaubernd und weise. Spielerisch, aber unter der vollendeten Form das Tiefste nicht verschweigend. Als selbstverständlich und darum aus leichtem Handgelenk gebend, was eigentlich großes Wagnis und überzeitliche Kühnheit ist. Die Hüften der früheren schönen Göttinnen sind darin gemalt, die Säulenheiligen, der duftige Mai, in dem die Kathedralen liegen, die heidnische Fruchtbarkeit eines Landes, das eine Normandie hat und gleichzeitig bis in die Levante sich schiebt. Dazu ist die Blondheit, die Strenge des Gemüts des Germanen gegeben. Zur Phrase die Sachlichkeit. Der sittliche Ernst zur Begeisterung. Das tieflangende Schwert zum schmalen Segelboot. Etwas ganz Germanisches, das sich auflöst in schöne Segelschwünge. Ein schweres Flugzeug manchmal mit zärtlicher Flügelstellung. So und ähnlich ist die Tragödie des Menschen im Krieg beschrieben. Die Not des Geistigen und die tiefe Trauer dessen, der aus dem Hüben und Drüben zu einem Über-beiden-sein will. Das Buch ist locker komponiert, weil es viel umfassen will, es ist ungemein viel geschaut und gezeichnet, was an Ideen und Menschen Schatten warf gegen die Wand dieses neutralen Landes. Der geistige Mensch reißt sich unter heftigsten Qualen von allem los und läutert sich langsam zu den übernationalen Erkenntnissen des reinen Geistes. Wenn einmal das, was heut noch französischer Mensch, deutscher Mensch heißt, in einer utopischen, aber nicht weniger realen Zeit sich zum Idealtyp mischt, wird ein Name ausgegraben: Schickele. Es war alles bereits in ihm. Der gallische Hahn hatte hier schon Gründlichkeit, die deutsche Barke einen grazilen Fock. Auch wurde hier mit Tapferkeit der Seele mehr wie von Priestern der Konfessionen und nicht minder fanatisch und bis ins letzte brav und ehrlich wie von jenem Rabbi Jeschua von Nazareth, männlich und zwischen den Schlachten der Welt, Liebe gepredigt. Man wird sehr verblüfft sein über die Entdeckung.
Tut Euch nicht dick, Freunde, die Ihr aufs Neue stolz seid. Das war erst der Durchbruch. Noch schleift Ihr die Schenkel Euch ab um den Roman. Nichts ist da, was wie ein Globus kompakt und glasig, wie ein Kuheuter am Belchen voll Saft, kühn wie ein Verführer und voll Zeitdonner und Anklage wie die Stimme Jaurès. Eingänge nach Licht sind geschlagen, die Novelle steht im besten Saft. Noch rauft Ihr um Programme und blökt um Ziele, aber das Querschnittbuch ist noch nicht geschrieben. Weltgefühl ist da, addiert man die Zähler. Es fehlt die Repräsentation. Vous êtes foutus, ein Kropf hängt die Volkstragödie an Euren Hälsen. Wo Ihr bereit steht, endlich mit schönen Netzen den Kosmos einzufangen, fehlt Euch der Tüll, und die Schwünge sind Euch nicht mehr geläufig. Am großen Start versagen Eure Gäule. Noch habt Ihr wie Besessene ums Drumherum zu kämpfen, während Ihr vergeht vor Geilheit, den Geist zu fassen. Nie hatten Eure Vorfahren Zeit. Schließlich braucht’s fünf oder sieben Generationen, bis eine Volksart nationalen Ausdruck findet. Wir wurden nach zweien jeweils von den Nachbarn wegen Ungeheuerlichkeiten erledigt oder schlugen uns nach dreien heulend, lachend selbst die Schädel ein. Als Ihr von den Terrassen Eurer Träume herunterkamt, den neuen Menschheitstag zu grüßen und empfangen, waren die Stufen zerschlagen und die Röte über den Seen kam durch den verwilderten Park nicht herauf. Eure Soldaten rühmten sich, mit Faust und Bibel im Tornister zum Krieg gezogen zu sein, welches Durcheinander, was hat beides miteinander zu tun und welche Dreistigkeit mischt hier Gott mit den Verdammten? Seht Ihr Euch um, ist Wahnsinn um einige Pyramiden gesammelt. Zwischen Balzac und Dostojewsky ist am Rhein nichts übriggeblieben. Kein deutscher Roman mischt Euer Blut mit europäischen Säften. Ihr habt da und dort ein paar Bücher (Döblins „Drei Sprünge“, Heinrich Manns „Kleine Stadt“, Hauptmanns „Quint“). Nationalistische Hybris will Euren Volksnamen degradieren, und, heulen sie deutsch, meinen sie Blöm und Herzog. Noch ist nicht ganz vergessen, wie sie im Vorzimmer des speisenden Kaisers mit Ganghofer die traurigen Siegesmärsche den kämpfenden Armeen zugetrieben. Deutsch heißt nicht annexionistisch, hat mit Talmud und Kalewala mehr zu tun als mit Generalkommando-Lyrik. Ausgleich muß einmal endlich stattfinden zwischen Eurem Charakter rein menschlichen Gefühls und dem Weltgeist, Zwiesprache zwischen Leid deutscher Kreatur und Demiurg. Das ist das einzige Alphabet göttlicher Dichtung, und nur, ob es sanfter oder wilder erschallt, ist ein Zeichen, ob’s serbische oder malayische Menschheit singt. Noch sind wir daran, Europa zu nivellieren. Man hört die russische Stimme, Dostojewskys in sich selbst verzehrte, Tankschlachten in den Nerven ausspielende, ungeheuer nach erlösendem Oben sich drängende Demut. Seine Landsleute kommen weiter in die Seele hinein, indem sie sich opfern, und die Thermopylen ihres Geistes beginnen stärker als die hellenischen Überlieferungen die Jugend zu ergreifen. Bei France und Flaubert kommt aus der souveränen Skepsis die Engelsehnsucht untadelig und elegant in der heiligen Prozessuale. Selbst die kleinsten Völker scheinen mit Schallrohren sich anzukündigen. Schweden mit Belman voran. Am Ende des Zugs für das allerkleinste mit Munch der Norweger Hamsun, neben Gorki und France der beste Mann Europas. Die deutsche volle Stimme ist nicht in dem Orchester. Einige untadelige Geister bemühen sich um Gehör, aber es scheint, sie schweben im Raum. Keiner ist da, aus dem wie aus einem apokalyptischen Maule die Musik eines Volkes bräche und stürze, und wo das deutsche Temperament, jene Mischung aus Güte, Barbarei und Hochmut, sich schrankenlos auflöste in die Einheit des Kosmos, dem sie diente und der Zeit, die sie schallend und freundlich einfügte ins Orgelgerippe ihrer Brust.
Man hat eh’ Ihr in die Flammenwerfer geworfen wurdet, Thomas Mann Euch vorexerziert als Wahrzeichen anständigen und deutschen Gefühls. Ach, aus seiner Welt, die er vornehm baute, kam keine Erneuerung. Nach wenigen Monaten, als die Katastrophenfeuer am magischen Horizont blitzten, rückte er ab wie die Gesellschaft, die er dichterisch vertrat. Es schwindelte ihnen vor soviel neuer Grelle. Heinrich Mann, den sie Franzosen schalten, trat in einen Kreis, der sich ums deutsche Spektrum nicht mehr stritt, sondern weitläufigere Sorgen hatte. Ihr verlort damals auch Dehmel, den bewunderten Streiter von früher. Der Süddeutsche Wassermann zeigte in einem Kartenspiel historischer Gestalten, was er für deutsch hielt (Charaktere), und stellte das meiste auf jenen preußischen Drilltyp, der, mit einem Funken Geist, damals Deutsches verkörperte. Narren machen Euch aus Temperamentsfarbigkeiten ein bürgerliches Bild des Nationalcharakters. Winkt ab. Gingen die Erbauer der Dome nicht nach Frankreich und lernten fromm wie Schüler, und ist die Gotik nicht steil wie die höchste sonntägliche Inbrunst Eurer heidnisch großen Herzen? Auch Franz Marc ist deutsch wie die Idillischkeit Eurer See, auch wenn seine Seele dorther kommt, wo aus byzantinischen Sprüchen und asiatischen Legenden Eure deutschen Märchen stammen. Ihr seid Söhne der Erde, die Asien, das Euch einmal austrieb, besonders liebte, und Europa ist so nahe und klein, daß in dem schmalen germanischen Herzstück ein weiter Ton gefunden werden müßte, der Euch mit großen Traditionen vereinigt. Der Stern, den Ihr bewohnt, hat sich lebhaft gedreht. Ihr seid mitgezuckt und habt durch den Spalt gesehen. Die früheren Generationen fanden nichts, den dreihörnigen Stier zu fassen. Vor Euch aber hat sich die Sperrkette gesenkt, und manchmal erreicht Euer Blick die Formen des neuen Paradieses. Schaut rückwärts, klagt an! Schaut vorwärts und preist und stachelt nach dieser Richtung! Es kommt nicht an auf Geschwätz, die Richtung ist eindeutig, die Anspannung ist nur noch vonnöten, der heroische Angriff, Impetus zum Heulen schön und zum Zerplatzen gewaltig. Endlich sind die Barrikaden gelüftet, die Dezennien vor den Freiheitsstraßen lagen. Schaut der deutsche Mensch nun lange über so weit ins uferlos Neue wogende Chausseen, wird er beruhigter und klarer an deutsche Seelenaufgaben denken. Atmet er eine Zeitlang in die Welt statt in Divisionsverbände, spricht er in ein Publikum von Europäern statt Generälen und Standeskonventikeln, wird er aus dem Hin und Wider auch seine deutsche Sehnsuchtsstellung zur Ewigkeit und der Erde erhalten. Was seither bedrängte, fiel ab. Man hat plötzlich den verantwortungsvollen Blick Europas auf Euch gerichtet.
Tut Euch nicht dick. Noch schleift Ihr Euch die Schenkel um den Roman. Das muß ein Grundstock werden mit Sperma wie keiner. Was Ihr in der Weltachse jetzt einsetzt, ist Beginn. Packt Ihr’s, ist es eine triumphale Sache, mißglückt es, wart Ihr am Werk, immerhin. Es kommt darauf an, daß Männer und Kräfte da sind, die alles wie immer entscheiden, wo das Gute daneben steht. Nichts fehlt von Belang. Ihr habt die Begeisterung, die Mühe ums Handwerk, das Thema ist Euch gelegt, hinter denen eine Welt zurückkracht, vor denen eine neue urwaldsüß sich breitet. Als die Schweden in Polen einen italienischen Helm eroberten, war das ganze Weltgeschehen in ihn hineingeschrieben, und mancher Abbate hat malend die Kirchenfenster und Portale des frommen Mittelalters damit geschmückt. Malt die neue Welt hämmernd, meißelnd in die Herzen, eine Aufgabe, so Lobes und Kühnheit wert und gierig, wie selten eine von der Zeit gebotene. Es ist viel Neugier auf Euch da, und was noch nicht so weit im Vordergrund steht, wartet wie auf den Rängen, daß der Vorhang aufgeht und die krachenden Evolutionen sich vollziehen, auf denen Ihr in die parnassische Höhe mit massiven Ergriffenheiten schreitet.
Einer hat seine Hand über Euch weggestreckt, und einer der wenigen, die vor Eurer Zeit um großes Romanwerk sich bemühten, einer der vier oder fünf, hat vor Euch eine Trompete geblasen: Wassermann. Was er seither geleistet, ist großer Aufwand. Er besitzt, was bei Euch unerprobt noch, das Können, den Griff, den Griff. Zwar stammt seine Form aus impressionistischen Gefühlslagen, sein Gemälde aus einer Tradition, die beschaulich und malend das Erlebnis bewältigte. Doch war sein Geist immer auf Weites aus, zwar bürgerlich oft in Konflikten und Breiten. Doch nie ohne Lust nach Größe. Manchmal kam er herauf und schaukelte über seiner üblen Zeit. Man muß sehr genau horchen, wenn dieses Können nun Eure Themen und enthusiastischen Probleme bewältigen will, denn es ist der Verdacht, daß, wenn die Hände schon jenseits des Flusses an neuen Architekturen klug und geschickt formen, der Geist noch diesseits des Wassers ruhet und Larven sucht, um sich die Augen zu maskieren.
Hat dieser den Ehrgeiz, das Zeitbuch zu schreiben, muß es zwei Bogen haben. Der erste zeigt das Seither, das Leben, an dem er jahrelang schon malte, die Gesellschaft, das stolze und farbige Spiegeln der kapitalistischen Epoche. Das zweite muß geben was folgt, das Nachher, die neue Zeit. Das erste muß den Zusammenbruch schildern, unerbittlich sein, das Gehetz aufbrechen und das Geglänz. Der zweite muß den Schwung haben, die Forderung, den Schrei ans Schicksal. Der zweite muß die Vollendung sein, muß den Menschen zum Paradies hinentwickeln, auch in der Zeithölle das Unfehlbare, Göttliche weisen. Sonst ist das ganze Ethos Humbug. Sonst ist das Ganze Schwindel, ein Nichts. Sonst bleibt das Ganze ein kühner Ingenieurkniff, eine Brücke über Festland geschlagen, zwecklos, ein Marnesieg. Ein verantwortungsloses Kunststück. Hohl, verfehlt, verworfen eben des großen Ausmaßes halber, das es plant. Da hilft kein Können, kein Sprachglanz, kein Mal-Virtuosentum, kein Wortplätschern. Steht einer da vor dem Abgrund und schildert, während die anderen einsacken, Herrlichkeit der Blitzzüge und Luxusdampfer, ist er ein Phantast, vielleicht ein Schwätzer, aber kein Verantwortungsvoller, kein Helfer. Darauf kommt es allein an. Talent ist Vorbedingung, guter Wille selbstverständlich. Alles andere ist verbrecherisch. Wassermann macht tatsächlich den großen und staunenswert kühnen Versuch, den umfassenden deutschen Zeit-Roman zu schreiben. Er unterliegt völlig.
Es soll die große Welt zuerst gegeben werden. Der Aufwand ist bedeutend. Zwanzig, vierzig Menschen, ebensoviel Schicksale gleiten durcheinander. Das Technische ist vorzüglich, die Kuppelungen, die Konstruktion außerordentlich, die Linien gebrochen, weitergeführt, in langen Atmungen hingestreckt. Jede Vorbedingung die des großen Künstlers. Das Ausmaß ist Dostojewsky. Der Gehalt: Belletristik. Der Russe stürzt in solch weit abgestecktes Terrain ein mit einer Psychologie, die wild wie ein Tier, explosiv, aus dem Chaos unzähmbarer Kraft der russischen Seele nicht nach außen, sondern nach innen sich zerfetzt. Wassermann hat keine elementare Bindung in den Boden hinein. Er hat Gemischtes, Jüdisches, Deutsches, Österreichisches, Ästhetisches, also viel Vorbereitung für eine Kunst schöner Spiegelungen und idealer Seelenzerlegung, aber nicht das heisere, rauhe Seelenhurra der Naturkraft. Er hat Hirn, und zwar mehr als Blut. Das ist schon eine Inkonsequenz im schöpferischen Menschen. Er hat geschickte Hand, geniale Konstruktion, die wechselnden Schicksale laufen wie Springnummern des Automaten — aber er hat nicht Dynamik, die unabwendbare Schicksale schleudert. So wird sein erster Romanteil Konstatierung und lediglich Schilderung, und es mag wahr sein, daß keiner das Jahrzehnt vor den Kriegen so groß und elegant, in solchem Fresko und mit solcher Leidenschaftlichkeit gemalt hat. Damals lebte man wohl, um zu reisen, schlief lange, um gut zu dinieren, nahm Kunst wie Parfüm, Politik wie Poker, lebte einsam, unbeteiligt an der Menschheit. Unendlich einsam im Reichtum und abgeschlossen durch Genuß. Ahnte vielleicht, die Nase zuhaltend, den Vulkan unter sich am üblen Geruch aus dem Inneren der Dampfer, aber übertäubte das Grollen der sozialen Welle, die Weltwende bedeutete, indem man sie ignorierte. Wurde vielleicht im besten Falle hypnotisch angezogen, ging hin und sah es, stieg vielleicht hinunter. Aber was war das? Mischung aus Sensation und Magie des Schicksals. Neugier und Blutdünne. Weiter nichts. Aber Thema und Ergebnis des Wassermannschen Romans.
Dies alles Zeug, was da lebt, genießt und glücklich ist, soll ein Querschnitt sein, aber nur Vorbereitung für das Kommende. Jedoch, es wird wohl gegen die Konstruktion, aber nicht gegen das Herz des Autors Hauptsache. Da steht mit Kainz und Saharet und Heymel und vielen lebenden, nur wenig cachierten Typen die vorkriegerische Welt jener etwas fauligen Gesellschaft, die Geld und Stellung und gepflegtes Fleisch bis zu einer Sterilität und äußerlich raffinierten Kultur gebracht hat, die beim ersten Ruck zusammenflog. Da stehen wundervolle, von großer Künstlerschaft zeugende Kapitel. Doch nicht jener Sproß des Reichtums, der sich umwendet und in die andere Welt der stinkenden Löcher geht, wie es die Lineatur des Romans verlangt, entwickelt sich hier, spielt hier Flöte und Klavier seines Schicksalsmarsches. Was gekonnt und vollendet ist, ist das eigentlich Nebensächliche, ist die große Tänzerin, ist der Gourmet Crammon. Das ist mit Liebe und mit oft klassischer Zartheit gemalt. Aber wo sind die Ergebnisse? Angedeutet vielleicht, ein Wind wird wohl gehört, der Laternen dieses Festes ausbläst. Aber wo bleibt die Verantwortung, wo der Dichter, der anklagt? Nichts. Nur im einzelnen, bei diesem, bei jenem, wird eine Folgerung gezogen. Im Großen versagt das alles, hat keinen typischen Wert. Hier liegt schon die Tragik. Das Weltbild versagt. Das Ziel kann nicht werden, da der Dichter verstrickt ist. Es kann sein, daß irgendeiner, der diese Welt haßt, ihre Weiber, ihre Genüsse aber bis zum Exzeß liebt und braucht, menschlich vielleicht zu schwach ist, zu entsagen, aber darunter leidet und in der Sache und in der Wahrheit seine Anklage darum um so heftiger schleudert. Aber wem diese Welt so maßlos imponiert, wer so innerlich fasziniert ist von ihr wie Wassermann, kommt nicht frei. Der zieht keine Schlüsse. Der kommt nicht zu Summen. Der macht keinen Strich. Der hat in keiner Weise jene Radikalität der Wahrheit, die künstlerisch allein Wertvolles hinsetzt. Der malt und zeichnet immer noch auf der Oberfläche, während in der Tiefe die Entwicklung sich schon vollzog. Das ist aber ohne Bedeutung. Die Zeit schildert nur der, welcher aus dem Alten das Neue herausentwickelt. Wir haben keine Lust, zuzuhören, wenn um eine Sache herumgeredet wird. Es fehlt uns die Geduld zu Umwegen ohne Ergebnis. Das Motto ist nicht: ich weiß — sondern: ich kreuzige mich. Die Fahne weht nicht: ich komme dahin — sondern: ich erkenne, erreiche oder gehe ein. Alles andere ist mißverstanden, wird überhört oder verflucht.
Dieser Held, der aus der schrankenlosen Fülle kommt, marschiert wohl auch in die Armut. Er geht in sie hinunter wie in einen Stollen. Er hält sich in ihr auf. Er befindet sich in ihr. Sein Zustand ist in ihr. Weiter kann man es nicht ausdrücken. Er ist so steril, daß er einfach hingeht. Genau wie er am Ende aus ihr herausgehen, sich aus ihr entfernen, sie verlassen könnte. Es wäre weiter nichts Erregendes. Es wäre eine Veränderung. Man flöge vielleicht bis dahin auf den großen Bären oder entdeckte ein Fischvolk unter Ceylon. Größer ist die seelische Temperatur beim Überschreiten des sozialen Äquators wirklich nicht bei ihm. Er tut das seiner Kaste Unerhörteste mit einem kindlichen Mißverstehen jedes sozialen Instinkts. Er kommt nicht unter Zuchthäusler, Huren, Verbrecher aus dem luziferischen Sturz her, sondern auf Grund einer Hypnose, einer Konstruktion. Er hält sich unter ihnen nur passiv auf. Er hat eine scheinbar sehr mystische Kraft, daß sich (groß angelegt, aber schlecht entwickelt) Übeltuende zum Guten entwickeln. Aber genügt das? Wo ist das Seelenfazit? Sammelt er die Elenden, schart sie um sich, klagt ihnen die Anklage vor gegen die Gesellschaft, organisiert er sie? Er lächelt. Er lebt unter ihnen. Aber das ist nur ein Affront gegen seines Vaters Millionen. Lange noch keine Tat. Knirscht er, leidet er unter dem Elend der Menschen? Er ist nicht ohne Güte, aber das kann auch bis zur Blüte kultivierter gesellschaftlicher Anstand sein. Das Ganze ist unsicher, unerlösend, ohne Absicht, ohne Bestimmung, ohne Ziel.
So steht auch die Form in Schwankung. Manche Partien sind expressionistisch, rattern herunter, schmeißen das Psychologische heraus. Verstehen aber nicht, im Gedrängten das Seelische elementar zu heben, sondern müssen das ausgestoßene Psychologische in langen Psychologieblasen wiederbringen. Manchmal geht es dann statt ins Übersinnliche ins Medizinische; Wissenschaft und Hysterie stellen sich, als ginge es nun an Gottes Vaterbrust. So kommt man aber nicht hin. Und dann hat der an Glanz und elegante Kurvenführung gewöhnte Stil gar kein Organ für die Kaschemme. Stilisiert geht es nicht. In unheilvoller Instinktlosigkeit wird es naturalistisch versucht. Das wird dann komisch, denn das wird toll Literatur, und diese Gespräche zwischen Lustmörder und Held sind in ihrer monumental gedachten Dialektfresserei, ihrem naturalistischen Geschwafel genau so verlogen und unecht wie die Tiraden der Profilromantiker. Für solche Dinge hat Wassermann gar kein Gefühl. Elend ist es noch lange nicht, wenn eine Hure berlinisch redet, oder wenn der Held das kostbarste Perlenband (das seiner Mutter) der Luetikerin, mit der er platonisch lebt, in den Schoß gibt. Elend ist das zitternde, nackte Leben, das nach oben will, wo Gerechtigkeit aufsteht und das Leidende anspannt, daß es groß wird in dieser Dehnung. Elend ist nicht eine Malerei von Dreck. So ist das Ganze: verfehlt, falsch gesehen, vorbeiverstanden, unerlöst. Dies alles spricht gegen die Einordnung dieses Versuchs in den Rang des Ziels, das es anstrebt. Lediglich dagegen. Man soll nicht verblendet sein und das Nichterfülltsein auf das Können des Autors zurückfallen lassen. Wer viel riskiert, setzt andere Maße voraus, höheres Gericht als dieser und jener Miesnick, der sein kleines Thema wacker herunterspielt.
Als Könner ist Wassermann einer der ersten Autoren der Zeit. Auf drei Seiten des Buchs gibt er oft mehr an grader Schönheit, da, wo er kontemplatorisch wird, ein Einzelschicksal wendet, meist mehr wie andre, die an sicherer Stelle segeln, im ganzen Werk. Auch der problematische Torso des „Christian Wahnschaffe“ verdient jeden, der ihm naht. Die blühende Fülle der Figuren gibt ihm Niveau von selten erreichter Breite.
Wir sind konsequent und wollen das Loyale. Im Schätzen und Anerkennen liegt aber nicht die letzte Liebe. Das Maul der Zeit ist grausam, und das Gewissen der weichenden Minute hat Gorgonisches im Ausdruck. Die Umkehrung wird symbolisch. Vor den Forderungen dieser Jahre bricht der Kern zusammen: es ist zu wenig. Mit diesen Sätzen, solchem Bau erreicht er nicht das obere Gerüst. Gespanntere Schenkel, wildere Kehlen erstürmen nur die Höhen des neuen Tons. Der Dichter bleibt geschätzt und ihm jeder Respekt. Aber die Hand soll drüben bleiben und den Vorhang nicht aufzureißen suchen, der sich eines Tages weit aufschlägt aus eigenem Schwung. Die Hand soll jene Epoche weiter malen, in der ihre Triumphe und Süßigkeiten liegen. Denn schöpferische Stärke ist gebannt an ihren mystischen Untergrund und gehorcht nicht wie Pferd und Autorad dem Hirn und der Klugheit. Von jener Insel, die schon hinter uns liegt und schwankt, wird kein neues Weltbild geschaut und geformt.
Erreicht Ihr es nicht, Freunde, fehlte Euch Kraft und Fülle, aber nicht die Berufung. Eure Torsos werden aber dann heller und reiner vom Geist heraus marmorn strahlen. Irgendwie wird der Boden, auf dem sie stehen, ihnen huldvoll und gnädig sein.
Immer haben die jammervollsten Kämpfe der Menschen ihren eigenen Gesetzen gegolten und nie war ihre Verzweiflung größer, als wenn sie sich in den Maschen der kühl erdachten Normen in dem Augenblick verfingen, als ihr Blut heiß und ihre Leidenschaft so groß war, daß nichts mehr zwischen ihnen und dem Schicksal stand. Stets kam die Tragik unaufhaltsam bis in die erbärmlichsten Kalküls der Menschheit, wo sie lächelte statt zu erstarren. Nie haben Pensionierte aufgehört, die Glänzenden zu hassen. Bürger greinen hinter den Freien. Staatliche Autoritäre haben immer die unabhängigen Führer verfolgt. Nie hat das Starre versäumt, sich gegen das Bewegende zu verschwören, und keine Idee hat, wenn sie in die Tatsache übertrat, sich nicht sofort verleugnet und gegen sich selbst gekehrt. Als die Menschen das Gesetz erfanden, wichen die efeubekränzten, Pauken zur Flöte mischenden, Bacchantinnen in die thebanischen Wälder, und die Unzucht der Paragraphen ersann sich die scheußliche Mißgeburt des öffentlichen, bezahlten und zur Anklage verpflichteten Beamten. Das Gesetz nahm das intellektuelle Monocle ins Auge, den Staatsanwalt; und die Maschine der Gerechtigkeit erhielt die Musik der Vorstädte und der Verdammten, den Grammophonschrei, die blecherne Tirade. Die Humanität hatte einen starken Arm und spießte, ihrem Zeitalter nicht unwürdig, auf Degenspitzen die Opfer wie Gänseherzen über den Rost.
Der Haß gegen die Dichtung, die sich frei und ohne Zirkular bewegte, blieb immer in der Luft dieser Säle. Die Autodafés rauchten, aber man hat nie aufgehört das edelste Wild zu jagen. Die Gerichte waren immer Tempel der Reaktion, und die Politik hat ganze Arbeit mit ihnen gemacht. Vom Fall Dreyfus bis zu den Mördern der Landauer, Luxemburg, Liebknecht läuft eine Idee. Aber die Romanen haben irgendwie die Hartnäckigkeit ihres Geistes gegen die Formeln in jahrelangen Kämpfen bewahrt. Zola hat gesiegt, als er sich gegen das Dumpfe erhob und Dreyfus gerettet. Flaubert errang vor den Assisen, der unzüchtigen Dichtung angeklagt wegen der „Bovary“, einen Triumph. Die Deutschen verurteilten achtzehnhundertfünfunddreißig Gutzkow und mit seinem Werk die Freiheit überall, wo sie sich regte. Später setzten sie in Dresden ihm ein Denkmal. Das Blamabelste vollzog sich in Leipzig, als von Nichts berührte Richter im Juni achzehnhundertneunzig Alberti, Conradi, Wallot verurteilten und damit den Sinn ihrer Maschine und die Duldsamkeit der offiziellen Deutschen gegen den Geist in nie gut zu machender Geste verrieten.
Die Geschichte dieses Prozesses darf nicht vergessen werden.
Sie war kunterbunt und einfältig aber nicht ohne Warnung. Enkel und Optimisten werden ihre Freude daran haben, aber die Tieferschauenden werden grausen, wenn sie bedenken, wohin mancher Weg von heute im Zeitpark zu führen vermag. Die Verantwortungsvollen haben ihr sicheres Gefühl, das ihnen Ziel und Richtung ohne Unterlaß bestätigt. Wohl werden Hexen nicht mehr auf die Märkte ins Feuer geschleift, aber die Dummheit liebt wie immer die Symbole des Geistes zu zerstören, um im Stande der Macht gerne die Roheit des Siegers auch in den einfachsten Realitäten wieder zu genießen. Man ist am bequemsten eingerichtet, wenn das idiotische Gewissen die herrlichsten Formen der Vergangenheit am deutlichsten wieder in Übung nimmt, das hat jede Historie gezeigt und jede Entwicklungsempirie des menschlichen Herzens.
Leider kann man keine Apologie dieser Dichter geben, sie waren nichts. Aber nicht mehr und nicht weniger als ihre Zeit, die sie schließlich vertraten. Man schrieb den Dingen das Gesicht und den Leib nach, vergaß auch das Unaussprechliche nicht, die Kanäle und das Geschlecht. Vielleicht betonte man es heftiger, weil Paul Heyse und der Teutone Wildenbruch gar zu sehr darüber geschwiegen. Man stritt um die Bagatellen, daß auch, statt zuckriger Linien solche von Kot, gut gemalt, bedeutsam seien. Am Schluß war alles doch nur kindische Photographiererei und Provinz des Dichterischen. Von der ganzen Prosa ist ja nichts geblieben. Zola, ein Riese, kam aus monumentalen Talentgründen nur hoch darüber in sphärischere Luftschicht. Die anderen vergaß man bald, Doch haben sie, tapfer und eigentlich mehr Opfer als Führer so lumpiger Epoche, Bestes gewollt und mit Anstand gestritten. Auch hat der damalige Geistseismograph sie zu den bekanntesten und erlesensten Schriftstellern des Realismus angezeigt, was Geheime Hofräte schließlich und auch ein fürstliches Kabinett bezeugten. Aber als man sie verurteilte, hat nicht Deutschland einen Augenblick stillgestanden. Kein Atemzug hat das Volk aufhorchen lassen. Niemand hat daran gedacht, daß hier die tollste Kavalkade der Dummheit sich in das Fleisch der Kultur trieb. Zynisches blieb da und machte frivole Mätzchen. Der Dichter war den Menschen ein bunter Wolf, den hinterm Gitter man gern sah, dessen Berührung aber irgendwie beflecken mußte und wo man nie Garantien hatte, daß er nicht um sich biß oder gegen Regierung und offizielles Moralgesetz Ketzereien sagte. Das Urteil des Gerichts wird vor der Zeit gegen die Richter gesprochen, denn man kann die Freiheit nicht in Schutzmannshände geben und sie hat noch nie, wie jener Alberti von sich sagte, die Ehre gehabt, vor einem Gerichtshof zu erscheinen. Die Götter zahlen keine dreihundert Mark an fiskalische Kassen, weil sie „gröblich die Scham- und Sittlichkeitsgefühle mit unzüchtigen Schriften verletzten“. Wer den Geist insultiert, behängt sich selbst mit Fäkalischem. Die Dichter selbst, gegen die man sprach, wurden nur Träger des Mißverständnisses wie tausend vor ihnen, an denen sich in der Wut auf das Überlegene der Pöbel der Macht vergriff.
Auch war man über nichts im klaren. Seltsame soziale Schwärmer: M. G. Konrad beschwor Wilhelm den Zweiten sich der Überschwemmung durch ausländische Literatur entgegenzusetzen. Conradi grüßte im Kaiser den Führer der Neuen Generation. Man hatte gar keine Grundbegriffe, sonst hätte solche Narretei sich nicht vollziehen dürfen. Conradi starb an den Aufregungen des Prozesses später, und machte es oben aus, was ihn unten erwartete, wo man Gefängnisse öffnete, weil er in die Nähe des Namens Christi das Wort „verrecken“ setzte, ohne daß er anderes wollte, als den schweren Tod intensiver zu geben. Selbst der Figaro schrieb, die junge naturalistische Generation erwarte vieles von diesem Kaiser, und durch irgendwelche Manipulation geschah es in der Tat, daß Heinrich Hart eine Staatsunterstützung erhielt, um einen Humanitätsgesang unbeschwert zu schreiben. Die Anklage des Gerichts aber enthielt mit dem Aufgebot dreitägiger Verhandlung als Inkriminiation zwei Stellen: „und starrte verschlafen auf die weißen, wie Weiberbusen schimmernden Hügel“. Der Staatsanwalt stößt sich daran, daß ein Kleid zu eng war, daß ein Korsett geöffnet wurde, und daß Menschen Fleisch haben, schließlich aber auch, daß das Weiße des Spitzenbesatzes durch die oberste Öffnung der Robe geschimmert habe. Als der Dichter auf diese Sätze im Plaidoyer kommt, wird die Öffentlichkeit entfernt. Wie ein Sachverständiger erwähnt, in Italien stille man öffentlich, unterbricht ihn der Präsident ängstlich. Das Leben wird in dieser Atmosphäre eine staatlich regulierte Maschine. Man hat von Kind auf gelernt, wo man sich zu schämen, wo zu schweigen, wo zu reden hat. Lang nach Beginn der Verhandlung verteilt man die Bücher. Der Rechtsanwalt ruft: „Der Staatsanwalt verteilt unzüchtige Literatur“. Kein Richter hatte eine Ahnung, um was es sich handelt. Dem Gerichtshof ist literarischer Gebrauch, dichterisches Unternehmen höllisch entfernt. Er soupsonniert, Freiexemplare seien von den Autoren verlangt, um sie unter der Hand schielend und bückend zu verkaufen. Daß Dichter Geld erhielten für ihr Werk, kommt ihnen schamlos vor, die sich besolden lassen, um Urteile zu fällen, grausam zu sein, im Schmutz zu wühlen. Im frommeren Mittelalter war der Beruf des Henkers schändlich, und die Ritter zogen als Dichter auf den Pferden. Im Zeitalter gewonnener Kriege und beginnenden Autorennen ist der Dichter ein Aussatz, der öffentliche Ankläger jeder Würde wert. Sinn für menschlichen Anstand und die Würde der Tätigkeit ist verloren, eine Verdrehung des Gesichtsfelds von schauderhafter Groteske beginnt und würgt sich in der eigenen Lende ab bis zum Krieg. Der medizinische Sachverständige ist der berufenste. Stände er fest auf dem Standpunkt, im Zustand des Schöpferischen sei der Dichter verminderten Bewußtseins, der freien Bestimmung ausgeschlossen, der Präsident schlösse die Akten, spräche frei. Der Fall läge wie Trunksucht, zu Imbezillen und Mikrozephalen verwiese man den Träger der symbolischen Fackel. Nichts bestände, die Ausnahme zu konstatieren, die Zusammenhänge lägen kurioser. Von den Unterschieden wäre wenig die Rede. Die Seele ist in der Bürokratie einer Gesellschaft in solche Schablonen verraten worden, daß auch der schamloseste Inzest sich nicht mehr begreift. Man hat hier nicht einmal wie Makart und Fragonard gemalt, mehr wie Hogarth, aber das Düstere ist verfehmter wie wollüstiger Glanz diesen Menschen, die immer nur den Staat sehen, die blitzende, fressende Maschine eines kaiserlichen, traditionslosen und schneidigen Zeitalters. Wie Alberti, dessen Partie als Jude von vornherein verloren, sich auf Hebbel beruft und den Staatsanwalt Nagel in Parenthese fragt, ob er ihn kenne, antwortet der: „Nein, sind seine Schriften in Leipzig erschienen?“ Redet er von Goethes Tagebüchern, unterbricht ihn das Monocle, ob es sich um eine Publikation des Verlages Dettmann handle. Ihm dämmert hinter dem Glas, daß der Verlag steckbrieflich verfolgt sei. Man kann nicht davon reden, daß hier Stil fehle oder daß der Apparat nicht von einer Eindeutigkeit und Ausprägung sei, die Bewunderung verlange. Alberti muß vierzig Mark niederlegen, als er diesem Beamten sagt: er erlaube sich zu behaupten, daß auch Staatsanwälte es gebe, die den Ovid nicht begriffen. Das Einauge faucht. Die Macht wird eingeschaltet. Jedes Jahrhundert hat die Blamage, die es verdient.
Was ist Kunst? Begreifbar wie eine Wage, eine Algebra, eine Manipulation? Wehrt keinen die Scheu, von ihr zu reden? Jeder Plattkopf findet den Mut sich zu äußern und Respekt haben sie nur noch vor Spezialisten des U-Boots und der Parsevale, denen Wissenheit der Sanskrite und Etymologen schon humoristisch vorkommt, da es erwerbloses Gut ist und nichts einbringt den Häschern des Geldes. Da nur Geld ihnen gleich Geld gesetzt Wert wird, finden sie es anmaßend, auch nur den Geist gleich Geld zu setzen und nivellieren ihre Landschaft nur nach Kapital. Sie häufen und bremsen, schlingen das Überlegene in die Räder wie die stumme Materie, bis das Eisen sich durchfrißt am stärkeren Weltstoff. Dann stehen sie atemlos vor der Katastrophe. Ihre Besessenheit und der Frevel ist ihnen nicht bewußt und sie waren mit Blindheit gegeißelt, als sie sich am Licht vergriffen. Sie praßten innen in einer Welt, an deren Stacheldrähten die Dichter entlang strichen. Manchmal trieben sie einen Stier ihnen hinaus, daß sie ihn schlachteten, aber anderen Tages ließen sie sie in Kostümen paradieren und freuten sich des Spektakels. Einmal sollte der Tag kommen, wo dieser Gesellschaft die Rechnung schwer auf die Stirne gelegt und die Sünde der Generation auf Schultern geladen ward, die aus der Tragik, die die Welt spaltet, nicht aus ihrem eigenen Verschulden, ihnen als Erbteil werden sollte. Als sie den Nazarener übers Kreuz nagelten, Galilei peinigten, waren es Dieselben und meinten sie das Gleiche, als sie Heinrich Mann beschlagnahmten und nach der glorreichen deutschen Revolte Sternheim so unterdrückten, wie sie Unruh und Kerr in den dunklen Monaten vor dem Festungwerden der Welt beschlagnahmt hatten. Es sind immer die Gleichen und der Ton ist derselbe verschwörerische internationale, den jedes Jahrhundert und jede Sprache findet, wenn die Bedlamiten das heilige Beil gegen die Tapferen aus der Erdrinde graben.
Niemand kann den Mut finden in eine Diskussion einzutreten, die ernstlich die Gegenüberstellung eines Gerichts und des Geistes, der die Kunst darstellt wie jede menschliche Erhebung, versuchte, ein Gelächter würde in den Wolken entfacht, das benachbarte Planeten infizierte und unseren Irrsinn ihnen denunzierte. Das Wort will immer das Unfaßbare töten. Der Paragraph hat den Neid auf die Freiheit. Die Cochonnerien werden entschlüpfen, indem sie sich verkleiden, das geile Aufreizende, das verführt und sich enthält, die drittklassige Erotik werden lächeln und siegen. Das Logische wird das Falsche treffen, den Vorgang verwechseln mit dem Unwägbaren, was dahinter steht, der Form, der Gestaltung. Plumpe Finger werden selbst bei gutem Willen das Gute bluten lassen und die versteckte Ethik verfällt dem Gesetz. Wie Meer und Blitz und Erschütterung hassen sie das Direkte, und das Elementare ist von den Menschen stets verabscheut und gefürchtet worden, weil es ihre mühsamen Dämme einreißt, an deren Richtung und Stärke sie ihr Selbstbewußtsein und nichtige Größe gern vergleichen. Eine Umarmung und ein Donner sind Dinge voll Ehrfurcht und heilig gewesen, solange wir einfältig und einfach waren. Als wir uns in die Städte begaben und Moses vom Sinai abstieg, verloren wir die Spur der Erschütterungen und begannen ihnen feind zu werden. Das Zupackende ist ursprünglich und schön, ein Sommerregen, zwei verkettete Falter, der Sprung des Hengstes sind Äußerungen der erhabenen zeugenden Kraft. Es waren die schmutzigen Tiere, die den anderen die Unreinlichkeit vorwarfen und die Systeme haben erst das Menschliche geschändet, als sie begannen, es zu untersuchen.
Staatsanwälte, die ahnungslos vor der Wucht künstlerischer und geistiger Fragen das Leben mittelmäßiger Beamten zwischen Zahlenerörterungen und Bestimmungen vollbringen, stehen heute noch am Rande der Seelenäußerungen und zählen mit Uhr und staatlichem Messer Erlaubtes und Verfehltes als letzte Kompetenz. Der Zustand ist schamlos. Urenkel werden sich auf die Beine schlagen vor Entzücken. Unseren Kindern wird es vielleicht vorkommen wie Besuchern von Folterkammern in unseren Tagen.
„Haben sie keinen Areopag gehabt,“ werden sie fragen, „wenn sie wirklich Angst hatten, daß ein Volk von den Dichtern verführt und verdorben werde (statt auf Staatsmänner und Generale zu schauen), hatten sie keinen geistigen Areopag, vor dem sie ihre Gesetze sich selbst machen konnten? Mußten zwischen Dieben und Mördern sie auf den Anklagebänken sitzen vor Richtern, die ihre erlesensten Repräsentanten nicht kannten? Haben ihre Generäle selbst nach den Revolutionen je vor Tribunalen gestanden, die den Rang der Leutnante und der Divisionsführer nicht zu unterscheiden wußten? Und ist nicht, auch ohne rote Bestreifung der Pantalone und Goldverbuckelung ihrer Schultern das geistige Gesetz, das hier nur unterschied, von feinerer Substanz? Hat man das höchste Menschliche so wenig mehr gekannt, daß man selbst, als die Völker begannen, sich selbst zu regieren, so gering es bewertete, ja es noch unter die Kaste jener Mörder stellte, die die Landsleute zu Millionen um der Bereicherung willen schlachten ließen? Ist so tief der Schlamm der Jahrtausende um sie gehäuft gewesen, daß sie das Tönen darüber so wenig metallen erhörten?
Ach wie ist unser Leben doch besser und unsere Einsicht, so gering sie noch ist vor der großen Erhöhung des Lebens, daß wir doch wenigstens begonnen haben zu unterscheiden, wenn auch vom Erkennen und Befolgen oder gar dem Erreichen wir unsterblich noch entfernt sind. Diese Armen, die noch nicht, so stolz sie sich gebärdeten, sahen, daß sie immer ins Blinde schlugen, wenn sie reglementieren wollten, was über ihnen ist, daß sie das Schlimme sich zufügten, wenn sie das Lebendige fesselten, die noch nicht verstanden, daß aus dem Künstlerischen allein ihnen das ehrfurchtgebietende göttliche Gesicht entgegenstrahlt, und wie sie mit glasbeäugten Affen es schändeten und daß das einzige und letzte Gesetz nur die große und gütige Bewegung ist, die den Geist entläßt, im Widerspiel der Kräfte sich auszuwirken: die Freiheit. Daß aber keiner unter ihnen war, der, wohl lächelnd, aber doch voll Zorn gegen die Blödheit seiner Zeit auf einen Sockel stieg und schrie: Auf Kameraden! Daß niemand sich reckte und unter einem abendlichen Himmel oder aus einem übermäßig schönen Garten zwischen den hüpfenden Wassern ihnen die Liste vorlas der großen Namen und der Geschehnisse der Leidenschaft und Liebe von den Göttern her, Leda und Europas Abenteuer, Noas Scham, Sarahs Verkauf, von Lea, Hagar, von Thamar, Aristophanes Lysistrata, Trimalchios Szenen. Siegfried bei Brünhilde, die Töchter Loths, den Boccaccio, den Simplizissimus, Macchiavell, Cervantes, Plato, sogar die deutschen Klassiker, über die das Volk so beruhigt ist, daß in ihrem sicheren Besitz es geistlos bis in die Ewigkeit gern schliefe. Und Homer am Ende, wo lieblich und anmutig die Götter alle um Vulkan und Venus traten, Witze machten und sich des Spieles erfreuten. Und daß nicht alle dann sich aufmachten, zu zeigen, Begeisterung sei nicht erstorben, und in herostratischer Tat sich bewiesen, alle sich in die Maschine begaben und sich konfiszieren ließen, damit es heiße, nur der sei kein Dichter, der nicht dem Moloch geopfert und nicht verboten sei. Das wären Taten gewesen. Daß keiner aufstand und das Monocle einwarf, das den Geist schund! Aber es scheint, sie wußten nur, wenn sie schrieben, was Rausch und Welt war und gestalteten nur Träume, nicht tapfer genug als Leute der Welt und Überlegene ebenso zu leben wie sie dachten, und außerstande die Rolle einzunehmen, die ihnen vom Geist her zukam. Sie wußten, wenige ausgenommen, vielleicht nicht, daß Leben nicht nur über ihnen, sondern in ihnen war. Nicht einmal Hohn kannten sie, wo an Handlung es schon fehlte. Arme Dächse, die den Geist so verkannten, daß sie ihn anbeten, aber nicht zu erleben vermochten.“
Sie werden voll Mitleid neben der Verwunderung sein.
Sein Werk liegt als Wrack auf dem Grund. Es wird gehoben. Seine Bedeutung ist glatt vergessen. Sie wird geweckt. Es ist sehr an der Zeit geworden. Er hieß Friederich und nannte sich Fröhlich. Er ist sich der Ironie nicht bewußt geworden.
Goethes Verwandtschaft, der Schatten des Luftschiffers Blanehard, die nahe Erinnerung Voltaires scharen sich um seine Taufe. Die Totalität ist erreicht. Die Gruppierung wird symbolisch: Größe, Schweifen, intellektuelle Geschäftigkeit machen sein Leben aus. Seine Memoiren sind für die Deutschen ein großes Ding, die arm sind an Kerlen und Erscheinungen jener weltmännischen Kühnheit, die durch Absturz und Zurückfallen nie das Trommeln des Herzens und die Schönheit der großen Welt vergessen. Er beginnt seine Tagebücher mit einem spöttischen Fresco der Frankfurter Bürgerschaft. Ähnlich endet es. Dazwischen schweifen seine Gefühle um jeden kosmischen Pol. Eine tierhaft schöne Seelenbewegung spiegelt sich, keine Konfession. Er kann nicht mehr geben, als die Zeit, die ihn trägt, ihm verleiht, und das mindeste ist immerhin doch zum wenigsten, Träger gewesen zu sein einer europäischen Idee, die Napoleon zwar mit Kanonen aber nicht ohne seelische Größe betrieb. Heut stehen organisierte Massen und Sklaven schon hinter dem Gedanken aufmarschiert. Durch ein Jahrhundert der Verkautzung blitzt ein Bild, das zwar auf Genuß ging und lebte und stritt und Welt mit Leidenschaft umspannte, mit einer Inbrunst und Hingabe, die erst große Ziele geheiligt hätten, das aber die ungeheure Bedeutung besitzt, dagewesen zu sein. Nichts gilt mehr als das. Zwischen all dem kommt ein Leben, sehr gekurvt, wie ein Ball geschleudert. Keine Zone des Abenteuerlichen bleibt entfernt, denn keine Fläche und Erhebung, an der er unbewußt sich nicht beweist. Da rollt sein Dasein dahin, er sucht ihm keinen Sinn zu geben. Es vollendet den Sinn aus sich selbst.
Es gibt für alles dieser Art nur einen Maßstab: Casanova. Der ist die weitestgespannte Leistung. Er ist Maß für Geist, Politik und Frauen. Er ist Maß für Höhe und Tiefe, universal in Geschehnis, Wissen und Gefühl. Nicht daß andere nicht besser, dringlicher, im einzelnen stärker wären. Die Welt als Ganzes hat niemand so mit Persönlichkeit umfaßt wie er. Was sonst in unseren Zeitläufen an Memoiren erscheint, ist politisch, erotisch, kitschig, konfessionell. Es ist nicht universell.
Dieser Bursche aus der Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert aber erinnert stark an Casanova, denn er hat einen ungeheuren Drang nach der Welt der Bedeutung, der Frauen und auch des Geistigen. Zwar ist er nicht so breit, härter, herber und wohl auch bürgerlicher als der Venetianer, der seine Italienischkeit dauernd zu gallizieren suchte. Auch ist er weniger launenhaft und weniger literarisch als der Deutsche Pückler.
Es ist nicht allein die schrankenlose Bekenntnishaftigkeit, nicht das völlige Fehlen bürgerlicher Scham und ihr Ersatz durch rücksichtslose Persönlichkeit, es ist nicht allein die bestürzende Fülle von Welt, Tat und Größe, auch nicht die offengelegte Kultur der Zeit, die seinen Memoiren ihren höchsten Reiz geben. Es ist vielmehr die allen guten Bekenntnisbüchern bei größter Subjektivität trotzdem eigene Bedeutung des Sekundären. Es drängt sich nicht Psychologie in jede Falte der Erzählung. Es ist nicht alles Entwicklung aus den Nerven. Die Dinge, die Sätze entstehen elementar. Es ist ein stetes Geschiebe von Oberflächen, die heftiger wirken als sublime Vertiefungsversuche. Die große Persönlichkeit des Autors erhält dadurch Kühle und Distanz.
Es wird einfach alles hingesagt, gleichgültig, was es sei. Menschen kommen, verlieren sich, sterben, Man sagt es. Dinge geschehen und wirken tödlich. Man sagt es. Man sagt es wie das Herrlichste, Furchtbarste, Intimste. Darin steht noch einmal die Unpersönlichkeit, das Registrierende, das Uninteressierte des Rokoko gegen das Schicksal auf. Die Menschen unterstehen alle noch dem Ungefähr. Sie stehen noch im Kampf mit dem Elementaren. Was wir nur noch kennen durch den kleinen Ausschnitt der Zeitungsnotizen, was sich verringert hat auf die Unfälle des städtischen Verkehrs, braust hier täglich als dumpfes Ereignis herein. Jedermann nimmt es als Schicksal. Flüsse werden überschritten, Menschen ertrinken dabei, man rechnet damit. Menschen treten auf, an deren Laune tausend Leben hängen und die der Laune nachgehen, wann es ihnen beliebt. Morde und Entführungen sind alltäglich. Bagnosklaven rudern die Schiffe, Kugeln fallen und pfeifen. Blitze schlagen in die Mündungen der Gewehre. Überall stürmt das Leben heran mit seinen primären Äußerungen.
Und doch ist hier schon ein Wendepunkt der Zeit. Doch beginnt hier ein Ineinanderwachsen von zwei Welten. Es gibt heute noch eine wüste Seefahrt. Hunderte Menschen liegen seekrank gedrängt in engstem Raume. Die Menschen sterben in Scharen. Man wirft sie den Haien hinaus, die sie fressen. Die Matrosen aber fangen die Haie und speisen sie mit Wonne. Morgen aber ist alles schon Kultur. Theater, Seide, Geist, Parfüme wirken. Die Revolution ist schon vorüber. Noch klafft ein scharfer Riß zwischen alter Welt und neuer Welt der Organisation. Doch langsam entwickelt sich die Welt nach vorn.
In einem Frankfurter Familienhaus wird er geboren. Um 1789. In Frankfurt wird gut gespeist, gut getrunken. Das Gewoge einer Kaiserkrönung leuchtet noch einmal durch die Stadt. Seine Jugend überflutet bald Deutsches, bald Französisches. Er wächst heran, im kindlichen Herzen schon Zorn und Fehde gegen das Bürgerliche. Er kommt zur Erziehung nach Homburg. Sofort beginnt er nach Erlebnis zu suchen. Sie hetzen Säue in den Schloßgarten, werden verhaftet, schneiden der Wache die Zöpfe ab. Homburg loht vor Empörung. Nun kommt er nach Offenbach. Diese Stadt ist damals eine beliebte Niederlassung von Mystik. Ein Polenfürst und Heiliger lebt dort mit einer Sekte. Er reitet nur mit großer Leibwache aus. Tausend Magnaten aus Böhmen, Lausitz, Polen und Mähren kommen bei seinem Tode und füllen die Stadt mit Geschrei. Fröhlich eröffnet ein Liebhabertheater. Bettina Brentano ist dabei. Große Sensationen reißen ihn mit, er rückt aus nach Mainz, um die Hinrichtung des Schinderhannes zu sehen.
Hier zeigen sich schon deutlich zwei Pole seines Wesens: Theater und Frau. Man kann sagen, daß er ein unterdrückter Schauspieler gewesen sei. Als er es werden wollte, widersetzt sich die Familie, die Landgräfin in Homburg sperrt ihm die guten Häuser, denn Schauspieler werden hieß etwas sehr Gemeines sein. Fröhlich versucht es mit Gewalt, reißt aus und fährt zu Goethe nach Weimar. Zwar ist Schiller sehr freundlich, kann aber ohne Goethe nichts tun. Der aber empfängt Fröhlich steif. Frau von Staël steht neben ihm. Goethe weiß dem Jungen nichts zu sagen, schreibt aber sofort an Frau Rat, Frau Rat geht zu seiner Mutter und die Familie läßt den Ausreißer arrestieren.
In dem Knaben brennt die Lust nach Frauen. Der Knabe hat schon drei Geliebte. „Don Juan“, die „Liaisons“ und der „Faust“ sind ihm Lektüre und Inspiration. Ihm wird nun alles Weg zur Frau. Darum zog ihn auch das Theater. Alles, was er künftig nun tut, hat alle Rückwirkung, alle Bedeutung, allen letzten Sinn nur in der Richtung auf die Frau. Das Feminine wächst als Zentrum in sein Gehirn. Sein Leben gruppiert sich darum. Die Welt kristallisiert sich ihm mit allen Offenbarungen in die Frau. Wertlos ist ihm, was nicht dahin zielt. So ergibt sich für sein Leben Linie und Bestimmung. Darum wird er Offizier. Ihn lockt nicht dies Handwerk, dieser Beruf. Ihn reizt das Sekundäre. Die maßlose Weite der Welt mit allen Möglichkeiten und Ahnungen schließt sich darin für ihn auf. Als man ihm Hessen-Kasselsche Dienste offeriert, lacht er über die Parade-Zopfsoldaten. Er geht nach Mainz in französischen Dienst. Hier schlägt das Leben schon lebhaft. Er empfindet und philosophiert über den Gegensatz zwischen der leichten Lebensart dieser Stadt und der kalten Spießigkeit der Frankfurter Prozentgesichter. Er kommt in Berührung mit dem Französischen, das allen seinen Sehnsüchten entgegenkommt und ihn hebt, ihn aber mit einer so freien Lebensform belastet, daß ihm andere Milieus unerträglich werden müssen. Zuerst war sein Liebesempfinden bei allem Genuß keusch. Nun wird früh sein Urteil über Frauen bestimmter. Er sucht in der Liebe den Geist. Dirnen verachtet er. Hier ist er enger als Casanova, der in dem unscheinbarsten Mädchen die Welt sich offenbaren fühlte, der das Leben empfand im unbedeutendsten Femininen, weil das Weibliche ihm noch ungeheuerer als Fröhlich letzter Sinn und Mittelpunkt der Welt geworden war. Aber er hat mit Casanova gemein das Trösten über die Frau bei der Frau. Eine Trauer, die zur Vereinsamung führen müßte, treibt sie zu anderen Frauen, und diese saugen sofort den Schmerz ein.
Hier ist er sechzehn Jahre alt.
Man gibt ihm sechzig Soldaten. Deserteure, Russen, Verbrecher. Er führt sie in tollem Zug in Garnison nach Toul. Dort entwickelt sich ein Garnisonleben mit Liebe, Kaffeenächten, Duellen und Komödie. Das Milieu ist Gesellschaft und Militär, beides unsicherer Boden, von Frauenintrigen durchkreuzt. Die Männer haben alle eine Vergangenheit und pendeln zwischen Uniform und Galeere. Dann zieht er nach Avignon. Petrarcas Name deckt zahlreiche Amouren. In Tarascon liefern sie den Bürgern eine Schlacht und kommen in Garnison nach Montpellier. Fröhlich kommt in die Stadt und denkt: Frauen. Er läßt den ersten Friseur kommen, gibt ihm Gold und fragt ihn aus. Er beginnt schon mit Methode. Er lernt den Wert des Geldes kennen als Bahnbrecher zur Erlangung von Macht. Er schildert das Bagno, eine Menagerie angeketteter Verbrecher, Bischöfe, Generäle und Dichter. Dann fährt er zu den Besatzungstruppen nach Genua.
Seine Empfindung ist künstlerisch. Doch ist dies nicht wegen der Kunst als solcher, als abstrakten Genusses, so. Auch hier zielt er nach der Frau. Künstlerisches hat ihm nur Wert in Beziehung auf Empfindung und Leben. Leben heißt ihm aber: Frau. Bilder liebt er nicht. Natur, die er gut schildert, ist ihm letzten Endes gleichgültig. Er schaut sie als Hintergrund des Erlebnisses, als großen Rahmen des Abenteuers. Besucht er in neuen Städten Museen, alte Viertel, Kirchen, tut er es nur, vielleicht unbewußt, in dem Trieb, in dieser Atmosphäre der gesteigerten und erregten Menschlichkeit Weiber zu finden. Als er Canova kennen lernt, mißfällt ihm dessen monumentaler Napoleon. Aber die Figur einer Nymphe reißt ihn in alle Himmel. Durch die Frau kommt er zur Musik. Hier findet er unerschöpfliche Mittel, zurückzuwirken. Er bildet sich aus, singt, lernt Instrumente, komponiert und gibt Märsche heraus, mit denen die Garde später ins Feuer marschiert. Sein großer Trumpf ist Mozart. Überall holt er die Noten heraus und singt und die Frauen ergeben sich. Er macht Mozart zur Mode in Italien.
Aber er lernt auch sofort Italienisch. Es ist eine neue Waffe zum Triumph. Damit dringt er in das italienische Leben ein. Er kommt in die Gesellschaft, das Leben weitet sich vor ihm. Die kulturellen und sozialen Verhältnisse des Landes durcheilt er in äußerst reizvoller Schilderung. Er hat wunderbare Gaben, sich in fremde Milieus hineinzufinden. Er verkehrt bei den Doria und Spinola. Die Welt nächtlicher und mondbeschienener Polichinell- und Pierrot-Tragödien eröffnet sich. Die Damen flüstern: der französische Offizier, der den „Don Juan“ singt . . . Mit einer glänzenden und komplizierten Faschingsintrige erobert er eine große Frau, die Marchesa P. Und trotzdem diese Handlung ihn dem Tod aussetzt, trotzdem er seinen ganzen Willen, seine volle Erlebnisfähigkeit darauf gerade richtet, hat er dennoch andere Frauen nebenher.
Zum Abschied schenkt ihm die Marchesa einen Rubin. Morgens um sechs knattern die Trommeln. Sie ziehen weiter. Wasserleitungen, Mauern und Galgen bereiten Rom vor. Sie durchziehen Italien bis Neapel. Neapel wird ihm das Dorado der großen Welt. Die Eleganz des Lebens und der Theater ist fabelhaft. Die Mißstände der Regierung aber sind schlimm, da sie von schlechten Pariser Subjekten geführt wird. Der König Joseph verläßt sich auf die Minister, diese machen alle Mißgriffe der Organisation. Das Land gärt. Es gibt blutige Aufstände in Kalabrien. Die Engländer landen Truppen, die Franzosen erhalten eine Niederlage. Das Land loht ganz auf. Da siegen die Franzosen. Die Engländer schiffen sich ein und überlassen das Land seinem Schicksal. Die Weltgeschichte wiederholt sich Schlag um Schlag. Fröhlich macht bei dem ersten Rückzug einen Aufsehen erregenden Durchbruch mit wenig Leuten durch die Franktireurlandschaft. Er kämpft tollkühn, wie ein Löwe, und ganz kühl. Auf einer gewagten Streife fängt er einen falschen Fra Diavolo. Der echte wird später gefangen. In unzähligen Momenten offenbart sich in diesen Partien Einzelschicksal tragisch und elementar.
Fröhlich liebt den Krieg. Seine Phantasie fliegt dem Abenteuerlichen, dessen ewige Inkarnation die Frau ist, zu. Schlacht, Blut, unstetes Streifen sind Stationen, sind Wege zu ihr. Ruhm ist ein Glanz für die Frau. Keinen liebt sie mehr, als den, den sie in Gefahr weiß. Dies kennt er all. Rinaldo, Schinderhannes, Fra Diavolo — er bewundert sie, denn er sieht hinter ihren Taten den Eindruck auf die weibliche Psyche. Deshalb bekämpft er sie, um als ihr Besieger noch strahlender zu sein. Er ist ihnen innerlich näher als irgend einer. Er bekämpft sie. Aber aus Ruhm und nicht aus Moral.
In Rom führt er sich ein mit Musik. Seine Kehle ist geschult durch den großen Kastraten Matuccio. Dort besucht er auch Angelika Kaufmann. Sie unterhält sich mit ihm über Malerei. Sie drängt vom Körperlichen weg ins Geistige, ganz allgemein. Das mißfällt ihm, denn seine Tour ist das Gegenteil. Malerei allein langweilt ihn. Darum besucht er sie nicht mehr. In Rom formt er sich ganz an der ersten Gesellschaft. Das Frankfurtische verschwindet. Hier kommt ihm dann sein größtes Erlebnis: die Liebe einer Fürstin, die einzige, die groß scheint und auch ein gewisses Nachklingen in sein Leben hineinwirft. Er durchkostet es mit höchster Glut. Wie die Maler alter und beschaulicher Zeit liebt er die Kontraste. Er verliert sich mit ihr in den Katakomben und genießt ihren ersten Kuß, den Tod schon im Gefühl. Das steigert die Süßigkeit unendlich. Doch sie werden gerettet.
In einer Laune prügelt er gelegentlich einen Bischof. Es folgt die Strafversetzung nach Genua. Bald ist er wieder nach Rom zurück. Sein Empfinden in der Liebe verfeinert sich immer stärker, er nuanciert nach Städten, entwickelt das Geistige aus der Hautfarbe und gibt eine Psychologie der Frau nach Städten. Manchmal, besonders später, doziert er über die Liebe, gibt Lehren wie Casanova. Und zwar sind dies Lehren nicht gegen die Moral, sondern für sie. Er lehrt nicht das Verführen, er zeigt lediglich lächelnd seine Karten und warnt. Er ist aber darin Sohn der Revolution, daß er nicht nur philosophiert über dieses Thema. Er besitzt. Nie steigt er zu dem Flehen um Liebe, das dem Romanen eigen ist und ihn leicht süßlich macht, herunter, nie erreicht er Liebe mit einem Glissando der Seele. Freilich läßt er alle Minen springen, aber seine Eroberung ist stets etwas Maskulines. Das Ungefähr und die Freiheit der Verhältnisse, das abendliche aufreizende Italien, das nächtlich dunkle, von Paaren durchhuschte Rom, die freien Bälle, die Begegnung von Loge zu Loge in den Theatern ermöglichen alles. Nach zwei Jahren bricht er mit dem Heer auf gegen Spanien.
Zu diesem Lande hat er Distanz. Er kennt die Sprache nicht. Er beginnt sie sofort zu lernen. Aber es geht nicht so rasch, wie die Tatsachen laufen. Er wird kontemplatorisch in der Schilderung. Was er schildert ist allgemein, nicht durchschimmernd und fein wie in Italien und Frankreich. Das kommt, er hat das Land nicht durch die Frauen gesehen.
Dafür gibt es große Gemälde der Ereignisse. Aufstand in Madrid. Das Toben der Tausende, die verbissen in die Straßen gepfercht miteinander kämpfen, Kanonen und Frauen. Er wird von Murat angeredet. Dann belagert er Saragosso. Wieder prallen Massen aufeinander. Magazine fliegen in die Luft. Generäle werden erschossen. Nachts sausen glühende Kugeln in die Stadt und in den Ebro. Stürme gehen gegen die Mauern. Rasende Priester fechten gegen sie. Man verschanzt sich hinter toten Kapuzinern und Karmelitern. Trotzdem müssen die Franzosen zurück. Dazwischen fällt ein wenig Erlebnis der Liebe auf das entzückende Intermezzo eines Nonnenklosters. Vor Barcelona wird er verwundet. Er verträgt die Luft nicht und schlägt sich durch die englische Flotte auf einer Feluke nach der französischen Küste durch. Er kehrt nach Neapel zurück. Er spricht mit Murat, als er sich zur Eroberung Capris einschifft. Später muß er in Rom den Papst Pius VII. gefangen nehmen. Sie binden ihn auf einen Stuhl und lassen ihn an Seilen auf die Straße. Er tut es mit Bedauern, obwohl er Protestant ist, denn der Mann scheint ihm vornehm. Als Depeschenoffizier reist er verkleidet nach Wien zu Napoleon. Die Wienerinnen begeistern ihn, bei Männern findet er mit Recht den Dialekt abscheulich. In Schönbrunn empfängt ihn Napoleon. Er ist steif und kühl. Fröhlich bittet um Versetzung zur Garde. Napoleon: „Nous verrons.“
Als die Möglichkeit, in einer Mission nach Paris zu kommen, am Horizont auftaucht, verdoppelt er sich. Er fährt dann darauf hin, wie zu einem Magnet, der ihn an sich reißt, reist Tag und Nacht, sieht kein Bett. Am ersten Tag fährt er die ganze Stadt ab, um sie gleich voll zu umfassen. Dann ißt er um vierzig Francs zu Nacht und schläft sehr lange, um in den kommenden Wochen die Stadt im einzelnen zu durchtosen. Er kommt wieder hier in die große Welt. Salons und Foyers nehmen ihn auf. Er arrangiert ein Trauermahl, das Paris skandalisiert und Napoleon erzürnt, das Huysmans in seinem Roman „A rebours“ siebzig Jahre später glatt kopiert, das ähnlich De la Reynière schon vor der Revolution gegeben hatte und das schon in den Orgien des Roms der kaiserlichen Dekadenz Mode war. Das noch nicht modernisierte Paris schildert er berauschend mit Gassen und Pomp und seiner ganzen unaussprechlichen Süßigkeit. Er genießt es mit Massen und Festen und Illuminationen, wo Seiltänzer zwischen Raketen über dem Marsfeld schweben, er erlebt den Brand bei Napoleons Hochzeit und erklimmt den höchsten Triumph seines Daseins: liebt und besitzt Pauline, Napoleons Schwester. Sie gibt sich ihm in einer blauen Grotte, wo sie ihn erwartet. Allein er hat sie nicht erobert. Ihre Augen haben zuerst mit Wohlgefallen auf ihm geruht. Deshalb verläßt er sie bald. Aber er bekommt Einblick in die intimsten und privatesten Dinge des Reiches. Beim Abschied verschafft ihm Pauline eine Stelle bei der Garde Murats. Er kehrt zurück. Im Liebhabertheater führt er von sich selbst übertragen „Fiesko“ auf, Kotzebue und Zschokke. Bald kreuzen sich aber seine Liebeswege mit denen seines Königs. Murat läßt ihn fallen und sendet ihn nach Korfu.
Fröhlich liebt alles Wesen der Welt, nur nicht wie Voltaire le genre ennuyeux. Er arrangiert sofort Theater. Er schreibt ein Stück, in dem eine lange Versenkung vorkommt, um eine bewachte Schauspielerin sehen zu können. Er entführt aus Langeweile für alle seine Kameraden Griechinnen. Komplizierte Liebesintrigen folgen Schlag auf Schlag. Als Einwohner ärmlich verkleidet besucht er, den Homer in der Hand, die Insel des Odysseus, auf der achtflügelige Windmühlen wehen. Er kehrt zwischen zischenden Kugeln zurück. Er kommandiert eine Expedition nach Albanien, wo die Einwohner das Niegesehene europäischer Soldaten wie Zentralafrikaner umstaunen. Ihr Diktator Ali schenkt ihm vier Frauen, er gibt sie an seine Unteroffiziere weiter. Den Sommer tanzen sie, machen Feuerwerk, trinken und essen Langusten. Die Engländer blockieren die Insel dicht. Eines Tages kommt die Nachricht von Napoleons Fall, die Engländer übernehmen die Insel, die französische Besatzung schifft sich nach Frankreich ein. Als sie Elba passieren, steht Napoleon am Strand. Die Besatzung meutert schier. In Marseille hat er scharfe Quarantäne, weil durch dies Einfalltor die Pest aus der Levante sich auf Südfrankreich stürzt. Paris, von Emigranten, die zurückkehrten, überschwemmt, enttäuscht ihn. Er kehrt über Straßburg zurück. Auf den Hügeln der Bergstraße brennen Feuer zum Jahrestag der Leipziger Schlacht, Darmstadt durchfährt er, begreiflicherweise ohne Aufenthalt, kommt nach Frankfurt und nimmt preußischen Dienst.
Die Kurve der Bewegung neigt sich. Die Entwicklung stülpt sich um und geht nach rückwärts. Es war ein leichtes gewesen, sich aus der beschränkten Existenz der Jugend ins Weite zu verlieren. Von Frankfurt aus Europa zu durchschweifen, dies wollte nur heißen: Anspannung und Verbreiterung der Kräfte. Aus der Welt in das Begrenzte der scharfen Disziplin und der Sachlichkeit zurückzukehren, war schwerer. Es schien ihm grenzenlos einfältig. In der Kolberger Garnison lebt er fast blinden Auges für seinen Zustand und ist nur drauf aus, viele Weiber zu haben. Es ist ihm Rettung und Opiat für die beispiellose Nüchternheit dieses Daseins. Sein Verhältnis zur Frau verdoppelt sich. Die Weiber sind ihm näher gerückt, die einzige Berührung mit Welt. Seine Haltung zu ihnen wird summarischer. Er lockt nicht mehr im einzelnen Reize heraus, nimmt nicht mehr, immer wieder überrascht und erstaunt, das Plötzliche. Er instrumentiert jetzt seine Nerven und sein Gefühl. Das Tempo hat den Schlußfinish der Verzweiflung. Der erste große Schwung endet hier, vom festen gleitenden Boden weg, ins Uferlose aufgebogen. Er zerkracht. Er kann nicht stets, nicht jeden Tag an Brot und Zopf und makabrer Imbezilheit sich reiben, nicht jede Geste gleich an Wand und Mauer führen. Wie Casanova in England scheitert, kommt er in Preußen auf den Hund. Hier ist nicht mehr romanisches Land, wo Persönlichkeit, wo stolze Arrivierte alles sind. Hier ist eine Maschinerie trostloser Nichtigkeit, hier endet Welt allwege an Straße, Bach und Mauer. Und nie gabs Geist außerhalb des Reglements. Die Souslieutenants haben begonnen, einen Staat und ein Reich mit subalterner Ameisenhaftigkeit zu bauen, das von Mittelmäßigkeiten getragen, Idee und Geist verachtete und das Achtzehnhundertsiebenzig ironisch bestätigt, Neunzehnhundertachtzehn mit apokalyptischem Gelächter zurückgetrommelt ward in die Hundehütte, aus der es kam. Sogar die Opposition, die bei den Romanen das Heroische ist und von Ruhm und Leuchtkraft umgeben ist, ward hier ein Zustand, den Polizeibefehle richteten und den die gute Gesellschaft (während die Salons in Frankreich sie führten) verachtete wie Diebstahl, schlechten Anzug und Armut. Sein Widerstand, durch den er seither auffiel, der anzog und ihn hochtrieb, wird abgestoßen, in die Ecke verwiesen. Festung auf Festung. Er nimmt Abschied und reist.
Zwecklos zuerst noch, allein mit Kunst. In Polen sieht er melancholisch, da er die Sprache noch nicht ganz beherrscht, den Hintergrund lockender Erlebnisse sich verdunkeln. Die Frauen weichen schattenhaft zurück. Er neigt sich. Der Horizont des Daseins wird ungewisser, hie und da nur belichtet. In Berlin widert das Preußische ihn so, daß es ihn aktiv macht. Er kommt zur Satire. In Magdeburg lernt er Carnot kennen, ehemaligen Direktor der Republik. Im Scherz animiert der ihn, die Geschichte der Revolution zu schreiben. Noch lacht der andere, sieht Reisen und Abenteuer abgespiegelt im Abendhimmel.
Dann faßt ihn der Plan, läßt ihn nicht wieder los. Er kommt zum Schreiben. Grillparzer, den sehr zu Unrecht die Deutschen für einen bedeutenden Dichter halten, meinte, Außenseiter der Gesellschaft seien zu Landsknechten früher, jetzt zur Literatur gelaufen. Irgendwie wird es in höherer Sphäre in anderem Sinne aber in völliger Dreiheit wahr. Er geht in die deutsche Opposition und das heißt in ein Leben der Verachtung, der Reibung mit den minimalen Hirnen, ins Elend. Das Bürgerliche kreist ihn ein. In Frankfurt, Offenbach, Köln ediert er Zeitschriften, attaquiert und kämpft. Er frondiert, verpufft sich im Kleinen. Die Tragik nähert sich stärker. Seine Memoiren sind ein Spiegel, in dem er Vergangenes in allen metallenen Farben zurückgestrahlt sieht. Um ihn herum ist die kleine Meute, in deren Radius er sich verstrickt hat, die er reizt und die ihn hetzt. Regierung, Senat, Frankfurt, Gericht, Verleger, alles ist von dem Geist der kalten Schulter beseelt, die ihm gegenüber bleibt und nicht wankt, ihn ignoriert und verhöhnt, und an der seine Briefe und Beschwerden abprallen, nutzlos, vertan. Die Ohnmacht, allein einer Welt kleinbürgerlicher Miasmen gegenüberzustehn, hebt seinen Mut, überspitzt sein Selbstvertrauen. Er schildert sich, wie alle Verzweifelten, denen Mut aus eigener Überschätzung kommt, da in Verwechselung der Kräfte sie sich für die Idee selbst halten, von der sie nur gestreifte und versprengte Schildhalter sind: „Voll Feuer, Geist und Leben, von sehr interessantem Äußeren, wohlgewachsen, voller Talent und Kenntnisse, ein Todfeind aller Vorurteile, sehr galant, ein trefflicher Reiter, ebenso guter Tänzer als Schütze und Fechtmeister, der Liebling der Damen.“ Er hatte keinen Wert darauf gelegt, als Vorkämpfer einer Richtung, einer Herzenssache sich zu präsentieren. Ihm war Europa Gleitbahn und Lebensnotwendigkeit, Spiel des Hirns. Er wollte nach oben und vorwärts, hatte die Sehnsucht nach Welt und gut zu leben. Aber vom Dienen im Sinn der Idee wußte er nichts. Er versteht nicht darum zu leiden. Er begehrt es, wie eine Frau, die er haben, aber nicht durch Bemühung der Seele leidend erringen will. Er kennt nur die Tuschs und die Clairons. Irgendwo hinter der forcierten Eleganz steckt der arme Schlucker. Mit Prinzessinnen ging es. Mit den Bürgern ist das Leben aus und vertan.
Einmal hat er noch Erfolg, Glanz der Liebe kommt aus großer Welt. Der Park von Ludwigsburg biegt sich um nächtliche Zusammenkunft. Man redet von Entführung, London, Heirat, er glaubt es vielleicht, aber im Grunde will er es nicht. Zwar packt er das Erlebnis mit aller Gier, es verbindet ihn noch einmal mit jener Sphäre, als er italienische Fürstinnen hatte und schwärmerisch Don Juan sang. Er ist zu sehr schon zugedeckt von seinem neuen Milieu, er sieht die Liebe nur als unverhoffte letzte Frucht. Nun ist der Horizont leer geworden, die Frauen sind ganz tief und verblaßt hinausgetreten. Es bleiben Arbeiten, Kämpfe, rastloses, zweckhaftes Mühen um Gewinn, Leben, Geld. Doch vergißt er die Freiheit nicht. Sie ist mit langsamer Schönheit irgendwie vor alles andere getreten. Doch er liebt sie wie eine Courtisane, nicht wie eine Heilige. Er hat sie im Blut, sie hat ihn infiziert. Sie hat ihn wie Pauline. Aber er hat nicht den unsäglich mühsamen Weg gemacht, um sie ganz zu begreifen und so tief lieben zu können, daß er stürbe für sie.
Er hatte auch bei den Weibern nicht den Elan, sich in der Liebe für die Ewigkeit so hoch zu recken. Er ist Abreke, Abenteurer, Jeu-Genie. Um den Augenblick der Liebe zu fassen, setzt er lächelnd das Leben ein. Ein ganzes Leben Liebe ist ihm tötliche Angst. Er ist ein Impressionist im Leben, eine schöne und oft sehr farbige Angelegenheit, aber auf der Ebene der Herumgeworfenen, Eitlen und Nur-Talente. Wo er aufhört, fängt der große Erotiker erst an. Viele Frauen zu haben ist ein Talent der Oberfläche, der Verführung und der Kraft, zu gefallen. Aus ihnen herauszuholen, was an Fiktivem und Echtem in ihnen ist, an das zitternde Menschliche zu geraten, ist schon Genie. Es fehlt ihm im ganzen Leben, was Casanova hatte: die große Inbrunst, die Lust zur langen Liebe. Nie wird dem Venetianer ein Weib leid. Sie bieten ihm noch Möglichkeiten, wenn das Leben ihn von ihnen reißt. Es fehlt dem Deutschen auch Liebe solcher Frauen, die, auch wenn sie sich trennen, immer Daheim, Hafen und Rückkehr ihm sind und die seine Berührung wie göttliche Auszeichnung durch ihr an Glanz nicht armes Leben tragen. Seine Frauen sind ausgezeichnet, innig, aber einmalig und ohne Echo für das Weitere. Es mangelt ihm das Lauschen, lange Kosten, die tiefe genießende Süßigkeit des Venetianers. Ihm schien das Weib der Mittelpunkt der Welt. Aber er sucht nur und geht weiter. Casanova aber sucht in ihr, wenn er sie hat, alle Endlichkeiten des Kosmos bis zur Unendlichkeit.
Doch er hat seine Zeit in sich, seine Sehnsucht bleibt ihr treu. Seine Tagebücher hat er abwechselnd, durcheinander deutsch, italienisch, französisch geführt. Das Werk, das er aufbaut, hat immer als Titel: Welt, Enzyklopädien, Zeitschriften, Welttheater. Immer will er das Ganze fassen. Je härter ihn die Umgebung bedrängt, um so weiter will er hinaus. Politische Phantasierereien lassen ihn den Globus immer dichter zusammenziehen, das Deutschland, das vor der Revolution noch fünfzehnhundert Regenten „beherrschten“, wird immer einheitlicher. Er ist gegen das Soziale, weil er die darauf folgenden Tyranneien fürchtet. Er ist Aristokrat, aber er haßt Feudalismus, weil er die Freiheit liebt. Er baut an lenkbaren Luftschiffen, an Unterwassertorpedos, er möchte gern den Meergrund und die Planetenhöhe einbeziehen. Er kämpft seinen kleinen Kampf mit aller Tapferkeit und als Seigneur, der nur selten zeigt, daß diese Rolle nur die Verlegenheit der Situation ihm gegeben. Daß er viel lieber um Throne und Feldherrn und große Städte mit Macht und Ruhm sein Leben herumbewege, als zu schreien und fechten, mit einem Gegner, den er so tief verachtet. Und manchmal, sehr selten, ist in seiner Allüre der Ton des Ausgetriebenen, des Neidischen, des Hundes, der seine Tätigkeit auch verachtet, aber in der Welt, wie sie hinter Napoleon sich schloß, keine andere Wegfahrt sieht, als den Widerspruch, die Pasquille, das Buch des Protestes. Seine spielerische Klugheit führt in politischen Dingen ihn bald auf den Grund der Probleme, er ist nicht sehr engagiert und sieht daher klarer. Er ist für die Revolte der Herzen, wohin die Resignation an den Revolutionen bald die Engagierten führt. Doch ist es Kalkulation, nicht Glaube. Er weiß, daß INRI nicht nur das Schild des Nazareners war, sondern das Anagramm der napoleonischen Idee war und dem französischen Imperator die südliche Königswürde der Italer zufügte und das europäische Mittelterrain bedeutete, und daß es aus damit sei für lange Zeit. Daß er Napoleon bekämpfte, beweist gerade in seiner Feurigkeit nur, wie sehr sein Herz an den Dingen dieses Zeichens hing.
Deutschland ist kein Land zum Sterben. Ganz in ihm zu leben haben trotz oder wegen ihrer Liebe zu ihm seine besten Kreaturen nicht vermocht. Aus der Dumpfheit des Rheinlandes kommt er nach Paris. In Ingouville sieht er: der Himmel ist unendlich, die Terrassen der Villen und Lichter senken sich. Die Seine hat blau den Ozean erreicht. Die Natur hat eine große Melodie angeschlagen. Sie ist aus seinem Leben hinausgetreten und küßt den noch einmal, den das Sterben wohl nicht drückt.
Dort hat er seine Memoiren geschrieben. Da kam es ihm herauf aus Welle und Mondbogen: die Welt. Man hat das Werk in viele Sprachen übersetzt. Die Deutschen hatten das Dokument bald vergessen, wie sie Pückler versäumten, aber Ebers und Freytag wie Gebäck und Bier konsumieren. Sie sind kein weltmännisches Volk und berauschen sich eher am barbarischen Spiegel sentimentaler Urvergangenheit als an den Momenten ihrer Geschichte, wo Weltwende fiel und Schicksal zwischen den Zeilen der Passion gewittrig sich ballte. Dem Geist der Kriegervereine und Kaiser-Geburtstagsfeiern ist Denken und Zusammenhang eine Pest. Sie haben auch Casanova als Erotiker abgetan, der doch ein geistvolles Zentrum der Welt war, und, nur wissend, wie sehr aus den primitiven, das heißt den erotischen Wurzeln Menschen, Völker und Schicksale sich entscheiden, sein Weltbild wachsen ließ vom Phallischen in den Geist. Sein Ausmaß ist riesiger wie das des Deutschen. Den hat die Vorsehung nie so fessellos gepackt wie den, der als Besitzer des Alphabetes sich Marquis de Seintgalt nannte. Der Deutsche hat als Offizier eine Kaste, einen Ausschnitt. Von da aus erlebte er, von da aus schlug ihn die Welt. Den Venetianer aber wirft das Schicksal an jeden Strand und an jede Hölle. Er erfährt Höheres, aber auch jede Tiefe des Daseins. Sein Fall ist furchtbarer, sein Aufstieg illuminanter. Der ganz große Schicksalsausschlag fehlt dem Deutschen. So fehlt auch seinem Ende die große Tragik Casanovas, der, wie der Prinz von Ligne sagt, zahnlos und alt, ein Spott der Domestiken ward, ein Hürchen in Venedig aushielt und an jenem Petrolfeuer sich zurückerinnernd fabelhafter Erlebniswürfe, wie glühender keinem Menschen vor ihm sie gelangen, den Prunk und die Grazie und die Weisheit seiner Memoiren schrieb. Dies ist Schicksal.
Es hatte ihn ganz umgeschmissen, aber er griff um so höher hinauf. Der Deutsche blieb in der Mittellage. Nicht so maßlos repräsentativ wie Seintgalt. Aber, endlich auf das Maß seines Anspruchs gebracht: wundervolle Haut, abgeschöpft von seiner Zeit. Er wollte nichts, aber die Zeit bewies sich gerade darum in ihm. Sein Kampf vom Augenblick an, wo er ins Bürgerliche desertierte, ist nicht Tragödie, sondern Marsch in die Spirale, ins Enge und ins Unwesentliche. Nur blieb er auch hierbei seinem Blut treu, schrieb den Deutschen in ihre minderwertige Memoirenliteratur ein Oeuvre erster Form und blieb zwischen Händlern und Spießern ein Funke größeren Lichts. Es fehlte dies und dies und dies zu Größe. Er hatte die europäische Einstellung. Aber nicht den Charakter. Er hatte die Sehnsucht dumpf danach. Aber nicht die unerbittliche Richtung. Hätte er an Revolutionen geglaubt, er hätte ganz richtig von den Franken sie erwartet, denn die Unfähigkeit der Deutschen gerade hierzu kannte er deutlicher wie ein anderer. Aber er hätte sie des Glanzes und der freiheitlichen Geste halber nur von dieser Seite gewünscht und nicht gedacht, daß wohl die Explosion vom Westen, der Geist aber vom Osten kommen könne. Dahinaus war er verschlossen. Nicht aus Leichtsinn. Eher aus Courtoisie. Aber im ganzen darum: man war noch nicht so weit. Einem Panter, einer Antilope gleich, die nicht wissen, wo Hottentottisches gegen Suaheli sich grenzt, glitt sein Geistiges durch europäischen Bezirk. Es blieb, an Terrain und geringes Feld der Zäune gebunden, nichts anderes später als in Melancholie oder Verachtung zu krepieren. Es hat das letzte an sich genommen und einen tapferen Kampf mit den Stäben geführt. Das Meer mit den Schiffen unter Le Havre wird ihn erlösend, wird Befreiung gewesen sein. Sein Zirkel kreist nicht gerade die Senkrechte einer Zeit ab, und um Polhöhe zu schweifen war in Wirklichkeit nicht lange seine Mission. In ihm, dem von allen Leidenschaften und Talenten der Epoche Gefüllten, läuft das unterirdische Sehnsuchtsströmen der Vereinigung und Weite, das alle großen Herzen getrieben hat und in dem seine Zeit ihn aufweist, lässig und richtungslos wie eine Glaskugel, die ihr Strahl hebt und senkt. Mehr wollte sie damals nicht. Die spielerische Grazie hat ihr wohl genügt. Ein Pedant möchte nur verurteilen, wo die Wichtigkeit allein im Anschauen besteht.