Es wäre Lästerung, nicht sofort auf das Bild und den Namen des Mannes zu stoßen, der schon früh hier unerreichbare Erfüllung war. Ungekannt von den Deutschen, verschollen seine Bücher, vergessener noch mehr sein menschliches Bild, das in der Zeit, die Menschen braucht wie keine, wichtig und bedeutsam ist. Es muß gewagt sein, seine Erscheinung in einer Laune, die so groß war, daß nur er sie wagen konnte, sein Bild in einem gebogenen Glas zu geben: Auf einer europäischen Landstraße rollt ein Wagen, himmelblau ausgeschlagen, mit goldenen Quasten, riesigen Spiegelscheiben. Ein Windspiel auf dem Teppich innen als einzigen Gast. Hinten auf dem Bock ein blonder Jäger, vorn auf dem Bock der Herr. Er ist schlank, vornehm, in seiner Haltung ist Zartes gemischt mit großer Energie. Er trägt Nankinghosen und Lackschuhe. Die Stirn ist ungewöhnlich. Sein dunkles Haar fällt aus einem tunesischen Fes. Er schaut nachlässig mit einer Lorgnette in den Wald. Den Hals bedeckt ein bunter Kaschmirschal. Erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Dies ist Fürst Pückler-Muskau, der größte deutsche Reisende. Er ist der europäischste Charakter. Er steht dicht neben Casanova in der unerhörten Urbanität der Gesinnung. Wie der Venetianer stets Italiener, bleibt er immer typisch deutsch. Seine moralische Einstellung kommt nicht aus dekadentem Hirn, sondern aus dem Temperament. Aristokrat der Gesinnung und Haltung, ist sein Kosmopolitismus rein aus dem Geist. Er reist, als Reisen Gefahr ist und Frage der Persönlichkeit, nicht Nuance des Kapitals. Er wird Kaleidoskop seiner Zeit. Seine Schilderung Karlsbads gliedert das gesellschaftliche Jahrhundert. Seine Lebenskurve ist sehr weit gespannt. In der Nähe Abessyniens ist seine Geste dieselbe wie am Berliner Hof. Ein französischer Autor sucht ihn zu erledigen, indem er aus seinen Büchern die Menüs zusammenstellt. Zwischen einer Anekdote und einem inbrünstig erlebten Sonnenaufgang lächelt ihn der Fürst zu Tod. Er hat eigene Orthographie, die pittoresk ist. Sein Buch über Parks ist die größte Form. Er scheidet sich von der geliebten Frau, um in England reich zu heiraten, verwirft den Plan, lebt geschieden mit ihr weiter. Er fährt unter betäubendem Donner von Fregatten- und Linienschiffen im Hafen Alexandrias ein, wo er sich mit Mehemed Ali befreundet, dessen Werk, wäre es gelungen, eine Revolution der Historie geworden wäre. Auf afrikanischer Erde das erste Glas trinkt er auf seine Frau. Er ist zart, gesund und anmaßend. War Rittmeister in der Garde, in russischem Dienst, Gouverneur von Brügge. Die Literaturgeschichten Deutschlands lieben ihn ahnungslos zu zerreißen. Bei Louis Philippe geladen, kommt er zu spät, die Königin nimmt gleich seinen Arm, er lobt die Küche, redet von Politik. Er dringt nach den Nilquellen vor, weiter wie je ein Europäer. Kamele tragen seine Weine. Löwen fallen die Karawane an, in der Frauen und Knaben seiner Wahl mitreisen. Einer sagenhaften Stadt nachfahrend, ihr gegenüber erkrankt er. Im Zelt von Blitzen umjagt, liest er zum zehnten mal Voltaires Candide fährt dann auf dem mit Affen und Vögeln beladenen Boot aus dem Sudan zurück. Sein Wissen ist profund. Seine wissenschaftliche Rolle bedeutend. Gesinnung, Pikantes, Muskelhaftes spielen wundervoll ineinander. Sein Stil oft dichterisch, seine Erlebnisfläche unerhört, sein Aspekt stets von weltmännischer Objektivität . . . . . wer hätte solchem Zueinanderkommen von so viel Glück und solcher Beherrschung Ähnliches entgegenzusetzen?
Zumal unter Deutschen. Wer versteht den tieferen Sinn des Weltdurchlaufens von ihnen? Reisen heißt: Gesamtwillen haben, Spannung besitzen, eine Persönlichkeit sein, die zentripedal den großen Radius zu Urteil zusammenzieht. Wer hat unter den Deutschen die Geste, die Selbstverständlichkeit, die innere Voraussetzung, bei solch innerer Zerrissenheit der Kultur die Welt beschauen zu können? Wer ist so stark, von so ungefestigtem Boden her, gegen das Totalste treten zu wollen, das uns sichtbar gegeben ward: die Erde? Sie, die sich sphinxhaft verhüllt, zu entschleiern, aufzubrechen, auf Leib und Brust ihr loszugehen, ihr Rätsel schließlich aufzulösen und zu großem Ausdruck zu gestalten . . . . . welche Aufgabe?
Ändern sich die Voraussetzungen des Reisens, so ändert sich auch die Psychologie. Früher riskierte der Schweifende sekündlich den Leib. Später ging es nur um eine Diarrhöe in Honkong, ein Fieber in Kapstadt. Früher war der Reiz unerhört und bedrückend. Nun geht es mehr um das Urteil. Früher kam es an aufs Entdecken, aufs Wühlen in Unbekanntem. Heute schaut man, Reisen wird Politik des Geistes.
Aus welchem Herzen kam früher der Drang in die Welt? Gelehrte, Verzweifelte, Abenteurer waren die Heroen. Große Exploiteure brechen in Afrika ein. Gordon legt Eisen um den Sudan. Gessi, Baker, kämpfen dort. Emin Pascha liegt im Krankenbett zu Bagomoio, während sein Retter Stanley auf der „Somali“, gefolgt von einer ganzen Flotte, europäischem Ruhm entgegendampft. Livingstone, der Schwede Andersson treffen den See Ngami, durch die Wüste, durch Betschuanen sich durchschlagend. Rane, Franklin stoßen nach den Polen vor. Schreiben sie, ist es bezaubernde Sachlichkeit. Ihnen ist die Gebärde fern, die heut Helden zu Feuilletonisten ihrer Tat erniedrigt. Sie schreiben lediglich sich und ihrem Gewissen einen Bericht. Der Chevalier Chardin reist segelnd über Smyrna vor einigen hundert Jahren als Juwelenhändler nach Persien. Im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts sendet die französische Akademie Bouguer nach Peru, um die Erdgrade unter der Mittellinie auszumessen. Mit dem britischen Gesandten durchquert John Barrow Esqu. China 1793. Die spanischen Dreieinigkeitsmönche brauchten Ärzte in Tunis. So kam Herr Grager nach Afrika. Da die Revolution sein Herz degoutiert, wandert De la Tocnaye zu Fuß durch Irland und Skandinavien. Aus Tübingen bricht der Chemie- und Kräuterwissenschafts-Lehrer Gmelius auf und bereist Sibirien auf das Ersuchen der russischen Regierung. 1788 kommt Philipp Ticknesse nach Frankreich und Katalonien. Ein Prozeß hat dem Weltmann die Rente gekürzt. Er reist um zu sparen.
Diese Leute schrieben ohne Ehrgeiz, sahen, schilderten gläubig. Ihre Mission war getan. Das Buch war ihnen das sekundäre. Ihre Aufgabe war anderswohin orientiert.
Das Bild der Erde ordnete sich, vervielfachte sein Einzelnes, kam in genaues Maß. Nun Reisende befuhren sie auf Bahnen und Schiffen, um sie zu beschreiben. Sie repetierten Geschildertes in die Unerträglichkeit des tausendsten Falles. Sie dilettierten mit geschmacklosen Impressionen. Bürgerliche Herzen reflektierten den Strahl der Welt zu grauenhafter Uniformität. Das Mechanische ist leicht geworden. Niemals begriff der Reisende aber, der fuhr aus Reichtum, aus Genuß, aus Langeweile, daß das Geistige sich maßlos komplizierte. Gelehrte sind phantasielos, wo der Stoff sich nicht selbst betont. Dichter und Künstler fahren, geben dieser Gegend jenen Reiz ihrer Anschauung, dieser die Leuchtkraft ihres Stils. Da nichts zu entdecken mehr, bleibt die Sensation der individuellen Darstellung. Solch Geschaffenes kann schön sein, aber für das Allgemeine ist es ohne Wichtigkeit. Es bleibt im Ästhetischen wie bei Kellermann. Im bürgerlichen Impressionimus wie bei Hesse, Bonsels. Der große Auftrieb fehlt. Es genügt nicht. Es wird dichterisch in manchem Höhepunkt vielleicht wichtig als Gestaltung, wie bei Loti, Brun und Suarès. Dies zielt aber in anderes Gebiet. Hier entsteht Dichtung. Aber die vielgestufte Erde wird damit nicht umfaßt.
Es bedarf der Persönlichkeit. Überlegenheit des Temperamentes ist die erste Forderung dieser imaginären Figur. Seine Stirn bleibt stets oberhalb der betäubend in Fülle ihn umschwankenden Erde. Sein Auge dichterisch, seine Phantasie leicht gezügelt, sein Herz voll Gesinnung . . . . . erlesenes Zusammenspiel. Er kann schreiben, aber dies ist ihm nur Durchgang. Er schaut, er durchlebt, er übersieht. Am Hebelwerk von Zivilisation und Kultur erblickt er den ewigen Ausgleich der Welt mit der Triebkraft der Elemente. Er geht durch das Schöne, das ihn berauscht, hinunter zu den schöpferischen Quellen humaner Existenz. Im Wirbel der Nationen erkennt er das Endgültige und legt das Einzelne danach aus. Mensch zu sein als oberste Pflicht, gerecht zu sein mit Härte als Bedingung . . . . wie entschält bei solcher Haltung sich das Dasein zu ungeahntem Zusammenhang. Wie kreist die Fülle, blendet der bunte Umschwung, gebiert sich das Rätsel. Er ist Dichter und Gelehrter, er ist ein Kerl und Geliebter, voll Schmutz und voll Inbrunst. Ihm geht nichts, was erhebt und erniedrigt, ab . . . welche Mischung. Er sieht durch den Gegenstand durch auf den Sinn. Ihm kommen die Zusammenhänge entgegen. Darum schildert er nicht. Er hat glühendere Leidenschaft. Er sieht, und das bedeutet ihm Abschätzung. Er urteilt. Er reist . . . . und das heißt — um endlich die Spitze zu treffen — er ist politisch. Weltmann, Genießender und Forderer . . . . diesen Politischen Sinn hat unter den Deutschen nur der fürstliche Muskauer gehabt. Aus der Totalität seines innerlich kultivierten Herzens vermochte er die Erde zu beurteilen und sich gleichzeitig an ihr zu berauschen. Er konnte es damals schon, als er in unbekannte Territorien stieß. Denn er war ein Mensch, der sich rund wußte. Der seine Verantwortungen kannte und somit die Verantwortungen der Schicksale, der Erde sah. Nur das Bild des innerlich geformten, in Gesinnung erglühten Menschen spiegelt die ganze Form der Schöpfung wieder. Die fremde Erde, die wunderbaren Gärten der Inseln und entlegenen Länder und die Betriebsamkeit ihrer Städte und Völker fallen und steigen vor solchem Blick nach dem Rhythmus der menschlich gerichteten Gesetze. Er sieht und urteilt. Was er entschält, ist der Mensch. Ist sein Bild gut, wird auch das Antlitz der zerrissenen Erde heiter und schön sein. Weiter hat alles andere keinen Sinn.
Ich setze diese (zu seiner Säkular) geschriebene Zeilen hierher, um Niebergalls Andenken zu retten. In seiner Heimat streiten Pastoren und Pollissons, ob er als versoffene Unke oder gleisnerisch und im Gehrock sehr früh die Jagdgründe vertauscht habe. Seine Tragik ist aber, daß diesen Schaffer des stärksten Dialektgeballs zehn Stunden hinter seiner Vaterstadt kein Mensch und keine Rübe mehr versteht. Er wollte das größte und hat (immerfort) das kleinste Publikum. So deutsch schrieb kaum je einer, es ward aber (den anderen) chinesisch. Er war ein armer Kerl, vor dessen Werk die Zeit ihre Ironie exerzierte. Er soll im Angedenken nicht verloren gehen.
Kann etwas leichter sein, als mittags, das Gesicht gegen den Himmel schwebend, zu liegen. Zwischen Himmel und Gesicht hängt das Glasdach eines Atelier. Kann etwas leichter sein, als daß Märzgewitter klingend darüberspielen, Hagel auf dem Dach sich zerhaut, der aus dem Imaginären kommt und mit einem Mal ganz nahe wie ein Tier in wütendem Bündel gegen das Gesicht stürzt. Aber das Glas schwebt ihm entgegen, leicht und glänzend, und das Eis zerknackt sich an ihm mit klirrendem Anprall. Es lautet, als beiße der Hagel sich toll die Zähne aus und unser Gesicht liegt lächelnd darunter. Gewitterschläge schwingen und stehen überall in der Luft. Regenbogen laufen über das Kristall des Atelier, einer Blase von Glas gegen die süße Wut der Gewitter aufgebeult und mit einem Male dann wieder lichter Ballon und breiter Schmetterling in seidiger Sonne schwimmend, von strahlendem Himmel gehalten. O Leben unserer beiden hessischen jungen Dichter, das diesen Tagen glich wie ein Tanz einem andern und jeder kurze Rausch den ungeheuren Räuschen dieses Seins. Georg Büchner, erster und liebster der Darmstädter Dichter, dessen Kunst ein zuckendes Tremolo von Faustschlägen war über einem schlanken Stück Jugend, und der aus der fabelhaften Explosion seines vierundzwanzigsten Jahres wie ein metaphysisches Projektil in rasende Unendlichkeiten geschleudert wurde. Und dann, Genosse seiner Stadt und Zeit, trunkener Bruder seines maßlosen Suchens, stiller und seßhafter Mensch, Ernst Elias Niebergall, Hauslehrer und Theologe, immer gefüllte, nie zerplatzende Petarde im sonntäglichen Raum der kleinen Stadt, aber immer geschwellt und ewige Drohung, auf einem schmalen gezäunten Steg Leben lavierend, manchmal von Räuschen überschaukelt, taumelnd durch Wein und Bürgertum, und im achtundzwanzigsten Jahre sanft hinausgeschoben über die breite Dürftigkeit des Lebens, das mit groteskem Schweigen und wahnsinniger Komik gefüllt war bis zum obersten Rand. In Darmstadt heißen sie solche, die mit neidisch-verkrampften Fingern gierig und bebend nach dem Glas haschen, ehe es noch die Tischkante berührt, deren Hände tanzen den ganzen Tag vor zitternder Sehnsucht und die sich erst beruhigen im Griff des Römers, solcher Leute Zustand heißen sie Datterich. Ernst Elias Niebergall hat seine verschwiegene Tragik, seinen unheimlichen Humor, in ein Stück hineingeschrieben, dessen Mittelpunkt, Helden und Partikulier er Datterich nannte. So heißt auch das Stück, das zu herrlich war, als daß man es über hundert Jahre hätte vergessen können. Es kann sein, daß man das Stück sieht fünfmal, fünfmal in vier Wochen, es kann sein, daß das Falsett begeisterungsfähiger Weiber in Lerchentönen schluchzt, das Herz muß folgen, denselben Takt, denselben Takt.
Hier schwankt das bürgerliche Leben in jeder Breite voll Tollheit, Dürre, klebend, aber wundervoll in allen Gängen bewegt gleich einem rasch durchhauenen Ameisenbau in der Vielheit der Gestalten hin und her. Luft vom Anfang vorigen Jahrhunderts, dick und bleischwer, weht mit Figuren belebt, die taumeln. Niemand kennt mehr diese Butzenscheiben und guten Stuben und blankgefegten Dielen der Kneipen, die das Geschehen der Dinge, diese Menschen einschließen. Überall hier kämpfen Außenseiter des Bürgerlichen den uralten Kampf ihrer ewigen Legion gegen die starre Barrikade der kleinen Stadt. Typen, Typen, Typen . . . es ist unsäglich, Saft, Blut, aufspritzende Kraft, trunkenstes Sein . . . das Leben ist zu rund, ist zu massiv, als daß es töten könnte. Wie Geigenstriche rennen die Streiche der Kneipenhocker über die biedere Physiognomie der Stadt. Ihre Sprache hat eine Gedrängtheit von lapidarem Humor, ihre Geste hat das Groteske des Tragischen, ihre Hose die Seßhaftigkeit der langen Nächte und des gering gebliebenen Horizonts. Aber in der nichts Weites und Glühendes gewohnten dürftigen Enge ihrer Seelen und Gesichte heult mit dunkler Ewigkeit die klingende Fronde. In ihren Herzen vagabundiert die Endlosigkeit der Welt, während sie skaten und saufen. Ihre Lüge ist Geistigkeit, ihre Kehlen, die strotzend voll Musik liegen wie die Bäuche der Baßgeigen, legen jedes Wort hin wie einen Stein, so fest, und fassen alle Sachen ihres gewöhnlichen Lebens in Worte von ungewöhnlichster Gewalt. All ihre Anstrengungen scheinen nur Kämpfe gegen Kellnerinnen, Schuster, Vorstöße gegen Beamte, Metzger, Barone, aber im tieferen Grunde ist es gegen die unerhört schöne Borniertheit des schlechthin Bürgerlichen der Anprall der heißen Welle der Phantasie. Zwischen den großen Fugen liegen die kleinen Entreakte von Liebeslauten gelispelter Derbheit, Duelle der Drechsler, Politik im Mikrokosmos des Weindorfs, nächtliche Parke und Philomelen, von bourgoisen Blicken gestreichelt, bourgoisen Rahmen eingeordnet und doch in einem tollen Wirbel darüberhinaus sich hängend wie schwere Goldreinettes über Landschaftswegen. Manchmal aber fällt alles in einen bacchantischen Strudel des Geschehens, der Rede, der mitlebenden Szene. Worte fallen, platzen. Gesten explodieren, die gefesselte Seele des Stücks entzündet sich über die Enge des spießerischen Raumes hinaus, brennt immanent dem Milieu, strahlt von innen, glüht, johlt, die Szene biegt sich wie unter dem Gestampf eines schweißig ringenden Paares, die Bühne birst vor der Kraft und steht am Ende dampfend da und erledigt von der Wucht des Gewesenen.
Durch den unermeßlichen Strudel in Emotion gebrachter und glühender bürgerlicher Weltatome aber schwingt sich wie ein Sommermond schön, tragisch, toll und hundsföttisch die Figur des Datterich. Er hält gleich einer überlegen parodierenden Gerechtigkeit die sechs Bilder des Stücks in seinen Händen, doch sie werden seinem Gleichgewicht zu schwer und ziehen ihn nach der Seite und lassen ihn eine Weile in hellen Zirkusrädern hinrollen, bis er in einer Minute neuer Balance in eine große Pose zurückfällt. Am Ende schlägt sich das Stück mit allen Agierenden in einem bunten und prachtvollen Rad noch einmal vor ihm auf und er hält Abrechnung mit der Welt, den Kopf in den Nacken gelegt, die Hand leis bewegt von oben nach unten. Er ist überlegen in allem Angeborenen und vom Blut Bedingten, himmlischer Gegenpol des Städtischen, Verschwisterten, Engzusammengebauten, siegreich, glänzend, allein. Kurz darauf aber jagt ihn am letzten Horizont des Stücks die harte Realität eines Fußtritts aus der Bahn. So schwenkt auch hier in einer höheren Bedeutung der tolle Kreislauf des Lebens den Helden in einer entzückenden Miniatur aus dem Hochgefühl in die Beschämung, denn es ist gut und recht so, daß ein Wechsel sei.
Datterich ist alles, was das Leben schön macht: er ist Romantik, ist geistvoll, ein Schwein, verkommen, voll boshafter Lyrik und pragmatischen Sentiments, Filou, brennend vor Unternehmen, ein Hund, voll Ehre bis unter den Fingernagel, ohne Geld und das Leben wie auf einem Karussell mitfahrend, auf dem Gelage, Wind und Abenteuer ist. Seine Gestalt erscheint komisch und heldisch, aber unethisch am Ende, weil sie alles hat, nur nicht das letzte und trübste Requisit des Nichts-Als-Bürgerlichen: Güte aus Sentimentalität. Durch das Transparent von Spießigkeit und feineren Weinen ist er ein Fenster auf die tragische Narrheit des Lebens, das leichter und klüger scheint wie das der Bouffons des Briten und vor allem — viel zu massiv als daß es töten könnte.
Schneidet man ein Filet von gutem Ochsen, rasch auf heißestem Rost gebraten, blank auf, läuft der Fleischsaft hellrot heraus. Das ist die Sprache des Stücks, Dialekt, Darmstädtischer, stumpfer, modulationsloser wie der des Elsaß, mehr in allen Kapriolen der A und O aufsteigend und fallend, nicht schillernd, unmusikalisch, aber schwielig und breit und ungeheuer spießisch, derbblutig, doch ohne Elan. Und wie das klingt . . . und drüber hinaus, wie die Drähte laufen vom Lokalen zum letzten Seelischen und vom Dialekthaften plötzlich ins bitter Schmerzende und um alles schließlich Funken der großen Fahrt aufsprühen in der rasenden Bewegtheit, der latenten Seinsrealität in allem Fließenden . . . wie die Sätze jagen, Schlag um Schlag, Schläuche gefüllt mit Drastik, Urtum, Bauernhaftigkeit und derbem Leben . . . wie das Ganze so muskelhaft ist, daß es die besten Spieler unserer Zeit mit den redlichsten Darstellungen nicht verhunzen können — man muß das sehen, es ist mit der verzweiflungsvollsten Wucht noch immer nicht zu sagen.
Daß das Stück Lokalposse heißt, ist eine Bescheidenheit, die sich nach sechs Sätzen von selbst auffrißt. Denn hebt man das kriwwelnde Gehäuse tiefsten Bürgertums unter eine rasche Lupe, stürzt in einem jähen Aufrauschen die Welt mit größtem Geschehen unter das Glas, und mit einer schreckhaften Blässe erkennen wir keine Gebundenheit mehr an Zeit, Ort und Sprache, sondern alles Zierliche und Kleine hängt mit einem Male in ungeheueren Dimensionen mit gewaltigen Mäulern schluckend und saufend an den breiten Mutterbrüsten der obersten Welt.
Ernst Elias Niebergall wurde geboren Achtzehnhundertfünfzehn und starb mit achtundzwanzig Jahren. Neben anderem liebte er Wein. Auch war er nicht ohne europäische Gefühle.
Kann etwas leichter sein, als an Dichter denkend, mittags, das Gesicht gegen den Himmel schwebend, zu liegen. Zwischen Himmel und Gesicht hängt das Glasdach eines Atelier. Märzgewitter stehen wie wilde Hummeln über dem seidigen Blau im Horizont.
Theodor Däubler ist im menschlichen Schnitt schon kosmisch geraten. Aber seine Monumentalität ist nicht mehr rassehaft; mit schwarzem Bart, dem riesigen Körper und den kleinen halbmondhaften, schrägen Augen langt er nach Asien wie sein Werk. Es geht da alles schon übers Europäische hinaus. Auch ist er der einzige, der neben Schickele weise genannt werden kann. Seine Blutmischung ist romanisch-italienisch, die des Schickele romanisch-fränkisch. Wir scheinen keine germanischen Geistsouveräne mehr zu haben, sind in einem Tiefstand der Rasseäußerung. Wir hätten sonst den Krieg nicht angefangen und nicht verloren. In Clémenceau, in George, in Pétain ist ein auch dem Blutfeind ins Gesicht hüpfender Überlegenheitswille. Bei Jagow, Scheidemann, Hindenburg eine platte Mittelmäßigkeit. Erst aus den Katastrophen wird die deutsche Seele, wahrscheinlich später, wenn beruhigtere Epochen uns ablösen, sternhafte Klarheiten äußern. Däubler ist eine der wenigen Figuren, die heut nicht nur genial sind, sondern eine Größe darstellen, wie sie die überlegeneren Franzosen mehr besitzen. Er ist ein Bruder des Francis Jammes, des in Deutschland fast unbekannten großen Charles Louis Philippe, aber auch einer Litaipes und der Veden. Er ist einer der von innen Leuchtenden, selbst das Dunkle und Wirre hat den einfachen Reiz. Eigentlich ist er wohl Lyriker. Über Kunst hat er das Schönste nicht nur, sondern auch Wesens-Tiefstes gesagt. Als europäischer Wanderer hat er noch für Impressionisten gekämpft, Picasso durchgesetzt, und ist erst im Kriege nach Deutschland gekommen. Man sagt, auch über Musik habe er Bedeutendes geäußert. Lange, ehe italienische Nationalisten damit energisch Schule propagierten, hat er futuristische Verse geschrieben. Seine Prosa ist von großer Bedeutung für die Entwicklung. Sie ist wie sein Vers merkwürdig undiszipliniert, an manchen Stellen läuft sie hinter ihm her, als kümmere sie ihn nicht. Dann aber macht er sie wie Schnee.
Das ist der geheimnisvollste Prozeß auf der Erde überhaupt. Im Schneien sind alle Farben, Freuden und Abenteuerlichkeiten des Erlebens immer vorhanden. Bauern und Gebirgler unterscheiden ihn auch nicht etwa weiß, sondern blau und rot. In Wahrheit ist das natürlich erst der Anfang, ihn zu begreifen. So ist das Wichtigste wohl an ihm. Man muß denken, daß er stark im Süden wandre und am besten von dort aus seine Sehnsuchtsverschwisterung mit den Sternen erreiche, und man kann nicht verfehlen, dabei von Malern reden zu müssen, um ihn deutlich zu machen. Da ist Chagall, der ja auch im slavischen Seelenlabyrinth die Südlichkeit hat. Die russische Seelenbreite hat Däubler gewiß, aber es ist nur ein Bogen. Dann hat er jene Klarheit, die schon aus dem Gefühl vom Jenseits der Gegenstände kommt, das Klee in guten Momenten erreicht. Jenes Nur-Wissen um Tiefe der Farben und der Mondbewegungen. Manchmal scheint es, als laufe die ganze Epoche dort hinaus und das dauernde Zerstören der Form lande in einer ganz abstrakten Kunst. Mir scheint das ein bedeutsamer und enger Irrtum. Denn nur ganz wenigen und innerlich erlauchten Personen ist es verliehen, über die Dinge hinaus zu sehen und die Mauer zu überblicken, hinter der das Weltgeschehen wie ein schönes und feierliches Changieren der leuchtenden und klaren Weltkörper vor sich geht. Dahin rechne ich nicht die italienischen Futuristen, aber Chagall, Klee und Däubler. Die andere Kunst wird immer auf der Erde bleiben, wo sie im Kampf mit den Gegenständen und ihrer Vergeistigung schwere Niederlagen und heftige Siege von fast gleicher Größe erreichen wird. Auf das ins grammophon- und bilderbuchhafte Treiben des Dramas, das in den Scharnieren schon knackt, geistig wohlverstanden, aber dennoch knackt wie ein Panoptikumsaffe, wird ein wilder Hereinsturz naturalistischer Gefühle folgen. Ihr habt’s zu weit geschoben schon. Das Negieren der Tatsachen und Ins-Blaue-Wursteln mit reinen Vorstellungen ist eine Räterepublik von 1919. Die Bauern werden Euch mit Knüppeln erschlagen. Eine Schule der gegenstandslosen Kunst halte ich für unmöglich, aber es wird vielleicht ein starker dekorativer Stil daraus entstehen. Die Suggestivität des erregenden und harmonisch-einschlingenden Weltalls werden nur ganz wenige überirdisch schauende Künstler fertigbringen. Fast alle abstrakten Künstler sonst würden versagen, wenn man sie vor Aufgaben der Stofflichkeitsbezwingung stellte, und zwar so, daß ihnen nur offensichtlich Dilettantisches und Dünnes gelänge. Das heißt, ihr Zusammenbruch wäre kein radikaler und bestürzender, was ja für sie spräche, sondern er würde werden wie eine Entschleierung. Nun hat aber Däubler noch etwas, nämlich auch die kosmische Ruhe, das Idyllische und sich im Geistigen so zu-Hause-Fühlende, als sei das seit Jahrtausenden die Tätigkeit seiner Familie. Etwas ähnliches hat Franz Marc bei uns versucht, indem er auf die großen persischen Vorbilder kam. An geistiger Idylle haben wir ja den Schweizer Walser. Der schreibt immer wie ein Knabe, aber nicht ohne Raffinement. Walsers idyllische Welt hat auch Regenbogen, aber mehr im Sinne der naiven Kinderbücher, sie ist doch in wichtigen Momenten ins andere Jahrhundert zurückgewandt und hat bürgerlich-romantisches Blut wie der Spitzweg. Seine Abenteuerlichkeit besteht doch wesentlich darin, daß er sich abseits der Gesellschaft empfindet, er steht im Gegensatz zu ihr, aber deshalb noch lange nicht in Ninive. Wenn die Schweiz die Welt allein wäre, ließe sich diskutieren, daß er ein großer Dichter des Kosmos sei. Aber wenn Däubler erstaunt ist, ist es nicht die erzwungene Naivität des graziösen, fast rokokohaften Jünglings, sondern das Staunen der ersten Tiere, der Heiligen, des Defoe und der Erdkörper selbst, wenn es wahr ist, daß sie in einem göttlichen Atem immer schaukeln. Sein Glaube an die Erde und gerade ihre Mission und die der Menschen ist ungemein groß. Seine Prosa sagt es genau wie die Lyrik. Interessanter, als was er sagt, ist daher immer das Darumzitternde. Obs ein Bild oder eine Nacht ist, plötzlich geistert es. Natürlich hat er nie Erzählungen geschrieben oder Sachen, die vorgehn. Höchstens, daß er auf sie gleich einem Schemel steigt, um rasch da hinauf zu kommen, wohin ihn es zieht. Seine Sätze werden sofort visionär, umnebeln sich und irren im Freien. Dabei haben sie eine Zeugungskraft in sich selbst, die Däubler oft fast in Hoffmannsthalsche Nähe bringen, wo Lust und Klang sich berauschen an sich selbst. Doch er gleitet immer heraus, er ist weich und monumental, das weist ihn auch (wie die Lasker-Schüler) auf den Erdteil manchmal, der der Welt geistig näher ist als Europa, nach Asien. Suchte man ähnliches im Rein-Deutschen heut, bliebe Hans Thoma, mit guten Altmännersprüchen und der meisterlichen Gestaltung eines Stücks Deutschtum, das man Waldbach oder Mondschein nennen kann, das aber nicht in Siriusakkorde einschwingt. Tief unter Däubler. Wir sind doch sehr arm, eben weil wir, den Anschluß verloren hatten. Welche Geistriesen waren die Ottonen, war Heinrich der Vierte und Geprüfteste noch gegen diesen armen mechanisierten Ludendorff. Däublers Sprache ist eigentlich tatsächlich Schnee. Sie setzt sich aus wenigen Flocken in ein Gestöber um, Vision opalisiert sich an Vision der Farben, öfter kommt eine fabelhafte Gebirgsgegend unter fast fremder Sonne mit donnerndem Blauhimmel. Er hat in der Sprache keine logische Absicht mehr, sondern vielmehr den Willen, aus ihrer ungeheuren Vielhaftigkeit immer das Sternspiel herauskommen zu lassen, berauscht sich am Anblick und spielt damit immer weiter, bis er rasch in Seelenzustände wieder hineinschwingt. Dabei bekommt die verhüllte Farbskala immer einen dalmatinisch silbernen Schatten um die Kontur. Immer neue Landschaften der Seele fallen vor den Wortvisionen auf.
Er hat da einen Antipoden und einen Freund im gleichen Bezirk, sowie einen, der halb in seinem Ring, halb außer ihm liegt. Nämlich das sprengende Prinzip, das ähnliches erreicht, doch nicht mit Pendelschwingen eines alles einbeziehenden Gefühlsmeeres, sondern mit einer bombenhaften Zerschmetterung aus dem Hirn her, das ist Gottfried Benn. Er hat nur ein ganz kleines Territorium inne gegen Däubler, ist aber neben ihm in anderem Sinne gleich wichtig für die in ganz ungekannte Grenzen brandende Bedeutungsentwicklung der Prosa, die wahrlich heut fast genau so viel ausdrücken kann wie die Lyrik. Auf Vorgänge kommt es ihm nicht an, ihn sensationiert das Wort wie eine Metallkugel, in der ihm alles gespiegelt ist, was er liebt, braune Haut, Weiber, Göttliches in Überfülle. Das Zerebrale feuert ihm die Welt auseinander, fast um sich beißend, drückt er aus dem Wort die letzte Schlagkraft heraus, ein dramatischer Vorgang, ein Krampf immerhin. Sein Gesicht wird derart mit Spannung und Ladekraft überhäuft, daß es ungemein angezogene Kurven erhält. Im molluskenhaften Urnebel Däublerscher Sprache vollzieht sich der Bennsche Vorgang wie Kristallisieren, Eckenbekommen, geometrische Schlagkraft des Ewigkeitsausdrucks. Die Entschlossenheit ist ähnlich wie die von Heckel oder Kirchner, wahrscheinlich aber innerlicher und neuere Gebiete aufbrechender als die der beiden Maler. Tatsächlich wird hier explodiert und bis zum Wehtun intensiv umgedacht in gehämmerte neue Gestalt.
Genau so sicher verleugnet Franz Kafka alles, was im menschlichen Bezirk beziehungshafte Bedeutung hat, es interessiert ihn keine Minute. Logik und Psychologie und alles, was uns an menschliche Begrenztheit und Abgeschlossenheit gegenüber dem Äther erinnern könnte, ist gar nicht mehr da später. Allerdings noch am Anfang, was ihn allein von den anderen unterscheidet, denn er fängt Geschichten zu erzählen an, Handlungen und Hergänge wie die Dichter unserer Großmütter auch. Aber dann ist bis zum Gefrieren erschreckend, mit welch übersinnlicher Sicherheit und Präzision sich die Sache ins Kosmische entwickelt. Grad’ wie er die Linien durchbricht, die unsere Welt von der außenliegenden absperren, ist phänomenal. Plötzlich, wie durch Magnetisches, sind sie durch das Glas weg, was uns einschließt, und gehorchen mit gleichen Absichten ganz anderen und größeren Gesetzen. Man denkt an Jules Vernes Vorgang der Expeditierung der Menschen auf den Mars mittels des Fernrohrs, natürlich nur ein recht grober Vergleich. Jedenfalls praktiziert Kafka das Wunder tatsächlich ganz natürlich in seine Vorgänge hinein, die sich auch ganz übernatürlich auflösen. Tod, Schmerz und Lust existieren in diesen Räumen nicht mehr, da entwickelt alles sich aus den Formen eines übergeordneten tragischen Geschehens. Diese Form ist im Grunde natürlicher und bedeutender wie die Meyrinks, der sein Geisterreich immer konstruiert, immer einen Fächer aufschlägt, immer die Pose hat, daß selbst der naivste Schwung bemerkt: alleweil geht es ins Nebulose. Allerdings kommt er dann auch glatt hinein. Natürlich ist aber Kafka ein bescheidenes Talent in der Kraft seiner Äußerung, schmale Novellen und Betrachtungen machen einen recht kleinen Kreis um Prag. Aber die Eindeutigkeit ist gewiß sehr ausstrahlend.
Ebenso ist es mit Paul Adler. Diese Dichter all haben ja nicht die Absicht und wahrscheinlich keineswegs die Gestaltungskraft, das Bild einer Epoche und eines Volkslebens aufzubauen wie Dickens, Voltaire, Balzac, Zola. In diesem Sinn kommen sie überhaupt nicht in Frage und können so gar nicht angeschaut werden. Es fällt eher in Philosophisches statt in soziale Strukturen, was sie erstreben, und viel mehr ins Abseitige, aber ungeheuer erweiternde, Material, geistiges Fundament und Bedeutung Schaffendes als in Kunst allein oder Architektur der Geistesbogen. Wenn Däubler im Nebel der Adria einen Raben schreiend auffliegen sieht, bestürzt ihn der Ton so, daß ihm das Gefühl gibt, dies sei der erste menschliche Ton. Er schaut im Sanskrit nach, da stimmt der Laut. Auf solchen Bögen läuft hier alles; von den ersten Ursprüngen des Existierens bis in die letzten Geahntheiten der Menschenkugel. Alle Grenzen sind durchbrochen, die eine Handlung, einen Zeitkatafalk bauen könnten. Stürzen die Dämme des hochgelegenen Festlands ein, wird Meer Afrika, Asien, Australien, Amerika, Europa, die Pole und alle Inseln überschwemmen. Das wird vielleicht eine Sensation ungemeinen Grades sein. Die Südseeflecken, Palau und Otaheiti werden wie Monde in dem brausenden Nebel zittern, vielleicht wird eine Stadt, Moskau oder Theben, zehn Meter unter der Oberfläche silbern, die Dschungeln, der Bois de Boulogne und der Lunapark mit dem Hradschin und Pekingzentrum auf Mondregenbögen flackern. Es wird ein gewaltiges Ahnen großer Zusammenhänge des Weltgeschehens da sein. In dieser Verbreiterung, die nicht Chaos ist, sondern nur Überwinden der menschlichen Gebundenheiten, vollzieht sich diese Kunst. Bei Paul Adler sind die letzten Konsequenzen gezogen. Er hat einen archimedischen Punkt außerhalb des Sterns gefunden. Von dort aus setzt er sich die Erinnerung des menschlichen Gestirns neu und besser zusammen. Raum und Zeit hebt er auf und schiebt alle Ebenen ineinander, die sehr sauber und abgestaubt auf der reinlich-bürgerlichen Erde übereinanderstanden. Was früher dämmrig war, ist ihm das Chaos der Gebundenheiten, Verwirrungen und Tierheiten. Daraus entwickelt er aus Räumen mystischer Verwandlungsfähigkeit sich ins Gottsucherische hinan. Samten und goldweich seine Sprache. Unergründlich die glanzvoll gedämpfte Biegung der Bilder. In Graves und Largos ergeht die Zwiesprache mit der Schöpfung und aus paradiesisch umnachtetem Raum singen Steine, reden die Pferde. Keine Verwüstung geschieht hier, nur ein Durcheinanderhäufen, damit das harmoniesuchende Menschliche tiefer steigen und höher gleiten kann.
Das ist ein entzückendes Spiel, das der Geist sich mit dem Kosmos gestattet. Manchmal gelingt es dem einen oder anderen, mit einem Traum wie mit einem Tritt die Erde bei Seite zu schieben, dann sieht er das Aquarium des Geschehens in rätselhafter Schönheit. Es wird nicht ganz gelingen vorderhand, solang der Stern noch so unvollkommen, die Menschen so irregeleitet und die Führer so kleinköpfig sind, die Erde selbst zu ignorieren. Wir anderen sind magisch an sie gebannt, müssen ihre Schmerzen durch Bauch und Herz mitschreien, ihr Weggehen mitwandeln, die Not und das Leid unserer Erdenjahre erdulden, mitleiden und gestalten und unser Durchgemachtes aufbauen zu dem Monument, das, einmal an Schmerzen und Sühnen übergroß geworden, den Weg uns ins Kosmische gestattet. Nicht aus dem Spiel des Geistes kommen wir hinter die Mauer, wo Kometen laufen und Raum und Zeit in schöne Farbdunkeleien eingestürzt sind, sondern vorderhand durch die Streiterei und das Aufunsnehmen der Welt. Wir müssen hindurch uns bohren und können uns nicht, schöne Verantwortungslose, hinübersehnen oder sie bei Seite schieben in einer erstaunten Stunde. Zentaurisch sind wir am Leib der Zeit festgewachsen. Das ist Weg und Ziel der Generationen. Das andere ist ein Spiel von Größe, aber ein Spiel nebenan. Es ist sehr wichtig, weil es uns unerschöpfliche Neuatmungen, Aussichten, Farben, Pollen, Fabeltiere, zeigt und zuträgt. Manchmal sehen wir, die wir uns Tausende von Jahren noch mühen müssen, wichtiger als die anderen, wie Däubler dann, der Genosse der großen Indier und Chinesen, von einem Baum aus Sterne wie Uhren reguliert und überwandert ist von Monden, viel größer geworden wie die Sterne all um ihn, später aufstehend und wie in einem Regen zwischen ihnen urwärts fortwandern.
Nun wird die Welt sehr fest und hart. Granit und Basalt werden angespieen von dem Geist. Aus den dicksten und schwersten Kristallen wird die Form gebrochen. Die Situation liegt so, daß hier das Deutsche sich mit den Realitäten auseinandersetzt. Zwischen zwei Polen wird hier geschafft: Dostojewsky plus deutsch. Leonhard Frank ist ein Bauernformat, ein Schlosser, ein Fußballspieler, außen rechts, den beim Goalsprung die ekstatische russische Seelenhölle überfällt. Sie hat ihren Zug durch Deutschland schon vor Lunatscharsky und Lenin begonnen. Eigentlich werden Tolstoi und Dostojewsky jetzt erst aktuell. Ganz vom (gewöhnlich jüdischen) Geist her aufgefaßt und weitergegeben, hat sie mancherlei Gefolgschaft. Kornfeld hat sie in Arien und dramatischen Monologen oft bezaubernder Art gefangen. Mondän und elegant verfuhr mit ihr schon Bruno Frank, doch ist er nicht hier einzuwechseln. Sehr deutlich ward die Angelegenheit, als sie tatsächlich auf rein germanischen Ambos geriet. Sie wurde mit furioser Wucht aufgelegt und mit dem Schreien eines Stieres geschichtet. Die Musik der ganz reinen Wolkengeister ist immer für den Cenakel, den ergriffenen Schwärmer unter der Abendlampe und für abstrakte Kaffern. Geschmetter und Zulauf und Wirkung, Tat, vor allem kommt nur, wenn ihr unterwegs ein gesunder Naturalismus begegnet und sie rasend in ihn fährt. Aus der Reibung, dem bis an alle Himmelsdecken dampfenden Beischlaf fährt erst das elektrische Gewitter der aufziehenden Idee. Zuerst stieß Frank, noch grob und derb, gegen die Erziehung, denn was er seither schrieb, ist filtriert aus seinen schlechten Erfahrungen, und seine Wunden bluten sich ins Buch. Da war noch Jugendliches manchmal, aber es drängte schon Bitternis nach. Dann griff er entschlossen ins Dostojewskyhafte und stellte es auf massive deutsche Beine, das heißt, er ahmte es nicht nach, sondern infizierte sich damit. Aus der Okulierung kam seine Sprache, zuerst noch schleichend wie ein verstörter, im Leben unsicherer riesiger Proletarier, dem aber Ziel und Gewißheit unfehlbar sicher sind. Im Krieg gab er Novellen, die Predigten sind. Man wird einmal finden, sie seien das einzige Dokument der deutschen Dichter gegen den Krieg. Ein paar Exemplare, die dank gesinnungshafter beamteter Wächter durch die Pressezentralen der Generalkommandos aus der Schweiz nach Deutschland sickerten, wühlten Tausende auf. Er hat tatsächlich Furor. Man kann nicht sagen, er habe in die Sprache besondere Akzente getragen, ins Dichterische neuen Schwung gebracht. Er war jedenfalls eine Erscheinung von Breitbrüstigkeit in der Herde der Dünnpinkel und Schleimiers, die auf schmalen Flöten sich ungemein erbosen. Auch hat er eine anfangs sehr naturalistische Sprache in höllische Zucht genommen und in die Sätze Sprengstoff und klotzige Geistdurchwitterung getrieben. Bedenklich ist nur die Intensitätsgrube seiner Kraft. Da seine Stärke der Angriff ist, muß man ihn sich in Güte vorstellen. Das ist unmöglich. Das Menschliche reicht nur zur Klage und Drohung. Das kann ein Anfang sein, kein Ende ist denkbar so aus Unfruchtbarkeit und Zorn allein gehoben. Was Liebe in ihm an Augen aufschlägt, kommt nicht aus Hingebung und nicht direkt aus seinem Blut. Zu innerst steht der Haß nur auf, und über diesen Umweg liebt er erst das, was er nicht haßt. Er liebt Opfer der bürgerlichen Gesellschaft. Aber er liebt nicht das Opfer. Zutiefst ist bei aller Flamme eine tiefe Wut, sonst nichts. Es ist von enormster Wichtigkeit, daß Erscheinungen wie Leonhard Frank existieren, und ihr Mut wird nicht vergessen sein, wenn irrgeleitete Knaben mit neu polierten Phrasen in neue Kriege ziehen werden. Viele Unbestochene werden an seinem Namen einen Halt finden und werden sein Buch dem Wahnsinn vielleicht entgegenhalten. Aber es werden auch heute Menschen da sein, die in die tieferen Gründe sehen wollen und eine unbedingte Angst tragen, dieser Dichter, der Liebe forderte wie wenige, aber nichts tat als Felsen schleudern, würde, in den Stand der Macht gekommen, die Menschen nicht schonen sondern erschießen lassen. Es wäre zum mindesten konsequent. Aber es ist nicht der Wille des Schicksals, daß außenseitige Fallen in das Fleisch der ewig marschierenden Ideen schlagen.
Am achten März an der Rampe des Theaters Chiarella war die Schlacht von Turin. Auf hinuntergegebene Ideen folgten ebensoviele Faustschläge. Die Futuristen gaben dreitausend Menschen ihr erstes Manifest. Es war ihre heftige Zustimmung zu dem, womit ein Jahr früher Marinetti im Figaro die dichterischen Programme aufwarf. Am neunundzwanzigsten Mai entwickelte neunzehnhundertelf im Circolo Internazionale Artistico in Rom der Maler Umberto Boccioni die Ideen des malerischen Futurismus auf breiter Basis. Carrà, Russolo, Balla, Severini schlossen sich an. Am fünften Februar Montags neunzehnhundertzwölf stellten sie in Paris bei Bernheim-Jeune aus. Es ist nicht unwichtig, die Daten festzuhalten. Europa war eine große Sensation reicher. Manche behaupten, das Moment der Zersetzung dieses Erdstrichs habe damit begonnen. In Deutschland fand sich erst nach fünf Jahren ein innerlicher Vertreter dieser Richtung, George Grosz, bedeutender scheinbar wie die nationalistischen Italiener. Stichhaltig blieb nicht viel mehr als die Mission der Zerstörung.
Vielleicht war nicht einmal das wichtig, denn im Grunde ward das alles überschätzt. Es war ja nichts anderes als das Mosaik, mit dem die Impressionisten noch einzeln spielten, plötzlich in einen Ventilator zu Dutzenden gebracht und durcheinandergewirbelt. Sieht ein Genie die Welt so, wird sie dermaßen ebenfalls in allen Schönheiten strahlen, das ist sicher. Als rein künstlerisches Schema ist es bedeutungslos. Junge Artisten, die mit Übergehung von Arbeit und Sorge gern in den großen Saal der Öffentlichkeit rasch hinein sich turnen, lassen Artikel, Satzzeichen und Frisur weg und wähnen sich Expressionisten. Es ist dieselbe Betrügerei vor dem Geist. Die Nebenumstände irritieren, diskreditieren. Die Zeit fegt das rasch in ihre Eimer und fährt es auf die Äcker hinaus zu Gemüse, Pul und Baum.
Die Futuristen waren nur ein Wind, der apokalyptisch zu wehen begann. An großen Figuren sollte sich später manches daran erfüllen. Man sagt, der Maler Pascin habe, obwohl gut gekleidet, durch die raubtierhaft aufreizende Freiheit seiner Atmosphäre auf den Boulevards harmlose Spazierer älteren Jahres und guter Herkunft und Pfründe in solche eigentlich grundlose Erregung gebracht, daß sie mit klirrendem Stock und bebenden Favorits vor dem stehen blieben, der sie gar nicht sah. Auch die Futuristen gellten den Bürger auf, wie es kaum eine Revolution vermocht hatte. Denn dieser gegenüber hatte er gerade noch Angst. Die anderen aber reizten wehrlos alle seine Instinkte bis zur reißenden Wut und es mag sein, daß dies symbolische Zeitzeichen ein Gleichnis ihres Sinnes und ihrer Mission gewesen ist. Sie sind mir persönlich trotz allem ungewöhnlich sympathisch gewesen.
Über Ja oder Nein eines Stils zu streiten ist armer Unsinn. Immer wird nur der ihn vertragen, der ihn frißt und verdauen kann. Auch die Starken haben den Appetit nach dem Geist, der sie umgibt, weil sie allein ihn vertragen können. Beredet kann nur werden, ob ein Stil gelegentlich so mächtig und im ethischen Bedürfnis der Zeitgenossen von Rang so gläubig verankert ist, daß er sich zu wölben vermag: oben als Kuppel, unten als Tragfläche der Zeit. Man kann in diesem Sinn nicht von den Futuristen, die verbrecherisch sich von der mütterlichen Erde ins Anarchische begaben, reden, wohl aber von den Expressionisten.
Als Alfred Döblin in Deutschland die futuristischen Prinzipien „voll und ganz“ unterschrieb, war er zweifellos von dem Moment der Bewegung und der Änderung überzeugt, das mit einem Male durch die Welt autote. Allein es ist nicht wichtig, eine Sache zu begreifen, sondern sie zu erleben. Zählen die Hillerschen Aktivisten und andere heute auf Sekunde und Woche fest, wann dieser, wann jener schon aktiver, jener noch ästhetisierender Mensch gewesen ist . . . . wird Sandglas und Stechuhr Kontrolle für den Gehalt dieses oder jenes Revolutionärs, dann beginnt schon die Starre, die Verkalkung wird nicht lange auf sich warten lassen. Ein Hirnschlag steht bevor. Erkenntnisse verpflichten zu keiner letzten Bindung, kommen sie nur aus dem Intellekt. Ich sehe manche, die heute rechnen, erbleicht vor der ungeheuren Stärke des kommenden Schicksals, sehen sie sich plötzlich vor Änderungen und Weltkonstellationen gestellt, die sie nicht erahnen und errechnen konnten. Mathematik in der Weltbetrachtung ist viel niederer als Glaube und Wille. Und wo die Genauigkeit ist, weilt nie die Fülle. Aber die Ehrgeizigen waren stets daran, sich am Ziele zu dünken, wenn sie beweisen konnten, daß sie es erstrebt hatten. Doch schon im Herzählen zeigte es sich, daß sie Angst nur hatten, es möge sie einer überholen, und da sie Kraftfülle nicht in diesem Maße mehr spürten, schrieben sie ihre Daten in Stein und kategorisierten andere Läufer, die aus dem Dunklen kamen, nach Tag und Woche und Jahr. Die aber schauten nicht darauf.
Döblin hatte das Programm nicht probiert, als er es lobte, und wie er es anpaßte, sprengte er es auseinander. Er ist einer der stärksten und bedeutungsvollsten Prosaiker heute, manchmal sogar fast monumental. Doch das gilt nur von dem chinesischen Buch. Er war viel zu breit und zu architektonisch, darum konnte er keine Schnitzeljagd und Konfettibattaillen der Bilder und Ballone um sich wirbeln lassen. Ein futuristisches Wirken ist wohl auch nur in der Lyrik recht denkbar, wo Stramm und Becher es bewiesen. Doch brachte Becher nur eine Leistung, weil er wohl Genialisches besitzt, das allerdings noch nicht zur Rundheit, ja fast noch nicht zum Gedicht geschwollen. Stramm aber, einer der wenigen wahrhaft echten Stotterer, erregte nur das Blut wie javanische Instrumente, wie Bartänze, Niggersongs.
Als die Lappen vor unserem Wagen in Småland sangen, wurden wir auch nach dem Eis und der Einsamkeit sehnsüchtig wie ausgehungerte Wölfe, obwohl ihre Melodie uns nicht einging, aber weil die Erregung ihrer Seelen sich uns mitteilte. So wird aus dem Futuristischen sicher nur ein interessanter dekorativer Stil, aber man wird, wie den Jugendstil, ihn in zehn Jahren nicht mehr ohne Wanken sehen können. Was an überirdischen Spektren und Monden aber abstrakte Maler heute gestalten, wird vielleicht tragbarer sein und länger halten.
Döblin hat riesenhaften Respekt vor der Kunst, ist wie ein Frettchen hinter der Psychologie her, deren man keine Spur in seinem Terrain antrifft, er läßt sich von keinem Schlagwort, keiner Begeisterung vom Kunstduft wegdrängen. Gelobt und bestaunt, der das heute wagt, wo Achselzucken und Denunziation dem Freien folgen. Das macht ihm einen guten Boden. In seinen Novellen probiert er andere Dinge aus als im Roman. Dort ist er zu klug, Experimente zu machen im Grundbau, daß ihm die ganze Geschichte dann das Genick einschlägt. Da hat er kürzere Stellen vor sich, eine Mauer nur oder ein Gestell, gewöhnlich nur ein paar Menschen, die er umfassen kann. Sie sind ihm zu naturalistisch, zu nah, er will sie in allgemeinere Luft stellen. Das strengt ihn sehr an, liebenswürdig kann er es nicht machen. Auch ist er nicht so dumm (weil er etwas an athletischer Statur in seiner Schreiberei hat), den Fehler zu machen, den geisttiefe, aber muskeldünne Juden oft probieren. Die netzen solange mit Säuren an der armen Menschgestalt, bis bloß vom schönen Fleisch nur noch das Gerippe übrigbleibt. Nun, meinen sie, hätten sie den wahren Menschen. Um die Ohren sollte man den Burschen das Geknoche schlagen. Wir wollen das Fleisch, aber in gehobeneren Übersinnslüsten. Döblin macht es nun so, daß er das Fleisch mit Geistinjektionen so fabelhaft durchwühlt und durchschimmert, daß nur das Gespenst (was eine andere Geschichte ist als das Skelett) entsteht. Im Drama hat das ja der Schwede Strindberg auch fertiggebracht. Im Prosastück ist es aber ein anderes Ding. Denn das verlangt eine Kurve, eine Folgerung, einen Abschluß und bedankt sich dafür, plötzlich einfach sich aufzulösen, wie ein Rauchkringel zu verschwinden und infolge einiger Doppelampullen Ewigkeitsspritzen aus einer schönen Handlung sich geschwinde aus der eigenen Existenz herauszudrücken. Schließlich ist Prosa keine Graphik. Was dem mächtigen Radierer Beckmann recht ist, hat mit Herrn Döblin aus Berlin nichts zu tun. Wo junge Literaten nur noch malerisch säuseln und aus der auffallenden Parallele der Künste instinktlos und, vom Malerischen selbst in keiner Weise berührt, lerchenhaft geschwätzige Hymnen über Malerisches anstimmen (auch ich tat es einmal, kreuziget ruhig), muß man polizeihaft darauf schauen, daß Unbefugte und Kindliche die Grenzen der Künste, das heißt ihrer Wirkungsmöglichkeiten, nicht verwischen. Die Misere kommt aber aus einer Kraft, weil Döblin nämlich, wie alle starken Handwerker und Leidende am embarras de richesse, die Sprache nicht nur als Mittel, sondern als Selbstzweck ansehn. Auch die großen Erotischen wollen nicht nur Kinder, sondern spielen nächtelang mit den Frauen, und Zweck allein ist eine Fessel für den Geist, eine Unzucht und eine Ignoranz strafhafter Niedrigkeit vor der Fülle und Tropischkeit der Welt.
Döblin ist ein langer Maurer, er geht immer hin und her mit Steinen, Mörtel tut er keinen dazwischen. Er setzt nur breites, viereckiges, genau bemessenes Stück auf das gleiche. So kommt er zum Roman. Da ist tatsächlich noch Welt wie sie in naturalistischen Büchern auch besteht. Man verführt Euch in kein Geschluchz hinter Tüchern, in keine Askese nackter Dialoge, wo, wie man sagt, zwischen Stoffbespannung der Geist „reiner“ sich entfalte. O Kulissenschieber der unreinen Zeitseele, ist das nicht eine Frage des Polsterers oder des Dekorateurs oder Oskar Wildes, und kann der Geist, wenn er irgendwo ist, schöner sein als im vollen und weiten Menschlichen, man muß ihn doch nicht in die Hirnwüste senden. Döblin beschreibt sogar, wird ganz real und zeichnend, wenn es auch immer Vierecke sind. Sein Geheimnis beim Roman ist, daß er eben einfach das Künstlerische zum Menschlichen hinzutut. Nicht mehr und weniger als Rubens in seine Fleischmassen, Lionardo in seine Gesichte, Grünewald in seine Visionen. Es ist nämlich nichts studiert und wiedergegeben, sondern da fängt er erst an: er denkt, er schaut, er formt es sich zurecht. Aber immer, selbst bei den Novellen, wo die Handlung und der Mensch gern ins Unsichtbare auskneifen, ist eine kontinuierliche Entwicklung da, ein schwerer Bogen, der die Last der Idee nie fahren läßt, sondern sie hoch und unwandelbar bis zum Ende trägt. Da ist von Futurismus keine Spur. Der Körper der schöpferischen Kraft ist viel zu zäh, als daß er sich aufgäbe. Er schafft sich weiter. Einmal erreicht er auch First, Turm und Regentraufe, steckt den Dannebusch mit Bändern an die oberste Gerüststange.
Von weitem sieht das Werk dann aus wie ein riesiger Würfel, drohend in der Unbezwingbarkeit seiner Architektur. In der Nähe ist manches nicht so unbedingt. Schließlich besteht das Wachstum jedes powren Grases aus Zellen, die ein Saft, eine Leidenschaft nach Leben durchzieht. Bei Döblin ist eine Konstruktion enormer Breite und Höhe, aber es ist, sie sei etwa aus einem Stein, der die Eigenschaften des Eises habe. Kein Blut, kein Saft pullt sich empor. Keine Leidenschaft wühlt die Formen auf. Man ist nie abgeneigt, große Bewunderung sehen zu lassen, aber man sehnt sich nach den Skisprüngen, mit denen in Blutsonne und Firnschnee Schickeles eifrige und hautsüße Geistigkeit in die Schußfahrt geht. Selbst Franks Fanatismus hat Hochofenglut und Fackeltempo.
Dies da ist aber wie ein Wachstum schon abgestorbener Kristalle. Es wird mit dem Fernrohr noch originell aussehen, und manches Verblüfftsein wird sehr lange währen. Als wir, Zwanzigjährige, von Paris nach Brüssel fuhren, um, mit allen heimatlichen und familiären Geldquellen verkracht, nach Zeitungsverkäuferzirkulation über die großen Boulevards und Araberstatistereien im Odeon auf der Weltausstellung als Führer unermeßliche Goldmünzen uns zuzuerwerben, waren wir gezwungen, im Speisewagen beim Servieren zu helfen und, da uns die Umstände der größeren Welt nicht unbekannt waren, wurde jene Pause und Passion des Daseins kein Stilverstoß. Wie ein mächtiger Amsterdamer auf der Silberplatte den herrlichsten Zander sah, den ihm mitteleuropäische Speisewagen vor den Blick gespült, erhöhte er einen Augenblick sich vor Erstaunen über die Schönheit des Biestes, aber als Kenner und eingedenk des Kommenden winkte er ab und sprach: Visch laat een mensch als ie is. Er pflegte nur das Fördernde zu sich zu nehmen, auch sprach er ein wenig Dialekt, aber ich möchte nicht mißverstanden sein.
Wer das jüdische Weib kennt von der Wollust bis in den Todesschrei, hat keine Notwendigkeit, den Geist der Rasse lange zu studieren.
Das klingt im Überlegungsweg wie eine Roheit. Aber es ist eine mächtige Lobpreisung. Es gibt im Schreibtum wie bei den Frauen die zwei Linien, von denen eine das Ghetto durchgemacht hat, von denen die andere stolz und aristokratisch aus Spanien über Saloniki oder Amsterdam ins zentrale Europa kam. Einmal gab es eine national-übernationale Poesie unermeßlichen Flügelschwungs, die Bibel, die Psalmen, das hohe Lied. Im Ghetto ging diese Unmittelbarkeit verloren, da schliffen in den Judengassen die Städte, Feudalen und Bourgois den Asiaten so die Leber, daß ihnen nichts andres übrig blieb als Verteidigungs-Parade wie eine dolchscharfe Kultivierung des Hirns. An dieser Übung zehrt, krankt und jubelt die ganze jüdische Dichtung, die, ob sie deutsch, polnisch, russisch sich coiffiert, im Boulevardrock, in Talmudlocken doch immer international und asiatisch ist. Das ist wie ihre Diaspora wohl auch ihre Mission, so sehr Erwerbs- und Konjunkturbeflissene, sowie einige in den Stand der Bourgeois Übergegangene im Krieg sich germanisch maskierten, keltisch fluchten oder jingoisch die Zähne bleckten. Das ist Rampenkomödie. Im Blut rollt unerbittlich, golden und von den Jahrtausenden gefeiert der Rhythmus des Roten Meeres und des Jordans und der Tempel Jerusalems.
Gott warf das Volk hinaus, damit es den groben Teig der stumpfen und westlichen Völker durchsäure, es aufpeitsche, vermittle, Märtyrer sei für die großen Ideen und die neuen Gewitter der geistigen und künstlerischen Spannungen, aber er gab ihnen auch die wundervollste Tragik: nie vergessen zu können, daß sie aus schöner Heimat zum schweren Dienst nur ausgesandt seien, in Wahrheit aber die Sehnsucht nach der Rückkehr und der eigenen Bestimmung nie verlören und einmal wohl bestätigt sehen würden. Die großen Rabbiner des Ostens fanden, als sie gegen die rabbinitische Dogmatik kämpften, in die Schlichtheit des Herzens zurückkehrend, wieder Klänge von der Reinheit der davidischen Sänge. Baalschem hat eine in wundervollen quellklaren Ekstasen Gott erreichende Stimme. Als Werfel zu singen begann, war man erstaunt, in ihm die Ansätze manchmal einer Hymnik zu finden, die unbeschwert und hell war. Doch sie dauerte nicht lange. Der größte Rufer zu dem Goldton hin ist heut Martin Buber, der die junge jüdische Generation zu einer Selbstbesinnung überzeugt. Ihm ist Palästina nicht so wichtig wie das Bewußtsein der palästinensischen Idee. Schüler von ihm haben sich an Hölderlin verschenkt, aber sie ertrinken in ihm. Das alles sind Kämpfe gegen ein tragisches Schicksal. Nur die Lasker-Schüler, auf Mondsicheln fahrend, ist frei. Sie ist die bedeutendste Dichterin des jüdischen Volkes seit Jahrhunderten. Weib und Geist der Rasse sammeln sich unmittelbar in ihr, fast über der Erde. Asien ist mächtig aufgewacht. Sie steht dicht neben dem hohen Lied, keine irdische Passion, die sie hemmt. Wahrscheinlich ist sie durch einen Irrtum einige tausend Jahre zu spät in die Körperlichkeit geraten. Sie hat das Blutfunkeln, was auch Planetengeleucht sein kann, und der Geruch ihrer Gedichte und ihrer Prosa ist von den dumpfen und schönen Uranfängen der Menschheit. Sie trägt frei und königlich das, worum die anderen unten sehr verzweifelt streiten. Manchmal scheint es, sie lächle über diese Bemühung.
Das andere ist verhirnt. Doch darf man diesen Zustand nicht mit Europäischem verwechseln, wo es vertrocknet, unschöpferisch, pedantisch, lehrhaft klingt und den Kunstfunken schon bei der Geburt kastriert. Bei den Juden ist das Hirn in die geistigen Zeugungsorgane gerutscht. Vielleicht auch stieg das Sperma in das Hirn, es ist anatomisch nicht zu erklären. Jedenfalls ergab sich aus der Ghettozeit her eine Vereinigung. Das rein Gescheite kann nunmehr so sehr beflügelt werden, daß es Wolkenhöhe nehmen und Blumenduft erreichen kann. Manchmal reitet das Hirn zärtliche Menuetts, oft ist es auch in galanten Situationen. Es hat seine straffe Begrenzung ausgezeichnet erweitert. Was an Vorrat bei einem von uns Goijims nur ein mittelmäßiger Aufsatz oder eine Überzeugungstafel würde, kann sich zu dichterischer Glosse und gut geformter Novelle hier steigern. Sie haben eben Handikap, und als wir mit Macht und Gewalt jahrhundertelang sie striezten und dumm und breit verlachten, wuchs ihr Hirn und ihr Instinkt ein paar Jahrhunderte und viele Kilometer uns voraus. Stets hat der Geist sich gegen die Brutalität gewehrt und gerächt mit Sieg. Schreit alldeutscher Pressepöbel heut hepp hepp gegen jüdische Entrepreneure, vermöchte ihr teutonischer Gott, selbst mit Stierhelm und Wolfsgurt herabsteigend, sie leider nicht davon zu überzeugen, daß, wer dem verkannten Künstler, dem genialen Projekt, dem extravaganten Gedankenjongleur zäh, mit unbedingtem Glauben und materiellem Einsatz jahrelang die Treue hielt, auch später Lohn dafür ernten dürfe. Es gibt für alles Neue die ersten Jahre ja nur jüdisches Publikum. Sie opfern sich schon für den von ihnen sofort erkannten Gehalt, während die protzigen Kimbern sich noch vor Lachen über die Verrücktheit ihre fetten Wänste schlagen. Auch ich bin, als ich zum erstenmal bei anderen die Sachlage erkannte, von Wodan zu Jehova übergegangen. In gewissen Fällen, mit einigen Vorbehalten, aber mit der besten Überzeugung.
Als unter dem großen Päderasten und Savoyer Eugen man mit Kreuzfahnen noch gegen Belgrad und weiße Halbmonde zog, starrte Wien als Bollwerk des Abendlandes gegen den züngelnden Orient. Heut haben Asiaten die Kanonen herumgeworfen, und die Praterstadt ist die Schleuse, aus der Asien unabänderlich in uns sich ergießt. In diesem Boden, wo es quirlt von Zukunft und Rasse, und wo slavisch-südlicher Kulturboden ganz nah ist, hat das Jüdische sich glänzend entfaltet. (In Norddeutschland hat nur Kerr einen freien Blutstil des Essaiistischen gefunden und Hillers Intellektualismus zieht einen rassig hirn-expressionistischen Stil herauf (den er aber nicht haben will). Arnold Zweig, Heymann, auch Sternheim und tausend andere haben das rein jüdische Bewußtsein nicht so bewahrt oder es bürgerlich, politisch oder literarisch gemischt.) Der bedeutendste Sänger seines Leids an der Überbewußtheit ist dort Ehrenstein. Manchmal reißt er sich zu Gesängen auf, die fast klassisch in ihrer schmerzlichen Kühle werden. Seine Verzweiflung wird oft kosmisch, eine teuflische Hilaritas, ein Veitstanz aus dem wienerischen Geklügel ins Transzendente, Gelächter mit Geheul drin. Kinder, es weint sich ein Beschnittener ins Himmelreich. Die Welt ist über ihm als eine Wand, darum sucht er sie einzuschlagen, zu anarchisieren. Keine großen Worte schüttet er auf seine Pistole. Er geht spazieren an Wirtshausschildern, da weiß er alles, was ihn quält. Er sieht da Arme, Reiche, an allem fühlt er begeistert, was ihn reißt. Er zäumt das Zerebrale bis in die barocke Phantasie hinauf, aber auch in den exotischsten Reichen, in spinneten Zuständen reißt er nur die Ironie bitter in sie hinein. Sein Kampf ist karnevalisch-grotesk und erhaben im Pathos wie ein Stück alten Stils. Wenn auch die Erkenntnis des Intellekts ihn immer wieder befreit, läßt sie den Juden immer weiter schinden in der Entsetzlichkeit der Realität. Es gab einmal eine „analytische Malergruppe“, die nur grau malten. Ähnlich schon, wie er schreibt, aber er hat Geniales, während die anderen spekulative Lapins waren. Das ist der Unterschied. Aber in diesem kleinen Zerschlagenen und Aufgebäumten hat die jüdische Intellektdichtung ihre heroisch-depressive Höhen Ein Zwerg hadert mit sophokleischen Worten vom Sinai gegen Gott, aber dieser schaut nicht nach dem Buckligen. Drumherum stehen Weltwendegewitter.
Ehrenstein kam aus Wien, wo die Psychologen im Zerspalten immer groß waren. Auf tschechischem Kampfboden schlug die Einstellung etwas verändert aus. Übrigens ist auch von da Galizien nicht mehr weit, wo die Hemmungslosigkeit wohnen soll, und es gab und gibt viele, die Not und Eigenart der jüdischen Seele aufzeichnen, ihre Landschaftslosigkeit, ihre Heimatlichkeit in Jordanideen, ihre Efeuzähe, das Angeschmiegte an jede Staude, und doch im Herz der unsplitterbare Glaube an die eigene Berufenheit. Scholem Alechem und noch dichterischer Micha bin Gorion. Aber sie sind Schauende, Gebende, Willige. Mehr zeigen die Gepreßten, die von der Tragik selbst Gehobenen, die Exponenten des Zustandes. Die Prager gaben es bald auf, zu zerfasern und Betrachtungen durch Zerlegung ihres inneren Wesens vorzunehmen. Sie waren gläubig und hatten gleich ihr Ziel hoch im Ethischen aufgepflanzt und machten sich entschieden gegen höchste Klarheiten hin auf. Das besserte ihr Niveau ganz erstaunlich, und man dachte gar nicht so sehr an ihre Machtfülle, sondern an ihre Absicht und über die Klugheit, die fast glatt und sicher so sehr wußte, was not tat und was sie wollte.
Die Vordergrunderscheinung ist Max Brod und der medizinisch einwandfreieste Fall. Wären Unruh oder Frank so gescheit, es zerschnitte ihnen mit vielen Messern jeden Arbeitsblock. Bei Brod schleift es und treibt es voran. Je unheimlicher das Kluge Gott zu suchen scheint, um so näher kommt es ihm scheinbar, ja es findet bei „Tycho de Brahe“ sogar einen philosophischen Kunstgriff, ihn zu erreichen. Baalschem sandte wie einen Atemkringel den Kreis der Gläubigkeit aufwärts, und bald stand der um den Jehova gespannt. Brod erreicht ihn im Tennisduble. Es wird ein Kombinationsspiel. Netzspieler und Driveschläger ergänzen sich zum dreifach eingesackten Satz. Der bewußte Schaffer und der plötzlich eintretend Berufene erspielen die Lösung, den HERRN zu erreichen. In Haag nennt man das „Swanze“. In Marseille sagt man im Theater: „Une blague“. Am Hafen: „Un canard“.
Daß das mit Anstand, immer dichterisch, oft sehr langweilig, aber im Grunde mit der letzten hingebenden Haltung, die das Talent ausgibt, gemacht ist, darüber diskutiert man nicht. Aber diese Feststellung ist ungenügend. Es kommt auf die Ausgiebigkeit an. Auf die Trommel der Brust, die Penetranz des Tons. Man kann es nicht ganz als offene Karte hinnehmen, wenn zufällig, weil es fast gleich aussieht, Gehirnwürze statt Unmittelbarkeit und vornehmste Klugheit als Geist auftreten. Man wird sie entwirren.
Man schießt Brod wie Hirsche beim Wechseln ab.
Nach einer Wiese geht seine Sehnsucht besonders absonderlich, aber es ist sehr schwer für ihn hineinzukommen. Das ist das Übersinnliche. Er rennt, wenn er sich unbeobachtet glaubt, immer davor auf und ab, und sieht man ihn aus der Ferne, schaut es aus, obwohl gar nichts Hemmendes da ist, er renne wie ein Zimmerfalter gegen Glas. Es gibt da etwas, was ihn hemmt, was er nicht sieht. Aber da die Bewußtheit bis in die höchste Kultur bei ihm verfeinert ist, weiß er es wohl, was hemmt, und es bedrückt ihn.
Durch nahe Schleier sieht er die wundervolle Weite der jüdischen Mystik, die oft donnernder ist von Gottes Nahen als die katholische, und er möchte gern in ihr sein wie die Rabbiner, die Propheten, möchte auch das Gras essen des Rabbi Nachmann, und des Sirach. Aber ach, der Eingang ist ihm unsichtbar versperrt. Nun hat er aber den heilgen Berg in manchem Traum auf raffiniertesten Zirkeln seiner Seelenwege erschlichen, darum probiert er jede Finte, mit dem Geweih, mit den Tönen, duckt sich, macht sich unsichtbar, umschmückt sich mit Laub, daß er Bäumen gleiche.
Ehern ist ihm der Eingang gesperrt.
Einmal scheint es, er habe es erreicht. Doch ist es eine Spiegelung gewesen. Je schwerer es wird, um so zäher wird er es versuchen. Es wird noch lange so gehn.
Aber es gibt keinen Weg ins Übersinnliche, weil es im Herzen selbst ist. Und wo die Einfachheit der Blutkanäle fehlt, kommt keine überlegene Geistigkeit hinein. Sein Schleichen um die paradiesische Wiese ist ein Zirkulieren um sich selbst. Er hat gezeigt, daß man Gott erleben kann auch aus dem Hirn. Er hat es gewiesen auf die edelste Weise. Auch Karl May würde auf seine Art es nicht unversucht lassen, dies Gleiche uns ebenfalls zu klären. Schon in dem Augenblick, wo nur der Gedanke auftaucht, er wolle ins Unsinnliche, liegt schon eine Welt zwischen ihm und dem Ziel. Wo er versucht, das Mystische zu beschwören, indem er auf die Wiese wechselt, springt ihm das eigene Hirn ins Gesicht und macht ihn blind.
Ich habe bei Hagenbeck in „Beasts and Men“ ersehen, daß er glaube, in den Sümpfen Afrikas würden ohne Zweifel noch Dinosauren leben. Kürzlich las ich in der „Times“, bei Port Elizabeth im Kongo hätte Herr Levage ein Vieh angeschossen, das einen Rüssel und zwei Nashörner hatte, vorne die Beine des Gauls, hinten zwiegespaltene Hufe und zwischen den Schultern schalige Wülste. Es werden dies, wie ich, auf dem Lande, in York, Chester, Norfolk, im Lincoln Wold, in Kingston, in Hornby, Australien, Neuzeeland, im schottischen Wigtown, in Haidarabad, im kanadischen Athabaska, am Missinaibi-River, im Betschuanaland, in Somerset, in Kent, viele einfache Menschen, Bauern, Neger, Kinder, lesen und glauben. Sie werden Gott näher sein wie Max Brod, indem er ihn am heftigsten beschwört. Ich zweifle nicht, eine solche Sache würde den Prager sehr reizen, aber er in phantastischem Intellekt oder in logischer Ausschweifung daran verderben. Ich glaube, er würde das Tier theleologisch erklären und auch der Tatsache des Wunders einen tieferen Sinn und eine humane Notwendigkeit verleihen. Das gute Tier bei Port Elizabeth aber frißt und liegt in der Sonne afrikanischer Wollust, leckt sich den Bauch und verdaut. Ich muß dies bei aller Liebe und Bewunderung zu so feiner Züchtung des Hirns hinzufügen.
Aber der Zeitgeist liebt Räderschlagen. Der Nichtjude Meyrink geht auf der Wiese spazieren. Er ist tatsächlich darauf anwesend und geht mit Selbstverständlichkeit in den jüdisch-mythologischen Bezirken sogar. Ihm ist dagegen sehr unwohl draußen im Lebenskalkül. Als der Krieg ausbrach, beschloß er sogar, als er mit dem Marktnetz, um Gemüse zu kaufen, nach München hineinfuhr, in eine Bank einzutreten. Doch halfen ihm die plötzlich einsetzenden Börsenhaussen seiner Bücher darüber hinweg. Ist er jedoch aus dem Erd-Gedrückten ins Übersinnliche gekommen, hebt sich ihm Tatkraft und Kopf, er wird gleich in Vollwichs erscheinen. Buber wird schmerzlich lächeln und diese Prosa als Schändung des Göttlichen empfinden. Darüber hat, da es ums Heiligste geht, wohl der feinste Jude nur das richtige Urteil.
Meyrink ist der bedeutsamste Groteskendichter (weil symbolisch) unserer Zeit. Er konnte früher fast allein überweltliche Atmosphäre gestalten. Gewiß war sie oft von außen her gekommen, aber schließlich drang sie doch in die Zimmer. Es ist etwas an Unerlöstheit schon daran, wie bei Kubin, wo zwar die Gesichte manchmal tadellos durch die Bewußtseinsketten stürzen, aber meist doch eine literarische Vorstellung bleibt. Auch mache ich das Kreuz vor den Erfolgsbüchern. Man befaßt sich nicht literarischen Erwerbs halber jährlich mit der Abfassung eines Buches um die letzten Dinge. Dennoch ist er schwer verkannt. Sein Wesentliches wird effektiv lange währen, wenn auch die Signale und Symbole, die er um sein Starnberger Haus gesteckt hat, mit manchen Winden nach der Zugspitze flattern werden. Aber aus Kolportage, Bordell und heiliger Handlung richten sich gleich Fahnenspitzen die Dinge immer ins Gespenstige und das Entscheidende tritt ein, daß es hieraus genau so sicher ins Symbolische geht. Also ist Größe oft nicht fern. Auch ist die Sprache oft von dichterisch gezähmter Kraft. Manchmal kommt er von Kubin bis Ensor und zu Munch. Und das Jüdische mit mittelalterlicher Ghettoverdichtung, mit Angst, die Berufung verlieren, die Ewigkeitsverbindung übers Leben hinaus, den Hineinbruch des Todes in die Lebensebene als eine Parallele . . ., das sammelt sich hier in einer Hellsicht, die vielleicht gartenlaubisch gefühlt ist, aber die Atmosphäre hat, den Prozeß, die Faust und das Gelöste. Und selbst die Fanatiker, die jeden, der in Deutschland mit Auflagen die Kaffeehausziffer überschreitet und Erfolg hat, als Karrieremann und Miesnick so lange verbrüllen, bis sie das gleiche erreicht haben und verächtlich nach hinten schauend lächeln über die zurückgebliebenen Radikalen, auch jene Hanswurste der falschen Entschlossenheit werden zugeben, daß ihm eine Reinheit des Gefühls sehr oft nicht fehle, die an eine schönere und übersinnlichere Welt ein aromatisches und gutes Erinnern trüge.
So wandelt er, vielleicht kitschig aber sicher, auf den mystischen hebräischen Wiesen. Es hat den Fünfzigjährigen verwundert, als die Antisemitischen ihm die Fenster einwarfen. Unten schaukelten seine Segelboote, oben las er im aufgeschlagenen Fachblatt: „Wenige unseres Klubs werden wissen, daß unser Ruderobmann Meyrink auch ein bekannter Schriftsteller ist“. Aber wie Großes kann aus jüdischer Dichtung kommen (schon Werfel zeigt es), wenn sie vom Hirn einmal wieder losgelöst ist und mit Meyrinkscher Geschlossenheit auf den Wiesen geht. Buber wird Wege wissen, wie dies zu erreichen sei. Wahrscheinlich wird die Zeit es noch umfassender verstehen. Umsonst ist das internationale Band durch die Palästinensische Invasion nicht um die Völker der Erde geschlungen.
Er hat die Zeitzusammenhänge am tiefsten und erbittertsten begriffen, schließlich ist er tatsächlich schier ein Komplex von Profetie. Er deckte auf, riß Hüllen weg, geißelte und spottete wie keiner. Ehrgeizig gab er sich selbst den Namen des Neuen Moliere. Damit man ihn gut begreife, machte er die Sprache zu Latein, wundervoll glatt wie ein Tänzerinnenleib aus Lodz, gespannt und schmal wie ein Negerbogen von Fungurume, elegant wie ein Zebrafell, totsicher in der Führung der Linie wie Gulbransson oder der Fjord bei Tvervik. Noch interessanter wie seine Stücke spielen seine Prosanovellen in der Arena. Eine doppelte Bühne ist gebaut, übereinander. Unten geht vor sich im Detail und peinlich genau gezeichnet der Lebenslauf eines Kriminalen, einer Köchin, einer Ladnerin. Oben marschieren in ihren Körperhüllen (scheints), ebenfalls aber schemenhaft, imperatorisch aufgeblasen, dantehaft, hölderlinisch verzückt ihre Gefühle. Zwischen den beiden Bühnen ist ein Brett. Später wird um das Groteske zu nehmen, eine Vereinigung nötig. Der himmlische Ausgleich soll bewiesen werden. Da von unten die Kocherls nicht von selbst nach oben flammen, die Schutzleute sich nicht aus eigener Kraft aufsalutieren können, da Bewegung des Irdischen unten mit der himmlischen oben noch auseinanderklappt wie Kinobewegung und begleitende Musik, wird ein Apparat zugezogen. Schleier fallen, Scharniere kreischen, Nietungen krachen, ein Looping the Loop tritt in Tätigkeit, die guten kleinen Kerle kommen in die Schleife und sausen mit Motorgepuff, Vergaserradau in die dritte Kurve und die obere Seeligkeit. Einige riefen Herrn Sternheim auf die Bühne, da es ihnen schien, er habe die Regie verantwortlich gezeichnet. „Un Dupe“ schrie ein verkleideter Heiliger, der von Gethsemane gekommen, und die neue parsifalische Verheiligung der niederen Menschen besichtigen wollte, verließ seine Loge und fuhr, auf franziskanische Schablone eingestellt, nach Kopenhagen, um den Minister und Gesandten der französischen Republik Herrn Paul Claudel, der immer noch nicht gegen den Versailler Vertrag protestiert hat, aber ein großer Gläubiger sein soll, zu besuchen. Es war dem Wanderer bitter um das Herz geworden, denn er gab Geist und Können leicht und billig hin in einer Zeit, wo, wie er vernommen, es auf Gesinnung mehr ankam und auf Bekennertum wie auf das übrige.
Doch tat er Sternheim Unrecht, indem er ihn für einen Buffone ansah und das Geknirsch der Maschinerie für die Taktiken eines Roßtäuschers hielt oder irgend eines Brouillon. Die Unterstützungen durch die Mechanik waren nicht die Taten eines Böswilligen, sondern die Handlungen eines Verzweifelten, der die Gesinnung riesenhaft in sich spürte, aber nicht Muskel genug besaß, ihren Aufforderungen ganz zu genügen. Prokrusteisch eingespannt in Muß und Nicht-ganz-können zog er es vor, mit den Mitteln der Geistmaschine nachzuhelfen. Auch die Kreuzfahrer hatten sie verwandt, als sie die Mauern brachen, die die Predigt nicht stürzte.
Ja, als einige Zweifelnde, eine öffentliche déconfiture witternd, die Kulissen erstürmten, fanden sie einen Fleiß und eine Bemühung, die sie fast erschütterte. Die Ideen waren zwar in der zweiten Bühnenetage nicht mehr vorhanden, denn sie traten nur auf, solange unten die kleinen Existenzen im Parterre agierten, und waren nur solange bereit, diese in sich aufzunehmen, damit sie aus der Existenz übersinnlicher Marionetten oder weltlicher Schatten in eine einmalige und ganze Realität sich schlössen. Denn dann erst könnte allen deutlich bewiesen werden, wie sowohl Welttragik, wie Kunst, wie Herr Sternheim sich aus dem üblen Fall, daß alles in dem Dasein zweihaft sei, herauszöge und Gut und Bös, Groß und Klein, Gerecht und Unglück, zwischen die sich immer Tragödie klammert, zu einem unirdisch schönen Lebenssymbol sich verbände. Sie untersuchten genau. Aber ach, sie fanden nichts, was gegen Sternheim spräche. Die Auswahl seiner Puppen war glänzend, er beherrschte das Weltbild, er kannte die Drähte, die Schliche, die Leidenschaften und Fehler seiner Zeit und des Menschen überhaupt wie kaum je einer. Die Könige, die Dirnen, die Männer, die Generäle, die Niederen waren geordnet und gestaffelt wie der Geist es verlangte. Das Spiel war auf bestes Gelingen angelegt im Sinne der größten Dramatiker, die diese Erde überwandert. Sogar zur Unterstützung waren den Figuren die Linien großen Geschehens in die glatten erlebnislosen Hände hineingemalt.
Sie mußten sich achselzuckend und verlegen entfernen. An der souveränen Führung und Einsicht, auch am besten Glauben des Autors war nicht zu zweifeln. Auch der Herr aus Gethsemane hatte geirrt und eine Verwechselung vorgenommen zwischen der Einsicht des Dichters und seinem Können. Denn der Apparat war ihm schon profanierend. Ritt er jetzt nach Kopenhagen, ritt er, wie die Damen vor hundert Jahren, à califourchon.
Das Malheur ist eingetreten, daß ein Dichter hier zwar fast allein in einer Epoche früh kapiert hat, daß die Zeitlüge gezüchtigt werden muß bis aufs Skelett, damit dahinter eine neue Menschlichkeit vorgewiesen werden kann, daß einem neben der klaren Einsicht der genialste Kopf für Instinkt verliehen wurde, eine eigene neue Sprachform ihm zufiel, und daß dies alles aber nur bis zu viereinhalb Metern und nicht bis zum fünften genügte. Es fehlte Fähigkeit, umzuschmeißen, Kraft der Erschütterung, Schmiß ins Blut. Es blieb bei den Nerven. Man war abgestoßen oder entzückt, jedenfalls voll unbeschränkter Bewunderung. Keiner wird es lieben. Niemand, was selbst vollkommenste Werke verursachen können, wird Schrei oder Weinen fühlen. Man wird sie auch nicht hassen, höchstens beschimpfen.
Einer zog aus, den Stein der Kalifen zu suchen, aber als er ihn fand, war seine Hand zu klein, ihn zu heben. Jedoch auch daß er ihn nur fand und nach allen Richtungen drehte, ist im menschlichen Umkreis ein unvergeßliches Verdienst. Erstaunlich, mit welcher Sicherheit und Unfehlbarkeit Sternheim die Touren der Drehung nun vornimmt. Das Thema bleibt klein umschrieben, an einen geringen Kreis, an die Erde immer gebannt. Er versucht auch nicht titanisch ihn zu recken, müllert nicht, auch schwedische Gymnastik liegt ihm fern. Er bringt Hebebalken und Dampfdruckpressen, so kommt er manchmal etwas höher. Jedenfalls weiß der Autor immer, was nötig ist, wohin es muß. Er weiß es so genau, daß, wenn seine geliebten Marionetten am Horizont hinziehen und sie als typische Anonyme, als Kleine, Bagatellen der Zeit erscheinen, ihre Kulmination ausgezeichnet verläuft. An den Schnüren und Drähten menschlich vorgeschriebener, preußischer oder beamteter Existenz, zwischen Standesanschauung und gesellschaftlicher Verpflichtung läuft solch ein Dasein bis zur Schleife, wo das passiert, was keinem erspart bleibt. Da kommt Tod, Schmerz oder Umwurf oder irgend eine andere Maskerade des Tragischen daher. Das ist der brennende Moment. Nun kommts auf den Entschluß der Seele an, auf ihre Läuterung. Sternheim hat allein kapiert, daß hier der Schwerpunkt aller Kunst in unserer Zeit liegt. Nämlich zu 1: daß die Zeitlichkeit geschildert und dargestellt werde statt in phantastischen Zirkeln allein zu laufen und daß z. B. im Moment des tragischen Blitzschlags die Läuterung der Subjekte zu der seeligen Allgemeinmenschlichkeit vor sich gehe. Versteht sich wohl, natürlich und aus den Subjekten pflanzenhaft herausgewachsen.