Aber der Teufel fügte es, daß gerade an diesem Moment der Stein zu groß, die Hand zu klein war für den mächtigen Intellekt. Da aber stürzt sich, um zu retten, was möglich, Sternheim selbst in seine Figuren. Nun bewohnt nicht mehr das Schicksal den Busen der Bonne, sondern Herr Sternheim singt aus ihr das allgemeine Lied der Schöpfung und der Göttlichkeit. Nun ruft nicht aus der Pflichtgebärde des Schutzmanns eine sanfte Stimme von Aufgehn in der Kosmischkeit, sondern wie Kätchen Paulus an der Mongolfiere, durchfährt an ihn geklammert Sternheims scharfes Sprechorgan die Ballonkurve zur Ewigkeit. Im springenden Moment aufklafft der Knax. Der Sprung ist nicht zu übersehen. Einmal nur gelangs ihn zu verdecken. Doch diese Novelle ist von seiner Frau.
Vielleicht liegt mancher hervorragender Erscheinungen Sinn wesentlich in der Befruchtung, und ein reifrundes Werk hätte nur wieder einen Einzelblock in unseren Kulturweiher geschmissen. Wo aber Reste blieben, sammelt sich bald eine Armee. Hofmannsthal hat seine Generation gelehrt, auf Zwischenfarben zu sehen, geheimnisvolle Musik aus den Worten zu schlürfen. Wilde zeigte, wie apart es sei, daß Apfelschimmel Isabellaschnauzen hätten. Es paßte wohl in ihre Zeit. Wo die Erdachse heißer sich läuft an unteren Gewittern, sind schon stärkere Programme nötig. Führend ist Sternheim dabei ohne Zweifel an der Spitze. Auch hat er nebenbei nach Keyserling den klassischsten Stil im Deutschen, so barock er ihn aufzäumt und so grotesk er ihn verführt. Es ist ein Stil. Weltgefühl kommt hinzu, ergänzend zum dasigen Elend tut er die rosaschöne Ewigkeitsgebärde nach dem Loch ins Jenseits. In seiner Ironie ist wirklich auch Liebe zum Bessern, in der Anklage Wissen um neue Gebiete, der Haß ist oft überschrieene Verzweiflung.
Wie der Türke den Hund faßt er sein Lieblingsinstrument, den Bürger, nur mit der linken Hand an, das bringt die entzückende Schiefe in seine geistige Haltung. Wie einen Kinderdobsch jagt er ihn an der Treibschnur das Parkett der Gesellschaftsstruktur hinauf und dann decrescendo, worauf unfehlbar ein ethischer Träger schlicht in seinem Prunk am Ende erscheint. Und er kennt seine Welt. Verbeugungen, Ihr ahnungslosen Nichtse der Gesellschaftsschilderung, vor diesem Könner! Nicht nur den knabbernden kleinen Bourgeois hat er unterm Mikroskop, den großen auch. Die Welt ist aus Waschküche und schlecht gelüftetem Doppelbett nicht allein gemacht, das bürgerliche Zeitalter hat auch seine luxuriösen Idioten. Nur die Symbole, die Richtungen, die Sehnsüchte sind die gleichen bei Kriegervereinsprolet und kapitalbuntem Landrat.
Oben steigen die einfach geschlemmten Mahlzeiten ins Raffinierte. Was da Kalbsbraten mit Gurkensalat, kann sehr wohl bald sein Artischockensoße aus Milch, und Eier in Zitronensaft. In der Provence speist man Trüffeln, Wachteln, Bordeaux, Ortolane. Sternheim schreibt es nicht, denn er kennt nur die Brüßler und Pariser Küche. Ich füge Terrine de Nérac und Pâte de Toulouse hinzu. Auch Kaffee mit gestoßenem Kandis und Wein in Lackledergefäßen. Da unten fangen die Frauen schon an, vergoldete Augenbrauen zu tragen. Jasminessenzen steigen in die Nase. Ein tolles Leben. Die schönen Saffias tanzen mit den Bäuchen . . . .
Napoleonisch reitet Sternheim die Parade ab seiner Welt, läßt dann alles sich bis auf die Unterhosen entkleiden, da kommen trotz der ausgesuchten Laster bemerkenswerte und ignominöse Dinge zum Vorschein. Er vermeidet es, keine bis auf die Hoden zu verspotten. Auch läßt er die Städte der Menschen mit Spiegeln aushängen, das verdreifacht den entsetzlichen Effekt. Man darf nicht eins oder das andere seiner Kommandos anfassen, sie sind oft dünn und zerbrechen. Im ganzen hat er eine bestaunbare Strategie bewiesen, Kapital und Arbeit, Soziales und Gesellschaft gegenüberstellt, jedes nicht zu treffen vergessen, aber da geschoben, wo es nach vorne ging. Dann hat er wie der beste Mann de l’ancienne Roche sich nicht festgelegt, sondern den guten und idealen Menschen allen vorgeschildert. Aristokratisch letzthin im Prinzip wie Heinrich Mann auch und, wie sein stilistischer Bruder Cicero in seinem Buch über den Staat, gleichfalls die Meinung geäußert, nur die weisesten und edelsten Männer sollten den Staat regieren. Mag er selbst mauscheln, bleibt ihm irgendwo das heißgeliebte Ideal, die Flamme. Zwar etwas mager geraten und nicht gut von Statur zu Pferde, aber in ausgezeichnetem Trab und mit glänzender Fechtkunst schlägt er sich durch Barbarei und Dummheit, oft fast an ihr vor Wut krepierend, kreuzritterhaft mittenmang: en l’honneur de Dieu et de Notre Dame. Das ist wohl seine allgemeine Lage.
Aber vergessen darf nicht werden, daß das Instrument klein ist. Die Variationslinie war von reizvollster Krausheit, aber doch nur ein umfaßbarer Kreis an Radius. Bongré malgré ein genialer Könner mit Krücken. Aber da alles bis in die Satzzeichen und Gotteinstellung tadellos und von Spannkraft, ist die Wirkung auf breitere Fläche geronnen. Selbst Kaiser und Heinrich Mann gingen in das Garn dieser skeletthaft geschmeidigen Prosa. Alles wird gepackt und durchstoßen. Immer wieder wird krampfhaft und eifrig mit Jägerpfeifen und Balzen das Menschliche durchs Transparent der Leiber und Kröpfe hindurch hervorgelockt. Diese Bemühung ist so konsequent, daß sie nicht echolos bleiben kann. Auch der Versager muß Anerkennung sich erzwingen. Auch hat die Linie der Prosa eine hypnotische Wirkung. Wie in Rilkes leicht faßbaren Rhythmus verfingen die jungen Leute sich an sein rasch lernbares Diktat.
Doch auch das genialste Rezept ist nur gut für seinen Koch. Die Sternheim degengesenkt und schweigend vor Respekt anhörten, selbst wenn er ihnen zum Kotzen zuwider war, begannen leicht zu schwindeln, als diese Drachen am Himmel zu steigen begannen. Es schien, es sei die Sonne und das Blau aus ihm vergangen. Jugend, Dampf der Kuhfladen und Äcker, Einfältiges und Wildheit sei vor solch eisiger Diszipliniertheit, solch pinguinischer Leidenschaft und greisenhafter Athletik davongegangen. Die Büsche selbst begannen zu weinen, da es ihnen dämmerte, nun käme Le Nôtreische Zeit wieder und die Natur werde gleich den Pferdeschwänzen von neuem kupiert. Es würde ein erstaunliches Gähnen geben, hätte je dieser Stil die Gartenlauben erreicht. Doch die Imitation hat natürlich keine Frucht.
Wohl aber kommt das Beste aus Sternheims leidenschaftlicher Kraft des Ausscheidens. Nicht deshalb sind seine Sätze sehnenhaft, weil sie dünn gedacht wären, sondern weil er gleich Sherlock Holmes seine Produktionszellen bewacht, die mit der Funktion ausgezeichneter Nieren nur das Geschiedene durchlassen. Das Oberflächliche hat er am radikalsten verjagt. Er hat am intensivsten aufs rein Wesentliche den intellektuellen Stil beschränkt, und was kritische Köpfe von der Ovalform Rudolf Presbers ihm als Telegrammstil vor die Füße warfen, war nichts anderes, als das operative Messer, das als Zeitstil die musisch gewellten Leibchen des Kronprinzendichters unkeusch lüftete und in den Boreas hing.
Auch verführte Sternheim sehr zur Sachlichkeit, was nicht unwichtig ist. Begrenzt ist es natürlich, geht er vor gegen das Ekstatische. Man liebt ja seine eigenen Fehler gemeinhin so wenig wie die Tugenden seiner Feinde. Doch gilt es nicht eine subjektive Norm hinzustellen, sondern bloß Klares und Unklares abzuwägen, um zu harmonischem Urteil zu kommen. Es ist etwas infantil, sein Temperament als Maß für die Welt zu projizieren. Das ist vielleicht Politik, aber nicht Urteil. Ist eventuell erklärlich, aber keineswegs gerecht. Vielleicht ist es in manchen Fällen sogar klug, aber es ist nicht das Bestimmende. Darauf aber kommt allein es an. Auch ist wichtig, daß er allzuvielen Ekstatisierern immerhin ein kühl lächelndes Gegengewicht bietet. Auch auf die Balance kommt es an. Eine Sternheimschule als führende Literaturrichtung Deutschlands würde keine menschliche, ja nicht einmal eine literarische Angelegenheit, es würde eine rein stilistische. Wir hätten die ledernste Akademie.
Der Autor ist auch selbst nicht einseitig in dem Werk selbst. Schwingt sein Reck doch selbst zwischen zwei Regionen, der irdischen und der paradiesischen. Allerdings hat er nicht genug Wade und Hüfte, um ganz hinüberzuschwingen. Jedoch ist keinem seine Richtung unklar: daß es ihn aus dem Boshaften und Harten immer ins Weiche und Unendliche verlangt, jenem Georg dem Vierten nicht unähnlich, der nicht allein ein herber König der englischen Menschheit, sondern auch ein Liebling an Gärten und großer Blumenamateur gewesen war.
Ein glänzender Blitz fährt durch Europa vom Süden herauf über Venedig, Genf, München, Paris, Stockholm. In den Städten ist grenzenlose Bläue. Landschaft mit schwebenden Gärten. Meer glüht, See oder Fluß bis in uferlose Berauschung. Die Luft ist erregend, im Blut nur zu verstehen und auszutragen. In der deutschen Achse steht Heinrich Mann, nicht umsonst ist die Leopoldstraße die schönste Gerade Deutschlands, nicht umsonst fällt auf die Dächer der Theatinerstraße schon italienischer Himmel. In Frankreich hätten sie Mann gefeiert, die Römer hätten ihm gehuldigt. Bis in sein fünftes Jahrzehnt haben ihn die Deutschen geschmäht. Er hatte Hohn nur auf die Bourgeoisie und empfing die Quittung. Auch haben seine Bücher einen Stil nach konzentrierter einsamer Größe, daß man, allein an Plumpuddings und Gelees gewöhnt, die breite Schärfe nicht begriff. Was an ihm schon ins Europäische wollte, hielten sie für französisch. Sie hatten nicht ganz unrecht. Er war wie eine Brücke aus dem Sumpf in die hellen Orchester einer jungen Generation, aber auch der Schwebebalken, den die absterbende große romanisch-demokratische Kultur tief in die deutsche Ratlosigkeit hinübersenkte.
Als Rembrandt, Poussin, Bernini starben, stand das Spätbarock den großen Meistern schon ohne Verständnis gegenüber. Wieland höhnte, als Bodmer sich an seinen Zöpfen erhing. Auch Heine hatte nicht viel übrig für die Romantik, die wiederum an den Klassikern nur Gefühle der Abneigung empfing. Seltsam, daß aber in der Zeit widerstrebender kleiner Kämpfe die großen Übergangsbegabungen gleichzeitig die Riesen waren und, noch halb verwirrt und oft ziellos nur im Instinkt, schon nach dem griffen, was der kommenden Generation als einzig sicheres, klares Bild vorschwamm. Wedekind, Strindberg, Heinrich Mann wurden plötzlich aus der Einsamkeit der nachnaturalistischen Zeit zu Mittelpunkten erhöht. Man kann ruhig auch Kerr hinzufügen. Es scheint heute, sie hätten die breiteren Achseln gehabt, während die Generation heut sehniger, aber schmäler ist. Bei den Schauspielern ist’s das gleiche. Bassermann, Steinrück, Wegener spielten den Kitsch ihrer Zeit, aber wen setzt die geisthafte junge Schauspielerschaft ihnen an Blutfülle, Erdkraft und Gewalt der Wirkung gegenüber? Heinrich Mann hatte vor drei Jahren die Liebe der Jugend, es ist möglich, daß es sich ändert. Sie erkannte an ihm im Instinkt den Kämpfer gegen Seitheriges und den angestrengten Arbeiter nach gemeißelter Form, den Erhalter des Dichterischen in der Prosa, als vogelweidhaft aufgeputzte Bürger und Beamte diese in ihre niederen Betten führten. Auch war sein Wuchs zu deutlich, sein Oeuvre das einzig Repräsentative in der neuen geistigen Haltung und Politik (wenn auch lange nicht so geschlossen wie das des Grafen Eduard Keyserling, doch um vieles sicher mächtiger im Können). Das Ausmaß dieses lange Alleinigen zog den Respekt an. Er war unter dem Ansturm einer ihn begeifernden Zeit sehr breit geraten. Auch die Griechen liebten die Eckpfeiler der Säulentempel ein Sechzehntel dicker zu nehmen wie die der Kolonnen, da, wie Vitruv sagt, die Ungeheuerlichkeit der Luftmasse sie dauernder attackiere wie die anderen, und sie nicht, wie die inneren Rohre der Sphinx, aneinandergelehnt und gesichert stünden.
So entwickelte sich die Sache, doch ist die historische Form des Anfassens genau wie ihre Wahrheit wahrlich nicht de saison. Wie die Jungen Mann holten, werden sie ihn wieder abstoßen. Die Entwicklungen haben lange gezögert und sich dann überstürzt. Dem deutschen Publikum waren es lange Anaglyphen, was er edel und unentwegt forderte. In absolutistischer Zeit stritt er für Demokratie. Als der Zustand erreicht war und man seine Bedeutung plötzlich erkannte, war die Seele der Jugend weiter gerutscht und versuchte nicht mehr in Parlamenten und der Mehrzahl völkischen Wollens Gottes Finger an unserm Geschick zu erkennen. Die Distanzen werden sich vergrößern, er wird tatsächlich zwischen den Generationen stehen als ein Könner, der einzige Romancier Balzacschen Sinnes, ein großer Diener und Bewältiger der Idee einer imaginären Gerechtigkeit auf der Erde. Wahrscheinlich werden sogar die für Gestaltung unzugänglichen Literaturgeschichten nach uns dies de rigeur annehmen. Ich habe keine Lust, perpendikulär zu kommen. Aber es wäre möglich, daß durch eine Flankenbewegung in noch späterer Zeit Mann wieder Anschluß bekäme.
Denn die ganz ins Linke geflogene jüngere Generation könnte aus dem Versagen der Revolutionen sich zu einem souveränen Skeptizismus erheben, der wohl Bessern aufs Panier setzt, aber an die Verwirklichung nicht glaubt. Denn immer zog nach heftigsten Revolten die Anziehungskraft der Erde das Bestehende noch grausamer zurück. Die Menschheit war selbst in Ruhrepidemien, zur Blüte der Pestbeulen und in dreißigjährigen Kriegen zu träg und zu elend, sich vorbereiten zu lassen auf das irdische Paradies. Sie liebten ihre Peiniger, und je mehr die Dämonen ihnen das nackte Fleisch aus dem Körper fraßen, lobten sie ihren Biß. Als Dom Miguel nach seiner Verbannung am dreißigsten Juni Achtzehnhundertachtundzwanzig den Staatsstreich in Portugal machte und alles tierisch tyrannisierte, war es genau die gleiche Erscheinung und das nämliche Theater, das im gesegneten Jahr Neunzehnhundertundneunzehn in Budapest und München die Generäle der weißen Garden aufführten. Aber es ist vergessen worden. Auch sonstwo trifft sich in jeder Jahrhundertparzelle der Historie dasselbe Spektakel, nur daß Deutschland die raffinierte Würze hat, den Akt durch eine sozialistische Regierung in Szene gesetzt zu sehen. Immerhin glaubt und kämpft die europäische Jugend noch fest an einem Ziel, das über Manns Ideale der Demokratie weit hinausgeht. Selbst wenn es Utopie und Bürgerspaß bleibt, wird der Akkumulator der ethischen Energien es nicht umsonst sammeln und eines Tages zurückgeben aufgespeichert, gespannter und wie alles Gerade und Kühne nicht umsonst getan.
Die Menschen von ganz links sind die besseren, weil sie die ganz anständigen und idealistischen sind. Die von ganz rechts sind die Schlauen, weil sie auf festem Boden stehen und Kilometerstaffeln der Unterstützung durch alle Dummen und Trägen haben. Außerdem riskieren sie nur wenig. Vielleicht wird eine geistige Partei der optimistischen Skeptiker oder der schlauen Idealisten sich ergeben. Sie werden taktischer vorgehen. Vielleicht ist Heinrich Mann dann aber, wenn sie ihn wieder erreichen könnten, schon von Sturzböen der Zeit überschwemmt, und andere unvorhergesehenen Richtungsschwenkungen der Weltwagen machen dieses Problem hinfällig. Auch dies wäre Tragik. Doch darf man über das Ganze sich keiner Täuschung hingeben. Es ist ein komplizierter Vorgang.
Genau wie Werk und Figur des Mannes selber, der als ein glänzendes Bild des Mutes der unentwegten Gesinnung und des fast beispiellosen Könnertums dasteht. Immer schlingen sich aber Verwirrungen hinein. Eigentlich ist er eine Bestätigung von der ungewöhnlichen Prägungskraft der Form, zu der alles letzthin strebt, und die allein uns alles groß Menschlich-Gewagte zurückgibt. Dies starre, die Materie zermalmende Element fraß sich bei Manns Büchern allein durch die Unkultur seiner Jahrzehnte, ohne sie wäre alles ihm auseinandergefallen. In seinen ersten Vorstößen ist soviel Jugendstiliges, Breites, Kitschiges, daß nur die überlegene Gestaltung es hält. Später ist das klassizistische Suchen und Schwärmen in reinen italienischen Linien uns arg lugüber. Die Fäule des oberen Bürgertums zu detaillieren genügt noch nicht; auch wußte er anfangs nichts damit zu machen. Die minervischen Enthaltsamkeiten der Herzogin von Assy führen in einen geschlechtlosen Ästhetizismus. Es hält schwer, sich für diesen Marmor zu begeistern. Es ist interessanter, bei einem Gewitter einer Dame mit roten Seidenstrümpfen Alfred de Musset vorzulesen.
All das damals Geschaffte hält tatsächlich nur die Form. Doch steckt hinter ihr natürlich als Motor der unerbittliche Geist. Irgendwo kommt auch in den satirischen Büchern, wo’s mehr um Unterleib und Bürgerluxustapeten geht, die radikale, durchpfeifende Fanfare der Gerechtigkeit und des siegreichen Feldherrn Geist durch. Auch in der virtuosen Hanswurstiade von der „Kleinen Stadt“ krönt das schließlich. Gewöhnlich findet er für seine Bücher keine Schlüsse, da wird er tastend, unsicher, bricht in ganz neue Themen aus und kneift irgendwie in den anderen Stoff. Das ist natürlich bezeichnend für den Übergang, er ist sich noch nicht klar in der Welt, auch ein Wort wie Gerechtigkeit und Demokratie muß bis in die letzten Konsequenzen des Weltgefühls gestaltet werden können, wie Balzac aus einer Wiese, aus Blumen und Früchten Ursein machte. Bei ihm wird aber noch viel reflektiert und gedacht. Es ist da ein Zwiespalt. In den Essais ist die Lage fest erfaßt, doch geht es da um Denken und nicht um Stadt, Schwanz, Rasse und Gewächs. Das einzurangieren blieb auch dem nicht ganz erfüllt, der zweifellos der größte Geist der Epoche ist. Auch all das Scheitern sagt nichts dagegen.
Seine Novellen werden neben Kleist gesetzt werden, obwohl sie um etwas Hohles herum gemacht sind. Innen ist ein Krampf. Klopft man die Faßrundung ab, klirrt es nach Ungefülltem. Etwas fehlt. Einmal dekouvriert er sich: Er hat gekämpft jahrelang und manches erreicht, den Deutschen ein großes Oeuvre hingesetzt, für das selbst die Jugend hinter ihm her ihn liebt, wie es scheint. Aber er kennt den Spalt in seinem Wollen. Sein romanisches Mischblut vermag es oft glänzend zu überdecken. Er möchte alles tun, muß aber alles denken. Er muß sich entscheiden zwischen Leben und Schreiben. Er wählt das letzte. Er schreibt und krepiert vor Neid um den Tatmensch. Jene Entscheidung, die jedes Künstlers Zwiespalt ist und die der Instinkt eines jeden von selbst reguliert aus der Kraft heraus, die entscheidet bei Mann sich einseitig. Er geht nur auf das Nachschaffen des Lebens. Er asketisiert sich. In ungeheuren Gebilden phantasiert er Leben zurecht, aber er verzichtet selbst. Liberi aut libri! Er ist für die Bücher, aus ihnen soll der Geist hinausgehen, es wird ein entsetzlicher Krampf, wohl mit Ehre, Ruhm, Ansehen und Glück bekränzt. Spöttisch sieht er gegen die Wand, wo ein Condottieri im Rahmen steht, der nur mit Frauen und Raub sich befaßte, nie geistig Geronnenes in unsterbliche Phantasien schmolz.
Als sich die Blicke treffen, senkt sich der des Dichters.
Hier ist vieles verfehlt. Sein Bau zwar ist errichtet, doch in der Mitte ist Unerlebtes, aus Angst Versäumtes, einer Fischleiche nicht unähnlich, die nur die leere Blase aufrecht hebt. Mediziner und Betrachter niedrigen Rangs nannten es Hysterie. Es ist das Sichaufsparen einer nicht ganz genügenden Potenz für eine einzige Richtung. Manchen Tag wird er sagen: Roi ne puis, Duc ne veux, Rohan suis. Aber es wird eine Verlegenheit sein, die der Geist ihn taktisch zwingt zu gestalten. Er wäre wohl gern das eine und das andere und hätte nie wohl das Königliche vermieden, wäre es in Leben und Gestalten, in Fülle und Geist ihm verliehen worden.
Beschränkung und Verdoppelung kam so aus Schwäche. Indem er sich zurückzog in die Empfindlichkeit seiner Nerven, hat er nicht verfehlt, den Kontinent der Abenteuerlichkeit und der geistigen Navigation bis in die exotischsten Häfen anzulaufen. Er wird oft grausam in der Verhaltenheit, aber die tragischen Hügel seiner Wanderung erhalten eine Süße, als seien Madonnen und Ölbäume auf ihre karge Erhebung gepflanzt. Auch speit er und keift aus Haß gegen die Woge der Zeit, die an ihn heranschwemmt, Gründerjahre und Geld, die ihn manchmal verführen zu spielen, statt zu richten. Aber im einzelnen ist der Geist unfehlbar bei ihm.
Den Menschen erreicht er stets und treibt ihn an die Rampe mit wundervollen Triumphen. Die Gebärde des Stolzes ist spät aber byzantinisch im Goldton und demütig in der Verantwortung. Die Enttäuschung bei so breit angelegten Werken hält ihn nie auf. Plus je connais l’homme, j’aime le chien hat Pascal, nie ihn zur Flucht gewendet. Auch Skepsis wird ihn nie überwältigt haben, so sehr die romanischen Nischen seines Bewußtseins ihn dazu führen. Das verwechselt sich leicht mit Gerechtigkeit, die er sich konstruiert. Er wird nie Partei nehmen, auch nahm er sie nie. Etwas Ängstliches kommt dann ins Gesicht der Sätze. Er ist nicht für Tat und Konsequenz, mehr für Aufgabe. Und für den Egoismus, sich ihr zu erhalten. Vergeßt diese Reservatio nicht. Doch bleibt er, schaut nach einem langsamen Jahrhundert man zurück, ein Turm da, wo er stand. Er konnte viel. Vielleicht irrten, die ihm Plätze zuwiesen, an ihm mäkelten. Vielleicht wird man erst in zweien Säkulis das Hohle wieder hören, dann donnert es vielleicht. Die Zeiten trennen sich jedenfalls hier. Manche werden vielleicht von rückwärts aus der Jahrhundertiefe vor uns ihn reklamieren, etwa kann’s auch geschehen, daß er vom Zukünftigen vor und heftig verleugnet wird. Jedenfalls ist hier Küste. Manchmal stürzten Wachttürme ein und man vermißte sie später nicht.
Letzten Endes kann er immer die Lebenskonsequenzen nicht ziehen. Er hat sich faustisch dem Gerechtigkeitskompaß verschrieben. Das führt ihn zu Summen, die er nicht zu addieren, die er nicht zu gebrauchen vermag. Er weiß den Sinn zu predigen. Als er ans Soziale gelangt, zerbricht es ihm in der Hand. Er hat die Renaissance durchschweift, Seelen und Körper sich hingeben lassen an den Glauben und verschwendet wie kein Deutscher vor ihm. Aristokrat auch er und Gemeines hassend wie Pest. Nun soll er, muß er, geführt und geleitet von dem führenden Stern, die proletarische Kaste beschreiben, die er nicht versteht, deren Sinn ihm nebelhaft ist. Er weiß, das will herauf. Er sieht, wie Zola gigantisch sich gemüht. Er hätte vielleicht vermocht, in einer viel späteren Existenz die Seelengröße des Zeitalters, entfernt und voll innerer Kühle, zu geben wie keiner. Das genügt nicht mehr, er soll nun führen, Weg weisen, nicht Tragik der Tribunen geben. Ach, dieses Ufer ist nackt und ohne Farbe. Es bröckelt Sand ihm aus der Hand. Weiter nichts. Es bleibt vielleicht die Schilderung der Zeit, das Herzeigen der Konflikte, nicht ihre Überwältigung. Matt wird das Blut, dünn der Aufstieg. Auch hierin steht er zwischen der Zeit.
Die Jungen nennen voll Ehrfurcht seinen Namen, übergehen Tadel gerne, weil es ihm geschuldet ist aus den tausend Wunden, die er voll Zähigkeit für sie trägt. Doch sehen sie ihn nur noch spielen mit Ideen und Formeln der Gerechtigkeit, nicht mit ihrem blühenden Fleisch. Als der letzte Große aus Rom kam, den Louvre zu bauen, empfing ihn der Hof des vierzehnten Ludwig mit den größten Ehren, die der Geist verlangte. Den Bau hat aber später ein Junger, Perrault, geschafft. Wundervoll die gespannte, innen tief verhaltene und verkrampfte Gebärde, mit der, wie niemand heute, Heinrich Mann, geistig und adlig, sein vielspaltiges und großes Werk zusammenhielt. Ohne diesen Ring bräche es auseinander wie eine aufgeschnittene Garbe. Es war Leuchte und Kraft in ödester Zeit. Man wird nicht aufhören, sich der Herzogin von Assy zu verneigen, die Süßigkeiten und Trauermärsche stolzen Seelenbewußtseins schwingend zu verspüren. Einer hat die Zeit wütend da gegeißelt, voll Distanz, und beherrscht, und ihr doch das Schöne gewiesen der Inseln der Schiffe, der Tapferkeit tief aus den Rinnen der Historie herauf. Ausschweifungen des Geistes fanden keinen strahlenderen Heros. Süden, Macht des gerechten Kampfes und Blutes sind um ihn. Seine Jacht ist um den Tierkreis und die Erde weit herumgelaufen, während er träumte, auch hat er gebaut, an manches gedacht und kolonisiert. Fahnen senken sich, Häupter sind entblößt vor der Leistung.
Manchmal wird nur gedacht, wo es hohl klinge in der Wölbung des Werks, sei vielleicht falsch gehört. Kein künstlerisches Vakuum sei im Zentrum, auch nicht allein das Versagen. Er habe vielmehr, indem er sich der einen Richtung des Geistes verschrieb, gegen das Menschliche versündigt und mehr gegeben, als er dafür nahm. Ruhm wohl empfangen auf dem Weg des Geistes, aber es sei ein dürrer Kranz. Wo er gegeizt habe wie ein Wucherer, wo er gespart und gefeilscht habe, vom Leben und der Tat immer wegnehmend und es ins Imaginäre der Idee setzend, um Kraft aus der Schwäche zu ziehen, da sei ein Fehler in das Zentrum gefahren, er habe das Wichtigste versäumt und mit schiefer Einstellung nur noch gesehen. Wo blutig das Herz schlüge, sei blaues Eis.
Er habe die Menschen nicht geliebt, sondern ihre Ideen.
Sei fanatisch, aber egoistisch gewesen, habe als schiefer Radikaler und verschobener Märtyrer nur der Pfunde gewaltet. Sei nie bis an die Menschen gekommen, habe, Hand über den Augen, tief denkend, an der letzten Küste gehalten.
Der Weg war indirekt.
Ob er es begriffe.
Am Kap Matifu, als er in Tunis strandete, schrie Karl der Neunte: Glück sei die Hure, die nur von Jugend karressiert sein wolle. Am Ufer sind Kämpfe weit von Mann, neue Generationen aufmarschiert mit anderen Losungen. Ob ihm ein Schleier reiße und er fühle, er habe eigentlich sie nie erreicht, nie erfaßt?
Edel in der Haltung, wird vielleicht er es nicht verstehen, nicht sehen, neuen Büchern zufahren, während die Zeit sich vollendet in seinem Rücken. Vielleicht aber ist jedes Wort falsch und jeder Schritt unrecht, den die am Ufer tun. Aber sie haben sich entschieden und haben aus heißer menschlicher Leidenschaft gehandelt. Doch auch das würde dem Wegfahrenden wohl nicht klar sein, denn es wäre zu nah für ihn. Er kann es aus dem Blut nicht verstehen, nur aus dem Geist. Der aber segelt ihn nur bis dahin, wo das Begreifen beginnt. Hier scheiden sich die Wasser, man muß es nicht deutlicher zeigen wollen, als es ist.
Zur Not begriffe mein Hund Tobias, daß, als die Menschen in Zahnradbahnen auf die Gletscher glitten, mit Gasbomben und Feuerspritzen sich töteten, im Luftschiff nach Stockholm vom Bodensee aus flogen, das Fett des Zivilisatorischen ihre Brüste und Hüften übergoß, und die heimlichen Lenden der Dichtung abmagerten wie Mädchen im fünfzehnten Jahr. Darum waren Revolutionäre der Ideen wie Baudelaire entschlossene Gegner des Fortschritts. Die Schlappschwänze, welche die Prosa von einem Krieg zum andern zu hüten hatten, liefen aber hinter den Techniken her, und unfähig, sich überhaupt des Größeren zu begeben, verloren sie sogar die Verantwortung vor dem Wort. Bierbaum, der seine Zeit fürstlich repräsentierte, hatte stilistisch nicht mehr als ein Kommis. Man schrieb, wie man aß, badete, ins Bett stieg. Die Magie der Sätze, die Farbskala der Vokale, die dichterische Biegung und Bremsung der Perioden, es galt ihnen nichts. Sie hatten es vergessen. Die Sprache ward Mittel und Zweck, sie kehrten ihre Lächerlichkeiten damit in die Ecken. Jeder Wurm, dem drei Verse gelangen, war ein Papst, aber der Titan, der die mißhandelte, tags genotzüchtigte Sprache aus Gosse und Bürgerschleim auftrieb, melodisch beschwingte und zu Glut der Entfesselungen bestürmte, ward verlacht, übergangen. Irgendwo lebte zwar Nietzsche. Man wußte es nicht. Sie hatten an nichts sich mehr erinnert. Man wird ihre Unfähigkeit vielleicht entschuldigen, weil sie schließlich ihr Leben auch gelebt haben wie andere und nicht mehr Fähigkeit abgeben konnten, als in ihren Knochen Saft hockte, doch man wird sie ohne Besinnen in die Kehrichte schmeißen, weil sie vor der Verantwortung fahrlässig sündigten und wie betrunkene Kutscher vergaßen, wohin sie sollten; aber noch mehr, welche Vermächtnisse und Aufgaben hinter ihnen lagen.
Geliebte Dichter.
Wie saß im Stabreim schon, der nichts anderes war als beherrschte Prosa, die heidnische Rhythmik wie ein gefesselter Athlet und zuckte mit den Muskeln. Man hat die ganze germanische Dichtung erzählend vorgetragen: Die Zaubersprüche der Merseburger, Wiens Hundesegen, Lorscher Bienensegen und Blutsegen, der wundervolle Torso des Wessobrunner Gebets das hinter einer Litanei eine heidnische große Schöpfung schwingt. Notker Labeo entriß den Klerikalen sie aus dem Latein. Hinter dem Epos her führten Ekkehard und Mechthild sie bis an den Rand der Seelendarstellung, glühten sie in Inbrünsten und Sehnsüchten. Brant und Gailer hinterher. Grimmelshausens Sprache ist breit und gewachsen. Volksbücher bringen Derbes, Abenteuerliches, Unzüchtiges hinzu, es geht manchmal schon gewaltig al fresco. Hutten schmiß sie wieder aus dem Außenseiterigen der Bildung und feuerte den Mut und das Bekenntnis hinein, es stieg ins Menschliche und auf die große Tribüne der Gerechtigkeit. Luthers Plastik. Lessings übersachliche Strenge. Nun wurde es reifer Obstgarten, himmlische Schmiede und hohes Urteil. Die Eleganz gab Wieland. Büchner den wilden Aufruf und die Jugendlichkeit der Begeisterung. Die gigantische Ausweitung kam bei Jean Paul, dem schöpferischsten Phänomen der Deutschen. In romantischen Epochen schwankt der Geist immer mehr in der Atmosphäre, und Jugend ist auf Treppen, Dächern und Bergen aus, ihn zu suchen. Dazwischen Heines üppige Schärfe und Gepflegtheit. Klassisches kommt in der Regel auf Jambus und träumt sich in Alexandriner, hat Kothurne für die Bühne. Was in ihr für Prosa bleibt, ist gemessene Beschreibung und zu edel und zu sehr voll Langeweile, die feurigen und sehnsüchtigen Pferde der Sätze die Gangarten großer Erhebungen machen zu lassen. Mit gutem Geschmack ist ein Gedicht Paul Heyses zwischen glitschigen Austern und Crême fraiche vielleicht noch zu ertragen, seine Prosa unentschuldbar. Heinrich Mann und Kerr und Wedekind standen umheult, als nach der Romantik die Prosa in die Trottoirs des Verkehrs geriet und man sie dort verbuhlte. Es scheint, man hatte ihr ein Opiat eingegeben, und die armseligen Verbrecher, die sie beschliefen, entlockten ihr immer wieder das Gedächtnis daran, woher sie komme und welche Haltung und Würde ihr angemessenes Mindesterbe sei. Sie fuhren mit ihr Schnellboot und, Lunapark und Hundertzwanzigpferdekräftler, und als Herr Kellermann sie besaß, hatte sie einen eleganten Geliebten, der sie wohl kühn aus bürgerlichem Gequassel entführte und Geschmeidigkeit und Tempo ihr vorführte wie keiner der Nullen vorher, aber nur raffiniert überkandierte Schleifen mit ihr jagte, innerlich unbeteiligt blieb und reizlos wie Herr Ebers und Schlaf, und nie daran dachte, den Kreisschwung zum Rosahorizont Geist mit ihr zu machen. Er hatte sie getäuscht, denn er sah Bildern früherer Geliebter ähnlich. Sie verließ ihn rasch, als die anderen und Neuen kamen und Verantwortung und das große Pathos um die Lippen hatten, welches sie seit dem Malermüller und der Bettina nicht mehr gesehen. Auch ging ein Schatten über die Pupille und sie kam näher an Europa. Sie nahm ohne Zögern eine Fackel in die Hand.
Sie hatte damit immer schon hinüber und herübergeleuchtet. Einmal gings zwischen Dänen und Deutschen mit den Sagen der Helden. Von den Italienern kams, als Petrarca nach Prag kam, Hutten zwischen den Humanisten heraufritt. Spät gings hinüber zu den Tschechen. Später noch, als der Glîchezare den Ysengrimes den Niederländern nahm, und die indische Fabel unter dem Scheine hereinzog zwischen Elbe und Ems. Immer aber hatte sie zwischen den Vogesen geleuchtet und ohne Pause war es über den Rhein herübergeströmt. Über der Mystik stand Bernhard von Clairvaux. Zwischen Silberhimmel und Olivengrün kam das Provençalische zum Minnesang herüber. Namen fielen ihr ein, als sie Gottfrieds von Straßburg, Wolframs, des von der Aue gedachte, die als gute und große Führer diesen Deutschen den Weg gaben: Chrestien de Troies, der von Britanje, Benoit de St. Maure. Hinter diesen zogen scharf und fast blau die Pyrenäen und das Loch aus dem Asiatischen her, wo blonde Mauren einmal in das bräutliche Fleisch Europas eingeritten und die Dulce France von den Höhen her mit fremden und schönen Orchestern so überspielten, daß es bis über den Rhein, nur in französische Zungen umgebogen, brauste. Immer hatte die Fackel den Zug der europäischen Bindungen überschienen.
Sie lächelte, als große Worte heraufklangen. Es schien ihr, als ob ihre Haut und ihre schönen langen Schenkel bald wieder in paradiesischen Gärten und um wilde Pferdebäuche gehen würden. Als sie den Bart des Francis Jammes sah, der die schönste Stimme Frankreichs hat, nickte sie. Auch Schickele übersah sie nicht, als er sich aufmachte, das denen über dem Rhein zu sagen. Es wurden Feste in München, Heidelberg, Berlin, Darmstadt und in den Bergen gefeiert.
Man war dort sehr erfreut, denn die jungen Dichter fühlten den Atem der gleichen Absicht, das humanitäre, straffe, helfen wollende und leidenschaftlich angreifende aus der Luft. Zurück wich mehr gegen den Rand das Allzuviele, in dem ihre Straße nur als blankster Keil lag. Es kam Verwandteres und Geliebteres als das, was Volksgenossen immer noch den Kriegsinstinkten, den Hetzereien, der bösartiger Dummheit und den einfältigen Lastern gaben, und wo schlechte Handwerker an großen Aufgaben turnten. Epigonen des alten Schrifttums herum schlugen die Leier als Elegiker ihres Verkanntseins und hatten endlich als Fürsten Herrn Paul Ernst sich erwählt. Geschwänzte Knaben ritten Foxtrott auf den Sätteln, unter denen Gäule fehlten, aber sie übertönten den Galopp mit Geschrei. So brandet es rechts und links und von allen Höhen heran, man hält die Mitte und schaut nicht um, aber man saugt es gern auf, stürzt der Horizont herunter mit fremden Freunden. Ich sage es gern.
Denn natürlich steht mir Anatole France näher wie Hermann Stehr. Und René Arcos und Martinet, Goldring, Barbusse, Duhamel, Jules Romain, Dymow näher wie Herr Presber, Herr von Zobeltitz, Frau Dill, Frau Gabriele Reuter, Frau Boy-Ed, wie dieser oder jener Literaturschieber Cohn oder Kahn. Natürlich ist es wichtiger, das nackte Herz der Fremden eigenem Volk angenehm zu zeigen als Quatsch und Bockkohl eigener Volksproduktion immer wieder am Weg zu sehn.
Aber es muß einen Sinn haben, wie der Austausch sich untereinander verbindet.
Einmal müssen endlich die Zollwächter der Verantwortung an den Rhein- und Elbbrücken stehen und auf den Bodenseemonitoren, auf den Ost- und Nordseetorpedos sitzen, damit nur das bei uns einfällt, was als gute Sternschleuder bis auf den Boden zischt und die Völker einander kenntlich macht: so sind diese, das sind jene . . . und daß die Idee, mit Blei und Kugel einmal gegen diese an einem unsinnigen Tag heran zu ziehen, verzischt und verknallt. Aber natürlich darf nichts in jener Tendenz nahen wie die unsterblichen Dokumente der Dummheit, in denen Heerführer und Gesandte anderen Völkern ihre Barbarei bewiesen, indem sie den prunkvollen Glanz deutscher Demut und Kraft ihnen anpriesen wie Wurst und Präservativs. Die Vorsehung wollte es, daß man den gegenteiligen Zweck erreichte. Auch hat man gelacht. Man braucht den Deutschen nur zu zeigen, daß auch die Anderen Menschen und nicht Mörder sind. Haben sie das kapiert, wird ihnen auch die Folgerung aufgehn. Man braucht nur zu sieben, daß nicht der französische Schlamm hereinbricht, sondern daß die Bücher Laternae Magicae der Qualität als Dichtung und der menschlichen Gedanken als Inhalt sind. Das genügt. Aber man muß sie deutlich und mit nicht nachlaßbarem Nachdruck zeigen. Sonst halten sie es für einen Film.
Immer war Deutschland schon der Kulturbottich und das mitteleuropäische Bassin, in dem die fremden Fischsorten schwammen, Delphine und Krabben, Schildkröten und Heringe. Auch Miesmuscheln und Sand. Haifische und Hechte waren selten geworden, eher noch fette Schollen. Aber sie waren immerhin von Zeit zu Zeiten da. Man war urban, um es mit Gerechtigkeit zu sagen. Man gab den Refugiés des Geistes immer Asyl, aber die mittlere speckige Ware kochte ebenfalls durch alle Kessel. Jedoch auch die Genies der kleinen Völker wurden gemünzt. Heut noch degoutieren die Schweden den August Strindberg, heut noch führt ihr repräsentativer Dichter Per Halström (den sein konservatives Herz nur schlafen ließ, wenn die Deutschen am Tage ein Tausend Gefangener machten . . . so waren unsere Freunde) Krieg gegen ihn und den famosen Inselbewohner Hamsun, während das von Millionen beschossene und berannte Deutschland seine späten Stücke zuerst spielte, seinen Namen wie den eines Halbgotts feierte. Den Norweger Hamsun nahmen sie auf, zogen sie aus seinen paar hunderttausend Landsleuten, kiepten ihn auf die Schleuder und zeigten auf dem Donnerschlag des Paukenfells zwischen Alpen und Holstein, daß hier ein Genie lebe, von dem die Franzosen zwei Jahre nach dem Rückzug der Deutschen aus Pikardie und Belgien kaum den Namen und nicht eine einzige Übersetzung kannten. Sie verdarben sich, indem sie Herrn Ibsen zehn Jahre lang ausschließlich spielten, die Schauspielerschaft einer ganzen Generation mit Nervengeflüster und bemerkten gar nicht, daß sie darüber ihren bedeutendsten Dramatiker der letzten fünfzig Jahre, Frank Wedekind, gänzlich vergaßen. Sie haben die Dänen Jensen, Jürgensen, Jacobsen, Madelung, Aage von Kohl, die Schweden Gejerstam, Lagerlöf, Heidenstam weit über ihr Verdienst hinaus, aber auch dreißig hinter diesen her, in die Mitte gezettelt. Sie grinsten in allen Pressenotizen hinter d’Annunzios Abenteuern, Bangs Lastern, Wildes Extravaganzen, Björnsons Späßen schamlos her. Sie haben sich weit ausgebreitet, waren wirklich aufnehmend, geschmacklos in der Gastlichkeit nach allen Seiten wie das Haus eines Parvenüs (das sie auch hatten). Doch erstaunlicherweise, sogar im Kriegsgeifer zeigten sie etwas Genie, serbische Gedichte kamen, Russen und immer mehr Franzosen von Repräsentation erschienen und ihre Geister schwebten ruhig im Kanonenlärm. Zwar hatten der dramatischen Industrie Beflissene unter der strategischen Leitung der Presber und Fulda verlangt, bei Kriegsausbruch schon, den Fremden die Freiheit deutscher Bühnen zu sperren. Doch werden auch in den kaufmännischen Branchen Wucher und Unfairheit mittlerer Häuser keineswegs der ganzen Zunft als belastend ausgelegt. Auch waren die besten Dichter im Dienst des Übertragens. Schon begann im übelsten Lärm der Zeitgenossen die Solidarität der Künstler und geistigen Führer. Die ersten Stufen stiegen sie und proklamierten den Weg, den im Dienste des menschlichen Gedankens sie so bald nicht aufhören werden zu gehen: den zur Macht.
Sie haben einen langen Chausseestaub an sich bis zu diesem Punkt. Der häßliche kleine Homosexuale Sokrates hat sie noch bespieen, selbst Plato sie zu einfältigen Ingenieuren der Idee verwiesen. Das Pamphlet auf sie zu schreiben, blieb Plutarch, der zur öffentlichen Verachtung aufrief, aber Lukian, dem wohl gefiel, was sie schufen und der die Tragweite der heiligen Form begriff, war hinter den Verfertigern noch her als Tagedieben, Apachen und Fronsäuen. Auf den Märkten wandernd führte sie Dio Chrysostomos ans göttliche Licht, Plotin zeigte, ihre Schwängerung sei vom Geist, und Dürer machte sie deutlich, offen die Brust und diese ganz voller Figur. Alberti und der schöne Lionardo hoben sie in die geistige Sphäre ohne Makel hinein, und, im Quattrocento setzte sie der Facius genau neben die Päpste und Kaiser und Fürsten. Aber die Dämonie erst, mit der Michelangelo den Menschen die Überlegenheit seines Lebenssaftes unerhört bewies, stieß den Stand an die Linie des Sichtbaren heran zu Bedeutung und Einfluß. Bürgerliche Epochen haben das manchmal wieder verwischt, aber sie wagten es nie, wie im Mittelalter den Künstler und geistigen Menschen in den Abhub zu stoßen. Man hielt sie für gefährlich, vielleicht für Revolutionäre und Schweine, aber nicht für Schmutzsäcke und Sklaven. Sie waren Herren geworden, Marquis, Kavaliere, Gentlemen. „Ich verlange, daß Sie keine Kleinigkeiten von mir erwarten“ sagte hochfahrend ein italienischer Sculptore der adligen Hofwolke, als ihn der größte französische König empfing. Dort gings um Ruhm noch. Die Richtung ist abgebogen. Es geht um der Menschen und der Gerechtigkeit willen, um den Staat und die Macht. Die Geistigen schließen sich zusammen, werden ein Faktor. An einem Tage der Weltgeschichte werden die Schacherer der staatlichen Maschinerie, die Horde der Minister, Gesandten, Beamten unter die Kontrolle anderer Führer endlich gekommen sein.
Aber man muß die Einzelnen lernen, Sinn aus europäischen Einflüssen zu ziehen. Lobe ich die entgegenkommende Tornüre der Teutonen, gebe ich lang noch keinen Preis. Sie taten es aus einer angeborenen Tugend oder Neugier, vielleicht aus Haltlosigkeit allein, keineswegs aus Verstand oder Moralität. Man weiß wohl, Mischung sei gut und tut es bei Dünger, Tabak und Weinen. In England nimmt man zur Aussat durchgängig ausländisches Getreide. Die Bardrinks sind internationalste Koloristik. Kinder aus zweierlei Volk sind schöner, ja, der Verfasser des alten Buches über „Zeichen und Wert des verletzten und unverletzten jungfräulichen Zustands“ ist der Ansicht, die Häßlichkeit der Juden und Neger stamme lediglich von ihrer Abscheu sich stramm zu vermischen. Auch sind die Kinder südlicher Serails, wo Frauenelite aller Stämme in schönen Ställen stutet, von bester Form. Doch setzt dies alles voraus, daß Wille und Sehnsucht da ist zur anderen Vereinigung. Die Deutschen haben aber ohne Sinn und meskin und roh gelesen und getauscht.
Sie waren sehr verblüfft, daß Maeterlinck über seine großen deutschen Auflagen nicht vergaß, daß der Preuße ihm sein belgisches Haus zerstörte und daß Verhaeren, dem Deutschland mehr als Frankreich Bett und Heimat war, Flüche sprach, als Belgien überflutet wurde. Der deutsche Mensch hatte geglaubt, Dank erwarten zu müssen. Er hatte alle Seelen umsonst studiert, alle Bücher ohne Sinn gelesen, großen Aufwand aus den Fenstern geschmissen in den Hof und den Mist. Sie hatten nicht gelernt, aus der Luft der Freiheit in Tolstoi und Balzac die Lehre zu ziehen, sich selbst zu regieren, und seine Regierer rannten wie arme und stolze Wölfe gegen die ganze Welt, die ihnen so fremd war wie der Geist. Es half dem guten deutschen Teufel den Dreck, daß in seinem Kulturbottich die halbe europäische Literatur bis zu den kleinsten Schreibsardinen saß, als die Generalität in Belgien hauste. Und daß wir an Dichtern und guten, nur seither machtlosen Herren nicht ärmer sind als andere, unterstützte uns nicht die Spur, da draußen in der Breite der Masse man sie nicht kannte. Man setze dies den gallischen Freunden aufs Genick und schreibe es in die Minusspalte. Nur solche, die selbst nichts Gelingendes verstehen, sind drüben bei der Vermittlung tätig. Kleine Literaten und schiefe Journalisten übertragen. Man kann ein hochsteigendes Buch den Stallknechten zum Reiten nicht geben. Deutsche schlupften gern in das Trikot jedes Boulevardschmarrn. Doch zur Zeit des direktesten größten Einflusses unsrer Dichtung auf die romanische, als Musset, Hugo, Gautier vom Saft deutschen Genies überlebten und neben Byron in Hoffmann sich verzückten, gab es nur einfältige Verstümmelungen, nichts an Rhythmus und Klarheit ähnlich aufgetürmtes. Während die Staël von Deutschland schwärmte, empfahl Mathieu de Mirampal, da er dies Land für eines der Eisberge hielt, zum Zurückdrängen der Geschlechtsreife die französische Jugend in das kalte Klima zu senden. Selbst der zarte und süßeste Dichter des Rolla kannte kein Wort in Deutsch. Nun aber wird getan und nicht geschwatzt. Es geht nicht um Utopie, sondern um Aktion. Schon sind bereite und tapfere Hände da, das Blau des Vergessens und der Besserung auf die Wunden zu legen, mit denen man den ärmsten vom Krieg zerstörten Tieren, den Pferden, die geschlagenen Fesseln und Beine bedeckte. Steht Mensch zu gleichgeartetem Mensch erst einmal freundlich im Bund, ist das beste Geschütz gebaut gegen Kriegsgeheul, Revanche, Kastengeknurr. Man könnte ein neues Zeitalter einläuten, wollte man nicht mit der Skepsis, die aller Tapferkeit gesundester Bankert ist, die Resultate erst abwarten. Doch sind die Straßen voll von einigen Zügen Entschlossener, den Griff zu versuchen, der ihnen Mitbestimmung an den Leitungen der Völkergeschicke gäbe. Es ist dafür reichlich an der Zeit geworden.
Währenddem hat d’Annunzio mit Freischaren sich nach Norden begeben. Die Versailler Cäsaren haben in ihrem kompromißlichen Herzen eine Torte Europas zurechtgeschnitten, die zwar die Kandierung eines ersten Völkerbundes versüßte, aber in ihrer wilden Annexionsgier den stolzen südlichen Romanen nicht genügte. Ein Dichter hat Divisionen gegen den Völkerbund geführt und hat kein Unglück damit gehabt. Man hat ihn im pazifistischen Europa ein Konjunkturferkel genannt. Die Pariser haben unter der Führung Barbusses, der mit seinem „Feuer“ den Krieg allen Menschen bloß und grausam in nackter Verviehtheit vor die Pupillen warf, dagegen protestiert. Augenfällig: hier scheidet sich alte und neue Welt.
Man muß gerecht sein. Die Nebbiche sollen einen Dichter nicht verheulen. D’Annunzio wird die Segel gerefft bekommen, die er auf dem Nationalismus aufgezogen hat. Das ist die Zeit, die solche Kühnheiten als eitel und verbraucht bei Seite legt. Als Dichter ist d’Annunzio stärker als Barbusse. Doch dessen ethisches und großes Pathos füllt die Welt wie seinerzeit nur der Engländer Richardson. Die Wikingerei d’Annunzios ist eine Farce. Der Sturzhelm des Fliegers tanzt ein wenig wie auf der neapolitanischen Maskerade, allein wenn er dem Geist abtrünnig geworden, so ist er doch von ihm gestreift und auch nach dem Sturz noch Ritter. Der letzte Knauf ist in ihm von jener Pyramide, mit der die Romanen seit Jahrhunderten selbst den Ruhm dem Staate zuführten und die große Entdeckung und die Beute des Geistes immer nur so sahen, als seien sie lediglich da, bedeutenderen Glanz um das Gefüge ihres Volkes zu legen. Manchmal kam d’Annunzio in seiner Verehrung des Heldentums so weit, daß er wie der Verfasser des Speculum historicum glaubte und wie die Kathedralen französischer Brudererde es lehrten, seit der Ankunft des Christus habe außer Bekennern, Doktoren und Märtyrern die Welt keine großen Männer mehr gehabt, und er wies den Eroberern, Siegern, Kaisern und Königen den geringsten, aber für Hirten, Äbte, Mönche und Bettler den erhabensten Platz an. Doch aus dieser Gabelung treibt ihn rasch in die andere das, was an Glanz und Bedeutung der Jahrhundertsaft in ihm vorangezeigt am Heldentum der Tollkühnen, der Strategen, der Volksführer. Wie von Cicero bis zu dem Mittelalter und den Tempelrundungen alles Italienische ihn durchdringt, so stehen alle Glänzenden auf in der Historie der Schlachten und Niederlagen und geben ihm die Entscheidung. Er wird Instrument mehr als freier Wille. In ihm erfüllt sich eine Epoche und sein Zug wird symbolisch als Abgrenzung der Linie. Da endet irgendwie eine Welt, die vielleicht aufsteht einmal wieder in diesem und jenem Jahrhundert, die aber den Fangspieß im Hals hat, weil zum ersten Mal sich groß und mit aller Bedeutung der Erstmaligkeit eine neue erhoben hat. Meisterlich und sehr verehrt als Dichter hüllt d’Annunzio Schweigen. Um Barbusse steht irgendwie schon die Weisheit.
Empfange ich Neunzehnhundertzwanzig am vierundzwanzigsten Januar, bereit, in die Schweiz zu fahren, einen Ausländer, der den Hut abnimmt, hinsitzt und ernsten Auges fragt: „was habt Ihr getan, wo steht Ihr, ich will nicht Auskunft, eher Rechenschaft“, es wäre schwer, ihn zum Tee zu bitten in solcher Eile. Sind Sie ein Spanier, sagte ich wohl, kennen Sie das Spottbild, wo jedem ein anderer Spruch aus dem Hals speit, Volk König, König Minister, Klerus Arbeiter bestiehlt und alle der Teufel einsackt. Nicht sehr viel anders die Mischung. Über die Grenze können Sie aber noch schärfer sehen und Wichtiges an der Farbe und vertrauten Bewegung im Zentrum erblicken. Wären Sie Deutscher, wäre Ihnen die Orientierung ganz versaut. In Italien lassen sie die Manegen hügelaufwärts legen, daß die Gäule klettern lernen und die Passanten die Muskelarbeit und die Schrittunterschiede glatt unterscheiden. Die Deutschen treiben ihre Pferde ins Wasser, daß sie, statt zu reiten, fast ersaufen, und Publikus nur die Nasen sieht und dem größeren Schnauber die Sympathie zuwedelt. Wohl wäre es angenehmer und eine Erlösung unter sich, europäisch zu sein. Aber es ist wichtiger, aus Unterschriftstellern, Ahnungslosigkeit und Niedertracht der eigenen Volksschreiberei ein gangbares Niveau herzustellen. Die Sehnsüchtigen nach Klarheit und Übersicht wagen sich nicht auf die trügerische Ebene ohne Pfadkenntnis. Anders kommen wir aber nie zu Stil, Ausbreitung des Gefühls fürs Wichtige. Da liegt aber der einzige Quellpunkt, Deutschland unter einem Kulturdruck von annehmbaren Graden allgemein und überall zu setzen. Mir, der ich nicht um Geldes willen mich damit beschäftige, neben der dichterischen eigenen Betätigung mich mit der Bücherwelle auseinanderzusetzen, und nicht schreibe und rede, um Feinde zu treffen, Menschen zu gefallen, Weiber zu haben, es auch nicht nötig habe, an irgendwie für mächtig Gehaltene mich anzufreunden, da ich selbst mächtig bin . . . sondern dies mache, weil ich glaube, damit einer Sache zu dienen, die ich vielleicht schlecht mache, aber im besten Glauben tue, sie tun zu müssen, weil ich keine zwei sehe, die es hinreichend heut verstünden: mir scheint, um Prinzipielles endlich zu sagen, die Form falsch, dumm und sinnlos, wie heut die Masse über Geschriebenes orientiert wird. Das macht den Knäuel noch undurchsichtiger. Erfolg kann nur erzielt werden durch Bearbeitung von langer Hand und bedeutender, immer gleicher Richtung. Das ist das mindeste, was unter heutigen demokratischen Regierungsformen erwartet werden kann. Dauerndes Beisammensein mit ausgewählten Dingen kultiviert bis zu den Graden, zu denen überhaupt auf diese Weise zu gelangen ist, und das ist schon eine gute Portion. Der Herzog von Modena, der anfangs ein Schaf schien, pflegte in seiner Galerie sich rasieren zu lassen, und da Correggios, Raffaels, Tizians ihn umgaben, wurde ein genauer Kenner der Bildkunst aus ihm. Selbst Halbblinde sollen auf Inseln und Prärien, weil sie leben mußten, ausgezeichnete Schützen und Jäger geworden sein. Aber natürlich war eine Vorsehung da, die sie in Zusammenhang brachte mit Wild und Objekt. In Deutschland ist der Schicksalsführer in der Regel ein Dummling, seine Rolle, höflich gesagt, eine Drôlerie. Statt daß die schöpferischsten Kräfte, wie bei allen Führer- und Gesellschaftsschichten, sich mühten, stolz alles nur halb Genügende auszuscheiden und selbst Richter zu sein ihres Gebiets, lassen sie Halunken und Reporter die letzten Urteile fällen. Der Tanz dieser Dioskuren ist einer der blamabelsten Versager unserer geistigen Einrichtung. Daß die Unfähigsten die Richter über die Fähigen werden, hat kein Negerstamm erlaubt. Ihnen fehlt natürlich in der Mehrzahl die Bildung, die Souveränität, die Schreibkunst und die Übersicht. Liebliche Naturen geben Inhalte wieder, intelligentere machen Synthesen. In Caféhäusern ist das Kitzel einiger Literaten. Im übrigen Humbug und Schwindel. Denn die Herrn Stein und Damen Ellenbach und Kuntze, die belehrt sein wollen, denen ist das eine Hieroglyphe, ein Zéro. Die sind aber die einzigen Zielscheiben, nach denen gerichtet werden muß. Das einzelne Buch ist völlig schnuppe. Wirkung vollzieht sich nur, wenn von einem weitsichtigen Feldherrn methodisch und nach Gesichtspunkten der Schlachtplan gegen Barbarei und Dummheit vorgetrieben wird. Es handelt sich um die Abgrenzungen, das Ausscheiden, das Herausschälen der Kerne. Daß die Leute endlich Witterung bekommen, schon riechen, wo Geschmack und Dichte sitzen. Daß er unbedingt weiß „Aha“. Daß er spürt, worum es geht und welche Wichtigkeit es hat in der Gesamtoperation, geht ein Sturmtrupp genial vor oder versagt einer mit aufgebogenen Schnurrbartspitzen. Ist ein ganzer Durchbruch gelungen, ist das all nicht mehr nötig. Aber ich fürchte, es wird erst direkt vor dem Einlaufen ins Paradies sein, zu dem die Erdfahrt ja wieder geht, womit der Kurs erledigt sein wird und Ewigkeitsengel wohl die Lichter löschen und abblasen. Weiter kann man nicht denken. Aber um diese Form der Kritik zu erreichen, bedürfte man Kerle. Die Menschen, die eben in allen Entscheidungen zu geringes Maß haben, fehlen auch hier. Denn in einem Lande, wo die bestwollenden Gazetten auf einer Seite wöchentlich in einer Beilage zwanzig Männlein über zwanzig Bücher reden lassen (wobei ihr Niveau noch toller ist wie ihre Voraussetzung und die Verschiedenart des beschwatzten Materials), in einem Lande, wo knapp drei Buchkritiker erheblichen Verständnisses vorhanden sind, gibt es infolgedessen sehr bizarre Resultate und Schiebung über Schweinerei. Der deutsche und kluge Dichter scheut aus Eitelkeit die Konsequenzen mutigen In-die-Bresche-Springens. Es ist keine Kleinigkeit, sich mit den mittleren Gemeinen einzulassen, überschaut man sie nicht und wirft hin und wieder einen wie die Fischer zweimal aufs Maul. Leider haben aber, wie Livingstone des öfteren bemerkte, die Löwen stets dem Nashorn gegenüber das bessere Teil der Tapferkeit erwählt.
In das Gelände, wo winterlich jetzt die deutsche Schreiberei sich ergeht, ist zwischen viel zerstreutes Publikum endlich eine glatte und feurige Bobbahn gelegt. Sie ist der Mittelpunkt und das fiebernde Herz, wo die Jugend rattert zwischen Signalen, Pfeifen, Starts und irgendwo fern hinter Kurven hängenden Zielen. Die Sonne, scheint es, ist inbrünstig in das Stahlband verliebt. Die Expressionisten haben sie auch in höheren Gesängen gehuldigt. Die wesentlichen Bobs sind die gleichen wie vor drei Jahren. Die alten Farben tuten gut vorbei. Man bemerkt neu Herrn Krell, der fast einzig den Ehrgeiz zum großen Roman mit bedeutenden Massen fährt, in den Kurven nicht ganz sicher noch ist, aber das meiste übrige etwas schlank, aber mit eisernster Übung überrundet. In der Nähe der Prager ist Oskar Baum in einer zarten Übersinnlichkeit noch ein wenig verwoben. Klabund hat Larven vor das Gesicht der Barmädels getan, mit denen er fährt. Sehr verbissen und berlinisch hat Essig gekurvt, haarscharf abgemessen. Sein Bob ist siebensitzig, großes Format und heißt Taifun. Er hat den besten satirischen Roman seit Jahrzehnt, da er ihn an der Ewigkeitsschleife tatsächlich ins Dichterische und nicht, wie die Besatzung des Mann-Schlittens, ins Zeitpolitische hinauftreibt. Auch Alfred Wolfenstein hat sich für einige Stunden mit starrer und liebender Sorgfalt zu den Prosaikern gesellt, es sehnt ihn schon wieder zu der kubischen Schöne seiner Verse. Paul Zech in robustem Hörnerschlitten mit Schmiedeglocke, Maurus Fontana mit italienischem Geleut und Jugendlichkeit sind passiert. Die Fürstin Mechtild Lichnowsky hat rosagepflegte Kufen und geigt mit fast strindbergscher lautloser Musik das Eis. Robert Müller ist sehr sportlich, fährt auf dem Bauch, kopfvoran, man hofft, daß ihm nichts zustößt. Es ist nicht ganz einfach, sich auf das Hirn zu verlassen, selbst wenn es apfelsinenfrisch ist, fruchtsaftig und voll geistigem Schneid. An der Ewigkeitskurve soll er hurra gerufen haben, doch war es gewiß nicht militaristisch gemeint. Als Herr Wilhelm Lehmann erschien, dachten manche wegen der phallischen Form seines Vehikels Dionysos käme und riefen Evoë, daß die Fahnen wackelten, in der Nähe hatte der Bob aber Butzenscheiben und Kautzornamente, da schwiegen einige wieder. Aber es blieb trotz barocker Verknorzung der Stützhölzer eine fast erotomanisch flagellierte und kräftig schöne Luft. Schon warf es an der Ewigkeitskurve einen um, der mit einer Menagerie scheinbar beladen und Musikgebumm angefahren war Er schien die böse Nachläuferschaft zu symbolisieren, denn als er aufgeschmissen war, entstieg dem Schnee nur ein Pierrot, so daß viele lachten, die ihn für einen kanibalischen Dresseur gehalten. Es war Herr Curt Corrinth. Er suchte aus Scham, indem er einen Affen kopierte, seine Primitivität und Stärke zu beweisen, auch hatte er ein Paar Hosen von Sternheim an und athletische Runen in ein Gesicht geschminkt, das wie das des armen Beardsley aussah. Die Massary, die das scharmanteste Lächeln in Deutschland hat und die vorüberkam, gab ihm Fondants, als er von der Erlösung der Welt durch Umarmung sprach, sah auf ihre Snow-Boots und empfahl ihm, den Amerikaner Edward Bellamy zu lesen. Zuletzt kam als Jüngster der dämonische Bürgerschreck Westdeutschlands, Herr Mierendorff-Vielgeschrey gefahren. Er hatte unter anderem Wilhelm Michel als Passagier, während er selbst am Steuerrad murkste. Sein weiser Mitsitzer war nicht gestört durch das Tempo, es gefiel ihm, aber er dachte wohl an etwas anderes, wahrscheinlich, daß später einmal eine neue Jugend Hölderlin, über den er das Tiefste gesagt hatte, als Führer und Leitstern nehmen werde. Er fühlte sich zwar wohl in seinem augenblicklichen Zustand, doch jener Gedanke erwärmte ihn wie ein Allasch. Weiter unten hatten sie ein Kruzifix angefahren, errichtet Gustav Sack, den sie im Krieg erschossen hatten. Die Lektoren bedeutender Verlagshäuser hatten ihn zu Lebzeiten abgelehnt, sein Horoskop stand nicht auf geschäftlichem Erfolg. Die Lektoren waren der Ansicht gewesen, für Menschenliebe und Förderung seien die auf Humanität abgestempelten Lyriker der Verlage da. Nach seinem tragischen Weggang werden hohe Auflagen und Ruhme mit ihm erzielt. Guido Reni hatte, als ihm billige Bilder entlockt und wo anders auf dem Markt hochgepumpt wurden, eine Taxe festgesetzt: Köpfe fünfzig, Halbfigur hundert, Ganzfigur zweihundert Taler. Degas hat weise im gleichen Fall die Achseln gezuckt. Renoir hat hereingemausert, was er konnte. Sie hatten allerdings Chance und Zeit dazu, da sie weiterlebten. Sack, wie dem anderen Ekstatiker Van Gogh, schoß die Vorsehung Bleiernes ins Gekröse. Ein wirrer Kopf, Herr Sack, aber strammste Potenz, bezeichnend für alle Zerrissenheiten der Zeit, Mischung von Barbarei und Genie. Er hatte nicht Volkshumus, um anzusetzen und Wurzeln zu schlagen, so gab das Ganze ein unerlöstes Monstrum, aber in einigen Partien ist dieser Mann ein Feldherr gewesen. Tausend Möglichkeiten starren aus seinem Kadaver, aber die Seele ist weg. Hier vorbei geht immer wieder die scharfe Fahrt, die die neue Generation gelegt hat. Kommen aber die hohen und großen Signale, zum Zeichen, man habe von Herrn Schickele bis Däubler und Sternheim und Heinrich Mann den Start betreten, werden die Fahrer wieder zu Zuschauern und sehen die größeren Bobs flitzen.
Auf einer Berghalde üben manche schöne Schwünge, ihnen kommts auf Kraft und Zeitfanfare nicht an, sie wollen die gutgebogne Wade sehn, die schmelzende Bewegung. Es genügt nicht, um auf Skiern Touren zu fahren, aber ihnen ist genug. Die um George waren die einzigen, die von Baudelaire und ein wenig von Verlaine herkommend seinerzeit dem Naturalismus ein Retraite zubliesen, ihre Tat in der Lyrik ist unbedenklich epochal gewesen. Aber Prosa war ihnen nur ein dekorativer Schmarrn, Erzählches und minderes Handwerk. Georges Prosa selbst sogar ist schwach ästhetisierend, die des Schöpferischsten Gundolfs, erhebt sich bei aller Schärfe nicht über brokatene Würde. Was die hornbebrillten Jünger in Sandalen und Schillerhemd züchtig und voll Hochmut schufen, ist trocken berechneter Geist. Nur den österreichischen Hofmannsthal umgaukelte Sinnliches. Doch ging er lieber zu Pantomime und Ballett, und gibt er dichterische Handlung in Prosa, bei Gott, es wird keine Almeh, die ihre Abenteuer aus dem Blut heraus mit perlumwickelten Brustspitzen in roten weiten Hosen mit grüner Bauchschleife tanzt, es wird erlauchtes Ballett. Es kommen effektiv die Seelenvorgänge nicht aus dem Herzen, sondern aus der Pose, mit der die Tänzerinnen es ohne Wort hervorcharchieren würden. Sehr graziös und angenehm, aber etwas dünn fährt Herr Hofmannsthal seine Schwünge. Viel gelöster erreicht es Stucken, herzuhalten, er ist auch ins wurzlichere Terrain mit den Ameisen-Hügeln gestiegen. Früher schrieb man an seinem Tisch gern germanisch-mystische Dramen mit Binnenreimen. Jetzt aber hat man zehn Jahre die Kultur der Azteken durchschaufelt und eine Trilogie geschrieben, die auf der Linie der Paul et Virginie und der Salambo liegt und Deutschland ein bedeutsames Werk hinterließ. „Die weißen Götter“ sind mit guter Form von ihm überwunden worden, als er der Form nicht mehr bedurfte und also auch in ihr nicht wie ein Kaninchen im Netze hängen blieb. Da ist auch Kahane, schon halb drüben bei den Keller-Leuten, aber doch mit der Liebe neuromantisch orientiert. Er lächelt manchmal ein pastellsanftes, verzückt jünglingshaftes Lächeln. Hinter ihnen, die sich gut abzeichnen im Schnee, ist die neuromantische Sphinx in Kontemplation versunken.
Was man an Weibern sieht, da und dort, ist nicht sehr appetissant. Ein Papst meinte schon, es sei unkeusch, wenn sie Männerakte zeichneten, sie möchten großen Vorbildern nacheifern. Er hatte als Klerk den guten Geruch, daß er sie von eigenen Wegen verwies, sie tappen sofort in Männerspuren und werden beispiellos peinlich, verfallen sie in deren Seelenjargon. Sirach, Eurypides und der Kompilator des kessen Buches: ob Weyber Menschen seyn . . . haben es drastischer herausgedrückt. Sie können dem fast alle nicht ausweichen, selbst da, wo sie wie Frau von Winternitz mit einer schönen Seele, den Formen Manns und Wassermanns klug folgen. Doch gibt es ohne Zweifel Menschen, die auf menschlichen Gehalt gierig aus sind, und denen wie bei Kahane die überall entblößte dichterische Figur in ihrer menschlichen Nähe wärmer, bequemer und zärter ist als alle Erschütterungen der Welt. Sie mögen es haben, auch diese Sache hat ihr Recht. Auf der nach klassischer Vergangenheit hingewandten Seite läßt sich eine Führerschaft der Frau Huch nicht leugnen. In der Nähe der Neuen steht mit sehr farbigem koketten Sweater die silberblonde aparte Frau Godwin. Sie fällt gewiß nie in maskuline Allüre. Ist in ihr alles Kätzchenhafte gesammelt bis an den Punkt, wo das Weibliche ins Häschenhafte übergeht, so muß niemand zweifeln, daß weniger mondän aber international und mit Duft nach Königshäusern, Jesuiten und Parfüms die Weiblichkeit der Annette Kolb schließlich alle überkreist. Es ist wohl nie ein weiblicheres Buch auf so hoher Ebene und so überlegen geschrieben worden wie ihr „Exemplar“, und selten hat eine Frau so gekämpft wie sie. Frau Lasker-Schüler soll auf einem sagenhaften Almfeld fahren. Sie ist ganz über allen, zeitlos und eigene Klasse. Einige hörten, daß es ein Versehen sei, und daß sie keine Zacke dieses Gestirns sondern den Walfisch und den kleinen Hund und nur manchmal den Äquatorbogen befahre.
Am kleinen Sprunghügel haben sich die Wiener gesammelt, sie haben die breitest geschnittenen Breeches, schwarzweiß gewürfelte Sweater und öfter ixige Beine. Man macht in dem Kostüm keine Gletscherfahrt, aber elegantestes Handwerk, nicht ohne Kühnheit. Den Boden zu verlassen und zurückzugleiten auf seinen Rücken, ist nicht nur mutige Tugend, sondern Eifer und Leidenschaft. Irgendwo ist in der Nähe Kultur. Mit Dichtung hat es nicht viel zu tun. Gepflegtsein ist noch nicht Tiefe, brave Eleganz noch nicht Geist. Doch sie veredeln das Handwerk, in den Bau kommt Erfreuliches. Unterhaltungsliteratur als Bedürfnis wegleugnen zu wollen, ist Sache des weltfremden Dichters oder der Snobin. Hier wird er auf eine Höhe kultiviert, die ihn den Schleimstreichern, der Courths-Mahler und dem Rudolf Herzog abnimmt, deren unverhüllte Roheit der Krebsschaden ist. So etwas kommt sonst nur noch mit dänischem Einschlag oder aus den Ostprovinzen, wo Fundamente da sind. Statt als armselige Dichterepigonen geranienblasse Gefühle das dritte Mal zu pervertieren, tun diese begabten Talente den Schritt ins Handwerkliche, ohne Ambition der Herzenskonflikte. Herr von Flesch Bruningen schreibt famos Phantastische Bücher, die die Deutschen nicht haben, Herr Soyka geht zu Knipslaterne und Revolver und Dietrich und stellt den einzigen deutschen Kriminalromancier hin. Andere Völker, zumal die Skandinaven, haben das dutzendfach. Sven Elvestad, Frank Heller, Doyle, Renard, Eje, Wells sind Phänomen. Den Deutschen fehlt Selbstvertrauen und Sicherheit dafür, die Huch versuchte es, es mißlang. Sie ist eine Frau. Die Männer klauben in Kaffeehäusern dünnste Lyrik und scheuen die Wirkung mit Sensation wie gesellschaftlichen Affront. Im Grund ist das ein Kodex voll eigentlich zappelndst bürgerlicher Instinkte, mit Freiheitsphrase garniert und einer maßlosen Überschätzung des künstlerischen Berufs überimpft. Große Dichter scheuten keine Arbeit, aber wohl müssen die Geringsten mit schiefer und ohnmächtiger Radikalität ihr mangelndes Vermögen keusch verdecken. Das Feigenblatt der arroganten Würde ist ein verheerendes Ornament für eine humane Zeit. Statt mit Trommel, Erbsenblase und Kolophoniumstreichen tätig zu sein, ist mancher lieber Pasquillant und Togaschwinger. Der Baron von Knigge, der zwar ein moralisierender Junker, nationalistischer Piepmatz köstlicher Geschwätzigkeit, aber ein sehr kluger Mann war (weshalb er für Pressefreiheit schwärmte), hat, indem er zugab, daß der deutsche Roman der elendste sei auf der Erde, in seinem Buch über Schriftstellerey vor hundertdreißig Jahren schon jene Mittellage der Dichtung verlacht, die zu fadenscheinig als Dichter, zu vornehm für Schriftstellerei, drohnenhaft und mit empfindlichsten Nerven die weiten Räume der Literaturgeschwätze bewohne. Er war ein Weltmann und schlug sie zur Verachtung vor. Es ist mehr im Sinn der Menschheit gehandelt (um im dichterischen Argot zu sprechen), wenn das Niveau gebessert wird, als wenn Impotente hinter Großen herwanken. Wir haben nichts davon. Lesen die Menschen statt Tovote an Dichterischem geschulte Unterhaltungsbücher, verbessert sich der Geschmack, der Weltblick, die ganze Struktur. Die hier sich hingeben, sind wahrhaftig im menschlichen Dienst. Sie tun etwas, um mit Feuilles volantes die Gemüter und Seelen furchtbar zu laxieren. Schwäne haben das weißeste Vogelgefieder, aber das schwärzeste unbrauchbare Fleisch, weshalb die klugen Rabbiner sie in die Klasse der Heuchler zählten.
Am Sprunghügel sammeln sich viele Menschen, die Gelenke knacken hübsch, wenn die Kniee beim Aufsprung sich gewandt und sehnig biegen und unerwartete Wendungen durch die Publikumsreihen jagen. Immerhin ist die Gefahr nicht groß, denn der Absprung ist nur sechzig Zentimeter. Die großen Rennen mit den dreißig Meter-Sprüngen werden keineswegs hier ausgefahren.
Es hatten Weidenkätzchen im Schnee schon Goldfahnen aufgesteckt, dahinter erhob sich Bardala-Heilo-Geschrei. Doch sah man es nicht, denn mit Gottfrieds Bild kamen die Keller-Leute in Prozession den Klammweg heraufgetrappelt. Sie waren wenig sportiv, man vernahm nur sächsisch und schwäbisch, später erst wurde deutlich, wie Herr von Bodman eine Ode auf seinen Helm rezitierte. Er fand genügenden Beifall. Sie nahmen Richtung auf die Hütte, wo zur Zither gespielt wird, der Kaffee soll wärmend dort sein, kommt man mit Försterpfeifen und sinnigem Gespräch bei Straßenrock und Gummischuh durch Schnee. Entfernt von ihnen, die am Waldrand heimatliche Lieder sangen, ging Karl Röttger, mit christushafter Milde und wahrer Hingebung im gläubigen Gesicht. Auch der Anstand und die vornehme Haltung des Herrn Kurt Martens war deutlich im Profil. Hinter den Weidentroddeln ward das bärenhafte Gerüpel wieder deutlich, als sie verschwanden, und nun sahen sie den Skandinaven Adolf Paul, der die Tuiskodichtung beschwor, in nationaler Reckengröße in den Jusquauboutismus zu wachsen. Doch Wotans bankrotte Firma zog nicht sehr. Damit der Geist der Kriegsschieberei, die Täglichen Anzeiger und Landeszeitungen in dunkelster Provinzen heftig singen, nicht in den Zeitstrom faulig dringe, malten geschickte Jongleure ihm die Zeichen seiner Tiefe auf die Rüstung, indem sie eine Ziehglocke aus Draht hinzufügten. Doch als ein Eingeborener dies seltsame Watercloset benutzte und zog, ergab es wohl dröhnendes Gelärme des Wassersturzes — aber selbst das Metall, das kupfern geglänzt hatte, erwies sich als Blech und barst.
Man sah in einem Schlitten Herrn Meyer-Gräfe, Herrn Hausenstein, Herrn Westheim, Herrn Wolfradt nahen. Sie waren gut eingehüllt und etwas nervös. Es hatte sie sekiert, daß jemand ihnen, die das Malerische als Domäne hatten, sagte, das Tagebuch des Herrn von Chantelou enthielte bereits seit Jahrhunderten alles Wissenswerte über jede Kunst. Das Pferd, mit Fuchsschwänzen und Schellen geschmückt, hätte fast an Herrn Steffen gestoßen, denn er ging mit verträumtem Auge und sah nur, was in früherer Existenz an diesem Orte vorgegangen und für ihn allein erreichbar in der Luft zurückgeblieben. Er wußte die Prosa mit schlichter Schweizerischkeit, seinem angenehmen Nachbar Hesse darin ähnlich, in eine gläubige Höhe zu bringen, die seiner Muskulatur nicht entsprach. Aber die Innigkeit seines theosophischen Glaubens gab ihm bedeutende Unerbittlichkeit. Nur vergaß er, daß nur Vorbereitete und Eingeweihte die Farbkombinationen einer solchen Lehre verständen und daß er, der verehrungswürdig ist, besser in Predigten rede als in dem Kunstrahmen, der sie erstickt. Er geht sehr allein und gehörte eigentlich der Kellerprozession zu, allein da er künstlerisch nur nebensächlich, als guter Menschenführer aber eigentlich zu betrachten ist, ist wie das meiste suchende Deutsche er nirgendswohin zu stellen. Es laufen einige originelle Menschen ähnlich durch den Schnee. Die Dialektler, aus denen allein ja die Sprache neu heraus wächst, da sie tropisch ist und herrlich unlogisch, haben den Hessen Alfred Bock, der in Dörfern und Mundartschluchten ein saftiges und eigentümliches Mentalitätsgebräu sucht. Auf Hickoryskieren kommt Löns, der deutsche Freund des Kipling, des Jürgensen, der das Kongograuen zeigt, des Fleuron, der die Tierseele aus sich selbst heraus entwickelt (daß Menschen denken, Biester zu sein, statt des umgekehrten beliebten Verfahrens). Er hat ein Gewehr auf dem Buckel. Kleine Sachen, große Sachen. Erdgeruch, ähnlich dem frühen Jensen und Madelung. Ein Landschaftler mit wie die Erde toll und grausamem Gefüge. Wie er ansaust und bremst: erste Klasse, erste Klasse. Man kann am Abend den dritten Outsider bei Bauernweibern hören. Herr Utzarsky macht Späße seiner spanischen Reise. Das wurde der deutschen Prosa nicht mehr zugetraut, daß sie so festen Hintern habe, so derb qualme, so stänke und so saftig sei. O Geist Cervantes, der mit Rabelais sich mischt. Auch die Fabliaux und Squenz und Straparola haben um die Petrolkugel der Gespräche geschwebt. Es zog sie wütend an, wo seit Jahrzehnten sie kein Medium fanden, in das sie stürzen konnten. Nun hocken sie zusammen. Das gebildete Publikum eilt hinweg vor so viel Fleisch und Unanständigkeit. Im Qualm hat es das Aussehen eines Holzschnitts, allein das Bild bewegt sich manchmal, man merkt mit allen Sinnen, wie stark es existiert. In jedem guten Sinn ist hier was deutschbarock geworden. Jedoch ist für engagierte Teutonen die Tafel vor dies Wort gehängt, daß keine neue Fraktion und nichts Politisches damit gemeint sei.
Die Wintergegend ist noch groß. Man kann sie schwer in allen Winkeln übersehen. Hier ist ein Prisma, es ist genug verkreuzt. Nur gibts noch tausend Abseitigkeiten, die Maulwürfe haben die ganze Talkesselung umwühlt und ihre Hügel überall gesetzt. Auch wo von heuschleppenden Pferden Abfall hinkam, haben blau und grün schillernde Käfer in Legionen sich gesammelt. Man soll den Zuschauenden nicht belästigen. Mist ist wie Kokotten und Militarismus auch international von durchaus gleichstem Element. Auch ist, was ich angedeutet, nicht eine Menschenlebensdauer, es ist tatsächlich eine Saison. Doch sind die Zufallsfischzüge die charakteristischsten. Ich bin nicht in Verlegenheit, dem Frager Wichtiges und das gezeigt zu haben, was der Pflug durch die Geistebene bei Seite wirft. Ein Demiurg schuf auch die Würmer und die Engerlinge. In der Mitte des scheinbaren Ödlands aber hat eine Schar die Ehrfurcht vor dem dichterischen Wort ergriffen.
Sind Sie ein Spanier in der Tat, der ausfragt, wo am vierundzwanzigsten Januar Neunzehnhundertzwanzig ich in Eile bin, in die Schweiz zu fahren, sind Sie Afrika näher als ich. Was von ägyptischer Geistigkeit der Jahrtausende blieb, ist nur etwas Form, etwas Kunst. Es ist jedoch eine riesenhafte Sache. Auch hatten sie Niveau. Sie waren nicht für jenen, diesen Außenseiter. Ein einzelner Obelisk war ihnen Blödsinn. Sie machten zweireihige Alleen. Da das Durcheinander so bedeutend ist und so vieles noch nebeneinander wächst, ist nichts nötiger, wie einen guten Durchschnitt zu bilden. Es geht um die Tat, das eigene Terrain ins Europäische langsam heranzuführen, nicht darum, in exklusiven europäischen Schichten in Klubsesseln wohl zu sein. Die Qualitätsfrage nimmt fast das Schema sozialer Strukturen an. Auch ist trotz alles Delabrements die Situation hoffnungsfreudig. Erreichten wir dieses Minimum nicht, wäre es vorzuziehen, gleich Butonesen nicht mehr sich zu waschen und an den Beinen in Bäumen sich zu erhängen. Immer aber schwebte die geflügelte Erde mit der Schlange vor den Tempeltoren. Man ist auf dem Weg scheinbar und besingt sie heftig. In Tirol, mein Herr, sah ich eine Orgel, die so langsam lief, daß der Curé, während er spielte, das Vergangene hörte, das Gegenwärtige nur auf die Taste setzte, aber mit dem Blick schon auf der dritten Ebene, den kommenden Noten, weilte. Er spielte gut und hatte das Augenblickliche fest in der Tastatur der Hand. Aber mit aller Spannung und jeder Wirkungsabsicht hatte auf das Kommende er zärtlich den Blick gerichtet. On est bien à la toilette, quand on attend son amant.