„Ausgerissen? Mein neuer Gänsejunge?“ Der Bauer riß die Augen weit auf. Wie war denn so etwas möglich? Bei ihm riß doch sonst niemand aus! „Warum denn?“ fragte er. „Erzähl’ doch!“
Zum Feiertag auch noch eine Geschichte erzählen müssen, das war zuviel für Damian. Er schüttelte den Kopf und tippte an seine Stirne; das sollte heißen, bei Kasperle sei es nicht richtig. Dann ging er und legte sich in sein Bett und verschlief den schönen Pfingstnachmittag.
Windgustel und Wassergustel aber erhoben ein großes Geschrei, als sie von dem Verschwinden ihres neuen Freundes hörten. Sie redeten laut, nur Damian sei daran schuld, und klagten, wie der den armen Kasper gehauen habe; das Rundumjagen der Gänse verschwiegen sie. Der Bauer Strohkopf wurde bitterböse auf den Schäfer, und bis zum dritten Feiertag sagten alle im Dorf, „Damian ohne Maul“ habe den armen kleinen Waisenjungen gar so schlecht behandelt. Nur Florian sagte es nicht.
Doch am dritten Feiertag, den man in Protzendorf noch recht behaglich feierte, geschah etwas Seltsames. Es kam ein Mann mit einem grünen Wäglein angefahren, der stellte geschäftig mitten auf dem Dorfplatz ein Kasperletheater auf, aber eins, das sich sehen lassen konnte. Auf dem größten Jahrmarkt hätte es sein Besitzer zeigen können, so schön war es. Die Puppen waren ziemlich groß und sehr prächtig angezogen; am allerbesten gefiel aber allen das Kasperle. Wie der anfing, seine Späße zu machen, staunten alle; auch die Erwachsenen kamen hinzu, und auf einmal rief da der Bauer Strohkopf: „Das ist ja mein Gänsejunge!“ Illustration color048
Vorstellung in Protzendorf
Potzwetter ja! Jetzt sahen es die andern alle: das war Kasper, der Gänsejunge; genau so hatte er ausgesehen, wenn er abends am Tisch seine Gesichter schnitt.
Da kletterte der Räuberhauptmann im Kasperletheater empor, und nun schrien Windgustel und Wassergustel: „Das ist er auch!“ Genau so bitterböse hatte Kasperle dreingesehen, als er am Wasser gelegen hatte. Es war zu sonderbar, alle Puppen glichen etwas dem Gänsejungen. Die Zuschauer umdrängten immer aufgeregter die kleine Bude, und der Kasperlemann hörte hinten den Lärm. Er kam heraus und fragte, was geschehen sei, und da erfuhr er die Geschichte von der wunderlichen Ähnlichkeit. Der dicke Bauer Strohkopf erzählte von dem ausgerissenen Gänsejungen.
Hei, da spitzte der Kasperlemann seine Ohren! „Er ist’s, er ist’s!“ schrie er laut. „Den muß ich fangen! Wohin ist er gelaufen? Schnell, schnell, sagt’s!“ Der Kasperlemann packte „Damian ohne Maul“ beim Jackenknopf. Da erhob der die Hand, zeigte nach Westen, brummelte „Hm!“ und mehr war nicht aus ihm herauszubekommen.
Der dicke Bauer Strohkopf aber schrie: „Ha, nun merk’ ich: Ausgerissen war der Strick! Wo stammt er denn her? Was hatte er denn ausgefressen?“
Da erzählte der Kasperlemann den staunenden Protzendorfern die Geschichte von Kasperle, der so viele, viele Jahre im Schrank geschlafen habe, und wie ihn Meister Friedolin wiedergefunden. Er selbst, sagte er, kenne den Namen des Meisters Friedolin schon lange; der sei unter den Puppenspielern im Lande weit und breit berühmt. Vor einiger Zeit nun habe er neue Puppen gebraucht, und als er die gekauft, sei ihm aufgefallen, daß diese noch viel, viel besser gewesen seien als früher. Da habe er gedacht, er sollte doch einmal diesen geschickten Meister Friedolin aufsuchen. Und weil er jetzt gerade in der Nähe gewesen sei, habe er gestern im Waldhäuschen vorgesprochen. Alle darin seien sehr traurig gewesen, und auf sein Befragen habe ihm Meister Friedolin von dem wiedergefundenen und verlorenen Kasperle erzählt. Der liefe nun in fremden Hosen und fremder Jacke in der weiten Welt herum, und er selbst habe sich vorgenommen, den Ausreißer zu suchen und dem Meister zurückzubringen, denn dahin gehöre er.
„Ist recht,“ schrie der Bauer Strohkopf. „Sucht ihn nur, und nachher muß ihn mir der Meister Friedolin manchmal borgen. Hähä, hähä! So hab’ ich in meinem Leben nicht gelacht wie über den schnurrigen Kauz!“
„Na ja, er ist doch auch ein richtiges Kasperle!“ sagte der Puppenspieler. „Der versteht das Kaspern schon!“
Und der war ihr Freund gewesen! Windgustel und Wassergustel sahen sich an. Ein bißchen gruselig war ihnen eigentlich die Geschichte, aber dann erklärten sie doch beide: „Wir helfen suchen, wir ziehen mit dem Kasperlemann.“
Schwapp! bekam Windgustel von seinem Vater einen Katzenkopf, und Wassergustels Mutter stieß ihren Buben an: „Biste närrisch? Du bleibst zu Hause und gehst in die Schule.“
Der Windmüller sagte das gar nicht, aber sein Bube merkte schon, was er dachte. Also blieben die beiden daheim, der Kasperlemann aber packte sein Krämchen zusammen und zog davon, um Kasperle zu suchen. Der Bauer Strohkopf rief ihm noch nach: „Ich geb’ ’n Taler fürs Finden.“ Dem tat es doch bitter leid, daß Kasperle nicht mehr am Tisch seine Späße machte.
Kasperle fuhr inzwischen sehr vergnügt durch das Land. Der lustige Sitz gefiel ihm gut, und je schneller es ging, desto froher wurde er. Da konnte ihn Meister Friedolin nicht so leicht finden und vor allem nicht Damian. Vor dem schweigsamen Schäfer hatte er nämlich arg viel Angst. Wenn Leute dem Wagen begegneten, dann nickte und winkte Kasperle, und die Leute nickten und winkten wieder, und der Herr Graf, der im Wagen saß, nickte auch freundlich, und er wunderte sich, daß die Leute immer so lachten. Kinder liefen wohl immer noch ein Stückchen hinterdrein, weil der lustige kleine Kerl, der da hinten aufsaß, ihnen gar so gut gefiel.
Dorf reihte sich an Dorf, immer weiter ging die Fahrt. Einmal fuhr der Wagen auch durch den Wald. Da rauschten die Bäume und die Vögel sangen. Kasperle sah in der Ferne ein kleines Haus liegen, und er dachte an das Waldhäuschen und an Liebetraut. Aber so schnell ihm der Gedanke kam, so schnell lief er ihm auch wieder davon. Es kam nämlich jemand angegangen, mit seinen kleinen Mauseohren hörte Kasperle die Schritte. Der da kam, war ein sehr würdiger gelehrter Herr, der an diesem Pfingstsonntag in den einsamen Wald gegangen war, um über ein sehr gelehrtes Buch nachzudenken. Als er den Wagen kommen sah, blieb er stehen, und weil er ein höflicher Herr war, grüßte er höflich, und der Herr Graf dankte ebenso höflich und beugte sich dabei auch noch aus dem Wagen heraus. Und da sah er, wie der gelehrte Herr zurückwich und entsetzt die Hände hob, als erblicke er ein Gespenst.
Na, was war denn das? Der Graf wunderte sich ungemein, Kasperle aber zappelte vor Vergnügen auf seinem Sitz hin und her. Er hatte nämlich dem würdigen Herrn soeben eine lange Nase gezogen und dazu sein Räubergesicht gemacht. Da konnte einer schon erschrecken.
Der gelehrte Herr starrte auch noch eine Weile ganz verdattert dem Wagen nach. Er dachte: Dies war doch der Graf von Singerlingen! Was fällt denn dem ein, sich so einen Kobold auf seinen Wagen zu setzen! Unerhört so etwas!
Da war der Wald zu Ende, ein Dorf kam, und über dem stieg auf mäßiger Anhöhe ein helles Schloß empor. Von seinen Türmen flatterten Fahnen lustig im Winde, und die Fenster glitzerten und blinkten im Sonnenschein. Im Schloß war morgen Hochzeit; zu der fuhr der Graf. Es war schon mancher schöne Wagen an diesem Tage zum Schloß hinaufgerollt, und die Dorfkinder harrten darum alle an der Straße; sie waren neugierig, wer noch angefahren käme. Als der Wagen des Grafen von Singerlingen vorbeirollte, gab es plötzlich ein lautes Lachen auf der Dorfstraße, und schreiend und jauchzend stürmten alle Kinder hinterdrein. Die Pferde wurden fast scheu bei dem Gebrüll, und der Graf schüttelte in seinem Wagen immer mehr den Kopf. Das war doch sonderbar heute! Der Kutscher und der Diener ärgerten sich, aber alle drei merkten doch nichts von Kasperle, der hinten aufsaß.
Der Kutscher des Grafen dachte, als sie dem Schlosse immer näher und näher kamen: Vor einem Schloß muß man gut vorfahren. Er ließ darum erst die Pferde etwas langsam gehen, damit sie sich ausruhen konnten, dann zuletzt trieb er sie an. Sie fuhren im Trab vor dem Schlosse vor, ruck, da hielten sie.
An so etwas hatte Kasperle freilich nicht gedacht. Der hatte gemeint, das Gefahre ginge so weiter, und bei dem jähen Ruck verlor er darum das Gleichgewicht und sauste in weitem Bogen von seinem Sitz herab.
Vor dem Schloß stand Rosemarie, die Tochter des Schloßherrn, in einem rosenfarbenen Kleid. Die hatte dem Grafen von Singerlingen einen schönen Willkomm sagen sollen; sie schrie statt dessen aber laut: „Da fällt ein Junge vom Wagen!“
Kasperle war mitten in ein schönes Blumenbeet hineingefallen. Da blieb er drin liegen, steif und starr, und rührte sich nicht. Der Graf von Singerlingen aber rief erstaunt: „Wo ist denn der hergekommen?“
„Vom Wagen ist er gefallen,“ sagte das kleine Rosenmädchen. „Ach, und nun ist er tot!“
„Der hat hinten aufgesessen; so was machen Jungens schon,“ brummelte der alte Diener des Grafen. „Darum haben die Leute auch so über uns gelacht. Und tot ist er sicher nicht.“
Nein, tot war Kasperle nicht, aber etwas verdöst, und als ihn zwei Diener aufhoben, machte er ein so schrecklich dummes Gesicht, daß alle um ihn herum lachten.
Der Graf, dem das Schloß gehörte, seine Frau, die Gäste, alle kamen und staunten das dumme, dumme Kasperle an. Der Graf von Singerlingen aber betrachtete ihn durch sein Augenglas und sagte immerzu: „Komisch, sehr komisch!“
Wo er herkäme, wollte der Schloßherr wissen. Kasperle kniff die Augen zusammen, machte ein sehr betrübtes Gesicht und erzählte genau wie dem dicken Bauer, daß er ein armes verlassenes Waisenbüble sei und in die weite Welt hinaus wolle.
O du Schelm! dachte der alte Diener, dem das Kasperle nicht geheuer vorkam. Er hätte auch gern seinen Herrn vor dem Kleinen gewarnt, aber dem Grafen ging es wie dem dicken Bauer Strohkopf, ihm gefiel das Kasperle ungemein. Er bat darum die Schloßfrau, sie möchte den Kleinen aufnehmen bis zu seiner Heimfahrt. Das sagte ihm die Gräfin zu, bei sich dachte sie freilich: Wo er schlafen soll, weiß ich nicht. Es waren so viele Gäste im Schloß, um die Hochzeit der ältesten Grafentochter mitzufeiern, und in einer Stunde sollte auch noch ein richtiger Herzog kommen. Da war jeder Winkel besetzt, und in der ganzen Nachbarschaft hatte die Gräfin Betten borgen müssen. Sie sagte aber zu einem Diener, er solle den Kleinen zur Hausverwalterin führen, die würde schon für ihn sorgen.
Die wird sich über den Knirps freuen! dachte der Diener. Er nahm Kasperle am Arm und führte ihn etwas unwirsch in die große Vorküche, in der gerade Frau Emma, die Hausverwalterin, die Kuchen ansah, die aus der Backstube gekommen waren.
Fein, hier gefällt’s mir! dachte Kasperle und schnupperte vergnügt herum. Wie die Kuchen gut rochen! Ja, so ein Schloß war noch besser als ein Bauernhaus. Doch Frau Emma sagte nicht: „Fein!“ und nicht: „Der gefällt mir,“ als sie Kasperle sah, sondern sie rief sehr geärgert: „Was soll ich mit dem Popanz? So einen Jungen habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Weg mit ihm, den kann ich hier nicht gebrauchen! Er mag meinetwegen helfen Kartoffeln schälen.“
„Mag ich nicht,“ rief Kasperle, aber da wurde Frau Emma gleich sehr böse, und sie befahl zornig: „Er soll Kartoffeln schälen!“
Und schwups! nahm eine Magd Kasperle und zerrte ihn in einen Nebenraum hinein. Dort saßen drei junge Dirnen, zu denen sagte sie: „Da ist einer, der soll euch helfen.“
„Der uns helfen?“ Die drei kicherten laut, und dann nahm eine eine riesenweite Küchenschürze, band die Kasperle um, die zweite reichte ihm eine Schüssel, die dritte gab ihm ein Messer in die Hand, und alle drei riefen: „Nun hilf uns!“
Ei, da waren sie aber an einen flotten Helfer geraten! Potztausend, das ging! Schnippel schnappel, schnippel schnappel! Hierhin flog ein Stück Kartoffel, dahin eins; Kasperle hatte gleich die ganze Kartoffel zerschnitten. Und dann wickelte er sich die Küchenschürze um die Beine, warf Schüssel und Messer auf die Erde und schrie: „Ich hab’ Hunger!“
Die Mägde lachten. Aber dann liefen gleich zwei, um etwas für das Kasperle zu holen, die dritte aber streichelte ihn und fragte, woher er käme. Und dann schmauste Kasperle und erzählte, und zuletzt schnitt er Gesichter. So etwas hatten die drei Mägde noch nie gesehen.
Als Frau Emma nach einem Weilchen in die Nähe der Türe kam, lauschte sie ärgerlich. So ein Gelächter! Zornig tat sie die Türe auf. Da saßen die drei Mägde, lachten und lachten, und Kasperle kasperte auf dem Küchentisch herum. Die Kartoffeln aber waren alle ungeschält. Frau Emma verstand keinen Spaß. Sie fuhr drein wie ein Hagelwetter, und die Mägde duckten erschrocken die Köpfe. Das Kasperle aber trieb die Frau aus dem Raum. „Geh, hilf Geschirr waschen!“ herrschte sie ihn an. „Da hinein!“ Sie schob den Kleinen in einen großen Raum, in dem gewaschen und geputzt wurde.
Hier führte die Herrschaft die alte Liesetrine, und die machte gleich ein schiefes Gesicht, als sie den kleinen Helfer sah. „So einen Dreikäsehoch kann ich nicht brauchen,“ schrie sie. „Raus mit ihm, raus! Der schlägt mir nur alles kaputt.“
Na, dachte Kasperle gekränkt, versuchen kann sie es doch erst mit mir! Und er wollte zeigen, wie geschickt er sei. Er nahm also flink ein reines Tuch, von denen ein großer Stoß auf einem Tisch lag, dann wollte er von einem Gestell einen Teller nehmen, um ihn säuberlich zu putzen. Er hatte oft gesehen, wie Liebetraut das machte. Da schrie die alte Liesetrine: „Halt, halt, vergreif’ dich nicht dadran! Die Teller —“ Klirr, da sausten sämtliche Teller von oben herab, noch ehe Liesetrine mit ihrer Warnung fertig war. Heisa, gab das eine Aufregung! Liesetrine klagte: „Die allerbesten Teller sind es, die allerbesten!“ Ein paar Mägde schnatterten durcheinander, und da tat sich auch noch die Türe auf, und ein Diener streckte den Kopf herein und fing an über den Lärm zu schelten. Von der andern Seite guckte Frau Emma durch ein Schiebefensterchen und schalt auch.
In all dem Lärm entwischte Kasperle ganz heimlich. Husch, war er draußen! Er drückte sich an der Wand entlang und geriet in einen halbhellen, kühlen Gang. Hier verhallte der Lärm etwas, und Kasperle sah, daß vier Türen auf den Gang mündeten. Jede hatte ein kleines Fensterchen, und Kasperle konnte gerade, auf den Zehen stehend, hindurchsehen. Ei potztausend, war das fein, was er da erblickte! Er sah in die Speisekammern des Schlosses hinein, in denen die leckersten Dinge standen. Dem kleinen Schelm lief das Wasser im Munde zusammen; er merkte jetzt erst, wie hungrig er war. Er klinkte an einer Türe, an der andern, an der dritten, — sie waren alle verschlossen; die vierte aber ging auf, die hatte Frau Emma in der Eile dieses Tages nicht zugeschlossen. Und gerade in dieser Kammer standen die süßen Speisen: Fruchtschalen, Kuchen und Torten.
Kasperle besann sich nicht lange. Er fing an zu schlecken und zu lecken. Wie das schmeckte! Viel, viel besser, dachte er, als das Käsebrot beim Bauer Strohkopf. In einer Ecke stand ein ganzer Kübel Schlagsahne. Kasperle wußte erst nicht, was dieser weiße Schaum war, und weil er im Waldhäuschen einmal neugierig an Seifenschaum geleckt hatte, dachte er, es könnte wohl etwas Ähnliches sein. Aber naschhaft, wie er war, steckte er doch sein Fingerlein hinein und versuchte. Das war fein. Er schleckte den Finger ab, tauchte wieder ein, steckte die ganze Hand hinein, und weil der Kübel etwas hoch stand, kletterte er schließlich auf den Rand, um besser lecken zu können.
Da sagte auf einmal draußen jemand: „Was ist denn das? Hier steht ja eine Türe auf!“
Kasperle erschrak mächtig. Er wollte sich flink in eine Ecke flüchten, doch dabei verlor er das Gleichgewicht, und gerade als Frau Emma in die Speisekammer trat, plumpste Kasperle in die Schlagsahne hinein. Die spritzte hoch auf, und Frau Emma, die nur etwas zappeln und krabbeln sah, hielt Kasperle für eine Katze, sie stürzte schreiend aus der Speisekammer und rief um Hilfe.
Da war Kasperle geschwinder wieder aus dem Kübel heraus, als er hineingekommen war, und er wutschte flink aus der Kammer. Doch Frau Emma sah ihn, und merkte auch, daß das zweibeinige Ding keine Katze sein konnte; sie wollte ihn greifen, aber Kasperle, der von oben bis unten voll Schlagsahne war, entglitschte ihren Händen. Türen gingen auf, Menschen kamen, und Kasperle sah einen großen steinernen Pfeiler; hinter den rutschte er. Von da aus hörte er Frau Emma klagen, Mägde und Diener schelten, und plötzlich riefen alle: „Es fahren wieder Gäste vor.“
Da rannten alle weg, und Kasperle kroch aus seinem Versteck heraus. Satt war er, nun hätte er gern geschlafen, aber er wagte nicht, jemand zu fragen, wo denn das Kämmerlein sei, das er bekommen sollte. Beim Umschauen entdeckte er eine schmale Treppe, die nach oben führte. Ei, vielleicht war es dort stiller, und er fand wohl ein Plätzchen zum Ausruhen. Oben geriet er in einen kleinen Flur, auf dem mündeten viele Türen. Der kleine Schelm schlich etwas an der Wand entlang, so recht gemütlich war es ihm nicht. Der schmale Flur lief in einen breiten hinein, da war wieder Tür an Tür; alle waren sie weiß und hatten goldene Verzierungen, ganz prächtig sah es aus. Eine dieser Türen stand ein Ritzchen auf, und das neugierige Kasperle konnte nicht widerstehen, es steckte seine Nase hindurch. Das war aber ein feines Zimmer, in das er blickte! Selbst die Wände waren mit Seide bekleidet, und an der einen Wand stand ein breites goldenes Bett. Kein Mensch war im Zimmer, und das Bett lockte Kasperle arg. In dem mußte es sich doch sicherlich gut schlafen.
Sachte schlüpfte er ins Zimmer, und eins, zwei, drei war er in dem schönen Bett. Das war ganz von Seide, und Kasperle rollte sich wie ein Igel drin herum. Ei, da lag sich’s besser als in Bauer Strohkopfs Kammer! Doch freilich, in Protzendorf hatte ihn bis zum Morgen niemand gestört, aber hier! — Kasperle richtete sich erschrocken auf, viele Stimmen erklangen draußen, und er bekam Angst. Mit einem Satz war er aus dem Bette heraus, strich es schnell ein wenig glatt und kroch dann flink darunter.
Es war aber auch die höchste Zeit, denn gleich darauf tat sich die Türe auf, und ein älterer Herr, gefolgt von einigen Dienern, trat ein. Die redeten miteinander allerlei, was Kasperle nicht recht verstand, und dann trat der Herr an das Bett heran und sagte seufzend: „Ich bin heute sehr müde; ich wollte, der Tag wäre erst zu Ende!“ Bei diesen Worten strich er etwas über die seidenen Kissen, weil er sich wunderte, daß diese nicht so ganz gerade lagen. „Was ist denn das?“ rief er auf einmal erstaunt. Der Herzog, denn das war der ältere Herr, zog verdutzt seine Hand zurück. Er betrachtete sie, schüttelte den Kopf, strich wieder über das Bett und rief dann entrüstet: „Friedrich, in — meinem Bett ist — Schlagsahne!“
„Schlaaagsahne!“ Friedrich riß den Mund vor Erstaunen weit auf und kam eilfertig herbei. Er strich auch über das Bett, leckte ein bißchen am Finger und rief verdutzt: „Schlagsahne!“ Und dann lief er zur Klingel, läutete heftig, und es dauerte nur ein paar Augenblicke, da kam ein Kammerdiener daher. Der verbeugte sich dreimal und fragte dreimal, was der Herzog wünsche.
Da deutete dieser auf das Bett und sagte: „Was ist das? Drüberstreichen!“
Der Kammerdiener strich erstaunt über das Bett, wich dann erschrocken zurück und strich noch einmal darüber, leckte auch ein wenig am Finger und rief ebenfalls: „Schlaaagsahne!“ Und dann rannte er, holte den Haushofmeister herbei, der Graf kam selbst, und alle standen sie um das Bett herum und riefen: „Schlagsahne!“
Der Herzog schüttelte immerzu den Kopf, so erstaunt war er über die seltsame Geschichte. Und bei diesem Kopfgeschüttele sah er auch einmal in den großen Spiegel, der dem Bett gerade gegenüberhing. Darin sah er das ganze Bett und — der Herzog schrie plötzlich laut auf und sank in einen Stuhl. „Da, da, da!“ rief er zitternd und deutete unter das Bett und auf den Spiegel, denn in dem hatte er Kasperle erblickt, der neugierig seine große Nase etwas weit vorgestreckt hatte.
„Es steckt jemand unter dem Bett,“ rief der Haushofmeister zuerst. Da krochen auch schon zwei Diener hinunter, und das Kasperle konnte sich noch so klein machen, es wurde doch erwischt; an den Beinen zogen es beide hervor, und beide riefen entrüstet: „Er klebt ganz und gar, er ist auch voller Schlagsahne.“
„Ah!“ sagte der Herzog verwundert, als das Kasperle vor ihm stand. Nach der Nase hatte er nämlich gedacht, ein großer, ausgewachsener Räuber stecke unter dem Bett.
„Ah!“ rief auch der Graf zornig. „Das ist der, den mein Herr Vetter von Singerlingen mitgebracht hat, und der bis jetzt nichts wie Dummheiten gemacht hat. Haue muß er kriegen!“
„Jawohl und eingesperrt werden!“ sagte der Haushofmeister, und der Herzog nickte dazu. Nur weil er gerade sehr müde war, flüsterte er: „Aber erst morgen hauen.“
„Ja, morgen soll er Haue bekommen, jetzt wird er in den Keller gesperrt,“ rief der Graf streng.
Die Sache stand schlimm für das Kasperle, arg schlimm. Es war wohl am besten, er bettelte gleich recht eindringlich um Gnade, vielleicht verzieh ihm der Herzog doch. Und es war gut, daß er glitschig war, da gelang es ihm, einen Augenblick den Händen der Diener zu entwischen. Er tat einen Riesensprung auf den Herzog zu und kreischte mit weinerlicher Stimme: „Bitte, bitte, bitte!“
Doch der Herzog war ein etwas schreckhafter Herr. Er lehnte sich ängstlich weit, weit in seinen Stuhl zurück, und auf einmal purzelten Stuhl und Herzog hintenüber.
„Um Himmels willen!“ Der Graf, der Haushofmeister, die Diener, alle griffen erschrocken zu, und da schoß das Kasperle plötzlich einen riesigen Purzelbaum über alle hinweg, und draußen war er. Die Türe flog dem einen Diener, der nacheilen wollte, so unsanft an den Kopf, daß er zurückwich. Aber dann lief er doch auf den Flur, der Kammerdiener folgte und schrie laut: „Hilfe, Hilfe! Haltet ihn, haltet ihn!“
Ja, wen sollten alle Diener halten, die angelaufen kamen? Von dem Kasperle war keine Spur zu sehen. Hatte denn den der Erdboden verschluckt? Er war spurlos verschwunden. Auf dem langen, langen Flur rannte kein Kasperle dahin, die Türen waren alle verschlossen, er hatte also auch in kein Zimmer schlüpfen können. Weg war der Schelm, ganz weg. Die Diener rannten die Flure entlang, die Treppen auf und ab, das ganze Schloß geriet in Aufregung, alle fingen an zu suchen, und die Gäste wußten gar nicht, was sie suchten. Und dann rief der Graf nach dem herzoglichen Leibarzt, weil er dachte, der Herr Herzog hätte sich vielerlei gebrochen, aber der hatte sich glücklicherweise gar nichts gebrochen, nur der Stuhl hatte seine Beine gebrochen. Doch seufzte und stöhnte der Herzog wirklich, als wäre er selbst entzweigegangen. Es war eine schreckliche Aufregung im ganzen Schloß. Schließlich aber sagte der Herzog, nun möchte er zu Mittag essen, er habe Hunger. Und da dachten alle: Gott sei Dank! Sie hatten nämlich alle Hunger, denn es war schon spät; um diese Zeit tranken andere Leute, die nicht gerade auf einem Schlosse wohnten, ihren Nachmittagskaffee.
Der Graf befahl noch, alle drei Nachtwächter, die er hatte, sollten überall suchen und sollten Kasperle gefangennehmen, wenn sie ihn kriegten. Und dann wurde zu Mittag gegessen. Das schmeckte allen sehr gut, und alle wurden wieder ganz vergnügt. Sie sagten aber doch alle, mit dem fremden Jungen, das sei sicher nicht mit rechten Dingen zugegangen.
Rings um das Schloß wachten die Wächter, die großen Hunde umliefen es, Kasperle fanden sie aber doch nicht. Wo war der nur? Wie weggeblasen war er. Die Diener und Mägde durchsuchten wirklich das ganze Schloß, sie schauten sogar in verschlossene Kisten und Schränke hinein, — der unnütze Schelm war nicht zu finden.
Nur eine im ganzen Schloß wußte, wo das Kasperle steckte, Rosemarie. Die hatte am Fenster gestanden, als von unten herauf ein lautes Lärmen erklungen war. Da hatte sie erstaunt hinausgesehen und Kasperle erblickt, der wie eine reife Pflaume am Baum in dem Geäst des uralten Efeus hing, der die Schloßmauer bedeckte. „Der fremde Junge!“ Rosemarie hatte es verwundert gerufen, und da purzelte Kasperle auch schon in ihr Zimmer, denn weiter konnte der nicht klettern. Er war ohnehin vor Angst und Eile schon ganz außer Atem.
Unten war das Rufen lauter und lauter geworden, und Kasperle war auf einmal zu Rosemaries größter Verwunderung unter das Sofa gekrochen. Von dort her jammerte er kläglich: „Sie hängen mich auf!“
Rosemarie hatte sehr viel Mitleid mit dem kleinen Schelm gehabt, sie hatte ihn vorgelockt und ihn in ihrer großen Puppenstube versteckt. Das war ein kleines Zimmer, in dem alles für Rosemaries Puppen eingerichtet war. In das Bett der größten Puppe ging Kasperle gerade noch hinein. Ein bißchen zusammenkrümmen mußte er sich freilich, wie ein Igel, aber Rosemarie sagte: „Das schadet nichts, hier findet dich niemand.“
Es war auch niemand im ganzen Schloß auf den Gedanken gekommen, in Rosemaries Puppenstube nachzusehen. Ihre Lehrerin dachte, sie hätte die ganze Zeit mit ihren Puppen gespielt, weil sie so still in der Stube gesessen hatte. Als Rosemarie hinausging, schloß sie sorgsam die Vorhänge am Puppenbett, und das Kasperle lag in dem weißen Mullbettchen, von himmelblauen Seidenvorhängen umgeben. Das Bettchen war fein und weich, nur für so einen kleinen strampeligen, unnützen Kasper zu zart und fein.
Der seufzte denn auch arg, als Rosemarie gegangen war. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte in der Puppenstube alles umgekramt; er hatte aber doch große Angst, man könnte ihn finden, darum blieb er still liegen.
Endlich kam Rosemarie wieder. Die hatte den Gästen gute Nacht sagen müssen und sollte nun selbst bald zu Bett gehen. Sie sollte sich ausschlafen, denn morgen war die Hochzeit; die wollte sie ganz und gar mitfeiern. Leise zog sie den Vorhang auseinander, begierig, ob der fremde Kasper wohl schlief.
Kasperle sah sie betrübt an, er seufzte kläglich und murmelte: „Ich kann in dem Bett nicht liegen!“
„Du mußt aber drin bleiben,“ flüsterte Rosemarie ängstlich. „Ach, Kasper,“ klagte sie, „was hast du angerichtet! Der Herzog ist bitterböse, und es sind schon dreißig Landjäger gekommen, die sollen das Schloß bewachen, damit niemand hinaus kann. Und morgen früh soll noch einmal alles, alles abgesucht werden. Dann kommen sie gewiß auch hier herein, und wenn sie dich finden, wirst du ins Gefängnis gesteckt.“
„Brrrr!“ Kasperle schüttelte sich, dazu war er doch nicht in die weite Welt gelaufen, um eingesteckt zu werden. „Ich fliehe,“ brummte er.
„Dann fassen dich die Hunde oder fangen dich die Landjäger.“ Rosemarie seufzte bekümmert. Auf einmal aber hellte sich ihr Gesichtchen auf. „Ich weiß was,“ sagte sie. „Ich gebe dir den Turmschlüssel. Gleich neben dem Turm geht es hinaus, und vielleicht ist gerade da kein Landjäger. Komm, jetzt sitzen alle beim Essen, da zeige ich dir flink den Weg.“ Sie packte fürsorglich noch ein Stück Torte ein, das sie selbst hätte essen sollen, und steckte es Kasperle zu, und dann lief sie ganz, ganz leise voran. Kasperle folgte ihr, die Schuhe in der Hand. Rosemarie stieg eine schmale, schmale Treppe hinab, dann ging sie einen Gang entlang und öffnete am Ende eine Türe, und beide betraten ein rundes Gemach. Ein Tisch stand in der Mitte, Stühle darum, es war noch so hell, daß Kasperle alles sehen konnte. Aus dem runden Zimmer führte ein schmales Treppchen abwärts, und Rosemarie belehrte Kasperle, dort müsse er hinabsteigen, die Tür unten aufriegeln, dann sei er am Parkende und komme vielleicht hinaus. Wie sie das sagte, erfaßte sie ein tiefes Mitleid mit dem armen fremden Jungen. Sie fand, er hätte doch gar nichts Schlimmes getan. „Du armer Kasper!“ flüsterte sie, und über ihr liebliches Gesicht liefen helle Tränen.
In diesem Augenblick kam sich das Kasperle selbst sehr, sehr arm und verlassen vor, und er fing an ganz erschrecklich zu heulen. Rosemarie hielt ihm rasch mit beiden Händchen den Mund zu, denn Kasperle hatte eine Stimme, die selbst durch eine dicke Turmmauer hindurchschallte. Er schwieg dann aber auch gleich und sah Rosemarie erschrocken an; doch als die sagte: „Nun muß ich gehen,“ da purzelten dem Kasperle wieder die Tränen wie ein Bächlein aus den Augen. Er war jedoch still, versprach auch, er wolle fein brav alles befolgen, was Rosemarie ihm geraten hatte, und dann hielt er ein Weilchen die feine, kleine Hand des Grafenkindes fest.
Ach, wie himmelgern wäre er jetzt hiergeblieben in dem schönen Schloß und wäre Rosemaries Spielkamerad geworden! Er legte den Kopf auf die Seite und schielte Rosemarie traurig an. Da sagte die plötzlich: „Weißt du, wie du aussiehst? Wie — wie meine Kasperlepuppe.“ Und ganz jäh begann sie sich ein wenig vor dem fremden häßlichen Jungen zu fürchten, und sie sagte rasch: „Ich muß gehen.“ Sie nickte Kasperle noch einmal zu und glitt dann leise aus dem Zimmer. Kasperle hörte sie zuschließen, dann war er allein.
Er blieb noch ein paar Minuten still sitzen, weinte bitterlich und vergaß darüber Rosemaries gute Lehren. Statt sachte das Trepplein hinabzusteigen und unten die Turmtüre aufzuschließen, wollte er erst einmal durch das Fenster hinausschauen. Er öffnete das kleine Fensterchen, das klirrte und knarrte arg, und dann streckte Kasperle den Kopf hinaus und sah sich um. Ach, war das eine schöne frische Luft draußen! Kasperle schaute in die Höhe und schaute nach rechts und nach links, und dann schaute er auch hinab.
„Wauwau, wuwuwu!“ ging es plötzlich unten los; ein großer Hund stand da und bellte zu Kasperle hinauf. „Wauwau, wuwuwu!“ Ganz drohend klang seine Stimme.
Kasperle wollte schnell den Kopf zurückziehen. Doch so schnell ging das nicht, das Fensterchen war eng und Kasperles Kopf dick, und ehe der wieder drin war, tauchte draußen ein Landjäger im Gebüsch auf.
Gab das ein Hallo! „Er steckt im Turm!“ schrie der Mann. Und dann drohte er hinauf: „Nu, warte du, dich fange ich!“ Er maß schnell das kleine Fenster mit seinem Blick, nein, da konnte selbst ein kleiner Junge nicht hindurchkriechen. Und weil er zu dem Pförtlein unten keinen Schlüssel hatte und auch wußte, daß dies immer verschlossen war, lief er eilig in das Schloß hinein, seinem Hund aber rief er zu: „Sultan, paß auf!“
Kasperle hörte ihn davonlaufen, und er besann sich einen Augenblick, was zu tun sei. Dann nahm er flink Rosemaries Kuchen vom Tisch, rannte blitzschnell das Treppchen hinab und schloß unten auf. „Wauwauwau!“ bellte ihn Sultan zornig an. Das Kasperle aber nicht faul, warf dem Hund geschwinde den Kuchen in den Rachen. Rrrabsch! Sultan vergaß das Bellen. So ein feiner Kuchen flog ihm nicht oft ins Maul. Er schleckte und schluckte, und da hatte Kasperle auch schon die kleine Türe erreicht. Sie knarrte und quietschte, da war sie schon auf, aber inzwischen hatte auch Sultan seinen Kuchen verschluckt, und er besann sich auf seine Wächterpflicht. Doch Kasperle war flinker draußen als er am Türchen. Das schlug ihm vor der Nase zu, und draußen kollerte Kasperle vor lauter Eile den Schloßberg hinab in einen kleinen Bach hinein. Das Wasser spritzte hoch auf, dem Bächlein gefiel dies Hineingeplumse gar nicht.
Oben auf dem Schloß wurde der Lärm lauter und lauter. Jetzt bellte nicht Sultan allein, auch die andern Hunde fingen an zu bellen, Stimmen wurden laut, Rufe ertönten, und Kasperle begann vor Angst zu zittern. Er rannte in seiner Furcht eine Weile in dem Bach weiter, bis er an ein Gebüsch kam; da schlüpfte er hinein. Er kroch hindurch und sah vor sich eine weite Wiese liegen, dahinter stand dunkel der Bergwald. Dort konnte er sich vielleicht verstecken. Aber statt über die Wiese zu laufen, fing Kasperle an Purzelbaum zu schlagen. Das ging so geschwinde, wie Tauwasser einen Berg hinabrennt. Da war der Wald, und Kasperle tauchte in seinen dunklen Schatten unter.
Es war aber auch die höchste Zeit. Auf dem Schloß hatten sie den Turm leer gefunden, und die Landjäger schlugen einen gewaltigen Lärm. Den hörten der Graf und seine Gäste, und als der Herzog vernahm, daß Kasperle gesehen worden war, verlangte er, man solle ihn eilig verfolgen. Er war noch immer bitterböse auf den kleinen Kerl. Dem, der ihn finden würde, versprach er eine hohe Belohnung.
Da rannte alles, was Beine hatte, um Kasperle zu suchen. Man fand auch bald, wo er ausgerissen war, denn Sultan stand und bellte die kleine Mauerpforte immerzu wütend an. „Den haben wir bald,“ sagte der Landjäger, „Sultan findet ihn schon.“
Doch Sultan fand ihn nicht. Der stand plötzlich am Bach still, schnupperte und schnupperte, aber das Wasser hatte Kasperles Fährte hinweggespült. Wo war das Kasperle?
Landjäger, Hunde, Mägde, Diener, alles rannte im Schloß umher, um das Schloß herum, Kasperle fanden sie nicht. „Er ist noch im Schloß,“ sagten die einen, „nein, er ist entwischt,“ behaupteten die Landjäger; „man muß im Walde suchen.“ Die Mägde meinten, Kasperle sei ein Gespenst, ein Kobold; aber die Hausverwalterin sagte, ein Gespenst schlecke nicht so viel Schlagsahne. Und sie sah zehnmal in den Speisekammern nach, sie dachte, Kasperle hätte sich gewiß darin versteckt.
Kasperle kletterte unterdessen den hohen Waldberg empor, der steil in die Höhe stieg. Der Wald war hier so dicht, daß sich ein kleiner Schelm schon darin verstecken konnte. Aber vor den Landjägern und den Hunden hatte Kasperle doch eine jämmerliche Angst. Darum rannte er, so schnell er konnte. Und das war nicht immer leicht. Dürre Äste, knorrige Wurzeln, auch einmal ein umgestürzter Stamm erschwerten das Fortkommen sehr. Kasperles Nase war zuletzt ganz zerschunden, so oft hatte er sich daran gestoßen. Und je höher es hinaufging, desto schlechter wurde der Weg. Steingeröll bedeckte den Boden, und ein Menschenbube wäre wohl nicht so schnell in die Höhe gelangt. Aber Kasperle stieg und stieg immer höher, bis auf einmal vor ihm eine grüne Bergwiese lag.
Es war Abend geworden, und am dunkelblauen Himmel stand schon ganz blaß und fein der Mond. Auch ein Sternlein glitzerte, aber Kasperle sah es gar nicht. Der sank müde am Waldrand nieder. Er kniff die Augen zu, und da schlief er auch schon. Und die großen Waldbäume hatten Mitleid mit dem armen, verirrten kleinen Kerl. Sie, die immer nach oben schauen, zum Himmel empor, haben gütige, fromme Gedanken, sie haben Mitleid mit den Kleinen, die sich quälen müssen auf der Erde. Und der kleine Kerl, der da so müde und abgehetzt unter ihnen schlief, tat ihnen leid. Sie rauschten ihm ein schönes, feierliches Schlummerlied, erzählten ihm Geschichten, und Kasperle schlief auf dem weichen Waldboden besser als der Herzog im seidenen Bett. Er hörte nicht, wie weiter unten im Wald die Hunde bellten und die Landjäger mit Hussageschrei den Flüchtling suchten. Bis zur Bergwiese stieg keiner hinauf, denn der Weg war so steil und beschwerlich, daß niemand dachte, Kasperle könnte denselben gegangen sein.
Kasperle schlief noch süß und fest, da kehrten die Landjäger schon in das Schloß zurück, und sie sagten nun auch: „Der hat sich im Schloß versteckt.“ Und sie bewachten das Schloß weiter, und die Hausverwalterin hütete ihre Speisekammer. Und doch fehlte darin am nächsten Tag ein großes Stück Torte. Sie sagte: „Das war der Junge,“ und die Mägde sagten es auch. Berta und Dörte aber, die beiden jüngsten, die leckten sich heimlich den Mund ab, sie hatten nämlich die Torte gegessen. Sie schrien aber am lautesten, der fremde Junge sei es gewesen.
Der Herzog wurde vor Ärger, und weil er so furchtbar erschrocken war, am Tag nach der Hochzeit krank. Vielleicht hatte er auch zu viel Kuchen gegessen, wer kann das wissen! Und der Graf rief immerzu: „Schafft mir nur den Jungen her, damit ihn der Herzog bestrafen kann! Der Herzog soll sich doch in meinem Schlosse nicht krank ärgern.“
Der kleinen Rosemarie war das Herzchen bitter schwer. Die hätte gern ihren Eltern alles gestanden, aber sie wagte es nicht. Sie fürchtete, der Herzog könnte dann auch so bitterböse auf sie werden, und sie wußte doch, sie konnte nicht einmal sagen: „Es tut mir leid.“ Dazu freute sie sich viel zu sehr über Kasperles Rettung. Aber sie ließ tief betrübt ihr Näslein hängen und ging still und blaß einher, und ihre Mutter begann sich recht um sie zu sorgen. Der Herzog krank, Rosemarie krank, es war gar nicht gemütlich im Schloß in diesen Tagen. Der gute Graf von Singerlingen dachte: Das muß ein bißchen lustiger werden, ich muß mir etwas Vergnügliches ausdenken. Und als er hörte, unten in dem winzigen Städtchen, das am Fuße des Schloßberges lag, sei ein Puppenspieler angekommen, schickte er hinab, der Puppenmann möchte heraufkommen.
„Ich habe eine Überraschung,“ sagte der Graf von Singerlingen bei Tisch. Und dann erzählte er von dem Puppenspieler.
Der Herzog, der etwas verdrießlich am Tisch saß, mußte lachen. „Das ist freilich eine schnurrige Überraschung für große Leute,“ sagte er. „Doch der Mann mag kommen, auch ein Puppenspiel kann lustig sein.“
So gab es am Nachmittag eine Vorstellung im Schloß. Der Kasperlemann aus dem Städtchen kam herauf, er stellte seine kleine Bühne auf, und dann streckte Kasperle seine große Nase heraus und — ja, was er sagen wollte, das hörten die Zuschauer gar nicht, alle riefen: „Der fremde Junge! Genau so sah er aus.“
Kasper ist’s! dachte auch Rosemarie erschrocken, und ganz jäh begann sie bitterlich zu weinen. Sie schluchzte so herzbrechend, daß der Kasperlemann seine Reden und der Herzog seinen Ärger vergaß. Der fragte milde nach Rosemaries Kummer, und da bekannte die Kleine alles, und sie war froh, es sagen zu können, zu sehr hatte das Geheimnis ihr Herz bedrückt.
„O Rosemarie,“ rief die Gräfin ganz erschrocken, „warum hast du geholfen und den schlimmen Jungen ausreißen lassen!“
„Mit Verlaub,“ redete da der Kasperlemann hinter seiner Bühne hervor, „das ist gar kein Junge, das ist ein Kasperle, ein lebendiges Kasperle.“
„Potzwetter noch einmal!“ Der Herzog sah den Kasperlemann ganz grimmig an und rief: „Was redet Er da für Unsinn? Ein lebendiges Kasperle, so etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gehört!“
Der Kasperlemann aber kam geschwind näher und verbeugte sich immerzu ganz tief. Er stippte mit der Nase beinahe auf dem Boden auf, bis der Herzog endlich rief: „Genug, genug, jetzt will ich wissen, was das mit dem Kasperle für eine Geschichte ist.“
Da erzählte der Puppenspieler vom Waldhaus und von Protzendorf und daß er Kasperle fangen wolle, und wenn er, wer weiß wie weit ziehen müßte.
War das eine sonderbare Geschichte! Der Herzog ließ sie sich dreimal erzählen, und dann mußte der Puppenspieler auch noch heilig versichern, alles sei bestimmt wahr. Ein Kasper also war der fremde Junge gewesen.
Die kleine Rosemarie dachte daran, wie sie im Turm sich vor ihm gefürchtet hatte, und daß sie sich jetzt nicht mehr fürchten würde; er war ja nur ein Kasperle. Und ihr kleines Herz brach fast vor Mitleid, als sie jetzt den Herzog sagen hörte: „Der muß gefangen werden! So einen seltsamen Kauz will ich besitzen. Wer ihn fängt, der soll eine hohe Belohnung haben. Mit dem Puppenschnitzer im Waldhaus werde ich schon einig werden; der muß mir das Kasperle überlassen. Schnell, schnell, es sollen zehn Landjäger mit Hunden ausreiten, und es soll überall nachgeforscht werden! Das Kasperle will ich haben.“
Und der Puppenspieler vergaß, daß er dem Meister Friedolin versprochen hatte, er, nur er allein solle Kasperle bekommen. Die hohe Belohnung verlockte ihn, und er gelobte dem Herzog, ihm das Kasperle zu bringen, wenn — er es erst hätte.
Der Herzog aber sagte, er würde Kasperle in einen goldenen Käfig stecken, er dürfe ihm nicht mehr ausreißen, — wenn er ihn erst hätte. Und die Landjäger sprengten davon. Unten im Städtchen erzählte es einer dem andern: „Wer das richtige Kasperle findet, der bekommt viel, viel Geld.“ Manche Leute rannten da gleich flink in die weite Welt hinein, um Kasperle zu suchen; die dachten gar, der sitze nun wohl mitten auf der Landstraße und lasse sich fangen wie ein Schmetterling.
Die kleine Rosemarie aber lag in ihrem Bett und weinte bitterlich. Als ihre Mutter noch einmal zu ihr kam, da war das Kopfkissen der Kleinen naß von den vielen Tränen. Und Rosemarie klagte der Mutter, wie leid ihr das arme verfolgte Kasperle tue, das in einen Käfig gesetzt werden solle. Die Mutter tröstete linde, noch sei Kasperle ja nicht gefangen. „Vielleicht findet er noch heim in das Waldhaus; mir scheint, das ist seine beste Heimat,“ sagte sie.
„Ich will beten, daß Kasperle heimfindet,“ flüsterte Rosemarie und faltete fromm ihre Hände. Und dann schlief sie ein und träumte: Kasperle saß in einem goldenen Käfig, und da kam ein Vogel, sang und sang, und plötzlich war um den Käfig herum der grüne Wald, und Kasperle spazierte vergnügt hinein. Er nickte ihr noch fröhlich zu, und dann war er verschwunden. Auf einmal aber kam der Herzog gelaufen und die Landjäger und viele, viele Leute, und alle riefen: „Wo ist Kasperle?“ Da fing die kleine Rosemarie an zu lachen, sie lachte und lachte und wachte schließlich von ihrem eigenen Lachen fröhlich auf. Vielleicht wird Kasperle wirklich nicht gefangen, dachte sie getröstet.
Auf der Bergwiese lag das Kasperle und schlief. Der kleine Schelm hörte kein Hundegebell, kein Hussageschrei, nichts; in die einsame Höhe drang kein Laut von unten herauf. Und als Kasperle endlich erwachte, da lag die ganze Wiese im Sonnenglanz, und viele feine, zarte, bunte Blüten waren aufgeblüht. Wie ein grünseidenes Festgewand, mit Edelsteinen bestickt, breitete sich die Wiese vor dem Kasperle aus. Das rieb sich staunend die Augen. Wie wunderschön war es hier! Im Halbkreis umschloß der hohe Tannenwald die Wiese, und über ihr stiegen steile Bergspitzen himmelan. Darüber glänzte der Himmel tiefblau, und ein feines Summen und Schwirren erfüllte die Luft. Bienen, Käfer, Fliegen und bunte Falter flogen von Blüte zu Blüte, und hoch in der Luft kreiste ein Vogel. Ein Adler war es, doch das wußte Kasperle nicht, sonst hätte er sich wohl vor dem König der Vögel gefürchtet. Kasperle schaute und schaute, er vergaß darüber seine Not, bis auf einmal sein Mäglein mit einem lauten Gerumpel mahnte: „Frühstückszeit ist lang vorbei!“
Ja, Frühstück, woher das nehmen? Kasperle fuhr in seine Taschen, die waren leer, und es half ihm nichts, daß er an die gefüllten Speisekammern im Schloß dachte, und an den Kuchen, den Sultan gefressen hatte. Und Beeren, mit denen er wenigstens ein kleines Loch im Magen hätte ausfüllen können, gab es auch nicht. Vom Blumenduft aber kann kein Kasperle satt werden.
Er erhob sich also und beschloß weiterzuwandern. Über die Berge hinüber, dachte er; bis dahin würden sie ihm doch vom Schloß aus nicht nachkommen. Wie hoch die Berge waren, ahnte er gar nicht. Er begann tapfer zu laufen, überquerte die schöne Blumenwiese, und dann ging das Klettern los. Wohl eine Stunde mochte er gestiegen sein, als er einen schmalen Pfad sah, der am Berge dahinlief. Dem Weg war freilich anzusehen, daß er nicht oft begangen wurde; ein Weg führt aber meist zu einem Ziel, und Kasperle rannte, so schnell er konnte, den Pfad entlang. Sein Hunger war inzwischen riesengroß geworden, und auf einmal meinte er, er könne nicht weiter; er setzte sich auf einen Stein und begann bitterlich vor Herzeleid und Hunger zu weinen.
Da ertönte plötzlich ein feines Klingen, es schwoll an, wurde stärker und stärker, und das Kasperle dachte: So klang es doch immer Sonntags im Waldhaus, wenn sie in Schönau zur Kirche läuteten! Heisa, da mußte eine Kirche in der Nähe sein! Und wo eine Kirche war, wohnten Menschen. Da rannte Kasperle auch den Glockentönen nach. Er brauchte nicht weit zu gehen, nur um einen Felsen herum, da sah er schon tiefer unten ein Dorf liegen. Um ein große, weiße Kirche scharten sich die Häuser; friedsam und behaglich sah das aus. Aus jedem Schornstein aber stieg lustig ein feines Rauchwölkchen zum Himmel empor. Da merkte Kasperle, es war Mittagszeit, und die Glocke läutete diese ein. Sie rief und lockte, und Kasperle wäre am liebsten kopfüber den Berg hinabgekugelt, um da unten mitzuschmausen. Er blieb aber doch still auf dem Berge sitzen, weil er sich fürchtete, unter die Menschen zu gehen. Wenn nur nicht der schreckliche Hunger gewesen wäre! Kasperle bog sich ganz zusammen, so hungrig war er, und weinend sah er auf das Dorf hinab. Ach, die hatten es unten alle gut! Die waren nicht so mutterseelenallein und verlassen wie das arme Kasperle!
Von dem Dorf stieg just um diese Zeit ein Mann zu den hohen Bergen empor. Es war dies Herr Habermus, der Schullehrer. Der wollte auf der schönen Bergwiese, über die Kasperle vorher gelaufen war, Blumen suchen. Dort wuchsen seltene Heilkräuter, und Herr Habermus war ein kräuterkundiger Mann. In das einsame Dorf, das den Namen Waldrast führte, kamen wenig Menschen, und wenn Krankheit herrschte, war es mühsam und beschwerlich, einen Arzt herbeizuholen. Da gingen dann die Dörfler lieber zu ihrem Schullehrer; der half ihnen mit seinen Kräutertränklein, so gut es ging. An diesem schönen, hellen Tag nun gedachte Herr Habermus seine grüne Botanisierbüchse voll Kräuter zu füllen und fand dafür das weinende Kasperle. „Jemine,“ schrie er, als er den Kleinen erblickte, „was ist denn das?“ Er dachte wirklich, es sei ein Berggeistlein oder so etwas, obgleich er eigentlich nicht an solche Dinge glaubte. Aber das Kasperle kam ihm doch zu sonderbar vor, auch war dieser Bergpfad gar kein Weg, auf dem sonst Fremde daherkamen. „Heda!“ rief er und packte das weinende Kasperle. „Wo kommst du denn her? Wo willst du hin? Warum weinst du denn?“
Drei Fragen auf einmal, das war ein bißchen viel. Kasperle sagte schluchzend wieder sein Sprüchlein her, er sei ein armes verlassenes Waisenbüble und wolle in die weite Welt gehen.
Herr Habermus hatte ein gutes, mitleidiges Herz, dem tat Kasperle gleich ungemein leid. „Nun, nun,“ sagte er, „da mußt du nicht so schrecklich weinen; in der weiten Welt wird schon noch Platz für so ein Büble sein!“
„Ich hab’ doch Hunger!“ schrie Kasperle so laut und kläglich, daß Herr Habermus gleich ganz erschrocken seine grüne Büchse um und umdrehte. Die hatte ihm seine liebe Frau mit Butterbroten und Pfingstkuchen wohl gefüllt, und der Schullehrer drückte Kasperle Brot und Kuchen in die Hände und wollte gerade ermahnen: „Iß!“ da — schrippschrapp! hatte Kasperle schon beides in seinen großen Mund gesteckt. Schluck, schluck, hinunter war es!
„Potzwetter,“ schrie Herr Habermus, „du kannst das Essen gut!“ Er füllte wieder Kasperles Hände, und wieder schluckte der eins, zwei, drei! alles hinab. Es wird nicht reichen, dachte Herr Habermus bekümmert. Aber es reichte. Kasperle wurde plumpsatt, und der Schullehrer sagte: „Nun erzähl’ mir mal, wo du eigentlich herkommst.“
Das war eine schwere Sache. Kasperle erzählte verlegen von Protzendorf, er klagte Damian und Florian bitter an, und der gute Herr Habermus dachte, der kleine Schelm sei wer weiß wie lange dort Gänsehirt gewesen. „Bist du denn auch ordentlich dabei in die Schule gegangen?“ fragte er mitleidig.
„In die Schule?“ Kasperle riß seinen Mund vor Erstaunen noch weiter auf als zuvor aus Hunger. Denn daß er, ein Kasperle, jemals in eine Schule gehen sollte, daran hatte er nie gedacht. „Nä!“ rief er und schüttelte immerzu den Kopf. „In die Schule, — nä!“
„Nanu, bist du überhaupt noch nicht in eine Schule gegangen?“ fragte Herr Habermus ordentlich entsetzt.
„Nä, nie!“ Das ganze Kasperle wackelte nun hin und her, und Herr Habermus schüttelte auch den Kopf; das war doch wirklich eine schlimme Geschichte! Hier mußte geholfen werden, der Bube mußte in die Schule gehen. Ei, das wäre noch etwas, ein Büble in der weiten Welt herumlaufen zu lassen, immer an der Schule vorbei! „Das geht nicht,“ rief er; „mein Sohn, du mußt in die Schule gehen!“
Hätte der gute Herr Habermus gerufen: „Kasperle, ich muß dir die Ohren abschneiden,“ dann hätte es den nicht mehr erschrecken können. Im Waldhaus hatte Meister Friedolin manchmal gedroht: „Na warte, ich schicke dich noch in die Schule!“ Und Windgustel und Wassergustel, seine Freunde in Protzendorf, hatten ihm gesagt, an der Schule seien nur die Ferien gut. Und Kasperle glaubte dies den beiden Faulpelzen mehr als Herrn Habermus, der jetzt sagte: „Ei, ein rechter Junge muß in die Schule gehen und muß sich darauf freuen, denn in einer Schule ist es wunderschön!“ Und dann legte Herr Habermus den Finger an die Nase; er dachte nach, wie dem Kasperle zu helfen sei. Und als er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: „Mein Sohn, ich nehme dich mit nach Waldrast. Wir haben nur zwei Kinder, also ist Platz im Schulhause. Du kannst der Frau in der Küche helfen und mir beim Kräutersuchen; doch wenn ich Schule halte, spazierst du hinein. Du sollst etwas Ordentliches lernen. So, nun marsch, jetzt gehen wir nach Hause! Das Kräutersuchen lasse ich heute sein. Na, meine Frau wird Augen machen, wenn sie den Gast sieht, den ich mitbringe!“
Dem Kasperle war es zumute, als hätte ihn ein Wirbelsturm rundum gedreht. Auf einmal sollte er, das richtige, echte Kasperle, in eine Schule gehen! Wie würde denn das sein? Ganz verwirrt ging er hinter dem Schullehrer her, der auf einem schmalen Zickzackweg ins Tal hinabstieg. So kamen sie beide am Dorf an, und gleich am ersten Haus unter einer großen Tanne saßen etliche Buben und Mädel. Die staunten über den seltsamen Buben, der da mit hängendem Kopf hinter ihrem Schullehrer hertrabte. Flink liefen sie nach, um sich das Kasperle genauer anzusehen. Dies Angeschaue verdroß Kasperle, er drehte sich auf einmal blitzschnell um und machte sein Räuberhauptmanngesicht.
„Huhuhu!“ Die Mädel kreischten laut, die Buben lachten, Herr Habermus aber drehte sich ärgerlich um. „Was soll denn der Lärm?“ fragte er.
„Der da macht so ’n komisches Gesicht!“ Lauter kleine Zeigefinger streckten sich aus und deuteten auf Kasperle.
Doch da wurde Herr Habermus ernstlich böse. „Schämt euch!“ rief er. „Was kann der arme Junge für seine große Nase! Ein armes Waisenkind ist’s, dem es arg schlecht gegangen ist in der Welt. Komm nur, Kasper, morgen in der Schule werden sie sich schon mit dir vertragen!“ Und Herr Habermus stapfte wieder voran und das Kasperle hinterher.
Nach drei Schritten drehte der sich um und schnitt sein allerdümmstes Kasperlegesicht. Die Kinder kreischten laut vor Vergnügen, und der Schullehrer drehte sich wieder um. „Aber Kinder,“ mahnte er strenge, „was soll der Lärm!“
Und wieder streckten sich lauter kleine Zeigefinger aus, und wieder ertönte es im Chor: „Der da macht so ’n komisches Gesicht!“
„Kasper!“ Herr Habermus sah seinen kleinen Schützling fragend an, doch der sah so unschuldig drein, als könne er kein Wässerlein trüben. „Dumm, dumm!“ brummte der Schullehrer und ging weiter, denn das Schulhaus lag ganz am andern Ende des Dorfes. Trapp, trapp folgte Kasperle ihm. Da kam eine Schar Gänse angewatschelt, und flugs schnitt Kasperle auch denen sein Räubergesicht. Gab das ein Geschnatter und Geschrei! Die Gänse wuselten erschrocken durcheinander, die Kinder lachten, und Herr Habermus drehte sich wieder ärgerlich um. Da sah er wieder das Kasperle mit gesenktem Kopf ganz bescheiden hinter sich gehen, und er schalt auf Kinder und Gänse. „Geht heim,“ gebot er den Kindern, „laßt mir den Kasper in Frieden!“ Dann nahm er selbst Kasperle an der Hand und führte ihn seinem Hause zu, denn so ganz traute er dem Schelm doch nicht.
Die Frau Schullehrer sah arg erstaunt drein, als ihr Mann so bald schon und mit einem so sonderbaren Kerl zurückkehrte. „Jemine,“ rief sie, „was bringst du da für einen Popanz mit? Der sieht ja aus wie ’n Kasperle aus ’ner Jahrmarktsbude!“
Herr Habermus war sehr gekränkt. Er erklärte seiner lieben Frau, wie er Kasperle gefunden habe, und der Schlingel stand trübselig dabei und machte ein so unschuldiges Gesicht, daß er der Frau, die von heiterer Güte war, bitter leid tat. Sie nahm den Kleinen freundlich an der Hand und führte ihn in das Haus hinein.
Drinnen gab es freilich Geschrei und arg böse Blicke bei Kasperles Anblick. Für das Geschrei sorgten Lenchen und Lorchen Habermus, die drei- und vierjährig und noch ein bißchen dumm waren. Sie hörten freilich bald wieder auf zu schreien, als Kasperle ein lustiges Gesicht aufsetzte, ja sie jauchzten ihm vergnügt zu. In das laute Gelächter stimmte nur die Base Mummeline nicht ein; sie war es, die das arg böse Gesicht machte. Wie eine Gewitterwolke sah sie drein. Ihr paßte nicht der Gast im Hause, der unnütze Esser, und ihr gefiel das ganze Kasperle nicht. „Wie ein Spatzenschreck sieht er aus,“ behauptete sie und sah den Kleinen scheel an.
Dem Kasperle gefiel die Base Mummeline auch recht wenig. Er merkte gleich, an der hatte er keine gute Freundin. Drum machte er blitzschnell, als ihn die Base beim Abendessen so unwirsch ansah, sein Räubergesicht. „Hach,“ kreischte die Base, „wie sieht der Bengel aus! Man muß sich fürchten.“
Weil aber Kasperle, der Schelm, wohl aufgepaßt hatte, daß just niemand anders sein Räubergesicht sah, und er dann flink wieder ganz unschuldsvoll dreinblickte, schalt die Lehrerin: „Aber Base, das Büble tat doch nichts! Sei nicht so ungut!“
„Hach!“ Die Base fiel fast vom Stuhl vor Schreck. „Jetzt, jetzt hat er wieder so ausgeschaut,“ jammerte sie. „O du meine Güte, mit dem gibt’s noch ein Unglück!“
Der gute Herr Habermus sah etwas bedenklich drein. Es fiel ihm ein, wie die Kinder gekreischt und gelacht hatten, als er mit Kasperle durch das Dorf gegangen war, er sah auch in Kasperles Augen den Schalk glitzern und funkeln, da dachte er: Ich muß wohl aufpassen. Und als die Base Mummeline mal wieder „hach!“ und „ach!“ schrie, sagte er streng: „Nun ist’s genug; Kasper geht ins Bett. Er soll sich heute ausschlafen; morgen fängt die Schule wieder an, da muß er tüchtig lernen. Und Dummheiten werden nicht gemacht,“ fügte er drohend hinzu.
Na, ich mache doch nie Dummheiten! dachte Kasperle betrübt, als er sich im Bette ausstreckte. Ich doch nicht! Und dann lauschte er und hörte, wie nach einem Weilchen die Base Mummeline in ihre Kammer ging. Die lag neben der seinen. Da stieg das Kasperle flink auf das Fensterbrett, nahm einen langen Stock, der in einer Ecke lehnte, und bums, bums schlug er an der Base Fenster. Die hatte gerade ihre Haube abtun wollen und fiel vor Schreck mitsamt ihrer Haube kopfüber in die Waschschüssel. Sie pustete und ächzte und meinte nicht anders, als ein Gespenst sei draußen vor ihrem Fenster. Doch plötzlich besann sie sich, nahm ihr Licht und rannte in Kasperles Kammer hinüber. Doch da lag das Kasperle im Federbett ganz still und friedlich und war anzuschauen, als schliefe es. Die Base Mummeline schüttelte den Kopf. Das war doch wohl ein Gespenst gewesen und nicht der fremde Bube. „Hm, hm!“ brummelte sie und ging zur Türe hinaus, da aber drehte sie sich noch einmal um und — „hach!“ kreischte die Base wieder und stolperte vor Eile über ihre Pantoffeln. Das Licht fiel ihr aus der Hand, sie rannte an ihre Türe an und fand nicht in die Kammer. Der Schullehrer und seine Frau kamen angerannt und fragten erschrocken, was der Lärm bedeuten solle. „Da — da drin liegt ein Gespenst!“ jammerte die Base und zeigte nach Kasperles Kammer. „Es ist ein Gespenst!“
„Unsinn!“ Herr Habermus tat die Türe auf und sah hinein. Da lag Kasperle fromm und friedlich im Bett und schlief, er schnarchte sogar ein wenig. „Was die Base nur hat!“ brummte Herr Habermus ärgerlich und schloß sachte Kasperles Kammertüre. Ach, dessen bitterböses Räubergesicht hatte eben nur die Base Mummeline zu sehen bekommen, und die schlief die halbe Nacht nicht vor Grausen über den unheimlichen kleinen Gast.
Am nächsten Tag ging Kasperle zum ersten Male in die Schule. Er war sehr brav aufgestanden, hatte still am Frühstückstisch gesessen, und selbst die Base Mummeline hatte gedacht: Er ist doch gar nicht so schlimm. Dann wanderte Kasperle an Herrn Habermus’ Hand hinüber in die Schulstube, und der Schullehrer sagte: „Hier bringe ich euch einen neuen Mitschüler.“
Ein wildes Geschrei erhob sich. Herr Habermus sah ganz verdutzt drein; so waren doch sonst seine Schulkinder nicht. Er sah die an, er sah Kasperle an; der stand ganz still mit einem sehr dummen Gesicht neben ihm. „Aber stille doch!“ rief Herr Habermus. „Kasper, sage nun einmal allen guten Tag.“
„Guten Tag!“ brüllte Kasperle sehr vernehmlich, und sofort erhob sich ein allgemeines jauchzendes Gelächter. Buben, Mädel, Kleine, Große, alle lachten sie, manche quiekten hoch wie kleine Schweinchen, manche brummten wie Bären dazwischen. Gar nicht aufhören konnten sie. Und Kasperle lachte mit. Der riß seinen Mund auf, als sollte eine Kutsche mit vier Pferden bespannt hineinfahren.
Herr Habermus stand ganz verdutzt da. Er wußte nicht recht, lachte Kasperle, weil die Kinder lachten, oder lachten die über Kasperle. „Aber Kinder, Kinder!“ rief der Lehrer mahnend, der nicht ahnte, daß eben Kinder immer über ein echtes Kasperle lachen müssen, sie mögen wollen oder nicht. Und Herrn Habermus erging es sonderbar. Er wollte heftig schelten und konnte nicht. Das Lachen steckte an. Wenn er das lachende Kasperle ansah, dann zuckte es ihm um die Mundwinkel, er mußte immer fortsehen. „Jetzt setze dich einmal, da gleich vornhin,“ sagte er endlich, und Kasperle ging gehorsam an den Platz und setzte sich. Da ebbte das Lachen ab, denn nun konnten die Kinder alle Kasperle nicht von vorn sehen.
Herr Habermus atmete auf. Endlich trat Stille ein, und die Schule konnte beginnen. Erst sangen die Kinder ein Lied, und Kasperle hörte fein andächtig zu; das gefiel ihm gut. Danach sollten die Kleinen schreiben und die Großen biblische Geschichten erzählen. Herr Habermus trat zu Kasperle und zeigte dem, wie er schreiben müßte: auf, ab, und Kasperle fuhr flink auf und ab über die ganze Tafel, dazu nahm er noch die linke Hand.
„Linkshänder!“ schalt Herr Habermus, „nimm die rechte!“
„Er nimmt wieder die linke!“ rief plötzlich jemand von hinten vor. Das dicke Jaköble hatte es gerufen, und gleich schrieen ein paar nach: „Er nimmt immer die linke!“
„Die rechte Hand sollst du nehmen, Kasper!“ mahnte Herr Habermus.
Kasperle grinste und drehte sich um, und gleich fing die ganze Klasse zu lachen an. Da wurde der Lehrer ärgerlich. „Kasper,“ rief er, „weißt du nicht, was links und rechts ist?“
„Nä,“ sagte Kasperle. Er wußte das wirklich nicht. In seinem Schlaf hatte er vielerlei vergessen, darunter auch dies, und die Waldhausleute hatten es ihm noch nicht wieder beigebracht.
Ei du lieber Himmel! Herr Habermus seufzte, die Kinder lachten, und Kasperle lachte mit. Da war es wieder so laut wie nie zuvor im Schulzimmer, und der Lehrer wollte böse werden und konnte nicht. „Bleib ganz still sitzen, Kasper,“ gebot er, „und höre zu!“ Da blieb Kasperle steif sitzen und sperrte wieder den Mund himmelweit auf. Herr Habermus erzählte und fragte, die Kinder hoben die Hände und antworteten. Das gefiel Kasperle ganz ungemein, und auf einmal hob er auch seine Hände empor, beide zugleich. „Na, was weißt du denn?“ fragte der Lehrer. Er wollte gerade die Namen der zwölf Jünger wissen und nickte Kasperle zu, da schrie der laut: „Windgustel!“
„Waaas?“ Herr Habermus meinte nicht recht gehört zu haben, die Kinder jauchzten wieder, und Kasperle sah sich strahlend rundum und brüllte vernehmlich: „So, ja, er ist jünger als Wassergustel.“
„So ein Schafskopf!“ Herr Habermus dachte es nur, er hätte es aber beinahe gerufen. Er sagte jedoch streng: „Still jetzt, und du, Kasper, hebe die Hände nicht mehr, hör’ zu!“
Da wurde es wieder stiller, das Fragen ging weiter, die Kinder wußten gut Bescheid, die Hände flogen nur so hoch. Kasperle fand das wieder sehr spaßhaft, er hätte gerne mitgetan, aber die Hände sollte er ja nicht hochheben. Doch warum nicht die Beine? Das ging doch auch! Und hops! pendelten plötzlich Kasperles Beine in der Luft herum.
So etwas war noch nie vorgekommen. Die ganze Klasse schrie, lärmte und lachte, und der sonst so geduldige Lehrer wurde schlimm böse. Rausche, bausche, packte er Kasperle und setzte den recht unsanft auf die Bank nieder. Es krachte ordentlich, und Kasperle sah tief erschrocken drein. Er hatte doch nichts Arges tun wollen, und für ein Kasperle ist das Beine-in-die-Luft-Strecken kein schlimmes Ding. Er blieb ganz steif und starr sitzen, es wurde wieder Ruhe im Zimmer, und der Unterricht ging weiter.
Nach ein paar Minuten schon aber ertönte ein ganz helles Stimmlein, das rief: „Er weint!“ Die kleine Bärbe hatte es gerufen, und flugs schauten alle Waldraster Mädel und Buben zu Kasperle hin, denn nur der konnte gemeint sein. Und Kasperle weinte wirklich, aber wie! Die Tränen rannen stromweise über sein Gesicht, und auf einmal fing Kasperle ein Gebrüll an, als heulten mindestens sechs Buben zusammen. So jämmerlich klang es, daß gleich ein paar Mädel auch zu weinen begannen. Da mußte der gute Herr Habermus trösten, er sagte zu Kasperle: „Sei nur still, ich bin nicht mehr böse! Wenn du so heulst, kommt ja noch die ganze Stube unter Wasser.“
Weg waren da Kasperles Tränen, gleich war er wieder putzvergnügt, er grinste, schaute nach rechts, schaute nach links, schaute hinter sich, und wieder brach die ganze Klasse in ein jubelhelles Lachen aus.
Es war zum Verzweifeln an diesem Tag! Zum erstenmal wurde Herr Habermus mit seiner Klasse nicht fertig. Ja, und dabei merkte er es doch, niemand war eigentlich ungezogen, niemand wollte ihn ärgern. Es war wie verhext.
„Wir wollen singen,“ sagte er endlich. Er dachte: Darüber vergessen sie am besten das Lachen, und die Kinder klappten auch alle vergnügt ihre Bücher zu; singen taten sie alle gern. „Also zuerst: Der Mai ist gekommen,“ sagte Herr Habermus. „Kasper, kennst du das Lied?“
„Nä!“ schrie Kasperle vergnügt.
„Wir sagen’s ihm vor,“ riefen ein paar Stimmen.
„Sagt mal zuerst das Lied her!“ gebot Herr Habermus.
Das taten die Kinder, und nun geschah etwas Wunderbares. Kasperle stand auf und sagte ihnen gleich das ganze Lied nach. Da staunten alle, und der Lehrer, der dachte: Halt, der Schelm hat es gekonnt! sagte ihm schnell ein paar andere Verse vor, und Kasperle wiederholte die gleich. Herr Habermus sah auf das schreckliche Gekracksel, das der Bube auf seiner Tafel angestellt hatte, und er wunderte sich sehr. Erst hatte er gedacht: Der Kasper ist ja fürchterlich dumm! jetzt fand er ihn doch nicht so beschränkt. Wer so fix auswendig lernen konnte, der würde schon vorwärtskommen, meinte er. Er nickte Kasperle ganz freundlich zu, dann nahm er seine Geige, und die Singerei sollte beginnen.
Singen kann aber kein Kasperle, nur brüllen. Und Kasperle brüllte mit der allerschrillsten Stimme in den Gesang hinein, und jäh wurde aus der Singerei ein lautes Gelächter.
„Kasper, schweig!“ rief Herr Habermus. „Du lernst in deinem Leben nicht singen.“
Ach du lieber Himmel, das hatte schon Liebetraut immer gesagt! Kasperle schwieg traurig, er hätte doch so gern mitgesungen, aber dann saß er ganz andächtig da, hörte zu und sah wieder so unschuldig drein, als könnte er keine kleinen Dummheitle machen.
Herr Habermus dachte wieder: Er ist nicht schlimm, ja eigentlich ist’s ein lieber, lustiger Kerl, ich will schon Geduld mit ihm haben. Er war an diesem Tage aber froh, als die Schule zu Ende war, während die Kinder alle gerade heute noch himmelgern geblieben wären. Sie drückten sich sehr langsam aus den Bänken heraus, und da der Lehrer nicht wie sonst wartete, bis alle hinaus waren, sondern zuerst hinausging, vergaßen die Kinder alle miteinander das Heimgehen.
Herr Habermus saß schon ein ganzes Weilchen in seiner Stube und ordnete Pflanzen ein, als seine Frau kam und sagte: „Drüben im Schulzimmer ist ja so arger Lärm! Sind denn die Kinder nicht heimgegangen?“
Der Schullehrer lief eiligst hinüber. Schon draußen hörte er die Kinder lachen, und als er mit einem Ruck die Türe aufriß, sah er das Kasperle auf dem Katheder sitzen. Der hatte ein Bein drüber hängen, ein Bein untergeschlagen, und so erzählte er die Geschichte, wie Damian ins Wasser gefallen war.
Die Kinder umstanden alle das Katheder wie eine Jahrmarktsbude, und das Kasperle schwätzte auch wie auf einem Jahrmarkt. Und niemand sah und hörte den Lehrer kommen. Nur das Kasperle sahen die Kinder, und immer von neuem gellte ihr Lachen auf. Aber wie spaßig das Kasperle auch war, was es für Gesichter schneiden konnte!
Potzwetter, so ein Bube! Herr Habermus mußte an sich halten, um nicht mitzulachen, und ein paar Minuten schaute er stille zu, dann rief er in den Lärm hinein: „Wollt ihr wohl heimgehen!“
Der Schreck! Kasperle rutschte blitzschnell vom Katheder herunter, und die Buben und Mädel standen verwirrt und betroffen. Sie wußten gar nicht recht, wo sie eigentlich waren, sie hatten nur das Kasperle gesehen, nur an ihn gedacht. Doch Herr Habermus sah eigentlich nicht böse drein, nur ein bißchen betrübt. Er dachte nämlich: Ja, was habe ich da für einen kleinen Narren ins Haus gebracht! Wie soll das mit ihm werden? Er nickte den Kindern zu und sagte nur noch einmal: „Geht nun aber heim!“ Und da leerte sich das Schulzimmer im Umsehen. Auf einmal hatten es alle sehr eilig heimzukommen, sie purzelten beinahe über ihre eigenen Beine. Draußen schauten ein paar Bauern verwundert zu, die sagten zueinander: „Da hat’s doch was gegeben, und wie spät die Schule aus ist! Gar haben sie alle nachsitzen müssen.“
Die Kinder liefen alle eiligst ihren Heimstätten zu, und die meisten fingen schon draußen vor der Türe an, von dem wunderlichen neuen Schulgefährten zu erzählen. Den holte Herr Habermus inzwischen unter dem Katheder hervor, stellte ihn vor sich hin und sagte streng, doch nicht böse: „Kasper, was bist du für ein unnützer Strick!“
Kasperle schaute betrübt zu dem Lehrer auf. „Ich hab’ doch nur gekaspert!“ antwortete er kläglich.
„Ja, du bist doch —“ Herr Habermus stockte, er wollte sagen: „kein Kasper“, da sah er seinen Schützling an und dachte erschrocken: Er sieht doch wirklich wie Kasperle aus! Jemine, wen habe ich mir da ins Haus gebracht! Aber da steckte Kasperle zutraulich seine Hand in die seine und sah ihn so traurig bittend an, daß all sein Ärger verging. „Nun komm nur mit, du Schelm!“ sagte er. „Auf dem Katheder darfst du mir aber nicht mehr kaspern.“
„Nä,“ versprach Kasperle treuherzig, und dann nahm er seine neue Schiefertafel, die der Lehrer ihm geschenkt hatte, unter den Arm und schlitterte vergnügt hinter Herrn Habermus drein. Er schlitterte in die Wohnstube hinein und prallte unversehens mit der Base Mummeline zusammen. Die hatte gerade eine Schüssel Milch in den Händen, und da lagen dann plötzlich Base, Milch, Kasperle und Schiefertafel auf der Erde, und es gab ein allgemeines Zetergeschrei. „Er hat’s mit Absicht getan!“ kreischte die Base, die sich aus dem Milchsee aufrichtete. „Hach, jetzt sieht er mich wieder so an!“
„Er konnte nichts dafür,“ sagte die Frau Lehrerin. „Ich hab’s gesehen, nur ein bißchen geschwinde ist er zur Türe hereingekommen.“
„Er hat’s mit Absicht getan. Hach, das schreckliche Gesicht!“ Die Base Mummeline stand wütend und scheltend auf, und bitterböse saß sie dann am Tisch. Da wagte Kasperle gar nicht aufzusehen, sein Räubergesicht machte er auch nicht, denn er hatte Angst vor der Base Mummeline.
Nach Tisch gab es ein Ruhestündchen für den Lehrer, auch Lenchen und Lorchen sollten schlafen, obgleich sie heftig verlangten, sie wollten mit Kasperle spielen. Zu dem sagte die Frau Lehrerin: „Geh du und tummle dich draußen herum, macht aber keinen Lärm um das Schulhaus herum!“ Bei sich dachte die gütige Frau: Es ist ihm schon zu gönnen, daß er etwas spielt, und hier im Hause möchte die Base Mummeline doch immerzu schelten.
Kasperle sprang vergnügt hinaus, und kaum war er draußen, da packten ihn ein paar Buben. „Komm mit, du mußt uns noch was vorkaspern,“ baten sie.
„Nicht hier,“ sagte Kasperle ängstlich, „ich soll keinen Lärm machen.“
„Komm, wir gehen in Lappenmeyers alten Schuppen, da sieht uns niemand,“ schlug der lange Blasi vor. Das fanden die andern gut, und so zogen sie dem alten Schuppen zu, und das Trüpplein war wie eine Lawine. Es wuchs und wuchs unterwegs, Buben und Mädel fanden sich dazu, und dann verschwanden sie alle in Lappenmeyers altem Schuppen. Der lag abseits vom Dorf, mitten auf einer Wiese.
An diesem Nachmittag wunderten sich allerlei Leute in Waldrast. Ein paar Frauen sagten zueinander: „Warum die Kinder heute nur nicht in die Schule gehen? Wo stecken sie denn?“
„Ja, wo sind sie denn?“ fragte die Krämerfrau, die das hörte.
Da trat Herr Habermus aus dem Schulhaus heraus und fragte: „Wo sind denn die Kinder?“ Und seine liebe Frau trat neben ihn und schwang und schwang immerzu die Schulglocke. Die bimmelte zuletzt ganz zornig ins Weite: Die Schule fängt an, die Schule fängt an! Doch niemand hörte darauf: keine Bubenbeine, keine Mädelbeine kamen angetrabt, es blieb alles still. Nur von den Erwachsenen kamen mehr und mehr, ein paar erzählten, sie hätten die Kinder alle miteinander laufen sehen, aber wohin, das wußte niemand.
„Sie sind vielleicht in den Wald gegangen,“ sagte Frau Veronika Lappenmeyer.
„Aber es ist doch Schule!“ rief Herr Habermus entrüstet. In den Wald konnte man schon gehen in Waldrast, denn der dehnte sich vom Dorf entlang bis tief, tief ins Tal hinein, viele Stunden weit.
Indem kam ein Bursche mit einem Heuwagen angefahren. Der rief: „Frau Lappenmeyer, was ist denn in Ihrem Schuppen auf der Wiese los? Da drin brüllt es ja fürchterlich!“
Die Kinder sind’s mit Kasper. Herr Habermus dachte das nur, er rannte aber gleich los, die Dörfler folgten ihm, und alle miteinander drängten sie ihm nach, als er die Scheunentüre aufriß. Da waren sie wirklich. Kasperle saß hoch oben unter dem Gebälk, und unten standen Mädel und Buben und starrten lachend hinauf zu dem neuen Gefährten, der sich drehte und verrenkte und den allergrößten Unsinn schwätzte.
„Bimmelim, bimmelim, bimmelim!“ Die Frau Lehrerin war ihrem Mann mit der Schulglocke nachgelaufen, und in das Lachen und Jauchzen der Kinder hinein ertönte der wohlbekannte Klang. Alle erschraken, alle schauten sich verwirrt um. War es wirklich schon Schulzeit?