(Sie geht rechts hinaus.)
ROSMER (hält ihn zurück). Sagen Sie mal, kann ich sonst nichts für Sie tun?
BRENDEL. Ich weiß wahrhaftig nicht was. Donnerwetter – ja da fällts mir ein –! Johannes, – hast du zufällig acht Kronen in der Tasche?
ROSMER. Wollen mal sehn. (Öffnet das Portemonnaie.) Hier sind zwei Zehnkronenscheine.
BRENDEL. Ja ja, das macht nichts. Ich nehm sie. Kriege sie in der Stadt schon gewechselt. Vorläufig meinen Dank. Vergiß nicht, es waren zwei Zehner, die du mir geliehen hast. Gute Nacht, mein einziger lieber Junge! Gute Nacht, hochedler Herr!
(Er geht nach rechts, wo ROSMER Abschied von ihm nimmt und die Tür hinter ihm schliesst.)
KROLL. Barmherziger Gott, – das also war jener Ulrich Brendel, von dem einst die Leute glaubten, er würde noch mal ein großer Mann!
ROSMER (ruhig). Jedenfalls hat er den Mut gehabt, das Leben nach seinem eignen Sinn zu leben. Mir scheint, das ist nicht wenig.
KROLL. Was! Solch ein Leben wie dieses! Ich glaube fast, er wäre fähig, dir noch mal den Kopf zu verdrehen.
ROSMER. Ach nein. Jetzt bin ich in jeder Beziehung mit mir im reinen.
KROLL. Gott geb es, lieber Rosmer. Denn du bist so außerordentlich empfänglich für fremde Eindrücke.
ROSMER. Setzen wir uns. Ich hab mit dir zu reden.
KROLL. Ja, setzen wir uns. (Sie setzen sich aufs Sofa.)
ROSMER (nach kurzem Schweigen). Findest du nicht, daß wir hier ein angenehmes behagliches Leben führen?
KROLL. Ja, hier ist es jetzt angenehm und behaglich – und friedlich. Du, Rosmer, hast dir eine Häuslichkeit geschaffen. Und ich hab die meine verloren.
ROSMER. Wie kannst du nur so reden, lieber Kroll? Die Wunde wird schon wieder heilen.
KROLL. Nie. Niemals. Der Stachel bleibt. Wie es war, kann es nie wieder werden.
ROSMER. Hör mich an, Kroll. Durch viele, viele Jahre haben wir beiden uns nahe gestanden. Hältst du es für denkbar, daß unsre Freundschaft mal Schiffbruch leiden könnte?
KROLL. Auf der ganzen Gotteswelt wüßt ich nichts, was uns entfremden könnte. Wie kommst du darauf?
ROSMER. Weil du auf die Übereinstimmung in Meinungen und Ansichten ein so entscheidendes Gewicht legst.
KROLL. Nun ja. Aber wir beiden sind ja so ungefähr einig. Jedenfalls in den großen Haupt- und Kernfragen.
ROSMER (leise). Nein. Jetzt nicht mehr.
KROLL (will aufspringen). Was heißt das!
ROSMER (hält ihn zurück). Nein, bleib ruhig sitzen. Ich bitte dich, Kroll.
KROLL. Was bedeutet das? Ich versteh dich nicht. Sprich deutlich!
ROSMER. Ein neuer Sommer hat mein Geistesleben befruchtet. Ich sehe wieder mit den Augen der Jugend. Und darum steh ich jetzt dort –
KROLL. Wo, – wo stehst du?
ROSMER. Dort, wo deine Kinder stehn.
KROLL. Du? Du! Das ist ja unmöglich! Wo behauptest du zu stehn?
ROSMER. Auf derselben Seite, wo Lorenz und Hilda stehn.
KROLL (lässt den Kopf sinken). Abtrünnig. Johannes Rosmer abtrünnig.
ROSMER. Ich wäre so froh, so von Herzen glücklich gewesen über das, was du meine Abtrünnigkeit nennst. Aber ich litt furchtbar darunter. Denn ich wußte, es würde dir bittres Leid verursachen.
KROLL. Rosmer, – Rosmer! Das verwind ich niemals. (Sieht ihn traurig an.) O, daß auch du mitwirken, mit Hand anlegen kannst bei dem Werke der Zerstörung und Vernichtung in diesem unglücklichen Lande!
ROSMER. Es ist das Werk der Befreiung, an dem ich mitwirken will.
KROLL. Ach ja, ich weiß. So nennen es die Verführer und die Verführten. Aber glaubst du denn, von dem Geiste, der jetzt unser ganzes soziales Leben vergiftet, sei irgend welche Befreiung zu erwarten?
ROSMER. Ich schließe mich weder dem jetzt herrschenden Zeitgeist, noch einer der streitenden Parteien an. Ich will versuchen, von allen Seiten Menschen zu sammeln. Soviel wie möglich; und sie so fest vereinen, als ich vermag. Ich will leben und all meine Lebenskräfte dem einen Zwecke weihen, eine wahre Demokratie hier im Lande zu schaffen.
KROLL. Du bist also der Ansicht, wir hätten noch nicht Demokratie genug! Ich für meine Person finde vielmehr, wir alle miteinander sind auf dem besten Wege in den Schmutz zu geraten, worin sonst nur der Pöbel sich wohl fühlt.
ROSMER. Eben deshalb kämpf ich für die wahre Aufgabe der Demokratie.
KROLL. Und diese Aufgabe wäre?
ROSMER. Alle Menschen hier im Lande zu Adelsmenschen zu machen.
KROLL. Alle –!
ROSMER. Jedenfalls so viele wie möglich.
KROLL. Durch welche Mittel?
ROSMER. Dadurch, daß die Geister befreit und die Triebe der Menschen geläutert werden.
KROLL. Rosmer, du bist ein Träumer. Willst du die Geister befreien? Willst du die menschlichen Triebe läutern?
ROSMER. Nein, mein Lieber, – ich will nur versuchen, die Menschen aufzurütteln. Handeln, ihre Aufgabe erfüllen, – das müssen sie selber.
KROLL. Und du glaubst, das könnten sie?
ROSMER. Ja.
KROLL. Also durch eigne Kraft?
ROSMER. Ja, nur durch eigne Kraft. Eine andre gibt es nicht.
KROLL (steht auf). Ist das die Sprache eines Priesters!
ROSMER. Ich bin nicht mehr Geistlicher.
KROLL. Ja, aber – der Glaube deiner Kindheit –?
ROSMER. Den hab ich nicht mehr.
KROLL. Hast du nicht mehr –!
ROSMER (steht auf). Den hab ich aufgegeben. Kroll, ich mußte ihn aufgeben.
KROLL (erschüttert, beherrscht sich aber). Ja so. – Ja ja ja. Das eine ist die notwendige Folge des andern. – War das vielleicht der Grund, daß du den Kirchendienst verließest?
ROSMER. Ja. Als ich mir über mich selbst klar geworden, – als ich die volle Gewißheit erlangt hatte, daß es keine bloß vorübergehende Anfechtung war, sondern etwas, wovon ich mich niemals mehr befreien konnte noch wollte, – da ging ich.
KROLL. So lange also hat es in dir gegärt. Und wir, – deine Freunde erfuhren nichts davon. Rosmer, Rosmer, – wie konntest du uns diese traurige Wahrheit verheimlichen!
ROSMER. Weil es, meiner Ansicht nach, eine Sache war, die nur mich selbst anging. Auch wollt ich dir und den andern Freunden keinen unnötigen Schmerz bereiten. Ich glaubte, ich könnte mein altes Leben hier weiter leben: still, heiter und glücklich. Ich wollte studieren und lesen, mich in all die Werke vertiefen, die mir bisher versiegelte Bücher gewesen. Wollte mich mit meinem ganzen Wesen hineinversenken in die große Welt der Wahrheit und Freiheit, die mir offenbart worden.
KROLL. Abtrünnig. Jedes Wort bezeugt es. Aber warum trotzdem dies Bekenntnis deines heimlichen Abfalls? Und warum grade jetzt?
ROSMER. Du selber, Kroll, hast mich dazu gezwungen.
KROLL. Ich? Ich hätte dich dazu gezwungen –!
ROSMER. Als ich von deinem heftigen Auftreten in den Versammlungen hörte, – als ich von all den lieblosen Reden erfuhr, die du dort hieltest, – von all deinen haßgeschwollnen Ausfällen gegen alle, die auf der andern Seite stehn, – von deinem höhnischen Verdammungsurteil über die Gegner –. O, Kroll, daß du, du so werden konntest! Da war mir meine Pflicht unabweisbar vorgeschrieben. Die Menschen werden schlecht in diesem Kampfe. Fried und Freud und Versöhnung müssen wieder in die Gemüter einkehren. Darum tret ich jetzt hervor und bekenne offen, wer und was ich bin. Und dann will auch ich meine Kräfte erproben. Könntest du, Kroll – deinerseits – dich uns nicht anschließen?
KROLL. Nie und nimmer paktiere ich mit den zerstörenden Mächten unsrer Gesellschaft.
ROSMER. So laß uns wenigstens mit ritterlichen Waffen kämpfen, – wenn denn unbedingt gekämpft werden muß.
KROLL. Wer in den entscheidenden Lebensfragen nicht mit mir ist, den kenn ich nicht. Dem schuld ich keine Rücksicht.
ROSMER. Gilt das auch mir?
KROLL. Du selber, Rosmer, hast mit mir gebrochen.
ROSMER. Bedeutet denn dies einen Bruch!
KROLL. Du fragst noch! Es ist ein Bruch mit allen, die dir bisher nahe standen. Jetzt mußt du die Folgen tragen.
(REBEKKA kommt durch die Tür rechts, die sie weit öffnet.)
REBEKKA. So; nun ist er unterwegs zu seinem großen Opferfest. Und jetzt können wir zu Tisch gehn. Haben Sie die Güte, Herr Rektor.
KROLL (nimmt seinen Hut). Gute Nacht, Fräulein West. Hier hab ich nichts mehr zu suchen.
REBEKKA (gespannt). Was bedeutet das? (Schliesst die Tür und kommt näher.) Haben Sie gesprochen –?
ROSMER. Nun weiß er es.
KROLL. Wir lassen dich nicht aus den Fingern, Rosmer. Wir werden dich zwingen, zu uns zurückzukehren.
ROSMER. Ich kehre nie zurück.
KROLL. Das wollen wir sehn. Du gehörst nicht zu denen, die es ertragen, einsam für sich zu stehen.
ROSMER. So ganz vereinsamt bin ich nicht ... Wir sind unser zwei, um die Einsamkeit zu ertragen.
KROLL. Ah –! (Ein Verdacht zuckt in ihm auf.) Auch das! Beatens Worte –!
ROSMER. Beatens Worte –?
KROLL (weist den Gedanken ab). Nein, nein, – das war gemein –. Verzeihe.
KROLL. Nichts mehr davon. Pfui! Verzeih mir. Leb wohl! (Er geht nach der Vorzimmertür.)
ROSMER (folgt ihm). Kroll! So dürfen wir nicht auseinandergehn. Morgen komm ich zu dir.
KROLL (im Vorzimmer, wendet sich um). In mein Haus setzest du keinen Fuß mehr!
(Er nimmt seinen Stock und geht.)
(ROSMER bleibt eine Weile in der offnen Tür stehen; dann schliesst er sie und tritt an den Tisch.)
ROSMER. Das hat nichts zu bedeuten, Rebekka. Wir werden es schon aushalten. Wir beiden treuen Freunde. Du und ich.
REBEKKA. Was meint er mit dem »Pfui«? Kannst du dir das vorstellen?
ROSMER. Meine Liebe, darum zerbrich dir den Kopf nicht. Er glaubte ja selbst nicht daran. Aber morgen geh ich zu ihm. Gute Nacht!
REBEKKA. Auch heute gehst du schon so früh auf dein Zimmer? Nach einem solchen Vorfall?
ROSMER. Heut wie alle Tage. Mir ist so leicht zu Mut, nun es vorüber ist. Du siehst ja, – ich bin ganz ruhig, liebe Rebekka. Nimm es ebenfalls mit Ruhe hin. Gute Nacht!
REBEKKA. Gute Nacht, lieber Freund! Und schlaf wohl.
(ROSMER geht durch die Vorzimmertür hinaus; dann hört man ihn eine Treppe hinaufgehen.)
(REBEKKA geht nach dem Ofen und zieht an einem neben diesem befindlichen Klingelzug. Kurz darauf kommt FRAU HILSETH von rechts.)
REBEKKA. Sie können wieder abdecken, Frau Hilseth. Der Pastor will nichts mehr genießen, – und der Rektor ist nach Haus gegangen.
FRAU HILSETH. Der Rektor ist fortgegangen! Was ist ihm denn über die Leber gelaufen?
REBEKKA (nimmt ihre Häkelei). Er prophezeite, ein schweres Gewitter wär im Anzug –
FRAU HILSETH. Das ist aber seltsam. Heut abend ist ja am ganzen Himmel auch nicht 'n Flöckchen von einer Wolke zu sehn.
REBEKKA. Wenn er nur nicht dem weißen Rosse begegnet. Denn ich fürchte, nächstens bekommen wir hier was zu hören von einem solchen Spuk.
FRAU HILSETH. Gott verzeih Ihn'n die Sünde, Fräulein! Führen Sie doch nicht solch gottlose Reden.
REBEKKA. Nu nu nu –
FRAU HILSETH (leiser). Glaubt Fräulein wirklich, nächstens müsse einer von hier fort?
REBEKKA. Bewahre, das glaub ich nicht. Aber, Frau Hilseth, auf dieser Welt gibt es so viele Arten von weißen Rossen ... Na, gute Nacht. Nun geh ich auf mein Zimmer.
FRAU HILSETH. Gute Nacht, Fräulein.
(REBEKKA geht mit ihrer Häkelei rechts hinaus.)
FRAU HILSETH (schraubt die Lampe herab, schüttelt den Kopf und murmelt vor sich hin): Jesses, – Jesses. Dies Fräulein West. Was die doch manchesmal für Reden führen kann!
ROSMERS Arbeitszimmer. Links die Eingangstür. Im Hintergrunde die zum Schlafzimmer führende Tür, deren Portieren zurückgezogen sind. Rechts ein Fenster, und vor diesem der mit Büchern und Papieren bedeckte Schreibtisch. An den Wänden Bücherregale und -Schränke. Bescheidne Möbel. Links ein altfränkisches Kanapee und vor diesem ein Tisch.
ROSMER sitzt im Hausrock auf einem Stuhl mit hoher Lehne am Schreibtisch. Er schneidet eine Broschüre auf und blättert darin; hin und wieder liest er ein wenig. – Es klopft an die Tür links.
ROSMER (ohne sich umzukehren). Nur herein.
REBEKKA (im Morgenkleide hereinkommend). Guten Morgen.
ROSMER (schlägt in der Broschüre nach). Guten Morgen, meine Liebe. Wünschest du was?
REBEKKA. Ich wollte mich nur erkundigen, ob du gut geschlafen hast.
ROSMER. O, ich habe so schön und ruhig geschlafen. Ohne zu träumen... (Wendet sich). Und du?
REBEKKA. Ja, danke. So gegen Morgen –
ROSMER. Ich weiß nicht, wies kommt, aber seit langer Zeit ist mir nicht so leicht ums Herz gewesen wie jetzt. Ach, es ist wirklich gut, daß ich mich endlich ausgesprochen habe.
REBEKKA. Ja, Rosmer, du hättest nicht so lange schweigen sollen.
ROSMER. Ich begreife selbst nicht, daß ich so feige sein konnte.
REBEKKA. Nun, Feigheit wars eigentlich nicht –
ROSMER. O doch, doch, liebe Rebekka. Wenn ich der Sache auf den Grund seh, etwas Feigheit war doch mit im Spiel.
REBEKKA. Um so mehr Mut gehörte dazu, den Knoten zu zerhauen. (Setzt sich zu ihm auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch.) Aber nun muß ich dir von etwas erzählen, das ich getan habe, – und das du mir nicht übel nehmen mußt.
ROSMER. Übelnehmen? Liebste, wie kannst du glauben –?
REBEKKA. Ja; denn vielleicht wars etwas eigenmächtig von mir gehandelt; aber –
ROSMER. Na, so laß hören.
REBEKKA. Gestern abend, als dieser Ulrich Brendel fortging, – da gab ich ihm ein paar Zeilen an Mortensgaard mit.
ROSMER (etwas bedenklich). Aber, liebe Rebekka –. Nun, was hast du denn geschrieben?
REBEKKA. Ich hab ihm geschrieben, er würde dir einen großen Dienst erweisen, wenn er sich des unglücklichen Menschen ein wenig annehmen und ihm nach besten Kräften forthelfen wollte.
ROSMER. Liebe Rebekka, das hättest du nicht tun sollen. Brendel hast du dadurch nur geschadet. Und Mortensgaard gehört zu denen, die ich mir am liebsten vom Leibe halten möchte. Du weißt ja, was ich mal mit ihm gehabt habe.
REBEKKA. Aber bist du denn nicht der Ansicht, es wäre vielleicht ganz gut, wenn du jetzt wieder in bessre Beziehungen zu ihm kämst?
ROSMER. Ich? Zu Mortensgaard? Aber warum denn?
REBEKKA. Nun, so recht sicher kannst du dich jetzt doch nicht mehr fühlen, – nachdem du mit deinen Freunden gebrochen hast.
ROSMER (sieht sie an und schüttelt den Kopf). Hast du wirklich glauben können, Kroll oder einer der andern würde es versuchen, sich zu rächen –? Sie wären fähig, mich –?
REBEKKA. In der ersten Hitze, lieber Johannes –. Das kann man nie mit Bestimmtheit wissen. Mir scheint, – nach der Art, wie der Rektor es aufnahm –
ROSMER. Du solltest ihn doch besser kennen. Kroll ist ein Ehrenmann durch und durch. Heut nachmittag geh ich nach der Stadt und rede mit ihm. Ich will mit allen reden. O, du sollst sehn, wie leicht es geht –
(FRAU HILSETH erscheint in der Tür links.)
REBEKKA (steht auf). Was gibts, Frau Hilseth?
FRAU HILSETH. Rektor Kroll ist unten im Vorzimmer.
ROSMER (schnell aufstehend). Kroll!
REBEKKA. Der Rektor! Ists möglich –!
FRAU HILSETH. Er fragt, ob er raufkommen und den Herrn Pastor sprechen könnte.
ROSMER (zu REBEKKA). Was sagt ich!... Natürlich kann er das. (Geht zur Tür und ruft die Treppe hinunter.) Komm doch herauf, lieber Freund! Bist herzlich willkommen!
(ROSMER steht in der Tür und hält sie offen. – FRAU HILSETH geht. – REBEKKA zieht die Portieren vor der Tür zum Schlafzimmer zu. Dann ordnet sie dies und jenes.)
(KROLL tritt mit dem Hute in der Hand ins Zimmer.)
ROSMER (leise, bewegt). Ich wußte ja, es war nicht das letzte mal –
KROLL. Heut seh ich die Dinge in einem ganz andern Licht als gestern.
ROSMER. Ja nicht wahr, Kroll? In einem ganz andern Lichte! Jetzt, nachdem du darüber nachgedacht hast –
KROLL. Du mißverstehst mich vollständig. (Legt den Hut auf den Tisch neben dem Kanapee.) Es liegt mir daran, unter vier Augen mit dir zu sprechen.
ROSMER. Warum soll denn Fräulein West nicht –?
REBEKKA. Nein nein, Herr Rosmer. Ich geh.
KROLL (sieht sie von oben bis unten an). Und dann muß ich das Fräulein um Entschuldigung bitten, daß ich so früh am Tage komme. Daß ich sie überrasche, eh sie Zeit gefunden –
REBEKKA (stutzt). Wieso? Finden Sie es unpassend, daß ich zu Hause ein Hauskleid trage?
KROLL. Gott bewahre! Ich weiß ja überhaupt nicht, was jetzt auf Rosmersholm Sitte ist.
ROSMER. Aber Kroll, – du bist ja heut rein wie verwandelt!
REBEKKA. Empfehle mich, Herr Rektor!
(Sie geht links hinaus.)
KROLL. Du erlaubst wohl – (Er setzt sich aufs Kanapee).
ROSMER. Ja, lieber Kroll, setzen wir uns gemütlich und reden mit einander. (Er setzt sich KROLL gegenüber auf einen Stuhl.)
KROLL. Ich hab seit gestern abend kein Auge zugetan. Die ganze Nacht hab ich gegrübelt und gegrübelt.
ROSMER. Und was sagst du heute?
KROLL. 'S wird 'ne lange Geschichte. Laß mich mit einer Art Einleitung anfangen. Ich kann dir von Ulrich Brendel was neues erzählen.
ROSMER. War er bei dir?
KROLL. Nein. Er setzte sich in einer ordinären Kneipe fest. Natürlich in der ordinärsten Gesellschaft. Trank und traktierte, so lang er noch 'n Heller in der Tasche hatte. Dann schimpft er die ganze Bande Pöbel und Pack, – übrigens mit Recht, – worauf sie ihn durchprügelten und in die Gosse warfen.
ROSMER. Er ist also doch unverbesserlich.
KROLL. Auch hatte er den Überzieher zum Pfandleiher gebracht. Aber der soll für ihn eingelöst sein. Rate mal, von wem?
ROSMER. Von dir vielleicht.
KROLL. Nein. Von diesem nobeln Herrn Mortensgaard.
ROSMER. Ah so.
KROLL. Wie ich hörte, galt Herrn Brendels erster Besuch dem Idioten und Plebejer.
ROSMER. Der hat ihm also genützt –
KROLL. Allerdings. (Lehnt sich über den Tisch, um sich ROSMER zu nähern.) Aber nun kommen wir zu einer Sache, von der ich unsrer alten – unsrer ehmaligen Freundschaft wegen verpflichtet bin dich in Kenntnis zu setzen.
ROSMER. Lieber Kroll, was kann das sein?
KROLL. Nichts mehr und nichts weniger, als daß hier im Hause hinter deinem Rücken irgend ein Spiel getrieben wird.
ROSMER. Wie kannst du so etwas glauben!... Ist es Reb – Fräulein West, auf die du anspielst?
KROLL. Allerdings. Übrigens hab ich für ihre Handlungsweise volles Verständnis. Sie ist ja schon so lange gewohnt, hier zu herrschen –! Aber trotzdem –
ROSMER. Lieber Kroll, du irrst dich ganz und gar. Sie und ich – wir haben gar keine Geheimnisse vor einander.
KROLL. Hat sie dir auch gebeichtet, daß sie mit dem Redakteur des »Leuchtturms« in Briefwechsel getreten ist?
ROSMER. Ah, du spielst auf die paar Zeilen an, die sie Ulrich Brendel mitgab?
KROLL. Du bist also dahinter gekommen. Und billigst du es, daß sie sich in Verbindung setzt mit diesem Skandaljournalisten, der mich als Schulmann und Politiker Woche für Woche an den Pranger zu stellen sucht?
ROSMER. Lieber Kroll, was diesen Punkt betrifft, so hat sie sicherlich nicht einmal daran gedacht. Und übrigens hat sie selbstverständlich die Freiheit zu tun und zu lassen, was ihr beliebt, – grade wie ich.
KROLL. So! Ach ja, das gehört wohl auch zu der neuen Richtung, die du eingeschlagen hast. Und wo du stehst, da steht Fräulein West vermutlich ebenfalls?
ROSMER. Das tut sie. Wir beiden haben uns als treue Kameraden unsern Weg gebahnt.
KROLL (sieht ihn an und schüttelt langsam den Kopf). O, du blinder Tor!
ROSMER. Ich blind? Warum sagst du das?
KROLL. Weil ich das schlimmste nicht zu denken wage – nicht denken will. Nein, nein; laß mich zu Ende reden ... Rosmer, du legst ja wirklich Wert auf meine Freundschaft? Und auf meine Achtung ebenfalls? Nicht wahr?
ROSMER. Diese Frage brauch ich wohl kaum zu beantworten.
KROLL. Nun, da sind aber noch andre Fragen, – und die verlangen eine Antwort – eine vollständige Erklärung deinerseits ... Bist du damit einverstanden, daß ich eine Art Verhör mit dir anstelle?
ROSMER. Verhör?
KROLL. Ja; daß ich dich über gewisse Dinge befrage, an die erinnert zu werden dich vielleicht peinlich berührt. Siehst du, – die Sache mit deinem Abfall, – na, mit deiner Befreiung, wie du dich ausdrückst – die hängt mit so vielen andern Dingen zusammen, und darüber mußt du mir in deinem eignen Interesse Auskunft geben.
ROSMER. Lieber Kroll, frage, was du willst. Ich habe nichts zu verheimlichen.
KROLL. Schön. So sage mir denn, – was war nach deiner Ansicht der eigentliche tiefste Grund, weshalb Beate ihrem Leben ein Ende machte?
ROSMER. Kannst du darüber noch im Zweifel sein? Oder, richtiger ausgedrückt: kann man nach den Gründen forschen, die ein unglückliches krankes unzurechnungsfähiges Geschöpf bei seinen Handlungen leiten?
KROLL. Bist du überzeugt, daß Beate vollständig unzurechnungsfähig war? Jedenfalls waren die Ärzte der Ansicht, das wäre wohl kaum bewiesen.
ROSMER. Hätten die Ärzte sie einmal so gesehn, wie ich sie bei Tag und bei Nacht unzähligemal gesehn, sie hätten nicht gezweifelt.
KROLL. Damals zweifelt ich auch nicht.
ROSMER. Ach nein, Zweifel waren leider nicht mehr möglich. Ich habe dir ja von ihrer wilden zügellosen Leidenschaftlichkeit erzählt, – von der sie verlangte, daß ich sie erwiderte. O, welches Grauen flößte sie mir dadurch ein! Und dann die grundlosen Selbstanklagen, mit denen sie sich in den letzten Jahren folterte!
KROLL. Ja, nachdem sie erfahren, daß sie ihr ganzes Leben lang ohne Kinder bleiben würde.
ROSMER. Ja, überlege dir also selbst –! Eine solch jagende grauenvolle Seelenqual wegen etwas ganz unverschuldeten –! Und sie wäre zurechnungsfähig gewesen!
KROLL. Hm ... Erinnerst du dich, ob du damals Bücher im Hause hattest, die vom Zweck der Ehe handelten – nach der fortgeschrittnen Auffassung unsrer Zeit selbstverständlich.
ROSMER. Ich erinnre mich, daß Fräulein West mir ein solches Werk geliehen hatte. Denn wie du weißt, erbte sie des Doktors Büchersammlung. Aber lieber Kroll, du glaubst doch wohl nicht, daß wir so unvorsichtig waren, die arme Kranke in solche Dinge einzuweihen? Ich kann dir hoch und heilig versichern, wir tragen keine Schuld. Es waren ihre eignen gestörten Gehirnnerven, die ihr Gemüt verdüsterten.
KROLL. Eins kann ich dir nun wenigstens mitteilen. Nämlich, daß die arme gequälte überspannte Beate ihrem eignen Leben ein Ende machte, damit du glücklich – und frei – und nach deinem Belieben leben könntest.
ROSMER (ist halb vom Stuhl aufgefahren). Was meinst du damit?
KROLL. Hör mich ruhig an, Rosmer. Denn jetzt kann ich davon sprechen. In ihrem letzten Lebensjahr war sie zweimal bei mir, um mir ihre Angst und Verzweiflung zu klagen.
ROSMER. Wegen derselben Sache?
KROLL. Nein. Das erstemal behauptete sie, du wärst im Begriff abzufallen. Du wolltest mit dem Glauben deiner Väter brechen.
ROSMER (eifrig). Was du da sagst, Kroll, ist unmöglich! Ganz und gar unmöglich! In diesem Punkte mußt du dich irren.
KROLL. Warum?
ROSMER. Weil ich bei Beatens Lebzeiten noch selbst mit mir und meinen Zweifeln kämpfte. Und diesen Kampf hab ich in vollster Einsamkeit und Verschwiegenheit durchgekämpft. Ich glaube, nicht einmal Rebekka –
KROLL. Rebekka?
ROSMER. Nun ja, – Fräulein West. Ich nenne sie kurzweg Rebekka.
KROLL. Das hab ich bemerkt.
ROSMER. Deshalb ist es mir absolut unbegreiflich, wie Beate auf diesen Gedanken kommen konnte. Und warum sprach sie nicht selbst mit mir darüber? Und das hat sie nie getan. Niemals, mit keiner Silbe.
KROLL. Die Ärmste, – sie bat und flehte, ich möchte mit dir reden.
ROSMER. Und warum hast du das nicht getan?
KROLL. Konnt ich damals einen Augenblick zweifeln, daß ihre Sinne verwirrt waren? Eine solche Anklage gegen einen Mann wie du!... Und dann kam sie zum zweitenmal – etwa vier Wochen später. Da war sie anscheinend ruhiger. Aber beim Fortgehn sagte sie: »Nun können sie auf Rosmersholm bald das weiße Roß erwarten.«
ROSMER. Ja ja. Das weiße Roß, – davon sprach sie so oft.
KROLL. Und als ich ihr diese trüben Gedanken auszureden suchte, gab sie nur zur Antwort: »Ich habe nicht lange mehr Zeit. Denn nun muß Johannes sich bald mit Rebekka verheiraten.«
ROSMER (fast sprachlos). Was sagst du da –! Ich mich verheiraten mit –!
KROLL. Es war an einem Donnerstag nachmittag ... Samstag abend stürzte sie sich vom Steg hinab in den Mühlbach.
ROSMER. Und du hast uns nicht einmal gewarnt –!
KROLL. Du weißt selber, wie oft sie sagte, nun müsse sie gewiß bald sterben.
ROSMER. Das weiß ich. Aber trotzdem –; es war deine Pflicht, uns zu warnen.
KROLL. Ich hatt auch die Absicht. Aber da wars schon zu spät.
ROSMER, Aber warum hast du denn nicht später –? Warum hast du mir dies alles verschwiegen?
KROLL. Was hätt es genützt, dich noch mehr aufzuregen und zu peinigen? Ich hielt ja das alles für lauter leere wilde Wahnvorstellungen ... Bis gestern abend.
ROSMER. Also jetzt nicht mehr?
KROLL. Sah Beate nicht mit vollkommen klaren Augen, als sie sagte, du würdest dem Glauben deiner Väter untreu werden?
ROSMER (starrt vor sich hin). Ja, das versteh ich nicht. Das ist mir das unbegreiflichste, was ich mir denken kann.
KROLL. Unbegreiflich oder nicht, – so verhält es sich nun einmal. Und jetzt frag ich dich, Rosmer, – wie viel Wahrheit liegt in ihrer zweiten Anklage? In der letzten, mein ich.
ROSMER. Anklage? War denn das eine Anklage?
KROLL. Du hast vielleicht nicht auf den Wortlaut geachtet. Sie wolle fortgehn, sagte sie –. Warum? Nun?
ROSMER. Damit ich Rebekka heiraten könnte –
KROLL. Ganz so lauteten ihre Worte nicht. Beate drückte sich anders aus. Sie sagte: »Ich habe nicht lange mehr Zeit. Denn nun muß Johannes sich bald mit Rebekka verheiraten.«
ROSMER (sieht ihn eine Weile an; dann erhebt er sich). Jetzt versteh ich dich, Kroll.
KROLL. Nun .. und –?... Was antwortest du?
ROSMER (noch immer ruhig und mit Selbstbeherrschung). Auf etwas so unerhörtes –! Die einzig richtige Antwort wäre, dir die Tür zu weisen.
KROLL (steht auf). Sehr wohl.
ROSMER (stellt sich vor ihn hin). Nun höre. Seit länger als einem Jahr, – seit dem Tage, da Beate uns verließ, – haben Rebekka West und ich immer hier allein auf Rosmersholm gelebt. All diese Zeit hast du Beatens Anklage gegen uns gekannt. Aber niemals hab ich auch nur einen Augenblick bemerkt, daß du an unserm Zusammenleben Anstoß genommen hättest.
KROLL. Bis gestern abend wußt ich nicht, daß es ein Abtrünniger und eine – Freigewordne waren, die dies Zusammenleben führten.
ROSMER. Ah –! Du glaubst also nicht, daß auch Abtrünnige und Freigewordne das Reinheitsgefühl haben können? Du glaubst nicht, daß sie das Sittlichkeitsbedürfnis als einen Naturdrang in sich tragen können!
KROLL. Auf jene Art Sittlichkeit, die ihre Wurzel nicht im kirchlichen Glauben hat, leg ich keinen großen Wert.
ROSMER. Und dies läßt du auch von Rebekka und mir gelten? Von dem Verhältnis zwischen mir und Rebekka –?
KROLL. Zu Euern Gunsten kann ich von der Meinung nicht abgehn, daß es wohl keinen unergründlichen Abgrund gibt zwischen dem freien Gedanken und – hm.
ROSMER. Und was –?
KROLL. – und der freien Liebe, – wenn dus denn unbedingt hören willst.
ROSMER (leise). Und das schämst du dich nicht mir zu sagen! Du, der mich seit meiner frühsten Jugend kennt!
KROLL. Eben darum. Ich weiß, wie leicht du dich von den Menschen, mit denen du verkehrst, beeinflussen läßt. Und diese deine Rebekka –. Na, dies Fräulein West, – die kennen wir ja eigentlich gar nicht näher. Kurz und gut, Rosmer, – ich gebe dich noch nicht auf. Und du selbst, – suche dich bei Zeiten zu retten.
ROSMER. Mich zu retten? Inwiefern –?
(FRAU HILSETH blickt durch die Tür links herein.)
ROSMER. Was wollen Sie?
FRAU HILSETH. Ich sollte Fräulein bitten runter zu kommen.
ROSMER. Das Fräulein ist nicht hier.
FRAU HILSETH. So? (Sieht sich um.) Das ist doch merkwürdig. (Sie geht.)
ROSMER. Du sagtest –?
KROLL. Höre. Was hier heimlich vor sich gegangen ist, als Beate noch lebte, – und was hier jetzt noch vor sich geht, – das will ich nicht näher untersuchen. Du warst ja tief unglücklich in deiner Ehe. Und das muß dir gewissermaßen zur Entschuldigung dienen.
ROSMER. O, wie wenig kennst du mich doch im Grunde –!
KROLL. Unterbrich mich nicht. Ich wollte sagen: soll nun mal dies Zusammenleben mit Fräulein West fortgesetzt werden, so ist es unbedingt notwendig, daß du diesen Umfall, – diesen traurigen Abfall, – wozu sie dich verführt hat, vertuschest. Laß mich reden! Laß mich reden! Ich sage: gehts gar nicht anders, so denk und meine und glaub in Gottes Namen alles was du willst – und inbezug auf alle Dinge unter der Sonne. Aber behalt deine Meinungen hübsch für dich. 'S ist ja doch eine rein persönliche Sache. Es liegt gar keine Notwendigkeit vor, so etwas ins ganze Land hinauszurufen.
ROSMER. Für mich liegt die Notwendigkeit vor, daß ich aus einer falschen und zweideutigen Stellung herauskomme.
KROLL. Aber du hast Pflichten gegen die Traditionen deines Geschlechts, Rosmer! Das bedenke wohl! Seit unvordenklichen Zeiten war Rosmersholm eine Pflegestätte der Zucht und Ordnung, – der respektvollen Achtung vor allem, was die besten unsres Volkes anerkannt und hoch gehalten haben. Von Rosmersholm hat die ganze Gegend ihren Stempel empfangen. Eine unheilvolle, nie wieder gut zu machende Verwirrung entsteht, wird es ruchbar: du selber hättest mit dem gebrochen, was ich den Rosmerschen Familiengedanken nennen möchte!
ROSMER. Lieber Kroll, – so kann ich die Sache nicht ansehn. Ich halt es für meine unabweisbare Pflicht, hier, wo durch all die langen langen Zeiten vom Geschlecht der Rosmer Finsternis und Unterdrückung ausgegangen sind, ein wenig Licht und Freude zu verbreiten.
KROLL (sieht ihn streng an). Jawohl, das wäre eine würdige Tat für den Mann, mit dem das Geschlecht ausstirbt. Du, das laß bleiben. Das ist keine angemessne Arbeit für dich. Du bist dazu geschaffen, als stiller Forscher zu leben.
ROSMER. Mag sein. Aber ich will nun einmal teilnehmen am Kampf des Lebens.
KROLL. Am Kampf des Lebens –! Weißt du, was für ein Kampf das für dich wird? Ein Kampf auf Leben und Tod mit all deinen Freunden.
ROSMER (ruhig). Sie werden doch nicht alle so fanatisch sein wie du.
KROLL. Du bist eine treuherzige Seele, Rosmer. Und unerfahren wie ein Kind. Du ahnst nicht, welch übermächtiger Sturm über dich hereinbrechen wird.
FRAU HILSETH. Fräulein läßt fragen –
ROSMER. Was gibts?
FRAU HILSETH. Da ist jemand unten, der den Herrn Pastor gern auf 'n Augenblick sprechen möchte.
ROSMER. Ists vielleicht der Mann, der gestern abend hier war?
FRAU HILSETH. Nein, 's ist der Mortensgaard.
ROSMER. Mortensgaard!
KROLL. Aha! So weit sind wir also! So weit schon!
ROSMER. Was will er von mir? Warum ließen Sie ihn nicht wieder gehn?
FRAU HILSETH. Fräulein sagt, ich sollte fragen, ob er rauf kommen dürfe.
ROSMER. Sagen Sie, ich hätte Besuch –
KROLL (zu FRAU HILSETH). Lassen Sie ihn nur herein.
(FRAU HILSETH geht.)
KROLL (nimmt seinen Hut). Ich räume das Feld – das heißt vorläufig. Die Hauptschlacht muß noch geschlagen werden.
ROSMER. So wahr ich lebe, Kroll, – ich habe mit Mortensgaard nichts zu schaffen.
KROLL. Ich glaub dir nicht mehr. In keiner Beziehung. Was es auch sein mag – von nun an glaub ich dir nichts mehr. Jetzt gilts: Krieg bis aufs Messer. Wir wollen doch mal sehn, ob wir dich nicht unschädlich machen können.
ROSMER. O Kroll, – wie tief, – wie niedrig stehst du jetzt!
KROLL. Ich? Und das sagt so einer wie du! Denk an Beate!
ROSMER. Kommst du mir wieder damit!
KROLL. Nein. Das Geheimnis des Mühlbachs zu erforschen ist Sache deines Gewissens, – wenn du etwas derartiges noch hast.
(PETER MORTENSGAARD kommt ruhig und leise durch die Tür links. Er ist ein kleiner schmächtiger Mann mit dünnem rötlichem Haar und Bart.)
KROLL (mit einem hasserfüllten Blick). Aha, der »Leuchtturm« also –. Auf Rosmersholm angezündet. (Knöpft seinen Rock zu.) Ja, da kann ich ja nicht mehr im Zweifel sein, welchen Kurs ich zu steuern habe.
MORTENSGAARD (sanft). Der »Leuchtturm« bleibt immer angezündet, um dem Herrn Rektor heimzuleuchten.
KROLL. Ja, Ihren guten Willen haben Sie schon lange bewiesen. Allerdings gibts ein Gebot, das vorschreibt, wir sollen nicht falsches Zeugnis geben wider unsern Nächsten –
MORTENSGAARD. In den zehn Geboten braucht mich der Herr Rektor nicht zu unterrichten.
KROLL. Auch nicht im sechsten?
ROSMER. Kroll –!
MORTENSGAARD. Tritt die Notwendigkeit ein, so ist doch wohl der Herr Pastor die kompetente Behörde.
KROLL (mit unterdrücktem Hohn). Der Pastor? Ja, in diesem Kapitel ist Pastor Rosmer in erster Linie kompetent – gar keine Frage ... Wünsche segensreiche Verhandlung, meine Herren!
(Er geht und schlägt die Tür hinter sich ins Schloss.)
ROSMER (hält den Blick noch eine Weile auf die geschlossne Tür gerichtet und sagt für sich). Wohlan, – wenns denn gar nicht anders geht. (Wendet sich.) Wollen Sie mir gefälligst sagen, Herr Mortensgaard, was Sie zu mir führt?
MORTENSGAARD. Eigentlich galt mein Besuch Fräulein West. Ich wollte mich für den freundlichen Brief bedanken, den ich gestern von ihr erhielt.
ROSMER. Ich weiß, sie hat Ihnen geschrieben. Haben Sie sie gesprochen?
MORTENSGAARD. Ja, einen Augenblick. (Mit schwachem Lächeln.) Wie ich höre, haben sich die Ansichten hier auf Rosmersholm in einigen Punkten geändert.
ROSMER. Meine Ansichten haben sich in vielen Punkten geändert. Ich kann wohl sagen – in allem.
MORTENSGAARD. So sagte das Fräulein. Und deshalb meinte sie, ich sollte hinaufgehn und mit dem Herrn Pastor mich ein wenig darüber unterhalten.
ROSMER. Worüber, Herr Mortensgaard?
MORTENSGAARD. Darf ich im »Leuchtturm« erzählen, daß Sie jetzt andre Gesinnungen hegen, – und sich der freisinnigen und fortschrittlichen Sache angeschlossen haben?
ROSMER. Gewiß dürfen Sie das. Ich bitte sogar darum.
MORTENSGAARD. Dann wirds morgen früh drin stehn. Das ist eine große wichtige Neuigkeit, daß Pastor Rosmer auf Rosmersholm glaubt, er könne für die Sache des Lichts auch in diesem Sinne eintreten.
ROSMER. Ich versteh Sie nicht ganz.
MORTENSGAARD. Ich meine: unsre Partei erhält eine starke moralische Stütze, so oft wir einen ernsten christlich gesinnten Anhänger gewinnen.
ROSMER (etwas verwundert). Sie wissen also nicht –? Hat Ihnen Fräulein West das nicht gesagt?
MORTENSGAARD. Was, Herr Pastor? Das Fräulein hatte große Eile. Sie sagte, ich möchte hinaufgehn und das übrige von Ihnen selbst hören.
ROSMER. Nun, so wissen Sie denn, daß ich mich vollständig frei gemacht habe. Nach allen Seiten. Zu den Lehrsätzen der Kirche hab ich gar kein Verhältnis mehr. Diese Dinge gehn mich in Zukunft absolut nichts mehr an.
MORTENSGAARD (sieht ihn verblüfft an). Nein, – wenn der Mond herabgefallen wäre, ich könnte nicht verblüffter –! Der Herr Pastor sagt sich los –!
ROSMER. Ja, ich steh nun, wo sie selbst seit langer Zeit stehn. Diese Nachricht kann also der »Leuchtturm« morgen verbreiten.
MORTENSGAARD. Diese ebenfalls? Nein, lieber Herr Pastor –. Entschuldigen Sie, – aber diesen Teil der Sache wollen wir doch lieber nicht berühren.
ROSMER. Diesen Teil .. nicht berühren?
MORTENSGAARD. Vorläufig noch nicht, mein ich.
ROSMER. Aber ich begreife nicht –
MORTENSGAARD. Ja, sehn Sie, Herr Pastor –. Vermutlich sind Sie mit den Verhältnissen nicht so vertraut wie ich. Aber wenn Sie nun also zur freisinnigen Richtung übergegangen sind, – und wenn Sie – wie Fräulein West sagte, – an der Bewegung teilnehmen wollen, – so tun Sie das doch gewiß mit dem Wunsche, der Richtung und der Bewegung so viel wie möglich zu nützen.
ROSMER. Gewiß, das wünsch ich durchaus.
MORTENSGAARD. Schön. Aber nun sag ich Ihnen nur dies eine: treten Sie frei und offen mit dieser Mitteilung über Ihren Abfall von der Kirche hervor, so binden Sie sich sofort selbst die Hände.
ROSMER. Glauben Sie?
MORTENSGAARD. Ja, Sie können überzeugt sein, viel richten Sie dann hier in der Gegend nicht aus. Und zudem, – Freidenker haben wir schon genug auf Lager, Herr Pastor. Ich möchte sagen, – wir haben schon viel zu viel von dieser Art Zeitgenossen. Was die Partei braucht, das ist das christliche Element, – etwas, wovor alle Respekt haben müssen. Daran aber mangelt es uns ganz empfindlich. Darum ist es das ratsamste, Sie behalten sorgfältig alles für sich, was die Öffentlichkeit nichts angeht... Das ist meine Ansicht von der Sache.
ROSMER. Ah so. Wenn ich also offen meinen Abfall bekenne, so wagen Sies nicht, sich mit mir einzulassen?
MORTENSGAARD (schüttelt den Kopf). Ich tät es sehr ungern, Herr Pastor. In der letzten Zeit hab ichs mir zum Grundsatz gemacht, nie eine Sache oder Person zu unterstützen, die den christlichen Dingen zu Leibe will.
ROSMER. Sind Sie denn selbst in der letzten Zeit zur Kirche zurückgekehrt?
MORTENSGAARD. Das ist eine Sache für sich.
ROSMER. Aha, so also verhält es sich. Jetzt versteh ich Sie.
MORTENSGAARD. Herr Pastor, – Sie dürfen nicht vergessen, daß ich – vor allem ich, – keine freie Hand habe.
ROSMER. Was bindet Sie denn?
MORTENSGAARD. Mich bindet der Umstand, daß ich ein Gebrandmarkter bin.
ROSMER. Ah, – ja so.
MORTENSGAARD. Ein Gebrandmarkter, Herr Pastor. Sie namentlich dürfen das nicht vergessen. Denn Sie vor allem waren es, der mir das Brandmal aufdrückte.
ROSMER. Hätt ich damals gestanden, wo ich nun steh, ich hätt Ihr Vergehen mit behutsamern Händen angefaßt.
MORTENSGAARD. Das glaub ich auch. Aber nun ist es zu spät. Sie haben mich ein für allemal gebrandmarkt. Gebrandmarkt für mein ganzes Leben. Nun, es ist Ihnen wohl nicht ganz klar, was so etwas zu bedeuten hat. Aber, Herr Pastor, vielleicht bekommen Sie diesen stechenden Schmerz nun selber zu fühlen.
ROSMER. Ich!
MORTENSGAARD. Ja. Denn Sie werden doch nicht glauben, daß Rektor Kroll und sein Anhang für ein Verbrechen wie das Ihrige Verzeihung kennen? Und das »Kreisblatt« soll, wie es heißt, nun sehr blutig werden. 'S kann leicht kommen, daß auch Sie ein Gebrandmarkter werden.
ROSMER. Ich fühle mich, was das Persönliche betrifft, vollständig unverwundbar, Herr Mortensgaard. Mein Lebenswandel bietet keine Angriffspunkte.
MORTENSGAARD (mit ruhigem Lächeln). Das ist ein großes Wort, Herr Pastor.
ROSMER. Mag sein; aber ich habe das Recht, es auszusprechen.
MORTENSGAARD. Auch wenn Sie Ihren Lebenswandel so gründlich prüfen, wie Sie einst den meinen prüften?
ROSMER. Sie sagen das in einem so eigentümlichen Ton. Worauf spielen Sie an? Auf etwas bestimmtes?
MORTENSGAARD. Ja, auf eine bestimmte Sache. Nur auf eine einzige. Aber die dürfte schlimm genug werden, wenn boshafte Gegner Kenntnis davon erhalten.
ROSMER. Wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, was es ist?
MORTENSGAARD. Können der Herr Pastor es nicht selbst erraten?
ROSMER. Nein; durchaus nicht. Ganz und garnicht.
MORTENSGAARD. Ja ja; dann muß ich wohl mit der Sprache heraus ... In meinem Besitz befindet sich ein seltsamer Brief, der hier auf Rosmersholm geschrieben ist.
ROSMER. Fräulein Wests Brief, meinen Sie? Ist der so seltsam?
MORTENSGAARD. Nein, der Brief ist nicht seltsam. Aber hier vom Hofe hab ich mal einen andern Brief erhalten.
ROSMER. Ebenfalls von Fräulein West?
MORTENSGAARD. Nein, Herr Pastor.
ROSMER. Nun, von wem denn? Von wem?
MORTENSGAARD. Von Ihrer seligen Gattin.
ROSMER. Von meiner Frau! Sie haben von meiner Frau einen Brief erhalten!
MORTENSGAARD. Jawohl.
ROSMER. Wann?
MORTENSGAARD. Es war in der letzten Lebenszeit Ihrer seligen Gattin. Es mag jetzt etwa anderthalb Jahr her sein. Eben diesen Brief nenn ich seltsam.
ROSMER. Sie wissen doch, daß meine Frau zu der Zeit geisteskrank war.
MORTENSGAARD. Ich weiß, daß viele das glaubten. Aber ich meine, dem Briefe konnte man so etwas nicht anmerken. Wenn ich den Brief seltsam nenne, so mein ich etwas andres damit.
ROSMER. Über was in aller Welt hat meine arme Frau Ihnen nur schreiben können?
MORTENSGAARD. Ich hab den Brief zu Hause. Sie beginnt ungefähr damit, daß sie in großer Furcht und Angst lebe. Denn hier in der Gegend gebe es so viele schlechte Menschen, schreibt sie. Und diese Menschen wären nur darauf bedacht, Ihnen Ärger und Schaden zu bereiten.
ROSMER. Mir?
MORTENSGAARD. Ja, so behauptet sie. Und dann kommt das seltsamste. Soll ich es sagen, Herr Pastor?
ROSMER. Ja, gewiß! Alles. Ohne jeden Rückhalt.
MORTENSGAARD. Ihre selige Gattin bittet und beschwört mich, großmütig zu sein. Sie wisse, sagt sie, daß es der Herr Pastor gewesen, der meine Absetzung durchgesetzt habe. Und dann bittet sie flehentlich, ich möchte mich nicht rächen.
ROSMER. Wie dachte sie es sich denn, daß Sie sich rächen könnten?
MORTENSGAARD. In dem Briefe heißt es: wenn mir Gerüchte über ein sündiges Treiben auf Rosmersholm zu Ohren kommen sollten, so möchte ich alledem nicht trauen; denn bloß schlechte Menschen sprengten solche Gerüchte aus, um Sie unglücklich zu machen.
ROSMER. Steht das in dem Briefe!
MORTENSGAARD. Der Herr Pastor können ihn gelegentlich selbst lesen.
ROSMER. Aber ich begreife nicht –! Und auf was liefen, – nach ihrer Einbildung, – die bösen Gerüchte hinaus?
MORTENSGAARD. Zunächst darauf, daß der Herr Pastor von dem Glauben seiner Kindheit abgefallen sei. Das leugnete Ihre selige Gattin damals auf das bestimmteste. Und dann – hm –
ROSMER. Dann?
MORTENSGAARD. Ja dann schreibt sie, – in etwas konfuser Weise, – von einem sündhaften Verhältnis auf Rosmersholm wisse sie nichts. Ihr sei niemals unrecht geschehen. Wenn derartige Gerüchte umliefen, so bitte sie mich dringend, im »Leuchtturm« keine Notiz davon zu nehmen.
ROSMER. Wird kein Name genannt?
MORTENSGAARD. Nein.
ROSMER. Wer brachte Ihnen den Brief?
MORTENSGAARD. Ich habe mein Wort gegeben, das nicht zu verraten. Er wurde mir eines Abends in der Dämmrung gebracht.
ROSMER. Hätten Sie sich sofort erkundigt, würden Sie erfahren haben, daß meine arme unglückliche Frau nicht ganz zurechnungsfähig war.
MORTENSGAARD. Ich erkundigte mich, Herr Pastor. Aber ich muß bekennen, einen solchen Eindruck erhielt ich nicht.
ROSMER. Nicht?... Aber warum klären Sie mich denn eigentlich jetzt über diesen alten konfusen Brief auf?
MORTENSGAARD. Um Ihnen den Rat zu geben, sehr vorsichtig zu sein, Herr Pastor.
ROSMER. In meinem Lebenswandel, meinen Sie?
MORTENSGAARD. Ja. Sie müssen bedenken, von jetzt an sind Sie verdächtig.
ROSMER. Ich verdächtig! Sie halten also daran fest, ich hätte etwas zu verheimlichen?
MORTENSGAARD. Ich wüßte nicht, warum ein freisinniger Mann sich scheuen sollte, sein Leben so vollständig wie möglich auszuleben. Aber, wie gesagt, sei'n Sie von jetzt an vorsichtig. Sollte mal über den Herrn Pastor etwas unter die Leute kommen, das gegen die herrschenden Vorurteile verstieße, so können Sie überzeugt sein, die ganze freie Geistesrichtung würde schwer darunter zu leiden haben ... Leben Sie wohl, Herr Pastor.
ROSMER. Leben Sie wohl.
MORTENSGAARD. Und nun begeb ich mich direkt in die Druckerei und bringe die große Neuigkeit in den »Leuchtturm«.
ROSMER. Bringen Sie alles hinein.
MORTENSGAARD. Ich bringe alles das hinein, was das liebe Publikum zu wissen braucht.