(Er grüsst und geht. ROSMER bleibt in der Tür stehen, während er die Treppe hinunter geht. Man hört, wie, die Haustür geschlossen wird.)

ROSMER (in der Tür, ruft gedämpft). Rebekka! Re–. Hm. (Laut.) Frau Hilseth, – ist Fräulein West nicht unten?

FRAU HILSETH (antwortet unten im Vorzimmer). Nein, Herr Pastor, hier ist sie nicht.

(Im Hintergrunde werden die Portieren beiseite geschoben. REBEKKA wird in der Türöffnung sichtbar.)

REBEKKA. Rosmer!

ROSMER (wendet sich). Was! Du warst in meinem Schlafzimmer! Liebste, was hast du da gemacht?

REBEKKA (geht zu ihm). Ich habe gehorcht.

ROSMER. Aber, Rebekka, wie konntest du das!

REBEKKA. Ja, ich habs getan. Er sagte das so boshaft, – das über mein Hauskleid –

ROSMER. Ah, du warst auch darin, als Kroll –?

REBEKKA. Ja. Ich wollte wissen, was er im Schilde führte.

ROSMER. Ich hätt es dir erzählt.

REBEKKA. Du hättest mir wohl kaum alles erzählt. Und gewiß nicht mit seinen eignen Worten.

ROSMER. Hast du denn alles gehört?

REBEKKA. Das meiste, denk ich. Als Mortensgaard kam, mußt ich einen Augenblick hinunter.

ROSMER. Und dann gingst du wieder hinauf –

REBEKKA. Nimm mirs nicht übel, lieber Freund.

ROSMER. Tu alles, was du für recht und richtig hältst! Du hast ja deine volle Freiheit ... Aber was sagst du dazu, Rebekka –? O, mir ist, als hätt ich deiner noch niemals so sehr bedurft wie jetzt!

REBEKKA. Wir waren ja beide darauf vorbereitet, da es doch einmal kommen müßte.

ROSMER. Nein nein, – hierauf nicht!

REBEKKA. Hierauf nicht?

ROSMER. Wohl hatt ich mir zuweilen gedacht, unser schönes reines Freundschaftsverhältnis könnte früher oder später verdächtigt oder beschmutzt werden. Nicht von Kroll. Von ihm hätt ich mir so etwas niemals denken können. Aber von all den vielen mit den rohen Sinnen und den unedlen Augen. Ach ja, du, – ich hatte guten Grund dazu, wenn ich so eifersüchtig einen Schleier über unsern Bund breitete. Es war ein gefährliches Geheimnis.

REBEKKA. Ach, warum sich darum kümmern, was all die andern sagen oder denken! Wir wissens ja doch, daß wir frei von Schuld sind.

ROSMER. Ich? Frei von Schuld? Ja, das glaubt ich allerdings – bis heute. Aber jetzt, – jetzt, Rebekka –

REBEKKA. Was ist denn jetzt?

ROSMER. Wie soll ich mir Beatens schreckliche Anklage erklären?

REBEKKA (leidenschaftlich). O, sprich mir nicht von Beaten! Denke nicht mehr an Beaten! Endlich war es dir so schön geglückt, von ihr, der Toten loszukommen –

ROSMER. Seit ich dies erfahren habe, ist mirs, als stände sie wieder in unheimlicher Leibhaftigkeit vor mir.

REBEKKA. Ach nein, Rosmer, – nein, nein! Sprich nicht so!

ROSMER. Doch, doch!... Diesem Geheimnis müssen wir auf den Grund zu kommen suchen. Wie kann sie sich nur in diesen unheilvollen Irrtum verstrickt haben?

REBEKKA. Du beginnst doch wohl nicht selbst daran zu zweifeln, daß sie fast wahnsinnig war?

ROSMER. Ach ja, Rebekka, – das ists grade, wovon ich nicht mehr so ganz fest überzeugt sein kann. Und zudem, wäre sie das auch gewesen –

REBEKKA. Wäre sie das auch gewesen –! Ja, was dann?

ROSMER. Ich meine, – wo sollen wir den entscheidenden Grund dafür suchen, daß ihre krankhafte Gemütsstimmung in Wahnsinn überging?

REBEKKA. Aber wozu denn über so unlösbaren Rätseln brüten!

ROSMER. Ich kann nicht anders, Rebekka. Ich kann diese nagenden Zweifel nicht von mir abschütteln, so gern ich auch möchte.

REBEKKA. Aber das kann ja gefährlich werden – dies ewige Herumkreisen um diesen einen unglückseligen Gegenstand.

ROSMER (geht unruhig und gedankenvoll umher). Auf die ein oder andre Weise muß ich mich verraten haben. Sie muß es gemerkt haben, wie glücklich ich mich zu fühlen anfing seit dem Augenblick, da du zu uns ins Haus kamst.

REBEKKA. Ja aber, Bester, selbst wenn das wirklich der Fall wäre –!

ROSMER. Denn siehst du, – es ist ihr nicht entgangen, daß wir dieselben Bücher lasen. Daß wir einander suchten und zusammen sprachen von all den neuen Dingen. Aber ich begreif es nicht! Denn um sie zu schonen, war ich so vorsichtig. Wenn ich zurückdenke, kommt es mir vor, als hätt ich es mir zur Lebensaufgabe gemacht, sie von all dem, was uns interessierte, fern zu halten. Oder tat ich das nicht, Rebekka?

REBEKKA. Ja ja, gewiß tatest du das.

ROSMER. Und du auch. Und dennoch –! O, der Gedanke daran ist schrecklich! Sie ist also hier umhergegangen, – mit ihrem Herzen voll krankhafter Liebe, – schweigend, immer schweigend, – hat uns beobachtet, bewacht, – auf alles geachtet, und – und alles mißdeutet!

REBEKKA (ringt die Hände). O, wär ich doch niemals nach Rosmersholm gekommen!

ROSMER. Ach, wenn ich das alles bedenke, was sie stumm gelitten hat! All das häßliche, was ihr krankes Hirn aufbaute und mit uns in Verbindung brachte!... Hat sie niemals mit dir über etwas gesprochen, das dich auf eine Art Spur hätte bringen können?

REBEKKA (wie aufgejagt). Mit mir! Glaubst du, dann wär ich auch nur noch einen Tag hier geblieben?

ROSMER. Nein nein, das versteht sich!... O, welchen Kampf muß sie gekämpft haben! Und sie kämpfte allein, Rebekka ... Verzweifelt und ganz allein ... Und dann zum Schluß dieser erschütternde – anklagende Sieg – im Mühlbach. (Er wirft sich auf den Stuhl am Schreibtisch, stützt die Ellbogen auf den Tisch und bedeckt das Gesicht mit den Händen.)

REBEKKA (nähert sich ihm behutsam von hinten). Nun höre, Rosmer. Wenn es in deiner Macht stände, Beate zurückzurufen – zu dir – nach Rosmersholm, – würdest du es dann tun?

ROSMER. Ach, was weiß ich, was ich tun oder nicht tun würde! Ich habe keine Gedanken für etwas andres als dies eine, – das unwiderruflich ist.

REBEKKA. Du solltest nun wieder anfangen zu leben. Ja du hattest schon angefangen. Du hattest dich vollständig frei gemacht – nach allen Seiten. Dir war so froh und so leicht zu Mut –

ROSMER. Ach ja, du, – so froh und so leicht ... Und da kommt dieser zermalmende Schlag.

REBEKKA (hinter ihm, mit den Armen auf der Stuhllehne). Wie schön war es, wenn wir abends in der Dämmrung unten im Zimmer saßen. Und dann gemeinschaftlich die neuen Lebenspläne zurechtlegten. Du wolltest in das lebendige Leben eingreifen, – in das lebendige Leben des Tages, – wie du sagtest. Wie ein befreiender Gast wolltest du von Haus zu Haus wandern. Den Geist und den Willen der Menschen für dich gewinnen. Adelsmenschen schaffen rings um dich her, – in weitern, immer weitern Kreisen. Adelsmenschen.

ROSMER. Frohe Adelsmenschen.

REBEKKA. Ja – frohe.

ROSMER. Denn die Freude ist es, die die Geister adelt, Rebekka.

REBEKKA. Meinst du – der Schmerz nicht auch? Der große Schmerz?

ROSMER. Ja, – wenn man durch den Schmerz hindurch kommen kann. Darüber hinweg.

REBEKKA. Und das mußt du.

ROSMER (schüttelt traurig den Kopf). Ich werde niemals ganz darüber hinweg kommen. Immer wird ein Zweifel zurückbleiben. Eine Frage. Niemals werd ich wieder in dem schwelgen können, was das Leben so wunderbar schön macht.

REBEKKA (über der Stuhllehne, leiser). Und was ist das?

ROSMER (blickt zu ihr auf). Die stille frohe Schuldlosigkeit.

REBEKKA (weicht einen Schritt zurück). Ja. Die Schuldlosigkeit.

(Kurze Pause.)

ROSMER (mit dem Ellbogen auf dem Tische, stützt den Kopf in die Hand und blickt vor sich hin). Und dann, wie sie zu kombinieren verstand. Wie systematisch sie es zusammenfügte ... Erst beginnt sie Zweifel zu hegen an meiner Rechtgläubigkeit –. Wie sie zu der Zeit darauf verfallen konnte! Aber sie verfiel darauf. Und dann wuchs es zur Gewißheit. Und dann, – ja dann war es ihr ja so leicht, all das andre für möglich zu halten. (Richtet sich im Stuhl auf und fährt sich mit den Händen durch das Haar.) O, all diese wilden Phantasien! Niemals werd ich mich von ihnen befreien. Das fühl ich lebhaft. Das weiß ich. Jeden Augenblick werden sie auf mich einstürmen und mich an die Tote erinnern.

REBEKKA. Wie das weiße Roß auf Rosmersholm.

ROSMER. In derselben Weise. In der Finsternis dahinsausend. In nächtlicher Stille.

REBEKKA. Und wegen dieses unseligen Hirngespinstes willst du das lebendige Leben, das du schon erfaßt hattest, wieder fahren lassen?

ROSMER. Du hast recht, es ist hart. Hart, Rebekka. Aber es steht nicht in meiner Macht zu wählen. Wie könnt ich wohl jemals hierüber hinweg kommen!

REBEKKA (hinter dem Stuhl). Dadurch, daß du dir neue Verhältnisse schaffst.

ROSMER (stutzt, blickt auf). Neue Verhältnisse!

REBEKKA. Ja, neue Beziehungen zur Welt da draußen. Leben, schaffen, handeln. Nicht hier sitzen und grübeln und brüten über unlösbaren Rätseln.

ROSMER (steht auf). Neue Verhältnisse? (Er geht durch das Zimmer, bleibt an der Tür stehn und kommt dann zurück.) Da geht mir ein Gedanke durch den Kopf. Ist dir, Rebekka, dieser Gedanke nicht auch schon gekommen?

REBEKKA (atmet schwer). Laß mich – wissen – was es ist.

ROSMER. Wie, glaubst du, wird nach diesem Tage sich unser Verhältnis gestalten?

REBEKKA. Ich denke, unsre Freundschaft hält es schon aus – was auch kommen mag.

ROSMER. So meint ichs nun grade nicht. Aber das, was uns zuerst zusammen führte, – und was uns einander so innig vereint, – unser gemeinschaftlicher Glaube an eine reine Kameradschaft zwischen Mann und Weib –

REBEKKA. Ja ja – nun?

ROSMER. Ich meine, ein solches Verhältnis, – wie das unsre also, – eignet sich das nicht vorzugsweise zu einer stillen friedlich-glücklichen Lebensführung –?

REBEKKA. Und dann!

ROSMER. Aber nun öffnet sich mir ein Leben voll Kampf und Unruh und starker Gemütsbewegungen. Denn ich will mich ausleben, Rebekka! Ich lasse mich nicht von unheimlichen Möglichkeiten zu Boden schlagen. Ich lasse mir meinen Lebensweg nicht vorschreiben, weder von Lebenden, noch von – sonst jemand.

REBEKKA. Nein nein, – tu das nicht! Sei ganz und gar ein freier Mann, Rosmer.

ROSMER. Aber weißt du nun, woran ich denke?.. Weißt dus nicht? Siehst du nicht, wie ich am besten all diese nagenden Erinnrungen, – diese ganze unglückliche Vergangenheit abschüttle?

REBEKKA. Nun!

ROSMER. Dadurch, daß ich ihr eine neue, eine lebendige Wirklichkeit entgegen stelle.

REBEKKA (sucht nach der Stuhllehne). Eine lebendige –? Was meinst du damit?

ROSMER (näher). Rebekka, – wenn ich dich nun fragte, – willst du meine zweite Frau werden?

REBEKKA (einen Augenblick sprachlos, schreit voll Freude auf). Deine Frau –! Deine –! Ich!

ROSMER. Gut. Versuchen wir es. Wir beide wollen eins sein. Der Platz der Toten darf nicht länger leer bleiben.

REBEKKA. Ich – an Beatens Stelle –!

ROSMER. Dann verschwindet sie aus meinem Leben. Vollständig. Für alle Ewigkeit.

REBEKKA (leise und bebend). Glaubst du das, Rosmer?

ROSMER. Es muß sein! Es muß! Ich kann und will nicht durchs Leben gehn mit einer Leiche auf dem Rücken. Hilf mir sie abwerfen, Rebekka. Und dann laß uns alle Erinnrungen ersticken in Freiheit, in Freude, in Liebe. Du sollst das einzige Weib sein, das je mein war.

REBEKKA (sich beherrschend). Sprich mir nicht wieder davon. Deine Frau werd ich niemals.

ROSMER. Was! Niemals! Aber glaubst du denn, du würdest mich nie lieben können? Ist nicht schon in unsrer Freundschaft ein Funken von Liebe!

REBEKKA (hält sich wie erschreckt die Ohren zu). Rede nicht so, Rosmer! Sprich solche Worte nicht aus!

ROSMER (fasst sie am Arm). Ja ja, – es gibt noch eine Möglichkeit für uns. O, ich sehs dir an, du fühlst dasselbe! Nicht wahr, Rebekka?

REBEKKA (wieder fest und gefasst). Nun höre. Das sag ich dir, – bestehst du hierauf, so reis ich ab.

ROSMER. Abreisen! Du! Das kannst du nicht. Das ist unmöglich.

REBEKKA. Daß ich deine Frau werde, ist noch unmöglicher. Das kann ich nie und nimmer.

ROSMER (sieht sie stutzend an). Du sagst, du kannst es nicht. Und das sagst du so seltsam. Warum kannst dus denn nicht?

REBEKKA (ergreift seine beiden Hände). Teuerster Freund, – um deinet- und meinetwillen, – frage nicht, warum. (Lässt ihn los). Frage nicht, Rosmer. (Sie geht nach der Tür links).

ROSMER. Von heut an hab ich keine andre Frage als diese eine: – warum?

REBEKKA (wendet sich um und sieht ihn an). Dann ist alles aus.

ROSMER. Zwischen dir und mir?

REBEKKA. Ja.

ROSMER. Dahin kommt es nie zwischen uns beiden. Und nie gehst du von Rosmersholm fort.

REBEKKA (mit der Hand auf der Türklinke). Nein, das werd ich wohl nie. Aber fragst du mich noch einmal, – dann ist es trotzdem aus.

ROSMER. Trotzdem aus? Warum denn –?

REBEKKA. Ja. Denn dann geh ich den Weg, den Beate ging. Nun weißt dus, Rosmer.

ROSMER. Rebekka –!

REBEKKA (in der Tür, nickt langsam). Nun weißt dus. (Sie geht.)

ROSMER (starrt verblüfft und wie in Gedanken verloren nach der geschlossnen Tür und spricht vor sich hin): Was – ist – das?

Dritter Aufzug.

Das Wohnzimmer auf Rosmersholm. Das Fenster und die Tür zum Vorzimmer stehen offen. Draussen scheint die Vormittagssonne.

REBEKKA, wie im ersten Akt gekleidet, steht am Fenster und besprengt und ordnet die Blumen. Ihre Häkelei liegt auf dem Lehnstuhl. – FRAU HILSETH geht mit dem Flederwisch in der Hand umher und stäubt die Möbel ab.

REBEKKA (nach kurzem Schweigen). 'S ist merkwürdig, daß der Herr Pastor heut so lange oben bleibt.

FRAU HILSETH. O, das tut er doch öfter. Aber nu kommt er gewiß bald runter.

REBEKKA. Haben Sie ihn gesehn?

FRAU HILSETH. Nur ganz flüchtig. Als ich mit den Kaffee rauf kam, ging er ins Schlafzimmer und zog sich an.

REBEKKA. Ich frage, weil er gestern nicht ganz wohl war.

FRAU HILSETH. Ja, das konnte man ihm ansehn. Auch tät es mich garnicht wundern, wenn er was mit seinen Schwager gehabt hätte.

REBEKKA. Was könnte das wohl sein?

FRAU HILSETH. Kann ich nicht wissen. Vielleicht ist es dieser Mortensgaard, der die beiden aneinander gehetzt hat.

REBEKKA. Das ist wohl möglich ... Kennen Sie diesen Peter Mortensgaard?

FRAU HILSETH. Ih bewahre. Wie kann Fräulein sowas glauben? So einer wie der!

REBEKKA. Meinen Sie, weil er diese schreckliche Zeitung herausgibt?

FRAU HILSETH. Na, das ists ja nicht allein ... Hat Fräulein nicht mal davon gehört, daß er 'n Kind hat mit 'ner verheirateten Frau, der ihr Mann davongelaufen war?

REBEKKA. Ich hab davon gehört. Aber das war wohl lange, eh ich hierher kam.

FRAU HILSETH. Gott ja, er war dazumal noch ganz jung. Und sie hätt auch verständiger sein müssen als er. Heiraten wollt er sie ja auch. Aber dazu kriegt er keine Erlaubnis nicht. Na, und dann hat er schwer dafür büßen müssen ... Aber später, o, da ist der Mortensgaard wieder obenauf gekommen! 'S gibt so manche, die den Mann aufsuchen.

REBEKKA. Die kleinen Leute wenden sich am liebsten an ihn, wenn sie Rat und Hülfe brauchen.

FRAU HILSETH. O, 's dürfte wohl noch andre als bloß kleine Leute geben, die –

REBEKKA (blickt verstohlen nach ihr hin). So?

FRAU HILSETH (am Sofa, stäubt und fegt eifrig). Es dürften wohl solche Leute sein, Fräulein, von denen mans am wenigsten gedacht hätte.

REBEKKA (mit den Blumen beschäftigt). Nun, das stellen Sie sich doch bloß so vor, Frau Hilseth. Denn bestimmt wissen können Sie sowas doch nicht.

FRAU HILSETH. So, Fräulein meint, ich könnts nicht wissen? Na, ob ichs wissen kann! Nämlich, – wenns denn absolut heraus muß, – ich bin selber mal mit 'm Brief bei Mortensgaard gewesen.

REBEKKA (wendet sich). Nein, – wirklich!

FRAU HILSETH. Ja ja, das bin ich. Und dieser Brief – wissen Sie, wo der geschrieben war? Auf Rosmersholm!

REBEKKA. Ist das wahr, Frau Hilseth?

FRAU HILSETH. Ganz gewiß, Fräulein. Und auf feines Papier war er geschrieben. Und hinten drauf war feiner roter Siegellack.

REBEKKA. Und Ihnen ward er anvertraut, um ihn zu besorgen? Ja, liebe Frau Hilseth, dann ist es ja nicht schwer zu erraten, von wem er war.

FRAU HILSETH. Na?

REBEKKA. Natürlich wars ein Brief, den die arme Frau Rosmer in ihrem krankhaften Zustande –

FRAU HILSETH. Das behauptet Fräulein, nicht ich.

REBEKKA. Aber was stand denn in dem Briefe? Nu ja, 's ist wahr, – das können Sie ja nicht wissen.

FRAU HILSETH. Hm, 's könnte schon sein, daß ichs nu doch wissen täte.

REBEKKA. Sagte sie Ihnen denn, was sie geschrieben hatte?

FRAU HILSETH. Nein, das grad nicht. Aber als er, der Mortensgaard, ihn gelesen hatte, da fing er an mich kreuz und quer auszufragen, so daß ichs schon erraten konnte, was drin stand.

REBEKKA. Und was, glauben Sie, stand darin? Ach, liebe gute Frau Hilseth, erzählen Sie mir das doch?

FRAU HILSETH. Nein nein, Fräulein. Nicht um alles in der Welt.

REBEKKA. O, mir können Sies schon sagen. Wir beiden sind doch so gute Freunde.

FRAU HILSETH. Gott bewahre mich, Fräulein, Ihnen davon was zu erzählen. Ich kann Ihnen weiter nichts sagen, als daß es was abscheuliches war, was sie der armen kranken Frau in den Kopf gesetzt hatten.

REBEKKA. Und wer hatte ihr das in den Kopf gesetzt?

FRAU HILSETH. Schlechte Menschen, Fräulein West. Schlechte Menschen.

REBEKKA. Schlechte –?

FRAU HILSETH. Ja, ich sags nochmal. Wirklich schlechte Menschen müssens gewesen sein.

REBEKKA. Und wer, meinen Sie, konnte das gewesen sein.

FRAU HILSETH. O, ich weiß schon, was ich weiß. Aber Gott behüte meine Zunge ... In der Stadt, da gibts 'ne gewisse feine Dame, die – hm!

REBEKKA. Ich sehs Ihnen an, Sie meinen Frau Kroll.

FRAU HILSETH. Ja die, das ist eine! Gegen mir war sie immer hochnäsig. Und auf Ihnen hat sie auch nie 'n gutes Auge gehabt.

REBEKKA. Glauben Sie, daß Frau Rosmer bei vollem Verstande war, als sie den Brief an Mortensgaard schrieb?

FRAU HILSETH. Na, mit den Verstand, Fräulein, damit ists mannigmal 'ne wunderliche Sache. Ganz von Sinnen, glaub ich, war sie nicht.

REBEKKA. Aber sie schien doch ganz verstört, als sie erfuhr, sie könnte keine Kinder bekommen. Da kam der Wahnsinn zum Ausbruch.

FRAU HILSETH. Ja, das war 'n schrecklicher Schlag für die arme Frau.

REBEKKA (nimmt ihre Häkelei und setzt sich auf den Stuhl am Fenster). Übrigens, glauben Sie nicht auch, Frau Hilseth, es war im Grunde gut für den Herrn Pastor?

FRAU HILSETH. Was denn, Fräulein?

REBEKKA. Daß keine Kinder da waren. Nicht wahr?

FRAU HILSETH. Hm, ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll.

REBEKKA. Sie können mir glauben, es war das beste für ihn. Pastor Rosmer ist nicht der Mann dazu, Kindergeschrei anzuhören.

FRAU HILSETH. Auf Rosmersholm, Fräulein, schreien die kleinen Kinder nicht.

REBEKKA (sieht sie an). Schreien nicht?

FRAU HILSETH. Nein. Hier auf diesem Hof haben die kleinen Kinder seit Menschengedenken niemals geschrien.

REBEKKA. Das ist doch merkwürdig.

FRAU HILSETH. Ja, ist das nicht merkwürdig? Aber 's liegt in der Familie. Und dann ist da noch was merkwürdiges. Wenn sie grösser werden, lachen sie niemals. Lachen nie, solange sie leben.

REBEKKA. Das wäre doch höchst seltsam –

FRAU HILSETH. Hat Fräulein den Herrn Pastor auch nur 'n einzigsmal lachen hören oder sehen?

REBEKKA. Ja, – wenn ich darüber nachdenke, glaub ich fast, Sie haben recht. Aber mir scheint, hier in der Gegend lachen die Menschen überhaupt nicht viel.

FRAU HILSETH. Das tun Sie auch nicht. Auf Rosmersholm, sagen die Leute, fings an. Und dann hat sich auch dies, denk ich mir, immer weiter verbreitet, wie so 'ne Art Ansteckung.

REBEKKA. Frau Hilseth, Sie sind eine kluge Frau.

FRAU HILSETH. Ach, Fräulein muß sich nicht über mir lustig machen –. (Lauscht.) St, st, – da kommt der Herr Pastor runter. Den Flederwisch mag er hier drin nicht sehn.

(Sie geht durch die Tür rechts hinaus.)

(ROSMER kommt mit Hut und Stock in der Hand aus dem Vorzimmer.)

ROSMER. Guten Morgen, Rebekka.

REBEKKA. Guten Morgen, Lieber. (Kurze Pause; sie häkelt.) Willst du ausgehn?

ROSMER. Ja.

REBEKKA. Das Wetter ist ja so schön.

ROSMER. Heute morgen bist du nicht zu mir herauf gekommen.

REBEKKA. Nein, – ich bin nicht gekommen. Heute nicht.

ROSMER. Willst du von jetzt an überhaupt nicht mehr kommen?

REBEKKA. O, das weiß ich noch nicht.

ROSMER. Ist etwas für mich angekommen?

REBEKKA. Das »Kreisblatt«.

ROSMER. Das »Kreisblatt« –!

REBEKKA. Da liegts auf dem Tische.

ROSMER (legt Hut und Stock fort). Steht etwas drin –?

REBEKKA. Ja.

ROSMER. Und du schickst es mir nicht hinauf –

REBEKKA. Du bekommst es noch früh genug zu lesen.

ROSMER. Ah so. (Nimmt das Blatt und liest, am Tische stehend). – Was! – – »können nicht genug vor charakterlosen Überläufern warnen« –. (Sieht sie an). Rebekka, sie nennen mich einen Überläufer.

REBEKKA. Es ist kein Name genannt.

ROSMER. Das bleibt sich gleich. (Liest weiter). – »heimliche Verräter an der guten Sache« –. – »Judasnaturen, die frech ihren Abfall bekennen, sobald sie den geeigneten und – profitabelsten Zeitpunkt gekommen glauben.« »Rücksichtsloses Attentat auf den Namen berühmter Ahnen« –. – »in der Erwartung, daß die augenblicklichen Machthaber eine angemessne Belohnung nicht vorenthalten werden.« (Legt die Zeitung auf den Tisch). Und das schreiben sie von mir. Sie, die mich schon so lange und so genau kennen. Dinge, an die sie selbst nicht glauben. Dinge, von denen sie wissen, daß nicht ein einziges Wort daran wahr ist ... und doch schreiben sie es.

REBEKKA. Es steht noch mehr darin.

ROSMER (nimmt die Zeitung wieder auf). – »die einzige Entschuldigung ist das schwache, wenig geübte Denkvermögen« –. – »verderblicher Einfluß, der sich vielleicht noch auf andre Gebiete erstreckt; vor der Hand wollen wir den Herrn deshalb öffentlich weder beklagen noch anklagen« –. (Sieht sie an). Was ist das?

REBEKKA. Das gilt mir, wie du siehst.

ROSMER (legt die Zeitung fort). Rebekka, – so handeln nur unehrenhafte Männer.

REBEKKA. Ja, ich finde, sie sind Mortensgaard noch über.

ROSMER (geht auf und ab). Hier muß etwas geschehen. Alles was gut ist in den Menschen, wird erstickt, wenn dies so weitergeht. Aber das soll es nicht. O, wie froh, – wie glücklich würd ich mich fühlen, könnt ich in diesen Abgrund von Finsternis und Häßlichkeit ein wenig Licht bringen.

REBEKKA (steht auf). Ja, nicht wahr, Rosmer? Das wäre für dich eine große herrliche Aufgabe.

ROSMER. Bedenke nur, könnt ich sie zur Selbsterkenntnis aufrütteln. Sie zur Reue und Scham über sich selbst bringen. Sie bewegen, Rebekka, sich einander in Verträglichkeit und Liebe zu nähern.

REBEKKA. Ja, setz all deine Kraft hierfür ein, und du sollst sehen, du gewinnst.

ROSMER. Mir scheint, es muß glücken. O, welche Freude es dann sein würde zu leben! Kein gehässiger Streit mehr. Nur noch Wettstreit. Alle Augen auf das eine Ziel gerichtet. Alle Triebe, alle Sinne vorwärts strebend, – empor, – jeder auf seinem eignen naturnotwendigen Wege. Das Glück aller, – geschaffen durch alle. (Sieht zufällig durchs Fenster ins Freie, fährt zusammen und sagt traurig.) Ach! Nicht durch mich.

REBEKKA. Nicht –? Nicht durch dich?

ROSMER. Und auch nicht für mich.

REBEKKA. O, Rosmer, laß solche Zweifel nicht in dir aufkommen!

ROSMER. Glück, – liebe Rebekka, – Glück, das ist vor allen Dingen das stille frohe sichre Bewußtsein der Schuldlosigkeit.

REBEKKA (sieht vor sich hin). Ja, das mit der Schuld –.

ROSMER. O, darüber kannst du kaum urteilen. Aber ich –

REBEKKA. Du am allerwenigsten!

ROSMER (zeigt zum Fenster hinaus). Der Mühlbach!

REBEKKA. O, Rosmer –!

FRAU HILSETH (blickt durch die Tür rechts herein). Fräulein!

REBEKKA. Später, später. Jetzt nicht.

FRAU HILSETH. Nur auf ein Wort, Fräulein.

(REBEKKA geht nach der Tür. FRAU HILSETH teilt ihr etwas mit. Sie sprechen einen Augenblick flüsternd zusammen. FRAU HILSETH nickt und geht.)

ROSMER (unruhig). Wars etwas für mich?

REBEKKA. Nein, nur häusliche Dinge ... Nun solltest du etwas in die frische Luft gehen, lieber Rosmer. Einen recht weiten Spaziergang machen.

ROSMER (nimmt den Hut). Ja, komm. Dann gehn wir zusammen.

REBEKKA. Nein, Lieber, jetzt kann ich nicht. Du mußt allein gehn. Aber schüttle nun all diese schweren Gedanken von dir ab. Versprich mir das.

ROSMER. Ich fürchte, die kann ich niemals abschütteln.

REBEKKA. O, aber daß etwas so grundloses dich mit solcher Macht erfassen kann –!

ROSMER. Leider, – so grundlos ist es nicht. Die ganze Nacht hab ich drüber nachgegrübelt. Beate hat vielleicht doch richtig gesehn.

REBEKKA. Worin, meinst du?

ROSMER. Richtig gesehn, als sie glaubte, ich liebte dich, Rebekka.

REBEKKA. Darin richtig gesehn!

ROSMER (legt den Hut auf den Tisch). Mir geht unaufhörlich die Frage im Kopf herum, ob wir beiden uns nicht während der ganzen Zeit selber getäuscht haben, als wir unser Verhältnis Freundschaft nannten.

REBEKKA. Meinst du vielleicht, es konnte ebensogut ein –

ROSMER. – Liebesverhältnis genannt werden. Ja, Rebekka, das mein ich. Schon zu Beatens Lebzeiten warst du es, der ich all meine Gedanken gab. Du allein warst es, nach der mich verlangte. Bei dir nur empfand ich diese ruhige frohe wunschlose Glückseligkeit. Wenn wirs richtig bedenken, Rebekka: unser Zusammenleben begann wie eine süße heimliche Kinderverliebtheit. Ohne Verlangen und ohne Träumerei. Sage mir: empfandest du es auch in solcher Weise?

REBEKKA (kämpft mit sich). O, – ich weiß nicht, was ich dir antworten soll.

ROSMER. Und dies innre Leben ineinander und für einander hielten wir für Freundschaft. Nein, Rebekka, – unser Verhältnis war eine geistige Ehe – vielleicht gleich von den ersten Tagen an. Darum hab ich mich mit einer Schuld belastet. Ich hatte kein Recht dazu, – durfte nicht, Beatens wegen.

REBEKKA. Du durftest nicht glücklich sein? Glaubst du das, Rosmer?

ROSMER. Sie betrachtete unser Verhältnis mit den Augen ihrer Liebe. Beurteilte es nach ihrer Art zu lieben. Natürlich. Beate konnte nicht anders urteilen.

REBEKKA. Aber wie kannst du dich anklagen wegen Beatens Irrtum!

ROSMER. Weil sie mich, – in ihrer Weise, – liebte, ging sie in den Mühlbach. Die Tatsache, Rebekka, steht fest. Darüber komm ich niemals hinweg.

REBEKKA. Ach, denk doch an weiter nichts als an die große schöne Aufgabe, für die du dein Leben eingesetzt hast!

ROSMER (schüttelt den Kopf). Die kann wohl nie durchgeführt werden. Nicht von mir. Jetzt nicht mehr, nachdem ich dies erfahren habe.

REBEKKA. Warum nicht von dir?

ROSMER. Weil man niemals eine Sache zum Siege führen kann, die ihren Ursprung in einem Verbrechen hat.

REBEKKA (leidenschaftlich). O, diese Zweifel, diese Skrupel, diese Angst – das sind angeborne Familienfehler! Nach dem Gerede der Leute kehren hier die Toten zurück als jagende weiße Rosse. Ich glaube, dies ist etwas ähnliches.

ROSMER. Mag sein. Aber was nützt mir das, wenn ich nun einmal nicht darüber hinwegkommen kann? Und glaube mir, Rebekka: es ist so, wie ich sage. Die Sache, die zum bleibenden Sieg geführt werden soll, – die muß von einem frohen schuldlosen Manne getragen werden.

REBEKKA. Ist denn dir, Rosmer, die Freude ganz und gar unentbehrlich?

ROSMER. Die Freude? Ja, – das ist sie.

REBEKKA. Dir, der niemals lachen kann?

ROSMER. Trotzdem. Glaube mir, ich hab viel Talent zur Fröhlichkeit.

REBEKKA. Jetzt geh, lieber Freund. Weit, – ganz weit. Hörst du?... Sieh, hier ist dein Hut. Und hier hast du den Stock.

ROSMER (nimmt Hut und Stock). Danke. Und du gehst nicht mit?

REBEKKA. Nein nein, jetzt ich kann nicht.

ROSMER. Ja, ja. Nun, du weißt, du bist trotzdem bei mir.

(Er geht durch das Vorzimmer hinaus. Kurz darauf lugt REBEKKA hinter der offnen Tür her hinaus. Dann geht sie nach der Tür rechts.)

REBEKKA (öffnet und sagt halblaut). So, Frau Hilseth. Nun können Sie ihn hereinlassen.

(Sie geht nach dem Fenster. Kurz darauf kommt KROLL von rechts. Er grüsst stumm und gemessen und behält den Hut in der Hand.)

KROLL. Er ist also ausgegangen?

REBEKKA. Ja.

KROLL. Pflegt er weit zu gehn?

REBEKKA. O ja. Aber heut ist er so unberechenbar. Wenn Sie ihn also nicht treffen wollen –

KROLL. Nein nein. Ich wünsche nur Sie zu sprechen. Und zwar ganz allein.

REBEKKA. Dann ists am besten, wir nutzen die Zeit aus. Nehmen Sie Platz, Herr Rektor.

(Sie setzt sich auf den Lehnstuhl am Fenster. KROLL setzt sich auf einen Stuhl neben ihr.)

KROLL. Fräulein West, – Sie können sich wohl kaum eine Vorstellung davon machen, wie tief es mich schmerzt, dieses – diese Veränderung, die mit Johannes Rosmer vor sich gegangen ist.

REBEKKA. Wir waren darauf vorbereitet, daß es Ihnen sehr zu Herzen gehn würde – das heißt im Anfang.

KROLL. Nur im Anfang?

REBEKKA. Rosmer hegte die sichre Hoffnung, früher oder später würden Sie auf seine Seite treten.

KROLL. Ich!

REBEKKA. Sie und all seine andern Freunde.

KROLL. Ja, da sehn Sies! So schwach ist sein Verstand in allem, was die Menschen und das praktische Leben betrifft.

REBEKKA. Übrigens, – wenns ihm nun einmal ein Bedürfnis ist, sich nach jeder Richtung hin frei zu machen –

KROLL. Ja aber, sehn Sie, – grade das glaub ich nicht.

REBEKKA. Was glauben Sie denn?

KROLL. Ich glaube: hinter alledem stecken Sie.

REBEKKA. Das haben Sie von Ihrer Frau, Herr Rektor.

KROLL. Das ist gleichgültig, woher ichs habe. Aber so viel steht fest: wenn ich mir alles überlege und mir Ihr ganzes Verhalten zu erklären suche seit dem Augenblick, da Sie nach Rosmersholm kamen, dann erwacht in mir ein starker Verdacht, – ein außerordentlich starker Verdacht.

REBEKKA (sieht ihn an). Ich glaube mich zu erinnern, lieber Rektor, es gab eine Zeit, da hegten Sie ein außerordentlich starkes Vertrauen zu mir. Ein warmes Vertrauen, hätt ich bald gesagt.

KROLL (gedämpft). Wen vermochten Sie nicht zu behexen, – wenn Sies drauf anlegten?

REBEKKA. Legt ichs denn darauf an, Sie –!

KROLL. Jawohl, das taten Sie. Jetzt bin ich nicht mehr so'n Narr, mir einzubilden, es sei irgend ein Gefühl mit im Spiel gewesen. Sie wollten sich einfach hier auf Rosmersholm Eingang verschaffen. Sich hier festsetzen. Und dabei sollt ich Ihnen behülflich sein. Nun seh ichs.

REBEKKA. Sie haben also vollständig vergessen, daß es Beate war, die mich bat und anflehte, hierher zu kommen.

KROLL. Ja, als Sie die ebenfalls behext hatten. Oder kann man das Gefühl, das Beate für Sie empfand, vielleicht Freundschaft nennen? Es schlug um in Vergötterung, – in Anbetung. Es artete aus in, – wie soll ichs nennen? – in eine Art verzweifelter Verliebtheit. Ja, das ist das richtige Wort.

REBEKKA. Sie wollen sich gütigst erinnern, in welchem Zustand sich Ihre Schwester befand. Was mich betrifft, so glaub ich nicht, daß man mich der Überspanntheit beschuldigen kann.

KROLL. Nein wahrhaftig nicht. Aber desto gefährlicher werden Sie denen, die Sie in Ihre Gewalt haben wollen. Es fällt Ihnen so leicht, mit Überlegung und voller richtiger Berechnung zu handeln, – eben weil Ihr Herz kalt ist.

REBEKKA. Kalt? Wissen Sie das bestimmt?

KROLL. Jetzt weiß ichs ganz bestimmt. Sonst hätten Sie hier nicht jahrelang Ihr Ziel mit so unerschütterlicher Sicherheit verfolgen können. Ja ja, – Sie haben erreicht, was Sie erreichen wollten. Nicht bloß ihn, – alles hier haben Sie in Ihre Gewalt bekommen. Aber um dies alles durchzusetzen, sind Sie nicht davor zurückgeschreckt, ihn unglücklich zu machen.

REBEKKA. Das ist nicht wahr! Nicht ich, Sie selbst haben ihn unglücklich gemacht.

KROLL. Ich!

REBEKKA. Ja Sie! – indem Sie ihm den Wahn in den Kopf setzten, er wäre schuld an Beatens schrecklichem Ende.

KROLL. Ah, es hat ihn also doch gepackt?

REBEKKA. Das können Sie sich doch denken. Ein so weiches Gemüt –

KROLL. Ich glaubte, ein sogenannter Freigewordner wär über all solche Skrupel erhaben ... So also stehts mit uns! Ach ja, – offen gesagt: das hab ich erwartet. Der Nachkomme jener Männer, die von den Wänden dort auf uns herabschauen, – es gelingt ihm nicht, sich von all dem loszureißen, was von Geschlecht zu Geschlecht sich auf ihn vererbt hat.

REBEKKA (sieht gedankenvoll vor sich hin). Ja, Johannes Rosmer ist mit sehr starken Wurzeln an sein Geschlecht gebunden. Das ist wahr.

KROLL. Und darauf hätten Sie Rücksicht nehmen müssen, wenn Sie ein Herz für ihn gehabt hätten. Aber derartige Rücksichten konnten Sie nicht gut nehmen. Ihre Voraussetzungen sind von den seinen ja so himmelweit verschieden.

REBEKKA. Welche Voraussetzungen meinen Sie?

KROLL. Ich meine die Voraussetzungen, Fräulein West, die sich auf die Familie, – die Geburt beziehen.

REBEKKA. Ah so. Ja, das ist wahr, – ich bin von sehr geringer Herkunft. Aber trotzdem –

KROLL. Ich spreche nicht von Stand und Stellung. Ich denke an die sittlichen Voraussetzungen.

REBEKKA. Sittlichen Voraussetzungen –? In welcher Beziehung?

KROLL. Inbezug auf Ihre Geburt.

REBEKKA. Was sagen Sie!

KROLL. Ich sag es ja nur, weil das Ihr ganzes Verhalten erklärt.

REBEKKA. Ich versteh Sie nicht. Ich verlange eine klare offne Erklärung!

KROLL. Ich glaubte wirklich nicht, daß Sie noch eine Erklärung brauchten. Sonst wärs doch seltsam, daß Sie sich von Doktor West adoptieren ließen –

REBEKKA (steht auf). Ah so! Jetzt versteh ich.

KROLL. – daß Sie seinen Namen annahmen. Ihre Mutter hieß Gamwik.

REBEKKA (geht im Zimmer umher). Mein Vater hieß Gamwik, Herr Rektor.

KROLL. Der Beruf Ihrer Mutter brachte sie naturgemäß mit dem Kreisarzt in beständige Verbindung.

REBEKKA. Da haben Sie recht.

KROLL. Und da nimmt er Sie zu sich, – gleich nach dem Tode Ihrer Mutter. Er behandelt Sie hart. Und doch bleiben Sie bei ihm. Sie wissen, daß er Ihnen nicht einen einzigen Schilling hinterlassen wird. Sie bekamen ja auch bloß einen Kasten voll Bücher. Und doch halten Sie bei ihm aus. Haben Geduld mit ihm. Pflegen ihn bis an sein Ende.

REBEKKA (am Tische, sieht ihn höhnisch an). Und daß ich dies alles tat, – das erklären Sie sich daraus, daß an meiner Geburt etwas unsittliches haftet, – etwas verbrecherisches!

KROLL. Was Sie für ihn taten, führ ich auf einen unbewußten kindlichen Instinkt zurück. Übrigens wurde Ihr ganzes Verhalten durch Ihre Herkunft bestimmt.

REBEKKA (heftig). Aber da ist nicht ein wahres Wort an dem, was Sie da sagen! Und das kann ich beweisen! Denn Doktor West war noch garnicht in der Finnmark, als ich geboren wurde.

KROLL. Bitt um Entschuldigung, – Fräulein. Er kam in dem Jahr vorher. Das hab ich festgestellt.

REBEKKA. Und ich sag Ihnen: Sie irren! Irren vollständig!

KROLL. Sie sagten gestern, Sie wären neunundzwanzig. Gingen ins dreißigste.

REBEKKA. So? Sagt ich das?

KROLL. Allerdings. Und danach kann ich berechnen, daß –

REBEKKA. Halt! Ihre Berechnungen nützen Ihnen nichts. Denn ich kanns Ihnen ja gleich sagen: Ich bin ein Jahr älter als ich mich ausgebe.

KROLL (lächelt ungläubig). Wirklich? Das ist was neues. Wie kommt das?

REBEKKA. Als ich fünfundzwanzig erreicht hatte, schien es mir, – unverheiratet wie ich war, – ich würde zu alt. Und so begann ich ein Jahr abzulügen.

KROLL. Sie? Eine Freigewordne? Sie hegen noch Vorurteile inbezug auf das heiratsfähige Alter?

REBEKKA. Ja, 's war grützdumm, – und obendrein lächerlich. Aber dies und jenes, von dem man sich nicht losmachen kann, bleibt immer an einem haften. Wir sind nun mal so.

KROLL. Mag sein. Aber die Berechnung kann dennoch stimmen. Denn Doktor West war ein Jahr vor seiner Anstellung zu einem flüchtigen Besuch da oben in der Finnmark.

REBEKKA (leidenschaftlich). Das ist nicht wahr!

KROLL. Das ist nicht wahr?

REBEKKA. Nein. Denn davon hat mir meine Mutter nie etwas erzählt.

KROLL. Wirklich nicht?

REBEKKA. Nein, nie. Und Doktor West auch nicht. Nie eine Silbe!

KROLL. Könnte das nicht geschehn sein, weil sie beide Grund hatten ein Jahr zu überspringen? Grad so wie Sie eins übersprungen haben. Das ist vielleicht ein Familienzug.

REBEKKA (geht umher, presst und ringt die Hände). Das ist unmöglich. Das wollen Sie mir nur einreden. Das kann nicht wahr sein! Nie und nimmer! In alle Ewigkeit nicht –!

KROLL (steht auf). Aber mein liebes Fräulein, – warum in Himmels Namen nehmen Sies in der Weise? Sie erschrecken mich förmlich! Was soll ich da glauben und denken –!

REBEKKA. Nichts. Sie sollen weder was glauben noch denken.

KROLL. Dann müssen Sie mir aber wirklich erklären, warum Sie diese Sache, – diese Möglichkeit sich so zu Herzen nehmen.

REBEKKA (fasst sich). Das ist doch ganz natürlich, Herr Rektor. Ich habe nicht Lust, hier als ein uneheliches Kind zu gelten.

KROLL. Ah so. Ja ja, beruhigen wir uns, – vorläufig, – bei dieser Erklärung. Aber dann haben Sie sich ja also auch in diesem Punkte noch ein gewisses – Vorurteil bewahrt.

REBEKKA. Das scheint so.

KROLL. Na, ich denke, dieselbe Bewandtnis hat es wohl auch mit dem meisten von dem, was Sie Ihre Befreiung nennen. Sie haben sich einen ganzen Haufen neuer Gedanken und Meinungen angelesen. Sie wissen einigermaßen Bescheid über die Forschungen auf verschiednen Gebieten, – Forschungen, die manches von dem, was bisher bei uns als unumstößlich und unangreifbar galt, umzustoßen scheinen. Aber dies alles, Fräulein West, ist bei Ihnen nur bloßes Wissen geblieben. Tote Kenntnisse. Es ist Ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen.

REBEKKA (nachdenklich). Möglich, daß Sie recht haben.

KROLL. Ja, prüfen Sie sich nur selbst, dann werden Sie sehn! Und wenn es so mit Ihnen steht, kann man sich leicht vorstellen, wie es mit Johannes Rosmer bestellt ist. Es ist ja helle blanke Verrücktheit, – es heißt schnurstracks ins Verderben rennen, wenn er offen hervortreten und sich als Abtrünnigen bekennen will! Bedenken Sie, – er mit diesem scheuen Gemüt! Stellen Sie sich ihn vor als verstoßen, – verfolgt von dem Kreise, dem er bisher angehört hat. Rücksichtslosen Angriffen ausgesetzt von den besten unsrer Gesellschaft. Nie und nimmer ist er der Mann, dem die Stirn zu bieten.

REBEKKA. All dem muß er die Stirn bieten! Jetzt ist es für ihn zu spät, sich zurückzuziehen.

KROLL. Zu spät? Durchaus nicht. In keiner Beziehung. Was geschehn ist, kann totgeschwiegen, – oder doch jedenfalls als eine bloß vorübergehende wenn auch beklagenswerte Verirrung erklärt werden. Aber – eine Verhaltungsmaßregel ist freilich unumgänglich notwendig.

REBEKKA. Und die wäre?

KROLL. Fräulein West, Sie müssen ihn veranlassen, das Verhältnis zu legalisieren.

REBEKKA. Das Verhältnis, in dem er zu mir steht?

KROLL. Ja, Sie müssen sehn, daß Sie ihn dazu bewegen.

REBEKKA. Sie können sich also gar nicht von der Ansicht frei machen, unser Verhältnis bedürfe der – Legalisierung, wie Sies nennen?

KROLL. Auf die Sache selbst will ich nicht näher eingehn. Allerdings aber glaub ich beobachtet zu haben, daß man dort am leichtesten mit allen sogenannten Vorurteilen bricht, wo es sich handelt um – hm.

REBEKKA. Um das Verhältnis zwischen Mann und Weib, meinen Sie?

KROLL. Ja, – offen gestanden, – das glaub ich.

REBEKKA (geht durch das Zimmer und blickt zum Fenster hinaus). Rektor Kroll, beinah hätt ich gesagt, – möchten Sie nur recht haben.

KROLL. Was meinen Sie damit? Sie sagen das in einem so seltsamen Ton.

REBEKKA. Ach was! Sprechen wir nicht mehr von diesen Dingen ... Ah, – da kommt er.

KROLL. Schon! Dann geh ich.

REBEKKA (auf ihn zugehend). Nein, bleiben Sie. Denn nun sollen Sie etwas erfahren.

KROLL. Jetzt nicht. Ich ertrag es nicht, ihn jetzt zu sehn.

REBEKKA. Bleiben Sie! Ich bitte darum. Bitte Sie dringend. Sonst werden Sie es später bereuen. Es ist das letzte Mal, daß ich Sie um etwas bitte.

KROLL (sieht sie verwundert an und legt den Hut fort). Nun gut, Fräulein West. Es mag sein.