Viertes Kapitel
Die Reise nach dem Schloß der Gräfin Rosemarie

„Ich möchte nur wissen, was unserem Kasperle fehlt!“ sagte im Waldhaus die schöne Frau Liebetraut zu ihrem Manne an diesem Abend.

Ja, der wußte es auch nicht, niemand wußte es, selbst Michele nicht. Kasperle hing seine Nase wie eine Trauerweide ihre Zweige. Er redete nicht, er lachte nicht, er schlug keine Purzelbäume, — Kasperle war gar nicht Kasperle.

„Er ist krank,“ sagte Michele. Und er bat den kleinen Freund herzlich und gut, er möge ihm sagen, was ihm fehle. Doch da brach Kasperle in ein erschreckliches Geheule aus, er heulte und heulte, die Vögel verkrochen sich vor Schreck in ihren Nestern, und die Rehe, die sonst bis an das Waldhaus gelaufen kamen, rannten davon.

Nein, wie konnte Kasperle auch heulen!

Michele legte ihn ins Bett, und alle Waldhausleute saßen drum herum, redeten ihm gut zu, trösteten und fragten nach seinem Herzeleid, aber Kasperle schwieg. Er steckte seine Nase in die Kissen und tat, als ob er schliefe. Da ließen sie ihn schließlich allein. Mutter Annettchen sagte: „Er muß sich ausschlafen, dann wird es schon wieder gut sein.“

In dieser Nacht stand der Mond wieder über dem Waldhaus, sah wieder in das Stübchen hinein, in dem Michele fest schlief, das Kasperle aber traurig auf dem Bettrand hockte. Und wieder lockte und winkte der Mond, und Kasperle stieg leise aus dem Fenster, schwang sich auf das Dach und sah über den dunklen Wald hinweg. Dort ferne, ferne, wo die Berge dunkel gegen den Nachthimmel standen, lag des Herzogs Waldschloß und das Schloß, in dem Rosemarie wohnte.

„Hach!“ Kasperle seufzte auf einmal so erschrecklich laut, und eine große, dicke Eule, die neben dem Haus in einem Baum wohnte, Illustration 041 purzelte vor Schreck in ihr Nest zurück. Gerade hatte sie auf die Jagd fliegen und ein paar Fledermäuse fangen wollen.

Kasperle kümmerte sich gar nicht um die erschrockene Eule, er ächzte noch ein paarmal: „Hach, hach!“ Dann kroch er traurig in das Kämmerlein zurück, rollte sich wie ein Igel zusammen und — schlief ein. Er schlief, bis statt des Mondes die Sonne hoch und hell am Himmel stand, und über dem schönen Wetter vergaß Kasperle ganz und gar seinen Kummer. Er schoß wieder mit einem Purzelbaum die Treppe hinab, fiel mit seiner großen Nase beinahe in seine Milchtasse, schluckte und schluckte, da trat Herr Severin in das Zimmer und rief: „Nein, seht doch einmal diese Grenzwächter! Da haben sie diesen dicken Brief über die Grenze geworfen, als ich vorhin spazierenging, mir gerade vor die Füße.“

Alle guten Geister, bekam Kasperle einen Schreck! Er versank mit seinem Gesicht ganz in der Milchtasse und heulte in die hinein: „Das ist für mich, für mich!“

Herr Severin schüttelte erstaunt den Kopf über Kasperles wunderliches Gebaren, und auch alle andern schüttelten die Köpfe, dann aber wickelte Herr Severin das Päckchen aus; ein großer, feierlicher Brief, mit dem herzoglichen Siegel versehen, kam zum Vorschein und darauf stand: „An Kasperle.“

Potztausend! Meister Friedolin fiel das Schnitzmesser aus der Hand vor Erstaunen, und alle sahen auf das heulende Kasperle. Selbst Michele dachte: Er hat gewiß an der Grenze einen dummen Streich gemacht.

Herr Severin fragte ganz ernsthaft: „Kasperle, was hast du getan?“

„Hach!“ Kasperle schluchzte erschrecklich. „Ich hab’ dem Herzog einen Brief geschribbt!“

„Du — Kasperle?“

„Hm, hach, mein Bäuchle tut wieder so weh!“

Dem Kasperle tat wieder vor Angst sein Herze weh, und er hielt das wieder für sein Bäuchle. Ganz matt deutete er auf den Brief und nickte Herrn Severin zu. Der dachte: Gewiß will er sagen, ich soll den Brief lesen. Er öffnete ihn also und las.

Da staunten sie nun freilich alle sehr im Waldhaus, Michele aber nahm seinen kleinen Freund in die Arme und sagte traurig: „Nein, nein, armes Kasperle, ein so schweres Opfer sollst du nicht für mich bringen.“

„Kasperle, ach Kasperle, du willst uns verlassen?“ rief die schöne Frau Liebetraut traurig. „Das darfst du nicht.“

„Er muß,“ sagte plötzlich Meister Friedolin. „Versprochen ist versprochen, und wenn jetzt Kasperle dem Herzog sein Wort nicht hält, dann geht es uns noch allen schlecht im Waldhaus.“

„Ja, er muß gehen.“ Herr Severin sah auch ganz traurig aus und doch wieder froh, denn er freute sich, daß sein Lieblingsschüler Michael nun die schöne Gräfin Rosemarie heiraten sollte.

So ging es schließlich allen. Sie waren alle traurig und freuten sich alle, am sonderbarsten aber war es dem Michele zumute, der hätte lachen und weinen mögen, und zuletzt nahm er seine Geige und spielte so schön wie noch nie. Das tönte in den Wald hinaus wie Engelsgesang, und alle Tiere, die das Spiel hörten, kamen gelaufen und lauschten. Da kamen Rehe und Hasen, der fette Dachs kam angetrabt, Mäuslein huschten herbei, das Eichhörnchen sprang von Baum zu Baum, die Vögel flogen um das Haus, und zuletzt guckte sogar der Fuchs um die Ecke.

Als Michele sein Spiel geendet hatte, sagte Meister Friedolin: „Nun ist’s Zeit; jetzt müßt ihr marschieren, denn sonst denkt der Herzog, ihr kommt nicht, und die Gräfin Rosemarie muß gar den Grafen von Singerlingen heiraten.“

Meister Friedolin hatte schon recht, aber der Abschied wurde doch allen sehr schwer. Michele konnte freilich versprechen, er werde mit seiner Frau bald alle im Waldhaus besuchen, aber Kasperle konnte das nicht. Der gehörte dann ganz und gar dem Herzog. „Vielleicht sagt er bald: ‚Geh zum Teufel!‘“ meinte er, aber dazu schüttelte Herr Severin den Kopf. „So ein Wort spricht ein Herzog nicht aus, dazu ist er viel zu vornehm. Du warst dumm, kleines Kasperle, du hättest dir etwas anderes ausdenken sollen.“

Kasperle hing die Nase, er wollte zwar Michele nicht zeigen, wie traurig er war, aber Michele merkte es doch, und als sie beide reisefertig waren, fragte er traurig: „Wirst du es auch nicht zu arg bereuen, mein armes Kasperle?“

Heidi, da rannte das Kasperle davon! Es nahm nicht einmal recht Abschied, das brachte es vor lauter Herzeleid nicht fertig. Es rannte und rannte, Michele konnte ihm kaum folgen, und auf einmal waren sie an der Grenze und jenseits standen die beiden Landjäger. Die schrien: „Hurra, sie kommen, hurra!“

Es war beinahe, als wäre der Herzog selber gekommen. Und als der Geiger mit dem Kasperle drüben war, sagten sie: „Nun Illustration 044 marschieren wir mit, denn nun brauchen wir die Grenze nicht mehr zu bewachen. Jetzt ist ja Kasperle da.“

Michele ging mit dem Kasperle voran. Er spielte auf seiner Geige, und der Wald, durch den sie gingen, sang mit, es rauschte in den Bäumen, die Vögel zwitscherten es: „Da geht einer zur Hochzeit, Hochzeit, Hochzeit!“

Kasperle vergaß darüber ganz den Herzog, er kam sich ungeheuer wichtig vor, wie er so, von zwei Landjägern begleitet, dahinschritt. Und als sie sich Protzendorf näherten, dachte er: Na, ich will’s ihnen schon zeigen, wer ich bin, ich, das berühmte Kasperle!

In Protzendorf sahen etliche den Zug kommen, unter denen waren auch Kasperles alte Freunde Windgustel und Wassergustel. Das waren jetzt zwei stämmige, große, dicke Burschen geworden; klüger waren sie aber noch immer nicht, darum rissen sie auch die Mäuler weit auf, als sie den Zug kommen sahen, und brüllten: „Jetzt haben se Kasperle gefangen!“

Daß einer, der gefangen ist, nicht ganz vergnügt voranmarschiert, bedachten die Protzendorfer nicht, das Geschrei pflanzte sich fort, und der Schäfer Damian ohne Maul, der heute ganz nahe am Dorfe seine Herde weidete, hörte es auch.

Hallo, da kam der aber angelaufen! Er sah Kasperle, sah die Landjäger, dachte an sein Wort, er wolle Kasperle immer schützen, und auf einmal — ripsch, rapsch — ergriff er den kleinen Kerl, setzte ihn auf seine Schulter, und fort ging es. Damian hatte längere Beine als die Landjäger und alle Protzendorfer, der war mit Kasperle zum Dorfe hinaus, ehe einer nur recht zur Besinnung kam.

Als die Landjäger freilich merkten, Kasperle wurde wieder zurückgetragen, da rannten sie spornstreichs hinterher; Michele rannte auch. Die Protzendorfer blieben nicht zurück, was Beine hatte lief, sogar ein paar Schweinchen, etliche Hunde und Ziegen waren dazwischen.

Kasperle schrie: „Halt, halt!“ Aber Damian ohne Maul hörte nicht darauf; der lief bergauf, bergab, rannte beinahe das Wächterhaus an der Grenze um, und dann war er am Waldhaus, und da setzte er das schreiende Kasperle mitten in die Stube hinein. „Da!“

„Jemine,“ schrie Mutter Annettchen, „unser Kasperle, der zum Herzog wollte, ist wieder da!“

„Was?“ Damian sah drein, als wollte er das ganze Waldhaus verschlingen.

Da kamen Meister Friedolin, Herr Severin, die schöne Frau Illustration 046 Liebetraut und ihre Kinder alle herbei, und alle fragten sie: „Kasperle, was ist denn das? Wie kommst du denn wieder her? Willst du nicht mehr zum Herzog gehen?“

„Ich will doch schon, aber der will net!“ brüllte Kasperle ganz aufgeregt.

„Na, potz Kuckuck, was hat denn da der Damian zu wollen!“ rief Meister Friedolin.

Damian ohne Maul stand ganz verdattert da. Er merkte schon, er hatte eine große Dummheit gemacht. Ehe er aber noch wie und was sagen konnte, kamen die Landjäger, Michele und die Protzendorfer Männer, Frauen, Kinder, Schweinchen, Ziegen und Hunde gelaufen, und um das sonst so stille Waldhaus toste ein ungeheurer Lärm. Michael trat in die Stube und erzählte, und als er das weinende Kasperle am Boden sitzen sah, sagte er mitleidig: „Nun kannst du hier bleiben; dein Wort hast du gehalten, hast zum Herzog gehen wollen; daß dich der Damian zurückgetragen hat, dafür kannst du nicht.“

„Hm,“ brummelte Meister Friedolin, „gewollt hat er, gegangen ist er, aber —“

Kasperle hatte sich ganz zusammengekauert. Im Waldhaus bleiben dürfen, wie schön wäre das! Aber da fiel ihm Rosemarie ein, die dann den alten Grafen von Singerlingen heiraten mußte, und er dachte an seines Michele Geige, die immer weinte, wenn er spielte, und er sagte ganz, ganz leise: „Ich will zum Herzog.“

„Wir wollen Kasperle, Kasperle soll wiederkommen!“ schrien draußen die Landjäger und etliche Protzendorfer, dazwischen aber brüllten zwei: „Nä, er soll heeme bleiben!“ Illustration 047

Das waren Wassergustel und Windgustel, die ihren einstigen Freund noch immer gern hatten und auch dachten wie Damian, er wäre geraubt worden.

Kasperle saß noch immer mitten in der Stube. Er war nämlich ein bißchen müde von dem Laufen, auch war ihm der Schreck in seine kleinen Beine gefahren. Er dachte bei sich: Wer mich hergetragen hat, mag mich auch zurückbringen. Und überhaupt — zu einem Herzog läuft man nicht, da fährt man. Er erhob also plötzlich seine Stimme und schrie, so laut er konnte: „Ich will ’n Wagen, ich will zum Herzog fahren!“

„Da hat er recht,“ brummte draußen der dicke Bauer Strohkopf, der als letzter dahergekommen war. „Und ’n Kutschwagen muß es sein, anders geht das nicht.“ In ganz Protzendorf aber hatte nur er einen Kutschwagen, in dem er freilich nie fuhr, weil er ihm zu schön war. Doch nun dachte er: Wenn der Herzog hört, daß ich, der Bauer Strohkopf, meinen Wagen hergegeben habe, dann kriege ich sicher einen Orden. Also rief er: „Recht hat Kasperle, und obgleich er mich mal schwer geärgert hat, soll er doch einen Wagen bekommen. Darin kann er gleich bis zu dem Schloß der Gräfin Rosemarie fahren.“

Alle staunten den dicken Bauer ehrfurchtsvoll an, und der sagte: „Na, dann los! Jetzt müssen wir erst nach Protzendorf gehen, dort laß ich anspannen.“

„Nä,“ schrie Kasperle, „ich war schon dort; au, au, ich bin so müde!“

Es half alles nichts, Damian ohne Maul mußte den kleinen Strick wieder nach Protzendorf zurücktragen, und als sie dort ankamen, sagte der Bauer, sie müßten aber bis morgen früh warten, denn sein schöner Wagen dürfe nur am Tage gefahren werden. Und morgen sollten die beiden doch schon auf dem Schloß sein. Da aber der Herzog keine Zeit angegeben hatte, konnten sie ja auch am Abend ankommen, und darum sagte der Geiger Michael, sie wollten bis zum Sonnenaufgang warten.

Das mit dem Wagen war aber nur ein bißchen geflunkert von dem dicken Bauer. Er dachte nämlich: Kasperle soll uns heute Abend noch etwas vorkaspern. Das tat der kleine Schelm auch, und es gab in dem großen Bauernhofe einen lustigen Abend. Es lachten alle so viel, daß Kasperle darüber den Abschied vom Waldhaus beinahe vergaß. Aber als alle schliefen und der Mond schien, da wurde er wieder ganz traurig, er kletterte auf das Fensterbrett und sah lange, lange auf das stille Dorf hinab. Er dachte: Wenn der Herzog doch nur sagen wollte: „Geh zum Teufel!“ aber ach, Herr Severin hatte ja gesagt, so etwas spricht ein Herzog nicht aus.

Wie Kasperle so saß und den Mond unter sich auf dem Dorfbächlein glitzern sah, hörte er auf einmal eine liebe, linde Stimme, die sang:

„Nur net verzagt!
Bald der Morgen tagt.
Zum guten End’
sich alles wend’t.
Mußt net greinen,
Mußt net weinen!
Auf Gott vertrau’,
Zum Himmel schau’!“

Da tat Kasperle wirklich, was die Stimme riet, schaute zum Himmel auf, und dabei sah er am Fenster über sich ein Mägdlein stehen, das war die Sängerin. Die erblickte nun auch das Kasperle auf der Fensterbrüstung, und sie rief sacht hinab: „Geh doch schlafen, kleines Kasperle!“

„Kann net,“ murmelte Kasperle, und dann kletterte er flugs am Weinspalier hoch und saß auf einmal auf dem Kammerfenster der Magd. Die lachte. „Ei,“ fragte sie, „du Schelm, du willst wohl wieder ausreißen?“ Aber als sie sah, wie dem Kasperle dicke, dicke Tränen über sein unnützes Gesichtlein liefen, fragte sie sanft: „Was fehlt dir denn, armes Kasperle?“

Kasperle seufzte schwer: „Hach, hach!“ und dann verriet er der Magd seinen Kummer. „Wenn der Herzog net sagt: ‚Geh zum Teufel!‘ muß ich bei ihm bleiben,“ jammerte er.

„Ei, weißt du was, ein schöner Spruch ist das nicht!“ erwiderte die Magd, „und ein Herzog wird so etwas freilich net sagen, der denkt gar nicht an solche Worte. Aber weißt du, mir hat meine Großmutter einmal erzählt, ihre Urgroßmutter habe ein Mittel gewußt, daß ein Mensch sagen mußte, was sie wollte, hab’s freilich nie ausprobiert, und meine Großmutter hat’s auch nie ausprobiert, aber verraten will ich’s dir. Du mußt um Mitternacht, wenn der Vollmond scheint, den Herzog an der großen Zehe fassen und sagen: ‚Geh zum Teufel!‘ dann sagt er’s dir flink nach.“ Sie lachte herzhaft, während sie dies sagte.

Nun merkte Kasperle, die Magd war trotz ihres lieblichen Singens eine arme Schelmin, aber sie erreichte, was sie wollte: das Kasperle vergaß das Weinen, wurde ganz getrost und kletterte zuletzt purzelvergnügt in sein Bett.

Die Magd, sie hieß Dörte, sah ihm traurig nach. Du armes kleines Kasperle, dachte sie, wenn ich dir helfen könnte, ich tät’s schon himmelgern!

Und als der Morgen anbrach und Bauer Strohkopf seinen Wagen anspannen ließ, in den Michael und Kasperle einstiegen, da sandte die Magd dem Kasperle viele gute Wünsche nach. Die waren wie Sonnenstrahlen so lieb und licht und zogen mit Kasperle nach dem Schloß, in dem die schöne Gräfin Rosemarie wohnte. —

Der Bauer Strohkopf fuhr seinen schönen Wagen selbst. Und da er ein bedachtsamer Mann war und allzu große Eile nicht leiden konnte, ging das hübsch sacht voran. Die braunen Pferde, die so dick und rund wie ihr Herr waren, liebten auch die Eile nicht, und ob bergauf, bergab oder geradeaus, immer ging es im Schritt.

Den beiden Reisenden wurde es mit der Zeit himmelangst. Die Sonne stieg höher, stieg wieder tiefer, noch waren sie nicht am Schloß, und da sagte der Bauer auch noch: „Jetzt müssen meine Rößles verschnaufen, so ’n Gelaufe tut ihnen net gut.“

Michele seufzte tief, und Kasperle, so dumm er auch manchmal war, verstand ihn doch gut, verstand, der Freund hatte Angst, sie würden beide nicht zur rechten Zeit kommen. Da kletterte er flugs aus dem Wagen, blinkte dem Freunde zu und erhob ein mörderliches Geschrei: „Ich reiße aus, ich reiße aus!“

Und geschwind sprang Michele ihm nach und schrie: „Ich fange dich, ich fange dich.“

„So ein Unsinn!“ brummte der Bauer Strohkopf. „Jetzt spielen die gar Haschens wie im Dorf die Bübles und Mädles. Na, wenn sie genug gelaufen sind, werden sie schon wieder kommen!“ Und der dicke Bauer holte sich eine große Wurst und viele, viele Schnitten Kuchen und eine Flasche Wein aus seinem Wagenkasten und begann zu schmausen.

Darüber fing es an zu dämmern, der Abend nahte und der Bauer dachte: Jetzt müssen wir halt bis zum nächsten Wirtshaus fahren. Jemine, aber wo sind die beiden? Er erhob seine Stimme laut: „Herr Michael — Kasperle — Herr Michael — Kasperle!“ aber niemand gab Antwort. Die beiden rannten, so schnell sie nur konnten, um noch zur rechten Zeit das Schloß der schönen Gräfin Rosemarie zu erreichen.

Zuletzt merkte der Bauer doch, daß die beiden Schelme ausgerissen waren. Er brummte und knurrte wie ein Wolf, fuhr zum nächsten Wirtshaus und dachte: Morgen fahr’ ich zum Herzog, der soll schon erfahren, was das für Bösewichter sind! Jegerl, einen Herzog und mich, den Bauer Strohkopf, so zum Narren zu halten! Die sind doch sicher nach ihrem Waldhaus zurückgelaufen.

Fünftes Kapitel
Die Ankunft

Der Herzog August Erasmus wartete ungeduldig auf Kasperles Ankunft. Am liebsten hätte er den kleinen Burschen in aller Morgenfrühe schon dagehabt, doch als er den Weg berechnete, sah er ein, bis Mittag mußte er warten. Vielleicht daß die beiden da mit der Post kamen. Und die schöne Rosemarie wartete auch, sie sah gerade wie der Herzog immer ungeduldig zum Fenster hinaus, und als die Post mit Traratrara angerasselt kam, liefen alle Leute im Schloß zusammen und riefen: „Jetzt kommt Kasperle!“

Und Michael, dachte Rosemarie.

Aber da rumpelte und rasselte der Postwagen am Schloß vorbei, niemand stieg aus, niemand nickte und winkte, es saß nämlich nur eine alte Frau drin, die schlief ganz fest.

Trarira, trarira, da war die Post vorbei.

Der Herzog brummelte, die Gräfin Rosemarie seufzte und die alte Liesetrine sagte so laut, daß es der Herzog gerade noch hören konnte: „Das dachte ich mir gleich, das Kasperle kommt nicht. Ein Schabernack war’s, weiter nichts.“

Dies Wort ärgerte den Herzog gewaltig. Er geriet in eine bitterböse Laune, und als Rosemarie sagte, die Reisenden würden gewiß bald kommen, grunzte er sie an: „Morgen wird der Graf von Singerlingen geheiratet, punktum!“

„Jetzt kommt der Graf von Singerlingen,“ meldete just da der Haushofmeister. „Eben ist sein Wagen in den Schloßhof gefahren.“

O du lieber Himmel, erschrak da die arme Rosemarie! Sie wurde so weiß wie die Rosen auf ihrer Mutter Grab, und ihre Kammerfrau sagte, dies sei eine Ohnmacht, und Rosemarie müsse sich zu Bett legen.

„Trarira, trarira!“ blies es da draußen auf der Landstraße, und Rosemarie wurde wieder so rot wie die schönsten Rosen im Garten.

„Kasperle kommt, Kasperle kommt!“ schrien alle, und selbst der Herzog vergaß den armen Grafen von Singerlingen und eilte hinaus. Ganz verdutzt sah sich der Graf von Singerlingen um, Niemand begrüßte ihn, niemand rief hurra, und dabei sollte doch morgen seine Hochzeit sein.

„Trarira, trarira!“ Eine große, schwerfällige Kutsche fuhr in den Schloßhof ein, und alles schrie wieder: „Kasperle, hurra, Kasperle! Da ist er!“

Es war aber nicht Kasperle, sondern die Prinzessin Gundolfine, die eiligst gekommen war, um den Grafen von Singerlingen zu heiraten.

Die Prinzessin war gar nicht sehr sanftmütig, und als alle „Kasperle“ und immer wieder „Kasperle“ schrien, rief sie: „Zum Kuckuck, was ist das für ein Gerufe hier! Ich bin eine Prinzessin und im Leben kein Kasperle! Das ist eine Beleidigung! Und wo ist der Graf von Singerlingen, daß ich ihn heiraten kann? Gleich will ich ihn sehen.“

Der Herzog erschrak, der Graf erschrak, denn er wußte noch gar nicht, daß er die Prinzessin heiraten sollte, und Rosemarie wurde wieder so blaß wie die Rosen auf der Mutter Grab. Die Kammerfrau rief wieder: „Das ist eine Ohnmacht.“ Die Prinzessin aber sagte: „So was gibt’s nicht; wenn ich komme, wird man nicht ohnmächtig, her mit dem Grafen, den ich heiraten soll!“

Da rief der Kammerdiener des Grafen von Singerlingen: „Jetzt wird mein Graf ohnmächtig, er ist schon unter die Bank gefallen.“

Der gute Graf aber war gar nicht ohnmächtig geworden, der war von selbst unter die Bank in der weiten Schloßhalle gerutscht. Er war so über die Prinzessin erschrocken, die hatte eine Stimme, als säße sie tief unten in einem Brunnenloch, und mit ihren Augen spießte sie den Grafen beinahe auf. Nein, so eine Prinzessin wollte er nicht!

Wieder klang das „Trarira, trarira!“ auf der Landstraße, und wieder riefen alle: „Kasperle kommt!“

Aber es waren Hochzeitsgäste, der Schwager und die Schwester der jungen Gräfin Rosemarie. Die fragten gleich: „Wo ist denn der Graf von Singerlingen, den du heiraten sollst?“

„Den heirate ich,“ schrie die Prinzessin.

„Nein, ich heirate die Gräfin Rosemarie,“ rief der Graf. Und die arme Rosemarie flüsterte zitternd: „Ich heirate den Geiger Michael.“ Aber das hörte niemand, denn alle redeten durcheinander.

Da entstand draußen ein wildes Geschrei: „Kasperle ist da, ja, bimmelimlim, das Kasperle ist da!“

„Na, das ist schon gut,“ sagte der Herzog, und er machte gleich ein ganz vergnügtes Gesicht, „führt ihn nur herein!“

„Bimmelim, bimmelim!“ klang’s wieder, und dann kam ein Kasperle herein, aber das war ein hölzernes Kasperle, und der Kasperlemann trug es auf dem Arm. Das war doch zu toll!

Der Herzog schaute den Kasperlemann so wütend an, daß der vor Schreck immerzu klingelte. Er dachte: Der Herzog hat mich doch rufen lassen! Warum ist er denn so böse?

„Bimmelim, bimmelim, bimmelimlimlim!“

„Stille!“ schrie der Herzog.

„Kasperle kommt, Kasperle kommt!“ rief ein Diener. „Auf der Landstraße kommt er angelaufen.“

Der Herzog war so neugierig auf Kasperle, daß er aufstand und durch den Garten ging bis zum Tor, das nach der Landstraße hin führte.

Über den Garten sanken schon die Abendschatten, und der Herzog blieb an dem Springbrunnen am Eingang stehen; hier wollte er Kasperle erwarten.

Kasperle war von dem eiligen Lauf arg müde, und er sagte zu Michele, als sie sich nun beide dem Schlosse näherten: „Ich schlage Purzelbäume, da geht’s schneller.“

„Tu’s nicht!“ riet der Geiger.

Aber da tat es Kasperle schon: eins, zwei, drei und noch einen, und auf einmal lagen Herzog und Kasperle im Brunnenbecken, denn Kasperle hatte den Herzog einfach umgerannt.

Vier Beine guckten in die Luft, und alle schrien und liefen herbei, zogen an den Beinen, und dann standen der Herzog und Kasperle nebeneinander, und tropf, tropf, lief an beiden das Wasser herab.

Der Herzog fing mächtig an zu schelten, Kasperle aber erhob noch lauter seine Stimme, er brach in ein rechtes, furchtbares Kasperlegeheul aus, und allen, die mit am Tore standen, wurde es himmelangst. Der Herzog ließ vor Schreck das Schelten sein. „Um Himmels willen,“ rief er, „Kasperle ist ertrunken!“

„Na, wenn einer ertrunken ist, schreit er doch nicht so mörderlich!“ brummte der alte Haushofmeister. Er nahm Kasperle, drehte ihn um und um, stellte ihn bums! wieder auf seine Füße und da — schwieg Kasperle.

Er sah sich um, bemerkte die vielen erschrockenen Gesichter, sah den Herzog plitschnaß dastehen, und plötzlich kam ihn das Lachen an; er lachte und lachte, wie eben nur ein Kasperle lachen kann, er schüttelte sich geradezu vor Lachen. Erst lachte die Gräfin Rosemarie ganz, ganz leise mit, und dann lachte der Graf von Singerlingen, der Herzog lachte, und auf einmal lachten alle, lachten und lachten.

Nur die Prinzessin Gundolfine lachte nicht. Die machte ein Gesicht wie die Frau im Essigkrug, und die alte Liesetrine lachte auch nicht, doch das merkten die andern gar nicht. Schließlich sagte der Herzog, sein Bauch tue ihm vor Lachen weh, und weil er auch plitschnaß war, riet ihm sein Leibarzt, er möchte sich nur rasch ins Bett legen.

Ja, erwiderte der Herzog, das werde er tun, und morgen früh solle die Hochzeit sein, heut wäre es doch zu spät. Aber erst müsse Kasperle erzählen, warum er zu spät gekommen sei.

„Strohkopf,“ rief Kasperle.

Das nahm aber nun der Herzog gewaltig übel, er dachte, Kasperle redete ihn mit Strohkopf an. Er schwang deshalb seinen Stock und schlug Kasperle auf den Rücken, das knallte gar sehr; Und gleich begann Kasperle wieder zu heulen, Michele aber trat vor und erzählte dem Herzog, wer der Strohkopf sei, und er sagte, Kasperle fange manchmal eine Geschichte in der Mitte an, dann komme der Schluß und zuletzt der Anfang. Illustration 056

Während er sprach, heulte Kasperle wie eine Dachrinne, und dem Herzog wurde es ganz weich und weh ums Herz. Er sagte, man solle Kasperle ins Bett bringen und ihm ein gutes Abendbrot geben, und morgen wollten sie alle Hochzeit feiern. Er nahm die Hand der Gräfin Rosemarie, nahm des Michele Hand und ging mit beiden ins Schloß hinein. Der Graf von Singerlingen aber stand da wie einer, dem eine Katze sein dickes Butterbrot aufgefressen hat. Und wie er noch so starrte und staunte, trat die Prinzessin Gundolfine zu ihm heran und sagte: „Morgen heiraten wir.“

Der arme Graf setzte sich vor Schreck bald auf die Erde, er dachte: Ach, wie entrinne ich nur der Prinzessin! Und während alle in das Schloß gingen, blieb er allein draußen; er setzte sich in eine Rosenlaube, und wenn er nicht ein Graf und schon ziemlich alt gewesen wäre, dann hätte er sicherlich geweint, so traurig war er.

Kasperle bekam neben seinem Freund Michele ein schönes Zimmer mit einem seidenen Bett, und die schöne Rosemarie gab ihm einen Gutenachtkuß und sagte, sie werde ihm immer dankbar bleiben.

Das war alles sehr schön, auch daß Michele noch wundersamer denn je auf seiner Geige spielte, gefiel Kasperle sehr. Michele stand vor dem Schloß, und seine Geige tönte süß und zart, jeder im Schloß hörte ihn spielen, und selbst der Herzog hatte sich weit seine Fenster auftun lassen, und er lauschte dem Spiel.

Rosemarie aber saß an ihrem Fenster und weinte vor lauter Glück. Sie wand sich selbst ein grünes Kränzlein, das wollte sie morgen tragen, und sie dachte: Nun werde ich so glücklich wie die schöne Liebetraut im Waldhaus.

Dann verstummte die Geige, es wurde still im Schloß, und der Mond, der zwar schon ein etwas schiefes Gesicht hatte, kam hinter den hohen, alten Ulmen hervor und sah neugierig in alle Zimmer hinein. Er sah Michele am Fenster sitzen und von glücklichen Tagen träumen, er sah Rosemarie noch immer an ihrem grünen Kränzlein winden, und er sah — ja, was sah der Mond einmal wieder! Das Kasperle sah er im Freien herumspazieren. Das hatte wieder einen Weg hinaus gefunden. Ganz, ganz leise war es aus dem Zimmer geschlüpft, selbst Michele hatte den Strick nicht gehört. Und dann war er auf dem Treppengeländer hinuntergerutscht, das ging schnell und leise, und war durch ein offenes Fenster in den Garten hinausgestiegen. In dem ging er auf und ab. Er sah den Mond die Rosen sachte streicheln, er hörte die Bäume rauschen und — da rief jemand erschrocken: „Oho!“

Kasperle war beinahe über den Grafen von Singerlingen gefallen.

„Bums!“ schrie er erschrocken.

„Na nu, wer rennt denn da herum?“ fragte der Graf.

„Ich bin’s!“

„Ei, potz Wetter, Kasperle! Du willst wohl gar schon wieder ausreißen?“

„Nä!“ Kasperle seufzte tief.

Der Graf von Singerlingen seufzte noch tiefer. Endlich, sagte er: „Kasperle, was hast du angerichtet!“

Kasperle senkte tief seine Nase. „Ich kann doch nichts dafür! Warum ist der Herzog ins Wasser gefallen!“ murmelte er.

„Jemine, du Dummkopf! Das meine ich doch nicht. Aber ich muß nun eine Prinzessin heiraten, weil dein Michele die schöne Gräfin Rosemarie bekommt.“

„Ist das schlimm?“ fragte Kasperle verdutzt. „Ich denke, das ist fein.“

Die Prinzessin heiraten, ist schlimm!“ Der Graf von Singerlingen sah so traurig aus, daß Kasperle tiefes Mitleid mit ihm fühlte. Er hatte die Prinzessin gar nicht angesehen, und er fragte zutraulich: „Wie sieht se denn aus?“

„Schrecklich, wie — Gift!“ Der Graf ächzte, und Kasperle blickte ängstlich zum Schlosse hin. Vor der Prinzessin begann er sich zu fürchten. „Wo wohnt se denn?“

„Dort, das dritte Fenster, das offen steht.“

Sssim, ssim! huschten die Fledermäuse auf und ab an den beiden vorbei. Ein paar flogen ganz dicht heran und klapp, da hatte Kasperle zwei in seinem Mützlein gefangen. „Die laß ich in ihr Zimmer,“ flüsterte er dem Grafen von Singerlingen zu, „vielleicht reißt sie aus.“

„Unsinn,“ wollte der Graf sagen, „bleib hier!“ aber da war das Kasperle schon weggeflitzt.

Efeu wuchs am Schloß empor, da war es für Kasperle kein schweres Klettern. Er war eins, zwei, drei oben und ssim! huschten die Fledermäuse in das Zimmer der Prinzessin.

Die war noch wach, beschaute sich gerade den Hochzeitsstaat für den nächsten Tag, als ihr eine Fledermaus an der Nase vorbeischwirrte, eine andere fuhr ihr ins Haar, und durch die Abendstille tönte das Geschrei der Prinzessin.

Das ganze Schloß wurde davon munter, selbst der Herzog wachte auf. Er fragte ärgerlich, was denn geschehen sei. Als man ihm sagte, Fledermäuse seien im Zimmer der Prinzessin, brummte er, dies sei nicht schlimm, darum brauche niemand so zu schreien.

„Kasperle, du bist aber ein arger Strick!“ sagte unten der Graf von Singerlingen.

Kasperle blickte ihn mit seinen schwarzen Äuglein ganz unschuldig an. „Ich wollte sie ja nur weggraulen!“ sagte er.

„Das gelingt dir nicht.“

„Doch und dann — biste mir wieder gut?“

Da mußte der Graf lachen. „Geh du nur in dein Bett, du unnützes Kasperle!“ sagte er. „Ich bin dir schon nicht mehr böse.“

Der Graf von Singerlingen ging in das Schloß zurück. Böse war er nicht, aber traurig. Er dachte: Wenn der Herzog nur nicht auf den Gedanken gekommen wäre, mir die Prinzessin zur Frau zu geben! Dann hätte ich meine Base Mauritia geheiratet, die ist zwar weder jung noch schön, aber sie kann die allerbesten Puddings machen. Na, und das ist auch etwas wert! Das kann die Prinzessin Gundolfine sicher nicht.

Und die Prinzessin dachte just in dem Augenblick: Besser einen Grafen als überhaupt keinen Mann! Ich will mich auch recht schön putzen morgen. „He, was ist denn das?“ Sie blickte sich erschrocken um. Am Fenster, das jetzt geschlossen war, war ein schwarzer Schatten aufgetaucht, aber gleich wieder verschwunden. Die Prinzessin rief ihre Kammerfrau, und beide schauten nun hinaus. Sie sahen aber nichts als lauter dicke, schwarze Schatten, sahen nicht, wie sich das Kasperle in den uralten Efeu verkroch.

„Das war gewiß eine alte Eule,“ sagte die Kammerfrau.

Dies nahm die Prinzessin ordentlich übel. „In meiner Gegenwart redet man nicht von alten Eulen,“ brummte sie, und dann sah sie noch einmal zum Fenster hinaus. Es war aber nichts zu sehen, und da ging sie schließlich beruhigt in ihr Bett.

Kasperle aber hockte im nachtstillen Garten. Er hatte der Prinzessin noch ein paar Fledermäuse ins Zimmer lassen wollen, er meinte, dies sei ein gutes Mittel, jemand wegzugraulen. Dabei hatte er aber etwas gesehen, das ihm sehr, sehr sonderbar vorkam. Kasperle überlegte; im Waldhause hatten sie doch alle die Haare auf dem Kopfe gehabt, und keiner hatte sie abends neben sich gelegt. Die Prinzessin aber hatte ihre dicken, dunklen Zöpfe auf einem Tische liegen gehabt. Sonderbar, höchst sonderbar! Vielleicht hatte sie sich die Haare alle abgeschnitten und kam morgen ohne Haare. Ob sie da dem Grafen von Singerlingen besser gefiel? Es war doch eine schwierige Sache!

Kasperle seufzte, und dann sah er sich nach seinem Fenster um. Da war es, er sah zwei Fenster nebeneinander, die standen offen, und hinter einem schlief das Michele, hinter dem andern war seine Stube. Er kletterte also wieder hinauf und dachte dabei: Hinab ging es leichter, da war doch noch ein Blitzableiter da! Aber nun war er schon angelangt, und weil er purzelmüde war, gedachte er auf Kasperleart ins Bett zu steigen. Er zog sich gar nicht erst aus, sondern tat einen gewaltigen Hopser.

„Uff,“ schrie jemand, „mir ist ein Stein auf den Magen gefallen! Hilfe, Hilfe!“

Ei, da hatte das Kasperle wieder etwas angerichtet! Dem dicken Oberhofmeister war er auf den Magen gesprungen. Der schrie ach und weh, stöhnte, er müsse nun sterben, und ehe noch Kasperle entwischen konnte, kamen ein paar Diener gerannt.

„Der Kasper war’s,“ rief der eine und hielt Kasperle am Hosenbödlein fest.

„Haue, Haue!“ ächzte der Oberhofmeister, aber ehe Kasperle noch einen Schlag bekommen hatte, erhob er seine Stimme und Illustration 061 brüllte so mörderlich, daß diesmal der Herzog nun wirklich vor Schreck beinahe starb.

Himmel, das ist Kasperle! dachte der Geiger Michael, und er kam eiligst seinem kleinen Freund zu Hilfe. Türen taten sich auf, Stimmen schwirrten durcheinander, keiner wußte recht, was geschehen war, nur der Oberhofmeister wußte es, der rief, man solle den Doktor holen und Kasperle hauen. Der eine Diener tat dies, der andere das, und es wäre Kasperle trotz seines Zetergeschreis übel ergangen, wenn Michael nicht herbeigeeilt wäre. Der entriß ripsch, rapsch Kasperle den Händen des Dieners, und trotzdem der Oberhofmeister furchtbar schalt, lief er doch mit seinem kleinen Freunde aus dem Zimmer.

Draußen aber prallte er mit einem zusammen, das war des Herzogs erster Kammerdiener. Der sagte, Kasperle solle sofort zum Herzog kommen, der sei ganz erschrecklich böse.

Dies war nun schlimm. Kasperle ließ die Nase hängen, er klammerte sich an sein Michele an, und der ging wirklich ungerufen mit und trat mit an des Herzogs Bett, in dem der ganz matt vor Schreck lag.

Wirklich, der Herzog sah sehr wütend drein. Der Geiger dachte: O mein armes, armes Kasperle, wie wird dir das noch ergehen!

„Was hast du gemacht?“ schrie der Herzog Kasperle an.

Der senkte den Kopf, seufzte tief und sagte, er sei nur ein bißchen zum Fenster hinausgeklettert und in das verkehrte hinein. Na, und da war er eben dem Oberhofmeister wie ein dicker kleiner Feldstein auf den Magen gefallen!

„Kasperle,“ rief der Herzog zornig, „über solche Dummheiten sind Wir sehr böse, das tut man nicht bei Hofe. Und überhaupt, wie kannst du denn so geschwinde zu einem Fenster hinausklettern?“

Kasperle sperrte seinen Mund weit auf. Das war doch leicht, zu einem Fenster hinauszuklettern! „’s geht fix,“ murmelte er.

„Soooo?“ Dem Herzog fielen plötzlich die Fledermäuse ein, die im Zimmer seiner Base herumgeschwirrt waren. „Geht Fledermäuse fangen auch so fix?“ fragte er.

„Na ob!“ Kasperle grinste von einem Ohr bis zum andern, aber gleich erschrak er sehr, denn der Herzog erhob drohend seinen goldenen Degen, der immer an seinem Bette hängen mußte, und er sagte streng: „Kasperle, hüte dich, sonst wirst du in einen Käfig gesperrt! Jetzt geh, und wehe dir, wenn heute noch einmal solches Geschrei entsteht!“

Da ging Kasperle mit hängender Nase zum Zimmer hinaus, und draußen seufzte der Geiger Michael tief. „Ach, mein Kasperle, mein armes Kasperle, wie wird’s dir ergehen!“ sagte er traurig.

Kasperle brummelte: „Ach, gut!“ Und bei sich dachte er: Vielleicht sagt er doch einmal: „Geh zum Teufel!“ Ich will’s schon versuchen, daß er es sagt!

Sechstes Kapitel
Hochzeit und Reise

Der Tag der Hochzeit brach an. Von weither kamen die Leute gelaufen, um Rosemarie, die liebliche Braut, zu sehen. Und alle freuten sich, daß sie nicht den alten Grafen von Singerlingen, sondern den schönen jungen Geiger Michael zum Manne bekam.

In aller Morgenfrühe, als der Herzog gerade frühstückte, spielte das Michele auf der Wiese vor dem Schloß auf seiner Geige. Das klang wundersam. Jetzt klagte und weinte die Geige nicht mehr, sondern sie jauchzte, und manch einer, der zuhörte, meinte, ihm müsse das Herz springen vor Freude, so jubelte die Geige.

Die schöne Rosemarie stand still in ihrem weißen Kleide mit dem grünen Kränzlein im Haar neben dem Geiger, und jeder, der die beiden sah, erzählte noch sein Lebenlang, ein schöneres Paar habe er nie wieder gesehen.

Und dann raunten und tuschelten sich die Leute zu: „Und morgen heiratet der Graf von Singerlingen des Königs Base, die Prinzessin Gundolfine.“

„Warum denn morgen, warum nicht heute?“ fragte ein naseweises Jungfräulein.

„Weil die Kammerfrau der Prinzessin die Krone vergessen hat, und eine richtige Prinzessin muß eine Krone tragen, wenn sie heiratet,“ erzählte der Kasperlemann, der auch unter den Zuschauern war.

„Da kommt sie!“ schrie ein rechter Dreikäsehoch.

„Wer, die Krone?“

„Nä, die Prinzessin!“

Prinzessin Gundolfine kam wirklich daher. Sie hatte ein himbeerrotes Kleid an und war mit vielen Diamanten und Perlen geschmückt. Alle staunten sie an, das Kasperle aber, das auf einem Baum, ganz dicht in der Krone, verborgen saß, staunte am allermeisten. Nein, so etwas! Die Prinzessin hatte sich die Haare doch nicht abgeschnitten, sie trug sie heute wieder auf dem Kopf. Wie war das nur möglich?

„Hurra, hurra!“ brüllten unten die Leute, denn eben kam der Herzog an, gefolgt von seinen Hofherren; etliche Damen waren auch da, und alle waren sie köstlich und reich gekleidet. Sie gingen auf dem Platz auf und ab. Der Herzog meinte, die Leute, die zur Hochzeit gekommen waren, sollten doch auch die Hochzeitsgäste sehen.

Die Prinzessin Gundolfine lächelte den Grafen von Singerlingen lieblich an, und der lächelte wieder, denn er fand die Prinzessin heute eigentlich recht nett. Er dachte: Vielleicht ist es gar nicht wahr, daß sie so boshaft ist, wie die Leute sagen; na, und die Puddings kann ja schließlich auch die Köchin kochen, von einer Prinzessin kann man so etwas doch nicht gut verlangen!

Prinzessin Gundolfine stellte sich unter den Baum, auf dem Kasperle saß. Ganz dicht stand sie unter ihm, und Kasperle dachte: Ein klein, klein bißchen will ich sie mal zupfen; muß doch sehen, wie das mit den Haaren ist.

Der Herzog stellte sich in die Mitte des Platzes, sagte allen Leuten einen schönen guten Tag und verkündete ihnen, daß jetzt gleich die Gräfin Rosemarie den Geiger Michael heiraten werde und morgen der Graf von Singerlingen seine Base Gundolfine zur Frau — Illustration 065

„Jemine, sie hat keine Haare!“ schrie ein vorwitziger Bub, und alle starrten verdutzt auf die Prinzessin. Die hatte sich ganz plötzlich bei den Worten des Herzogs tief verneigt und — da waren alle ihre Haare am Baum hängen geblieben.

Kasperle, der tief im dichten, grünen Laub saß, war am allerverdutztesten. Erst hatte er die Prinzessin ein wenig gezupft, die hatte das nicht gemerkt; da hatte er ein Zweiglein genommen, es in die Haare gesteckt, noch eins und noch eins, und es war wie bei Absalom: die Prinzessin blieb am Baume hängen oder vielmehr nur ihre Haare, denn sie stand kahlköpfig und sehr verdattert da.

Ein paar Augenblicke wußte sie gar nicht, was sie sagen sollte, aber dann rief sie laut, sie falle in Ohnmacht, und just da rutschte Kasperle oben auf dem Baume aus, und ein Beinchen baumelte plötzlich herab.

„Kasperle!“ schrien viele Stimmen, alte und junge, freundliche und unfreundliche; eine aber schrie „Kasperle!“, als wollte sie das Kasperle gleich aufspießen. Das war die Prinzessin Gundolfine. Und wutsch! ergriff sie Kasperles Bein, zog und zerrte, Kasperle verlor das Gleichgewicht und plumpste wie ein Apfel vom Baume herab.

„Er muß aufgehängt werden, eingesperrt, durchgeprügelt,“ schrie die Prinzessin, und dabei schlug sie mit der Faust auf Kasperle ein; gar nicht ein bißchen prinzessinnenhaft sah das aus. Und so ein bitterliches Gesicht machte sie dazu, daß der Graf von Singerlingen bei sich dachte: Dem Himmel sei Dank, daß sie noch nicht meine Frau ist, die heirate ich nie und nimmermehr!

Kasperle schrie, die Prinzessin schlug, und der Herzog wurde grün und gelb, so ärgerte er sich. „Nehmt Kasperle, tragt ihn ins Schloß und sperrt ihn ein!“ sagte er hart zu seinen Dienern. Und diesen, denen das arme Kasperle leid tat, war der Befehl nur recht, sie entrissen Kasperle der wütenden Prinzessin und schleppten ihn ins Schloß. Dort sperrten sie ihn in ein kleines, dunkles Gemach, das nur ein vergittertes Fensterlein hatte.

Da saß Kasperle am Hochzeitstag seines Freundes Michael gefangen, und niemand hörte sein bitterliches Weinen. Die schöne Gräfin Rosemarie bat zwar unter Tränen den Herzog, er möchte doch Kasperle freilassen, aber der sagte streng: „Nein, er bleibt eingesperrt, und wenn du noch ein Wort sagst, Rosemarie, dann bekommst du den Geiger nicht zum Mann.“

Es war wirklich gar keine fröhliche Hochzeit. Wohl sangen die Vögel im Freien: Rosemarie ist Braut, Rosemarie, Rosemarie! Und die Blumen dufteten köstlicher als sonst. Im Dorf tanzten die Leute vergnügt und sangen dazu:

„Rosemarie, du feine,
Du bist nicht mehr alleine,
Einer, der schön geigen kann,
Ist nun dein herzlieber Mann
Lalala, lalala.“

Aber die schöne Rosemarie war doch traurig an ihrem Hochzeitstag, und der Geiger Michael war es auch. Das tat einem leid, und zwar dem guten Grafen von Singerlingen. Der dachte: Wenn ich nun auch nicht die schöne Rosemarie bekommen habe, traurig soll sie doch nicht sein. Er stand darum von der Tafel auf, hielt sich sein Taschentuch vor das Gesicht, und die Prinzessin Gundolfine, die nun wieder Haare hatte, fragte ordentlich zärtlich: „Sie haben wohl Nasenbluten?“

Der Graf sagte kein Tönlein, er ging zum Saal hinaus, ging schnurstracks in die Küche und verlangte von der alten Liesetrine Braten, Kompott und sehr viel Torten sowie Süßspeise. Darob sah ihn die alte Liesetrine sehr verwundert an, aber sie häufte alles, was er wollte, auf Teller, stellte sechs in eine Reihe auf ein Brett und fragte, ob’s nun genug sei. Bei sich dachte sie: Nein, ist der Graf ein Vielfraß!

Der Graf von Singerlingen nickte, nahm das Brett und spazierte damit ganz feierlich zur Küche hinaus. Er ging, bis er einen Diener fand, der Kasperle mit fortgetragen hatte. „Ich will zu Kasperle,“ sagte er, „schließ mir auf!“

Nun wagte der Diener dem Grafen, der morgen des Herzogs Base heiraten sollte, nicht zu widersprechen, auch gönnte er Kasperle wohl alle guten Dinge. Er zeigte dem Grafen also den Weg, holte den Schlüssel und schloß auf. Er brachte auch eine dicke, dicke Kerze herbei, weil es in Kasperles Kämmerchen ganz dunkel war.

Kasperle kauerte im Winkel und heulte. Da fiel auf einmal ein heller Lichtschein herein, und er sah den Grafen von Singerlingen mit lauter guten Dingen mitten in der Kammer stehen. Er vergaß das Weinen, setzte sich vergnügt an den Tisch und begann zu schmausen. Das ging, potztausend!

„Kasperle, lieber Himmel, kannst du aber flink essen!“ rief der Graf verwundert. Und dann erzählte er Kasperle von der Hochzeit.

Auf einmal rutschte Kasperle zu ihm hin, schlang seine Arme um ihn und bat: „Heirate sie nicht, sie ist schlimm! Tu’s ja nicht!“

„Ja, sie ist schlimm,“ rief der Graf, „und ich heirate sie auch nicht.“

Sie meinten aber alle beide die Prinzessin Gundolfine.

Nun gab der Graf Kasperle noch allerlei gute Lehren, sagte ihm, der Herzog sei eigentlich nicht böse, sondern nur oft schlecht gelaunt, er solle ihn ja nicht ärgern. Und dann küßte der gute Graf das Kasperle, und Kasperle bekam plötzlich schrecklich Angst vor dem Alleinsein und bat: „Nimm mich mit!“

„Kasperle,“ sagte der Graf, „du hast doch dein Wort gegeben, denn sonst hätte dein Michele nicht die Gräfin Rosemarie bekommen.“

Kasperle seufzte tief. Ja freilich, das hatte er, und selbst ein unnützes Kasperle hält sein Wort. Er versprach dem Grafen noch, erschrecklich brav zu sein, und dann ging der, und Kasperle trug ihm viele Grüße an Rosemarie und sein Michele auf.

Die beiden staunten, als der Graf von Singerlingen ihnen erzählte, er sei bei Kasperle gewesen. „So, und nun reise ich heimlich ab,“ flüsterte er der schönen Rosemarie zu. „Für die Prinzessin danke ich schön!“ —

„Man soll Kasperle holen,“ rief in dem Augenblick der Herzog, „er soll uns etwas vorkaspern!“

„Das muß ich noch sehen,“ flüsterte der Graf. „O weh, o weh, wenn da nur nicht eine Dummheit herauskommt!“

Ein paar Diener liefen und holten den Kasperlemann, holten auch Kasperle, der sollte in des Kasperlemanns Budchen spielen.

„Mach’s nur gut!“ ermahnte der Kasperlemann.

Schwipp! hatte er einen Nasenstüber von Kasperles Fuß bekommen.

„Au!“ schrie er, und im Saal riefen sie: „Anfangen!“

Da steckte Kasperle flink den Kopf heraus und machte sein allerbösestes Räubergesicht, und dann auf einmal sah Kasperle wie die Prinzessin Gundolfine aus. Er wuschelte sich immer auf dem Kopf herum, als suche er sein Haar, und alle im Saal fingen an zu lachen.

„Er macht es mir nach,“ kreischte die Prinzessin, „er — hach!“ und pardauz fiel sie in Ohnmacht, denn gerade hatte Kasperle sein Teufelsgesicht gemacht.

„Diese dummen Ohnmachten!“ brummte der Herzog. Dem hatte Kasperle nämlich viel Spaß gemacht, und er lächelte sogar ein wenig.

Rosemarie dachte schon, Kasperle würde nun dableiben können, aber der Herzog gebot: „Sperrt ihn wieder ein!“

Das war betrüblich.

Kasperle zog traurig ab. In seinem Kämmerlein legte er sich aber mitten auf den Tisch, und da schlief er ritze ratze ein. Und er hörte nicht, wie die Gäste abfuhren, wie es stiller und stiller im Schloß wurde, er hörte auch nicht, daß der Graf von Singerlingen in aller Stille abreiste. Er erwachte erst, als ihn jemand kräftig schüttelte. Gähnend richtete er sich auf und sah sich verschlafen um. Ein Diener stand da, der lachte, als er in das blitzdumme Kasperlegesicht sah. „Steh auf,“ sagte der Mann, „wir reisen ab. Flink, flink, und dann, Kasperle, halte heute deinen Mund! Der Herr Herzog ist sehr schlechter Laune.“

„Warum denn?“ Kasperle starrte den Diener mit aufgerissenem Munde an. Er dachte: Aber ich habe doch geschlafen und keine Dummheit gemacht!

„Weil der Graf von Singerlingen heimlich davongefahren ist und einen Brief geschrieben hat, er werde die Prinzessin Gundolfine nicht heiraten.“

„Ich tät’s auch nicht,“ brummelte Kasperle, „nä, die nicht“

„Das glaub’ ich schon!“ Der Diener lachte, und weil er es gut mit dem kleinen dummen Kasperle meinte, riet er dem noch: „Nimm dich aber vor der Prinzessin in acht, die ist schrecklich böse auf dich; sie sagt, du wärst an allem schuld und müßtest noch bestraft werden.“

Na, eine erfreuliche Aussicht war das gerade nicht. Kasperle kletterte seufzend von dem Tisch herab und folgte dem Diener. Draußen standen die Wagen schon zur Abfahrt bereit, und der Herzog ließ sich eben von Rosemarie und Michael an den seinen geleiten. Er sah wirklich aus wie vierzehn Tage ganz abscheuliches Regenwetter, und selbst die schöne Rosemarie bekam keinen freundlichen Blick.

Als der Herzog Kasperle sah, rief er: „Der soll auf dem Bock sitzen!“

Da kreischte die Prinzessin Gundolfine: „Nein, nein, das soll er nicht!“

„Doch, er soll!“ rief der Herzog, und Kasperle wurde auf den Bock gehoben. Er wollte erst noch Abschied von seinem Michele und Rosemarie nehmen, aber der Herzog brummte: „Laß das, du gehörst mir und damit basta!“

Da konnte Kasperle nicht einmal Abschied von seinen Freunden nehmen. Er saß auf dem Bock, zwischen Kutscher und Diener, und heidi, fort ging die Fahrt!

Kasperle winkte und winkte noch, solange er Michele und Rosemarie sehen konnte, aber dann entschwand das Schloß seinen Blicken, er fuhr in die Fremde hinein.

„Uff!“ schrecklich tief seufzte Kasperle, und der Diener fragte mitleidig: „Du hast wohl Hunger?“

Aber ach, da fing das Kasperle an zu heulen nach Kasperleart. Innen im Wagen erschrak der Herzog furchtbar. „Was ist das?“ rief er. „Uns rennt wohl ein wildes Tier nach? Halten, halten!“

Der Wagen hielt, Kasperle heulte unverdrossen weiter; und der Herzog bog sich erschrocken zum Fenster hinaus. „Was ist geschehen?“

„Mit Verlaub, Euer Gnaden, Kasperle heult,“ antwortete der Diener.

„Kasperle heult!“ Ganz verwirrt schaute der Herzog drein, aber die Prinzessin Gundolfine schrie: „Das ist eine neue Bosheit von ihm. Prügel muß er haben!“

„Er soll gleich still sein, sonst gibt es Haue,“ rief der Herzog. „Und dann steckt ihn in den Gepäckwagen, das ist besser.“

Also wurde Kasperle in den Gepäckwagen gesteckt, zwischen alle Koffer, Schachteln und Kisten mitten hinein, und der Diener, der es tat, gab ihm mitleidig noch ein Paket Butterbrote. „Nun mach’ also keine Dummheiten!“ sagte er gutmütig. Er schloß die Türe, und weiter ging die Reise.

Rumpel, pumpel, die Koffer und Schachteln wackelten hin und her, und Kasperle dachte: Na, schön ist das gerade nicht! Alle naselang bekam er einen Stoß von einem Koffer, und das wurde ihm doch zu toll. Er fing also an zu klettern und saß schließlich oben auf einer großen Rundschachtel. Da setzte er sich recht behaglich hin und begann zu schmausen. Aber gerade wie er beim dritten Butterbrot angelangt war, gab es einen lauten Krach: der Deckel der Schachtel barst und Kasperle fiel hinein. Er lag ganz weich zwischen Spitzen, Federn, Blumen und Bändern; er war nämlich in die Haubenschachtel der Prinzessin Gundolfine gefallen.

Kasperle wuschelte und raschelte darin herum, warf dabei etliche Staatshauben hinaus, ein paar, die weich und fein waren, knüllte er zusammen, da hatte er ein schönes Kopfkissen, und dann setzte er sich noch eine riesengroße seidene, vielfach bebänderte Haube auf, rollte sich wie ein Igel zusammen und schlief ein.

Kasperle verschlief wieder allerlei. Er verschlief zum Beispiel eine Mittagsrast, die der Herzog in einem kleinen Städtchen hielt.

Weil die Prinzessin Gundolfine so arg wütend war, sagte der Herzog, man solle Kasperle ruhig im Gepäckwagen lassen, da sei er gut aufgehoben. Also kümmerte sich niemand um den kleinen Schelm, und nach einer Stunde gingen die Wagen weiter. Kasperle schlief und schlief.

Am Nachmittag zog sich ein Ungewitter zusammen. Die schwarzen Wolken rannten dem herzoglichen Wagen nach, und weil sich der Herzog erschrecklich vor einem Gewitter fürchtete, befahl er, in Dingelhausen solle geschwind Rast gemacht werden. Dingelhausen war ein herzogliches Gut, und der Pächter kam gleich angelaufen, als die Wagen alle vor das Schloß fuhren.

Just in dem Augenblicke wetterte es aber auch schon los. Bum, bum, krach! Der Regen platschte herab, und der Herzog, die Prinzessin und alle Hofleute rannten in das Schloß hinein, die Wagen wurden in den Schuppen geschoben, und kein Mensch kümmerte sich um Kasperle.

Der Herzog sagte, er müsse gleich in sein Bett gehen, der Leibarzt riet, er solle Kamillentee trinken, die Prinzessin rief, sie müsse auch in das Bett gehen, und erst, als der Herzog im Bette lag, fiel ihm das Kasperle ein. Er rief erschrocken: „Kasperle ist ausgerissen!“ Sein zweiter Kammerdiener aber kam und sagte, er habe Kasperle in den Wagen, in dem das große Gepäck sei, gesteckt, da könne er nicht hinaus, und Butterbrote habe er ihm auch dazu gegeben.

„Na, dann ist’s gut!“ brummelte der Herzog. „Da mag er nur drin bleiben. Solange die Prinzessin, meine Base, noch mitreist, ist es besser, Kasperle kommt nicht zum Vorschein.“

Und dann trank der Herzog lieber Schokolade als Kamillentee, streckte sich behaglich im Bett aus, denn seine Großmutter hatte behauptet, ins Bett schlage der Blitz nicht. Um das arme Kasperle aber kümmerte sich niemand. Ja, die Prinzessin Gundolfine sagte sogar, der Gepäckwagen sei eigentlich zu gut für das böse Kasperle.

Siebentes Kapitel
In der Haubenschachtel

Es blitzte, donnerte und regnete arg an diesem Nachmittag, und es schien gar nicht aufhören zu wollen. Bum, bum, krach! ging das immerzu. Mal tat es so, als wollte es besser werden, aber gleich donnerte und blitzte es wieder heftig, und der Herzog gab die Weiterreise schließlich auf. Er hatte die Prinzessin Gundolfine noch nach ihrem Schloß Burggrün bringen wollen, aber da sich auch die Prinzessin schrecklich fürchtete, blieben alle beide in Dingelhausen, und alle beide blieben sie gleich im Bette liegen.

Und weil die Begleiter des Herzogs und die Hofdamen der Prinzessin nichts anzufangen wußten und alle müde waren, gingen sie auch in das Bett. Bald lag das kleine Schloß dunkel da, der Pächter, seine Frau, seine Leute, alle schliefen, und alle hörten nur noch, wie der Regen nachließ. Das Wetter zog vorbei. Allmählich kamen die Sterne am Himmel zum Vorschein und der Mond, der nun schon ein recht schiefes Gesicht hatte, kam auch, um zu sehen, was tagsüber geschehen war.

Im Wagenschuppen, wo der Gepäckwagen stand, war es ganz dunkel, aber der Mond fand doch einen Spalt, schaute durch den hinein, Kasperle gerade ins Gesicht. Daran wachte Kasperle nun freilich nicht auf, sondern von einem heftigen Gerumpel in seinem Mäglein. Er hatte Hunger. Als Kasperle die Augen aufschlug, wußte er erst nicht, wo er sich befand. Auch daß er Hunger hatte, kam ihm nicht zum Bewußtsein; nur daß da in seinem Magen etwas nicht in Ordnung war, merkte er. Verwirrt richtete er sich auf, das raschelte und rauschte um ihn herum, und der Mond schien so freundlich zu ihm herein. Da besann sich Kasperle nach und nach auf alles, was geschehen war. Auch die Butterbrote fielen ihm ein, und er fand die neben sich in dem großen Haubenkoffer liegen. Da begann er zu schmausen, und als er satt war, hatte er auch Lust, ein bißchen Dummheiten zu machen.

Freilich, in einem Gepäckwagen läßt sich schwer etwas anstellen, zumal nur gerade das Fleckchen, auf dem der Haubenkoffer stand, etwas hell war; alles andere lag im tiefen Schatten.

Kasperle gähnte, Kasperle seufzte, es war doch recht langweilig in einem Gepäckwagen! Auf einmal zwickte und zwackte ihn etwas, sein kleines Kasperleherz tat ihm weh. Er dachte an das Waldhaus und seine Bewohner, an sein Michele und die schöne Rosemarie, und da wuschelte er den Kopf in der Prinzessin Gundolfine Hauben und schluchzte bitterlich.

Wie schwer war es doch, so ein armes, verlassenes Kasperle zu sein! Nun mußte er immer bei dem Herzog leben, vielleicht sah er die Waldhausleute nie, nie wieder und sein Michele nicht und Rosemarie nicht.

Ach, sicher, der Herzog war boshaft! Der würde nie sagen: „Geh zum Teufel!“ Der würde ihn immer gleich einsperren und auch hungern lassen.

Kasperle trommelte mit beiden Fäusten wütend auf den Hauben herum. Schlimm, schlimm, schlimm erging es ihm!

Ausreißen wäre am besten, dachte er.

Aber da meinte er seines Michele Stimme zu hören, die sprach: Sein Versprechen muß man halten. Ein Schuft, wer sein Wort bricht.

Kasperle stöhnte. Ach, er hatte es schon schlecht jetzt! Und dann fiel ihm seine Urheimat ein, die schöne Kasperleinsel, von der er oft geträumt hatte. So ganz genau wußte er es nicht mehr, wie es da war. Immer, wenn er an die ferne, unbekannte Insel im Weltmeer dachte, sah er ja nur viele, viele bunte, leuchtende Blumen, meinte seltsam schöne Vögel singen zu hören und andre kleine lustige Kasperles zu sehen. Aber alles war ihm nur noch wie ein Traum; er war schon so lange unter den Menschen, da hatte er vieles vergessen.

Gewiß finde ich nicht mehr auf meine Kasperleinsel zurück, dachte der kleine Kerl traurig. Er wuschelte wieder den Kopf zwischen Illustration 075 Prinzessin Gundolfines Staatshauben und weinte aufs neue. In einem Gepäckwagen eingeschlossen zu sein, so allein in der Nacht, ist aber auch so eine Sache.

Doch allzulange kann ein Kasperle nicht traurig sein. Kasperle sah den Mond neugierig in den Gepäckwagen gucken, und weil der kleine Dummkopf meinte, der Mond hätte just nichts anderes zu tun, als ihn, das Kasperle, anzusehen, nahm er eine der Staatshauben, stülpte sie sich wieder auf den Kopf und grinste den Mond an.

„Bäh!“ machte Kasperle, aber — plötzlich sank er vor Schreck in die große Haubenschachtel zurück.

Was wisperte, flüsterte, raschelte und klirrte denn da draußen?

Kasperle konnte nichts sehen, aber er hörte Stimmen, hörte leise, leise Schritte.

Jemand sagte: „Dort in der Ecke, der ist’s!“

Eine andere Stimme antwortete: „Nur leise, leise, damit sie im Schloß nichts hören!“

„Sie schlafen alle, kein Fenster ist mehr hell,“ erwiderte die erste Stimme.

Die andere sprach: „Nimm dich in acht, hier sind große Pfützen, platsch’ nicht hinein! Werden auch die Hunde schweigen?“

„Ach die! Denen habe ich jedem eine Wurst zugeworfen,“ sagte wieder der erste. Und der zweite fragte: „Weißt du, wo der Koffer mit all den goldenen Orden und Diamanten steht?“

„Freilich, gleich links an der Seite; ich habe doch den Wagen oft packen helfen.“

Nun lachten beide und rippelten und rappelten draußen am Schloß, und dabei sagte die erste Stimme: „Der Prinzessin Gundolfine ihre Staatskleider sind auch im Wagen, vielleicht finden wir sie.“

„Ich hab’ eine Laterne, die kann ich im Wagen anzünden,“ antwortete der andere wieder, und diese Stimme kam Kasperle merkwürdig bekannt vor.

Wer konnte das nur sein?

Kasperle zitterte vor Angst. Sicher waren es Diebe. Wenn die ihn fanden, — oh, dann konnte es ihm schlimm ergehen! Ich krieche unter die Hauben, dachte er, aber gleich fiel es ihm ein, wenn er recht, recht laut schrie, dann hörte man es wohl im Schloß, und vielleicht rissen die Diebe auch aus und stahlen nichts.

„Potz Wetter, aber das ist fest verschlossen!“ brummte einer.

Rippel, rappel, der Wagen schwankte hin und her, da tuschelte draußen die Stimme: „Jetzt geht’s.“

Krach, sprang das Schloß auf, zwei Männer schauten in das Dunkel hinein. Einer tastete mit der Hand nach links und sagte enttäuscht: „Jetzt steht ja der kleine Koffer nicht mehr da!“

„Ich zünde die Laterne an.“

„Tu’s lieber nicht!“ mahnte der erste.

„Ach was, hier sieht es ja niemand!“ erwiderte der zweite. Er begann auf sein Feuerzeug zu schlagen, ein Fünkchen flammte auf, und gleich darauf brannte eine kleine Laterne.

„Wir müssen alles durchsuchen,“ sagte der erste.

Kasperle wurde es glühheiß vor Angst. Ich muß sie erschrecken, dachte er. Und auf einmal fiel ihm ein, er wollte so ein essigsaures Gesicht wie die Prinzessin Gundolfine machen.

Er hatte es kaum gedacht, da schoß er auch schon aus dem Haubenkoffer heraus. Die große Haube der Prinzessin wackelte auf seinem Kopf, und die beiden Diebe brüllten entsetzt: „Die Prinzessin, die Prinzessin!“

Noch mehr als sie aber brüllte Kasperle, und eins, zwei, drei schlug er den beiden die Hauben um die Köpfe, daß denen Hören und Sehen verging.

Klirr, fiel die Laterne zu Boden, schreiend wollten beide fliehen, beide rannten an die Schuppentüre, pardauz! schlug sie dem einen an den Kopf, bums! dem andern. Der erste verlor das Gleichgewicht, purzelte und versank draußen in einer großen Pfütze, der andere stolperte über ihn, — platsch! lag er auch da. „Au,“ stöhnte er, „mein Bein!“

„Meine Nase!“ ächzte der andere.

Innen aber brüllte Kasperle, so gellend laut er nur konnte, und da wurde es hell im Schloß und im nahen Stall; der Pächter kam, Knechte kamen, die Hofleute wurden wach, und ehe die beiden Diebe noch auf den Beinen standen, da waren sie schon umringt.

„Hallo, das ist der Kasperlemann!“ rief einer.

„Hallo, der fortgejagte Klaus!“ schrie ein anderer.

„Jemine, aber wer schreit im Wagen so schrecklich?“ fragte der Pächter.

„Ach du lieber Himmel, das ist ja Kasperle!“ Der eine Diener leuchtete mit einer Laterne, ein paar andere drängten nach, während die Knechte die beiden Diebe fortschleppten. Da stand der Gepäckwagen auf und da —

„Die Prinzessin!“ rief der erste Diener entsetzt. Illustration 078

„Alle guten Geister, die Prinzessin sitzt im Gepäckwagen!“ kreischten die andern. Und weil sie alle vor der Prinzessin eine große Angst hatten, rannten sie alle zurück und schrien nur immerzu: „Die Prinzessin sitzt im Gepäckwagen, die Prinzessin sitzt im Gepäckwagen!“

Über dem Lärm wurde der Herzog munter, er fragte laut: „Was ist denn los?“

Da stürzte sein Kammerdiener in das Zimmer und rief: „O, gnädiger Herr Herzog, die Prinzessin Gundolfine sitzt im Gepäckwagen, und beinahe wäre sie gestohlen worden!“

„Im Gepäckwagen?“ stammelte der Herzog. „Nein, sie hat doch auch zu wunderbare Launen!“

„Wo soll ich sitzen?“ kreischte draußen auf dem Flur die Prinzessin. „Wer sagt, daß ich im Gepäckwagen sitze? Was ist das für eine Frechheit!“

„Die Prinzessin Gundolfine sitzt im Gepäckwagen.“ Der jüngste Page rannte den Flur entlang, und schwipp, schwapp hatte er eine Ohrfeige rechts und eine links, und vor ihm stand die Prinzessin in einem dottergelben Schlafrock und rief ihm zu: „Siehst du nicht, daß ich hier stehe? Wie kann ich da im Gepäckwagen sitzen! Was ist das überhaupt für eine dumme Rede? Ich habe noch nie im Gepäckwagen geschlafen.“

„Aber — aber —“ Der Page konnte vor Erstaunen kein Wort reden.

Doch da kam schon wieder ein Diener gelaufen, der schrie auch: „Die Prinzessin sitzt im Gepäckwagen!“

Schwipp, schwapp, hatte er auch ein paar Ohrfeigen weg, und als er darob ein furchtbares Gebrüll anfing, steckte der Herzog selbst seine Nase aus dem Zimmer heraus und fragte: „Aber liebe Gundolfine, was ist das? Warum hast du denn im Gepäckwagen gesessen?“

„Jetzt das ist mir doch zu dumm!“ rief die Prinzessin entrüstet. „In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht im Gepäckwagen gesessen; das wäre ein ganz unschicklicher Aufenthalt und —“

„Der hat im Gepäckwagen gesessen und die Diebe verjagt!“ Der Pächter kam angelaufen, im Arm hielt er das Kasperle, das noch immer der Prinzessin allerschönste Staatshaube auf dem Kopfe trug. Es zappelte und schrie arg, als es die Prinzessin erblickte.

„Hach, meine allerbeste, allerteuerste Haube!“ Gundolfine stürzte sich wütend auf das Kasperle, und sie hätte ihm wohl die Haare ausgerissen, wenn der Pächter den kleinen Kerl nicht beschützt hätte.

„Mit Verlaub,“ sagte der, „dem darf nichts getan werden, das ist ein ungeheuer tapferer Bursch; der hat so geschrien, daß die Diebe in eine große Pfütze gefallen sind und —“

„Meine Haube, meine Haube, du abscheuliches Kasperle!“ Die Prinzessin stürzte sich wieder auf Kasperle, und der Pächter drehte sich vor Schreck mit dem rund um.

Doch da gebot der Herzog streng: „Ruhe! Jetzt soll erst einmal Kasperle erzählen, was eigentlich geschehen ist. Niemand darf ihn anrühren.“

Kasperle schluchzte, erst konnte er gar nicht sprechen, aber dann erzählte er doch, wie er die Diebe gehört habe, die des Herzogs Orden und der Prinzessin Staatskleider hätten rauben wollen. „Da habe ich mir flink eine Haube aufgesetzt und habe ein Gesicht wie die da gemacht,“ schloß Kasperle und deutete mit dem Fingerlein auf die Prinzessin, „weil — weil sich vor der alle graulen.“

„Hach, ist das frech!“ Die Prinzessin wollte in Ohnmacht fallen, aber sie sah auf einmal, wie alle lächelten; selbst der Herzog schmunzelte, als nun der Pächter erzählte, die Diebe, der Kasperlemann und ein früherer Diener Klaus, seien noch ganz verdattert vor Schreck, sie meinten wirklich, die Prinzessin habe selbst im Gepäckwagen gesessen.

„Er muß Haue haben!“ Die Prinzessin war wirklich zornig.

„Nein,“ sagte der Herzog, „Kasperle hat sehr mutig gehandelt. Sei doch froh, daß deine Staatskleider nicht geraubt sind!“

„Aber meine Haube!“

„Nun, der einen Haube ist ja nichts geschehen!“ Der Herzog war ärgerlich. Er befahl, man solle Kasperle nun in ein Bett legen, damit er sich ausschlafen könne, er habe sich so mutig benommen, und er wäre ihm sehr, sehr dankbar. Und er nickte dem Kasperle freundlich zu, und alle nickten auch freundlich, nur die Prinzessin sah bitterböse aus, und dem Kasperle war das Herz recht schwer, als er daran dachte, daß er zwischen den Hauben und Hüten der Prinzessin gelegen hatte. O weh, das würde morgen eine böse Überraschung geben!

Der Diener Veit, der Kasperle in ein Zimmer führte, war ein gutherziger Bursche; er merkte wohl, daß etwas Kasperle bedrückte, und freundlich fragte er: „Was fehlt dir denn?“

Stöhnend vertraute ihm Kasperle an, wo er im Gepäckwagen gelegen hatte.

Veit lachte. „Ja, warum stecken sie dich auch da hinein!“ sagte er. „Aber sei getrost, ich schließe den Koffer noch, und morgen wird er abgeladen. Da merkt die Prinzessin erst auf ihrem Schloß, daß du zwischen ihren Hauben gesessen hast. Warum sperren sie dich auch da ein! Wenn einer im Dunkeln in etwas fällt, kann er nichts dafür.“

Das tröstete Kasperle sehr. Er reckte und streckte sich in seinem Bett aus, und er kam sich schließlich selbst wie ein kleiner Held vor.

Kasperle schlief vergnügt bis zum Morgen, er schmauste vergnügt sein Frühstück, und dann durfte er dem Herzog guten Morgen sagen. Der schenkte ihm zur Belohnung für seine Tapferkeit gestern eine große Tüte Zuckerwerk und sagte, nachher, wenn er sich von der Prinzessin, die nur noch zwei Stunden weit mitfahre, getrennt habe, solle er in den Wagen zu ihm kommen. Er dürfe auch noch um etwas bitten, er solle sich nur recht überlegen, um was; nur um seine Freiheit dürfe er nicht bitten.

Das war ein ganz vergnüglicher Morgenanfang. Trotzdem man so etwas in eines Herzogs Gegenwart eigentlich nicht tut, steckte Kasperle doch gleich seine große Nase in die Zuckertüte.