Da seufzte und stöhnte es vor der Türe; die tat sich auf, und herein wurden der Kasperlemann und Klaus geführt. Der Herzog sah sie streng an. „Ihr bekommt schwere Strafe,“ sagte er; „ihr müßt viele Jahre im Gefängnis sitzen.“
„Gnade, Gnade!“ Der Kasperlemann weinte und Klaus weinte, sie knieten alle beide vor dem Herzog nieder und flehten immerzu, er möchte ihnen verzeihen, sie würden auch nie, nie wieder so etwas Schlimmes tun. „Die Kinder sind immer mit ihren Pfennigen davongelaufen, darum bin ich in große Not gekommen,“ sagte der Kasperlemann. „Und dann dachte ich, bei der Hochzeit der Gräfin Rosemarie würde ich spielen dürfen; man hat mich aber gar nicht recht vorgelassen.“
„Ach, und meine Kinder sind krank!“ jammerte Klaus. „Ach bitte, guter, lieber Herr Herzog, seid mir doch gnädig!“
„Nichts da, eingesperrt werdet ihr und viele, viele Jahre lang!“ brummte der Herzog unwirsch.
Kasperle dachte: Er ist doch nicht gut. Schlimm waren ja die beiden, aber da sie nun so baten und ihre Tat so bereuten, sollte der Herzog doch nicht so streng sein. Und plötzlich fiel Kasperle etwas ein. Er hob seine Nase aus der Zuckertüte heraus, schluckte rasch noch ein Stück hinab, schnitt dabei ein so furchtbares Gesicht, daß der Kasperlemann dachte: O weh, jetzt klagt mich Kasperle auch noch an!
Der aber sagte: „Herr Herzog, du hast mir was versprochen; jetzt weiß ich, was ich mir wünsche.“
„Gewiß noch eine Zuckertüte, deine ist bald leer,“ sagte der Herzog. „Kasperle, du wirst noch Bauchweh bekommen!“
„Nä,“ rief Kasperle vergnügt. Er deutete mit dem Fingerlein auf die beiden Diebe. „Gib die frei, Herr Herzog!“ bettelte er.
„Was, Kasperle, du bittest für den Kasperlemann?“ rief der Herzog erstaunt. „Der hat dich doch immerzu verfolgt!“
„Ach!“ Kasperle stopfte einen Schokoladekringel in den Mund, kaute mit vollen Backen und schnatterte vergnügt: „‚Man muß vergessen und vergeben können,‘ hat immer Liebetraut gesagt; ich bin nicht mehr böse, nä.“
Der Herzog schämte sich ordentlich ein bißchen über seine Härte. „Na, meinetwegen,“ brummelte er, „die beiden mögen frei sein, frei, weil Kasperle darum gebeten hat. Aber weißt du auch, Kasperle, daß du nun keine Bitte mehr frei hast?“
Kasperle grinste vergnügt und steckte ein großes rotes Zuckerherz in den Mund; schluck, schluck, da war es hinunter.
„Aber Kasperle, du bist ein Vielfraß!“ rief der Herzog erschrocken.
„So ’n bißchen,“ rief Kasperle und schwenkte die riesengroße Zuckertüte hin und her. Und plötzlich schrie er laut: „Hurra, sie sind frei, frei, frei!“ Er brüllte so entsetzlich, daß der Herzog sich die Ohren zuhielt. „Geht, geht hinaus!“ rief er, „und, Kasperle, iß du lieber weiter von deiner Zuckertüte, als so mörderlich zu schrein.“
Der Kasperlemann und Klaus dankten dem Herzog nochmals, und als sie hinausgingen, flüsterten sie beide: „Kasperle, die Guttat vergessen wir dir unser Lebenlang nicht!“
Kasperle aber fraß vergnügt weiter aus seiner Zuckertüte, vergnügt kletterte er dann zu seinem neuen Freund Veit in einen Wagen, und der erzählte ihm: „Kasperle, die Hüte und Hauben der Prinzessin sehen aber arg wüst aus! Na, das wird ein Geschimpfe geben! Gut, daß wir es nicht hören. Du bist doch aber ein rechter Schelm!“ — Hü, hott! Los ging die Reise, die Landstraße entlang, dann kam ein Waldweg, ein Fluß, und als sie über dessen Brücke kamen, standen da etliche Reisewagen; die Prinzessin Gundolfine stieg hier aus.
Kasperle sah, wie das Gepäck ausgeladen wurde, er sah auch die riesengroße Hutschachtel, und er sah, wie die Prinzessin sie mißtrauisch musterte. „Der Deckel ist aufgewesen,“ rief sie, „der sieht kaputt aus.“
„Ach, Unsinn!“ brummte der Herzog. „Bringt Kasperle in meinen Wagen! Und dann weiter, ich habe keine Zeit mehr.“
Kasperle huschte flink in des Herzogs Wagen, die Pferde zogen an, und just in dem Augenblick sah Kasperle, wie die Prinzessin in ihre Hutschachtel hineinschaute. Die kreischte laut auf, denn innen war nur ein zerdrücktes Gewühl und Durcheinander, und mitten auf dem besten Sonntagshut, der ganz verbogen war, lag noch eine angebissene Butterschnitte.
Die Prinzessin rang die Hände und drohte wütend den davonrollenden Wagen nach. Der Herzog sah es nicht, aber Kasperle sah es, und er brach in ein so unbändiges Lachen aus, daß selbst der grillige Herzog mitlachen mußte. Er mußte sich zuletzt den Bauch halten vor Lachen, und er dachte: Es ist doch gut, daß ich das Kasperle habe, das wird mir sicher immer meine böse Laune vertreiben.
Da saß nun Kasperle in des Herzogs Wagen und reiste nach Burg Himmelhoch. Dort wohnte der Herzog immer den Sommer über. Der Weg ging stetig aufwärts, und auf einmal tauchte auf luftiger Höhe ein großes, helles Schloß auf; seine Fenster glänzten in der Nachmittagssonne und bunte Fahnen flatterten von seinen Türmen herab.
Kasperle vergaß in diesem Augenblick sogar seine Sehnsucht nach dem Waldhaus, so gut gefiel ihm das Schloß. Er steckte seinen Kopf zum Wagenfenster hinaus, weit, immer weiter, und der Herzog wollte gerade sagen: „Kasperle, fall nicht heraus!“ Da lag Kasperle schon. Pardauz! mitten zwischen ein Trüpplein Kinder fiel er, die sich neugierig aufgestellt hatten, um den Herzog zu sehen.
Erschrocken stoben die auseinander, aber kaum hatten sie in das putzige Kasperlegesicht geblickt, da kamen sie alle zurück und erhoben einen ungeheuren Lärm. Der Herzog dachte nicht anders, als Kasperle habe sich wer weiß was gebrochen; daß ein Kasperle sehr viel hinpurzeln kann, ohne sich Schaden zu tun, ahnte er nicht. Er rief aufgeregt: „Kasperle ist verunglückt, helft, helft!“ Und der Wagen hielt, Diener sprangen herzu. Das Kasperle aber stand putzmunter auf, schüttelte sich und schnitt so blitzdumme Gesichter, daß die Kinder vor Lachen beinahe auseinander platzten. Illustration 085
Dies ärgerte den Herzog August Erasmus sehr. Er konnte solches Gelärme nicht leiden. Auch wollte er, Kasperle sollte ihm allein etwas vorkaspern; er war der Herr, Kasperle sein Diener. „Steig ein!“ befahl er streng, und vor seinem bösen Gesicht entflohen die Kinder scheu. Ganz ängstlich sahen sie dem Wagen nach, aber da auf einmal steckte wieder Kasperle den Kopf zum Fenster heraus, grinste, schnitt erst sein Räubergesicht, sah dann wie die Prinzessin Gundolfine aus, und jäh ertönte wieder das jauchzende Lachen der Kinder.
Da nahm der Herzog seinen Stock und gab Kasperle eins auf die Nase. Es krachte ordentlich, und Kasperle sank in die Wagenecke und brach wieder in sein beliebtes Heulen aus. Doch da hatte er kein Glück damit bei dem Herzog. Der liebte alles, was laut war, nicht, und er hieb einfach mit seinem Stock auf Kasperle ein, bis er muckstill war. Nur ganz, ganz leise heulte er vor sich hin, seine Nase, sein Rücken, alles tat ihm weh, und die schöne Burg, der sie nun nahe waren, gefiel ihm gar nicht mehr.
Der Herzog war ein grilliger Herr. Kasperles Geheule hatte ihm seine Laune gründlich verdorben, und er gab Befehl, den armen Schelm in eine vergitterte Kammer zu sperren. Die lag im Erdgeschoß und stammte noch aus der Zeit, da das erste Schloß auf dem Platze gestanden hatte. Das war einmal niedergebrannt und in einer Zeit, da die Menschen das Heitere, Helle liebten, neu aufgebaut worden.
Die Kammern unten waren düster und kühl, und das arme Kasperle hätte es recht schlimm gehabt, wenn nicht der Diener Veit gewesen wäre. Der sorgte für den kleinen Burschen, brachte ihm ein Bett in die Kammer und Essen genug. Und dann kam er zu ihm, ein anderer folgte, und als oben der Herzog verdrießlich in seinem Bette lag und der Haushofmeister in seinem Zimmer Tee trank, saßen in Kasperles Kammer ein paar Diener und Kammermädchen, und der Kleine hockte auf dem Tisch und kasperte ihnen etwas vor. War das lustig!
Das Lachen dröhnte durch den kleinen Raum und tönte zu dem Fensterchen hinaus; über dem, im ersten Stock, aber hatte der Herzog sein Zimmer. Der lag da satt und mißmutig; er hatte gerade die Augen geschlossen, als von unten herauf das Lachen ertönte.
Was war denn das? Der Herzog richtete sich auf und lauschte. Es lachte und lachte. Das war doch zu toll! Wütend riß er an seiner Klingel, und sein erster Kammerdiener fiel beinahe in das Zimmer. Das Klingeln aber hatten sie unten auch gehört. Just in dem Augenblick, als oben der Herzog zornig fragte: „Wer lacht so?“ rief unten Veit: „Flink, Kasperle, ins Bett und alle raus, der Herzog hat uns gehört!“
Husch, husch, flitzten alle aus der Kammer. Veit drehte den Schlüssel um und Kasperle kroch in sein Bett.
Oben rief der Kammerdiener den Haushofmeister; der hörte des Herzogs Klage, und er lief selbst, so schnell er konnte, hinab und schloß Kasperles Kammer auf. Muckstill war es innen, nur aus Kasperles Bett tönte lautes Geschnarche.
Der Haushofmeister schüttelte den Kopf. Der Herzog hat geträumt, dachte er und stieg wieder die Treppe hinauf. „Kasperle schläft,“ meldete er oben.
„Unsinn, er hat gelacht! Man bringe ihn her!“ befahl der Herzog.
Da ging der Haushofmeister mit dem Kammerdiener hinab. Unten riefen sie: „Kasperle, du sollst zum Herzog kommen.“
Kasperle, der Schelm, regte und rührte sich nicht, er schnarchte wie eine Eule. Schließlich nahm ihn der Kammerdiener auf den Arm, und da rekelte sich Kasperle und tat, als könne er gar nicht die Augen aufmachen, und oben in des Herzogs Zimmer riß er seinen Mund, so weit er konnte, auf und gähnte erschrecklich. „Uah, uah!“ Und dabei dehnte er sich, und schnipp, bekam der Haushofmeister Kasperles Bein mitten ins Gesicht.
„Kasperle,“ rief der Herzog zornig, „was tust du da?“
„Ich schlaaafe!“
„Du hast gelacht!“
Kasperle machte plötzlich sein bitterböses Räubergesicht, und der Herzog sank erschrocken in seine Kissen zurück. „Tragt ihn fort, schließt ihn ein, und der Schlüssel soll hier an meinem Bett liegen!“ rief der Herzog ärgerlich. „Das ist ja ein ganz schlimmer Geselle!“
Da trug der Kammerdiener Kasperle in seine Kammer zurück, warf ihn ins Bett, schloß zu, und wutsch, saß Kasperle aufrecht da. Er war kein bißchen müde, sondern hatte die größte Lust, ein dummes Streichlein zu machen. Er wartete ein Weilchen, bis alles still draußen auf den Gängen war, dann zündete er sich eine Kerze an. Veit hatte ihm ein Feuerzeug und Kerzen in einen Winkel gestellt. Und mit seinem Licht leuchtete Kasperle die ganze Kammer ab. Er dachte: Hoho, vielleicht finde ich ein geheimes Gänglein wie einstmals im Waldschloß des Herzogs. Aber soviel er auch klopfte und suchte, einen Ausschlupf fand er nicht. Nur ein winziges Türchen war da, das führte in den Schornstein. Gerade über seinem Bett war das.
Der Herzog August Erasmus war gerade eingeschlafen, als plötzlich ein furchtbar dumpfes Getöse ihn weckte. Erschrocken richtete er sich auf. Was war das?
„Huhuhu!“ klagte, stöhnte, ächzte es, und der Herzog riß zitternd an seiner Klingel.
Wieder stürzte der Kammerdiener herbei, der Haushofmeister kam, und beide lauschten schreckensbleich den unheimlichen Tönen.
„Kasperle, sicher, das ist Kasperle!“ ächzte der Herzog, und der Haushofmeister rannte die Treppen hinab, schloß die Kammer auf und — da lag Kasperle und schlief ganz fest.
Der Haushofmeister lief wieder hinaus und sagte: „Er ist’s nicht, er schläft!“
„Doch, er war’s,“ rief der Herzog. „Hört nur, jetzt ist es still geworden!“
Es war wirklich still geworden, denn Kasperle hatte nun doch Angst bekommen. Er ließ das Ächzen und Stöhnen sein, und als der Haushofmeister und der Kammerdiener wieder in seine Kammer kamen, da schlief er nun wirklich ganz fest.
Oben sagten die beiden: „Er ist’s nicht gewesen.“
„Doch, er war’s, und morgen soll er seine Strafe haben,“ rief der Herzog. „Jetzt will ich schlafen.“
Das wollten alle Leute im Schloß. Bald herrschte die allertiefste Stille, nichts rührte und regte sich.
In Kasperles Kammer aber flog ein kleiner Kauz; der flatterte Kasperle um die Nase herum, und davon wachte er auf. Er schrie aber nicht so erschrecklich wie die Prinzessin Gundolfine, sondern griff zu und fing den Kauz. Hach, dachte er, der kann auch durch den Schornstein zurückfliegen, hinaus kommt der schon! Und flink tat er das Türlein auf und steckte den armen Kauz hinein. Mochte er sich selber weiterhelfen.
Na, so sehr gemütlich fand der das nicht, durch einen Schornstein zu fliegen. Er fing also an zu schrein, und wieder fuhr der Herzog erschrocken in seinem Bett empor. Das schrie und rauschte und flatterte, und der Herzog kroch unter sein Deckbett und schrie um Hilfe.
Da wurde es wieder lebendig im Schloß, wieder rannte der Haushofmeister hinab und fand Kasperle schlafend. Diesmal nahm er Kasperle einfach beim Wickel und trug ihn in des Herzogs Zimmer. „Da ist er,“ rief er, „er schläft wieder.“
„Er ist es nicht,“ rief der Kammerdiener, „es schreit noch immer.“
Ja, es schrie noch immer, denn der arme kleine Kauz fand nicht so schnell zum Schornstein hinaus.
„Uaah, uaah!“ gähnte Kasperle. Den hatte der Haushofmeister auf den Boden gelegt, denn er hatte keine Lust, wieder Kasperles Fuß in sein Gesicht zu bekommen.
„Er ist es wirklich nicht,“ rief der Herzog zitternd. Der Kauz flog jetzt gerade durch den Schornstein seines Zimmers und er klagte laut.
„Das ist ein Gespenst,“ flüsterte der Kammerdiener.
„Rissel, rassel,“ schnarchte Kasperle am Boden.
Noch einmal klagte der Kauz in der Esse wie ein kleines Kind, dann war alles still; der Kauz hatte hinausgefunden. Kasperle schnarchte am Boden und der Herzog sagte seufzend: „Weckt ihn, er soll mir etwas vorkaspern!“
Ja, Kasperle wecken, wenn er tat, als schliefe er, war ein schweres Ding! Aber endlich bequemte sich Kasperle doch, riß seine Augen weit auf und fragte: „Was soll ich?“
„Hast du vergessen, daß du mich unterhalten willst, wenn ich verdrießlich bin?“ fragte der Herzog brummig.
„Nä!“ Kasperle grinste, und dann fing er an Purzelbäume zu schlagen. Eins, zwei, drei, klirrrr! ging der große Pfeilerspiegel in Scherben, weitherum spritzten die Glasstücke, und der Herzog rief erschrocken: „Aufhören, aufhören!“
Da saß das Kasperle schon mitten auf seinem Bett, steckte sich sein eigenes Bein in den Mund und schickte sich an, auf dem Herzog und dem Bett herumzukollern.
„Um Himmels willen, nehmt ihn weg, sperrt ihn ein! Aber nicht unten in die Kammer, irgendwo, wo er nicht ausreißen kann,“ rief der Herzog. „Ganz schlecht soll er es haben.“
Der Haushofmeister, der bald umfiel vor Müdigkeit, nahm das Kasperle, zerrte es mit sich fort, und draußen sagte er: „Kasperle, wenn du mir versprichst, ganz brav zu sein, kannst du auf meinem Sofa schlafen; sonst mußt du unten in eine dunkle Kammer gehen.“
„Will brav sein,“ rief Kasperle erschrocken.
„Still, still!“ mahnte der alte Haushofmeister, dem der arme kleine Schelm trotz des Nasenstübers leid tat, „damit es der Herr Herzog nicht hört, sonst geht es uns beiden übel.“
Und er nahm Kasperle mit in seine Stube. Kasperle durfte sich auf ein weiches, rotes Sammetsofa legen und ungestört schlafen, und der alte Haushofmeister dachte, als Kasperle flink einschlief: Armer kleiner Bursch, wie wird es dir hier noch ergehen! Unserm Herzog es recht zu machen, wenn er schlechte Laune hat, ist ein übles Ding.
Und dann legte er sich selbst in sein Bett, und nach ein paar Minuten schliefen alle im Schloß. Nur der Herzog nicht, der war putzmunter vor lauter Aufregung geworden. Er drehte sich rechtsum, linksum, lag auf dem Rücken, lag auf dem Bauch, drehte das Kopfkissen um, einschlafen konnte er nicht.
„Daran ist nur Kasperle schuld,“ brummte er; „ich werde einen Käfig machen lassen und ihn hineinstecken. Warte nur, Kasperle, zum Teufel schicke ich dich nicht, aber schlimm soll es dir ergehen, wenn du weiter so unnütz bist.“
Ausgeruht und purzelvergnügt flitzte Kasperle am nächsten Morgen in den Park, der das Schloß umgab. Der Haushofmeister hatte ihm ein gutes Frühstück gegeben, da war er satt, und der Herzog hatte ihn nicht rufen lassen, das gefiel ihm gut. Was der Herzog für bitterböse Gedanken hatte, ahnte er nicht.
Der Herzog wieder dachte, das Kasperle sei eingesperrt, also mochte es eingesperrt bleiben. Doch der Haushofmeister war ein milder alter Mann und nicht sehr für das Einsperren. Der hatte nur gefragt: „Kasperle, läufst du auch nicht fort?“ Und da hatte Kasperle ihn traurig angesehen und von seinem Versprechen erzählt, und der Haushofmeister merkte, das brach Kasperle nicht. Also durfte der kleine Kerl im Garten herumspazieren.
Der war schön und weit; erst kamen Blumenbeete und Rasenflächen, dann ein kleines Wäldchen, durch das ein Bächlein rann. Vergißmeinnicht und Butterblumen blühten an seinem Rande und glänzende Kiesel lagen auf seinem Grunde. Flinke Forellen schwammen manchmal rasch vorbei und schimmernde Libellen tanzten über dem Wasser hin.
Das Bächlein gefiel Kasperle gut. Er hörte es rauschen, lief dem Tone nach und sah dann das silberklare Wasser. Da dachte Kasperle gerade an hineinpatschen und Darinspielen, als er ein kleines Mädchen am Rande sitzen sah. Es war ein feines, schönes Kind, wie das Schneewittchen im Märchen, nur die Wänglein waren Illustration 092 nicht rot wie Blut, sondern auch weiß wie frischgefallener Schnee.
„Hollahe!“ schrie Kasperle vergnügt. Der dachte: Das ist eine feine kleine Spielgenossin.
Das Kind fuhr erschrocken zusammen, tat einen Seufzer und sank blaß und still ins Gras.
Kasperle war arg erschrocken. Es sah wirklich aus, als ob die Kleine tot wäre. Ganz sachte ging er näher und betrachtete das zarte Gesichtchen. Da öffnete das Kind die großen, dunklen Augen und sah ihn traurig an. Dem Kasperle tat das Herz weh, so traurig war der Blick. Er blieb ganz still stehen, ließ die Nase hängen und wagte kaum sich zu rühren.
Ein Weilchen war es ganz still, bis auf einmal eine leise, traurige Stimme fragte: „Wer bist du denn?“
Kasperle sah die Kleine scheu an und antwortete: „Kasperle. Aber du, bist du eine Prinzessin?“
„Nein,“ antwortete die Kleine, „ich bin nur das traurige Marlenchen.“
„Warum bist du denn traurig?“ Kasperle schnitt die fürchterlichsten Gesichter vor lauter Mitleid. Sonst lachten alle Kinder darüber, das traurige Marlenchen aber beugte sich über den Bach, und ihre Tränen tropften in das Wasser. „Ich muß immer weinen,“ klagte sie.
„Warum mußte denn das?“ Kasperle weinte ja auch oft und recht tüchtig, er konnte aber nicht begreifen, daß jemand immerzu weinen muß.
„Um meinen Vater weine ich,“ flüsterte das traurige Marlenchen.
Ob der wohl tot war? Kasperle wagte nicht zu fragen, er setzte sich nur still neben die Kleine, und eine Weile war nur das Plätschern des Baches und das Rauschen der Bäume zu hören. Plötzlich aber rief ferne eine Stimme: „Kasperle, Kasperle!“
Der sprang auf. Der Haushofmeister hatte gesagt: „Wenn du gerufen wirst, komme sofort, sonst sperrt dich der Herzog wirklich ein.“ Kasperle schrie nur noch: „Ich komme wieder,“ und dann rannte er in solchen Bocksprüngen dem Hause zu, daß ihm das traurige Marlenchen ganz verwundert nachsah.
Im Schloß kam Veit schon Kasperle entgegen. „Schnell, schnell, du sollst zum Herzog kommen, aber schlage nicht wieder Purzelbäume!“
Der Herzog saß in einem schönen, großen Zimmer und war verdrießlich. Das war er beinahe alle Tage, vielleicht weil er es zu gut hatte im Leben. Er gähnte und sah Kasperle streng an: „Wo warst du?“
„Im Garten,“ stammelte Kasperle und er wollte gerade sagen: Ich habe das traurige Marlenchen gesehen, als ihm der Haushofmeister zuflüsterte: „Still!“
Klapp! machte Kasperle seinen Mund zu. Er stand da und schaute mit seinen glitzernden Äuglein den Herzog erstaunt an; nein, sah der brummig aus! Auf einmal fragte der Herzog: „Kannst du wirklich aussehen wie meine Base Gundolfine?“
Kasperle verzog flink sein Gesicht, ganz wunderlich war es, wie er das konnte, und plötzlich schaute er wirklich beinahe wie die Base Gundolfine drein.
Der Herzog lachte ein wenig und befahl: „Schneide noch mehr Gesichter!“ Da schnitt Kasperle Gesicht um Gesicht und der Herzog dachte: Ein spaßiger Kerl ist’s schon.
Er war nachher auch ganz gnädig und sagte, Kasperle solle eine Stube im Turm bekommen. Die hatte auch vergitterte Fenster, und dann durfte Kasperle an des Herzogs Tafel Mittag essen.
Jemine, das war aber eine Geschichte! Daheim im Waldhaus hatte selbst die schöne Frau Liebetraut, die doch dem Kasperle so vieles nachsah, über des kleinen Burschen flinkes Essen gescholten. Aber an des Herzogs Tafel war man so etwas nicht gewöhnt. Schluck, schluck, da war der Teller leer, und was für Portionen lud sich der Kleine auf!
Der Herzog pflegte siebenmal am Tag zu essen, und dazwischen schleckte er immer Schokolade. Da aß er dann zu Mittag immer nur ganz wenig, und seine Hofleute aßen sich meist hinterher satt, weil sie am Tisch zu kurz kamen. Denn der Herzog ärgerte sich, wenn einer mehr als er selbst aß. Nur die Prinzessin Gundolfine pflegte tüchtig zu schmausen. Und nun fraß das Kasperle wie ein kleiner Werwolf. Nach der Suppe streckte er seinen Teller aus und schrie: „Nochmal!“
„Genug,“ rief der Herzog ärgerlich, „es gibt nur einmal.“
Hei, dachte Kasperle, wenn es so ist, muß ich mich dazu halten! Und beim zweiten Gang lud er sich den Teller voll; wie ein Berg türmte er alles auf, und der Diener, der herumreichte, hatte Mühe sein Lachen zu verbergen. Nun konnte das Kasperle essen!
Der Herzog sagte nichts, er sah nur ein paarmal streng hin, und der Kammerherr, neben dem Kasperle saß, schubste ihn und flüsterte leise: „Nimm nicht so viel!“
Kasperle erschrak, und beim nächsten Gang nahm er nur bescheiden ein winziges Stückchen. Aber dann kam die süße Speise, und da war es um Kasperle geschehen. Den halben Pudding lud er sich auf den Teller, und der Herzog bekam ganz große, runde Augen vor Schreck. „Kasperle,“ rief er, „das ist unbescheiden.“
Kasperle versank erschrocken mit seiner großen Nase in dem Puddingberg. Ein leises Lachen erklang ringsum, der Herzog aber rief streng: „Kasperle soll aufstehen, den Pudding darf er nicht essen!“
Das war bitter. Kasperle verzog sein Gesicht, er wollte heulen, aber sein Freund Veit hielt ihm einfach den Mund zu. Er hob ihn auf, führte ihn aus dem Saal, und draußen flüsterte er ihm zu: „Sei still, ich bringe dir deinen Pudding!“
Ein anderer Diener, der nicht bei Tische aufwartete und der mürrisch und unfreundlich war, nahm Kasperle, führte ihn in den Turm, schloß brummig die Türe zu, und da saß Kasperle allein und gefangen. Er dachte wieder an das Waldhaus, an das traurige Marlenchen und den Pudding. Das war zuviel für ihn, und er brach in ein jämmerliches Geheule aus.
Er weinte lange, bis er draußen Schritte hörte. Es war der alte Haushofmeister, der selbst kam, ihm seinen Pudding brachte und ihn gutherzig tröstete. „Kasperle,“ sagte er, als der schon wieder purzelvergnügt zu schmausen begann, „wenn du mir fest versprichst, keine Dummheiten zu machen und nur dann aus dem Turm zu wutschen, wenn es gar niemand merken kann, will ich dir etwas verraten. Ich muß nämlich den Schlüssel dem Herzog geben; du sollst nur herausgelassen werden, wenn der Herzog von dir unterhalten sein will, sonst sollst du immer, immer im Turm stecken. Doch der Turm hat noch ein Türchen, von dem aus du die Treppe hinablaufen kannst. Der Turm ist nämlich noch von dem alten Schloß.“
„Wie im Waldschloß,“ rief Kasperle vergnügt, und flink schlug er dem Bild eines würdigen Herren auf den Magen, weil er dachte, das Türlein sei dahinter.
Aber der Herr blieb steif und feierlich an der Wand hängen und der alte Haushofmeister lachte. „So flink findest du das nicht,“ sagte er, „und erst mußt du mir dein Wort geben, keine Dummheiten zu machen.“
Das gab ihm Kasperle. Freilich, der gute Haushofmeister wußte nicht, daß Kasperle für die harmlosesten Dinge ansah, was man sonst schon große, unnütze Streiche nennt.
„Nun paß also auf!“ Der Haushofmeister schloß den Schrank auf, verschwand drinnen und — kam auf einmal ganz vergnügt durch die Türe von außen wieder in die kleine Stube hereinspaziert.
Das war doch merkwürdig! Hops! sprang Kasperle auch in den Schrank, der Haushofmeister schloß von außen zu, und da saß Kasperle im Schrank. Er klopfte, drückte, aber nirgends war ein Spalt. Es wurde ihm himmelangst und er schrie flehend: „Rauslassen, rauslassen!“
Der Haushofmeister schloß lachend die Türe wieder auf. „Siehst du, kleines Kasperle,“ sagte er, „so rasch findest du hier nicht die geheimen Wege, um herumzugeistern. Aber nun paß einmal auf!“ Und er drehte an einem Kleiderhaken, da schob sich die Wand auseinander und Kasperle stand unversehens draußen auf dem Treppengang.
Das war fein! Vergnügt witschte er wieder in das Zimmer, wieder in den Schrank hinein, war draußen, war drinnen, und als er es dreimal gemacht hatte, sagte der Haushofmeister: „So, nun ist’s genug, nun bleibe jetzt nur drinnen! Jetzt kannst du ein bißchen zum Fenster hinaussehen.“
„Ach, ich möchte raus!“ bettelte Kasperle, „ich möchte zum traurigen Marlenchen.“ Da hielt ihm der Haushofmeister erschrocken den Mund zu. „Schweig!“ sagte er, „davon dürfen der Herzog und der Oberhofmeister nichts hören, auch die Prinzessin Gundolfine nicht, sonst geht es uns übel.“
Kasperle riß weit Mund und Augen auf. Was war denn das für eine geheimnisvolle Geschichte mit dem traurigen Marlenchen? Doch ehe er fragen konnte, erzählte sie ihm der Haushofmeister selbst. Der setzte sich an das kleine vergitterte Fenster und begann: „Der Vater des traurigen Marlenchens besitzt ein kleines Schloß; vom Bächlein aus, an dem Marlenchen immer sitzt, geht man dorthin etwa eine halbe Stunde. Da, schau, dort siehst du es in der Ferne liegen.“ Er zeigte auf ein Schloß, das sich aus Bäumen heraushob. „Bei unserm Herzog war der Herr von Lindeneck, so heißt er und auch das Schlößchen, Jägermeister. Seine schöne junge Frau ist früh gestorben, und das Marlenchen ist sein einziges Kind. Einmal, die Prinzessin Gundolfine — Himmel, Kasperle, was ist denn?“
Kasperle hatte bei der Erwähnung der Prinzessin gleich sein bitterböses Räubergesicht gemacht, und der Haushofmeister sah ihn ganz erschrocken an. Als ihm Kasperle aber sagte, dies sei, weil er von der Prinzessin gesprochen habe, lachte er und brummelte: „Ja, die ist auch schlimm! —Na also,“ fuhr er fort, „die Prinzessin Gundolfine war da und der Herzog jagte in dem Walde, der an den Park stößt. Es war ein heißer Tag, und der Herzog kam und kühlte sich einmal die Hände im Bach. Dabei zog er einen kostbaren Ring ab und legte ihn auf einen großen, flachen Stein. Der Platz ist unter einer riesengroßen, alten Ulme; dort wirst du heute das traurige Marlenchen getroffen haben.“
Kasperle nickte eifrig. „Auf dem Baum ganz oben ist ein Vogelnest,“ sagte er.
„So, so!“ Der Haushofmeister hörte kaum darauf, er erzählte weiter: „Wie sich der Herzog gewaschen hatte, kam ein Jägerbursche und rief, ein großer Raubvogel sitze im Wald auf dem Baum, es scheine fast ein Adler zu sein. Der habe sich gewiß aus dem hohen Gebirge verflogen.
‚Den muß ich schießen, aber allein,‘ rief der Herzog. Er vergaß seinen Ring und eilte davon und der Hofjägermeister blieb am Bach sitzen. Der wußte, der Herzog hatte es nicht gern, wenn er mit ging, weil er viel, viel besser schießen konnte. Und unser Herzog mag’s nicht leiden, wenn einer etwas besser kann als er. Der Herr von Lindeneck blieb also am Bach sitzen, sah dessen Wellchen hüpfen und springen, er sah die Libellen tanzen und dachte dabei nicht an des Herzogs Ring. Plötzlich hörte er in der Ferne lautes Rufen und Schüsse und dann kam der Herzog zurück und er stand auf und ging ihm entgegen.
‚Es war wirklich ein verflogener Adler,‘ rief der Herzog ärgerlich, ‚aber mein Schuß ging fehl. Das ist nur davon gekommen, daß ich meinen Glücksring nicht angesteckt hatte!‘
Und rasch ging der Herzog auf den großen Stein zu, auf den er vorher den Ring niedergelegt hatte, doch der Ring war weg. ‚Haben Sie meinen Ring aufgehoben?‘ fragte der Herzog den Hofjägermeister. ‚Geben Sie mir ihn rasch!‘
Der Herr von Lindeneck erschrak. Er hatte gar nicht an den Ring gedacht und er sagte etwas verwirrt: ‚Er muß doch dort liegen!‘“
Der alte Haushofmeister seufzte. „Ich bin nicht dabei gewesen, aber der Veit, der ein guter Bursche ist, war dabei, und der hat gesagt, Marlenchens Vater sei nur etwas erschrocken gewesen, keine Maus hätte denken können, er habe ein schlechtes Gewissen. Doch die Prinzessin Gundolfine, die den Herrn von Lindeneck nicht leiden konnte, und die dazu kam, hat gleich gerufen: ‚Sie sehen ja so verlegen aus! Ei, ei, Sie haben wohl den Ring in der Tasche verwahrt?‘
Das war sehr böse und der Herzog war zuerst auch ärgerlich über die häßlichen Worte der Prinzessin, aber als sich der Ring nicht fand, wurde er immer verstimmter und die Prinzessin tuschelte ihm immer zu: ‚Der Herr von Lindeneck mag doch mal seine Taschen weisen!‘ und da hat er zuletzt das von seinem Hofjägermeister verlangt.
Der ist totenbleich geworden, hat gleich alle seine Taschen aufgerissen, doch der Ring hat sich nicht gefunden. Die Prinzessin aber hat gerufen: ‚Er wird schon wissen, wo er ihn versteckt hat!‘
Darüber ist der Hofjägermeister so zornig geworden, daß er beinahe die Prinzessin geschlagen hätte. Es hat einen großen Streit gegeben. Der Herzog war auch böse auf die Prinzessin, und endlich ist der Herr von Lindeneck in den Schloßhof gegangen, hat sein Pferd bestiegen und ist davongeritten.
Dem Herzog war es nicht recht, und gewiß wäre auch alles gut geworden, aber an dem Ring hing ein alter Aberglaube. Wer ihn trägt, bleibt immer gesund, wer ihn verliert, muß bald sterben. Wie nun alle eilig in das Schloß gegangen sind, hat sich der Herzog eine Beule am Türpfosten gestoßen, und da hat er gemeint, er müßte gleich sterben. Er hat gejammert: ‚Mein Ring, mein Ring!‘ und die Prinzessin hat wieder gerufen: ‚Der ist gestohlen!‘
Oh, die Prinzessin Gundolfine ist schon eine bitterböse Frau!“
„Ja,“ rief Kasperle dazwischen, und er nickte höchst lebhaft und schnitt gleich wieder sein Räubergesicht.
Diesmal erschrak der Haushofmeister nicht, er nickte nur. „Ja, ja, du hast recht, das Gesicht verdient sie, kleiner Kasper. Sie hat schwere Sünde getan, hat die arme kleine Marlene angeschrien: ‚Dein Vater ist ein Dieb, er hat gestohlen!‘
Das Kind ist so totenbleich geworden, wir haben alle gedacht, es sterbe, und die schöne Gräfin Rosemarie hat es in den Armen gehalten und hat geweint und geklagt. Man hat nach dem Leibarzt gerufen, aber da ist das Marlenchen plötzlich aufgesprungen und ist davongelaufen, ehe es noch jemand halten konnte.
Die Gräfin Rosemarie ist ihm nachgerannt, aber erst am Schloß Lindeneck hat sie die Kleine eingeholt. Doch da hat der Herr von Lindeneck sein Kind an die Hand genommen, ist im Schloß verschwunden, und seitdem darf dort kein Fremder mehr die Schwelle übertreten.
Aus dem Marlenchen, das ein liebes, lustiges Dinglein war, ist das traurige Marlenchen geworden. Es sitzt oft am Bach an dem Platz, an dem der Ring verloren gegangen ist, und sucht und sucht; ich glaube, es ist kein Kiesel im Bach, den das Marlenchen nicht schon umgedreht hat. Davon weiß der Herzog nichts und ihr Vater auch nicht. Der Herzog meidet seit dem Tage den Platz, er geht nie mehr nach jener Seite des Parkes, und der Herr von Lindeneck wandert nur abends durch seinen Wald; er läßt sich vor niemand mehr sehen. Der Graf von Singerlingen hat schon oft an dem Schloßtor gestanden und Einlaß begehrt; man hat ihn nicht eingelassen, und dabei war er des Hofjägermeisters bester Freund.“
Der Haushofmeister schwieg, und Kasperle sah ihn erwartungsvoll an. Endlich fragte er: „Wer hat denn den Ring?“
„Ach lieber Himmel, du blitzdummes Kasperle!“ rief der alte Herr. „Wenn das jemand wüßte, dann wäre doch alles gut! Nur weil sich der Ring nicht gefunden hat, denkt der arme Herr von Lindeneck, alle Leute halten ihn auch für einen Dieb, wie es die Prinzessin tut. Dabei denkt das kein Mensch; wer weiß, wohin der Ring geraten ist! Vielleicht hat ihn gar eine von den großen Forellen verschluckt. Ach, es ist ein Jammer! So ein lieber Herr war der Jägermeister, und das arme Marlenchen war ein rechtes Sonnenkind, und nun ist es immer blaß und traurig.“
Plötzlich fiel dem Haushofmeister etwas ein. „Kasperle,“ sagte er, „du könntest versuchen, das Marlenchen aufzuheitern. Jetzt im Sommer, um die Zeit, da unser Herzog regiert, sitzt die Kleine tagaus, tagein am Bach; da könntest du ihr etwas vorkaspern, vielleicht lernt das traurige Marlenchen das Lachen wieder.“
„Ich geh gleich hin,“ schrie Kasperle und wutschte flink in den Schrank hinein, aber sein Beschützer hielt ihn noch am Hosenzipfel fest. „Jetzt nicht, Kasperle, jetzt ist das Marlenchen nicht da. Jetzt bleibe du nur hier, denn wenn der Herzog von seinem Mittagsschlaf erwacht und du bist nicht da, dann gibt es großen Spektakel. Morgen früh darfst du an den Bach. Sieh, hier habe ich eine Pfeife; wenn ich dreimal auf der pfeife, dann mußt du zurückkommen. Du darfst aber auch niemand außer Veit etwas sagen, nur der und der Gärtner noch wissen es, daß das traurige Marlenchen dort alle Tage nach dem verlorenen Ringe sucht.“
„Ich helf’ suchen,“ sagte Kasperle. „Paß auf, ich finde den Ring!“
„Ach Unsinn, den findet niemand mehr!“
„Doch, ich hab’ mal geträumt, ich hätt’n Ring gefunden.“
„Wo denn? Wann denn?“
Da sperrte Kasperle den Mund weit auf und murmelte kleinlaut: „Ja, das weiß ich nicht mehr!“
„O Kasperle!“ Der alte Haushofmeister streichelte das dumme, unnütze Kasperle und er versprach ihm, nachher sollte Kasperle auch Milch und Kuchen bekommen, wenn er brav wäre.
Das Bravsein gelobte Kasperle feierlich. Und er kletterte auch ganz still auf das Fensterbrett, als der Haushofmeister gegangen war, und schaute hinaus. Nicht weit vom Schloß lag eine mauerumrankte kleine Stadt, rechts kamen Wiesen und Wälder und auf einer Anhöhe lag Schloß Lindeneck.
Kasperle guckte sich beinahe die Augen aus dem Kopf, und da sah er in der Ferne wieder ein Schloß liegen. Es war gut, daß just Veit in das Turmstübchen kam, denn sonst wäre Kasperle wohl vor Neugier noch aus dem Fenster gepurzelt. Veit sagte auch, das erste Schloß sei Lindeneck, das zweite dort in der Ferne aber Weidbronnen, dort wohne oft der Graf von Singerlingen.
So nah wohnte der! Kasperles Augen glitzerten vor Freude und er sagte plötzlich: „Wenn er mich zum Teufel schickt, dann geh’ ich dahin.“
„Wer soll dich denn zum Teufel schicken?“
„Na, der Herzog.“
Veit lachte. „So etwas sagt der nicht, dazu ist er viel zu fein. Aber horch, Kasperle, es wird einmal gepfiffen; das heißt, du sollst zum Herzog kommen. Nun sei aber brav und benimm dich gut!“
Kasperle versprach es, und dann ging er an Veits Hand bis an des Herzogs Nachmittagswohnzimmer. Veit machte die Türe auf, Kasperle übersah die Schwelle und platsch, lag er, so kurz er war, im Zimmer, und der Herzog ließ vor Schreck seine Tasse fallen. Er schalt heftig und Kasperle stand da wie ein begossenes Pudelchen. Veit aber dachte: Das nennt er nun sich gut benehmen! O mein armes, dummes Kasperle, wie wird es dir hier ergehen!
Gut ging es dem armen Kasperle nicht auf Burg Himmelhoch. Erst sollte er mit dem Herzog Kaffee trinken, da versank er wieder mit seiner großen Nase in der Kaffeetasse, was der Herzog sehr, sehr unschicklich fand. Dann mußte Kasperle mit spazierenfahren und wie ein kleiner Diener hinten aufsitzen. Kasperle fand das sehr lustig, und allemal, wenn jemand vorbeikam, lachte er und schnitt Gesichter. Die Leute lachten, oder sie erschraken furchtbar und liefen davon. Erst wußte der Herzog gar nicht, was das bedeuten sollte, bis ihm Kasperle einfiel, er drehte sich um, und just da machte Kasperle ein Gesicht wie die Prinzessin Gundolfine, und ein paar Kinder am Wege kreischten laut.
Das war doch zu toll! Der Herzog nahm seinen Stock und schlug Kasperle auf den Rücken. Potzwetter, tat das weh!
Und nicht einmal heulen durfte Kasperle, der Herzog drohte, er würde noch mehr Schläge bekommen. Dazu befahl der Herzog: „Schneller fahren!“ und der Wagen sauste dahin, Kasperle hatte Mühe, nicht runterzufallen; ganz verdutzt war er, als sie wieder vor dem Schlosse anhielten.
Abends mußte Kasperle dann dem Herzog etwas vorkaspern. Weil er aber vor lauter Angst zum Abendessen nicht recht gegessen hatte, fing plötzlich sein Magen an erschrecklich zu knurren. Der Herzog, der eben noch gelacht hatte, zog gleich wieder ein verdrießliches Gesicht und sagte, das sei sehr, sehr unschicklich. Magenknurren sei bei Hofe verboten.
„Aber im Waldhaus nicht.“ Das wollte Kasperle ganz, ganz leise sagen, aber seine Stimme rutschte ihm aus, und so hörte es der Herzog. Da bekam Kasperle Schläge, nichts zu essen, wurde ins Bett geschickt und eingeschlossen. Müde, hungrig weinte er sich in den Schlaf. Ach, es war doch schwer, eines grilligen Herzogs Diener zu sein!
Als Kasperle aufwachte, dämmerte draußen erst der Morgen, und hinter der kleinen Stadt glühte der Himmel im Frührot. Kasperle schaute zum Fenster, er sah auch hinüber nach Schloß Lindeneck und das traurige Marlenchen fiel ihm ein. Und weil Kasperle ein gutherziger kleiner Kerl war, dachte er sich gleich aus, wie er das Marlenchen unterhalten wollte. Und damit er recht schöne Gesichter schneiden konnte und Purzelbäume schlagen, fing er an, das zu üben, und gerade wie er mitten drin war, kam Veit ins Turmstübchen.
Der lachte vergnügt. „O Kasperle,“ sagte er, „was bist du für ein schnurriger Kauz! Nun komm nur her und frühstücke! Der Haushofmeister läßt dir sagen, du sollst dich erst ordentlich satt essen, damit du nachher beim Herzog nicht wieder wie ein kleiner Vielfraß zulangst. Du sollst nämlich mit dem Herzog frühstücken.“
Schön war diese Aussicht gerade nicht. Kasperle seufzte schwer, aber dann befolgte er den guten Rat des Haushofmeisters. Er aß sich so plumpsatt, daß er sich kaum noch rühren konnte. So wohl gerüstet ging er zum Frühstück des Herzogs.
„Mach’ eine schöne Verbeugung!“ hatte Veit ihm geraten. Das wollte Kasperle auch tun. Er verbeugte sich tief, weil er aber so vollgegessen war, platzten ihm unversehens seine Hosenknöpflein, und das fand der Herzog nun wieder sehr, sehr unschicklich.
Kasperle mußte das Zimmer verlassen, und die Hausverwalterin Babette nähte ihm erst die Knöpflein wieder an. Das war eine gutmütige Frau, die ihren Spaß an Kasperle hatte. Sie versprach ihm auch, sie wolle ihm einen neuen Kittel nähen, einen von himmelblauer Seide.
„Lieber grün,“ bettelte Kasperle.
„Meinetwegen auch grün, aber warum denn?“
Doch das sagte Kasperle nicht. Er dachte bei sich: Wenn ich ein grünes Wämslein habe und durch den Wald laufe, sieht man mich nicht. Ein ganz kleines bißchen dachte der Schelm nämlich ans Ausreißen. Wer weiß, der Herzog sagte doch einmal etwas vom Teufel!
Jetzt freilich mußte er zum Herzog zurückgehen. Der war eigentlich kein böser Mann, nur seit er seinen Ring verloren hatte, war er noch grilliger als früher geworden. Unrecht tun wollte er niemand, aber weil ihn nie jemand ob seiner üblen Launen gescholten hatte, dachte er, diese seien gar nicht schlimm. In der Nacht hatte er an Kasperle gedacht, und der kleine Kerl hatte ihm sehr leid getan. Er sann nach: Kasperle war doch noch nie an einem Hofe gewesen, wie konnte er wissen, wie man sich da benehmen mußte! Morgen bin ich recht gut gegen ihn, hatte sich der Herzog vorgenommen, darum hatte er Kasperle auch zum Frühstück eingeladen.
Wenn aber Hosenknöpflein abplatzen, ist es dumm. Kasperle kam ganz scheu mit den angenähten Knöpfles wieder herein, und zu seiner Verwunderung sagte der Herzog freundlich: „Nun komm nur und frühstücke!“
Und weil der Herzog freundlich sein wollte, legte er Kasperle selbst auf: Brötchen mit Schinken darauf, ein großes Stück Kuchen dazu, und er ermahnte: „Nun iß nur, du bekommst mehr!“
Ja, wie kann aber ein Kasperle essen, wenn es so plumpsatt ist, daß ihm die Hosenknöpfles abspringen!
Kasperle kaute und kaute, würgte, schluckte, — es ging nicht mehr.
„Iß doch, trink’ doch!“ mahnte der Herzog. „Du bekommst noch mehr.“
Da seufzte Kasperle so tief, als säße er unten im Turmverlies. Und weil er sich gar nicht zu helfen wußte, das Schinkenbrot durchaus nicht mehr in seinen Magen hineinwollte, fing er an, bitterlich zu weinen. Dicke, dicke Tränen kullerten in seine Schokoladentasse hinein, und der Herzog fühlte tiefes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Zum erstenmal brummte er ihn nicht an, sondern sagte freundlich: „Geh in den Park, Kasperle, springe herum, damit du mittags wieder hungrig bist.“
Kasperle war heilfroh, daß er hinausdurfte. Er schoß die Treppe hinab wie eine Kugel, und kaum war er im Park, da rannte er, so schnell er konnte, an das Bächlein bei der uralten großen Ulme.
Und wirklich saß das traurige Marlenchen dort, es drehte die Kieselsteine im Wasser um und suchte den verlorenen Ring.
„Da bin ich!“ Plitsch, platsch, schoß Kasperle in den Bach hinein und Marlenchen sank vor Schreck wieder totenblaß am Ufer hin.
Und Kasperle hatte doch gedacht, sie würde über seinen Purzelbaum lachen! Ach, hier war alles anders wie im Waldhaus! Kasperle legte sich neben das blasse Marlenchen ins Gras und fing wieder bitterlich zu weinen an.
„Warum weinst du denn?“ fragte da auf einmal ein feines Stimmchen.
„Weil ich — alles verkehrt mache.“ Kasperle schluchzte erbärmlich, und da vergaß das traurige Marlenchen ihr eigenes bitteres Herzeleid. Es richtete sich auf, fuhr mit dem Zeigefingerlein sachte über Kasperles Gesicht und fragte: „Warum bist du denn hier?“
„Weil ich’s versprochen habe.“ Und Kasperle fing an, dem kleinen Mädchen vom Waldhaus zu erzählen, von Michele und von Rosemarie.
„Du bist gut, weil du der schönen Rosemarie und deinem Michele geholfen hast,“ sagte Marlenchen da. Sie legte ihre kleine, weiße Hand in Kasperles derbe, braune Patsche, und so saßen die beiden unglücklichen Kameraden an dem Bächlein und Kasperle mußte immer mehr und mehr vom Waldhaus erzählen. Ein paarmal huschte es wohl wie ein Scheinchen über Marlenchens trauriges Gesicht, aber sie lachte noch nicht.
Kasperle merkte es zum erstenmal: einen wirklich traurigen Menschen bringt auch ein Kasperle nicht so leicht zum Lachen.
Ein wenig froher sah Marlenchen aber doch aus, als in der Ferne des Haushofmeister Pfeife ertönte und Kasperle Abschied nahm. Sie sagten beide zusammen: „Morgen,“ schüttelten sich die Hände, und wieder ging ein ganz feiner, heller Schein über das Gesicht des traurigen Marlenchens; so wie manchmal an ganz grauen Tagen die Sonne ein wenig hinter den Wolken schimmert, war es.
Dies machte Kasperle sehr froh. Er hopste und sprang dem Schlosse zu, lief mit Gepolter hinein, und der Haushofmeister hielt ihn noch zur rechten Zeit am Hosenzipfel fest. „Du,“ sagte der, „jetzt schling nicht so bei Tisch, es sind noch Gäste da. Wirst du nicht satt, bekommst du nachher noch etwas. Also fein still und brav sein!“
Das nahm sich Kasperle zu Herzen. Er aß wenig, saß auch ganz still und bescheiden am Tischende. Alles ging gut, nur — ein Kasperle ist eben ein Kasperle. Da saß am Tisch ein fremder Graf, der hatte eine seltsame Gewohnheit. Jedesmal wenn er einen Bissen verschluckte, kniff er die Augen zu und nickte mit dem Kopf. Ein Weilchen sah Kasperle das an. Aber weil er nun eben ein echtes Kasperle war, verzog er unwillkürlich sein Gesicht, nickte, kniff die Augen zu, und es sah so pudelnärrisch aus, daß ein Hofjunker, der ohnehin noch lieber lachte als ernst war, plötzlich leise vor sich hin kicherte.
Wenn aber jemand lachte, dann war es um Kasperle geschehen. Er kniff wieder die Augen zusammen, nickte wieder, und zwei junge Hofdamen kicherten vor sich hin. Ein Kammerherr lachte, der alte, dicke Oberstallmeister aber, der so etwas wie das Kasperle noch nicht gesehen hatte, lachte unversehens laut auf. Es dröhnte nur so, und da lachte es da und lachte dort, nur etliche Herren und Damen und der Herzog dazu saßen steif und ernsthaft da, über ein Kasperle lacht nur, wer sich im Herzen einen Rest des alten Kinderfrohsinns bewahrt hat. Menschen mit reinen, guten Herzen lachen leicht; die Hochmütigen, Stolzen, Harten haben in ihrem Leben das reine, frohe Lachen verlernt.
Der Herzog August Erasmus hätte wohl mitgelacht, ja es zuckte einmal um seinen Mund, aber er war so schrecklich eingebildet auf seinen Herzogstitel, da hielt er das Lachen nicht für würdevoll. Er sah streng zu Kasperle hin, und der erschrak über den bösen Blick und tauchte vor Schreck die Nase in seinen Kompotteller. Es spritzte hoch auf.
Der Herzog rümpfte die Nase. Nein, dieses Kasperle betrug sich zu schlimm! Er winkte Veit. „Bring’ ihn hinaus!“ sagte er streng.
Da mußte Kasperle aufstehen und er dachte: Nun werde ich wieder eingesperrt. Sein Gesicht wurde ganz traurig, und der Herzog sah dieses traurige Kasperlegesicht und es war, als rede jemand zu ihm: Kasperle kann doch nichts anderes sein als eben ein kleiner Schelm, der immer herumkaspert!
Weil der Herzog aber immer meinte, alles, was er tue, sei recht und gut, rief er Kasperle nicht zurück, und Veit sagte zu dem draußen: „Nun geh geschwinde in deinen Turm, ich dringe dir nachher noch allerlei Gutes.“
Da stieg Kasperle in seinen Turm hinauf, kletterte wieder auf das Fensterbrett und schaute dahin, wo Schloß Lindeneck aus den Baumwipfeln hervorsah. Er dachte an das traurige Marlenchen, und auf einmal stieg ein ganz bitterer Groll gegen den Herzog in des Kasperles Herz empor. Der trug doch die Schuld an des Marlenchens Trauer; der Herzog und die Prinzessin Gundolfine, die beiden waren es.
Kasperle sprang vom Fensterbrett herab, zerrte zwei Stühle heran, nahm einen Stock, der in der Ecke lehnte, und bums, bums! schlug er auf die Stühle ein. „Warte du, warte du!“ schrie er.
„Ja, warte du!“ sagte jemand und hielt Kasperle fest „Aber Kasperle, was machst du denn?“ Der alte Haushofmeister sah ganz verdutzt dem kleinen Burschen in das bitterböse Gesicht.
„Ich hau’ den Herzog da, und die Prinzessin da.“ Kasperle riß sich los und schlug unverdrossen auf die Stühle ein. „Klapp, du, klapp, du!“
„Jemine!“ Sein guter, alter Freund sah Kasperle entsetzt an. „Aber Kasperle,“ rief er, „du bist doch ein abscheulicher Strick! Wenn das unser Herr Herzog hörte, dann möchte es dir schlecht gehen. In das allerfinsterste Loch würdest du gesteckt.“
Erschrocken ließ Kasperle den Stock sinken, und da er in das ehrlich betrübte Gesicht des Haushofmeisters sah, kam er flink, schmiegte sich an den an und bettelte: „Sei wieder gut!“
Ja, wieder gut, das war der alte Mann dem Unnützling schon; er seufzte aber doch recht sehr, als er wieder das Turmgemach verließ. Wie würde das werden! Irgendeine Dummheit stellte das Kasperle doch wieder an.
Er ahnte nicht, daß das Kasperle schon dabei war. Das dachte sich: Im Turm ist’s langweilig allein, ich hole mir etwas zum Spielen. Und flugs entwischte er durch den geheimen Gang, geriet auf eine Hintertreppe und kam in den Park hinaus, ohne daß ihn jemand sah. Draußen raffte er sich Blumen zusammen, steckte sich Kieselsteine in sein Mützlein und fand zu seinem großen Vergnügen auch etliche dicke Fröschlein, die er in die weiten Taschen seines Kasperlegewandes tat. Dann lief er wieder zurück, irrte erst eine Weile im Schloß herum und mußte sich ein paarmal verstecken, ehe er seinen Turm wieder fand.
Dort tat er erst die Blumen in ein Glas, ordnete die Steine und war gerade dabei, die Frösche aus den Hosensäcklein herauszunehmen, als Veit erschien. „Flink, flink, Kasperle!“ rief er. „Du sollst kommen. Der Herzog sitzt mit seinen Gästen noch beim Kaffee; du sollst ihnen etwas vorkaspern. Nachher gibt es auch Kuchen.“
Da ließ Kasperle alle seine Schätze im Stich, lief mit und wurde vom Herzog viel gnädiger empfangen, als er gedacht hatte. „Mache einmal dein Räubergesicht!“ sagte der, „und auch das Teufelsgesicht.“
Und Kasperle schnitt flugs ein Gesicht nach dem andern, er drehte und wand sich, stellte sich auch einmal auf den Kopf, steckte diesen durch die Beine durch und grinste die Gäste so an, daß die laut lachten.
Der Herzog hielt eine Tasse Kaffee zierlich in der Hand, und er wollte gerade ein wenig von der Schlagsahne naschen, die obenauf schwamm, als ein dicker Frosch aus Kasperles Tasche herausplumpste, Illustration 110 und plitsch, platsch, sprang der in die Höhe, mitten in des Herzogs Tasse hinein!
„Mein Himmel, was ist das?“ rief eine alte Gräfin, die neben dem Herzog saß, als der seine Tasse fallen ließ. Doch da saß ihr der Frosch schon auf dem Schoß. Sie schrie gellend auf und ein paar junge Fräulein kreischten entsetzt: „Frösche, Frösche!“
„Wo denn?“ Ein etwas kurzsichtiger Kammerherr bückte sich, und plitsch sprang ihm ein Fröschlein mitten ins Gesicht.
Gab das ein Geschrei! „Frösche, Frösche!“ quietschten die Damen immerzu, sie hielten sich ihre Kleider fest zusammen und sprangen auf die Stühle. Die Hofherren wollten die Frösche fangen, doch die waren schneller als sie und hopsten hierhin und dahin. Der Herzog aber lehnte schreckensbleich in seinem Sessel; vor Fröschen graulte er sich. Er stöhnte: „Wo kommen sie her?“
Kasperle stand ganz verdattert da. Daß die Frösche aus seinen Hosensäcklein gefallen waren, hatte nur Veit gesehen und der schwieg ganz still. Die andern Diener aber riefen: „Sie sind sicher aus dem Garten hereingesprungen.“
„Gewiß ist es ein Zeichen, daß es entweder schlechtes oder gutes Wetter gibt,“ flüsterte die alte Gräfin zitternd.
Der Herzog erhob sich bebend. „Ich muß mich in mein Bett legen,“ stammelte er, „ich bin zu sehr erschrocken.“
Und alle umdrängten den Herzog und bedauerten ihn, Kasperle aber schlich sich fort; niemand beobachtete ihn. Nur Veit zog ihn ein wenig an den Ohren und sagte: „Schelm du!“ Dann ließ er ihn los und Kasperle rannte in den Park, rannte dahin, wo das Bächlein floß, und er fand dort wirklich das traurige Marlenchen. Vergnügt erzählte er, was ihm alles passiert war, und wieder huschte es wie ein ganz matter, zarter Sonnenschein über das blasse Gesicht der Kleinen.
„Du lernst noch lachen,“ schrie Kasperle vergnügt und schlug vor Freude einen riesengroßen Purzelbaum.
Doch das gefiel Marlenchen weniger, sie bat sanft: „Erzähle vom Waldhaus, bitte, bitte!“
Wie gern erzählte Kasperle davon! Er kauerte sich am Bachrand nieder wie ein kleiner Türke und sagte: „Wo soll ich anfangen?“
„Beim großen, alten Schrank, in dem du so schrecklich lange geschlafen hast,“ bat das traurige Marlenchen.
Kasperle schwätzte vergnügt. Auf der hohen Ulme, unter der die Kinder saßen, wohnten Elstern; die ärgerten sich, denn so flink und lustig wie Kasperle konnten selbst sie das Schwatzen nicht. Sie erhoben ihre Stimmen und krächzten dazwischen. „Seid stille!“ schrie Kasperle hinauf, und als die Elstern sich darum gar nicht kümmerten, sondern immer lauter ihre Stimmen erhoben, da kletterte Kasperle flugs ein Stück die Ulme hinan und schnitt sein Räubergesicht.
Die Elstern fielen kreischend vor Schreck in ihr Nest zurück, und auf einmal waren sie muckstill. Und wieder flog ein Scheinchen über der kleinen Marlene Gesicht. „Ich kann die Elstern nicht leiden,“ sagte sie, „sie haben so böse Stimmen. Gut, daß sie mal stille sein müssen!“
„Ja,“ rief Kasperle, „seid ganz stille, ich will —“
Ach, da tönte vom Schlosse her ein schrilles Pfeifen, und nun mußte auch das arme Kasperle still sein. Er nahm betrübt Abschied, sie sagten wieder: „Morgen“, schüttelten sich die Hände, und dann rannte Kasperle ins Schloß. Er sollte mit dem Herzog spazierenfahren.
„Aber keine Gesichter schneiden!“ Der Herzog drohte streng mit dem Finger, und weil Kasperle ohnehin ein schlechtes Gewissen wegen der Froschgeschichte hatte, saß er wirklich muckstill auf seinem Sitz.
Er war an diesem Abend überhaupt ungeheuer brav, denn der Herzog redete noch immerzu von den Fröschen und wie die wohl in sein Gartenzimmer gekommen seien. Da hatte Kasperle Angst, er könnte darum gefragt, werden, darum schwieg er und saß still mit gesenkten Augen am Tisch.
Er wird noch, dachte der Herzog, ich werde ihn erziehen.
Am nächsten Morgen rannte dann Kasperle wieder in den Park und traf dort das traurige Marlenchen. Er mußte wieder vom Waldhaus erzählen, mußte aber wieder vorher die Elstern zum Schweigen bringen. Und wieder saß Marlenchen da, still die Hände gefaltet, lauschte und das frohe Leuchten lag wieder auf ihrem blassen Gesicht.
An diesem Tage überhörten beide beinahe des Haushofmeisters Pfeifen. Das wurde schriller und schriller, und zuletzt hörte es Kasperle doch und er rannte mit solcher Eile in das Schloß, daß er im Eifer über den großen Lieblingshund des Herzogs einen Purzelbaum hinweg schlug. Dies gefiel Lord sehr. Er schnappte vergnügt nach Kasperles Höslein, der wehrte sich, packte Lord am Schwanz und beide kugelten und kegelten durch die große Halle. Es gab einen argen Lärm. Lord bellte, Kasperle schrie, der Herzog kam angerannt und rief: „Er frißt ihn, er frißt ihn!“
Er dachte, Lord wolle das Kasperle fressen, aber da stand das auf einmal putzmunter auf seinen Beinen und grinste den Herzog an.
O der Schelm! Der Herzog merkte, daß die Geschichte nicht so schlimm gewesen war, und er schalt über den Lärm und sagte, dafür müsse Kasperle heute zur Strafe daheim bleiben, er dürfe nicht mit spazierenfahren.
O weh, das dumme, dumme Kasperle! Es lachte vor Vergnügen hellauf, und der Herzog wurde bitterböse. Lachen, wenn er nicht mit ihm, dem Herzog, spazierenfahren durfte, das ging doch über die Hutschnur!
„Die Schlüssel!“ rief er, und der Haushofmeister mußte ihm die Schlüssel bringen, die alle Türen des Schlosses aufschlossen. „Bringt Kasperle!“ gebot der Herzog streng und der Haushofmeister dachte: O weh, nun geht’s dem armen Kasperle bös, jetzt wird er gar in einen Keller gesperrt!
Und wirklich sperrte ihn der Herzog eigenhändig in ein kleines, finsteres Kellerloch. Kasperle konnte weinen und schreien, soviel er wollte, schwipp, schwapp, war er drin, rissel, rassel, drehte sich der Schlüssel im Schloß, er war gefangen.
An diesem Nachmittag wartete das traurige Marlenchen lange, lange auf ihren kleinen Freund, er kam nicht. Da erlosch der matte Freudenschein wieder auf dem blassen Gesicht und Marlenchen ging traurig heim. Traurig saß es im Schloßhof von Lindeneck am Brunnen, der ganz von Rosen umblüht war, und dachte an das Kasperle. Warum war es nur nicht gekommen?
Das arme Kasperle saß unterdessen im dunklen Keller und konnte wirklich nicht hinaus. Er versuchte es, sich durch das winzige Fenster zu zwängen, es ging nicht. Er wollte die Türe öffnen, sie gab nicht nach. Er heulte und schrie, niemand hörte ihn.
Da dachte das kleine Kasperle bitterböse an allerlei Schabernack, den er dem Herzog spielen wollte, und dabei rannte er immer im Keller auf und ab, auf und ab, und plötzlich stieß er wieder einmal an die Wand. Ganz hohl klang es. Hei! dachte er, hier ist eine geheime Türe, hier kann ich raus.
Eine Türe war freilich da, aber hinaus ins Freie kam Kasperle nicht; nur in einen Keller geriet er, in dem drei Fäßlein köstlichen Weines lagerten. Des Herzogs Lieblingswein war es. Nun wußte Kasperle, wenn man aus einem Faß den Zapfen herauszieht, dann läuft alles aus. Er zog einen Zapfen heraus, den Illustration 114 zweiten, den dritten. Das rieselte und rauschte, das duftete köstlich; Kasperle hielt auch den Mund unter, schluckte und trank, aber da meinte er plötzlich draußen ein Geräusch zu hören, und flugs rannte er in seinen Keller zurück, zog die Türe zu, und bums fiel er, so kurz er war, auf den Boden nieder und schlief ein. Er schlief und schlief und träumte von dem traurigen Marlenchen; es war aber kein trauriges, sondern ein sehr vergnügtes Marlenchen. Das sang und tanzte und lachte immerzu; nein, war das lustig!
Und dabei saß Marlenchen unter dem Rosenbusch und weinte; es hatte Sehnsucht nach seinem neuen kleinen Freund.
Der Herzog August Erasmus kam sehr brummig von seiner Spazierfahrt zurück. Er hatte Kasperle strafen wollen und hatte sich selbst gestraft, denn er hatte den lustigen kleinen Quirlewind sehr vermißt. Er befahl also, man solle schnell Kasperle holen, meinte, der könnte ihm die schlechte Laune vertreiben.
Der Haushofmeister ging selbst das Kasperle holen. Er blieb an der Türe stehen und rief freundlich: „Komm, mein Kasperle, komm!“
Aber er konnte lange rufen, kein Kasperle kam. Nur ein seltsames Stöhnen und Schnarchen war zu hören, und der Haushofmeister sah endlich den kleinen Burschen an der Erde liegen. Eingeschlafen ist der arme Kerl, dachte er mitleidig; er mag sich recht gefürchtet haben. Und er ging hin, rüttelte und schüttelte Kasperle, doch der schnarchte und stöhnte weiter. Nun hob ihn der Haushofmeister auf und trug ihn aus dem Keller. Draußen rief er nach Veit, und beide versuchten Kasperle zu wecken.
Vergeblich, der wurde nicht munter. Veit kam auf den Gedanken, ihm ein Wassergüßlein über den Kopf zu gießen. Er holte ein Glas Wasser und goß es Kasperle auf die Nase. Da strampelte und zappelte der eine Weile und — schlief weiter.
Inzwischen klingelte der Herzog ungeduldig. „Kasperle soll kommen!“ rief er.
„Kasperle schläft,“ meldete der Diener.
„Er schläft? Ja, da weckt ihn doch auf! Wie kann er schlafen, wenn ich ihn sprechen will!“ schrie der Herzog.
„Er wacht nicht auf,“ stotterte der Diener erschrocken.
„Er wacht nicht auf? Aber das ist ja unerhört! Man gieße ihm Wasser über den Kopf!“ Der Herzog war ganz aufgeregt, und als er hörte, Veit habe Kasperle schon das zweite Wassergüßlein über den Kopf gegossen, bekam er Angst. Er verlangte den Leibarzt, und dann lief er selbst, sich das schlafende Kasperle anzusehen.
Der schlief und schlief, grunzte, stöhnte und schnarchte, und der Leibarzt schüttelte bedenklich den Kopf. „Er ist krank,“ sagte er, „ganz bestimmt ist er krank oder — er schläft nun wieder einmal viele, viele Jahre. Bei einem Kasperle kann man eben nicht wissen, wie eine Sache ausgeht.“
Der Herzog wurde leichenblaß. „Lieber Leibarzt,“ flehte er, „machen Sie mir das Kasperle munter! Zwölf Jahre lang habe ich alles versucht, um Kasperle zu bekommen, und nun — ja, nun schläft er vielleicht länger, als ich noch lebe. Oh, oh, ist das eine dumme Geschichte!“
Der Leibarzt legte den Finger an die Nase, schüttelte wieder den Kopf und begehrte ganz genau zu wissen, was eigentlich Kasperle zuletzt getan hatte.
„Eingesperrt war er in einem dunklen Keller,“ brummte der Haushofmeister.
„Ach, da haben wir’s! Eingesperrt in einem dunklen Keller — nein, das verträgt kein Kasperle,“ rief der Leibarzt. Er war froh, etwas sagen zu können, und weil er auch fand, der Herzog sei zu streng mit dem kleinen Schelm gewesen, schüttelte er immer wieder ernsthaft den Kopf. „Schlimm, schlimm, schlimm!“ murmelte er, „sehr schlimm!“ Er verordnete, Kasperle müsse im Bett liegen und kalte Umschläge bekommen, und immer solle jemand neben ihm sitzen, damit, wenn er aufwache, er gleich ordentlich geschüttelt werden könne.
„Alles soll geschehen, nur machen Sie mir mein Kasperle wieder gesund,“ rief der Herzog.
„Ja, das geht nicht so schnell!“ Der Leibarzt runzelte die Stirne, wiegte wieder den Kopf hin und her und sagte wieder: „Schlimm, schlimm, sehr schlimm!“
Kasperle wurde nun in sein Bett getragen, und eine ganze Stunde saß der Herzog neben seinem Bett. Und Kasperle schnarchte, stöhnte, ein paarmal murmelte er auch etwas im Schlaf, und jedesmal dachte der Herzog: Jetzt wacht er auf. Und er neigte sich über ihn und fragte zärtlich: „Bist du munter, mein Kasperle?“
Und weil der nicht aufwachte, ließ er wieder den Leibarzt holen, und gerade da fing Kasperle an zu brummeln und zu murmeln, und als sich der Herzog über ihn beugte und sanft fragte: „Mein Kasperle, was fehlt dir denn?“ griff Kasperle plötzlich nach des Herzogs Nase und schrie: „Hallo, hallo, Michele, der Kasperlemann! Hallo, hallo!“
Und dabei zerrte und zog Kasperle an des Herzogs Nase, als wäre dies eine Klingelschnur. Zipp zapp, zipp zapp! Dem Herzog verging Hören und Sehen. Er brüllte laut und suchte sich zu befreien, die andern halfen, und da schlug Kasperle auf einmal seine Augen auf, gähnte erschrecklich, klappte die Augen wieder zu und schnarchte rissel, rassel weiter.
„Oooh!“ rief der Herzog und hielt sich seine Nase. Kasperle hatte schon einen festen Griff und die Nase war feuerrot geworden.
„Eine sehr böse Krankheit! Er hat Fieber.“ Der Leibarzt schüttelte wieder den Kopf und sah wieder höchst besorgt drein. „Ruhe, Ruhe!“ sagte er.
Und dann gingen alle. Der Herzog hielt sich seine Nase und der Leibarzt sagte, er müsse kalte Umschläge machen. Der Herzog war böse und traurig zugleich. Das Nasenanfassen und daß Kasperle ihn Kasperlemann genannt hatte, war verdrießlich. Aber freilich, Kasperle war krank, und wer weiß, ob es jemals wieder aufwachte!
Kasperle schlief und schlief. Im Schloß fragte von Viertelstunde zu Viertelstunde einer den andern: „Ist er wieder ausgewacht?“ Doch das Kasperle dachte nicht daran, das schnarchte weiter, rissel, rassel, sogar im Treppenhaus war es zu hören.
Alle glaubten, das Kasperle sei wirklich furchtbar krank, nur der alte Haushofmeister nicht. Der wußte besser im Schloß Bescheid als der Herzog selbst; er kannte alle verborgenen Türen und Winkel. Sein Vater, der auch schon Haushofmeister gewesen war, hatte sie ihm verraten. Und als sich alle um das Kasperle sorgten, ging er ganz leise unten in den Keller hinein. Er meinte nämlich, von Kasperle sei ein Düftlein ausgegangen, das an Wein mahnte. Das verborgene Pförtchen fand er schnell und gelangte in des Herzogs geheimen Weinkeller, zu dem dieser den Schlüssel wohl verwahrt hatte. Und richtig, da fand der Haushofmeister Kasperles Spuren: alle drei Fässer leer, die Zapfen am Boden. „Ei, du heilloser Schelm, du kleiner Nichtsnutz, du, ein Schwipslein hast du!“ schalt der alte Mann, aber er lachte leise dazu. Dann steckte er in jedes Faß den Zapfen und ging wieder zu dem verborgenen Türchen hinaus. Das schloß er sorgfältig und brummelte dabei vor sich hin: „Na, die Prinzessin Gundolfine wird böse sein!“ Die Weine aus dem Keller liebte die Prinzessin nämlich sehr; allemal wenn sie zu Besuch kam, stieg der Herzog selbst in den Keller und holte ein Krüglein herauf.
Was der Haushofmeister wußte, sagte er keinem Menschen. Nur als Veit klagte: „Kasperle wird noch sterben!“ sagte er heiter: „I wo, der stirbt nicht! Paß auf, morgen ist er putzmunter.“
Es dauerte aber wirklich lange, ehe Kasperle aufwachte. Vierundzwanzig Stunden schlief er wie ein Säcklein, und der Herzog stand gerade wieder traurig an seinem Bett und der Leibarzt sagte: „Sehr schlimm!“, da schlug Kasperle auf einmal die Augen auf. Er sah den Herzog, den Doktor und etliche Hofherren an seinem Bett stehen, und alle staunten sie ihn an.
Wie sonderbar das war! Kasperle lag ein Weilchen, rührte und rappelte sich nicht und sah mit seinen schwarzen Glitzeräuglein nur immer in die verdutzten Gesichter. Er fand das ungemein spaßhaft, bis er plötzlich ein heftiges Grimmen in seinem Bäuchlein spürte. Das knurrte los und der Herzog drehte sich erschrocken rundum. „Man jage den Hund aus dem Zimmer!“ rief er. „Wo ist der Hund, der so knurrt?“
Und alle drehten sich um, suchten und suchten, bis Kasperle jäh in ein lautes, heftiges Geschrei ausbrach. „Hunger, Hunger!“ jammerte er, und da merkten es erst alle: Kasperles Magen knurrte.
„Er hat Hunger!“ Der Herzog sank vor Erstaunen auf einen Stuhl, der Leibarzt schüttelte wieder den Kopf, er sagte aber doch: „Man bringe schnell etwas zu essen, ein Süppchen und ganz kleine Brötchen!“
Kasperle, der Schelm, merkte wohl, alle waren in Angst um ihn. Er verstand zwar nicht recht warum, denn er konnte sich erst gar nicht besinnen, was mit ihm geschehen war. Das Angsthaben machte ihm aber den größten Spaß. Er verdrehte seine Äuglein, schnitt fürchterliche Gesichter und wiederholte kläglich: „Hunger, Hunger!“
„Schnell, schnell, bringt doch etwas!“ rief der Herzog.
Da rannte auch schon ein Diener herbei, der brachte Suppe und ein paar hauchfeine Schinkenschnittchen, mehr nicht. Kasperle machte plötzlich sein Räubergesicht, steckte schwipp, schwapp sämtliche Schnitten in den Mund; schluck, schluck! weg waren sie und der Strick schrie: „Mehr, mehr, ich sterbe!“
„Merkwürdig!“ Der Leibarzt sah das Kasperle verwundert an, der Herzog aber rief: „Mehr, bringt mehr!“ Und weil er selbst gern Schokolade lutschte, holte er eine feine silberne Dose aus der Tasche, reichte sie Kasperle und sagte: „Nimm eins!“
Ein Schokoladeplätzchen, jemine! Kasperle nahm die Dose, und weg waren alle Plätzchen, verschwunden in seinem großen Mund. Kasperle aber schrie jetzt richtig unnütz: „Mehr, mehr!“
Da rannte schon ein Diener in das Zimmer mit einer Platte, auf der die leckersten Dinge standen, und der Herzog sagte gerade: „Man muß ihm etwas aussuchen, er darf nicht zuviel essen,“ da schluckte das Kasperle schon.
Himmel, wie das ging! Dem Herzog, dem Leibarzt, den Hofherren, allen blieb der Mund vor Staunen offen. Wie ein richtiger kleiner Gierschlund war Kasperle. Belegte Schnittchen, Kuchen, Braten, ein Schüsselchen Gemüse, alles schluckte er hinab, und zuletzt nahm er sich den großen Pudding, der auch auf der Platte stand, und von dem er nur kosten sollte, und schnabulierte darauf los.
„Es wird zuviel,“ schrie der Herzog und wollte selbst den Pudding wegnehmen, aber Kasperle hielt seinen Pudding fest, er schmauste und schmauste und sah dabei so vergnügt drein, daß der Leibarzt plötzlich sagte: „Es scheint, er ist gesund.“
„Aber er überißt sich. Kasperle, mein liebes Kasperle, gib den Pudding her!“ bat der Herzog.
„Nä!“ Kasperle grinste, und als der Herzog wieder nach der Schüssel greifen wollte, schnitt er ein Hexengesicht.
„Oooh!“ Der Herzog wich erschrocken zurück.
Da sagte auf einmal der alte Haushofmeister: „Es ist genug, Kasperle.“ Und dabei sah er Kasperle freundlich und doch streng an, und der kleine Schelm spürte plötzlich, der gütige alte Mann meinte es am allerbesten mit ihm. Er gab ohne ein Widerwort die Schüssel zurück und streckte sich ganz still und brav in seinem Bett wieder aus.
Der Leibarzt, der etwas sagen wollte und nicht recht wußte, was er sagen sollte, denn in seinem Leben hatte er noch kein Kasperle behandelt, murmelte: „Er muß im Bett bleiben.“