Selige Ueberraschung! Frohes Athmen, süße Wandlung durch den kleinen Platanenhain, an silberhellen Bächen hin, über beblümte Hügel, wo sich hinter Teichen weite Aussichten in reizende Gebirglandschaften öffneten. Der Staunende, nicht vertraut mit des kleinen Paradieses Kunst, begriff nicht, was er sah, und rief die Fabeln der Wohnsitze mithischer Zauberinnen und Hesperidengärten in die Erinnerung.
Der kurze Tag entfloh bald; wer vermogte sich von dem Heiligthume zu trennen? Im Dämmerlichte gewannen die mannichfachen Schönheiten erhöhten Reitz, Nachtigallen flöteten aus Blüthenzweigen nieder, in Jasminlauben horchten die Lustwandelnden ihrem Gesang. Bald stieg aber der Mond empor, hoch im Norden am Aether hangend, und goß seine Schimmer verklärend nieder. O Ini, seufzte Guido tiefbewegt, könnt’ ich an deinem Arme hier den Himmel fühlen!
Und wie hatte der kluge Fleiß dies alles geschaffen? In den dicken Mauern der Umgebung lagen, wie unten, Oefen verborgen. Die großen, hie und da zerstreuten, Eichen und Fichten, waren durch Kunst der Natur nachgeahmt, zum Theil hohl, um in den durchgeführten Röhren Wärme auszuhauchen, damit auch oben eine gleichmäßige Temperatur erzeugt würde, zum Theil bestimmt die hohe Glasdecke zu tragen, die sich zwischen ihnen in kleinen Gewölben senkte und hob.
Glassteine, rein und klar genug, den Lichtstrahl nicht zu hemmen, und doch von der nöthigen Stärke, um alle Kälte abzuwenden, bildeten diese Gewölbe. Kein Kitt verband sie, sondern man hatte im Bauen ihre Seiten durch Feuer erweicht und sie sich so verschmelzen lassen. Die Anstalten mangelten nicht, sie Außen vom Schnee und Inwendig von Dünsten zu reinigen, und so war die glückliche Täuschung vollendet. Die weiten Aussichten hatte allerdings die Malerei gestaltet, aber so trefflich, daß das Auge vollkommen betrogen wurde, um so mehr da es kleine Teiche klüglich hinderten, zu den, Fernen lügenden Wänden, zu dringen. —
Unterdessen kam in Moskau ein Schreiben vom Strategion zu Rom an. Eine lange Berathung hatte es aufgehalten. Nicht gern wollte man so früh einen Jüngling belohnen, damit der Sporn zu höherem Streben nicht mangle, und dennoch hatte dieser Jüngling durch so frühe Thaten, Lohn verdient. Endlich sandte das Strategion dennoch eins von den großen Ehrenzeichen, wie sie Feldherren nach gewonnenen Schlachten empfingen. Man besann sich, daß Guido schon in sehr frühen Jahren Beweise seines erfinderischen Kopfes geliefert habe und dies gab den Ausschlag. Ein aufmunterndes Schreiben, von des Kaisers eigener Hand, lag bei.
Guido befand sich aber nicht mehr in dieser Stadt und Niemand wußte dort, wohin er gereiset sei. Er hatte dagegen die Weisung zurück gelassen, im Fall Briefe an ihn überkämen, sie nach Sizilien zu senden, daneben die Aufschrift, an Ini.
Diese empfing nun durch die Eilpost jene Gegenstände. Gleich schmeichelhaft für Geliebte und Geliebten.
Sie wußte, daß er sich jetzt in Petersburg befand, und schrieb ihm, jenen Brief zugleich beantwortend:
„Gern seh ich dich in der Heldenreihe, doch mehr noch würde es mich erfreuen, wenn du beitragen könntest, daß die Menschheit den unseligen, ihre Natur entehrenden, Krieg verbannte. Ein Ehrenzeichen liegt für dich hier, ich sende es nicht, hoffend, du werdest zu edel denken, es zu tragen. Es ist noch ein Rest alter Barbarei, wenn man solche Zeichen ausgiebt, meine ich immer. Traurig wenn das Vaterland gebieten muß, Blut zu vergeuden. Wer die schreckliche Pflicht übte, ihm zu gehorchen, wozu soll er noch ausgezeichnet sein, daß sein Anblick durch eine schauderhafte Erinnerung empöre. Verheimlichen, tief verheimlichen, sollte unsre Zeit die unglücklichen Heldenthaten. Glaube auch, nur der reinste Menschensinn kann deine Schönheit vollenden.“
Dies gefiel freilich dem flammenden Jüngling nicht ganz. Lob, warmes Lob, hätte er von dem Mädchen gehoft, das begeisternd mit Kraft weihte, und es tönte nun so sparsam, so bedungen. Doch räumte er ihrem feinen Geist den höheren Ausspruch ein, und antwortete nur, indem er diesem seine Ehrfurcht darbrachte.
Er blieb noch einige Zeit in Petersburg, sich von dem Handel und dem Zustande der Wissenschaften im Norden zu unterrichten.
Jener war sehr ausgebreitet, und wurde mit einer der Lage des Landes angemessenen Klugheit geleitet. Die Bevölkerung war seit zwei Jahrhunderten in den Gegenden an der finnischen Bai, am Ladoga und weißen Meere bedeutend angewachsen, aber doch nicht in dem Maaße, daß die großen Waldungen dadurch so verdrängt worden wären, daß das Holz, kein Gegenstand der Ausfuhr bleiben konnte, wie es in vielen, noch dichter bewohnten Ländern, schon lange der Fall war. Man blickte also auf diese Waldungen, als einen vorzüglichen Handelsvorwurf. Doch roh ihn zu verkaufen, war man zu weise. Es wurden Schiffe in Menge gebaut, wodurch sich denn die dabei thätigen Handwerker in großer Zahl nährten. Andere Völker, der Schiffe benöthigt, und überzeugt, sie wären nur in Petersburg am wohlfeilsten zu bekommen, holten sie dann fleißig ab, und brachten Erzeugnisse, die zufolge des Himmelstriches hier fehlten. Ausser dem nöthigen Brotgetraide wurde durch den Landbau ein Ueberfluß an Hanf gewonnen. Auch diesen veräußerte man nicht im unverarbeiteten Zustande. Thaue und Stränge aller Art, wie auch Segeltuche, wurden daraus gefertigt, und wegen ihrer Vollkommenheit überall beliebt. Hiezu kamen, Pelzwerk, Juchten, Saffian, Kaviar, welche die Lebhaftigkeit des Verkehrs mehrten.
Der Handel war jetzt ungemein begünstigt. Die große Sicherheit der Schiffahrt, die erhöhte Vollkommenheit der Landtransporte, die ausgedehnteste Freiheit, die Verbannung aller Privilegien, leisteten ihm Vorschub. Die gleiche Güte des Geldes, von der Regierungsweisheit immer im richtigen Verhältniß zu den Sachen gehalten, die gleichen Maaße der Dinge verschafften ihm erweiterte Bequemlichkeit. Die Ehrliebe der Kaufleute, welche einen Bankrottirer mit ewiger Verachtung würde gestempelt haben, befestigte den Kredit und es war unerhört, daß einer darunter sein Wort nicht erfüllt hätte. So knüpfte man Erdtheil an Erdtheil und erfreute sich der mannichfachen Gaben der Natur Allenthalben.
Die Wissenschaften blühten in Petersburg an jedem Zweig, vorzüglich aber lag man der Naturkunde ob, und die reich ausgestattete Akademie ließ den Norden fleißig bereisen, neue Entdeckungen im Gebiet der Phisik zu machen, oder die älteren zu berichtigen. Eine große Zahl von Fossilien, erdigt, salzig, metallisch und gemengt, vor dreihundert Jahren noch ganz unbekannt, hatten diese Versendete in den Gebirgen gegen den Pol ausgemittelt, wie man ihnen auch die erste Entdeckung der köstlichen, allenthalben gesuchten, Polkristalle dankte. Denn die erste Reise zur Erdachse im Norden, war von Petersburg geschehen. Die Naturgeschichte aller der Land- und Eisthiere, jenseits dem achzigsten Grade Nordbreite gefunden, hatte diese Akademie sinnreich bearbeitet. Höchst sehenswerth konnte man ihre Sammlung von Petrefakten nennen, worunter, außer vielen Ichthioliten und Tetrapodolithen auch ein vortrefflicher ganzer Anthropolith war, mit Mergeltuf durchzogen und in allen Theilen wohl zu erkennen. Ein versteinerter Mammouth befand sich ebenfalls hier, wie viele Skelette dieses verschwundenen Thieres, dessen ganze Organisazion man aber dennoch kannte.
Guido wohnte einer Vorlesung über die Veränderung der Erdachse, und einer andern über die Abnahme des Meeres bei, hörte viel Staunenswürdiges, und lernte ernster über die großen Beobachtungen nachsinnen, welche Jahrtausende der Vorwelt und Jahrtausende der Nachwelt umfassen. Man sprach von einer Zeit, wo die hohe Tatarei noch unter der Linie gelegen hatte, und von einer anderen, wo der Polpunkt in Irkutzk zu finden sein werde. Man erzählte von einem Volke, das vor Zehntausend Jahren in Siberien gelebt, und sich eines ziemlichen Grades von Kultur erfreut habe. Die Monumente, unter der Erde gefunden, die alten erhaltenen und endlich entzifferten Schriften, hatten ein zweifelfreies Licht darüber verbreitet. Man wußte genau, um welche Zeit Schweden aus der See hervorgetreten wäre, und gab wieder jene an, in welcher der finnische Meerbusen trocken liegen, und sich zum Anbau eignen würde.
Diese Akademie gab auch bisweilen der Stadt Petersburg ein ganz eigenthümliches Fest, und gemeinhin in den längsten Nächten, wenn kein Mond schien. Sie hüllte sie dann nämlich in ein künstliches Nordlicht, was eine ganz zauberische Wirkung hervorbrachte. Denn die Gesetze dieser Meteore, lange ein Geheimniß, waren ergründet worden, und man brachte die Materie beliebig hervor, was jedoch nur in diesen Gegenden, und bei einem gewissen Kältegrad anging.
Es herrschte hier ein Nachkömmling der Romanow, denn jenes Haus, da es sich erobernd gegen den Orient gewandt hatte, wollte doch nicht ganz die Vatererde aufgeben, wo einst Peters schöpferischer Genius das erste Licht besserer Aufklärung anzündete. Auch sah man Peters Standbild, einst von der genievollen nordischen Semiramis erhöht, noch wohlerhalten und vielgeehrt an der alten Stelle.
Nach Genüssen und Belehrungen mannichfacher Art, wandten sich unsere Reisenden nach dem ehmaligen Polen, wo sie gegen den Frühling ankamen.
Gelino sagte: Dies Land war vor einigen Jahrhunderten durch eine fehlerhafte Regierungsform sehr arm an Menschen. Der Landbau, wie sehr es durch fruchtbaren Boden darauf angewiesen ist, ward unvollkommen getrieben, die Handwerke und Künste lagen ganz danieder. Sklaverei der geringen Klassen entehrte die Menschheit. Jetzt hingegen prangen seine Gefilde in üppiger Erzeugung, wohlgebaute Städte und Dörfer zeigen reiche Bevölkerung, Kunstfleiß in jeder Art ist regsam. Dies vermag langer Friede unter weiser Verwaltung.
Guido ergötzte sich innig bei dem lachenden Anblick, der sich allenthalben darbot. Große Kunststraßen und Nebenwege waren ohne Ausnahme mit mehreren Reihen nutzbarer Obstbäume beflanzt, deren Blüthenschnee mit den dunkelgrünen hochbegrasten Triften und fetten Kornfluren angenehm wechselte. Nie hatte Guido so stattliche Heerden gesehn als hier weideten. Er rief: Siziliens Landschaft ist mannichfacher, feinere Baumgattungen und Fruchtarten schmücken sie, doch ein so frisches Grün labt dort die Blicke nicht.
Gelino antwortete: Die Natur ist überall reich, der Mensch verstehe nur ihre Winke gehorsam, und sie lohnt.
Der Zögling wunderte sich über die vielen Kanäle, mit denen das Land durchzogen war, und die von Flössen und Fahrzeugen wimmelten. Wer hat alle diese Arbeiten vollbracht, und zu welchem Ende? fragte er.
Der Lehrer gab ihm die Antwort: Das Land ist niedrig und zu Kanälen geeignet, die außer der erleichterten Fortbringung auch durch Bewässerung nützen. Sehr einfach hat man sie aufgewühlt, und nach den Strömen geleitet. Ehedem wandten die thörichten Menschen, die gewaltige Kraft in Entbindung gewisser Gasarten, nur auf das Verderben an. Klüglicher hat man späterhin, durch das vervollkommnete Schießpulver, Erdlagen gebessert und Kanäle erschaffen.
Dies Land bringt, trotz seiner großen Bevölkerung, die ja auch nur die Erzeugungen mehrt, wohl dreimal mehr Getraide, Obst, Honig und Schlachtvieh hervor, als es selbst verbrauchen kann. Dieser Ueberfluß ladet, wie einleuchtend ist, zum Handel ein. Es giebt kein Land mehr in Europa, das nicht weise genug wäre, seine erste Subsistenz selbst hervorbringen zu wollen, doch einige, wo es zufolge natürlicher Hindernisse nicht angeht. Dahin gehört ein Theil von Schweden und Norwegen, Lappland, Nowaja Semlia und Spitzbergen. Die letztgenannten waren Ehedem wenig oder gar nicht bewohnt, späterhin hat man sie zu Verweisungsorten für Europäer gemacht, die unklug genug waren, sich nicht den Gesetzen unterziehn zu wollen. Diese haben sich gemehrt, der Handel andere dahin geführt, und so sind auch jene so weit zum Pol hinliegenden Gegenden jetzt bevölkert, und man weiß sich dort gut zu nähren.
Dies Land fertigt jedoch aus seinem überflüssigen Korn, Backwerke aller Art, die sich Jahre lang halten, und durch Befeuchtung genießbar werden. Fleisch von Rindern und Schaafen wird durch Salz und Räucherung dauerhaft gemacht, das Obst getrocknet, oder in geistigem Wasser aufbewahrt. Der Honig dient, mannichfache Kuchen zu bereiten, welche beliebt sind. Endlich fertigt man starke Biere, in Essenzen verkürzt, und gebrannte Wasser an.
Meistens gehn diese Gegenstände nach den genannten Nordländern, welche deswegen doch nicht arm zu achten sind. Sie bieten wieder vortreffliche Eisenwaaren, fertige Pelzkleidungen, Fett von Wallfischen und Robben feil, und geben sich daneben fleißig mit dem Heringfange ab.
Die inländischen Kanäle, welche du hier siehst, geben nun all’ dieser Regsamkeit doppeltes Leben. Denn wenn die Fortbringung auf den großen Prahmenwagen schneller von statten geht, so ist jene mit geringeren Kosten verbunden, da auf den ebnen Nebensteigen, welche am Wasser hinlaufen, ein Pferd beträchtliche Lasten zieht. —
In den Städten nahm man die großen Brau-, Back- und Brennanstalten in Augenschein, wo sich alles durch eine kunstreiche Behandlung und Reinlichkeit auszeichnete. Und dennoch, bemerkte Gelino, melden alte Schriftsteller, sollen vor einigen Jahrhunderten diese Städte einen scheußlichen Anblick gewährt, Unwissenheit und Unsauberkeit hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben.
Dem Getraide seinen geistigen Inhalt zu entziehn, verstand man vortrefflich, denn chemische Naturkunde leitete die Grundsätze. Liebliche und dennoch unschädliche Einmengungen verbesserten den Geschmack.
Die Anstalten, Fleischwerk durch Rauch dauerhaft zu machen, hatten Thurmhöhe. Der Rauch ward durch lang empor gewundene Röhren geleitet, und zog sich so feiner in die Massen. Durch fette Weiden wohl genährt, lieferten die Schlachtthiere schon ein ungemein nahrunggehaltiges Fleisch, und überaus zart war der Geschmack der hier geräucherten Gänsebrüste, Schinken u. s. w. Leckermäuler gaben ihnen den Rang vor allen übrigen in Europa.
Es läßt sich deuten, wie das Volk in diesen Gegenden, ohnehin so wohlhabend, auch durch diese Ursachen stark an Knochenbau und Muskeln gewesen sein müsse. —
Man langte endlich in der weitläuftigen und freundlich gebauten Vorstadt Praga vor Warschau an. Hier ereignete sich, sagte Gelino, um das Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein schauderhafter Auftritt, indem bei einem Sturm fast alle Einwohner hingemetzelt wurden. Heil uns! daß wir Blutszenen in Europa gar nicht mehr, und an den Gränzen nur selten und nothgedrungen erblicken; daß auch, wenn ja Krieg besteht, die Völkerübereinkunft ihn bloß auf die Heere ausdehnt. Der Soldat würde sich entehrt halten, wenn ein ruhiger Bewohner des Landes über ihn klagte. Wenigstens denkt der Soldat von Europa so.
Eine treffliche Ansicht stellte sich, da sie an den majestätischen, mit Schiffen bedeckten, Strom kamen, in der mit ihren Vorstädten und Gärten unabsehlich ans Ufer hinlaufenden Stadt Warschau dar. Der jenseitige hohe Rand war terrassenförmig mit Pappelalleen geschmückt, von der Höhe winkten Prachtgebäude, Tempelkuppeln mit reicher Vergoldung, Obelisken, Telegraphen- und Glockenthürme. Sternwarten, Luftpostzinnen und andere hohe Gebäude, wie sie jetzt in Städten üblich waren, hoben sich aus dem Steinmeere in bezaubernden Verhältnissen empor. Man hielt überhaupt in diesem Jahrhundert viel auf die Phisiognomie der Städte, die schon in weiter Ferne dem Wanderer verkündeten, was er im Innern zu finden hoffen dürfe.
Sie fuhren über die prächtige Marmorbrücke, zu beiden Seiten mit athenischen Bildsäulen geziert. Guido wunderte sich, da er den Strom hinaufblickte und in der Weite viel Feuer und Rauch aufsteigen sah. Der Lehrfreund erklärte ihm die Erscheinung.
Vor Zeiten, fing er an, war der Eisgang auf diesem Strome sehr ungestüm, und es ließ sich keine dauerhafte Brücke bauen, da man befürchten mußte, sie im Frühjahre zerstört zu sehn. Jetzt ist man klug genug, das nützliche Feuerpulver auch hier anzuwenden. Wie eine Gefahr dieser Art droht, belegt man die Winterdecke des Stromes mit einer Menge von Raketen, aus Pulver und jener heftigen Feuermaterie gemengt, die auch im Kriege gebraucht wird, und auf Eis und Wasserfluthen fortbrennt. Diese Raketen bedecken die ganze Fläche mit Funken, und schmelzen durch ihre Menge in kurzem alles Eis. Da, obgleich der Frühling schon um ein Gutes vorrückte, noch hie und da Schollen ankommen, so wirst du dort jene Thätigkeit inne.
Er setzte hinzu: Auch Ueberschwemmungen, durch Anhäufen der Gebirgwässer erzeugt, suchten Ehedem manche Länder heim. Nun aber fließen sie durch Kanäle ab, oder durch die hohen Bewallungen an den Strömen, immer noch benutzt, da man gute Fruchtbäume darauf zieht. So trägt im Kampfe gegen die feindliche Natur, der Mensch immer den Sieg davon, wenn er mit Vernunft den Willen umfaßt.
Auf den Gassen der Stadt bemerkte Guido, daß es hier ungemein viel schöne Weiber gäbe. War gleich, wie oben im Eingang berichtet worden, das Geschlecht überhaupt zu einer entwickelteren Anmuth erzogen, und die europäische Menschheit durch Gleichheit der Verfassung in einander geflossen, so mußten dennoch einige Unterschiede in der äußeren Bildung übrig bleiben, deren Ursachen man in Abstammung und Gegendeigenheiten zu suchen hatte. Der Lehrer erklärte: Schon im Alterthum wurden die Sarmatischen Schönen gepriesen.
Guido fand bald darauf Gelegenheit, diese lieblichen Blüthen im vereinten Strauß zu beobachten.
Zu Moskau, dem Hauptorte der Kriegprovinz, hatte er einen vorzüglichen Mosestempel bewundert, in welchem das Standbild des Gefeierten in einer Größe, wie Ehedem der rhodische Koloß, prangte, und wo ein Heer von Hunderttausend Mann auf einmal seine Andacht verrichten konnte. In Warschau dagegen stand ein Heiligthum der Maria, durch seine geschmackvolle Pracht weit berühmt. Die Jungfrauen im Lande hatten es aus ihren Mitteln erbaut, und sich dafür das Recht vorbehalten, hier allein zu beten, und Feiergesang anzustimmen.
Sie nahmen dann Platz auf dem Marmorboden, doch die Erhöhungen welche der Rotunde Innenwände umliefen, konnten Männer besteigen und Niemand mag zweifeln, daß sie nicht angefüllt gewesen wären.
Gelino hätte es vielleicht nicht unumgänglich nöthig gefunden, seinen Zögling dahin zu führen; doch dieser hatte davon viel gehört, und bewies sehr redselig, man müsse die Reisekunde auf jede Art bereichern.
Es war das Frühlingsfest der Maria, der Kultus hatte einige Aehnlichkeit mit den Floralien der Alten. Im weißen Gewand, blendend wie Schnee, fein wie die Schleier der Arachne, die Sandale mit bunten Bändern an den bloßen Fuß geknüpft, die Locken mit jungen Blumen durchflochten, zogen die Jungfrauen in den Tempel.
Guido befand sich im Gedränge auf der Erhöhung. Süß strömte der Duft hinauf, die Treibhäuser waren von ihren Orangenblüthen und Rosen geplündert, nimmer hatten Guido, selbst auf dem heimathlichen Eilande, so holde Gerüche gelabt.
Alle ohne Ausnahme waren schön, lieblich, anmuthig, denn die, welchen die Natur diese Mitgift versagt hatte, pflegten an einem solchen Tage unpäßlich zu sein, um nicht so vielem Lichte die Schatten zu geben.
Hundert von den Jungfrauen unterhielt der Tempel für den musikalischen Kultus. Gestalt und wohltönende Stimme, waren die Bedingungen, unter welchen man sie annahm. Gute Lehrer unterwiesen die Huldinnen, erst nach bedeutender Fertigkeit durften sie öffentlich auftreten. Kein Instrument begleitete ihre Lieder, und wie diese Zeit auch die Harmonika, die Flöte, die Harfe vervollkommnet hatte, den Zusammenklang Hundert reiner wohlgeübter Mädchenorgane, würden sie immer nur gestört, nicht erhoben haben.
Sie sangen einen Himnus, der in die Sprache früherer Zeiten übertragen, so weit es möglich ist, den höheren Ausdruck des Idioms im ein und zwanzigsten Jahrhunderte wiederzugeben, ungefähr gelautet haben würde:
Himmlisch bist du o Jungfrau!
Du liebtest himmlische Liebe,
Und dein Himmel steigt nieder,
In der Liebenden Busen.
Hohe, Reine, Verklärte,
Weihe, heilige mich!
In des Geliebten Schönheit
Deutet sich ewige Schöne,
Dem Göttlichen werd ich verwandt
Glüh ich von göttlicher Liebe.
Hohe, Reine, Verklärte,
Weihe, heilige mich!
Deine Reinheit mich fülle,
Mache unsträflich den Busen,
Gieb in Liebe mir Tugend,
Daß den Unsterblichen nahend
Ewig Leben ich athme,
In Gefilde des Lohnes
Seligkeit bringe das Herz.
Hohe, Reine, Verklärte,
Weihe, heilige mich!
Weg aus den Räumen der Tiefe,
Schwinge dich, heiliger Fittig,
Trage mich auf zu den Gipfeln
Wo mich weihend umfangen,
Lebens Reine und Höhe.
Liebe ist Himmel im Staube,
Liebe wohnt über den Sternen,
Liebe adelt die Jungfrau,
O du, der Jungfraun Vorbild,
Hohe, Reine, Verklärte,
Weihe, heilige mich!
Als die Feier geendet hatte, schrieb Guido an Ini: Heute Mädchen, that dein Bild hohe Wunder. Ich sah den lieblichsten Blumenkranz in Europa, vergaß aber dennoch die Rose nicht, für die ich glühe.
Der Triumph, den eine Geliebte über fremde Schönheiten davon trägt, wird auch von dem Liebenden hoch empfunden, seine Flamme lodert heller, ein edles Selbstgefühl strömt in die Seele, im Bewußtsein reiner Treue, und prägt sich im Auge, auf der Wange, mit einem unvergänglichen Zauber aus. So nahm denn Guido abermal einen neuen Zug der Schöhnheit von hinnen.
Sie besahen noch den großen Markt, der hier um diese Zeit gehalten wurde. Auf dem Gefilde von Wola, berühmt im Alterthum durch die Königswahlen, hatte man ihm den Sammelpunkt angewiesen, da in der Stadt kein Raum dazu vorhanden war.
Einen weiten leeren Platz umlief ein überdachter Säulengang, hinter welchem sich ungeheure Speicher, die Waaren einzunehmen, befanden. Auf vielen Kunststraßen hatte sie der Völker Thätigkeit hergeführt. Eine davon lief nach Konstantinopel, von dort nach Sirien und dem rothen Meere. Hier kamen die Araber, auf lange Reihen von Kamelen, Spezereien und Gold geladen. Auch die Athener, welche auf Prahmwagen, Statuen in Marmor und Elfenbein, wie auch treffliche Gemälde brachten. Die andere ging um die Kaspische See nach Ispahan und den indischen Eilanden. Daher nahten die Neu-Perser, mit Elephantenlasten köstlicher Gewürze, feiner Zeuge und Edelsteine. Eine dritte Straße war dem Chinesen, durch die Mongolei, Songarei, und das Kirgisenland gebahnt. Er brachte Farben, Porzellan und andere Gegenstände seines Kunstfleißes, denn der Krieg hinderte seine Karavanen nicht. Von Petersburg erst übers Meer, und dann auf dem Weichselstrom herbeigeschafft, langten vortreffliche Schiffe zum innländischen Gebrauch an, die auf einem Bassin, zum Marktfelde geleitet, feil standen. Auf ähnlichen Wegen waren vom äußersten Norden, Arbeiten in Eisen und Pelzkleidungen gekommen. Eben daher vortreffliche Geschirre, Fensterscheiben und Bauwerkstücke aus dem so spät erst entdeckten Polkristall. Auf den vielen Kunstpfaden durch Teutonien langten noch unendlich mehrere Handelswaaren an. Von den englischen Eilanden, wissenschaftliche und technische Instrumente aller Art. Man sahe ganz fertige Sternwarten, mit künstlichen Triebwerken des Planetensistems, deren Genauigkeit und Feinheit in Erstaunen setzte, indem sie außer den vielen neugewahrten Planeten und ihren Begleitern, auch alle Kometen dieses Sistems darstellten, denn den jetzigen vollkommenen Teleskopen, entging keiner mehr davon, wie weit auch seine Bahn ihn von der Sonne wegführen mochte. Fing man doch schon an, das Leben im Monde zu beobachten, und seine Naturgeschichte zu entwerfen. — Ferner Thurmuhren, mit reitzenden Glockenspielen, an deren Zifferblatt, sich außer den Stunden- und Minutenweisern, ein vollständig entworfener Kalender befand, daneben Thermometer, Barometer und Eudiometer, welche Kälte oder Wärme, Schwere oder Leichtigkeit der Luft, so unterrichtend bezeichneten, daß dadurch die Witterungsveränderung auf mehrere Tage vorher kund ward, und Jedermann bei seinen Beschäftigungen sich darnach fügen konnte. — Ferner, Mühlen zum Stampfen, Zermalmen und Sägen zugleich, und mit einem artigen Mobile perpetuum regirt. — Ferner, zum Behuf des Landbaues, Pflüge mit einer geringen Kraft bewegt, die den Boden zehn bis zwölf Schuh tief aufwühlten, die geruhete Erde oben, die entkräftete unten brachten, sie zugleich puderartig zerrieben, und von gröbern Bestandtheilen durch Siebe reinigten. Eben so Pflanzmaschinen, welche die Getraidekörner in beliebiger Weite und Tiefe gleichabstehend einsenkten, und so Aufwuchs und Gedeihen ungemein erhöhten. Eben so Wässerungbehälter, geeignet, aus fernen Seen, Strömen oder Kanälen mit wenigem Kraftaufwande, Flüssigkeit herbeizuschaffen, und durch hidraulische Vorrichtungen, in weit ausgebreiteten Fontänen niederströmen zu lassen. — Der Franke lieferte chemische Apparate zu vielen Zwecken dienlich. Auch der Landmann konnte sie hülfreich gebrauchen, damit bei großer Dürre, aus Wasserstoff ein Wölkchen zusammensetzen, und auf seine Scholle niederfallen lassen. Zudem Küchen, wo in sehr sinnreich gestalteten Töpfen oder Pfannen, die Speisen überaus schmackhaft geriethen, und man auch Schnee und Eis sogleich bereiten konnte. Imgleichen Kleidungsmaschinen, die man beliebig mit Seide oder Wolle versah, und sich dann hineinstellte. In wenigen Minuten webte nun das Kunstwerk ein Kleid, den Formen des dargebotenen Körpers niedlich angeschmiegt, ohne Rath, wie sich von selbst versteht, färbte es zugleich in der eben gültigen Modetinte, und parfümirte es mit köstlichen Oelen. Die chirurgischen Instrumente der Franken waren nicht weniger sehenswerth. Unter andern erblickte man da künstliche Ohren und Augen mancher Art. Bei nur geschwächter Hör- oder Sehkraft wurde jene durch Röhre, diese durch Gläser bis zum Normalzustand verstärkt; außerdem hatte man aber, ein hoher Triumph menschlicher Kunst, nachgeahmte Trommeln, Eustachische Röhren, Augenäpfel mit ihren sechs Häuten und drei verschiedenen Feuchtigkeiten, welche mit den Nerven, durch täglich wiederholten Galvanismus in Verbindung gebracht, Tauben und Blinden, Schall- und Lichtstrahlen wunderbar wieder einführten. Ihre Weinläger wurden nur von den spanischen und portugiesischen übertroffen, wo in langen Reihen, Tonnen lagen, jede größer als Ehedem das Faß zu Heidelberg. — Die Italiäner hatten unter andern große Orgeln, für die Tempel, feil, in welchen die vielstimmige Vox humana, die gewohnten Religionsgesänge deutlich vortrug, willkommen für Ortschaften die nicht reich genug waren, Chöre zu unterhalten. Zudem auch Orchester, wo eine Klaviatur, Hundert Saiten- und Funfzig Blaseinstrumente in Bewegung setzte, welche auch durch Walzen die beliebtesten Tonstücke und durch akkustisch nachgeahmte Soprane, Alte, Baritone u. s. w. schöne Lieder ausführten. Der Besitzer konnte also seinen Gast, wenn er wollte, mit einem vollständigeren Konzert bewirthen, als es vor Jahrhunderten Könige mit großem Aufwand vermocht hatten. — Der emsige Deutsche wetteiferte mit allen Europäern in Allem, und sandte daneben die meisten Bücher zum Markt. Bücher, die Materien abhandelten, von denen die Vorzeit noch keine Ahnung hatte.
Aber auch aus Amerika, Afrika und Polinesien waren Kaufleute anwesend. Sie führten edle Steine, edle Metalle, ganze Naturalienkabinette aus ihren Landstrichen, artige Sinzialos, Jakos, indianische Raben, die fertig redeten, Menagerien von Löwen, Tigern, Leoparden, Giraffen, Armadille, welche man aber nicht erstand, wenn sie nicht auch zugleich in ergötzenden Künsten abgerichtet waren. Es gab auch in großen, durchsichtigen, mit Wasser gefüllten Behältern, Fische aller Gattung aus der Fremde. Hornfische, Chimären, alle Haiarten, Panzerfische, Seedrachen, Zitteraale, Katödons, und die vielen Geschlechter, welche erst entdeckt worden, nachdem die Taucherkunst ihre jetzige Vollkommenheit erreichte.
So hatte die vermehrte Kultur, die gesetzliche Sicherheit, und die Leichtigkeit der Reisen, Menschen von allen Stämmen hieher geführt. Wollige Neger, schon lange nicht mehr zur Sklaverei verdammt, tanzten lustig am Abend und sangen Nationallieder. Braungelbe Sinesen und Japaner zählten sorgsam ihre gewonnenen Summen. Olivenfarbene Araber, Indier, Malaien, kauten ruhig ihren Betel oder schmauchten ihre Pfeife zur Erholung. Kleine mißgestaltete, aber doch sehr lebendige, Ostiaken, Samojeden, Eskimos liefen neugierig gaffend umher. Röthliche Amerikaner, noch den Federbusch der Altvorderen tragend, zeigten ihre Kraft im Ringen und Laufen. Neuseeländer, Otaheiter, Sandwichinsulaner, Bewohner der erst spät entdeckten Südpolarländer, die schwärzere oder hellere Haut seltsam punktirt, saßen in ihren mitgebrachten Binsenhäuschen auf künstlichen Matten, die ihnen abgekauft wurden, um sie in Gärten aufzustellen.
Das Getümmel auf diesem Markt war unbeschreiblich, die Wechselgeschäfte verbanden durch Federstriche, Neu-York und Ulimaroa, den Hoffnungskap und Miako, Lissabon und Peking. Noch ist hier des Komptoirs zu gedenken, welches die Land- und Seetruppen hielten. Da sie sich durch eigene Thätigkeit unterhalten mußten, beschickten sie auch die Märkte mit überflüssigen Erzeugungen. Unter andern boten sie Feuerröhre, großer und kleiner Art, feil, welche von Völkern, die noch keine Waffenmanufakturen hatten, eingetauscht oder gekauft wurden. Man ging aber auch, vorausgesetzt, daß man reich genug war zu solchen Ausgaben, in ihre vorhandenen Metallgießereien oder Schmieden, um sich, die Geliebte, den Freund, in Erz oder Stahl bilden zu lassen. Augenblicklich drückten geschickte Meister die Gestalt in Wachs ab, um sie gleich darauf in Thon nachzuahmen. Das Metall floß schon in den Glühöfen, eilig vollendeten flinke Gesellen die hohle Form, und der Guß erfolgte. Durch künstliche Mittel ward nun das Metall erkaltet, die Form zerschlagen, das Jahrtausende höhnende Standbild heraus gewunden und glatt polirt. Noch geschwinder gingen die Stahlschmiede, mittelst ihrer mechanischen Vorrichtungen, Feinheit und Gewalt auf eine zuvor nie erdachte Weise verbindend, zu Werke. Ein Fürst aus Amerika, eben mit seiner jungen Gemahlin zugegen, ließ sich mit derselben in Silber darstellen. Guido hätte weinen mögen, nicht Ini hier zu sehn, und kein Kaisersohn zu sein, um ihre Statue in Gold zu begehren.
Nach viel erworbnem Unterricht, durch Gelinos Lehren und eigne Anschauung, wurde des Jünglings Reise fortgesetzt. Er wandte sich nach Teutonien, wo das platte Land ihn noch weit mehr in Erstaunen setzte. Er sah hier keine Dörfer mehr, sondern nur die in einander fließenden Vorstädte weitläuftiger Orte. Gelino erklärte ihm die Erscheinung einer so großen Lebensfülle in folgender Art:
Das Klima in diesem Lande ist weit milder geworden, seitdem unnütze Kriege, verderbliche Immoralität und Krankheiten, gegen welche die unvollkommene Heilkunde wenig vermochte, nicht mehr die Zunahme seiner Bevölkerung hemmen. Mit ihrem Anwuchs veredelte sich der Boden wovon eine mildere Luft immer die Folge ist. Der Mais- und Reisbau sahen hier schon lange erwünschten Fortgang, und zwei Ernten sind gewöhnlich. Wenige Morgen nähren eine Familie bequem, und werfen noch einen Ueberfluß ab, von dessen Verkauf, sie nicht erzeugte Nothwendigkeiten anschaffen kann. Das in dem, vortrefflich zubereiteten, Boden durch Maschinen gepflanzte Wintergetraide, gelangt um die Mitte des Junius schon zur Reife, und lohnt meistens funfzigfältig. Man mäht es durch kunstreiche Sichelwagen, die zugleich abschneiden, aufladen und hinterwärts den Boden wieder pflügen, wodurch die Arbeit gar sehr vereinfacht wird. Nun ist Zeit genug übrig, das Feld wieder mit Sommerkorn, Gartengewächsen, Fütterungkräutern zu bestellen, wovon der Fleiß noch reichen Gewinn im Spätjahre zieht. Dies würde aber nicht immer glücklich von Statten gehn, hätte man nicht das Mittel erfunden, die angebauten Fluren, gegen Kälte im Lenz und Nachsommer zu sichern. Wenn die Witterungmesser einen Frost ankündigen, eilt der Landwirth sein Feld mit großen Strohmatten zu überdecken. Bei den kleinen Landporzionen ist es leicht dies Mittel anzuwenden. In Wintertagen fertigt das Gesinde aus dem reichlichen Stroh die Matten, über Bäume spannt man sie zeltartig, Fluren werden ebenhin damit bedeckt.
Bemerke, wie sorgsam jeder Eigner, von jedem Schuhgevierte, Ertrag zu ziehen sucht. Ein Zaun von nutzbarem Strauchwerk, umläuft verwachsen die Scholle. Kleine Beeren und kleine Nüsse mancher Gattung blühen darauf. Das Feld ist mit edlen Obstbäumen beflanzt, an die üppige Weinreben sich hinaufwinden. Ihr Schatten fährdet die Saaten nicht, bei einem so kräftig gemachten Boden, und beim Pflanzen trägt man kluge Sorge die Wurzeln nicht zu verletzen, was bei den guten Maschinen zu diesem Gebrauche leicht wird.
Futterkräuter, gewisse wohlnährende Rübenarten, getrocknet Baumlaub, sind dem Viehe bestimmt, und leicht zieht eine Familie davon so viel auf, um mit Milch, Butter und Fleisch versorgt zu sein. In jedem Hause befindet sich eine Kelter, eine Anstalt zum Brauen, eine Anstalt zum Fertigen gebrannter Wasser, im Kleinen. Die Arbeit daran ist so vereinfacht, daß auch ein Kind ihr vorsteht.
So ist also für den Unterhalt dieser Menschen reichlich gesorgt, und die eitle Furcht ob einer zu großen Bevölkerung, in rohen Zeitaltern oft angekündigt, würde nur Lachen erregen. Jedes neue Glied, das in die Gesellschaft tritt, kann auch einen neuen Spielraum nützlicher Thätigkeit finden und seinen Bedarf gewinnen. Nach den vielen Erfahrungen welche man sammelte, nach den vielen lehrreichen Entdeckungen, welche gute Köpfe im Erproben des Ausführbaren machten, ist jedermann lebendig überzeugt, die Fruchtbarkeit des Bodens sei noch um ein Ansehnliches weiter zu treiben, ja die Gränze, welche einst der klugen Pflege ein Ziel setzen könne, durchaus nicht abzusehn. Und träte ja nach Jahrhunderten, der unerwartete Fall ein, mehr Menschen erzeugt zu sehn, als der Landesertrag nähren könne, so weiß man gar wohl, das es noch schlecht bebaute Länder genug in anderen Erdtheilen giebt, wohin sich Kolonien senden lassen. Afrika enthält in seiner Mitte große Wüsten, die, einst urbar gemacht, unermeßliche Ausbeute liefern werden. Am Susquehannach, am Orinoko, am Amazonenfluß sind weitläuftige Strecken bereit, neue Millionen aufzunehmen. So rüstig auch der Altbritte daran ging, Ulimaroa, welches den Umfang von halb Europa hat, und die weitläuftigen Inseln, Neu-Guinea und Neu-Seeland, an Bewohnern reich zu machen, so hat doch, im Verlauf weniger Jahrhunderte, immer noch nichts Erhebliches geschehen können, und Auswanderer würden dort höchst willkommen sein. Ja, wie die Lehrer der Wissenschaften behaupten, in denen die Umgestaltung des Erdballs abgehandelt wird, und wo man die jährliche Meerabnahme nach unbezweifelten Erfahrungen berechnen lernte, wird nach einigen Jahrhunderten, ohne das im achtzehnten einst gefundene Polinesien, ein ungeheurer neuer Erdtheil, aus dem stillen Ozean, westlich von Amerika, treten. Die unter dem Meere hinstreifenden Parallel- und Meridian-Gebirge verbreiteten hierüber schon in alten Zeiten Licht, jetzt hat man ihren Zusammenhang deutlicher erkannt, und vermag überhaupt aus der Vergangenheit genauer auf die Folge zu schließen, weil sinnige Forscher, ihre Beobachtungen der Nachwelt, ein schätzbares Erbe, vermachten. So ist jetzt unter andern die Insel Owaihi, weit größer an Umfang, als zu der Zeit, wo ein kühner Seefahrer, Cook genannt, sie entdeckte. Die ziemlich großen und hohen Eilande, westlich von Peru, hießen vor Jahrhunderten die niedrigen Inseln, ein Beweis, wie damals die See höher an sie hinaufspülte. Das Senkblei fällt in ihrem Bezirk immer seichter, die Meermoose nehmen zu, die Taucher können dort in der Tiefe mit Leichtigkeit beobachten, und aus allen diesen Umständen läßt sich die Richtigkeit jener Verkündung ahnen. Alle die Inselketten in jenem Meere werden dann die Gebirgrücken des neuen Erdtheils sein.
Guido sagte hier zu seinem Lehrer: Du drängst mein Nachsinnen in einen noch tieferen Hintergrund. Es macht zwar froh, so viel neue Möglichkeit des Lebens zu träumen, auch sehe ich nur Vortheil für das Geschlecht darin, wenn junge Länder zum Anbau einladen, wenn die Kaspische See, das schwarze Meer, das mittelländische Meer, trocken geworden, mit Städten und Dörfern übersäet werden können. Wo soll das aber endlich hinaus? Wenn nun das Wasser, nach manchen Jahrtausenden, ganz vom Erdball verschwände, müßte nicht die Menschheit, an seinen Verbrauch unabläßig gebunden, jammervoll untergehn?
Gelino lächelte und gab seinem Zögling die Antwort: Dies könnte wohl sein, und wenn die höchste Entwickelung, der Menschheit Zweck ist, was wäre denn noch an ihrer Fortdauer gelegen, wenn sie das Ziel umfaßt hätte, und es etwa mit jenem Zeitpunkt zusammenträfe? Gleichwohl dürfte sein Untergang auch nicht einmal an das Verschwinden des Wassers gebunden sein. Denn, kann der Erdensohn nicht übernehmen, was die Natur nicht mehr nöthig erachtet, für ihn zu leisten, da sie ihn genug mit Kräften ausstattete, und der Gebrauch dieser Kräfte hinlänglich erweitert ist? Können wir nicht lange schon Wasser chemisch bereiten? Wird diese Kunst sich nicht vervollkommnen? Freilich, neue Meere, um sie lustig zu beschiffen, dürfte man nicht hervorbringen lernen; doch Flüssigkeiten für den Hausbedarf, Regengewölke zum Tränken der Gefilde, wovon ja schon manche Versuche jetzt gelangen, scheinen keineswegs außer dem Bereiche der Sterblichen zu liegen. Doch du wirst darüber in Berlin manche Hipothese hören.
Blicke einstweilen sorgsam auf die Einrichtungen, die unser Weg dir zur Ansicht darbietet. Du siehst alle Städte in Teutonien voller Kunstfleiß, voller trefflichen Schulen; prachtvolle Tempel und Bühnen zieren die meisten. Bei so vielem Reichthum, als der kluge Landbau einer großen Volkmenge, hier dem Boden entlockt, ist der Städte Flor eine ganz natürliche Folge. Der Ackermann nährt den Handwerker, indem er ihm seinen Ueberfluß verkauft, und von ihm wieder die Lebensbedürfnisse holt, welche er nicht allein hervorbringen kann. Letzterer bezieht wieder die Märkte anderer Gegenden, mit der Arbeit, welche ihm daheim nicht abgenommen wurde, und schafft dafür ihre Erzeugungen herbei. Das Geld, überall werthhaltig und durch weise Aufmerksamkeit der Regierungen, im richtigen Verhältnisse zum Preis der Sachen, empfängt einen schnellen Umlauf, und regt auf demselben die Betriebsamkeit unaufhörlich an.
Wie blühend wir aber diese Gegenden finden, so hätten wir nur alte Bücher zu fragen, um über die Barbarei, welche noch vor drei oder vierhundert Jahren sie drückte, belehrt zu sein. Damals fand man kaum jede halbe Meile ein elendes Dorf, in dessen unreinlichen Strohhütten sklavensinnige Halbmenschen wohnten.
In den Städten lag der Gewerbfleiß krankend danieder. Europens Staaten hatten sich nicht weise verbunden, um durch Handel gegenseitig ihre Thätigkeit zu beleben und die Genüsse auszutauschen; man sann nur auf Uebervortheilung, die am Ende Allen verderblich war. Unnatürlich große Heere wurden auf den Beinen gehalten, wodurch dem Gemeinwesen so viel jugendlich rüstige Kräfte entgingen. Diese Heere nährten sich nicht selbst durch Nebenarbeit, sondern mußten Sold empfangen, wodurch die Regierungen sich genöthigt sahen, die Völker mit Abgaben zu erdrücken. Unter solchen Umständen mußten die meisten Länder zur Hälfte Wüsten bleiben; Tausend harter Ungerechtigkeiten und Thorheiten, die natürliche Folge verkehrter Einrichtungen, nicht zu gedenken.
Und die Menschen hatten doch damals, so gut wie in unseren Zeiten, die göttliche Kraft der Vernunft, auch Philosophen in Menge, welche, die Natur dieser Vernunft zu erkennen, sie gleichsam anatomisch zu zerlegen und scheidekünstlerisch in ihre Bestandtheile aufzulösen strebten. Es galt demungeachtet von ihnen, was einer ihrer alten Dichter sang:
Unselig Mittelding vom Engel und vom Vieh,
Du prahlst mit der Vernunft, und du gebrauchst sie nie.
Unter diesen Gesprächen kamen die Reisenden durch einen kleinen Ort, wo sie ein dichtes Volkgedränge und lauten Jubel wahrnahmen. Sich von dem Anlaß dieser Erscheinung zu unterrichten, nahten sie, und sahen einen Aufzug zum Mariatempel wimmeln. Wohlgeschmückte Priesterinnen gingen, einen lauten Chorgesang anstimmend, voran; dann folgte ein etwas gebeugter, doch gleichwohl noch munterer Greis an seinem Stabe, am Arm ein Altmütterchen, das zwar kaum noch den Fuß von der Stelle zu heben vermochte, dem bei dem Allen aber, aus einem mit Runzeln überpflügten Gesicht und dem ermatteten Auge heitre Freude schimmerte. Um die schneeweißen dünnen Locken des Paares waren Blumenkränze geflochten, eine lange Reihe folgte ihnen, bunt aus Personen von dem verschiedensten Alter zusammengestellt, Greise und Greisinnen, Männer und Frauen in den Mitteljahren, viel blühende Jugend und ein zahlreicher fröhlicher Kinderschwarm.
Die befragten Zuschauer unterrichteten Gelino: wie das Paar die Hundertjährige Feier seiner Ehe beginge. Im fünf und zwanzigsten Jahre, erzählten sie, heirathete einst der Greis, seine Gattin zählte damals zwanzig. Arbeit, Mäßigung, zufriedener Sinn, ließen sie ein so hohes Alter erreichen. Die ihnen zum Tempel folgen, sind ihre Kinder, Enkel und Urenkel, ein markig Geschlecht, den Stammältern mit inniger Liebe und Ehrerbietung zugethan.
Tiefere Rührung empfand Guido während seiner ganzen Reise nicht, als im Anblick dieser Feier. Er versenkte sich in die Vorstellung der Glückseligkeit jenes Patriarchen, hinschauend auf seine Nachwelt, rückblickend in die wonnevolle Vergangenheit eines Jahrhunderts häuslicher Eintracht. Und wie Liebe alles gern auf sich bezieht, so träumte er mit hochwogendem Busen, ein Eheleben mit Ini von langer Dauer und am späten Lebensziele gekrönt von Urenkeln.
Sie langten bald darauf in der Gegend von Berlin an. Die Masten vieler See- und Stromschiffe erhoben sich, einem Walde gleich, aus seinem breiten Hafen, mit leichten bunten Flaggen geziert, spielend im frischen Abendwinde. Die schöne Bergkette, welche an einer Seite den großen Ort umgab, stellte eine lachende Ansicht dar, bepflanzt mit Weingärten, beschattet von Lustgehölzen und prangend mit heiteren Sommerwohnungen reicher Bürger.
Hier triumphirte, fing Gelino an, menschliche Kunst auf eine seltne Art über die widerstrebende Natur. Vor Jahrhunderten sah der Wanderer hier nur eine langweilende, kaum von unbedeutenden Erhöhungen, die nicht einmal Hügel, sondern Niederungsränder des Stromes waren, unterbrochene Fläche. Die Stadt lag gleichwohl schon in dem Sandmeere da, zeichnete sich durch regelvolle Anlage, und, nach damaligen Begriffen, schöne Prachtgebäude aus, wovon man noch manche Ruinen, sogar einige noch ziemlich erhalten sieht, die dir, wenn wir ihre Plätze und Straßen durchwandeln, zu Gesicht kommen werden.
Da nun aber die inneren Kriege in Europa geendet hatten, und, als nothwendig glückliche Folge, die Kultur stieg, auch Berlin, der Sitz des europäischen Bundesgerichts — welches man hieher verlegte, weil Berlin ziemlich den Mittelpunkt von Europa einnimmt — sehr bedeutend wurde, wollte der Schönheitsinn ihm eine anmuthigere Umgebung erziehen, so wie die Weisheit nöthig fand, seiner großen Einwohnermenge neue Quellen der Erhaltung zu öffnen.
Beide konnten, wie fast immer, Hand in Hand gehen. Der berühmte Kanal, tief genug um Meerfahrzeuge zu tragen, der die Elbe und Oder auf einem nahen Wege verbindet, und bei Berlin vorüber geht, wurde gefertigt, dazu der Hafen, dessen blaue Wogen dort schimmern, an Größe einem mäßigen Landsee gleich. Ohne die Pulversprengungen und die neuerfundenen mechanischen Hebewerkzeuge, mit welchen die Grunderde leicht aus der Tiefe zu winden ist, und man die Ströme gegen Versandung und Seichtigkeit schützt, wären solche Arbeiten unmöglich gewesen; mit ihnen kam es nur auf Geld und emsige Hände an, die nicht mehr fehlten, als mit der Bevölkerung aller Kunstfleiß mächtig heranwuchs. Auch wurde der Elbstrom, bis gegen die Böhmischen Gebirge, ausgetieft, und eine große Zahl geräumiger Schiffe, führte aus den dort, lebhafter als je bearbeiteten Steinbrüchen, die Quadern, womit des Kanals Seitenwände eingefaßt wurden. Die aus dem Hafen gewonnene Erde diente nun, jene erhabene Bergkette aufzuthürmen. Ist ihre Höhe, gegen Urgebirge gehalten, freilich nicht von großem Belang, so ist sie es doch scheinbar, da sie sich aus der Ebene erhebt.
Indem, nach dreißig mühevollen Jahren, diese Werke ihre Vollendung sahen, meinten die Zeitgenossen, sie wären immerhin, an Arbeit, mit den Piramiden von Egipten zu vergleichen, überträfen sich jedoch weit an Nutzen. Sie hatten Recht: wer staunte nicht sie erblickend, und wie es sich von selbst versteht, wurden Hafen und Kanal die Quellen großer Reichthümer für Berlin.
Sie waren unter diesen Gesprächen bis an ein Thor gekommen, das auf großen Säulen ruhte. Der Lehrer hatte einst, wie sich auch von seiner Vertrautheit mit den überall vorhandenen Gegenständen erwarten läßt, Europa schon durchwandert, und konnte daher seinem Zögling immer Auskunft geben. Dies Thor, das Brandenburger seit dem Alterthum genannt, ist das schlechteste, es bleibt jedoch als eine ehrwürdige Antiquität stehen, und trotzt auch schon drei Jahrhunderten durch seine Festigkeit. Dies darf um so mehr befremden, als seine Erbauung noch in die Zeit fällt, wo Bruchsteine nur mit schwerer Mühe auf ärmlichen Spreekähnen herbeigeführt wurden, und man sich meistens der Ziegel bediente. Jetzt haben es freilich die Baumeister bequemer, da der Elbkanal, von Pirna her, so große Ladungen von Felsblöcken trägt, und nun können freilich die Tempel und Palläste leicht so stattlich sein, als wir sie sehen.
Schon vor der Stadt hatte Guido zu seiner Verwunderung wahrgenommen, daß eine Menge leuchtender Kugeln über den Häusern schwebend erschienen. Nun erklärte sich das. Man erleuchtete nehmlich die langen graden Straßen mit doppelten Hohlspiegeln von beträchtlichem Umfang, auf hohe Säulen gestellt. Vor ihnen brannte eine kunstreiche, durch Luftzüge verstärkte Flamme, deren Licht aber, mittelst einer angelaufenen Kristallscheibe, sanfter erschien, so daß das Ganze den Vollmond um so täuschender nachahmte, als seine Karte auf die Scheibe gezeichnet war. Die Wirkung glich eben so, und ein traulich Silberlicht goß seine Schimmer in die Straßen und Plätze nieder. In der Mitte der Länge einer jeden Straße, brannte ein solcher Hohlspiegel, für die Erleuchtung nach beiden Seiten genug, doch so, daß man sich mit seiner Größe nach der der Straße richtete. Am Abend gab dies Heer von Monden der Stadt von Außen ein sonderbar liebliches Ansehn.
Sie stiegen in einem bedeutenden Gasthofe ab. Nachdem jedem von ihnen ein Badezimmer angewiesen worden, erfrischten sie sich in silbernen mit Rosenwasser gefüllten Wannen. Hierauf trugen wohlgekleidete Diener das Mahl zur Nacht auf. Es bestand unter andern aus Kalbnieren von Archangel, sehr von leckeren Gaumen beliebt, aus einer Surinamschen Schnecke, deren gewundenes gesprenkeltes Haus einen Kürbis an Größe übertraf, und aus Vogelnesten, wohlerhalten von Tunkin gebracht. Wein von Cipern und Buenos Aires, Sorbet in Ispahan verfertigt, perlten in Kristallflaschen. — Warum gebt ihr uns Speise und Getränk aus ferner Zone? fragte Gelino einen Diener, ob ihr gleich in eurem gesegneten Lande köstlichen Ueberfluß erzieht. Wird es uns doch wohlfeil in den Hafen gebracht, und gegen unsere Erzeugnisse vertauscht, war die Antwort.
Sie gingen noch auf einen Ball, wo sehr schöne, doch an Betragen überaus sittsam züchtige, Mädchen tanzten. Gelino sagte: Ihre Formen sind zart und athmen Harmonie, doch die frisch lebendige Fülle, welche wir an den Grazien in Polen sahn, mangelt ihnen dennoch. Allein der Abkunft ist dies zuzuschreiben, ihre Vorältern lebten einst in argem Sittenverderb. Jetzt dagegen giebt es nirgend auf der Erde keuschere Frauen, wie zu Berlin, und zwar sind sie das aus lauter Geschmack. Die Feinsinnigen wissen, daß man nur durch Keuschheit sich die höchsten Freuden der Liebe bereitet. Darin haben sich hier die Zeiten, gegen Ehedem, durchaus umgewandelt. Merke dir übrigens das lehrende Wort, Guido!
Dieser antwortete: Ich bedarf dessen nicht, Ini zeichnete es mir mit heiliger Schrift in den Busen.
Am andern Morgen hub Jener an: Du sollst hier einer Sitzung des ehrwürdigen Rathes, Bundesgericht von Europa genannt, beiwohnen, und hier überhaupt lernen, welche Bewandniß es mit unserer Verfassung hat.
Noch wenig hörtest du von den Königen in diesem Erdtheil, wenn wir schon einige mit ihren glanzvollen Umgebungen sahen. Dies ist aber ein großer Segen für die Menschheit. Im Alterthum war es ihre Sucht, von sich reden zu machen, und sie wählten das Verderben, über Fremde und Unterthanen gebracht, unter dem Namen Heldenthaten. Jetzt, einem schöneren Beruf hingegeben, muß es ihr Ehrgeiz sein, daß ihr Name wenig zur Sprache kömmt, denn so wird der Beweis, daß keine Noth über ihr Land hereinbricht, am besten geführt. Den Lohn für eine musterhafte Verwaltung empfangen sie beim Leben um so weniger, als Schmeichelei in Europa für das tiefste Verbrechen geachtet wird; doch nach ihrem Tode erkennt das Bundesgericht, wohin ihre Urne gebracht werden soll. Haben sie die Bevölkerung gemehrt, erhoben sich Landbau, Wissenschaft und Kunst in ihren Gebieten, kömmt sie in den Tempel der Unsterblichkeit, den du einst in Rom besuchen wirst. Sahen sie aber die Regierung als einen Genuß, nicht als eine Pflicht an, gelangt sie in einen gemeinen Todtenacker, und wird der Vergessenheit übergeben. Auch ist es herkömmlich, daß dann die Geschichte ihren Namen nicht nennt, sondern nur sagt: In diesen Jahren herrschte ein König, dem das Gehorchen besser gewesen wäre.
Als nach vielen blutigen Jahren die neue Verfassung endlich gegründet werden konnte, wollte man erst die Könige wählen, und immer dem Weisesten in irgend einem Lande die Krone geben. Allein die Schwierigkeiten bei der Wahl mahnten ab, die Buhlerei um die Gunst des Volkes würde heuchlerischen Sinn hervorgebracht haben, und die Stifter des großen Bundes heiligten überall die Wahrheit. Aurelius, der große Kaiser, von dem du schon oft hörtest, behielt demnach die Geburtfolge bei, doch traf er die Einrichtungen so, daß, was früherhin nimmer geschehen war, auch die Könige zu ihrem Amte erzogen wurden.
Hiebei verfuhr man im Laufe der Zeit abweichend, je nachdem eingesammelte Erfahrungen die Ansichten umwandelten. Bei einer Erziehung, die es, unter sparsam eingepflanzten fremden Begriffen, auf möglichst vollkommene Entwickelung der Eigenthümlichkeit anlegte, hat sich gezeigt, daß sie dann mit dem wirklichen Zustand der Dinge nicht vertraut genug wurden. Bei der möglichst sorgsamen, wissenschaftlichen Bildung ist es wohl geschehen, daß die Staaten Männer auf den Thronen erblickten, welche zu weit mit den Ideen über die Wirklichkeit hinaus drangen. Endlich kam man dahin, Eigenthum und Fremdheit dadurch ins Gleichgewicht zu bringen, daß die Fürstensöhne, früh in ein Fündlinghaus gebracht, Herkunft und Beruf nicht erfahrend, solche Pflege genossen, daß an Körper- und Geisteskraft, vor allen Dingen Männer aus ihnen wurden. Anschaun der Welt, nach Studien, bei welchen ihnen viel Willkühr gelassen wird, muß hauptsächlich ihr Nachdenken über die bürgerliche Verfassung wecken, sie gerathen in Lagen, wo sie, zum Handeln gezwungen, ihre ganze Thätigkeit kräftigen, hie und da giebt man ihnen, nach dem Maaße ihrer Fähigkeit, irgend ein Amt zu verwalten. Bisweilen schöpfen sie Unterricht in der Regierungskunde von Weisen, oder an einem fremden Hofe lebend, wo sie sie ausgeübt beobachten, und müssen sich dann, unterrichtet über ihre Bestimmung, einer Prüfung des großen Rathes hingeben. Fällt diese Prüfung zu ihrem Vortheile aus, werden sie regierungsfähig erklärt, wo nicht, sind neue Anstrengungen unerlässig. Denn, da es die Klugheit untersagt, das niedrigste Amt im Gemeinwesen, jemanden zu vertrauen, der nicht seine Tüchtigkeit dazu außer Zweifel gesetzt hätte, so gilt dies allerdings um so mehr vom höchsten, und eine so weit herangereifte Zeit als die unsere, kann sich nicht den Tagen roher Barbarei gleich stellen, wo es fast allein dem blinden Zufall überlassen blieb, ob ein Fürst sein Amt begreifen werde oder nicht, wo das frühe Gift der Schmeichelei ihre Herzen verdarb, wo die eigne Kraft so wenig Anreitz zum eignen Gebrauch fand, weil die Kraft der Diener für sie waltete, wo sie bald ihre Leidenschaften zum Gesetz erhoben, bald sich Ekel an ihrem Amte und ein sieches Leben erschwelgten, bald ganze Geschlechter in unsinnigen Kriegen zertraten, bald ihres hohen Berufes vergessend, und mit elenden Kleinigkeiten ergötzt, ihre Völker jedem Sturm von Innen und Außen Preis gaben. Hart mußten solche Zeiten ihren Wahnsinn büßen, und das Loos der Könige fiel auch sehr traurig. Denn die reichen Genüsse freuten sie nicht, da sie keine Entbehrungen würzten. Die Wahrheit kam ihnen selten zu Ohr, und so im Dunkeln tappend, konnten sie fast nur durch ein Wunder, die ihrer Zeit jedesmal zuträglichen Maaßnehmungen ergreifen. Wissenschaft, die ihnen allein ein klares Auge hätte erziehen können, um durch die dicke Weihrauchumwölkung zu schauen, blieb ihnen meistens fremd. Immer waren sie von Ehrgeitz und Raubsucht der Nachbarn bedroht, eine Kunst, damals Politik genannt, und nicht viel besser als Schutz durch Trug vor Trug, ängstete sie unaufhörlich. Jetzt dagegen schirmt sie die Moral des Völkerrechtes, sie sind nicht nur heilig dem Unterthan, sondern allen Völkern, die das große Volk von Europa zusammenstellen, edel genug ist ihre Bildung um höhere Glückseligkeit, als die sinnlichen Genüsse oder eitlen blutigen Ruhm, erkennen und empfinden zu lernen.
Es ist übrigens hergebracht, daß vor dem dreißigsten Jahre kein Fürst das Szepter in die Hand nehmen darf, wird ein Thron früher erledigt, folgt eine Regentschaft.
Worin bestehn hauptsächlich die Geschäfte eines Königs? fragte Guido.
Er hat die Satzungen der drei Räthe entweder zu genehmigen oder zu verwerfen, und läßt sie in jenem Falle mit Machtvollkommenheit zur Vollziehung bringen, antwortete Gelino.
Aber könnten die Räthe nicht allein, durch Stimmenmehrheit, entscheiden, und mit Gewalt zum Vollbringen ausgerüstet sein? So bedürfte es keiner Könige.
„Trennungen, Partheigeist, Unruhen, sind dann, wie die Erfahrung bewies, leicht die Folge. Wir würden sie zwar weniger zu fürchten haben, als jene Zeiten, da beim Einzelnen die Sinnlichkeit selten, die Vernunft meistens den herrschenden Zügel führt, aber wenn alle Gewalten in eine Spitze auslaufen, ist die Rückwirkung nachdrücklicher.“
Beschränken übrigens diese Räthe den König?
„In Nichts, er kann sie sogar aufheben, mit andern Formen vertauschen, die er zuträglicher findet. Doch seit länger als einem Jahrhundert ließ sie jeder Monarch unangetastet weil er die Trefflichkeit der Einrichtung nicht verkennen konnte. Denn, will sich der Monarch selbst am Besten befinden, muß er am vollkommensten mit dem Ganzen verinnigt sein. Die Räthe sind das Mittel dazu. Sie füllen den Raum vom Schlußstein der Piramide bis an ihre Ausbreitung, bilden diese vielmehr selbst. Unabhängige Gewalt ist den Königen darum verliehen worden, damit desto weniger Reitz zu ihrem Mißbrauch entstehen könne. Wer alles hat, kann nichts mehr fordern wollen. Die gute Verwaltung ist ihnen durch die Umstände auferlegt, denn verwalten sie schlecht, verlieren sie mit dem Ganzen, und ihr Nachruhm schwindet auch hin. Doch ein Opfer müssen sie für den überwiegenden Genuß von Rechten, gegen andere Bürger, bringen. Es ist hart, allein ihre Vernunft muß die Güte des Opfers einsehn, und die Könige, auch ohnehin in Europa Republikaner, werden es dadurch gewissermaaßen noch mehr. Sie müssen sich — dies ist Reichsgesetz und wird im Fall der Widersetzung durch die Gesammtkraft vollzogen — der Süßigkeit entübrigen, ihre Kinder um sich zu sehn. Diese werden, wie du schon erfahren hast, besonders erzogen, und das Gemeinwesen kann nur, vollkommen beruhigt, Machtvollkommenheit vertrauen, wenn sie überzeugt ist, sie der Einsicht zu übertragen.“
Welche Einkünfte genießen die Könige?
„Den Hunderttheil von allem Erwerb im Lande. Je bevölkerter und regsamer das Land ist, je höher steigt ihr Gewinn, also liegt es in der Natur ihres eigenen Vortheils, die Menschenzahl, durch Erweiterung der Subsistenz zu mehren, und die möglichste Freiheit zu ihrer Bereicherung zu gestatten. Und dies ist denn auch die beste Regierung. Geitz wäre Thorheit, und Thoren können die Throne einmal nicht besteigen, Verschwendung eben so, daher sieht man Ueberall gute Haushaltung, weil ihr Vortheil, ihr Ruhm, sie den Königen auferlegt.
Fremdes Eigenthum an sich reißen zu wollen, kann ihnen nicht einfallen, denn die Unsicherheit desselben würde ohne Zweifel alle Betriebsamkeit lähmen, und sie um so viel im Ganzen verarmen, als sie im Einzelnen ungerecht sich bereicherten.“
Welche Ausgaben bestreiten die Könige?
„Sie solden die Räthe, ihre Hofhaltung, und legen eine jährliche Summe in den Gesammtschatz von Europa, den Krieg bestreiten zu helfen, wenn er gegen andere Erdtheile nothwendig wird.“
Von den drei Räthen habe ich manches erfahren, doch wünschte ich, du nenntest mir ihre eigentliche Bestimmung genau.
„Sie sind mit der Religion oder Moral, was Eines und Dasselbe geachtet wird, verbunden, und die Klugheit gilt auch wieder eben so viel. Die höhere Religion, auch mit dem alten Namen Philosophie benannt, ist vom Irdischen abgezogen, hat darauf keinen vom Staat gelenkten Einfluß, jeder Einzelne mag zu seiner inneren Würdigung davon zu erkennen suchen, was er vermag, die Feste des höchsten Wesens, vom Volke unter dem Himmelgewölbe begangen, sind ohne Priester, ohne Kultus, jeder feiert dort mit dem Herzen. Alles das ist dir bekannt, und du hast das heilige Grauen, die Wonneschauer eingestanden, welche bei solchem Anlaß über dich kamen. Doch die irdische Religion, in drei Tempelsatzungen getheilt, bestimmt, das Leben schöner mit der Idee zu gatten, steigt auf zur Verehrung hoher Simbole und auch wieder nieder in die Welt vorhandener Dinge, kräftiger und erleuchteter zu heiligen. Du knietest oft gerührt im Christustempel, dem ersten von allen. Seine Priester haben einen obern Sinod, aus den würdigsten gewählt, sitzend im Obertempel, in der Hauptstadt des Monarchen. Christus ist uns Heros, oder Beschützer und Verklärer der Erziehung und des Brudersinnes. In seinem Geist, und auf den Zeitfortgang merkend, haben also die Würdigen aus denen jener Sinod zusammen gestellt ist, über Erziehung und Brudersinn zu wachen, dem Volke Freiheit und Kunde zu ihrer Verbesserung, auf jede Weise zu bereiten, es durch Rath und auch durch Beispiel zu erleuchten, dem Fürsten Nachricht von allen Fortschritten zu geben, Vorschläge darzubringen, wie neue Stufen der Vollkommenheit zu ersteigen sind. Das Wort Erziehung hat aber einen weiten Umfang. Es begreift nicht nur die Abhärtung und Bildung der Jugend, auch die Erziehung des Geschlechtes durch höheren moralischen Adel zu glücklicherer Wohlfahrt. Dies kann auf keinem anderen Wege geschehen, als wenn Arbeitsamkeit zuvor den Gewinn der Lebensnothwendigkeiten erhöht. Daher stehen nicht nur die Schulen, sondern auch der Landbau, und alle nützlichen Handwerke, unter der Leitung des Christustempels. Der obere Rath spaltet sich in die besonderen Kammern und hält in den einzelnen Bezirken untere Verweser, gemeinhin Tempeldiener zugleich, welche heilsame Sorge tragen, und vorzüglich ihrem Beruf darin nachkommen, daß sie den weisesten Aufflug in Allem beachten, ihm, nach weisen Anzeigen, so viel als möglich die Richtung geben, und, indem alle Weisheit in ihre Körperschaft strömt, diese auch wieder der Quell sei, aus welchem das Volk schöpfen könne. Der Brudersinn ist zum Gedeihen aller Volkthätigkeit nothwendig, weil ohne ihn, ein Theil dem andern, überall Hindernisse legen würde. Er folgt jedoch aus ihrer höheren Vollkommenheit von selbst, denn weil alsdann die Noth um das Mein und Dein, sich immer mehr verringern muß, sind die Hauptwurzeln aller Feindseligkeit auch immer mehr vertilgt. Ermahnungen in frommen, verständigen, öffentlichen Reden, Belebung des Funkens der Menschenliebe in jeder Brust, durch Lehre und Beispiel, die rührenden Künste zur Mitwirkung rufend, werden keineswegs versäumt; doch strebt man am mühsamsten, die Triebe der Selbsterhaltung und Geselligkeit, dem Sterblichen durch die Hand der Natur gegeben, in Einklang zu bringen, wobei das Uebrige sich ziemlich allein giebt. Du lerntest nun übersichtlich den ersten Rath der Könige und seine ausgebreiteten Verwaltungzweige kennen. — Der zweite Rath hängt mit der Verehrung des Moses zusammen. Dieser ist Heros der Gewalt, des Rechtes. Insofern sich dies auf den Krieg bezieht, schweige ich, es wurde dir im großen Feldlager kund. Reden wir von dem bürgerlichen Eingriff. Wie schon in Europa uns ein weit größeres, vollständigeres Leben zu Theil wurde, das immer neue Verhältnisse schafft, und immer mehr, den Lebenserwerb bequemer gestaltende, Einsichten hervorbringt; wie glücklich die, von Wahn gereinigte und durch die Künste veredelte Religion, in einen reinen Antrieb zum freien Guten umgewandelt ist; in welche zarte Mistik, die Grundlinien der Bürgerehre verwebt wurden; wie klar das, in früher Erziehung geübte Kombinazionsvermögen, die Nothwendigkeit des Rechtes, in den viel erweiteten und berichtigten Gesellschaftsbeziehungen, einsieht; wie sorgsam weise Jahrhunderte zu fernen suchten, was gereizte Begierden wecken, niedere Leidenschaften entflammen kann; immer war doch der Stoff des Widerstrebens gegen das Gute, in der Sterblichen Brust nicht ganz zu tilgen. Die Eigensucht will hie und da immer noch zum Schaden des Gesammtvortheils auf sich beziehen, und sind die Verbrechen gleich bei weitem seltener als Ehedem, hören wir, Dank sei es den besseren Zeiten! nie von solchen, die vor Jahrhunderten noch die menschliche Natur entweihten, so wird das Gesetz doch bisweilen umgangen, und ein ernsterer Widerstand in warnenden, auch drohenden Ahndungen, ist nöthig. Er geht vom Mosestempel aus. Hier wird Recht gesprochen über den Frevler, wiewohl, von zehn Jahren zu zehn Jahren, die Strafsatzungen haben gemindert werden können, indem die traurigen Fälle, wo sie eintreten mußten, abnahmen. Hier werden auch Streitigkeiten über Eigenthum, bei denen kein böser Wille, sondern Zweifel zum Grunde lag, geschlichtet. Doch nicht, wie vormals, hält sich die Gerechtigkeit verborgen. Oeffentlich im Tempel, vor der Menge Augen, übt sie ihr wohlthätig Amt. Auch predigen die Richter dem versammelten Volke, erklären das Gesetz, beweisen sein Heil, schärfen seine Würde, und zeigen vorzüglich den Unverstand aller gesetzwidrigen Handlungen, wodurch denn der erregte Ehrgeitz guter Vernunft, auch ein Sporn zur Tugend wird. Entsteht eine Klage über Gewaltthätigkeit — die letzten Jahre zählten sie sparsam — so dingt derjenige, welcher die Beschwerde zu führen hat, einen Maler, der die kränkende Handlung nach der Natur darzustellen hat. Das Gemälde wird vor den Richtern hingehangen, und spricht zu ihrer Empfindung. So braucht es der Anwalde Beredsamkeit nicht. Doch, der Recht verwaltenden Priester Amt nicht freudelos zu machen, ist ihnen auch die schönere Obliegenheit geworden, Lohn für edle That zu spenden. Sie rufen den Bürger vor ihren Stuhl, den eine nützliche Entdeckung verdient machte, der irgend etwas erfand, wovon die Gesammtheit Vortheile ziehen kann, den Mann der funfzig Jahre irgend einen Beruf rühmlich verwaltete, das Ehepaar, in einer langen Reihe von Jahren durch häusliche Tugenden ehrwürdig, den alten treubewährten Diener, und ertheilen ihm öffentlich Lob oder Ehrenzeichen. Die ältesten, tadellosesten, weisesten unter allen Mosespriestern, bilden in der Hauptstadt des Königs den zweiten Rath. — Im Tempel der Maria fleht die Liebe, der Ehen heiliges Band wird dort geknüpft, die schönen das Leben schmückenden Künste, die Poesie, die aufgeblühte Jugend wähnen sich in der Obhut der Heiligen. Unter ihren Priesterinnen steht nun das ganze weibliche Geschlecht. In alter Zeit wurde es herabwürdigend beengt, wir aber sahen ein, daß Vernunftwesen eine andere Stellung in der Gesellschaft gebührt, und ihre Moralität so durchaus gewinnen muß. Darum üben sie eignen erhebenden Kultus, werden in Reden edler Priesterinnen an die Gattinpflicht gemahnt, ihnen die Grundsätze der frühesten Kinderzucht erläutert, ihr Sinn für das Schöne und Gute geschärft, wodurch sie an Anmuth und Liebenswürdigkeit zunehmen. Bei uneinigen Ehen wird der Frauen Recht wahrgenommen, im seltnen schlimmen Fall, Trennung verhängt. Strafe kann dem Weibe nur von hier zuerkannt werden. Die edleren unter den edlen dieser Priesterinnen, stellen des Königs dritten Rath zusammen. Eine frühere Zeit würde über den Rath von Frauen gelacht haben, und doch ist er so angemessen. Auch hat ihr feiner Sinn schon des Guten unendlich viel gestiftet.“
Nenne mir die Bestimmung des Kaisers!
„Er ist oberer Kriegsherr. Die gesammten Truppen stehen unter seinem Befehl. Er wacht über den Frieden der Republik, läßt die Heere ins Feld rücken, wenn der Kampf unvermeidlich wird, und endet ihn, wenn es ihm gelang, die Feinde zur Versöhnlichkeit zu bewegen. Die Gesetze der Rekrutirung sind bleibend, nicht der Fürsten sonstige Machtvollkommenheit, nur ein allgemeiner Beschluß könnte sie umwandeln. Auch ziehn die Könige nicht mit ins Feld, da sie ihre Staaten daheim zu leiten haben, wohl aber die Söhne, wenn gerade ihre Dienstzeit in den Ausbruch eines Krieges fällt. Die Uebung der Truppen und Flotten, die Vervollkommnung derselben durch besser erkannte Technik, stehen unter Kaisers Vorsorge, und das Strategion, dir schon bekannt, prüft, schlägt vor, entscheidet über einzelne Fälle, theils allein, theils nachdem der Kaiser bestätigte. Der Kaiser ist auch Vorsitzer des Bundesgerichts, und hat seine Aussprüche zu sankzioniren, insofern von Streitigkeiten der Könige gegen einander, oder von Wiederbesetzung eines erledigten Thrones die Rede ist. Wenn dies Gericht nicht in Rom seinen Aufenthalt hat, so liegt auch die Absicht zum Grunde, daß es nicht dem Kaiser unbedingt unterworfen werden soll. Die Telegraphenlinie kann ihm zudem in wenigen Stunden von den Verhandlungen Nachricht senden. Der Kaiser hat auch sein Königreich, und zwar das größere, aus welchem seine Einkünfte ihm zufließen. Seine Vorfahren hätten bei ihrem großen Waffenglück leicht ganz Europa sich unbedingt unterwerfen können, sie wollten es aber nur durch die gegenwärtige Verfassung bedungen, wodurch das weite Reich bequemer regiert, und der immer fortgehenden Entwickelung eine freiere Bahn gelassen wird.“
Guido dachte, als sein Lehrer geendet hatte viel über die Verfassung von Europa nach, es drängten sich ihm manche Ideen auf, wie sie noch gesteigert werden könnte, und er nahm sich vor, darüber einen Entwurf aufzusetzen. Gelino billigte das, ihm zusagend: wenn seine Vorschläge gut wären, er sicher auf das Vergnügen zählen könne, sie in Ausführung gebracht zu sehn.
Sie gingen nach dem Pallast, wo das Bundesgericht oder Völkertribunal seine Sitzungen hielt. Es war ein Gebäude, das durch seine Festigkeit auf ewige Dauer berechnet schien. So viel besondere Reiche in Europa, so viel eherne Bildsäulen von einer Staunen erregenden Größe zierten das Dach. Sie hielten sich umschlungen, ein Adler schwebte mit seinen breiten deckenden Fittigen über die majestätvolle Gruppe. Im inneren Marmorsaale empfand Guido fromme Schauer der Ehrfurcht, als er die Versammlung der Greise sah, denen schneefarbne Bärte auf den Busen niederflossen. Er sahe zudem hier eben ein rührend Schauspiel.
Die Urne eines seit kurzem verstorbenen Königs ward in den Saal gebracht, von seinen vornehmsten Unterthanen getragen. Eine weinende Menge, aus der Ferne gekommen, die der Saal nicht aufnehmen konnte, stürzte nach, einmüthig flehend, dem Staube ihres Monarchen den Tempel der Unsterblichkeit zu bewilligen.
Euer Flehen ehrt den Verstorbenen, antwortete der hohe Senat, allein es darf uns nicht bestechen. Wo liegen die Beweise, daß euer König das Grab des Ruhmes verdiene?
Nun drängten sich besondere Sendungen der Räthe in den Staaten des Todten hervor. Sie reichten Schriften ein, worin die Zunahme der Volkzahl während seiner Regierung berechnet stand, in welchen dargethan wurde, daß sich die Klagen in den Tempeln des Rechtes, während eben diesem Zeitraume, ungemein vermindert hatten; ferner, daß auch nicht eine Ehe getrennt worden sei. Die Papiere wurden laut verlesen. Bedächtig horchten die Greise, rührende Blicke auf die Urne wendend. Nach den Berathungen einer Stunde sprachen sie einmüthig aus: Seine Regierung war gut, da diese Erfolge Zeugniß ablegen. Dem Staube werde des Ruhmes Grab, wenn der Kaiser das Urtheil heiligt.
Die Todten wurden jetzt überhaupt nicht als Leichname begraben. Man wollte den schauderhaften Zustand der Verwesung nirgend wissen, auch unter den Rasenhügeln empörte er die Gefühle einer zartsinnigeren Menschheit. Hatte der Verstorbene, nach einigen Tagen, die untrüglichen Kennzeichen des Todes, schafften ihn die Verwandten in ein Leichenhaus, wo durch einen chemischen Prozeß alle Flüssigkeiten verflüchtigt, und die festen Theile in Erde aufgelöset wurden. Diese kam in die mitgebrachte Urne, und die Leidtragenden brachten sie nach dem Todtengarten, den die Städte mit Baumpflanzungen und Blumen zu schmücken, wetteiferten, um sie dort einzusenken. Ein Denkmal aber durfte auch dann nur die Stelle bezeichnen, wenn die Mitbürger des Ortes, durch Stimmenmehrheit, den Verstorbenen dieser Ehre würdig achteten. Den Wohnplatz der Ruhe sollten nicht Lügen entheiligen. Personen, welche dem Gesetz widerstrebend gelebt hatten, kamen auf ein gesondertes entferntes Gräberfeld, öde, ohne Strauch und Blumen, und die Städte fanden einen Stolz darin, kein solches Feld auf ihrem Gebiete zu wissen.
Das Bundesgericht meldete noch am Morgen, durch den Telegraphen, seinen Ausspruch nach Rom. Am Abend langte die Antwort an. Der Kaiser ließ durch die akkustischen Röhre zurücksagen: Was eben berichtet sei, stimme ganz mit den Kunden überein, welche ihm von der Amtsführung jenes Königes auf anderen Wegen zugekommen wären. Er ehre der Greise Weisheit, bestätigte ihren Spruch, und gebiete, die Urne nach Rom zu senden.
Am anderen Tag wurde sie nun mit Blumen und Lorbeeren festlich gekrönt, dann unter hohem Gepränge, bei den Trauermelodien aller Glockenspiele und dem Chorgesang aller Jungfrauen auf einem goldnen Wagen abgeführt. Ein Ausschuß der Greise des Völkertribunals begleitete ihn, wie Tausende der angelangten Unterthanen, die sich das Recht nicht nehmen lassen wollten, den Reliquien ihres geliebten Monarchen bis zum Tempel der Unsterblichkeit zu folgen. Guido blickte dem Gewimmel mit froher Wehmuth nach, und gestand: wie die Rührung, welche er heute empfände, jede bisher gefühlte, überträfe.
Der andere Tag war jedoch noch merkwürdiger für unsern Jüngling. Denn jenes Königs Nachfolger, von dem Gerichte vorgeladen, stellte sich.
Er hatte das dreißigste Jahr erreicht, da jener in einem hohen Alter verstorben war. Bescheiden trat er in den Saal.
Der Greis, welcher im Namen des Kaisers den Vorsitz führte, fragte ihn:
Wie wurdest du erzogen, Monarchensohn?
„Zuerst in einem Fündlinghause in Spanien.“
Hast du, dort entlassen, Proben deiner stattlichen Kraft, deines früh geübten Denkvermögens, abgelegt? Hat dein Gemüth sich in reinem Sinn bewährt?
„Hier sind die Zeugnisse, welche ich empfing, jene Erziehungsanstalt meidend.“
Sie wurden vorgelesen und stellten den Rath zufrieden. Der Alte fragte weiter:
Wo befandest du dich nachher?
„Ich durchreisete Europa und Asien, zu Lande und durch die Luft, umschiffte den Erdball.“
Recht. Du hast deine Bemerkungen auf dieser Wanderung einst uns eingesandt. Wir haben daraus auf den unterrichteten Denker geschlossen. — Wohin begabst du dich alsdann?
„Zum Heere, wo ich vier Jahre verlebte.“
Wann erfuhrst du deine königliche Abkunft?
„Im fünf und zwanzigsten Jahre, da der alternde Vater eine Stütze neben sich sehen wollte.“
Wie ward dir bei der großen Nachricht?
„Ich fühlte die mir bis dahin unbekannten kindlichen Entzückungen mit Innigkeit, doch erschrack ich, daß einst das schwere Königsamt mich erwarte.“
Gut und auch nicht gut! Der kräftige Mann soll vor nichts erschrecken, der König am wenigsten. — Wie brachtest du deine Zeit neben dem Vater hin?
„Ich wohnte den Sitzungen der Räthe bei, besah unsere Staaten, bis auf das kleinste Dorf, suchte mich über ihre Natur, ihre Gewerbe zu unterrichten, den Mann von Verdienst kennen zu lernen.“
Wohl! Machtest du oft Vorschläge zu Verbesserungen in deinem Lande?
„Dazu fühlte ich mich noch zu schwach, meinte nichts höher umfassen zu können, als der weise Vater.“
Schlimm, Königsohn, schlimm! Der Jüngling soll nicht stehen bleiben, sondern weiter dringen. Deine Erziehung konnte die Erfindungsgabe wecken.
Der Befragte erröthete. Sanft munterte ihn aber der Alte auf und fuhr fort:
Willst du den Thron deiner Väter besteigen?