O wär diese Nacht
Nicht so schwül, nicht so schön,
So müßt nicht das Herz
Vor Wehmut vergehn . . .
Das Lied einer Straßensängerin drang von irgendwoher in den Hof des Gymnasiums und kam aus dem Hof, zugleich mit der Frühlingsluft, zum Fenster herein. Und Atja lächelte unter Tränen.
Wo soll er nun seinen Stern — seine Prinzessin suchen?
Jeder, der das alte Suchotinsche Gut ›Gottessegen‹ auch nur einmal besucht hat, wird es mit gutem Gewissen loben können. Nicht zum Spott trug es von alters her seinen Namen, und einen besseren könnte man, soviel man auch klügelte, gar nicht finden: es gab zwar in seinen Gärten keine Weintrauben, auch sangen da keine Paradiesvögel, doch der Segen Gottes ruhte sichtbar auf dem guten Lande.
Das alte, von Säulen flankierte Herrenhaus, die Ahornallee, der Obstgarten, die Wiesen, Felder und Wälder, Vieh und Menschen — kurz alles, was es in Gottessegen gab, rief nicht nur bei den Nachbarn, sondern auch bei jedem andern Menschen, der auf der Durchreise geschäftlich oder sonst aus irgendeinem Grunde in die Gegend kam, helles Entzücken hervor; selbst bei dem blasierten, elegant zurechtgestutzten Petersburger und dem zerzausten, verwöhnten Moskauer.
Das Haus war reich, wohl bestellt und in musterhafter Ordnung. Bei Gott — da brauchte man keine Biene zu beneiden!
Der Gutsherr Pjotr Nikolajewitsch Suchotin selbst war durch seine Einfälle und Witze weit und breit bekannt: wenn er in eine beliebige Gesellschaft kam und bloß den Mund öffnete, so verstummte für keinen Augenblick das Lachen. Alle lachten mit — Bekannte und Unbekannte. Ganz ohne Unterschied.
Sonderbar war das Gesicht dieses stark ergrauten, sich immer gleichbleibenden Herrn. Die Jahre gingen, er hatte die Vierzig längst hinter sich, und doch lag immer der gleiche Ausdruck auf seinen unveränderlichen, gleichsam versteinerten Zügen; wenn sich alle in Lachkrämpfen wanden, blieb das totenblasse Gesicht des Sonderlings ganz regungslos, und niemand sah ihn lachen oder lächeln. Man sah nur unheimliche Funken in seinen unbeweglichen, eingefallenen Augen glimmen. Wenn er mit seinen Witzen nur so um sich warf, mußte man seltsamerweise immer an eine mechanische sprechende Puppe denken, und als jemand einmal versuchte, das, was er sprach, aufzuschreiben, da standen auf dem Papier ganz gewöhnliche Worte ohne jede komische Wirkung.
Obwohl also sein seltsames Aussehen sowenig zu seinen Scherzen paßte, fiel es doch niemandem ein, zu untersuchen, worauf die Wirkung seiner Worte beruhte und warum sie überall Lachen und Fröhlichkeit hervorriefen. Es gibt aber Menschen, die gern jedem Rätsel auf den Grund kommen — solche Käuze findet man überall —, und diese gaben eine treffende Erklärung: sie sprachen von geschicktem Mienenspiel, von fein berechnetem Satzbau, vom ungewöhnlich scharfen Blick seiner Augen — alles war ihnen klar und verständlich. Glücklicherweise merkte sich niemand diese abgeschmackten Erklärungen. Niemand fragte nach den Gründen, alle kugelten sich vor Lachen — was wollte man noch mehr?
Pjotr Nikolajewitsch bekleidete keinerlei Ämter und zeigte auch gar kein Interesse für öffentliche Angelegenheiten. Vor Jahren war er einmal zum Adelsmarschall des Bezirks gewählt worden. Man denkt noch heute mit Grauen an diese Zeit! Niemand kann zwar behaupten, direkte Unannehmlichkeiten während Suchotins Amtstätigkeit gehabt zu haben; im Gegenteil: es war die lustigste Zeit, und alle Amtsgeschäfte wurden von ihm in überaus lustige Streiche verwandelt; doch im Resultat entstand ein solches Durcheinander, es kamen solche Ungereimtheiten und noch Gott weiß was für Dinge an den Tag, daß sich niemand mehr auskannte. Jeder, der Pjotr Nikolajewitsch nicht genauer kannte, mußte im besten Falle glauben, der Adelsmarschall sei nicht bei Trost. Ich glaube sogar, daß in Petersburg — in einem Salon oder bei einem Vortrag beim Minister — sich jemand gerade in diesem Sinne ausgesprochen hat. Zum Glück hatte das keine weiteren Folgen.
Jeder Mensch hat doch seine Eigenheiten; warum sollte da Pjotr Nikolajewitsch eine Ausnahme bilden?
Pjotr Nikolajewitsch hatte die Passion, alles zu ordnen und aufzuräumen; er machte das auf eine so scharfsinnige Weise, daß es nachher sehr schwer und oft sogar ganz unmöglich war, einen von ihm eingeräumten Gegenstand zu finden: viele Dinge, und selbst solche, die man dringend brauchte, gingen spurlos verloren. Dann liebte er es, die Möbel — Tische, Stühle und Etageren — umzustellen, Bilder umzuhängen und die Bücher in der Bibliothek umzuordnen; damit füllte er gewöhnlich den ganzen Vormittag aus. Beim Mittagessen bevorzugte er die süßlichen Fleischspeisen, wie Eingeweide, Hirn und Kalbsfüße, und da er im Essen unmäßig war, verdarb er sich oft den Magen und klagte über Leibschmerzen. Eine weitere Liebhaberei von ihm war das Heizen der Zimmeröfen: es fror ihn beständig, und er ging mit einem langen Schürhaken von Ofen zu Ofen und rührte die Glut um. Er liebte es, sich mit Dienstboten und Bauern in Gespräche einzulassen; obwohl solche Gespräche immer mit der Erörterung ernsthafter Angelegenheiten begannen, endeten sie doch immer mit irgendeinem Unsinn, was höchst unerwünschte Folgen hatte: nicht nur daß die Leute vor Pjotr Nikolajewitsch keinen Respekt hatten, sie glaubten — offen gestanden — kein Wort von dem, was er sagte. Außerdem versprach er ihnen ganz unmögliche Dinge; so schenkte er einem jeden etwas von seinem Landbesitz, freilich ein nicht sehr großes Stück: nur drei Schritt lang und einen Schritt breit — so ein närrisches Maß hat er sich ausgedacht! Was noch? Ja, er hatte die Leidenschaft, eigenhändig Geflügel zu schlachten, und konnte es darin mit jedem Küchenmeister aufnehmen: niemals entriß sich ihm ein Huhn mit halbdurchgeschnittenem Hals, oder rannte gar ohne Kopf flügelschlagend umher, wie es bei minder geschickten Köchen vorkommt. Schließlich sah er sich gern Leichen an, und je grauenhafter so ein Toter aussah, je fortgeschrittener die Verwesung war, desto mehr Genuß hatte er von dem Anblick. Sooft im Dorf jemand starb, mußte es der Dorfpope, P. Iwan, in das Herrenhaus melden; sofort wurde der Wagen angespannt, und Pjotr Nikolajewitsch ließ alles stehen und liegen und eilte an den Ort oder nach dem Hause, wo die Leiche lag.
Suchotins Frau — Alexandra Pawlowna — spottete manchmal höchst gutmütig über die Liebhabereien ihres verwöhnten Mannes, dem sie übrigens in inniger Liebe zugetan war; man hätte auch alle diese Eigenschaften, die schließlich Pjotr Nikolajewitschs Privatangelegenheiten waren, kaum beachtet, wenn nicht ein unsinniges Gerücht aufgetaucht wäre, das die Ehre und den guten Ruf von ›Gottessegen‹ in Frage stellte.
Vor zwei Jahren kam aufs Gut ein alter Freund Pjotr Nikolajewitschs, der ihn noch vom Petersburger Lyzeum her kannte und seit jener Zeit nicht mehr gesehen hatte. Der Grund des plötzlichen Erscheinens dieses Gastes blieb unbekannt; niemand fragte ihn danach, und sein Kammerdiener schwatzte im Dienstbotenzimmer höchst verworrenes Zeug darüber: der General sei gekommen, um den revoltierenden Bauern Schrecken einzujagen oder auch um das ganze Land unter ihnen aufzuteilen. Das ist übrigens gar nicht so wichtig; konnte er denn nicht auch aus purer Neugier hergekommen sein?
Der Gast wurde von Alexandra Pawlowna freundlich aufgenommen; sie bedauerte sehr, daß nicht die ganze Familie in ›Gottessegen‹ versammelt war — die Kinder waren nämlich verreist — und daß der Gast sich daher etwas langweilen werde. Der General war aber in bester Stimmung; er erzählte viel von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu Pjotr Nikolajewitsch und schien kein Verlangen nach anderer Gesellschaft zu haben. Mit Ungeduld erwartete er seinen Freund, der gerade an diesem Tage vom frühen Morgen an irgendwo auf dem Dorfe bei einer Leiche steckte und erst gegen Abend nach Hause kam. Als die Freunde sich gegenüberstanden, geschah etwas sehr Seltsames: der Gast war sichtlich erschüttert, erschrocken und begann am ganzen Leibe zu zittern. Hatte er seinen Freund nicht gleich erkannt, oder hatte er ihn erkannt, aber eine solche Veränderung an ihm wahrgenommen, daß es ihn schwindelte, oder war ihm in seinem Gesicht, in seinem Gang oder in seiner Sprache etwas ganz Unerwartetes, Unwahrscheinliches und Unmögliches aufgefallen — das weiß niemand! Der General taumelte einen Schritt zurück, warf die Arme empor und fiel in Ohnmacht.
In den folgenden Tagen war der Gast schweigsam und traurig; er schielte argwöhnisch nach allen Seiten, sagte zu allem ja und lächelte so unglücklich wie einer, der sehr unerwartet in eine ganz gewöhnliche Presse hineingeraten ist, wo er jeden Augenblick zu einem Brei zerquetscht werden kann. Er blieb noch an die acht Tage in ›Gottessegen‹ und jagte eines Morgens ganz plötzlich, ohne Gepäck und nicht ganz angekleidet, auf und davon; vor der Abreise war er wie verrückt, murmelte etwas ganz Unsinniges vor sich hin und zeigte allen Leuten irgendwelche Schriftstücke, die er verkehrt in der Hand hielt. Und bald nach seiner Abreise tauchten alle die Gerüchte bei den Nachbarn und in der Stadt auf.
Man erklärte plötzlich, das berühmte Suchotinsche Gut sei gar nicht so hervorragend, das Haus sogar etwas schadhaft: der nach dem Brande neu errichtete Teil falle von den übrigen ab; auch der Garten sei in keiner Weise bemerkenswert: er sei zwar alt und schattig, doch könne man bei einer Reise durch Rußland viele solcher Gärten sehen; an den Feldern und Wäldern sei zwar nichts auszusetzen, aber sie seien durchaus nicht einzig in ihrer Art; und was die Bauern betreffe, so seien sie gar nichts wert: verarmt und ohne Landbesitz; einmal seien sie schon ausgewandert, dann wieder zurückgekehrt, und wenn sie auch bei den letzten Unruhen das Herrenhaus nicht niedergebrannt und den Pferden nicht die Augen ausgestochen hätten, wie es beim Nachbar Bessonow geschehen war, so hätten sie doch unzweifelhaft die Absicht gehabt, das Haus anzuzünden, alles zu verwüsten und sich das Land anzueignen. Und von Pjotr Nikolajewitsch selbst erzählten sich die Leute, nach Aufzählung aller seiner Eigenheiten, solch ungereimtes Zeug, daß ich mich schäme, es wiederzugeben. Schließlich waren alle darin einig, daß man das Haus und die Leute unter allen Umständen meiden müsse: der Ort sei unrein.
Einer von den guten Freunden riet Alexandra Pawlowna sogar, sich beim Gouverneur zu beschweren. Sie wollte davon aber nichts wissen: an dem ganzen Gerede sei kein wahres Wort, und sie wolle nicht noch mehr Staub aufwirbeln. Und in der Tat: was so ein argwöhnischer Mensch in seinem argwöhnischen Gehirn nicht alles ausdenken kann!
Übrigens hörte das Gerede nach einiger Zeit ganz von selbst auf: die Leute sind doch nicht so dumm, wie sie zuweilen scheinen.
Und so blieb alles beim alten: ›Gottessegen‹ ist ein Paradies, die Familie Suchotin das Muster einer guten Familie, und Pjotr Nikolajewitsch zwar ein Sonderling, doch von seltener Unterhaltungsgabe.
Alexandra Pawlowna war das eigentliche Haupt des Hauses, und ihrer Begabung wurde auch der Wohlstand und die musterhafte Ordnung der ganzen Wirtschaft von ›Gottessegen‹ zugeschrieben. Sie war ziemlich wortkarg, hatte einen festen Willen und verstand, die Leute im Zaume zu halten. Man hatte vor ihr Respekt und vertraute ihr blind. Sie hatte früh und aus Liebe geheiratet und schenkte in den vier ersten Ehejahren vier Kindern, drei Töchtern und einem Sohn, das Leben. Ihr ganzes Leben verging in ununterbrochenen Sorgen um die Kinder und um die Wirtschaft, und diese Sorgen wuchsen ihr allmählich über den Kopf, je größer die Kinder wurden und je komplizierter die Wirtschaft. Sie war aber bereit, jede Last zu tragen, wenn sie damit dem Gatten und den Kindern das Leben angenehm machen konnte. Und niemand hatte Grund zu klagen: weder der Gatte noch die Kinder.
Jeden Abend saß sie glücklich und freudestrahlend am Klavier. Ihre kräftigen Finger griffen sicher in die Tasten, und feierliche Klänge zogen durch die hohen Räume.
Wenn irgendein heimatloser Landstreicher zufällig in das erleuchtete Fenster geschaut und die zufriedene Frau am Klavier erblickt hätte, wie würde er da vor Neid vergehen! Wie würde er sein finsteres Schicksal verfluchen! Wie willig würde ein Verirrter ihrer Stimme folgen!
Der Konteradmiral Paleolog, der Taufpate der jüngsten Tochter Sonja, dessen Meinung immer für maßgebend galt und in der Stadt wie auch auf allen Landsitzen gern zitiert wurde, pflegte Alexandra Pawlowna ›eine verführerische Brünette‹ zu nennen. Und er hatte wie immer recht. Wer würde glauben, daß diese verführerische Brünette, die das Hauswesen so gut zu führen verstand und ein schönes Familienleben lebte, sich einmal für das unglücklichste Geschöpf auf Gottes Erde gehalten hatte? Freilich waren viele Jahre seitdem vergangen, und jede Erinnerung an jene Zeit war vom immerwährenden Glück und Erfolg in allen Dingen vollkommen ausgelöscht. Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, wäre ›Gottessegen‹ um ein Haar verlorengegangen: das schöne Haus war beinahe verbrannt und Pjotr Nikolajewitsch beinahe in den Flammen umgekommen; Alexandra Pawlowna aber rettete alles.
Im Herbst und im Winter, wenn die Kinder fort waren, verbrachte Alexandra Pawlowna ihre Tage unter vier Augen mit ihrem Mann; sie sah ihn mit der gleichen Liebe und Zärtlichkeit an wie vor zwanzig Jahren, und er erschien ihr ebenso verliebt wie damals; in solchen Augenblicken verschwand die tiefe Furche, die sonst zwischen ihren Brauen lag. Doch er stand vor ihr, ganz ausgetrocknet, lang wie eine Hopfenstange, mit ergrautem Haar und totenblassem Gesicht, starrte sie unverwandt an mit seinen unbeweglichen Augen und grinste.
»Ich kenne keine Langeweile«, wiederholte er zum tausendsten Mal; »Mir ist es immer leicht ums Herz!« Das klang so wie: ›Mir ist alles gleich, ich brauche nichts!‹ Sie hörte aber diese unheimlichen Worte nicht; seine Stimme klang für sie genau wie damals, als sie seinen ersten Kuß empfing. Die Liebe machte sie blind, und sie gab ihm die ganze Leidenschaft einer reifen, doch gut aussehenden Frau.
Wie toll hätte der am Fenster lauschende Landstreicher über eine solche Szene gelacht! Vielleicht hätte er aber auch keinen Ton von sich gegeben und wäre ohnmächtig zusammengebrochen wie jener Gast, der Jugendfreund Pjotr Nikolajewitschs.
Ganz ›Gottessegen‹ rüstete sich zu einem großen Ereignis: gleich nach Weihnachten sollte die Hochzeit der ältesten Tochter Lida, die erst im vorigen Jahre das Institut verlassen hatte, stattfinden. Der Bräutigam war der reiche Großgrundbesitzer Ramejkow.
Die Feier wurde von allen mit großer Spannung erwartet. Man erzählte sich, daß das Hochzeitsmahl besonders üppig sein werde und daß Pjotr Nikolajewitsch beinahe alle Hühner abgeschlachtet habe. ›Gottessegen‹ bekam einen feierlichen Anstrich. Die Gäste kamen schon am frühen Morgen zusammen, und Pjotr Nikolajewitsch, der besonders gut aufgelegt war, sorgte dafür, daß alle sich vor Lachen wälzten. Alexandra Pawlowna hatte alle Vorbereitungen zu treffen und konnte vor Überanstrengung kaum auf den Beinen stehen.
Endlich war die ganze Familie versammelt: aus Petersburg kam der älteste Sohn Mischa, Student im ersten Semester; aus Kiew die zweite Tochter Sina, die dort in einem Institut erzogen wurde; und aus der Kreisstadt — die Gymnasiastin Sonja. Der feierliche Augenblick rückte heran. Die Hochzeitsfeier fiel, wie jeder zugeben mußte, ungemein lustig aus. Es gab natürlich einige seltsame Zwischenfälle: als Pjotr Nikolajewitsch dem jungen Paar vor der Trauung seinen Segen gab und offenbar die Absicht hatte, dem Segen einige Ermahnungen für die Ehe folgen zu lassen, platzte er, nach einer längeren peinlichen Pause, mit einem einzigen Wort heraus, das man unmöglich wiedergeben kann; der junge Ehemann war dadurch so frappiert, daß es ihn große Mühe kostete, sich von den Knien zu erheben, und alle andern konnten schwer ihr Lachen verbeißen. Während der kirchlichen Trauung flüsterte Pjotr Nikolajewitsch dem Geistlichen P. Iwan zu, daß er letzte Nacht von Eiern, die in einer Grube lagen, geträumt hätte. Der Geistliche kannte natürlich die böse Bedeutung dieses Traumes; er kam ihm aber im Augenblick so ungemein komisch vor, daß er mitten im Gebet in schallendes Gelächter ausbrach. Der Küster, der das Weihwasserfaß hielt, wieherte ganz ungeniert los, und mit ihm lachte das ganze Publikum: es war eher eine Narrensposse als eine Trauung.
Die Neuvermählten reisten gleich nach der Tafel nach Moskau ab, die Festlichkeiten in ›Gottessegen‹ dauerten aber fort. Die Jugend veranstaltete eine Theateraufführung und einen Maskenball. Auf dem Teich wurde eine Schlittschuhbahn und ein Eisberg eingerichtet, und die jungen Leute wetteiferten im Laufen.
Mischa Suchotin galt als hervorragender Schlittschuhläufer. Er war schlank und gelenkig und zeigte im Kunstlauf wahre Wunder. Auch seine Schwester Sonja, ein flinkes, lustiges Mädchen, war ungemein geschickt. Hell klang ihr Lachen in den sternenklaren Januarnächten über die Eisdecke hin. Es war ein Vergnügen zu sehen, wie Bruder und Schwester Arm in Arm den Eisberg hinuntersausten. Sina war anders geartet und hatte mehr Ähnlichkeit mit Lida: sie war wie diese schweigsam und etwas schüchtern, aber nicht temperamentlos.
»Die Kinder sind der Mutter nachgeraten«, sagten alle Onkel und Tanten und alle alten Freunde des Hauses, die Alexandra Pawlowna näher kannten.
Der Dreikönigstag rückte heran. Mischas Kollegen und die Freundinnen seiner Schwester reisten ab. Auch die Suchotinschen Kinder mußten fort, es gefiel ihnen aber auf dem Lande so gut, daß die Abreise immer wieder verschoben wurde.
Am Dreikönigsabend liefen Mischa und Sonja zum letztenmal auf die Eisbahn hinaus. Es war eine herrliche sternenklare Nacht; die blauen Schneefelder glitzerten in zahllosen Funken, und der starke Frost kniff in die Wangen und ließ das Eis krachen. Mischa und Sonja flogen über die Eisfläche und wollten gar nicht aufhören. Da fiel Mischa plötzlich der ganzen Länge nach hin. Sonja glaubte anfangs, es sei nur ein Scherz von ihm. Es war aber doch nicht so. Man hob ihn auf, trug ihn nach Hause und ließ Ärzte kommen. In drei Stunden war er tot. Der Schmerz war unbeschreiblich.
Am Abend nach der Beerdigung, als es im Hause plötzlich so leer war und alle abgespannt und schwermütig herumsaßen und herumirrten, kam plötzlich ein dringendes Telegramm von Ramejkow aus Moskau: Alexandra Pawlowna sollte sofort hinreisen.
Sie reiste noch in der gleichen Nacht ab.
Sina und Sonja waren in der größten Sorge, Pjotr Nikolajewitsch schien aber ganz ruhig, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Er änderte auch nichts an seiner Lebensweise und seinen Gewohnheiten. Der einzige Unterschied war der, daß er in diesen Tagen noch mehr Hühner schlachtete als sonst. Das hatte aber einen Grund: Sina, die sich bei Mischas Beerdigung erkältet hatte, lag krank zu Bett und brauchte besondere Diät. Und dann noch etwas — das ist aber nur eine seiner Schrullen! —, er ließ zu Mittag die riesengroße Ochsenzunge auftragen, die noch vom Hochzeitsmahl übriggeblieben war.
Endlich kam aus Moskau die Nachricht: Lida hatte sich erhängt. Groß war der Schmerz der Familie.
Nun wurde der zweite Sarg in die Suchotinsche Familiengruft versenkt. Im Hause wurde es noch öder und einsamer. Alexandra Pawlowna schlich tagelang wie ein Schatten umher.
Sie konnte sich jetzt nicht verzeihen, daß sie ihre Zustimmung zu dieser Ehe gegeben hatte: sie hatte ja den Ramejkow als einen leichtsinnigen und gemeinen — ja, ganz gemeinen! — Menschen gekannt. Warum hatte sie Lida nicht gewarnt? Lida hätte doch sicher auf ihre Warnung gehört. Sie hätte sie leicht überzeugen können, denn sie kannte so viele häßliche und gemeine Geschichten aus Ramejkows Vorleben, über die sogar am Hochzeitstage in ihrem Hause getuschelt wurde.
Nun war es zu spät. Gewissensbisse halfen nicht. Alexandra Pawlowna schrie beinahe vor Schmerz.
Pjotr Nikolajewitsch war etwas abgespannt, doch wohl kaum aus Schmerz über die Verluste. Der Tod der beiden Kinder rief in ihm nur die gleiche Neugier hervor wie der Tod jedes andern, ihm gänzlich fremden Menschen. Seine Abgespanntheit rührte eher von einer schlaflosen Nacht her. Lidas Leiche war in einem geschlossenen Sarge nach ›Gottessegen‹ gebracht worden; Pjotr Nikolajewitsch bestand aber darauf, daß der Deckel abgeschraubt wurde. Er enthüllte mit eigenen Händen das Gesicht seiner Tochter und stand dann die ganze Nacht vor dem Sarge, den Blick unverwandt auf die Tote gerichtet. Nun saß er, mit seinem flaschengrünen Schlafrock angetan, in einem Lehnsessel und schlummerte.
So verging die Nacht nach Lidas Beerdigung.
In Sinas Zustand trat indessen eine Verschlimmerung ein. Die Ärzte konstatierten Typhus. Ganz ›Gottessegen‹ hielt den Atem an und wartete auf die Krisis. Und die Krisis kam. Die Ärzte traten zu einem Konsilium zusammen und erklärten, daß keine Hoffnung mehr da sei.
Bei den Suchotins herrschte eine strenge Hausordnung, an der die Kinder, selbst als sie erwachsen waren und in den Ferien auf Besuch nach Hause kamen, noch immer festhielten: Lida mußte ihrem Vater die Zigaretten stopfen und Sina die Uhr im Eßzimmer aufziehen. Jetzt stopfte der alte Kammerdiener Michej die Zigaretten, und die Uhr im Eßzimmer stand still.
Sina litt sichtlich unter dem Gedanken, daß ihre Krankheit die alte Hausordnung störte, und wollte daher ins Krankenhaus gebracht werden; sie konnte diesen Wunsch aber nicht mehr aussprechen: sie hatte bereits ihre Sprache verloren.
Unter Anspannung ihrer letzten Kräfte bat sie Sonja durch Zeichen um einen Bleistift und ein Stück Papier. Als sie den einen Buchstaben ›K‹ geschrieben hatte, entfiel der Bleistift ihrer Hand, und sie war tot. Wieder war der Schmerz unbeschreiblich.
Der dritte Sarg wurde aus dem Hause getragen.
Als Alexandra Pawlowna in der Kirche von Sinas Leiche Abschied nahm und zum letztenmal ihr demütiges Gesicht mit den stahlblauen Augenlidern und den vom Todeskampf verzerrten Lippen sah, fiel ihr plötzlich das alte, ängstlich gehütete Geheimnis ein, an das sie in den vielen Jahren des Glücks kein einziges Mal gedacht hatte. Und sie weinte bittere Tränen, und als sie sich von der Leiche abwandte, war sie plötzlich eine alte, gebückte Frau geworden.
»Habe ich denn gewußt, daß ich sie in diesem Alter verlieren werde?« sagte sie weinend und kopfschüttelnd vor sich hin.
Doch ihr Gewissen sagte ihr, statt sie zu trösten, daß nur sie allein schuld sei und es sonst keinen Schuldigen gäbe. Und unter der Last dieses Gedankens fiel sie noch mehr zusammen und wurde noch älter.
Sonja wich nicht von ihrer Seite. Sie versuchte, sie zu trösten, sie weinte mit ihr und blickte sie mit großen Augen an — sie war vor Schreck wie gelähmt.
»Mutter, was sprichst du da?« fragte sie und erschrak vor der eigenen Stimme.
Und die Mutter erzählte ihr alles.
Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, war Alexandra Pawlowna einmal zu ihrer Mutter auf Besuch gefahren und hatte alle Kinder mitgenommen. Es war das erstemal, daß sie ›Gottessegen‹ und ihren Gatten verließ. Und sie hatte gleich in der ersten Nacht einen bösen Traum: sie sah ihren Mann in einer Kirche hinter den Altar treten. Da wurde ihr ganz bange: ob er nicht erkrankt oder gar tot sei? Auch in der nächsten Nacht hatte sie einen bösen Traum: daß ihr Trauring entzweigebrochen sei. Sie bekam wieder Angst um ihren Mann und beschloß, sofort heimzureisen.
»Während der Heimreise«, erzählte sie Sonja, »betete ich unaufhörlich zu Gott: Wenn schon ein Unglück geschehen soll, so laß, o Herr, ein Kind von mir sterben, oder zwei Kinder, oder sogar alle drei — Mischa, Lida und Sina —, erhalte aber meinen Mann am Leben! Ich dachte mir: sie sind ja noch so klein, ihren Verlust werde ich leichter ertragen als seinen Tod. Dich nannte ich aber in meinem Gebete nicht, ich konnte es nicht übers Herz bringen . . . Wie ich nach Hause komme, erfahre ich, daß bei uns eine Feuersbrunst ausgebrochen war und dein Vater todkrank darniederlag . . . Um ein Haar wäre er verbrannt . . . Also hatte der Herr mein Gebet erhört und das Haus und den Vater verschont. Ich war ganz glücklich, und wir lebten weiter, als ob nichts geschehen wäre . . . Und jetzt . . . Alles kommt von meinem Gebet. Wußte ich denn, daß ich sie in diesem Alter verlieren würde?«
Alexandra Pawlowna quälte sich furchtbar und ließ Sonja nicht von ihrer Seite.
Auch Pjotr Nikolajewitsch war jetzt zerstreut und unruhig: auch ihn quälte wohl ein Gedanke. Er konnte nicht mehr seinen gewohnten Beschäftigungen nachgehen. Abends machte er noch den Versuch, den großen Schrank im Eßzimmer umzustellen; er rückte ihn von seiner alten Stelle weg, hatte aber nicht mehr die Kraft, ihn bis an die neue Stelle zu schieben. So blieb der Schrank mitten im Zimmer stehen. Dann griff er nach seinem Schürhaken; doch auch mit dem Heizen wollte es heute nicht recht gehen. Von Zeit zu Zeit kam er ins Schlafzimmer, setzte sich für einen Augenblick auf den Bettrand und ging dann wieder hinaus, seine Frau und Tochter in Verzweiflung zurücklassend.
»Alle waren verlorengegangen — Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja . . . Sonja fehlt noch . . .« murmelte er leise vor sich hin. Man wußte nicht, an wen er diese Worte richtete: an den alten Michej, an den Ofensetzer Kusma oder an die Wirtschafterin Darja Iwanowna, die jetzt die Hausfrau vertrat.
Erst am späten Abend beruhigte er sich, ging in sein Zimmer und legte sich schlafen. Der Kammerdiener Michej wich keinen Augenblick von seiner Seite.
So unheimlich und öde wurde es im alten Haus, so kalt in allen Winkeln. Wo war alles hingekommen — Friede, Lachen, Glück? Drei Särge — drei Tode ließen das warme Herdfeuer im Hause erkalten.
Alle diese Ereignisse, die sich innerhalb nur eines Monats abgespielt hatten, wurden natürlich in der ganzen Gegend viel besprochen, und das alte Gerede lebte wieder auf »Da geht es nicht mit rechten Dingen zu!« — erklärte man sofort nicht nur auf dem nahen Gute Kostomarowka und dem etwas weiter entfernten Britany, sondern auch in Motowilowka und selbstverständlich auch in der Stadt. Was? Wieso? Warum? Und es ging los. Die ganze Geschichte von ›Gottessegen‹ und das ganze Leben der Suchotins wurden haarklein untersucht und kommentiert, alle Großmütter und Großtanten wurden zitiert, und selbst solche Ereignisse, die sich entweder gar nicht, oder jedenfalls nicht bei den Suchotins, sondern, sagen wir, bei den Muromzews zugetragen hatten, wurden erörtert. Und alle Geschichten, jeder Klatsch kam wieder ans Licht: seht nur, meine Herrschaften, urteilt selbst! Uns war ja alles schon früher bekannt!
Aus irgendeinem Grunde klammerte man sich an jenen geheimnisvollen General, den Jugendfreund Pjotr Nikolajewitschs, der seinerzeit, Gott weiß warum, aus ›Gottessegen‹ geflohen war. Und alle waren darin einig, daß der General alles wisse und jede Aufklärung geben könne. Wie soll man ihn aber finden? Jemand sagte: den Perewerdejew kennt ja ganz Petersburg. Folglich ist er in Petersburg? Gewiß! Der Gouverneur fragte also dringend in Petersburg an. Die Antwort traf, wie ich glaube, noch am gleichen Tage ein: in Petersburg gebe es General, soviel man wolle, und selbst mit solchen Familiennamen, die man in Damengesellschaft gar nicht aussprechen könne; ein Perewerdejew sei aber unbekannt. Sollte vielleicht ein General Perewersew gemeint sein?
Und während man Nachforschungen nach einem General Perewersew anstellte, verrichtete ein eiserner Jemand gelassen und sicher sein sicheres Werk, ohne jemandem Rechenschaft darüber abzulegen; ein gnadenloser jemand näherte sich in Siebenmeilenstiefeln aus weiter Ferne, um Gericht zu halten.
Ohne Alexandra Pawlownas Leitung mußte die Wirtschaft in Unordnung geraten; sie spannte ihre letzten Kräfte an, um die alte Ordnung aufrechtzuerhalten und für den Mann und die Tochter zu sorgen: für den Mann, dem zuliebe sie das große Opfer gebracht hatte, und für die Tochter — der sie jetzt ihre ganze Ruhe zu opfern bereit war.
Hatte sie sich nicht verrechnet, als sie in ihrem Gebet die drei älteren Kinder opferte und Sonja vergaß oder vielmehr absichtlich verschwieg? Warum verschwieg sie Sonja? Hätte sie das nicht getan, so wären vielleicht alle vier verschont geblieben. Und wenn alle vier gestorben wären? Nein, das könnte nicht sein: sie hätte ja alles geopfert, und wer alles opfert . . . Warum hatte sie dennoch nicht alle geopfert? Diese Frage zermarterte ihr Hirn und ließ sie nicht mehr los.
Und wenn jetzt auch Sonja stirbt? Sie sagte ja eben, daß sie alles opfern möchte; also auch Sonja? — diese Frage machte sie erschaudern. Sie war wie von Sinnen.
»Sonja, Sonja! Wo bist du?« Jeden Augenblick sah sie sich unruhig nach ihrer Tochter um, obwohl diese nicht von ihrer Seite wich.
Zu den quälenden Gewissensbissen und der Sorge um die einzige Tochter gesellte sich noch die Sorge um den geliebten Mann, dessen Leben mit dem Leben dreier teurer Kinder erkauft war. Pjotr Nikolajewitsch war ganz heruntergekommen und verließ sein Zimmer nicht mehr; er konnte nur mit Mühe seine Beine schleppen, sein Gesicht war blau angelaufen, seine Haare klebten am Schädel, und seine welke, blasse Haut schien ganz lose am Körper zu hängen.
In allen Zimmern verbreitete sich plötzlich ein übler, dumpfer Geruch.
Das Haus war alt und beherbergte eine Menge Ratten, — ganze Generationen hausten unter den Dielen. Es kam vor, daß irgendeine uralte Ratte verendete; der unerträgliche Geruch rührte wohl von einer solchen toten Ratte her. Zu einer andern Zeit hätte Pjotr Nikolajewitsch sicher die Stelle gefunden, man hätte ein Dielenbrett aufgebrochen und den Kadaver entfernt; er kümmerte sich aber nicht mehr darum.
Allen, die jetzt noch nach ›Gottessegen‹ kamen, war es klar, daß es unmöglich so weitergehen könne, daß früher oder später irgendein Ende, ganz gleich was für eines, kommen müsse. Und alle warteten gespannt auf das Ende. Drei Tage und drei Nächte wollte man noch warten. Zwei Tage und zwei Nächte waren aber schon abgelaufen.
Am Samstag wurde im Hause eine Abendmesse gelesen. P. Iwan sparte nicht mit dem Weihrauch, und alle gingen mit Kopfschmerzen zu Bett.
»Nachts ließ mich der gnädige Herr kommen«, berichtete später der alte Michej, »und sagte mir: ›Lieber Michej, hole mir bitte gleich einen jungen Hahn um Christi willen! Ich werde dir diesen Dienst nie vergessen!‹ — ›Gnädiger Herr‹, sage ich ihm, ›was wollen Sie mit dem Hahn um diese Stunde? Es ist ja Nacht!‹ Er sagt darauf nichts, blinzelt mir nur so mit einem Auge zu, als ob er sagen wollte: Rate mal selbst, wozu ich ihn brauche! — Ich ging in den Hühnerstall, suchte einen recht schönen, fetten Hahn aus und brachte ihn ihm. Auch ein Messer brachte ich gleich mit. Der Herr nahm das Messer und begann den Hahn zu schlachten; er hatte aber nicht mehr die Kraft, es ordentlich zu tun, und der Hahn zappelte lange in seinen Händen. Endlich war er mit dem Hahn doch fertig geworden, — eine große Blutlache war auf dem Boden, auch er selbst war ganz mit Blut beschmiert. Das hatte ihn wohl etwas erleichtert. — ›Weißt du, Michej‹, sagte er mir dann, ›jetzt hätte ich Lust, mir eine Leiche anzusehen!‹ — ›Gott sei mit Ihnen!‹ sage ich ihm. — ›Wo soll man jetzt eine Leiche hernehmen?‹ Es überläuft mich ganz kalt, und ich sehe, daß auch der Herr nur so mit den Zähnen klappert. — ›Und wo ist Sonja?‹ fragt er noch und sieht mich dabei so an . . . Bis an mein Ende werde ich daran denken, wie er mich ansah! — ›Im Schlafzimmer‹, sage ich ihm, ›bei der gnädigen Frau.‹ Da beruhigte er sich ein wenig, und ich ging fort und legte mich hin.«
Die Haushälterin Darja Iwanowna erzählte: »Ich erwachte mitten in der Nacht und höre einen Kater miauen. Und ich denke mir: ›Was mag das für ein Kater sein?‹ Ich rufe ihn an, doch er faucht nur so.«
»Einen Hahn haben wir wirklich krähen hören«, bestätigten die anderen Hausbewohner.
Der Hahn brachte Pjotr Nikolajewitsch keine Erleichterung, und es war doch so ein prächtiger Hahn gewesen! Seine Kräfte gingen zur Neige, es war ihm, als ob er ersticken müßte. Er richtete sich in seinem Bett auf und keuchte:
»Alle waren verlorengegangen — Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja! Sonja fehlt noch!«
Das Verlangen, Sonja sofort zu suchen, trieb ihn aus dem Bett und führte ihn aus dem Zimmer. Das Messer noch immer in der Hand haltend, kroch er auf allen vieren ins Schlafzimmer seiner Frau.
Die Schlafzimmertür war nur angelehnt. Vor dem Heiligenbild glimmte ein Öllämpchen. Sonja schlief bei ihrer Mutter, das Gesicht zur Tür gewandt.
»Mein kleines, liebes Hühnchen!« murmelte Pjotr Nikolajewitsch, an das Bett herankriechend.
Sonja schlug die Augen auf und richtete sich auf. Mit Schrecken sah sie den zitternden, blutbefleckten Vater und reckte ihren Schwanenhals.
»Du liebes, kleines Hühnchen!« flüsterte er und bemühte sich, vom Boden aufzustehen.
Und er richtete sich auf.
Der Schwanenhals reckte sich im Schein des Öllämpchens unter dem blitzenden Messer noch mehr. Einen Augenblick noch — und ein kirschrotes Halsband hätte den Schwan erwürgt. Pjotr Nikolajewitsch hatte aber nicht mehr die Kraft. Es gab keine Rettung mehr für ihn. Das Messer entglitt seiner Hand und fiel zugleich mit der Haut, die sich von seinen Fingern loslöste, zu Boden.
Der Alte fuhr zusammen und setzte sich auf den Teppich. Er begann plötzlich einzuschrumpfen. Die Nase, der Mund, die Ohren, alles Fleisch sammelte sich zu dicken Falten, die sich aufblähten und zerplatzten, und ein dünner, klebriger Brei löste sich von den weißen Knochen und floß zu Boden.
Das Licht des Lämpchens fiel auf einen ganz nackten, blinden Totenkopf; er war weiß wie Zucker und schien zu grinsen. Im gleichen Augenblick wurde die Tür von einem Flammenmeer aufgerissen. Die Flamme warf der Mutter, der besinnungslosen Tochter und dem Totenkopf einen stechenden Blick zu, reckte sich zur Zimmerdecke empor und flog als roter Hahn knisternd durch die Räume.
Das Haus stand in Flammen.
Das alte Wersenewsche Haus ist in aller Munde. In Krutowrag ist es nicht geheuer.
Viel Interessantes und natürlich auch viel Gruseliges erzählte man sich über das alte Haus.
Sergej Sergejewitsch Wersenew selbst ist allerdings nicht sehr gesprächig: auch kümmert er sich wenig um solche Dinge. Aber seine Frau Jelisaweta Nikolajewna und die beiden Kinder — der Gymnasiast Gorik und die Gymnasiastin Buba — lieben es, von den alten Zeiten zu sprechen. Mit Genuß sprechen sie davon, wie auch das Hausgesinde, die alte Kinderfrau Solomowna, der Koch Prokofi Konstantinowitsch und der Lakai Sinowi, in der Küche beim Teetrinken gern über die gleichen Dinge sprechen; doch im Flüsterton!
Im Garten, am Sandhügel, den noch in den Tagen der Leibeigenschaft Kinder und Greise aufgeschüttet hatten, zeigte man einen kleinen schlammigen Weiher, der selbst beim stärksten Frost nur am Rande, um die kalte Quelle herum, die in seiner Mitte sprudelte, zufror und, wie es hieß, gar keinen Grund hatte.
Jede Nacht kam aus dem Weiher eine Troika heraus; sie fuhr lautlos durch die Lindenallee und hielt vor der Veranda des Herrenhauses; ein uralter Greis, Wersenews Großvater, sprang aus dem Wagen, ging auf die Veranda hinauf, spazierte dort auf und ab und roch an den Blumen; dann begab er sich in den großen Saal, stieg in den Keller hinab und kehrte schließlich mit seiner Troika in den grundlosen Weiher zurück.
Unter dem Hause befanden sich zwei sehenswerte gewölbte Keller: ein großer, der jetzt leer war, und ein kleiner, der als Weinkeller benutzt wurde. Aus dem leeren Keller, wo man vor Zeiten die Leibeigenen, die sich etwas zuschulden hatten kommen lassen, zu züchtigen pflegte, hörte man nachts ein Stöhnen; und im kleinen Keller, wo einst die Wersenewschen Schätze verwahrt wurden, klirrte es oft, wie wenn jemand Dukaten zählte.
Einen neuen Gast pflegte man vor allen Dingen in das Eckzimmer im Obergeschoß zu führen, aus dessen Fenster man die Landstraße sehen konnte. In diesem Zimmer standen mit altmodischen Kleidern und merkwürdigem Schuhwerk angefüllte Schränke: es war Großmutters Garderobe.
Man erzählte sich, daß Sergej Sergejewitschs Mutter, Fedossja Alexejewna, von ihrem Mann in Krutowrag verlassen, Tag und Nacht vor diesem Fenster gesessen habe; sie sei auch, so vor dem Fenster sitzend und auf die Straße schauend, gestorben.
Sehr traurig war es in diesem hellen, traurigen Zimmer und sehr unheimlich; viel unheimlicher und öder als im großen Keller, an dessen Wänden man noch die braunen Blutspritzer sehen konnte. Das Zimmer, das an Fedossja Alexejewnas Zimmer anstieß, war unbewohnt; man bewahrte die alten Spielsachen der Kinder dort auf.
Durch eine Galerie, die das Haus in zwei Hälften teilte, gelangte man in das geräumige Vestibül im Erdgeschoß und von da aus in einen großen Saal mit zwei übereinanderliegenden Reihen Fenster; zwischen den Fenstern, die auf die Veranda hinausgingen, standen schmale Spiegel.
In ihnen spiegelte sich der Kronleuchter, und sie begleiteten jeden, der vorbeiging, mit ihrem schweren Spiegelblick.
Rechts folgten die innern Wohnräume, an die sich eine in späterer Zeit angebaute Küche anschloß, und links — die Paradezimmer.
Im Salon standen unter den Familienbildnissen L’hombretische, die schon manches wahnwitzige Hasardspiel gesehen hatten.
Hier erschien jede Nacht, so berichteten die Augenzeugen, Sergej Sergejewitschs Vater, Sergej Petrowitsch, ein leidenschaftlicher Spieler, der im Auslande das ganze Riesenvermögen seiner von ihm verlassenen Frau verspielt hatte; er ging von Tisch zu Tisch, klappte sie auf und stöberte unter dem Tuch herum, als hoffe er, noch einen vergessenen Dukaten zu finden.
Aus dem Salon führte man den Gast in die Bibliothek und ins Arbeitszimmer.
Hier in diesem Arbeitszimmer, in die Ecke neben dem Schrank mit dem dunklen astronomischen Globus gekauert, war Sergej Petrowitsch gestorben; vor seinem Tode soll er echte Teufel, das heißt Teufel ohne Schweif und Hörner, gesehen haben.
Obwohl niemand außer Sergej Sergejewitsch etwas Sicheres darüber wissen konnte — der Vater ließ in seiner Sterbestunde nur ihn allein zu sich kommen —, konnte man die Geschichte von den echten Teufeln ohne Schweif und Hörner in ganz Krutowrag hören, in allen Winkeln und von allen Kreaturen: von dem alten tauben Gemüsegärtner Gordej bis zu der allmächtigen Näherin Anna Fjodorowna Raphael. Der selige Sergej Petrowitsch pflegte nämlich alle einfachen Leute ohne Ausnahme Kreaturen zu nennen.
Nachdem der Gast die Paradezimmer, die zu beiden Seiten eines dunklen Korridors gelegenen Wohnräume in der rechten Hälfte des Hauses und die beiden Keller besichtigt hatte, führte man ihn in das Speisezimmer, wo vor verhältnismäßig kurzer Zeit der Wein in Strömen floß; zu der gleichen Zeit, als im Salon klirrendes Gold mit beiden Händen ausgestreut wurde.
Im länglichen niedern Speisezimmer fanden die Wersenewschen Gespräche und überhaupt alle Erinnerungen ihren Abschluß.
Noch manches andere Interessante und natürlich auch Gruselige erzählte man sich über das Haus.
Darum brannten in allen Zimmern bis spät in die Nacht hinein Kerzen. Das nächtliche Knistern der Parkettböden verbannte aber jeden Schlaf aus dem Hause.
Weiße Säulen, schwer und massiv wie Elefantenbeine, stützten das im Winde klirrende feste Eisendach. Sie allein schienen Tag und Nacht ruhig zu schlafen, ohne sich um all diese Geschichten, um das Grauen, das nachts in den Zimmern herrschte, und um die Fledermäuse, die an ihnen klebten wie die Fliegen an der Kinderfrau Solomowna, zu kümmern. Die alten Pappeln aber, die das Haus überragten, rauschten ständig, ganz gleich ob der Tag windstill oder stürmisch war.
Die Türen stehen bei den Wersenews immer weit offen: jedermann kann zur beliebigen Stunde kommen. Die Wersenews haben ständig Besuch; das ganze Jahr ist wie ein Geburtstag.
Verwandte und Bekannte, Nachbarn und Leute aus der Stadt kommen sehr oft und sehr gern nach Krutowrag. Sie kommen nicht einzeln und nicht in Paaren, sondern mit der ganzen Familie, wie in Großvaters Tagen.
Selbst in Zeiten, wo alle miteinander verzankt waren, verstanden es die Wersenews, sich mit allen gut zu vertragen. Sie freuten sich über jeden Gast.
Gar lustig ging es in Krutowrag zu!
Warum sollte es dort auch nicht lustig zugehen! Die Nacht mit ihren Schmerzen währte ja nicht ewig; es gab ja auch einen Tag! Und was hatte auch schließlich so eine Wersenewsche Nacht mit all ihren dummen Ängsten zu bedeuten?
Jelisaweta Nikolajewna verstand es meisterhaft, ihren Gästen Unterhaltungen und Zerstreuungen zu bieten. Sie war die Anstifterin aller lustigen Streiche und ließ auch ihren Kindern darin volle Freiheit.
Gorik und Buba hatten viele Altersgenossen. Man veranstaltete Liebhabervorstellungen und lebende Bilder, man spielte Scharaden; immer gab es Feuerwerk, Picknicks, Ausflüge zu Wagen und zu Pferde und Bootfahrten.
Wie sollte man sich da fürchten: es war ja zu lustig!
Nur eines fehlte ihnen: ein Aeroplan. Die Wersenews träumten von einem Aeroplan mit der gleichen Sehnsucht, mit der die Gymnasiasten der guten alten Zeit von Amerika träumten. Hätten sie aber wirklich solch einen Aeroplan bekommen, so wäre es wohl um sie geschehen: sie wären dann in solche Höhen, in solche Wolkenmeere emporgeflogen, daß ihnen nur das eine übriggeblieben wäre: ein Ende mit Schrecken!
Sie betrieben alle Zerstreuungen und Belustigungen mit viel zuviel Eifer und Leidenschaft; die Spiele erschienen als wichtige und bedeutsame Angelegenheiten, ohne die man gar nicht leben könnte, ohne die nur das eine übrigblieb: ein Ende mit Schrecken!
Die Erwachsenen wurden von dieser Lustigkeit angesteckt und waren stets mit den Kindern zusammen. Sie ließen ihnen einfach keine Ruhe. Ganze Tage gingen im Spiel hin.
Gar lustig ging es in Krutowrag zu!
Alle diese Belustigungen kosteten eine Menge Geld und erforderten große Mühe und viele Arbeitshände. Manchmal nahmen sie auch ein schlechtes Ende. Aber jede vernünftige Sache kann zu einem schlechten Ende führen!
Der Gärtner Eduard, den man sich nach Krutowrag aus Riga verschrieben hatte, ein arbeitsamer, zu philosophischen Betrachtungen neigender und kunstfertiger Mann, mußte einen ganzen Sommer lang, statt sein Gärtnerhandwerk auszuüben — die Blumen zu pflegen und Kunstgärtnerei zu treiben —, Abend für Abend Raketen steigen lassen. Er erlangte darin eine große Fertigkeit, aber die Blumen gingen zugrunde. Und was waren das für Blumen!
Es ist noch manches Ähnliche passiert; die Belustigungen kamen gar nicht billig zu stehen!
Nur wenige Abende liefen ohne Feuersbrunst ab.
In den letzten Jahren hatte es so oft gebrannt, daß selbst die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, die scheu über dem Wersenewschen Hause flimmerten, die emporlodernden Flammen der Feuersbrünste nicht mehr fürchteten. Auch in den Nachbardörfern brannte es in einem fort. Das wurde aber weniger der Unvorsichtigkeit der Wersenews als Brandstiftungen zugeschrieben: es gab ja genug Gesindel in der Gegend und viele reiche Besitzungen.
Man könnte doch meinen, die Wersenews müßten etwas vorsichtiger werden! Wie leicht konnte ein Unglück passieren! Und doch kannten sie kein größeres Vergnügen als Brennen.
Man brannte Raketen und Feuerwerk ab; man legte im Walde Feuer an, um Kartoffeln zu braten oder auch ohne jeden Zweck; in Sommernächten brannten diese Feuer bis zum Morgengrauen; im Garten gab es immer Feuerwerk oder brennende Reisighaufen. Ohne Feuer gab es bei ihnen kein Vergnügen; man vergaß viel eher das Abendbrot als irgendeinen qualmenden und über die ganze Gegend Funken werfenden ›Persischen Blitz‹. Den Blitz vergaß man niemals!
Die Wersenews brannten, wo man nur brennen konnte, und auch dort, wo man es gar nicht durfte. Sie steckten an, was ihnen gerade in die Hände fiel.
Jelisaweta Nikolajewna begnügte sich nicht damit, ihre Kinder zu solchen gefährlichen Spielen zu ermuntern: nein, sie erfand selbst neue Variationen und war die eigentliche Rädelsführerin. Sie benahm sich bei diesen gefährlichen Unternehmungen so kindlich und schelmisch, als ob sie nicht Bubas Mutter, sondern ihre Schwester wäre; sie stand ihren Kindern in nichts nach und betrieb alles mit dem gleichen verrückten Eifer und komischen Ernst wie sie.
Jelisaweta Nikolajewna konnte niemals ruhig auf einem Platze sitzen: im Sommer gab es jeden Augenblick Liebhaberaufführungen und Feuerwerk, im Winter Abendunterhaltungen und Besuche bei den Nachbarn. Sie machte überhaupt den Eindruck eines höchst leichtsinnigen Menschen. Wenn man aber mit ihr sprach, so konnte man hören, daß sie das alles nur den Kindern zuliebe tat; auch das viele Geld reute sie nicht, wenn sie ihnen damit eine Freude machen konnte.
Sie sprach von ihren Mutterpflichten mit solcher Überzeugung und zeigte darin einen so unerschütterlichen Glauben, daß der sonst allzu auffällige schelmische Ausdruck in solchen Momenten spurlos in der Tiefe ihrer erschrockenen Augen verschwand.
Die Damen aus der Nachbarschaft, die die erstaunliche Gabe besaßen, jeden Unsinn mit den unsinnigsten Einzelheiten aufzustöbern und zu verbreiten und so flink wie die Flöhe in die verborgensten Winkel einzudringen, selbst die bedeutendsten Spezialistinnen auf dem Gebiete des Klatsches und der Intrige, wußten mit ihr nichts anzufangen: man konnte ihr beim besten Willen nichts nachweisen und keinen Roman, in dem sie eine handelnde Person wäre, konstruieren.
Die Kinder waren von Natur aus schwächlich, sie wären wohl dauernd krank gewesen, wenn die Mutter sie nicht immer zu den ausgelassensten Spielen angehalten hätte. Sie waren wahre Räuber, die Mutter aber eine noch größere Räuberin als sie. Ohne sie würde keine einzige Belustigung zustande kommen und kein Feuerwerk brennen; von ihr ging diese ausgelassene Freude aus, und ihretwegen wäre man am liebsten immer in Krutowrag geblieben; alles war das Werk ihrer Hände, die so klein und flink waren, sich aber auch an ein Ding wie mit Krallen festzuklammern verstanden . . .
Man kann nicht behaupten, daß Sergej Sergejewitsch ungastlich gewesen wäre; im Gegenteil: er freute sich aufrichtig über jeden Gast und bot einem jeden von seinen vorzüglichen Havannazigarren an, mit brasilianischem oder mit mexikanischem Deckblatt — ganz nach Wunsch! Es war aber einmal so eingeführt und konnte anscheinend gar nicht anders sein, als daß die Gäste, die so gern zu den Wersenews kamen, den Herrn des Hauses nach Möglichkeit mieden.
Der Grund war sehr einfach: in Wersenews Gesellschaft war es immer furchtbar langweilig.
Von außen gesehen, waren seine Erscheinung, seine Manieren und Gewohnheiten durchaus normal und in keiner Weise sonderbar oder auffallend; er war ein Mensch wie alle Menschen und schnaufte sogar wie mancher andere mit der Nase: wenn auch etwas lauter als der Krutowrager Adelsmarschall Turbejew, aber doch nicht so laut wie der General a. D. Belojarow. Er hielt viel auf gute Kleidung und trug sich nicht weniger elegant als der Landrat Pustoroslew, dessen beispiellose Vergeßlichkeit in seinen privaten wie auch öffentlichen Angelegenheiten sprichwörtlich geworden war. Was konnte man von ihm noch mehr verlangen? Aber trotz all seiner Liebenswürdigkeit und Aufmerksamkeit und trotz der berühmten Havannazigarren würde es jedermann vorziehen, vierundzwanzig Stunden lang auf irgendeiner gottverlassenen Eisenbahnstation zu sitzen, als eine Minute unter vier Augen mit Sergej Sergejewitsch zu verbringen.
Er unterbrach seinen Gesprächspartner mitten in einem Satze und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wolle oder nach einem Wort suche, das präziser als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könne, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. Nachdem er den bestürzten Gesprächspartner eine Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in dem einzigen Worte zusammen:
»Teufel!«
›Teufel!‹ klang es zu allen Tages- und Nachtstunden im Hause, im Garten, im Felde, auf dem Flusse, kurz überall, wo Wersenew nur auftauchte.
Wersenew blieb aber niemals der lustigen Gesellschaft fern; es zog ihn immer zu seinen Gästen, und er folgte ihnen, laut mit der Nase schnaufend, überallhin wie ein Schatten. Von allen vernachlässigt und in den Schatten gedrängt, wiederholte er zu den Klängen der Tanzmusik, zu dem lustigen Lachen und Schreien, zu dem Knistern des Feuerwerks und dem Krachen der Raketen sein einziges, seinen Ärger und seine Ohnmacht zusammenfassendes schwarzes Wort:
»Teufel!«
Alle hatten sich so sehr an diesen Wersenewschen ›Teufel‹ gewöhnt, daß es niemand mehr merkte.
Nur die alte Kinderfrau Solomowna, eigentlich Jefimija Awessalomowna, die den Sergej Sergejewitsch großgezogen hatte, schlug das Kreuz und schüttelte den Kopf.
Wenn in der Küche oder in der Mägdekammer von den Herrschaften gesprochen wurde, tadelten sie weder deren Verschwendungssucht noch die Lotterwirtschaft, sondern nur das eine: daß der gnädige Herr immer den ›Teufel‹ im Munde habe.
Man wußte ja sehr gut, von Solomowna wußte man es, wohin das führen konnte.
»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!« sagte die Kinderfrau, indem sie sich den Mund bekreuzigte und den Kopf schüttelte.
Und alle waren ihrer Meinung; niemand widersprach ihr, besonders wenn abends davon die Rede war. Der Koch Prokofi Konstantinowitsch spottete nicht, der Kutscher Anton wußte nichts dagegen einzuwenden, die drei Zimmermädchen: Charitina, Ustja und Sanja waren ganz ihrer Meinung, ebenso wie die Wäscherin Matrjona Simanowna und der Bautischler Terenti; selbst der verwilderte Schmied, den man ›Truthahn‹ nannte, der an keine übernatürliche Macht glaubte und selbst eine Art Hexenmeister oder Gott weiß was war, sagte kein Wort dagegen; der schweigsame Lakai Sinowi lächelte nicht, und sein Gehilfe, der kleine Pjotr, wagte nicht zu grinsen; dieser Pjotr glaubte nur an den schrecklichen Wels mit dem langen Schnurrbart, der einmal vor grauen Jahren ein Kalb verschlungen hatte und sich alle zwölf Jahre im Flusse zeigte; beim bloßen Gedanken an diesen Wels zitterte er am ganzen Leibe.
»Auch der selige Herr Sergej Petrowitsch hatte so eine Angewohnheit«, pflegte Solomowna zu sagen, »alle Leute nannte er ›Kreaturen‹. ›Kreatur‹, pflegte er zu sagen, ›komm einmal her!‹ Selbst den Dorfgeistlichen nannte er Kreatur. Die Sünde ist zwar groß, aber doch lange nicht so groß wie die von Sergej Sergejewitsch.«
Sergej Sergejewitsch, dem es unter den Gästen langweilig wurde, kam plötzlich in die Küche oder in die Mägdekammer und stand, schwer mit der Nase schnaufend, da.
Die Dienstboten sprangen erschrocken auf und erwarteten von ihm irgendeinen Befehl oder auch ein ordentliches Donnerwetter.
Sergej Sergejewitsch stand aber regungslos da, starrte unverwandt auf den verwilderten ›Truthahn‹, der selbst eine Art Hexenmeister oder Gott weiß was war, und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wollte, oder nach einem Wort suchte, das präziser als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könnte, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff.
Nachdem er die bestürzten Dienstboten eine Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in das eine Wort zusammen:
»Teufel!«
»Teufel!« — hallte es irgendwo im Korridor wider, und irgendwo unter dem Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem dunklen Dachboden; das Wort übertönte die Musik, den Tanz, das Lachen, Schreien, das Krachen der Raketen und das Knistern des Feuers.
Die Sterne am Himmel, die trüben Sterne von Krutowrag, die sich an die emporlodernden Flammen längst gewöhnt hatten, blickten unruhig auf das Wersenewsche Haus hernieder.
Woher und wie lange Wersenew die üble Angewohnheit hatte, den Teufel zu rufen, wußte niemand; niemand dachte auch je darüber nach.
Wollte man auf alle Redensarten und Scherzworte aufpassen und über sie nachdenken, so würde ein Menschenleben dazu nicht ausreichen; außerdem riskiert man dabei, sich selber eines davon anzugewöhnen: es gibt doch recht üble Redensarten! Der Adelsmarschall Turbejew pflegt zum Beispiel an jeden Satz, den er spricht, das Wort ›gewissermaßen‹ anzuhängen, und das hat ihm noch niemals geschadet. Als aber der Krutowrager Krämer Charin diese Redensart vom Adelsmarschall übernommen hatte, kam er beinahe an den Bettelstab. Wie sollte er auch nicht an den Bettelstab kommen? Nehmen wir zum Beispiel die von einem Krämer am häufigsten gebrauchte Wendung: ›Das kostet soundsoviel‹; dieser Ausdruck ist durchaus eindeutig und bestimmt den Preis in Rubeln und Kopeken aber: ›Das kostet gewissermaßen soundsoviel‹ — klingt schon ganz anders. Oder: ›Schicken Sie es mir gewissermaßen sofort‹; ›Schicken Sie es mir sofort‹ — das versteht der größte Dummkopf, aber ›gewissermaßen sofort‹ wird auch der Gescheiteste nicht verstehen. Dasselbe gilt von Wersenews ›Teufel‹: wenn man dieser Redensart zuviel Beachtung schenkt und immer an sie denkt, so kann sie leicht an einem hängenbleiben; und wenn man sie sich angewöhnt hat, geht man sicher zugrunde. Die alte Solomowna mußte es ja wissen: Solomowna stammte noch aus der Zeit der Leibeigenschaft; sie hatte vieles gesehen, gehört und erlebt; also hatte sie wohl recht, wenn sie sagte: Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!
So urteilten alle Leute in Krutowrag und auch anderwärts, die, ob sie wollten oder nicht, mit Sergej Sergejewitsch zusammenkommen mußten; es waren auch gar nicht die ersten besten, sondern lauter belesene und verständige Menschen, bewanderte Archäologen und Mechaniker.
So urteilte auch der Geistliche von Krutowrag P. Astriosow, der zwischen allen Dingen und Handlungen ein ›Bindeglied‹ zu konstruieren suchte, kein gewöhnliches, sondern unbedingt ein ›eisernes‹ Bindeglied.
Von den übrigen Bekannten lohnt sich gar nicht zu sprechen. Sie überhörten den Wersenewschen ›Teufel‹ ganz einfach und schenkten ihm nicht die geringste Beachtung.
»Wenn Wersenew den Teufel ruft, so ist es seine Sache! Es gibt Redensarten, die von Vornehmheit und Überhebung zeugen: so das ›Bitte zu beachten‹ des Landrats Pustoroslew; es gibt fromme Redensarten, die ekstatisch veranlagten Leuten eigen sind, wie zum Beispiel ›Herr Jesus!‹ Es kommt aber auch vor, daß vornehme Herren in hoher gesellschaftlicher Stellung, wie zum Beispiel der General a. D. Belojarow, Ausdrücke gebrauchen, die nicht wiederzugeben sind; und zwar nicht nur, wenn sie von etwas überrascht und bestürzt sind — in diesem Fall kann es ja auch jedem wohlerzogenen Menschen, der sonst in seiner Ausdrucksweise sehr vorsichtig ist, passieren —, nein, es ist einfach eine üble Angewohnheit.«
So urteilten die Gleichgültigen.
Niemand wagte Sergej Sergejewitsch selbst über seine Redensart zu befragen. Manchmal lächelte man dazu, aber niemand hatte den Mut, die Frage ganz unverblümt zu stellen. Man genierte sich einfach, eine solche Bagatelle zur Sprache zu bringen.
Wersenew selbst war sich aber seiner Angewohnheit wohl gar nicht bewußt.
Wäre er sich dieser seiner Angewohnheit bewußt gewesen, so hätte er sich doch hie und da beherrschen können. Das war aber noch niemals vorgekommen: jede Begrüßungsansprache, jeder Geburtstagstoast endete bei ihm unfehlbar mit dem ›Teufel‹.
Ohne den Teufel gab es bei ihm keine einzige Rede, kein einziges Gespräch und keinen einzigen Satz.
Es wäre aber immerhin interessant zu ergründen, wann und warum er sich diese dumme Redensart angewöhnt hatte!
Eines war klar: daß es hier weder das berühmte Astriosowsche ›eiserne Bindeglied‹, noch überhaupt ein Bindeglied gab: der Wersenewsche ›Teufel‹ hing einfach in der Luft, und zwar in der gleichen Höhe wie das ›gewissermaßen‹ des Adelsmarschalls, mindestens ebenso klar war es auch, daß Sergej Sergejewitsch ohne diesen ›Teufel‹ undenkbar war und daß, wenn man ihm diese Eigenheit genommen hätte, man es nicht mehr mit Sergej Sergejewitsch Wersenew, sondern mit einem ganz anderen Menschen zu tun haben würde.
Wersenew konnte sich gut an seine Mutter erinnern.
Fedossja Alexejewna stammte aus einer alteingesessenen Moskauer Kaufmannsfamilie mit alten Traditionen. Unendliche Abendgottesdienste, Frühmessen, Heilung von Besessenen im Simonskloster, Schlittenfahrten im Karneval, rote Osterkerzen, Glockengeläut im Kreml, Maifeiern im Sokolniki-Wäldchen, Berichte von Pilgern, Wallfahrten nach dem Troiza-Sergius-Kloster, Kirchenprozessionen und die strenge Hausordnung im Vaterhaus — das war das Wiegenlied, unter dem sie aufgewachsen war, das erste rote Bändchen in ihren Zopf geflochten, das erste Feuer in ihrem verzagten Herzen und ihren weitgeöffneten Augen entzündet und ihr erstes Lächeln durch ihren ersten Kummer getrübt hatte.
Aus dem alten, frommen Moskau kam sie plötzlich in das Wersenewsche Herrenhaus, nach Krutowrag mit dem grundlosen Weiher und dem gewölbten Keller, an dessen Wänden braune Blutspritzer zu sehen waren.
Wenn Wersenew an seine früheste Kindheit dachte, so erhob sich vor ihm sofort wie im Nebel das Bild seiner Mutter. Niemals konnte er vergessen, wie sie Tage und Nächte hindurch am Eckfenster ihres Zimmers im Obergeschoß gesessen hatte. Er schlief in ihrem Zimmer und war immer bei ihr. Und wenn er nachts erwachte, sah er sie oft am Fenster sitzen.
Als er größer wurde und erfuhr, daß auch er, wie die andern Kinder, einen Vater hatte und daß dieser Vater sich irgendwo im Auslande, fern von Krutowrag aufhielt, als er erfuhr, daß seine Mutter immer den Vater erwartete und darum die Nächte aufblieb, begann auch er selbst auf den Vater zu warten.
Manchmal kamen Briefe vom Vater.
Mit welcher Ungeduld bestürmte der Knabe die Mutter, ihm diese Briefe vorzulesen!
Die Briefe waren aber kurz und stets vom gleichen Inhalt: anfangs war die Rede vom Geld, und dann gab er den Tag seiner Ankunft in Krutowrag an.
Und dieser Tag brach an, aber der Vater kam nicht.
Die Mutter bemühte sich, ihre Erbitterung vor dem Kinde zu verbergen. Sie weinte nicht; sie saß wieder am Fenster und blickte wieder auf die Landstraße hinaus. Aber der Knabe fühlte mit seinem ganzen kindlichen Wesen den Kummer, der auf ihrem Herzen lastete, der sie marterte und ihr Herz vor Kälte zusammenschrumpfen ließ. Er wollte ihr helfen, wußte aber nicht wie, und weinte auch selbst still in sich hinein.
Die Rückkehr seines Vaters nach Krutowrag war sein sehnlichster Wunsch.
Immer wieder kamen Briefe vom Vater. Er schrieb immer wieder um Geld und bestimmte von neuem den Tag seiner Ankunft. Und der Tag brach an, doch der Vater kam nicht.
Einmal, als seine Ungeduld aufs höchste gesteigert war und er nicht länger warten konnte, lief er auf die Landstraße hinaus, rannte eine weite Strecke, ohne stehenzubleiben, kehrte dann plötzlich um und eilte mit zusammengekniffenen Augen dem Hause zu.
»Vater kommt! Vater kommt!« rief er seiner Mutter mit so echter Freude und so felsenfester Überzeugung zu, daß sie und auch er selbst plötzlich ein Glöckchen in der Ferne zu hören vermeinten.
Sie zweifelte nicht, sie lief auf den Hausflur hinaus, fiel auf die Knie, umarmte den Sohn und hielt ihn fest umschlungen, wie ihren einzigen Schutz, wie einen geliebten Bruder, wie den treuen Zeugen ihrer bitteren Leiden, ihrer schlaflosen Nächte und all ihrer Erbitterung. Sie konnte sich nicht länger beherrschen, sie lachte und weinte und stieß plötzlich einen Schrei aus, der ihr aus der Tiefe des Herzens drang.
Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus; es war, als ob sie zusammen nur ein Paar Augen hätten, mit denen sie hinausblickten . . . Sie glaubten und zweifelten zugleich. Und das Glöckchen läutete noch immer in der Ferne.
Einige Wagen mit Teefässern kamen vorbei. Die Räder knirschten und übertönten alles. Der Staub verdeckte den Ausblick. Endlich legte sich der Staub, und die Straße lag leer da.
Bis zum Horizont war die Straße zu sehen, und kein Glöckchen läutete mehr. Still und leer war die Welt. Nur die Pappeln im Garten rauschten.
Von diesem Tage an begann für den Knaben ein neues Leben: Er hatte ein neues Spiel: ›Ankunft des Vaters‹.
Dieses Spiel hatte er selbst erfunden.
Es amüsierte ihn, wenn die Mutter bei seinem Ruf: ›Vater kommt!‹ von ihrem Platz am Fenster aufsprang und plötzlich leichenblaß wurde und zitterte. Ihn amüsierte ihr Aufschrei, der jedesmal unheimlicher und abgerissener klang . . .
Und wenn er so spielte, glaubte er selber daran, daß er den Vater gesehen hätte; auch seine Mutter glaubte es.
Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus . . . So lange scheint es her zu sein und ist doch vor kurzem hier, auf dieser Erde, geschehen! Wie schön rauschten damals die Pappeln im Garten!
›Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .‹
»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch gegen den Ansturm der Erinnerungen.
Die Mutter starb, ohne den Vater wiedergesehen zu haben. Sie starb, am Fenster sitzend und auf die Straße blickend.
Bald nach ihrem Tode kam der Vater.
Der Knabe erschrak vor dem Vater: es war nicht der echte Vater, nicht der Vater, an den er soviel gedacht, den er mit solcher Sehnsucht erwartet hatte.
Er versteckte sich immer vor ihm; er schrie und weinte nachts vor Angst.
Der Vater, der nicht zu den weichherzigen Naturen gehörte, nahm die Erziehung des Sohnes energisch in die Hand. Er hielt ihn sehr streng und bestrafte ihn oft und hart, so daß dem Knaben jede Lust zu weinen verging. Er schlief jeden Abend ruhig ein und wurde ganz zahm.
Im Herbst brachte man ihn in die Stadt und steckte ihn ins Kadettenkorps.
Nun begann für Wersenew ein neues Leben, vielleicht die lustigste Periode seines Daseins.
Wenn er in den Ferien nach Krutowrag kam, fühlte er sich da heimisch und nicht mehr so fremd und bedrückt wie früher.
Von der Mutter wurde im Hause niemals gesprochen: Sergej Petrowitsch erwähnte niemals ihren Namen, und der Sohn wagte nicht, als erster von ihr zu sprechen.
Das Eckzimmer im Obergeschoß mit den Kleiderschränken wurde sorgfältig im gleichen Zustand belassen, wie es zu Mutters Lebzeiten gewesen war: alle ihre Sachen, ihr Tischchen, ihr Spiegel — alles stand noch da. Der Sohn suchte aber immer seltener dieses Zimmer auf. In der ersten Zeit kam er oft heimlich hinauf und weinte sogar manchmal am Fenster, wo die Mutter gesessen hatte; später interessierte er sich aber mehr für Pferde.
So kam es, daß er niemals erfuhr, warum der Vater die Mutter verlassen hatte; in den späteren Jahren tat es ihm sogar leid, daß er es nicht wußte. Der Vater hatte in seinem Arbeitszimmer bis zu seinem Tode das Bildnis der Mutter hängen. Hatte er sie geliebt? Und wenn ja, warum hatte er sie verlassen? Warum hatte der Vater die Mutter verlassen? Warum mußte sie soviel Leid, so viele bittere Tage und Nächte über sich ergehen lassen?
›Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .‹
»Teufel!« sagte sich Sergej Sergejewitsch, wenn er an die alten Zeiten von Krutowrag dachte.
Nachdem er das Kadettenkorps absolviert hatte, ging er nach Petersburg und wurde Offizier.
Da hatte er ein gutes Leben. Niemals hatte er Mangel an Geld: sein Vater geizte nicht und schickte ihm regelmäßig größere Summen. Der Vater war immer besorgt, daß es ihm gut ginge. Er konnte sich über nichts beklagen. Bei seinen guten Verbindungen und großen Mitteln durfte er auf eine glänzende Zukunft hoffen.
Er lebte ebenso wie die andern Offiziere: spielte Karten, nahm an Trinkgelagen teil, besuchte Bälle, erzählte Witze, imitierte seine Kameraden und Vorgesetzten, machte Damen den Hof, war an allen Regimentsintrigen beteiligt, regte sich auf, zankte sich — und die Tage gingen gleichmäßig dahin, und ein Tag war wie der andere. Und wenn auch zuweilen etwas Ausschließliches und Besonderes vorkam, so blieb es doch immer in den Grenzen des in seinen Kreisen Erlaubten und Üblichen: so verlor er zum Beispiel einmal eine Riesensumme im Kartenspiel; wem ist das aber noch nicht passiert? Auch die anderen Ausnahmen waren von der gleichen Art.
Gleichmäßig, mit ganz unbedeutenden Sprüngen, floß sein Petersburger Leben dahin.
Dieses erfolgreiche, leichte und vielversprechende Leben hätte eigentlich in seinem Gedächtnis keine Spuren zurücklassen müssen.
Und doch hatte er eine Erinnerung.
Es war allerdings nichts Besonderes, ein, ganz gewöhnliches Erlebnis.
Gibt es denn im Leben auch viel Ungewöhnliches?
Sergej Sergejewitsch dachte in seinen späteren Jahren mehr als einmal an dieses Erlebnis zurück; er prüfte sich und saß über sich selber zu Gericht und verantwortete sich vor sich selbst.
Er hatte schon längst eingesehen, daß eine Handlung durchaus nicht besonders auffallend und außergewöhnlich zu sein braucht, um für immer im Gedächtnis haftenzubleiben; daß auch etwas ganz Unbedeutendes, etwas, das man kaum merkt, sich wie ein winziges Stäubchen in der Seele festsetzen kann.
›Ein Komet fliegt vorbei, ein Stern stürzt vom Himmel, ein Erdbeben vernichtet eine ganze Stadt — das kann für dich schon am nächsten Tage seine ganze Bedeutung verlieren und farblos werden; du kannst es vergessen wie den gestrigen Schnee; zuweilen kann aber irgendein bescheidenes Lichtchen — ein irgendwo unter einer Brücke flackerndes Flämmchen oder die qualmende Petroleumlampe in einer dummen Straßenlaterne, die wie eine Hopfenstange unter deinem Fenster aufragt, oder sonst ein Unsinn dir für dein ganzes Leben im Gedächtnis bleiben.‹
Ja, er dachte viel darüber nach, und wie er so über sich selber zu Gericht saß und sich vor sich selbst verantwortete, blickte er in die dunkelste Tiefe, in den trübsten Bodensatz seiner Seele hinein.
Kann man da aber viel sehen? Und wenn man sieht, viel erkennen? Und wenn man auch etwas erkennt, vermag man es denn richtig wiederzugeben? Und wenn man es auch kann, hat man den Mut dazu?
Mord und Betrug, Lüge und Verrat sind schwere Vergehen, große Sünden, die von allen Gesetzen bestraft werden. Was kommt aber dabei heraus? Der Mord läßt den Mörder vollkommen kalt; er denkt überhaupt nicht mehr an ihn! Was er aber bis zu seinem letzten Atemzug tragen muß, was seine Qual, sein Lohn und seine Strafe ist, was im Augenblick der Tat sein ganzes Sein erfüllt, das ist gar nicht der Mord, sondern das ist dieses, daß er einmal einen Tag, eine Woche, ein Jahr oder vielleicht zehn Jahre vor dem Morde ein zudringliches Mädel, das ihn auf der Straße anbettelte, von sich gestoßen hat — es gibt solche kleine Bettlerinnen, die einen auf der Straße verfolgen und schmierige Zettel mit Prophezeiungen zum Kauf anbieten: ›Herr, kaufen Sie mir doch einen Glückszettel ab!‹ — Es handelt sich auch gar nicht darum, daß er das Mädel, das ihm sein Glück zum Kauf anbot, von sich stieß, sondern darum, daß das frierende Mädel ihm einen Blick zuwarf, einen Blick, den er sein Lebtag nicht vergessen wird.
»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm das Petersburger Erlebnis wieder in den Sinn kam.
Einer seiner Regimentskameraden hatte eine Braut. Der Offizier war von altem Adel, das Mädchen aber aus einfacher Familie und sehr arm. Die Angehörigen des Bräutigams waren gegen diese Verbindung und suchten sie auf jede Weise zu vereiteln.
Sergej Sergejewitsch nahm sich die Angelegenheit seines Kameraden sehr zu Herzen; er besuchte ihn oft und wünschte ihm und seiner Braut aufrichtig Glück.
Und als nach unendlicher Mühe die Hindernisse endlich aus dem Wege geräumt waren und der Tag der Hochzeit festgesetzt war, nahm die Sache ein unerwartetes und trauriges Ende: die Braut löste die Verlobung.
Wersenew kann sich noch an den Abend erinnern, an diesen Petersburger Herbstabend mit dem durchdringenden feuchten Wind und den hinter dem Schleier des feinen Regens trübe leuchtenden Straßenlaternen; an ihr Zimmer irgendwo in der Rusowskaja-Straße in der Nähe der Kasernen. Sie bat ihn, zu ihr zu kommen, um mit ihm über die aufgehobene Verlobung zu sprechen. Er zweifelte nicht, daß das der wahre Grund sei, warum sie ihn zu sich gerufen habe; als er aber zu ihr kam, sagte sie ihm die ganze Wahrheit . . .
Er kann sich auch an ihr Gesicht erinnern, das plötzlich so blaß geworden war, so entsetzlich blaß, wie das Gesicht seiner Mutter zu werden pflegte, wenn er mit den Worten: ›Vater kommt!‹ zu ihr ins Eckzimmer hineingestürzt gekommen war.
Sie eröffnete ihm, daß sie ihn liebgewonnen hätte und nur ihn allein liebte.
Er liebte sie aber gar nicht. Hatte er ihr denn einen Grund gegeben, dergleichen anzunehmen? Er hatte sie als die zukünftige Gattin seines Freundes stets aufmerksam behandelt und war aufrichtig bestrebt gewesen, beiden, ihr und ihm, zu helfen. Er hatte sie niemals geliebt und liebte sie auch jetzt gar nicht.