Wohin? Wie lange?

Ein Anfall wie tiefe Ohnmacht.

Als er wieder zu sich kam, saß er in einer bequemen Ecke, auf einem niedrigen Stuhl, und er gewahrte, daß einige Frauen in seiner Nähe sich um ihn bemüht haben mußten. Sie betrachteten ihn mit mütterlich zufriedenen Augen. Und er fand Lust und Sicherheit in diesem Blick. Er athmete breit auf, wie aus einem guten Schlaf. Gesammelt und gekräftigt. Und wie er sich umsah, war Alles so bestimmt und wie er lauschte, war Alles so deutlich.

Die Schaar der Zuhörer stand noch wie vorhin, nur die Spannung war gewichen. Frei und fröhlich leuchteten die Gesichter. Und eine andere Stimme klang von der Rednertribüne. Eine helle, jugendstarke Stimme. Eines Mannes Stimme. Wie eine Glocke, die hoch hängt und doch wie aus froher Brust tönt und Widerklang in allen Seelen weckt.

Grege erhob sich, um besser zu sehen. Richtig, ein prächtiges Bild von einem Mann. Grege staunte, freudig überrascht.

— Die Besprechungen haben begonnen, belehrte ihn sein Nachbar. Es würden sich heute noch Viele zum Worte melden. Das Thema sei auch fesselnd wie kein anderes, und Jeder habe da etwas Besonderes aus eigener Auffassung beizutragen.

Und Grege folgte dem Sprecher mit wachsendem Genuß. Kein Satz entging ihm. Er glaubte niemals eine öffentliche Rede so leicht verstanden zu haben.

Manches kam drollig heraus in urwüchsiger Derbheit und wurde belacht wie ein guter Witz.

Jetzt wieder, und Grege lachte mit.

Das beirrte den Sprecher nicht, daß er in so ernster Sache Heiterkeit entfesselte. Die Heiterkeit befruchtete ihn. Sie jagte ihm die verstecktesten Gedanken heraus.

— „Und daß ich noch dieses sage. Der Krach in Europa hat, wie die Hauptrednerin schon angedeutet, viele Ursachen gehabt. So viele, daß man sie so wenig zählen kann, wie Rattenschwänze in einem dunklen Kellerloch. Darf ich noch bei einigen verweilen? Also gut. Von den auffälligsten haben wir zwar genug gehört: Machtpolitik, die sich die ganze Welt unterthan machen wollte, weil die ganze Welt ein einziger Marktplatz geworden war, wo Alles schacherte und schwindelte, und kolossale Güter, damals werthvoll, den späteren Geschlechtern gleichgiltig, wie faules Fallobst zu Haufen lagen, trotzdem gleichzeitig überall Noth herrschte. Je mehr ein Staat hatte, desto mehr wollte er, und je mehr er räuberte, desto armseliger wurde er. Was sie an erbeuteten Reichthümern heimbrachten, schuf ihnen neue Armuth, was ihre Macht zu vermehren schien, saugte ihnen die Kräfte aus. Die Magazine starrten von kostbaren Gewändern — und das Volk lief in Lumpen; die Speicher platzend voll von Nahrungsmitteln — und das Volk verhungerte; die Gewölbe vermochten das Gold nicht zu fassen — und das Volk bettelte um elende Pfennige; die Fluren wurden gepeitscht Früchte hervorzubringen, wie die Arbeiter gehetzt wurden, Waaren zu fabriziren — und für Produkte und Fabrikate waren keine Abnehmer da, denn die Spekulanten gaben nichts her, es war ihr Besitz, von dem sie sich nur gegen hohe Gegengabe trennen wollten. Und diesen Widersinn belegten sie mit den großartigsten Rechtstiteln. Das Alles saß ihnen im Kopf so fest, daß sie erst in langwierigen Revolutionen und Kriegen sich die Köpfe zerschmeißen mußten, um ein wenig heller zu werden. Das ging so zwei, drei Jahrhunderte fort. Die sozialistischen und kommunistischen Experimente zwischen einer Militärdiktatur und der anderen führten nicht zum Ziele. Die Menschen waren zu tief herabgekommen, und vom autoritären Staat konnten sie sich nicht trennen, und der Heeresdienst und der Gottesdienst fraßen weiter, denn Alles war von der Furcht durchseucht, und in ganz Europa traute sich Niemand über die Straße. Vor allen schöpferischen Phantasiemenschen hatte man eine Heidenangst. Die freien Künstler, Dichter, Zeitungsschreiber waren verhaßt. Man verfolgte sie, und wo es anging, jagte man sie fort. Strolche und Genies fanden nur Schutz, wenn sie sich einsperren ließen, das nannte man in der Rechtssprache „Nummero Sicher“. Den Strolchen bekam das gut, den Genies weniger. Philosophen wurden dem Hungertodt preisgegeben, Poeten, Maler, Musiker bei der geringsten Veranlassung wegen „groben Unfugs“ oder „Lästerung“ in harte Strafe genommen. Nur wer mit todten Stoffen zu thun hatte, wie Mechaniker und Chemiker, blieb unbehelligt. Der sozialistische Staat war wie der alte Klassenstaat gezwungen, von den schlechten Gewohnheiten der Menschen zu leben. Die Kassen blieben leer, wenn die Menschen nicht in Lasterhaftigkeiten schwelgten. Die Lebensmittelsteuer warf wenig ab, weil die Mehrzahl wenig und schlecht aß. Aber das Laster des Trunkes, des Tabakrauchens, der Ausschweifung und anderer Giftgenüsse brachte Geld in die Kasse. Dabei wurde das Volk immer nervenelender, gehirntoller, überreizter, den wahnwitzigsten Revolutionsideen geneigter und allen geistigen und leiblichen Krankheitsstoffen zugänglicher. Revolution war der Dauerzustand Europa’s geworden, Revolution in der erbärmlichsten, feigsten Form. Zuchthäuser, Irrenhäuser, Spitäler bedeckten ganz Europa. Nun kam noch das Schönste. Nachdem Amerika Ostasien sich unterworfen, drängte sich das Chinesenvolk in Millionen-Horden gegen Westen. Keine Grenzsperre half. Die Schlitzaugen und Schlenkerbeine überflutheten zunächst das südliche und mittlere Europa und pflanzten einen Riesenkaktus mitten in den schon arg verwilderten Garten der abendländischen Kultur . . . In Rom war es dem getauften Judenthum gelungen, in Nathaniel Rothschild I. einen Papst seiner Rasse auf den Stuhl Petri zu bringen. Dem klugen Pontifex glückte es, auch das Chinesenthum zur Taufe zu bewegen, und plötzlich schien der vatikanische Katholizismus eine neue Heilsmacht zu begründen, die sänftigend auf die wahnsinnig aufgeregten Geister zu wirken vermochte, wie Oel auf stürmische Wogen. Um die Gelehrten und Denker, die trotzig bei Seite standen in dem großen Zersetzungsschauspiel des europäischen Geistes, für die kirchliche Propaganda zu gewinnen, widerrief der judenchristliche Papst kraft seiner Unfehlbarkeit alle die aufrührerischen Dogmen seiner Vorgänger in der Statthalterei Christi und zuletzt seine eigene Unfehlbarkeit. Um das Maaß seines vizegöttlichen Edelmuthes gerüttelt voll zu machen, bekleidete er die berühmtesten Abkömmlinge der einst wegen arger Ketzerei verfolgten Familien mit dem Purpur, ernannte die Führer der Freigeisterei zu Ehrenkardinälen, machte einen Panizza zu seinem Geheimkämmerer und versetzte die einst berüchtigsten Häuptlinge des Antisemitismus unter die Heiligen. Doch auch das brachte keine Dauerwirkung mehr hervor. Die zwölf Judenchristenpäpste, die noch folgten, boten ihr übermenschliches Beherrschungstalent umsonst auf, der Kirche zu neuem Leben zu verhelfen und ihr einen durchgreifenden Einfluß auf das zerrüttete Europa zu verschaffen. Sie hatte ihre Rolle ausgespielt. Die Theilung der Macht mit Nebenpäpsten schwächte sie in ihrem Mittelpunkt bis zur Bewußtlosigkeit. Es gab keinerlei Halt mehr für die europäischen Völker. Der ideologische Verzweiflungstraum des letzten Fürsten des größten europäischen Mittelreichs gab das Signal zum großen Vernichtungskampf, der die neue Weltwende einleitete. Fürst Willibald XXXIII. zerbrach sein Schwert und erklärte in seinen Staaten Militärgewalt und Heeresdienst für abgeschafft und den Gottesfrieden aufgerichtet mit allen Völkern, die an den Grenzen wohnten. Ganze Stämme, die das große Verderben witterten, wanderten schleunig aus und suchten neue Wohnsitze in fernen Welttheilen, so die Bavaren, die Alemannen, die Franken vom Main und Rhein bis zur Elbe. Wie Meeresfluth in rasendem Sturm brachen von Ost und West zugleich die Völker in das Mittelreich ein, und es entspann sich ein Kampf wie die Menschheitsgeschichte keinen je gesehen hat und hoffentlich keinen mehr sehen wird . . . Schließlich waren sämmtliche Völkerschaften Europas in diesen ungeheuren Kampf verwickelt. Es war kein Kampf von Riesen, es war ein Kampf von bestialischen Zwergen, bewaffnet mit den furchtbarsten Zerstörungs-Werkzeugen des Maschinen-Weltalters. Die religiöse Drillung der Kirche, welche durch lange Jahrhunderte den Geist der Völker sich unterworfen wähnte, erwies sich nach der ethischen Seite vollständig wirkungslos. Sie hatte die Raubthier-Instinkte der Menschen nicht hinausgetrieben, sondern nur krank gemacht. Nirgends tauchte ein großer Feldherr auf, der die Massen, ineinander verbissen wie wüthende Thiere, gebändigt und zu einem festen Ziel geleitet hätte. Es folgten Schlachten ohne Entscheid, ohne Ende, bis Neunzehntel aller Kämpfenden aufgerieben waren und unter den Uebriggebliebenen das große Sterben, die „chinesische Pest“ begann. Das war Europas Untergang als einer geordneten Kulturstaatengruppe. Während inzwischen Angelland und Amerika in listiger Weise die übrigen Erdtheile unseres Planeten ihrer Herrschaft unterwarfen, verendete die herrschaftstolle alte Welt, und der grauenhafte, durch Generationen und Generationen sich hinziehende Selbstmord der europäischen Zivilisation hatte mit dem letzten Todesröcheln der Völker sein Ende erreicht. Die große Tragödie, die größte der Weltgeschichte, war ausgespielt. Mit gebrochenem Auge und zerfetzten Gliedern und ausgerissenen Eingeweiden und verschüttetem Blute starrte der Riesenleichnam zum mitleidlosen Himmel empor . . . Was auf dem europäischen Festlande an Kulturvolk noch übrig blieb, war winzig an Zahl, sammelte sich in den nächsten Jahrhunderten an den Küsten, an den Flußläufen, an den Abhängen der Gebirge und hob sich allmählich wieder unter dem Sammelnamen der Slavakos, der Frankos, der Teutaleute und so weiter aus Verwesung, Schutt und Trümmer der alten Kulturwelt zu neuem, bescheidenem Genossenschaftsdasein. Am glücklichsten war bei dieser furchtbaren Auslese im europäischen Zusammenbruch das Nordland weggekommen. Es wurde nur an den Grenzen gegen Süden von der Verheerung gestreift, und im Innern blieb es friedlich auf seine ruhige Kraft gestellt . . .“

Das war, was Grege im Verlaufe des Vortrags zu verstehen glaubte. In Teutaland hatte er die Geschichte anders gehört. Aber diese Darstellung des jungen Nordika-Sprechers ergriff ihn mächtig. Er folgte auch den übrigen Rednern, die noch das Wort nahmen, um einige Punkte in abweichender Auffassung und Beleuchtung zu zeigen. Besonders reizvoll war es ihm, wie eine frische, rothwangige Frau von niedlicher Gestalt als scharfe Kritikerin auftrat und dem Schilderer des Zusammenbruchs der europäischen Staatenwelt einige Verstöße gegen die „historisch festgelegte Wahrheit“ nachzuweisen versuchte. Doch wollte sie sich nicht weiter in jene „schauerliche Jammer-Ecke“ verkriechen, sondern aufzeigen, wie aus dem Meere von Herzeleid, in welchem die alten Völker versunken waren, gleich begrünten Inseln der neue Lebensmuth emporwuchs und die kleinen überlebenden Völker zu zweckmäßiger Ordnung ihres Daseins trieb. Gewiß, sie waren welthellsichtig geworden. Sie hatten aus der grauenvollen Katastrophe, die so ungeheuerliche Elendswurzeln wie Kapitalismus, Geldwirthschaft, Weltmarktspekulation, Konkurrenztollheit, Herrscherwahn glücklicherweise mitvernichtete, verfeinerte Organisations-Instinkte gerettet. Mit dem Verschwinden der erdrückenden Uebervölkerung war in der großen europäischen Wüste den winzigen Völkern der ruhigen Jahrhunderte der Kampf um’s Dasein zwar nicht erspart, doch hatte er viel erträglichere Formen angenommen. Und die besten Kultur-Errungenschaften lebten in vergeistigter Art als stille Erbschaft weiter. Von nun an konnten die kleinen, gesonderten Völker ihre angestammten Wesenszüge ungestört pflegen und in fester Gemeinarbeit aus dem eigenen Boden ihren Unterhalt ziehen. Aus der Bedürfnißlosigkeit erwuchs ihnen immer stärker die innere Unabhängigkeit. Sie hatten scharf Acht geben gelernt, daß die Menschenvernunft keine Sprünge wider die Natur mache. Die Herrschaftslosigkeit ließ sie selbst die wohlthätigen Regeln finden, unter welchen die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesundheit und Schönheit am besten gedeihen und das Wohlbefinden des Einzelnen mit dem Wohlbefinden der Gesammtheit sich vereinige. Alle die alten sozialistischen, kommunistischen, anarchistischen Utopien, aus der hartköpfigen Prinzipienreiterei oder der phantastischen Schwärmerei des zweiten Jahrtausends geboren, waren für die Menschen des dritten Jahrtausends nur noch belächelte Erinnerungen, wie der reife Mensch in der Fülle seiner Lebenserfahrungen die bald heiteren, bald schlimmen Verirrungen seiner brausenden Jugendzeit belächelt. Ein stilles Hausglück ist über Europa gekommen, und auf dem Festlande hat kein Nachbar den andern zu fürchten und kein Volk sich des anderen zu schämen. Man unterhält keinen aufdringlichen, belästigenden Verkehr von Volk zu Volk, man ist sich selbst genug und wohnt doppelt vergnügt auf seinem Boden, weil man fühlt, wie von allen Seiten gesunde Lüfte hereinwehen und keine böse Gewohnheit an der Grenze siedelt.

Und dann ließ sie ihre Rede in einem munteren Loblied auf Nordika ausklingen, dem Lande des Lichts und der Lust. Damit aber Niemand sie für allzu eigenliebig halte, wolle sie die Erklärung nicht unterdrücken, daß sie auch von den ferner wohnenden Völkern, sogar vor dem Teuta-Volke, herzliche Hochachtung empfinde.

Sogar vor dem Teuta-Volke! Und mit dieser spöttischen Betonung — sogar!

Grege zuckte auf. Er empfand den Beifall, den die Zuhörer der Schlußwendung spendeten, wie einen Schlag in’s Gesicht.

„Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!“

„Ein schlechtes Volk, das nicht das Erste sein will!“

Alles was sich seit Wochen an Empörung, Verzweiflung, Sehnsucht, Hoffnung, Glücksempfinden, beleidigtem Stolz, wildem Heldentrotz in Greges Seele aufgestaut, das brach jetzt mit Ungestüm hervor und riß ihn selbst, wie von der Fluth des blutig gekränkten, übergewaltigen Ich- und Heimathsgefühles fortgewirbelt, auf die Tribüne.

Wie ein ekstatischer Seher stand er da, im heiligen Zorn erglüht, das Haupt zurückgebeugt, die Augen weit und groß, ganz Pupille, die vollen Lippen halbgeöffnet, bebend vom zurückgehaltenen Wort. Unter den zürnenden Gesten seiner nach oben ausgreifenden Arme wuchs seine Gestalt.

Es war ein Ereigniß, niemals war ein Fremder da oben gestanden, niemals hatte ein Einheimischer das Schauspiel einer solchen Erregung geboten.

Die ersten Sätze kamen stoßweise, wie aus einer stockenden Maschine, rauh und zerrissen im Ton, von einer Wucht, die sich selbst im Wege steht und über sich selbst hinaus Bahn sucht.

— Ich muß hier mitreden, liebe Leute. Ich muß. Kein Mensch in der Welt soll sagen, daß ein Teutamann geschwiegen, wenn Teuta Ungebühr geschehen. Ich bin ein Teutamann, ganz einfach, ohne Verdienst und Würdigkeit. Ich kenne mein Land, ich weiß um sein Volk so viel, als man zu wissen braucht, um keine Verachtung zu dulden. Ich sage nicht, daß das hier geschehen, ich klage Niemand an, ich empfinde nur, daß ich selbst verächtlich wäre, wenn ich nicht laut und öffentlich für mein armes Land Zeugniß ablegte. Ja, mein armes Land, weil Niemand in der Fremde die Schmerzen kennt, die wir aus Liebe zu ihm im Herzen tragen. Aus hilfloser Liebe und stummer Sehnsucht. Seltsam ist unsere Seele, und nicht immer von uns selbst begriffen. Gedrückt kam sie aus alter Weltordnung und flüchtete sich zwischen Berge und in Höhlen, und keine Neuordnung wollte ihr gelingen, also daß sie ihre Flügel zum Schwunge öffnen könnte, rauschend und jauchzend in freier Luft, Sonnenaufgängen und Heldentagen und Heldenglück entgegen. Wer den Himmel offen gefunden, segne sein Schicksal, aber er werfe keinen kränkenden Vorwurfsblick auf den, der noch, aus eigener oder fremder Schuld, am Rücken der Erde klebt . . . Hab ich genug gesagt, oder duldet Ihr noch ein Wort? Ich weiß, ich spreche Eure liebe Sprache, o meine Brüder, nur nothdürftig, und vielleicht bereite ich Euren Ohren Qual. Aber Ihr seht, daß wir uns in Teuta bemühen, im Geiste unseren Volksverwandten nahe zu bleiben. Alle aufgeklärteren Männer lernen die germanischen Hauptsprachen. Duldet Ihr noch ein Wort? Oder ist’s genug?

— Wer ist er? Ein Gast? Maikkas Freund? Weiter reden! Das Herz ist ihm voll, er spreche! tönten die Stimmen der Zuhörer durcheinander.

— Herrliches hab’ ich bei Euch geschaut, Leute von Nordika, und hohen Glückes die Fülle genossen, nach peinvoller Irrfahrt. Ihr habt mich Wege gelehrt, die mein Fuß allein nicht gefunden. Ihr habt mit Worte gesagt gleich Räthsellösungen, auf die mein eigener Verstand allein wohl noch lange nicht gekommen. Mit Blitzen habt Ihr mein Dunkel erleuchtet, mit Schönheit meine vergrabene Lust wie vom Tode erweckt. Es ist mir, als hättet Ihr mir eine neue Seele gegeben, als hätten mir die brausenden Winde, die hier über das Land wehen, aus geheimnißvollen Vorzeiten Grüße gehaucht . . . und der Väter Geist . . . ist über mich gekommen . . . Das soll nicht verschwendet sein von heut auf morgen, das will ich als kostbaren Schatz meinem Volke bringen, als Euer Gastgeschenk bei meiner Heimkehr. Nimmer sollt Ihr gering von meinem Lande denken, denn es hat keinen Undankbaren zu Euch geschickt. Unauslöschlich wird mein Dank sein und zum Segen wachsen wie ein guter Same, der tausendfältige Frucht bringt . . .

— Er ist ein Dichter! Er spricht entzückend! Er ist schön, ein Sänger und Held zugleich! Daß aus Teutaland Solches kommt? riefen die Hörerinnen.

— Nicht weiß ich, was ich Euch als Gegengabe bieten soll, denn Ihr seid reich an jeglichem Gut, und ein Mehrer Eurer Erkenntniß und Freudigkeit zu sein, das kann Keinem gelingen, der von anderen Völkern kommt, am wenigsten mir oder meinen Volksgenossen. Aber wie ich unbescheiden genug bin, hier unsere Armuth zu bezeugen, so will ich stolz genug sein, daheim Eure Ueberlegenheit zu rühmen und Eure Kraft als ein Beispiel aufrichten, daran die verborgenen Kräfte meines Volkes in’s Licht wachsen sollen, damit Eure Achtung vor dem fremden Wesen den bitteren Geschmack verliere, wenn Ihr von Teuta sprecht. Wir sind verwandten Blutes, und in verwischten Zügen lebt ein alter Zusammenhang. Wir haben heute gehört, wie wunderbar die Schicksale der Völker, wie aus den verderblichsten Heimsuchungen und schaudervollsten Niedergängen die Menschheit sich auf Zukunftspfade rettet, die ihr ein geheimnißvoller Lenker weist. Wer weiß, ob nicht auch Teutaland seinen Blutsverwandten wieder näherrückt, gereinigt von Irrthümern, gewachsen in seinen Vorzügen, ein treuer Bundesgenosse in Zeiten neuer Bedrängniß, oder, noch lieber, ein fröhlicher Theilnehmer an gemeinsam bereitetem Glück. Wenn Ihr heute an Teuta denkt, freilich, da ist’s als blicktet Ihr in eine große Finsterniß, aber ich sehe, von dieser Stelle aus, mit meinem inneren Auge, mit dem Auge der feurig und hoffnungsvoll erglühenden Seele, wie ein stiller, heißer Purpurglanz über die Finsterniß sich breitet gleich zeugender Liebe, und wie die Finsterniß unter dem Kusse liebenden Lichtes in göttlicher Umarmung empfangende Mutter wird und aus ihrem Schooße den Geist der Helle gebiert, der, eine Sonne der Zukunft, die trübe Teuta-Nacht in seligen Tag verwandelt. O, daß nichts uns störe, wenn die brünstige Liebe ihr himmlisches Zeugungswerk verrichtet, damit der Wonne des Empfangens die selige Frucht entsprieße. Ich grüße mein Teuta unter Nordikas Himmel, der mein Herz der Freude und Hoffnung erschlossen hat und meine Seele stark gemacht, das Kühnste zu wagen. Ich grüße die herrliche Welt!

So endete Greges Rede, die als düster zürnende Abwehr begonnen, wie eine Apotheose, in deren Strahlenglanz sich Alles an die Brust fliegt, überwältigt vom Gefühl, und der Vorhang sich senkt unter Umarmung und Kuß. In seiner dichterischen Phantasie hat sich das Zeitliche zum Ewigen erhoben, der Einzelfall zum typischen Ereigniß, das Persönlichkeits-Lustgefühl zum jauchzenden Lustschrei der lebens- und glückeshungrigen Gattung.

Jubelnd umringten ihn die Zuhörer. Allen hatte er aus der Seele gesprochen, Jungen und Alten, Männern und Weibern.

Den ganzen Abend sprach man von nichts Anderem. Die Improvisation des Teutamannes galt Allen für wichtiger, als der historische Probe-Vortrag der neuen Meisterin.

Maikka bedauerte, Grege nicht gehört zu haben.

In jener Mischung von Herzlichkeit und Spott, von Sympathie und Hohn, wie sie ihr in den letzten Tagen gegen ihren Gastfreund meist über die Lippe floß, sagte sie zu ihm: — Du sprichst wie ein Gott, das weiß ich. Aber um in Teuta gründliche Politik zu machen, braucht man einen Teufel.

— Einen . . .?

— Ja, Grege. Einen Teufel. Etwa in der Art Eures wackeren . . . nein, das ist Staatsgeheimniß. Mach’ Dich gefaßt. Jetzt aber dies: Geh’ in die Bibliothek und studire den ganzen Zarathustra. Sein Kapitel vom Staate wollen wir zusammen lesen, wenn Du Geduld hast. Dann wollen wir auch den blöden Legendenkram, den Ihr Euch in Teuta um Zarathustra-Nietzischki habt wachsen lassen, in alle Winde jagen. Dergleichen Fabeleien sind wahrhaftig für eine Kinderstube zu dumm. Ein Volk mit solcher göttlich kritiklosen Leichtgläubigkeit ist übrigens für jeden Umsturz reif — wenn der rechte Umstürzer kommt.

— Der rechte Teufel, in Deiner Lesart.

— Jawohl, Grege. Oder der rechte Zarathustra. Das ist das Nämliche.

— Zarathustras Wiedergeburt also, oder Wiederkehr.

Grege meinte das doppelsinnig. Unwillkürlich, ohne Ueberlegung. Und ein Schauder flackerte heiß über sein Gehirn. Und vor seinen Augen brannte eine jähe Röthe.

— Zarathustras Wiederkehr! kam es noch einmal wie lallend von seinen Lippen.

Plötzlich schrie er Maikka an: — Dein Staatsgeheimniß, ich will Dein Staatsgeheimniß wissen! Wie lange foppst Du mich noch, Weib?

Maikka, nach einem langen, bohrenden Blick, vor dem Grege schier erblaßte und das Feuer seiner Augen zurückwich, wie vor dem Druck einer stärkeren Flamme: — Frag’ mir’s ab, Teufel! Kannst Du nur Blinde bannen? Zwinge die Sehenden! Thu’ mir Gewalt an!

 


Inzwischen hatten in Teuta die Vorbereitungen zum großen Nationalfeste und was damit zusammenhing — und was hing bei den herrschenden Einrichtungen nicht damit zusammen? — ihren Fortgang genommen.

Ihren Fortgang!

Ihren Fortgang so, wie seit Generationen und mit besonderem Glanze unter dem glorreichen Regimente Aos und seiner Hoheits-Genossen alle Staatsangelegenheiten ihn zu nehmen pflegten. Hinten herum. In Schlangenlinien. Im Zickzack. Im plötzlichen Schuß mit plötzlichem Zurückweichen und Stehenbleiben: Was war’s — was nun? In Auf- und Abschwüngen. Im Taumelgang. Rechter Hand, linker Hand, Alles vertauscht. Im Arabeskenstil. Kurz: urteutahaft.

Der kleine, geschmeidige, zähe Soundso nannte das boshaft „Die Politik des altneuen Kurses.“

Das Gaukelspiel mit dem todten und wieder lebendig gewordenen Minus hat ihn übrigens im hohen Rath zum berühmtesten, einflußreichsten und gefürchtetsten Mann gemacht. Es war sein gelungenster Meisterstreich.

Sein eigener Meister Titschi ist darüber vor Neid todtkrank geworden.

Bim war nahe daran, seinen Verstand zu verlieren, für den genialen Entdecker ein starkes Stück.

Ao entschloß sich im ersten Schreck zu einer Entfettungskur, und zwar zu einer radikalen, mit heimlicher Auslandsreise, nach dem damals in der bewohnten Welt berühmtesten Entfettungskurort Isaria auf den Ruinen und zwischen den Scherbenbergen einer uralten Kunst- und Wunderstadt im Süden. Die Ruinen stammten von dreihundertfünfundsechzig Tempeln und einem Nothtempel für den dreihundertsechsundsechzigsten Tag in den Schaltjahren, und die hohen und weitläufigen, von amerikanischen Alterthumsforschern bereits labyrinthartig durchschnittenen Scherbenberge entstammten den unzerstörbaren Resten von Milliarden von litergroßen Gefäßen, in welchen in der deutsch-christlichen Vorzeit die Trankopfer dargebracht wurden. Dargebracht einer Gottheit, die seit der Zerstörung ihrer Heiligthümer nur noch ein sagenhaftes Dasein in einigen wenig beachteten Literatur-Fragmenten, genannt das „Kommersbuch“, Abtheilung „Kneiplieder“, fristete. Die Hüter des heiligen Wortschatzes in Teuta ließen jedoch diese Literatur-Fragmente um ihrer aufrührerischen Tendenz willen niemals in die Hände der Jugend gelangen. Hoheit Minus las in seinen schlaflosen Nächten manchmal in diesen bedenklichen Blättern und mußte diesen gelehrten Genuß regelmäßig mit einem argen Kopfweh am nächsten Morgen büßen. Auch wenn ihn unerwiderte Liebe gepeinigt, flüchtete er, um Schlimmes mit Schlimmerem zu kuriren, gern zu seinem „Kommersbuch“. Einige sprachliche Formen, die keine Philologie mehr zu erklären vermochte, wie „Krambambuli“, „Jupeidi, jupeida“, und die wohl vor anderthalbtausend Jahren der heiligen Tempel-Liturgie der Oberpriester angehörten, fesselten ihn oft dermaßen, daß er Herz- und Hüftweh darüber vergaß.

Der große Minus! Nun war er wirklich todt, und nur dem außerordentlichen Diplomaten-Geist des Soundso war’s gelungen, ihn als sprechende Spukgestalt im hohen Rath vorzuführen und damit das ganze Kollegium zu revolutioniren.

Die große Noth der Regierenden in ihrer unzulänglichen Weisheit und der dämonische Ehrgeiz des Strebers hatten Soundso auf einen Gedanken gebracht, der zuvor von keinem regierenden Teuta-Gehirn gedacht worden war. Und wie jeder geniale Gedanke, war er so naheliegend und so verblüffend einfach: Man ersetzt die abgängigen Kapazitäten durch elektromagnetische Automaten — und der Staat ist gerettet.

Und in einem Staate, wo die Feinmechanik und alle technischen Täuschungs-Fertigkeiten auf der höchsten Blüthenstufe angelangt sind, ist es doch fürwahr keine Hexerei, einen Automaten zu hexen, der zu Allem zu gebrauchen ist, zum Staatsmann wie zum Komödianten?

Zuerst führte Soundso seinen leichenblassen, Geistergrüße flüsternden Minus-Automaten vor. Die Wirkung ließ, wie erklärlich, nichts zu wünschen übrig. Hierauf ließ er den Mann in der Kraft und Würde seines Oberlehrerthums fabriziren, wie ihn das Volk verehrte, und mit jenen Redensarten im Leibe, vor denen sich das Volk stumm verneigt wie vor Orakeln. Der Phonograph hatte eine Menge solcher Staatssprüche aufbewahrt, zu beliebigem Gebrauche, je nach der augenblicklichen Nothdurft: „Wissen ist Macht, Bildung macht frei“, oder „Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben“, oder „Ich bin müde, über Sklaven zu herrschen, der Geringste im Lande steht meinem Herzen so hoch und so nahe, wie mein leiblicher Bruder“, oder „Wer dem Interesse des Staates zuwiderhandelt, der verdient zerschmettert zu werden“, oder „Wem’s im Teutareiche nicht behagt, der blase den Staub von seinen Pantoffeln, und es wird ihm wohler werden“.

Gewiß, die Hoheiten, nachdem sie sich von der ersten Verblüffung erholt hatten, fanden am Werke Soundsos Allerlei auszusetzen. Kaspe, der Oberrichter, fühlte ein Frösteln von der Brustwarze bis in den kleinen Zehennagel: Bestand nicht die Gefahr, daß man mit dieser fürchterlichen Technik schließlich die gesammte Jurisprudenz und Rechtspflege automatisire, so daß der ganze Richterstand, soweit er sich noch auf lebendiges Blut, Haut und Knochen berufen kann, um seine Existenz gebracht wäre? Lauter billige, unbestechliche, unfehlbare Automaten auf den Richterstühlen, wäre das nicht das Ende aller Herrlichkeit?

Der kluge Kaspe piepste natürlich diese intellektuellen Angstprodukte nicht heraus, sondern bemerkte bloß fachmännisch: — Das will Alles noch wohlerwogen und an unserem überlieferten Rechtsbestande gemessen sein. Jedenfalls würde diese Neuerung die Erlassung von bezüglichen Verordnungen und Schutzmaßregeln erheischen.

— Wirklich erheischen, Hoheit Oberrichter? fragte Hoheit Oberpriester Ao, der von der Idee der Entfettungskur rasch zurückgekommen war. Wir halten doch die ganze Geschichte vor dem Volke geheim, absolut geheim. Wir sagen nicht: Das ist der Automat Minus, das ist — gestatte das Beispiel — der Automat Oberrichter. Bewahre! Für das Volk giebt’s überhaupt keine Automaten. Das Volk muß glauben oder sich geberden und verhalten, als glaube es: Der Minus ist der Minus, der Oberrichter ist der Oberrichter, Hoheit ist Hoheit! Amen. Was dahinter steckt, das behalten wir für uns allein, meine hohen Freunde.

Soundso hörte zu und lächelte, bescheiden in seiner Größe, groß in seiner Bescheidenheit. Alle Finessen der Schauspielerei waren in seiner Gewalt.

Titschi abschließend: — Den Minus also hätten wir, unser hohes Kollegium ist vollzählig, und unserem gemeinsamen Auftreten bei der Nationalfeierlichkeit steht nichts im Wege. Automat Minus wird beim Zarathustrafest seine Schuldigkeit thun, ohne jede Störung, wir können uns auf seine amtsgemäße Haltung verlassen?

—  Ja, Hoheiten, dafür verbürge ich mich! sprach Soundso sich verneigend.

Titschi: — Fehlt uns nur Grege. Der unmenschliche Uebermensch, der uns den Streich gespielt, sich nicht erwischen zu lassen.

Soundso: — Den schaffe ich zur Stelle, den fabrizire ich auch. Ich habe ihn bereits in Arbeit gegeben. Der Original-Grege mag uns gewogen bleiben. Die Kopie übertrifft ihn.

Allen Hoheiten entrang sich ein Ausruf des Entzückens. Doch nahmen Kaspe und Bim den ihrigen wieder zurück. Das sei zu viel des Glückes auf einmal. Ob man dem Volke wirklich eine solche umfangreiche Täuschung bieten könne, ohne Gefahr der Entdeckung?

Soundso tippte auf eine Feder im Minus-Mechanismus und sofort öffnete der Automat den Mund: — Volk? Sprecht mir nicht vom Volke! Heerdenvieh läßt sich Alles bieten. Dixi.

Alle waren blaß vor Schreck. Darüber, daß Minus unerwartet sprach mit geisterhafter Plötzlichkeit. Und noch mehr darüber, was er sprach. Wenn bei der öffentlichen Feierlichkeit die Maschine die Bosheit beginge, etwas Ungehöriges zu sagen, etwas zu verlautbaren, was nicht für die Ohren des Volkes wäre?

Soundso beruhigte die Aengstlichen. Er tippte den Kunstmenschen leise an.

Automat Minus nickte: — Alles für das Volk und durch das Volk, es giebt nichts Selbstherrliches außer dem Volke, die Herrschenden sind nichts ohne seinen Willen, und mit seinem Willen nicht mehr als des Staates erste Diener.

— Das läßt, sich hören, Hoheit Minus. Brav gesprochen, Maschine Oberlehrer. Das ist ein Automat, der seinem Herrschberufe Ehre macht, spottete vergnügt der Oberdiplomat.

Ao und Bim betrachteten das künstliche Ding immerhin noch mit geheimem Grauen.

Der Oberpriester machte kein Hehl daraus: — Hoheiten, wenn ich nicht meinen weichen, warmen Bauch mit den Verdauungsbewegungen unter mir fühlte, ich wüßte nicht, bin ich ein Automat oder ein Mensch. Die Täuschung ist unheimlich. Man muß sich zusammennehmen, den Glauben an seine eigene Lebendigkeit nicht zu verlieren. Soundso könnte ein furchtbares Spiel mit uns treiben, wenn er bei unsern Lebzeiten unsere automatischen Doppelgänger anfertigen ließe und gegen uns selbst in’s Feld führte.

Bim warf sich in die Brust: — Ich entdecke, also bin ich. Die mechanische Puppe wird das niemals von sich sagen können. Damit ist meine Priorität und Identität festgestellt.

Soundso lächelte verschmitzt: — Vielleicht gelingt es uns auch noch, Automaten mit Bim’schem Entdeckergenie anzufertigen.

Der Oberphysikus empfand nach einigem Besinnen diese Aeußerung als dreiste Ueberhebung. Aber er wollte nicht weiter darauf eingehen. Er addirte sie einstweilen zu den übrigen Frechheiten, die sich dieser Junge mit dem listigen Armensündergesicht schon gegen ihn herausgenommen.

Ao: — Du sagst „uns“, Soundso, „vielleicht gelingt es uns“. Wer sind diese „uns“? Hast Du sie sicher in Deiner klugen Macht, daß sie uns nicht verrathen?

— Sehr zeitgemäße Frage, piepste der Oberrichter. Soeben habe ich sie im Stillen bei mir selbst erwogen.

Soundso kam diese Frage gelegen, er hatte sie längst erwartet.

— Meine Hoheiten werden erstaunt sein, wenn ich bekenne, daß meine Automatenfabrik vollkommen meinem Willen unterthan ist, obwohl sie in der Frauenstadt liegt.

Alle wie aus einem Munde: — In der Frauenstadt?

— Auf mein Wort. Und hierin ist auch der Grund, warum ich von den Spähern selbst in „geschlossener Zeit“ und ohne „amtlichen Auftrag“ öfters in der Frauenstadt beobachtet worden bin. Ich habe zu der Denunziation geschwiegen. Ich weiß, daß man geneigt war, meinen heimlichen Aufenthalt in der Frauenstadt zu meinen Ungunsten zu deuten und meine Führungsliste damit zu belasten. Ich wußte, daß die Zeit meine Rechtfertigung bringen wird.

— Mit männlicher Kunstfertigkeit war das nicht zu machen? inquirirte Kaspe.

— Nicht mit dieser Vollkommenheit. Da gehören die geübtesten und feinsten Frauenfinger dazu, solche Automaten herzustellen. Ich habe lange gesucht und geprobt. Und ich konnte mich nur mit den fähigsten und verschwiegensten Frauen einlassen.

Titschi fand, daß ihn sein Schüler in allen Listen übertreffe.

— Wir können uns darauf verlassen, begann Ao wieder, wenn wir die Zarathustrafeier um weitere vierzehn Tage verschieben, daß Du uns den Automaten Grege zur Stelle bringst?

— Unfehlbar. Meine Frauen haben Grege schon in Arbeit. Er reist sichtlich seiner Brauchbarkeit entgegen.

— Herrlich! Nie fühlte ich mich einem Manne mehr verpflichtet.

Soundso schloß die Augen, beschämt von so viel Anerkennung. Im Innern sah er sich in einem unaufhaltsamen Siegeszug, umjubelt von ganz Teuta, durch den einmüthigen Willen des dankbaren Volkes mit dem Purpur des ersten Vertreters des Staates geschmückt. O dieser impotente hohe Rath, er wird zermalmt werden von den Rossen seines Triumphes, zu Brei zerquetscht von den Rädern seines Siegeswagens. Ja . . . ja, gleich jetzt den Augenblick genützt und den Hoheiten eine neue Stichkarte in’s Gesicht geworfen. Das Unternehmen kann nicht mißlingen, und selbst wenn’s mißlänge . . . Es soweit gefördert zu haben, war eine unvergleichliche That. Los!

— Noch eine Kleinigkeit, die ich im Interesse unseres staatlichen Ansehens in die Hand zu nehmen mir erlaubte, wünsche ich vor den Hoheiten nicht länger geheim zu halten. Ich bin der Tänzerin Jala auf der Spur. Ja, ich darf sagen, ich habe die Person bereits, wenn auch erst sozusagen am Ende eines langen Fangseiles. Bis zum Zarathustrafest hoffe ich sie dem Festordner abliefern zu können.

Kaspe kniff die Lippen zusammen: Er und seine Späher übertrumpft! Wie war das möglich? Was vermag denn dieser junge Mensch noch Alles? Mit welchen Mächten steht er im geheimen Bunde? Seine Verdienste fangen an verdächtig zu werden.

Die reine Teufelei!

Aber der Oberrichter stimmte mit den Anderen laut in die Bewunderung ein und wünschte dem Handstreich des jungen Diplomaten glänzendes Gelingen.

Ao dachte für sich: Gut, daß Minus hinüber ist. Mit Jalas Rückkehr hätte der sündhafte Tanz auf’s Neue begonnen.

— Bevor wir, meine Freunde vom hohen Rath, in unseren heutigen Berathungen weiterschreiten, erübrigt uns noch, unserem ausgezeichneten Soundso für seine sinnreichen Leistungen den Dank im Namen Teutas auszudrücken.

Die Hoheiten stimmen zu, mehr oder weniger gequält von allerlei „Erwägungen“.

Automat Minus legt die Hand auf die Brust und nickt gleichfalls, während sich seine Augenlider gefühlvoll senken.

— Die Aeltesten vom Festbund haben die Inspektionsreise durch die Feststraßen ausgeführt und haben sich zum Bericht angemeldet. Wir haben vorher noch Anderes zu erledigen. Die Leute können warten. Daß wir sie in unser Automaten-Geheimniß nicht einweihen, erachte ich für selbstverständlich. Ist einer von Euch, Hoheiten, anderer Meinung?

Automat Minus, Hoheit, öffnete den Mund: — Je Weniger um das Heil des Staates wissen, desto besser wird es behütet.

Der Ton klang ein wenig sarkastisch.

Die hohen Räthe lächelten. Einfach zauberhaft, wie Soundso sein Geschöpf dirigirte.

Ao legte nun verschiedene Fragen nach der Ausstattung des Festprogramms vor. Er wünsche, daß es diesmal besonders reich und glänzend gestaltet werde. Nachdem für den hohen Rath all’ die Schrecknisse und Aengste der jüngsten Zeit so glücklich überwunden sind, soll das Volk für die Verschiebung durch um so belustigendere Spenden entschädigt werden.

Oberrichter Kaspe, Hoheit, nahm das Wort.

Er pries sich, in der angenehmen Lage zu sein, eine Abtheilung des Festzuges, worin die „politisch-sozial verdächtigen Schattirungen“ vorgeführt und der Verhöhnung preisgegeben würden, diesmal großartig ausstatten zu können. Zahlreiche Verdächtige seien ihm von seinen Spähern notirt. Ein gewisser Geist der Empörung schien im letzten Jahre lebhafter um sich gegriffen und mehr Opfer als sonst gefordert zu haben: — Das kommt uns natürlich sehr erwünscht. Wir werden ein Exempel statuiren, des hohen Festes würdig.

— Ja, aber . . . fragte Ao ängstlich, ein wirklicher „Geist der Empörung“?

— Bei der Jugend, allerdings, Hoheit Oberpriester. Natürlich in jenen Schranken, der zwar keine Erschütterung des Staates befürchten, aber immerhin eine Erweiterung unserer Machtbefugnisse und eine Verstärkung unseres Druckes auf die Köpfe zweckmäßig erscheinen läßt.

— Ach so. Ich dachte schon . . .

— Nein, Ao, davon ist keine Rede. Aber ich werde mir eine größere Anzahl Burschen herausfangen, die ihre Zunge in politischen Diskussionen allzu frei spazieren ließen.

— Was? Man diskutirt in Teuta? Die Jungen diskutiren?

— Hoheit Oberpriester, beruhige Dich. An sich ist die Sache ja furchtbar harmlos. Aber um ein Exempel zu statuiren . . . Man weiß ja, wie wohlthätig das wirkt. Ernster ist folgender Fall: Im neunundneunzigsten Bezirk haben Etliche die Werkzeuge zerstört, also sich am Gemeineigenthum vergriffen. Eigenthum verdient unter allen Umständen höheren Schutz, als die persönliche Freiheit, denn es ist todte Sache und kann sich nicht wehren, erstens, und zweitens, das Eigenthum drückt die Macht des Staates aus. Wer sich im Geringsten am Eigenthum vergreift, vergreift sich am Staate.

— Sehr richtig, Oberrichter Kaspe.

— Sodann lasse ich eine Anzahl Individuen vorführen, welche die Heiligkeit unserer sittlichen Ordnung verletzt haben. Man hat sie zu unangemessener Zeit an den Thoren gesehen, welche zur Frauenstadt führen. Die Thore waren zwar verschlossen, allein die Absicht war nicht zu leugnen, unserer staatlich patentirten Sittlichkeit ein Bein zu stellen oder auch zwei.

— Strafe muß sein, lächelte Soundso.

Ao, beglückt: — Es ist mit angenehm, in so schwierigen Fragen, die Menschenkenntniß erfordern, unsern Freund Soundso unsere Ueberzeugung theilen zu sehen.

Kaspe fuhr mit wichtiger Stimme fort: — Nachdem unser gelehrter Minus als Automat den Tod überwunden hat und in den Augen des Volkes würdig weiterlebt, muß dafür gesorgt werden, daß sich seinem Rufe keine Kränkung nahe. Es sind mir einige Leute bezeichnet worden, die ihm Ehrenrühriges hinsichtlich seiner zärtlichen Neigungen nachzusagen wagten. Das ist schwere Beamtenbeleidigung. Wir können die Frevler mit um so ruhigerem Gewissen in Strafe nehmen, als ein . . . Automat gewiß von exemplarischer Keuschheit ist. Ich werde also eine Anzahl solcher Verleumder in den Zug einstellen lassen.

Ao: — Von Rechtswegen. Ich bewundere Deine feinsinnige Gesetzesanwendung, Oberrichter Kaspe. Was man unserem Minus bei seiner ersten Lebenszeit mit einigem Schein von Berechtigung in Bezug auf seine erotischen Bedürfnisse nachsagen konnte, braucht er sich als Automat nicht gefallen zu lassen.

Nach einer kleinen Pause, die er mit Drücken und Streichen seines glucksenden Kehlkopfes ausfüllte, begann er wieder: — Noch eine ziemlich heikle Sache wünschte ich bei dieser Gelegenheit von den Hoheiten entschieden, es geht jetzt in Einem hin. Unsere Staatsreligion ist ja, unter uns gesagt, Religionslosigkeit und unser Gottesglaube Gottlosigkeit. Ist es nun weise, frage ich, und liegt es im Interesse des Staates . . . hm, hm . . . eine milde Praxis gegen diejenigen zu beobachten, welche vom „hohen Mysterium“, vom „großen Unbekannten“, von der Formel „Gott und sein Volk“ nicht mit dem herkömmlichen Respekte reden? Den Purpur der Gläubigkeit vielleicht gar besudeln?

— Bewahre! Keine milde Praxis! Nur das nicht! Streng bis zum Aeußersten! Religion, Mysterium, hoho, die Fundamente aller Autorität, nur daran nicht rühren lassen bei den heutigen Zeitläuften.

— Gut, Hoheiten, ich verstehe. Ich werde in Eurem Sinne das Weitere veranlassen.

Oberrichter Kaspe lehnte sich befriedigt zurück. Er hat seines verantwortungsvollen Amtes mit Eifer gewaltet. Er hat sich um Teutas Rechtspflege verdient gemacht und den Glanz des Nationalfestes durch seine juridische Strenge erhöhen helfen.

Nun beugte sich der Oberdiplomat Titschi vor.

— Es sei mir gestattet, unsern Minus in seiner automatischen Amtsführung zu unterstützen. Es ist mir bekannt geworden, daß in einigen Bezirken verbotene Worte ausgesprochen worden sind. Man wird keine Beweise von mir verlangen, wenn ich mich auf die Zeugschaft unseres ausgezeichneten Soundso berufe. „Probleme“, „Entwicklung“ und ähnliche vom heiligen Wortschatze verpönte Begriffe sind von jungen Leuten, zweifellos in agitatorischer Absicht, wiederholt auf öffentlichen Plätzen, wo mindestens zwei Personen versammelt waren, ausgesprochen worden. Unbetheiligte Hörer haben Aergerniß daran genommen. Es liegt also ein qualifizirtes Verbrechen am heiligen Wortschatze vor. Ich werde die Verbrecher unserem Oberrichter zur Abwandlung überweisen.

Auch Bim konnte mit einigen interessanten Missethätern aufwarten. Im physikalischen Institut ist er hinter Schreckliches gekommen. Gut befähigte Schüler haben statt Bims wissenschaftliche Entdeckungen auszubauen und ihm mit eigenen Entdeckungen unter die Arme zu greifen, sich mit der Muse in ekstatische Umarmungen gestürzt, die nicht ohne strafwürdige Folgen geblieben sind. Drei Hefte, frisch mit Liedern beschrieben, zum Theil sogar selbst illustrirt, wurden bereits konfiszirt. Eins enthielt ein aufreizendes Liebeslied mit dem verrückten Titel „An eine blinde Seherin“, ein anderes eine hochverrätherische Spott-Hymne an den Teuta-Staat und eine Ode „Auf einen sprossenden Bart“. Mit dem vorschriftsmäßigen Rasiren schienen es diese „Dichter“, die mit ihren Schmierereien sich über die offizielle Staats-Weisheit erhaben dünken, nichts weniger als genau zu nehmen. Hierin ist eine Herabwürdigung staatlicher Einrichtungen zu erkennen. Wenn die Hoheiten es verlangen, würde er gern eine Anzahl straffälliger Barthaare als Beweisstücke vorlegen. Also bitte er wegen Bartwuchses und Dichterei die von ihm Bezeichneten als Rebellen zu bestrafen.

Kaspe und Titschi nickten beifällig. Soundso rieb sich schmunzelnd sein glattgeschabtes Kinn.

Ein ungewöhnlicher Straf-Wetteifer hatte die Hoheiten ergriffen.

— Je mehr, desto besser! gähnte Ao. Die schwarzen Festzugs-Abtheilungen werden dem Teutavolke mehr Vergnügen bereiten, als die purpurnen. Das liegt in der menschlichen Natur.

Hierauf wurde die Liste der Auszuzeichnenden durchgesprochen.

Soundso befürwortete namentlich weibliche Verdienste. Alle seine Freundinnen hatten sich um den Staat verdient gemacht. Seine Vorschläge wurden mit Begeisterung angenommen.

— Ob wir nicht doch des Guten zuviel gethan? fragte am Schlusse Oberphysikus Bim zweifelnd.

Ao, der langen Verhandlung müde, versprach noch einmal eine Revisions-Sitzung anzuberaumen.

Die Aeltesten des Festbundes wurden zur Berichterstattung vorgerufen. Sie traten mit verdrossenen Gesichtern ein, vom langen Warten.

Automat Minus wurde zur Begrüßung auf sie losgelassen.

Die guten Leute merkten nichts. Die Maschine arbeitete tadellos.

Soundso versicherte dem Oberpriester noch einmal in’s Ohr, daß der Automat Grege womöglich noch besser ausfallen werde . . . Und Jala werde das Fest verschönen . . . leibhaftig!

 


Maikka lud Grege ein, mit ihr in’s Vorrathshaus zu kommen, damit sie sich ausrüsteten für die Reise.

Grege betrachtete seine Gefährtin mit ruhig ernstem Blick und ließ sie schalten.

— Wir wandern in rauheres Land, zu kernfesten, wetterharten Leuten, da müssen wir uns entsprechend kleiden, daß wir der Natur trotzen und den Menschen gefallen. Wir wollen nicht als unerfahrene Fremdlinge erscheinen.

Sie legte Grege eine kurze lederne Kniehose vor, einen langen hellen Rock, dazu eine rothe, pelzbesetzte Mütze und einen Tuchmantel von grauer Farbe.

— Daß ich’s nicht vergesse, auch ein großes Gürtelmesser mußt Du Dir an die Seite stecken. Von Gestalt wie ein alter Nordlandskönig, darfst Du in der Kleidung schon ein wenig wie ein heutiger Bauer aus dem Gebirge aussehen.

Für sich wählte sie gleichfalls einen grauen Tuchmantel. Ihre übrige Tracht sollte aus einem weitärmeligen weißen Hemd, einem rothen Mieder und einem kurzen schwarzen Rock bestehen.

Den Kopf behielt sie unbedeckt, die dicken blonden Flechten ringsum wie einen schimmernden Rahmen mit goldenen Nadeln festgesteckt.

Grege hatte sich Surros bereitet und eine volle Tasche davon bereit gelegt. Maikka hingegen versah sich mit derberer Landkost, mit einer Schichte dünner Fladbrode und einem großen Stück gepökelten und gedörrten Rindfleisches, dazu nahm sie noch gedörrte Birnschnitze und Konserven.

— Soll das Alles verzehrt werden? fragte Grege.

— Je nachdem. Mit Schaugerichten wollen wir uns nicht belasten. Aber wir müssen für alle Fälle mit Nahrung versehen sein. Deine Surros flößen mir, wie Du weißt, wenig Vertrauen ein. Du hast nur Hunger, ich jedoch Appetit wie ein Wolf. Wir kommen in Meer- und Gletscherluft. Du hast die Eisprobe zu bestehen, Grege.

— Ich bin auf Alles gefaßt. Nichts schreckt mich mehr. Führe mich nur bald in das bewußte Asyl. Ich habe lange genug Glückliche gesehen. Nun will ich auch wieder das Unglück grüßen.

— Nur nicht pathetisch, Grege!

— Deine Warnung ist gut gemeint, aber überflüssig. Ich werde Niemand mehr mit zu viel Worten zur Last sein.

— Nun thust Du gekränkt, Grege!

— Nein, Maikka. Du wirst mich nicht mehr schwach finden. Ich bin Dir tief verpflichtet.

— Ich bin ja zufrieden mit Dir. Sei doch gut. Du hast die Feuerprobe bestanden, nun werden wir zusammen doch auch die Eisprobe bestehen, wie?

Sie sagte das mit einem nixenhaften Lächeln auf den Lippen.

Und sie strich ihm zärtlich über den Bart, dessen dichter Wuchs über die Wangen herab, an der Oberlippe und am Kinn seidenweich und von gleichmäßig schöner goldblonder Farbe war. Eine wollüstige Kühle entströmte ihrer Hand.

— Dein Vollbart wird prächtig. Ich wünschte mir ihn nur ein wenig rauher und struppiger. So ein recht zottiger Knebelbart, daß ich d’ran baumeln könnte, wird Dir wohl nicht wachsen. Gieb’ mal Acht, was wir im Gebirge für Zottelbären-Männer entdecken werden. Für mich. Für Dich natürlich die entsprechende Weiblichkeit, gemüthstief, harmlos, still zutraulich . . .

— Du willst mich reizen, Maikka. Wann fahren wir ab?

— In einer Stunde.

— Und wir kutschiren?

— Bis zur nächsten Gäodrom-Station. Dort besteigen wir ein Luftschiff bis in die Berge. Und das Uebrige machen wir zu Fuß, bis uns das Meer entgegenrauscht, oder auch nicht. Wir werden stilles Wetter haben, frisches Wetter. So freue Dich doch, daß ich Dir Beförderung in allen Farben biete! Wahrhaftig, ich streiche Dir das Leben wie Honig um den Mund.

In aller Heimlichkeit packte sie auch Greges alten Pilgermantel mit ein, denn es könnte sie die Lust anwandeln, ihren Gast zu abenteuerlichen Bergbesteigungen zu verführen, und wer weiß, wie da das Wetter wird, und wieviel Kleider es kostet. Sie lachte spitzbübisch in sich hinein. Grege wird Augen machen, wenn er den alten verschlissenen Freund, den sturmerprobten, wieder entdeckt. Und in den Mantel wickelte sie das in Teuta verbotene Zarathustra-Fragment: „Der Purpur-Staat oder vom neuen Götzen“, ein dünnes Heftchen. Das wollte sie, falls Unwetter sie in eine Berghöhle bannte, mit Grege lesen, umrauscht vom Flügelschlag der Steinadler. Und noch ein schmächtiges uraltes Büchlein packte sie dazu, die „Sprüche von Jesus Sirach“, darin sie die Stelle mit einem dicken rothen Strich umrahmte: „Errette den, dem Gewalt geschieht, von dem, der ihm Unrecht thut und sei unerschrocken, wenn Du urtheilen sollst. Bekenne das Recht frei! Diene einem Narren nicht in seiner Sache und sieh seine Gewalt nicht an, sondern vertheidige die Wahrheit bis in den Tod!“

Die Stunde war um. Und nun sausten sie auf einem hochräderigen Zweisitz dahin. Maikka sprach zunächst mehr mit ihrem Pferd, als mit ihrem Reisegenossen. Es hatte einen zierlichen, doch kräftigen Leib von gelber Farbe, einen großen, klugen Kopf, eine aufrechtstehende, kurzgehaltene weiße Mähne.

— Vorwärts, Tema, mach’ Deinem Stammbaum Ehre! Du kannst Dir so viel auf Deinen Stammbaum einbilden, wie der stumme Mann, der hier bei mir sitzt. Du bist aus edlem Hause.

Grege überhörte die Anspielung. Er saß in Gedanken versunken. Vergangene Nacht lüpfte Maikka ihr Staatsgeheimniß, ohne ihm das letzte Wort zu sagen. Es genügte auch so, ihm wichtige Zusammenhänge aufzudecken und seinem Rückkehrsplan nach Teuta neue Grundlagen zu geben und stärkere Ziele seinen nächsten Unternehmungen in der Heimath. Bestimmte Persönlichkeiten tauchten jetzt aus dem Dunkel des Teutastaates auf und rückten ihm drohend in’s Gesichtsfeld: Minus, Titschi, Soundso. Alle drei hatte er seither nur als Oberfläche genommen und ihre starren Wurzeln und Triebe in der Tiefe übersehen. Mit allen Dreien würde er zunächst den Kampf aufzunehmen haben. Minus ist der Gefährlichste, als der böse Geist von Teuta, unter dessen Fuchtel die Entwicklung der Jugend sich schmerzlich windet. Minus, den er für einen pessimistischen Querkopf mit allerlei verkehrten Launen gehalten, ist ein wilder Egoist, dem im Staate nichts heilig ist, als seine Herrschlust, ein ironischer Volksverächter. Titschi fischt im Trüben und hat sich den Soundso herangezogen zum Handlanger, der Alles wagt. Alle spielen nur mit dem Staate und nützen die ihnen vom verblendeten Volke eingeräumte Machtstellung für ihre Sonderzwecke. Sie spucken ganz Teuta auf den Kopf. Soundso hat überdies ein Netz von Verräthereien um sich gesponnen. Er muß mit eiserner Hand gefaßt und zerdrückt werden. Ohne Rücksicht. Alles was in Nordika und bei den Angelos über die inneren Zustände des Teutastaates ausgestreut worden ist, weist auf ihn zurück. Maikka hat ihm das geradeheraus bestätigt. Soundso unterhält mit Nachbarstaaten Nachrichtendienst. Sein Ehrgeiz ist ungemessen. Er will eine große Rolle spielen um jeden Preis. Er arbeitet mit den anfechtbarsten Mitteln auf eine erste Stellung im Staate los. Er hält’s mit den Alten und mit den Jungen. Die Frauen hat er aufrührerisch gemacht. Hier gilt’s den ersten Streich, um ihn aus dem öffentlichen Vertrauen heraus zu werfen . . . Bei den Angelos soll er persönlich eine Zeitlang gewesen sein, auch bei den Frankos, in geheimer Kundschaft seines Meisters Titschi . . . Maikkas Aussage klang in diesem Punkte ziemlich bestimmt . . . Und der Werthvolle Hinweis Maikkas: Dieses ganze lichtscheue politische Gesindel, das im hohen Rathe von Teuta nistet, könne durch einen einzigen eisernen Charakter von kühner Offenheit hinweggefegt werden. Das ist ein Fingerzeig des Schicksals, der jedes Programm aufwiegt. Wie eine Windsbraut hineinfahren, zur rechten Stunde. Aber welches ist die rechte Stunde? Jede Stunde, die sich die Windsbraut selbst schafft . . .

— Grege, bist Du taub? Wie oft muß ich Dich anrufen? Unser Pferdchen Tema möchte wissen, wie’s bei Euch um die Vaterschaft steht, in Teuta?

— Wie das? fuhr Grege aus seinem Grübeln auf. Ich bitte um Entschuldigung, Maikka. Ich dachte gerade . . .

— Das thun wir auch, Tema und ich. Drum fragen wir Dich. Auf wen lauten bei Euch die Geschlechtsregister?

— Auf die Mutter selbstverständlich. Der Vater ist gleichgiltig.

— Das will sagen?

— Genau das, daß der Vater gleichgiltig ist. Kinder stehen auf Mutterecht. Zur bestimmten Zeit ziehen bestimmte Jahrgänge von Männern durch bestimmte Thore — und kehren wieder zurück. Alles Uebrige bleibt den Müttern, wieder bis zu einer bestimmten Zeit.

— Genug, Grege. Tema schüttelt die Ohren und wehrt mit dem Schwanze ab, mag nichts weiter hören. Schau’ Dir die Gegend an. Ehemaliges Sumpfland. Und jetzt! Die blühenden Gärten sind uns nicht über die Grenze geflogen. Schau’ Dir auch die Leute an. Siehst Du einen einzigen häßlichen Menschen?

— Keinen.

— Alles ist, wie’s gemacht wird, Land und Leute. Ich gestatte Dir die Nutzanwendung dieses Satzes. Hott, Tema!

Dann fuhr Maikka fort: — Deine Bemerkung neulich über die schwebende Bevölkerungszahl war zutreffend und gut formulirt. Jedes gesunde Volk muß sein Wachsthum in der Hand behalten. Seine Vermehrung an Ort und Stelle darf über die bestimmte Zahl nicht hinaus. Die Tollheit der verkrachten Staaten des Maschinen-Weltalters war, daß sie sich in’s Blaue hinein vermehrten. Daß sie sich eine Uebervölkerung schufen. Als ob sich mit den überschüssigen Massen auf dem heimischen Boden etwas anderes erzeugen ließe, als Bedrängniß, Elend, Unsinn, Katastrophen. Und dann kamen ihre verdrehten Sozialpolitiker mit ihren einseitigen Systemen und wollten da das rabiat gewordene Leben hineinpressen. Wie diese durch die militärische Drillwuth verdummten Menschen durch ihre ewig fehlgeschlagenen Experimente sich nicht belehren ließen, daß man mit Massen wohl Kriege führen, aber keine sozialen Probleme lösen könne, ist zum Lachen. Was die unglücklichen Volksmassen, die Vielzuvielen, noch mehr durcheinander brachte, war die sogenannte Presse oder die Zeitungen, von denen täglich ungeheure Ballen verschluckt wurden. Der Aermste las täglich seine Zeitung, sie gehörte zu seiner Mahlzeit, und den Allerärmsten ersetzte sie oft die Mahlzeit. Das war eine ungeheure Verirrung, ein Unsegen, der nicht wenig den Krach der europäischen Zivilisation beschleunigen half. Die Presse nannte sich selbst eine Großmacht, auch wenn nichts groß an ihr war, als ihr Format und ihr gemeiner Unsinn und ihre Lügenhaftigkeit. Sie wirkte wie ein schleichendes Gift. Die wahnbethörten Massen glaubten an die Zeitungen wie an eine Gottheit, obwohl sie sich alle untereinander widersprachen, sich stets in den Haaren lagen und sich der schimpflichsten Dinge bezichtigten. Von diesen Zuständen können wir uns heute kaum eine Vorstellung machen. Die politische Presse ist auch in Europa in dem großen Massengrab der Kulturkadaver mitverscharrt worden. Aber so lange sie da war, sorgte sie dafür, daß sie den Massen unentbehrlich blieb. Die Massen, die Volksmassen! Es ist unheimlich daran zu denken. Millionenweise hockten sie auf dem engsten Raum beieinander . . . Fünf bis zehn Millionen oft in einer einzigen Stadt. Gräßlich. Dazu hatten sie noch die zwei Grundthorheiten: Humanität und Internationalismus. Ihre Humanität bestand darin, daß sie alles Unsinnige, Kranke, Verdorbene, Gefährliche mit ausgesuchter Schonung und einem fabelhaften Aufwand von Mitteln behandelten, während sie den ehrlichen, gesunden Leuten Luft und Licht und Freiheit nahmen. Und was hatten sie von ihrem Internationalismus? Daß sie sich gegenseitig in die Töpfe guckten, gegenseitig beargwöhnten, gegenseitig belogen, betrogen, bekriegten, sich gegenseitig neue Bedürfnisse und Verlegenheiten anzüchteten, statt daß sie sich in Ruhe ließen, in vornehmer Entfernung blieben und jedes Volk für sich daheim auf eigenem Grund sich begnügte und sein Leben nach seiner eigenen Art organisirte. Durch den Internationalismus ist das örtlich Dumme und Verfehlte über die ganze Erde verbreitet worden, und was als örtlicher Seuchenheerd hätte isolirt bleiben sollen, ist als Weltgift zu allen Völkern geflossen. So mußte aus der Menschheit, die nur in einzelnen reingehaltenen Völkern und Völkergruppen mit genau regulirtem Wachsthum gedeihen kann, ein wüster Mischmasch werden, ein wühlender Krater — der dann in der bekannten Weise eruptiren und Alles zum Bersten bringen mußte. Ist das Alles richtig betont worden in dem neulichen Probevortrag meiner Mitarbeiterin?

— Ich glaube wohl, Maikka. Doch hättest Du die Sache noch besser gemacht.

— Nun setze ich den Fall, Ihr würdet in Teuta den bekannten Skandal abstellen und Eure Menschenproduktion, die mir jetzt schon zu üppig scheint, ließe sich nicht gleich in der wünschenswerthen Weise eindämmen, was würdest Du thun, um den Ueberschuß an Nachwuchs zweckmäßig zu verwenden?

— Ich würde eine Auswanderung nach Jahrgängen vorschlagen und die verödeten Theile des alten Deutschreiches besiedeln. Wo einst die Alamanen und Bavaren wohnten, gäbe es gewiß große Stücke Landes zu kolonisiren.

— Und wie würdest Du diese Jahrgänge Deines verhockten Höhlenvolkes fortbringen? Wenn sie nicht freiwillig gingen?

— Ich würde eine Bundesgenossin erwarten, die sie hinaustriebe.

— Die wäre?

— Die Noth, die bittere, unbezwingliche Noth, Maikka, die leibliche und vielleicht noch mehr die geistige Noth.

Windschnell flog Tema mit dem leichten Gefährt auf der musterhaft gepflegten Fahrstraße dahin. Links und rechts Gehöfte mit thätigen Menschen. Keinerlei Neugier schien sie zu plagen. Kaum, daß einmal ein älteres Weib auf die Straße trat, dem Gefährt nachzublicken.

Die Luft war leicht bewegt, der Himmel verschleiert.

Nun ging es eine längere Strecke sanft bergan. Tema wählte sich die gemächlichste Gangart.

— Es fällt mir auf, Maikka, daß die Hausthüren nicht gegen die Straße gehen, alle gegen den Hof- oder Gartenraum.

Sie antwortete mit ihrer alten Munterkeit: — Weil die Menschen sonst zu viel schwatzen, und die Weisheit liegt nicht auf der Straße.

— Aber sie kutschirt zuweilen vorüber, versuchte Grege mit Spott.

Maikka drückte ihm rasch die Zügel in die Hand: — Flink, kutschire Du, dann stimmt’s.

Grege stellte sich ungeschickt, Tema merkte sofort den Regierungswechsel und machte keinen Schritt mehr.

Maikka lachte über seine Unbeholfenheit: — Wo hast Du seither Deine Augen gehabt? Solche Dinge sieht man sich doch im Nu ab. Achtung, so, zwischen dem vierten und kleinen Finger den Riemen durchziehen — der kleine ist zu schwach? — also zwischen dem dritten und vierten, und den Daumen so legen, so. Und nun die Ellbogen einwärts an den Leib, die Beine nicht auseinander, Alles in Fühlung, Alles in festem Schluß, ein einziger Kraftkomplex, keine Zerstreuung. Arme ruhig, im Handgelenk sitzt der Witz . . . Und das will ein Staatenlenker sein, ein geborener. Halt, halt, mach’ mir das Thier nicht kopfscheu, Zügel jetzt ganz locker, Du greifst ja zu, als hättest Du eine abgetriebene Schindmähre vorgespannt, nicht ein edles Roß, das eine edle Leitung gewohnt ist. Hör’ mal, Grege, Tema verbittet sich dergleichen robuste Eingriffe in ihre eigene Intelligenz. Sie ist nur willfährig in der Illusion, daß der Mensch auf dem Bock in seinen Fähigkeiten wenigstens nicht unter ihr stehe. Raubst Du ihr diese Illusion, dann macht sie in ihrem Jugendfeuer mit dem Fuhrwerk und seinem Beherrscher kurzen Prozeß.

— Die Noth lehrt kutschiren, Maikka.

— Umgekehrt ist auch gefahren, Grege. Die Noth zwingt das Thier, sich einen Kutscher gefallen zu lassen, der das Kutschiren nicht gelernt hat. Bis es über die Noth Herr wird und den Kutscher mitsammt seiner Kutsche über den Haufen wirft. Die Geschichte hat schon Manchem nicht bloß den Kutscherthron, sondern das Leben gekostet.

— Ist’s so recht, Maikka?

— Betrachte Temas Verhalten, und Du wirst die Antwort wissen. Das gute, vernünftige Thier! Es nimmt einen Teutamann an, in der Hoffnung noch einen erträglichen Kutscher aus ihm zu machen, damit er ein besseres Fortkommen in der Welt finde! Alles wendet sich zu Deinem Heil!

— Die Noth, die Noth, wie ich vorhin sagte, Maikka. Der die Noth erleidet und der sie beobachtet und dem sie zu Herzen geht, Alle ziehen schließlich am gleichen Strang und müssen sich verständigen.

— Das ist sehr staatsmännisch gesprochen. In der alten Zeit nannte man das, weißt Du wie? Opportunitäts-Politik. Der Karren gerieth trotzdem immer tiefer in den Dreck.

Grege runzelte die Stirn. Sein Blick hatte etwas eigenthümlich Starres, Fanatisches.

— Dreck freilich, wo der überlegene Geist fehlt, den nur das Schicksal sendet oder vorenthält. Die Noth zwingt auch das Schicksal, Maikka.

— Das ist mir zu mystisch, Grege. Es giebt eine Form der Noth, da lacht sich auch das Schicksal in’s Fäustchen. Hunger! Gemeiner Hunger! Das Schicksal hat unter der alten Weltordnung jährlich Millionen Menschen verhungern lassen, kein Geist hat die armen Hungertodes-Kandidaten errettet. Freilich, damals kannte man Deine Surros noch nicht, das Surrogat aller Surrogate.

— Dein Hohn, Maikka, ist schlechte Kost. Ich fürchte, er bleibt mir im Magen liegen.

— Laß ihn liegen und schaff’ Dir einen neuen Magen an.

— Ich will mir’s merken, Maikka.

— Und merk’ Dir gleich noch dies dazu: Ihr Teutaleute habt Euch an Surrogaten verdorben. In Allem. Nehmt wieder natürliche, starke Kost, so wächst Euch ein natürlicher, starker Geist. Schafft Euch eine neue Küche und neue Köche an. Dann habt Ihr das Schicksal in Eurer Gewalt. Braucht keine slovakische Surrogat-Politik mehr. Das Geheimniß aller Umwälzungen und Neuordnungen liegt in der Küche. Nun, ich würde Euch Surrogat-Menschen einen Küchenzettel schreiben, der sich gewaschen hat: Rohes essen, Quellwasser trinken, und an den hohen Festtagen Blut! . . . Gieb mir die Zügel, Grege, die arme Tema dauert mich . . .

Die Landschaft jenseits der Höhe wurde einförmiger. Der Pflanzenwuchs kümmerlicher. Von Bäumen waren nur noch Birken, Eschen, Erlen und Ebereschen zu sehen. Die Straße führte über moorigen Grund. Selten war ein Gehöft zu entdecken. Hie und da ein Mensch in eigenthümlich langem, grauem Gewand, das den Leib sackartig umhüllte, kaum zu unterscheiden, ob Mann oder Weib.

— Du fragst nicht, Grege?

— Was soll ich fragen? Frage Du für mich. Du hast mich verwöhnt . . . oder verdorben. Du nimmst mir Alles ab. Teufelsweib!

Maikka lachte: — So nimm doch wieder Alles zurück! Du bist die Macht, die durch Herkommen herrschende Macht, mußt mich also bekämpfen. Als Opposition bin ich von Haus aus der schwächere Theil, ich will die Herrschaft erst erringen. Wo hast Du jemals eine Macht gesehen, die sich schwach macht, sich selbst schwach macht . . . hü, Tema! . . . um die Opposition mit gleichen Waffen zu bekämpfen? Du mußt mit Deiner altererbten Gewalt die Opposition aufreiben! . . . Hübsch auf dem gebahnten Wege bleiben, Tema, sonst führst Du die Opposition in den Morast! Frage, Grege, frag’!

Greges Stirnfalte grub sich tiefer. Der fanatische Zug verstärkte sich.

— In Teufelsnamen, Weib, in welche schlimme Gegend führst Du mich?

— Recht so, Grege, die Frage hat wenigstens Lokalfarbe. Das ist die christliche Gegend. Und die wollte ich Dir mit Absicht zeigen. Sie ist interessant genug. Hier haust die letzte christliche Sekte von Nordika, vielleicht von Europa. Und daß wir hier überhaupt fahren und athmen können, ohne Gefahr für unsere Gesundheit, ist ihr Verdienst. Bevor sich die Christen hier niederließen, war das ein tödtliches Fiebersumpfland. Ihre Aufopferung, ihr Fleiß brachten es auf den heutigen Stand. In hundert Jahren werden wohl hier auch Gärten blühen und Kornfelder wogen und Fruchthaine die Landschaft beleben. Diese Christen nehmen ihren Beruf mit jenem himmlischen Ernst, der an jeden Buchstaben des Evangeliums glaubt. Sie glauben an das Jenseits und bereiten sich darauf vor, wie auf ihre wahre Heimath. Von der Erde und den Menschen begehren sie nichts, als Duldung und die Erlaubniß, sich ihnen nützlich zu erweisen. Sie pflegen die kranke Erde und die kranken Menschen und trösten die Mühseligen und Beladenen, die hilfesuchend zu ihnen kommen. Sie selbst drängen sich Niemand auf.

— Die Mühseligen und Beladenen in Nordika? fragte Grege erstaunt, mit warmer Antheilnahme.

— Du vergißt doch nicht das Ziel unserer Reise, Grege? Gerade die Mühseligen und Beladenen sind es, zu denen wir wollen, nicht wahr? Zu den armen Blinden, Taubstummen, Blöden, draußen im Asyl am Fjord. Nun ja, das Asyl ist Christenwerk. Sie haben es erbaut und bestreiten seine Unterhaltung. Das ist die einzige öffentliche Thätigkeit dieser letzten christlichen Sekte in unserer Volksgemeinschaft. In ganz Europa giebt es meines Wissens kein offizielles, kirchlich organisirtes Christenthum mehr. Diese letzten Christen leben unter uns vollkommen frei, ohne jede andere Organisation als ihre unermüdliche Arbeit. Außer durch ihr Leben der Nächstenliebe versuchen sie keinerlei Propaganda. Nur den Mühseligen und Beladenen verkündigen sie das Evangelium, nur den ohne Verschulden Armen. Und wenn diese das Evangelium annehmen und wieder zur Gesundheit kommen, so setzen sie das christliche Leben und die Arbeit der Barmherzigkeit an Anderen fort — oder auch nicht, ganz wie es ihnen das Herz eingiebt.

Grege fragte nachdenklich: — Sind das nun geborene Unglückliche oder erst unglücklich Gewordene, die wir im Asyle finden werden?

Maikka erklärte sich die seltsame Frage aus dem überraschenden Eindruck, den die christianisirte Gegend auf Grege’s Gemüth machte, und antwortete treuherzig: — Nein, das sind keine geborenen Unglücklichen. Nordika ist so wenig grausam wie irgend ein anderes zivilisirtes freies Land. Wem die Natur gleich bei der Geburt das Unglück angethan hat, dem wird die traurige Last des Weiterlebens nicht auferlegt. Sobald die Unabwendbarkeit des Unglücks feststeht, wird Vorsorge getroffen, daß die Natur ihr mißglücktes Geschöpf wieder zurücknimmt. Kein Mensch kann wollen, daß einem anderen Menschen die Erde ein Jammerthal sei, von der Geburt an, ein langes Leben hindurch. Wenn sich die Starken mit den Schwachen, die Gesunden mit den Kranken, die Vollsinnigen mit den Blödsinnigen, die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang herumschleppen wollten, würde da nicht jeder höhere Zweck der Menschheit vereitelt?

— Die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang . . . gewiß, Maikka. Aber das Christenwerk, wahrhaftig, da muß man Ehrfurcht haben. Es liegt wie ein unverlöschlicher Himmelsglanz . . .

— Ich verstehe Dich, Grege. Wie späte Abendröthe liegt’s auf dieser jahrtausendalten christlichen Tradition. Wie wehmüthige Poesie. Man kann es manchmal nachfühlen in gewissen seltenen Stimmungen. Dann begreift man auch die einstigen Massenwirkungen der Gläubigkeit, wie ganze Völker sich mit der Poesie des Verscheidens gesättigt, wie sie die evangelische Tradition, selbst in dogmatischer Verunstaltung, in das innerste Mark eingesogen, wie sie mit weltfremder Sehnsucht ihre Nerven, mit Jenseits-Visionen ihre Träume erfüllt haben. Es war erhaben und schauerlich zugleich, wie jede Massenwirkung. Aber wäre die Welt jemals licht, froh und sinnvoll geworden, wenn der kirchliche Bann nicht von ihr gewichen wäre? Grabes-Poesie, Jenseits-Poesie, Menschenopfer ohne Zahl wurden ihr gebracht, daß sie gespenstisch blühe. Und siehe, die Gespenster sind doch überwunden.

— Poesie, ja . . . Poesie, lallte Grege, wie mit schwerem Kopf.

— Brr! rief Maikka. Nein, nichts mehr davon. Das Leben selbst Poesie, das volle, heiße, gegenwärtige Leben! Grege, Grege, was sinnst Du? . . . Es giebt keinen Gespenster-Gott und Grege ist sein Prophet! Hü, Tema!

— Du spottest schon wieder, unverwüstlicher Spottvogel!

— Sprich, Grege, geht Dir in Nordika an lebendig gelebter Poesie etwas ab? Ist Nordika nicht ein Idyll zwischen Erd’ und Himmel?

— Ja, ja, wie man’s nimmt . . . ein Idyll . . .

— Nun ja, bei uns ist das Leben ein Idyll, bei den Angelos ein Epos, bei den Teutaleuten, na, Grege?

— Ein Drama.

— Richtig, Teutamann, ein düsteres Drama mit Satyrspiel wie bei den klassischen Alten. Sieh nur zu, daß das Satyrspiel nicht am Anfang kommt . . . Tema, hü! Nun werden wir’s ja bald haben, jenseits des Hügels ist die Gäodrom-Station. Dann hinein in alle Lüfte!

Grege hob den Kopf hoch mit suchendem, erinnerungsvollem Blick.

— Sing mir ein Lied! Ein lustig Lied, Mann! Tema hört das Singen gern, es trabt sich leichter beim Singen. Im Namen Tema’s bitt’ ich Dich. Tirilire uns eine fidele Teuta-Weise! Pfeife!

Ein finsteres Seitwärtsblicken war die Antwort.

— Verzeih’, Grege, ich hab Dich überschätzt. So juble wenigstens. Schrei Hojoho! Wir sind aus dem christlichen Armesünderland heraus, aus der Niederung der evangelischen Barmherzigkeit. Bergan, Höhenluft, Höhenlicht, die Herzen auf, die Welt ist so schön!

Grege jubelte nicht und schrie nicht. Starr und kalt saß er da.

Maikka hingegen schrie und jubelte und sang und pfiff durcheinander und fand dabei noch Zeit zu dem Gedanken, daß der Mann an ihrer Seite doch eigentlich ein unheilbar pessimistisch durchseuchtes Individuum, ein waschechtes Teuta-Subjekt sei. Ein Mondkalb. Ein unausgetragener Stier. Ein Wasserkopf. Ein dreifacher Uhu. Am besten, man sperrte ihn in den Asyl-Käfig am Fjord. Zur Erheiterung der Unglücklichen. Hü! Den Glücklichen bereitet er doch nur Mißbehagen. Dieser schwarze Teutaklex in der goldenen Nordika-Sonne . . . Diese moderige Mumie im Garten der Lust . . .

Und sie lachte und sang in den höchsten Tönen und stieß den Takt mit dem Ellbogen in Grege’s Seite . . . Und um ihn recht empfindlich zu treffen, improvisirte sie ein Spottlied auf den Hunger.

Eben wollte ihr Grege den Mund zuhalten, und wenn das zu ihrer Beschwichtigung nicht genügte, sie vom Sitze herunterwerfen, als der Wagen um die Ecke eines jungen Wäldchens bog und vor dem Stationshause hielt. Das ist ja kein Weib, das ist ein Berserker . . .

— Angekommen! rief sie, warf dem Pferde die Zügel auf den Rücken und sprang herab. Sie reckte und dehnte sich und sah plötzlich wieder ganz manierlich aus.