Ein hübsch gewachsener Jüngling kam ihr grüßend entgegen.

— Mein Sohn Ole, Gast Grege . . . Wie lebst Du hier? . . . Ist ein Gäodrom bereit? . . . In einer halben Stunde? . . . Das paßt uns. Packe unseren Reisekram ein, ich will mein Pferd versorgen . . . Du kommst nicht mit, Ole? . . . Schade. Uebermorgen sind wir wieder hier . . . Du giebst uns wenigstens einen verlässigen Fahrer mit? . . . Abgemacht . . . Das Wetter ist nicht sonderlich, ich weiß, Ole . . . Aber warum ist mein Gast nicht einen Monat früher gekommen, zu den „weißen Nächten“? . . . Ach, Ole, Du glaubst nicht, diese Teutaleute kommen überall zu spät . . . Es ist mir eine große Freude, daß Du so stramm geworden bist, ich bin stolz auf Dich, Ole . . . Der Alte läßt Dich auch grüßen. Auf Wiedersehen! . . . Großmutter Ingeborg? . . . Natürlich, sie ist lustig wie immer. Auf Wiedersehen! Gefällt Dir mein Gast? Er ist ein drollig lieber Mensch . . . Wiedersehen!

Die Fahrt begann mit einem kräftigen Imbiß. Maikka hieb mit blitzenden Zähnen in ihre Fladbrote ein, die sie mit duftigen Konserven belegt hatte. Grege fand gleichfalls Geschmack an diesen Broten. Die Luftgondel strich nicht hoch. Zu sehen war vorerst nichts sonderlich Bemerkenswerthes. Die fernen Berge waren wolkenverhüllt. In der nächsten Landschaft reihten sich Gehöfte, Blockhäuser und Sommerbauten zu niedlichen Ortschaften. Viehherden mit glänzenden Kugeln an den Hörnerspitzen, gleich Leuchtkäferchen im dunklen Grün, sandten ab und zu einen Laut von der Erde herauf. Die Luft hielt sich feierlich still.

Der Imbiß war zu Ende. Maikka schüttelte die Brotkrumen auf die Erde hinab. Einem Flug Elstern, der in der Nähe des Gäodroms unten vorübersauste, warf sie Reste von gedörrtem Fleische zu.

— Kennst Du diese Vögel, Grege? Man heißt sie hier Gertrudsvögel. In einigen Gegenden stehen sie in hoher Verehrung. Magst Du die Geschichte hören, die man sich von ihrer Erschaffung erzählt?

Gern mochte er sie hören. Die Erzählung wird ihm wie Musik die Ohren schließen, daß seine Gedanken desto ungestörter in die eigene Seele tauchen können wie in einen Ozean wildwogendender Empfindungen und dann wieder ordnend darüber schweben wie der Schöpfergeist über dem Chaos.

Und es beliebte Maikka, recht wie eine Märchentante zu erzählen, während die Gondel ruhigen Kurs hielt.

— Die Elster war in uralter Zeit ein Weib, welches einmal von Odin beim Teigkneten überrascht wurde. Sie erkannte aber den Gott nicht, da er wie ein armer, sterblicher Wanderer gekleidet war. Um Odins willen, gieb mir ein wenig zu essen, ich komme weit her über die Felder, redete der Gott sie an. Gertrud, so hieß das Weib, kniff ein Stückchen von dem Teige ab. Und als sie es formend im Backtroge hin- und herrollte, wuchs es zusehends und ward bald so groß, daß es den ganzen Trog füllte. Nein, rief sie, das ist zuviel für Dich. Und sie legte das so wunderbar groß gewordene Stückchen bei Seite und kniff ein noch kleineres Stückchen ab, als das erste war. Aber auch dieses wuchs und füllte den Trog. Und so ein drittes und viertes. Je mehr Stücke sie bei Seite schaffte, desto mehr wuchs ihre Habgier und ihres Herzens Härtigkeit. Im Stillen dachte sie: Wenn der Bettler erst fort ist, so theile ich meinen ganzen übrigen Teig in lauter winzige Stückchen und knete die größten Brode daraus. Ein solches Wunder kehrt nicht leicht wieder. Und laut sagte sie zu dem Wanderer: Mach’ nur, daß Du fortkommst, ich kann Dir nichts geben, mein Haus ist selber arm, möge Dir Odin gnädig sein. Nun geh’! Da erzürnte der Gott und öffnete ihr die Augen. Und als sie erkannte, wem sie das Brod verweigert hatte, fiel sie auf die Kniee und flehte um Vergebung. Aber der Gott sprach: Der Ueberfluß hat Dein Herz verhärtet und ist Dir zum Unsegen geworden. Jetzt sollst Du arm werden, auf daß Dir die Armuth zur Besserung gereiche. Zwischen Baum und Borke sollst Du Deine Nahrung suchen und im Troge wird Dir kein Brod mehr wachsen. Da umklammerte das Weib die Füße des Gottes und netzte sie mit Thränen. Und der Gott sprach: Wenn Deine Reue aufrichtig ist, will ich die Strafe von Dir nehmen, sobald Dein ganzer Leib sich in Trauer kleidet. Dann wirst Du auch gelernt haben, hinfort die Gottesgabe recht zu brauchen. Gertrud floh vor dem Angesichte Gottes und ward in eine Elster verwandelt, und alsobald bedeckte sich ihr Leib mit schwarzem Gefieder, da ihre Trauer schon begonnen hatte. Nur die Federn am Bauche und an den Flügeln waren noch weiß. Wie sie aber älter wurde, wurden auch sie dunkler, bis sie von schwärzlicher Farbe waren. Wenn sie dereinst ganz schwarz sind, dann hat Gertrud genug gebüßt und ihre Strafe wird aufgehoben. Bis dahin steht der Gertrudsvogel unter dem Schutze des strafenden und verzeihenden Gottes, und Niemand thut ihm ein Leid an. Das ist die schöne Geschichte von der Erschaffung der Elster, und wer sie richtig hört, dem rührt sie das Herz und bewahrt seine Seele vor Habsucht . . . Ist Dein Herz gerührt, Grege?

Er nickte mit stummem Lächeln.

— Nun ist die Reihe an Dir. Erzähl’ uns ein Märchen. Sieh, wie sich der Himmel umschattet!

Grege blickte lauschend auf. Eine feine Röthe stieg ihm in die Stirn.

— Wohlan, an jenem unvergeßlichen Tage war’s. Das jüngste Gericht war vorüber. Ein schweres Stück Arbeit. Es hatte vom ersten Hahnenschrei in der Frühe bis zum Abend und tief in die Nacht gedauert. Mit starren Sternen stand die Mitternacht über dem Thal Josaphat, und der Weltenrichter saß noch auf seinem Stuhle, unbeweglich, mit den schweren Händen auf den Knieen, den Blick geradeaus in die Unendlichkeit. Von unten kam kein Laut, die Erde war wie ausgestorben. Alles war vollbracht. Die Seligen im Himmel und die Verdammten in der Hölle. Außer ihnen nirgends mehr eine lebendige Menschenseele. Der Weltenrichter erwog, ob er wirklich Alles recht gemacht, ob er kein Versehen begangen und Alles nun in Ewigkeit so bleiben solle, wie er’s entschieden. Er lauschte seinen eigenen Gedanken und spähte, ob sie kein Echo weckten. So scharf er auch seine Ohren spannte, er vernahm nichts als den verhallenden Jubel im Himmel, denn die Seligen schliefen nach Mitternacht allmählich ein, ermüdet von dem übergroßen Glück, und mit dem verhallenden Jubel vernahm er zugleich das Jammergeheul aus der Hölle, das von Stunde zu Stunde markerschütternder und gräßlicher anschwoll und den Himmel umbrüllte und den ganzen Weltraum erfüllte, denn die Verdammten konnten sich in ihr entsetzliches Schicksal nicht finden und nie mehr ein Auge schließen. Der Weltenrichter vermochte sich von seinem Stuhl nicht zu erheben, aus Angst, durch seine Bewegung die Einen in ihrem Schlafe zu stören, die Anderen in ihrem wachenden Elend noch rasender zu machen. Und er sehnte den Morgen herbei und den ersten Hahnenschrei und dachte nicht daran, daß es hinfort keinen Morgen und keinen Hahnenschrei mehr geben könne und die Mitternacht mit starren Sternen stillstehen müsse über dem Thal Josaphat. Denn das Ende war ja da und Alles entschieden, unwiderruflich, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da der Himmel mit seinem Glück, dort die Hölle mit ihrem Unglück — und dazwischen das leere Nichts, unabänderlich. Wie also kein Morgen dämmerte und kein Hahnenschrei das Frühroth ankündigte, so lange der Weltenrichter auch wartete, erkannte er plötzlich, daß er selbst sich um jeden Wechsel gebracht und ihm nichts mehr zu schauen und zu hören bliebe, als das Himmelreich mit seinem Jubelschwall und das Höllenreich mit seinem Jammergeheul; Engelsreigen und Teufelstänze. Und er seufzte und beklagte seinen Eifer, der diese strenge Ordnung geschaffen und alle Ueberraschungen und alle Phantasie auf ewig vernichtet hatte. Und wenn er’s nun recht bedachte, so war er ein einsamer Gott geworden, dem nichts Neues mehr passiren konnte, und mit dem Gefühl des Ewignämlichen, Phantasielosen kam ihm das Bewußtsein, daß seine eigene Jugend verschwunden sei und er sich nun auf ein stilles thatenloses Alter einrichten müsse. Und da schauderte der Gott vor sich als seinem eigenen Weltenrichter, sein pedantisch peinliches Gesetz hatte ihm diesen Streich gespielt. Dieser Stuhl mußte nun sein Thron bleiben immerdar. Und in schwere Trauer versank der Gott und seine alte Erdensehnsucht ergriff ihn immer brünstiger, also daß seine Wimpern zuckten und Thränen seinem Auge entquollen. Unbeweglich stand über ihm die Mitternacht mit starren Sternen und unter ihm die entvölkerte Erde mit dem Thale Josaphat, wie Vorwurf und Gewissensbiß . . . Siehe da, in freier Luft, nicht vom entschlummerten Himmel und nicht von der ruhelos tobenden Hölle her, nahte sich sanft schwebend eine Gondel aus weiter Ferne, näher und näher, bis sie fast sein Angesicht berührte, und sie ließ sich zu seinen Füßen nieder. Zwei Menschen entstiegen dem lustigen Fahrzeug: ein lichtes, lachend süßes Weib und ein Mann . . . Sprachlos war der Gott bei ihrem Anblick, er mußte sich erst fassen, so überraschend war das Ereigniß. In frohem Erstaunen rief er: Wie seid Ihr denn entkommen? Wißt Ihr nicht, das schreckliche jüngste Gericht, sagt doch, sagt doch! . . . Wir haben uns auf einer Lustfahrt verspätet, vergieb uns! lautete ihre Antwort. Ja, Menschen, Menschen! rief er glückselig, und immer wieder: Menschen, Menschen! . . . Wahrhaftig, keine Engel und keine Teufel, keine Heiligen und keine Verdammten, nur Menschen! Und Entzücken erfaßte den Ewigen und er rief: Ach, Menschen, wie lebte der Gott ohne Euch! Schafft mir mein Menschenreich auf Erden wieder! . . . Und er fand kein Wort zu sagen, wie ergriffen er war und wie sehr ihm das lichte, lachend süße Weib gefiel. Da erschien an der Seite des Mannes plötzlich ein zweites Weib, wie ein Schemen, geisterhaft düster, daß selbst der Gott erschrak. Mit geschlossenen Augen stand es da, die Lippen dünn und farblos, gramvoll die Züge . . . Was willst Du? fragte der Gott. Da blieb es stumm und auch die Augen öffneten sich nicht . . . Mann, welches von den Zweien ist Dein Weib? fragte der Gott. Da blickte der Mann mit Augen, ganz Seele und verzehrende Kraft der Sehnsucht, auf das lichte, lachend süße Weib — und reichte der stummen, bleichen Gestalt die Hand, erst zögernd, dann fest, daß es wie erwachendes Leben sie durchströmte und ihre Augen weit sich öffneten wie Sterne, die aus dem Dunkel tauchen, und er schritt mit ihr aus der Mitternacht dem neuen Erdenmorgen entgegen. Das andere Weib aber zog der Gott zu sich empor und nahm es an seine Brust: Du sollst bei mir bleiben und mit Deinem süßen Lachen, Deinem wundervollen Menschenlachen Alles übertönen, den feierlichen Jubel des Himmels und den Jammerlärm der Hölle, daß ich mich doppelt der Erde erfreue, ich, Dein seliger Gott, und Heil erblühe dem neuen Geschlecht . . . Und also entschwand lachend der Gott mit dem lachend süßen Weib in die purpurne Finsterniß der Unendlichkeit. Wie Rosenzauber wob sich das Frühroth über die Erde.

— Grege, Grege! rief Maikka in tiefer Bewegung.

Unaussprechliches klang aus diesem Ruf. Und mehr als der Ruf, sagten ihre Thränen, die ihr in großen Tropfen über die Wange rollten.

Der Erzähler saß starr und stark, wie Einer, dem die schwerste Ueberwindung gelungen, ohne Siegerfreude. Das schied den Menschen vom Gott.

Maikka streckte ihm ihre Hand hin: — Bitte Deinen Gott, daß er zuvor mein Herz von Dir wende. Sonst könnte er meines Lachens niemals froh werden, in alle Ewigkeit nicht. Sein jüngster Tag wäre nicht sein letzter Irrthum gewesen . . . Bitte ihn . . . warne ihn . . .

 


Runaug, die liebliche Tochter des Wirths am Fjord, hatte in aller Frühe Grege geweckt, wie er gewünscht. Harmlos, wie ein kleines Kind, stand sie an seinem Lager und tippte nach seiner Hand. Aber als Grege sie lange und tief ansah und sie überschüttete mit stummen Seelenfragen, da kam es wie ehrfurchtsvolle Scheu über sie vor dem fremden Manne. Wo hatte er diese lichte, liebliche Gestalt schon gesehen? In welchen Gefilden, in welchen Weltzeiten war er schon Hand in Hand mit ihr gewandelt und hat mit ihr die süßen Blüthenträume der ersten Liebe geträumt? Wo hatte er diese knospenden Muttergottesbrüstchen schon geküßt? . . . Angstvoll zitterte ihre Stimme, als sie im Zurückweichen ihm mittheilte, daß Alles bereit und geordnet sei, seine Reisesachen und Kleidungsstücke, und der Bootsmann ihn in einer Stunde erwarte . . .

Grege hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. War’s der ungewohnte Meergeruch? Einmal war er aufgestanden, hatte den Holzriegel zurückgestoßen und durch die Luke auf das Wasser geblickt. Das Meer hatte vorher gestürmt und seine Wogen an den klippenreichen Strand geworfen, donnernd, in verzweifelter Brandung . . . Jetzt lag es ruhiger, die hellgrünen Wellen schienen nur noch ein lustiges Spiel zu treiben, die Morgenlichter spiegelten sich in den feuchten Stellen der Felsen, und weiter hinaus leuchtete der Aether in tiefem Blau über die beruhigte Welt. Das blitzschnelle Unterwasserboot würde leichte Arbeit haben . . .

Er streckte sich wieder auf das Lager, aus Fellen bereitet. Bild um Bild, in wilder Jagd, zogen die letzten Erlebnisse vor seinem in Ruhelosigkeit fiebernden Geiste vorüber. Die heiße Thalsonne über der mittagsmüden Atmosphäre der Bergschlucht, darein das Asyl gebettet war. Eine Sammlung von niedrigen, schlichten Häuschen zwischen steinigen Landstücken in der verbreiterten Schluchtmündung. Und Alles so weiß und reinlich und himmelsstill. Fern darüber die Gletscher, die mit gigantischen Armen diese menschenentrückte Welt zu umfassen und gegen das Meer zu schützen und dem Himmel entgegenzutragen schienen.

Aber er selbst, Grege, auf einem Felsblock vor dem Häuschen der Blinden, den Blick auf die offene Thür, auf deren Schwelle eine singende Frau saß, die Hände im Schooß gefaltet, den Kopf mit den geschlossenen Augen zurückgelehnt, an den Thürpfosten, Alles übergossen von dem zarten Licht, das durch eine alte, wetterzerzauste Föhrenkrone sich den Weg bahnte. Dann aus dem Häuschen Choralmusik wie von einem orgelartigen Instrument, gedämpft, zaghaft, bis die Akkorde sich zu einer breiten, ruhigen Melodie fanden. Die singende Frau, wie von dieser Melodie körperlich berührt, um die Hüfte gefaßt und aufgehoben, setzt einen Fuß vor den andern und beginnt zu wandeln, voll Zuversicht in ihrer Blindheit, von einer Seite des Gärtchens zur andern, die gefalteten Hände lösend, so oft sie an der alten Föhre vorüberkam, um deren Stamm mit welker Hand zu streicheln. Ein Ameisen-Wanderzug kreuzte den Weg in demüthiger Eile, und jedesmal, wenn die Blinde darüber schritt, schwer, täppisch schlurfend, zertrat ihre breite Sohle was von dieser stillen Karawane gerade darunter kam. Ihr Gesicht hatte einen verklärt stupiden Ausdruck . . . Ein uraltes Lied, eine uralte Weise, und immer voll seliger Inbrunst die nämliche Strophe wiederholend, also daß sie Wort für Wort Grege’s Gedächtniß sich einprägte, sang die wandernde und ameisenmordende Blinde zu der begleitenden Musik:

Befiehl Du Deine Wege

Und was Dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Dess’, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden

Giebt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da Dein Fuß gehen kann.

— Und keine Hoffnung auf Heilung? fragte Grege die mütterliche Christin, die als Aufseherin waltete.

— Mein Pflegling ist zu alt und begehrt sie kaum mehr. Sie ist vor zehn Jahren erblindet, an einer Krankheit im Wochenbett. Ihre Kinder sind todt. Sie steht allein in der Welt. Sie ist nicht unglücklich, glaube das ja nicht, sie ist wahrhaftig nicht unglücklich.

— Hat man keine Fälle wunderbarer Heilung?

— Doch, man hat solche Fälle beobachtet. Einmal eine junge Frau, durch eine große Gemüthserschütterung erblindet, ist ebenso durch eine andere Gemüthserschütterung wieder zum Licht gekommen.

— Gemüthserschütterung? Wie verstehst Du das, christliche Frau?

— Ein plötzliches großes Glück zum Beispiel . . .

— Es giebt auch Aerzte! warf er leicht hin, nur um noch etwas zu sagen.

— Liebe ist der beste Arzt, antwortete die Christin. Die Wunder der Liebe und des Glaubens. Hast Du das Lied gehört? Es hat in zweitausend Jahren seine Kraft nicht verloren . . .

Aber Grege achtete nicht mehr auf die Lobpreisungen der Christin. Er eilte davon, und wie Nachhall der Orgelmusik tönte es in seiner Brust: Ein plötzliches großes Glück, ein Wunder der Liebe . . .

Am Abend. In der Sennhütte, halbwegs zwischen dem Asyl und dem Fjord, war ein wandernder Spielmann eingekehrt. Der große Raum für Käsbereitung verwandelte sich in einen Tanzplatz. Die Sennen und Bauern entledigten sich ihrer Oberkleider. Erst sanfte Reigen mit Gesang, gleich wehmüthigen Nachtigallenliedern, dann immer wildere Spielmannsweisen und ausgelassenere Tänze. Alle Anwesenden schwangen die Beine in dem zum Ersticken heißen Raum. Und wer Allen voran, im leidenschaftlichen Wirbel des Augenblicks jedes Glück mit gierigen Sinnen an sich saugend, wer? Ja, schön war sie, dämonisch, und ihre Blicke und Bewegungen schleuderten Feuerbrände in die Herzen der Männer, der „Zottelbären“ . . .

Unbemerkt im Trubel der Lust entkam Grege.

In der Herberge am Strand erfuhr er, daß sich das Blitzboot für den Morgen nach Angela rüste und noch Raum für einen Fahrgast sei. Zwei Nordika-Männer fuhren mit, die Grege an jenem Probevortrag-Abend mit Dank und Händedruck begegnet waren und ihm starke Freundschaft bewahrten. Sie hatten auch Greges Vertrauen gewonnen und waren erfreut über das Wiedersehen am Meer. Ein Auftrag vom Aeltesten trieb sie zu eiliger Fahrt nach Angela. Raschen Entschlusses schloß sich ihnen Grege an. Sie versprachen ihm jede erwünschte Fürsorge, da sie aller Verhältnisse kundig waren.

Nun trat Runaug zum zweiten Mal an Greges Lager mit der Meldung, daß es höchste Zeit sei, sich in die Bootshalle zu begeben, sein Mantelsack sei bereits fortgeschafft.

— Sofort! rief er und sprang auf. Noch eine Frage: Ist die . . . Frau, Du weißt, mit der ich angekommen, zurückgekehrt vom Berge?

— Nein. Niemand hat sie wieder gesehen. Sie wird wohl auf dem Berge genächtigt haben.

Jetzt erschien auch Runaugs Vater unter der Thür und spornte zur Eile.

— Lebt Alle wohl und nehmt meinen besten Dank. Grüßt mir Euer gastliches Land . . . und die Frau, wenn sie vom Berge wiederkehrt.

— Das soll geschehen, sagte der Wirth und reichte dem Scheidenden die Hand. Und nimm, nach alter Schiffersitte, noch einen Räthselspruch zum Geleite mit, der Deine Gedanken im Unwetter festhält: Was wir gefangen, warfen wir weg; was wir nicht gefangen, tragen wir bei uns!

Runaug lächelte dem Fremdling nach, mit leisem Herzklopfen.

So verließ Grege Nordika, um nach glücklicher Fahrt in Angela zu landen.

 


Die Reisegenossen aus Nordika bewährten sich Grege als treue Freunde. Mit klugem Rathe wiesen sie ihm die Wege im fremden Lande.

Am ersten Tage blieben sie noch bei ihm und unterrichteten ihn in allen wissenswerthen Dingen, damit er das Wichtigste sehen und seine Rückkehr an den Strand oder vielleicht gleich bis hart an die Grenze des Teutastaates bewirken könne.

Auf einer elektrischen Schwingbahn merkwürdiger Bauart geleiteten sie ihn in einen Vorort der Hauptstadt und brachten ihn in eine Herberge, genannt „Zum tollen Junker Heinz“. Grege, der sentimentalen Auffassung der irdischen Dinge entwöhnt, nahm das Neue mit ruhigem Gleichmuthe hin. Das Ueberraschendste traf ihn nur als eine Sehenswürdigkeit, die man als objektive Erkenntniß aufspeichert, in der Erwartung, sie dereinst in wirkende Kraft umzusetzen, im Zentrum des eigenen schöpferischen Wesens, das berufen ist, sich seine Welt zu gestalten.

Es rührte ihn wenig, daß hinter seinem Rücken eine ungeheuere Stadt mit Millionen Menschen gährte und brodelte. Sobald sich das Wetter aufgehellt, wird er sich in die Metropole der Angelos begeben, mit der stillen Sicherheit des Forschers, den keine feindliche Macht erschreckt.

Jetzt stürmt es draußen und sintfluthartige Regengüsse stürzen auf das Dach, so daß sich sein kleines Gemach mit trommelndem und plätscherndem Geräusch erfüllt. Das würde nicht lange anhalten, hatte man ihm gesagt, hierzuland sei schroffer Wechsel. Die Dunkelheit nimmt zu, Grege sorgt mit einem Fingerdruck auf den Lichtträger für künstliche Helle.

Er ist just in der Stimmung, das Zarathustra-Fragment zu entrollen. Auf dem Bauche liegend — das Lager ist raffiniert elastisch gebaut — und den Kopf auf den aufgestützten Armen, mit den gespreitzten Fingern die vornüber wallenden Haare zurückhaltend, beginnt er laut in das Geräusch des Unwetters die lapidaren Sätze Zarathustras hineinzusprechen, als handle sich’s um den Genuß einer Dichtung, zu welcher die Elemente selbst die Begleitmusik machen.

Seine Stimme hebt und senkt sich, psalmodirend, den Sinn übertragend in Klang und Rhythmik:

„Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden, doch nicht bei uns, meine Brüder: da giebt es Staaten.

Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt sage ich Euch mein Wort vom Tode der Völker.

Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: Ich, der Staat, bin das Volk.

Lüge ist’s! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.

Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für Viele und heißen sie Staat: sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.

Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn als bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten.

Dieses Zeichen gebe ich Euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in Sitten und Rechten.

Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt — und was er auch hat, gestohlen hat er’s.

Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beißt er, der Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide.

Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich Euch als Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen! Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!

Viel zu Viele werden geboren: für die Ueberflüssigen ward der Staat erfunden!

Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Vielzuvielen! Wie er sie schlingt und kaut und wiederkäut!

Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der ordnende Finger bin ich Gottes — also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzgeäugte sinken auf die Kniee!

Ach, auch in Euch, Ihr großen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach, er erräth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!

Ja, auch Euch erräth er, Ihr Besieger des alten Gottes! Müde werdet Ihr vom Kampfe, und nun dient Eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!

Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze! Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, — das kalte Unthier!

Alles will er Euch geben, wenn Ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft er sich den Glanz Eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen.

Ködern will er mit Euch die Vielzuvielen! Ja, sein Höllenkunststück ward da erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher Ehren!

Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!

Staat nenne ich’s, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord Aller — das Leben heißt.

Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl — und Alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!

Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich nicht einmal verdauen.

Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Reichthümer erwerben sie und werden ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld, — diese Unvermögenden!

Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.

Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, — als ob das Glück auf dem Thron säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron — und oft auch der Thron auf dem Schlamme.

Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Ueberheiße. Uebel riecht mir ihr Götze, das kalte Unthier: übel riechen sie mir alle zusammen, diese Götzendiener.

Meine Brüder, wollt Ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und Begierden? Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in’s Freie!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der Götzendienerei der Ueberflüssigen!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe dieser Menschenopfer!

Frei steht großen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht.

Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth!

Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise.

Dort, wo der Staat aufhört, — so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Uebermenschen? —

Also sprach Zarathustra.“ — — —

Mit verzücktem Gesicht starrte Grege lange auf die Blätter, visionär, wie entrückt in ferne Vergangenheit, während er im Tone Zarathustra’s weiter sprach, improvisirend, wie sein Doppelgänger. Doppelgänger? War er’s nicht selbst gewesen, der die nämliche Rede schon gehalten, damals . . . damals, Wort für Wort . . . als das neunzehnte Jahrhundert seinen tollen Kehraus tanzte . . . in der großen Einsamkeit zwischen den dunklen Bergen, in die er geklettert, weltmüde, aus dem Süden herauf, dessen Sonne sich in seinen Kopf gesenkt, also daß das Hirn in wildem Feuer stand . . . Eisberge unvermögend, den Brand zu löschen . . .

Unsinn, Unsinn!

Dann sprang er auf und lachte so grimmig und grell . . . wie einst jene Frau, als sie ihn auf das Drachenschiff entbot.

Jawohl, das würde er, bei allen Göttern und Uebermenschen, selbst Alles noch so gefunden haben, wie es Zarathustra vor tausend Jahren herausgearbeitet . . .

Besser so, jetzt geht es desto schneller . . . Krystallhart schossen seine Gedanken in einander zu unzerreißbarem Gefüge . . .

Es klopfte an der Thür. Grege überhörte es. Da trat ein ältlicher, schwarz gekleideter Mann herein, mit humoristischer Verbeugung. Ein langer Kauz, ein schlotteriges Knochengestell.

— Ich bin der Wirth zum tollen Junker, begann er, wie ein Schauspieler, der eine komische Rolle hersagt, — ich bin der Wirth zum tollen Junker Heinz, und weiß derowegen nicht, ob die Meinung, über deren Vorhandensein bei mir keinerlei persönliche Verantwortlichkeit mich trifft, das Glück hat, dadurch an Bedeutung zu gewinnen, daß sie mit den Absichten meines Gastes übereinstimmt.

— Was sollen die Umschweife? Schnell, was giebt’s? Ich habe keine Zeit, Mann!

— Nämlich, ich übe das vortreffliche Geschäft eines Herbergvaters in Ihrer Majestät der Kaiserin von Indien und Königin von Jerusalem und anderer Weltgegenden Landen erst seit geschlagenen acht Tagen. Wessenmaßen ich mir in aller Unerfahrenheit allerlei Gesindel, so ich für Gentlemen gehalten, benebst der hohen Polizei, mit Respekt zu sagen, auf den Hals gezogen. Derohalben giebt’s erstens kund zu thun, daß Ihr keine Gastfreundschaft auf Staatskosten bei mir zu erwarten habt, sondern alles Genossene und etwa noch zu Genießende entweder baar berappen oder in geordneter Arbeit ersetzen oder andere Unterkunft als beim tollen Junker Heinz suchen müßt; zweitens giebt’s von Polizeiwegen zu ergründen, welcherlei Arbeit Ihr zu leisten vermögt, welches Euer Nam’ und Art und mit welcherlei staatsnützlichen Absichten Ihr Euch in Angelland aufzuhalten gedenkt.

— Narrenspossen! Sagt mir rund heraus, was Euer Begehr!

— In aller Rundung, gut. Gentleman, seid Ihr ein Gentleman oder etwas Anderes?

— Ich bin’s.

— Gut. Woher kommt Ihr und auf welchem Wege?

— Aus Nordika, durch Wasser und Luft.

— Aus Nordika? Nun, da könnt Ihr Euch rühmen. Eine lustige Gegend. Hat uns manchen leichten Gesellen an’s Land und manches gelüstige Dirnlein in’s Bett geworfen. Gut. Ihr seid ein Gentleman aus Nordika. Sehr gut. Habt Ihr kuranten Tauschwerth bei Euch oder vermögt Ihr Euch durchzuarbeiten, wenn unsere hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, Euch den Brotkorb der Gastfreundschaft zu hoch hängt aus obrigkeitlichen Erwägungen? Ihr habt das Glück, Euch in einem weise und streng geordneten Staate Eueres Aufenthaltes zu freuen, Gentleman.

— Ich muß sagen, wenn das Euer Ernst ist, so überrascht Ihr mich. Von all’ diesen Dingen haben mir meine Reisegenossen nichts mitgetheilt.

— Darf ich lachen, Gentleman? Euere Reisegenossen kannten vermuthlich den neuen Wirth zum tollen Junker Heinz und den neuen ehrenwerthen Polizeipräsidenten nicht. Das Alte ist vergangen, Gentleman, siehe, es ist Alles neu geworden, und bedenkliche Dinge bereiten sich vor in unserem Weltreich beider Hemisphären. Derowegen bin ich gehalten, Euch so zu fragen, wie ich’s thue, selbst auf die Gefahr hin, den Beifall eines so großen Weltreisenden, Gentleman, zu verscherzen.

— Je nun, Mann, was soll ich da sagen?

— Was man so die Wahrheit nennt, wenn’s Euch beliebt. Zu welcher Gilde gehört Ihr? Zu Nummero Eins der Reichen oder zu Nummero Zwei der armen Schlucker? Im tollen Junker Heinz haben vor Jahrtausenden schon die reichsten Leute der Welt gewohnt, Ihr braucht Euch nicht zu geniren. Kennt Ihr zum Beispiel Sir John Falstaff, Gentleman?

— Nein.

— Der ist hier die größten Summen schuldig geblieben. Seine Rechnung könnt Ihr heute noch im Schlot sehen, im Originalschlot, er wurde beim Umbau des Hauses sorgfältig verpackt und mit Brief und Siegel in’s British Museum abgeliefert. Dort steht er noch. Die größten Gelehrten aller Rassen machen dort seit tausend Jahren die umfänglichsten Studien. Ah, Sir John Falstaffs Rechnung, notabene mit doppelter Kreide, im Schlot des Wirthshauses zum tollen Junker Heinz, Gentleman, vergeßt nicht, das ist eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten im British Museum, da ist unser königlich kaiserlicher Menschengarten ein Hundestall dagegen.

— Ah das, richtig. Wo ist . . . dieser Hundestall zu sehen? Zuverlässig?

— In Kensington. Das ist eine ganze Stadt, keine kleine Anlage. Ihr könnt, gedenkt Ihr die Eintrittsgebühr von fünf Guineas zu sparen, Euch selbst dort ausstellen und fortpflanzen lassen, ich schätze Euch, nach verläßlicher Erfahrung, als einen der wohlgestaltetsten Männer in musterhafter Kondition, echte Nordika-Rasse. Ihr werdet Furore machen, mein Wort, Gentleman.

— Ich bitte Euch, ’meine Person aus dem Spiele zu lassen. Durch ernsthafte Belehrung über diesen Menschengarten würdet Ihr mich zu Dank verbinden. Setzt Euch, erzählt. Wir sind Gentlemen, nicht? Und vor einander sicher? Also erzählt!

Der Wirth strich sich mit der breiten Hand über das ganze Gesicht, schnitt eine lächerlich komische Fratze, setzte sich Grege gegenüber und begann:

— Gentleman, das ist mal so, Alles was bei uns Mensch heißt, die Polizei eingeschlossen, mit Respekt zu sagen, hat seinen Narren an diesem königlich-kaiserlichen Menschengarten gefressen, zum Ersten, weil er amüsant ist — lacht Ihr gern, Gentleman? es ist zum Wälzen, mein Wort darauf! — zum Zweiten, weil die Welt nicht seines Gleichen hat. Angelos-Idee, kein amerikanischer Humbug, Yankee-Doodle, Gott verdamm’ mich!

— Zur Sache!

Der Wirth schlug die klapperdürren Beine über einander und spuckte seitwärts an die Wand: — Gott verdamm’ mich, wenn ich nicht mitten drin bin in der Sache. Bevor ich Wirth wurde, war ich Leichenschauer, bevor ich Leichenschauer wurde, war ich . . . ich weiß nicht was, aber vorher, Gentleman, war ich einer der respektabelsten Aufseher im Königlich-Kaiserlichen, also in eben diesem Menschengarten. Das verliert sich nicht. Derohalben bleibt ein Mann meiner Kondition mittendrunterdrin, Gentleman. O, ich habe Sachen gesehen, Thatsachen . . .

— Ist das Alles? Ich danke.

— Nein, das ist noch nichts. Ich verschnaufe nur, die Erinnerung überwältigt mich. Geduld, Gentleman. Wer nicht drin war, weiß sich das nicht zusammen zu reimen. Da sind nun Gegenden in Europa mit mangelhaftem Menschenwuchs. Sehr interessante Rassen, aber sie werden schlechter und schlechter, wegen Unzulänglicher Behandlung, und endlich sterben sie aus, wie der Auerochs, wie das Einhorn, das wir noch im Wappen haben, oder wie der größte Dichter Shakespeare, der bekanntlich niemals gelebt hat. Andere Rassen kreuzen sich aus Verzweiflung oder sonst einer schlechten Laune — nicht alle Völker haben den Humor, wie wir Angelos, oder wie Ihr drüben in Nordika! — Und aus diesen Kreuzungen kommt nichts Feines. Wie also, damit wir die Rassen rein und vollzählig erhalten, in guten Exemplaren, kapabel zur Fortpflanzung, amüsant zum Ansehen und nützlich für den Staat und das Geschäft? Wir sind in Angelland, Gentleman. Wir besitzen ganz Afrika, Asien haben die verdammten Amerikanos in die hohlen Backenzähne gesteckt. Wir besitzen ganz Afrika, und nächstens, wenn wir daheim keine Revolution bekommen oder nachher, nehmen wir ganz Europa, ohne Nordika, selbstverständlich, wasmaßen die Nordikaner unsere besten Freunde sind. Aber das übrige Europa ganz, wir werden’s ausputzen, auflackiren, poliren, präsentabel machen, ertragsfähig. Ein großes Geschäft, würdig unserer Firma. Verstanden, Gentleman? Wir besitzen ganz Afrika, gut. Die schwarze Rasse ist, ehe wir dazu gekommen, ausgetilgt worden. Es giebt keinen Hottentotten mehr, leider.

— Das bezweifle ich.

— Nein, mein Wort darauf, es giebt keinen mehr, Gentleman. Nicht eine Nasespitze von einem Hottentotten, nicht soviel, daß es zu einem Beefsteak langt. Nicht einmal in unserem Menschengarten. Da sind nun in Europa noch einige brauchbare Italianos, Spaniolen, Hungaren, Bavaren, Juden — und was weiß ich.

— Teutaleute, nicht?

— Auch. Gut, Gentleman. Auch Teutaleute, sehr gut. O, das ist eine Historie, da komm’ ich sofort darauf zurück. Also wir verschaffen uns von diesen interessanten Völkerschaften auserlesene Exemplare — kein leichtes Geschäft, Gentleman, eine Tigerjagd ist nicht so schwierig und gefährlich, als einen gesunden Rassenmenschen auszuspähen und geräuschlos einzufangen, mein Wort darauf. Es giebt verdammte Hunde. Mein leiblicher Bruder ist dabei umgekommen, neulich erst . . .

Grege rückte einen Schritt zurück: — Keine Familienszenen, das wäre indiskret. Also Ihr habt die reinen Exemplare in Eurem Menschengarten, paart sie — was dann?

— Zur Fortpflanzung werden nur die Gelungensten zugelassen, und von deren Nachzucht wieder nur die Gelungensten, nach strenger Prüfung. Die mißlungenen Nachwuchsexemplare werden kastrirt.

— Das leuchtet mir ein. Und mit den Brauchbaren, die sich immer weiter vermehren, was geschieht da?

— Gut gefragt, Gentleman. Diese kommen als Setzlinge in unsere Kolonien, nach Afrika, und später, wenn wir ganz Europa haben, in ihre Originalländer, unter Aufsicht, daß sich die Geschichte nicht wieder kreuzt und verunreinigt. Bis die Menschheit vollständig umgepflanzt ist.

— Und wenn sich im Garten ein zu starker Ueberschuß ergiebt, oder wenn einzelne Paare durch Krankheit oder Tod zerrissen werden?

— Da giebt’s zu lachen, großartig, Gentleman. Reiche, vornehme Herrschaften, Damen und Herren, erlegen dem Staate hohe Werthe, dafür dürfen sie sich überzählige oder paarlose Individuen auswählen, zu sich nehmen, versteht Ihr, Gentleman? Auf bestimmte Zeit, nur so, damit es nicht wie Sklavenhandel aussieht. Wenn Wahlzeit ist, Gentleman, hui hui . . . und bei Prinzen und dergleichen Leuten auch wenn keine Wahlzeit ist, hui hui! Zu sich nehmen, auf Zeit, versteht Ihr den Humor von der Sache? Das Vergnügen an rasse-echtem Zeitvertreib? Versteht Ihr unseren Sport und seinen Witz, seinen sehr feinen Witz, Gentleman? Hui hui . . . Wir lieben die Welt, weil wir sie haben.

— Hm.

— Sehr gut, hm. Das muß man gesehen haben. Das ist eine Handvoll Guineas werth.

— Brechen zuweilen auch die Eingefangenen aus?

— Sehr selten. Liebevollste Behandlung, Komfort, nicht wahr, die Wenigsten finden’s so gut daheim. Lästig vielleicht manche Experimente, medizinische Aufsicht, Training . . . hm . . .

— Und was geschieht mit den Ausbrechern, wenn man sie erwischt?

— Nicht sehr viel, mehrmalige Auspeitschung, Tretmühle, je nach Befund. Wir Angelos sind die humanste Nation der Welt.

— Was ist sonst noch da?

— Spezialitäten für die Menschen- und Sittenforschung gelehrter Professoren und solcher Kerls. Spielarten, wie sie durch Berufs-Entartung entstehen, Agrarier aus Ostelbien, das heißt deren Nachkommen aus dem fünfundzwanzigsten Jahrhundert mit vererbten Abnormitäten, Hofprediger und als Gegensatz Hungerkünstler, aus Schullehrer-Dynastien mit einem halben Hundert Ahnen, Spiritisten, Juristen . . . seht’s Euch selbst an, Gentleman. Ueberhaupt viel zu sehen bei uns, nicht wahr? Habt Ihr unsere Schatzkammern gesehen? Unsere Lagerhäuser? Wir Angelos leben auf allen Seiten der Welt, wenn Europa auch nur unsere Rückenfront sieht. Die Leute in Europa, pflegen wir Angelos zu sagen, sehen von der ganzen Welt nur, was sie auch vom Mond sehen, stets die nämliche Seite. Wir nehmen sie von allen Seiten, wir drehen auch den Mond noch herum, mein Wort darauf, Gentleman . . . Verdammtes Regenwetter heute, man kann keinen Hund vor die Thür jagen. Ihr verliert Zeit, wenn Ihr hier hockt. Habt Ihr unsere Schiffe gesehen? Ihr glaubt wohl, wir hätten nur Blitzboote? Wir haben neben den allerneuesten Fahrzeugen auch die guten alten, offene und gedeckte Schiffe, mit Segeln und mit Panzerthürmen . . . Jetzt eilt mir’s, Gentleman.

— Noch einen Augenblick . . . Der Regen platscht fürchterlich . . .

— Die hohe Polizei, mit Respekt zu sagen, erwartet die Erklärungen, Gentleman. Worüber wir vorhin noch im Zweifel, ob Gilde eins oder zwei . . .

— Setzt Euch noch eine Minute. Ihr spieltet auf eine Historie von Teuta an, dem wunderlichen Land, vorhin. Erzählt mit das, bitte! Ich bin ein Freund komischer Geschichten, wie Ihr seht.

— Gott verdamm’ mich, Gentleman, das hätte ich wahrhaftig vergessen. Wurde da vor Wochen vom Königlich-Kaiserlichen ein sehr famoses Teutaweib erworben, von vornehmem Wesen, mit den vollkommensten Merkmalen echter Rasse, jung, intelligent, aber . . . aber . . .

— Stumpfsinnig. Ein Teutaweib! Weiter!

— Nicht stumpfsinnig, aber auch nicht vollsinnig.

— Also verrückt!

— Nein, Gentleman, Ihr rathet schlecht. Blind.

— Blind?

— Wie ich sage. Eine Blindschleiche kann nicht blinder sein.

Grege fixirte den Erzähler, ohne sich zu rühren, mit kalter Sachlichkeit.

— Ihr denkt, ich binde Euch einen Bären auf, Gentleman. Ich kann’s nicht so nobel geben. Ich diene Euch mit Wahrheit, die ist billiger.

— Nicht so. Ich lege mir nur die Frage vor: Was wollen die guten Leute mit einem blinden Weibe?

— Gentleman, ich lege Euch die Frage vor: Was wollen die Menschen mit blinder Liebe? Ist Blindheit immer ein Nachtheil? Die blinde Person war sehr werthvoll. Unerachtet ihrer Blindheit konnte sie in die Tinte blicken.

— Was konnte sie?

— In die Tinte blicken, die Zukunft errathen. Sie war eine Seherin . . . Ich mache mir meine Gedanken, vielleicht ließ man sie gerade darum laufen. Sie wird unheimliche Dinge gesehen haben, vom Sturz der Welt. Es ist nicht immer gut, Alles vorher zu wissen. Lieber selbst Alles über den Haufen werfen, heute, als zu wissen, daß es morgen Andere thun und man kann’s nicht hindern. Blind drauflos ist eine gute Sache, Gentleman. Es ist eine kritische Zeit. Derohalben, es ist so mein Gedanke, ließ man das Frauenzimmer wieder auf Teuta los. Dort kann sie Schlimmes prophezeien, so viel sie will, und Unheil anrichten. Wir pfeifen auf fremdes Unglück, wenn wir nicht damit spekuliren. Die Teutaleute verstellen sich, wißt Ihr, Gentleman, das sind verfluchte Halunken. Schließlich verrathen sie sich gegenseitig, wie dieser rundköpfige Kretin. Was meint Ihr, Gentleman?

— Alles ist Geschäft . . . Bitte, fahrt fort. Vom rundköpfigen Kretin.

— Sehr gut, Gentleman, Ihr seid ein großer Gelehrter, Ihr kennt die Welt. Die ganze Weltgeschichte ist ein Geschäft. Ihr versteht mich, Ihr seid ein geriebener Kopf, Ihr verdientet ein Angelo zu sein. Ich seh’s an Euren Augen, Ihr habt viel erlebt.

— Keine Anzüglichkeiten, bitte. Uebrigens könnt Ihr Recht haben.

— Hab’ ich, Gentleman. Euer Wille geschehe. Was wollt’ ich sagen? Das Komische an der Historie ist etwas Anderes. Erstens, daß das Weib von ihrem eigenen Liebhaber, einem rundköpfigen Kretin, dem Königlich-Kaiserlichen in die Hand gespielt worden ist. Ein starkes Stück, nicht wahr, Gentleman? Zweitens, daß die Königlich-Kaiserliche das Geschäft nicht aufrecht erhalten konnte, sie mußte die Waare wieder herausgeben.

— An den schuftigen Liebhaber? In der That ein komischer Fall.

— Wieder schlecht gerathen, Gentleman. An Teuta selbst. Auf diplomatische Einmischung. Die Diplomatie von Teuta kam dem Liebhaber auf die Schliche. Das Weib war eine Staatsperson und stand offenbar auch mit einem jungen Diplomaten des Landes in zarten Beziehungen. Der Rundkopf, der sich weniger begünstigt glaubte, suchte sich mit einem guten Geschäft zu revanchiren. So mag’s wenigstens sein. Der junge Diplomat zerschlug den Handel und brachte seinen Schatz wieder heim. Versprach dafür dem Königlich-Kaiserlichen gelegentlich zur Entschädigung selbst etwas Geeigneteres zu liefern. Aber die lachhafteste Seite der Sache, Gentleman, die errathet Ihr auch nicht. Ganz Angelland wälzte sich acht Tage lang in diesem Spaß, trotz der ernsten Zeiten. Wahrhaftig, die Zeiten sind ernst, auch ohne den neuen Polizeipräsidenten. Wir werden nächstens nun doch mit den Amerikanos zusammen ein Hühnchen pflücken und ihnen ein Pflaster in die Visage kleben müssen, Gentleman.

— Nun, die lachhafteste Seite? Kommt zu Ende!

— Ja so. Gut. Der junge Diplomat erklärte, Teuta werde den Angelos den Krieg erklären, wenn sich die Rückgabe des Teutaweibes nicht schleunigst abwickelt. Krieg mit Teuta, Gentleman, seht Ihr das Bild? Teuta gegen Angelland! Ja, die Zeiten sind lachhaft in ihrem Ernst. Wie gefällt Euch die Historie?

— Sie ist köstlich. Wißt Ihr nicht den Namen des Weibes? fragte Grege etwas dringender.

— Natürlich. Alles hat Spottlieder darauf gesungen. Zala hieß es, Gentleman.

— Jala, vielleicht Jala, besinnt Euch.

— Diesmal mögt Ihr Recht haben, Gentleman. Uebrigens Zala oder Jala, das ändert nichts am Spaß.

— Wahrhaftig nicht.

Grege erhob sich, rieb sich mit etwas krampfhafter Lustigkeit die Hände: — Ich dank’ Euch für die feine Geschichte. Man kann daraus lernen. Sie hat mir ordentlich Appetit gemacht.

— Wonach, Gentleman? Die Küche steht Euch zu Diensten. Oder ein Glas Punsch oder . . .

— So nicht, nein. Appetit nach dem kriegerischen Teuta. Das möcht’ ich mir nun doch einmal besehen, so schnell als möglich.

— Gut, Gentleman. Doch versäumt nicht, Euch zuvor unser Land gut anzusehen, dann findet Ihr in Teuta noch mehr zu Eurer Heiterkeit. Ihr bedürft der Aufheiterung, glaubt mir, fehlt Euch etwas? Leidet Ihr an kalten Füßen? Ich meine nur, Gentleman, Ihr habt einen erregbaren Kopf. Oder an Nachtschweiß? Ich bitte um Vergebung. Gewiß, Gentleman, Ihr bedürft meiner medizinischen Kenntnisse nicht, ich bin zwar Leichenschauer gewesen und mein letztes Weib selig Leichenfrau, aber Ihr seid gesund wie ein Lachs. Unsere sozialen Einrichtungen sind sehenswerth. Wir haben auch eine sehr interessante königlich-kaiserliche Familie, zahlreich wie sämtliche Patriarchen des Orients, und mit einem Hof, wo die urältesten Zeremonien gemacht werden. Ich empfehle Euch das, Ihr werdet’s mir danken, es ist ungeheuer sehenswerth. Wir salben Könige, die nichts zu thun brauchen, als sich salben zu lassen, um dann in Majestät und Ruhe eine unglaubliche Zivilliste zu verzehren und uns mit ihrem Anblick zu erfreuen. Alles Uebrige besorgen wir selbst. Die Einrichtung ist bewährt. Eine Sache ist gut, so lange man dran glaubt oder Andere zu unserem Nutzen dran glauben. Wir haben viele Völkerschaften, die dran glauben. Also sind unsere Könige so nützlich wie unsere oberste Kaiserin. Und es ist immer ein schönes Bild.

— Könnt Ihr mir nicht behilflich sein, daß ich Fahrgelegenheit nach Teuta finde?

— Sehr wohl, Gentleman. Aber erst unsere Sache mit der hohen Polizei, mit Respekt zu sagen. Zu welcher Gilde gehörig soll ich Euch melden?

— Gilde? Zunft? Zur Schelmen-Zunft!

— Ausgezeichnet, Gentleman. Ihr seid ein Witzbold.

— Und Euer Name?

— Drachenschiff!

— Hui! Ihr versteht die Polizei zu bedienen, mit Respekt zu sagen. Und tragt Ihr Werthe bei Euch, Legitimationen? Wißt, die Weltlage ist kritisch, und der Polizeipräsident ist neu und der mächtigste Mann im Rath.

Grege hob die beiden Schriften auf und warf sie auf den Tisch, Zarathustra und Jesus Sirach: — Hier, Wirth von der Schelmenzunft der tollen Junker, meine Familienpapiere!

— Sehr gut, Gentleman, das genügt. Genügt’s nicht, kann’s Euch den Hals kosten. Aber was geht mich Euer Hals an? Ich eile, die Polizei zu befriedigen, mit Respekt zu sagen.

— Und vergeßt mir die Fahrgelegenheit nicht!

— Bei Sir John Falstaffs Andenken, hier wird nichts vergessen, Gentleman. Gottbei!

Der Wirth entfernte sich, sein hohes, schlotteriges Knochengestell in dem schwarzen Futteral mit der komischen Fratze gebückt durch die niedrige Thür schiebend.

Grege warf sich auf’s Lager und wand sich in Krämpfen wie ein Epileptiker. Es ging vorüber. Der letzte Gram war abgeschüttelt.

Er sah in den Spiegel und grüßte ein fremdes Gesicht. Teufel!

Tage lang ließ die Fahrgelegenheit auf sich warten. Das zwang ihn, zu wandern, die Kreuz und Quer, in Unrast seine kritischen Speere schleudernd auf Alles, was ihm begegnete. Daß hier Alles in’s Titanenhafte, Kolossale getrieben war, selbst das Niedrige, Gemeine, Widersinnige, Tyrannische war das Besondere, was ihm neu und sympathisch erschien. Und in Alles hinein schlug die See, das Weltmeer. In den Augen der unbeirrte Blick auf fernste Horizonte, Nacht und Nebel durchbohrend. Aus jeder Tasse Thee hört man die Brandung aus der Weltweite ferner, reicher Inseln. Die Menschen wie verkürzte Mastbäume. Ein Seevolk! Wer die See hat, hält die Welt, hält das gewaltige Leben in seiner Faust. Grege ging dieser Gedanke auf Schritt und Tritt nach. Der Stempel des Weltbeherrscher-Bewußtseins schlug ihm überall prahlerisch entgegen, selbst in der Verzerrung ein an sich wundervoller Trieb zur Größe. Die Wuth auf die Amerikaner, die sogar in deren Nachäffung Orgien feierte, erquickte ihn. Hasseskraft, das war das Ehrfürchtigste, was er an den Angelos zu rühmen lernte, und ein dämonischer Humor, der jeder Verzweiflung Herr wird, schöpferischer Haß, weltüberwindender Humor des Alleinherrschenwollenden, dem der Eroberungsfanatismus zum sechsten Sinn geworden.

Das Allermerkwürdigste dünkte ihm — und das war vielleicht der Schlüssel, sich Angellands räthselhafte Macht zu erklären: Alles Alte war lebendig erhalten und in lenzfrischem Saftgang mit dem Neuen. Alles Gegenwärtige schien gewachsen wie aus einem einzigen Wurzelkomplex, der bis in den tiefsten Boden der Vergangenheit reichte, mit vielen jüngeren, üppig genährten Seitenwurzeln. Der kleine Erdzipfel Europa war den Angelos nur ein Nebending, das sie nur als einer ihrer künftigen Stützpunkte kümmerte. Ihr Reich war die Welt, nicht das Bischen europäische Scholle. Wo ein Angelo lebte, zu Wasser und zu Land, da pflanzte er seine wuchtige Eigenart auf und formte es rücksichtslos zu seiner Heimath. So ward er überall der Herrscher, und saß überall auf seinem Eigenen, und pflückte überall die Freuden der Heimath . . .

Was es an öffentlichen Einrichtungen zu besehen gab, die ganze Fülle der Gesichte eines in’s Riesige entwickelten Volkslebens, nahm Grege mit, dem königlich kaiserlichen Menschengarten allein ging er aus dem Wege. Er wußte genug davon. Und er wollte keine Gefühle zwecklos verpuffen . . .

Alles zusammengerafft zu einem Vorstoß, nach einem Ziel: Teuta! Kalte Ueberlegung. Keine Vergeudung der Thatkraft durch Exzesse des Temperaments . . .

In Teuta — klingt’s nicht wie ein Märchen? — hat bereits Einer den Kopf zu erheben und den Angelos mit Fehde zu drohen gewagt? Um Jalas willen? Und dieser Eine . . . war nicht Grege?

Teufel!

Und hieß der Teufel Soundso, was ging ihn das Weib an?

Zweifellos, den ganzen Vorgang diplomatisch angesehen, handelte sich’s um mehr, als um das Weib. Das Weib war nur Deckblatt, um die Leidenschaft zu entflammen. Aus dem entfachten Brand waren dann ganz andere Dinge zu holen.

Grege grübelte sich allerlei neue Zusammenhänge in das Jala-Abenteuer. Wer war der rundköpfige Kretin, dessen Namen der Wirth nicht wußte oder nicht sagen wollte?

Aber die letzte große That war allein entscheidend. Die wartete auf ihn. Das fühlte er. Welche That? Festzustellen in’s Einzelne vermochte er sie nicht. Er sah sie vor sich wie einen rothen Kern, der immer glühender wurde, eingehüllt in einen dicht geballten schwarzen Nebel. Wenn die Stunde gekommen, mußte der glühende Kern die Nebelhülle sprengen, und Alles stand im großen, freien Licht, sonnenklar. Das war die leuchtende That, aus dem Dunkel geboren. Die Offenbarung des Geheimnisses, das sein Leben in sich trug, die Wiederbelebung einer großen Vergangenheit, die Neugeburt der königlichen Seele . . .

Er schüttelte den Kopf. In der ungeheuren Wirklichkeit Angellands verflog plötzlich alle Mystik. Grege knirschte: — Ganz Teuta auf Schiffe packen und hinaus! Es zwingen, auf Seeschlangen durch das Weltmeer zu reiten, wie die urgermanischen Vorfahren im Norden . . .

Wer lacht so grell?

Teufel!

 


Ao war halbtodt. Er war, um seine Glieder ein wenig an die Bewegung in freier Luft zu gewöhnen und auf die Mühsal des Festzuges vorzubereiten, ein Stündchen in der Oberwelt gewesen, gegen Abend, und hatte eine ganz kleine Strecke der unendlichen Feststraße in Begleitung der Aeltesten vom Festbund abgeschritten, richtiger, abgewatschelt. Das hohe Amt verlangte dieses Opfer. Nach Aos Gefühl war’s ja einfach menschenunwürdig, überhaupt sich in der Oberwelt zu bewegen. Er haßte die freie Luft. Er konnte sie nicht riechen. Und erst das freie Licht! Giebt’s etwas Brutaleres als freie Luft und freies Licht, etwas Undisziplinirteres? Was nahm sich das natürliche Licht nicht für Frechheiten heraus, trotz der Abendstunde, trotz der späten, herbstkündenden Jahreszeit! Der Wolkenhimmel gegen Westen ein lodernder Feuerberg, der letzte Sonnenstrahl noch ein brennender Stachel mit Widerhaken, einem das Auge aus dem Kopf zu reißen!

Dieser feurige Unfug konnte nichts Gutes bedeuten.

Freilich, die Aeltesten vom Festbunde jubelten, das Wetter werde nach einer solchen Abendröthe prachtvoll werden und das Fest und sein feierliches Gepränge in nie gesehenem Glanze erstrahlen lassen.

— Nein, rief Ao, diese späte Hitze wird uns bös zusetzen. Der halbe Zug wird auf dem Wege liegen bleiben, Weiber und Kinder wird man nicht mehr vom Flecke bringen, die Springer und Tänzer werden toll werden oder wie Fliegen umfallen, die heiligen Stationen am Gotteshaus, am Museum, an der Kaserne werden mit kranken Nachzüglern und Invaliden sich füllen, kurz, es wird ein unerträglicher Skandal sein.

Und das Alles komme davon, daß man das Fest zum dritten Mal verschoben, diesem überspannten Soundso zu lieb, statt es für dieses Jahr ausfallen zu lassen. Dem Volk von Teuta hätte man diese Probe auf seine Geduld und Ergebung in den Willen des hohen Rathes ganz gut auferlegen dürfen. Es habe an seinem stillen Glück ohnehin Vergnügen genug und bedürfe eigentlich nicht des festlichen Lärmes, wenigstens nicht jedes Jahr. Und bis zum nächsten Jahre hätte der sinnreiche Soundso Zeit gehabt, noch mehr Ueberraschungen auszuhecken. Uebrigens, im Vertrauen gesagt, sei es nicht einmal der Beruf des jungen Diplomaten, sich in diese Dinge zu mischen und dem Volk von Teuta mit Ueberraschungen zu imponiren. Das sei auch ein Zeichen der Zeit, daß sich der Geist der Jugend überhebe und auf allerlei ungewöhnliche „Effekte“ sinne. Ein gediegenes Staatsleben, wie das unseres Teutavolkes, könne wohl auf diesen Luxus verzichten. Und im Sinne des göttlichen Uebermenschen Zarathustra und des großen Mysteriums unserer Nationalgottheit ließen sich diese Dinge kaum rechtfertigen.

Diese weihevollen Klagen und Anklagen kümmerten leider die Aeltesten vom Festbunde wenig. Ao mußte, nachdem er die kurze Strecke gegangen, sich in einer Sänfte noch in’s Gotteshaus und in’s Museum schleppen lassen, um sich durch den Augenschein von den Erneuerungen zu überzeugen und oberpriesterlich zu bestätigen, daß Alles in schönster Ordnung. Das Gotteshaus und das Museum lagen an entgegengesetzten Punkten der bald zickzack-, bald schlangenförmigen Feststraße an den Abhängen der uralten grauen Schuttberge, mit breiten Freitreppen, und da, wo die Feststraße in einer großen Spirale endigte, stand auf einem, die anderen um Weniges überragenden Schuttberge das Königsschloß, auf dessen Terrasse der Schlußaktus der Feier mit einer grotesken Parodie auf das antike Herrscherthum gespielt wurde. Das festlich erregte Volk lagerte sich dann in weitem Umkreise auf die Abhänge der Schuttberge, auf Freitreppen und Terrassen und erlabte sich unter Gejohle an der von dem Festkönige Grege improvisirten Verspottungs-Komödie, die in Reden, Geberden und Tänzen bestand, parodirend nachgeahmt den alten Hof-Zeremonien der Majestätsperiode früherer Jahrtausende.

So war es immer, und so sollte es auch diesmal sein, nur mit dem geheimgehaltenen Unterschied, daß jetzt Soundso’sche Automaten die lebendigen Figuren ersetzten. Nur die Schlußnummer mußte wegfallen, weil sie für einen Automaten zu gefährlich war und leicht zu seiner Entlarvung führen könnte. Sie bestand in der Hauptsache darin, daß der Festkönig sich die Krone vom Haupte nehmen und in dieselbe, die Reihen der in der Spirale stehenden Festgenossen abschreitend, die Trinkgelder — alten Münzen nachgeahmte Spielmarken — einsammeln mußte für seine gelungene Arbeit, und mit den Trinkgeldern bekam er zugleich die tollsten Stichelreden . . . Statt dieser Scene hatte Soundso eine groteske Tanznummer zugebilligt erhalten, für welche er die grandioseste Ueberraschung versprach, wenn man ihm Zeit zu deren Durchführung lasse und das Fest noch um eine Woche verschiebe. Soundso setzte seinen Willen im hohen Rathe durch, nachdem er die Aeltesten vom Festbunde für seinen Plan gewonnen hatte. Was setzte er nicht durch? Die Hauptrolle bei diesem Tanze sollte eine der merkwürdigsten Tanzkünstlerinnen spielen, deren Namen er noch geheimhalte, und das Volk würde dabei das Schauspiel einer bis — zur Nacktheit verhüllten wunderschönen Frau haben, einer Frau, die nicht einmal mit eigenen Augen sehe, was sie dem begeisterten Teutavolke biete, so daß auch die naivste Keuschheit keinerlei Anstoß nehmen könne . . .

Ao schüttelte ächzend den Kopf, als ihm die Aeltesten vom Festbunde diesen Plan Soundsos mit beredtem Munde priesen, während die Sänftenträger die oberpriesterliche Leibeslast im Schweiße des Angesichtes zum Gotteshause emporschleppten. Das Gotteshaus war, wie die übrigen Baudenkmäler der versunkenen Kulturepochen, wie das Museum, die Kaserne, das Zuchthaus u. s. w., in verjüngtem Maßstabe nach berühmten antiken Mustern erbaut. Jedes Jahr waren Reparaturen nöthig, von deren Güte sich der Oberpriester oder ein Anderer vom hohen Rath persönlich überzeugen mußte.

Als Ao das Gotteshaus betrat, war gerade die heilige Kommission damit beschäftigt, die Reliquien Zarathustras auf ihre Unversehrtheit zu prüfen und die Orgel spielen zu lassen. Die heilige Kommission begrüßte den Oberpriester ehrfurchtsvoll und lud ihn ein, die Prüfung mit seiner persönlichen Theilnahme zu beehren. Nachdem der Heiligthumsschrein mit sieben Schlüsseln geöffnet war, stellte die Kommission fest, daß die Siegel, welche der seidenen Umhüllung der Reliquien im vorigen Jahr von Staatswegen aufgedrückt worden waren, unverletzt seien. Dann wurden die Heiligthümer einzeln der Umhüllung entnommen und dem Oberpriester gezeigt: zuerst das Gewand der Mutter Zarathustras, hernach der ungenähte Rock des Vaters Zarathustras, endlich die Windeln und das Lendentuch Zarathustra’s selbst. Ao fand, daß die Sachen in Anbetracht ihres hohen Alters einen merkwürdig frischen Geruch bewahrt hätten, und gar nicht moderig dufteten. Worauf ihm die heilige Kommission lächelnd erwiderte, das käme erstens vom spezifischen Heiligkeitscharakter der Gegenstände, zweitens von der vorzüglichen irdischen Qualität der in jenen Zeiten verarbeiteten Rohstoffe, drittens von einem patentirten, diskret verwendeten Reliquien-Mottenpulver, dessen man selbst bei dem wirkungsvollsten Mysterium dieser Art nicht ganz entrathen könne.

Hierauf wurden die Heiligthümer auf die Galerie des Thurmes getragen, um von dort herab beim Zarathustrafeste dem gläubigen Teutavolke gezeigt zu werden. Wunder haben sich dabei niemals ereignet. Das Volk erwartete auch keine, es hatte an seiner objektiven Gläubigkeit vollkommen genug. Die religiösen Gefühle waren Privatsache, wie schließlich auch Glaube oder Nichtglaube.

Diese und andere Vorübungen für das Gelingen des Festes waren beendigt . . . und Ao war halbtodt vor Anstrengung.

Wenn ihn nur heute noch die Welt in Ruhe ließe, damit er sich bis morgen von den Strapazen erholen könnte.

Aber die Welt ließ ihn nicht in Ruhe. Und die Welt hieß Soundso.

Athemlos flog der Diplomat herein: — Hoheit, sie will nicht.

— Wer will nicht?

— Jala.

— Der Automat Jala?

— Jala in Person, Hoheit.

— Hast Du sie denn?

— Seit vorgestern! Tiefstes Staatsgeheimniß!

— Schweig, mich trifft der Schlag . . .

Ao versank zu einem runden Klumpen in die seidenen Polster.

Der hohe Rath wurde herbeigerufen.

Soundso erlebte nicht die erwartete Genugthuung. Die Hoheiten nahmen sich heraus, seine Eigenmächtigkeit zu tadeln. Er erbot sich, Jala sofort persönlich vorzustellen, damit sie den Hergang ihrer Befreiung aus fremden Tyrannenhänden schildere. Das fehle noch, daß ihm seine That im Interesse des Staates zum Vorwurfe gemacht werde, Undank habe seither nicht zu den Fehlern des Teutavolkes und seiner Regierenden gehört.

Darauf wurde erwidert, daß das ganze Jala-Abenteuer den hohen Rath überhaupt nicht kümmere. Ja, hätte Soundso statt der übelberathenen Frauensperson den Verführer Grege eingeliefert, das wäre etwas Anderes gewesen. Jala besitze nicht die Qualität, den hohen Rath zu interessiren, bestätigte Bim.

Der Automat des galanten Minus träumte schweigend hinter einem Schirm in der Ecke. Der Fall Jala war in seinem Maschinen-Herzen nicht vorgesehen. In seinem Sprechapparat hatte der süße Name keine Stelle.

Soundso ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Abgesehen davon, daß sie in der Schlußnummer des Festes hervorragend beschäftigt sei und zum Theil den Grege — diesen jetzt geradezu staatsgefährlichen Menschen — ersetzen müsse, da man dem Automaten gewisse Verrichtungen nicht anvertrauen könne, gebe Jala wichtige Anhaltspunkte, die schließlich doch noch auf die Spur des ehrlosen Flüchtlings leiten müßten.

— Wichtige Anhaltspunkte! höhnte Kaspe. Grege hat das verliebte Frauenzimmer aus den heiligen Bezirken der Frauenstadt fortgelockt, um die Thörin unterwegs sitzen zu lassen. Großartiger Aufschluß!

Daran den Flüchtling Grege fassen zu wollen, komme ihm vor, als wolle man nach dem Schweif eines verschwundenen Kometen greifen.

Worauf Soundso kühl erwiderte, wenn es ihm gelüste, diesen Griff zu thun, werde er nicht mit leeren Händen vor dem hohen Rath erscheinen. Er wolle sich übrigens gern verpflichten, zu einer kleinen intimen Nachfeier des unter so außerordentlichen Umständen ermöglichten Nationalfestes den biederen Onkel Grege herbeizuschaffen, in Ketten und Banden, wenn der hohe Rath seinen Einfluß aufbiete, die widerspänstige Jala willfährig zu machen. Es sei dies ganz einfach eine Frage der staatlichen Autorität. Soll diese von der Halsstarrigkeit der Tänzerin mit Füßen getreten werden? Er, Soundso, wasche seine Hände in Unschuld.

Das wirkte.

— Gut, piepste Kaspe. Ich ersuche Hoheit Ao zu befehlen, daß uns die Tänzerin sofort vorgeführt werde.

Ao ertheilte den Befehl. Jala war im Museum in sicherem Gewahrsam.

Soundso flog ab, um zuvor noch den Grege-Automaten herzubringen. Es sollte eine kleine Seelenfolter angewendet werden. Automat Grege, das war Soundsos plötzliche Idee, müsse auf Befragen bejahen, daß er soeben eingefangen und hierher geschleppt worden sei, um schwere Strafe zu erleiden, wenn Jala sich nicht dem Willen des hohen Rathes unterwerfe.

Inzwischen ließ sich der Vertreter des Slavakos, zur Nationalfeier eingeladen, bei dem Oberpriester zur Begrüßung melden.

Ao erklärte, daß wichtige Staatsgeschäfte ihn verhinderten, den Mann zu empfangen, er ließe für den Gruß danken und erwidere ihn.

So ließ sich jedoch der Mann nicht abspeisen. Er schickte die mißmuthige Antwort herein, daß es dem obersten Beamten des Teutastaates erwünscht sein müsse, ihn unter allen Umständen zu sehen, da es sich nicht bloß um eine förmliche Begrüßung, sondern zugleich um eine wichtige diplomatische Unterredung in Staatsangelegenheiten, wenigstens aber um eine klärende Vorbesprechung handle, an deren gutem Erfolg die Teutaleute ein stärkeres Interesse zu nehmen hätten, als die Slavakos.

— Ich weiß, belehrte Titschi den Oberpriester, daß die Ernte mager ausgefallen ist und die Slavakos uns härtere Bedingungen stellen wollen.

— Ich kann und mag nicht, kreischte der Oberpriester. Ich wette, das hat uns auch wieder dieser . . . vortreffliche Soundso angezettelt. Wir können jetzt keine fremden Zeugen im hohen Rathe brauchen. Der Mann muß sich gedulden bis nach dem Feste. Ich muß mich auch gedulden.

— Ueberdies hab’ ich jetzt die Register nicht zur Hand, fügte Bim mit selbstbewußter Miene bei.

Titschi lächelte wie Einer, dem’s Spaß macht, wenn eine Geschichte verkehrt angefaßt wird oder ein Hungriger einen versalzten Brei vorgesetzt erhält.

Erhitzt fuhr Soundso herein, mit seinem schwarzverhüllten Grege-Wundermechanismus, und stellte ihn neben den Minus-Automaten in die Ecke, Gesicht gegen Gesicht.

Der Vorhang ging zurück. Eine hohe Frauengestalt trat einen Schritt vor und blieb im Halblicht vor dem versammelten hohen Rathe stehen, hinter ihr verhuschten zwei Führer. Nie hatte ein Frauenfuß diesen der obersten Staatsleitung geweihten Raum betreten.

Es war ein Ereigniß.

Alle schwiegen. Soundso drückte einen Knopf. Der große, zeltartige Saal erschimmerte in goldenem Licht.

— Sie ist fürwahr sehr schön, flüsterte Titschi dem Oberpriester zu.

Die hohen Räthe verständigten sich durch Mienenspiel, daß der Oberrichter Kaspe das Wort führen solle. Soundso nahm zwischen seinen Automaten Minus und Grege Platz, in gespannter Erwartung.

Kaspe begann zu piepsen: — Wir wollen’s kurz machen, Hoheiten. Du bist Jala?

Aller Blicke hingen am Gesicht der Gefragten. Mit geschlossenen Augen stand sie da, im vollen Licht, hoch aufgerichtet in edler Schlankheit, unbewegt wie eine Statue, stolz und bescheiden, herb und ergeben, über ihre Züge ein Geist ergossen, der aus einer höheren Sphäre stammte, aus dem Jenseits des All-Wissens aus Leid und Liebe und Glückesverzicht.

Bim machte in selbstgefälligem Entdeckerdrang für sich die Beobachtung, daß eine gewisse Linie des Leibes und ein gewisser Zug im Gesicht Jalas geheime Mutterschaft verrathe.

— Du bist Jala? wiederholte der Oberrichter.

— Ihr wißt es.

Die Stimme klang wie tiefer zitternder Geigenton.

— Du sollst am Zarathustratage tanzen und willst nicht?

— Ihr wißt es.

Der Ton klang fester.

— Was bestimmt Dich dazu, Dich der Zarathustrafeier zu verweigern? Hat Dich Grege das geheißen?

Jala schwieg. Der Name Grege schien sie zu erregen, daß es wie leises Beben über ihren Leib lief. Ihr linker Fuß rutschte ein wenig vor, also daß die Sandalenspitze unter dem Saum des lichtgrauen Gewandes hervorkam.

— Was sagt Grege dazu? rief Kaspe.

Soundso fuhr mit dem Kopfe auf und nickte dem Frager aufmunternd zu.

— Wenn Grege Dich Deiner Pflicht gemahnte, würdest Du die Antwort finden, Schweigsame?

Pause.

— Grege ist nicht ferne, Jala! Warum sprichst Du nicht?

Da öffnete Jala zögernd die Lippen und sprach leise: — Was in ihm ist, ist zugleich außer ihm.

— Das ist uns keine Antwort. Wirst Du tanzen, wenn Grege beim Feste erscheint und gewissenhaft seine Schuldigkeit thut, wie er sie sonst gethan?

Jala durchzuckte es schmerzlich. Fest preßte sie die Lippen aufeinander, daß kein Laut der Klage ihre Seele verrathe.

Der Oberrichter fuhr fort: — Wenn Du seine Stimme vernimmst und seine Hand die Deinige berührt, vor allem Volk? Wenn der Uebermensch in des Wiedersehens Seligkeit Dich an seine Brust zieht?

Soundsos Finger erzitterte über der Klaviatur in seines Grege-Automaten Brust. Ein Wort von Grege jetzt — und Alles war gewonnen . . . oder verloren. Soundso zog schnell die Hand zurück und fühlte nach der Brust des Automaten Minus, indem er den Finger durch eine handgroße Oeffnung im Rücken auf die Sprechmaschine des Oberlehrers legte. Mit der andern Hand winkte er dem Oberrichter ab, um selbst das Wort zu nehmen:

— Hoheiten, ersucht unseren Freund Minus, daß er zunächst selbst für Grege, seinen einstigen Schüler, eine Bitte an Jala richte!

— Hoheit Minus, sprich in Greges Namen!

Der Automat sprach sofort mit täuschender Eindringlichkeit: — Was Du thust, bedenke des Volkes Wohl, das Dein eigenes ist.

Jala wendete den Kopf ein wenig nach der Seite, woher die Stimme kam, prüfend. Sie hob langsam die Hand und legte sie an die Stirn.

— Hast Du gehört, Jala? fragte Kaspe.

Nach einem Augenblicke des Sinnens antwortete Jala: — Ich habe eine Stimme gehört, aber ich fühle sie nicht.

Soundso erbleichte, aber er rief sofort, mit gewohnter Schlagfertigkeit:

— Ihr habt’s vernommen, Hoheiten, Jala hat kein Gefühl für des Volkes Wohl, also auch kein Gefühl für ihr eigenes. So wird dem hohen Rathe nichts übrig bleiben, als zu beschließen, daß Grege dem Feste ferngehalten werde, und als Flüchtling seine Strafe erleide. Grege werde der Abtheilung der Verbrecher gegen die Staatsgesetze eingereiht, daß er auf der Schwelle des Zuchthauses dem festlichen Volke schimpfliche Abbitte leiste. Dies mein Antrag!

Und sofort fügte Soundso das äußerste Wagniß bei. Er öffnete seinem Grege-Automaten den Mund, daß die weich und volltönenden Worte unter der Hülle wie aus geheimnißvoller Ferne und doch in der Nähe erklangen: — Meine Brüder, seht, ich lehrte Euch den Uebermenschen, was fordert Ihr noch?

Titschi begriff die Gefahr des Augenblicks und rief mit starker spitziger Stimme: — Schweig! Ich verwahre mich dagegen, daß Grege hier zum Worte zugelassen wird. Er soll seine Beschwörungsformeln bis morgen versparen, wo er dem Volke Rechenschaft zu geben hat. Ihr seht, daß es selbst Jalas, seiner Mitschuldigen, Verlangen ist, daß die Gerechtigkeit gegen Beide ihren Lauf nehme.