Andere Ermordungen während der bayrischen Räterepublik

Max Weinberger war während der Räterepublik Stadtkommandant von München. Er wurde beschuldigt, an Bürgerliche, insbesondere an die Thulegesellschaft, Waffen und Passierscheine ausgegeben zu haben. (Aussage im Geiselmordprozeß, 8. September.) Er wurde abgesetzt und in der Polizeidirektion eingesperrt. Eines Nachts wurde er in einem Auto fortgeführt. Das Auto wurde von einem Unbekannten zum Halten gebracht. Weinberger wurde erschossen. Seine Leiche wurde erst Ende Mai im Englischen Garten gefunden. Der Fall blieb völlig unaufgeklärt.

In Miesbach tagte während der bayrischen Räterepublik ein Revolutionsgericht, um gegen Diebe und Plünderer vorzugehen. Vorsitzender war der Werkführer Richard Käs aus Mochenwangen. Beisitzer waren die Mitglieder des dortigen Aktionsausschusses, der Heizer Josef Mühlbauer aus Hofleiten, der Bergmann Michael Vogl aus Prien; Anklagevertreter der Stadtkommandant Radl. Da Käs sich in Gerichtssachen als Laie fühlte, erbat er sich Aufschluß bei dem dortigen Oberamtsrichter Dollacker, der sich auch bei einer Verhandlung beteiligte. Als Protokollführer im Falle Lacher diente der Oberamtsgerichtssekretär Bruckmeyer.

In der Nacht vom 24. auf den 25. April 1919 kam der Rotgardist Ernst Lacher aus München, der schon vorher bei der roten Armee in Miesbach als stellvertretender Kommandant tätig war, mit Mannschaften, Maschinengewehren und Minenwerfern in einem Sonderzug nach Miesbach, um angeblich mit Ermächtigung des Oberkommandanten Eglhofer die in Miesbach stehenden Truppen wegen andauernder Ausschreitungen abzulösen und die Stelle eines Stadtkommandanten zu übernehmen. Das Unternehmen Lachers mißglückte und er wurde festgenommen.

Der Prokurist Georg Graf aus Zigelbarden, der beim Oberkommando der Münchener Räteregierung Chef der geheimen Militärpolizei war, war während dieser Zeit in Miesbach und forderte in den nach dem mißlungenen Unternehmen gehaltenen Sitzungen des Exekutivkomitees, daß Lacher erschossen werde und beantwortete auch nach seiner Rückkehr nach München die an ihn gerichteten Anfragen in diesem Sinne. Graf war im Felde verschüttet gewesen, hatte sich in einer Nervenheilanstalt befunden und war Morphinist. Am 27. April 1919 wurde Lacher unter dem Druck der wütenden Rotgardisten zum Tode verurteilt und das Urteil vollstreckt.

Am 13. Januar 1920 begann vor dem Volksgericht in München 2 der Prozeß gegen Graf und Genossen. Das Urteil für Graf lautete wegen Verbrechens der Beihilfe zum Hochverrat auf zwölf Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust, Käs, Mühlbauer und Vogl wurden wegen je eines Verbrechens der Beihilfe zum Mord in Tateinheit mit Beihilfe zum Hochverrat zu je sechs, bzw. 3-1/2 bzw. vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Dollacker und Bruckmeyer, die behaupteten unter dem Druck der Rotgardisten gehandelt zu haben, wurden überhaupt nicht angeklagt. (»Münchener Neueste Nachrichten«, 14., 15., 16. Januar 1920.) Acht Mitglieder des Aktionsausschusses waren schon früher zu Festungsstrafen von einem Jahr drei Monate bis zu zwei Jahren verurteilt worden.

Der Stadtkommandant und Anklagevertreter Radl wurde nach dem Sturz der Räterepublik standrechtlich erschossen.

Den weiteren Nachforschungen der Polizei gelang es dann, die Namen der neun an der Erschießung beteiligten Rotgardisten zu ermitteln. Davon sind zwei tot, zwei unauffindbar. Gegen die übrigen fünf hat am 21. Februar 1922 der Prozeß stattgefunden. Sie behaupteten, sie seien von ihren dienstlichen Vorgesetzten zur Vollstreckung aufgefordert worden und seien von der Rechtmäßigkeit des Urteils überzeugt gewesen. Dies ist nicht unglaubwürdig. Denn man wußte damals in Südbayern nichts von der Existenz der Gegenregierung Hoffmanns, sondern hielt die Räteregierung für den einzigen Inhaber der tatsächlichen Gewalt in Bayern. Trotzdem beantragte der Staatsanwalt die Todesstrafe gegen sie. Die angeklagten früheren Rotgardisten Ebert, Blechinger und Essig wurden wegen Beihilfe zum Totschlag zu je 3 Jahren Gefängnis, Anzenberger zu 1 Jahr 6 Monate Gefängnis verurteilt. Der fünfte, Heuser wurde freigesprochen. (»Münchener Neueste Nachrichten«, 22. 2. 22.)

Die zwölf Ermordeten waren die einzigen Opfer der Räterepublik. Dagegen hat der Einzug der Regierungstruppen in München Hunderten von Unschuldigen das Leben gekostet.

Die Einnahme von München

Am 1. Mai zogen die Truppen der Regierung Hoffmann in München ein. In dem amtlichen Communiqué schreibt die Regierung:

»Nunmehr liegt das Ergebnis der von der Polizei angestellten Erhebungen über die Zahl der Opfer der Münchener Kampftage vom 30. April bis 8. Mai vor. Es bedurfte umfangreicher Arbeit, um diese Zusammenstellung anfertigen zu können. Die Leichenfrauen wurden angewiesen, alle Toten, die beerdigt wurden, zu melden. Auf Grund dieses Materials wurde dann durch die Kriminalkommissare bei den Angehörigen der nähere Sachverhalt erhoben. Bot dieser Weg auch keine Gewähr für die vollständige Richtigkeit, so war er doch der einzige, der eine einigermaßen verläßliche Zusammenstellung ermöglichte.

Die Zahl der Todesopfer der Kämpfe beträgt nach dieser Zusammenstellung 557. Davon fielen kämpfend 38 Mann der Regierungstruppen, 93 Angehörige der Roten Armee, 7 Russen und 7 Zivilpersonen. Standrechtlich erschossen wurden 42 Angehörige der Roten Armee und 144 Zivilpersonen. Bei 42 Toten konnte weder der Name, noch die Art des Todes festgestellt werden. Vermutlich befinden sich unter diesen 42 unbekannten Personen 18 Russen.

»Tödlich »verunglückt« bei den Kämpfen sind 184 Zivilpersonen, und zwar am 30. April 1, 1. Mai 36, 2. Mai 103, 3. Mai 16, 4. Mai 7, 6. Mai 21«. (»Münchener Neueste Nachrichten«, 10. Juni 1919.)

Den 38 Gefallenen der Regierung Hoffmann stehen also offiziell 107 Gefallene der Roten Armee, 186 standrechtlich Erschossene und 184 »tödlich verunglückte« Anhänger der Räteregierung entgegen. Diese Angaben beziehen sich aber nur auf den Stadtbezirk München. So fehlen z. B. die oben erwähnten, in der Umgebung von München von den Regierungstruppen Erschossenen. Ferner sind natürlich alle Fälle nicht aufgeführt, wo Leute spurlos verschwanden und die Leichen nicht eingeliefert wurden, z. B. der siebzehnjährige Johann Erb am 2. Mai. Die Zahl der Toten ist nach sozialistischen Angaben ungefähr tausend, eine Zahl, die nach Mitteilung beteiligter Soldaten des Generalkommandos Oven durchaus glaubhaft erscheint.

Die 184 »tödlich Verunglückten« wird man als Opfer politischer Morde betrachten müssen. Dies geht aus der oben zitierten amtlichen Zusammenstellung selbst hervor. Denn in den letztgenannten 21 Fällen läßt sich die Technik des tödlichen Unglücksfalles genau nachweisen. Am 6. wurden nämlich die 21 katholischen Gesellen ermordet. (Vgl. Seite 41.) Außerdem bin ich in der Lage, weitere 140 in München in den Maitagen Ermordete namentlich aufzuführen. Wenn man also nicht annehmen will, daß der Regierungsbericht diese 140 Fälle vollkommen verschweigt oder den Tatsachen zuwider sie in eine der beiden andern Kategorien unterbringt und Fälle aus diesen Kategorien verschweigt, so ist man zu dem Schluß gezwungen, daß die 184 tödlich Verunglückten tatsächlich ermordet worden sind. Im folgenden einige Einzelfälle.

»Da haben wir Schwein gehabt«

Huber, Karl, Landsberger Str. 153, 27 Jahre alt, Mitglied der K.P.D., wurde am 30. April nachts aus dem Bett geholt und am andern Morgen nach kurzem Verhör erschossen. Zeugen bestätigen, daß Huber in keiner Weise an Kampfhandlungen beteiligt war. Huber hatte bei seiner Festnahme etwa 30 Mark in Bargeld, eine goldene Uhr, eine Uhr mit Stahlgehäuse, Gamaschen und eine Brieftasche bei sich. Sämtliche Gegenstände fehlten. Als die Schwester des Huber am 23. Mai wegen der Erschießung ihres Bruders Erkundigungen einziehen wollte, hörte sie zufällig, wie vor dem Hause, in dem die 2. Kompagnie des 1. Württembergischen Drag.-Regts. einquartiert war (Harlaching, Ueber der Klause), zwei Posten sich äußerten: »Mit dieser schweren Brieftasche und mit den Gamaschen haben wir mal Schwein gehabt.«

Bauer, Johannes, Arbeiter, Unterföhring Nr. 3, 48 Jahre alt, parteilos, und dessen Sohn Johann, 17 Jahre alt, wurden am 30. April auf Grund einer Denunziation aus der Wohnung geholt und kurz darauf ohne Verhör erschossen. Der Vater war parteilos. Der Sohn Mitglied der Arbeiterwehr. Er hinterließ Frau und vier unmündige Kinder.

Am 1. Mai wurden Peter Huhn und Georg Kistler in Großhesselohe und der Feinmechaniker Höpfl in Grünwald ohne Urteil erschossen; Verfahren wurde eingestellt, weil Täter nicht zu ermitteln.

Jakob Münch, Forstenrieder Str. 71, wurde am 1. Mai erschossen. Er wollte seine im Februar gefaßten Waffen abliefern und wurde dabei verhaftet.

Benno Huber, Metzger, Großkarolinenfeld, war bei der Roten Armee in Rosenheim gewesen und wurde am 2. Mai im Bett erschossen. Hinterläßt eine Frau mit zwei Kindern.

Der Schuhmacher Emeran Rötzer und der Arbeiter Kohlmann wurden am 2. Mai auf Grund von Denunziationen durch württembergische Truppen in ihren Wohnungen, Dreimühlenstr. 14, verhaftet und sofort ohne Urteil im Schlacht- und Viehhof erschossen. Sie hatten 3 Gewehre, die in ihrem Privatbesitz waren, darunter 2 Jagdgewehre, am selben Vormittag abgeliefert. Eine Untersuchung fand nicht statt. Sie wurden beschuldigt, einen Regierungssoldaten umgebracht zu haben. In Wirklichkeit hatten sie einen auf der Straße aufgelesenen verwundeten Rotgardisten beherbergt. Dieser wurde im Bett mit Gewehrkolben geschlagen, dann erschossen. Rötzer hinterläßt drei Kinder.

Faust, Schreiner, leistete am 2. Mai freiwillig Sanitätsdienste bei der Armee v. Oven und trug eine Rote Kreuzbinde. Die Soldaten sahen dies für einen Ausweis der Roten Armee an und erschossen ihn. Kein Verfahren.

Der Schriftsteller Hans Schlagenhaufer in Unterhaching wurde am 1. Mai von dem Hauptmann Liftl aufgefordert, seine Waffen abzugeben. Er bestritt, Waffen zu besitzen. Doch wurde ein Gewehr gefunden. Er wurde verhaftet, nach Stadelheim abgeführt und dort am 2. Mai ohne gerichtliches Verfahren erschossen. Nach einer der Witwe zugestellten Entscheidung erfolgte die Erschießung wegen des Gewehres und »weil er sich als Mitglied und späterer Schriftführer der K.P.D. während der Umsturzbewegung besonders hervorgetan habe.« Der Schadenersatzanspruch der Witwe auf Grund des Unruheschadengesetzes wurde am 8. November 1921 vom Reichswirtschaftsgericht abgelehnt. (XVII. A. V. 950/21.) Das Verfahren gegen die Täter wurde eingestellt. Klage beim ordentlichen Gericht ist anhängig.

Gustav Landauer

Ueber die Art der »Unglücksfälle« orientiert weiter folgender Bericht in der Münchener »Neuen Zeitung« vom 3. Juni 1919: »Am 2. Mai stand ich als Wache vor dem großen Tor zum Stadelheimer Gefängnis. Gegen 1-1/4 Uhr brachte ein Trupp bayrischer und württembergischer Soldaten Gustav Landauer. Im Hof begegnete der Gruppe ein Major in Zivil (im Prozeß als Rittergutsbesitzer Freiherr v. Gagern festgestellt), der mit einer schlegelartigen Keule auf Landauer einschlug. Unter Kolbenschlägen und den Schlägen des Majors sank Landauer zusammen. Er stand jedoch wieder auf und wollte zu reden anfangen. Da rief ein Vizewachtmeister: »Geht mal weg!« Unter Lachen und freudiger Zustimmung der Begleitmannschaften gab der Vizewachtmeister zwei Schüsse ab, von denen einer Landauer in den Kopf traf. Landauer atmete immer noch. Unter dem Ruf: »Geht zurück, dann lassen wir ihm noch eine durch!« schoß der Vizewachtmeister Landauer in den Rücken, daß es ihm das Herz herausriß und er vom Boden wegschnellte. Da Landauer immer noch zuckte, trat ihn der Vizewachtmeister mit Füßen zu Tode. Dann wurde ihm alles heruntergerissen und seine Leiche zwei Tage lang ins Waschhaus geworfen.« Wegen dieses Artikels wurde die »Neue Zeitung« unter Vorzensur gestellt.

Das Oberkommando Oven brachte am 6. Juni einen Gegenbericht: »Landauer wurde von einem früheren Offizier geschlagen, als er etwas zu den Soldaten sagen wollte. Nach Aussagen aller Zeugen, mit Ausnahme eines einzigen, hat er mit einer Reitpeitsche, nicht mit einem Knüttel geschlagen. Keiner der bisher vernommenen Zeugen konnte angeben, daß unter Lächeln und freudiger Zustimmung der Begleitmannschaften auf Landauer geschossen worden sei ... Unrichtig ist, daß ein Vizewachtmeister drei Schüsse auf Landauer abgegeben hat. Vielmehr ist erwiesen, daß zwei Infanteristen mit Gewehr oder Karabiner und daß ein Mann, der als Kavallerist, als Sergeant, als Vizewachtmeister und als Offizierstellvertreter bezeichnet wurde, mit der Pistole einen Schuß auf Landauer abgegeben hat. Davon, daß Landauer alles heruntergerissen wurde, hat kein Zeuge etwas angegeben. Festgestellt ist nur, daß Landauer die Uhr abgenommen wurde. Der Besitzer der Uhr wurde bereits ermittelt.« Demnach hat Landauer weder einen Fluchtversuch unternommen, noch eine andere provokatorische Handlung versucht oder ausgeführt.

Der Münchener Stadtrat Weigel teilt mir über die Agnoszierung der Leiche Landauers folgendes mit: »Landauers Leichnam fehlten Rock, Hose, Stiefel und Mantel. Nach dem Sektionsprotokoll waren drei Schüsse auf Landauer abgegeben, die alle tödlich waren. Der Brustschuß stammte nach Ansicht des Gerichtsarztes Dr. Schöpflin und des Prof. Oberndorfer wahrscheinlich nicht von einem Gewehr, sondern von einer Pistole. Doch wurde dies auf Ersuchen des Kriegsgerichtsrates Christoph nicht aufgenommen.«

Freiherr v. Gagern bekam vom Amtsgericht München am 13. September 1919 einen Strafbefehl über 300 Mark. Das Verfahren gegen weitere Beteiligte wurde eingestellt.

»Vor dem Kriegsgericht in Freiburg kam die Anklage gegen den Unteroffizier Digele wegen Tötung Gustav Landauers zur Verhandlung. Nachdem ein nicht ermittelter Soldat Landauer in den Kopf geschossen hatte, gab Digele auf Landauer einen Pistolenschuß ab. Der Angeklagte, ein Württemberger, der inzwischen bei den Baltikumtruppen zum Unteroffizier befördert wurde, berief sich darauf, daß er nur den Befehl eines Vorgesetzten ausgeführt habe. Das Gericht sprach ihn von der Anklage des Totschlages frei, weil er in dem Glauben sein konnte, nach Befehl zu handeln, und verurteilte ihn wegen Hehlerei, begangen durch Aneignung der Uhr des Toten, zu fünf Wochen Gefängnis, die durch die Untersuchungshaft verbüßt sind.« (»Münchner Neueste Nachrichten«, 22. März 1920.) (Ein ausführlicher Prozeßbericht, aus dem insbesondere die Richtigkeit der ersten Darstellung hervorgeht, findet sich in der Freiburger »Volkswacht« vom 22. und 23. März 1920.)

Ich konnte trotz gütiger Unterstützung durch Behörden nicht feststellen, ob Gagern mit dem Hauptmann Freiherr v. Gagern-Rickholt (geboren am 21. 1. 1887 in Worms) identisch ist, der am 25. 5. 1915 den belgischen Baron d'Udekem d'Acoz ermordete. Dieser wurde am 7. Juni 1916 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 16. 1. 1919 aber vom Präsidenten des Reichsmilitärgerichts freigelassen. (Erklärung der Reichsregierung, 11. 8. 1922.)

Außer Landauer wurden in den ersten Maitagen in Stadelheim noch über 30 wehrlose Gefangene von den Soldaten ohne weiteres Verfahren umgebracht. Herr Weigel teilt mir hierüber mit: »An der Wand eines inneren Gefängnishofes, dessen Tor auf den Friedhof hinausführt, habe ich an der Mauer in Brusthöhe 50 bis 60 Gewehreinschläge gesehen. Rekognosziert werden sollten 30 bis 40 Tote. Sie waren nach den Angaben der Gefängnisverwaltung aus dem Massengrab, wo sie ohne Särge lagen, herausgeholt und in die Särge gelegt worden. An das Massengrab zu gehen, wurde mir nicht gestattet. Nur wenige Särge wiesen Namen auf, darunter einen weiblichen.«

Elf Leichen konnten nicht agnosziert werden. (Münchener »Neue Zeitung«, 17. Juni 1919.)

Das Verfahren gegen die Täter ist noch nicht abgeschlossen, hat aber bisher zu keinerlei Resultaten geführt.

Erschießung — keine offene Gewalt

Der Hilfsarbeiter Josef Sedlmaier wurde am 2. Mai 1919 in seiner Wohnung, Winterstr. 8 II., verhaftet. Sedlmaier war niemals bei der Roten Armee und hatte niemals an Kämpfen teilgenommen. Er hatte lediglich 14 Tage bei der Arbeiterwehr Sicherheitsdienst gemacht und sein Gewehr am 27. April eingeliefert.

Nach den staatsanwaltschaftlichen Akten, A.V. XIX 1254/19, hat der betreffende Leutnant Möller, bayr. Schützenregiment 21, die Festnahme angeordnet, »weil er (Sedlmaier) mir nicht beweisen konnte, daß er sein Gewehr wirklich schon am 27. April abgeliefert habe.«

Zu gleicher Zeit wurden die im gleichen Hause wohnenden Gebrüder Altmann festgenommen. Nach den Angaben eines »unbekannten, nicht ermittelten Polizeiorgans« waren sie »gefährliche Spartakisten«.

Die drei Verhafteten wurden einer »Standgerichtskommission« unter Vorsitz eines Hauptmannes vom 1. bayr. Schützenregiment vorgeführt und zum Erschießen bestimmt. Sie wurden in den Hof einer Lederfabrik, Pilgersheimer Str. 39, geführt; als sie dort einen bereits Erschossenen liegen sahen, begannen sie auseinanderzulaufen. Darauf wurden alle drei wegen Fluchtgefahr erschossen.

Der Tumultschadenausschuß konstatiert aus den staatsanwaltschaftlichen Akten, daß alle Zeugen bezüglich des Sedlmaier nichts Belastendes bekundet haben. Schriftliche Aufzeichnungen über das »standgerichtliche« Verfahren wurden nicht gemacht. Der betreffende Hauptmann, der das »Standgericht« leitete, erklärte zu den Akten: »Ich habe in den ersten Tagen des Mai auf Grund von Angaben der Kriminalpolizei und von Vertrauenspersonen soviele Verhaftungen vornehmen lassen, daß ich mich unmöglich auf die Namen von Festgenommenen besinnen kann; auch kann ich nicht angeben, ob Sedlmaier und die beiden Altmann mir vorgeführt wurden, oder ob sie auf dem Wege zu mir erschossen wurden, weil sie einen Fluchtversuch machten.«

Das Verfahren gegen Möller wurde eingestellt. Von einem Verfahren gegen den Hauptmann oder gegen die Soldaten, die die Erschießung vornahmen, ist nichts bekannt geworden, obwohl der Staatsanwaltschaft nach eigener Mitteilung die Namen bekannt sind.

Der Tumultschadenausschuß billigte der Witwe, welche zwei minderjährige Kinder hat, eine kleine Rente zu.

Hiergegen legte der Reichskommissär bei dem Tumultschadenausschuß Beschwerde zum Reichswirtschaftsgericht ein. Dieses hob den Beschluß auf und wies den Anspruch auf Entschädigung ab. In dem Beschluß heißt es:

»Zunächst ist der Schaden in keinem Falle durch offene Gewalt verursacht. Denn die vollstreckende militärische Stelle hat, wie auch der Fall gelagert gewesen sein mag, stets amtliche Befugnisse ausüben wollen. Selbst ein Mißbrauch und eine Ueberschreitung von Amtsbefugnissen kann niemals als offene Gewalt angesprochen werden. Weiter aber ist auch in keinem der möglichen Fälle der Tod durch die Abwehr der offenen Gewalt der Spartakisten unmittelbar verursacht worden. Sedlmaier wurde durch seine Verhaftung dem Kreise der gegen die Spartakistenherrschaft eingesetzten unmittelbaren Abwehrmaßnahmen entrückt. In diesem Augenblick begann für ihn die Abwicklung eines außerhalb der unmittelbaren Gewaltabwehr liegenden besonderen strafrechtlichen Verfahrens ...«

Nunmehr hat die Witwe eine Klage gegen den Militärfiskus beim ordentlichen Gericht eingereicht.

Zu dem Brothändler Josef Probst kamen am 2. Mai 5 Soldaten des Freikorps Epp. Sie durchsuchten nicht einmal die Wohnung, sondern forderten ihn nur auf mitzugehen, er komme gleich wieder. Er wurde sofort erschossen. Irgend ein gerichtliches Verfahren fand nicht statt. An den Kämpfen hatte sich Probst in keiner Weise beteiligt. Klage zum ordentlichen Gericht ist anhängig.

Erschießung wegen Beschimpfung der Offiziere

Josef Anton Leib, Daiserstr. 4, hatte eine Zeitschrift »Der Republikaner, Volksblatt für Süddeutsche Freiheit«, herausgegeben. Am 2. Mai bezog das Batl. Lindenfels, in der Mehrzahl aus Tübinger Studenten bestehend, Quartier in der Implerschule. Bei Leib wurden drei Haussuchungen abgehalten, es wurde aber nichts gefunden; dann wurde er mitgeschleppt und auf Befehl des Rittmeisters Freiherrn von Lindenfels im Hof des Restaurants Elysium erschossen. Als Begründung wurde angegeben, er habe »auf der Liste gestanden« und habe die Offiziere beschimpft. Gegen Freiherr v. Lindenfels wurde am 2. August 1920 Anklage erhoben. Er wurde freigesprochen (Wehrkreis-Kommando V Abt. IV.).

Nach der Entscheidung des Tumultschadenausschusses hat L. sich am Kampfe nicht beteiligt und ist den Truppen nicht mit Waffen entgegengetreten. Da die Blätter geeignet gewesen seien, lebhafte Erregung in die Bevölkerung zu tragen, und da die Witwe zwar nicht mitgearbeitet, aber in Kenntnis der Sachlage die Einnahme aus den Blättern »bewußt mitgenossen« habe, erschien es nach Ansicht des Tumultschadenausschusses der Billigkeit entprechend, die Höchstrente der Witwe von damals 57 M 90 [Pf] monatlich auf 30 Mark monatlich herabzusetzen, die Renten der fünf damals sämtlich minderjährigen Kinder von je 23 M 80 [Pf] monatlich aber unverändert zu belassen.

Das Reichswirtschaftsgericht hob diese Entscheidung am 20. Oktober 1921 auf und wies nach ständiger Praxis sämtliche Ansprüche ab, denn »ein Mißbrauch von Amtsbefugnissen könne nie als offene Gewalt angesprochen werden.« (XVII A.V. 617/21.) Klage zum ordentlichen Gerichte ist anhängig.

Bauer, Josef, Monteur, Schönstr. 60, 20 Jahre, parteilos, wurde am 3. Mai in Schleisheim angeblich wegen eines bei ihm vorgefundenen Briefes festgenommen, kurz darauf erschossen und ausgeraubt.

Nagl, Josef, Maurerpolier, 31 Jahr, Sauerlach, wurde am 3. Mai in seiner Wohnung festgenommen und am Starnberger Bahnhof erschossen. Die Erschießung erfolgte, da angenommen wurde, Nagl sei Eigentümer eines in seiner Wohnung vorgefundenen Gewehres, das jedoch nachweislich einem bei Nagl wohnenden Alois Stöttel gehörte. Nach seiner Erschießung wurde die Leiche vollständig ausgeraubt. Es fehlten 100 Mark Bargeld. Nagl hinterläßt seine Frau.

Stettner, Josef, Xylograph, Baaderstr. 65, wurde am 3. Mai bei Hilfeleistung eines Verwundeten am Gärtnerplatz erschossen. Hinterläßt Frau und 6 Kinder.

Tischer, Johann, Maler, 37 Jahr, Zeppelinstr. 23, wurde am 3. Mai aus seiner Wohnung geholt, kam etwa nach einer halben Stunde zurück und wurde auf Grund einer Bemerkung, die er den Soldaten gegenüber gemacht hatte, wieder festgenommen und kurz darauf im Lehrerinnenseminar in der Frühlingstr. erschossen.

Zull, Josef, Kutscher, 20 Jahr, Winterstr. 4, wurde am 3. Mai in seiner Wohnung verhaftet, schwer mißhandelt, halb erschlagen und am Kandidplatz erschossen. Er war bei der Republikanischen Schutzwehr gewesen.

Anton Oswald wurde auf Grund einer Denunziation des Kriminalwachtmeisters Keitler am 3. Mai morgens aus dem Bett geholt, da er bei der Entwaffnung der Schutzleute geholfen hatte. Er wurde in eine Kiesgrube gestellt, um erschossen zu werden. Schwer verwundet konnte er, da auftauchende rote Truppen die Erschießung verhinderten, sich in ein Haus schleppen, wo er ins Bett gelegt wurde. Dort wurde er gefunden, an einen Zaun geschleppt und endgültig erschossen. (Kein Verfahren.)

Der Ermordete ist schuld

Am 2. Mai 1919, nachmittag 5 Uhr, kamen zwei bewaffnete Soldaten des Freikorps Epp in die Wohnung Daisenhofener Str. 12 des Dr. Karl Horn, Professor für Mathematik und Physik, und brachten ihn nach dem Gefängnis Stadelheim. Dort verhörte ihn der Kommandant, Leutnant Heußer, und gab ihm einen Passierschein, auf welchem die Schlußworte standen: »Professor Dr. Karl Horn irrtümlich verhaftet«.

Horn kehrte um 8 Uhr abends in seine Wohnung zurück. Am nächsten Morgen früh acht Uhr traten abermals zwei Bewaffnete des Freikorps Epp in die Wohnung und brachten ihn in das Haus Tegernseer Landstraße 98, wo die Befehlsstelle mit dem Stab des 1. Bataillons des Schützenregiments I (Freikorps Epp) lag. Dort wurde er im Hofe von dem herbeigeholten diensttuenden Leutnant Josef Dinglreiter (Bataillonsadjutant) ohne Verhör kurz mit den den Worten abgefertigt: »Ab nach Stadelheim, erledigt« und drei Soldaten zum Transport übergeben. Horn versuchte umsonst, seinen Passierschein vorzuweisen.

Von einem dieser drei Soldaten wurde Horn auf der vor dem Haus Stadelheimer Str. 33 befindlichen Wiese um 8-3/4 Uhr durch einen Schuß von rückwärts durch den Kopf getötet. Die Begleitmannschaft raubte Schuhe, Uhr mit Kette und Anhänger, plünderte die Taschen und versuchten den Ehering abzuziehen. (Aussage des Augenzeugen Georg Gruber in meinem Besitz.) Die Leiche wurde quer über dem Fußweg liegen gelassen.

Der Täter, wahrscheinlich Unteroffizier Georg Grammetsberger, kehrte zur Stadt zurück, die beiden andern Soldaten gingen nach Stadelheim. Um 1/2-3 Uhr nachmittags wurde die Leiche von der Gattin und dem neunjährigen Sohne am Tatort gefunden. Das Verfahren gegen Grammetsberger wurde eingestellt. Gegen Dinglreiter fand kein Verfahren statt.

Sowohl das Landgericht München wie das Oberlandesgericht München haben die Klage der Witwe abgewiesen, da eigenes Verschulden des Getöteten vorliegt. Dieser habe zu »jenem Kreis von Leuten gehört, die die Bevölkerung aufgehetzt und dadurch mittelbar die Ausschreitungen der Soldaten selbst erzeugt haben.« Die Sache geht jetzt ans Reichsgericht.

Eine Frau als Zielscheibe

Georg Kling und seine Tochter Marie Kling taten am 2. Mai in Giesing freiwillig Sanitätsdienste bei der Roten Armee in einer Station an der Weinbauerstraße. Sie waren mit Roten Kreuzbinden versehen. Am 3. Mai wurde Georg Kling auf die Polizeistation Tegernseer Landstraße transportiert, weil seine andere Tochter Anni angeblich Munition getragen habe. Marie ging freiwillig mit. Der Schutzmann Keitler behauptete, Marie habe mit der Sanitätsflagge den Roten Zeichen gegeben. Sie kam vor ein Standgericht, wurde auf Grund von Zeugenaussagen von Regierungstruppen freigesprochen und sollte am 4. Mai entlassen werden. Als der Vater sie morgens abholen wollte, war sie schon nach Stadelheim abgeführt. Augenzeugen bekunden, daß sie dort als Zielscheibe verwendet wurde. Zuerst wurde sie ins Fußgelenk, dann in die Wade, dann Oberschenkel, zuletzt in den Kopf geschossen. Eine Verhandlung gegen die Täter fand nicht statt. Denn bei der Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit waren die Akten »verloren« gegangen.

Peter Lohmar, Journalist, wurde am 3. Mai auf dem Transport in den Gasteiganlagen, angeblich, weil er sich gewehrt hatte, erschossen. Tatsächlich konnte er als Kriegsinvalide überhaupt nur am Stock gehen. Das Verfahren ist eingestellt.

Der Bankbeamte Hans Bulach wurde am 3. Mai auf dem Transport in den Gasteiganlagen von demselben Gefreiten angeblich auf der Flucht erschossen.

Der Tagelöhner Theodor Kirchner aus der Winterstr. 4 wurde am 3. Mai ohne jedes gerichtliche Verfahren in der Kirbacher Str. 11 erschossen, obwohl er sich weder an den Kämpfen beteiligt, noch sonst strafrechtlich verfehlt hatte. Ein Gewehr hatte er vorher schon freiwillig ohne Aufforderung eingeliefert. Er hinterließ eine Witwe und 2 Kinder im Alter von 2 und 4 Jahren.

Der Tumultschadenausschuß billigte den Hinterbliebenen eine Rente zu. Hiergegen legte der Reichskommissar beim Tumultschadenausschuß Beschwerde ein; in der Begründung derselben heißt es: »Als Kirchner erschossen wurde, war er vollständig wehrlos und von Kirchner drohte daher keinerlei offene Gewalt, demzufolge konnte seine Erschießung auch nicht die Abwehr einer offenen Gewalt von seiner Seite bezwecken, naturgemäß konnte durch diese Erschießung auch nicht die etwa von anderer Seite drohende Gewalt abgewehrt werden ...«

Das Reichswirtschaftsgericht hob die Entscheidung auf und wies die sämtlichen Ansprüche ab. Klage zum ordentlichen Gericht schwebt.

Der Privatier Christian Frohner, Paulaner Platz 27, wurde am 3. Mai wegen Verdachtes der Teilnahme an der Aufruhrbewegung von Truppen des Freikorps Lützow festgenommen. Am 5. Mai 1919 wurde er auf dem Transport vom »Standgericht« in der Hofbräuhaushalle zur Befehlsstelle der Gruppe Siebert von dem ihn begleitenden Gefreiten erschossen. Der Bescheid des Tumultschadenausschusses stellte fest, daß die Erschießung »angeblich aus Notwehr« erfolgte. Die Leiche wurde ausgeraubt.

Der Antrag auf Zuerkennung einer Rente auf Grund des Tumultschadengesetzes wurde in beiden Instanzen abgelehnt. Klage zum ordentlichen Gericht ist anhängig.

Das gegen den Gefreiten wegen Mord eingeleitete Verfahren wurde eingestellt, weil ein Zeuge nicht auffindbar gewesen ist. Derselbe Gefreite hat auch Bulach und Lohmar umgebracht.

Der Monteurhelfer Leonhard Dorsch, am Feuerbachl 6, wurde nach den der Witwe vom Tumultschadenausschuß mitgeteilten Feststellungen vom Militär am 4. Mai verhaftet, »da er der Zugehörigkeit zur Roten Armee verdächtig war«. Er wurde zunächst einem Gerichtsoffizier in der Wache des 16. Stadtbezirkes zum Verhör vorgeführt und später »auf nicht aufgeklärte Weise, vermutlich bei einem Fluchtversuch« erschossen. Kein Verfahren.

Die zwölf Perlacher Arbeiter

Am 4. Mai rückte das Freikorps Lützow in Perlach, wo niemals gekämpft worden war, ein. Die Offiziere konferierten mit dem protestantischen Pastor Hell. (Angeblich holten sie dort ein Wäschepaket ab.) Dann requirierten sie ein Zimmer im Gasthof zur Post und verhafteten die Arbeiter Johann Licht und Georg Koch. Um 3 Uhr morgens wurden dann auf Grund einer Liste u. a. folgende Perlacher Arbeiter, teils Parteilose, teils Mitglieder der Mehrheitssozialdemokratie, aus ihren Betten geholt: Adalbert Dengler, Georg Eichner, Sebastian Hufnagel, Georg Jacob, Josef Jakob, Johann Keil, Albert Krebs, Josef Ludwig, August Stöber, Konrad Zeller. Bei dem Hafnermeister Ludwig waren drei ergebnislose Haussuchungen vorausgegangen. Keil und Dengler hatten Waffen besessen, sie jedoch am 1. Mai laut Aufforderung abgeliefert. Als der Wirt den Verhafteten Kaffee geben lassen wollte, hieß es, »die brauchen nichts mehr«. Die Verhafteten mußten Brieftaschen, Messer und Geldbörsen abgeben, wurden in der Früh um 5 Uhr auf ein Lastauto verladen und nach dem Hofbräuhauskeller gebracht. Ludwig wurde gleich hinter das Auto geführt und um 6 Uhr morgens erschossen. Einige der Verhafteten wurden dann von Offizieren verhört. Keiner war bei der Roten Armee gewesen. Keiner hatte sich an den Kämpfen beteiligt, bei keinem waren Waffen gefunden worden, Zeugen schildern, daß die Gefangenen einen niedergeschlagenen, ja geistesabwesenden Eindruck machten und flehentlich um ihr Leben baten. Zwischen 11 und 1 Uhr wurden in Abständen erst zwei, dann drei Personen auf dem Hof auf einem Kohlenhaufen erschossen. Zwei weitere Gefangene, zuerst zurückgestellt, wurden später erschossen. Insgesamt wurden in Abständen 12 Gefangene ohne Urteil, ohne den Schatten eines Rechts erschossen. Nach der Erschießung wurden den Toten ihre sämtlichen Wertgegenstände und Papiere geraubt. Gegen keinen einzigen der Täter oder der verantwortlichen Offiziere ist jemals auch nur verhandelt worden. (Aussagen von 14 Augenzeugen sind in meinem Besitz.) 12 Frauen und 35 minderjährige Kinder waren der Ernährer beraubt. Die von den Hinterbliebenen auf Grund des Aufruhrschadengesetzes erhobenen Rentenansprüche wurden vom Reichswirtschaftsgericht am 14. August 1921 mit der Begründung abgewiesen, die Erschießung sei keine offene Gewalt gewesen. (XVII, A.V. 747/21.)

Josef Graf, 18 Jahre, wurde am 3. Mai verhaftet. Ein Offizier teilte dem Vater mit, der Fall werde am nächsten Tag ordnungsgemäß verhandelt. Am 4. Mai, morgens 1/2-6 Uhr, wurde er auf offener Straße (Warngauer Straße) erschossen und die Leiche liegen gelassen. (Kein Verfahren.)

Josef Siegl, Sanitätssoldat, Rheintaler Str. 64, tat während der Räterepublik keinen Dienst und ging erst am 1. Mai wieder in Dienst. Auf dem Weg nach Hause wurde er am 5. Mai wegen seiner Roten Kreuzbinde erschossen. Die Leiche wurde ausgeraubt.

Schäffer, Josephine, Kaufmannsfrau, Hohenzollernstr. 72, wurde am 5. Mai auf dem Transport nach dem Abteilungsstab des Freikorps Lützow in der Nähe der Giselaschule erschossen. Nach der Erschießung wurde ihre Wohnung durchsucht und Gegenstände im Werte von 3000 Mark entwendet. Ihr Mann war in Haft. Ein Verfahren gegen die Täter ist nicht eingeleitet.

Die 21 katholischen Gesellen

Am 6. Mai fand eine Versammlung des katholischen Gesellenvereins St. Joseph wegen Theaterangelegenheiten im Vereinslokal, Augustenstr. 71, statt. Sie wurde als »spartakistisch« denunziert. Auf Grund eines Befehls des Hauptmanns v. Alt-Stutterheim wurden die Gesellen durch eine Patrouille unter Führung des Offizierstellvertreters Priebe verhaftet, weil ein Versammlungsverbot existierte. Hauptmann v. Alt-Stutterheim musterte die Verhafteten auf der Straße. Die Leute schrien, sie seien unschuldig; er sagte, das gehe ihn nichts an, und ließ es zu, daß die Leute furchtbar mißhandelt wurden. Sieben Gefangene wurden im Hof des Hauses Karolinenplatz 5 erschossen. Die anderen wurden in den Keller eingeliefert. Die Soldaten, zum Teil in angetrunkenem Zustand, trampelten auf den Gefangenen herum, stießen sie wahllos mit dem Seitengewehr nieder und schlugen derartig um sich, daß ein Seitengewehr sich verbog und daß das Hirn herumspritzte. So töteten sie weitere 14 Leute und plünderten dann die Leichen aus. Fünf Gefangene wurden schwer verwundet. »Die Leichen der Erschossenen schauten fürchterlich aus. Einem war die Nase ins Gesicht hineingetreten, andern fehlte der halbe Hinterkopf«. (Erster Verhandlungstag.) »Wenn einer der Verwundeten sich noch regte, wurde auf ihn eingeschlagen und eingestochen. Zwei Soldaten, die sich umfaßt hatten, führten einen wahren Indianertanz neben den Leichen auf, schrien und heulten.« (»Bayr. Kurier«, 23. Oktober 1919.) Die Soldaten glaubten ein Recht dazu zu haben, da ihnen durch ihren Hauptmann Hoffmann erklärt worden war, wenn sie einen Spartakisten sähen, sollten sie gleich von der Waffe Gebrauch machen. Ein Soldat meldete sich denn auch dienstlich von der Erschießung der 21 Spartakisten zurück. Der größte Teil der Täter konnte nicht festgestellt werden. Das Sektionsprotokoll verschwand aus den Akten. Die Namen der Ermordeten waren: J. Lachenmaier, J. Stadler, F. Adler, J. Bachhuber, S. Ballat, A. Businger, J. Fischer, M. Fischer, F. Grammann, M. Grünbauer, J. Hamberger, J. Krapf, J. Lang, B. Pichler, P. Prachtl, L. Ruth, K. Samberger, F. Schönberger, A. Stadler, F. Stöger, K. Wimmer.

Am 25. Oktober 1919 wurde der Soldat Jakob Müller und der Vizefeldwebel Konstantin Makowski zu 14 Jahren Zuchthaus, Grabasch zu einem Jahr Gefängnis wegen Totschlags verurteilt. Gegen die verantwortlichen Offiziere der Gardedivision wurde kein Verfahren eingeleitet. Das Verfahren gegen den Hauptmann von Alt-Stutterheim wurde eingestellt. (»Münchener Neueste Nachrichten« und »Bayrischer Kurier«, 21. bis 26. Oktober 1919.) (Schlag, Das Blutbad am Karolinenplatz.) Vorsitzender war Oberlandesgerichtsrat Hieber, Staatsanwalt Dr. Mugler.

Am 4. November wurde der ehemalige Husar Stefan Latosi, der in der betr. Nacht blutbefleckt mit gestohlenen Uhren und Geldbörsen den Keller verlassen hatte, wegen Verbrechen des Totschlags freigesprochen, wegen schweren Diebstahls zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. (»Münchener Neueste Nachrichten«, 5. November 1921.)


Da mir leider der Platz fehlt alle Münchener »tödlichen Unglücksfälle« auch nur mit wenigen Worten zu schildern, begnüge ich mich, die mir bekannten in tabellarischer Form darzustellen. Der Vorgang ist eintönig immer dasselbe: Denunziation, Verhaftung, Erschießung an der nächsten Mauer, Plünderung der Leiche. Der Täter bleibt straflos, denn ein Verfahren wird gar nicht eingeleitet.


Die folgende Liste umfaßt 161 Ermordete und 273 Hinterbliebene. Sie enthält auch die im Text bereits aufgeführten Fälle.

161 VON DEN REGIERUNGSTRUPPEN IN MÜNCHEN ERMORDETE

Lfd. Nr.NameWohnort, Beruf, Alter, Zahl der Hinterbliebenen, Datum, Ort der Ermordung, Bemerkung
1Adler, FranzKath. Ges.-Verein, Augustenstr. 41, Schlosser, Alter: 25, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, vollst. ausgeplündert
22 Brüder AltmannWinterstr. 8, Beruf: —, Alter: — , Hinterbliebene: —, 2. V. 19, Pilgersheimerstraße 39, Verfahren eingestellt
4Aschenbrenner, M.Tegernseerlandstraße 18, Spengler, Alter: —, Hinterbliebene: 3, 7. V. 19, Hohenzollernschule
5 Bachhuber, JosefKath. Ges.-Verein, Maler, Alter: 19, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, vollst. ausgeplündert
6 Barth, GeorgLilienstr. 62, Hoteldiener, Alter: 30, Hinterbliebene: 1, Datum: — , Ort der Ermordung: —, Schuhe, Hose, Mantel geraubt
7 Barth, R. AntonNockherstr. 38, Kutscher, Alter: 18, Hinterbliebene: 1, 4. V. 19, Ostfriedhof
8 Bauer, JohannUnterföhring 3, Beruf: —, Alter: 17, Hinterbliebene: —, 30.IV. 19, Ort der Ermordung: —
9 Bauer, JohannesUnterföhring 3, Arbeiter, Alter: 48, Hinterbliebene: 5, 30.IV. 19, Ort der Ermordung: —
10 Bauer, JosefSchönstr. 60, Monteur, Alter: 20, Hinterbliebene: 6, 3. V. 19, Schleißheim, ausgeraubt
11 Bischl, MichaelOberländerstr. 11, Schlosser, Alter: 18, Hinterbliebene: 2, 2. V. 19, Ruprechtstr., erschlagen und erschossen
12 Bongratz, PeterWestendstr. 161, Gehilfe, Alter: 25, Hinterbliebene: 8, 5. V. 19, Schlachthof, gold. Uhr, 3 goldene Ringe, Ueberzieher, Hut geraubt
13 Bulach, JohannMariahilfstr. 3, Bankbeamter, Alter: 37, Hinterbliebene: 3, 3. V. 19, Gasteiganlagen
14 Bullat, SebastianKath. Ges.-Verein, Schmied, Alter: 19, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
15 Brucker, OskarHochstr. 31, Beruf: —, Alter: — , Hinterbliebene: 1, 3. V. 19, Salvatorkeller
16 Buscher, AndreasTegernseerlandstraße 28, Bauhilfsarbeit., Alter: 29, Hinterbliebene: —, 4. V. 19, Stadelheim
17 Businger, Anton Kath. Ges.-Verein, Buchbinder, Alter: 22, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
18 Crusius, LudwigWeinbauernstr. 1, Schlosser, Alter: 37, Hinterbliebene: 2, 2. V. 19, Knollwiese
19 Dal Sasso, JosefBavariastr. 9, Kutscher, Alter: 35, Hinterbliebene: 1, 3. V. 19, Menterschweige
20 Demann, Johann Wendelsteinstr. 9, Bahnarbeiter, Alter: 21, Hinterbliebene: 3, Datum: — , Ort der Ermordung: —
21 Dengler, AdalbertPerlach, Prinzregentenstr. 46, Taglöhner, Alter: 46, Hinterbliebene: 6, 5. V. 19, Hofbräuhausk.
22 Dietz, Theodori. d. Grube 25, Spengler, Alter: 30, Hinterbliebene: 2, 2. V. 19, Maximiliank.
23 Dorfmeister, Aug.Siebenbrunnerstr., Ingenieur, Alter: 28, Hinterbliebene: 4, 2. V. 19, Harlaching, erschlagen, erschossen, ausgeplündert
24 Dorsch, LeonhardFeuerbachl 6, Monteurgehilfe, Alter: 25, Hinterbliebene: —, 4. V. 19, Frauenhoferbrücke
25 Eckert, MaxMiliechplatz 1, Friseur, Alter: 45, Hinterbliebene: 4, 2. V. 19, Kühbachstr.
26 Effhauser, LorenzJahnstr. 31, Monteurgehilfe, Alter: 28, Hinterbliebene: 1, 1. V. 19, Stadelheim
27 Eichner, GeorgPerlach 196, Bahnarbeiter, Alter: 35, Hinterbliebene: 5, 5. V. 19, Hofbräuhausk.
28 Enzenberger, Joh.Winterstr. 13, Schleifer, Alter: 24, Hinterbliebene: 3, Datum: — , Harlachinger Weg, 143 M., Brieftasche, Ehering, Uhr, Windjacke geraubt
29 Ewald, JakobTegernseerlandstraße 71, Hilfsmonteur, Alter: — , Hinterbliebene: 2, Datum: — , Ort der Ermordung: —
30 Faltermeier, OttoPeißenbergstr. 1, Metzger, Alter: 28, Hinterbliebene: 3, 2. V. 19, Stadelheim
31 Faust, sen.Kistlerstr. 1, Schreiner, Alter: — , Hinterbliebene: —, 2. V. 19, i. d. Wohnung
32 Faust, jun.Kistlerstr. 1, Schreiner, Alter: — , Hinterbliebene: —, 2. V. 19, Ort der Ermordung: —
33 Felser, MartinMondstr. 1, Bauarbeiter, Alter: 23, Hinterbliebene: 1, 3. V. 19, Stadelheim
34 Feigl, LudwigHerzogstandstr. 1, Metzger, Alter: 41, Hinterbliebene: 2, 3. V. 19, Ort der Ermordung: —
35 Fichtl, JohannPerlach 46, Hilfsarbeiter, Alter: 43, Hinterbliebene: 7, 5. V. 19, Hofbräuhausk.
36 Fischalk, AntonSchönstr. 60, Gärtner, Alter: 24, Hinterbliebene: 1, 2. V. 19, Krüppelheim
37 Fischer, JosephKath. Ges.-Verein, Schlosser, Alter: 23, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
38 Fischer, KarlRaintalerstr. 72, Hilfsarbeiter, Alter: 20, Hinterbliebene: —, 2. V. 19, Knollhof, ausgeplündert
39 Fischer, MichaelKath. Ges.-Verein, Schneider, Alter: 21, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenplatz 5, ausgeplündert
40 Frohner, Christ.Paulanerplatz 27, Privatier, Alter: — , Hinterbliebene: —, 5. V. 19, Hofbräuhauskeller, gold. Zwicker, Uhr, Börse, Stock gestohl.
41 Ganserer, LudwigWohnort: — , Schlosser, Alter: — , Hinterbliebene: 1, 2. V. 19, Residenz, ausgeplündert
42 Geigl, MichaelUnterhaching 14, Schriftsetzer, Alter: 39, Hinterbliebene: 2, 1. V. 19, Stadelheim
43 Geltl, JohannSchönstr. 76, Hilfsarbeiter, Alter: 20, Hinterbliebene: 1, Datum: — , Knollkiesgrube, ausgeplündert
44 Gerhard, KarlOberanger 53, Kaufmann, Alter: 28, Hinterbliebene: 1, 2. V. 19, Jakobplatz
45 Goldbrunner, Joh.Tegernseerlandstraße 125, Eisendreher, Alter: 22, Hinterbliebene: 1, Datum: — , Giesingerberg, ausgeplündert
46 Graf, JosefGietlstr. 15, Schlosser, Alter: 18, Hinterbliebene: —, 4. V. 19, Warngauerstr.
47 Gramann, Franz Kath. Ges.-Verein, Schneider, Alter: 19, Hinterbliebene:—, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
48 Grünbauer, Math.Kath. Ges.-Verein, Schlosser, Alter: 24, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
49 Hamberger, Joh.Kath. Ges.-Verein, Schlosser, Alter: 19, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
50 Hain, LeoBelgradstr. 107, Masch.-Mstr., Alter: — , Hinterbliebene: 3, 8. V. 19, Karl Theod.-W., ausgeplündert
51 Hausler, Rich.Großhadern 19, Elektrotechn., Alter: 19, Hinterbliebene: 2, 1. V. 19, Großhadern
52 Hausmann, Wilh. Weißenburger Straße 2, Friseur, Alter: 30, Hinterbliebene: 1, 3. V. 19, i. s. Wohnung
53 Hecksteiger, MaxKühbachstr. 16, Maurer, Alter: 36, Hinterbliebene: 1, 3. V. 19, Ort der Ermordung: —
54 Heimerer, AntonTegernseerlandstraße 30, Eisenhobler, Alter: 49, Hinterbliebene: 5, 3. V. 19, Knollgrube, ausgeplündert
55 Heimkirchner, Jul.Elsenheimerstr. 28, Hilfsarbeiter, Alter: 21, Hinterbliebene: 1, 2. V. 19, Ausstellung, 230,— M., Uhr und Kette, Hut und Stiefel geraubt
56 Heinritzl, JosefWendelsteinstr. 2, Bauarbeiter, Alter: 22, Hinterbliebene: 1, 2. V. 19, Knollanwesen
57 Hillenbrand, Joh.Ackerstr. 116, Fensterreinig., Alter: 20, Hinterbliebene: —, 2. V. 19, Siboldstr.
58 Hof, SebastianForstenriederstr. 2, Schlosser Alter: 32, Hinterbliebene: —, 2. V. 19, Forstenrieder Ecke, Holzapfelstraße
59 Horn, KarlDaisenhofenerstraße 12, Prof. d. Mathematik, Alter: —, Hinterbliebene: 2, 3. V. 19, Stadelheimerstraße 33, Uhr, Kette, Schuhe geraubt
60 HöpflGrünwald, Feinmechaniker, Alter: — , Hinterbliebene: —, 1. V. 19, Grünwald
61 Hörl, MaxWeinbauernstr. 2, Schuhmacher, Alter: 33, Hinterbliebene: 3, Datum: —, Stadelheim
62 Huber, KarlLandsbergerstraße 153, Kutscher, Alter: 27, Hinterbliebene: —, 1. V. 19, Ort der Ermordung: —, 30 M., 2 Uhren, Gamaschen, Brieftasche geraubt
63 Hufnagel, Sebast.Perlach, Rosenheimerstr. 5, Taglöhner, Alter: 47, Hinterbliebene: 3, 5. V. 19, Hofbräuhauskeller, ausgeplündert
64 Huhn, PeterGroßhesselohe, Beruf: —, Alter: — , Hinterbliebene: —, 1. V. 19, Großhesselohe
65 Jakob, GeorgPerlach 104, Schreiner, Alter: 37, Hinterbliebene: 3, 5. V. 19, Hofbräuhausk., ausgeplündert
66 Jakob, JosefPerlach, Putzbrunnerstr., Maurer, Alter: 40, Hinterbliebene: 6, 5. V. 19, Hofbräuhausk., ausgeplündert
67 Kapfhammer, MaxRottmannstr. 23, Taglöhner, Alter: 50, Hinterbliebene: —, 3. V. 19, Stigelmeierpl.
68 Keil, JohannPerlach 46, Taglöhner, Alter: — , Hinterbliebene: —, 5. V. 19, Hofbräuhausk., ausgeplündert
69 Kollmeder, Blas.Baaderstr. 2, Beruf: —, Alter: — , Hinterbliebene: —, 200 M., Leuchtblattuhr geraubt
70 Kininger, RuppertReifenstuhlstr. 12, Monteur, Alter: 30, Hinterbliebene: 3, 3. V. 19, Schlachthof
71 Kirchner, TheodorWinterstr. 4, Taglöhner, Alter: — , Hinterbliebene: 3, 3. V. 19, Kühbachstr. 11
72 Kistler, GeorgGroßhesselohe, Beruf: —, Alter: — , Hinterbliebene: —, 1. V. 19, Großhesselohe
73 Kling, MariaEdelweißstr. 11, Kontoristin, Alter: 23, Hinterbliebene: —, 4. V. 19, Stadelheim
74 Kobahn, OttoPilgersheimerstr. 2, Schreinerlehrl., Alter: 16, Hinterbliebene: —, 2. V. 19, Stadelheim
75 Koch, Aug. GeorgPerlach 46, Hilfsarbeiter, Alter: — , Hinterbliebene: 9, 5. V. 19, Hofbräuhausk.
76 Koller, IgnatzAbelestr. 1, Schäffler, Alter: 25, Hinterbliebene: —, 2. V. 19, Kapuzinerstr., 80 M., Ring, Ueberzieher, Schuhe geraubt
77 Kohlmann, Joh.Dreimühlenstr. 14, Taglöhner, Alter: — , Hinterbliebene: 6, 2. V. 19, Schlachthof
78 Koyer, JosefFrauenstr. 3, Metzger, Alter: 20, Hinterbliebene: —, 2. V. 19, Marienstr.
79 König, AntonMehring b. Augsb., Elektromont., Alter: 34, Hinterbliebene: 2, 2. V. 19, Schlachthof
80 Köstelmaier, XaverLandsbergerstraße 163, Malergehilfe, Alter: — , Hinterbliebene: 4, 1. V. 19, Schäftlarn
81 Krapf, JosefKath. Ges.-Verein, Schneider, Alter: 21, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
82 Kraus, KarlGallmeierstr. 6, Händler, Alter: 34, Hinterbliebene: 2, 3. V. 19, Ort der Ermordung —
83 Krebs, Albert Perlach 46, Gußmeister, Alter: 38, Hinterbliebene: 5, 5. V. 19, Hofbräuhausk., ausgeplündert
84 Lachenmaier, JosefKath. Ges.-Verein, Großhadern, Lindenallee 8, Herbergsvater, Alter: — , Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
85 Landauer, GustavWohnort: — , Schriftsteller, Alter: 49, Hinterbliebene: 1, 2. V. 19, Stadelheim, Rock, Hose, Stiefel, Mantel u. Uhr geraubt
86 Lang, JosefKath. Ges.-Verein, Schlosser, Alter: 26, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
87 Leib, AntonDaiserstr. 44, Redakteur, Alter: — , Hinterbliebene: 6, 2. V. 19, Elysium, Täter: v. Lindenfels
88 Link, KarlBarthstr. 2, Kutscher, Alter: 40, Hinterbliebene: 1, 2. V. 19, Hofbräuhausk.
89 Lohmar, JosefKühbachstr. 18, Fuhrmann, Alter: 41, Hinterbliebene: 5, 2. V. 19, Giesingerberg
90 Lohmar, PeterWohnort: — , Journalist, Alter: — , Hinterbliebene: —, 3. V. 19, Gasteiganlagen
91 Ludwig, JosefPerlach 134, Hafnermeister, Alter: 56, Hinterbliebene: 5, 5. V. 19, Hofbräuhausk., ausgeplündert
92 Mages, GeorgLandsbergerstraße 163, Bauarbeiter, Alter: 17, Hinterbliebene: —, 3. V. 19, Pettenkoferstraße 11
93 Mairiedl, Josef Großhadern, Bauerstr. 39, Schreiner, Alter: 35, Hinterbliebene: 1, 1. V. 19, v. d. Dorf Großhadern
94 Mandel, KarlWohnort: — , Redakteur, Alter: 33, Hinterbliebene: 3, Datum: — , Ort der Ermordung: —, größerer Geldbetrag gestohlen
95 Meißenhalter, Rupp.Wohnort: — , Taglöhner, Alter: — , Hinterbliebene: —, 3. V. 19, Tegernseerlandstr. 32
96 Nagl, JosefSauerlach, Maurerpolier, Alter: 31, Hinterbliebene: 1, 3. V. 19, Starnberger Bhf., 100 M. geraubt
97 Neumeier, HansLothringerstr. 11, Pflasterer, Alter: 23, Hinterbliebene: —, 2. V. 19, Ostfriedhof
98 Niederreiter, JosefUntere Grasstr. 18, Pflasterer, Alter: 29, Hinterbliebene: 3, 3. V. 19, Ort der Ermordung: —, Uhr, Geld, Schuhe u. Ringe, geraubt
99 Noak, ErnstGroßhadern 36, Monteur, Alter: 27, Hinterbliebene: —, 1. V. 19, Waldfriedhof, ausgeplündert
100 Obermaier, Joh.Entenbachstr. 12, Metallgießer, Alter: 21, Hinterbliebene: —, 2. V. 19, Ort der Ermordung: —, ausgeplündert
101 Oswald, AntonKesselbergstr. 2, Maurer, Alter: 31, Hinterbliebene: 2, 3. V. 19, Ort der Ermordung: —, 300 M., Uhr u. Kette [geraubt]
102 Pasch, Josef Wohnort: — , Beruf: —, Alter: — , Hinterbliebene: 1, 3. V. 19, Tegernseerlandstr. 132
103 Peller, JosefAlpenstr. 27, Hilfsarbeiter, Alter: — , Hinterbliebene: 2, 3. V. 19, Wiese a. d. Daiserstraße
104 Pichler, Bernh.Kath. Ges.-Verein, Tapezier, Alter: 26, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
105 Platzer, JosefBoosstr. 5, Spengler, Alter: 18, Hinterbliebene: 1, Datum: — , Ohlmüllerstr.
106 Prachtl, PaulKath. Ges.-Verein, Spengler, Alter: 29, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
107 Probst, JosefKirchenstr. 38, Brothändler, Alter: 30, Hinterbliebene: 2, 2. V. 19, Maximiliank.
108 Rabl, GeorgAignerstr. 16, Eisendreher, Alter: — , Hinterbliebene: 1, 3. V. 19, Pfarrhofstr.
109 Raffner, JosefKesselbergstr. 6, Beruf: —, Alter: — , Hinterbliebene: 2, 3. V. 19, Knollwiese
110 Raidel, JosefWirthstr. 1a, Hilfsarbeiter, Alter: 35, Hinterbliebene: 3, 3. V. 19, Wirthstr. 1a
111 Rainer, AugustGroßhadern 19, Beruf: —, Alter: — , Hinterbliebene: —, 1. V. 19, Neufriedenheim, Uhr u. Zigarettenetui geraubt
112 Reinhardt, ViktorArcostr. 9, Hilfsarbeiter, Alter: 23, Hinterbliebene: —, 2. V. 19, Ort der Ermordung: —
113 Reith, LudwigKath. Ges.-Verein, Schneider, Alter: 22, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
114 Rieger, JosefBreisacherstr. 19, Maurer, Alter: 34, Hinterbliebene: 1, 2. V. 19, Stadelheim
115 Reischl, JosefZugspitzstr. 15, Maurer, Alter: — , Hinterbliebene: 2, 4. V. 19, Stadelheim
116 Rötzer, EmeranDreimühlenstr. 14, Schuhmacher, Alter: 42, Hinterbliebene: 3, 2. V. 19, Ort der Ermordung: —
117 Ruither, JosephHans Miliechstr. 10, Stuckateur, Alter: — , Hinterbliebene: 2, 3. V. 19, Cremmermühle, 80 M. u. Bekleidung geraubt
118 Russer, KarlZugspitzstr. 13, Steinmetz, Alter: 28, Hinterbliebene: 2, 3. V. 19, Ort der Ermordung: —, vollst. ausgeplündert
119 Samberger, Karl Kath. Ges.-Verein, Schneider, Alter: 25, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
120 Samisch, WilhelmPreisingstr. 8, Spengler, Alter: 45, Hinterbliebene: —, 3. V. 19, Herzogpark, ausgeplündert
121 Sammer, AlfonsKesselbergstr. 6, Hilfsarbeiter, Alter: — , Hinterbliebene: 4, Datum: — , Knollwiese
122 Sedlmaier, Jos.Winterstr. 8, Hilfsarbeiter, Alter: 42, Hinterbliebene: 3, 2. V. 19, Pilgersheimerstraße 39, Verfahren eingestellt
123 Seidl, Georg Trappentreustr. 32, Bauarbeiter, Alter: 32, Hinterbliebene: 1, 1. V. 19, Donnersbergbr.
124 Seidner, PhilippUnterföhring, Beruf: —, Alter: — , Hinterbliebene: —, Datum: — , Elsässer Str.
125 Sigl, JosefRaintalerstr. 64, Krankenwärter, Alter: 35, Hinterbliebene: 2, 5. V. 19, Ort der Ermordung: —
126 Sontheimer, Josef Erhardstr. 11, Kaufmann, Alter: 52, Hinterbliebene: —, 4. V. 19, Franziskaner
127 Schäffer, JosefineHohenzollernstr. 72, Kaufmannsfr., Alter: — , Hinterbliebene: —, 5. V. 19, Elisabethplatz, Wohnung vollständig ausgeplündert
128 Schermer, HeinrichBoschetsriedstr. 43, Schlosser, Alter: — , Hinterbliebene: 4, Datum: — , Ort der Ermordung: —, als Verwundeter erschossen u. ausgeraubt
129 Schlagenhaufer, H.Unterhaching, Redakteur, Alter: 54, Hinterbliebene: 1, 2. V. 19, Stadelheim
130 Schlagintweit, Jak.Tegernseerlandstraße 125, Beruf: —, Alter: — , Hinterbliebene: 4, 2. V. 19, Knollwiese
131 Schnellbögl, GeorgHumboldstr. 20, Maler, Alter: 54, Hinterbliebene: 2, 3. V. 19, Kirbachstr. 11, Uhr u. Kette geraubt
132 Schönberger, FritzKath. Ges.-Verein, Bäcker, Alter: 19, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
133 Schredinger, Joh. Daisenhofenerstraße 4, Schmied, Alter: 21, Hinterbliebene: 4, 3. V. 19, Stadelheim, ausgeplündert
134 Schwaiger, Jak.Dreimühlenstr. 9, Zimmerer, Alter: — , Hinterbliebene: 2, Datum: — , Sendlingertorpl.
135 Schwarz, JohannBreisacherstr. 16, Mechaniker, Alter: 21, Hinterbliebene: —, 4. V. 19, Stadelheim
136 Stadler, AntonKath. Ges.-Verein, Techniker, Alter: 35, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
137 Stadler, JacobKath. Ges.-Verein, Buchhalter, Alter: — , Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeplündert
138 Steidle, MaxParkstr. 13, Bäcker, Alter: — , Hinterbliebene: —, Datum: — , Zur roten Wand
139 Steingrübl, JosefPalmstr. 8, Mechanikerlhrl., Alter: 16, Hinterbliebene: —, 2. V. 19, Stadelheim
140 Stelzer, JohannOrleanstr. 61, Fuhrmann, Alter: 21, Hinterbliebene: 2, 3. V. 19, Ludwigsbrücke, ins Wasser geworfen
141 Stettner, JosefBaaderstr. 65, Xylograph, Alter: — , Hinterbliebene: 7,3. V. 19, Gärtnerplatz
142 Stiegler, LudwigKirchplatz 10, Hilfsarbeiter, Alter: — , Hinterbliebene: —, Datum: — , Stadelheim
143 Stöber, AugustPerlach, Arbeiter, Alter: — , Hinterbliebene: —, 5. V. 19, Hofbräuhausk., ausgeplündert
144 Stöger, FelixKath. Ges.-Verein, Schuhmacher, Alter: 24, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenplatz 5, ausgeplündert
145 Streicher, JosephSommerstr. 57, Hilfsarbeiter, Alter: 25, Hinterbliebene: 2, 2. V. 19, Stadelheim, 54 M. u. Uhr geraubt
146 Tischer, JohannZeppelinstr. 23, Maler, Alter: 37, Hinterbliebene: —, 3. V. 19, Seminar, Frühlingstraße
147 Trunk, JohannGietlstr., Bäcker, Alter: 23, Hinterbliebene: —, 4. V. 19, Stadelheim
148 Thuringer, Fried.Hirschbergstr. 20, Schmied, Alter: 18, Hinterbliebene: —, 3. V. 19, Zugspitzstr.
149 VogelFürstenfeldbruck, Matrose, Alter: — , Hinterbliebene: —, 30.IV. 19, Fürstenfeldbruck, geraubt Schuhe, Gamaschen, Brieftsch. 300 M, Täter: v. Lindenfels
150 Waffler, FranzSiebenbrunn 1, Taglöhner, Alter: 29, Hinterbliebene: 3, 2. V. 19, Krüppelheim, vollst. ausgeraubt
151 Wagner, KarlAventinstr. 8, Installateur, Alter: 37, Hinterbliebene: 3, 2. V. 19, Hofbräuhausk.
152 Walter, BaptistNockherstr. 23, Schlosser, Alter: 36, Hinterbliebene: 5, 4. V. 19, Ort der Ermordung: —
153 Waock, LudwigPreisingstr. 15, Taglöhner, Alter: — , Hinterbliebene: 3, 4. V. 19. Wasserburgerhof, 2 Goldringe, 1 Silberring geraubt
154 WiesheuWohnort: — , Dienstknecht, Alter: — , Hinterbliebene: —, 1. V. 19. Großföhren, Täter: Feldwbl. Maulbeck, Art.-Abt. 24, 3. Battr., Ingolstadt
155 Wimmer, KarlKath. Ges.-Verein, Zimmermann, Alter: 23, Hinterbliebene: —, 6. V. 19, Karolinenpl. 5, ausgeraubt
156 Wittmann, Johanna. d. Schweige 5, Lackierer, Alter: 46, Hinterbliebene: 1, 5. V. 19, Schlachthof, 50 M. u. Uhr geraubt
157 Wohlmuth, Alois Großhadern, Schweizer, Alter: 37, Hinterbliebene: 9, 1. V. 19, Großhadern
158 Woppmann, XaverSandstr. 30, Polier, Alter: 51, Hinterbliebene: 2, 3. V. 19, Hafemeier, Dachauerstr.
159 Zeller, KonradPerlach 116, Arbeiter, Alter: — , Hinterbliebene: 7, 5. V. 19, Hofbräuhausk., ausgeplündert
160 Zimmermann, Jos.Pilgersheimerstr. 76, Taglöhner, Alter: 29, Hinterbliebene: 4, 2. V. 19, Mondstr.
161 Zull, JosephWinterstr. 4, Kutscher, Alter: 20, Hinterbliebene: —, 3. V. 19, Kandidplatz

Die vorstehende Liste ist keineswegs vollständig. Denn nach den amtlichen Angaben sind in München allein 184 Menschen »tödlich verunglückt«. Die Liste enthält aber nur 161 Namen, die sich außerdem auf München und Umgebung beziehen.

Auch die 186 »standrechtlichen« Erschießungen waren, wie auf Seite 112 eingehend bewiesen wird, völlig ungesetzlich. Da alle Unterscheidungsmerkmale zwischen beiden Kategorien fehlen, läßt sich nicht einmal im einzelnen nachweisen, wer »tödlich verunglückt« und wer »standrechtlich« erschossen worden ist. Trotzdem habe ich nur die amtlich als »tödlich verunglückt« Bezeichneten als ermordet gerechnet. Nur in 22 Fällen hat ein gerichtliches Verfahren stattgefunden. Nur vier Täter sind bestraft worden.

Der Polizeiagent Blau

Blau war Agent und Lockspitzel der politischen Polizei. Er gehörte im Aufstand vom Januar 1919 zur Besatzung der Büxensteindruckerei und hatte auch ein Auto beschlagnahmt. Nach dem Sturz der Räterepublik war er in München tätig und gab sich dort als flüchtiger, unterstützungsbedürftiger Kommunist aus. (Dritter und vierter Verhandlungstag.) Er wurde erkannt und nach Berlin gelockt. Dort wurde er in einer Kommunistenversammlung am 1. August 1919 als Spitzel festgestellt; wollte jedoch einen Gegenbeweis antreten. Er übernachtete mit Hoppe bei einem gewissen Pohl. Dort erschien dann nach Angabe Hoppes ein nicht ermittelter Polizeiagent und bot Hoppe Gift an, um Blau umzubringen. (Dritter Verhandlungstag.) Am nächsten Tag übernachteten Blau und Hoppe in der Wohnung Winklers. Dort erschienen nach Angabe Hoppes drei Leute, darunter wahrscheinlich der Polizeiagent Schreiber, boten ihm dieselbe Flasche Morphium an und forderten, man müsse mit Blau Schluß machen. Daraufhin habe er die Wohnung verlassen, sei jedoch zurückgekehrt. Unterdessen sei Blau ermordet worden. Die Leiche wurde dann in den Kanal geworfen. Dort wurde sie am 7. August gefesselt gefunden.

Am 24. Juni 1920 begann der Prozeß. Fichtmann und Hoppe waren wegen Mordes, Winkler wegen Beihilfe angeklagt. Fichtmann trat einen Alibibeweis an. Der Hauptbelastungszeuge Toifl sagte aus, es gebe eine organisierte Terroristengruppe. Doch mußte er sich sagen lassen, er sei der Anführer bei einem Raubüberfall auf den Diamantenhändler Orlowski gewesen und habe hierzu Waffen von der Reichswehr besorgt. Seine Behörde habe ihm sogar am Schluß noch gestattet, das geraubte Geld zu behalten. Ueber alle diese Dinge befragt, verweigerte er die Auskunft. Er gab zu, versucht zu haben, eine militärpolitische Abteilung der Kommunistischen Partei zu gründen und Befehle zu Ueberfällen auf Druckereien weitergegeben zu haben. (Sechster und siebenter Verhandlungstag.) Nach Aussage des Wachtmeisters Henke hatte die Garde-Kavallerie-Schützendivision allein 110 Spitzel. (Dritter Verhandlungstag.)

Am 5. Juli wurde Fichtmann freigesprochen. Hoppe bekam wegen Beihilfe zum Totschlag unter Ablehnung mildernder Umstände 6 Jahre Zuchthaus, Winkler wegen Beihilfe 3 Jahre Gefängnis. Gegen die stark belasteten Polizeispitzel Schreiber und Toifl wurde kein Verfahren eingeleitet. (Eingehende Prozeßberichte in allen Berliner Zeitungen.)