»Ausleeren!« rief Charley.
Sein Vater und seine Schwestern waren herbeigekommen. Der Alte zog eine primitive Federwage aus der Tasche und begann mit dem Wiegen.
»Charley, 25 Pfund.«
»Ich armer alter Mann: 23 Pfund.«
»Mary, 24 Pfund.«
»Lizzie, 22 Pfund.«
»Ed, 18 Pfund. Verdammt gut für einen Grünen.«
Ein Schluck Wasser aus den Tonkrügen, und dann ging's wieder in die Buschreihen hinein. Die Stunden flogen dahin; Reihe auf Reihe wurde abgepflückt, Sack auf Sack gewogen und ausgeschüttet, bis am Ende des Feldes es sich auftürmte wie Hügel frischgefallenen Schnees. Immer heißer wurde es. Der schwere Hut drückte auf meinen Schädel, das Tragband schnitt in die Schultern ein, die Kleider schienen mir am Leibe zu kleben; aber ich war so vergnügt wie schon lange nicht mehr, froh wie ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat. Beim Mittagessen aß ich mehr, als ich je in meinem Leben gegessen hatte und am Abend war ich so müde, daß mich die ganze Familie auslachte! Und am Abend des dritten Tages schrieb ich einen begeisterten Brief an meine Eltern. Ich sei Texasfarmer. Mir ginge es ausgezeichnet. Es sei wunderbar – einfach wunderbar …
Die Neger kamen. Sie halfen pflücken und luden ihre Baumwolle auf dem Farmhof ab. Denn ein großer Teil der Muchowschen Farm war an Neger verpachtet, die Land und Werkzeug geliefert bekamen und dafür die Hälfte der Ernte abliefern mußten. Sechs Familien waren es, Männer in zerfetzten Hosen, Weiber in roten und blauen Röcken und grellkarierten Kopftüchern, splitternackte Kinder, die alle zusammen schwatzend und schreiend in die Baumwollenfelder zogen und gefüllte Säcke herbeischleppten, bis sich weiße Berge auf dem Farmhof türmten.
Am Ende der Woche ging's mit vier hochbeladenen Wagen nach der Baumwollenmühle. Einen Wagen fuhr ich und kam mir sehr wichtig vor auf meinem hohen Sitz und hielt die Zügel krampfhaft in den Händen, als ob die alten Maultiere nicht auch ohne mich hinter den Wagen dreingelaufen wären! Nach einer halben Stunde Fahrt hielten wir mitten im Wald vor einem wackelig aussehenden hölzernen Gebäude, aus dessen hohem eisernem Schornstein schwarzer Rauch quoll.
Drinnen begannen Maschinen zu stampfen. Ein Wagen nach dem andern wurde dicht an das Gebäude herangefahren und sein weißer Inhalt mit großen Holzschaufeln in eine breite Öffnung hineingeschaufelt. Von dort brachte ein endloser Aufzug, ein breites Lederband mit Holzkästchen, die Baumwolle nach oben. Wir gingen in die Cottongin, die Baumwollenmühle, hinein, an einem Dampfkessel vorbei, den ein halbnackter Neger mit Holzklötzen fütterte, und stiegen auf einer Leiter zu dem Maschinenstockwerk empor. Aus dem Aufzug flutete ein weißer Strom von Baumwolle in ein Sägewerk, dessen mit ungeheurer Geschwindigkeit sich hin und her bewegende kleine Sägen die Silberfrüchte zerrissen und zerfetzten. Die federleichten weißen Fäden wurden von der Maschine weitergeschoben in einen breiten Holzkasten hinein, der senkrecht bis hinab auf den Erdboden reichte, während die schweren Samenkörner durch eine Öffnung in den unteren Raum fielen. War der Holzkasten mit Baumwollfasern angefüllt, so senkte sich eine hydraulische Presse herab, die genau in seine Öffnung paßte, und preßte die leichte weiße Masse in einen schweren Ballen zusammen, den mechanische Vorrichtungen mit Sackleinwand und Eisenbändern umspannten.
Der alte Muchow pinselte mit schwarzer Farbe auf jeden Ballen ein gewaltiges M.
»So,« sagte er, »nun wollen wir den Samen in einen Wagen schaufeln und die acht Baumwollballen auf einen zweiten Wagen laden. Ihr beide könnt dann nach Brenham hineinfahren. Euch Jungens macht es doch mehr Spaß, wenn ihr in die Stadt fahren könnt, als mir. Ich denke, wir spannen die vier Gäule vor deinen Wagen, Charley, und geben Ed die Maultiere. Mit denen kann er zurecht kommen.«
»Selbstverständlich!« behauptete ich.
Wenn man mich damals gefragt hätte, ob ich eine Dampfmaschine zu erbauen verstünde, würde ich wahrscheinlich auch ja gesagt haben! Das Vierspännigfahren ging gut, eine Tatsache, die für den gesunden Pferdeverstand der Muchowschen Maultiere zeugte. Die Straße war zwar miserabel und hatte allerlei gefährliche Löcher und Rinnen, aber die Tiere wichen ganz von selber aus. Als wir uns Brenham näherten und der Weg breit und eben wurde, rief mir Charley zu, ich solle neben ihm fahren.
»Die Reklamereiter werden gleich kommen!« schrie er herüber.
»Die was?«
»Die Reklamereiter, mein Sohn. Jungens, die eine volle Whiskyflasche in der Satteltasche stecken haben und sich ein besonderes Vergnügen daraus machen werden, einem gewissen Charley und einem gewissen Ed einen ordentlichen Schluck von der richtigen Sorte anzubieten! Die Sache ist nämlich so: für Baumwollsamen bekommst du bei jedem Agenten genau das gleiche Geld, die Tagesnotierung selbstverständlich. Die Samenagenten können also ihre Konkurrenten nicht durch höhere Preise überbieten, sondern nur durch größeren Umsatz. Deshalb schicken sie Reklamereiter auf die Landstraßen hinaus, gerissene Jungens, die jeden Farmer im Umkreis von fünfzig Meilen kennen. Oft lauern auf einer einzigen Zufuhrstraße ein halbes Dutzend solcher Reklamereiter. Sobald eine Wagenladung in Sicht kommt, reiten sie auf den Farmer zu und sind so liebenswürdig zu ihm, als ob er der Präsident der Vereinigten Staaten wäre; bieten ihm Whisky an, erzählen ihm die neuesten Brenhamerwitze, reiten neben seinem Wagen her, so lange, bis einer von ihnen die Ladung gekriegt hat. Heidi, da sind sie schon!«
Zwei Reiter kamen herangejagt, was die Pferde nur laufen wollten, hart nebeneinander, weit vornübergebeugt auf ihre Gäule, und parierten mit scharfem Ruck vor unseren Wagen.
»Hello, Muchow, old boy!«
»Guten Tag, Jungens! Warum habt ihr's denn so eilig? Ist der Sheriff hinter euch drein?«
»Nee, Muchow. Der Sheriff sitzt zu Hause und rechnet sich aus, wer fürs Gehängtwerden reif ist. Er schwankt noch zwischen dir und einem übelberüchtigten Neger aus Palavera County.«
»Donnerwetter, Kinder, da habt ihr aber Glück,« sagte Charley todernst. »Der Sheriff von Brenham wird immer nachlässiger. Er weiß wohl gar nicht, daß ihr beide wieder im Land seid?«
Da hielten die beiden Reiter lachend die Hände in die Höhe:
»Allright, Charley. Wir geben's auf. Dagegen können wir nicht an. Wer soll denn nun deinen Baumwollkram haben, Muchow? Ich reite für Smith & Donahan und John hier für Faraday & Co. Wer soll's sein?«
»Kommt darauf an,« lachte Charley. »Trockene Gegend hier, nicht?«
Eine Whiskyflasche kam prompt zum Vorschein, und Charley beguckte sich lange und andächtig den Himmel durch den Flaschenhals.
Der andere Reiter reichte mir eine Flasche herüber. »Neu in der Gegend hier?«
»Danke. Ja. Ich bin erst kurze Zeit im Land.«
»Aber Ed! Das mußt du nicht jedem hergelaufenen Pferdedieb gleich auf die Nase binden!«
»Doch, doch!« meinte der Reklamereiter. »Ihr noch unschuldiger Ruf könnte sonst leiden. Denn nur einem ganz grasgrünen Grünhorn (entschuldigen Sie den Ausdruck!) kann man es verzeihen, wenn er sich zu einer halbtoten Mumie, wie diesem Muchow hier, auf 'ne gottverlassene Farm hinhockt.«
»Jawohl!« grinste Charley. »Allerlei Leben würd' er mit euch sehen – die innere Ausstattung des Countygefängnisses aber auch! Dicky, du kriegst die Ladung; dein Whisky ist so schlecht, daß du unbedingt Geld verdienen mußt, um besseren kaufen zu können. Du kommst das nächstemal dran, John. So! Reitet, Jungens! Go to the devil!«
»Sollen wir 'was ausrichten?« schrien lachend die Reiter, schon im Davonjagen …
»Siehst du, Ed, das sind nette, manierliche Jungens, mit denen man wenigstens ein vernünftiges Wort sprechen kann, ohne daß man einen Seidenhut auf dem Schädel haben und bei jedem dritten Wort eine Verbeugung machen muß. So laß ich's mir gefallen. Gute alte Texasmode, Sohn!«
»Grasgrünes Grünhorn hat er gesagt!« meinte ich. »Nette Höflichkeit!«
»Well – wenn Euer Kaiser nach Texas käme, wäre er auch ein Grünhorn. Is nix dabei!«
In Brenham waren wir unsere Ladung in einer halben Stunde los; den Samen bei Smith & Donahan, die Ballen im Schuppen von Roberts Brothers. Die Pferde und die Maultiere banden wir vor dem gleichen Laden wie neulich an. Wir wollten gerade hineingehen, da kam einer der umherlungernden Neger auf uns zu, ein schlanker schwarzer Bursche. Sein Hut strahlte in sieben verschiedenen Farben und hatte mindestens doppelt so viele Löcher; seine Hosen hielt er mit beiden Fäusten krampfhaft fest, weil sie viel zu weit waren und stetig herabzurutschen drohten; sein Hemd mochte in unschuldiger Jugend einmal weiß gewesen sein.
»Mistah Muchow – dies schwarze Kind hier is' sehr angenehm froh, daß Mistah Muchow in Stadt sin'!«
»So, du Sohn eines faulen Vaters? Und was machst du denn in Brenham? Und wie steht's mit dem Pflücken? Heh, Slim?«
»Macht Melusina Maryanne, Mistah Muchow. Dieser Nigger hat kein' Kaffee, kein' Zucker, kein' Tabak, kein' gar nix. Kleines Zettelchen für fünf Dollars, Mistah Muchow!«
»Der alte Mann hat dir erst vorige Woche einen Kreditschein gegeben!«
»Huh – is' alles weg.«
»Ja, dann kriegst du aber schließlich nicht mehr viel Geld, wenn wir deine Baumwolle verkaufen, Slim.«
»Is nix dabei. Un – klein' bißchen weißes Geld möcht' Slim, Mistah Muchow, ein Dollar oder zwei!«
»Wozu denn?«
»Diesem Nigger juckt die rechte Hand, Mistah Muchow, un' das ist ein feines Zeichen, bringt jedesmal Glück. Slim will 'n bißchen crap schießen un' die schwarze Gesellschaft 's ganze Geld abnehmen!«
»Hier hast du 'n Dollar, Slim. Jetzt lauf weg, Slim. Wenn du morgen nicht beim Baumwollpflücken bist, frißt dich der alte Mann mit Haut und Haaren auf, das kann ich dir sagen!«
Grinsend trollte sich der Neger.
»Das ist einer von unseren Pächtern,« sagte Charley, »und der lustigste Nigger, den ich im Leben gesehen hab'. Nun wollen wir 'mal zugucken, wie er seinen Dollar los wird.«
Wir bogen um die Ecke, und richtig, da in dem Nebengäßchen, hockte Neger Slim mit einem halben Dutzend schwarzer Spießgesellen im Sand, und auf einer alten Jacke rollten Würfel hin und her.
»Komm, kleine Sieben!« rief Neger Slim beschwörend. »Willst du wohl 'rauskommen, du miserabel langweilige Sieben. Schnell – und kauf' Frauchen ein Paar Schuhe. Liebe süße Sieben …«
Sieben! Slims schwarze Tatze schoß hervor und strich die Silbermünzen ein, die auf der Jacke lagen.
Ein neues Spiel begann.
Die anderen Neger rollten die Augen und ärgerten sich.
»Oha, dicke Elf! Komm liebe dicke Elf!«
Wieder gewann Neger Slim. Achtmal hintereinander gewann er, und beim neunten Spiel konnte er keinen Gegeneinsatz bekommen, denn er hatte seine schwarzen Brüder bis auf den letzten Cent ausgeplündert!
»Nix weiß' Geld mehr?« sagte er enttäuscht. »Dann is' dies nette kleine Spielchen alle, gentlemen. Wenn ihr Geld habt, könnt ihr wiederkommen.«
Und würdevoll schlenderte er die Straße hinab, mit den Vierteldollars in seiner Hosentasche klimpernd.
Charley und ich gingen in Gus Meyers Salon an der Ecke der Wandelhalle. Der kleine Raum war peinlich sauber, der Boden mit weißem Sand bedeckt. An der Decke schnurrten elektrische Fächer, deren scharfer Luftzug Kühlung brachte. Männer, die an der Bar schnell ein Glas Bier hinunterstürzten, gingen und kamen fortwährend. An einem großen runden Tisch saß um eine gewaltige Platte von Kaviarbrötchen eine lustige Gesellschaft.
»Der deutsche Klub,« flüsterte Charley mir zu. »Guten Morgen, gentlemen! Es würde mich eine pleasure sein, die nächsten Biers zu trihten …«
»Lieber Muchow, Ihr Deutsch ist 'was Gräßliches,« schmunzelte ein dicker Herr. »Es würde Ihnen also ein Vergnügen sein, die nächste Auflage Bier zu stiften? Bewilligt!«
»Yes, that's it,« sagte Charley. »Und dies hier ist ein junger Deutscher, der – – «
»Wissen wir,« lächelte der dicke Herr mit vergnügten Äuglein. »Sie unterschätzen das alte Brenham und seine Neugierde, lieber Muchow. Meinen Sie wirklich, daß jemand brühwarm aus Deutschland nach dieser feinen Metropolis kommen kann, ohne daß darüber gesprochen wird? Prosit!« (Zu mir): »Wie gefällt's Ihnen? Gut? Ja? Das ist merkwürdig, denn zwischen Gymnasium und Farmarbeit ist doch ein wesentlicher Unterschied. Well – manchmal wundere ich mich, was sich eigentlich deutsche Eltern dabei denken, wenn sie – – na ja, dies ist 'ne verrückte Welt. Sehr verrückt. Aber man darf nur keine Müdigkeit vorschützen. Es wird Ihnen noch gut gehen – und es wird Ihnen noch schlecht gehen – aber schützen Sie nur ja niemals Müdigkeit vor!«
Er sah sicherlich nicht müde aus. Weder er noch die anderen. Sie sprühten von Kraft und Selbstvertrauen. Der Herr mit den vergnügten Äuglein war der Eigentümer des Brenham Herald, der Zeitung der Stadt, die in einer täglichen englischen und in einer wöchentlichen deutschen Ausgabe erschien. Da war der Agent einer Großbrauerei und ein Sattlermeister, der Besitzer einer Sodawasserfabrik und der Vertreter eines Nähmaschinengeschäfts. Das Gespräch drehte sich nur um Arbeit und Geld und neue Unternehmungen. In Brenham war Erntezeit in mehr als einem Sinn. König Baumwolle herrschte, King Cotton, wie der amerikanische Süden seine weiße Silberfrucht nennt – King Cotton ritt über das Land und verwandelte sein Reich von feinen weißen Fäden in schweres gleißendes Gold. Das Geld rollte. Der allmächtige Dollar strömte aus Dutzenden von Zufuhrstraßen nach dem Texasstädtchen. Der Farmer bezahlte den Kredit, den er das Jahr über bei den Geschäftsleuten der Stadt in Anspruch genommen hatte, er kaufte Maschinen und gab Geld für Vergnügen aus. Und männiglich mühte sich offenbar aus Leibeskräften, möglichst viel von dem Goldsegen zu erhaschen. Diese deutschen Männer, die deutsch und englisch wirr durcheinander sprachen, begnügten sich nicht etwa mit einem einzigen Beruf, mit einem einzigen Geschäft, sondern dehnten ihre Interessen nach allen möglichen Richtungen aus. Der Redakteur und Verleger, so hörte ich mit Staunen, betrieb nicht nur nebenbei die einzige Buchhandlung Brenhams, sondern er besaß auch eine Farm und hatte außerdem Geld in allen möglichen Unternehmungen stecken. Augenblicklich war er eifrig damit beschäftigt, bei Kaviarbrötchen und schäumendem Lagerbier eine Eisfabrik zu gründen. In zehn Minuten setzte er seinen Freunden auseinander, daß Eis als Stapelbedarf des Südens ein ausgezeichneter Fabrikationsartikel sei und daß er gar nicht einsehe, weshalb Brenham sein Eis von auswärts beziehen müsse. Die anderen nickten zustimmend – der Sattlermeister, der nebenbei noch eine Sägemühle besaß; der Bieragent, der Direktor von zwei Brenhamer Gesellschaften war; der Nähmaschinenmann, der aus Mexiko Mustangs importierte …
»How much?« fragte der Sattlermeister.
»Zehntausend, oder sagen wir fünfzehntausend,« meinte der dicke Herr.
In weiteren zwanzig Minuten hatte sich die Gesellschaft einverstanden erklärt. Die Brenham Ice Company Limited war so gut wie gegründet! Und im nächsten Augenblick wurde fast gleichzeitig darüber gesprochen, wer als geschäftsführender Direktor der neuen Eisfabrik bestellt werden sollte, und wo man heute abend pokern wollte.
»Hustle!« sagte der Eigentümer des Brenham Herald, mich über die Brille hinweg anblinzelnd. »Kennen Sie das Wort? Drängen heißt es, sich rühren, sich mit beiden Ellbogen vorwärts schieben. Hustle!«
Die Zeit schwand dahin. Längst war die weiße Pracht der Felder hinausgewandert nach den Baumwollzentren der Welt; die weiten Strecken lagen öde, gedörrt vom Sonnenbrand da. Der Indianersommer kam, der wundervolle Texasherbst mit seinen leuchtenden roten und braunen Farben, mit seiner goldenen Sonne. In aller Herrgottsfrühe, in der Morgendämmerung, begann immer die Arbeit der Farm. Zuerst war es Baumwollpflücken gewesen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, dann kam das Einernten der Maiskolben, dann das Schneiden des texanischen Zuckerrohres, des Winterfutters für Pferde und Vieh. Als die Ernte eingeheimst war, ging es an Kleinarbeit. Die Stacheldrahtzäune wurden ausgebessert, wir legten Bewässerungsgräben für die Felder an, wir flickten unser Sattelzeug, wir bauten einen neuen Stall, wir besserten die Farmwagen aus und strichen sie schön grün an, oder rumorten zwischen den Pflügen und Farmgeräten. Die Arbeit der Texasfarm schien mir keine Bürde.
»Ich kann mir kein rechtes Bild von deinem Leben machen,« schrieb mir einmal mein Vater. »Du berichtest über Reiten und Schießen und Jagen, du schreibst uns lustige Negergeschichten. Ist das Bauernarbeit in Texas?«
Doch die Arbeit war da und sie war schwer. Die ganze Art des Landes jedoch gab ihr einen romantischen Zug, und dieser romantische Zug vergrößerte sich ins Ungeheure für einen jungen Menschen wie mich. So wie es in der Stadt keine kleinere Münze als fünf Cents gab, weil kein Mensch sich mit Kupfergeld abgeben wollte, so fehlte auch auf der Texasfarm jede Kleinlichkeit. Wie sonniger Leichtsinn lag es über dem fast jungfräulichen Land, das ohne künstliche Hilfe reiche Ernte hergab. Dumpf dahin zu arbeiten, fiel hier keinem Menschen ein. Wir lebten auf der Farm in freier Natur ein freies Leben, das selbst schwerer Arbeit einen merkwürdigen Reiz verlieh. Und manchmal war die Arbeit wie ein Fest …
»Well, Jungens,« sagte der alte Muchow eines Abends, »ich denke, wir machen uns jetzt an den Wald drüben bei der Slimpachtung und hauen uns ein neues Stück Feld heraus.«
Am nächsten Morgen ritten Charley und ich zu den Negerpächtern der Umgegend und trieben Arbeiter auf, und am nächsten Tag schon begann die Arbeit. Im Morgengrauen zogen wir hinaus. Voraus ritten der alte Mann, Charley und ich, hinter drein fuhr Jim der Neger mit vier Maultieren und einem Farmwagen, bepackt mit zwei riesigen Kesseln und Säcken mit Proviant. Über Ackerfurchen und knisternde Maisstengel ging's hinweg. Am Waldrande prasselte ein Feuer aus dürrem Holz, an dem zwei schwarze Gestalten kauerten und sich die Hände an den Flammen wärmten. Es war Neger Slim und seine Ehefrau Melusina Maryanne.
»Schön' guten Morgen, Mistah Muchow, schön' guten Morgen, Mistah Charley, Mistah Ed. Feine Sache, so 'n kleines Feuerchen. Nix niemand noch nich' da von die faulen Niggers.«
»Wie viele kommen denn, Slim?«
»Sechzig Stück, Mistah Muchow – jeder gesegnete Farmnigger in dieser Gegend, so wahr dieses Kind einmal in' Himmel kommen will. Nur der Washington Columbus von Mistah Davis sein' Farm nich' un' das ist schade, weil das ein Nigger is', der mit die Axt fein Bescheid weiß.«
»Warum kommt er denn nicht?«
»Kann nicht. Is krank. Kann nicht sitzen, nicht liegen, nicht stehen, kann kein gar nix.«
»Wieso denn?«
»Oh – das is' sehr einfach. Ein anderer farbiger Gentleman hat ihm ein' ganze Ladung Schrot in die rückwärtige Gegend hineingeschossen!«
Wir brachen in schallendes Gelächter aus.
»Wegen ein' kleine Meinungsverschiedenheit beim Würfeln,« fiel Melusina Maryanne, die junge Negerfrau, mit schriller Stimme ein. »Lord – was is' das Würfelspielen für ein' schlechte Gewohnheit! So was tut mein Slim nicht! Ich würd's ihm auch mit mein' Besen austreiben!«
»Tut Slim niemals nich',« log der Neger darauf los und schielte vergnügt zu Charley und mir herüber.
Als das Rot des herbstlichen Sonnenaufgangs durch die Baumreihen zu schimmern begann, kamen sie von allen Seiten herangeritten, schwarze Gestalten mit Äxten über den Schultern, auf struppigen Pferden, auf altersschwachen Maultieren. Im Nu häufte sich ein Berg von alten Sätteln und Decken am Waldrand. Die Ponys und "mules" begannen draußen auf dem Feld zu grasen. Die Reiter aber drängten sich um das Feuer und ließen sich von Melusina Maryanne heißen schwarzen Kaffee in ihre blechernen Becher einschenken, fischten Speckstücke aus der brodelnden Pfanne und frisches Maisbrot aus dem Kessel. Weiße Zähne zermalmten und dicke Lippen schmatzten.
»So, Jungens!« rief der Herr der Farm von seinem Gaul herab, »nun wollen wir dem alten Wald zu Leibe gehen. Charley, Ed, zählt euch dreißig Mann ab und fangt hier zu arbeiten an. Die anderen kommen mit mir. Los, Kinder. Wollen 'mal sehen, auf welcher Seite mehr gearbeitet wird!«
Hemden wurden heruntergerissen, nackte schwarze Oberkörper glänzten im Sonnenlicht, und donnernd erdröhnten die Axtschläge. In langer Linie arbeiteten unsere dreißig Neger, Baum an Baum. Mit rhythmischer Regelmäßigkeit fielen die hoch über die Köpfe geschwungenen Äxte. Zuerst ein Hieb von oben, der tief in den Stamm hineinbiß, dann ein ergänzender waagrechter Schlag, der das angehauene Holzstückchen herausschleuderte. So entstand eine winzig kleine Kerbe in der Form eines liegenden V, flach wie ein Teller unten, schräg in den Baumstamm hineinfressend von oben. Mit jedem Hieb wurde die Kerbe größer, bis der verwundete Stamm sein eigenes Gewicht nicht mehr tragen konnte, die Holzfasern rissen und der Baum krachend zur Erde fiel. Dann sprangen drei, vier Mann auf ihn und hieben ihm die Äste ab, und der alte Jim schlang eine Kette um den Stamm und schleppte ihn mit seinen Maultieren an den Waldrand hinaus. Die Äste blieben liegen. Da waren Fichten, deren rotes Holz so weich und wässerig ist, daß es nur zum Verbrennen taugt; Buchen, Eichen und Hickorybäume, deren Stämme auf einen besonderen Haufen gelegt wurden, denn sie waren so wertvoll, daß sie in Brenham verkauft werden sollten. Ihr Holz ist hart wie Eisen. Die zähen Ranken, die sich von Baum zu Baum schlangen, der Efeu der alten Eichen und wucherndes Gestrüpp mit scharfen Dornen fielen unter den Axthieben. Schritt für Schritt drangen die Neger in den Wald ein. Ich hielt es nicht lange aus beim Zusehen, sondern sprang vom Pferd, holte mir eine Axt und schlug darauf los, daß die weißen Holzsplitter flogen.
Da gerieten Slim und ein anderer Neger in Streit. Sie hatten ihre Äxte verwechselt.
»Is meine Axt!«
»Nein, meine!«
»Das is' ein' dicke Lüge, du schwarzer Gauner!«
»Is' kein' Lüge!«
»Is' es doch!«
»Is' es nich' –«
Wütend funkelten sich die beiden Neger aus rollenden Augen an. Charley aber zog gelassen den Revolver hervor und spannte den Hahn.
»Äxte weg, Jungens! Wer von euch beiden eine Axt oder ein Messer anrührt, den schieße ich über den Haufen. Gebraucht eure Fäuste meinetwegen, ihr Dickschädel!«
»Komm her, Affensohn!« brüllte der Neger.
Da auf einmal krümmten sich die beiden zusammen – senkten die Köpfe – rannten aufeinander los. Genau wie kämpfende Böcke. Die Schädel prallten in dumpfem Krach zusammen. Wieder rannten sie, wieder stießen die schwarzen Köpfe hart aufeinander; zwei-, drei-, fünfmal. Beim fünftenmal kratzte Slim's Widersacher sich die krause Wolle auf seinem Schädel und schlich davon.
»Is' das nicht ein fein' kleines Köpfchen, das dies Kind hier auf die Schultern sitzen hat!« jubelte Neger Slim.
Wir aber lachten, daß wir beinahe von den Pferden fielen.
»Dafür soll dieser Sohn eines Ziegelsteins ein Pfund Tabak haben,« sagte Charley. »Das ist das erstemal, daß ich ein richtiges Niggerboxen gesehen habe. Ein Neger ist doch ein merkwürdiges Individuum. Sein Schädel ist so hart, daß wahrhaftig etwas daran ist an dem alten Witz von dem Schwarzen, der im siebzehnten Stockwerk eines Wolkenkratzers aus dem Fenster fiel und in der Luft inbrünstig gebetet haben soll: Dear Lord, laß mich auf meinen Kopf fallen, if you please, und ich armer Nigger bin gerettet! Eines Negers Schienbeine aber sind so weich und so empfindlich, daß ihn der leiseste Stoß schmerzt. Wenn du einmal mit einem Neger Unannehmlichkeiten hast, Ed, so gib ihm einen kräftigen Fußtritt gegen das Schienbein, und er wird heulend davonlaufen! Well – nun hör' mal! Vorhin wollte ich es dir nicht sagen, aber du mußt nicht mitarbeiten beim Baumfällen! Mit Negern arbeitet man nicht zusammen!«
Ich schämte mich fast, daß ich das nicht selbst empfunden hatte. Denn so naiv ich den Neger betrachtete, so fühlte ich mich doch in natürlichem Instinkt dem Mann der schwarzen Rasse gegenüber genau so als Herr und Höherstehender, wie der alte Muchow oder sein Sohn; empfand eine Abneigung, deren erster Grund der penetrante Geruch der Ausdünstung des Negers sein mochte. Für den Neger soll der Weiße übrigens genau den gleichen unangenehmen Geruch haben. Man plauderte mit dem Neger. Man amüsierte sich über seinen grotesken Humor, über sein komisches Englisch. Man brauchte ihn notwendig. Wie alle anderen Riesenfarmen in dem spärlich besiedelten Land basierte der Muchowsche Besitz auf Negerarbeit im Pachtsystem. Die Negerfamilien bekamen Land und Werkzeuge und mußten dafür das Land bestellen und die Hälfte des Ertrags abliefern. Sie waren vollkommen abhängig von dem Herrn der Farm, weil sie fast niemals bares Geld in die Hände bekamen und immer in der Schuld des Farmers standen, denn sie waren faul und verschwenderisch. Bekamen sie nach der Ernte wirklich Geld, so verpufften sie es in wenigen Wochen; die Männer in Trinkgelagen, die Weiber in komischem Putz, und waren dann wieder auf den Farmer angewiesen, der ihnen für die einfachsten Lebensmittel ungeheure Preise anrechnete. Eine Wirtschaftsteilung, bei der der Neger als der wirtschaftlich Schwächere und Untüchtigere unbedingt den Kürzeren ziehen mußte. So wurde das Land nach uralten primitiven Methoden bestellt, und was der Farmer durch nachlässige Bewirtschaftung verlor, glaubte er durch den Umfang seines Besitzes und den billigen Grundwert wieder hereinzubringen. Um straffe moderne Organisation, um wissenschaftliche Bodenausnutzung mühte sich niemand, weil der Neger nur in dem althergebrachten System zum Arbeiten zu bringen war, weil er als Tagelöhner zum Beispiel unter ständiger Aufsicht hätte sein müssen. Mir erschienen die Neger von einer fast kindlichen Harmlosigkeit. Als Kinder wurden sie auch behandelt, und als Kinder fühlten sie sich. Sie kamen mit den kleinsten Anliegen zu uns, sie konnten nicht einmal die einfache Baumwollarbeit, in der sie doch aufgewachsen waren, selbständig verrichten. Man behandelte sie freundlich, aber man hielt sie sich energisch vom Leibe. Kein Neger durfte den Farmhof betreten, ohne vorher angerufen und sich Erlaubnis erbeten zu haben; jeder Schwarze mußte ausweichen, wenn wir auf der Straße ritten oder fuhren; er durfte in Brenham kein Restaurant betreten oder sich in öffentlichen Räumen gleichzeitig mit Weißen aufhalten. Er war ein untergeordnetes Wesen und sollte es bleiben.
Stück für Stück und Tag um Tag verschwand der Wald. Die Stämme türmten sich draußen auf dem Feld auf. Nach drei Wochen stand kein Baum mehr, und eine halbe englische Meile weit sah man nichts als Haufen von Geäst und nackte, weißschimmernde Baumstümpfe. Nun begann die eigentliche Rodearbeit; die Stümpfe wurden herausgesprengt. Den Negern machte das ein Heidenvergnügen, und uns drei Weiße hielt es in ständiger Aufregung, weil die Schwarzen kaum wegzutreiben waren bei den Sprengungen. Das grobe Sprengpulver spaltete die Stümpfe nur und lockerte sie aus dem Erdreich. Feuer mußte die Arbeit vollenden. Der alte Mann selbst warf den Brand in das Gestrüpp, und langsam fraßen die roten Flämmchen in das Kleinholz, bis ein Windstoß kam und die kleinen Feuerzüngelchen zum rasenden Feuermeer aufpeitschte, das eine glühendrote Rauchwolke weithin über das Land trieb. Den ganzen Tag und die ganze Nacht umritten wir den Flammenherd und löschten Dutzende und Aberdutzende von Bränden, die durch glühende Funken in den benachbarten Feldern im Baumwollengesträuch und unter den Maisstengeln entstanden waren. Unsere Löschmanier war höchst einfach. Zwei Reiter hielten eine nasse Decke zwischen sich gespannt und schleiften sie im Galopp über den brennenden Boden. Mehrere Tage lang brannte das neugewonnene Land. Dann aber hätte man auf der weiten Fläche kein Stückchen Holz mehr finden können; die Stümpfe, die herausgesprengten Wurzeln, die Äste, das Gestrüpp, das dürre Laub von vielen Jahren, der uralte Laubmoder – das alles war eine schwarzverkohlte Masse mit Tausenden von weißen Aschenhäufchen. So wurde aus dem Wald das Feld …
»Charley und Ed, die beiden Spitzbuben,« sagte der alte Muchow öfter als einmal, »sind gar nicht mehr auseinanderzubringen. Immer stecken sie beisammen. Die Pferde reiten sie mir zu schanden, ihre ewige Schießerei hat mich schon halb verrückt gemacht, bei den Negern strolchen sie herum, – aber arbeiten tun sie, das muß man ihnen lassen. In einer Manier freilich, als täten sie's nur, weil's ihnen Vergnügen macht!«
Monate tollen Erlebens. Ich lernte Vertrauen in meine Fäuste und in meine Kraft; lernte auch den wildesten Gaul reiten; lernte das weiche Englisch des amerikanischen Südens; lernte den merkwürdigen Texasmischmasch von Selbstvertrauen und Schlenderjahn. Die Muchows fühlten sich unabhängig wie große Herren auf ihrem riesigen Grundbesitz, aber sie so wenig wie die Nachbarn hatten den Ehrgeiz, das alte Schlendersystem der Farmer zu verbessern. Es war, als seien die weißen Männer auf dem flachen Land angesteckt von der Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit des Negers. Sie lebten ein Herrenleben in ihrer Art, aber sie aßen Maisbrot und Speck das Jahr über und wohnten in rohen Holzhäusern; sie trugen derbes Leinen und betrachteten eine Zigarre als Sonntagsluxus. Dutzende von Pferden standen auf jeder Farm, und kein Mensch wäre hundert Meter zu Fuß gegangen, aber die Tiere wurden niemals beschuht und fast niemals geputzt. Die Farmen sahen schmutzig und verkommen aus, die Straßen nach der Stadt waren in einem so erbärmlichen Zustand, daß sie bei der Regenzeit unpassierbar wurden. In der Erntezeit warfen die Farmer mit Goldstücken um sich, und die Hälfte des Jahres mußten sie bei den Geschäftsleuten der Stadt Kredit in Anspruch nehmen. Man arbeitete aus Leibeskräften – ließ aber auf einmal alles liegen und stehen, wenn ein Neger mit der Nachricht gelaufen kam, Mister So und So von der nächsten Farm wolle zum Fischen nach dem Brazos reiten. Oder zum Kaninchenjagen. Oder auf die Waschbärenjagd. Dann sattelte man schleunigst die Gäule und ritt mit.
Es war ein merkwürdiges Leben auf der Texasfarm, das mir unbeschreiblich verlockend schien. Texasfarmer wollte ich werden! Es war sehr leicht, wenn man erst als halbwegs tüchtig bekannt war, Kredit zu erhalten und durch langsames Aufsteigen vom Pächter zum Farmer selbständig zu werden. Jeder Farmer verpachtete lieber an einen weißen Mann als an einen Neger, weil der Weiße von selbst arbeitete und der Schwarze nur, wenn er dazu getrieben wurde. Das Haus bauten einem die Nachbarn, die Geräte lieferte der Farmer, das Geld, das man bis zur Ernte brauchte, streckte er einem vor. Wenn die Baumwollenpreise nur einigermaßen gut waren, konnte man bald genug eigenes Land besitzen.
Wie oft hatte mir der alte Muchow das auseinandergesetzt! Aber für den Gang meines Lebens bestimmend war sein Sohn. Hätte nicht die amerikanische Krankheit unstillbaren Wandertriebes ihn erfaßt, so pflanzte ich heute aller Wahrscheinlichkeit nach Baumwolle irgendwo in der Nähe der Muchowschen Farm, ein Texasmädel wäre meine Frau, Texasgrund und Boden wäre mein eigen …
Denn im Spätherbst kam eine sonderbare Ruhelosigkeit über den jungen Muchow. Es gab fast nichts zu tun auf der Farm. Das Land sah öde aus; alles war verdorrt, der Boden, die Büsche und das Laub, das Gras. Man sah nichts als einförmiges Braun. Wir ritten täglich meilenweit übers Land, und auf einem solchen Ritt hielt Charley auf einmal seinen Gaul an und ließ die Zügel fallen. Lange Zeit sah er sich im Kreise um. Dann richtete er sich auf, wie jemand, der mit sich selber eins geworden ist.
»Ich geh' fort,« sagte er.
»Was?«
»Fort geh' ich. Zu verdammt langweilig!«
»Wohin denn?«
»Weiß noch nicht. Ich reit' jedes Jahr los. Neu-Mexiko war es letzten Winter, Indian-Territory das Jahr vorher. Für Cowboys gekocht, drüben bei San Antonio (und die Jungens haben oft genug geschimpft über meine Kocherei!) – mitgeholfen beim Branden der Rinder – dann nach Nordwesten hinauf – das verdiente Geld in einem Wagen und Provisionen angelegt und nach Gold gesucht – den Teufel 'was gefunden – halb verhungert in Albuquerque angekommen, Wagen und Gaul verkauft und nach Hause gefahren. Das waren famose fünf Monate, sonny! Diesmal ist es El Paso! Bei El Paso wird eine neue Eisenbahn gebaut. Gus sprach davon. Da strömen die lustigsten Kerle aus dem ganzen Süden zusammen. Jawohl – es ist 'ne feine Idee! Ich reite nach El Paso! Glory Hallelujah!«
Wie eine ansteckende Krankheit sprang sein Wandertrieb auf mich über.
»Nimm mich mit!« sagte ich.
»No, sir.«
»Warum denn nicht?«
»Geht nicht. Du kennst das Land noch nicht. Schließlich schlagen sie dir den Schädel ein und ich bin daran schuld. Nein. Bleib' beim alten Mann.«
Als wir nach Hause kamen, platzte er mit seinem Projekt heraus:
»Vater – hm – Mutter – hm, ich denke, ich reite morgen …«
»Ach du meine Güte!« sagte Mutter Muchow leise.
»Wie du meinst!« brummte der Alte. »Eine verfluchte Wirtschaft! Du wirst schon noch in irgend 'n Malheur 'reintreten. Well – well – – bin auch mal jung gewesen, aber die neue Generation könnte doch 'was zugelernt haben. Hab' mir's schon gedacht, daß die Vagabundiererei wieder anfängt. Dann reite in drei Kuckucksnamen! Laß dich nicht über die Ohren hauen! Wo willst du hin?«
»Nach El Paso, Vater. Zum Eisenbahnbau.«
»Well, wie du meinst.«
Ich saß da und wäre beinahe geplatzt vor Neid. Und auf einmal kam's über mich wie fiebernde Unruhe.
»Wenn Charley fortgeht …« begann ich.
»Hoh!« sagte der alte Muchow. »Da ist noch einer! Zu tun ist ja freilich nichts auf der Farm, aber du hättest doch wahrhaftig gerne hierbleiben können!«
Und ich beschloß, mein Glück im Texasstädtchen zu versuchen.
Kurz vor Brenham durchschnitt die Staatsstraße nach Osten, nach San Antonio und El Paso, unseren Weg. Dort, an der Kreuzung, hielten wir. Braun, dürr, öde, sandig lag die Gegend da. Auf dem untersten Ast eines Baumes am Straßenrande saßen träge vier Aasgeier.
»Good bye, Vater,« sagte Charley.
»Na, dann reite, mein Junge. Nimm dich in acht mit dem Mexikanerpack da drüben!«
»Allright, Vater. Good bye, Ed. Besser, du bleibst beim alten Mann. Überleg' dir's noch.«
Und im vollen Galopp jagte Texasgirl auf der Straße nach Osten vorwärts, mit einem Reiter, der lustig den Hut schwenkte und die sechs Schüsse seines Revolvers in die Luft knallte zum Abschiedsgruß –
»Eine verfluchte Wirtschaft!« brummte der alte Mann. »Wenn ich nicht selber einer von der Sorte gewesen wäre, könnt' ich dem Bengel wahrhaftig böse sein. Na, er kann für sich sorgen; wer mit dem anbindet, hat alle Hände voll. Was willst du denn in Brenham anfangen?«
»Keine Ahnung, sir.«
»Eine verfluchte Wirtschaft! Ehem! Ich lasse jeden das aufessen, was er sich einbrocken will. Wenn einer Dummheiten machen will, dann soll er sie eben machen. Man muß einen Mann mit seinem Mädel allein lassen und einen Narren mit seiner Narrheit. Good bye, mein Junge!«
Der Lausbub wird Apothekerlehrling. – Im Wunderland. – Grasgrüner Wissensdurst. – Die Negerin und das Liebespulver. – Ein Nachtklingel-Erlebnis. – Der Lausbub langweilt sich. – Das Gäßchen der winzigen Häuschen. – Klein-Daisy. – Die Dame, das Parfüm und die Folgen. – Ex-Apotheker. – Der frühere Leutnant aus dem heiligen Köln und sein Rat. – Der Mann mit den leuchtenden Augen. – Vorbereitungen zu einer geheimnisvollen Reise.
An einem der runden Tischchen in Gus Meyers Salon saß, emsig schreibend, der Redakteur und Verleger des Brenhamer Herald. Neben ihm stand ein kleiner Junge in Arbeitskleidern, mit Druckerschwärze beschmiert.
»Hello!« rief mir der Redakteur entgegen. »In dreieinhalb Sekunden hab' ich den Gouverneur von Texas vollends abgemurkst.« (Er schrieb weiter.) »So. Hier, mein Söhnchen! Lauf! Korrektur und letzte Depeschen bringst du mir hierher. Gus, noch 'n Bier! Und wie steht's mit Bruder Leichtfuß aus dem deutschen Vaterland?«
Er schüttelte sich vor Lachen, als ich ihm erzählte, weshalb ich in Brenham sei.
»Und was wollen Sie anfangen?«
»Ich hab' keine Ahnung …«
»Selbstverständlich haben Sie keine Ahnung!« schrie er lachend, als ob das der beste Witz der Welt wäre. »Ich hätte auch keine an Ihrer Stelle. Es wäre auch wirklich zuviel verlangt von Bruder Leichtfuß, er solle sich – hokuspokus, hast du nicht gesehen? – in einen geldverdienenden Praktiker umzaubern, sobald er nur auf amerikanischen Boden plumpst!«
»Könnten Sie mir nicht einen Rat geben, Herr Doktor?«
»Hoh! So ist's recht. Wenn man selbst nichts weiß, so weiß vielleicht ein anderer etwas!«
Er lachte, und unter Lachen und Biertrinken pumpte er mit unglaublicher Schnelligkeit alles aus mir heraus, was er wissen wollte. Was mein Vater sei? Weshalb ich eigentlich Deutschland verlassen hätte? Meine Familie? Meine Verwandten? Welche Schulen?
»Stimmt alles!« schmunzelte er endlich. »Sie wären auch viel zu jung, um konsequent und überzeugend zu lügen. Das ist nämlich eine große Kunst! Hm – und nun wollen wir sehen, was sich in dieser feinen aufblühenden Texasstadt alles mit Ihnen aufstellen läßt. Aha – oho … guten Morgen, Mr. Mindus!«
»Tag, Doktor!« sagte ein Herr, der soeben eingetreten war, ein Riese von respektabler Größe und noch weit respektablerer Breite, ein Riese in Hemdsärmeln, doch in Hemdsärmeln aus schillernder Seide; in blitzenden Lackstiefeln, auf dem Kopf einen Panama.
»Interessanter Fall, Herr Mindus!« sagte der Doktor. »Wir haben hier den jungen Deutschen, der bei den Muchows auf der Farm – ich erzählte Ihnen doch davon?«
Der Mann in den seidenen Hemdsärmeln nickte.
»Nun, er hat gemerkt, daß er in der stillen Farmzeit ziemlich überflüssig war und ist gegangen. Frage: Was fängt er an?«
»Geld?« fragte Mr. Mindus lakonisch.
»Ih wo!«
»Well – dann muß er arbeiten!«
»Aber, bester aller Apotheker, – Herr Mindus ist Besitzer der großen Apotheke da drüben, mein Junge, – das wissen wir auch! Aber wie und wo? Ich denke mir, wenn ein verwöhnter junger Mensch frisch von der Schulbank fünf Monate Farmarbeit aushält, dann muß er zu gebrauchen sein.«
»Das werden wir ja sehen,« sagte der Apotheker und wandte sich mir zu. »Wenn Sie wollen, so können Sie bei mir in der Apotheke arbeiten – – «
Ich saß da, so erstaunt und so überrascht, daß ich kaum ein Wort hervorbringen konnte, und hörte, wie mir der Apotheker erklärte, er "taxiere", ich sei vorläufig fünfzehn Dollars im Monat und Verpflegung für ihn wert, und in einer Viertelstunde solle ich nach der Apotheke kommen. Dann schüttelte Mr. Mindus dem Doktor die Hand, nickte mir zu und ging fort. Der Verleger des Brenham Herald sah mich lachend an.
»Eine verrückte Welt! Nun sind Sie Apothekerlehrling hier hinten in Texas!«
Eine halbe Stunde später hielt ich einen Mörser zwischen den Knieen und stampfte arbeitsam auf Kreidekügelchen los. Die zerstampfte Kreide füllte ich in kleine Schachteln. In jede Schachtel kamen drei Tropfen Veilchenextrakt. So fabrizierte man hier hinten in Texas Puder.
Gewaltige Glaskugeln mit giftig grün, zart rosa und schreiend gelb anilingefärbtem Wasser gefüllt, schillerten im Schaufenster als Wahrzeichen der Apotheke. Auf riesigen Regalen standen die Flaschen und die Fläschchen mit den Rohstoffen der pharmazeutischen Kunst; endlose Reihen von Patentmedizinen; von Pillen und Mixturen, Sarsaparillen und Blutbelebern. In Schaukästen waren alle möglichen Waren aufgestapelt; Bürsten, Kämme, Toilettenartikel, wundertätige Fleckseifen und Pokerkarten, Proben von wunderbar wachsenden Sämereien und garantiert-echte Monte Carlo Rouletten; Vasen, Spielmarken, Puppen. Der Herrenwelt brachte die Apotheke liebevolles Verständnis durch ein halbes Dutzend dickbauchiger Whiskyfässer entgegen, denn wer hier Wert auf guten Whisky legte, kaufte seinen Bourbon oder seinen Rye in der Apotheke. Für die Damenwelt sorgte die Sodawasser-Fontäne, die Jimmy Hawkins bediente.
Sie war ein Wunderwerk. In einem pompösen Nickelgehäuse, das den halben Laden ausfüllte, verbargen sich Eisbehälter, Kohlensäureapparate und Dutzende von kleinen Fäßchen mit allerlei Fruchtsäften und Ingredienzien. Auf dieser Maschine spielte Jimmy Hawkins wie auf einem Klavier; er schlug die Tasten geheimnisvoller Hähne an und komponierte merkwürdige Getränke. Die Basis war immer ein Glas Sodawasser zu drei Vierteln gefüllt, dazu kamen Fruchtsäfte oder flüssige Schokolade, und das ganze krönte jedesmal ein Löffel Icecream, Gefrorenes. Es war der punch romain europäischer Cafés, verflüssigt, ins Amerikanische übersetzt und verbilligt, – der soda drink zu fünf Cents. Die hohen Stühle vor der Soda Fountain wurden niemals leer. Hunderte von Damen schlürften alltäglich die eiskalten Herrlichkeiten. Dieser vordere Teil des Ladens war das Sanktum der holden Weiblichkeit des Texasstädtchens. Weiter hinten drängten sich die Männer von den einsamen Farmen; rauchend, schwatzend, plaudernd, denn sie wollten nicht nur kaufen, sondern auch unterhalten sein, etwas hören vom Getriebe des Städtchens und den Dingen der großen Welt. Noch weiter hinten an den Ladentischen – die Apotheke war riesig groß – versammelten sich die kaufenden Negerherrschaften. Und das Ganze war ein unbeschreiblicher Wirrwarr!
Bruder Leichtfuß schien es, als sei er im Wunderland.
Freilich mußte man kehren und fegen und spülen in diesem Wunderland, und Kisten schleppen und langweilige Salben in langweiligen Mörsern ewig lange zerreiben. Aber da waren Kasten und Schränke und Fläschchen und Dosen, die man so wunderschön durchstöbern konnte, und geheimnisvolle Gifte und geheimnisvollere Apparate und das fortwährende Kommen und Gehen von vielen Menschen. Ich entwickelte einen gierigen Lerneifer, gegen den kein Mensch etwas einzuwenden hatte; verbrannte mir die Finger gehörig an Schwefelsäure und kurierte mir Zahnschmerzen mit so viel kristallisiertem Cocain, daß ich beinahe sehr krank geworden wäre. Mr. Mindus und den Prokuristen und Jimmy Hawkins bombardierte ich fortwährend mit Fragen, die mit einem gemütlichen Grinsen über meinen grasgrünen Wissensdurst beantwortet wurden. So wurde aus dem wunderlichen Wirrwarr nach und nach ein vertrautes Hantieren mit vertrauten Dingen. Es dauerte gar nicht lange, so verkaufte der Lausbub Chinin (das war ein Stapelartikel) und Patentmittelchen – und nach wenigen Wochen schon durfte er neben dem Prokuristen am Rezepttisch stehen, wenn's viel zu tun gab, und beim Bereiten von Mixturen helfen! Einem deutschen Apotheker würden die Haare zu Berge gestanden sein über diesen Leichtsinn, aber man nahm es nicht so genau da hinten in Texas. Es war auch gar nicht so schwer. Die drei Ärzte des Texasstädtchens schrieben ihre Rezepte hübsch deutlich und leserlich, wie es Sitte ist in Amerika, und mein Latein und mein ewiges Herumschnüffeln und Fragen kamen mir bald zu statten. Ich rezeptierte darauf los …
Man stelle sich meinen Stolz vor!
Dummheiten machte ich natürlich auch, und ich vergesse nie, wie der pompöse Mr. Mindus aus dem Häuschen geriet, als ich dem berüchtigtsten Gauner von Brenham in aller Harmlosigkeit fünf Flaschen Whisky auf Kredit verkaufte! Und einmal kam eine junge Negerin und verlangte verschämt:
»Love powder, please!«
Liebespulver? Was beim Kuckuck war Liebespulver?
»Wie meinen Sie?« fragte ich verlegen. (Ich hatte damals eine ewige Angst, einen Kunden mißzuverstehen und mich zu blamieren.)
»'n Liebespulverchen – ein ganz kleines Liebespulverchen, Herr, aber nur allerbeste Qualität.« Sie lächelte genierlich. »So 'n recht gutes Liebespulver; ich brauch's für eine Freundin.«
»Aber …«
Mr. Mindus trat hinzu.
»Liebespulver? Jawohl! Ich lasse es sofort bereiten – wir werden unser Bestes für Sie tun!«
Und mir flüsterte er zu: »Stellen Sie sich doch nicht so ungeschickt an! Geben Sie ihr eine ganz kleine Dosis Saccharin! Wickeln Sie's in ein rosa Pulverpapier hübsch ein und berechnen Sie anderthalb Dollars – nein, zwei Dollars!«
Als die Negerin seelenvergnügt gezahlt hatte und strahlend fortgegangen war, sagte mir der Apotheker seine Meinung: »Wir haben alles und führen alles. Das merken Sie sich gefälligst! Fragen Sie mich, wenn Sie selbst nicht Bescheid wissen. Die schwarze Gans ist natürlich in irgend einen Nigger verliebt und will Gegenliebe dadurch fabrizieren, daß sie ihm ein Liebespülverchen beibringt. Die Bande ist nun einmal so abergläubisch. Sage ich ihr, so etwas gebe es nicht, so erzählt sie sämtlichen Niggerfrauenzimmerchen in Brenham, meine Apotheke sei nichts wert, und mein Geschäft leidet. Ergo bekommt der Nigger sein Saccharin und wahrscheinlich wird's auch helfen. Liebe erzeugt Gegenliebe, mit oder ohne Saccharin, aber das verstehen Sie noch nicht. Geschäft ist Geschäft. Das merken Sie sich, bitte. Sie müssen noch viel amerikanischer werden, mein Lieber!«
Und wahrhaftig – nach einigen Tagen kam eine junge Negerdame in die Apotheke, die auch verschämt tat und auch verlegen lächelte.
»– kleines Liebespülverchen …« bat sie. »So, wie mein' Freundin Matilda gekauft hat!«
Es mußte also geholfen haben! Jedenfalls nahm man es entschieden gar nicht genau hier hinten in Texas. Einmal in der ersten Zeit war ich in heller Verzweiflung. Ich schlief in einem Kabinett hinten im Laden, zusammen mit Jimmy Hawkins, dem Gehilfen, einem wortkargen Gesellen, der mir von allem Anfang an kurz und bündig erklärt hatte:
»Abends hab' ich gewöhnlich dringende Geschäfte in der Stadt, mein lieber Junge. Unter uns gesagt. Offiziell bin ich hier. Sollte dieser fette alte Mindus einmal kommen, so bin ich soeben ein bißchen an die frische Luft gegangen, weil ich Kopfschmerzen hatte. Sabé? Kommt irgend ein Narr mit einem Rezept, so soll er warten, bis ich wieder da bin. Seien Sie nett zu mir und ich bin nett zu Ihnen! Sabé.«
Und prompt um acht Uhr verschwand Mr. Jimmy Hawkins regelmäßig, um gegen Mitternacht zurückzukehren und wortlos ins Bett zu gehen.
Da machte einmal – es war schon spät Nacht – die Klingel einen Heidenlärm. Als ich hinauseilte, stand ein Farmwagen vor der Türe. Ein Mann, der an allen Gliedern zitterte und kaum sprechen konnte vor Aufregung, hielt mir ein kleines Kind hin. Ich schlug die Tücher zurück, in die das leise stöhnende, fast bewußtlose Kind gewickelt war, und sah mit unbeschreiblichem Entsetzen, daß von den kleinen Füßchen Hautfetzen herabhingen. Rohe Brandwunden! Ich hätte am liebsten geheult vor Ratlosigkeit, aber irgend etwas mußte geschehen. So tränkte ich in fliegender Eile Verbandwatte in Öl und wickelte die armen kleinen Füßchen darein, mehr um den Vater zu beruhigen als dem Kind zu helfen, dem ich doch nicht helfen konnte. Rasch noch ein paar Tropfen kalifornischen Tokaiers eingeflößt – dann sprang ich auf den Wagen und fuhr in sausendem Galopp zum Arzt. Der schien ganz zufrieden mit dem harmlosen Mittelchen, das mir eingefallen war …
Jimmy Hawkins aber hatte die nächsten acht Tage lang keine dringenden Geschäfte mehr in Brenham zur Nachtzeit!
Wochen und Monate vergingen. Der Herr Apothekermeister Mindus hatte mir mit salbungsvollen Ermahnungen ein pharmazeutisches Werk gegeben, in das ich dreimal hineinguckte, um es dann vorsichtig mit den Fingerspitzen anzufassen und im fernsten Winkelchen meines Zimmerleins zu verstecken. Das Ding war noch viel langweiliger als die griechische Grammatik! Dafür las ich Nächte lang in amerikanischen Zeitungen (ich glaube heute noch, daß das viel gescheiter war) und durchschmökerte bei selbstgedrehten Bull-Durham-Zigaretten und raffiniert gebrauten Limonaden Hunderte amerikanischer Romane, von den drei Ärzten des Städtchens zusammengeborgt. Dann wieder durchschnüffelte ich Kasten und Schubladen. Und war sehr zufrieden mit mir selbst und schrieb begeisterte Briefe nach Hause. Aber gar bald wurden die Apotheke und dann die Menschen und das Städtchen zu tagesgewohnten Dingen, und Bruder Leichtfuß fing an, sich sehr zu langweilen.
Die Texasstadt war ja die Einfachheit selbst. Auf dem riesigen Platz vor der Apotheke, in vier Straßenreihen, spielte sich die Jagd nach dem Dollar ab. Im tiefen Sand dieser Straßen drängten sich die Menschen und galoppierten die Pferde den ganzen Tag. An das Geschäftsviertel schloß sich eine hölzerne Stadt an, kleine Häuschen mit breiten Veranden und grünen Gärtchen. Dort wohnten die kleinen Leute, die Angestellten und die Handwerker. Ein freier Platz, der die Stadt aus Holz durchschnitt, trennte das Viertel der Weißen von der Budenstadt der Neger, die unerbittliche Sitte zwang, im gleichen Stadtquartier zusammen zu hausen. Auf der anderen Seite erstreckten sich Villenstraßen weit hinein ins flache Land; die Gartenstadt der erfolgreichen Brenhams. Unten beim Bahnhof lagen die Warenschuppen und die wenigen Fabrikgebäude. So sah das Städtchen aus, in das aus dem Farmhinterland der allmächtige Dollar floß und gehörig beschnitten in Warenform zurückwanderte – das Städtchen war das Hirn, das aus den Früchten eines gesegneten Bodens eine gewaltige Warenzirkulation schuf und über den ganzen Distrikt souverän herrschte. Ein fortwährendes Hasten und Jagen im Städtchen, und dennoch eigentlich primitivste Einfachheit des Lebens und der Menschen und der Methoden – wie es dem Lausbub schien, der für feine Unterschiede noch so gar kein Verständnis hatte.
Er langweilte sich sehr und zwang Mr. Jimmy Hawkins energisch, sich in die Abendstunden mit ihm zu teilen. Einen Tag du, einen Tag ich! Und natürlich fand der Lausbub auf seinen Entdeckungsreisen gerade das, was er nicht hätte finden sollen.
Der Frühling war ins Land gekommen nach dem Texaswinter fürchterlicher Regengüsse, frohen Sonnenscheins, eiskalter Nordstürme, und wie jungfrischer Duft breitete es sich über das Städtchen. Die vier Straßen lagen einsam im Abenddunkel da. Ein Reiter galoppierte dicht an mir vorbei – ein alter Neger schlürfte mit schweren Schritten vor mir dahin – ein Buggy mit weißgekleideten Damen knirschte im Sand … Von droben glitzerte aus tief dunklem Blau die Sternenpracht nieder. Träumend schlenderte ich dahin durch die Stadt aus Holz, durch den matten Lichtschein aus den Fenstern, den das Sternenmeer erdrückte, und malte mir aus, wie's jetzt wohl aussehen würde droben auf der alten Herzogsburg oder in meinem braungetäfelten Zimmerchen im guten alten München. An Negerbuden kam ich vorbei. Überall war es still. Dann überschritt ich das Eisenbahngeleise und fand mich in einem Gäßchen der winzigsten Häuschen, die man sich nur denken kann, mitten hingestellt in den Sand, in den man knöcheltief einsank. Ein halbes Dutzend Häuschen – eng zusammengedrückt, fein und zierlich. Aus winzigen Fensterchen drang durch festgeschlossene rote Vorhänge warmes rotes Licht. Von irgendwoher klang ganz leise ein Liedchen –