Ganz leise klang es, gesungen von irgendeinem Mädel, und ich lachte schallend auf über den lustigen Teufel. Ein leises Kichern antwortete.
»Boy – boy o' mine!« flüsterte eine Stimme.
In der Türe eines der kleinen Häuschen schimmerte etwas Weißes, und aus dem Weißen tauchte ein schmales Gesichtchen mit lustigen Augen auf und ein Händchen zupfte mich am Ärmel.
»Was willst denn du hier, my boy?«
»Ich? Gar nichts!«
»Das ist aber wenig! Oh – ich kenn' dich aber doch? Freilich, du bist ja der kleine Dutchy von der Apotheke! Und ist es denn hübsch zwischen deinen Salben und Fläschchen? Ach, ich möchte einmal einen ganzen Tag lang bei euch sein und nach Herzenslust von all den schönen, süßen, kalten Sachen trinken. Ich glaub', ich beneide dich ein bißchen, mein Junge!«
»Ich mag die Limonaden gar nicht mehr,« antwortete ich sehr verlegen. »Was sind das nur für komische kleine Häuschen! Und was tust du denn hier?«
»Ich? Ich heiß' Daisy, mein Junge!«
Da tauchte der Dampfer vor mir auf und Miß Daisy Benett und die wundervollen durchplauderten Sommernächte im warmen Golf.
»Ist es nicht ein hübscher Name?«
»Sehr hübsch – Daisy!«
Und das Händchen packte den Lausbub am Ohr und ein kicherndes Geflüster sagte ihm, er dürfe hineinkommen, wenn er recht artig sein wolle.
»Im Ernst?«
»Freilich!«
Eine schmale Treppe ging's hinauf, an einer Türe vorbei, aus der Lachen und Stimmengewirr drang, und dann huschte sie, mich mit sich ziehend, in ein winziges Stübchen. Da war es blütenweiß und blitzsauber und alles so sonderbar klein und zierlich. Daisy setzte sich hin und plauderte unaufhörlich, über alle und jeden im Städtchen. Vor vielen Jahren sei Mr. Mindus nach dem damals viel kleineren Brenham gekommen und in jener Straße, in der jetzt die Apotheke liege, habe er mit Hustenmitteln und Chinin hausiert; an der Ecke stehend, einen kleinen Kasten an Riemen über die Schultern geschlungen. Der reiche Mr. Mindus! Und wen ich denn noch kenne? Den Doktor von der Zeitung? Ach, das sei ein guter Mensch, aber ein furchtbar leichtsinniges Menschenkind, das nie auf einen grünen Zweig kommen würde.
»Woher weißt du denn das?« fragte ich erstaunt.
»Ja – wir wissen alles!«
Und die Männer seien schlecht und fade und das Leben ein häßlich Ding. So schwatzte sie stundenlang und lachte lustig, wenn ich etwas so recht Unbehilfliches sagte, um dann auf einmal fast traurig vor sich hinzustarren. Und ich sei ein guter kleiner Junge, und es sei so nett, wieder einmal zu plaudern. Mir aber schien es, als wohne in ihren Augen der wärmste Sonnenschein, den man sich nur denken konnte, und es kam mir vor, als sei das Leben auf einmal viel schöner geworden. Wie hübsch es doch ist, an törichte Jugend zurückzudenken, an eigene Jugend, da man harte Dinge noch durch feinzart verbergende Rosenschleier sah. Arme kleine Daisy …
Ein schüchterner Kuß im Dunkeln bei der Türe zum Abschied. So lernte der Lausbub das Mädel kennen und holte sich aus dem Sternengeflimmer beim Heimweg jauchzende Träume vom Himmel herunter, einen schöner als den andern; Träume, in denen es durcheinander wirbelte von Sonnenscheinaugen und leisem Gekicher, als ob das etwas ganz Großes und völlig Unfaßbares wäre. In den hellen Tag hinein spannen sich die Träume.
Dann und wann kam Daisy in die Apotheke, von den Herrlichkeiten der Fontäne zu naschen, vergnügt zu mir herüberblinzelnd; dann und wann gab's Lachen und Plaudern im winzigen Häuschen – immer nach schweren Kämpfen mit Mr. Jimmy Hawkins, dem es höchlichst mißfiel, daß auch er die Schönheit stiller häuslicher Abendstunden einmal auskosten sollte.
Und dann – –
Spät abends war es, als leise, ganz leise die Nachtklingel anschlug. Mit großem Gepolter fuhr ich erschrocken aus meinem Zimmerchen hervor und rannte zur Türe. Da stand eine gewisse kleine Daisy!
»Ach, Mr. Apotheker,« sagte sie mit vor Lachen halb erstickter Stimme, »ich möcht' gerne ein Schlafpulver haben!«
»Du – du!«
Der Mond, der zwischen den grünen und roten Glaskugeln ein bißchen hineinblinzelte durchs Schaufenster, sah einem tollen Treiben zu in der ehrsamen Apotheke. Zwei richtige Kindsköpfe waren zusammen, zwei sehr ungezogene Kinder, die zwischen den Ladentischen einhertanzten und unbezahlte Limonaden tranken. Der eine Kindskopf war furchtbar neugierig, und der andere eitel und aufgeblasen wie ein Pfau, denn mir kam's vor, als zeigte ich dem Mädel meine eigenen Schätze und sei eine Stunde lang wirklicher Alleinherrscher im Wunderland der Apotheke. Klein-Daisy trank sechs Limonaden mit Gefrorenem, glaub' ich, beguckte erschrocken die Glasdose mit klebrigzäher brauner Opiummasse, von der ich ihr erzählte, daß man mit ihr das halbe Texasstädtchen vergiften könnte, und steckte ihr Näschen in alle Schubladen. Ein Gekicher und ein Geflüster! War's ein Zufall oder war es nun ein besonders boshaftes kleines Teufelchen, das mir den Gedanken an Wohlgerüche eingab – ich nahm eine Parfümflasche vom Gestell und bespritzte das lachende Mädel mit einem Schauer Veilchendufts –
»Süß – einfach süß, du guter Junge!« jubelte Daisy. »Gib' doch her!« Und im gleichen Augenblick hatte sie mir auch schon das golden etikettierte Flakon entrissen, drehte es hin und her in den Händchen, probierte und probierte.
Da – ein scharfes metallisches Knipsen – ein jähes Aufflammen elektrischen Lichts – und rot und imponierend, elegant wie immer stand der Herr Apotheker Mr. Mindus in der Türe. Er schüttelte den gewaltigen Kopf langsam von einer Seite zur andern und betrachtete sich mit Kenneraugen die Bescherung.
»Is' ja reizend! Guten Abend!!« sprudelte er endlich hervor.
»Guten Abend!« sagte Daisy höflich. Ich aber stand da, erstarrt wie weiland Frau Lot.
»Wollten Sie sich so spät noch Parfüm kaufen, mein Fräulein?« fragte Mr. Mindus eisig.
»Ach nein, ich hab' nur ein bißchen gerochen,« lächelte sie.
»Und mein bestes französisches Violet auch noch! Es ist doch unerhört …«
Mich hätte man totschlagen können, aber kein einziges Wörtchen hätte ich hervorgebracht. Mir grauste einfach. Auch in Daisy schien eine Ahnung aufzudämmern, daß die Situation aller Gemütlichkeit entbehre.
»Ich glaub', ich könnte jetzt eigentlich gehen,« sagte sie.
»Meinen Sie wirklich, mein Fräulein?« brummte der Apotheker. »Nun, wie Sie meinen. Allerdings möchte ich mich gerne mit meinem Angestellten privatim unterhalten!«
»Guten Abend!« sagte Klein-Daisy, guckte mich bedauernd an und hüpfte hinaus. In der Türe drehte sie sich noch einmal um:
»Es war ja alles nur Scherz!«
»Ganz richtig, mein Fräulein,« war Mr. Mindus' eisigkühle Antwort. »Und nun,« zu mir gewandt, »wollen wir uns ernsthaft unterhalten, wenn es Ihnen gefällig ist. Dieser Laden ist eine Apotheke, wenn Sie es noch nicht wissen sollten. Meine Geduld ist finished, – aus, zu Ende: Sie sind entlassen!«
Ich sah ihn verständnislos an.
»Auf der Stelle entlassen! Sie sind ein Luftibus. Was wissen Sie von dem Mädel, heh? Wenn sie nun irgend ein Gift gestohlen und das größte Unglück damit angerichtet hätte, heh? Von der moralischen Seite der Sache will ich ganz absehen, obgleich – Sie sind neunzehn Jahre alt, nicht wahr? Es ist doch unglaublich!«
»Aber –«
»Sie sind ein Luftibus. Ich habe Sie schon längst beobachtet. Well, Sie waren fleißig und mehr als willig, aber Sie haben gar keinen Begriff, was ein Angestellter eigentlich ist. Sie verkaufen drauf los, ohne zu fragen – und ich wette, hundertmal, nein, tausendmal haben Sie Sachen zu billig verkauft, weil Sie nicht erst lange fragen wollten. Wenn Sie sich jetzt auch noch Mädels in den Kopf setzen, hab' ich keinen ruhigen Moment mehr. So, nun gehen Sie ins Bett. Morgen werden wir weiter sehen. Es – ist – doch – unglaublich!«
Mr. Jimmy Hawkins kam nach Hause.
»Hello! Mr. Mindus war soeben da.«
»Der Alte!« schrie Mr. Jimmy entsetzt. »Großer Cäsar – haben Sie ihm gesagt, daß ich furchtbare Kopfschmerzen gehabt hätte und nur ein bißchen – – «
Da erzählte ich ihm die Tragödie, und der gefühllose Mensch lachte sich beinahe tot. Mir war gar nicht lächerlich zumute.
»Und nun hören Sie einmal!« sagte ich. »Mein Gehalt hab' ich erst gestern bekommen und entlassen bin ich auch. Ich hab' nicht die geringste Lust, morgen früh auszuwandern, wenn der Laden gesteckt voll ist, und mich auslachen zu lassen. Wollen Sie mir helfen, meinen Koffer zu Gus Meyer hinüberzutragen? Mit dem Packen bin ich in einer halben Stunde fertig.«
Jawohl, das wollte er.
Bei Gus Meyer im Hinterstübchen regierte, halb Wirt, halb Kellner, mein Freund Starkenbach, bei dem ich hie und da in den späten Abendstunden ein Glas Bier getrunken und nebenbei sehr viel über amerikanische Dinge gelernt hatte. Im heiligen Köln war er Leutnant gewesen und hatte um eines Mädels willen den bunten Rock ausgezogen. Die Frau Schwiegermutter, eine verwitwete Hopfenfirma, machte ein scheel Gesicht und dressierte den Exleutnant und Ehemann zum Hopfenreisenden; sie schickte ihn nach Holland, da und dort hin, und jammerte ohn' Unterlaß über seine schauderhaften Spesenrechnungen. Ein groß Gezänk herrschte, bis eines schönen Tages das leichtsinnige junge Ehepaar nach Amerika durchbrannte. Starkenbach kannte jeden Staat und jede größere Stadt der Vereinigten Staaten. Es war ihm bitterhart gegangen, aber er war lustig geblieben, er und sein Frauchen, die mich zu meinem Entsetzen immer Bubi nannte. Im Texasstädtchen sparte er sich als rechte Hand Gus Meyers langsam aber sicher ein Vermögen zusammen.
Er machte ein verdutztes Gesicht, als ich den Koffer hineinschleppte. Und ich erzählte vom Mädel und vom Apotheker, und er holte seine Frau aus der Küche, und beide zusammen lachten wie nicht gescheit.
Dann wurde Starkenbach ernst:
»Aber nun wollen wir doch einmal überlegen. Sehr viele Leute in Brenham würden Ihnen wahrscheinlich Arbeit geben, aber nur deshalb, weil Sie eine spottbillige Arbeitskraft sind, und nur unter der Voraussetzung, daß Sie sich mit ein paar Dollars im Monat begnügen. Das ist nichts für Sie. Sie könnten noch zwei Jahre hierbleiben und um keinen Schritt weiterkommen. Nein, ich würde Ihnen raten, in eine große Stadt zu gehen und einmal gründlich auf eigenen Beinen zu stehen. Sie sind fast neun Monate hier, wissen etwas vom amerikanischen Leben – ein wenig! – und sprechen gut Englisch. Sie haben arbeiten gelernt. Das wenigstens haben Sie profitiert. Sie sind also nicht mehr so hilflos wie zuerst. Ich würde entschieden nicht in Brenham bleiben an Ihrer Stelle. Um Gotteswillen nicht in einem kleinen Nest sitzen bleiben in diesem Land! In großen Städten pulsiert das Leben –«
»In großen Städten wohnt der Hunger!« lächelte seine Frau traurig.
»Der Hunger wohnt überall. Hier müssen Sie mit den Händen arbeiten; dort – in einer großen Stadt – können Sie vielleicht mit dem Kopf arbeiten. Sie sehen, Sie lernen, Sie haben Gelegenheiten. Jawohl, ich rate Ihnen, sich schleunigst aus Brenham fortzumachen!«
»Und wohin?« fragte ich, schon halb und halb überzeugt, nein, beinahe schon begeistert.
»Irgendwohin. Chicago, Kansas City, St. Louis – sagen wir St. Louis. Es ist am nächsten, keine tausend Meilen weit weg. Die rührigste Stadt des Mittelwestens, nach Chicago. Und wenn Sie dort sind, dann reden Sie einfach! Rennen Sie einen Wolkenkratzer nach dem andern ab, verlangen Sie in jedem Bureau den Geschäftsinhaber selbst zu sprechen, erzählen Sie den Leuten, was Sie sind und was Sie können. Reden Sie! Sie können die Menschen interessieren, wenn Sie nur wollen, denn Sie haben etwas gelernt und gute Manieren. Reden Sie! Man wird Ihnen Ratschläge geben, wenn auch nur, um Sie loszuwerden; man wird Sie hierhin und dorthin schicken. Es wird sich etwas finden!«
»Ich tu's!« rief ich. Eine Vision von einer ungeheuren Stadt stieg vor mir empor – eilende Menschen – hastendes Leben – Tausende von Möglichkeiten …
»Sie haben recht! Was kostet die Fahrt?«
»Wieviel Geld haben Sie?«
»Zwanzig Dollars.«
»Viel zu wenig,« murmelte Starkenbach. »Hm, man kann das aber so machen, und man kann es auch anders machen. Billy!«
Der einsame Gast stand langsam auf und trat zu uns an die Bar. Aus seinem scharfgeschnittenen Amerikanergesicht leuchteten durchdringende graublaue Augen; so klar, so abgrundtief, daß man unwillkürlich immer wieder in diese Augen schauen mußte. Er trug einen dunkelblauen Anzug, weiches blaues Flanellhemd, weit in den Nacken zurückgeschobene Mütze.
Starkenbach sprach nun englisch. »Well, Billy, wie kommt man am billigsten nach St. Louis?«
Die grauen Augen lächelten: »Das wissen Sie so gut wie ich!«
»Ja, wenn ich es wäre, der nach St. Louis wollte, wäre es einfach genug!«
»Oh, ich habe gehört, um was es sich handelt; so viel Deutsch verstehe ich. Die Fahrt ist ja ganz einfach für Ihren deutschen Freund – durch Texas via Dallas, Oklahoma Territory, Arkansas, Missouri über die Frisco Linien. Santa Fé und Frisco Linien. Schnurgerade fast nach Norden.«
Und das nannte dieser Mann einfach!
»Sie gehen nach Norden, Billy?« fragte Starkenbach.
»Bis Dallas. Mit dem 2 Uhr Nacht-Expreß, also in zwei Stunden. Wie langweilig Sie doch sind, Starkenbach, und wie Sie auf dem Busch herumklopfen! Weshalb sagen Sie es nicht gleich, daß ich Ihrem deutschen Freund helfen soll? Er sieht aus, als ob er Schneid hätte, und wenn Sie es wünschen, will ich ihn gerne ein Stück mitnehmen. Natürlich hat er hier keine Aussichten.« Er wandte sich zu mir. »Ich will Ihnen den Weg nach St. Louis zeigen. Es ist eine Eigentümlichkeit von mir, viel zu reisen und niemals mein Geld an Fahrkarten und dergleichen zu verschwenden. Meine Art des Reisens ist sehr interessant, verstößt aber einigermaßen gegen die allgemein üblichen Anschauungen, vielleicht auch gegen gewisse Gesetze.«
»Wie reisen Sie denn?« fragte ich neugierig.
»Das werden Sie schon sehen!« brummte Starkenbach.
»Schön,« lächelten die grauen Augen. »Wir haben noch anderthalb Stunden Zeit. Ihr Gepäck müssen Sie hier lassen; Starkenbach kann es Ihnen ja nachschicken. Der dunkelgraue Anzug, den Sie anhaben, geht sehr gut. Setzen Sie eine Mütze auf dazu. Die weiße Wäsche geht nicht. Ziehen Sie ein Flanellhemd an. Nehmen Sie mehrere Taschentücher mit, ein paar Strümpfe (die können Sie in der Rücktasche unterbringen), Taschenkamm, Taschenbürste, Rasiermesser, Taschenmesser, Seife (Starkenbach wird Ihnen ein Stückchen Ölpapier geben), starke Lederhandschuhe, wenn Sie welche haben, Uhr, aber ohne Kette, Pfeife und Tabak natürlich, Zündhölzer. Haben Sie ein warmes seidenes Halstuch? Nehmen Sie's mit. Haben Sie einen Revolver? Ja? Den lassen Sie, bitte, hier. Ist nur gefährlich. Hm, und feste Stiefel. Das wäre alles!«
Dann fing er an mit der jungen Frau zu plaudern, als sei die Angelegenheit erledigt. Starkenbach zog mich in ein Nebenzimmerchen, in dem er allerlei Krimskrams aufbewahrte.
»So, hier können Sie sich umziehen!« sagte er.
Ich war wie vor den Kopf geschlagen … Fast empfand ich so etwas wie Angst, zum mindesten ein Unbehagen. Stärker aber als alles in mir war bodenlose Neugierde.
»Mann – wer ist dieser Billy? Wie reist er? Wie soll ich denn nach St. Louis kommen? Und mein Koffer?«
»Bleibt hier, bis Sie mir schreiben. Billy ist ein Gentleman bis in die Knochen. Anständiger Mensch. Interessanter Mensch. Ich kenn' ihn seit vielen Jahren und bin Tausende von Meilen mit ihm gefahren. Ho, Sie werden sich wundern! Ich kann Ihnen in der Geschwindigkeit das alles nicht so genau erklären, aber es gibt Mittel und Wege in diesem Land, einen Eisenbahnzug zu benützen, ohne dafür zu bezahlen. Billy fährt jahraus, jahrein von Staat zu Staat, von Stadt zu Stadt. Wie er heißt, weiß ich selbst nicht – er will nur Billy genannt werden. Spricht glänzendes Englisch, wie man's hierzulande selten findet und ist hochgebildet. Was sein eigentlicher Beruf ist, weiß ich auch nicht. Als wir kein Geld hatten, in Denver war es, schrieb er einige Artikel für eine dortige Zeitung und wurde glänzend bezahlt dafür. Ich hab' ihn als Feinmechaniker arbeiten sehen und als Elektriker. Seine Krankheit ist der Wandertrieb und manchmal wünsche ich – – na ja. Herrgott, was waren das für Zeiten damals! Vorhin erzählte er mir, er wolle nur rasch ein bißchen nach Arizona – einige Tausende von Meilen! – weil dort im Frühsommer der Kontrast zwischen kakteenbedecktem Sand und grauem Felsenhintergrund so farbenreich und reizvoll sei. So ist Billy! Nun, Sie werden sich wundern! Nach St. Louis kommen Sie aber bestimmt durch ihn!«
Wie im Traum packte ich ein und aus und zog mich um; wie im Traum ließ ich mir Butterbrot in die Taschen stecken …
»Es ist Zeit!« sagte der Mann mit den leuchtenden Augen kurz. »Möchte den Zug nicht versäumen. Bye – bye, Starkenbach!«
»Ich wünsche – ich möchte mir manchmal wünschen …« seufzte dieser.
»Wünschen Sie sich keinen Unsinn!« sagte Billy scharf. »Danken Sie den Sieben Himmeln für Ihre Seßhaftigkeit!«
Und dann ging's hinaus in die Dunkelheit.
An der Geleiseböschung. – Der erste Sprung auf einen fahrenden Zug. – Die Fahrt. – Im Märchenland aufregenden Erlebens. – Das Hotel zur Eisenbahn. – Von der Königin Nikotin und ihrem Göttergeschenk. – Billy der Wanderer! – Das Abenteurerblut regt sich. – Ein psychischer Impuls. – Wanderer Nr. 3.
In der Apotheke funkelte noch ein Licht, und trübe schimmerte es rot und grün von den farbigen Glaskugeln im Schaufenster. Bald waren wir am Bahnhof. Das Bahnhofsgebäude mit seinen Lichtern ließ der schweigsame Mann neben mir links liegen und betrat zwischen langen Reihen von Frachtwagen die Geleise. Es war dunkel hier. Nur das Weiß und Rot der kleinen Signallämpchen an den Weichen blitzte da und dort auf und erleuchtete den blanken Stahl des Hauptgeleises. Wie ein grellschimmernder Fleck auf schwarzem Grund lag weit hinten der Bahnhof da. Vorsichtig schritt Billy zwischen den Frachtwagen dahin, dem weißen Fleck wieder entgegen. Ich folgte ihm lautlos. Dann ging es die Böschung hinab, an Haufen von aufgestapelten Schwellen entlang. Dreißig Meter vom Bahnhof blieb Billy stehen, kauerte sich nieder und winkte mir, das gleiche zu tun. Unsere Köpfe ragten nur ein wenig über die Böschung empor.
»Noch zehn Minuten,« sagte Billy, auf die Uhr sehend.
»Pst! Nicht sprechen!«
Ein leises Zittern, ein kaum merkbares Sichregen in den Stahlschienen vor unseren Köpfen. Es wurde stärker, lauter. Ein feuriges Riesenauge blitzte auf. Und nun ein Gerassel, ein schallendes Dröhnen. Ein greller Pfiff. Der Expreß brauste heran, und mit einemmal war alles Leben und Lärm. Kondukteure sprangen herab, Reisende stiegen aus und ein; Schwatzen, Lachen, Rufe und Kommandos tönten herüber.
Billy rührte sich nicht. Das Riesenauge der Lokomotive warf weithin blendenden Schein über das Geleise. Wir, an der Böschungsseite, blieben im Dunkel. Aus einer gewaltigen Röhre ergoß sich Wasser in den Tank des Tenders. Der Lokomotivführer, eine Petroleumfackel in der Linken, eine langstielige Kanne in der Rechten, schritt von Ölkapsel zu Ölkapsel seiner Maschine, ölte und untersuchte.
»Hören Sie!« flüsterte Billy. »Wenn der Zug sich in Bewegung setzt, springen Sie auf den ersten Wagen nach dem Tender. Direkt nach dem Tender. Ja nicht vergessen! Das ist der Postwagen und die einzige Möglichkeit. Links und rechts vom Trittbrett sind Messingstangen. Klammern Sie sich an und schwingen Sie sich hinauf. Geht es nicht, so lassen Sie sich nach rückwärts fallen. Kümmern Sie sich nicht um mich; ich werde nach Ihnen springen. Warten Sie aber ja, bis die Lokomotive ganz nahe hier ist, sonst werden wir vom Bahnhof aus gesehen. So – jetzt!«
Der Expreß hatte sich in Bewegung gesetzt. Mir schien es eine Ewigkeit zu dauern, bis die Lokomotive herankam. Endlich. Mit einem Satz sprang ich auf, geblendet einen Augenblick lang durch die Laterne, verspürte etwas wie Luftdruck, ließ die schwarze Masse des Tenders vorbeidröhnen und sah Stufen, einen Messinggriff. Blindlings griff ich zu. Und wurde förmlich hinaufgerissen. Im gleichen Augenblick schob mich etwas vorwärts und neben mir stand lachend Billy.
»Ausgezeichnet für's erste Mal,« sagte er. »Machen Sie sich's bequem.« Er hockte auf dem Boden der Plattform nieder, mit dem Rücken gegen die Wagenwand gelehnt. »Wie gefällt es Ihnen?«
Ich schnappte nach Luft und nickte nur.
»Dies ist ein blinder Postwagen,« erklärte er. »Blind, weil er vorne und hinten keine Türen hat, sondern nur Seitentüren; zum Schutz gegen Eisenbahnräuber. Sie verstehen – damit nicht Verbrecher vorne aufspringen (so wie wir's gemacht haben) und dann von der Plattform aus die Türe erbrechen können. Mögen die Götter den Mann segnen, der den Einfall des blinden Postwagens hatte. Wenn es nicht etwa dem Heizer beifällt, über den Tender zu klettern, sind wir bis zur nächsten Haltestelle sicher.«
Der Zug jagte dahin mit ungeheurer Geschwindigkeit. Von beiden Seiten und von vorwärts, über den niedrigen Tender hinweg, fegte der gewaltige Luftdruck auf uns ein wie Sturmwind. Feuchter Dampf und winzige, scharf stechende Kohlenteilchen peitschten unsere Gesichter. Der Wagen, auf dessen Plattform wir saßen, rüttelte so, daß ich mich krampfhaft anklammern mußte. Sprechen war fast unmöglich geworden in dem tosenden Lärm des dahinjagenden Zuges; man hätte schreien müssen, um sich zu verständigen. Ich starrte und starrte. Draußen huschte es vorbei wie gigantische Schatten; schwarze Schatten der Nacht, bald tiefdunkel, bald grau in grau – Häuser und Bäume und Felder und Dörfchen. Ein einsames Licht dann und wann, glitzernd nun, dann verschwunden, wie hüpfendes Irrlicht im Sumpf. Ich zitterte vor Kälte und duckte mich zusammen unter dem einpeitschenden Luftstrom. In mir aber jubelte es. Mir war es, als sei ich im Märchenland aufregenden Erlebens, fern von den Dingen des Alltags. Ich war wie trunken. Damals wußte ich es nicht – aber was ich zum erstenmal erlebte in jener Texasnacht, war berauschendes Zigeunertum, nackte Romantik, der alte Traum vom Dahinstürmen in die Welt hinein, primitivstes Mannestum. Das ließ einen zittern und jubeln zugleich; das ließ einem die Augen aufleuchten und das Herz rascher schlagen. Weiter, immer weiter. Mehr Schatten. Mehr Lärm. Mehr Lichter tauchten auf, erlöschend, von neuem geboren. Immer mehr. Wie ein leiser Ruck, wie ein sanftes Knirschen ging es durch den Zug, und das Dahinjagen verlangsamte sich.
»Herunter – sobald wir durch den Bahnhof sind!« rief der Mann neben mir.
Ein Auftauchen von flutendem Licht – ein Sprung – und wieder lagen wir auf feinem Kohlengeröll an einer Böschung und warteten wieder endlose Sekunden, bis das pfauchende Ungetüm auf uns zustürmte, und wieder sprangen wir.
Das wiederholte sich viermal, fünfmal, achtmal. Aus den tiefen Nachtschatten wurden graue Nebel, in denen hier ein Haus, dort ein Stück Wald in unbestimmten gespenstischen Umrissen erschien, vorbeisausend, noch ehe das Auge bestimmte Formen unterscheiden konnte. Weiter, immer weiter. In Dampf und Lärm und Sturmwind. So Schönes hatte ich noch nie erlebt. Immer lichter wurden die Nebel und weit draußen im Osten säumte es sich wie ein feiner heller Streifen am Horizont hin, wie ein dünnes silbernes Band. Und mit einemmal kam ein zartrosa Schimmern in die weiße Linie, dann ein rotes Glühen, und ein leuchtendes Stückchen des Sonnenballs zerriß das Grau in Grau der Dämmerung, schuf Farben. Gelbleuchtenden Sand, sattes Feldergrün.
Weiter, immer weiter. Eine Station – der Sprung …
Als wir so dalagen, schlenderte ein Kondukteur an der Lokomotive vorbei, sah sich forschend um, guckte die Böschung entlang und kam auf uns zu.
»Hello, Jungens,« sagte er. »Hab' euch abspringen sehen. Schluß! Ich könnte in Unannehmlichkeiten kommen, wenn man euch sähe. Ich selbst werde auf der blinden Plattform fahren bis zur nächsten Station. Gebt euch also keine Mühe!«
»Allright!« rief mein Begleiter und stand lachend auf. »Komm, mein Junge. Dieser Zug hat seine Schuldigkeit getan.«
»Probiert es ja nicht!« rief der Kondukteur noch einmal.
Billy schlenderte ganz langsam über das Geleise und betrachtete sehnsüchtig den Kuhfänger, den schaufelförmigen Holzaufbau an der Lokomotivenspitze, der dazu da ist, Hindernisse auf dem Geleise wegzuschleudern. (Das erklärte er mir erst später.)
»Man könnte auf dem Kuhfänger – – « murmelte er. »Aber nein, hat keinen Sinn. Ist ja gleich heller Tag.«
Er zog mich mit sich, nachdem er einen raschen Blick auf den Namen am Stationsgebäude geworfen hatte. Clifton hieß die Station. Wir verschwanden auf Nebengeleisen, zwischen Reihen von Frachtzügen, und der Expreß toste vorbei. Billy sah sich die Frachtwaggons sehr sorgfältig an und öffnete dann die Schiebetüre eines leeren Wagens –
»Hotel zur Eisenbahn!« lächelte er. »Klettern Sie nur hinein.«
Und in diesem leeren Frachtwagen studierten wir Karten und Fahrpläne. Hundertundfünfzig Meilen weit waren wir gefahren in der Nacht. Dann legten wir uns zum Schlafen hin, uns mit den Röcken zudeckend, denn so war es wärmer … Ein Geschüttel und Gerüttel weckte mich auf, und als ich aufstehen wollte, wurde ich gegen die Wand geschleudert. Der Zug war in Bewegung.
»Alles in schönster Ordnung!« rief Billy mir zu, ohne aufzustehen. »Der Zug geht in unserer Richtung; dessen habe ich mich versichert, ehe wir hier hineinkletterten. Ein Segen, daß die faulen Bremser nicht in die leeren Wagen guckten vor der Abfahrt!«
Ich zitterte am ganzen Leibe vor Kälte, so heller Sonnenschein auch durch die Türritzen drang; in jenem unbeschreiblichen Zittern, dem Gefühl hilfloser Schwäche, das zu einer im Freien und in den Kleidern verbrachten Nacht gehört wie Sonnenaufgang zum Tagesanbruch. Instinkt zeigte mir das Heilmittel. Eine Zigarette. Ah – du Wunderkraut, du Ruhespender, du duftendes Göttergeschenk! Seist du nun in Reispapier gehüllt oder in deine eigenen Blätter eingewickelt, oder glimmst du in der Schale einer Pfeife – du bist Sorgenbrecher und Tröster immerdar. Zauberkraft wohnt in dir. Du vermagst es, hinwegzutäuschen über Hunger und Kälte; du vermagst es, die geheimnisvollen Zellen im Menschengehirn anzuregen zu hohem Flug. Märchen kannst du erzählen. Träume gaukelst du vor. In deinen blauen Wölkchen wiegen sich Feen. Vielleicht muß man arm sein, um deine Wunder wirklich zu erkennen, arm und jung; den Armen aber und den Jungen bist du fürwahr ein göttlich Ding, du Wunderding voller Widersprüche und Zartheit. Du beruhigst den Ruhelosen – du nimmst die Trägheit von den Trägen. Du wärmst in Kälte und du kühlst in Sonnenglut, du stillst nagenden Hunger. Den Jungen unter den Armen bist du Sektkelch und Schönheit und Lebenstraum, du Wunderkraut!
Denke ich an harte Zeiten zurück, so darf nie die Dankbarkeit fehlen gegen die duftenden tiefbraunen Blätter. Die einem oft mehr halfen als Menschen es hätten tun können! Wenn nicht die Worte den Armen fehlten, würden sie Göttin Nikotin preisen in tausend Zungen –
Billy blinzelte zu mir herüber.
»Es ist ein Nachteil dieses Landes,« sagte er, »daß seine Zigaretten so schlecht sind! Man sollte eigentlich nur türkische Importen rauchen! Ihre Zigarette ist jener Mischmasch von Virginiatabak und Parfümierung (wenn sie wenigstens Opium dazunähmen!), der den Lungen so unsagbar schädlich ist – haben Sie übrigens noch eine?«
Ich lachte laut auf und bot ihm mein Zigarettentäschchen an.
»Danke! Lachen Sie nicht! Eine schlechte Zigarette ist besser als gar keine Zigarette. Mit den übrigen Dingen des Lebens ist es ja genau ebenso!«
Rücken an Rücken saßen wir da, gegen die rumpelnde, stoßende Wagenwand gelehnt. Billy paffte, streifte die Asche ab, paffte wieder.
»Sie haben das unschätzbare Talent, den Mund halten zu können,« lächelte er. »Sie plagen mich nicht mit Fragen. Und nun sind Sie wohl neugierig?«
»Unbeschreiblich!«
»Hm, na ja. Ich heiß' Billy, kurzweg Billy. Mein Familienname ist gleichgültig. Manche Freunde nennen mich Billy den Wanderer. Das ist geschmacklos, aber im allgemeinen zutreffend. Dann und wann erschafft die Weltordnung, die unsere Frommen den Herrgott nennen (man müßte sie eigentlich um ihres Glaubens willen beneiden!), Männer, die so gar nicht hineinpassen in das Weltsystem von Dollars und Cents, und Essen und Trinken, und Liebe und Ehe. Zigeuner. Ruhelose Geister. Arme Teufel mit allzuheißem Blut. Einer von denen bin ich wohl. Ich habe sehr viel Geld verdient in meinem Leben, wenn gewisse Notwendigkeiten an mich herantraten oder wenn es mir der Mühe wert schien, aber glücklich bin ich nur auf einem Eisenbahnzug. Und zwar als Kontrebande. Weil es gefährlich ist, vielleicht, oder aus Trotz, – was weiß ich. Im Salonwagen fahren kann jeder Narr. Na ja. Staatauf, staatab, bald in Kalifornien, bald in Missouri, oder in Nevada, oder in Texas; interpunktiert leider durch Arbeitspausen, denn Geld gehört zu jeder Art von Leben. Wie's gemacht wird, haben Sie nun schon so ungefähr gesehen. Ich warne Sie dringend, daß die Geschichte gefährlich ist und zweifellos gegen gewisse Gesetze verstößt, was mir gleichgültig ist, es Ihnen aber nicht sein sollte. Dieser schauderhaft langweilige Frachtzug wird uns nach Cleburne bringen, das höchstens vierzig Meilen von hier entfernt ist. Dort verzweigt sich die Santa Fé nach Norden und nach Nordosten. Sie fahren mit der Nordostlinie, die, tausend Meilen lang ungefähr, den schnurgeraden Weg nach St. Louis bedeutet. In St. Louis angekommen, reden Sie! Sehr guter Rat von Starkenbach! Hm ja, klettern Sie einfach in einen leeren Frachtwagen, und wenn der Bremser kommt, geben Sie ihm einen halben Dollar. Das ist das Sicherste – für Sie. Sie werden in fünf bis acht Tagen dort sein.«
»Und Sie?«
»Ich? Ja, das weiß ich eigentlich noch nicht. Das ist ja eben das Schöne. Ich nehme vorläufig die Nordlinie, über Fort Worth nach Oklahoma und nach Kansas, um dann, es gibt keine anderen Linien, wieder nach Südwesten abzubiegen, nach Neumexiko und Arizona. Möchte einmal wieder Arizonasand sehen und blühenden Kaktus. Im übrigen wartet in Fort Worth ein Freund auf mich.«
Nun erzählte ich. Und als ich einmal im Eifer einen Homervers zitierte – falsch – korrigierte mich der Mann mit den leuchtenden Augen ohne eine Miene zu verziehen! Wir aßen unsere Butterbrote und schliefen wieder. Kurz vor Mittag rumpelte der Zug in die Station Cleburne und wir kletterten hinaus. Eine einsame Pumpe des Frachtbahnhofs gab Wasser her zur Toilette (auch eine kleine Kleiderbürste trug Billy bei sich!), und dann gingen wir in das Städtchen, um in Kaffee und gebratenem Speck und Maisbrot zu schwelgen. Bei Zigaretten und Geplauder vergingen die Nachmittagsstunden wie im Flug. Billy wollte mit dem Abendexpreß nach dem Norden fahren; ich sollte den später abgehenden schnellen Frachtzug nach dem Nordosten benützen. Die Aufschriften der Waggons hatte er mir genau auseinandergesetzt, damit ich mich nicht irren konnte, und mir obendrein vom Bahnhof Karten und Fahrpläne geholt, die es dort, wie überall in den Vereinigten Staaten, gratis gab. Er erklärte und erläuterte und erklärte wieder. Gedankenlos hörte ich zu und hatte sicherlich im nächsten Moment vergessen, was ich einen Augenblick vorher gehört.
Nach der großen Stadt am Mississippi, nach dem Hasten und Treiben der Menschen, dem vielen Reden und dem Glücksjagen sehnte ich mich gar nicht mehr! Nein, mich lockte die Gegenwart. Der rätselhafte Mann neben mir; die Kraft, das Selbstbewußtsein, das er ausströmte. Das Geheimnisvolle seines Lebens. Neugierde. Eigenes Abenteuerblut vielleicht. Die ganze Umgebung.
Wir saßen wieder in der Nähe des Bahnhofes, auf weicher Grasböschung, mitten im Getriebe der Eisenbahn. Züge jagten vorbei. Eine komische kleine Lokomotive rannte unter angstvollem Gestöhn und fürchterlichem Geschimpfe (so klang es!) auf und ab und ab und auf, dort einen Frachtwagen vor sich herpuffend, hier lange Wagenreihen schleppend. Schimpfende und gestikulierende Männer eilten hin und her mit der schimpfenden Lokomotive, holten sich vereinzelt dastehende Frachtwagen herbei und bumpsten andere auf Nebengeleise. Alles war Leben und Bewegung; das Städtchen über dem Geleise drüben sah wie tot aus im Vergleich. In den Telegraphendrähten über unseren Köpfen klang und surrte es – ja, das tote Holz der Telegraphenstange neben mir bebte und zitterte, als trüge es schwer unter der Wucht der Botschaften, die über die Drähte huschten. Nach und nach brach die Dunkelheit herein, und unzählige Lichtpünktchen flammten neben dem Geleise auf; die Wegweiser der Eisenbahnstadt. Eine fremde Welt, die mir voller Bedeutung und voller Geheimnisse schien; deshalb vielleicht, weil die Aufregung der nächtlichen Fahrt noch in mir nachzitterte.
»Mein Zug wird in wenigen Minuten da sein,« sagte Billy, die Pfeife zwischen den Zähnen, scharf nach der Stadt hinsehend. »Ich rate Ihnen noch einmal, sich an die Frachtzüge zu halten und sich den guten Willen der Bremser zu erkaufen, wenn Sie entdeckt werden. Der Eilfrachtzug nach dem Nordosten wird ungefähr in zwei Stunden abgehen. Die Wagen müssen entweder die Aufschriften "St. Louis" oder "via Springville" tragen. Passen Sie darauf auf! Ich glaube nicht, daß Sie besondere Schwierigkeiten haben werden. Und nun good bye! Lassen Sie sich's gut gehen im alten St. Louis! Viel, viel Glück!«
»Und vielen Dank …«
»Du meine Güte, was ist da zu danken!«
Der Expreß brauste in die Station. Es dauerte lange Minuten, bis er sich wieder in Bewegung setzte. Jetzt – die Lokomotive kam langsam daher. Der Mann mit den leuchtenden Augen stand auf, nickte mir lächelnd zu, trat an die Schienen und sprang.
Und während seines Springens, in dem winzigen Bruchteil einer Sekunde, faßte ich einen plötzlichen Entschluß, an den ich vorher auch nicht einen Augenblick lang gedacht hatte! Drei gewaltige Sätze machte ich neben dem schon ziemlich rasch fahrenden Zug her und bekam glücklich die Messingstange des Postwagens zu fassen. Ein krampfhaftes Emporziehen –
Ich stand neben Billy auf der Plattform.
»Du Narr!« sagte er. »Du verdammter Narr!«
Ich lachte laut auf.
»Du querköpfiger Narr – ich denke, du willst nach St. Louis?«
Der Zug machte einen solchen Lärm, daß ich schreien mußte. Und ich schrie:
»Eisenbahnfahren will ich!«
»Dann dreimal Narr du!«
In einer halben Stunde hielt der Expreß an der nächsten Station, und Billy riß mich fast mit Gewalt von der Plattform herunter, mich zur Böschung hinzerrend. Auf alten Schwellen setzten wir uns nieder.
»So,« sagte er, »der Expreß kann zum Teufel gehen, wenn ich auch eigentlich nicht einsehe, weshalb ich meine wertvolle Zeit vertrödeln soll, nur, weil du ein großer Narr bist. Nun erzählst du mir ganz genau, was in deinem Kopf vorgegangen ist, als du mir nachsprangst. Hattest du es dir vorher überlegt?«
»Nein.«
»Weshalb bist du mir dann nachgesprungen?«
»Weil ich wollte. Ich kann das nicht so genau erklären. Ich mußte einfach!«
»Hoh – man nennt das psychische Impulse! Ich verstehe ja ganz gut, daß das Eisenbahnfieber einen packen kann; an der Krankheit laboriere ich selbst. Ich würde mir die Geschichte aber doch noch überlegen an deiner Stelle. Es bedeutet Hunger und Durst, mein Sohn. Man kann kaputtgehen dabei. Man ist, niemand weiß das besser als ich, bei diesem Leben eine quantité négligeable (oder hast du dein Französisch schon vergessen?), sich selbst und andern verdammt wenig wert. Ich persönlich bin hart wie Stahl und kenne das Leben, was du von dir wohl kaum sagen kannst. Ich tue, was ich will. Es ist mein Wille, im Lande umherzuhetzen, weil es nichts gibt, das mir mehr Freude macht, mehr Glück gibt. Gefällt es mir, mein Leben zu ändern, so brauche ich nur dem Schienenweg adieu zu sagen und kann mir da oder dort Erfolg holen. In anderen Worten, ich bin ein fertiges Menschenkind und du bist weich und formfähig, wie – na, wie Butter. Geh' also nach St. Louis, mein Sohn!«
»Nein!«
»Huh – so energisch?«
Ich sprudelte hervor, daß ich noch nie so Schönes erlebt hätte und daß –
»Ganz richtig. Und der Hunger?«
»Ist mir gleichgültig.«
»Und du wirst sehr schwer arbeiten müssen, denn auch zu solchem Leben gehört Arbeit!«
»Gern.«
»Hm – als ich ein Bub war, erwischte mich mein Vater einmal beim Zigarettenrauchen. Worauf er mich in sein Arbeitszimmer führte, mir höflich Platz und eine schwere Zigarre anbot, die ich unter seinen Augen zu Ende rauchen mußte. Die Folgen dieser Zigarre waren bei weitem unangenehmer als Prügel! So rauch' du denn die Zigarre des Schienenlebens, mein Sohn. Dir wird sehr übel werden! Du wirst anderseits aber auch viel lernen. Und dann werde ich dir nach St. Louis helfen. Dann wirst du nicht mehr weich wie Butter sein! Komisch, daß ich unsteter Geselle nun auch noch Verantwortung auf meine Schultern nehmen soll!«
»Ich bin für mich selbst verantwortlich.«
»Ja freilich. Sehr!«
Und wir lachten beide. In einer Stunde kam ein Frachtzug durch, mit dem wir weiterfuhren. Diesmal kostete die Fahrt Geld, denn ein Bremser ertappte uns beim Hineinklettern und erhob prompt einen Tribut von einem halben Dollar dafür, nichts gesehen zu haben. In wenig mehr als dreißig Minuten kamen wir in Fort Worth an, das nur vierzig Meilen entfernt war. Billy ging sofort nach dem Aussteigen zu dem riesigen hölzernen Wasserbehälter auf dem Frachtbahnhof, aus dem die Lokomotiven gespeist wurden, und leuchtete mit Zündhölzern sorgfältig den unteren Rand ab. Dann zeigte er mir mit einem Ausruf der Befriedigung ein frisch geschnittenes, rohes "J".
»Aha!« sagte er. »Joe ist schon da.«
»Wer ist Joe?«
»Ein Freund, ein lieber Kerl, den ich schon seit langen Jahren kenne. Eisenbahnkrank, so wie ich. Er hat die Zeichen hier hineingeschnitten, damit ich weiß, daß er da ist. Nun warten wir hier. Er wird bestimmt öfters nachsehen, ob ich schon gekommen bin.«
Es dauerte auch gar nicht lange, so tauchte eine Gestalt hinter dem Holzrahmenwerk des Behälters hervor und eine elektrische Taschenlampe blitzte auf.
»Oho!« sagte Billy. »Du bist aber vornehm geworden, Joe! Elektrische Beleuchtung in der Tasche!«
»Fein! Nich' wahr, Billy?«
»Nun, und wie war's mit der Arbeit im Elektrizitätswerk?«
»Schön. Fünfzig Dollars verdient in zehn Tagen. Aber –«
Billy kicherte leise.
»– du hättest mich nich' alleinlassen sollen, Billy. Die verdammten Soldaten im Fort droben haben mir jeden Dollar beim Pokern wieder abgeknöpft. Die gesegnete Laterne hier – das is' alles, was übrig blieb!«
Billy lachte laut und lange.
»So ist nun einmal das Leben, mein alter Joe,« stieß er hervor, noch immer lachend. »Ich hab' noch sechzig Dollars, und wenn die zu Ende sind, müssen wir eben wieder arbeiten. Dies ist Ed. Deutscher. Fährt mit uns.«
Joe, sauber und adrett in dunklem Anzug und Mütze, hatte ein rotes, rundes, volles Gesicht. Listige Äuglein blinzelten aus diesem Gesicht hervor – – –
Von Texas nordwärts. – Ein wunderliches Leben. – Der betrogene Betrüger der guten Stadt Guthrie in Oklahoma. – Jargon des Schienenstrangs. – Ein abenteuerliches Jahr und seine Einflüsse. – Die Entwicklungsgeschichte seiner Majestät des Tramps. – Die amerikanische Vagabundenarmee. – Der Arbeitslose. – Der Tramp. – Die Romantiker. – Lebenssehnsucht und Wandertrieb. – Präsident Roosevelts Vagabundenfahrt auf der Lokomotive. – Geheimnisvolle Unterströmungen modernen Abenteurertums. – Amerikaner in exotischen Kriegen. – In der Sommerfrische von Lucky Water, Arizona. – Von flammenden Farben und meiner Frau im Mond. – Arbeiten!
Hastend trieb Billy vorwärts. Schnurgerade nach Norden ging es zuerst, durch das nördliche Texas in Oklahoma hinein, durch ungeheure Flächen von welligem Grasland und spärlichem Wald; immer mit Schnellzügen auf der blinden Plattform der Postwagen.
Einmal verbrachten wir eine tolle Nacht auf dem Piloten einer Expreßlokomotive, zu dritt, eng zusammengedrückt, aneinander geklammert; auf den hellen Fleck starrend, den die Laterne über unseren Köpfen auf die Schienen warf. Die Welt schien körperloses, schwarzes Dunkel. Nur der gelbweiße Schein da vorne auf dem Schienenstrang barg rasende Bewegung in sich. Als ob sie auf uns zuspringen wollten, so stürmten uns die hölzernen Blöcke entgegen, die den stahlglänzenden feinen Strich auf beiden Seiten verbanden. Zuerst, am Rande des Lichtscheins, in der Verjüngung, sahen die Schwellen fein und zart aus wie Zündhölzer. Dann wurden sie stärker, massiver – riesengroß zu unseren Füßen. Es war wie ein wunderlicher Hexenwirbel. Wie ein sturmwindgepeitschter Zauberkreis von funkelnden Schienen und dunkel glänzenden Schwellen, von Steinchen und Erde und Grasbüscheln; uns entgegenjagend, wirbelnd, sich drehend. Man mußte wie fasziniert auf den Blendkreis der Laterne starren, jedes Steinchen, jeder Schwellenbuckel prägte sich einem ein. Dazu das Rütteln und Stampfen der Stahlmasse, auf der wir hingekauert waren, und der peitschende Luftdruck, der schmerzend wie feine Nadeln in die Haut drang, jedes Stück Zeug am Leibe flattern ließ und sich wie schwere Last gegen den Körper anstemmte. Und Stille ringsum, als schweige alles vor dem dahersausenden stählernen Ungetüm auf den stählernen Schienen; als regierten nur seine Geräusche – – – Das dumpfe Poltern mit dem hellen Metallklang dazwischen. Das Rauschen und Rasseln. Das Stöhnen in den glühenden, dampfschnaubenden Lungen.
Aus Dampf und Rauch und jagender Bewegung und vorbeihuschendem Land schien die Welt zu bestehen. Jeder Funke Energie konzentrierte sich auf Vorwärtskommen. Alles andere war gleichgültig. Man fuhr in Frachtzügen untertags, weil man dann in leeren Frachtwagen schlafen und so den Schlaf mit dem Vorwärtseilen verbinden konnte. Die unfreiwilligen Pausen (wenn ein Kondukteur oder ein Bremser uns ertappte und grinsend erklärte, wir möchten lieber dem nächsten Zug die Ehre schenken) wurden zum Essen benutzt und zu sorgfältigem Erkundigen über die nächsten Züge. Es war ein wunderliches Leben. Und das wunderlichste daran war die Geschäftigkeit! Kein noch so energischer Kaufmann hätte mehr Zeit und Mühe aus seine wichtigsten Affären verwenden können als wir auf unser zweckloses Vorwärtshasten. Dabei riskierten wir auch noch täglich die Hälse!
Ich war wunschlos glücklich damals in dem fortwährendem Fieber des Neulings. Und es scheint mir heute, als sei die trotzige Energie, die dieses sonderbare Leben einem einimpfte, ohne daß man es merkte, die Gleichgültigkeit gegen Gefahr und Beschwerden, das praktische Anpassen an harte Lebensbedingungen, das man wie im Spiel lernte – als sei dies alles die verschwendete Zeit voll und ganz wert gewesen …
Das Leben war wie ein Dahinhuschen durch eine mehr oder weniger gleichgültige Welt voll der verschiedensten Menschen und der verschiedensten Farben, in der das einzig Wichtige die Züge auf dem Schienenstrang und wir drei Menschen schienen. Wir drei Menschen! Nie wieder im Leben hab' ich so das Gefühl engstverbundener Freundschaft mit Männern gehabt wie damals! Was dem einen gehörte, gehörte auch dem andern, und der eine stand für den andern ein mit allem, was er hatte und konnte. Und doch blieb die dünne Scheidewand bestehen, die Männerfreundschaft haben muß, wenn es nicht einfach frère et cochon sein soll – das Respektieren persönlicher Dinge, die Disziplin gewisser Höflichkeiten, eine Art Respekt des einen vor dem andern. Dieses eigenartige Zusammenhalten in einem Mischmasch von Herrentum und Vagabundenleben ist mir etwas Unvergeßliches wie Billy selbst.
Wir kamen nach Guthrie in Oklahoma, eine Stadt mit dem typischen Gemengsel des Westens von vornehmen Villen und bescheidenen Bretterbuden. Guthrie war damals, und ist wahrscheinlich heute noch, was der Amerikaner eine wide open town nennt, eine "weit offene Stadt", wörtlich übersetzt. Der Begriff ist simpel. Weit offen. Alles darf hinein. Spielhöllen, geöffnet die Nacht hindurch; Salons, in ununterbrochenem Betrieb Tag und Nacht; profitables Dulden von elegant gekleideten und energisch bemalten Damen. Skrupellose Dollarjagd überall. Eine Bar neben der andern säumte die Hauptstraßen. "Zum sporenklingelnden Cowboy" hieß da ein Salon, "Das Glück von Oklahoma" ein anderer; "Zum toten Indianer" – "Die sieben Whisky-Seeligkeiten" – "Das Paradies der Getränke" – "Zum letzten Schuß" – – so nannten sich die Trinkhallen Guthrie's. Reiter galoppierten hin und her, deren Beine in dem geteilten Hosenschurz aus Buffalofellen steckten, der das Kennzeichen der Cowboys ist. Am Sattelknopf hing stets der Lasso; an einem Riemen um die Hüften baumelte der schwere Revolver. Zwischen den Reitern drängten sich Fußgänger; bald im einfachen Flanellhemd und den riemengegürteten Hosen des Westens, bald in eleganten Anzügen und tadelloser weißer Wäsche.
»Lebendiges altes Städtchen!« brummte Billy.
Wir traten in eine Bar ("Zum grinsenden Prairiehund" hieß sie), und ich vergaß ganz meinen Whisky über meinem Staunen. Da war ein Gefunkel von Spiegelscheiben und geschliffenen Gläsern und zwischen den Spiegelscheiben leuchtete ein Kolossalgemälde, ein üppiges Weib auf weichen Kissen hingestreckt. Ich zerbrach mir vergeblich den Kopf darüber, wo ich das Bild schon gesehen haben mochte –
»Rubens-Kopie,« lächelte Billy, »mit einigen Zutaten freier Phantasie wiedergegeben. Du wirst das Ding noch tausendmal sehen in ebensoviel Salons. Es ist ein niedliches Beispiel, wie sehr wahre Kunst und wirkliche Schönheit in diesem merkwürdigen Land manchmal auf den Hund kommt.«
Dann ging's in ein kleines Hotel, wie sich das Bretterhaus mit seinen winzigen Zimmern für einen halben Dollar im Tag stolz nannte; denn wir verbanden einen ganz bestimmten Zweck mit dem kurzen Aufenthalt im Oklahomastädtchen: Toilettesorgen! Billy hatte seine besondere Art, die Toilettenfrage zu lösen. Frisch gekaufte Wäsche gehörte dazu, ein Badezimmer und ein in den Küchenregionen ausgeborgtes Bügeleisen, das unseren Kleidern wieder Eleganz verlieh und vor allem durch die Dampfentwicklung beim Bügeln gründliche Reinigung vom Kohlenstaub des Schienenstrangs erzielte. Die getragene Wäsche blieb natürlich zurück, denn ein Sichabschleppen mit Gepäck selbst in kompaktester Form war unmöglich bei unserem Leben. Das wiederholte sich immer wieder – die Bügelszene war eine Art wöchentlicher Etappe im Wanderleben, die ziemlich viel Geld kostete. Aber in den kleinen Stationen später im Südwesten wusch und bügelte Madame vom Boardinghouse gerne unsere Wäsche für wenige Cents, während wir wartend in den Betten lagen.
Den halben Nachmittag plagten wir uns mit der Bügelarbeit. Abends nach dem Essen (es war sehr hübsch, wieder an einem weißgedeckten Tisch zu essen), schlug ich vor, durchs Städtchen zu wandern.
»Not on your life,« grinste Joe gemütlich. »Fällt diesem Kind hier gar nicht ein. Meinetwegen kann der Teufel das Städtchen holen! Der Neffe meiner seligen Tante Jemima schläft viel zu selten in einem Bett, um nich' gründlich zu schlafen, wenn er kann. Geh' spazieren, wenn du willst – ich schlafe!«
»Sehr vernünftig!« lächelte Billy. »Guthrie ist ein teures Pflaster, mein Sohn, und ich persönlich mag nicht mit Leuten zusammen sein, die mit Geld um sich werfen, wenn ich nicht mitmachen kann!«
»Ich will aber nur spazierengehen!«
»Dann nimm Geld mit!«
»Aber ich habe ja noch dreizehn Dollars ungefähr, und dann will ich ja auch gar kein Geld ausgeben.«
»Dann geh' spazieren! Viel Vergnügen, mein Junge!«
So ließ ich ärgerlich die beiden sitzen und lief voller Neugierde die lichterfunkelnde Hauptstraße entlang, in einem Gedränge von Cowboys und eleganten Herren und arg geschminkten Damen. Die Salons lockten mich gar nicht. Aber ein Plakat – eine Tänzerin darstellend, mit dem in grellen Lettern daruntergedruckten Vermerk »Eintritt frei in dieses Varieté!« – schien mir gerade das Richtige. Ich trat ein. An runden Tischchen saßen viele Menschen, darunter merkwürdig viele Damen in phantastischen Kostümen. Das reine Maskenfest! Seide in grellen Farben überall, funkelndes falsches Geschmeide, bemalte Gesichter.
»Furchtbar interessant …« dachte ich mir.
Ein Kellner (in dunkelrotem Flanellhemd und Hosen aus Manchestersamt) brachte mir eine Flasche Bier, für die er einen halben Dollar einkassierte, was ich teuer fand. Dann öffnete sich der Bühnenvorhang, und eine dicke Blondine krähte einen Gassenhauer –