Wohin Zukunftssorgen gehören. – Ein logisches Selbstgespräch. – Das Land der Sonne. – Blühende Obstwälder. – Ankunft in San Franzisko. – Mr. Frank Reddington, schwarzes Schaf und verlorener Sohn. – Die Geschichte vom strengen Gouverneur. – Der tragikomische Hundeschwanz. – Wie der Millionärssohn energisch wurde. – Der Gott der Arbeit pfeift. – Bei den Kabeljaus. – Eine Stockfischfabrik. – Wer zuletzt lacht, lacht am besten!
Wieder bewährte sich glänzend mein schönes Talent, die Sorgen der Zukunft dorthin zu verweisen, wohin sie von Rechts wegen gehörten – in die Zukunft! Flüchtig drängte sich mir zwar der Gedanke auf, daß es weit schöner und angenehmer gewesen wäre, hätte ich mehr Geld gehabt. Fünfzehn Dollars etwa besaß ich noch, als ich den Fahrschein bezahlt hatte.
»Kannst du es ändern?« fragte ich mich.
»Nein!«
»Nach San Franzisko willst du aber?«
»Ja!«
»Na, also.«
»Und was willst du in San Franzisko anfangen?« fragte ein inneres Stimmchen.
»Wie kann ich das jetzt schon wissen!« gab ein anderes inneres Stimmchen anscheinend logisch zur Antwort.
Somit war die Angelegenheit zur schönsten Selbstzufriedenheit erledigt. Friedlich schlief ich in den weichen Polstern die ganze Nacht hindurch und blinzelte am nächsten Morgen vergnügt in die weiten Kansasebenen hinaus. In Colorado nickte ich bekannten Stationen vergnügt zu. Billy und Joe und ich waren da auf der Fahrt nach Osten durchgesaust. Das Felsengebirge fand ich prachtvoll (vom Speisewagen aus) – über die Mormonen unterhielt ich mich während der Fahrt durch Utah ausgezeichnet mit einer jungen Dame, die sich sehr entrüstet über die umfassende Heiraterei des Mormonentums aussprach und dabei energisch flirtete – Nevada verschlief ich zum größten Teil. Dann fuhren wir stundenlang in Tunnels, den riesigen Schneehütten der Sierra Nevada, die viele Meilen lang den Schienenstrang überdecken, um ihn vor Schneewehen und Lawinen zu schützen. Und dann tauchte wie durch Zauberschlag ein sonnenglänzendes Frühlingsland aus dem Dunkel auf. Saftiges Grün überall. Wälder von Obstbäumen unter tiefblauem Himmel, übersät in unbeschreiblicher Pracht mit feinzarten Blüten, schimmernd von schneeigem Weiß zu silberigen und hellrosa Tönen, strahlend in warmem Sonnenschein. Kalifornien, das Märchenland des Goldes. Das Land der Sonne und der Schönheit.
Stunden von Märchenfahrt im Sonnenland. Dörfer, Städte. Und endlich das Brausen und der Lärm der Königin des Westens, ein Auftauchen von tiefblauen Meeresfluten, ein Dahinschwimmen auf riesigem Fährboot, das im Städtchen Oakland, dem kleinen Bruder der glänzenden Schwesterstadt drüben über der Bai, den ganzen Eisenbahnzug aufnimmt und über die Wasser hinüberträgt nach San Franzisko; eine gewaltige Bahnhofshalle – ein Gewühl von Menschen …
Da lachte ich vergnügt vor mich hin, wie einer lacht, der seinen Willen durchgesetzt hat, und schritt in den Wirrwarr hinein. Noch interessierte mich das Leben und Treiben um mich her wenig. Denn Bruder Leichtfuß war praktisch geworden und gedachte sich, so wie er's in St. Louis getan hatte, vor allem die vier eigenen Wände zu sichern. Es fiel ihm gar nicht ein, nach Weg und Richtung zu fragen. Da wo der Lärm am größten war, wo die Geschäfte sich häuften, wo die Menschen sich am meisten drängten, da durfte man nur rechts oder links abbiegen und fand sicherlich in Nebengäßchen die Pappschilder mit der lakonischen Legende vom zu vermietenden Zimmer. Im geschäftigsten Teil der Stadt hausen ja immer die Junggesellen. So war es in St. Louis, so ist es überall auf der Welt, so war es auch hier. In einem Sträßchen, eingekeilt zwischen der Hafengegend und der glanzvollen Hauptstraße, der Market Street, fand ich bald ein Zimmer, klein, schäbig, aber mit prachtvollem Blick auf die Bai. Die sieben Dollars, die es im Monat kosten sollte, zahlte ich sofort im voraus und hörte geduldig zu, wie Madame Legrange, die Dame des Hauses, mir erzählte, San Franzisko sei eine Perle (so schön freilich nicht wie Paris), und sie sei eine Französin (»ah, la belle France, monsieur!«) und Mieter, die monatlich im voraus bezahlten, könnten auf ihre besonderen égards zählen, und sie sei auch einmal jung und schön gewesen. Das mußte aber schon lange her sein!
Und jetzt hinaus zur Königin des Westens! Vier Stufen auf einmal nehmend in Eile und Neugierde (es war Abend geworden über dem Auspacken und dem Baden) rannte ich die steile Treppe hinab und – –
»Hopla – confound it!« sagte ich.
»Hopla – oh, the devil!« sagte er.
Gleichzeitig betrachteten wir verblüfft eine Blechkanne, die polternd die Treppe hinabrollte, in dem offenbaren Bestreben, auch die wenigen Tropfen Bier, die noch in ihr waren, im Rollen loszuwerden. Er saß unten auf einer Treppenstufe, ich oben. Zwischen uns breitete sich ein Miniatursee von Bier und Schaum. "Er" war ein eleganter junger Mensch mit einem prachtvoll energischen Gesicht.
»The devil!« sagte ich.
»Confound it!« sagte er.
»Entschuldigen Sie meine Ungeschicklichkeit,« bat ich.
»Aber es ist ja nicht der Rede wert,« versicherte er.
Endlich einigten wir uns dahin, zusammen frisches Bier zu holen an der Ecke und es zusammen auszutrinken – eine wahrhaft salomonische Lösung. "Er" gefiel mir vom ersten Augenblick an mit seiner frischen flotten Art und seinem kinderlustigen Lachen. Während wir oben auf seinem Zimmerchen saßen, ich auf dem einzigen wackeligen Stuhl, er auf einem wunderschönen schweren Lederkoffer, wurden wir, im Handumdrehen fast, vergnügt und offenherzig wie alte Freunde.
»Der Koffer ist famos, heh?« lachte er, als er meine bewundernden Blicke sah. »Er tut mir leid!«
»Weshalb denn?«
»Weil ich ihn über kurz oder lang einmal aufessen werde!«
Da war unter schallendem Gelächter das Eis gebrochen. Mitten im Erzählen waren wir in einer Viertelstunde. Mein neuer Freund hieß Frank Reddington. Reddington Junior eigentlich …
Wie er so dasaß, schlank, sehnig, Rasse in jeder Linie, die Hände um die Knie verschränkt, ein Lachen um die Mundwinkel, Lachen in den Augen, hätte sich jedes Mädel in ihn verliebt.
»Zug um Zug!« lächelte er. »Zuerst ich. Also die Sache ist so: Zuerst fing der Gouverneur (governor oder auch pater nannte er seinen Vater) melodisch an zu brummen. Nach dem Empfang gewisser Rechnungen – sie waren allerdings sündhaft, wie ich zu des Gouverneurs Entschuldigung bemerken muß – stimmte er einen gellenden indianischen Kriegsgesang an und telegraphierte mir so unerhört grobe Telegramme, daß ich mich vor den Telegraphenboten genierte. Sie rochen direkt nach Schwefel. Endlich, als das Professorenkollegium der Universität Harvard mich aus dem Tempel hinausjagte (diese gelehrten Herren haben so wenig Humor), wurde der Gouverneur tobsüchtig. Well, ich wurde also 'rausgeschmissen und fuhr prompt ins liebe Vaterhaus nach New York. Die mater war todunglücklich –
»Du sollst sofort nach der Bank kommen. Ach, Franky dear, was bist du für ein schlimmer Junge!«
Das fing gut an. Mir war elend zumute, das kann ich Ihnen sagen. In der Bank (der Gouverneur ist Präsident der First National Bank von New York) machte der Kassier ein Gesicht, als sei ich eine verabscheuungswürdige Kreuzspinne, und führte mich ins Privatkontor.
»Nimm Platz,« sagte der Gouverneur. »Nach meinen Informationen aus Harvard hast du dich betragen wie ein Hanswurst! Well, sir, was hast du zu deinen Gunsten anzuführen?«
Ich hm – hmte. Was soll man auch in solchen Fällen sagen!
»Nichts – nichts – gar nichts gearbeitet. Fußball gespielt. (Für den Betrag deiner Rechnungen der Sportfirma ernährt ein Arbeiter seine Familie!) Schulden gemacht links und rechts! Dumme Jungenstreiche! Was war das eigentlich mit dieser letzten Geschichte?«
Ja, diese letzte Geschichte!
Der Schlußkladderadatsch basierte auf einem Hundeschwanz, an den ein gewisser Franky dear eine geschickte Auswahl von Feuerwerkskörpern angebunden hatte. Nun frage ich Sie: Was konnte ich dafür, daß der dazugehörige Hund dem Professor der Physik gehörte und die wahnsinnige Idee hatte, zu seinem Herrn in die Physikklasse zu rennen – mitsamt Schwanz, Knallfröschen und Donnerschlägen! Dabei war das Hündchen nervös, begreiflicherweise, und rannte in dreieinhalb Sekunden für mehrere hundert Dollars physikalische Instrumente über den Haufen. Lange soll es nicht gedauert haben. Aber so lange es dauerte, war das Tempo dieser Vorstellung ungewöhnlich flott! Und dabei hatte ich doch rein erzieherische Absichten verfolgt, denn wenn Moppelinus sich heimtückisch in ein Studentenzimmer schleicht und einen nagelneuen Flanellanzug schändet, so muß Moppelinus bestraft werden! Well, der Gouverneur lachte nicht einmal. Ich sei der Schandfleck einer sonst ehrbaren Familie. Aus den einzelnen Posten von Faulheit, Leichtsinn und Frechheit ergebe sich als Gesamtbilanz ein hoffnungsloser Taugenichts. Ich solle mich gefälligst zum Teufel scheren, und zwar sofort, augenblicklich, ohne Zeitverlust. (Wahrscheinlich war irgend eine Lieblingsaktie des pater auf der Börse bös gezwickt geworden, denn er schien in einer Schandlaune.)
»Ich finde es entschieden langweilig, Vater eines Sohnes zu sein!« sagte er dann ganz gemütlich. »Dieses – dieses Zeug,« dabei deutete er auf einen Stapel Rechnungen, »werde ich regulieren. Im übrigen handelt es sich nicht um Geld, sondern um ein Prinzip. Du wirst arbeiten, sir. Mein Privatsekretär wird dir deine Instruktionen erteilen. Vorläufig wünsche ich dich nicht mehr zu sehen.«
Der Privatsekretär im Vorzimmer grinste und überreichte mir maschinengeschriebene Befehle. Sehr präzise. Sofort nach Chicago fahren und sich bei dem Präsidenten der Illinois Central Eisenbahn melden (in deren Aufsichtsrat der pater saß). Dort angestellt werden im Hauptbureau – mit acht Dollars Wochengehalt.
Da fuhr mir der Ärger in die Glieder: »Wissen Sie, was?« sagte ich. »Melden Sie dem Gouverneur, daß ich seinen Standpunkt für durchaus richtig hielte und zu arbeiten gedächte. Aber ohne seine verdammte Protektion! Mitteilungen über meinen Aufenthaltsort werde ich Ihnen von Zeit zu Zeit zugehen lassen, und Sie werden dem Gouverneur darüber berichten. Good morning, sir!«
Der Privatsekretär fiel beinahe in Ohnmacht.
Du dreifacher Narr! sagte ich mir, als ich auf der Straße stand. Aber nun hast du einmal A gesagt und mußt auch B sagen. Um eine lange Geschichte kurz zu machen – in sechs Tagen war ich in Frisco (die goldene Uhr und die Schmucksachen und die überflüssige Garderobe hatten ein nettes Sümmchen gebracht) und bezog die Universität von Kalifornien. Um jeden Preis fertig studieren, gerade weil der Gouverneur es anders wollte! Für das laufende Semester reichte das Geld. Well, und in den Ferien wurde ich Kellner – ein scheußliches Geschäft – und dann wohnte ich billig und schrieb Kolleghefte ab für Söhnchen, die überflüssiges Geld hatten, und gab Privatstunden im Boxen. Gearbeitet hab' ich wie ein Pferd, und Spaß hat es mir gemacht. Im nächsten Semester kommt das Schlußexamen, das ich zweifellos bestehen werde, und dann telegraphiere ich dem Gouverneur, er könne jetzt das Kalb schlachten lassen für den verlorenen Sohn. Jawohl – nach den ersten sechs Monaten hat mir Higgins, das ist der Privatsekretär, gedrahtet, ich sei ein Narr, und der Kassier sei angewiesen, meine Schecks zu honorieren. Ich hab' aber gedankt. Zuerst muß der Gouverneur den nötigen Respekt vor mir bekommen, damit wir eine gemütliche Verkehrsbasis haben!«
Da kam mir mein eigenes Erleben blaß und ärmlich vor –
Aber auch ich fing an zu erzählen, und Frank Reddington wollte sich ausschütten vor nimmerendendem Gelächter über die Familienähnlichkeit zwischen den Professoren seiner Harvard Universität und den Schulmeistern meiner Gymnasien. Sie ermangelten ja so gänzlich des Humors! Hüben wie drüben!! Als ich von Billy und den Tollheiten des Schienenstrangs berichtete, murmelte er ein über das andere Mal: »By Jove; das probier' ich auch noch!« – und über die Westliche Post riß er die Augen weit auf …
»The devil! Das haben Sie aber dumm angestellt, my dear boy! Dort bleiben hätten Sie sollen! Hinhängen hätten Sie sich müssen an die gesegnete Zeitung wie ein hungriger Floh an ein fettes Hündlein!!«
Bis spät in die Nacht hinein saßen wir zusammen. Und als wir uns nach einer letzten Zigarette trennten, sagte Frank:
»Sie und ich – ich und Sie … wir passen zusammen wie Zwillinge. Was für ein närrischer Geselle der Zufall doch ist! Schwarze Schafe und verlorene Söhne alle beide – aber noch immer sehr lebendig. Hei – oh! Sie kein Geld und ich kein Geld! Und gestern haben die Ferien angefangen! That's a good thing! Wissen Sie was? – Fahren wir Tandem! Spannen wir uns zusammen ins Joch! Jagen wir gemeinschaftlich den verrückten runden Dingerchen nach, die man in diesem gesegneten Land Dollars nennt – wollen Sie?«
Ob ich wollte!!!
Frühmorgens riß jemand meine Zimmertür auf und eine Stimme schrie. »Auf in den Kampf, Torero! 'raus mit Ihnen, Bruder – der Gott der Arbeit pfeift den verlorenen Söhnen!«
Schläfrig rieb ich mir die Augen.
»Man kleide sich prestissimo an!« befahl Frank. »Im Examiner von heute morgen steht ein lakonisches Inserat: »Men wanted – Männer werden gesucht. Broad Street 21.« Männer sind wir, nicht wahr? Well, dann, hurry up – fix schnell …«
Broad Street 21. erwies sich als elegantes Kontor (Johnson & Komp., Konserven, stand auf dem Firmenschild), vor dessen Türe in langen Reihen schäbige Gestalten standen. Frank grinste. »Gibt noch mehr Männer in San Franzisko, heh? Scheinen nicht die einzigen zu sein! Welch' ein Segen, daß wir elegant genug aussehen, um frech sein zu dürfen!« Wir schoben uns an den Wartenden vorbei und ließen uns beim Geschäftsführer melden.
»Und womit kann ich Ihnen dienen, gentlemen?« fragte der Manager.
»Was ist das für ein Inserat?« fragte Frank zurück.
»Oh – wir brauchen Leute für unsere Fabrik von Fischkonserven in der Bai.«
»Zu welchen Bedingungen?«
»Zwei Dollars im Tag und freie Verpflegung. Aber verzeihen Sie, ich begreife nicht recht –«
»Bodenlos einfach!« grinste Frank. »Wir brauchen Geld – Arbeit – und – wollen Sie uns nehmen?«
»Eh?« sagte der Manager und machte ein verblüfftes Gesicht.
»Annehmen – engagieren!«
»Die Arbeit ist aber schwer …«
»Well, das macht nichts!«
Und unter lustigem Lachen und zweifelhaften Witzen wurden wir prompt angenommen.
»Ich tu' Ihnen gelegentlich auch einmal einen Gefallen! Thank you!« bedankte sich Frank.
Der Geschäftsführer lachte und lachte, und wir liefen schleunigst nach Hause, um alles einzurichten. Aus dem Weg kauften wir uns billige Arbeitskleider. In einer Stunde sollten wir uns wieder im Kontor einfinden, um auf einem Kutter nach der Arbeitsstätte zu fahren.
Eine wundervolle Fahrt war es über die tiefblauen Wasser der Bai hin, zwischen den blühenden Städten, die wie ein Kranz von Blumen die Gestade umsäumten; an Kais mit gigantischen Ozeandampfern entlang zuerst, an Inselchen vorbei, zwischen Fischerflottillen hindurch. Und als die Königin des Westens in spinngewebigen, feinen Umrissen weit zurück im Westen lag, landeten wir mit den zwei Dutzend Menschen, die außer uns der Kutter trug, an der Landungsbrücke einer winzigen Felseninsel mit simplen Holzgebäuden. Das war das Inselchen der Fische. Und in einer halben Stunde standen Frank und ich nebeneinander hinter einem breiten Holztisch, lange, scharfe Messer in den Händen; zogen sonngedörrtem Kabeljau die Haut ab und schnitten das kernige, gelbweiße Fleisch in lange Streifen …
Auf der Insel regierte als Alleinherrscher Seine Majestät Cod, der Kabeljau. In Dutzenden von ungeheuren Bottichen auf einer Balkenplattform zwischen Fabrikgebäude und Wohnhaus waren in grobem Salz Millionen von Fischen eingespeichert, die allmorgendlich von uns Männern in langschäftigen Stiefeln aus der Tiefe der Bottiche herausbefördert und zum Dörren in die Sonne gebreitet wurden. Reif, sun-cured, sonnengetrocknet, waren sie in zwei, drei Tagen. Dann wanderten sie zu uns in die Fabrik, wurden abgehäutet, entgrätet, zerschnitten und in hübsche kleine Holzschachteln gepackt; das Rückenfleisch als extra prime quality, das Seitenfleisch als Ware zweiter Güte: Stockfisch! So standen wir und zerlegten und schnitten von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends.
»Hab' ich es mir doch gleich gedacht, daß die Geschichte irgend einen Haken haben mußte,« sagte Frank ironisch lächelnd schon am ersten Tag. »Zwei Dollars im Tag werden nicht umsonst gezahlt. Und nun haben wir die Bescherung!«
Der Haken war da – die Bescherung ganz besonders unangenehm! Die Haut der cods und ihr Fleisch waren von scharfer Salzlauge so durchtränkt, daß bei dem Häuten und Zerlegen schon in den ersten Stunden uns Arbeitern die Hände wund wurden. Dann schnitt man sich natürlich in der Hetzarbeit, und auch die scharfen Gräten rissen Wunden. Selbst die peinlichste Vorsicht konnte das nicht vermeiden. In diese wunden Stellen drang ätzend und beißend die Salzlauge! Es war eine Art Martyrium; eine recht harmlose und ungefährliche Märtyrerschaft zwar, aber gerade schmerzhaft genug für meinen bescheidenen Geschmack.
»The dickens!« sagte Frank erstaunt am ersten Abend und rieb sich zärtlich die geschundenen Hände.
»Scheußlich!!« brummte ich und tat desgleichen.
Meine Hände waren schön rot wie ein gesottener Krebs und bluteten an zwanzig Stellen, besonders unter den Nägeln. Doch wir trösteten uns mit Vaseline und Philosophie und schwatzten stundenlang mit dem chinesischen Koch der Insel, der uns in seinem schauderhaften Pidgin-Englisch von der Chinesenstadt Frisco's vorschwärmte. Von den Spielhöllen, in denen die Kinder des himmlischen Reichs Tag und Nacht Fan-Fan spielten und sich gelegentlich dabei gegenseitig totstachen; von den "Sechs Gesellschaften", den geheimen Vereinen, die unumschränkt in der Chinesenschaft herrschten und die Einfuhr und Rückbeförderung von Chinesen als Monopol betrieben. So mächtig waren sie, daß keine Dampfergesellschaft einen Kuli als Zwischendeckspassagier zur Rückreise annahm, wenn er nicht einen Erlaubnisschein der "Sechs Gesellschaften" vorweisen konnte, als Zeichen, daß er seinen Verpflichtungen dem Geheimbund gegenüber nachgekommen war. Wie Diktatoren herrschten die sechs Gesellschaften; schossen Geld vor, belobten, bestraften, errichteten Schulen für die chinesische Jugend, Tempel für die Erwachsenen. Sam Ling machte immer ein ängstliches Gesicht, wenn er von diesem Geheimbund sprach …
Er war ein quecksilberiger kleiner Kerl, der famos kochte und die unglaublichsten Leistungen in seiner Bretterbude von Küche an der Felsenwand vollbrachte. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie er es fertig brachte, um sechs Uhr morgens für vierzig Mann (soviele waren wir) Pfannkuchen zum Frühstück zu liefern. Delikate, winzig kleine Pfannkuchen, kaum so groß wie eine Untertasse, die man bebutterte und bezuckerte, immer einen auf den andern klappend. Ein Dutzend mindestens aß ein jeder. Ein Dutzend mal vierzig – das waren fünfhundert Pfannkuchen, die der arme Sam Ling herzauberte – vor sechs Uhr morgens. Wie er es auch machte – sie waren da; frisch, heiß, knusprig. Die Verpflegung war vorzüglich und die Schlafräume hell und sauber. Wenn nur das Salz nicht gewesen wäre – das verdammte Salz!
Frank und ich waren fast immer zusammen und kümmerten uns wenig um die anderen Männer. Abends verbanden wir uns immer gegenseitig die wunden Hände. Dabei gewöhnten wir uns das sonderbare Vergnügen an, recht kräftig zuzupacken und einer dem andern ins Gesicht zu starren, ob sich nicht vielleicht doch ein Schmerzenszug entdecken ließ.
»Good God,« sagte Frank regelmäßig jeden Abend, wenn er seine Hände betrachtete. »Stockfisch! Cod! Unschuldiger Stockfisch! Man sollte es doch nicht glauben, daß solch' ein unschuldiger Stockfisch einen so schinden kann! Wenn der Gouverneur mich jetzt sehen würde, wäre er vielleicht zufrieden! Heh?«
Dann gingen wir zur Felsenspitze und starrten wortlos ins Meer hinaus, in das saphirblitzende Gewoge mit den braunen und braunroten Fischersegeln und den unförmigen Dampfern dazwischen. Wenn dann weit im Westen der Sonnenball niederging und es sich wie Rubinengefunkel in das Blau mischte, lachten wir uns nickend zu. Da drüben lag San Franzisko. Der schwache rote Schimmer am Horizont dort war ein Widerschein seiner nächtlichen Lichterpracht. Wie wollten wir herumstöbern in dem Lichtschein dort, wenn einmal die Zeit erfüllet war und – wie wollten wir unsere Hände pflegen!
Tag um Tag verging, und endlich war ein Monat vorbei. Eines Morgens fragte der Vorarbeiter im Arbeitssaal laut:
»Wer will aufhören und nach San Franzisko zurück? Morgen kommt der Kutter.«
Merkwürdigerweise (mir wenigstens kam es merkwürdig vor) meldete sich niemand. Frank und ich sahen uns an – sahen uns wieder an – genierten uns gegenseitig, bis ich endlich den Anfang machte und rief:
»Ich!«
»Ich auch!« schrie Frank dazwischen und lächelte: »Und warum denn nicht! Wir sind ja hier (sämtlichen Göttern Homers sei dafür gedankt!) nicht angewachsen, noch mit den dreimal vermaledeiten cods verheiratet. Mann, ich bin froh! Hände – freut euch!«
Ein Sommermorgen war es, an dem wir das Felseninselchen zum letztenmal sahen und einander feierlich versprachen, wir würden, wie es auch kommen und wie es uns noch ergehen möge in diesem lustigen Leben, eines niemals, aber auch niemals tun: Stockfisch essen!
Während der Fahrt rechneten wir uns aus, daß wir beide zusammen wohl siebentausend Stockfische, zehn Pfund schwer das Stück ungefähr, abgehäutet, entgrätet und präpariert hatten. Mit unseren armen Händen! Zehn Stück in der Stunde etwa, und zehn Arbeitsstunden waren es im Tag, und zweiunddreißig Tage lang hatten wir gearbeitet. Siebentausend Stück!
»Weinen könnte man!« sagte Frank Reddington. »Weinen! Man kann ja nie wieder einem Kabeljau ins Gesicht schauen! Wer je im Leben mir gegenüber das Wort "cod" erwähnt, den boxe ich über den Haufen. So!!«
Und als wir uns umgekleidet und (vor allem) Handschuhe angezogen hatten, präsentierten wir uns im Kontor mit unseren Zahlungsanweisungen.
»Wie hat's Ihnen gefallen,« fragte der Manager und grinste.
»Famos,« meinte Frank sauersüß.
»Das freut mich sehr. Zeigen Sie mir doch einmal Ihre Hände!« Dabei betrachtete der Geschäftsführer augenzwinkernd unsere Handschuhe.
»Mann,« sagte Frank ernst, »spotten Sie nicht meines ehrwürdigen Alters.« (Das ganze Kontor lachte.) »Sonst gebe ich Ihnen meinen Fluch und erscheine Ihnen nach meinem Tode dreimal jede Nacht als Stockfisch!!« (Das ganze Kontor brüllte.)
Wir aber strichen ein jeder vierundsechzig Dollars ein und lachten auch.
Das Erbe der Goldgräber. – Die lustige Königin des Westens. – Von vernünftigen schwarzen Schafen. – Die Stadt der Sieben Hügel übertrumpft! – Kletternde Straßenbahnen. – Im Park des Goldenen Tors. – Der dunkle Flecken der Sonnenstadt. – Im Chinesenviertel. – Die Straße der lebenden Schaufenster. – Wie der Lausbub zum Professor wurde. – Von Deutsch lernenden Lehrerinnen. – Die amerikanische Frau. – Kluge Mädchenerziehung und törichte Weiberherrschaft. – Die Amerikanerin in Kunst und Leben. – Die Sehnsucht nach der Zeitung.
Stolz nennen sich die Männer Kaliforniens zum Unterschied von den im Land der Sonne wohnenden, aber in anderen Staaten der Union geborenen Amerikanern the Native sons of California, die eingeborenen Söhne von Kalifornien. Stolz sind sie auf ihre Ahnen, die Goldgräber. Diese zähen, eisenharten Goldgräber von anno dazumal, die sich mit Mensch und Natur herumschlugen, bis nur der Starke überlebte, haben die Kraft ihrer Muskeln in Generationen hinein vererbt. Groß, schlank, sehnig sind die Männer des Kalifornien von heutzutage; stolz, üppig seine Frauen. Im scharfen Gegensatz zu den überschlanken Amerikanerinnen der Oststaaten. Noch etwas anderes aber vererbten die Goldgräberahnen: Lachender Übermut steckt diesen schönen Menschen im Blut; der gleiche Lebensleichtsinn, dieselbe Genußsucht, das gleiche Eintrinkenwollen der Freude wie ihren Urgroßvätern. Den Männern des Goldes, die heute arm waren und morgen reich; heute sich ein Vermögen aus der Erde kratzten, um es morgen zu verspielen.
Die Königin des Westens war eine gar lebenslustige Dame. Reich wollten die eingeborenen Söhne von Kalifornien freilich auch werden, gerade so wie die Dollarjäger in Chicago oder St. Louis oder New York, aber keiner vergaß über der Hetzjagd des Dollars das Vergnügen. Die Marketstraße strahlte des Nachts in einem Flammenmeer von Licht. Rechts und links, Seite an Seite fast, schrien Theater, Varietés, französische Restaurants, elegante Bars: Amüsiert euch, Söhne Kaliforniens!
Eine lustige Welt. Tag für Tag und Abend für Abend durchstreiften Frank Reddington und ich die Stadt, eine Woche lang, denn wir waren es ja unseren Händen schuldig, wenigstens ein paar Tage hindurch die Nichtstuer zu spielen. Für was alles diese Hände als Ausrede herhalten mußten! Wenn wir einmal in einem französischen Restaurant speisen wollten, oder wenn eine Bar lockte oder ein Roulettetisch winkte, da mahnte lachend einer den andern:
»Es ist ja eigentlich schade um das sauer verdiente Geld – aber denken Sie nur an unsere Hände!«
Die Puritaner des Ostens hätten sich hier auf den Kopf gestellt vor Entsetzen! In den lustigen Varietés, in die wir gingen, gewissenhaft keines übersehend, setzten sich kichernde Soubretten zu den Gästen an die Tische und zauberten ihnen Vierteldollars für süße Manhattan Cocktails und Brandy Flips aus den Taschen; in den eleganten Bars war stets eine Seitentüre, über der in goldenen Lettern stand: Nur für Klubmitglieder! Hinter dieser Tür wurde Poker gespielt, dort klappten Farokästchen und sausten Rouletten. Klubmitglied jedoch war ein jeder, der einen anständigen Anzug trug und so aussah, als ob er die nötigen Dollars zum Verspielen besitze! Die Aufschrift war eben weiter nichts als eine verbindliche, nette, gemütliche Formsache der Polizei gegenüber. Wir versuchten einige Male unser Glück an der Roulette, verloren eine Kleinigkeit und gewannen dann an einem Abend zusammen über siebzig Dollars! Merkwürdigerweise hörten wir auch zur richtigen Zeit auf! In Franks Zimmer tanzten wir einen wahren Indianertanz der Freude in jener Nacht und beschlossen feierlich, den größten Teil des Geldes in neuen Anzügen anzulegen und niemals mehr als drei Dollars auf dem Roulettetisch zu riskieren.
»Sonst verlieren wir die Geschichte wieder,« grinste Frank. »Ich finde übrigens, mein lieber Junge, daß wir für schwarze Schafe und verlorene Söhne verdammt vernünftig sind! Heh?«
Und des Tages streiften wir stundenlang in der Stadt umher. Rom hat den klassischen Namen der Stadt der sieben Hügel. Nun, ein Römer würde sich, wanderte er durch San Franzisko, nur in einem Gefühl der Beschämung und des hoffnungslosen Übertrumpftseins der sieben Hügel seiner Vaterstadt erinnern! Lumpige sieben Hügel! In San Franzisko wimmelt es von Hügeln. Acht, neun – zwölf – oder gar noch mehr. Flach ist die eine Seite der ungeheuren Marketstraße, die die Stadt entzweischneidet, flach dem Hafen zu. Auf der anderen Seite aber streben Hügel empor bis weit hinaus zum Stillen Meer, zur Golden Gate; Hügel mit eleganten Wohnhäusern an holzgepflasterten Straßen, die auf und nieder gehen in scharfen Winkeln, bald steigend, bald fallend.
Und diese ewigen Hügel hinauf und hinab kletterte fortwährend ein Gewirr von Straßenbahnen. Es war ein sonderbares Gefühl, unten zu stehen und von hoch oben einen Straßenbahnzug rasselnd auf sich zukommen zu sehen. Cable Cars wurden sie genannt, Kabelwagen. In der Mitte zwischen ihren beiden Schienen lief eine dritte, gespaltene Schiene, unter der in einem hohlen Raum unmittelbar unter dem Straßenpflaster ein endloses Drahtseil dahinsurrte. Eine Art Riesenzange packte auf einen Handgriff des Führers hin durch den Spalt hindurch das Seil, das dann den Wagen mit sich weiterriß, während bei Haltestellen die Zange ausgelöst und eine starke Luftbremse in Tätigkeit gesetzt wurde. Wie in einer Wellenschaukel kam man sich an besonders schlimmen Stellen vor – vorwärtsgeworfen – rückwärts gestoßen – geschüttelt, gerüttelt …
Weit hinaus gegen das Meer zu streckten sich die stillen Straßen des elegantesten San Franzisko, und weit draußen standen die Paläste der Eisenbahnkönige der Southern Pazific und Union Pazific Eisenbahnen, des Zuckerkönigs Spreckels, des deutschen Ingenieurs Sutro. Dann kam eine wüste einsame Sandstrecke, die nach Nordwesten zum Goldenen Tor, nach Südwesten zum Presidio führte. Eine komische kleine Eisenbahn rumpelte über den Sand dahin, zu einer der schönsten Parkschöpfungen der Welt. Ein Deutscher, der Ingenieur Sutro, hat das Wunderwerk geschaffen. Mitten aus der eintönigen Sandfläche heraus sprießen prachtvolle Baumgruppen und grünende Grasflächen, Blumenbeete und Palmen. Dann Felsengruppen, wieder Palmenhaine, und plötzlich, auftauchend wie eine Zauberwelt, die gewaltige Schönheit des Ozeans. Da eingedrängt in ein Felsentor schroffer Klippen, dort zwischen Himmel und Erde verfließend in die Unendlichkeit. Golden Gate. Das goldene Tor, die Felsenpforte von der Welt des Westens zur Welt des Ostens.
Doch auch der dunklen Flecken gab es in der lustigen Sonnenstadt.
Düster, winkelig, schmutzig stieg unten im Osten, dicht beim Hafen, mitten aus der glänzenden Geschäftsstraße Kearney Street ein bizarres Häusergewirr auf zwei Hügelchen empor. Mit wenigen Schritten trat man aus dem Schein strahlender Bogenlampen und reicher Schaufenster in eine Welt dunkler Schatten – in die Chinesenstadt San Franziskos. Enge Gäßchen. Winzige Häuserchen. Geheimnisvolle dunkle Gänge. Über die Gassen spannen sich leuchtendrote Plakate mit chinesischen Inschriften, Laden lag an Laden, bezopfte kleine Männer mit gelben Gesichtern huschten hin und her. Mehr als das Auge jedoch staunte die Nase, denn wie eine dichte Wolke lagerte ein unbeschreiblicher Geruch über dem Viertel der Chinesen; fremdartig über alle Maßen; jetzt lockend, nun abstoßend. Bald duftete es süß und schwer wie von blühendem Jasmin, bald bedrückend wie schwerer Nebel, bald würzig wie Spezereien – fremde Menschen hatten die Gerüche ihres Landes mit sich getragen über den Ozean. In jedem Gäßchen standen Polizisten (später hat mich mein Freund der Polizeileutnant gar oft durch die Chinesenstadt geführt); denn in den kleinen Häuserchen tief unten in den Gängen, die unterirdisch Haus mit Haus verbanden, hausten Verbrecher und wohnte das Laster. Da waren Opiumhöhlen und chinesische Spielhöllen und Diebskneipen.
»Wär' ich einer der Führer der öffentlichen Meinung von San Franzisko,« sagte Frank, als wir eines Abends wieder die Chinesenstadt durchstöberten, »so würde ich so lange agitieren, bis das Rattennest weggefegt würde vom Erdboden!«
Der Gedanke war nicht eben neu. Kaum ein Tag verging, ohne daß in den Friscoer Zeitungen die "Chinesenstadtfrage" ventiliert wurde. Doch die Chinesen besaßen Geld und wußten gewichtige Dollars da anzulegen, wo sie in Form von einflußreichem politischem Schutz gute Zinsen trugen. So behauptete eben die Polizei, das Chinesenviertel sei ja die schönste Mäusefalle, in der sie Tag für Tag Verbrecher erwische, und die Stadtbehörden erklärten, ein Zusammenleben der Chinesen erleichtere ihre Überwachung. Im übrigen war die öffentliche Meinung von San Franzisko gar nicht empfindlich gegen groteske Zustände:
Sie duldete ja die Straße der lebenden Schaufenster!
Oben auf dem Hügel der Chinesenstadt lag, halb versteckt in winkeligen Häusermassen, ein Gäßchen, aus dem des Nachts heller Lichtschein funkelte, und dem die Müßiggänger in Scharen zupilgerten. An seinem Eingang, links und rechts, standen Nacht für Nacht zwei Offiziere der Heilsarmee. Mit ernsten Gesichtern grüßten sie die Vorbeigehenden und deuteten schweigend auf ein Plakat, das sie zwischen sich ausgespannt hielten und mit Blendlaternen scharf beleuchteten. Auf dem weißen Fetzen Leinwand stand in roter Schrift geschrieben:
»Bruder, lieber Bruder! Sieh dir die Schande an! Hilf uns als Mann und als Amerikaner, mit deiner Meinung und mit deiner Stimme bei den Wahlen, die Schande zu besiegen! Hilf den Ärmsten der Frauen, lieber Bruder!«
Innen im Gäßchen drängten sich die Menschen, in steter Vorwärtsbewegung gehalten durch ein halbes Dutzend von Polizisten, deren halblauter Ruf move on –move on … nicht stehen bleiben! – die einzigen Laute waren, die aus der sonderbaren Stille hervorklangen, denn alle Welt starrte und starrte in die beleuchteten Fenster in den winzigen Häuserchen der beiden Seiten des Gäßchens. Was man da sah, schien bald grausame Tragik, bald übergroteske Lächerlichkeit.
Die Fenster waren Schaufenster mit lebendigen Waren. Drei Fenster gab es in jedem Häuschen, bis auf den Boden gehend, und in einem jeden saß auf erhöhtem Podium, lichtübergossen vom Schein einer Glühbirne, ein Weib. Gepudert, geschminkt, künstlich frisiert, angetan mit seidenem Kostüm; ein stereotypes, gemachtes Lächeln wie angefroren auf den Lippen … Wie eine Puppe. Wie eine Wachsfigur fast. So lag Schaufenster an Schaufenster. Bald hätte man am liebsten laut hinausgelacht, denn der Gedanke dieser lebendigen Ware wirkte unsäglich grotesk; bald hätte man sich schämen müssen. Frauen aller Länder und aller Rassen hockten in der langen Schaufensterlinie; Amerikanerinnen, Französinnen, Mulattinnen. Eine winzige Chinesin dort – ein Mädel im japanischen Kimono hier. Und alle lächelten das gleiche gefrorene Lächeln und sahen starr vor sich hin auf die Straße. Darin lag Methode. Dahinter steckte ein guter Grund. Denn die guten Polizeiräte der guten Stadt von San Franzisko duldeten zwar diese Gasse der Groteske, erließen aber fürsorglich besondere Vorschriften. Sie gaben sozusagen den lebendigen Schaufenstern das Siegel behördlicher Approbation. Aber die Glühlämpchen in den Fenstern durften nur eine gewisse Kerzenstärke haben, auf daß kein Fenster mehr leuchte als das andere, und die Ware im Schaufenster durfte sich nicht rühren, niemandem zulächeln, keinem Mann zunicken, auf daß niemand verführt wurde. So wahrte die Friscopolizei das Dekorum. Spielte gravitätisch eine steife Statistenrolle in der Tragikomödie.
Wir beide, Frank und ich, gaben im gleichen Impuls den sonderbaren Wächtern der Heilsarmee am Gasseneingang ein Silberstück, als wir die Gasse verließen. Selbst lustiger junger Leichtsinn wurde nachdenklich gestimmt in der Gasse der lebenden Schaufenster.
»Bad taste,« sagte Frank achselzuckend. »Geschmacklos!«
Und das war ein sehr vernünftiges Urteil.
Zusammen studierten wir den Anzeigenteil des Examiner, zwei Inserate im besonderen. Freund Frank schüttelte bedenklich sein weises Haupt. »Schlimmer als gesalzener cod kann der Bengel ja auch nicht sein?« murmelte er. »Ich probier' es. Schön ist es zwar nicht, aber der Sohn meines Vaters braucht Geld. Jawohl – ich probier' es!«
»Ich auch!« sagte ich, obwohl mir die Sache sehr verrückt vorkam.
So machten wir uns selbander auf den Weg; er zu dem Vater, der Privatstunden in Mathematik für seinen Sohn suchte, ich zu der Familie, die für »zwei Kinder im Alter von neun und elf Jahren gediegenen deutschen Sprachunterricht« ersehnte. Als wir uns eine Stunde später wieder trafen, konstatierten wir unter schallendem Gelächter, daß wir alle beide Respektspersonen geworden waren – Lehrer der Jugend!
Die Mama meiner Zöglinge – ihr Götter! – war eine elegante schlanke Amerikanerin, die das Engagieren eines deutschen Sprachlehrers als etwas furchtbar Nebensächliches behandelt hatte.
»Der Doktor wünscht es,« gähnte sie, »daß meine Kinder deutsch lernen. Er selbst hat keine Zeit, sie zu unterrichten. Ich finde nicht, daß deutscher Unterricht sehr wichtig ist, aber der Doktor –«
Der Doktor, der dann in den Salon kam, war ihr Mann, ein Arzt, als Kind deutscher Eltern in San Franzisko geboren. Er sprach mit mir in einem durch englische Brocken entsetzlich verballhornten Deutsch und schien sehr zufrieden mit meiner Gymnasialbildung. Das sei ja vortrefflich. Er wünsche schon um seiner Eltern willen, daß seine Kinder Deutsch lernten, und dann gedenke er auch, später seinen Sohn in Deutschland erziehen zu lassen.
»Sagen wir eine Stunde daily, in die Tag,« so instruierte mich Doktor Sanders, »und sagen uir eine Honorar von eine Dollar. Den Plan vom Lernen uollen Sie machen as you think best – ui Sie halten es für die Beste – nur praktisch, damit sie bald etwas spreken können.«
Die Kinder, das elfjährige Mädel und der neunjährige Bub, waren sehr altklug und sehr ungeniert.
»We don't like German!« erklärten sie mir sofort.
»Deutsch gefällt uns gar nicht!« Das wunderte mich nicht, denn ich bekam bald heraus, daß ihr deutscher Sprachunterricht bis jetzt darin bestanden hatte, Worte nachzuschreiben, die der Papa ihnen vorschrieb. Da kam mir ein glücklicher Gedanke, auf dem Umweg über ein Glas Wasser, das auf dem Tisch stand –
»Kinder, wir wollen nur Deutsch sprechen! Also: Dies ist ein Glas Wasser …«
»Diß is' ain Glas Wass'r,« sprachen beide seelenvergnügt nach.
Damit war der Weg zu dem Interesse der Kinder gefunden. Im Englischen waren die Worte ja fast gleichlautend – this is a glass of water –, so gleichlautend, daß diesen amerikanischen Kindern auf einmal der Appetit zum Deutschsprechen kam. Es war ja so leicht! So klebte ich denn während der ganzen ersten Unterrichtsstunde verzweifelt an meinem Glas Wasser und variierte darauf los – in diesem Glas Wasser ist eine Rose – die Rose ist weiß – wir trinken Wasser – bis zu den letzten Möglichkeiten. Meine Kinder jubelten! Und da es wohl an die Tausend Worte gibt, die im Deutschen und Englischen fast gleich ausgesprochen werden, so war die "Methode" glücklich da. Eines Tages kam die Mama in die Stunde und hörte erstaunt zu, um gleich in der nächsten Unterrichtsstunde am andern Tag eine Freundin mitzubringen, die Oberlehrerin einer Mädchenschule.
»Ausgezeichnet, Professor!« sagte sie.
Ich lachte laut auf. »Aber ich bin doch kein Professor!«
»Das macht nichts, Professor. Wollen Sie uns Stunden geben?«
»Wem? Ihnen, Madame?«
»Hören Sie. Der große kalifornische Lehrerinnenverein will im Herbst eine Europareise machen und natürlich auch Deutschland besuchen. Mit Ihrer praktischen Art können wir schnell noch ein wenig Deutsch lernen. Ich arrangiere alles, Professor. Es darf aber nicht viel kosten!«
Und sie arrangierte!
Ich glaube, die Professoren des Gymnasiums von Burghausen wären in corpore aus der Haut gefahren vor entsetzt ungläubigem Staunen, hätten sie mich abends auf dem Katheder eines großen Schulzimmers der höheren Mädchenschule von San Franzisko stehen sehen können! Vor einer Hörerschar von über fünfzig reizenden jungen Lehrerinnen! Frechheit, steh' mir bei, dachte ich in verzweifeltem Galgenhumor und ließ eine pseudowissenschaftliche (ganz und gar aus den Fingern gesogene) Erklärung vom Stapel, in der ich mein Betriebskapital von gleichlautenden Worten den "gemeinsamen anglosächsischen Sprachschatz" nannte und sehr wichtig tat. Dann löste sich die Befangenheit. Aus der Unterrichtsstunde wurde ein lustiges Frage- und Antwortspiel –
»Uasser, Professor?«
»Nein, W–asser!«
Bis der Professor zu den Bänken hinabstieg und die schweren deutschen Worte seinen Schülerinnen vorsprach. Diese Schülerinnen waren ja reizend! Eine hübscher als die andere – eine lustiger als die andere. Typisch in ihrer Art als Amerikanerinnen. Freilich – der neugebackene Herr Professor sah in ihnen gar nichts Typisches, sondern nur die lustigen netten Frauen!
Aber schon in dieser Lustigkeit lag die ganze freie Art der Amerikanerin, die von Kindesbeinen an daran gewöhnt wird, mit dem andern Geschlecht in formloser Kameradschaftlichkeit zu verkehren und das Problem von den Wechselbeziehungen zwischen Mann und Frau nicht in jedes harmlose Gespräch hineinzutragen. Nicht als ob sie nicht ganz Frauen gewesen wären, diese jungen Amerikanerinnen, mit allen Größen und allen Kleinlichkeiten, allen Tugenden und Untugenden des Frauentums! Sie beherrschten das System der drahtlosen Telegraphie mit schönen Augen meisterhaft und flirteten schändlich mit dem Lausbub von Professor! Doch in dem Wesen dieser jungen Lehrerinnen, von denen die meisten keine zwanzig Jahre zählten, prägte sich etwas gewaltig Selbstbewußtes aus. Nicht das Selbstbewußtsein der selbständigen Frau, die ihr eigenes Geld verdient. Darüber lachten sie. Zuckten die Achseln und meinten, es sei grinding work – aufreibende Arbeit und sie wären viel lieber verheiratet. Nein, das Selbstbewußtsein des Weibes steckte in ihnen, das sich seiner Macht über den Mann wohl bewußt – stolz darauf ist – und die Ritterlichkeit des Mannes als einen selbstverständlichen Tribut gnädig in Empfang nimmt.
Die Frau Amerikas gibt, wenn es ihr gefällt, mit vergnügt zwinkernden Äuglein einen Zipfel von weiblicher Liebenswürdigkeit her. Sie tanzt graziös auf dem Drahtseil der Liebelei, aber sie plumpst ganz gewiß nicht hinunter in ernsthafte Beschädigungen ihres Frauentums; denn sie, die man niemals sorgfältig behütet und in ängstlichem Familienschutz eingekapselt hat wie gebrechliche Ware, kennt die Welt und die Männer recht gut und weiß Gefahren aus dem Weg zu gehen, weil sie die Gefahren eben kennt. Ihre Weltkenntnis dient der Amerikanerin als Balanzierstange auf dem gefährlichen Drahtseil des Flirts, in dessen Beschreiten sie Meisterin ist. Sie schützt sich selbst. Welch' ein Unterschied zwischen dem amerikanischen jungen Mädchen und dem der alten Welt, hinter dem glucksend wie ängstliche Hennen fürsorgliche Mamas und ängstliche Tanten dreinrennen, damit das Schaf von Tochter oder Nichte dem reißenden Wolf von Mann nicht in die scharfen Zähne gerate – während das behütete Schäflein immer neugieriger wird auf diesen sagenhaften bösen Wolf.
Das amerikanische Mädel aber guckt sich das Untier an, lacht und zähmt es zu einem treugehorsamen Hündlein, das sich nicht mucksen darf und mit der Peitsche scharfen Spotts gezüchtigt wird, sollte es ungezogen werden. Den Tragödien und Komödien der Liebe ist ja auch die Amerikanerin untertan wie alle Menschenkinder. Dann aber erlebt sie mit offenen Augen, wissend, einer starken Macht gehorchend …
So hat sich der amerikanische Frauentyp herausgebildet, der sich in starker Eigenart von den Frauen anderer Länder, den Frauen Europas vor allem, unterscheidet. Die freie Frau, die über den Wall Jahrtausende alter Überlieferung hinübergeklettert ist und tut, was ihr gefällt. Sie genießt die gleichen Rechte und die gleiche Erziehung wie der Bub. Sie nimmt sich das Recht des Vergnügens wie der junge Mann, mit dem sie Seite an Seite studiert. Sie treibt Sport wie er. Sie nimmt sich das Recht, im Vaterhaus zu kommen und zu gehen, wie es ihr beliebt, und es fällt ihr nicht im Traum ein, die Mama um Erlaubnis zu bitten, ob sie mit Herrn X oder mit Herrn Y ins Theater gehen darf. Sie geht einfach. Sie ist emanzipiert im besten Sinn – natürlich – Mensch. Als junger heranwachsender Mensch wenigstens. Das Schreckgespenst zu behütender Geschlechtlichkeit ist ihren Eltern ein lächerlicher Unsinn.
Doch sonderbar. Die gleichen Menschen, die mit so gesundem praktischem Sinn das Problem psychischer wie physischer Mädchenerziehung lösen und als wundervolles Gut ihren Töchtern ein vernünftiges Menschentum und eine prachtvolle Unbefangenheit mit ins Leben geben, sündigen wieder gegen wahre Frauenwerte durch eine groteske Frauenüberschätzung, die tief in alle gesellschaftlichen, ja in die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes hineinschneidet. Das gleiche Mädel, das so stolz auf ihr, man möchte fast sagen: geschlechtsloses Menschentum ist und en bon camerade mit ihren männlichen Freunden tollt, wird in unmerklichem Übergang zur anspruchsvollen Königin, zur herrschenden Macht, je mehr das Weib in ihr sich regt. Das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern, das Sitte und Erziehung herstellen wollen, verschiebt sich unbeschreiblich weit zugunsten des Weibes. Sie heiratet. Ein guter Kamerad ist die amerikanische Gattin, klug, erfahren, vorzüglich dazu geeignet, mit dem Mann seine Pläne, seine Arbeit zu besprechen; ihn zu beraten. Im scharfen Gegensatz zu dem Hausfrauentum, das die Frau in Küche und Haus, den Mann ins Erwerbsleben verweist. Die Amerikanerin würde entsetzt sein, wollte man ihr von Hausfrauenpflichten reden. Sie kocht miserabel und ist hilflos ohne Dienstboten. Sie treibt beispiellose Verschwendung im Haushalt. Sie fordert, daß der Mann ihr die Möglichkeiten schaffe, alle ihre Wünsche zu befriedigen – und langsam entwickelt sich das typische Verhältnis zwischen amerikanischen Ehegatten:
Der Mann arbeitet Tag und Nacht, um die Dollars herbeizuschaffen! Die Frau amüsiert sich in Luxus und Verschwendung!
Gebärt sie ihrem Mann Kinder, so erfüllt sie damit nicht natürliche Weibesbestimmung, sondern ist eine arme Märtyrerin der Ehe und des Mannes; sie gibt dem Mann mit den Kindern ein Gnadengeschenk, das ihm die Pflicht auferlegt, sich Genüsse zu versagen und rastlos Dollars zu jagen, um sie der Märtyrerin, der Königin, zu Füßen zu legen.
Weiberherrschaft. Weiberherrschaft, die einen eisernen Gürtel um das Land zieht und verantwortlich ist für lächerliche Übertreibungen im Kampf gegen Alkohol und Tabak, für die Schließung aller Vergnügungsstätten an den Sonntagen, für ein sonderbares Muckertum, das gar nicht hineinpaßt in den freien natürlichen Charakter der amerikanischen Menschen. Weithin dehnt sich der Kreis der Weiberherrschaft. Literatur und Kunst muß sich dem Weiberwillen beugen, denn die Frau ist es ja, die allein für Kunst und Schönheit Zeit übrig hat, während der Mann die Dollars jagt für seine Königin und zu nichts sonst Zeit hat. Die Frauen sind es, unter deren Reich die New Yorker Oper blüht und Tenören Märchenhonorare bezahlt wie keine andere Oper der Welt. Die Frauen waren es aber auch, die entsetzt die Absetzung der "unsittlichen" Salome vom Spielplan forderten und durchsetzten – und die Frauen sind es, die das amerikanische Schauspiel zu der jämmerlichen Groteske von sentimentalem Melodrama machen, die es ist. Weil große Kunst, die das Leben wahr schildert, nicht hineinpaßt in das kleine Sittlichkeitshirn der Durchschnittsamerikanerin. Durch die Weiberherrschaft regiert der sentimentale Roman, in denen engelhafte Frauen dulden und leiden und endlich die weißgewaschene, frischgestärkte Tugend à la Amerika unwiderruflich siegen muß – die Weiberherrschaft hat den Künstler Gibson verhunzt, seine große Kunst auf die Knie gezwungen, ihn den weltbekannten amerikanischen Frauentyp schaffen lassen: Groß, schlankgliedrig, weiche, fallende Schultern, majestätisch nicht zum sagen, Gesichtszüge wie regierende Fürstinnen während ihrer Krönung …
In die Gesetze hinein ist sie gedrungen. Eine amerikanische Frau darf einen Mann niederschießen: in neun Fällen aus zehn werden die Geschworenen sie freisprechen. Sie darf stehlen: die Geschworenen werden nur entsetzt sein, daß in ihrem glorreichen Land es möglich ist, daß eine Frau, Ihre Majestät die Frau, zum Stehlen getrieben werden kann. Sie darf Männer betrügen um noch so hohe Summen: die Geschworenen geben dem Mann die Schuld.
So ergibt sich eines der wunderlichsten Zerrbilder der modernen Welt – ein kerngesundes Menschenkindlein von Mädchen, dessen Art und Erziehung man geruhig den Ländern der alten Welt zum Vorbild hinstellen kann und das als Weib in einer nationalen Epidemie von weiblichem Größenwahn unfehlbar verdorben wird. Ein Zerrbild …
Der Herr Professor verdiente viel Geld mit seinen lustigen Lehrerinnen und fand das Leben wunderschön, wenn er mit jener Schülerin heute in den Golden Gate Park ging und mit dieser morgen unter gefährlichem Flirten in einem französischen Restaurant dinierte. Bis einmal Frank sagte:
»Die Geschichte wird nicht lange dauern, amice!«
»Meinst du?«
»Aber das ist doch selbstverständlich. Eines schönen Tages werden sie des Spiels überdrüssig werden (ich kenne meine Leute) und dann – adieu, Professor. Armer Professor!«
Da wurde der Lausbub von Professor nachdenklich; hatte er ja selbst schon mehr als einmal empfunden, daß sein deutscher Unterricht schließlich nur eine Art lustiger Charlatanerie war und der Teufel los sein würde, wenn einmal die Grenze erreicht war, wo die Geschichte ohne grammatikalische Gründlichkeit versagen mußte!
Und eines Abends träumte ich von der Zeitung in St. Louis, und wie unbeschreibliche Sehnsucht kam es über mich; jene Sehnsucht, die den Menschen packt und schüttelt und sich hineinfrißt in sein innerstes Denken wie eine fixe Idee. Ich träumte und träumte.
Endlich kam, in dem prachtvollen Optimismus der Jugend, dem kein Ding unmöglich scheint, ein vermessener Entschluß. Der Lausbub setzte sich hin und schrieb tagelang, eilend, ändernd …
»Famos ist's, Professor. Du kannst mehr Englisch als ich!« sagte Frank.
So gingen die beiden Manuskripte, über die Fischerinsel das eine, ein Hafenbild das andere, an den San Francisko Examiner ab. Gleichzeitig ein langer Brief an den lieben alten sächsischen Doktor mit der Bitte, ob nicht er oder einer der Herren der Redaktion mich an den San Francisko Examiner empfehlen könne. Der Professor fing an, lebensklug zu werden …
Von neuem Stolz. – Der Lausbub will amerikanischer Journalist werden. – Auf der Redaktion. – Jüngster Reporter. – Hallelujah! Das erste Interview. – Die Lebenslinie.
Über Nacht fast wurde der törichte Junge zum Mann. Vor allem: Er verdiente viel Geld! Zum erstenmal in diesen kindlich einfältigen Wanderjahren verfügte er über mehr Geld, als der Tag erforderte. Das gab Rückgrat und Selbstbewußtsein. Dann waren da die jungen Amerikanerinnen, in deren Gesellschaft er sich frei bewegen lernte (das Linkischsein Frauen gegenüber verflog merkwürdig rasch!) – da war Frank Reddington, dessen frischer froher Lebensoptimismus der Art des deutschen Jungen so verwandt war und doch wieder auf ganz neue Wege hinwies. Dieser amerikanische Bruder Leichtfuß ließ sich nicht blind, gedankenlos, ohnmächtig vorwärtstreiben, sondern dachte klar und scharf. Er hatte nicht nur eine ausgezeichnete Meinung von sich selbst, sondern wußte auch in seiner flotten, knappen amerikanischen Manier so aufzutreten, daß sein Selbstrespekt sichtbar war und auf andere Menschen wirkte. Rückgrat! Männerstolz!
So lernte der Lausbub. Zog mit den eleganten amerikanischen Anzügen, die ihm ein guter Schneider nach Franks Garderobe kopierte, auch ein wenig von Franks Wesen an. Machte nicht mehr die tiefen Verbeugungen vor allen Menschen! Plapperte nicht mehr jungenhaft alles heraus, was ihm gerade im Kopfe steckte …
Als die Schülerinnen nach und nach wegblieben, weil der Reiz der Neuheit verblaßt war, da setzte ich es mir in den Kopf, um jeden Preis Journalist zu werden. Kurz entschlossen ging ich auf die Redaktion des San Franzisko Examiners. Melden ließ ich mich bei dem managing editor, dem stellvertretenden Chefredakteur, der an amerikanischen Zeitungen der eigentliche Chef des Redaktionsstabs ist. (Das wußte ich von St. Louis her.)
»Und was kann ich für Sie tun?«
»Ich will Journalist werden.«
»Halloh! Langsam – immer langsam …«
»Ich nehme Ihre Zeit nur drei Minuten in Anspruch –«
»Go ahead!«
»Ich will Journalist werden. Vor allem will ich wissen, ob meine Kenntnisse für die Arbeit einer amerikanischen Zeitung genügen. Ich bin Deutscher. An der Westlichen Post war ich zwei Monate lang aushilfsweise angestellt –«
»Aha! An der Westlichen Post – weiß schon. Go ahead!«
»Ich bitte Sie, einen Versuch mit mir zu machen und schlage vor, zwei Monate lang umsonst für die Zeitung zu arbeiten.«
»Halloh – haben Sie denn Geld zum Leben?«
»Jawohl.«
»Woher?«
»Mit deutschem Sprachunterricht verdient.«
»So? Ich erinnere mich, einen Brief von der Redaktion der Westlichen Post erhalten zu haben, in dem Sie empfohlen wurden. Sie könnten arbeiten, sagt Doktor Pretorius. Können Sie mir etwas zeigen, das Sie geschrieben haben? In Englisch natürlich.«
Als ich von den eingesandten Manuskripten sprach, bat er telephonisch den city editor, den Stadtredakteur, sich zu ihm zu bemühen und die Manuskripte mitzubringen.
»Mr. Mc.Grady – Mr. Carlé. Mc.Grady, haben Sie die Sachen gelesen?«
»Können wir nicht gebrauchen,« brummte der Stadtredakteur.
»Lassen Sie einmal sehen, bitte.«
Der große Mann las meine Arbeiten sorgfältig durch, und ich zitterte innerlich – trotz meines nagelneuen Selbstbewußtseins.
»Nun,« sagte er endlich, »für uns ist das allerdings nichts. Zu sehr skizzenhaft. Wir knüpfen Beschreibungen nur an interessante Ereignisse an. Aber der Stil ist nicht übel, und das bißchen Fremdartige macht sich sogar ganz gut. Hier ist übrigens ein grober grammatikalischer Fehler. Mc.Grady, dieser junge Mann ist Deutscher und will amerikanischer Journalist werden. Er hat mir gesagt, er wolle wissen, ob er fürs Metier taugt und zwei Monate umsonst arbeiten. Was meinen Sie? Ist von der Westlichen Post, deutsche Zeitung in St. Louis, empfohlen.«
»Kann ich schwer etwas sagen,« meinte Mister Mc.Grady. »Die Fischerinselsache ist ganz nett. Zum Journalisten muß man geboren sein. Können's ja mal probieren. Im übrigen bin ich kurz an Reportern, seit Jameson entlassen werden mußte.«
»Allright. Mr. Carlé, ich stelle Sie beim Examiner mit einem festen Wochengehalt von fünf Dollars an. Für Ihre Arbeiten erhalten Sie Zeilengeld.«
»Gratuliere,« sagte Mc.Grady und lachte. »Ich werde Sie zwiebeln. Wir haben hier keine Zeit zum reden. Ich will Ihnen also nur kurz sagen, daß bei mir die Arbeit alles und der Mann gar nichts gilt. Arbeiten Sie.«
Der Chef des Redaktionsstabs nickte. »Bei uns gilt nur die Arbeit. Sie sind also jüngster Reporter. Mr. Mc.Grady wird Ihnen Ihre Aufgaben zuweisen. Noch einen Wink: Ich habe Sie deshalb engagiert, weil in Ihrem Zeugs da die Kleinigkeiten gut beobachtet sind. Sie haben zu beobachten. In Ausführung Ihrer jeweiligen Reporteraufgabe werden Sie alles tun, um alle nur erdenklichen Tatsachen zu erforschen und alles, Großes und Kleines, zu beobachten. Tatsachen brauche ich. Elegante Bemerkungen können wir uns selbst aus den Fingern saugen. Tatsachen! Beten Sie um Tatsachen! Wie Sie das machen, wird uns zeigen, ob es der Mühe wert ist, sich mit Ihnen zu plagen. Good morning!«
»Prompt um 5 Uhr nachmittags im Reporterzimmer!« befahl Mc.Grady. »Lassen Sie Ihren Frackanzug und Wäsche herschicken, damit Sie sich im Bedarfsfalle hier umkleiden können. Good morning! Geben Sie mir gute Arbeit, und ich bin Ihr guter Freund – good morning!«
So wurde ich jüngster Reporter der San Franziskoer Zeitung des Zeitungskönigs Hearst.
Wie besessen stürmte ich nach Hause und rannte – hopla, immer drei Stufen auf einmal – zu Franks Zimmer empor.
»Frank – Franky – –« schrie ich, noch halb in der Türe, »ich bin als Reporter beim Examiner angestellt! Glory hallelujah – Frank – wir müssen schnell ein Glas Bier trinken, sonst geh' ich aus dem Leim vor Vergnügen und –«
Da sah ich erst, daß auf dem einzigen wackeligen Stuhl des Zimmers ein beleibter älterer Herr saß, der mich lächelnd musterte. Frank saß auf dem Bett und grinste. Frank sah dem älteren Herrn sehr ähnlich – –
»Well, ist das noch so einer, Frank?« sagte der Herr.
»Exactly, sir. Richtige Sorte. Alter Junge, ich gratulier' dir hunderttausendmal zum Examiner. Hoh, hau' dich dran an die alte Zeitung! Vater, darf ich dir Mr. Carlé vorstellen – vom Examiner. Exbearbeiter von verdammt salzigen cods und nebenbei Professor der deutschen Sprache!«
Mr. Reddington lachte schallend auf.
»Ihr Jungens seid mir fast ein wenig zu fix. Eine unverschämte Gesellschaft! Ist das bei Ihnen in Deutschland auch Sitte, daß der Vater zum Sohn kommt und nicht der Sohn zum Vater, heh? Na, ihr habt wenigstens Schneid. Nun kommt mit ins Hotel, ihr Taugenichtse, und laßt euch abfüttern!«
In einer Viertelstunde saßen wir drei im eleganten Lunchroom des Globe Hotel. Mich packte es wie unerträgliches Heimweh, als ich sah, wie stolz trotz aller oberflächlichen Kürze und anscheinender Gleichgültigkeit der alte Herr auf seinen Strick von Sohn war, und wie seine Augen blitzartig aufleuchteten, als Frank erklärte, im Dezember werde er sich bei seinem Vater in New York für Ordres melden. Bis zur Schlußprüfung aber wolle er selbst für seine Existenz sorgen. Der alte Herr murmelte zwar, das sei verdammter Blödsinn, aber man merkte ihm die Freude an, als Frank trocken erklärte, die Arbeit an der Universität von Kalifornien sei seine Privataffäre und er gedenke das durchzuhalten, was er begonnen.
»Aber ein gutes Werk könntest du tun, Gouverneur!«
»Heh? Schulden bezahlen?«
»Ach wo. Hab' keine. Nein – sieh' mal an, Carlé hier ist allright und heute nagelneuer Reporter geworden –«
»Ja! Wird solch' ein Junge, bumps, einfach Reporter! Welche Rätsel Ihr einem alten Mann zum Lösen aufgebt!«
»– und du könntest nett sein, sir, und ihm etwas erzählen, das er für die Zeitung gebrauchen kann. Du weißt ja immer etwas.«
»Na …«
»Bitte, pater!«
Und wieder lachte der alte Herr. Eigentlich sei es noch vierundzwanzig Stunden zu früh, die Katze aus dem Sack zu lassen, aber ausnahmsweise und weil es der Zufall so wolle – –
Er diktierte. Knapp, scharf, wie ein General, der seine Schlachtdispositionen diktiert. Selbst meine Unerfahrenheit begriff, daß es sich hier um ganz Großes handelte. Die Illinois Central Eisenbahn (deren Aktien der Vater Franks kontrollierte) hatte eine unrentable und zum Teil noch gar nicht völlig gebaute Eisenbahnlinie in Missouri und Arkansas aufgekauft. Die Verbindungslinie zwischen Chicago, dieser Bahn, und dem tiefen Süden sollte sofort in Bau genommen werden. Dann kamen finanzielle Details. Und eine meisterhafte Darstellung, kurz, aber von vollendeter Klarheit, der Städte, die die Bahn berühren sollte, der Wirtschaftsgebiete, durch die sie führte, der Erschließungsmöglichkeiten, mit denen das Konsortium rechnete.
»Als Personalnotiz können Sie bringen, Cyrus F. Reddington sei auf einige Tage in San Franzisko, um seinen Sohn zu besuchen, der auf der Universität von Kalifornien studiert!«
Und er lächelte Frank zu.
Ich aber rannte auf die Redaktion des Examiner.
»Um fünf Uhr sagte ich doch!« brummte Mc. Grady stirnrunzelnd.
»Ich habe ein Interview mit Cyrus F. Reddington aus New York.«
»Heh? Was?«
»Reddington. Präsident der Nationalbank –«
»Jedes Kind kennt ihn. Wie kommen Sie zu ihm? Wo ist er abgestiegen?«
»Im Globe. Ich bin mit seinem Sohn befreundet.«
»Kommen Sie mit.«
Er zerrte mich zum Chefredakteur, und eilte dann selbst nach dem Globe Hotel (wahrscheinlich, um meine Angaben zu verifizieren).
Mr. Lascelles aber, der Managing Editor, fuhr mit dem Rot- und Blaustift zwischen den Zeilen meines Manuskripts hin und her, unterstreichend, hervorhebend.
»Famos,« sagte er. »Ganz große Sache. Halten Sie sich diese Verbindung warm. Hat der alte Reddington die Nachricht auch anderen gegeben? Anderen Zeitungen? Der Börse?«
»Nein, nur mir.«
»Was?« schrie er. »Das ist großartig!«
Noch krassere Überschriften setzte er darüber und leitete die Sensation mit den Worten ein: »Spezialmeldung des Examiner.« Und unter die zwei Riesenspalten setzte er die Anfangsbuchstaben meines Namens: E. C.
»Sie haben sich die Sporen verdient,« lächelte er. »Wenn's auch ein Zufall war.«
Dann wurde ich auf einen Großfeueralarm geschickt. Ein großes Gebäude im Geschäftsviertel brannte nieder. Zufällig kam ich gerade dazu, als der Leiter der Feuerwehr den Heizer der Kesselanlage des Gebäudes verhörte, der umständlich schilderte, wie aus dem Keller mit einemmal Flammen geschlagen seien, und daß er schon vor einigen Tagen vor der Selbstentzündungsgefahr der neugekauften bituminösen Kohlensorte gewarnt habe. Das war wieder etwas sehr Hübsches, und wieder ein Glückszufall!
Mc.Grady aber nickte vergnügt …
»Wir werden noch einen guten Examinermann aus Ihnen machen!«
Das war eine schlaflose Nacht. Ich starrte aus dem Fenster meines Zimmerchens hinaus auf die glitzernden Lichter in der Bai, und Traum jagte sich auf Traum. So wie man selten träumt. Nur nach großem Erleben. Wenn man dasteht und das hämmernde Blut in den Schläfen fühlt, und ein ungeheures Glücksgefühl aufsteigt über das erreichte Ziel; wenn man seinen Jubel hinausschreien möchte in die Welt … Herrgott, so war ich nun Zeitungsmann! Schreien hätte ich mögen, jubelnd schreien. Zeitungsmann an einer der großen Zeitungen der Welt! Der Stolz regte sich: allein hast du den Weg zur Zeitung gefunden! Wie lächerlich kleine Dinge lagen die Erlebnisse dieser ersten drei Jahre in Amerika weit hinter mir – weit, unbeschreiblich weit. Und mit einemmal kam es über mich wie ruhige Klarheit, wie ein Gefühl felsenfester Sicherheit, durch nichts zu erschüttern:
Mein Leben – das Leben, das ich leben wollte – lag klar vor mir. Kein Suchen mehr. Kein Tasten. Kein Umherirren von Beruf zu Beruf. Die Zeitung und ich, ich und die Zeitung: das war die Lebenslinie. Wie es auch kommen mochte, festhalten an dem Einen: Du gehörst zur Feder, weil du zu ihr gehören willst, und mit der Arbeit, die jetzt beginnt, mußt du stehen oder fallen!
Der Lausbub hatte die Lebenslinie gefunden.
Ende des ersten Teils