Einige Fürsten haben ihre Unterthanen entwaffnet, um ihre Herrschaft sicher zu stellen, andre haben es darauf angelegt, daß die Parteien in den ihnen unterworfenen Städten fortdauern sollten, andre haben Feindschaften gegen sich selbst unterhalten, andre haben sich bemüht, diejenigen, welche ihnen zu Anfang verdächtig waren, zu gewinnen; einige haben Festungen erbaut, andre haben sie niedergerissen und zerstört. Obgleich über alle diese Dinge kein allgemeines Urtheil stattfindet, sondern es auf die besondern Umstände des Staates ankommt, in welchem eine Entschließung zu fassen ist, so will ich doch im Allgemeinen so viel davon reden, als die Natur der Sache verstattet. Es ist einem neuen Fürsten niemals zuträglich gewesen, seine Unterthanen zu entwaffnen. Vielmehr hat ein solcher sie allemal mit Nutzen bewaffnet, wenn er sie unbewaffnet fand: denn wenn er sie bewaffnet, so werden diese Waffen Sein, Verdächtige werden treu, die Getreuen können sich erhalten, und die Unterthanen werden Anhänger ihres Herrn. Da es aber unmöglich ist, alle Unterthanen zu bewaffnen, so sind diejenigen, welche dazu ausersehen werden, mit gewissen Vorzügen auszuzeichnen: mit den andern aber kann man ganz sicher nach Belieben verfahren. Diese Verschiedenheit in der Behandlung sichert die Ergebenheit derer, die hervorgezogen werden; die andern aber entschuldigen das Verfahren, weil sie die Nothwendigkeit einsehen, diejenigen, welche mehr Verpflichtung und Gefahr übernehmen, zu belohnen. Wer hingegen damit anfängt, das Volk zu entwaffnen, beleidigt es, und zeigt Mißtrauen in ihren Muth oder ihre Treue: solche Gesinnungen erregen beide Haß. Weil der Fürst nicht ganz ohne Kriegsmannschaft sein kann, so muß er zu Miethstruppen greifen, von deren Beschaffenheit oben gehandelt worden. Wären diese aber [pg 105]auch tadellos, so kann man doch ihrer nicht genug unterhalten, um sich gegen mächtige Feinde und verdächtige Unterthanen zugleich zu vertheidigen. Neue Fürsten haben daher allemal, wie ich bereits gesagt habe, in ihren neuerworbenen Ländern Kriegsmannschaft eingeführt. Die Geschichte ist voll solcher Beispiele. Wenn aber ein Fürst ein Land erwirbt, welches als ein neues Glied mit seinen Besitzungen im alten Staatskörper vereinigt wird, so ist es nothwendig, diese Provinz zu entwaffnen, mit alleiniger Ausnahme derjenigen, die sich bei der Eroberung für ihn erklärt haben. Und auch diese ist es rathsam, mit der Zeit und bei guter Gelegenheit schlaff und weichlich zu machen, und die Sachen so einzurichten, daß alle Soldaten aus dem alten Lande seien. Unter unsern Vorfahren pflegten die Weisesten zu sagen, die Herrschaft müsse über Pistoja durch innere Uneinigkeit, über Pisa durch Festungswerke behauptet werden. Sie unterhielten daher in jener untergebenen Stadt die innern Zwistigkeiten, um sie sichrer zu beherrschen. Dieses mochte zu der Zeit gut sein, als ein gewisses Gleichgewicht in Italien vorhanden war: gegenwärtig aber scheint mir der Rathschlag nicht mehr tauglich. Ich glaube vielmehr, daß aus angestifteten Uneinigkeiten niemals Gutes kommt: vielmehr müssen Städte, die innerlich entzweit sind, bei Annäherung eines Feindes bald fallen; denn der schwächste Theil wird sich immer an den auswärtigen Feind hängen, der andre aber nicht im Stande sein, sich zu behaupten. Diese Ursachen haben, wie es mir scheint, die Venezianer bewogen, die Parteien der Guelfen und Ghibellinen in den ihnen unterworfenen Städten zu unterhalten. Wenn sie es gleich nicht bis zum Blutvergießen kommen ließen, so unterhielten sie doch diese Zwistigkeiten, damit die Bürger beschäftigt und abgehalten würden, sich gegen sie aufzulehnen. Dieses schlug aber nicht so aus, als beabsichtigt war; denn sie waren nicht sobald bei Vaila geschlagen, so faßte eine der Parteien Muth und stürzte die venezianische Herr[pg 106]schaft. Aehnliches Verfahren deutet allemal die Schwäche des Fürsten an. Unter einer kräftigen Herrschaft werden solche Uneinigkeiten nicht gestattet, weil sie nur im Frieden zu etwas nützen können, indem sie dienen, die Unterthanen nach Gefallen zu behandeln; entsteht aber Krieg, so tritt doch zu Tage, wie trüglich eine solche Art zu regieren ist. Ohne Zweifel dient es zur Größe eines Fürsten, Schwierigkeiten und Widerstand zu überwinden. Wenn das Schicksal einen neuen Fürsten, der unstreitig eines guten Rufes mehr bedarf, als ein Erbfürst, groß machen will, so erweckt es ihm Feinde und reizt dieselben zu Unternehmungen gegen ihn, damit er sie zu Schanden mache, und auf der Leiter, die ihm seine Feinde solchergestalt zutragen, noch höher steige. Es haben daher Einige geurtheilt, daß ein weiser Fürst, wofern die Gelegenheit sich darbietet, einige Feinde schlauer Weise anfeuern müsse, um durch ihre Besiegung größer zu werden. Die Fürsten, und insbesondere neue, haben mehr Treue bei denen gefunden, und mehr Nutzen von denen gezogen, die ihnen im Anfang verdächtig waren, als bei denen, die sich gleich anfangs zu ihnen schlugen. Pandolfo Petrucci, Fürst von Siena, regierte seinen Staat mehr durch Jene, als durch die Andern. Aber es ist nicht viel davon zu sagen, weil es allein auf die Umstände ankommt. Ich will nur noch dieses Einzige anführen, daß diejenigen, welche einer Herrschaft anfangs feind waren, wofern sie so beschaffen sind, daß sie sich nicht ohne Unterstützung halten können, vom Fürsten leicht gewonnen werden, und genöthigt sind, ihm treuere Dienste zu leisten; da sie einsehen, daß sie etwas thun müssen, um die nachtheiligen ersten Eindrücke auszulöschen. Der Fürst zieht also von ihnen größern Nutzen, als von denen, welche sich in seinem Dienste ganz sicher halten und daher seine Sache vernachlässigen. Da der Gegenstand es erfordert, darf ich nicht verabsäumen, die Fürsten, die ein Land durch Hilfe ihrer Anhänger unter den Einwohnern erobern, zu erinnern, [pg 107]daß sie wohl erwägen, welche Ursachen jene bewogen haben, es mit ihnen zu halten. Ist dies nicht aus einer natürlichen Zuneigung, sondern blos aus Mißvergnügen mit dem vorigen Zustande der Dinge geschehen, so wird man sie mit aller Mühe schwerlich zu Freunden behalten, weil es beinahe unmöglich ist, sie zufrieden zu stellen. Wenn man alte und neue Geschichten erwägt, so wird man finden, daß es leichter ist, diejenigen zu gewinnen, welche bei dem vorigen Zustande der Dinge zufrieden, und deswegen dem neuen Herrn feind waren, als diejenigen, welche unzufrieden waren und diesen deswegen begünstigten.
Die Fürsten pflegen wol zu ihrer Sicherheit Festungen anzulegen, welche ihnen als Zaum und Gebiß ihrer Gegner dienen, und bei einem Ueberfalle eine Zuflucht für den ersten Anlauf anbieten. Ich kann diese Weise nicht mißbilligen, da es von Alters her so geschehen. Doch hat Herr Nicolo Vitelli zu unsrer Zeit zu Città di Castello zwei Burgen niedergerissen, um diesen Ort zu behaupten. Guid’Ubaldo, Herzog von Urbino, zerstörte nach seiner Rückkunft in sein Land, aus welchem ihn Cäsar Borgia vertrieben hatte, alle festen Plätze in demselben, weil er es auf diese Art leichter zu behaupten dachte. Eben so machten es die Bentivogli nach ihrer Rückkehr in Bologna. Festungen sind daher nach Umständen nützlich oder schädlich, und wenn sie auf einer Seite helfen, so schaden sie auf der andern. Dies beruht auf Folgendem: der Fürst, der mehr sein eignes Volk als Fremde zu fürchten hat, muß Festungen anlegen; wer sich aber mehr vor fremden, als vor seinen eignen Leuten fürchtet, unterlasse es. Dem Hause Sforza hat das Castell von Mailand, welches Francesco Sforza erbaut hat, mehr Schaden gethan, als irgend ein andrer Umstand. Die beste Festung ist, seinem Volke nicht verhaßt zu sein; denn wen das Volk haßt, dem helfen Festungen nicht, weil es nie an Fremden fehlt, die dem Volke zu Hilfe kommen, sobald es die Waffen ergriffen hat. Zu [pg 108]unsern Zeiten hat man kein Beispiel gesehen, wo sie einem Fürsten Nutzen gebracht hätten, außer der Gräfin von Forli;21 welche sich bei einem Volksaufstande nach dem Tode ihres Gemahls, des Grafen Girolamo, dahinein rettete, bis Hilfe von Mailand kommen konnte und sie wieder einsetzte: dabei verstatteten die damaligen Umstände den Fremden nicht, dem aufrührerischen Volke zu Hilfe zu kommen. Nächstdem aber, da Cäsar Borgia sie angriff, und das Volk sich mit Fremden gegen sie verband, diente die Festung zu nichts. Allemal wäre es ihr mehr werth gewesen, von ihrem Volke nicht gehaßt zu werden, als Festungen zu haben. In Erwägung alles dessen will ich gern denjenigen loben, der Festungen anlegt, und den, der keine anlegt; tadle aber denjenigen, der sich darauf verläßt, und deswegen den Haß des Volkes nicht achtet.22
Nichts erwirbt einem Fürsten so viel Achtung, als große Unternehmungen und glänzende Handlungen. Zu unsrer Zeit haben wir den Fernando, König von Arragonien, gegenwärtigen König von Spanien. Derselbe kann gewissermaßen für einen neuen Souverain gelten, weil er aus einem schwachen Fürsten, durch den Ruhm seiner Thaten, zu dem ersten Monarchen der Christenheit geworden. Wenn man seine Handlungen betrachtet, so findet man in allen Größe: einige sind aber ganz außerordentlich. Zu Anfang seiner Regierung griff er Granada an; diese Unternehmung ward der Grund seiner Größe. Anfangs vollführte er sie [pg 109]ganz gemächlich und brauchte nicht zu besorgen, darin gehindert zu werden; beschäftigte damit die castilischen Barone, welche dadurch abgehalten wurden, auf Neuerungen zu Hause zu denken, und erwarb selbst dadurch unvermerkt großes Ansehn über sie und Ruf. Er war vermögend, seine Armee mit dem Gelde der Kirche und seines Volks zu unterhalten, und legte durch diese langen Feldzüge einen guten Grund zu der Kriegsmacht, welche ihm in der Folge zu so großer Ehre verhalf. Außerdem aber übte er, um zu größeren Unternehmungen schreiten zu können, unter beständigem Vorwande der Religion eine fromme Härte aus, durch Vertreibung der Mauren. Ein schrecklicheres und seltneres Ereigniß gibt es nicht. Unter gleichem Vorwande fiel er in Afrika ein, versuchte einen Feldzug in Italien, griff endlich Frankreich an. So beschäftigte er sich beständig mit großen Entwürfen, welche unaufhörlich seine Unterthanen in der Erwartung ihres Ausganges und in Bewunderung erhielten. Diese seine Handlungen entsprangen eine aus der andern, also, daß gar nicht dazwischen zu kommen, und keine Zeit war, dagegen zu wirken. Ferner ist es einem Fürsten sehr ersprießlich, in der innern Verwaltung auffallende Dinge zu thun, so wie vom Herrn Bernhard von Mailand erzählt wird, als wenn Gelegenheit entsteht, irgend Jemanden wegen außerordentlicher Dinge im Guten oder im Bösen auf solche Art zu belohnen oder zu bestrafen, daß davon viel geredet werde. Vor allen Dingen muß ein Fürst in jeder seiner Handlungen den Ruf des Großen und Hervorstechenden suchen. Noch erweckt es große Hochachtung gegen einen Fürsten, wenn er sich als einen ernstlichen Freund oder Feind beweist: das ist, wenn er ohne alle Bedenklichkeit entschiedene Partei nimmt; dies bringt stets mehr Ruhm, als neutral zu bleiben. Denn wenn zwei mächtige Nachbarn in Streit gerathen, so hast du von dem Sieger etwas zu befürchten, oder nicht. In beiden Fällen ist es besser, hervorzutreten [pg 110]und ernstlich Theil zu nehmen: denn im ersten Falle wird derjenige, der sich nicht bloßgeben wollte, allemal eine Beute des Siegers, zur größten Zufriedenheit des Ueberwundenen, und es bleibt keine andre Zuflucht mehr offen. Denn der Ueberwinder verlangt keine verdächtigen Freunde, die in der Gefahr nicht beistehen. Der Besiegte bietet demjenigen keine Zuflucht an, der in den Zeiten des Kampfes sich geweigert hat, Theil zu nehmen. Antiochus hatte sich von den Aetoliern bewegen lassen, nach Griechenland zu kommen, um die Römer zu bekämpfen. Er schickte Gesandte an die Achäer, welche Freunde der Römer waren, um sie zu bewegen, Zuschauer zu bleiben. Auf der andern Seite redeten ihnen die Römer zu, die Waffen für sie zu ergreifen. Als dies in der Versammlung der Achäer zur Berathung kam, so antwortete der römische Gesandte dem Botschafter des Antiochus, der zur Neutralität mahnte, Folgendes: „Wenn es Euch als der beste und nützlichste Ausweg empfohlen wird, neutral zu bleiben, so bedenket, daß Euch nichts Nachtheiligeres angegeben werden könnte; denn wenn Ihr am Kriege keinen Theil nehmet, so werdet Ihr ohne Dank und ohne Ehre eine Beute des Siegers werden.“ Es wird immer so kommen, daß derjenige, der mit dir nicht gut steht, dich ersuchen wird, neutral zu bleiben; der Andre aber wird dich bitten, ihn zu schützen. Unentschlossene Fürsten schlagen meistentheils diesen Weg der Neutralität ein und gehen auch meistentheils darüber zu Grunde. Macht aber ein Fürst ernstlich gemeine Sache mit einem Theile, und dieser trägt den Sieg davon, so bleibt er freilich abhängig von demselben, jedoch sind die Fäden der Dankbarkeit angeknüpft, und die Menschen sind nicht so verrätherisch, daß sie die Undankbarkeit bis dahin treiben sollten, ihren Anhänger sogleich zu unterdrücken. Auch ist der Sieg selten so vollständig, daß der Sieger nicht allerlei Rücksichten nehmen müßte und vorzüglich auf die Gerechtigkeit. Wenn aber der Theil, zu dem du dich [pg 111]geschlagen hast, unterliegt, so steht er dir doch bei, und du hast einen Freund, mit dessen Beihilfe du vielleicht wieder emporkommen kannst. Im zweiten Falle, da die streitenden Parteien einander so gleich sind, daß vom Sieger nichts zu fürchten ist, so ist es so viel klüger, Partei zu nehmen, weil sonst Einer zu Grunde gerichtet wird, dem ein kluger Zuschauer vielmehr beistehen würde; siegt er, so behältst du ihn in Händen, und es ist fast unmöglich, daß derjenige, dem du beistehst, nicht den Sieg davontrage. Hier ist noch bemerkenswerth, daß ein Fürst sich niemals mit einem Mächtigern verbinden muß, um über einen Dritten herzufallen, außer im Falle der Noth. Denn wenn er siegt, so bist du in seiner Gewalt: dies ist aber vor allen Dingen zu vermeiden. Die Venezianer verbanden sich mit Frankreich gegen den Herzog von Mailand; dies geschah unnöthiger Weise, und sie gingen darüber zu Grunde. Wenn es aber unvermeidlich ist, so wie mit den Florentinern der Fall war, als der Papst und die Spanier die Lombardei überzogen, alsdann muß man freilich wol diesen Entschluß nehmen. Kein Staat glaube jemals mit Sicherheit auf etwas zählen zu können, sondern rechne beständig auf die Ungewißheit aller Dinge: denn die Welt ist so beschaffen, daß man allemal einer Unbequemlichkeit entgeht, in eine andre aber hineingeräth. Die Klugheit besteht darin, unter ihnen auszuwählen, und die geringste auszusuchen. Ferner noch muß ein Fürst Liebe zu ausgezeichneten Eigenschaften beweisen und vorzügliche Männer in jedem Fache ehren. Er muß seine Bürger anfeuern, daß sie sich ernstlich in ihrem Gewerbe anstrengen, sei es im Handel oder dem Ackerbau, oder anderm Gewerbe; daß sie nicht fürchten, das, was sie erworben, zu genießen; ihre Besitzungen, aus Furcht sie zu verlieren, vernachlässigen; aus Furcht vor neuen Steuern den Handel liegen lassen. Vielmehr muß er Jeden dazu aufmuntern, und denjenigen, der der Stadt oder dem Staate auf irgend eine Art förderlich ist, belohnen. Sein [pg 112]Volk muß er zu den gehörigen Zeiten im Jahre mit Festlichkeiten und Schauspielen beschäftigen, und da jede Stadt aus Zünften besteht, diese ehren, ihren Zusammenkünften zu schicklichen Zeiten beiwohnen, sich menschenfreundlich und freigebig beweisen, dabei aber seine Würde in allen Dingen behaupten, welche niemals vernachlässigt werden darf.
Die Wahl der Räthe ist keine der geringsten Angelegenheiten eines Fürsten und fällt gut oder schlecht aus, nachdem er wohl überlegt oder nicht. Man urtheilt zunächst über ihn und über seinen Verstand, nachdem die Personen beschaffen sind, die ihn umgeben. Sind sie der Sache gewachsen und getreu, so wird er immer für einen weisen Mann gelten, weil er sie für das erkannte, was sie waren, und sie treu zu erhalten wußte. Ist das nicht, so kann man über ihn kein günstiges Urtheil fällen, wenn er in dieser ersten Angelegenheit Fehler begeht. Wer nur den Antonio von Venafro, den Minister des Pandolfo Petrucci, Fürsten von Siena kannte, mußte diesen für einen Mann von Verstand halten, weil er jenen zu seinem Minister erwählte. Es gibt drei Arten von Köpfen. Die erste sieht Alles von selbst ein; die zweite begreift es, wenn Andre die Sache darlegen; die dritte sieht nichts ein, weder von selbst, noch durch die Bemühungen Andrer. Die ersten sind die vorzüglichsten, die zweiten sind noch immer vortrefflich, die letzte Art ist aber zu nichts nütze. Pandolfo gehörte nicht zu der ersten, wol aber zu der zweiten Classe; denn wer nur den Verstand hat, Gutes und Schlechtes, was Andre sagen und thun, zu unterscheiden, kann, wenn er schon selbst keinen erfinderischen Geist besitzt, die Handlungsweise seiner Minister beurtheilen, tüchtige erheben und andre züchtigen; kein Minister kann ihn hintergehen, und er erhält sich. Minister zu beurtheilen, dazu ist Folgendes ein untrügliches Mittel. Sieht man, daß einer mehr an sich als an seinen [pg 113]Herrn denkt, und in allen seinen Handlungen seinen persönlichen Vortheil vor Augen hat, der wird nie ein guter Rathgeber sein, noch kann man ihm trauen. Denn wer einmal die Angelegenheiten einer Regierung in Händen hat, muß nicht mehr an sich denken, sondern an seinen Fürsten, und Alles in Beziehung auf diesen betrachten. Auf der andern Seite muß der Fürst wieder an ihn denken, ihm Ehre und Reichthum zuwenden, ihn sich verbinden, an der Ehre und der Führung der Geschäfte Theil nehmen lassen, so daß er sehe, er könne ohne den Fürsten nicht bestehen, und so viel Auszeichnung habe, daß er nicht nach höherer strebe; des Reichthums so viel, daß er nicht noch mehr begehre; und in so hohen Aemtern stehe, daß er jede Staatsveränderung fürchten muß. Wenn Minister so beschaffen sind und von den Fürsten so behandelt werden, dann können beide einander trauen; sonst aber wird es sicher mit dem Einen oder Andern ein schlechtes Ende nehmen.
Ein Kapitel von größter Wichtigkeit kann ich nicht übergehen, da es einen Fehler betrifft, den die Fürsten selten vermeiden, wenn sie nicht sehr viel Verstand haben und nicht gut zu wählen wissen. Dies behandelt nämlich die Schmeichler. Es gibt gar kein anderes Mittel, um sich gegen die Schmeichelei zu sichern, als wenn man zeigt, daß man die Wahrheit hören kann, ohne dadurch beleidigt zu werden: darf aber Jeder dir die Wahrheit sagen, so verletzt er die Ehrfurcht. Ein kluger Fürst muß daher einen dritten Weg einschlagen, gescheidte Leute auswählen, diesen allein erlauben, ihm die Wahrheit zu sagen, aber doch nur über die Gegenstände, darüber er sie befragt; er muß sie aber über Alles befragen, ihre Meinung hören und dann selbst seine Entschließung fassen. Mit diesen Rathgebern muß er sich so benehmen, daß Jeder sieht, er werde desto mehr Gehör finden, je freimüthiger er spricht. Außer diesen aber [pg 114]muß er Niemand hören, beschlossene Sachen nicht wieder besprechen und von gefaßten Beschlüssen nicht zurückgehen. Wer es anders macht, wird entweder durch die Schmeichler ins Verderben gestürzt, oder wird über der Mannichfaltigkeit der Ansichten, über das öftere Wanken in seinen Entschlüssen verächtlich. Ich will hiervon ein Beispiel aus der neuesten Geschichte anführen. Pater Luca, ein Vertrauter Kaiser Maximilians, sagte von diesem, er ziehe Niemanden zu Rathe und handle doch niemals nach seinem eignen Sinne: welches daher rühre, daß er das Gegentheil von dem zu thun pflege, was hier oben angegeben ist; der Kaiser sei nämlich ein verschlossener Mann, eröffne Niemandem seine Gedanken und frage Niemanden um seine Meinung. Aber wenn er anfängt, seine Entwürfe ins Werk zu richten, und sie sich entwickeln, so finden sie auch Widerspruch bei seinen Umgebungen; und da er selbst von nachgibigem Charakter sei, lasse er sich leicht davon abbringen. Was er an einem Tage angefangen, vernichte er am folgenden wieder. Man könne daher nie daraus klug werden, was er vorhabe, und könne auf seine Beschlüsse nicht bauen. Ein Fürst muß sich also beständig berathen: aber das, wenn Er es will, nicht wenn Andre wollen; er muß Jedem den Muth nehmen, ihm ungefragt Rath zu ertheilen; er muß aber häufig fragen und alsdann den freimüthigen Vortrag der Wahrheit gern hören, und vielmehr noch zürnen, wenn Jemand sie ihm aus Nebenursachen vorenthält. Es glauben wol Einige, daß manche Fürsten, welche den Ruf großer Klugheit erworben haben, denselben nicht ihrem eignen Verstande, sondern den guten Rathschlägen Andrer verdanken; aber diese irren unstreitig: denn es ist eine ganz allgemeine Regel ohne Ausnahme, daß ein Fürst, der selbst keinen Verstand hat, auch nicht guten Rath annehmen kann, es sei denn, daß er zufälligerweise ganz und gar von einem einzigen, und zwar von einem sehr gescheidten Manne regiert würde. In diesem letzten Falle kann er wol gut geleitet [pg 115]werden; es dauert aber nicht lange: denn ein solcher Rathgeber wird ihn bald selbst stürzen. Ein Fürst, dem es an Weisheit fehlt und der Mehrere befragt, wird nie übereinstimmende Rathschläge erhalten, und sie eben so wenig selbst in Uebereinstimmung bringen. Jeder seiner Rathgeber wird immer auf seine eigne Sache denken, und der Fürst wird sie weder kennen, noch in Ordnung halten. Rathgeber, die es anders machen, sind nicht zu finden, denn die Menschen sind ihrer Natur nach schlecht, wenn sie nicht durch Noth gezwungen werden, gut zu handeln. Mit Einem Worte: Gute Rathschläge, sie mögen herrühren von wem sie wollen, müssen von der Klugheit des Fürsten veranlaßt werden. Durch gute Rathschläge wird kein Fürst klug gemacht.
Wenn alles bisher Ausgeführte gut beobachtet wird, so wird ein neuer Fürst einem alten gleich und wird geschwind so sicher und fest in seiner Herrschaft, als wenn er darin aufgewachsen wäre. Denn die Handlungen eines neuen Fürsten werden weit mehr beachtet, als eines Erbfürsten. Erkennt man darin große Vorzüge, so gewinnt dieses die Menschen, und er erwirbt sich eine größere Anhänglichkeit, als ein altes Geschlecht; denn die Menschen sind viel mehr mit dem Gegenwärtigen, als mit vergangenen Dingen beschäftigt; befinden sie sich wohl, so sind sie damit zufrieden und verlangen nichts Anderes, nehmen auch ernstlich die Partei des Fürsten, wenn er nur sich selbst nicht im Stiche läßt. Auf diese Art erwirbt er doppelten Ruhm, indem er eine neue Herrschaft gegründet, zu Ehren gebracht, mit guten Gesetzen, tüchtiger Kriegsmacht, Freunden und gutem Beispiel für Andre versehen hat. Dagegen trifft doppelte Schande den Fürsten, der eine alte Herrschaft durch Unverstand verliert. Wenn man aber die Geschichte derjeni[pg 116]gen italienischen Fürsten betrachtet, welche zu unsrer Zeit ihre Staaten verloren haben, wie den König von Neapel, den Herzog von Mailand und Andre; so wird man zuerst einen gemeinsamen Fehler finden, in den sie hinsichtlich der Kriegsmacht gefallen sind: aus den oben aus einander gesetzten Ursachen. Ferner wird man finden, daß einer oder der andere von ihnen das Volk zum Feinde gehabt, oder wenn er das Volk zum Freunde hatte, sich der Großen nicht versichern konnte. Ohne solche Fehler geht keine Herrschaft verloren, welche mächtig genug ist, ein Heer ins Feld stellen zu können. Philipp von Macedonien, nicht der Vater Alexanders des Großen, sondern derjenige, welchen Titus Quintius überwand, hatte keinen großen Staat im Vergleich mit den Römern und Griechen, die ihn angriffen; dennoch hielt er es manches Jahr mit ihnen aus, weil er kriegerischen Geist hatte, das Volk zu behandeln verstand und sich der Großen zu versichern wußte. Wenn er auch eine und die andre Stadt verlor, so behauptete er sich doch in seinem Königreiche. Unsre Fürsten, welche eine lange Jahre hindurch besessene Herrschaft verloren haben, mögen also nur nicht das Schicksal anklagen, sondern ihre eigne Feigheit; denn wenn sie in ruhigen Zeiten nie darauf gedacht haben, daß diese sich ändern können – der gewöhnliche Fehler der Menschen, bei gutem Wetter nicht an den Sturm zu denken – und alsdann, wenn schlimme Umstände eintreten, nicht darauf denken, sich zu vertheidigen, sondern entfliehen und hoffen, daß die Völker sie aus Ueberdruß der Sieger wieder zurückrufen sollen; so ist das ganz gut, wenn gar kein andrer Weg eingeschlagen werden kann: aber es ist sehr übel, andre Wege zu vernachlässigen und diesen vorzuziehen. Kein Mensch wird je muthwillig fallen, in Hoffnung, daß ein Andrer ihm wieder aufhelfen werde. Mag das nun wirklich geschehen oder nicht, so ist es immer höchst unsicher. Es hängt nicht von uns ab und ist ein niedriges Mittel. Nur diejenige Vertheidigung ist [pg 117]gut, sicher, dauerhaft, welche von uns selbst und unsrer eignen Tapferkeit abhängt.
Ich weiß wohl, daß Viele ehedem die Meinung gehegt haben und noch jetzt hegen, die Begebenheiten der Welt würden solchergestalt vom Glücke und von Gott regiert, daß die Menschen mit aller Klugheit sie nicht verbessern und nichts dagegen ausrichten könnten. Daraus könne man abnehmen, daß es nicht der Mühe werth sei, viel einzufädeln, sondern daß man sich nur dem Schicksale hingeben möge. Diese Meinung hat in unsern Tagen durch die großen Veränderungen, die Alles erlitten hat, die man noch täglich sieht, und welche alle menschlichen Vermuthungen zu Schanden machen, viel gewonnen. Indem ich hierüber nachgedacht, bin ich zu Zeiten geneigt gewesen, mich zu derselben Meinung zu bekennen. Weil aber doch der menschliche freie Wille damit in Widerspruch steht, so urtheile ich, daß das Glück wol die Hälfte aller menschlichen Angelegenheiten beherrschen mag; aber die andre Hälfte, oder doch beinahe so viel, uns selbst überlassen müsse. Ich vergleiche das Glück mit einem gefährlichen Flusse, der, wenn er anschwillt, die Ebene überschwemmt, Bäume und Gebäude umstürzt, Erdreich hier fortreißt, dort ansetzt. Jedermann flieht davor und gibt nach; Niemand kann widerstehen. Dennoch können die Menschen in ruhigen Zeiten Vorkehrungen treffen, mit Deichen und Wällen bewirken, daß der Fluß bei hohem Wasser in einem Canale abfließen muß, oder doch nicht so unbändig überströmt und nicht so viel Schaden thut. In gleicher Art geht es mit dem Glücke, welches seine Macht zeigt, wo keine ordentlichen Gegenanstalten gemacht sind, und sich mit Ungestüm dahin kehrt, wo keine Wälle und Dämme vorhanden sind, es im Zaume zu halten. Wenn man Italien betrachtet, welches [pg 118]der Sitz dieser großen Umwälzungen gewesen ist, so wird man ein ebenes Feld finden, ohne Wälle und Dämme. Wäre dieses Land durch hinlängliche Kriegstugend vertheidigt, so wie Deutschland, Frankreich und Spanien, so hätten jene Ueberschwemmungen keine solchen Umwälzungen hervorgebracht, oder wären gar nicht eingetreten. So viel im Allgemeinen vom Widerstande gegen das Schicksal. Nunmehr der Sache näher zu treten, sage ich, daß man einen Fürsten heute im Wohlstande, morgen zu Grunde gehen sieht, ohne daß er seine Natur im Geringsten verändert habe. Dies scheint mir zuerst von den Ursachen herzurühren, die ich oben ausführlich erörtert habe: nämlich, daß ein Fürst, der sich ganz auf das Glück verläßt, zu Grunde gehen muß, sobald dieses sich dreht. Ferner glaube ich, daß es dem gut gehe, der in seiner Handlungsweise mit dem Geiste der Zeit zusammentrifft, und daß derjenige verunglücken müsse, der mit den Zeiten in Widerspruch geräth. Denn man sieht die Menschen ihre Zwecke, die sich ein jeder vorgesetzt hat, es sei nun solches Ehre und Ruhm oder Reichthum, auf verschiedene Art verfolgen. Einer mit Vorsicht, der andre mit Ungestüm; einer mit Gewalt, der andre mit List; einer mit Geduld, der andre auf entgegengesetzte Art, und jeder kann auf seine Weise dazu gelangen. Man sieht zwei gleich vorsichtige: einem gelingt es, dem andern nicht. Ebenfalls gelingt es zwei verschiedenen gleich gut, von denen der eine vorsichtig, der andre ungestüm zu Werke geht. Dies rührt lediglich von der Verschiedenheit der Umstände her, welche mit der Art zu verfahren übereinstimmen oder nicht. Daher kommt, was ich gesagt habe, daß zwei entgegengesetzte Verfahrungsarten zu dem gleichen Zwecke führen; und daß von zweien, die auf gleiche Art verfahren, doch einer das Ziel erreicht, der andre es verfehlt. Eben daher kommen die Abwechselungen des Glücks; denn wenn Jemand sich mit Vorsicht und Besonnenheit und Geduld benimmt, dazu die Umstände [pg 119]wohl übereinstimmen, so geht Alles gut von Statten. Aendern sich Zeiten und Umstände, so geht er zu Grunde, wenn er sein Betragen nicht ebenfalls ändert. Es findet sich aber nicht leicht ein so verständiger Mann, nach dem er sich zu richten vermöchte; theils weil er nicht gegen seine natürliche Neigung handeln kann; theils weil derjenige, dem es auf einem gewissen Wege bis dahin gelungen ist, sich nicht überzeugen kann, daß es gut sei, denselben nunmehr zu verlassen. So geht es dem vorsichtigen Manne. Wenn es Zeit ist, dreist darauf los zu gehen, so vermag er dies nicht, und muß also zu Grunde gehen. Hätte er seine Gemüthsart mit den Zeiten und Umständen geändert, so hätte das Schicksal sich nicht geändert. Papst Julius der Zweite ging in allen Dingen mit Ungestüm zu Werke, und die Zeitumstände stimmten dazu so gut, daß er immerfort glücklich war. Man erwäge nur seine erste Unternehmung gegen Bologna, als Giovanni Bentivoglio noch lebte. Die Venezianer waren damit nicht zufrieden: der König von Spanien sowol als der von Frankreich dachten selbst auf eine solche Unternehmung. Dennoch griff er mit seinem gewöhnlichen Ungestüme die Sache an, und zwar persönlich. Dieser kühne Schritt hielt Venedig und Spanien zurück; jenes aus Furcht, dieses durch die Begierde, das ganze Königreich Neapel zu erobern. Auf der andern Seite zog der Papst den König von Frankreich in sein Interesse, indem der König sah, daß der Papst einmal zugeschlagen hatte; und da er selbst die Venezianer zu demüthigen wünschte, so glaubte er jenen nicht durch Verweigerung der Hilfstruppen offenbar beleidigen zu dürfen. Julius brachte also durch seine ungestümen Bewegungen zu Stande, was niemals ein andrer Papst durch alle menschliche Klugheit ausgerichtet hätte. Hätte er gezaudert, von Rom aufzubrechen, bis Alles gehörig bestellt und alle Anstalten vorläufig getroffen wären, so wie andre Päpste es gemacht hatten, so wäre es ihm nicht gelungen. Denn der König [pg 120]von Frankreich hätte tausend Entschuldigungen gefunden, und die Andern hätten ihm tausend Besorgnisse erregt. Ich übergehe alle seine andern Handlungen, welche insgesammt dieser ähnlich sind und alle gelangen. Die Kürze seines Lebens hat nicht verstattet, daß er ein feindliches Schicksal erfuhr. Wären aber Umstände eingetreten, die ein vorsichtiges Betragen erheischten, so wäre auch Er zu Grunde gegangen, weil er seinen natürlichen Charakter in seiner Handlungsweise nicht würde haben verläugnen können. Ich schließe also, daß, da die Glücksumstände veränderlich sind, die Menschen aber bei ihrer Weise eigensinnig beharren, es diesen nur so lange gut geht, als Beides mit einander übereinstimmt; sobald aber Disharmonie darin eintritt, Alles mißglücken muß. So viel ist indessen wahr, daß allemal besser ist, muthig darauf los zu gehen, als bedächtig; denn das Glück ist ein Weib, und wer dasselbe unter sich bringen will, muß es schlagen und stoßen. Es läßt sich eher von dem, der es so behandelt, unterjochen, als von dem, der ruhig und kalt zu Werke geht. Deswegen ist es auch als ein ächtes Weib den jungen Leuten gewogen, weil sie weniger bedächtig sind, muthiger und dreister ihm befehlen.23
Erwägt man nun alles bisher Vorgetragene und überlegt mit mir, ob augenblicklich wol in Italien die Zeitverhältnisse so sind, daß man einen neuen Fürsten zu Ehren bringen und daß ein tapferer und besonnener Mann eine neue Verfassung schaffen könnte, die ihm selbst zum Ruhme gereichte und der Nation Vortheil brächte, so scheinen mir jetzt so viele Umstände zusammenzukommen, daß nie ein günstigerer Zeitpunkt dazu vorhanden war. Wie gesagt, [pg 121]die Künste des Moses konnten sich nicht entwickeln, wenn die Juden nicht in der Dienstbarkeit Egyptens gewesen wären; die Größe des Cyrus wäre nicht erkannt, wenn die Perser nicht von den Medern vorher unterdrückt wären; den Theseus berühmt zu machen, mußten die Athenienser zu seiner Zeit zerstreut leben; und so mußte auch, damit ein italienischer hoher Geist sich zeigen könne, Italien so tief sinken, sklavischer werden, als die Juden je gewesen sind, unterdrückter als die Perser, zerstreuter als die Athenienser, ohne Kopf, ohne Ordnung, geschlagen, ausgeplündert, zerrissen, überrannt, – das italienische Volk mußte auf alle Weise zu Grunde gerichtet sein. Und wenn sich gleich bis daher in Einem oder Anderm einiger Schein gezeigt hat, als ob er von Gott dazu berufen sei, Italien zu erlösen, so sind solche doch im Verfolge der Begebenheiten durch das Schicksal so zurückgeworfen, daß Italien noch immer wie todt daliegt und auf den harrt, der es von den erlittenen Schlägen herstellen, den Plünderungen und Verheerungen der Lombardei, dem Aussaugen und Erpressungen des römischen Gebietes und Königreichs Neapel ein Ende machen, und die durch die Länge der Zeit so tief hinein brandig gewordenen Wunden heilen wird. Seht, wie das Volk zu Gott ruft, er möge Jemand senden, der es von der Grausamkeit und dem Uebermuthe der Barbaren erlöse! Seht, wie geneigt es ist, der Fahne zu folgen, wenn nur Jemand da wäre, der sie aufpflanzte. Es ist aber jetzt Niemand zu finden, auf den man hoffen dürfte, außer in eurem erlauchten Hause, welches durch seine hohen Eigenschaften und durch seinen Glücksstern24 (unter Begünstigung Gottes und der Kirche, an deren Spitze euer Geschlecht [pg 122]gegenwärtig steht) Anführer der Befreiung werden könnte. Dies wird euch nicht schwer werden, wofern ihr nur die von mir vorgehaltenen Beispiele vor Augen behaltet. Und obwol diese von seltnen und bewunderungswürdigen Männern herrühren, so waren sie doch auch Menschen: die Gelegenheit aber nie so günstig als gegenwärtig; denn ihre Unternehmungen waren weder gerechter noch leichter, noch auch hat sich Gott ihnen günstiger bewiesen als euch. Hier ist gerechte Sache: denn dieser Krieg ist gerecht, nothwendig. Hier sind fromme Waffen: deswegen hoffet auf nichts Anderes, als auf sie. Alles ist dazu vorbereitet, und mithin kann es keine großen Schwierigkeiten haben, wenn man nur die von mir aufgestellten Beispiele zum Muster nimmt. Außerdem sind Zeichen und Wunder geschehen ohne Beispiel, und die von Gott kommen; das Meer hat sich aufgethan, eine Wolke hat euch den Weg gezeigt, ein Fels hat Wasser ergossen, Manna ist geregnet: Alles hat sich vereinigt zu eurer Größe; das Uebrige müßt ihr selbst thun. Gott thut nicht Alles, um der Freiheit des menschlichen Willens keinen Eintrag zu thun, und uns den Theil des Ruhmes zu lassen, der unsre Handlungen angeht. Auch ist es nicht zu verwundern, wenn keiner von oben gedachten Italienern das hat leisten können, was man von eurem erlauchten Hause hoffen darf, und wenn es in so vielen Umwälzungen von Italien und so vielen kriegerischen Unternehmungen den Anschein gehabt hat, als sei alle kriegerische Tugend erloschen. Dies beweist nur, daß die alten Anordnungen nichts taugten, und bisher Niemand neue zu erdenken gewußt hat. Nichts bringt einem neu aufsteigenden Helden mehr Ehre, als die Erfindung neuer Gesetze und neuer Anordnungen. Sind diese gut begründet und ist darin eine gewisse Größe, so erwerben sie ihm Verehrung und Bewunderung, und es fehlt in Italien nicht an Materie zu jeder neuen Gestalt. Kraft genug ist in den Gliedern, wenn sie nur nicht in den Köpfen gefehlt hätte. Die [pg 123]Zweikämpfe und einzelnen Gefechte unter wenigen Personen beweisen, wie viel Ueberlegenheit die Italiener in Kraft, Geschicklichkeit und Verstand besitzen. So wie sie aber in ganzen Heeren zusammen erscheinen, so sieht man nichts mehr davon; Alles liegt nur an der Schwäche der Häupter, denn die es besser wissen, gehorchen nicht; Jedermann aber will es so gut wissen als der Andre, da bis jetzt noch Niemand aufgestanden ist, der Ueberlegenheit genug in Tugend und Glück gezeigt hätte, daß die Andern ihm hätten weichen müssen. Daher kommt es denn, daß seit zwanzig Jahren kein einziges Heer etwas ausgerichtet hat, welches aus bloßen Italienern bestand. Das beweisen die Schlachten am Taro, Alexandrien, Capua, Genua, Vaila, Bologna, Mestri. Wenn also euer erlauchtes Haus das Beispiel derer nachahmen will, die ihr Vaterland befreit haben, so ist vor allen Dingen nöthig (worauf ja jede Unternehmung beruht), eigne Mannschaft anzuwerben, weil es keine treueren, ächteren und besseren Soldaten gibt. Wenn gleich jeder Einzelne für sich gut ist, so werden sie zusammengebracht noch besser, sobald sie von ihrem eigenen Fürsten angeführt sind und sich von demselben geehrt und gut behandelt sehen. Es ist also nöthig, sich auf diese Art zu rüsten, um sich mit italienischer Tapferkeit gegen die Fremden zu vertheidigen. Und obgleich die schweizerischen und spanischen Fußvölker für furchtbar gelten, so haben doch beide ihre Fehler, die einem Dritten Gelegenheit zum Widerstande und Hoffnung geben, sie zu besiegen. Denn die Spanier können den Angriff der Reiterei nicht aushalten, und die Schweizer geben dem Fußvolke nach, wenn sie auf solches stoßen, das eben so hartnäckig im Gefechte ist, als sie selbst. Die Erfahrung hat dieses bewiesen; die Spanier können eine französische Reiterei nicht abhalten; die Schweizer unterliegen spanischem Fußvolke. Von dem letzten haben wir noch keine vollständige Erfahrung: jedoch hat sich ein Probestückchen davon in der Schlacht bei Ravenna gezeigt, als die [pg 124]Spanier mit deutschen Truppen zusammentrafen, welche dieselbe Art zu fechten haben wie die Schweizer. Die Spanier drangen nämlich durch die Gewandtheit des Körpers und durch Hilfe ihrer kleinen Schilder tief auf sie ein, unter ihre Piken, und waren dabei im Angriffe gedeckt, ohne daß die Deutschen sich gegen sie wehren konnten. Wäre die Reiterei nicht dazu gekommen, so waren sie Alle verloren. Da man also die Mängel jener Mannschaft zu Fuß erkannt hat, so kann gegenwärtig eine neue Einrichtung derselben eingeführt werden, welche der Reiterei zu widerstehen vermag und andres Fußvolk nicht zu fürchten braucht. Dieses wird nicht durch die Beschaffenheit der Waffen, sondern durch Stellung und Anordnung der Mannschaft bewirkt werden. Dieses sind die Erfindungen, welche einen neuen Fürsten groß machen und seinen Ruhm gründen. Die gegenwärtige Gelegenheit möge also nicht vorübergehen, damit Italien endlich nach so langer Zeit seinen Erretter sehe. Ich vermag es nicht auszudrücken, mit welcher Begierde ihn alle Länder aufnehmen würden, die so viel von den fremden Ueberschwemmungen gelitten haben; mit welchem Durste nach Rache, welcher unüberwindlichen Treue, welcher frommen Liebe; wie viel Thränen für ihn fließen würden! Welche Thore würden wol ihm verschlossen werden? Welches Volk könnte es versagen, ihm zu gehorchen? Wie dürfte der Neid sich gegen ihn regen? Welcher Italiener könnte sich weigern, ihm zu folgen? Einen Jeden ekelt diese fremde Herrschaft an! So ergreife denn euer erlauchtes Haus den Entschluß, mit dem guten Muthe und der Hoffnung, womit gerechte Unternehmungen angefangen werden, damit das Vaterland unter seinen Fahnen wieder geadelt werde, und die Prophezeiung des Petrarca eintreffe:
„Die Tugend wird gegen die wilde Wuth in Waffen treten und das Gefecht bald entschieden sein; denn die alte Tapferkeit ist in der Brust der Italiener auch heute noch nicht erstorben!“