O du fröhliche, o du selige,
Gnadenbringende Weihnachtszeit.
Welt ging verloren,
Christ ist geboren,
Freue dich, o Christenheit!
In demselben Augenblicke trat aus den Bäumen ein wohlgekleideter, freundlich blickender Herr hervor, hüllte den armen Knaben liebevoll in seinen Pelz, nahm auch die Webe Leinwand auf und trug ihn eine kurze Wegstrecke zu seinem Schlitten.
In einem hellerleuchteten Schloß angelangt, rief er seine Diener. Diese nahmen ihm die Last ab, trugen den Knaben auf seinen Befehl in ein Bett und legten ihn auf weiche, behaglich erwärmte Kissen nieder.
Mittlerweile hatte der Herr die Webe Leinwand genommen und war damit auf die Straße zurückgeeilt. In diesem Augenblicke kam der vierspännige Reisewagen des hartherzigen Kaufmanns herangerollt.
Plötzlich scheuten die vier Rosse, ein Ballen Leinwand wurde von oben unter sie geworfen und ein markerschütterndes, entsetzliches Hohngelächter erschallte. Wohl versuchte der Kutscher, die erschreckten Tiere im Zaume zu halten, aber er selbst wurde mit einem Ruck von seinem Sitze in die Höhe gehoben. Er flog ein Stück durch die Luft und wurde dann sanft vor einem Gasthause niedergesetzt. Vor seinen Füßen aber lag ein Beutel mit Goldstücken, auf welchem geschrieben stand: „Für die Angst!“ Seine Pferde hatten mittlerweile den Leinwandballen auseinandergeworfen und um den ganzen Wagen gewickelt. Dadurch fielen sie zu Boden und der Wagen mit. Da rief aus aller Angst der Kaufmann um Hilfe, denn die Tür der Kutsche war so zugewickelt, daß ein Entweichen unmöglich war.
Sofort tauchte eine furchtbare, riesengroße Gestalt vor seinen Augen auf, welche ihm zornig mit der Faust drohte und schrie:
„Ha, verwünschter Geizhals, wenn du nicht sofort zu sühnen versprichst, was du mit deiner unmenschlichen Härte verschuldet hast, so mußt du sterben!“
Da schlotterten dem Kaufmann die Knie und zitternd rief er aus:
„Ich will alles geben und tun, wenn ich das Leben behalte.“
„Erbärmlicher Erdenwurm,“ entgegnete der Berggeist, „werde barmherzig und mild. Wenn jetzt der Tod in den armen Weberdörfern so viele Opfer grausam fordert und Wehklagen aus vielen Häusern erschallen, so sollten dir diese Jammertöne in deine hartherzige Seele dringen. Du trägst die Schuld auf deinem Gewissen, das sich kein Bedenken daraus macht, wenn jene armen, ehrlichen Menschen Hungers sterben.“ Da gelobte der Kaufmann in seiner fürchterlichen Angst Besserung und gab dem Berggeiste — denn dieser war es — alles Geld, das er bei sich hatte, zur Verteilung unter die Darbenden. Da nahm Rübezahl ihn beim Genick und setzte ihn unsanft vor seinem Hause nieder.
Verwundert öffnete Gottlieb die Augen und wußte nicht, wie er an diesen Ort gekommen war. Die Diener brachten ihm Speise und Trank, aber er rührte nichts an. Da trat ein freundlicher Herr ein und redete ihm zu, er solle nur essen; er wolle ihn dann mit dem Schlitten nach Hause fahren.
„Ich werde auch deinen Eltern und Geschwistern eine Labung bringen und — was dir sicherlich am meisten gefallen wird — der Kaufmann ist anderes Sinnes geworden, er hat dir und allen Webern in eurem Dorfe die Leinwand zu gutem Preise abgekauft. Das Geld habe ich bereits in meiner Tasche.“ Wer war da froher als unser Weberlieb! Vor Freude küßte er die Hände des guten Herrn.
Nun ging’s unter Peitschenknall und Schellengeläut zu Gottliebs Heimatsdorf zurück. Das war ein seliger Christabend im ärmlichen Weberhäuschen! Der Herr hatte Brot und Wein, Fleisch und Reis mitgebracht, außerdem Geld und für die Kranken des Dorfes eine Flasche voll Arznei, welche augenblicklich half. So war das Christfest in dem Weberdorfe zum Freudenfest geworden und alle Kümmernis hatte ein Ende. Da wurde es allen klar, daß hier kein anderer als Helfer in der Not erschienen war als Rübezahl, der mächtige Berggeist des Riesengebirges.
„Und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen.“ Damit schlug sie ihre Bibel zu, die vielgeplagte Mutter Bärbel und reichte sie ihrem Sohne Hans, der auf einer Fußbank zu ihren Füßen saß. Dürftig, aber sauber sah es in der Stube der kleinen Hütte aus. In einer Ecke stand eine Spindel, an welcher die Mutter zu spinnen pflegte; das ging aber nur langsam und mühsam vonstatten. Mutter Bärbel hatte viel zu leiden, weil sie in den Beinen von der Gicht heimgesucht wurde. Sie konnte nicht gehen und stehen und auch das surrende Spinnrad mußte zuletzt in die Ecke gestellt werden, so daß sie nur noch die veraltete Spindel drehen konnte und dementsprechend das Gepinst nur gering ausfiel. Als einziges Kind war ihr der Hans übrig geblieben, ein starker, kräftiger Bursche. Eben war er zu seiner Freude aus der Schule entlassen worden, denn dort hatte er nie sein Licht leuchten lassen können und das Lernen war ihm blutsauer geworden. Die Fibel mit dem großen Gockelhahn auf dem Titelblatte und die fünf Hauptstücke hatte er zur Not bewältigt, aber darüber hinaus reichten seine Kenntnisse nicht. Aber willig und brav war Hans und er machte sich darüber Gedanken, wie er wohl am besten für seine Mutter Geld verdienen könne.
Eines Sonntags stand sein Entschluß fest. Er nahm Abschied von seiner Mutter und machte sich zum nächsten Dorfe auf. Im eigenen Orte wollte er nicht Stellung nehmen, weil man ihm hier unfreundlich begegnet war. Bei seinen Anfragen hatte er bald Glück, denn ein Bauer, welcher am Wege pflügte, nahm ihn sofort als Hütejungen für sein Vieh an. Er war froh, einen Fremden zu finden, weil einheimische Leute, Knechte und Mägde, das Haus des Bauern, der als Geizhals verschrien war, mieden, über den Lohn wurden sie bald einig: Hans sollte wöchentlich zwei Brote und einen Käse bekommen und zu Weihnachten einen abgelegten Anzug des Bauern. Von Geld war keine Rede.
Als am nächsten Sonntag Hans vergnügt bei seiner Mutter einkehrte, meinte diese, es sei doch solch ein Lohn gar zu niedrig und stehe in keinem Verhältnis zu der Arbeit.
„Von dem Bauer,“ sprach sie, „bei welchem du in den Dienst gegangen bist, habe ich schon öfters gehört. Er ist als geiziger Filz verschrien und der abgelegte Anzug wird wohl kaum noch zu flicken sein.“
„Laß mich, Mutter,“ erwiderte der Knabe, „ich fange erst an zu verdienen; wenn ich meine Arbeit gut verrichte, dann wird mir mein Herr auch einiges Geld zulegen.“
Hans mußte täglich die Kühe auf die Weide treiben. Hier war er den ganzen Tag über mit dem Hunde für sich allein. Dann sang und jubelte er nach Herzenslust und kein Mensch störte ihn in seiner fröhlichen Stimmung. Mit den Bergen und Wiesen, Felsen und Bächen wurde er so vertraut, daß er große Freude an seinem Berufe empfand. Jeden Sonnabend bekam er seine Brote und den Käse und Sonntags brachte er seiner Mutter die Hälfte.
So vergingen einige Jahre; die Leute im Dorfe wunderten sich, daß der Hütejunge noch immer um solch kärglichen Lohn bei dem Bauer diene, da er als Knecht anderwärts um einen guten Geldlohn sein Fortkommen finden könne. Hans aber dachte in seiner Harmlosigkeit gar nicht an einen Wechsel; draußen in den Bergen bei den Vögeln, die ihm ihre Lieder sangen, war sein Herz, was kümmerte ihn da Geld oder das Gerede der Leute!
Eines Sonntags aber sprach die Mutter zu ihm allen Ernstes: „Du bist nun, mein Sohn, ein großer, starker Bursche geworden und dienst noch immer als Hütejunge. Die Kleider, die dir dein Brotherr schenkte, wanderten bald in die Lumpen. Bisher habe ich dich von den Gegenständen, die dein verstorbener Vater hinterließ, gekleidet. Davon ist aber nichts mehr vorhanden, Geld verdienst du nicht, von dem wir neue Kleider anschaffen können. So bist du genötigt, den Bauer anzugehen, daß er dich als Knecht mietet und dir einen ordentlichen Lohn gibt, wie er Burschen deines Alters zukommt.“
Diese Worte gingen Hans zu Herzen und am nächsten Tage bat er den Bauer um einen besser bezahlten Dienst. Der aber wurde kirschrot vor Ärger, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schrie ihn an: „Schämst du dich nicht, an mich ein solches Verlangen zu stellen? Du hast mich bald arm gegessen; ich habe dich durchgefüttert und deine Mutter dazu. So ist aber die heutige Welt: wenig Arbeit und viel Lohn. Das ist also dein Dank, du habgieriger Bursche?“
Hans meinte in seiner Gutmütigkeit, der Bauer sei in seinem Recht und er habe es doch eigentlich recht gut bei ihm. Verblüfft ging er wieder auf seinen Weideplatz zu seiner Herde. Aber um seine fröhliche Laune war es geschehen. Traurig saß er am Wiesenrain und grübelte und sann über sein Geschick nach. Da trat plötzlich ein alter Schäfer auf ihn zu und fragte ihn, warum er ein so trübseliges Gesicht mache. Ohne Scheu und Hinterhalt erzählte ihm Hans seine Geschichte, wie er sich besonders um seine arme gichtbrüchige Mutter sorge, deren Zustand immer bedenklicher würde. Da riet ihm der Alte, sein Heil einmal in der Stadt Hirschberg zu versuchen, dort brauche man stets kräftige und bescheidene Burschen und bezahle auch einen guten Lohn.
Halb träumend, halb staunend hörte Hans zu und ehe er dem Alten ein Wort erwidern konnte, war dieser bereits dem Tannendickicht zugeeilt. Merkwürdig war es, was für lange Schritte er machen konnte; bis an die Wegecke war es eine gute Viertelstunde, jener war in einem Augenblick dort verschwunden.
An demselben Abend trieb es ihn, seine Mutter aufzusuchen und ihr sein Erlebnis mitzuteilen.
„Der Alte hat dir einen guten Rat gegeben, Hans,“ meinte die Mutter, „tu, wie er dir anriet. Die Schäfer werden vielfach zu allerhand Wunderkuren allenthalben geholt und kennen Land und Leute. So mache dich sauber und ziehe deinen Weg. Gott geleite dich!“
Es war der erste Gang des Burschen in eine Stadt. Darum pochte ihm das Herz ein wenig. Er dachte an alle die Beschreibungen, welche man ihm von dem städtischen Leben und Treiben gemacht hatte, aber als die Sonne ihre ersten Strahlen herniedersandte, und Wiesen und Felder, Berge und Täler im Morgenglanze strahlten und die Vögel ihre ersten Lieder anstimmten, da wurde er wieder fröhlich und wohlgemut. Da fielen ihm wieder seine Hirtenlieder ein und jubelnd sang er den Vers:
Den lieben Gott laß ich nur walten,
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd’ und Himmel will erhalten,
Hat auch mein Sach’ aufs best’ bestellt.
Plötzlich erscholl neben ihm ein lautes Gelächter, er drehte sich um, sah aber niemand. Nachdenklich senkte er den Kopf und erblickte am Boden einen rotseidenen gefüllten Geldbeutel.
„Der Tausend,“ entfuhr es da seinen Lippen, „der Anfang war gut; da scheint einer noch früher aufgestanden zu sein als ich. Da sind ja lauter Dukaten drin. Na, vielleicht finde ich den Pechvogel, der den Beutel verloren hat.“
Er steckte die Börse ein und schritt fürbaß; da nahte auf einem Seitenwege ein vornehmer Herr, der seine Augen wie suchend auf den Boden heftete.
„Hat der Herr vielleicht etwas verloren?“ fragte Hans.
„Ja, freilich,“ war die Antwort, „meine rotseidene Börse mit Geld.“
„Hier ist sie,“ entgegnete Hans freundlich, „gut, daß ich sie gefunden habe.“
„Du bist ein ehrlicher Bursche. Hier hast du eine Belohnung für den Fund.“
Hans aber wehrte ab: „Das hat der Herr nicht nötig, ich habe die Börse ja kaum zehn Schritte getragen, dann konnte ich sie schon wieder abliefern.“
Der Fremde plauderte mit Hans noch eine Weile und fragte ihn zuletzt, was er sich wohl wünschen würde, wenn ihm seine Wünsche erfüllt werden sollten. Dem Burschen schwebte noch immer der Dukatenbeutel vor und so antwortete er hastig:
„I, so wollte ich, daß alles mein wäre, was mir heute auf dem Wege nach Hirschberg begegnete.“
Da brach der Herr in ein solch schallendes Gelächter aus, daß es die Berge im Widerhall zurückgaben, dann rief er:
„Sollst’s haben, Hans, sollst’s haben. Aber merke wohl: Wünsche nicht zu viel, sei genügsam!“
Hiermit war der Fremde verschwunden und nun stieg in Hans die Ahnung auf, mit wem er gesprochen hatte. Er wandte sich den Bergen zu, zog seinen Hut ab und rief:
„Danke schön, Herr Berggeist!“
Wieder erschallte von den Bergen her das Echo eines Gelächters. Hans setzte seinen Weg fort. Da fiel plötzlich etwas vor seinen Füßen nieder; er hob es auf — es war derselbe Beutel mit Dukaten, den er heute schon einmal gefunden hatte.
„Hurra,“ schrie Hans auf, „jetzt könnte ich eigentlich umkehren, für das viele Geld kann ich mir bequem ein kleines Ackergut kaufen.“
Auf einem Strauche saß ein Fink und sang sein Morgenlied nach der Melodie, welcher das Volk den Text unterlegt: „Reit zu Schitzkebier“; er setzte sich sogleich auf Hansens Schulter und blieb dort sitzen. Hans freute sich über den munteren Gesellen, denn er hatte alle Tiere lieb.
Aus einer Hecke kroch ein Kätzchen hervor, schmiegte sich schnurrend an seine Beine und ging ihm nach, während ein großer zottiger Hofhund ihn bellend umwedelte. Da kamen auf der Straße drei schwerbeladene Erntewagen herangefahren; auf der Höhe des letzten saßen die Schnitter und hielten auf einer Stange den Erntekranz, dessen bunte Bänder in der Luft flatterten.
„Juchhei,“ jubelte Hans, „nun bin ich ein reicher Mann, jetzt habe ich Geld zum Hauskauf, Hund und Katze und einen Vogel, der mir seine Lieder singt, und nun gar noch Pferde und Wagen und Getreide, das ich nicht einmal ausgesäet habe. Was wird die Mutter dazu sagen, wenn ich heimkomme!“
Er hatte gerade ausgeredet, da kam von einer andern Straße her ein Wagen, hochbepackt mit Hausgeräten aller Art, und folgte dem Zuge, der immer länger wurde. Da kamen Knechte und Mägde, den neuen Herrn grüßend, ein Hirt trieb eine stattliche Herde Rinder, ein Schäfer einen großen Stamm fetter Schafe einher. Außerdem folgten ihm alle Hühner, Enten, Gänse und Tauben, welche sich auf seinem Wege befanden, einige Pfauhühner marschierten vor ihm und ein Pfauhahn schlug ihm zu Ehren sein schillerndes, stolzes Rad.
Das war ein Blöken, Wiehern, Brüllen, Schnattern, Krähen, Singen, Zanken und Raufen, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.
Jetzt wurde Hirschberg sichtbar, Hans ließ seinen Besitz an sich vorüberziehen; als blutarmer Bursche war er ausgezogen und als Großbauer und reicher Mann kehrte er in seine Heimat zurück. Wie das aber so oft im Menschenleben vorkommt, so erging es auch Hans: die Mahnung: „Wünsche nicht zuviel“ war in seinen Ohren verklungen. Das gesättigte Herz begehrte den Überfluß. Nun wollte er erst vor den Toren Hirschbergs umkehren, um alles zu gewinnen, was ihm bis dahin begegnen würde.
Unterwegs fand er noch einen funkelnden, goldenen Ring. Er steckte ihn an den Finger und blieb ein Weilchen vor dem Stadttore stehen, um zu sehen, ob nicht noch etwas käme. Da kam ein Mädchen auf ihn zu, häßlich wie die Nacht, alt, zahnlos, verwachsen, mit geröteten Augen und rief hell auflachend:
„Juchhei, jetzt kommt mein langersehnter Bräutigam. Und den Trauring hast du auch schon am Finger. Beeile dich nur, der Herr Pfarrer erwartet uns schon zur Trauung in der Kirche.“ Hans sträubte sich und dachte bei sich: „Wie kannst du ein Weib deiner Mutter zuführen, welches älter ist als diese?“ — Sie aber hielt seine Hand in der ihren, an der ein ganz ähnlicher Ring saß.
„Lieber Hans,“ sprach sie, „es ist gar nicht hübsch von dir, daß du so lange zögerst. Bin ich auch nicht hübsch, so bin ich doch eine tüchtige Wirtin. Du bist in den Besitz eines großen Hausrates gekommen und verstehst von der Bauernwirtschaft gar wenig. Deine kranke Mutter will ich hegen und pflegen und schaffen, daß unser Hausstand sich mehre.“
Hans stand eine Weile stumm da. Durch seinen Kopf ging die warnende Mahnung Rübezahls: „Wünsche nicht zuviel!“ Er hatte sie überhört und nun gab es kein Zurück mehr.
Er kratzte sich hinter dem Ohr, machte gute Miene zum bösen Spiel, gab seiner Zukünftigen die Hand und sprach:
„Wenn’s denn durchaus sein muß, so wollen wir den Pfarrer nicht länger warten lassen.“
Da sah sie ihn freundlich an und sprach: „Danke, lieber Hans, du sollst es nicht zu bereuen haben.“
So wurden sie in der Kirche getraut und unter dem Jubel des Gesindes zogen sie mit ihren Wagen und Gerätschaften nach einem Dorfe, welches Hans noch unbekannt war. Dort kauften sie sich einen Bauernhof und brachten die mitgebrachte Habe unter der umsichtigen Leitung der Hausfrau in kurzer Zeit in Ordnung.
Hans gewann sein Weib schon am ersten Tage lieb und an jedem andern noch lieber. Sie fuhren nun zu Hansens Mutter, um sie abzuholen. Diese wollte sich jedoch gar nicht daran gewöhnen, daß ihr schmucker Junge eine so alte, häßliche Frau bekommen hatte. Sie konnte daher der Schwiegertochter kein freundliches Gesicht machen. Diese nahm das nicht übel, da sie wußte, von Hans geliebt zu werden. Als Mutter Bärbel aber sah, daß ihre Schwiegertochter Liese fleißig und unermüdlich im Haushalte tätig war und ihr selbst in ihrer Krankheit mit Handreichungen zur Seite stand, so fand sie sich zuletzt darein.
Ein Jahr später lag in der großen Holzwiege, deren Bretter mit allerhand Blumenverzierungen bemalt waren, ein prächtiger Junge, der aus Leibeskräften schrie. Mit ihm war die Freude im Hause vollkommen geworden und Bärbel schaukelte oft unter dem Gesange eines Schlummerliedchens die Wiege hin und her, um den kleinen schreienden Enkelsohn zu beruhigen und in süßen Schlummer zu wiegen.
So war der Jahrestag der Hochzeit gekommen. Fröhlich saßen die drei beieinander, als Liese zu sprechen begann:
„Ja, heut’ vor einem Jahre habe ich etwas Seltsames erlebt, aber ich darf es nicht sagen, ehe es mir erlaubt wird.“
Hans wurde neugierig und auch Bärbel wollte das Geheimnis wissen, aber Liese blieb fest.
Da klopfte es plötzlich ans Fenster und draußen stand — der fremde Herr vom vorigen Jahr und sprach:
„Nun, Hans, siehst du nun, wie töricht es von dir war, zuviel zu wünschen? Hättest du meinen Worten Gehör geliehen, dann wärest du nicht zu einem solch häßlichen Weibe gekommen. Aber willst du sie nicht mehr, dann will ich dich von der Plage sogleich befreien.“
„Um keinen Preis,“ schrie Hans entsetzt, „wie bin ich froh, daß Ihr sie mir gabt. Sie hat uns erst das Glück und die rechte Zufriedenheit ins Haus gebracht. Und dann seht einmal unsern Prachtbuben an, bei dem müßt Ihr Pate stehen, ich bitte Euch recht sehr darum.“
„Na, ihr Leutchen,“ war die Antwort, „nun habe ich euch genug geneckt. Die Patenschaft nehme ich an. Du, Liese, kannst deine Geschichte vom vorigen Jahr erzählen.“
Damit entschwand er. Dann schloß Hans das Fenster und drehte sich um, um mit seiner Frau zu sprechen, doch er prallte zurück. War die blitzsaubere Frau mit den rosigen Wangen und den treublickenden Augen, die den zappelnden Buben auf ihren Armen hielt, Liese? Als sie anfing zu sprechen, da war es ihre Stimme und nun erzählte sie ihre Geschichte.
„Schau, Hans, vor einem Jahre sah ich gerade so aus, wie du mich jetzt siehst. Ich war ein eitles Ding, das sich auf seine Schönheit viel einbildete und alle Leute über die Schulter ansah. Meine Eltern waren mir zeitig gestorben, ich war wohlhabend und besaß dieses schöne Gut. An dem Sonntagmorgen, heute vor einem Jahre, ging ich auf die Wiese, um mir ein Sträußchen Wiesenblumen zum Vorstecken zu pflücken, denn die anderen Mädchen trugen Gartenblumen zu ihrem Kirchenstaat und ich mußte doch etwas Besonderes haben. Ich steckte mein Sträußchen ans Mieder, lief zu einem kleinen Teiche, welchen der Wiesenbach bildete, und betrachtete mich sehr wohlgefällig. Mein Bild gefiel mir über die Maßen, ich drehte und wandte mich nach allen Seiten und konnte mich gar nicht genug wundern über die Schönheit meiner Gestalt. Auf einmal erscholl hinter mir ein lautes Gelächter. Ich drehte mich um und erblickte einen Fremden und machte ihm ein gar böses Gesicht.
‚Na, na, Jungfer,‘ rief er spöttisch, ‚entstelle sie doch ihr Lärvchen nicht so. Vorher sah die Narrheit in den Teich hinein, jetzt schaut die Bosheit aus dem Gesicht heraus.‘
Auf solche Grobheiten stemmte ich die Arme in die Seiten und schrie:
‚Was fällt Euch ein, Ihr einfältiger Tropf? Was geht’s Euch an, wenn ich mich im Wasser beschaue? Ich weiß, daß ich weit und breit im Gebirge als die ‚schöne Liese‘ bekannt bin. Was habt Ihr Euch um mich zu kümmern?‘
Plötzlich reckte sich vor mir eine riesengroße Gestalt auf mit langem, wehendem Haar und Bart und eine Donnerstimme ertönte:
‚Du hoffärtiges Ding, nun wirst du wohl merken, mit wem du es zu tun hast. Von heute ab sollst du die Gestalt annehmen, welche deine Hoffart straft. Statt der ‚schönsten‘ sollst du als ‚die häßlichste Liese weit und breit im Gebirge bekannt‘ sein. Gehe hin an das Tor von Hirschberg. Wenn du dort einen Burschen deiner wartend findest, so soll er sofort dein Mann werden. Sagst du aber einem Menschen je ein Wörtchen von dem, was hier geschehen ist, dann erhältst du nie deine frühere Gestalt wieder. Bringst du es aber durch Demut, Fleiß und Geduld dahin, daß dich dein Mann behalten will trotz deiner Häßlichkeit, dann sollst du deine Schönheit wiedererlangen. Gelingt dir das nicht, so mag dich dein Mann fortschicken und ich werde dich mitnehmen.‘
Damit verschwand er. Ich war entsetzt bei dem Gedanken an mein Schicksal. Laut jammernd warf ich mich in das Gras, aber ich mußte gehorchen. Am Tore zu Hirschberg wartete ich auf dich. Was habe ich dich bedauert, Hans, daß du ein solches Schreckbild zur Frau nehmen solltest. Nun hat sich alles zum Besten gekehrt.“
Niemand war froher über Liesens Verwandlung als ihre Schwiegermutter. Als Hans und Liese miteinander auf der Straße gingen, da riefen die Leute: „Die schöne Liese ist wieder da!“ —
Als nun der kleine Sohn getauft werden sollte, blieb der Taufpate Rübezahl aus. Hans öffnete das Fenster, um nach ihm zu sehen, denn nur wenige Minuten fehlten noch an der festgesetzten Zeit. Da erhob sich ein Wirbelwind und wehte ein Päckchen in die Stube, darauf stand: „Der Herr vom Berge sendet seinem lieben Patchen dies Taufgeschenk zum freundlichen Gedenken.“ Den Inhalt bildeten lauter neue Dukaten.
Hans und Liese haben Rübezahl nicht wiedergesehen, wohl aber der kleine Johannes. Ihm hat der Berggeist viel Gutes erwiesen sein Leben lang.
Unweit des Riesengebirges liegt ein schönes Tal, auf dessen Höhenrändern sich zwei hohe Granitkegel erheben. Das Volk nennt sie Falkenberge und die geschwätzige Sage weiß zu erzählen, daß dort vor alten Zeiten eine Burg stand. Dort hauste einst der gefürchtetste Raubritter des Landes, Herr Wesso, genannt „der Falk vom Berge“. Nichts war vor seinen Falkenaugen verborgen. Wenn die Kaufleute mit ihren Wagen und Waren zu den Märkten zogen oder die Bauern ihr sauer erworbenes Getreide zur nächsten Stadt fuhren, dann machte der Wächter von hoher Warte durch ein Sprachrohr seine Meldung; im Nu waren Roß und Reisige zur Stelle und nun ging’s im sausenden Galopp zu Tal. Schnell vollzog sich die Plünderung der Wagen und beutebeladen kehrten die räuberischen Spießgesellen auf ihre Burg zurück. Die Beute wurde wieder verkauft und von dem Erlöse schmausten und zechten Ritter und Mannen und führten bei Gesang und Würfelspiel ein lustiges Leben.
Eines Abends saß der Ritter wieder beim Gelage. Aber seine Stimmung schien sehr getrübt zu sein. Gesenkten Blickes saß er in seinem Lehnstuhle und achtete nicht auf die Fröhlichkeit seiner zechenden Genossen. Diese spotteten darüber, aber er tat, als höre er sie nicht. Auch den vollen Humpen, den man ihm zum Trinken darreichte, verschmähte er. Als sich wiederum ein höhnendes Gelächter erhob, stand der Ritter auf und ein wilder Blick machte die Spötter stumm.
Da trat eilig ein Knappe herein und meldete, daß auf der Straße von Schmiedeberg her ein schwer beladener Wagen in Sicht sei, der sicher eine wertvolle Ladung mit sich führe. Mit wildem Geschrei sprangen die Raubritter vom Gelage auf und griffen zu ihren Schwertern. Nur Wesso erhob sich nicht und sah wie teilnahmslos den dahinstürmenden, rauhen Gesellen nach. Nun war es still in dem weiten Gemach. Wesso blickte traurig vor sich hin. Heute war der Todestag seiner Mutter. Das Andenken an sie hatte ihn ernst gestimmt: darum kam heute kein Tropfen über seine Lippen, darum hatte er nicht mit einstimmen können in die Zechlieder seiner Genossen, darum hatte er nicht wie sie zu Schwert und Rüstung gegriffen. Das Bild seiner Mutter in ihrer Sanftmut und Milde trat vor seine Seele; wie oft hatte sie ihm die goldenen Worte der Schrift an das Herz gelegt: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen, selig sind die Sanftmütigen, die Friedfertigen.“ Hatte er in seinem Leben sich an ihr Wort und ihren Wandel gehalten? Oh, wie oft war er über die Reisenden hergefallen, hatte sie um Hab und Gut und Leben gebracht und unsägliches Herzeleid ihren Familien angetan! War das Barmherzigkeit, Sanftmut, Friedfertigkeit!
Mit raschem Schritt verließ er den Saal, befahl dem Knappen, schnell sein Roß zu satteln und griff nach seinem Schwerte. In wenigen Minuten stürmte er den Berg hinab zu der Schar seiner Ritter und Reisigen.
„Gebt den Gefangenen frei!“ rief er diesen laut entgegen, als er einen Mann gebunden zwischen den Pferden sah. „Laßt ihn ziehen, oder ihr sollt meinen Arm fühlen!“
Die Raubritter murrten, aber Wesso stand in so hohem Ansehen bei ihnen, daß sie nicht zu widersprechen wagten und die Bande des gefesselten Kaufmanns lösten. Bleich und zitternd sank dieser zu Boden. Eine tiefe Wunde war am Halse sichtbar und Blut bedeckte seinen Körper.
Mitleidsvoll beugte sich Wesso über das Gesicht des Unglücklichen und es war ihm so, als flüstere ihm eine sanfte Stimme in die Ohren: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ „Tragt den Mann auf euren Armen nach meiner Burg hinauf; dort soll er gepflegt und gewartet werden. Auch den Wagen bringt hinauf. Wer es aber wagt, Hand an sein Eigentum zu legen, der soll es mit mir zu tun haben.“
Grollend und finsteren Antlitzes folgten ihm die Ritter. „Der Falke mausert sich,“ höhnten einige. „Seit wann ist es denn Sitte geworden, die Feinde in die Burg einzuladen und die edlen Ritter rauh und hochmütig zu zwingen, daß sie ihren Gegnern Hilfe leisten?“
Schweigend und ohne auf die übermütigen Worte der Raubritter zu achten, ritt Wesso in die Burg ein. Nun wurde dafür gesorgt, daß die Kisten mit den Waren des Kaufmanns sicher und wohl aufbewahrt wurden, der Verwundete aber erhielt eine gute Pflege in einem der Gemächer des Ritters. Oft überzeugte sich dieser selbst von dem Zustande des Kranken und behandelte seine Wunde wie im Gleichnis der barmherzige Samariter tat an dem Reisenden, der unter die Mörder gefallen war.
Wochen vergingen, ehe der Kranke genas und seine Reise weiter fortsetzen konnte. Seine Waren ließ der Ritter auf einen Wagen laden und schenkte ihm obendrein noch zwei seiner kräftigsten Pferde, damit er schneller vorwärts käme und sein Ziel früher erreichte.
Aber die Spießgesellen des Ritterz grollten ihm wegen seiner Großmut. Ihm hatten sie es zu verdanken, daß ihnen die reiche Beute entgangen war. Nun sannen sie auf Rache.
Einer der Hauptgegner Wessos war der Herzog Bolko. Zu dessen Heerbann gingen sie über und veranlaßten ihn, die Falkenburg zu erstürmen und den Ritter gefangen zu nehmen. Das geschah. Eines Abends sah Wesso die Feinde, welche einige Tage seine Burg belagert hatten, die Mauer ersteigen und Feuerbrände in den Schloßhof werfen. Noch gab es einen Ausweg, einen unterirdischen Gang. Diesen betrat der Ritter, während die Flammen schon auf den Dächern der Schloßgebäude leuchteten.
Verlassen und verraten von seinen Freunden, irrte der Flüchtige durch das Dunkel der Nacht. Da vernahm er Tritte; schon wollte er sich, in der Befürchtung auf seine Feinde zu stoßen, hinter einen Busch verstecken, als eine Stimme ihn anredete. Die Sprache kam ihm bekannt vor und bald erkannte er beim Scheine der Fackel, welche der Sprecher trug, den Kaufmann, welcher in Fischertracht vor ihm stand.
„Kommt mit mir in meine arme Hütte, Herr Ritter.“ begann er zu reden, „sie wird Euch sicher Schutz und Obdach gewähren. Seit jenem Tage, da Ihr mich aus Eurer Burg geheilt entließet, hat mich das Unglück verfolgt. Ich bin ein armer Mann geworden und lebe hier als Fischer. Kommt, bei mir seid Ihr sicher vor Verfolgungen.“
Mit Freuden nahm Wesso das Anerbieten an. Nach einer kurzen Wanderung lag die Hütte vor ihren Augen. Der Fischer bereitete seinem Gaste ein kräftiges Abendessen und unterhielt sich eine Weile mit ihm, bis dem Ritter infolge der Aufregungen seiner Flucht die Augen zufielen. Auf ein weiches Lager gebettet, fiel er in einen langen, erquickenden Schlaf.
Als Wesso am andern Morgen erwachte, war der Fischer verschwunden. Er suchte ihn in allen Winkeln und rief ihn bei seinem Namen, aber nirgends war er zu finden. Da begann der Ritter, um sich seinen Unterhalt zu verdienen, sich des Fischfanges zu befleißigen. Die Mannen des Herzogs hatten seine Burg zerstört und waren abgezogen. Nun durfte er sich mehr aus seinem Versteck wagen, um als Fischer seine Beute feilzubieten. Er konnte zeitweise bei der allgemeinen Nachfrage nicht genug Fische liefern, obwohl jeder Fang eine große Menge Fische einbrachte.
So lebte er eine Zeitlang friedlich dahin, aber eine gewisse Sehnsucht nach seinem früheren Leben konnte er in seinem Herzen nie unterdrücken. Wie gern hätte er wieder sein streitbares Roß bestiegen, wie gern die Angelrute mit dem Schwerte vertauscht!
Eben war wieder der Todestag seiner Mutter und schwere Gedanken bewegten Wessos Herz. Am Rande des Bächleins sitzend, senkte er traurig seine Angelrute in das Wasser. Da zuckte es plötzlich am Haken und ein Fisch von ungewöhnlicher Länge hing daran, den er nur mit der größten Kraftanstrengung ans Land zu ziehen vermochte. Er mußte tief in den Bach hineinwaten, um den Fang herauszuholen. Aber was für ein wunderbarer Fisch hing an dem Haken! Er war von gediegenem Golde und nun erst wurde es dem Ritter klar, daß jener Kaufmann, dem er einst das Leben gerettet hatte, niemand anders, als der Berggeist des Riesengebirges, Rübezahl, gewesen sei.
Nun war er wieder reich. Er verließ die kleine Fischerhütte und baute ein schönes Schloß an derselben Stelle, wo sein Zufluchtsort, die kleine Fischerhütte, gestanden hatte. Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des Ritters; er gab ihr einen hohen Turm und mächtige Wälle und nannte sie zur Erinnerung an den goldenen Fisch, den er im Bache gefangen hatte, Fischbach.
Um die Burg bauten sich im Tale Ansiedler an und wer heute zur schönen Sommerszeit das Riesengebirge bereist, wird niemals verfehlen, auch das herrlich gelegene, berühmt gewordene Fischbach aufzusuchen.
In der Stadt Landshut in Schlesien lebte ein Schneidermeister, namens Samuel Meckerling. Sein Name war weit über das Weichbild der Stadt hinaus bekannt, denn er galt für einen der geschicktesten Meister weit und breit und es kam nicht selten vor, daß Edelleute, hohe Beamte und Gelehrte in seinem Hause abstiegen und die Anfertigung ihrer Kleider bestellten. Einen Fehler aber besaß der geschäftige Meister. Er pflegte von den kostbaren Stoffen, aus welchen er die Kleider zuschnitt und anfertigte, immer einige Stücken in die „Hölle“ wandern zu lassen, das heißt für sich zu verwerten. Auch kam es wiederholt vor, daß er gröbere Stoffe an Stelle der ihm übergebenen feineren verarbeitete.
Einst hielt ein herrschaftliches Geschirr vor seinem Hause und diesem entstieg ein vornehmer Herr. Meckerling sprang von seinem Schneidertisch, ging vor die Tür und begrüßte mit tiefer Verbeugung den Fremden.
„Was verschafft mir, gnädiger Herr, die Ehre Eures Besuches?“ redete er ihn mit gewandten Worten an.
„Ich wünsche von Euch innerhalb drei Tagen von diesem Tuche einen Rock angefertigt zu haben. Gebt Euch rechte Mühe; er soll mein Staatsrock werden und es wird für Euch kein Schaden sein, wenn das Werk den Meister lobt.“
Meister Meckerling betrachtete mit Wohlgefallen den kostbaren Stoff und machte sich daran, an der Gestalt des Fremden Maß zu nehmen. Da wiegte er seinen Kopf wie bedenklich hin und her und sagte:
„Der Stoff wird nicht reichen, gnädiger Herr, aus solchem kurzen Stück kann ich den Rock, wie Ihr ihn wünscht, nicht anfertigen. Es fehlen noch fast zwei Ellen.“
Der Fremde aber, welcher wußte, daß er zwei Ellen zu viel beim Tuchhändler gekauft hatte, antwortete nicht, sondern ging aus dem Hause. Als ihm Meckerling das Geleit gab, verabschiedete er sich mit den kurzen Worten: „In drei Tagen also wird mein Diener den fertigen Rock von Euch abholen.“
So geschah es. Ein reichbetreßter Diener erschien, nahm den Rock in Empfang und bezahlte die Rechnung.
Meckerling lachte sich ins Fäustchen, als er die blanken Taler einstrich.
„Das war ein feines Geschäft,“ murmelte er vor sich hin, „einen honetten Kunden mehr, eine reichliche Bezahlung und obendrein noch zwei Ellen des kostbaren Stoffes für die ‚Hölle‘.“
Es war Sommer geworden und Meister Meckerling beschloß, drüben im Böhmerlande seinen Bruder zu besuchen. Für die Schneiderei ist der Sommer die stillste Zeit, darum war es ihm möglich, einen Ausflug zu unternehmen.
Frisch und fröhlich ging er seinen Weg über das Gebirge. Da stand plötzlich an einer engen Stelle der Straße ein Reiter vor ihm, der ihn am Weitergehen hinderte. Von Kopf bis zu den Füßen war er feuerrot gekleidet und auf seinem Hute prangte eine lange rote Feder. Sein Reittier bestand in einem riesigen schwarzen Ziegenbock mit zwei gewaltigen Hörnern.
„Nun, ehrsamer Meister Meckerling, das trifft sich ja herrlich,“ schrie der Rote, in welchem jener mit Schrecken seinen Kunden, den Edelmann, erkannte. „Liegen denn noch die zwei Ellen gestohlenen Stoffes von meinem Rock in Eurer Hölle? Ihr werdet mir gewiß davon mancherlei zu erzählen haben. Also kommt, schwingt Euch auf meinen Ziegenbock, ich habe wenig Zeit.“
Da fiel der Schneider in die Knie und hob flehentlich seine Hände auf. „Ach Herr,“ jammerte er, „macht keinen Ernst mit Euren Worten. Ich will Euch alles gern wieder ersetzen, was ich veruntreut habe.“
„Aufsitzen!“ befahl wütend der Reiter, der kein anderer als Rübezahl war, „oder ich schleudere dich den Abgrund hinunter, daß du kein Glied mehr fühlst.“
Da faßte Meckerling in seiner Angst in das zottige Fell des Bockes, um sich auf seinen Rücken zu schwingen. Aber in demselben Augenblick erhob sich das Tier und nun schwebte der dürre Schneider angsterfüllt zwischen Himmel und Erde und flog sausend durch die Luft. Mit einem steinerweichenden Schrei bat er flehentlich den lachenden Reiter, ihn wieder zur Erde zu befördern.
Endlich setzte ihn der Bock ab. Aber es war finster geworden und der arme Tropf befand sich in einer wildfremden Gegend. Über Stock und Stein, durch Dornen und Dickicht, durch Moor und Sumpf stapfte er dahin, bis er endlich erschöpft auf der breiten Fahrstraße anlangte. Mit zerrissenen Kleidern, ermatteten Gliedern und gedemütigtem Herzen traf er endlich wieder in seiner Behausung ein.
Der Lustritt aber hatte den Schneider geheilt. Nun wurde er ehrlich und legte vor seiner Hölle für alle Zeiten ein Schloß. Das wurde allenthalben bekannt und Meister Meckerling ein wohlhabender Mann.
Nach allen diesen Geschichten ließ der Berggeist lange Zeit nichts wieder von sich hören. Zwar trug sich das Volk mit allerlei Wundergeschichten, welche die Einbildung der Hausmütter in geselligen Winterabenden so lang und fein ausspann als den Faden am Rocken; es war eitel Fabelei, zur Kurzweil ausgedacht. Der Gräfin Cäcilie war die letzte Begegnung mit dem Berggeiste vorbehalten, bevor er seine letzte Hinabfahrt in die Unterwelt antrat.
Diese Dame, mit allerlei Gicht und Gebrechen beladen, machte nebst zwei gesunden, blühenden Töchtern die Reise nach Karlsbad. Die Mutter verlangte so sehr nach der Badekur und die Fräuleins nach den Lustbarkeiten des Bades, daß sie sonder Rast Tag und Nacht reisten. Es traf sich, daß sie gerade mit Sonnenuntergang ins Riesengebirge gelangten. Es war ein wunderbar schöner, warmer Sommerabend, kein Lüftchen regte sich. Der nächtliche Himmel mit funkelnden Sternen besät, die goldene Mondsichel, deren milchfarbenes Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten milderte, und die beweglichen Funken unzähliger, leuchtender Johanniskäfer, die in den Gebüschen schwirrten, gaben die Beleuchtung zu einer der schönsten Naturbilder, wiewohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm; denn Mama war, da es gemächlich bergan ging, von der schaukelnden Bewegung des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden und die Töchter nebst der Zofe hatten sich jede in ein Eckchen gedrückt und schlummerten gleichfalls. Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutscherbockes kein Schlaf in die Augen; alle Geschichten von Rübezahl, die er vor Zeiten so gespannt angehört hatte, kamen ihm jetzt auf dem Schauplatz dieser Abenteuer wieder in den Sinn und er hätte wohl gewünscht, nie etwas davon gehört zu haben. Ach, wie sehnte er sich nach dem sicheren Breslau zurück, wohin sich nicht leicht ein Gespenst wagte! Er sah schüchtern auf alle Seiten umher und durchlief mit den Augen oft alle zweiunddreißig Richtungen der Windrose in weniger als einer Minute, und wenn er etwas ansichtig wurde, das ihm bedenklich schien, so lief ihm ein kalter Schauer den Rücken herunter und die Haare stiegen ihm zu Berge. Zuweilen ließ er seine Besorgnisse den Schwager Postillion merken und forschte mit Fleiß von ihm, ob’s auch geheuer sei im Gebirge. Wiewohl ihm dieser nun die heile Haut durch einen kräftigen Fuhrmannsschwur versicherte, bangte ihm doch das Herz unablässig.
Nach einer langen Pause der Unterredung hielt der Postkutscher die Pferde an, murmelte etwas zwischen den Zähnen und fuhr weiter, hielt nochmals an und wechselte so verschiedentlich. Johann, der seine Augen fest geschlossen hatte, ahnte nichts Gutes, blickte schüchtern auf und sah mit Entsetzen in der Weite eines Steinwurfs vor dem Wagen eine pechrabenschwarze Gestalt daherwandeln von übermenschlicher Größe mit einem weißen spanischen Halskragen angetan, und das Bedenklichste bei der Sache war, daß der Schwarzmantel keinen Kopf hatte.
Hielt der Wagen, so stand der Wanderer still und regte Wipprecht die Pferde an, so ging er auch weiter. „Schwager, siehst du was!“ rief der zaghafte Tropf vom hohen Kutschbock herab mit berganstehendem Haar.
„Freilich seh’ ich was,“ antwortete dieser ganz kleinlaut; „aber schweig’ nur, daß es nichts merkt.“
Johann waffnete sich mit allen Stoßgebetlein, die er wußte und schwitzte dabei vor Angst kalten Todesschweiß. Und wie ein Blitz, wenn’s in der Nacht wetterleuchtet und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus rege macht, um sich durch die Gemeinschaft mit den Hausbewohnern vor der gefürchteten Gefahr zu sichern, so suchte aus dem nämlichen Trieb der verzagte Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und klopfte hastig ans Fenster. Die erwachende Gräfin, unwillig, daß sie aus ihrem sanften Schlummer gestört wurde, fragte: „Was gibt’s?“
„Ihro Gnaden, schaun Sie einmal aus,“ rief Johann mit zagender Stimme, „dort geht ein Mann ohne Kopf.“
„Dummkopf, der du bist,“ antwortete die Gräfin, „was träumt deine Phantasie für Fratzen! Und wenn dem so wäre,“ fuhr sie scherzhaft fort, „so ist ja ein Mann ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und außerhalb genug.“
Die Fräuleins konnten indessen den Witz der gnädigen Mama diesmal nicht schmackhaft finden, ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie schmiegten sich schüchtern an die Mutter an, bebten und jammerten: „Ach, das ist Rübezahl, der Bergmönch!“
Die Dame aber, die an keine Geister glaubte, strafte die Fräuleins dieser spießbürgerlichen Vorurteile halber, bewies, daß alle Gespenster- und Spukgeschichten Ausgeburten einer kranken Einbildungskraft wären, und erklärte die Geistererscheinungen samt und sonders aus natürlichen Ursachen.
Ihre Zunge war eben in vollem Gange, als der Schwarzmantel, der auf einige Augenblicke dem Gespensterspäher aus dem Auge geschwunden war, wieder aus dem Busch hervor auf den Weg trat. Da war nun deutlich wahrzunehmen, daß Johann falsch gesehen hatte; der Wandersmann hatte allerdings einen Kopf, nur daß er ihn nicht wie gewöhnlich zwischen den Schultern, sondern wie einen Schoßhund im Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei Schritten erregte innerhalb und außerhalb des Wagens großes Entsetzen. Die holden Fräuleins und die Zofe, welche sonst nicht gewohnt war, mit einzureden, wenn ihre junge Herrschaft das Wort führte, taten aus einem Munde einen lauten Schrei, ließen den seidenen Vorhang herabrollen, um nichts zu sehen und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strauß, wenn er dem Jäger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummem Schrecken die Hände zusammen. Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel es besonders abgesehen zu haben schien, erhob in der Angst des Herzens das gewöhnliche Feldgeschrei, womit die Gespenster begrüßt zu werden pflegen: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn!“ Doch ehe er ausgeredet hatte, schleuderte ihm das Ungetüm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, daß er von seinem hohen Sitz herabstürzte; in dem nämlichen Augenblicke lag auch der Postkutscher durch einen kräftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt und die Erscheinung keuchte aus hohler Brust in dumpfen Ton diese Worte aus: „Nimm das von Rübezahl, dem Herrn des Gebirges, daß du ihm ins Gehege fuhrst! Verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung.“ Hierauf schwang sich das Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an und fuhr bergab, bergan, über Stock und Stein, daß vor dem Rasseln der Räder und dem Schnauben der Rosse von dem Angstgeschrei der Damen nichts hörbar war.
Urplötzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reiter trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei und schien es gar nicht zu bemerken, daß diesem der Kopf fehle; er ritt vor dem Wagen her, als wenn er dazu gedungen wäre. Dem Schwarzmantel schien diese Gesellschaft eben nicht zu behagen, er lenkte nach einer andern Richtung um, der Reiter tat dasselbe und so oft auch jener aus dem Weg bog, so konnte er den lästigen Geleitsmann nicht los werden, der wie zum Wagen gebannt war. Das nahm den Fuhrmann groß wunder, besonders da er deutlich wahrnahm, daß der Schimmel des Reiters einen Fuß zu wenig hatte, obgleich die dreibeinige Rosinante übrigens ganz schulgerecht trabte. Dabei wurde dem schwarzen Wagenlenker auf dem Sattelgaule nicht wohl zumute und er fürchtete, seine Rübezahlsrolle dürfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rübezahl sich ins Spiel zu mischen schien. —
Nach Verlauf einiger Zeit drehte sich der Reiter um, so daß er dicht neben den Fuhrmann kam, und fragte ihn ganz traulich: „Landsmann ohne Kopf, wo geht die Reise hin?“
„Wo wird’s hingehen,“ antwortete das Kutschergespenst mit furchtsamem Trotz, „wie Ihr seht, der Nase nach.“
„Wohl!“ sprach der Reiter, „laß sehen, Gesell, wo du die Nase hast!“
Darauf fiel er den Pferden in die Zügel, packte den Schwarzmantel beim Leib und warf ihn so kräftig zur Erde, daß ihm alle Glieder dröhnten; denn das Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie jeder Mensch. Behend war der Betrüger entkleidet; da kam ein wohlgeformter Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet war wie ein gewöhnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sah und die schwere Hand seines Gegners fürchtete, auch nicht zweifelte, der Reiter sei der leibhaftige Rübezahl, den er nachzuäffen sich unterfangen hatte, ergab er sich auf Gnade und Ungnade und bat flehentlich um sein Leben.
„Gestrenger Gebirgsherr,“ sprach er, „habt Erbarmen mit einem Unglücklichen, der die Schläge des Schicksals von Jugend auf erfahren hat, der nie sein durfte, was er wollte, der jederzeit aus dem Stand mit Gewalt herausgestoßen wurde, in den er sich mit Mühe hineingearbeitet hatte, und nachdem sein Aufenthalt unter den Menschen vernichtet ist, auch nicht einmal Gespenst sein darf.“
Diese Anrede war ein Wort zu seiner Zeit. Der Berggeist war gegen seinen Doppelgänger so ergrimmt, daß er ihn erdrosselt haben würde, wenn nicht seine Neugierde rege gemacht worden wäre, die Schicksale des Abenteurers zu vernehmen.
„Sitz’ auf, Gesell,“ sprach er, „und tu, was dir geheißen wird.“ Darauf zog er vorerst dem Schimmel den vierten Fuß zwischen den Rippen hervor, trat an den Schlag, öffnete diesen und wollte die Reisegesellschaft freundlich begrüßen.
Aber drinnen war’s stille wie in einer Totengruft; der übermäßige Schrecken hatte die Insassen so gewaltsam erschüttert, daß alle, von der gnädigen Frau bis auf die Zofe, in ohnmächtigem Hinbrüten dalagen. Der Reiter wußte indessen bald Rat zu schaffen; er schöpfte aus dem vorüberrieselnden Bächlein einer frischen Bergquelle seinen Hut voll Wasser, sprengte den Damen davon ins Gesicht, hielt ihnen das Riechfläschchen vor, rieb ihnen mit der duftenden Flüssigkeit die Schläfe und brachte sie wieder ins Leben. Sie schlugen eine nach der andern die Augen auf und erblickten einen wohlgestalteten Mann von unverdächtigem Aussehen, der durch seine Dienstbeflissenheit sich bald Zutrauen erwarb.
„Es tut mir leid, meine Damen,“ redete er sie an, „daß Sie in meinem Gerichtsbezirk von einem vermummten Bösewicht belästigt worden sind, der ohne Zweifel die Absicht hatte, Sie zu bestehlen; aber Sie sind in Sicherheit, ich bin der Oberst von Riesental. Erlauben Sie, daß ich Sie zu meiner Wohnung geleite, die nicht fern von hier ist.“
Diese Einladung kam der Gräfin sehr gelegen, sie nahm solche mit Freuden an; der Krauskopf bekam Befehl, fortzufahren und gehorchte mit zagender Bereitwilligkeit. Um den Damen Zeit zu lassen, sich von ihrem Schrecken zu erholen, gesellte sich der Oberst wieder zum Fuhrmann, hieß ihn bald rechts, bald links wenden und dieser bemerkte ganz deutlich, daß der Ritter zuweilen eine von den herumschwirrenden Fledermäusen zu sich berief und ihr geheime Befehle erteilte, was sein Grausen noch vermehrte.
In Zeit von einer Stunde blinkte in der Ferne ein Lichtlein, daraus wurden zwei und endlich vier; es kamen vier Jäger herangesprengt mit brennenden Fackeln, die ihren Herrn, wie sie sagten, ängstlich gesucht hatten und erfreut schienen, ihn zu finden. Die Gräfin war nun wieder in vollem Gleichmute und da sie sich außer Gefahr sah, dachte sie an den ehrlichen Johann und war um sein Schicksal bekümmert. Sie eröffnete ihrem Schutzherrn dieses Anliegen, der alsbald zwei von den Jägern fortschickte, die beiden Unglückskameraden aufzusuchen und ihnen benötigten Beistand zu leisten. Bald darauf rollte der Wagen durchs düstere Burgtor in einen geräumigen Vorhof hinein und hielt vor einem herrlichen Palast, der ganz erleuchtet war. Der Oberst bot der Gräfin den Arm und führte sie in die Prachtgemächer seines Hauses in eine große Gesellschaft ein, die daselbst versammelt war. Die Fräuleins befanden sich in keiner geringen Verlegenheit, daß sie in Reisekleidern in eine so glänzende Gesellschaft traten, ohne vorher die Kleider gewechselt zu haben.
Nach den ersten Höflichkeitsbezeigungen gruppierte sich die Gesellschaft wieder in verschiedene kleine Kreise. Einige setzten sich zum Spiel, andere unterhielten sich durch Gespräche. Das Abenteuer wurde viel beredet und, wie es bei Erzählung überstandener Gefahren gewöhnlich der Fall ist, zu einem kleinen Heldengedicht ausgebildet, in welchem Mama sich gern die Rolle der Heldin zugeteilt hätte, wenn sich das Riechfläschchen des hilfreichen Ritters hätte beseitigen lassen. Bald darauf führte der aufmerksame Wirt einen Mann ein, der recht wie gerufen kam; es war ein Arzt, der nach dem Gesundheitszustande der Gräfin und ihrer schönen Töchter forschte, den Puls prüfte und mit bedeutender Miene mancherlei bedenkliche Anzeichen ahnte. Obwohl sich die Dame so wohl als möglich befand, so machte ihr doch die angedrohte Gefahr für das Leben bange; denn aller Leibesbeschwerden ungeachtet, war ihr der gebrechliche Körper noch so lieb wie ein langgewohntes Kleid, das man nicht gern entbehrt, ob es gleich abgetragen ist. Auf Verordnung des Arztes verschluckte sie Pulver und Tropfen, und die gesunden Töchter mußten wider Willen dem Beispiel der besorgten Mutter folgen.
Allzu nachgiebige Patienten machen strenge Ärzte; die ärztlichen Verordnungen waren kaum befolgt, so begab man sich zur Tafel in den Speisesaal, wo ein königliches Mahl aufgetischt wurde. Die Schenktische waren mit Silberwerk aufgeputzt; es prangten da goldene und übergoldete Pokale und riesige Willkommen nebst den dazugehörigen Schalen von getriebener Arbeit. Eine herrliche Musik tönte aus den Nebenzimmern und flötete den leckerhaften Schmaus und die feinen Weine den Gästen lieblich hinunter. Nach Entfernung der Schüsseln ordnete der Speisemeister den bunten Nachtisch, der aus Bergen und Felsen von gefärbtem Zucker bestand. Das ganze Abenteuer der Gräfin war in niedlichen Figuren, wie sie auf den Tafeln der Großen zu prangen pflegen, abgebildet. Die Gräfin unterließ nicht, das alles in der Stille bei sich bewundernd zu beherzigen. Sie wendete sich an ihren Stuhlnachbar, seiner Angabe nach einen böhmischen Grafen, fragte neugierig, was für ein Festtag hier gefeiert werde, und erhielt zur Antwort, daß nichts Außerordentliches vorgehe, es sei nur eine freundschaftliche Begegnung von guten Bekannten, die hier zufälligerweise zusammenträfen. Es nahm sie wunder, von dem wohlhabenden, gastfreien Obersten von Riesental weder in noch außerhalb Breslau je ein Wort gehört zu haben, und so emsig sie auch die Namen durchlief, wovon ihr Gedächtnis einen reichen Vorrat aufbewahrte, konnte sie doch diesen Namen darunter nicht ausfindig machen. Sie gedachte das von dem Wirt selbst zu erforschen und begehrte von ihm Aufschluß und Belehrung; aber dieser wußte ihr so geschickt auszuweichen, daß sie nie mit ihm zum Zwecke kam. Geflissentlich riß er diesen Faden ab und zog die Unterredung in die lustigen Räume des Geisterreiches hinüber.
Einer der Gäste wußte viel wundersame Geschichten von Rübezahl zu erzählen; man stritt für und wider die Wahrheit derselben; die Gräfin zog gegen das Dasein des Geistes sehr zu Felde.
„Meine eigene Geschichte,“ so sprach sie, „ist ein augenscheinlicher Beweis, daß alles, was man von dem erwähnten Berggeiste sagt, leere Träume sind. Wenn er hier im Gebirge sein Wesen hätte und die edlen Eigenschaften besäße, die ihm Fabler und müßige Köpfe zueignen, so würde er einem Schurken nicht gestattet haben, solchen Unfug auf seine Rechnung mit uns zu treiben. Aber das armselige Unding von Geist konnte seine Ehre nicht retten und ohne den edelmütigen Beistand des Herrn von Riesental hätte der freche Bube sein Spiel so weit mit uns treiben können, als er Lust hatte.“
Der Herr vom Hause hatte an diesen Gesprächen bisher wenig Anteil genommen; jetzt aber mischte er sich ins Gespräch und nahm das Wort:
„Sie haben, gnädige Frau, mit vielem Geschick versucht, das Nichtvorhandensein des Berggeistes mit mancherlei Gründen zu beweisen. Dennoch dünkt mich, ließen sich gegen Ihren letzten Beweis noch einige Einwürfe machen. Wie, wenn der fabelhafte Gebirgsgeist bei Ihrer Befreiung aus der Hand des entlarvten Räubers dennoch mit im Spiel gewesen wäre? Wie, wenn es ihm gefallen hätte, meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieser unverdächtigen Maske in Sicherheit zu bringen, und wenn ich Ihnen sagte, daß ich von dieser Gesellschaft, als Wirt vom Hause, mich nicht einen Fuß breit entfernt habe, daß Sie durch einen Unbekannten in meine Wohnung eingeführt worden sind, der nicht mehr vorhanden ist? Sonach wär’s doch möglich, daß der Berggeist seine Ehre gerettet hätte, und daraus würde folgen, daß er nicht ganz das Unding wäre, wofür Sie ihn halten.“
Diese Rede brachte die Gräfin einigermaßen aus der Fassung und die schönen Fräuleins legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand und sahen dem Hausherrn starr ins Angesicht, um ihm aus den Augen zu lesen, ob das im Scherz oder im Ernst gesagt sei. Die weitere Erörterung unterbrach die Ankunft des wieder aufgefundenen Bedienten und des Postkutschers. Der letztere war ebenso beglückt beim Anblick seiner vier Rappen im Stalle, wie der erstere, als er frohlockend ins Tafelgemach eintrat und daselbst seine Herrschaft vergnügt und wohlbehalten antraf. Triumphierend trug er das ungeheure Riesenhaupt des Schwarzmantels einher, durch welches er wie von einer Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt wurde dem Arzte übergeben, um es zu begutachten. Doch erkannte er es bald für einen ausgehöhlten Kürbis, der mit Sand und Steinen angefüllt und durch den Zusatz einer hölzernen Nase und eines langen Flachsbartes zu einem abschreckenden Menschenantlitz aufgestutzt war.
Nach aufgehobener Tafel ging die Gesellschaft auseinander, da der Morgen bereits herandämmerte. Die Damen fanden ein köstlich zubereitetes Nachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind überraschte, daß die Einbildungskraft nicht Zeit hatte, ihnen die Schreckbilder der Gespenstergeschichte wieder vorzugaukeln und ängstliche Träume anzuspinnen. Es war hoch am Tage, als Mama erwachte, der Zofe klingelte und die Fräuleins weckte, die gern noch einen Versuch gemacht hätten, in den weichen Federn auch auf dem andern Ohr zu schlafen. Allein die Gräfin verlangte so sehr, die Heilkräfte des Bades aufs baldigste zu versuchen, daß sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu bewegen war, einen Tag zu verweilen, so gern auch die Fräuleins dem Ball beigewohnt hätten, den er ihnen zu geben verhieß. Sobald das Frühstück eingenommen war, schickten sich die Damen zur Abreise an. Gerührt durch die freundschaftliche Aufnahme, die sie in dem Schlosse des Herrn von Riesental genossen hatten, der auf die höflichste Art bis an die Grenzen seines Gebietes ihnen das Geleite gab, beurlaubten sie sich mit der Verheißung, auf der Rückkehr wieder einzusprechen.
Kaum war Rübezahl in seiner Burg angelangt, so wurde der Krauskopf ins Verhör geführt, der unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen würden, die Nacht in einem unterirdischen Keller zugebracht hatte.
„Elender Erdenwurm,“ redete ihn der Geist an, „was hält mich ab, daß ich dich nicht zertrete für die in meinem Eigentum mir zu Spott und Hohn verübte Gaukelei? Büßen sollst du mir mit Haut und Haar für diese Frechheit.“
Der Krauskopf hielt eine lange Rede und suchte sein Verhalten mit seinen unglücklichen Lebensschicksalen zu beschönigen. Das stimmte den Berggeist milder und er sprach:
„Geh, Schurke, so weit dich deine Füße tragen und ersteig den Gipfel deines Glücks am Galgen!“ Hierauf verabschiedete er seinen Gefangenen mit einem kräftigen Fußtritte, und dieser war froh, daß er mit einer so gelinden Strafe abkam und pries seine Beredsamkeit, die seiner Meinung nach ihn diesmal aus einer sehr mißlichen Lage gezogen hatte. Er beeilte sich, dem gestrengen Gebirgsherrn aus den Augen zu kommen.
Die Gräfin Cäcilie war indessen mit ihrer Begleitung glücklich und wohlbehalten in Karlsbad angelangt. Das erste, was sie tat, war, den Badearzt zu sich zu berufen und ihn, wie gewöhnlich, über ihren Gesundheitszustand und die Einrichtung der Kur zu befragen. Da trat herein der weiland hochberühmte Arzt Doktor Springsfeld aus Merseburg, für welchen das Bad eine Goldquelle war.
„Seien Sie uns willkommen, lieber Doktor,“ riefen Mama und die holden Fräuleins ihm traulich und freundlich entgegen.
„Sie sind uns zuvorgekommen,“ fügte erstere hinzu, „wir vermuteten Sie noch bei dem Herrn von Riesental; aber loser Mann, warum haben Sie uns dort verschwiegen, daß Sie der Badearzt sind?“
Der Arzt stutzte, sann lange hin und her und erinnerte sich nicht, die Damen irgendwo gesehen zu haben.
„Ihro Gnaden verwechseln ohne Zweifel mich mit einem andern,“ sprach er, „ich habe vorher nicht die Ehre gehabt, Ihnen persönlich bekannt zu sein; der Herr von Riesental gehört auch nicht zu meiner Bekanntschaft, und während der Kurzeit pflege ich mich nie von hier zu entfernen.“
Die Gräfin konnte keinen anderen Grund von dieser Verstellung, welche der Arzt so ernsthaft behauptete, sich geben, als daß er für die geleistete Dienste nicht wollte belohnt sein. Sie erwiderte lächelnd: „Ich verstehe Sie, lieber Doktor; Ihr Zartgefühl geht aber zu weit; es soll mich nicht abhalten, mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für Ihren guten Beistand dankbar zu sein.“
Sie nötigte ihm darauf eine goldene Dose mit Gewalt auf, die der Arzt jedoch nur als Vorausbezahlung annahm und, um die Dame als eine gute Kundschaft nicht unwillig zu machen, widersprach er ihr nicht weiter. Er erklärte sich übrigens das Rätsel ganz leicht durch die Annahme, daß die ganze gräfliche Familie von einer Art Kribbelkrankheit befallen sei, wobei seltsame und unbegreifliche Wirkungen der Einbildungskraft nichts Ungewöhnliches sind, und verordnete allerlei Mittel.
Doktor Springsfeld suchte sich seinen Patienten lieb und angenehm zu machen; er wußte seine Kunden mit artigen Geschichtchen, Stadtneuigkeiten und kleinen Anekdoten wohl zu unterhalten und ihre Lebensgeister dadurch aufzumuntern. Da er vom Besuch der Gräfin seine Ronde ging, gab er die sonderbare Begegnung mit der neuen Kundschaft in jedem Krankenzimmer zum besten, ließ bei der oftmaligen Wiederholung die Sache unvermerkt wachsen und kündigte die Dame bald als eine Kranke, bald als Seherin an. Man war begierig, eine so außerordentliche Bekanntschaft zu machen, und die Gräfin Cäcilie wurde in Karlsbad das Märchen des Tages. Alles drängte sich zu ihr, da sie mit ihren schönen Töchtern zum erstenmal erschien. Es war ihr und den Fräuleins ein höchst überraschender Anblick, die ganze Gesellschaft hier anzutreffen, in welche sie vor einigen Tagen in dem Schlosse des Herrn von Riesental eingeführt worden waren. Der böhmische Graf fiel ihnen zuerst in die Augen. Sie waren der steifen Formen überhoben, gegen Unbekannte sich zu beknicksen; es war für sie kein fremdes Gesicht im Saale. Mit freimütiger Unbefangenheit wendete sich die gesprächige Dame bald zu dem, bald zu jenem von der Gesellschaft, nannte jeden bei seinem Namen und Titel, sprach viel vom Herrn von Riesental, bezog sich auf die bei diesem gastfreien Manne mit ihnen allerseits gepflogenen Unterredungen und wußte sich nicht zu erklären, was das fremde und kalte Betragen aller der Herren und Damen bedeuten sollte, die vor kurzem so viel Freundschaft und Vertraulichkeit gegen sie geäußert hatten. Natürlich geriet sie auf den Wahn, das sei eine abgeredete Sache, und der Herr von Riesental würde der Schäkerei dadurch ein Ende machen, daß er unvermutet selbst zum Vorschein käme.
Alle diese Reden bewiesen nach der Meinung der Badegesellschaft so sehr eine überspannte Einbildung, daß sie samt und sonders die Gräfin bemitleideten, die nach dem Urteil aller Anwesenden eine sehr vernünftige Frau zu sein schien und in ihren Reden und dem Gange der Gedanken nichts Ausschweifendes verriet, wenn ihre Einbildung nicht den Weg über das Riesengebirge nahm. Die Gräfin ihrerseits erriet aus den bedeutsamen Gesichtszügen, Winken und Blicken der um sie her versammelten Herrschaften, daß man sie schief beurteilte und daß man wähnte, ihre Krankheit habe sich aus den Gliedern ins Hirn versetzt. Sie glaubte, die beste Wiederlegung dieses kränkenden Vorurteils sei die aufrichtige Erzählung ihres Abenteuers auf der schlesischen Grenze. Man hörte sie mit der Aufmerksamkeit, mit der man ein Märchen anhört, das auf einige Augenblicke angenehm unterhält, davon man aber kein Wort glaubt.
„Wunderbar!“ riefen alle Zuhörer aus einem Munde und sahen bedeutsam den Doktor Springsfeld an, der verstohlen die Achsel zuckte und sich gelobte, die Patientin nicht eher aus seiner Pflege zu entlassen, bis das heilende Wasser des Bades das abenteuerliche Riesengebirge aus ihrer Einbildung rein weggespült haben würde. Das Bad leistete indessen alles, was der Arzt und die Kranke davon erwartet hatten. Da die Gräfin sah, daß ihre Geschichte wenig Glauben fand und sogar ihren gesunden Menschenverstand verdächtig machte, so redete sie nicht mehr davon und Doktor Springsfeld unterließ nicht, dieses Schweigen den Heilkräften des Bades zuzuschreiben, das doch auf eine ganz andere Art gewirkt und die Gräfin aller Gichten und Gliederreißen entledigt hatte.
Nachdem die Badekur beendigt war, die schönen Fräuleins sich genug hatten bewundern lassen, den lieblichen Weihrauch der Schmeichelei reichlich eingeatmet und sich satt und müde getanzt hatten, kehrten Mutter und Töchter nach Breslau zurück. Sie nahmen mit gutem Vorbedacht den Weg wieder durchs Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten Wort zu halten und bei der Rückreise bei ihm vorzusprechen; denn von ihm hoffte die Gräfin Auflösung des ihr unbegreiflichen Rätsels, wie sie zur Bekanntschaft der Badegesellschaft gelangt sei, die sich so wildfremd gegen sie gebärdete. Aber niemand wußte den Weg nach dem Schlosse des Herrn von Riesental nachzuweisen, noch war der Besitzer zu erfragen, dessen Name sogar weder diesseits noch jenseits des Gebirges bekannt war. Dadurch wurde die verwunderte Dame endlich überzeugt, daß der Unbekannte, der sie in Schutz genommen und beherbergt hatte, kein anderer gewesen sei als Rübezahl, der Berggeist. Sie gestand, daß er das Gastrecht auf eine edelmütige Art an ihr ausgeübt hätte, verzieh ihm seine Neckerei mit der Badegesellschaft und glaubte nun von ganzem Herzen an das Dasein des Geistes, obgleich sie um der Spötter willen Bedenken trug, ihren Glauben vor der Welt offenbar werden zu lassen.
Seit dieser Begegnung mit der Gräfin Cäcilie hat Rübezahl nichts mehr von sich hören lassen. Er kehrte in seine unterirdischen Staaten zurück, und da bald nach dieser Begebenheit der große Erdbrand ausbrach, der Lissabon und nachher Guatemala zerstörte, so fanden die Erdgeister so viel Arbeit in der Tiefe, den Fortgang der Feuerströme zu hemmen, daß sich seitdem keiner mehr auf der Oberfläche der Erde hat blicken lassen.