Während meines Aufenthaltes in New York geschah es, daß ein aufgeweckter Marschbauer, irgend so ein deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heißen mochte, mit der ganz gescheiten Absicht herüber kam, sich für die etlichen 30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten Bauerngut herausgewirtschaftet hatte, im fernen Kansas, Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo das Land noch spottbillig ist, eine große Farm zuzulegen. Der Mann war in der Vollkraft seiner Jahre, verließ sich auf seine derbe Faust, seinen klaren Dickkopf und seinen deutschen Fleiß und hatte guten Grund, anzunehmen, daß er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder würde nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herrenleben eines Großgrundbesitzers im Lande der Freiheit teilnehmen lassen können. Der Mann hatte in seiner biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt erzählt, wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitän, der es gut mit ihm meinte, hatte ihm für seinen Einzug in die Fünfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in Gestalt eines seiner Offiziere mitgegeben. Der nahm Klaas Petersen freundschaftlich unter den Arm und führte ihn zunächst einmal die Kellertreppe zur Subway, der Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des Hudson hindurch Brooklyn mit New York verbindet und dann in zwei Ästen die ganze Manhattaninsel bis in die ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas Petersen über das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel hindurch in einen der Riesenwagen hineinbugsiert war [pg 233]und nun in drangvoll fürchterlicher Enge, eingekeilt zwischen hinter riesigen Zeitungen verschanzten Negern, Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten Yankees stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze Felsenhöhle hineintauchte und dort mit unheimlicher Schnelligkeit um die Kurven schlingerte, da fing Klaas Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu weinen an und schluchzte: „Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. –“ Und dabei blieb’s; er wollte keine Vernunft annehmen. Mit dem nächsten Schiffe kehrte er tatsächlich wieder heim.
Noch übler erging es einem anderen Grünhorn, das sich auf seinen eigenen Witz verließ und bei Brooklyn-Bridge einen Trambahnwagen bestieg, um über die berühmte Brücke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen Landsmann aufsuchen wollte. Und er kam auch über die Brücke, aber er verstand nicht, was der Schaffner ausrief, und traute sich nicht aufs Geratewohl auszusteigen; und ehe er sich’s versah, war er wieder auf der Brücke, denn die Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er ein Gemütsmensch war, gedachte er in Ergebung hinzunehmen, was der Herr in seinem unerforschlichen Ratschluß über ihn beschlossen hätte. Er fuhr also auf der großen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage lang. Schließlich mußte man ihn aus Mitleid erschießen, da er sonst verhungert wäre.
Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben magst, lieber Leser, so laß es bleiben. Deswegen bleibt es doch als unumstößliche Wahrheit bestehen, daß du in Amerika unmöglich bist, sofern der Himmel dich zu einem Junker Träuminsblau geschaffen oder deine Eltern dich mit der Zipfelmütze bis über die Nase und einem schönen Brett vorm Kopf in die Welt entlassen haben. Bist du [pg 234]aber kein Muttersöhnchen, das in der Bangbüx bebbert, sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und nicht zu viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist in das Abenteuer stürzen. Bist du ein armer Teufel, der drüben sein Glück machen will, so wappne dich mit Humor und Wurstigkeit, schäme dich keiner Arbeit und laß die Ohren nicht hängen, wenn es dir in einem Fach mißlingt. „Let us try another chance“ sagt der Amerikaner in diesem Falle, und das sag du auch und pfeif drauf. Willst du aber zu deinem Vergnügen und zu deiner Belehrung dich drüben umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld – noch viel mehr Geld! Denn wisse, daß für den nicht seßhaften Menschen drüben die meisten Dinge doppelt und viele viermal so viel kosten wie bei uns. Für ein Seidel Würzburger Hofbräubier oder Pilsner, das nur 4/10 Liter hält, mußt du einen Quarter hinlegen, das ist M 1.–, und du wirst bald dahin gelangen, diesem Quarter nicht mehr wehmütig nachzutrauern; denn das amerikanische Bier enthält zwar Wasser, Malz und Hopfen und sieht schön braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine verlockende schneeweiße Rahmhaube auf und der erste Schluck geht dir lieblich ein, aber bald merkst du, daß es doch kein Bier ist. Und dann wirst du auch bald finden, daß es sehr viel leichter ist, die schmalen, schmutzigen, zerknitterten Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei uns daheim ein schönes blankes Zwanzigmarkstück anzureißen; du mußt nämlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du überhaupt Gold zu sehen bekommst. Mache dir nur ja nicht etwa die Illusion, als ob du an irgendeiner Stelle wieder hereinsparen könntest, was du an anderer Stelle großzügig verschwendet hast. Abgesehen davon, daß der Knicker und Pfennigfuchser in dem Lande der Milliardäre höchst verächtlich über die Achsel angesehen wird, kommst [pg 235]du auch schon aus dem Grunde nicht zum Sparen, weil die guten Dinge, die zum täglichen Bedürfnis des Gentleman gehören, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis haben. Du kannst zum Beispiel nicht in einem Hotel zweiten Ranges wohnen und in einem Restaurant ersten Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten Ranges gibt. In den großen Städten wenigstens sind alle Hotels, denen sich ein besserer Zeitgenosse überhaupt anvertrauen kann, nach unseren Begriffen erster Klasse, und was danach kommt, ist nach unseren Begriffen gleich vierter Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse wohnen und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du kannst es wohl, aber du wirst bald davon zurückkommen. Denn das billige Essen ist auf die Dauer unmöglich, und zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten Hotel und einem anständigen Restaurant gibt es kaum einen Unterschied. Versuche um Gottes willen auch nicht mit Trinkgeldern zu knausern, das würde dir übel bekommen; nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in der breitesten Öffentlichkeit würde es deinem Renommee schaden. Ein werter Freund und Kollege von mir hatte sich von Eingeborenen sagen lassen, daß der übliche Satz für den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel bestand in einem belegten Brötchen mit einem Schnitt Bier, wofür er 70 Cent = M 2,80 bezahlen mußte. Gewissenhaft wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und schob sie reinen Herzens dem waiter zu. Der starrte erst mit verdächtigem Grinsen auf das Sümmchen hin, dann lief er zum Oberkellner, beriet sich längere Zeit mit ihm und kehrte endlich zurück, um die 7 Cent zwar ohne Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unangemessenen Fröhlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen [pg 236]stand es in sämtlichen New Yorker Blättern, daß der beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld gegeben habe. Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde, lachten ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also, lieber Landsmann, besonders wenn du aus München kommen solltest, wo die Kati schon für drei Pfennige danke schön sagt, daß man unter zehn Cent überhaupt keiner Hilfskraft in der Ernährungsbranche anbieten darf, und daß man das Trinkgeld immer nach oben bis zur nächsten durch zehn teilbaren Ziffer abrunden muß.
Du darfst ruhig Piefke heißen und in Schmierölen machen und brauchst dich doch keinen Moment zu besinnen, in den vornehmsten Hotels einzukehren. Wenn du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und weder die Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den Kompotteller ableckst, so wirst du auch in der allerprominentesten Gesellschaft geduldet werden. Für fünf Dollar bekommst du überall ein anständiges Zimmer mit Bad, und wenn du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade gut stehst, kannst du für denselben Preis sie auch mit hinein nehmen, denn die Betten sind immer reichlich zweischläfrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen wolltest, auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so würde man das vielleicht als einen Mißbrauch der Gastfreundschaft betrachten und dir einige Dollars extra tschardschen. Aber wer reist überhaupt mit Kindern nach Amerika?!
Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine ganz andere Rolle wie bei uns. Es ist ein gesellschaftlicher und geschäftlicher Treffpunkt, und die Lobby, d. h. die Vorhalle im Erdgeschoß mit ihren massenhaften Schaukelstühlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und sonstigen Verkaufsständen, spielt dieselbe Rolle, wie der [pg 237]Barbierladen im antiken Athen und Rom und wie das Caféhaus in Österreich. In der Lobby befinden sich auch Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei und Ausgabestelle für die Post. Die größeren Häuser haben sogar eine eigene Telephonzentrale für die Vermittlung des riesigen Gesprächsverkehrs innerhalb des Hauses wie mit der näheren und ferneren Außenwelt, und was man dir nicht mündlich durch den Draht ausrichten kann, das wird dir auf elektrochemischem Wege schriftlich gegeben. Selbst in den mittleren Städten haben die guten Hotels selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze Anzahl von Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom Keller, wo der Barbier, die Manikure, der Wichsier dich bearbeitet, bis hinauf zum Dachgarten, wo du in schönen warmen Sommernächten bei Musik und feenhafter Beleuchtung dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der Lobby aber und in den angrenzenden Restaurationsräumen laufen fortwährend kleine niedliche Pagen mit Zerevismützchen auf den Kinderschädeln herum und quarren die Namen der Leute aus, für die ein Besuch oder eine Depesche da ist, oder die am Telephon verlangt werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann aufhalten kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann man ruhig bei bösem Wetter dort hineinflüchten, sich eine Zeitung und eine Zigarre kaufen und in einem Schaukelstuhl Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet oder gar ein Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens mit seinen Geschäftsfreunden und abends mit seinem Liebchen. Bauernfänger, Detektivs und Reporter wimmeln in Scharen dort herum. Die letzteren holen sich drei Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer bei dem Clerk, der das Fremdenbuch führt, in das jeder neu ankommende Gast sich einschreiben muß, und stürzen [pg 238]sich auf ihn, sofern er nur irgendwie prominenzverdächtig oder weit hergereist ist oder sich durch einen europäischen Titel auffällig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren überall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an Gesprächen der Politiker, der Spekulanten, der Weltreisenden und der Klatschbasen erlauschen können, beschreiben die Toilette und das Gepäck reisender Künstlerinnen und konstruieren sich ganze Romane aus dem bloßen Mienenspiel aufgeregt flüsternder Leute.
Jeder, der es irgend afforden kann, kehrt in den großen Hotels ein, selbst Menschen, die man bei uns zu den kleinen Leuten rechnen würde, und reiche Leute, die auf dem Lande oder in den Kleinstädten wohnen, aber oft in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein, jahraus ein Zimmer für sich reservieren. Folglich sind die Hotels immer voll und amüsant für jeden, der kein Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und Luxus wird dir für deine europäischen Begriffe Fabelhaftes geboten. Bad und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverständlich; ein Transparent leuchtet auf und zeigt dir an, daß Briefe für dich in der Office sind, und was das Allererstaunlichste ist – jeden Abend wird dein Bett frisch bezogen, als ob du ein Milliardär oder ein Erzschweinepelz wärst! Nur deine Kleider mußt du dir selber reinigen, wenn du nicht M 2 extra dem Hausschneider dafür bezahlen willst, und die Stiefel mußt du dir im Keller oder auf der Straße putzen lassen. Was aber das Schönste ist: du kannst ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld heischenden Bediensteten Spießruten laufen zu müssen. Dem Hausdiener, der deine Koffer dir aufs Zimmer schleppt, gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und wenn du ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den Liftboy mit einem Tip. Selbstverständlich kannst du [pg 239]auch im Office dein Bahnbillett und dein Gepäck besorgen lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten mit dem Zurechtfinden oder mit den Behörden hast, so wird dir ein sehr feiner Gentleman zur Verfügung gestellt, der dich sicher geleitet und für dich redet, wo du etwa mit deinem Englisch nicht auskommst. Der Gentleman behandelt dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm nichts in die Hand zu drücken – er steht nachher auf deiner Rechnung. Alles, was du im Hause verzehrst, bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei, deine Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst.
Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrscheinlich bei der Ankunft in New York deine Schritte zunächst ins Astorhotel lenken, und du wirst gut daran tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren kannst, wie herrlich weit aus kleinsten Anfängen heraus es ein intelligenter, tatkräftiger Deutscher drüben bringen kann. In dem Hotel der Gebrüder Muschenheim, aus dem hessischen Dörfchen gleichen Namens, findest du nicht nur all den hier geschilderten Luxus und Komfort, sondern auch für dein ästhetisches Bedürfnis in dem großen Festsaal eine der schönsten Orgeln der Welt, die täglich von Künstlern ersten Ranges gespielt wird, und im Grillroom etwas für deinen historischen Sinn, nämlich ein geschmackvoll zusammengestelltes Museum, das dir über Leben und Treiben der Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen höchst lebendigen Anschauungsunterricht erteilt. – Kommst du aber weiter ins Land hinein, in die mittleren und kleineren Städte, so erkundige dich ja, bevor du dich in das Fremdenbuch einträgst, ob das Haus in europäischem oder amerikanischem Stil geführt wird; andernfalls kann es dir so ergehen wie mir in einer kleinen Stadt Wisconsins. Ich [pg 240]wurde mit meiner Frau in einem der besten Zimmer eines neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt untergebracht. Außer dem großen Bett stand kein Möbel in diesem Zimmer fest auf seinen vier Beinen, das vierte war nur angelehnt, wenn überhaupt vorhanden. Auf der frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser, der andere vom Rauch herrührend; ein Bad gehörte selbstverständlich auch zu diesem Staatszimmer, es war aber mehr ein Badloch zu nennen, und die Wanne darin war, (ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine Knie bis ans Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte man allenfalls sitzend darin Platz finden. Da wir während unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten eingeladen waren, so verzehrten wir nichts außer dem Frühstück am anderen Morgen, d. h. wir hätten dieses Frühstück verzehren können, wenn man es uns noch verabreicht hätte, was aber nicht der Fall war, da wir erst nach neun Uhr im Restaurant erschienen. Wir mußten also in die Stadt gehen und in einer Konditorei frühstücken. Die Rechnung betrug 7 Dollar, also nahezu M 30.– für ein Bett, einen Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein Quetschbad! Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu leihen. Da entgegnete mir der Clerk im Office seelenruhig: „Ja, warum haben Sie denn nichts verzehrt hier? Das ist Ihr Pech. Sie hätten für die 7 Dollar essen können, soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben nämlich amerikanischen Plan hier.“ Und die ganze Menschheit in der Lobby quietschte vor Vergnügen über die lange Nase, mit der ich abziehen mußte. Jetzt also, lieber Leser, weißt du, was american plan ist.
Wenn du nur einigermaßen prominent bist oder durch sonst welche auffälligen Eigenschaften die Aufmerk[pg 241]samkeit der Reporter auf dich gelenkt hast, so kannst du die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins Hotel in den Morgenblättern eine schmeichelhafte Beschreibung deines Exterieurs, eine Würdigung der Vorzüglichkeit deines eventuellen Schmieröls und außerdem deine Ansicht über Amerika zu lesen. Unter anderen Folgen solcher frisch gebackenen Popularität wird sich auch ein Gentleman in tadellosem Anzug mit liebenswürdigen Manieren befinden, der dir seinen Besuch macht und sich erbietet, dir gänzlich kostenlos deine ganze Reiseroute auszuarbeiten und die nötigen Fahrkarten nebst den Beikarten für Pullmanwagen und Bett zu besorgen. Du bist natürlich baß erstaunt über diese fabelhafte Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und begreifst, wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir findet. Da läßt sich ein zweiter, ebenso eleganter und liebenswürdiger Gentleman melden, erkundigt sich ebenfalls, wohin deine Reise gehen soll und macht dich lächelnd darauf aufmerksam, daß der Herr, der vorher da war, dir eine sehr unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe; mit seiner Gesellschaft würdest du schneller, komfortabler und sicherer reisen. Da hast du des Rätsels Lösung. Da zwischen den bedeutenden Plätzen der Union fast überall mehrere Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die verschiedenen Gesellschaften ihre Kunden persönlich einzufangen, obwohl man nicht nur in allen großen Hotels, sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in den eleganten Offices der verschiedenen Gesellschaften seine Billette vorausbestellen kann. Diese starke Konkurrenz hat für den Reisenden das Angenehme, daß sich jede Linie die größte Mühe gibt, ihm so viele Bequemlichkeiten und Vorteile zu bieten, wie irgend möglich. Wenn du also zum Beispiel geborener Berliner bist und als solcher [pg 242]Wert darauf legst, deiner koddrigen Schnauze Bewegung zu machen, so kannst du während deiner Reise alles bemäkeln, und wenn du dich irgendwie zurückgesetzt fühlst, den erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: „Wissen Sie, alter Freund, mit Ihrer verdammten Linie fahre ich nie wieder, verstehen Sie mich!“ Gegen Langeweile oder Magendrücken ist eine solche Erleichterung der Galle recht nützlich. Übrigens ist es immer sehr angenehm, einen reisegewöhnten Amerikaner zum Beistand zu haben, denn die Kursbücher sind für den Uneingeweihten sehr schwer verständlich; außerdem gibt es auch keine. Die einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrpläne in möglichst farbenfreudiger Ausstattung in den Hotels auf, und wenn man eine Reise vor hat, die einen über ein Dutzend verschiedener Linien führt, so stopft man sich also zwölf solcher schönen bunten Büchelchen in die Tasche; man wird aber, wie gesagt, schwer klug daraus, obwohl sonst alles, was das Verkehrswesen betrifft, von den Amerikanern überaus praktisch angepackt wird. Wie prächtig glatt und rasch geht z. B. die Gepäckaufgabe vonstatten! Durch einen Handgriff deines Koffers wird ein Lederriemchen oder ein Spagat gezogen, an dem eine Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine Nummer und den Namen des Bestimmungsortes trägt, das Duplikat dieser Marke wird dir ausgehändigt. Fertig! Und kostet nichts, außer wenn du über einen Zentner mit dir schleppst. An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein Mann durch den Zug und ruft: „Gepäck für Chicago!“, oder was es nun sein mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst ihm dein Absteigequartier. Fertig! Gibst du zerbrechliche Gegenstände oder schlecht verpackte Kolli auf, so mußt du einen Revers unterschreiben, daß du die Bahnverwaltung nicht für etwaigen Schaden verantwortlich [pg 243]machen willst. Willst du das nicht, so nimmt man dein Gepäck nicht mit, oder du mußt es besonders versichern. Das ist alles sehr vernünftig und nicht zeitraubend.
Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du sicher schon so viel gehört, daß ich dir darüber schwerlich etwas Neues erzählen kann. Verwunderlich ist es nur, daß in diesem Lande der höchst entwickelten technischen Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten können, die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So sind beispielsweise auch die schönsten Pullmanwagen fast immer entsetzlich überheizt und während des ganzen Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. Die einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug, der auf der Station durch das Öffnen der Außentüren entsteht. Bevor du an deinem Bestimmungsort ankommst, nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung, klopft deinen Überzieher aus und bürstet dich von oben bis unten sorgfältig ab. Das ist nun sehr hübsch von ihm, und du gibst ihm gern seine 20 Cent dafür, aber – die Zurückbleibenden müssen deinen Staub schlucken! Man kann sich die Atmosphäre am Ende einer langen Reise vorstellen! In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natürlich noch viel ärger, weil da die Türen seltener aufgemacht werden. Ich begreife überhaupt nicht, wie europäische Reisende die Schlafeinrichtung der Pullmanwagen bewundern können. Man liegt nämlich nicht, wie bei uns, quer, sondern längs in zwei Reihen übereinander, und zwar ohne Unterschied des Standes, Alters oder Geschlechts. Für die Ruhe soll es freilich vorteilhafter sein, die Stöße des Wagens in der Längslage abzufangen, und die Betten sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und gar hinter dicke, natürlich mehr oder minder staubige Vorhänge versteckt, deren Schlitz man, wenn man glück[pg 244]lich in sein Bett geturnt ist, von oben bis unten zuknöpfen muß. Ich fühlte mich einmal dem Ersticken nahe und konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. Als ich den um Himmels willen bat, doch wenigstens die Ventilationsklappe zu öffnen, erklärte er achselzuckend, es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind im Wagen, die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen S. M. „das Kind“ gibt es keinen Appell in Amerika. Wenn das Kind verschnupft ist mögen die Großen ersticken und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn du dir einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit dazu gehört, das Bedürfnis nach Ausgezogenheit mit der Genierlichkeit in Einklang zu bringen, als der Anfänger zu besitzen pflegt. Allerdings befinden sich an beiden Enden der riesengroßen Wagen sehr geräumige Toiletten, in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder ankleiden können; aber wenn man nicht praktisch im american style ausgerüstet ist, so weiß man doch nicht, wohin mit seinen Sachen, und wie man im Nachtzustande über eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen haben das leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations im Toilettenraum aus und werfen einen Schlafrock drüber. Früher pflegten sie die Strümpfe anzubehalten und ihr Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wußten das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken zu fahren und tiefschlafenden Damen die Strümpfe zu erleichtern. Neuerdings rentiert sich aber dies Geschäft nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der Passagiere mit vorgehaltenem Schießeisen, weil kein Mensch mehr Geld bei sich trägt als er gerade für die Reise nötig hat. Heutzutage hat jeder Mensch sein Scheckbuch bei sich und damit kann der Räuber nichts anfangen. (Wenn du [pg 245]also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein erster Gang zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du dein Geld deponierst und dir ein Scheckkonto eröffnen läßt.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, was amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die umständliche Morgentoilette eines herkulischen Gentleman nach einer Nachtfahrt vergessen. Der Mann war sicherlich weder ein Gesandtschaftsattaché, noch sonst ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich tätowierten Armen und Händen nach zu schließen, eher ein Metzger oder Viehhändler. Der Kerl wusch sich vom Kopf bis zu den Füßen, rasierte und frisierte sich, putzte Zähne, Ohren, Nägel, daß es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. Er nahm sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte seinen ungeschlachten Leib mit der Liebe und Sorgfalt eines Künstlers, der die letzte Feile an sein Werk legt. Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren könnten. – Übrigens geht so eine amerikanische Nachtfahrt auch dadurch arg auf die Nerven für jeden, der kein geborenes Murmeltier ist, daß die Glocken und Pfeifen der Lokomotiven fortgesetzt einen greulich aufgeregten Lärm vollführen, bei dem einem angst und bange werden kann. Sie müssen nämlich alle Augenblicke Warnungssignale geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstraßen sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier Strecke ohne Unter- oder Überführung. Da wird der nervöse Europäer schwer den Gedanken los, daß ihm plötzlich ein anderer Expreßzug rechtwinklig durch seinen werten Unterleib fahren könnte. Nein, alles was recht ist, aber Nachtfahrten sind nur in Rußland, Schweden und Norwegen wirklich komfortabel.
Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du [pg 246]in den Vereinigten Staaten, wenn du den Vorzug hast, weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand dürfte es da drüben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann ist auf einen Wink ihr zu jedem Dienst erbötig, und wenn sie einen Kavalier bei sich hat, so ist es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, alles für sie zu zahlen. Ich habe ein einziges Mal in Amerika einen wilden Wortwechsel erlebt, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte; das war in einem überfüllten Straßenbahnwagen in New York. Eine gut angezogene, nette Negerin des besseren Mittelstandes versuchte durch die dicht gedrängt stehenden Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Männerstimme: „Let the ladys get out first!“ – und eine andere Stimme höhnte dagegen: „Let the Niggers get out first.“ Und nun platzten über die Doktorfrage, ob eine Negerin auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften wild aufeinander! – Merke dir auch, mein Freund, daß du Damen deiner Bekanntschaft auf der Straße nicht zuerst grüßen darfst, das würde für eine Anmaßung angesehen werden; du mußt abwarten, ob sie die Gnade haben wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein Weib nicht bewundernd anstarren, und sei es noch so schön. Hast du aber die Bekanntschaft einer Dame in Gesellschaft oder im Familienkreise gemacht, und würdigt sie dich ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich auch nicht so zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. Handküsse sind nicht üblich, wohl aber ein ungeniertes festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe zuteil, eine Dame durch gefährliches Straßengewühl zu geleiten, so packst du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen Karren vor dir her; das ist sicher und für beide Teile angenehm. Hast du dir gar Freundinnen in den besseren Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater [pg 247]oder zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen einladen, ohne eine Mutter oder eine Tante als Begleitung befürchten zu müssen. Wenn du von deinen Freundinnen wohlgelitten bist, kannst du dir alle möglichen Vertraulichkeiten herausnehmen, ohne daß sie selbst oder die Familie deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Küssen sei vorsichtig; denn das Gesetz mancher Staaten betrachtet den Kuß als Heiratsversprechen, als tätliche Beleidigung oder Körperverletzung und brummt dir pro Stück eine beträchtliche Geldstrafe auf. Natürlich gibt es aber auch nette Amerikanerinnen, die gern und gratis küssen.
Den Hut kannst du fast überall aufbehalten, nicht nur in der Synagoge, sondern auch in der Lobby des Hotels; aber im Elevator mußt du ihn stramm herunterziehen, sobald eine weibliche Person über vierzehn Jahre hereintritt. Im übrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreißen und beflissenes Vorstellen nur lächerlich. Mache es dir zum Grundsatz, von deinen Mitmenschen, solange sie dir nicht durch einen Dritten offiziell vorgestellt sind, keinerlei Notiz durch höfliche Formalitäten zu nehmen. Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der Straße begegnest, so hast du es auch nicht nötig, deinen Deckel herunterzureißen und deinen Skalp der Unbill der Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und rufst lächelnd: „Hallo, Bobby, how do you do!“, worauf er gleichfalls winkt und ruft: „Hallo, Fritze, how do you do!“ Das ist praktisch und macht einen guten Eindruck; denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und ist euch auch beiden gänzlich gleichgültig, zu erfahren, wie es euch geht. Auch vor Hochgestellten brauchst du keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen; dafür verlangt man aber auch von dir, daß du die sozial untergeordnete Menschheit nicht hochmütig von oben herunter behandelst. [pg 248]Der Schatz der amerikanischen Umgangssprache ist reich an massiven Deutlichkeiten, und wenn du dir herausnimmst, einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es dir leicht passieren, daß du mit einer reichlichen Blumenlese aus diesem Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz der amerikanischen Höflichkeit besteht darin, daß man sich gegenseitig nicht im Wege ist, daß man seinem Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, dagegen in Verlegenheiten sich hilfreich beisteht. Ich habe gesehen, wie blinde und andere hilflose Personen sogar auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie können eben sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim Ein- und Aussteigen behilflich ist und sie vor Gefahr bewahrt. Man bekommt auch fast immer klare und knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten Unbekannten wendet, und wenn man ein sympathisches, vertrauenerweckendes Äußere hat, läßt sogar ein eiliger stark beschäftigter Großstädter seine Arbeit liegen und begleitet einen bis an die nächste Ecke. In den kleinen Dingen der täglichen Notdurft des Verkehrs darf man auch ruhig auf die Ehrlichkeit seiner Mitmenschen vertrauen; handelt es sich dagegen um größere Summen, so reiße deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif wie ein Schießhund.
Willst du in Amerika ein Geschäft eröffnen, so miete dir irgendwo im neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk ein Zimmerchen mit Telephon und Schaukelstuhl und engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle ungemein gewandt und vielfach auch sehr hübsch. Alsdann ziehe deinen Rock aus – denn das tut jeder Amerikaner, sobald er sein Office betritt, sei es Winter oder Sommer –, zünde dir eine Importierte an, verbreite deine Beine anmutig über Tisch und Stühle und beginne zu telephonieren. [pg 249]Telephonieren und Briefe diktieren füllt die amerikanischen Geschäftsstunden von 10–5 Uhr vollkommen aus. Da die Amerikaner meistens gute Geschäfte machen, muß das Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch an der Hemdärmeligkeit. Oberster Grundsatz deines Verhaltens aber sei und bleibe in allen Lebenslagen, solange du drüben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl aber mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch das ganze Land.
Das Land der absoluten Gegenwart ist für alle Kulturvölker ein Spiegel, in dem sie deutlich ihre Zukunft sehen können. Der Fortschrittsgedanke marschiert drüben in Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor sich, während unsere Schrittmacher der Entwicklung immer noch auf Hindernisse stoßen, die die Vergangenheit aufgerichtet hat, Berge von Vorurteilen, Abgründe von Dummheit, die nicht immer leicht zu überklettern oder zu überspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden Überflügelung durch die Neue Welt in allen Fragen der technischen Zivilisation daran gehen wollten, unsere Abgründe auszufüllen und unsere Berge abzutragen – was würden wir damit gewinnen? Eine trostlose Verflachung unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch mit historisch und philosophisch geschultem Denken, mit ästhetischem Bewußtsein und einer idealistischen Weltanschauung ausgerüstet, wird, mit offenen Augen in jenen Spiegel hineinschauend, nur sagen können: Gott bewahre uns vor dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, daß wir unseren wertvollsten Besitz, nämlich unsere geistige Kultur, nicht den materiellen Errungenschaften der Gegenwart, sondern der fernen und fernsten Vergangenheit verdanken, und daß es gerade jene Hemmungen des Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund für unser gegenwärtiges Empfinden, Wissen und Können so überaus solid aufgemauert haben.
Wir Europäer haben von Amerika schon mehr gelernt, als wir wissen und als uns gut ist. Seit nämlich die raum- [pg 251]und zeitverkürzenden Erfindungen sich zu überstürzen begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefähr, ist von Amerika her der Rekordwahnsinn in die Welt gekommen. Fast alle die großen Erfindungen, vermöge deren wir jetzt Wasser, Erde und Luft beherrschen, sind in der Alten Welt gemacht und hätten unter allen Umständen die Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu steigern; in Amerika aber haben diese Erfindungen, der ungeheuren Entfernungen wegen, doch die rascheste und vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch auch stärker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt. Der Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen zu machen und auf allen neuen Gebieten das Vollkommenste zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung, und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit hat, sich auf dem Felde der Literatur und der Kunst auszutoben, stürzte sich mit Begeisterung auf den Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport sehr teuer und sehr gefährlich ist, so sagt er dem Amerikaner, der ja bessere Nerven besitzt und aufregende Vergnügungen in viel größeren Quantitäten vertilgen kann, ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrückten Schnellzugs-, Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten nicht im eignen Lande, sondern begann an allen internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Sein Sensationsbedürfnis und seine unverbrauchte Kraft haben das Rekordfieber in der großen Welt gewaltig geschürt. Die enorm gesteigerte Schnelligkeit, der großartige geschmackvolle Luxus der transatlantischen Dampfschiffe haben die Yankees in immer größeren Scharen zu uns hinübergelockt, und wo immer sie in größerer Menge auftraten, zwangen sie durch ihren Reichtum die betreffenden [pg 252]Orte, sich ihren Ansprüchen anzubequemen. Genau so, wie ehemals die Reiselust der Engländer und ihr starres Festhalten an ihren nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust und Unfähigkeit, Sprachen zu erlernen und sich fremden Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und Fremdenindustrie einen starken Einfluß ausübte, so geschieht dies jetzt noch in höherem Maße durch die größere Kapitalskraft ihrer amerikanischen Vettern. Während die amerikanischen Hotels sich allmählich den europäischen Stil aneignen, bemühen sich jetzt unsere Hotels, sich zu amerikanisieren. Die Engländer kamen früher sehr häufig auf den Kontinent, um zu sparen, zeigten sich also hier geizig; die Amerikaner dagegen sind viel großartiger und leichtsinniger, als Emporkömmlinge auch protzenhafter. Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das größte Vergnügen; aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern auch den Stil bodenständiger Kultur, den guten Geschmack, weil sie überall die Sensation, das Äußerste, das Unerhörte verlangen. Da sie bereit sind, es gut zu bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt es, daß auch bei uns immer mehr das Schönste und das Bedeutendste, was unsere Natur und unsere Kunst aufzuweisen haben, sich dem amerikanischen Snobismus anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht des Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur an Bayreuth, Oberammergau, die Münchener Musikfeste, die großen Bilder- und Antiquitätenauktionen, die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun will sich aber der europäische Reichtum nicht gern ausstechen lassen. Er strengt sich darum aufs äußerste an, es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein gefährlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. Da ferner die tiefste Bildung und der feinste Geschmack [pg 253]durchaus nicht immer an den Reichtum geknüpft sind, so machen sich Dilettantismus und Oberflächlichkeit immer mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer schwerer, sein Bedürfnis nach Kunst- und Naturgenuß zu befriedigen. Wohl dürfen wir Völker Europas uns einbilden, daß anspruchsvoller Geschmack und tiefere Bildung bei uns verhältnismäßig verbreiteter seien, als in der Neuen Welt; immerhin sind doch aber auch bei uns die Ungebildeten in der Überzahl, und diese Überzahl wird leicht verführt durch die glänzende Außenseite, die amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Betätigungen seiner Vergnügungssucht zu geben vermag. In den Niederungen der dramatischen Kunst, z. B. in der Operette, im Vaudeville, im Variété, im Zirkus dringt der amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer mehr durch. Das Vergnügen an den Sentimentalitäten, Hintertreppensensationen und Clownspäßen der Lichtbildtheater, an mechanischen Musikwerken, oder gar an den scheußlichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet schon durchaus amerikanisch an.
Der ausschlaggebende Einfluß des Reichtums in Bezirken, wo eigentlich nur die Autorität des Wissens und des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das Kulturniveau in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, die alles bisher Dagewesene rasch überbieten sollen, hindert die gesunde Stetigkeit der Entwicklung und drängt den Tüchtigen überall zugunsten des Fixen zurück. Als Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glänzende Auslese von flott und sicher auftretenden geschäfts- und sportgewandten Männern kennen, in Begleitung reizender, eleganter, siegessicherer Frauen. Das erweckt in uns die Meinung, daß diese beneidenswerten Neuweltler, die es in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter [pg 254]gebracht haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem richtigen Wege sein müßten, und wir beginnen folglich uns unserer Langsamkeit, unserer bedächtigen Gründlichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schämen. Wir vergessen dabei, daß gerade das Zusammenwirken dieser Eigenschaften es ist, was uns heute immer noch über die glänzende Scheinkultur der Neuen Welt ein beträchtliches Übergewicht gibt. Wenn wir uns auf den atemlosen Wettbewerb mit dem Riesenkontinent über dem Ozean einlassen, so werden wir sicher den Kürzeren ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes sind nicht so unerschöpflich wie die drüben, und wenn unsere Industrie, unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben darauf richten wollten, das unerprobte Neue, das Unfertige also, nur möglichst schnell an die Stelle des Alten zu setzen, um anderen Ländern zuvor zu kommen, so würden unsere Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald nicht mehr die wichtige Rolle spielen wie heute. Der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele Dinge von uns zu beziehen genötigt sind, liegt hauptsächlich darin, daß drüben jenes Erbinventar von Talent, Geschicklichkeit und Geschmack, durch Handwerksstolz und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt und verstärkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen Vorzüge würden uns aber verloren gehen, wenn wir uns von dem amerikanischen Snobismus noch weiter anstecken ließen.
Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen Zeitungswesens darauf hingewiesen, daß auch unsere Presse hie und da bereits recht bedenkliche Anläufe gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wüster Sensationsgier und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte [pg 255]der minderwertigsten Leserschaft sogar der gelben Presse gleichzutun. Auch bei uns beweist die Erfahrung, daß auf dem Gebiete des geistigen Schaffens die Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem ordinären Geschmack entsprechend aufgeputzt ist, durch den Massenabsatz erheblich mehr einbringt, als das gute, aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern einfach zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist dies ebenso wie der Massenabsatz von billiger und vielfach recht minderwertiger Reiselektüre. Wir haben uns neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft, gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese Herabwürdigung zumal der literarischen Arbeit zum bloßen Zeitvertreib dadurch anzukämpfen, daß wir überall, bis in die kleinsten Nester hinein, eine überaus lebhafte Vereinstätigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann aus dem Volke für ganz billiges Geld wertvolle Anregung, Belehrung und gute künstlerische Unterhaltung zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte und Künstler zu Vorträgen gewinnt. Außerdem blühen überall die Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und wirklich wertvolle gemeinnützige Unternehmungen, wie Reclams Universalbibliothek, stehen schon nicht mehr vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der Drang nach Belehrung, nach künstlerischer Erbauung auch in weite Schichten unseres Volkes getragen, für die früher die Quellen des Wissens und der Schönheit unerreichbar waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgemäß erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten Staaten, obwohl auch dort, namentlich durch Gründung von musterhaft eingerichteten öffentlichen Bibliotheken und Museen, durch die University Extension und Ge[pg 256]winnung von tüchtigen Wanderrednern neuerdings sehr viel in dieser Richtung getan wird. Es ist also wahrscheinlich, daß uns in nicht allzu ferner Zeit Amerika auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen wir uns nicht überflügeln lassen, so wird der Richtspruch unserer Volksbildner ebenso wie der unserer Fabrikanten heißen müssen: „Qualität, nicht Quantität; nicht vom Neuen das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das Auffallendste, sondern das Originalste, das Persönlichste, das Deutscheste bieten.“
Wir haben es ja so viel leichter, persönlich, original, volkstümlich zu sein, denn wir sind ein Volk, als Rasse zwar auch gemischt, aber in dieser Mischung doch schon seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte Europa für den feinsinnigen Betrachter so unerschöpflich interessant macht, das ist die unendliche Abwechslung und Differenzierung im Charakter seiner Völker. Wie die Mundart schon in verhältnismäßig kleinen Bezirken wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so groß ist wie der eine Unionsstaat Texas, so verschiedene Gebilde, wie etwa das Plattdeutsche und das Oberbayrische zu erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der Charakter der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in der Bauart, den Sitten und Gebräuchen widerspiegelt. Eine nordamerikanische Rasse gibt es aber vorläufig noch lange nicht, und die Behauptung vereinzelter amerikanischer Gelehrten, daß die Menschheit drüben sich deutlich dem Indianertypus zu nähern beginne, dürfte wohl als ein wunderliches Hirngespinst zu betrachten sein. Die Menschen, die sich in der Neuen Welt zusammengefunden haben, werden wohl noch auf unabsehbare Zeit hinaus Engländer, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener, Russen, Juden, Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich [pg 257]wie z. B. die Neger in den Vereinigten Staaten noch nach ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt alle Schattierungen der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrikanischen Landstrich verraten, dem ihre Vorväter entstammten, so wird man auch den Nachkommen der weißen Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr ursprüngliches Vaterland ansehen, vorausgesetzt, daß sie nicht durch fortwährende Mischehen absichtlich darauf ausgehen, ihre Rassenmerkmale zu verwischen. Es sind nur die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klimatischen Verhältnisse, welche drüben innerhalb der verschiedenen Rassen einen eigenartigen neuen Typus erzeugen. Wenn ein Deutscher ein oder zwei Jahrzehnte lang in Argentinien oder in Südwestafrika Farmer gewesen ist, so vermag er sich auch in seinem Wesen und in seinem äußeren Gebaren so stark zu verändern, daß seine Familienangehörigen, wenn sie ihn nach so langer Zeit wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen. Aber er ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen und beileibe kein Buschmann oder Pampas-Indianer geworden! In den Vereinigten Staaten ist überdies noch die Möglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren, dadurch ausgeschlossen, daß diese Ureinwohner bis auf klägliche Überreste vernichtet sind. Der Deutsche kann drüben dem Engländer, der Jude dem Japaner, der Neger dem Italiener dies und jenes abgucken oder unwillkürlich in fremde Anschauungen sich hineinfühlen, fremde Gebräuche übernehmen, aber aus seiner Haut kann er deswegen noch lange nicht hinaus. Es wohnt also drüben ein Völkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus den neuen Lebensbedingungen heraus gemeinsame Kultur[pg 258]ideale zu suchen. Von einem amerikanischen Volke wird man erst sprechen können, wenn die ungeheuren Ländergebiete drüben so gleichmäßig bis zur Sättigung bevölkert sind, daß die Regierung auf die Aufnahme weiterer Einwanderer dankend verzichten kann. Aber auch bei verschlossenen Türen wird der Prozeß der Durchrührung des so verschiedenartigen Geblütes viele Jahrhunderte in Anspruch nehmen. Vielleicht wird es im Jahre 3000 eine nordamerikanische Rasse geben – denkbar aber auch, daß bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation der großen Kulturwelt überhaupt eine Rassenbildung nicht mehr möglich ist, und die ganze Änderung darin bestehen wird, daß die alten Rassen ihre charakteristischen Eigenschaften verlieren und höchstens noch, als pikante Erinnerung an die einstige schöne Verschiedenartigkeit, Farbennuancen übrig bleiben. Sollte dieser Zustand in ein- bis zweitausend Jahren wirklich schon eingetreten sein, dann könnte man davon sprechen, daß Amerika uns verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zerstörenden Tendenz bemerken läßt. Die Gewissensfrage ist für jeden einzelnen: soll ich dazu beitragen, die Entwicklung zum rassenlosen Weltbürgertum zu beschleunigen, oder soll ich mich mit all meinen Kräften dagegen sträuben?
Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa zurückkehrt, so nimmt zunächst das Auge mit wonnigem Behagen den Eindruck der Ordnung, der Fertigkeit, der stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschenwerk in sich auf. Sei es eine englische Hügellandschaft mit ihrem üppigen Wiesengrün und ihren anmutigen Heckenzäunen, sei es ein französischer alter Herrensitz mit wundervollem Schloß, umgeben von Weinbergen, [pg 259]Blumen und Obstgärten, sei es selbst nur eine arme deutsche Flachlandschaft mit ihren peinlich nach der Schnur bestellten Feldern, ihrem trauten Dörflein, so behaglich im Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne Großstadt mit imposanten geraden Straßenfluchten, voll prunkender öffentlicher Gebäude, oder sei es endlich gar eine uralte, winklige, hochgieblige, vieltürmige Kleinstadt, noch durch alte Ringmauern und Wachttürmchen gegen einen längst nicht mehr existierenden Feind geschützt. Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans schmerzlich vermißt haben und die man uns auch drüben nicht nachahmen kann. Das ist Tradition einer alten Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten Disziplin, ästhetische Werte, die nicht nur die Sinne des anspruchsvollen höheren Menschen erfreuen, sondern auch ethisch überaus fruchtbar sind, weil in allen diesen Dingen die besten Kräfte der Rasse äußerlich sichtbar werden. Diese ethisch ästhetischen Werte sind es, die den Begriff der Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat gibt es ein wirkliches Lebensglück. Wer gedankenlos nur der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu kommen, die Heimat zu unterschätzen, weil er meint, daß das Glück da wohnen müßte, wo die Mittel zu einem üppigeren Dasein leichter zu erreichen sind, und wo es weniger schwer als daheim sei, in weiteren Bezirken eine erheblichere Rolle zu spielen. Für solche Leute ist es wohl angebracht, nach Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschenwerke da drüben werden sie erst den Wert der Heimat schätzen lernen – es sei denn, daß sie zu den blinden Seelen gehören, welche im rein materiellen Genuß ihr Genügen finden. Die Amerikaner, deren geistige Ansprüche eine vertiefte Bildung gesteigert hat, kommen ja [pg 260]jetzt mit ihrem großen Hunger nach echter Kultur zu uns nach Europa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener herz- und sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen könne, die ihre vorläufig noch fast ausschließlich technische Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie bekommen alle eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft, vor unserer Kunst, vor der Solidität unseres Handels und unserer Industrie, vor der Geschicklichkeit unserer Handwerker, vor der wohldisziplinierten Ordnung unserer Lebensverhältnisse; viele von ihnen bringen auch als Reisegewinn eine liebenswürdig verschämte heimliche Liebe zu unserer Romantik mit heim – nachahmen aber können sie auch beim besten Willen diese unsere Vorzüge schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts übrig, als in Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk mit eigner Tradition geworden sind.
Umgekehrt sendet Europa jahraus, jahrein eine gar buntscheckige Gesellschaft von Lebensstudenten in die Neue Welt hinüber: alle die überzähligen Esser kinderreicher Familien, unzufriedene, verärgerte, aufsässige und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durchbrenner aus allen Ständen, und diese schwierige Gesellschaft lernt tatsächlich da drüben mehr, als sie irgendwo in der Alten Welt lernen könnte. Der entschlußunfähige Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln gebrauchen kann, der langsame, ängstliche Philister, der faule Träumer, der vornehme Müßiggänger, der hochmütige Geld- oder Wissensprotz – sie alle werden zunächst einmal durch die gröblichen Fauststöße der harten Not darauf aufmerksam gemacht, daß die Parole in der Neuen Welt laute: Augen auf! nicht abwarten, sondern zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, muß arbeiten, [pg 261]und der persönlichen Würde tut es keinen Eintrag, ob du von Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer weder ein Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selbständiges Geschäft anzufangen, noch ein Handwerk, eine Kunst, eine Wissenschaft so praktisch zu verwerten weiß, daß er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und Nahrung findet, der muß sich eben ohne Zögern auf dem großen Arbeitsmarkt für jede beliebige Tätigkeit zur Verfügung stellen, die bezahlt wird. Ich habe drüben Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen im Lande waren und bei uns maturiert hatten, adlige Offiziere in Mengen als Kellner, Reitknechte, Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmännische Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent für irgendeine Warenspezialität zu werden; zeigt er sich hierin gewandt, so ist der Schritt zum selbständigen Geschäftsmann nicht mehr schwer. Das Gute bei dieser Härte ist, daß sich der Amerikaner durch Anmaßung, hinter der keine offensichtliche Kraft steckt, nicht imponieren läßt. Der Yankee macht sich freilich oft lächerlich durch sein übereifriges Herandrängen an unsere Höfe, an unseren Adel, und der echte Republikaner drüben ist mit Recht empört über das Bestreben seiner Emporkömmlinge, die schwere Mitgift der Töchter gegen europäische Titel und Stammbäume einzutauschen; aber man merkt bei näherem Zusehen doch bald, daß es nicht der Titel an sich ist, welcher diese faszinierende Wirkung übt, sondern vielmehr die mit altem Adel verbundene vornehme Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten drüben ihr Brot suchenden, heruntergekommenen Adligen, da versagt der Zauber völlig. Eine Persönlichkeit, die sich nicht kraft ihrer ungewöhnlichen geistigen oder physischen [pg 262]Begabung durchzusetzen versteht, muß unerbittlich in die Hackmaschine hinein und geht in der großen Gleichheitswurst auf. Aber auch mit philiströser Bedenklichkeit kennt das amerikanische Leben kein Erbarmen. Wer in der kecken Fixigkeit des Lebens den Atem verliert, der kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefährt des Fortschritts unterwegs verlassen, so muß er schon sehr geschickt in der Fahrtrichtung abzuspringen verstehen – nach rückwärts aussteigen heißt unter die Räder kommen.
Eine der besten Seiten der Demokratie ist es aber, daß sie selbst dem Verbrecher nicht den Rückweg zum anständigen Leben verlegt. Das Vertrauen auf die eigne Kraft ist eben so stark entwickelt, daß man sich vor den Schädlingen der Gesellschaft nicht so überängstlich fürchtet wie bei uns. Denn wer etwa im wilden Westen sich seinen Wohlstand geschaffen hat, der mußte ja immer gegen Räuber, Indianer oder Gauner in den eignen Reihen auf dem qui-vive stehen, und die Erfahrung hat ihn gelehrt, daß ein einziger beherzter Mann mit einem Dutzend feigen Gesindels fertig werden kann. Er hat aber auch an zahlreichen Beispielen gesehen, wie ausgemachte Lumpen durch den Zwang der Arbeit und schließlich durch den Erfolg doch noch zu brauchbaren Menschen gemacht wurden. Das Resultat dieser Erfahrungen ist, daß man sich des Verbrechers zwar sehr energisch erwehrt, ihm jedoch immer wieder Gelegenheit gibt, ein besseres Leben anzufangen, und wenn er dann etwas Ordentliches erreicht, hält man ihm seine Vergangenheit nicht wieder vor. Das ist ein großer, edel menschlicher Zug, dem viele durch falsche Erziehung und angeborene Charakterschwäche zu Verbrechern gewordene Menschen ihre Rettung verdanken. Auch die amerikanischen Richter sind [pg 263]glücklicherweise bessere Menschen- als Gesetzeskenner. Wir sind sehr geneigt, den manchmal grotesken Humor ihrer salomonischen Urteile zu verspotten, aber es ist sicher, daß diese lustigen Entscheidungen nicht halb so viel Unheil stiften und Erbitterung zurücklassen, als oft die Paragraphentreue unserer sattelfesten Juristen. Selbst der barbarische Richter Lynch hat sich wohl noch nie an einem Unschuldigen vergriffen, und die Abschreckungstheorie handhabt er jedenfalls mit praktischem Erfolg. Der Verstand von Haus aus gescheiter Menschen, den lediglich das Leben selbst mit seinen Erfahrungen in die Lehre genommen hat, ist, wenn er wirklich gesund geblieben ist, sicher ein besserer Urteilsfinder als alle Schmökerweisheit des weltfremden Ofenhockers. Und unter der gesegneten Herrschaft des Kgl. Großbritannischen common sense haben sich ja alle besten Charaktereigenschaften der Neuweltler so erfreulich entwickelt. Wir alten Europäer werden ihnen freilich diese Charaktereigenschaften nicht ohne weiteres ablernen können, denn ihr Optimismus, ihre prahlerische, aber tatkräftige Zuversichtlichkeit, ihr mutiger Leichtsinn sind eben Tugenden der Jugend, und andere Vorzüge, wie besonders ihre schöne Neidlosigkeit, sind durch die Gewöhnung an Verhältnisse bedingt, die wir alten Völker ebensowenig nachahmen können wie die Jugend.
Es gibt sogar rein geistige Gebiete, auf denen wir von den Yankees noch etwas lernen können, nämlich das Kirchen- und das Schulwesen. Wir werden ein rückständiges Volk heißen müssen, so lange wir nicht die Trennung von Staat und Kirche durchgeführt haben und so lange es noch möglich ist, daß ein Deutscher seines religiösen Bekenntnisses wegen gesellschaftlich verfemt und um sein Brot gebracht werden kann. Wir marschieren [pg 264]nicht an der Spitze der Zivilisation, so lange bei uns ein Vater, der seine Kinder nicht dem Christentum ausliefern will, durch Polizeistrafen und sonstige behördliche Schikanen drangsaliert werden kann, und so lange ein staatlich anerkanntes religiöses Bekenntnis vorschriftsmäßige Bedingung zur Erlangung öffentlicher Ämter und Ehrenstellen ist. In dem Lande der absoluten Glaubensfreiheit ist das religiöse Leben, trotz mancher blamabeln Auswüchse, viel reicher entwickelt als bei uns, und die starke religiöse Persönlichkeit, der agitatorisches Talent verliehen ist, kann eine Macht über die Seelen gewinnen, um die sie unsere Generalsuperintendenten und sogar unsere Erzbischöfe ehrlich beneiden dürften. Über das, was wir auf dem Gebiete des Schulwesens von den Yankees lernen könnten, habe ich an anderer Stelle mich verbreitet. Ein Volk, das Jugend in sich selber hat, versteht auch naturgemäß mit der Jugend besser umzugehen. Übrigens machen die Yankees ja andauernd praktische Proben auf Exempel, die unsere fortschrittlichen Theoretiker schon längst aufgestellt haben. Lernen wir also an ihren Erfolgen und Mißerfolgen.
Es gibt auch sonst noch Gebiete, auf denen die praktischen Erfolge des großen Staatenbundes uns als Vorbild dienen können: dahin rechne ich in allererster Linie die politische Macht, welche die Yankeerasse entwickelt hat. Die Yankees, also die Nachkommen der Einwanderer aus den britischen Inseln, sind heute der Zahl nach den Nachkommen der deutschen Einwanderer nur noch um etwa zwei Millionen voraus und dennoch haben sie es verstanden, ihrer Rasse die politische Vorherrschaft dauernd zu erhalten. Die Yankees allein haben nicht nur kolonisatorisches, sondern auch staatenbildendes Geschick bewiesen, während die Deutschen nicht einmal die von [pg 265]ihnen gegründeten Gemeinwesen dauernd in der Hand zu behalten wußten. Die Deutschen haben die Staaten Pennsylvanien, Illinois, Wisconsin, Michigan, Missouri ihrer Zeit förmlich überflutet. Germantown, Milwaukee und einige andere waren einmal ganz deutsche Städte. Cincinnati, Cleveland, Chicago, St. Louis und zahlreiche andere Großstädte zeigten vorübergehend ein Übergewicht an deutschen Einwohnern, und dennoch haben sie sich überall das Heft aus der Hand winden lassen. Wohl gibt es noch hie und da einen deutschen Bürgermeister, aber er versteht kein Deutsch mehr und verdankt seine Stellung den politischen Bossen und nicht dem einmütigen Willen seiner Rassegenossen. Die Deutschen haben doch wahrlich nicht nur ihren Ausschuß über den Ozean geschickt, die große Mehrheit bildeten vielmehr tüchtige bäuerliche und handwerkliche Kräfte, und im Jahre 1848 gingen sogar zahlreiche unserer besten Intelligenzen hinüber, die den Beruf zu geistigen Führern ihrer Stammesgenossen in sich trugen. Woher kommt es denn nun, daß trotzdem diese 18½ Millionen Menschen es zu keiner politischen Selbständigkeit bringen konnten? Die Zahl jener geborenen Führer, die sich am Ende der 40er Jahre im Mississippital niederließen, und die man spottweise die lateinischen Bauern nannte, mag allerdings wohl der erdrückenden Überzahl der ungebildeten, politisch gleichgültigen Landsleute gegenüber zu gering gewesen sein – auch war der Vorsprung, den die britischen Eroberer vor ihnen voraus hatten, nicht ohne weiteres einzuholen; das Schlimmste aber war, daß alle diese Deutschen ein stolzes Nationalgefühl überhaupt nicht besaßen, und daß sie ihren Partikularismus, ihre subalterne Denkungsart, ihr Spießbürgertum mit hinüberbrachten. Diese Deutschen gaben zwar sehr tüchtige Bauern, Handwerker und Kleinbürger ab, zeigten [pg 266]sich aber den besonderen Anforderungen des amerikanischen Lebens nur selten gewachsen. Viele von ihnen waren nicht einmal fähig, sich die englische Sprache völlig anzueignen, obwohl sie ihre Muttersprache verlernten. In Kriegszeiten übrigens haben auch diese Deutschen Großartiges geleistet, wie denn ja auch die von ihren edlen Fürsten verkauften Württenberger, Hessen usw. sich in Kriegen, die sie nicht das Mindeste angingen, wie die Löwen geschlagen haben. Im Sezessions- wie im Bürgerkrieg verdanken amerikanische Truppen deutschen Heerführern einige ihrer glänzendsten Siege – und dennoch waren und blieben diese Deutschen nur ein gern geduldetes und gehörig ausgenutztes Gastvolk innerhalb der riesigen britischen Kolonie. Die herrschende Rasse dachte selbstverständlich nicht daran, diese bequemen Biedermänner in ihre großen Ehrenstellen der Staats- und Gemeindeverwaltung hinein zu komplimentieren, da sie selber durchaus keinen politischen Ehrgeiz entwickelten. Es hätten den deutschen Einwanderern damals zwei Wege offen gestanden: entweder sie mußten resolut ihr Deutschtum über Bord werfen und mit Haut und Haaren Amerikaner werden, oder aber sie mußten fest zusammenstehen, sich alle in einer bestimmten, von ihnen zuerst besetzten Gegend niederlassen, einen deutschen Staat im Staate gründen und diesen mit rücksichtslosem Chauvinismus gegen das Anglo-Amerikanertum und den Zustrom anderer Rassen abschließen. Die meisten Deutschen haben aber keines von beidem getan, sie haben sich über das ganze weite Land zerstreut und sich dann in unzähligen Vereinen wiedergefunden, die sich gegenseitig nicht selten aus engeren landsmannschaftlichen oder aus gesellschaftlichen Eitelkeitsgründen aufs gehässigste bekämpfen. Aber auch der starke Zustrom aus dem geeinigten Deutschland der [pg 267]70er und ersten 80er Jahre hat keine wesentliche Änderung in diesen Verhältnissen gebracht. Diese neuen Reichsdeutschen hätten doch alle Ursache gehabt, ihren frischen Nationalstolz der herrschenden Yankeerasse entgegenzustellen, aber auch unter ihnen war der politische Ehrgeiz eine seltene Pflanze. Wenn sie in Ruhe ihren Wohlstand begründen durften, waren sie zufrieden, und selbst diejenigen, die durch ihre Tüchtigkeit und durch ihren Besitz zu hohem Ansehen gelangten, dachten nicht daran, sich in das Parteigetriebe zu stürzen – die meisten wohl aus moralischem Reinlichkeitsbedürfnis, viele auch aus reiner Bequemlichkeit. Man muß also doch wohl sagen, daß ihnen, einige ganz wenige glänzende Ausnahmen, wie Karl Schurz, abgerechnet, Temperament und Talent für die Politik fehlten. Die Deutschen der heidnischen Vorzeit haben kolonisatorisches Talent und Staatsklugheit im hohen Maße besessen und verdankten dieser Eigenschaft die glänzende Rolle, die sie während der Völkerwanderung und noch während der Staufferzeit in der Weltgeschichte spielten. Der jahrhundertelange Jammer der Kleinstaaterei und Pfaffenherrschaft haben aber jene ursprünglichen Veranlagungen vollständig erstickt. Hingegen kamen die ersten englischen Besiedler der neuen Welt aus einem Lande, in welchem die parlamentarische Verfassung bereits Zeit gehabt hatte, die ganze Nation, bis in die untersten Schichten hinein, politisch zu erziehen. Zudem waren es neben den religiösen auch zumeist politische Ursachen, welche die Leute zum Auswandern veranlaßten, und sie alle, mochten sie Royalisten oder puritanische Revolutionäre sein, brachten den Stolz mit hinüber, Bürger einer Weltmacht zu sein, deren Flagge siegreich und gefürchtet in allen Meeren der Erde wehte. Diese Auswanderer hatten also alle Ursache, sich als ein [pg 268]Herrenvolk zu fühlen, sie waren sich aber auch der vornehmsten Pflicht bewußt, welches dieses Herrentum ihnen auferlegte – der Pflicht nämlich, ihr Blut rein zu halten. Im Gegensatz zu den romanischen Eroberern Südamerikas und Mexikos, die nichts Eiligeres zu tun hatten, als mit den eingeborenen Weibern eine recht bedenkliche Mischrasse zu erzeugen, existierte für die Anglo-Amerikaner des Nordens das rote Weib überhaupt nicht; und selbst gegen Mischehen mit den besten europäischen Einwanderern richtete das Rassenvorurteil einen starken Damm auf. Das ist das ganze Geheimnis der imposanten Machtentwicklung der keltogermanischen Rasse in Nordamerika und das ist auch das Gebiet, auf dem wir heute noch bei den Briten diesseits und jenseits des Ozeans in die Lehre gehen müssen. Das Wort Chauvinismus hat einen garstigen Klang für unsere kosmopolitischen Doktrinäre, unsere edlen Friedensschwärmer und liberalen Idealisten, es ist aber schließlich nur ein anderer Ausdruck für Kraftbewußtsein. Denn bei allen wirklich starken Rassen und Nationen ist der Republikaner so gut wie der Monarchist, der Liberale so gut wie der Reaktionär chauvin.
Die Deutschen, die nach 1870 eingewandert sind, vielfach auch noch deren Kinder, besitzen nun allerdings jenen schönen Nationalstolz, von dem die vorigen Generationen noch nichts wußten. Sie lesen noch die deutschen Zeitungen und freuen sich der Berichte über die großartige Entwicklung des deutschen Handels, der deutschen Industrie, das Aufblühen seiner Weltmachtstellung zur See. Auch wenn sie die Zeitungen nicht läsen, würden sie von diesem Aufschwung einen starken Hauch verspüren, denn sie können kaum in irgendeinen Laden gehen, ohne auf die schmeichelhafte Inschrift: „Made in Germany“ zu stoßen, und die gewaltigen Schiffe der großen Reedereien, allen [pg 269]voran Hapag und Lloyd, die sogar die englischen Meergiganten an solider, geschmackvoller Pracht und Zuverlässigkeit in jeder Beziehung übertreffen, haben für die Hebung des deutschen Ansehens über dem Ozean mehr getan, als selbst die himmelhohen Berge bedruckten Papieres, auf denen der deutsche Geist in diesen letzten vier Jahrzehnten des gesegneten Friedens sich für die Ewigkeit zu manifestieren trachtete. Die Person des deutschen Kaisers, als Symbol dieser friedlichen Welteroberung durch deutsches Wissen und deutsches Können, genießt bei den Deutschamerikanern eine fast uneingeschränkte Verehrung, und auch das Vereinsleben hat durch diesen neuerwachten Vaterlandsstolz neue Triebkraft bekommen. In New York, Brooklyn, Chicago, Indianapolis, Milwaukee und einigen anderen Städten erheben sich schöne deutsche Vereinshäuser, in denen nicht nur gekegelt und Skat gedroschen, sondern auch mit ernstem Eifer deutsche Musik und überhaupt deutscher Kulturbesitz gepflegt wird. In Cleveland haben die Deutschen in einem schönen öffentlichen Park eine Kopie des Weimarschen Schiller-Goethe-Denkmals errichtet, in Buffalo bemühen sie sich mit rührender Leidenschaft um denselben Zweck, und selbst im fernen Westen, in Kalifornien und Kansas ist dieser fromme Eifer rastlos am Werk. Der Zusammenhang mit dem literarischen Leben des Vaterlandes ist freilich nur lose, denn es ist begreiflich, daß die Bestrebungen einer ausschließlich auf ästhetische Kultur gerichteten intellektuellen Oberschicht in dem neuen Lande, wo die Sorge um Begründung und Aufrechterhaltung des materiellen Wohlstandes alle Kräfte noch fast ausschließlich in Anspruch nimmt, wenig Verständnis finden können. In dieser Beziehung sind es noch Großväterideale, welche die versprengten Landsleute [pg 270]drüben pflegen und es ist charakteristisch, daß die wenigen leidenschaftlichen Bekenner zum modernen Deutschtum in Kunst und Literatur vorwiegend eingewanderte deutsche Juden sind.
Es hat sich also nachträglich doch noch so etwas wie ein deutscher Chauvinismus entwickelt – leider, leider kommt er jetzt um mehr als ein halbes Jahrhundert zu spät, denn die Neue Welt ist fortgegeben! Es hieße unseren deutschen Landsleuten einen schlechten Dienst erweisen, wenn man sie jetzt noch zur Sonderbündelei mit prahlerischem Maulaufreißen von uns aus aufstacheln wollte; das wäre töricht und geschmacklos. Wie würden wir es wohl aufnehmen, wenn die vielen Slawen oder Juden, die bei uns zu Gaste sind, uns fortwährend ihre Nationalität und Rasse unter die Nase reiben, Fahnen schwenken, uns ihre nationalen Gesänge in die Ohren schmettern und darauf bestehen wollten, unsere Sprache nicht zu lernen? Wir würden uns ihrer mit Fug und Recht irgendwie zu entledigen trachten. Auch die Yankees, die tatsächlichen Herren der Neuen Welt, haben ein gutes Recht, zu verlangen, daß die Einwanderer aufhörten, Fremdlinge zu sein, indem sie sich bemühen, wenigstens nach Sprache und Sitte in der Wirtsrasse aufzugehen. Pflicht des Deutschtums ist es unter diesen Verhältnissen, sich stolz bewußt zu bleiben, daß sie die Erben einer tieferen und feineren geistigen Kultur als die ihrer Wirte, und daß sie dazu berufen sind, den Blütenstaub dieser geistigen Kultur, den sie, rauhhaarigen Insekten gleich, aus der alten Heimat mit hinüber nehmen, in die Seelen der neuen Landsleute befruchtend abzustreifen. Deutsche Denkungsart, deutschen wissenschaftlichen und künstlerischen Sinn, deutsche Treue, deutsches Gemüt in der neuen Heimat zum ausschlag[pg 271]gebenden Kulturfaktor zu machen, das muß ihnen als heilige Pflicht bewußt bleiben. Auf diese Weise lassen sich immer noch Siege gegen und, was noch wichtiger ist, auch mit dem Yankeetum erringen. Die stolze, erfolgtrunkene Yankeerasse mit deutschem Geiste zu durchtränken und so zu unseren innerlichst Verbündeten zu machen, das wäre ein Erfolg, wertvoller als selbst neue glänzende Waffentaten. Inzwischen dürfen sich aber die Deutschen der Vereinigten Staaten auch nicht für zu gut dünken, von den Yankees zu lernen, und ebenso wir Deutschen im alten Vaterlande, die wir solche Belehrung noch nötiger haben. Es ist nämlich leider nicht zu leugnen, daß wir trotz des großen Aufschwungs seit 1870/71 es immer noch nicht dazu gebracht haben, als Nation so respektiert zu werden, wie wir es unseren Leistungen entsprechend wohl verdienten. Wenn die Diplomaten anderer Völker irgendeine bedeutungsvolle Neugestaltung der Dinge unter sich ausgemacht haben und jemand unter ihnen die Frage aufwirft: „Ja, was wird aber Deutschland dazu sagen, wird es sich das gefallen lassen?“ so wird ihm mit lächelndem Achselzucken die Antwort: „Ach, die Deutschen! Die sind ja so anständig, friedliebend und zuvorkommend, die kriegen wir schon herum.“ Es ist eben in der Politik eine zweifelhafte Tugend, sich aus Höflichkeit die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Also lernen wir Alten fleißig bei den Jungen die Fehler der Jugend – in der Politik werden viele davon zu Tugenden, vornehmlich die goldene Rücksichtslosigkeit.
Man wird einwenden, daß jene nachahmenswerten amerikanischen Tugenden nicht nur in der Jugend des Volkes, sondern mehr noch in den freien Entwicklungsmöglichkeiten einer großen demokratischen Republik begründet seien. Ich für meine Person kann jedoch nicht [pg 272]glauben, daß die Staatsform wirklich diese ausschlaggebende Rolle spiele. Die aufmerksame Beobachtung hat mich gelehrt, daß die demokratische Theorie drüben, wie überall, an der aristokratischen Veranlagung der Menschennatur scheitert; ich habe zahlreiche Beispiele dafür beibringen können. Der innerlich freie Mensch kann unter jeder Staatsform frei bleiben, und was uns in Deutschland speziell noch an unseren Regierungssystemen geniert, sind alles Dinge, die sich bei gutem Willen abstellen lassen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die Propheten, die uns als nächstes Ziel unserer politischen Entwicklung die Vereinigten Staaten von Europa verheißen, recht behalten werden. Aber alsdann werden die gesunden, stolzen Rassen immer noch ein völkisches Sonderdasein führen und auch ihre Kaiser und Könige ebenso pietätvoll konservieren können, wie ihre Eigenart auf allen geistigen Gebieten. Wenn aber diese Vereinigten Staaten von Europa ein vernünftiges, zukunftsicheres Gebilde werden sollten, dann werden sie es den Lehren mit zu verdanken haben, die ihnen das Land der absoluten Gegenwart als untrüglicher Spiegel der Zukunft gegeben hat.