BARUCH:

Nicht quäle dich, Meister ... der Schmerz verwirret dich.

JEREMIAS:

So sage doch, zeuge, künde mir, daß ichs gewahr sei ... was hab ich vermocht? Eine Stadt hängt am Tode, und ihre Not verzehret mich ... von Träumen bin ich allnächtens umtan und schmerzhaft trächtig des Worts ... so sag, was vermocht ich wider den Herren der Stunde ... meine Warnung, wen warnete sie ... nicht daß er einen Boten sendete von Zelt zu Zelt ... nicht daß ein Mensch seine Schritte aufhübe als Bote des Friedens ... Oh, die Luft frißt meine Schreie, und das Gelächter der Menschen schluckt meine Schreie, zur Schande bin ich gezeugt und zur Plage geboren! Wem hab ich Freude geschenket? Ein Greuel bin ich den Gerechten und meiner Mutter Kümmernis. Kein Weib trägt ein Kind mir im Schoß, und kein Lebendiger glaubet meiner Rede!

BARUCH:

Ich glaube dir, ich laß dich nicht.

JEREMIAS:

Du glaubest mir ... noch immer ... dann hör mein Wort ... So du mir glaubest, verlaß mich! Denn du verderbest dich. Geh zu den andern, die Süße predigen und triefen von Verheißung, geh zu Hananja, der Sieg sagt, und nicht spotte ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre Lüge, sie zeuget noch Kühnheit, doch schlaff sind die Lenden meines Worts, sie wecken keinen Samen des Sieges. Ohnmacht nur zeugt meine Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unnützer, denn der Friede schreit zwischen den Schwertern, wer törichter als der Weisheit Verkünder in der Trunkenen Mitte? Ist denn nicht Freude der Menschen Brot und die Hoffnung ihre Speise? Gesegnet, wer tröstet, verflucht, wer nur fluchet ... daß ihm darre die Zunge ... daß auslösche, der Anstoß ist und Ärgernis ...

BARUCH:

Nein, ich weiche nicht von dir ... Du bist der Große ... Dich hab ich erwählt um deines Leidens willen.

JEREMIAS:

Nicht lobe mich, nicht lobe mich ... mich verbrennet die Scham ... was hab ich denn Jerusalem zum Heile getan ... hab ich gebeugt des Königs Starrnis, hab ich zum Rechten geführt das irrend Volk, hab ich erweckt den Boten des Friedens mit meiner Rede Stachel? Nur geschrien habe ich und gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fährt, und mein Fluch ein Wind, der nicht wehet ... wo ist meine Tat ... wem brachte ich Segen ... wo schuf ich den Frieden ... wo weckte ich den Boten zum Wege, da ich selber gestrauchelt ...

BARUCH:

Wie sagtest du ... einen Boten müßtest du schaffen, daß er gehe von Nabukadnezar zum Könige?

JEREMIAS:

Will er denn als erster sprechen zum andern. Wie die Knaben warten die Könige, daß einer anhübe mit dem Wort.

BARUCH (heiß):

Aus deinem Atem, sagtest du, müßtest du einen Boten erschaffen ... aus deinem Atem ... siehe, Jeremias, wisse ... du heilig Verzagter ... nicht dürr und fruchtlos ist dein Wort ... fruchtend ist es mir in die Seele gefallen ... in mir nun keimet Gottes Geheiß ... ich danke dir, Meister, Erwecker ... aus dem Dunkel hast du mich gehoben ... meine Tat mir gewiesen ... oh, Jeremias, der du Kraft zeugest aus deinem Schmerze ... ich danke dir ... ich danke dir.

JEREMIAS:

Was erglühest du so ... Ich fasse dich nicht ...

BARUCH:

Meine Tat ... Sie ist es, die mir entglüht ... Du hast mich befeuert ... ich weiß den Weg, nachbarlich geht er dem Tode wie der deine ... doch ich will ihn gehen für Jerusalem ... lebe wohl, Meister ... ich will würdig sein deines Rufes, lebe wohl.

JEREMIAS:

Wohin willst du?

BARUCH:

Lebe wohl, Meister ... lebe wohl und segne mich, wenn ichs vollbringe, und fluche mir nicht, so ichs versäume ... lebe wohl ... lebe wohl ... es gilt Jerusalem ...

(BARUCH schwingt sich zur Mauer und beginnt hinabzuklettern.)

JEREMIAS:

Was willst du an der Mauer ... Baruch ... wohin ...

BARUCH:

Deinen Weg ... lebe wohl ... lebe wohl ...

(BARUCH verschwindet jenseits der Mauer.)

JEREMIAS (sich über die Mauer beugend):

Baruch, wohin gehest du ... halt ein ... sie werden dich fassen ... die Späher Chaldäas sind schon rege um die Wege ... Baruch ... Baruch ... Was fliehst du von mir ... Was lässest du mich allein ... Baruch ... Baruch ... bleib bei mir in dieser Stunde ...

DER ERSTE KRIEGER (ist herbeigeeilt):

Was rufst du da ... was schreist du in die Nacht ...

JEREMIAS (sich aufrichtend):

Ich rufe ... ich rufe, und doch hört keiner auf mich ...

DER ERSTE KRIEGER:

Was geht hier vor? Was treibst du noch da? Mir war, als glitte ein Schatten die Mauer hinab. Ist einer mit dir?

JEREMIAS:

Keiner ist mit mir ... keiner ist mehr mit mir ...

(JEREMIAS geht langsam, mit schwerem Schritt, von der Mauer stadtwärts hinab. Der Krieger sieht ihm starr nach, bis er im Schatten der Mauer verschwindet, dann rafft er sich auf und schreitet im harten Mondlicht schweigend auf und ab. Es ist ganz still, nur sein schwerer Schritt hallt über die mondblanken Quadern, und von ferne tönt aus dem Unsichtbaren heranklingend wieder der Wachtruf: „Simson über sie“ ... „Simson über sie“ durch die weiße Nacht ...)


DAS FÜNFTE BILD
DIE PRÜFUNG DES PROFETEN

„Doch der Herr wollte ihn mit Leiden zermalmen.“

Jes. LIII.


Das enge Schlafgemach der Mutter Jeremias in seinem Hause. Die Türen des schmalen Raumes sind mit Vorhängen überhängt, ebenso die Fenster, so daß Licht und alle Laute nur gedämpft von außen in die Düsterheit der Stube dringen und kaum mehr als der Umriß der Gestalten und Dinge wahrnehmbar wird. Im Hintergrunde glänzt weiß aus der Dunkelheit das breite bettartige Pfühl, auf dem die alte Frau regungslos liegt. Neben ihr aufrecht stehend ACHAB, der alte Diener.

JOCHEBED (eine Anverwandte, hebt vorsichtig den Vorhang des Einganges):

Achab ... hör, Achab ...

ACHAB:

Leise!... Tritt leise heran! Wie Flaum liegt der Schlummer über ihr, eines Wortes Windhauch schon bläst ihn fort. Nicht störe ihre Ruhe!

JOCHEBED:

Wohl dem, der noch ruhen kann, indes die Tore schüttern und die Festen beben der Stadt!

ACHAB:

Nicht sprich davon, nicht erwähne des Feindes! So du sie liebst, schone der Kranken.

JOCHEBED:

Wie meinest du? Was soll ich nicht sagen?

ACHAB:

Nicht nenn unsere Not! Fremd ist ihr Jerusalems Schicksal.

JOCHEBED:

Nicht fasse ich dich. Sie weiß nicht, daß Krieg unsere Stadt umfährt?

ACHAB:

Wozu ihrs verraten, woran sie verginge? Ein Ahnen schon wäre ihr Tod.

JOCHEBED (in höchstem Erstaunen):

Sie weiß nicht, daß Assur über uns gefallen? Es ist noch ein Lebendiger in den Mauern, der unwissend blieb unseres Elends? Wie konnte solch Wunder geschehen? Sind ihre Sinne verschlossen denn, daß sie die Posaunen nicht hört, meint sie noch Frieden, da schon Widder die Mauern anrennen?

ACHAB:

Ihre Sinne sind dunkel geworden. Was sie hört, vermeinet sie Traum. Die Türen hab ich vertan und die Spalten verschlossen, daß nichts Eingang finde von Lärmen und Licht!

JOCHEBED:

Sie weiß es nicht? Sie weiß es nicht? Wunder ist dies und grausam zugleich. Nichts, sagst du, Achab, weiß sie, auch kein Ahnen rührt ihren Sinn?

ACHAB:

Manchmal flog Ahnen sie an, doch traumhaft nur, und mit Worten scheucht ich es fort. Nur gestern, als das Volk schrie bei des ersten Widders Prall, da schreckte sie auf. Die Decken warf sie im Fieber von sich und reckte die Hände, sie müsse hinaus, sie müsse zu Walle, Krieg sei im Land, Feind in der Stadt, Zion vergehe, Jerusalem falle. Das Wort sei erfüllt, ihr Sohn, er habe es wahrgesagt, der König sei gekommen, der König von Mitternacht. Und sie reckte sich auf und brach in die Knie, doch ehe sie noch stürzte, faßte ich sie und trug sie zum Bett und begütete sie, es sei nur ein Traum, nur ein Fiebertrug, dies Dröhnen draußen von Volk und Posaunen. Sie schien es zu glauben und lag dann offenen Auges und horchte dem dunklen Gedröhne der Gasse nach.

JOCHEBED:

Wie sonderlich! Doch sag: was ists, das sie so verwirrt?

ACHAB:

Ihre kranken Sinne suchen den Sohn.

JOCHEBED:

Jeremias ... den Rasenden ... den Geiferer der Gasse ... sie selbst doch stieß ihn aus dem Haus.

ACHAB:

Doch ward keine Stunde ihr seitdem froh. Stumm saß sie nur mehr in den Gemächern, und oft fand ich sie gebeugt über das Tor wie einer, der eines Gastes wartet. Und als er nicht kam und nicht kam, ward es mählich düster in ihren Sinnen.

JOCHEBED:

Doch was kommt er nicht, der Verworfene, daß sie genese an ihm? Die Gassen streift er alltags und speit Fluch in das Volk, indes die Mutter seiner sehnend ist. Warum kommt er nicht, der Schwätzer des Markts, der Würger der Freude?

ACHAB:

Unwissend ist er, daß sie seiner begehrt. Stolz ist er wie sie selbst, nicht die Steine der Schwelle tritt er, auf die sie ihn gestoßen.

JOCHEBED:

So laß es ihn wissen.

ACHAB:

Wie darf ichs ohne ihr Geheiß? Ein Sklave bin ich, ein Diener nur. Darf ich mich unterfangen denn, zu hören, was sie unwissend spricht?

JOCHEBED:

Du darfst es, du mußt es, so es ihr Leben gilt.

ACHAB:

Ist wahrhaft dies dein Meinen? Glaubst du, ich täte recht, voraus zu sein ihrem Wort und ihm Botschaft zu senden?

JOCHEBED:

Bei Gottes Güte, so mein' ichs. Ihr Leben rettest du damit.

ACHAB:

So sei Gott gedankt, denn höre, Jochebed! Was du forderst, ich hab es getan in meines Herzens Bedrängnis.

JOCHEBED:

Gesegnet, gesegnet dafür!

ACHAB:

Schon gingen meine Knaben aus, ihn zu suchen. Durch die Stadt sandte ich sie, noch fanden sie ihn nicht, doch hart sind ihre Schritte hinter den seinen!

JOCHEBED:

Ach, fänden sie ihn nur! Es würde ihr Genesung bringen, der Armen, denn wirr ist zwischen Stolz und Sehnen ihr Sinn.

ACHAB:

Ja, wirr ist ihr Gefühl und verdüstert ihr Blut. Seit er ging, ist sie wie mit sich selber entzweit.

JOCHEBED:

Ach, wer fühlt denn noch klar in der Wirrnis der Zeit!

(DIE MUTTER regt sich seufzend auf dem Bette.)

JOCHEBED (ihr Erwachen bemerkend, leise zu Achab):

Achab ... sie regt sich ... der Schlaf fällt von ihr ab ... noch sind ihre Augen verschlossen, doch ihre Lippen füllt schon das Wort ...

(ACHAB eilt hin und beugt sich über die Kranke.)

DIE MUTTER (mit geschlossenen Augen, ihre Stimme ist leise wie ferner Gesang):

Sag, ist er gekommen, sag, kam er schon? Oh, wo ist er, wo ist er, mein Sorgensohn?

JOCHEBED (flüsternd):

Wie wunderlich! Zum erstenmal denkt sie seiner im Wort!

ACHAB:

Noch ist Traum über ihr, noch sind ihre Augen verhangen.

DIE MUTTER (regt sich und schlägt ihre Lider auf):

Wo ... Achab ... Du bist es ... Jochebed ... oh, das Dunkel über mir ... Traum, Traum, der mich verwirrte ... wo ...

ACHAB (zärtlich sich hinbeugend):

Wie fühlst du, du Liebe? Wie hast du geruht?

DIE MUTTER:

Wie kann ich ruhen ... wie ruhen in solcher Träume Schrecknis ... wo ist er ... war er nicht hier ... wo ist er ... ich hab ihn gesehen ... was ging er fort ...

JOCHEBED:

Sieh den Glanz in ihren Augen! Wie aus Fieber blickt sie, noch wirrt sie der Traum.

ACHAB:

Wen meinst du, Liebe?

DIE MUTTER:

Fort ... was ging er fort ... was ließest du ihn von mir ... hier war er, hier ...

ACHAB:

Keiner war im Gelaß, denn Jochebed und ich ...

DIE MUTTER:

Nicht er ... nicht er ... oh, Träume, wie voll ist von ihnen das Haus ... (plötzlich sich aufrichtend, fiebrigen Blicks): Was rufst du ihn nicht ... er soll kommen ... soll kommen ...

ACHAB:

Wen soll ich rufen?

DIE MUTTER:

Was fragst du, was fragst du? Siehst du nicht, Tod kniet auf mir, und du rufst ihn nicht!

ACHAB:

Wie wagte ich ...

DIE MUTTER:

Oh, daß meine Füße vermauert sind, daß ich sieche, gehütet von blinden Knechten, von steinernen Herzen. Fort ... fort von mir!

ACHAB:

Aber Liebe ...

DIE MUTTER:

Verraten hast du mich ... gesperrt ihm das Haus ... gewiß war er hier, und du hast ihn fortgestoßen ... er war hier ... mein Blut spürt ihn an der Schwelle ... er harrt nur des Rufes, und du schweigst ... Du hast ihn weggestoßen.

ACHAB:

So höre doch, Liebe ...

DIE MUTTER:

Weh über mich ... fort ... fort von mir ... mögest du sterben wie ich, verlassen von deinen Kindern, sterben am Streu wie das Räudige ...

ACHAB:

Ein Wort nur laß mich sagen.

DIE MUTTER:

Ein Wort nur will ich hören, nur eines: Er kommt, er ist da ...

ACHAB:

Dies eben vermeld ich ... er kommt ... schon nahen dem Haus seine Schritte ...

DIE MUTTER (sich aufrichtend, ganz verzückt):

Er kommt ... er kommt ... mein Jeremias ... oh, Achab ... nicht belüge mich ... nicht trüge den Tod ...

JOCHEBED:

Schon hat er die Söhne gesandt, daß sie ihn suchen ... bald ist er hier ...

DIE MUTTER:

Er kommt ... Ist es wahr ... er kommt ... ja, schon höre ich ihn ... in mir gehen seine Schritte ... ich hör ihn im Haus ... er will herein ... im Herzen pocht er ... hinab, so geh doch, ans Tor, eile, flieg hinab ... was steht ihr noch ...

ACHAB (beruhigend):

Du Liebe, gleich ist er bei dir ... frühmorgens schon sandte ich die Söhne ... er kommt gewiß ...

DIE MUTTER (wieder erregt):

Nein ... er kommt nicht ... träge sind sie, die Knaben, nicht suchen sie ihn ... sie streichen die Gassen ... oh, eilten sie doch ... das Dunkel ... das Dunkel ... im Blute steigt mirs auf ... ich ... ich will ihn noch sehen, eh mirs blendet den Blick ... geh, Achab ... sieh doch ... er ist da ...

ACHAB:

Gedulde dich, Liebe, nicht reg dich so wild.

DIE MUTTER:

Laß ihn ein ... was läßt du ihn warten ... hörst du nicht, wie er hämmert am Tor ... an den Schläfen fühle ichs schon ... auf ... tu ihm auf ... wie er hämmert ... weh ... wie er hämmert mit den Fäusten ... auf, tu ihm auf ...

ACHAB:

Noch ist er nicht hier, Liebe, doch er zögert nicht lang ...

JOCHEBED:

Gleich wird er kommen ... gedulde dich ...

DIE MUTTER:

Nein, nein, er ist da ... was haltet ihr ihn von mir ... ich habe nicht Zeit ... kalt rinnts mir die Glieder herauf ... oh, kalt ... wie Stein meine Beine ... es will ... es will ...

(JEREMIAS ist leise zur Türe eingetreten und bleibt zögernd dort stehen, seine Hände sind verkrampft, sein Haupt wie von ungeheurer Last gebeugt.)

ACHAB:

Nicht raff dich so auf ... bette dich hin ... er wird ...

(ACHAB bemerkt Jeremias, er hält erschrocken inne; auch Jochebed schweigt voll starrer Ergriffenheit. Eine steinerne Stille steht plötzlich im dunklen Raum.)

DIE MUTTER (sich mühsam aufrichtend): Was schweigt ihr plötzlich mit einemmal ... was schweigt ihr so? (Plötzlich mit einem Jubellaut):

Ist er gekommen ... ist er da, mein Kind, mein Sohn ... mein Jeremia ... oh, daß meine Sinne so dunkel sind ... wo ... wo bist du, Jeremia ...

(JEREMIAS tritt zögernd einige Schritte näher, bleibt dann stehen, gleichsam vom eigenen Gefühle bezwungen.)

DIE MUTTER (sich gegen ihn wendend):

Du bist da, ich fühl es ... meine Sinne eratmen dich ... weh, daß es so dunkelt vor meinem Gesicht ... was trittst du nicht nah, daß meine Hände dich fassen ... Was kommst du nicht, mein Jeremia?

JEREMIAS (unbeweglich verharrend, die Hände an sich gekrampft):

Ich wage es nicht! Ich wage es nicht! Unheil hängt mir an, Fluch fährt mir voraus. Laß mich ferne stehn, daß mein Hauch dich nicht rühre, nicht Schauer anstreife dein heilig Herz!

DIE MUTTER (fiebrig):

Mein Kind, meine Arme, sie sehnen sich aus, was kommst du nicht, Lieber, was kommst du nicht nah? Ward dir so widrig die Lippe, so fremd meine Hand?

JEREMIAS:

Fremd bin ich mir selbst, fremd steh ich im Haus!

DIE MUTTER:

Oh, er verstößt mich, er läßt mich zum andermal! Was läßt du mich sehnen, was bist du so hart?

JEREMIAS:

Ich kann nicht! Ich kann nicht! Ein Wort brennt zwischen mir und dir wie des Engels Schwert.

DIE MUTTER:

Oh, der Fluch, den ich tausendmal selber verfluchte. Wind hat ihn zerblasen, mit dem Atem ist er verweht.

JEREMIAS:

Nein, Mutter, wach ist dein Fluch und alle Gassen rege deines Worts. Von den Häusern ist er gefahren wider mich, aus aller Menschen Mund sprang er mich an. Nicht dein Sohn, nicht atmend Fleisch bin ich mehr, nur Gelächter einer Welt, der Ausgestoßene bin ich worden meines Volks und der Zorn der Gerechten, der Vergessene Gottes und Ekel mir selbst. Allein, laß mich allein, abseits laß mich stehen im Dunkel, den Verfluchtesten aller!

DIE MUTTER:

Oh, mein Kind, und wärest du der Verstoßene einer Welt, in der Priester Bann und des Volkes Acht, und hätte selbst Gott dich verstoßen von seinem Antlitz, mein Kind bist du und mein selig Blut für immerdar! Für ihren Haß will ich dich lieben und segnen für ihren Fluch! Haben sie gespien auf dich, oh, komm, daß ich dich küsse; haben sie dich verstoßen, oh, komm, daß ich dich empfange; oh, kehr heim an mein Herz, da du ausgegangen. Süß ist mir deine Lippe, die bittere, und süß das Salz deiner Tränen, gesegnet mir dein Wandel für allezeit, kehrst du nur heim an mein mütterlich Herz ...

JEREMIAS (mit einem Aufschrei hinstürzend und in die Knie sinkend):

Oh, Mutter, du ewige Güte du! Oh, Mutter, du meine verlorene Welt!

DIE MUTTER (ihn in den Armen einwiegend, hält ihn lautlos umfangen. Ihre Hände streichen immer aufs neue zitternd über sein Haupt, seinen Leib. Endlich blickt sie ihn an, in ihrem Auge glänzt ein fremdes, glückseliges Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm spricht):

Mein Kind, du mein weltverlorenes Kind,
Ach, wärst du doch niemals von mir gegangen
Zu den Menschen, die starr wie die Steine sind!
Oh, du Lieber, du Guter, du spät Belehrter,
Mein Herzgewiegter, mein Heimgekehrter
Ruh aus nun, du Lieber, am Herzen ruh aus,
Ich habe dich ja wieder, spür Blut dich im Blut,
Väterlich hält dich mit Stille das Haus,
Mütterlich warm mein Arm dich gefangen.
Laß dir streicheln die Stirn, laß dir schmeicheln das Haar
Wie einstens, wenn in dir ein Wehes war,
Und das Wort, das harte, das törige Wort,
Sieh, schon streichts die Hand von den Schläfen dir fort.

JEREMIAS (mit leisem Erschrecken):

Oh, Mutter, wie deine Hände doch schmal sind,
Oh, Mutter, wie deine Wangen doch fahl sind,
Dein Herz ward so still, deine Lippen so blaß.
Bist du krank denn, Mutter, sag, fehlt dir etwas?

DIE MUTTER:

Was mir fehlte, warst du allein,
All, was mich quälte, dein Fernesein.
Als hier vom Haus
Dein letzter Schritt im Gang verklang,
Da ward herzinnen mir so schwach,
Wie jenes Tags vor Jahr und Jahr,
Als ich dich in die Welt gebar
Und vieler Monde volle Frucht
Aus meinem süß beschwerten Schoß
Mit einmal schmerzhaft von mir fiel
Und fast das Herz mir stille stand,
Da es nicht mehr dies andre fand,
Das mit ihm schwang im Wechselspiel. –
Oh, jene Stunde banger Qual,
Da du zuerst dich mir entrafft,
Als neue Not und Mutterschaft
Durchlebt ich sie nun abermal,
Oh, Tag um Tag und Nacht für Nacht,
Und du weißt nicht, wie Sehnsucht uns müde macht.

JEREMIAS:

Oh, Mutter, so hast du um mich gelitten,
Und ich stieß durch die Straßen, starrfühlend wie Stein!
Oh, Mutter, wie kann ich dir dies abbitten,
Oh, Mutter, wie kannst du mir dies verzeihn!

DIE MUTTER:

Und wenn ich so mit mir allein
Im leeren Haus verlassen lag,
Träumt ich dir all deine Träume nach.
Bei Tag
Da duckten sie sich, da hockten sie stumm
Im grauen Gespind und Gebälk herum.
Doch kaum, daß am Dach die Sonne verblich,
Da regten sie sich,
Wie Eule, Unke und Fledermaus
Flatterten sie schwarz aus den Schatten aus.
Sie schlichen
Und strichen
Um meine Schläfen mit Graun und Geraun.
Sie hockten
Sich schwer auf die Brust, daß der Atem mir stockte.
Sie hackten
Und nagten
Kaltgleitende Schatten mir schwarz auf der Stirn
Und fraßen den Schlaf vom Herzen und Hirn.
Oh, wie sie mich quälten, die widrigen Tiere,
Die wirrichten Träume, die geilen Vampire,
Bald kühlten und bald durchschwülten sie mich,
Bis tiefst zu innen aufwühlten sie mich,
Daß ich, wenn endlich der Morgen anbrach,
Entkräftet im Schweiß meines Leibes lag,
Von Schauer und Traum
Ganz ausgehöhlt wie ein uralter Baum.

JEREMIAS:

Oh, Mutter, oh, Mutter, was tat ich dir an!
Und ich strich die Straßen, fremd, unbedacht!
Mit Jahren laß jede Nacht mich entsühnen,
Die du um meinetwillen verwacht!
Jetzt, jetzt erst hebt ja mein Leben an,
Seit ich heim in deine Vergebung mich fand,
Nun weiß ich erst, daß die wirrichte Welt
Der Liebe nicht auch nur ein Tausend enthält,
Als das milde Kreuz deiner Arme umspannt.

DIE MUTTER:

Oh, mein Sohn, mein Kind, mein Jeremia,
Oh, ahntest du, was du an Tröstung gibst,
Wenn ich wieder erfühle, daß du mich liebst,
Oh, daß du doch immer mir nahe bliebst,
Du mein brennender Trost, mein seliges Licht,
Du mein Erdenbrot, du mein Gottesdank,
Genesen entglüht mir schon deinem Gesicht!
Oh, höre, ich beschwöre dich,
Jeremias, verlaß mich nicht,
Bleib mir jetzt nah, es währt nicht lang,
Bleib da bei mir, Jeremia!

JEREMIAS:

Was fürchtest du ... ich faß dich nicht ...

DIE MUTTER:

Nicht lüge, nicht betrüge mich.
Glaubst du, daß ichs nicht innen spür,
Wie sichs mit mir zu Ende neigt.
Ich fühls: der Tod ist wach in mir!
Und wie in einer Schattenuhr
Ganz unmerklich
Der schwarze Zeiger Strich um Strich
Wandaufwärts schiebt und ründet sich,
So steigt
Mit jedem wachen Atemzug
Das Dunkel tiefer mir ins Blut.
Weh, daß ichs selbst so wissend spür,
Wie ich im wachen Blut einfrier.

JEREMIAS:

Mutter, wie soll ich den Wahn verstehn,
Du willst mich verlassen? Willst von mir gehn?
Bedenke, nun sind
Wir doch einander kaum wiedergewonnen,
Zu neuer Gemeinschaft, Mutter und Kind,
Nun erst hat mein wahrhaft Leben begonnen,
Gott hat nicht vergebens mich heimgesendet
Aus meiner Wirrnis und meinem Wahn:
Ein Anbeginn ist dies von Gott und kein Ende,
Oh, Mutter, heb neu mir zu leben an!

DIE MUTTER:

Du ewiger Träumer, du mein töriges Kind,
Wie verführungsvoll deine Worte doch sind!
Ach, daß ichs vermöchte,
Was du ersehntest, dir wahrhaft zu werden,
Ein Traum wär die Welt, zum Himmel die Erde!
Im stillen Haus, einträchtig zu zwein,
Wie friedsam sollte dies Leben sein!
Mit lindem Gang
Schritt ich des Tags deine Stunden entlang,
Und zur Nacht
Säß ich ob deinem Schlummer wach
Und glänzte den Blick als ein lauschend Licht
In das schlafend Dunkel auf deinem Gesicht,
Ich horchte in deines Atems Getön,
Ob still er weht
Oder heiß von Fiebern und Träumen geht.
Und fühlt ich, die Träume erschreckten dich,
So weckte ich dich,
Und dein erster, dunkelenttauchender Blick
Fiele froh in das Lächeln des meinen zurück.

JEREMIAS:

Mutter, Geliebte, sorge dich nicht,
Meine Nächte sind dunkel und träumeleer.
Es ist vorüber: ich träume nicht mehr.

DIE MUTTER:

Du träumst nicht mehr?

JEREMIAS:

Ich träume nicht mehr.
Mein Schlaf ward schwarz, mein Schlaf ward stumm,
Nicht mehr wallen
In meinem Blut die Gesichte um,
Meine Träume sind tief in den Tag gefallen,
Ihr Schauer hat sich den Stunden gesellt:
Ich träume nicht mehr, denn wach ward die Welt.

DIE MUTTER (ekstatisch):

Jeremia! Du träumst nicht mehr?
Oh, wie gut! Oh, wie gut!
Siehst du Verzagter, ich wußte es ja,
Gott würde dein dunkelndes Herz erleuchten
Von seiner Wirrnis und seinem Wahn!
Oh, so selig sicher glühts mir im Blut,
Was ich dich lehrte von Anfang an:
Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen,
Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,
Ewig werden die ragenden Mauern,
Ewig die Herzen Israels dauern,
Ewig währet Jerusalem!

JEREMIAS (ist von den Knien aufgefahren. Er starrt sie wie ein Sinnloser an. Seine Lippen beben das Wort wie eine Frage nach):

Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt ... umwallen?...

DIE MUTTER (aufzitternd vor Angst):

Was schrickst so jäh,
Was blickst du so blaß?

JEREMIAS (noch ganz benommen im Schauer):

Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt umwallen ...

DIE MUTTER:

Jeremia, sprich,
Was ist dir geschehn,
Was krampfst du die Hand,
Was birgst du den Blick?
Was schrickst du und blickst du so unbewußt?
Und ihr,
Achab, Jochebed,
Was winkt ihr ihm ab,
Was blinkt ihr ihm zu,
Jeremia, Jeremia,
Sage mir, sage, was ist geschehn?

JEREMIAS (sich fassend):

Nichts, Mutter ... nichts ... nicht errege dich.
Mir war
Nur dein Wort so fremd ... so sonderbar.

DIE MUTTER:

Nein!
Euer Blick
Ward mit einmal schwarz und sorgenumdüstert;
Und nun steht ihr im Dunkel und schauert und flüstert.
Fürchterlich, fürchterlich
Ist dies Geheimnis, das ihr verschließt.
Ich spür
Es wie Tod und Gottes Zorn über mir.

JEREMIAS (stammelnd):

Nichts, Mutter ... nichts ... verbergen wir dir.

DIE MUTTER:

Was belügt ihr mich,
Was betrügt ihr mich?
Noch bin ich nicht tot und nicht eingesargt,
Noch geht der warme Atem von mir,
Noch schlägt mir das Blut aus dem Herzen heraus,
Noch kann ich hören, noch bin ich nicht stumm,
Noch bin ich lebendig im eigenen Haus.

JEREMIAS:

Mutter ... du fieberst ... Wahn hält dich umkrallt,
Deine Schläfen sind Feuer ... deine Hände so kalt ...

DIE MUTTER:

Was biegt ihr mir aus,
Was schließt ihr mich ab?
Und wär es die Schrecknis, ich will um sie wissen!
Warum, oh warum
Sind hier die Fenster und Türen verhängt,
Warum ist alles so dunkel und stumm?
Wie in einen Sarg
Habt ihr mich wach in mein Bett versenkt,
Mich schwarz vergraben in Matten und Kissen.
Warum, warum
Stoßt ihr gewaltsam in Grauen und Grab
Mich, die Lebendige, jetzt schon hinab?

JEREMIAS:

Mutter ... Mutter ... bette dich hin ...
Nicht wirf dich hoch ... beruhige dich ...
Meine Hände fühle ... ich bin doch bei dir ...

DIE MUTTER:

Ich lebe ... ich lebe ... ich lebe noch,
Ich lasse mich nicht belügen und trügen.
Fürchterlich Wachen kommt über mich.
Ich weiß es, ich weiß es jetzt grauenvoll klar,
Daß mein Träumen nicht Traum, sondern Wirklichkeit war.
Oft
Hörte ich Dröhnen
Von Rossen und Wagen,
Ein Tönen,
Klirren und Klagen und Waffenschlagen,
Posaunen schollen dumpf in den Raum her,
Und ich lag
Von Grauen umdrängt
Und meinte,
Daß all dies nur mein eigener Traum wär.
Doch jetzt
Bin ich wach,
Grauenhaft wach,
Der Tod hat die Lider mir aufgesprengt.
Ich weiß,
Warum ihr das Licht und den Lärm mir verhängt:
Unheil ist um in der Stadt, in den Toren,
Wir sind geschlagen, wir sind verloren.
Wehe, Krieg ist in Israel!

JEREMIAS:

Mutter! Mutter!

DIE MUTTER:

Jeremia,
Jeremia, sprich,
Nicht laß mich in Dunkel, nicht schweige mich an.
Sag,
Ist er gekommen,
Den du verkündet,
Der König, der König von Mitternacht?

JEREMIAS:

Du träumst, Mutter, du träumst.

JOCHEBED (flüsternd):

Leugne es ihr ... um ihres Lebens willen leugne es ihr ...

DIE MUTTER (im Fieber):