Stolz schien mir seines Wesens Art vor allem. Er sprach gütig zu mir und schien sich zu freuen, daß er so gütig zu sein vermochte; und da die andern ihn deshalb priesen, sonnte er sich in ihrem Wort.

ZEDEKIA:

Und da er drohete, wie war er?

BARUCH:

In Finsternis hüllte er sein Gesicht und stampfte mit dem Fuße. Aber ich merkte, daß auch dies nur getan sei, daß man vor seiner Größe schaudere und ich Botschaft brächte seines Zorns.

ZEDEKIA:

Und frug er dich nach mir?

BARUCH:

Sein Vertrauter wollte mir Kundschaft ablocken, er aber duldete es nicht.

ZEDEKIA:

Hoffärtig ist er und sein Trotz ein Gewitter über unsern Häupten. Aber ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte ihn nicht. (Er geht auf und ab.) Keine Frage hat er getan nach mir?

BARUCH:

Nein, mein König.

ZEDEKIA:

Nichts sind wir ihm, ein Häufchen Staub unsere Mauern. Aber er möge Trotz finden für sein Trotzen. Elf Monde stößt seine Stirne gegen unsere Wälle, und kein Lächeln sind wir ihm wert. Für ein Wort bin ich ihm zu gering und für einen Atem die Stadt. Aber noch ist mein Joch nicht geschmiedet, noch stehen die Mauern Jerusalems. (Er geht heftiger auf und ab.) Noch heute, sagst du, verlangt er die Botschaft, noch heute?

BARUCH:

Morgen neut sich der volle Mond.

ZEDEKIA:

Warten haben wir ihn gelehrt, und noch immer hat er es nicht gelernt. Nicht bin ich der Springer seiner Ungeduld, nicht seiner Launen Ball. Will er nicht warten länger als einen Tag, so soll er warten lernen Wochen und Monde. (Sich aufrichtend.) Noch heute bringst du Botschaft an Nabukadnezar! Melde ihm ...

BARUCH (erschreckt):

Mein König! Nicht im Zorne entschließe dich!

ZEDEKIA (ganz starr vor Erstaunen):

Was erkühnst du dich?

BARUCH (flehend):

Mein König, ich sah den Grimm auf deinem Antlitz und erschrak vor der Botschaft.

ZEDEKIA:

Was maßt du dir an? Nicht in mein Antlitz hast du zu schauen, sondern Worte zu bringen. Und ich befehle dir ... Warum zitterst du?

BARUCH:

Furchtbar ist es, Bote zu sein harter Botschaft.

ZEDEKIA:

Hast du Furcht, sie Nabukadnezar zu bringen?

BARUCH:

Nicht ihn fürchte ich – ich fürchte die Botschaft.

ZEDEKIA (erstaunt):

Was fürchtest du?

BARUCH:

Wider uns wird sie fahren, die Flamme deines Zorns! (Plötzlich in die Knie stürzend:) König, mein König, nicht im Zorne entschließe dich, rette, rette die Stadt!

(ZEDEKIA ist in höchstem Erstaunen zurückgetreten.)

BARUCH:

Ich flehe dich an auf den Knien, rette Jerusalem, rette Jerusalem! Recke aus deine Hand, daß sie den Frieden fasse, sonst stürzen die Mauern und sinkt der Tempel in Staub. König, mein König, tu auf die Tore, tu auf dein Herz!

ZEDEKIA (grimmig):

Tu auf die Tore, tu auf dein Herz – ich kenne dieses Wort. Nicht du sprichst zu mir, du Frecher. Es ist einer hinter dir, der redet wider mich ...

BARUCH:

Niemand, mein König: ich flehe aus der Tiefe meiner Angst. Wahrheit will ich dir sagen. Nicht gefordert hat mich Nabukadnezar zu sich, ich sah, daß zögerten die einen und die andern zum Frieden; da ging ich hin zu ihm freien Herzens, daß ich das seine erweichte. Sein Gewand faßte ich an und flehte, elf Monde, Tag für Tag, bis er mir Botschaft gab an dich.

ZEDEKIA:

Das hast du getan? Ein Knabe, ein Kind, bist du gegangen, während wir sprachen und rieten, bist du gegangen zum König der Könige, um Frieden zu holen?

BARUCH:

So habe ich getan in meines Herzens Not, mein König.

ZEDEKIA (ihn lange ansehend; plötzlich scharf):

Nicht du hast diese Tat ersonnen, nicht du!

BARUCH:

Niemand hat mich sie geheißen.

ZEDEKIA:

Das ist nicht wahr. Kein Knabe sinnt solche Taten aus.

BARUCH:

Ich schwöre, mein König, ich tat es allein. Unwissend war er ihrer, nicht hat er sie befohlen noch gebilligt.

ZEDEKIA:

Wer ist dieser, der dir gebietet?

BARUCH (ausflüchtend):

Mein Lehrer, mein Meister.

ZEDEKIA:

Wer ist dein Meister, frage ich, wer gebietet den Knaben in dieser Stadt?

BARUCH:

Gottes Diener und Profet ist mein Meister – Jeremias.

ZEDEKIA (ausbrechend):

Jeremias! Er, immer er! Immer der Schatten hinter meiner Tat, immer in Aufruhr wider mich! In den Kerker habe ich ihn verschlossen, aber noch immer schreit er zu mir wie am ersten Tage: Friede, Friede! Was drängt er sich vor? Was will er mich verwirren, was quert er meinen Weg? Wo ich mich wende, ist auch er, im Palast, in der Stadt, und durch seine Boten wirft er sich auf wider mich. Was verfolgt er mich?

BARUCH:

Du irrst, mein König! Jeremias liebt dich mehr, denn einen andern dieser Stadt.

ZEDEKIA:

Ich brauche seine Liebe nicht, ich speie sie an und zerblase seinen Zorn! Wer ist er, daß er wagt, mich zu lieben? Darf einer aufstehn in der Gasse und künden, er liebet mich oder liebet mich nicht? Was stößt er sich zwischen mich und meinen Entschluß? Will er mehr sein als ich? Ich bin der König, ich allein! Möge er schreien: Friede, Friede! nicht seine Hand hält Jerusalems Geschick. Ich bin der König, und nicht rühmen soll er sich, er habe mich geschreckt mit seinen Träumen. Eher sinke die Stadt, als daß sie gerettet sei durch Jeremias! (Zu Baruch): Du gehst zu Nabukadnezar und sagest ihm an: Nie wird Zedekia ein Joch tragen, nie hebt er den Vorhang des Heiligsten. Möge er kommen mit seinen Völkern, Zedekia ist ihm bereit.

(BARUCH, im Schrecken beide Hände hebend, will sprechen.)

ZEDEKIA:

Kein Wort! Und bringst du die Botschaft nicht, so fällt Jeremias Haupt. Zweimal habe ich seines Lebens geschont, doch zu Ende ist meine Milde. Nicht will ich Richter hinter mir und Schatten hinter meiner Tat, ich will sterben als König zu Jerusalem.

(BARUCH hebt noch einmal die Hände.)

ZEDEKIA:

Ein Wort dawider, und sein Haupt sinkt hin. In deinen Händen ist meine Botschaft, ist Jeremias Haupt. Geh! Ich befehle dir: geh!

(BARUCH bleibt noch einen Augenblick stehen, dann verhüllt er sein Antlitz und wendet sich ab.)

ZEDEKIA (hat sich drohend aufgerichtet gegen den Zögernden. Wie Baruch abgeht, fällt sein ausgereckter Arm nieder wie zerbrochen, sein Antlitz verdüstert sich wieder von neuem. Plötzlich sich aufreckend):

Vorbei! Ein Ende, ein Ende! Nur nicht mehr die Qual! (Er geht wieder auf und ab, hebt den Vorhang und sieht lange stumm sinnend auf die Stadt. Endlich stampft er zweimal mit dem Fuße.)

DER KNABE SCHWERTTRÄGER (erscheint):

Mein König?

ZEDEKIA:

Wein! Bring mir Wein! Ich will schlafen, schwarz und tief, schlafen ohne Träume!

(DER SCHWERTTRÄGER bringt hastig einen Krug und füllt den silbernen Becher. Zedekia stürzt ihn gierig hinab. Sein Gesicht wird wieder unruhig.)

ZEDEKIA:

Wer ist draußen im Gange? Ich höre einen Schritt. Ist der Späher nicht gegangen, zögert er noch?

SCHWERTTRÄGER:

Er ist gegangen, Herr! Der draußen wacht, ist mein Bruder Nehemia.

ZEDEKIA:

Er soll nicht so laut schreiten des Nachts vor meinem Schlafgemach. Ich will nichts hören um mich. Ich will schlafen. Auch ich will schlafen wie die andern.

SCHWERTTRÄGER:

Es soll geschehen, Herr! (Er schlägt die Vorhänge des Pfühles auseinander und verhüllt die Ampel. Nur ein trüber Schein von Mondlicht glänzt in den Raum.)

SCHWERTTRÄGER:

Soll ich dir noch lesen aus den heiligen Büchern, mein König, wie gestern und ehetags?

ZEDEKIA:

Aus den Büchern?... Nein, laß die Bücher, auch sie wissen nicht Rat. Ich will schlafen, schlafen einmal wie die andern. Meine Lider brennen, und mein Herz brennt mit.

SCHWERTTRÄGER (hilft ihm aus dem Obergewand. Zedekia wirft sich auf das Ruhelager):

Gott schütze deinen Schlummer, mein König.

(ZEDEKIA breitet sich hin.)

(SCHWERTTRÄGER ruft Nehemia. Sie stellen sich schweigend ins Dunkel zu Häupten des Bettes, reglos auf ihre Lanzen gestützt. Die Lampe ist ganz verhüllt, nur das Fenster wirft Mondlicht auf den Teppich zu Füßen des Pfühles. Riesengroß stehen die Schatten der Wachenden an der Wand. Es ist ganz still. Man hört aus dem Hofe jetzt das leise plätschernde Rauschen eines Springbrunnens. Sonst ist alles wie erstorben. Die beiden rühren sich nicht. Die Zeit fließt stumm weiter.)

ZEDEKIA (plötzlich wild aufspringend und sie anfahrend):

Was flüstert ihr miteinander? Habe ich nicht Stille befohlen?

SCHWERTTRÄGER (erschrocken):

Wir sprachen nichts, mein König.

ZEDEKIA:

Aber es spricht jemand! Wer dringt in meinen Schlaf, wer frißt an meinem Schlummer? Sie sollen schlafen jetzt alle, alle, damit ich schlafen kann! Ist jemand noch wach in den Nebengemächern?

SCHWERTTRÄGER:

Niemand, mein König. Niemand ist wach mehr im Hause.

ZEDEKIA:

Niemand ist wach mehr, nur ich, nur ich! Warum auf mich alle Last, die Mauern der Stadt und die Türme der Sorgen? Wein, gib mir Wein!

(SCHWERTTRÄGER gibt ihm wieder den Becher, Zedekia stürzt ihn hastig hinab und schleudert ihn weg. Er stöhnt und legt sich wieder auf das Ruhebett. Wieder wird es ganz still. Wieder hört man durch die Stille das Rauschen des fernen Springbrunnens. Es ist ein leises Tönen davon in der Luft, einlullend und geisterhaft. Reglos stehen die Schatten der beiden Wächter, dunkel im Dunkel. Wieder rinnt Zeit vorbei.)

ZEDEKIA (der reglos gelegen, richtet sich im Dunkel ganz leise auf. Wie ein Tier im Ansprang, krümmt sich sein Körper in der Anstrengung des Lauschens, er krampft sich immer mehr zusammen, und plötzlich schreit er heftig):

Es spricht! Es spricht! Es spricht hier von irgendwo. Ich höre eine Stimme, ich höre, ich höre sie. Und es soll niemand jetzt reden in meinem Haus. Wie Gesang tönt es her, es soll niemand jetzt singen in meinem Haus. Hört ihr es, hört ihr es nicht?

SCHWERTTRÄGER:

Ich höre nichts, mein König!

NEHEMIA:

Nichts habe ich vernommen ...

ZEDEKIA (sieht beide starr an, dann krümmt er sich wieder auf seinem Lager zusammen, horcht und plötzlich wieder losbrechend):

Und doch! Es spricht! Es spricht! Es spricht ohne Ende! Hieher, Schwertträger, hier, unter meinem Ohr. Wie ein Maulwurf wühlt es im Schwarzen meines Schlafes und frißt meine Ruhe. Hörst du, hörst du es nicht?

SCHWERTTRÄGER (lauscht. Es ist einen Augenblick ganz still. Dann schaudernd):

Ich höre eine Stimme. Aus der Tiefe dringt sie empor!

ZEDEKIA:

Ah, du hörst sie auch!

SCHWERTTRÄGER (schaudernd):

Es tönt wie Gesang. Die Geister der Tiefe sind wach unter dem Haus. Es klagt und stöhnt wie ein gefesseltes Tier.

NEHEMIA:

Vielleicht ist es Wind, in eine Spalte verfangen?

ZEDEKIA:

Nein, Worte sind es, ich fühle sie, ohne sie zu fassen. Wer singt hier nachts in meinem Haus? Ist den Sklaven so wohl, daß sie singen, indes ich, der König, hier liege mit brennenden Lidern? Geh, Joab, und mache ihn stumm.

(SCHWERTTRÄGER eilends ab.)

ZEDEKIA (bleibt gekrümmt horchend. Er scheint etwas zu hören, denn er hebt den Kopf, dann beugt er sich wieder horchend nieder. Plötzlich hört man drei dumpfe Schläge. Der König horcht gierig. Dann aufatmend):

Gott sei gedankt. Es schweigt! Es ist stumm! Er hat es stumm gemacht!

(SCHWERTTRÄGER erscheint wieder an der Tür. Er blickt verstört.)

ZEDEKIA:

Wer war es, der da sprach?

SCHWERTTRÄGER (zitternd):

Ich weiß es nicht, Herr. Ich bin ihm nicht genaht. Wie ich niederstieg zur Halle, hörte ich stärker das Singen, aus der Tiefe der Erde schien es zu kommen, und grauenhaft tönten die Worte. Ich ging nach, wo sie tönten, und fand doch keinen, der sang in der Halle, immer war es tiefer als ich, immer tiefer, wie aus einem Brunnen klang es empor oder einer Grube. Und ich hörte seine Worte, die waren fürchterlich. Dreimal stieß ich den Speer auf die Erde. Und da schwieg die Gehenna.

ZEDEKIA:

Was tönte die Stimme?

SCHWERTTRÄGER (schaudernd):

Ich ... ich kann es nicht sagen!

ZEDEKIA:

Ich befehle dir: sage die Worte!

SCHWERTTRÄGER:

Lästerung war es, mein König, die aufströmte vom Brunnen.

ZEDEKIA:

Was waren die Worte? Bei meinem Zorn!

SCHWERTTRÄGER (schaudernd. Seine Stimme wird psalmodierend im Gesang):

So sang es von der Tiefe:
Ich habe mein Haus verlassen müssen
Und mein Erbe meiden,
Und was meine Seele liebet, in der Feinde Hand geben.
Meine Augen fließen mit Tränen Tag und Nacht
Und hören nicht auf,
Denn die Jungfrau, die Tochter meines Volks,
Ist greulich zerplagt.

ZEDEKIA (aufschreiend):

Jeremias! Er, immer er!

SCHWERTTRÄGER (wie begeistert weitersingend):

Wehe, wie hat der Herr die Tochter Zion
Mit seinem Zorn überschüttet!
Er hat die Herrlichkeit Israels
Vom Himmel auf die Erde geworfen,
Er hat die Mauer seiner Paläste
In des Feindes Hände gegeben,
Daß sie im Hause des Herrn geschrien haben
Wie an einem Fest.
Er hat ...

ZEDEKIA (ausbrechend):

Schweig still! Schweig still! Ich will es nicht hören. Ich will nicht! Immer er, immer er! Auf jeden Kreuzweg ist er gestellt, da ich schreite, hinter meinen Taten rennen seine Rufe, in meine Träume drängt er sich ein und füttert meinen Zwiespalt. Wie ihm entrinnen, dem Schatten, dem fürchterlichen? Aus der Grube noch schreit er zu mir! Wie ihm entfliehen, der mich verfolgt, wie ihm entgehen, der allerorts ist? Wer befreit mich von ihm ...

SCHWERTTRÄGER:

Herr, ist es dein Feind, so ... (Er macht eine Bewegung.)

ZEDEKIA (aufgeschreckt aus seinem Zorn, starrt ihn fassungslos an. Dann in erwachendem Stolz):

Du meinst ... Nein, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte niemanden. Und ich weiß nicht, ob er mein Feind ist. Vielleicht war es töricht, vor ihm zu flüchten ... Vielleicht ... (Er geht unruhig auf und ab): Schwertträger!

SCHWERTTRÄGER:

Mein König?

ZEDEKIA:

Geh hinab und schließe auf die Düngergrube. Nimm mit deinen Bruder Nehemia, und bringet den Mann aus der Tiefe vor mich her. Geheim muß er gebracht werden und im geheimen wieder hinab.

(DER SCHWERTTRÄGER und sein Bruder eilig ab.)

ZEDEKIA (allein. Er spricht halblaut vor sich hin):

An jedem Kreuzweg hinter meinem Rücken und immer zu spät, und immer muß ich ihn hören. Warum rief ich nur Gott, der mir schweigt, und nicht alle, die sagen, daß er rede durch sie? Aber warum reden sie einer gegen den andern und widersprechen sich, wie ja dem nein? Wie sie erkennen, wie scheiden das Falsche vom Wahren? Furchtbar, furchtbar dieser Gott, der immer nur schweigt und dessen Boten keiner erfaßt!

(JEREMIAS erscheint, begleitet vom Schwertträger, der auf eine Gebärde Zedekias sofort den Raum verläßt. Sein Antlitz ist fahl und abgemagert, schwarz wie aus einem Totenschädel schauen die Augen aus einem weißen, knöchernen Gesicht. Er blickt den König ruhig forschend an.)

ZEDEKIA (nach einer kurzen Betretenheit):

Ich habe dich rufen lassen, Jeremia. Warum störst du meine Ruhe? Was singst du des Nachts, da alle schlafen, und schläfst nicht auch?

JEREMIAS:

Dem, der da wachen soll über das Volk, ist kein Schlafen verstattet, und zum Wächter bin ich gesetzt und zum Warner.

ZEDEKIA:

Wahr sprichst du, Jeremias, nicht ist jetzt Zeit zu ruhen in Jerusalem, und bei Gott, ich habe nicht geruht. Ratschluß habe ich gehalten mit den Dienern meiner Krone, aber nicht ward still meine Seele daran. Die Freunde habe ich vernommen, die meines Sinnes sind, doch noch verlangt es mich, den zu vernehmen, der wider mich ist in Jerusalem.

JEREMIAS:

Nie ward mein Herz wider dich, mein König, nur meine Rede wider dein Tun.

ZEDEKIA:

Und nie war ich dir feind, sei des eingedenk in dieser Stunde! Wenn ich dich verschloß, so war es, dich zu retten vor deinen Widersachern. Heilig war mir dein Haupt um deiner Kühnheit willen. Doch nun sprich zu mir nicht, wie du am Markte sprichst, sondern in deiner Seele und vor Gottes Ohr. Nahe bist du vielleicht deinem Ende, und die Bücher sagen, daß Worte wahr sind im Antlitz des Todes.

JEREMIAS:

Nicht näher bin ich dem Tode, Zedekia, als du selbst. Auf einem Blatte des dunklen Buches ist unsere Stunde gezeichnet.

ZEDEKIA:

Ich bin nicht dein Feind: möge sie dir ferne sein!

JEREMIAS:

Zweimal habe ich gesprochen zu dir, Zedekia, König von Israel, doch nur deinen Rücken traf meine Rede, und vor dir lief schon die Tat. Nun spreche ich in dein Antlitz und frage dich, was begehrst du von mir?

ZEDEKIA:

Viel ist von den Dingen wahr geworden, Jeremias, die du geweissagt, und deine Stimme ward stärker in meiner Seele. Nabukadnezar ist gekommen von Mitternacht mit Rossen und Wagen, wie du gesehen im Traum, und gürtet die Stadt. Nichts ist ihm gelungen bislang, doch mächtig hilft ihm die Zeit. Ein Geheimnis will ich dir künden. Karg wird in den Mauern das Brot.

JEREMIAS:

Ich weiß es, Herr.

ZEDEKIA:

Wie kannst du es wissen? Keiner hat die Säcke gezählt, als Nachum, der Hüter. Wie gibst du vor, es zu wissen, der du beim Dünger liegst unter der Erde?

JEREMIAS:

Das Brot ist kleiner geworden und kleiner, das sie mir in die Grube reichen, kaum deckt mirs die Spanne der Hand. Und ich höre die Hunde winseln des Nachts und scharren in den Knochen, denn keiner wirft ihnen mehr Weiches zu. So ward mir die Not bewußt.

ZEDEKIA (noch gereizter):

Die Hunde wissen es in den Gassen, die Versenkten in ihrer Grube, und mich, den König, hat man heut es gelehrt. Auf den Gassen geht die Wahrheit um und weilet dort lange, ehe sie kommt zu den Königen.

JEREMIAS:

Wie soll Wahrheit dorthin eilen, wo Dünkel weilt? Ist ihr denn Willkomm bei den Königen? Hart ist das Ohr der Könige und nur aufgetan der Honigrede, ihre Hüften umgürtet mit Hochmut und ihre Füße umnestelt mit Schmeichlern. Sie meinen, die Hochmütigen, man könne Feuer fassen, ohne sich zu brennen, und ins Schwert greifen, ohne sich zu schneiden. Wer aber den Frieden stört, dem wird er verstöret werden, und wer Wind in die Welt gesäet, wird Sturm ernten in seiner Seele.

ZEDEKIA:

Jeremia, zum Rat habe ich dich gerufen, nicht zur Schmähung! Aus deiner Tiefe habe ich dich geholt, und keiner weiß es von ihnen, daß aus dem Brunnen, darein sie dich versenkten, Ratschluß ich hebe. Darum sprich zu mir wahrhaft und rate, ehe daß du schmähest. Willst du mir zu Willen sein?

JEREMIAS:

Gott einzig bin ich zu Willen.

ZEDEKIA:

So höre, was keiner weiß, denn meine Räte. Ein Bote kam von Nabukadnezar, daß wir wendeten den Krieg von unseren Völkern.

JEREMIAS (jauchzend):

Gelobt sei Gott! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!

ZEDEKIA:

Nicht juble zu früh! Hart ist, was er fordert von uns, und seine Hoffart ohne Maß.

JEREMIAS:

Hoffärtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart von ihm. Zwinge dein Herz, doch rette die Stadt!

ZEDEKIA:

Meine Ehre hat er gefordert.

JEREMIAS:

Gib sie hin für die Stadt!

ZEDEKIA:

Ist nicht Ehre mein Amt und der Stolz meine Krone?

JEREMIAS:

Was dein ist, wirf weg! Besser als Ehre ist Friede, besser Leiden denn Sterben.

ZEDEKIA:

In ein Joch will er mich beugen!

JEREMIAS:

Selig zu leiden einer für alle, zu leiden für das lebendige Leben. Beuge den Nacken, errette die Stadt!

ZEDEKIA:

Schmach wäre es für all die Könige, deren Erbe ich bin, Unflat am Kleid meiner Ahnen.

JEREMIAS:

Nicht derer denke, die waren, denn Staub sind sie und Wurmfraß. Denke der Stadt, gedenke der Lebendigen!

ZEDEKIA:

Doch nicht mich nur will er erniedrigen, auch unsern Gott.

JEREMIAS:

Gott lächelt seiner Verächter! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!

ZEDEKIA:

Das Heiligste will er betreten, dem keiner genaht!

JEREMIAS:

Gott wird es wehren, so es sein Wille ist, nicht du. Tu auf die Tore, tu auf der Demut dein Herz!

ZEDEKIA (ergrimmt):

Starrsinn ist deine Weisheit und Trotz dein Ratschluß. Mit tauben Ohren hörst du mir zu, und Kieselstein ist deine Antwort.

JEREMIAS:

Soll ich die Hände klappen zu deiner Verblendung und jauchzen zu deinem Wort? Rat scheinst du zu fragen und buhlst doch nur Beifall. Doch eher dorre meine Zunge und zerfalle mein Gebein, als daß ich deine Torheit lobe und nicht schreie wider deine Verblendung.

ZEDEKIA:

Was wirfst du dich hart über mich? Noch weißt du meinen Willen nicht.

JEREMIAS:

Ich kenne deinen Sinn. Nur dein Wort buhlt um mich, doch dein Wille bockt wider mich! Willst du meiner spotten und spielen mit Gottes Wort? Nicht riefst du mich, daß ich die Wage sei deines Entschlusses. Längst ist die Botschaft gehärtet in deiner Seele und gesiegelt deine Meinung. Nicht mich belügst du, nur dich selber, König von Israel.

ZEDEKIA:

Jeremias!

JEREMIAS:

Ja, ich, Jeremias, sage dir, dem Könige: Unwahr handelst du an mir, und Ausflucht sind deine Worte. Denn nicht frei ist dein Wille mehr, und du willst nicht, daß ich ihn wende.

ZEDEKIA (unsicher):

Wie kannst du es wissen?

JEREMIAS:

Deine Lippe verrät es, wie ein Schuldiger schreckst du vor meinem Zorn. Versuchen wolltest du mich, daß ich dir zuspräche und ablüde die Schuld deinen Schultern, aber, wehe dem, der Menschen versucht, denn Gott versucht er in ihnen.

ZEDEKIA (zögert betroffen. Dann leise):

Viel ist dir zu wissen gegeben, Jeremias! Wahr, allzu wahr ist dein Wort. Nicht ist mein Wille mehr frei. Schon ist die Botschaft bei dem Boten.

JEREMIAS:

Nimm sie ihm ab! Errette die Stadt!

ZEDEKIA:

Schon ist er gegangen.

JEREMIAS:

Zurück! Ruf ihn zurück!

ZEDEKIA:

Zu spät! Zu spät bist du gekommen.

JEREMIAS:

Eile ihm nach! Laß ihm nachsetzen mit Rossen und Läufern.

ZEDEKIA:

Es ist zu spät. Schon hält sie des Königs Hand!

JEREMIAS (bricht zusammen, verhüllt sein Gesicht, mit einem dumpfen Schrei die Hände reckend):

Dann wehe, wehe Jerusalem! Jerusalem! Jerusalem! Wehe! Wehe!

ZEDEKIA (erschreckt ihm nahe tretend):

Was ist dir, Jeremias?

JEREMIAS (hört ihn nicht. Ein Schluchzen geht durch seinen Körper. Allmählich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschüttelt von mächtiger Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hände aufhebend, überwältigt von innern Gesichten):

Oh wehe, wie bist du vom Himmel gefallen,
Jerusalem, prächtiger Morgenstern,
Und gedachtest doch über die Welten zu steigen!
Über die Wolken wolltest du fahren,
Doch wehe, du bist gesunken, du Schöner,
Nieder, oh nieder, in Dunkel und Nacht.

ZEDEKIA (ihn erwecken wollend):

Jeremias!

JEREMIAS:

Was war heller, als deine Stirne,
Du Burg Jakobs,
Du Kronstadt Davids,
Du Zelt Salomos,
Gottes Kleinod und heiliges Haus?
Wer konnte dich künden, wer durfte dich rühmen?
Die Psalter ward müde, die Zimbel zu leise,
Von Morgen bis Abend dich heilig zu preisen.
Völker pilgerten her, dich zu schauen,
Und wer dich schaute, dem frohlockte das Herz!

ZEDEKIA:

Du rasest, Jeremias! Wach auf! Wach auf!

JEREMIAS:

Doch wie still bist du nun, du Schöne, geworden,
Wo ist dein Leuchten, wohin dein Gefunkel?
Nicht mehr flüstern
Die Stimmen des Bräutigams und der Braut,
Weithin verscholl das Wogen des Marktes,
Das Tönen der Freude,
Flötenklang und der Jungfraun Gesang!
Weh! Ein Würger ist über dich kommen,
Ein arger Vollstrecker von Mitternacht.
Eitel Wüstung sind deine Straßen,
Dornen wachsen in Marmelgemächern
Und Nesseln in deines Königs Palast.
Weh! Gesunken sind all deine Mauern,
Geborsten die Türme und schmählich zerstoßen
Das ewige Herz deines Heiligtums.

ZEDEKIA:

Du lügst, Verfluchter! Hoch und heil sind Jerusalems Mauern!

JEREMIAS (immer frenetischer):

Alles Haupt ist geschoren,
Aller Bart ist geschnitten,
In Säcken gehen die Mütter und reißen
Mit Nägeln sich rot das Fleisch von den Wangen:
Wo sind meine Söhne? Wo sind meine Töchter?
Doch wehe! Es liegen wie Kot in den Gassen
Die Leichen der Knaben, erwürgt von den Knechten,
Die Frauen, erdrosselt im Strang ihrer Haare,
Die Schwangern zerhaun mitsamt ihrer Frucht.
Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Fülle,
Und die Schakale der Wüste sind satt.

ZEDEKIA:

Schweig still! Schweig still! Du lügst!

JEREMIAS:

Was hilft es zu flüchten in die Geklüfte,
In brennenden Steinriß, in tiefes Gestrüpp?
Sie jagen dir nach mit Rossen und Meuten,
Sie treiben dich aus mit Räuchern und Bränden,
Sie fassen dich an und fassen dich doch!
Sie treiben das Volk mit dem Stecken des Treibers,
Sie schwächen die Frauen, sie schlagen die Greise,
Die Tochter des Königs wird Magd seiner Mägde
Und Sklave der Sklaven der rechtliche Mann.

ZEDEKIA:

Kein Wort mehr, du Lügner, bei meinem Zorn!

JEREMIAS (aufklagend):

Oh, Jerusalem, Jungfrau und Gotteskind,
Geschmäht und geschwächt vom Hohne der Heiden,
Oh wehe, daß ich dich so schauen muß!
Alle deine Neider sind voll jetzt des Lachens,
Sie blecken die Zähne und lachen betulich:
„Ei, wie haben wir diese erniedrigt,
Wie ward willfährig die Stolze, die Schöne!
Das ist der Tag, des wir haben begehret,
Wir habens erlanget,
Wir habens erlebt!“

ZEDEKIA (zitternd vor Zorn auf ihn, mit geballten Fäusten):

Schweige, du Lügner! Ich kann es nicht hören! Du lügst! Du lügst!

JEREMIAS:

Oh, Jerusalem, heilige Gottesstadt,
Wiege der Völker und Kleinod der Welt.
Wer wird dich rühmen, wer findet dich?
Eine Sage der Zeiten bist du geworden,
Fabel und Sprichwort unter den Völkern,
Oh, ich sehe ...

ZEDEKIA:

Nichts wirst du sehen, du Rasender du!

JEREMIAS:

Ich sehe dein Leid, ich seh deinen Tod,
Ich sehe ...

ZEDEKIA (ihn wild anfassend und rüttelnd, in höchstem Zorn):

Nichts wirst du sehen! Ich lasse dich blenden!

JEREMIAS (wie in einem fürchterlichen Erwachen ihn anstarrend. Dann plötzlich grell auflachend, in vorbrechender Ekstase):

Mich?!
Du mich blenden, du Ruchloser!? Nein!
Anders hat Gottes Entschluß bestimmt!
Wohl wird einer geblendet sein,
Ehe der Tag noch sein Ende nimmt,
Doch jener, der längst schon verblendet war,
Als sein Auge noch blickte und sah: –
Höre mich, König Zedekia!

(ZEDEKIA hat ihn losgelassen und starrt ihn erschrocken an.)

JEREMIAS (mit beiden Fäusten auf ihn zu):

Dich
Werden sie fassen, des Königs Knechte
Im Hause Gottes, das du verstört,
Sie reißen die Rechte
Dir los vom Altar,
Daran sie zur Hilfe verklammert war!
Du willst dich wehren, sie brechen dein Schwert,
Umtun deine Arme mit eisernen Flechten
Und schleppen
Und schleifen dich über die Treppen,
Wie ein Opfertier mit Peitschen und Schlägen
Jenem entgegen,
Dessen Hand du verstoßen, dessen Joch du zerbrochen
Und der dir ein feuriges Urteil gesprochen!

(ZEDEKIA ist zurückgefahren und hebt wie abwehrend die Hände.)

JEREMIAS:

In die Knie
Knicken sie dich und stoßen dich sie,
Ein Feuer loht knisternd auf rundem Stein,
Vier Hände halten den Blendstahl hinein.
Heiß
Frißt die Hitze
Vom schwarzen Griff sich auf in die Spitze.
Sie glüht! Sie flammt! Sie wird rot! Sie wird weiß!
Und dann
Fassen dich rauh ihre Fäuste an,
Zischend und rauchend
Tauchen
Sie die Nacht dir in dein Auge hinein.

ZEDEKIA (aufschreiend und sich an die Augen greifend, wie ein Geblendeter):

Weh!

JEREMIAS: