Die Gesellschaft war nun auf der Wiese angelangt, auf der sich der Weltensegler kaum merkbar am Ankerkabel bewegte. Der Alte gab den Herren zu verstehen, daß sie ihr Eigentum aus der Gondel herausnehmen sollten. Zu diesem Zwecke und der besseren Verständigung wegen stieg der Greis mit seiner Begleitung die Strickleiter zur Gondel hinauf und brachte aus ihr verschiedene Dinge herab, die den Erdmenschen gehörten. Nun begriffen diese den Greis.
„Sehen Sie, daß ich recht hatte?“ Mit diesen Worten wandte sich Stiller an seinen Kollegen Frommherz. „Man kommt doch nicht von der Erde zu so freundlichen, gastfreien Menschen, wie es die Marsbewohner zu sein scheinen, um gleich wieder kehrtmachen zu müssen. Übrigens könnten wir in unserer jetzigen Verfassung an eine sofortige Rückkehr überhaupt nicht denken.“
„Vor dieser bewahre uns für immer der Himmel in Gnaden!“ antwortete Frommherz, emsig damit beschäftigt, seine Habseligkeiten zusammenzupacken.
Bald nachher war das bescheidene Gepäck der Marsreisenden unten auf dem Boden. Mit Aufmerksamkeit betrachtete der Greis die verschiedenen Instrumente, die da zum Vorschein kamen. Ganz besonderes Interesse erregte bei ihm das Fernrohr. Stiller suchte ihm dessen Gebrauch klarzumachen. Aber der Greis schüttelte zu diesen stummen Auseinandersetzungen nur den Kopf und wies endlich mit der Rechten nach einem fernen Bau, dessen kuppelförmiges Dach der Professor jetzt zum erstenmal erblickte.
„Beim Zeus, die haben ja hier oben auch eine Sternwarte und zwar in nächster Nähe!“ rief Stiller erfreut. „Freunde, da müssen wir noch heute abend hingehen, um von dort aus unsere Mutter Erde in weiter Ferne als leuchtenden Stern erster Größe betrachten und bewundern zu können.“
Stiller machte dem Greise diesen Wunsch sofort begreiflich. Er deutete zuerst nach dem Himmel, dann auf sein Fernrohr und schließlich auf die Kuppel des Gebäudes. Endlich entnahm er seinem Gepäck eine große Himmelskarte, die er entfaltete. Mit dem Zeigefinger der Rechten wies er auf die Planeten hin, deren Bahnen um die Sonne auf einem besonderen Abschnitt der Karte verzeichnet waren. Nun verstand ihn der Greis sofort und nickte bejahend mit dem Kopfe. Jetzt suchte ihm auch der Professor begreiflich zu machen, woher er und seine Gefährten gekommen seien. Er zeigte auf die eingezeichnete Erde, dann auf die sie umschließende Bahn des Mars, auf diesen selbst, endlich auf das Luftschiff. Ein lauter Ton des Erstaunens kam über die Lippen des Greises. Er hatte Professor Stiller vollkommen verstanden und reichte ihm zum erstenmal mit Worten, die wie ein herzliches Willkommen klangen, die Hand, die dieser warm, drückte.
Der Greis übersetzte seinen Begleitern, was der Fremde ihm da in seiner stummen Zeichensprache erklärt hatte, und auf den offenen, ehrlichen Gesichtern trat ein gewisser Ausdruck der Achtung vor den kühnen Fremden, die so weit hergekommen waren, hervor. Die Weltensegler wurden wieder in ihr Heim zurückgeführt, in dem sie sich mit den aus ihrer Heimat mitgebrachten Sachen häuslich einzurichten begannen. Darüber war es spät am Mittag geworden. Keine lästige Neugier hatte die Herren bei ihrer Einrichtung gestört. Mit unendlichem Behagen streckten sie sich nach Beendigung dieser Arbeit auf die weichen Ruhebetten in ihren Zimmern, um in dem so lange entbehrten Genusse eines ausgezeichneten Lagers kurze Zeit zu schwelgen.
Inzwischen war die Tischzeit herangekommen. Das Mittagsmahl verlief ähnlich wie das Frühstück, nur war es reichlicher. Voll Befriedigung über die ihnen gebotenen Tafelfreuden wollten sich die Herren gerade erheben, als sie eine neue Überraschung an ihre Plätze bannte. Draußen, vom Hallenhofe des Hauses her, erschallte a capella der Gesang menschlicher Stimmen. Es war ein Lied voll Innigkeit und Tiefe. Die tongewordene Barmherzigkeit selbst schien es zu sein, die da an die Herzen der Gelehrten so mächtig pochte, daß sie ihre große Ergriffenheit nur schlecht zu bemeistern vermochten. Als das Lied verklungen war, wischten sich einige der Herren verstohlen die Tränen aus den Augen.
„Darauf muß ich noch einen Schluck nehmen,“ erklärte Piller, seinen Pokal füllend. „Seelische Erregungen rufen bei mir das Bedürfnis nach materieller Stärkung hervor. Dubelmeier, schneiden Sie kein so sonderbares Gesicht; tun Sie mir lieber Bescheid!“
„Bewahre mich der Himmel davor, diesen hehren Augenblick durch Alkohol zu entweihen!“
„Ganz wie Sie wollen, lieber Dubelmeier!“ erwiderte Piller gegen seine sonstige Gewohnheit milde.
Die Gelehrten verließen das Haus, um den schönen Abend zu einem Spaziergang zu benützen und die Gegend etwas näher kennenzulernen, die voraussichtlich längere Zeit ihren Wohnort bilden würde. Auf diesem Spaziergange wurde es ihnen mehr und mehr klar, daß ihr Luftschiff in der Nähe einer viel größeren Niederlassung gelandet war, als sie anfänglich geglaubt hatten. Es mußte eine Art von Stadt sein; denn trotz des garten- oder parkartigen Charakters des Ganzen bewiesen die vielen Häuser, die stets allein für sich standen, daß hier eine verhältnismäßig dichte Bevölkerung vorhanden sein müsse.
In dieser Auffassung wurden die Herren auch durch die zahlreichen Menschen unterstützt, die sie noch mit den verschiedensten Arbeiten beschäftigt antrafen. Niemand war hier untätig. Die Hast aber schien ein unbekannter Begriff zu sein, denn bei aller Arbeit trat ein gewisses Maß vornehmer Ruhe hervor. Wie wohltuend stach diese gegen das lärmende Treiben der Menschen auf der Erde ab! Überall, wohin auch die Gelehrten ihre Blicke richteten, erschien ein gleichmäßig verteilter Wohlstand; selbst die relative Armut mußte hier unbekannt sein. Nicht nur in den Häusern, deren offene Hallen dem neugierigen Auge ungehinderten Einblick gestatteten, nein, auch um die Wohnungen herum, auf allen Wegen und Stegen herrschte eine geradezu peinliche Sauberkeit.
Ihr Spaziergang führte die Herren auch an den breiten Strom, den sie heute in der Frühe des Tages vom Luftschiff aus gesehen hatten. Es mußte einer der berühmten Marskanäle sein; denn soweit sie sehen konnten, war der Strom kunstvoll eingedämmt, schnurgerade seine Ufer. Eine kühn geschwungene steinerne Brücke, auf vielen Pfeilern ruhend, ein architektonisches Meisterwerk, führte hinüber an das andere Ufer. Auf dem Mars schien alles unter dem Zeichen gemessener Ruhe zu stehen: auch die klaren, hellgrünen Gewässer des mächtigen Kanales flossen still und ruhig dahin und trugen auf ihrem Rücken eine Menge geschmackvoll gebauter Schiffe.
An der Brücke lag ein Schiff, aus dem einige Männer Platten verschieden gefärbten Marmors, Blöcke von Granit und Syenit ans Ufer schafften und zwar mit einer Leichtigkeit, die auf die sieben Schwaben geradezu verblüffend wirkte. Sollten diese Marsbewohner über ungewöhnliche Körperkräfte verfügen, eine Art Athleten sein?
„Welch großartig entwickelten Brustkorb diese Leute haben! Sehen Sie einmal genauer hin!“ Mit diesen Worten zeigte Piller auf die Arbeiter. „Es ist mir heute früh schon aufgefallen, wie herrlich gebaut und wie breitschultrig diese Menschen hier sind. Auch die Kinder zeichnen sich in dieser Beziehung gegenüber den unsern auf der Erde vorteilhaft aus. Die reinste Züchtung einer lungenstarken Rasse, die der Schwindsucht kaum zugänglich sein dürfte,“ fuhr Piller fort.
Unterdessen war Brummhuber zu den arbeitenden Marsiten getreten und versuchte, eine der Steinplatten zu heben.
„Mir kommt dieser Marmor merkwürdig leicht vor. Sollte es vielleicht eine andere Art von Stein sein als bei uns?“ rief er fragend seinen Gefährten zu.
Diese kamen, neugierig geworden, näher und untersuchten die Steine.
„Nein, es ist tadellos schöner Marmor. Betrachten Sie nur das feine Korn und die zartgefärbten Adern, die ihn durchziehen!“ entgegnete Piller nach eingehender Prüfung.
„Und dieser prächtige rote Stein hier ist bester Syenit, oder ich müßte geradezu kein mineralogisches Unterscheidungsvermögen mehr besitzen,“ warf Herr Hämmerle ein, der an dem Steine herumgeklopft hatte.
„Versuchen wir einmal, die Steine zu heben!“ entschied Piller.
„Richtig, die scheinen hier oben ein geringeres spezifisches Gewicht zu haben als unten bei uns. Nun begreife ich, warum diese Leute die Lasten so leicht zu heben vermögen. Woher das wohl kommen mag? Wissen Sie vielleicht die Ursache, Stiller?“
„Der Grund dieser Erscheinung liegt meines Erachtens in der Dichtigkeit des Mars, die nur o,7 von der der Erde beträgt,“ antwortete Herr Stiller.
„Nun geht mir auch ein Licht auf, warum mir heute bei unserm Mahle die Pokale, unsere Silbergeräte überhaupt, so eigentümlich leicht vorkamen,“ fügte Thudium bei. „Ich hatte aber keine Zeit, über diese auffallende Erscheinung nachzudenken, denn die Musik nahm mich zu sehr gefangen.“
„So ging es auch mir,“ bestätigte Stiller.
„Und wie steht es mit der Dichtigkeit der Marsatmosphäre?“ forschte Frommherz. „In dieser Beziehung finde ich keinen Unterschied gegenüber unserer Heimatluft im Sommer. Im Gegenteil, ich atme leichter, freudiger hier oben als unten.“
„Der Luftkreis, der diesen Planeten umgibt, ist von bedeutend geringerer Höhe als der unserer Erde. Denken Sie sich bei uns auf einen Berg von mäßiger Höhe gestellt, so wird die etwas dünnere Luft dort ungefähr der hier entsprechen. Unsere Erdbarometer sind leider nicht für den Mars so verwendbar, daß wir zu ganz sichern Vergleichen und Schlüssen kommen könnten,“ entgegnete Stiller.
„Sei dem wie ihm wolle! Aus Ihren Worten kann ich mir auch ganz ungezwungen die wunderbare Entwicklung des Brustkorbes unserer Marsfreunde erklären: Anpassung der Lungen an die äußeren Lebensbedingungen. So werden sich auch in derselben einfachen Weise andere Eigentümlichkeiten der Marsleute erklären lassen, die uns noch da und dort entgegentreten werden,“ erwiderte Piller, sich in Marsch setzend, während die übrigen Herren seinem Beispiele folgten.
„Übrigens, meine Freunde, haben Sie noch nicht die auffallend schönen Augen unserer Marsmenschen bewundert?“ fragte Piller im Weiterschreiten.
„Ihre Größe und ihr schöner Glanz stechen allerdings stark gegen Größe und Glanz der unsern ab. Ein merkwürdiges Leuchten geht aus diesen Spiegeln der Seele bei unsern Marsleuten hervor.“
„Ganz richtig beobachtet, Stiller! Das satte Blau der Iris habe ich in dieser vollendeten Schönheit früher noch niemals gesehen. Es ist die Idealfarbe des edeln Auges. Und dieses lockige, reiche Haar! Wahre Zeus- und Junogestalten! Frommherz hatte heute recht mit seinem Vergleiche.“
„Nicht wahr?“ rief dieser erfreut über Pillers laute Anerkennung. „Körperlich wie geistig gleich hochstehende Menschen scheinen mir die Marsbewohner zu sein.“
„Für diese Gegend wenigstens scheint Ihr Urteil zu stimmen nach dem, was wir heute erfahren haben,“ erwiderte Stiller.
Da die Sonne untergegangen war, so beschlossen die Herren aus dem Schwabenlande, für heute den Spaziergang zu beenden und in ihr Heim zurückzukehren. Dort wollten sie den Besuch des würdigen Greises erwarten, um von ihm auf die Sternwarte geführt zu werden. Sie befanden sich noch unterwegs, als die Nacht ihre dunklen Schwingen über die Landschaft auszubreiten begann. Im Osten wurde es hell und heller. Der Mond tauchte auf und warf sein klares Licht auf die stille, friedvolle Gegend.
„Das ist der große Marsmond, Deimos genannt, der uns da leuchtet,“ erklärte Professor Stiller seinen Gefährten. „Wenige Augenblicke nur, und Sie werden den zweiten Trabanten des Mars sehen, mit dem wir, wenn auch glücklicherweise höchst oberflächlich, letzte Nacht in peinliche Berührung gekommen sind.“
Richtig, da kam auch der kleine Phobos über den Horizont gestiegen.
„Welch prachtvolles Schauspiel!“ rief voll Entzücken Stiller. „Wahrlich, die Marsbewohner brauchen keine künstliche Beleuchtung ihrer Nächte! Sie haben nicht nur jede Nacht vollen Mondschein, sondern sie besitzen auch gleich zwei Himmelsleuchten.“
„Ein merkwürdiger Weltkörper, dieser Mars, fürwahr!“ entgegnete Piller, einen Augenblick stehen bleibend und die beiden Monde betrachtend, deren fast taghelles Licht eigenartige, reizvolle Schattenbilder hervorbrachte.
„Ein lebendig gewordenes Märchen. Das wäre wieder ein neuer Anlaß für Sie zu trinken, Piller,“ spottete Dubelmeier.
„Warum denn nicht, alter Freund, warum denn nicht? Es scheint mir aber nach dem, was wir heute schon erlebt haben, auf dem Mars so viel Bewunderungswürdiges zu geben, daß die Anlässe zum Trinken sich denn doch zu bedenklich mehren dürften. Mein Wahlspruch aber ist gleich dem des alten griechischen Weisen: Nichts zuviel!“
„Lachen Sie nicht so töricht, altes Wasserhuhn, und folgen Sie selbst lieber diesem Beispiele in Ihrer übertriebenen Wassertrinkerei! Das rate ich Ihnen schon vom Standpunkte der modernen Heilkunde aus.“
„Die Monde kommen mir hier oben bedeutend größer vor als z. B. unten unser Trabant,“ bemerkte Frommherz, die eingetretene Stille unterbrechend.
„Nur Täuschung, mein Lieber!“ erklärte Stiller. „Die Monde des Mars sind beträchtlich kleiner als der Mond unserer Erde, sie sind aber bedeutend näher am Hauptplaneten, als dies bei unserm Monde der Fall ist. Phobos hier ist vom Mars nur etwas über 9000 Kilometer, der große Deimos nicht mehr als etwa 23500 Kilometer entfernt. Daher kommt es, daß diese Trabanten des Mars so übermäßig groß erscheinen.“
Unter diesen Gesprächen gelangten die Herren vor ihr stattliches Heim. Dort erwartete sie bereits ihr aufmerksamer Gastgeber, der ihnen heute schon so viel Gutes erwiesen hatte. Im Mondschein erschien den Herren die hohe Gestalt des Alten womöglich noch feierlicher als im Lichte des Tages, das lange, wallende weiße Haar noch silberner, glänzender.
„Sieht er nicht aus wie ein Patriarch aus der alten jüdischen Zeit, in der Sittenreinheit und Einfachheit des Volkes herrlichste Tugenden waren?“ fragte Professor Stiller leise seinen Kollegen Frommherz.
„Wahrhaftig, Sie haben recht!“ entgegnete dieser. „Nennen wir unsern Alten, dessen Namen uns noch unbekannt ist, einfach Patriarch. Diese Bezeichnung paßt prächtig auf ihn, hat er uns doch heute unter seinen väterlich milden Schutz genommen.“
Nach einer kurzen, stummen Begrüßung geleitete der Alte die Erdensöhne nach dem mit einem Kuppelbau versehenen Hause. Der Weg dahin führte durch eine Art von Wald voll großer wohlgepflegter Bäume, auf deren dunkelgrünen, glänzenden Blättern die zitternden Strahlen der Monde ihr neckisches Spiel trieben. Millionen von Leuchtkäfern schwirrten in der weichen Nachtluft unter den Bäumen, und das bläulich schillernde Licht der lautlos dahinhuschenden Tiere machte den Eindruck kleiner, in rascher Bewegung begriffener Sternchen. Muntere Bächlein, über die zierliche Brücken führten, kreuzten oft den Weg.
Der eigenartig schöne Weg hatte ungefähr eine Stunde Zeit in Anspruch genommen. Das in Form eines Rundbaus angelegte Gebäude trug in seinem Erdgeschoß eine Reihe von Büsten auf roten Marmorsockeln. Sie schienen die Männer darzustellen, die hier am Observatorium gewirkt hatten. Breite Stufen führten in den eigentlichen Beobachtungsraum hinauf, in dem einige Männer bereits an ihrer stillen Arbeit saßen. Der Patriarch mußte mit ihnen bereits Rücksprache genommen haben, denn sie erhoben sich sofort beim Eintritt der Fremden und luden diese durch freundliche Handbewegung ein, ihre Plätze einzunehmen.
Stiller war von der gediegenen Pracht und Großartigkeit der gesamten Einrichtung überrascht. Wie gering erschien ihm dagegen seine Sternwarte da unten auf Stuttgarts Bopserhöhe! Er trat auf eines der Riesenteleskope zu, prüfte es kurz und gestand sich, daß dessen Linsen an Schärfe nichts zu wünschen übrig ließen, ja sogar alles übertrafen, was er in dieser Beziehung überhaupt bis jetzt kennengelernt hatte. Welch eine Summe von Intelligenz mußte auf dem Mars vorhanden sein, die so feine, auf genauester wissenschaftlicher Berechnung beruhende optische Arbeit auszuführen ermöglichte!
Der Professor betrachtete aufmerksam den Himmel. Da und dort flammten Sternbilder und einzelne Sterne auf, die ihm bekannt waren. Ein auffallend großer, rotleuchtender Stern stand tief im Westen und erregte die vollste Aufmerksamkeit des Gelehrten. Es konnte nur ein Planet sein, der da funkelnd im unermeßlichen Weltraum hing, und möglicherweise war es der auffallenden Nähe wegen gar die Erde. Das Riesenfernrohr wurde daraufhin sorgfältig eingestellt. Die Vermutung Professor Stillers war richtig. Dank den unübertrefflich scharfen Linsen und der Reinheit der Marsatmosphäre erkannte er deutlich die Mutter Erde. Gut konnte er auf ihr die verschiedenen Meere und Kontinente unterscheiden. Vom Nordpol abwärts ließen sich sogar die Umrisse der einzelnen Länder gegen das Eismeer sowie gegen den Atlantischen Ozean hin feststellen, und das da, — ja, jetzt hatte er es — was sich jetzt zeigte, im Fernrohr scharf abzeichnete, mußte die Heimat, mußte dem ganzen Aussehen nach Deutschland sein.
Voll freudiger Aufregung teilte Stiller seinen Gefährten die gemachte Beobachtung mit und lud sie ein, einen Blick auf das ferne teure Vaterland hinunterzuwerfen. Einer nach dem andern folgte dieser Aufforderung.
„Unglaublich, aber wahr! Diese Fernsicht ist wirklich einzig in ihrer Art! Zum ersten Male sehen wir aus weiter, weiter Ferne die Erde und die Heimat,“ rief Hämmerle begeistert.
„Die Großartigkeit dieses Bildes wirkt geradezu feierlich,“ äußerte Thudium.
„So ist es auch,“ bestätigte Piller.
Die Astronomen vom Mars und der Patriarch, warfen nun ebenfalls nacheinander einen Blick durch das Teleskop. Sie wußten ja schon, woher die sonderbaren Fremden heute früh gekommen waren, und konnten aus ihrer Aufregung bei der Beobachtung eines bestimmten Teiles des fernen Gestirnes leicht schließen, daß dieser Teil, der sich augenblicklich im Gesichtsfelde des Fernrohres befand, die engere Heimat ihrer Gäste sein müsse.
„Es ist jammerschade, daß wir uns mit den Kollegen hier nicht unterhalten können! Welch interessanter, gewinnbringender Meinungsaustausch käme dabei heraus!“ sprach Stiller zu seinen Gefährten, als sie nach stummem Abschiede das Observatorium verließen.
„Wir müssen in erster Linie so rasch wie möglich die Sprache der Marsbewohner erlernen. Ihre Kenntnis ist die unumgängliche Voraussetzung für unsere Forscherzwecke,“ antwortete Hämmerle.
„Wahr gesprochen, Meister der Sprachforschung!“ erwiderte Piller, und auch die andern Herren nickten zustimmend mit dem Kopfe.
Die beiden Trabanten des Mars standen nun als volle Monde am Himmel, als die Herren heimwärts schritten. Gewaltigen, übereinandergestellten Leuchtkugeln gleich, hingen sie oben am Himmel und warfen ihr silberglänzendes Licht über die stille Landschaft. Während Phobos, der innere, kleinere Mond, sich in rascher Bewegung von West nach Ost befand, zog der große, äußere Deimos, weniger hastend als sein Gefährte, auf stiller Bahn den umgekehrten Weg. Es war ein Anblick, so wunderbar und einzig in seiner Art, daß die Erdensöhne in lautes Entzücken über diese bezaubernde Mondnacht ausbrachen. Langsam schlenderten sie nach Hause und genossen in vollen Zügen die Wunder einer Marsnacht.
Die folgenden Wochen verflossen für die Gäste des Patriarchen in angenehmem Verkehr mit diesem selbst und den Bewohnern der Marskolonie. Die Fremden waren aufs eifrigste bestrebt, sich mit ihren neuen Freunden sprachlich zu verständigen. Sie schrieben zunächst alle Bezeichnungen für die verschiedensten Dinge nieder, wie sie eben ihr Ohr vernahm. Hierauf brachten sie die Dinge mit ihrer Tätigkeit und ihren Eigenschaften in Verbindung und erhielten so auf diese einfache Weise nach und nach den Schlüssel zur Sprache selbst. Ging auch die Verständigung anfänglich sehr langsam und mühsam von statten, so gewährte ihnen doch das allmähliche Begreifen der klangvollen Sprache viel Freude und lohnte ihnen dadurch die große Mühe wieder, die sie für ihr Studium aufwenden mußten.
Alles geht in der Welt der Menschen nur schrittweise vorwärts; nirgends marschiert der wahre Fortschritt mit Siebenmeilenstiefeln. Die Wahrheit dieses Satzes erfuhren die sieben gelehrten Schwaben nicht nur an sich selbst bei ihren Studien, sondern konnten sie auch bei den Marsbewohnern beobachten. Waren sie auch erst kurze Zeit da und in ihren Bewegungen auf einen verhältnismäßig kleinen Raum beschränkt gewesen, so konnten sie sich doch unschwer davon überzeugen, daß die Bewohner des Mars eine ganz bedeutende Höhe in der Kultur erreicht hatten, die nur das Ergebnis einer jahrtausendelangen geistigen Entwicklung sein konnte.
In dem Maße, wie die Herren im Verstehen ihrer Umgebung vorwärts schritten, wuchs auch ihre Bewunderung und Wertschätzung dieser in jeder Beziehung so hochstehenden Menschen. Immer mehr drängte sich ihnen die Überzeugung auf, daß die Masse der Marsbewohner, wenigstens die, deren Gäste sie waren, in idealster Weise als Menschen das erfüllte, was auf der Erde nur die Besten und Edelsten, also immer nur vereinzelte Individuen, leisteten.
Was sie selbst vom Schönen, Wahren und Guten unten auf der Erde geträumt hatten, hier oben fanden sie alles in die Wirklichkeit umgesetzt; denn überall und in allem offenbarte sich ihnen die wunderbarste Harmonie, alles atmete Schönheit, Güte und Wahrhaftigkeit, und das ganze Leben trug den Stempel vornehmer, ruhiger Tätigkeit. Zweifellos mußte eine weise Regierung dieses große Staatswesen leiten, obwohl die Herren von Behörden, wie sie sich unten in der Heimat breit machten, hier oben nicht das geringste wahrnahmen.
Ob dieses Lebensbild voll Licht und Schönheit wohl auch seine Schatten, seine dunkle Seite hatte? Diese Frage wurde von den Herren am Abend bei der gemeinsamen Unterhaltung im großen Bibliotheksaale ihres Heims wiederholt aufgeworfen. Ihre endgültige Beantwortung mußte aber immer wieder verschoben werden, denn die Meinungen liefen schließlich stets darauf hinaus, daß man erst die Sprache vollständig beherrschen müsse, bevor man sich ein abschließendes Urteil bilden könne. Hier oben auf dem Mars lag eben alles anders als auf der Erde.
Die sieben Schwaben fühlten sich in ihrem neuen Wohnorte außerordentlich wohl, so wohl, daß sie an die Möglichkeit einer Rückkehr gar nicht mehr zu denken schienen. Wenigstens äußerte sich keiner der Herren mehr darüber. Von den Marsiten, wie sie die Marsbewohner nannten, wurden sie wie liebe, alte Freunde, ganz wie ihresgleichen behandelt, und die Gastfreundschaft wurde ihnen gegenüber in so zartfühlender Weise geübt, daß sie die Empfindung von etwas Drückendem gar nicht aufkommen ließ, im Gegenteil zu frohem Genusse förmlich einlud.
Auch der Weltensegler hatte unterdessen zweckmäßige Unterkunft gefunden. Eine geräumige, mit Glas bedeckte, aus Eisen luftig konstruierte Halle war in aller Stille auf der Wiese errichtet worden, auf der das Luftschiff niedergegangen war. In dieser Halle war das Fahrzeug untergebracht worden. Die verschiedenen großen und kleinen Schäden am Ballon wie an der Gondel hatten die Marsiten in so meisterhafter Weise ausgebessert, daß Herr Stiller zuerst sprachlos vor Erstaunen darüber war. Die Leute hier oben kamen ihm in ihrer Geschicklichkeit und Erfahrung in den schwierigsten Dingen der Aeronautik wie Zauberer vor. Wenn schon die Techniker auf dem Mars so viel Wissen und Können offenbarten, wie es die schwierigen Reparaturen des Weltenseglers erforderten, um wieviel verblüffender mußten die Ergebnisse der forschenden Wissenschaft sein! Wie viel konnten sie selbst hier noch lernen! Diese Aussicht enthielt so viel Verführerisches, daß Stiller kaum die Zeit erwarten konnte, die ihm und seinen Gefährten den näheren Verkehr mit den Männern der Wissenschaft, mit ihren Marskollegen, bringen sollte.
Die Frage, wie sie die ihnen erwiesene Gastfreundschaft ausgleichen könnten, beschäftigte Schwabens Söhne oft; denn das war den Herren klar, daß sie sie auf die Dauer nicht ohne Gegenleistung genießen durften. Sie beschlossen daher, sich später in irgendeiner Weise, jeder nach seinem Berufe, den Marsiten nützlich zu machen, ihre dankbare Anerkennung in einer passenden Form zum Ausdruck zu bringen. Das einstweilen noch unklare Wie würde sich möglicherweise eines Tages von selbst ergeben.
Die Zeit verging. Sie brachte ihnen mancherlei weitere Erfahrungen und Einblicke in die eigenartig neue Welt, die sie umgab. Zunächst konnten sie feststellen, daß ihr Wohnort auf der nördlichen Halbkugel des Mars lag, und zwar auf dem fünfzehnten Breitengrade. Da der eigentliche Tropengürtel des Mars gegenüber dem der Erde nur die Hälfte beträgt, so lag der fünfzehnte Grad nördlicher Breite hier bereits in der subtropischen Zone. Die gemäßigte Zone des Mars reichte nördlich wie südlich nur bis zum fünfunddreißigsten Breitengrade. Über diesen Grad hinaus begann die kühle Region. Während diese nur spärlich und nur von einer bestimmten Klasse von Marsbewohnern bevölkert war, wie den Gelehrten mitgeteilt wurde, lebte die Hauptmasse der Marsiten innerhalb der fünfunddreißig Breitengrade nördlich und südlich vom Äquator. Es war also ein verhältnismäßig kleiner Raum des Planeten, der bewohnt und wirklich kultiviert wurde, er genügte aber vollständig, um der auf nur zweihundertundfünfzig Millionen geschätzten Bewohnerzahl des Mars eine gute Existenz zu gewähren.
Daß diese Existenz an die Riesenkanäle gebunden sein müsse, hatten die von Professor Stiller und andern Forschern schon früher angestellten Marsbeobachtungen vermuten lassen. Diese Vermutungen wurden jetzt zur Gewißheit, als Professor Stiller in der Lage war, die elementarsten Lebensbedingungen des Mars persönlich zu erforschen.
Die Atmosphäre des Mars war der der Erde ähnlich. Da es aber auf dem Mars nur kleinere Ozeane und Binnenmeere gab, so enthielt der Luftkreis, der diesen Planeten umschloß, im allgemeinen weniger Wasserdampf oder Feuchtigkeit als die Erdatmosphäre. Eine wunderbar klare, durchsichtige Luft, die die fernsten Gegenstände nähergerückt erscheinen ließ, ein tief dunkelblauer Himmel waren die natürlichen Folgen dieser Tatsache, gleichzeitig aber auch ein gewisser Mangel an starkem Regen. Wohl taute es in den herrlich kühlen Nächten so reichlich, daß dadurch die Pflanzenwelt in schönster Frische erhalten wurde, aber dieser Niederschlag allein genügte nicht den Ansprüchen der Pflanzen an Wasser. So waren die Marsbewohner im Kampfe um ihre Existenz gezwungen, diesen natürlichen Mangel durch die Kunst auszugleichen. Auf diese Weise entstanden die Kanäle, die sich bis zu den polaren Zonen hinzogen und von diesen das im Sommer abschmelzende Wasser der dort abgelagerten gewaltigen Eismassen nach allen Richtungen hin leiteten.
Schon die ganze großartige Ausführung dieser uralten, Tausende von Kilometer langen Wasserstraßen, die da und dort in Riesenseen, künstlichen Zentralsammelbecken, zusammenflossen, die Art und Weise ihrer sorgfältigen Instandhaltung zeigte allein schon den hohen Grad von Intelligenz und den Gemeinsinn der Marsbewohner.
Die Regelung des Wasserstands war genau dem Bedarf und der Jahreszeit angepaßt. Dank dieser Einrichtung und der Unmasse kleiner Wasseradern, die sich überallhin abzweigten, herrschte nie Wassermangel auf dem Mars. Die Folge davon war jener üppige, prachtvolle Pflanzenwuchs, den die Schwaben immer und immer wieder bewundern mußten. Dazu kam das völlige Fehlen wilder Tiere, giftiger Reptile und gefährlicher Insekten. Es war ein Eldorado, in das die Erdensöhne geraten waren, und auf das die Worte Homers trefflich paßten:
„Wo in behaglicher Ruhe den Menschen das Leben dahinfließt:
Dort ist kein Schnee, kein schneidender Sturm, kein strömender Regen,
Sondern der Ozean sendet empor zur Erquickung der Menschen
Immer den luftigen Hauch des frisch hinwehenden Zephyrs.“
Und diese zahlreichen Wasserstraßen waren zugleich auch die besten und einfachsten Verbindungswege der Marsbewohner untereinander. Kein Wunder daher, daß sich auf den Kanälen ein lebhafter Schiffsverkehr abwickelte. Aber die auf den klaren Fluten der tiefen Wasserläufe dahinziehenden Schiffe verdarben die köstliche Luft nicht durch qualmende Schornsteine. Sämtliche Fahrzeuge, mochten sie nun für Personen- oder Lastenbeförderung bestimmt sein, wurden durch Elektrizität in Bewegung gesetzt und vermittelten den Verkehr in ruhiger und rascher Weise.
Auf diesen ebenso zweckmäßig wie bequem und gefällig eingerichteten Fahrzeugen hatten die sieben Schwaben schon so manche weite Reise ausgeführt. Sie hatten dabei aber das übrige Land und seine Bewohner nur flüchtig kennengelernt, weil diese Fahrten eben hauptsächlich zur allgemeinen Orientierung unternommen worden waren. Was sie aber sahen, das verstärkte nur ihre ersten guten Eindrücke und befestigte ihre Überzeugung, sich in einem großangelegten Staatswesen von tadelloser Verwaltung zu befinden. Nicht nur waren die Marsbewohner trotz der Verschiedenheit der Zonen überall gleichartig, d. h. sie sprachen dieselbe Sprache und schienen auch unter ähnlichen sozialen Lebensbedingungen zu stehen wie ihre Brüder in Lumata, — so hieß die Kolonie, in der die Herren aus dem Schwabenlande angesiedelt waren, — sondern an all den vielen verschiedenen Orten, die die Fremden besuchten, fiel diesen auch eine gewisse Gleichmäßigkeit des Besitzes auf, und sie empfanden das völlige Fehlen wirklicher Dürftigkeit oder Armut sehr angenehm.
Die geologische Beschaffenheit des Mars glich der der Erde. Den kristallinischen Massengesteinen standen die Sedimentformationen gegenüber, die in ähnlicher Weise übereinander gelagert waren wie auf der Erde. Die geologische Entwicklungsgeschichte des Mars schien also mit der Erde übereinzustimmen, nur hatte der Mars seine Entwicklungsphasen offenbar schneller und früher durchgemacht als diese. Dafür sprach auch das Fehlen von aktiven Vulkanen. Dagegen war der Mars reich an heißen Quellen aller Art; an Fumarolen (d. h. Bodenöffnungen auf vulkanischem Gesteine, aus denen Wasserdämpfe ausströmen, die oft mit chemischen Verbindungen beladen sind) und an Mofetten (Kohlensäure ausströmenden Gasquellen) war auch kein Mangel.
Große Städte, wie sie in den sogenannten Kulturstaaten der Erde zu finden sind, gab es auf dem Mars nicht. Es bestanden lediglich kleinere oder größere Gruppierungen von Häusern, die aber überall frei für sich im Grünen lagen. Nur an einem großen See, zwei Tagereisen von Lumata nach Süden zu, hatten die Schwaben den einzigen Anklang an eine Stadt gefunden. Dort war eine größere Kolonie mit zahlreichen architektonisch hervorragenden Bauten, die sich an regelmäßig angelegten Straßenzügen erhoben. Eine Stadt von Palästen, wirkte sie namentlich durch die vornehme Ruhe, die in ihr herrschte, durch ihre peinliche Sauberkeit und den Glanz und die Pracht ihrer öffentlichen Gärten.
Die Erdensöhne konnten mit ihren noch mangelhaften Sprachkenntnissen nur so viel herausbekommen, daß dieser Ort, Angola mit Namen, der Zentralsitz der Stämme der Weisen, der Heitern und der Ernsten sei. Was waren aber das für Stämme? Nach Hause zurückgekehrt, befragten sie hierüber Eran, den Patriarchen. Dieser lächelte eigentümlich bei der Frage und erwiderte den neugierigen Herren, daß er sie später selbst einmal nach Angola führen werde, um sie mit seinen Brüdern dort bekannt zu machen, die übrigens von ihrer Anwesenheit in Lumata sowie von ihrer Herkunft und ihrer Reise nach dem Mars längst unterrichtet seien.
Anfangs waren die Tübinger Herren von ihren Ausflügen, dem Niederschreiben ihrer täglichen Beobachtungen und gewonnenen neuen Eindrücke und dem Erlernen der Sprache vollständig in Anspruch genommen. Aber nach und nach begann in ihnen doch eine gewisse Sehnsucht nach dem alten, trauten, ihnen zur zweiten Gewohnheit gewordenen Berufe zu erwachen, den sie mit so großem Erfolge in ihrer Heimat ausgeübt hatten. An ernste, rege Tätigkeit gewöhnt, kam ihnen das angenehme und ideal schöne Leben auf dem Mars mehr und mehr wie eine Art Schlaraffentum vor. Die Mühseligkeiten der Herreise verblaßten immer mehr in der Erinnerung, je länger sie sich auf dem Mars befanden.
Schon war ein ganzes Jahr vergangen, seit sie vom Cannstatter Wasen aus ihre Marsfahrt angetreten hatten. Aber während unten auf der heimatlichen Erde der Winter mit Schnee und Kälte vor der Türe stand, herrschte hier oben in Lumata ein ewiger Frühling, obgleich die Marsiten die Jahreszeit, in der sie sich gerade befanden, ebenfalls als die vorgerücktere bezeichneten.
War es nur Zufall, daß die sieben Schwaben auch auf dem Mars in den wichtigsten Einteilungen der Siebenzahl begegneten? Herr Stiller konnte sich diese auffallende Tatsache nicht erklären und begnügte sich damit, sie festgestellt zu haben.
Auf dem Mars wurde das Jahr in sieben Abschnitte geteilt, die die Tätigkeit wie auch die Ruhe der Natur zum Ausdruck brachten. Nach Erdenmaß gerechnet umfaßte ein solcher Zeitabschnitt die ungefähre Zahl von zweiundfünfzig Tagen. Die einzelnen Perioden hießen:
1. Die Zeit des Erwachens.
2. Die Zeit der Saaten.
3. Die Zeit des Knospens und der Blüten.
4. Die Zeit der Früchte.
5. Die Zeit der Garben.
6. Die Zeit der Ernten oder Freuden.
7. Die Zeit der Ruhe.
Nach und nach hatten die Erdensöhne so bedeutende Fortschritte in der Marssprache gemacht, daß sie nun auch gründliche Einblicke in die staatliche Organisation des Marsvolkes tun konnten. Vor ihren Augen enthüllte sich immer mehr ein großangelegtes, riesiges demokratisches Gemeinwesen, das nicht auf die Gewalt gestützt war, sondern ausschließlich durch den freien Willen des Volkes und durch das Band gemeinschaftlicher Interessen zusammengehalten wurde. Jedes einzelne Individuum ordnete sich hier dem Gemeinwohl unter und leistete ihm nach seinen Fähigkeiten Dienste. So stellte sich das Staatswesen als eine zwar große, aber doch wieder engverbundene Familie voll schönster Eintracht dar. An der Spitze des gesamten Staatswesens stand der Stamm der Weisen oder der Hüter des Gesetzes.
Die Bevölkerung des Mars schied sich in folgende sieben Stämme:
1. Stamm der Weisen oder der Hüter des Gesetzes.
2. Stamm der Heitern (Bildende Künste: Maler, Bildhauer, Komponisten).
3. Stamm der Ernsten (Gelehrte aller Richtungen).
4. Stamm der Frohmütigen (Darstellende Künste: Musiker, Schauspieler).
5. Stamm der Sorgenden (Acker- und Gartenbauer und Dienende).
6. Stamm der Flinken (Handel- und Verkehrtreibende).
7. Stamm der Findigen (Industrielle).
Die sechs letzten Stämme standen einander im Ansehen völlig gleich. Der erste Stamm rekrutierte sich aus den erfahrensten, ältesten, vor allem aber den geachtetsten und durch ihre Lebensführung hervorragenden Individuen männlichen wie weiblichen Geschlechts der übrigen sechs Stämme.
Der größte Stamm, der an Zahl seiner Angehörigen alle andern Stämme zusammen weit übertraf, war der der Sorgenden.
Die Zulassung zu den einzelnen Stämmen, den der Weisen allein ausgenommen, wurde lediglich durch die Neigung und den Nachweis der Fähigkeit entschieden. Ein Übertritt von dem einen Stamm in den andern konnte auf Grund einer Prüfung jederzeit an einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden. Fest gebunden war niemand, und gerade dieser völlige Mangel an Zwang schien hier oben eine der Hauptursachen für die Entwicklung der verschiedenen Berufsarten zu sein.
Ein natürlicher, vernünftiger Ehrgeiz, das Bestmögliche zu leisten, beherrschte die Marsbewohner und hielt nicht nur das Streben des Einzelnen wach, sondern regelte es auch in gesunder Weise.
Da auf dem Mars kein Geld in Umlauf war, so gab es auch nicht das widerliche, Geist wie Körper gleichmäßig aufreibende Hasten und Jagen nach dessen Besitz wie unten auf der Erde. Geldsorgen waren auf dem Mars unbekannt. Die verschiedenartigsten Leistungen des einzelnen wurden durch Anweisungen auf seine sämtlichen Lebensbedürfnisse aufgewogen. Zu diesen Bedürfnissen wurde aber auch eine gewisse Summe von Lebensfreude gerechnet, wie sie die bildenden und darstellenden Künste und dergl. zu bieten vermögen.
Der höchste Ruhm und die größte Ehre bestand in der allgemeinen Anerkennung und Wertschätzung. Diese konnte sich aber jeder durch treue Erfüllung seiner Pflichten und Obliegenheiten erringen. Für die Leistungen, die über die allgemeine Pflichtarbeit hinausgingen, also da, wo das wirkliche Verdienst um das große Ganze beginnt, erhielten die Marsiten durch den Stamm der Weisen Auszeichnungen in Form öffentlicher Belobungen, die den Inhaber in vorgeschrittenerem Lebensalter zum Eintritt in diesen allgemein hoch verehrten Stamm berechtigten.
Das gesamte Leben auf dem Mars war in seiner so eigenartigen Form nur dadurch möglich, daß es unter dem ausschließlichen Zeichen des Zusammenhalts stand. Der allgemeine Grundsatz, daß das einzelne Individuum alles tun muß, was das Gesamtwohl fördert, alles zu unterlassen hat, was dem Nebenmenschen Schaden und Schmerzen bereitet, war hier oben schon seit undenklicher Zeit in die Praxis umgesetzt. Dabei wurde die Eigenliebe, ein gesunder, berechtigter Egoismus, nicht vernichtet. Der natürliche Selbsterhaltungstrieb des einzelnen wurde durch die einfache Erkenntnis machtvoll gefördert, daß vom Wohl und Wehe des Nächsten auch das eigene Wohl und Wehe abhänge, daß das Blühen und Gedeihen der andern das eigene Blühen und Gedeihen mit einschließe, und daß ihr Elend gleichbedeutend mit dem eigenen sei.
Diese klare, natürliche Moral, die zu reiner Nächstenliebe (Altruismus) führt, und die jeden geistig normalen Menschen instinktiv das Gute tun und das Schlechte meiden läßt, bestand in vollster Anwendung auf dem Mars. Die Quelle aller Übel auf der Erde, die rohe Selbstsucht, die die Unsumme von Gesetzesparagraphen nötig machte, bestand beim Marsvolke nicht. Nächstenliebe, Wahrheit, ein gewisser Frohmut schlossen den niederen Egoismus völlig aus.
Ein Bund von Brüdern und Schwestern schien das Volk hier oben zu sein, wissend, wahr, frei und gut, das Ideal reinen Menschentums verwirklichend. Wie klein kamen sich die Söhne der Erde vor, als sie nach und nach die Pfeiler kennenlernten, auf denen das Staatswesen sowie das öffentliche und private Leben der Marsiten so fest ruhte! Und diese festen Pfeiler waren hervorgegangen, herausgebaut aus einer großartig organisierten, allgemeinen und freien Schulung der Marsjugend. Die ideale Schule der Zukunft, von der Professor Hämmerle in Tübingen so viel schon geträumt, — hier auf dem Mars begegnete er ihr als einer alten, bewährten Einrichtung.
Der leitende Grundsatz der Marsschulen war, die Jugend geistig und körperlich gleich gut zu bilden; denn je gebildeter und körperlich kräftiger zugleich ein Individuum ist, desto fähiger ist es, seine Lebensaufgaben und seine Pflichten als Mitglied des Staates zu erfüllen. Der Unterricht beschränkte sich daher nicht nur auf die einfacheren, elementaren Kenntnisse, sondern er erstreckte sich auch auf die Geschichte und die Kenntnis der Einrichtungen des Staatswesens, auf die Einführung in die Gesetze der Natur und auf die Bekanntschaft mit den poetischen und prosaischen Meisterwerken der Marsliteratur. Hand in Hand damit ging der Unterricht in der allgemeinen Körperpflege und in der Gesundheitslehre, der den Altersstufen der Jugend entsprechend angepaßt war.
Gymnastische Spiele aller Art füllten die Nachmittage aus, an denen der Unterricht wegfiel. Am Ende einer bestimmten Schulzeit wurden Wettprüfungen vorgenommen. Wer aus ihnen als Sieger hervorging, rückte zu den höheren Unterrichtsklassen vor. Auf diese einfache Weise war eine klare Scheidung zwischen den wirklich talentierten und den weniger begabten Schülern durchgeführt. Den ersteren stand dann der Weg zu den Kunstschulen oder zu den verschiedenartigen höheren wissenschaftlichen Lehranstalten offen. Die höhere Bildung war Gemeingut des ganzen Volkes, und keine anmaßende Mittelmäßigkeit konnte sich auf dem Mars breitmachen.
„Wir Erdgeborene sind die reinen Stümper gegen diese Prachtkerle hier oben. Was für ein Leben hier im Verhältnis zu dem da unten auf der Erde! Hier hellster Sonnenschein, dort trüber Nebel. Wie unendlich weit zurück steht die so gepriesene Kultur unserer führenden Nationen gegen die des Marsvolkes!“ äußerte sich eines Tages Brummhuber, als die Herren gerade beim Mahle saßen.
„Ich vermutete schon unten auf unserm Planeten, daß wir hier oben Wesen von hoher Vollkommenheit antreffen würden, ich gestehe aber, daß meine Erwartungen in jeder Richtung weit übertroffen worden sind,“ antwortete Stiller.
„Freilich, bieten können wir den Menschen hier nichts, aber auch rein gar nichts. Und das drückt mich persönlich schwer,“ warf Thudium ein.
„Was sollten wir ihnen auch bieten? Vielleicht von unserm Pessimismus, von der widerlichen Selbstsucht, von der unser Leben vergiftenden Unwahrheit? Alles Kennzeichen unserer Zivilisation!“ rief in ehrlicher Entrüstung Professor Piller.
„Sie haben recht, Piller, leider nur zu recht,“ bestätigte Professor Stiller. „Mars bietet entschieden heute schon das, was den Geschlechtern auf der Erde vielleicht erst im Laufe der kommenden Jahrhunderte zuteil werden wird.“
„Ob es wohl je dazu kommen wird?“ seufzte Frommherz.
„Daran ist nicht zu zweifeln,“ entgegnete Hämmerle. „Mars hat ohne Zweifel einst dieselben oder wenigstens ähnliche Stufen in seiner zivilisatorischen Entwicklung durchgemacht wie die Völker der Erde. Seine Kultur ist nur bedeutend älter.“
„Jawohl, um Tausende und Abertausende von Jahren. Die Frage ist nur die, ob wir überhaupt die Fähigkeit haben, bei der Entartung unserer Rassen — ich betone das Wort Entartung nochmals ganz besonders! — die Höhe der Marskultur zu erklimmen. Ich möchte es bezweifeln!“ schrie Piller und suchte seine zornige Erregung durch einen Schluck Wein zu besänftigen.
„Piller, Sie sind ja selbst Pessimist und ungerecht wie immer,“ tadelte Dubelmeier.
„Ich Pessimist? Und ungerecht? Was verstehen Sie denn darunter?“
„Darüber lasse ich mich mit Ihnen in keine Aussprache ein!“
„Oho! Also beleidigen wollen Sie mich, wie es scheint?“
„Fällt mir gar nicht ein; dazu sind Sie mir viel zu lieb und wert, Sie alter Alkoholikus! Aber ungerecht und pessimistisch ist es meines Erachtens, wenn Sie so schroff unsern Völkern auf der Erde die Fähigkeit einer gesunden Weiterentwicklung absprechen.“
„Ich möchte Freund Dubelmeier beistimmen,“ warf hier Stiller ein. „Piller, nehmen Sie doch uns zum Beispiel als Modelle an!“
„Schöne Modelle, fürwahr!“ brummte Piller, sichtlich besänftigt durch den genommenen Schluck Wein.
„Freilich, Modelle von Erdensöhnen, wie ich ohne allzu große Selbstüberhebung sagen darf; vertreten wir doch bis zu einem gewissen Grade die Zukunft. Was wir heute auf dem Gebiete der allgemeinen Bildung und der Entwicklung des moralischen Gefühles vertreten, wird später mehr und mehr das Gemeingut der Massen der Kulturvölker auf unserer Erde.“
„Wer’s glauben mag!“
„Es ist nicht allein mein Glaube, nein, es ist, auch meine felsenfeste Überzeugung, gestützt auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit.“
„Stiller, ich will Ihnen nicht widersprechen, denn ich möchte mich nicht noch mehr ärgern, sondern im Gegenteil froh darüber sein, daß ich hier oben in dem reizenden Lumata sitzen darf.“
„Ein vernünftiger Ausspruch, der aller Ehren wert ist. Und nun Friede, meine lieben Freunde!“ rief Frommherz.
„Einverstanden!“ fügte Brummhuber bei.
Einige Tage waren seit dieser Unterhaltung verflossen. Da erschien Eran, der Patriarch aus dem Stamme der Alten, wieder einmal im Heim seiner Gäste und lud die Herren ein, mit ihm für kurze Zeit nach Angola zu reisen. Freudig stimmten die Herren bei. Diesmal wurden in Angola Schwabens würdige Söhne von dem Stamme der Weisen förmlich empfangen. Vollzählig hatten sie sich hier versammelt, um nebenbei auch noch über eine Reihe wichtiger innerer Fragen zu entscheiden. Gleichzeitig tagte auch noch der Stamm der Ernsten, um in einer Versammlung, wie sie von Zeit zu Zeit stattfand, Gedanken und Beobachtungen wissenschaftlicher Art untereinander auszutauschen.
Die Aufnahme der Erdensöhne in Angola ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen übrig. Ihre so wunderbare und schnelle Fahrt von der Erde her durch den ungeheuren Weltraum nach dem „Lichtentsprossenen“, wie die Marsiten ihren schönen Planeten nannten, war begreiflicherweise zuerst der Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung und des lebhaftesten Interesses.
Bei der ersten Sitzung des Stammes der Ernsten, die in einem großartig ausgestatteten Saale eines Marmorpalastes stattfand, erklärte Professor Stiller die verschiedenen Umstände, die ihn zur Konstruktion des Weltenseglers und zu der kühnen, mit so großem Erfolge gekrönten Fahrt bestimmt hätten. Er erzählte ihnen ferner von seiner engeren und weiteren Heimat, von den Völkern Europas und von der Erde überhaupt. Letztere war den Ernsten wohl bekannt. Die Begriffe, die sie sich von ihr dank ihren außerordentlich scharfen Instrumenten und ihrer Vorstellungskraft zu machen verstanden, kamen der Wirklichkeit verblüffend nahe. So wußten die Marsgelehrten, daß das dritte Kind des Lichtes (als Kinder des Lichtes bezeichneten die Marsiten alle Planeten), die Erde, Eismassen an ihren Polen führe, die einen ansehnlichen Bruchteil des Meerwassers in feste Bande geschlagen haben, und daß die Oberfläche der Erde von über siebzig Prozent Meerwasser bedeckt sei. Auch daß die Erdatmosphäre reich an Wasserdampf sein müsse, schlossen sie aus dem Verhältnis des Festlandes zu den Meeren. Die Dichtigkeit der Erde war ihnen genau bekannt, ebenso ihr Polar- und Äquatorialdurchmesser, ferner die Geschwindigkeit ihrer Bewegung um sich selbst wie um das „ewige Licht“, die Sonne, und dergleichen mehr.
Ja, auch von den einzelnen Erdteilen hatten sie richtige Vorstellungen, und diese gingen sogar so weit, daß sie eine Reihe einzelner größerer Länder oder Gebiete zu unterscheiden vermochten. Um so weniger schwer war es daher den gelehrten Fremden, die Marsiten gewissermaßen, auf der Erde spazierenzuführen, von der sie bereits so achtungswerte Kenntnisse besaßen. Und so entwarfen sie ihnen ein genaues Bild ihres Vaterlandes und berichteten von dem Ort am Neckar, von dem sie nach dem Mars abgefahren waren.
Allen diesen Schilderungen brachten die Weisen sowie die Ernsten das lebhafteste Interesse entgegen. Dieses Interesse steigerte sich noch, als sie vernahmen, daß die sieben Schwaben ebenfalls zu einer Art Stamm der Ernsten unten auf der Erde gehörten. Die Herren wurden daher eingeladen, vor der versammelten Elite der Marsiten ihre Berufsarten näher zu beleuchten, das heißt die Zustände zu schildern, unter denen sie auf der Erde und bei ihrem Volke ausgeübt würden. Gleichzeitig wurde der allgemeine Wunsch ausgedrückt, die Fremden möchten ein genaues Bild von dem Leben und Treiben der Bewohner der Erde entwerfen, das dann zu einem Vergleiche mit den bestehenden Verhältnissen auf dem Mars herangezogen werden sollte.
Es wurde ausgemacht, daß jeder der Professoren an einem bestimmten Tage abwechselnd zwei Vorträge halten solle, den einen fachlich und den andern über das allgemein interessierende Thema der Erdbewohner und deren kulturelle Zustände. Die Professoren entledigten sich ihrer Aufgabe in meisterhafter Weise. Sie erzählten von dem derzeitigen Stande der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in den Kulturländern der Erde, besonders in Deutschland, beleuchteten ehrlich und rückhaltlos offen die politischen und sozialen Gegensätze unter den wenigen um die führende Rolle im Leben der übrigen Völker kämpfenden Nationen. Sie schilderten all die Mittel der List, der Gewalt und Verschlagenheit, die dabei angewendet würden, und erklärten den Marsiten, was unten auf der Erde unter der Bezeichnung „Diplomatie“ alles verstanden werde.
Sie verschwiegen auch die trüben Erscheinungen nicht, die der mehr und mehr sich zuspitzende Kampf um das Dasein, der Wettstreit bei der Beschaffung der notwendigsten Lebensbedürfnisse für die große Mehrzahl der Menschen, sowohl der einfachen als auch der gebildeten Erdbewohner, mit sich bringe. Unumwunden räumten sie ein, daß dem Fortschrittsdrange der Kulturvölker leider überall auf der Erde alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt würden durch allerlei einengende Einrichtungen und kleinliche Bestimmungen, daß die Massen der sogenannten gebildeten Völker trotz gewaltiger Fortschritte in der Technik und in den Naturwissenschaften immer noch weit entfernt von dem Ideale einer reinen Weltanschauung seien.
Letztere werde nur von einem verhältnismäßig kleinen Bruchteile der wirklich Hochgebildeten vertreten, und auch diese kleine Schar der Auserlesenen sei mit geringen Ausnahmen von der schwersten und schlimmsten Krankheit der Zeit angesteckt: der Feigheit. Man wage unten auf der Erde bei den Kulturnationen — von den weniger zivilisierten Völkern ganz zu schweigen — nicht, offen und klar das zu sagen, was man denke, aus Furcht, bei mächtigeren Personen anzustoßen und dadurch seine Existenz zu gefährden. Die Empfindungen würden daher auch selten mit den Handlungen in Einklang gebracht. Infolgedessen herrsche überall ein mehr oder weniger großer Mangel an Mut und Ehrlichkeit der Überzeugung, und die aus der Heuchelei geborene Lüge hindere den Sieg der Wahrheit und lasse immer noch sehr viele auf die Dauer doch als völlig unhaltbar erkannte Einrichtungen, ungesunde, unvernünftige, der reinen Weltanschauung und dem Volkswohle geradezu feindlich gegenüberstehende Zustände weiter bestehen.
Mit freudigem Staunen hätten sie auf dem Mars Verhältnisse angetroffen, die dem Ideal des Lebens und des reinen Menschentums, das sie sich gebildet, und dessen Verwirklichung von den Besten der Nationen unten auf der Erde so heiß angestrebt werde, in der schönsten Weise entsprächen.
In dieser Art äußerte sich mehr oder weniger jeder der Herren. Frommherz fügte diesen Berichten noch einige Bemerkungen über die religiösen Anschauungen und die kirchlichen Einrichtungen Deutschlands hinzu.
Voll Aufmerksamkeit hatten die Weisen und die Ernsten diese Auseinandersetzungen der Erdensöhne angehört. Die wissenschaftlichen Darlegungen der Fremden brachten den Marsiten nichts Neues, die sozialen und übrigen Bilder, die ihnen von ihren Gästen so lebhaft vor Augen geführt worden waren, hatten ihr Interesse am meisten erregt. Mit keinem Laute waren die langen Vorträge unterbrochen worden.
Als Stiller den Schluß der Vorträge verkündet hatte, zogen sich die Weisen und die Ernsten zu einer gemeinsamen Beratung zurück, von der die sieben Schwaben ausgeschlossen waren. Das Ergebnis dieser Beratung aber sollte ihnen später bekannt gegeben werden.
„Was die nur vorhaben?“ fragte besorgt Frommherz.
„Nun, ich denke, sie werden scharfe Kritik an unsern Schilderungen üben, wozu sie ja auch vollkommen berechtigt sind,“ antwortete Stiller.
„Und uns dann den Laufpaß geben, passen Sie auf,“ fügte Brummhuber bei.
„Dies zu tun, sind unsere Wirte viel zu anständig,“ entgegnete Piller, „obwohl ich nicht bestreiten will, daß die Marsiten zu einer Einladung, unsere Abreise endlich einmal in den Kreis unserer Überlegung zu ziehen, ein gewisses Recht hätten.“
„Warten wir ab, was kommt!“ entschied Dubelmeier.
„Bleibt uns auch nichts anderes übrig,“ seufzte Frommherz, der seiner religiös-kirchlichen Darstellungen wegen ein etwas bedrücktes Gewissen hatte.
Aber es war doch eine gewisse Unruhe, die die Erdensöhne beherrschte, als sie miteinander durch die paradiesisch schönen Parkanlagen von Angola spazierten, während die Beratung der Marsiten stattfand.
Am nächsten Tage, dem zehnten ihres Aufenthaltes in Angola, wurden die Schwaben wiederum in feierlicher Weise in den großen Sitzungssaal geführt, in dem sie ihre Vorträge gehalten hatten. Der Älteste unter den Alten, eine Hüne von Gestalt, Anan mit Namen, erhob sich und begrüßte zunächst wieder in herzlichen Worten die Eingeführten.
„Meine lieben Freunde!“ sprach er weiter zu ihnen. „Wir alle haben gestern mit lebhaftester Teilnahme eure Schilderungen vernommen, die ihr von den allgemeinen und besonderen Verhältnissen eures Weltkörpers entworfen habt. Diese Schilderungen haben in uns merkwürdige Gefühle und Empfindungen ausgelöst, so daß wir uns über sie zuerst in aller Ruhe klar werden wollten, bevor wir euch mit unserem schuldigen Danke zugleich auch eine Antwort auf das Gehörte geben. Dies war der Grund, warum wir uns zu einer Beratung unter uns zurückgezogen haben. Vor allem danken wir euch für die anerkennenswerte Offenheit, mit der ihr uns das Leben eurer Kulturvölker geschildert habt. Uns muteten eure Berichte im ersten Augenblicke wie Märchen an. Wir würden sie auch als solche auffassen, wären wir nicht von dem Ernste eurer Lebensauffassung, von eurer Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit vollkommen überzeugt. Nicht vergeblich haben wir euer Leben in Lumata beobachtet. Das Ergebnis dieser Beobachtung war unsere Einladung hieher, das Zeichen unserer Achtung und unseres Vertrauens. Und nun wende ich mich zu euren Auseinandersetzungen. Umsonst haben wir in der Geschichte unserer Vergangenheit geblättert; solch barbarische, von der Unwahrheit beherrschte Zustände im Leben der einzelnen wie der Völker, wie sie bei euch noch bestehen, haben wir in diesem Umfange glücklicherweise nie gekannt. Gewiß, es fehlte auch uns nicht an inneren Kämpfen, an schweren Enttäuschungen aller Art, bis wir uns endlich im Laufe der Zeit zu den Lebensverhältnissen und Lebensauffassungen durchgerungen haben, die ihr bei uns heute bewundert. Aber unsere Entwicklung vollzog sich weniger mühselig, weniger schmerzhaft als die eure. Schon vor Urzeiten hatte sich bei uns in der breiten Masse des Volkes die Erkenntnis durchgerungen, daß unsere erste Aufgabe unsere Erhebung, nicht aber das Verharren in unserer Niedrigkeit sei, aus der wir hervorgegangen sind. Diese unsere Erhebung und Entwicklung zur reinen Freiheit konnte nur durch eine vernünftige, naturgemäße Aufklärung kommen, die uns für das hehre Licht der Wahrheit empfänglich machte.
Ihr, liebe Freunde, habt während eures längeren Aufenthaltes bei uns nach und nach die Wege kennengelernt, die wir eingeschlagen haben, um dieses hohe Ziel zu erreichen, Wege, die wir, weil sie sich bewährt haben, auch heute noch wandeln und fernerhin wandeln werden. Darüber will ich kein Wort mehr verlieren. Gerne wollen wir auch zugeben, daß wir es mit unserem Entwicklungsgange ungleich leichter gehabt haben, als ihr es in dieser Beziehung unten auf der Erde noch habt. Hier bei uns haben wir ein ziemlich gleichmäßiges, in Sprache, Denken und Empfinden übereinstimmendes Volk, während dies auf eurem Planeten nicht der Fall ist. Wir konnten uns daher mit viel weniger Schwierigkeiten und ohne den von euch geschilderten furchtbaren Massenmord, Krieg genannt, zu der Höhe unserer Kultur erheben, die eurem Ideale nahe kommt. Wir hatten also diese entsetzlichen Verwirrungen nicht zu überwinden, die eurem Glücke und Fortschritte so fürchterlich hemmend entgegentraten und noch drohend entgegenstehen.
Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, ein brüderlicher Gemeinsinn besteht bei uns seit Äonen. Es bildet den fundamentalsten Bestandteil unseres Bewußtseins und die Triebkraft unseres Handelns. Bedauerlicherweise fehlt bei euch dieses mächtige Gefühl der Zusammengehörigkeit oder ist zum mindesten noch nicht in dem Maße vorhanden, als zum Wohle des Ganzen so dringend nötig wäre. Der Grund eures Tiefstandes liegt meines Erachtens nach in dem Mangel an jener einfachen, natürlichen Moral, die unser Leben so vorteilhaft beeinflußt.
Für uns war es schmerzlich zu hören, wie bei euch jeder Fortschritt, auch der kleinste, durch ein Meer von Tränen, von Blut und zertrümmerten Existenzen führt. Und doch, — ihr selbst sagtet es ja — es muß und wird einst besser bei euch auf der Erde werden. Ihr selbst seid dafür die lebendigen Zeugen, denn ihr stellt heute schon das vor, was die Masse bei euch nach eurem eigenen Ausspruche in späterer Zeit sein wird. Wackere, brave Männer von der geistigen Bedeutung wie ihr müssen daher unten auf der Erde wirken, an der Weiterentwicklung ihrer Brüder arbeiten. Wenn auch der einzelne von euch bei dieser schwierigen Arbeit keine volle Befriedigung empfindet, — dies gilt ja von allem Streben nach noch nicht Erreichtem! — so bedenkt, daß die Folgen der Arbeiten an dem Werke der Vervollkommnung eurer Mitmenschen zwar nicht euch, so doch euren Nachkommen zugute kommen werden.
Unser Rat lautet dahin: Kehrt zurück auf eure Erde!“ — „O Himmel, ahnte ich es doch!“ klagte bei diesen Worten Anans Professor Frommherz leise vor sich hin. — „Schweigen Sie, Jammerseele!“ herrschte ihn unsanft Piller an. — „Kehrt zurück in euer Schwabenland, zu dem biedern Volke, aus dessen Mitte ihr stammt, und widmet euch dort wieder dem erhabenen Werke der Vervollkommnungsarbeit. Ferne sei es von uns, euch von hier wegdrängen zu wollen, ihr seid und bleibt uns werte Gäste.“ — „Dem Himmel Dank!“ murmelte hier Frommherz. — „Aber ich gestehe es aufrichtig, und ich spreche hier die Ansicht von allen meinen Brüdern und Schwestern aus: Ihr seid die ersten und zugleich die letzten fremden Wesen, die von einem der fernen Kinder des Lichtes zu uns gelangen durften. Denn dies ist der Hauptpunkt, das Endergebnis unserer Verhandlung. Im Interesse unseres Volkes lehnen wir weiteren Verkehr ab. Nicht mit euch, — ich betone nochmals ausdrücklich, daß ihr uns werte, liebe Gäste und Freunde seid, — nein, überhaupt; denn wir haben keine Gewähr dafür, daß nicht auch einmal Fremde zu uns gelangen könnten, die nicht auf der Höhe der Anschauung stehen wie ihr und deren Benehmen bei längerem Aufenthalte wahrscheinlich dann nur zu unerquicklichen Auseinandersetzungen und schließlich zu einer gewaltsamen Entfernung von hier führen müßte. Das wollen wir uns aber ersparen.
Eure kühne Reise wird zwar so bald nicht wieder Nachahmer finden. Doch kann man dies nicht wissen, und so haben wir bereits die bestimmte Weisung gegeben, künftig und für alle Zeiten auf unserem Lichtentsprossenen kein Luftschiff mehr landen zu lassen, woher es auch kommen möge, und wäre es auch aus dem uns durch euch so sympathisch gewordenen Schwabenlande. Bleibt bei uns, wenn ihr wollt, oder fliegt über kurz oder lang wieder heimwärts. Wir stellen dies ganz in euer Belieben und sind und bleiben stets eure aufrichtigen, treuen Freunde. Ich bitte euch, liebe Brüder und Schwestern,“ — mit diesen Worten wandte sich Anan an die Marsiten — „ruft mit mir: Glück und Heil den sieben Schwaben, unsern lieben ersten und einzigen Gästen!“
Mit gemischten Gefühlen kehrten die Herren von Angola nach Lumata zurück. Sollten sie auf dem Mars bleiben oder sollten sie gehen? Das war die ernste, schwerwiegende Frage, die sie in den folgenden Monaten beschäftigte.
„Wenn uns die Marsiten in Angola auch nicht geradezu den Stuhl vor die Tür gesetzt haben, so haben sie uns doch deutlich genug zu verstehen gegeben, daß wir unsere sieben Sachen zusammenpacken sollen,“ äußerte sich eines Tages Piller zu seinem Kollegen Stiller.
„Sie haben recht! Und ich muß Ihnen auch aufrichtig erklären, daß mir dieses unproduktive Leben, diese an uns geübte weitgehende Gastfreundschaft, für die wir uns auch nicht im geringsten erkenntlich zu zeigen vermögen, zuwider zu werden anfängt. Einmal müssen wir doch an das Fortgehen denken, denn bis ans Ende unserer Tage können wir wohl nicht hier oben sitzen bleiben.“
„Hm, hm, gerne gehe ich von Lumata nicht fort; es wird mir wirklich sehr schwer! Denke ich nur an unsere Herreise mit allen ihren Beschwerden, so graut es mir förmlich vor einer Rückkehr. Aber diese muß stattfinden, darüber kann und darf kein Zweifel bestehen. Es handelt sich nur um den Zeitpunkt. Warten wir’s noch ab!“ antwortete Piller.
„In ähnlicher Weise wie Sie sprechen sich auch die andern Freunde aus, lieber Piller. Nur Frommherz macht eine Ausnahme. Der weicht soviel wie möglich jeder Erörterung aus, die die Rückkehr zum Gegenstand hat.“
„Glaub’s wohl!“ lachte Piller laut auf. „Unser lieber Freund Friedolin ist überglücklich, hier oben weilen zu dürfen, und bekommt stets Herzbeklemmungen, wenn wir von einer Heimreise zu reden beginnen. Im Grunde genommen kann ich es ihm nicht verübeln, wenn er dauernd hierbleiben möchte. Aber aufhören muß einmal diese Art von Schlaraffenleben, das ist klar. Darin stimme ich Ihnen also völlig bei, Stiller.“
„So bleiben wir einstweilen noch hier und nützen unsere Zeit möglichst gut aus. Inzwischen sorge ich für die tadellose Ausbesserung unseres Weltenseglers, für Bereitstellung des geeigneten Proviantes usw. Langsam, aber gründlich werde ich die Vorbereitungen zu unserer Abreise treffen.“
„Und vergessen Sie mir nicht den feinen goldenen Tropfen! Nehmen Sie nur gleich, bitte, einen anständigen Vorrat davon mit in die Gondel!“
„Soll geschehen, Sie ewig Durstiger,“ sagte lächelnd Stiller.
In freundlichem, angenehmem Verkehr mit dem liebenswürdigen Marsvolke, in kleinen und größeren Ausflügen und Reisen verfloß die Zeit nur zu rasch. Auf einem ihrer Streifzüge waren sie auch weiter hinaus aus der eigentlichen Bevölkerungszone in die nördliche, kühlere Region des Planeten gelangt. Es mutete die Forscher ordentlich heimatlich an, als sie hier wohlgepflegte Nadel- und Laubholzwaldungen neben saftigen, grünen Wiesen und schönen, dunkelblauen Seen fanden. Hohe Gebirgszüge schoben sich dazwischen, und ihre mit Schnee bedeckten höheren Gipfel verstärkten noch den Eindruck einer alpinen Landschaft.
Hier stießen sie auch auf zerstreute, weit auseinander liegende kleine Kolonien von Marsiten, deren ernstes, wortkarges Wesen und Auftreten merkwürdig von der heiteren und frohen Lebensauffassung ihrer übrigen Brüder abstach. Auf ihr Befragen erfuhren die Gelehrten, daß ähnliche kleine Kolonien auch in der südlichen kühlen Zone des Mars beständen. Die Kolonisten hießen die „Vergessenen“, weil ihre Namen vorübergehend oder auch dauernd von den Tafeln der Marsstämme gestrichen worden seien.
„Dann sind es somit Verbrecher, die, von der Gemeinschaft der übrigen ausgestoßen, hier oben ihre Strafe abzubüßen haben?“ fragte Dubelmeier.
„Wir kennen nur Gesetzesübertreter, keine andern Missetäter,“ wurde dem Frager erklärt.
„Nun, schließlich kommt dies ja auf das gleiche heraus,“ antwortete Dubelmeier. „Worin besteht denn bei euch die Gesetzesübertretung, die die Strafe der Verbannung in diese Gegenden nach sich zieht?“
„In mangelhafter Erfüllung der allgemeinen Pflichten und Obliegenheiten.“
„Da müßte man bei uns auf der Erde neun Zehntel aller Menschen verbannen, und wir kämen des Platzes wegen für diese Menge von Verbannten in die größte Verlegenheit,“ rief Piller voll Erstaunen.
„Wir sind auch nicht auf eurem Planeten,“ antwortete mit überlegenem Lächeln Varan, der Führer der Reisebegleitung.
„Aber es ist doch grausam, kleinerer Verstöße wegen einen Mitmenschen aus seiner ihm trauten und gewohnten Umgebung zu reißen,“ warf Hämmerle ein.
„Über die Art der Verstöße gegen unsere Lebensvorschriften zu richten, sind nur wir allein maßgebend,“ entgegnete Varan ernst.
„Ohne Zweifel!“ gab Stiller zu.
„Aber Verzeihung ist die Krone der Liebe! Verzeiht ihr nicht auch?“ forschte Frommherz.
„Gewiß! Aber es gibt Vergehen, für die niemals Verzeihung gewährt werden kann. Sie sind zwar äußerst selten, diese Fälle, aber sie kommen bei uns doch noch hier und da vor. Die Vergessenen erhalten nach einer gewissen Zeit der Prüfung meist ihre Namen wieder. Es steht ihnen dann die Rückkehr in die engere Heimat und der Wiedereintritt in ihren Stamm frei. Aber nur wenige machen von dieser Erlaubnis Gebrauch. Einmal ausgestoßen, zieht unser Bruder ohne Namen es für gewöhnlich, vor, da zu bleiben, wo er hingebracht wurde, und sein Leben in strenger Arbeit dem Wohle der übrigen zu widmen.“
„Worin besteht diese Arbeit?“ fragten die Herren.
„In tadelloser Instandhaltung der hier ihren Ursprung nehmenden Kanäle: eine ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe, von deren gewissenhafter Erfüllung unsere Gesamtexistenz abhängt.“
„Und wer sorgt für den Unterhalt der Vergessenen?“
„Sie selbst. Sie treiben nebenbei Viehzucht, Ackerbau und dergleichen mehr. Kommt einmal die Zeit, wo es keine Vergessenen mehr bei uns gibt, so müssen wir eben selbst diese Arbeiten ausführen. Darüber liegen bereits genaue Bestimmungen vor, denn unsere Vergessenen vermindern sich mehr und mehr,“ schloß Varan seine Auseinandersetzungen.
„Wunderbar glücklicher Planet, dieser Mars! Sogar die Missetäter hier oben, wenn man sie nach unseren Begriffen so bezeichnen darf, werden wieder Wohltäter durch ihre Leistung für das große Ganze,“ rief Stiller voll Enthusiasmus. „Und doch erfüllt es mich mit einer gewissen, wenn auch höchst bescheidenen, Genugtuung, daß auf dem Mars dieses Lebensbild voll Glanz und Licht einen kleinen Schatten hat, daß es auch nicht rein vollkommen ist.“
„Vollkommen oder unvollkommen sind Begriffe, die wir uns selbst unten auf der Erde geformt haben, und die wir im Sinne ihrer Bedeutung für uns auf die Zustände hier oben nicht anwenden dürfen,“ antwortete Dubelmeier.
„Sehr richtig!“ bestätigte Frommherz. „Mir persönlich kommt hier oben alles vollkommen, alles ganz wunderschön vor. Hier habe ich das Paradies gefunden, von dem man bei uns träumt.“
„Sie Schwärmer!“ erwiderte lachend Piller. „Besser ist die Marswelt entschieden als die unsere, und unsere Erde die beste der Welten zu nennen, wie es allgemein geschieht, ist daher nichts als platter Unsinn. Aber, lieber Frommherz, bald müssen Sie aus Ihrem Paradiese heraus und wieder hinunter nach Tübingen.“
„Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Piller,“ stotterte Frommherz erbleichend.
„Bitterer Ernst, mein Freund! Die schönen Marstage gehen nun bald zu Ende, nicht nur für Sie, nein, auch für uns, leider, leider!“ Professor Piller mußte sich nach diesen Worten heftig schneuzen.
„Aber die entsetzliche Reise!“ jammerte Frommherz. „Haben Sie denn schon so vollständig die ungeheuren Mühseligkeiten unserer Herreise vergessen?“
„Lieber Frommherz, es muß sein,“ entgegnete Stiller. „Wir sind nun bald zwei Jahre Gäste hier, und auch die Gastfreundschaft hat ihre Grenzen. Übrigens wissen Sie auch ganz genau, daß die Marsbewohner mit unserer Abreise rechnen. Ich glaube, die Worte, die damals Anan in Angola an uns richtete, enthielten deutlich genug den Wink zum Fortgehen. Unser Ehrgefühl und auch unsere Dankbarkeit erfordern, daß wir den Mars verlassen und zwar bald. Gewiß, die Rückreise ist mühselig, sie wird möglicherweise noch anstrengender für uns werden als die Herfahrt, aber — es muß sein!“
„Aber — aber könnte nicht ich wenigstens zurückbleiben?“
„Es geht nicht! Es ist nicht gut möglich! Wir sind miteinander gekommen, und wir müssen daher auch wieder miteinander gehen. Das ist klar. Wir alle, Sie leider ausgenommen, sind darüber einig, daß wir gehen müssen, obgleich uns der Abschied von diesem herrlichen Planeten wahrlich schwer genug wird, denn wir haben ohne Zweifel auf ihm die schönste und an Genuß reinste Zeit unseres Lebens zugebracht. Einen Drückeberger darf es nicht geben,“ entschied Stiller.
Etwas beschämt über diese wie eine Zurechtweisung klingende herbe Antwort, ließ Frommherz nichts mehr über die ihn bewegenden Gefühle verlauten; er verschloß sie von jetzt ab fest in seiner Brust.
In dem landschaftlichen Bilde, das sich hier den Augen bot, fiel Herrn Dubelmeier ein stattlicher Berg auf, der isoliert in stolzer Einsamkeit seine schneebedeckten Gipfel gen Himmel streckte. Der ganze pyramidenartige Aufbau des Berges verriet seinen vulkanischen Ursprung. Von seiner etwas abgestumpften Spitze aus mußte man eine großartige Fernsicht genießen. Bei diesem Gedanken war in Herrn Dubelmeier die alte Leidenschaft des Bergsteigers wieder geweckt.
„Wie wäre es, wenn wir zum Schlusse unseres Aufenthaltes auf dem Mars jenem prächtigen Berge da drüben einen Besuch abstatten würden? Bei der Beschaffenheit der Marsatmosphäre dürften wir dort oben eine außerordentlich schöne Aussicht haben,“ sprach Dubelmeier zu seinen Gefährten.
„Ich komme mit,“ entschied Stiller kurz entschlossen.
„Ich auch!“ erklärte Piller. „Wie heißt der Berg, Varan?“
„Der Berg des Schweigens.“
„Ein merkwürdiger Name!“ meinte Stiller. „Wer kommt sonst noch mit?“
Aber die vier übrigen Schwabensöhne konnten sich zu der Tour nicht entschließen. Eine gewisse Mattigkeit und Abspannung hielt sie davon zurück. Man kam überein, daß sie hier die Rückkehr der drei Freunde abwarten sollten. Varan sorgte für alle Bedürfnisse der kleinen Karawane und vergaß auch nicht die passenden Kleidungsstücke und die sonstigen erforderlichen Gegenstände. In Begleitung von drei Marsiten reisten die Herren ab. Ein Motorboot brachte sie auf einem der Kanäle rasch bis zum Fuß des Berges, der sich beim Näherkommen immer mehr als ein Riese entpuppte. Dubelmeier schätzte seine Höhe über der Talsohle auf ungefähr dreitausend Meter.