„Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafür danke ich dir. Aber trotzdem, als Gatte Bentas würde ich wohl niemals den Gedanken einer Rückkehr gefaßt haben.“

„Nicht du ihn, er aber dich. Doch gleichviel, es ist gut so, glaube es mir, lieber Fridolin,“ erwiderte Bentan lächelnd.

„Benta, mein Kind, komm zu uns,“ bat der Alte seine Enkelin, die soeben auf der Terrasse erschien, um nach dem Großvater zu sehen. „Bringe deine Harfe und erfreue uns mit deinem Spiele. Es ist, wie du ja weißt, Freund Fridolins letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschönere ihn noch durch Musik und Gesang.“

Benta, herangereift zur voll entfalteten Schönheit des Weibes, entsprach sofort der Bitte des Großvaters. Welch wunderbare Töne die Marsitin diesen Abend ihrem Instrumente zu entlocken verstand! Noch nie zuvor wähnte Frommherz Benta so meisterhaft spielen gehört zu haben. Und der Gesang! Welch eine Summe von Gefühlen der Freude und Sehnsucht, stillen Schmerzes und unbestimmbaren Wehs löste er nicht im Empfinden des Sohnes der schwäbischen Erde aus!

Als Benta geendet hatte, stand der Gelehrte auf und reichte ihr tief ergriffen mit Worten herzlichen Dankes die Hand. „Lebe wohl, Benta! Nie werde ich deiner vergessen. Für immer wird mit der Erinnerung an meinen langen Aufenthalt hier oben auch dein strahlendes Bild verknüpft sein. Möge dir die Zukunft alles Gute in dem reichen Maße bringen, wie du es verdienst. Das wünsche ich dir zum Abschiede.“

„Auch ich werde dir stets ein freundliches Erinnern bewahren,“ antwortete Benta herzlich. „Wenn ich später Gattin und Mutter geworden bin, so werde ich meinen Kindern von dem wackern Freunde unseres Hauses, dem fernen Erdensohne, erzählen, der sich bei uns so heimisch gefühlt, und dessen Andenken wir alle dauernd in Ehren halten. Nimm dieses Andenken von mir mit dir! Reise glücklich!“ Nochmals ein inniger Händedruck, und Benta war eilenden Schrittes im Hause verschwunden.

Frommherz hielt in seiner Hand ein kleines Etui. Als er es öffnete, fand er in ihm ein meisterhaft ausgeführtes, edel eingerahmtes Miniaturbild Bentas.

„Welch große Freude macht mir dieses Bild,“ rief Frommherz beglückt. „Ich werde das kostbare Andenken zu schätzen wissen.“

„Daran zweifeln wir nicht,“ bemerkte Bentan. „Erlaube mir, daß der Großvater sich auch zur Enkelin gesellt.“ Mit diesen Worten übergab er seinem Gaste ein gleiches Etui mit seinem Bilde.

„Ihr beschenkt mich, der so wie so für immer euer Schuldner bleiben muß.“

„Sprich nicht davon! Nun laß auch mich dir Lebewohl sagen, denn morgen früh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort von hier. Mögest du glücklich die Erde und deine Heimat wieder erreichen! Unsere aufrichtigsten Wünsche für dein Wohlergehen begleiten dich.“ Bentan umarmte den Erdensohn, küßte ihn auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurück.

Siebentes Kapitel.
Vorbereitungen zur Rückkehr.

Eine geraume Zeit schon befand sich Fridolin Frommherz wieder in seinem alten Heim in Lumata. Die Kunde von seiner bevorstehenden Abreise nach der Erde war ihm von Angola aus nach Lumata vorausgeeilt, und als er mit dem würdigen Eran dahin zurückkehrte, war sein Empfang überall recht herzlich. Aus dieser Aufnahme an dem alten Orte seines ersten Aufenthaltes fühlte der Gelehrte deutlich heraus, wie die Marsiten seinen Entschluß beurteilten. Unverhohlen wurde ihm jetzt eine Achtung gezeigt, die ihm einst, nach der Trennung von seinen Gefährten, in diesem Umfange nicht bewiesen worden war.

Mit Energie wurde an der Herstellung des Luftschiffes gearbeitet, das in jeder Hinsicht befähigt sein mußte, nicht nur den Weltenraum zu durchschneiden, sondern auch die Marsiten, die des Erdensohnes Begleitung bilden sollten, wieder auf den Lichtentsprossenen zurückzubringen. Die großartige Entwicklung der technischen Wissenschaften auf dem Mars ermöglichte die verhältnismäßig rasche Konstruktion eines den höchsten Anforderungen genügenden Luftschiffes. Trotzdem aber verstrichen mit der Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe noch mehrere Monate.

Inzwischen wurden in Fridolins Herz wieder mehr und mehr die alten Erinnerungen wach. Waren es doch nun schon vierzehn Jahre, seit er von Cannstatts Wasen unter großem Hallo der Bevölkerung, unter dem Hurra von Hunderttausenden aus nah und fern Herbeigeeilter abgefahren war. Das fünfzehnte Jahr nach Erdenmaß war angebrochen, und noch immer weilte er in Lumata. Jetzt brauchte es nur noch weniger Wochen Geduld, und die ernste Stunde des Abschiedes für immer vom Mars und seinem edlen Volke sollte schlagen. Für diese Riesenreise wurde alles in tadelloser, umsichtiger Weise vorbereitet. Täglich wanderte der Erdensohn hinaus auf die ihm wohlbekannte Wiese, auf der einst der „Weltensegler“, das Luftschiff, das ihn und seine Gefährten hierhergebracht hatte, niedergegangen war, und auf der nun auch sein Luftschiff gebaut wurde, und verfolgte den Fortschritt der Arbeit.

Wenn Fridolin Frommherz auch die technischen Schwierigkeiten bei der Herstellung eines Weltfahrzeugs von Cannstatt her nicht gänzlich unbekannt waren, so vermochten doch die verwickelten Berechnungen, die dem kunstvollen Bau zu Grunde lagen, sein Interesse nicht dauernd zu fesseln. Er hatte allen Respekt vor der Technik und der mathematischen Wissenschaft, aber kein richtiges Verständnis für sie. Ja, wenn Siegfried Stiller, sein Freund, der berühmte Astronom, noch hier gewesen wäre! Der hatte einst den „Weltensegler“ bauen lassen nach seinen eigenen Berechnungen, hatte sich alle bislang auf Erden errungenen technischen Fortschritte und Erfahrungen zunutze gemacht und hatte ein Werk geschaffen, das die Bewunderung aller Kulturnationen der Erde gewesen. Wie würde Freund Stiller gestaunt haben, hätte er das Luftschiff der Marsiten sehen und seinen raschen Bau verfolgen können!

Wie Freund Stiller so bauten auch die Marsiten nach dem starren System. Aber hier auf dem Lichtentsprossenen war alles viel einfacher, selbstverständlicher, fügte sich viel müheloser ineinander als beim „Weltensegler“ und war vor allem viel leichter als bei diesem. Denn wie alles andere, so stand auch die Technik hier auf einer auf Erden nicht gekannten erstaunlichen Höhe. Da wurden Metallegierungen hergestellt, die in Bezug auf Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit alles auf Erden Gekannte weit in den Schatten stellten.

Mit einer nahezu undurchdringlichen Stoffhülle aus seidenartigem Gewebe wurde der Ballon wie mit einer schützenden Außenhaut umgeben. Zwischen dieser und dem eigentlichen Ballon befand sich ein isolierender Luftraum, der gleichsam eine Vermittlung zwischen den eisigen Temperaturen des Ätherraumes und den gemilderten Temperaturen des Balloninnern herstellen und einer Abnahme des Ballonvolumens infolge zu starker Abkühlung entgegenwirken sollte.

Und wie bequem war die Gondel eingerichtet! Da war nichts vergessen, was eine wochenlange Reise durch den eisigkalten, lichtlosen Ätherraum erträglich gestalten konnte. In der Gondel befanden sich aber auch die exaktesten Meßapparate, alles zu Höhen- und Positionsbestimmungen innerhalb der Atmosphäre des Mars oder der Erde Erforderliche, auch die Vorrichtungen zur Handhabung der Höhen- und Seitensteuer, große Mengen fester, komprimierter Luft nebst einem außerordentlich handlichen Zerstäubungsapparat, aufgespeicherte Elektrizität teils zur Fortbewegung, teils zur Beleuchtung und Wärmeerzeugung; wurde doch die Temperatur im Ätherraum auf hundertundzwanzig bis hundertundfünfzig Grad unter Null geschätzt! Die an den Wänden angebrachten Lagerstätten ließen sich in die Höhe klappen, wodurch tagsüber bedeutend an Raum gewonnen wurde. Auf die praktischeste Weise waren Nahrungsmittel und andere Vorräte ebenfalls an den Wänden untergebracht.

Fridolin Frommherz hatte das Gefühl, als könne seinen Freunden vom Mars eine Weltenfahrt überhaupt nicht mißlingen, und freute sich über die sichtbaren Fortschritte, die der Bau des eigentümlichen, seiner Vollendung mehr und mehr entgegengehenden Luftschiffes machte. Ihm zu Ehren sollte es den Namen „Fridolin Frommherz“ tragen.

Als die große Arbeit endlich vollendet und der Tag der Abreise bestimmt worden war, erboten sich fünf Marsiten aus dem Stamme der Ernsten und der Findigen als freiwillige Begleiter des Erdensohnes. Es waren Sirian, der Erbauer des Luftschiffes, der nun auch sein Lenker sein wollte, Zaran, Parsan, Alan und Uschan. Zaran war ein Neffe des alten Eran. Der kühne Flug sollte am fünfunddreißigsten Tage der „Zeit der Ruhe“ angetreten werden. Fridolin Frommherz zählte nach Erdenrechnung den siebenten Februar.

Am Abend vorher gab Eran dem Scheidenden zu Ehren ein Gastmahl, zu dem von allen Seiten die Eingeladenen herbeiströmten. Auf blumengeschmückter Tafel wurde dem Erdensohne noch einmal alles dargebracht, was der Lichtentsprossene Herrliches an Früchten, Fischen und ähnlichen Dingen zu bieten vermochte. Die ersten Künstler aus dem Stamme der Frohmütigen verschönten mit Musik und Gesang und erhebenden Vorträgen den Abend. Dann erhob sich Eran, der ehrwürdige Greis. In längerer Rede warf er einen Rückblick auf den einstigen Besuch der sieben Schwaben, von denen der eine nun so viele Jahre länger unter den Marsiten geweilt und die bei ihnen bestehenden allgemeinen wie besonderen Lebensbedingungen am gründlichsten kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe. Daß Freund Fridolin gleich seinen Brüdern sich unten auf der Erde dem großen Werke der Menschenverbrüderung widmen wolle, das sei der Grund seiner Rückkehr, den er, Eran, in seinem ganzen sittlichen Umfange zu schätzen wisse. Möchte dem Tapfern ein schöner Erfolg beschieden werden! In Lumata aber solle nun das schon längst geplante Denkmal ausgeführt werden, das bestimmt sei, für immer die Erinnerung an den Besuch der Erdgeborenen an dieser Stelle festzuhalten.

Als der ehrwürdige Greis im Silberhaar geendet hatte, dankte Fridolin Frommherz mit wenigen, aber tiefempfundenen Worten für all das Gute und Schöne, das ihm auf dem Lichtentsprossenen zuteil geworden, und das er nie vergessen werde. Die Sehnsucht nach dem Mars-Paradiese und die Erinnerung an die schönste Zeit seines Lebens werde ihn nie verlassen, ebensowenig aber werde er jemals vergessen, welcher Höhe der Kultur die Menschheit fähig sei, und was er auf dem Lichtentsprossenen gelernt, werde er auf Erden zu verwirklichen suchen. Dann habe er nicht umsonst gelebt.

Musik und Gesang schlossen die schöne Feier.

Dann kam für Fridolin Frommherz die letzte Mondnacht auf dem Mars mit all ihrem Zauber zweier Leuchten. Noch einmal wanderte er ganz allein hinaus vor die Stadt, atmete noch einmal in tiefen Zügen die wunderbar weiche und doch würzige Luft, schaute trunkenen Auges den fast durchsichtig klaren Himmel und die vielen, unzähligen Welten, die da oben in eigenem oder erborgtem Glanze strahlten, und gelobte sich noch einmal, den Glauben festzuhalten an den endlichen Sieg des Guten. So, wie es auf dem Lichtentsprossenen war, mußte es einmal auf Erden werden. Kein Mißerfolg würde künftig diese Zuversicht zu erschüttern vermögen.

In gehobener Stimmung kehrte der Erdensohn in Erans gastliches Heim zurück, um noch ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen.

Wie einstmals, als Fridolins sechs Gefährten schieden, so zog auch diesmal Eran mit der gesamten Bevölkerung Lumatas am andern Tage in aller Frühe mit dem Abreisenden hinaus auf die historisch gewordene Wiese. Ein Händeschütteln, laute Zurufe glücklicher Reise von allen Seiten, eine letzte Umarmung Erans, dann bestieg Fridolin Frommherz als letzter die Gondel. Die Taue wurden gekappt; das Luftschiff setzte sich in pfeilschnelle Bewegung und trug den kühnen Schwaben hinweg aus dem Paradiese des Mars der heimatlichen Erde zu.

Achtes Kapitel.
Auf der Fahrt im Weltraum.

Einen langen Abschiedsblick voll Liebe und Dankbarkeit warf Fridolin Frommherz aus seiner luftigen Höhe hinab auf den Lichtentsprossenen, auf dem er so viel Gutes genossen, wo sein ganzes inneres Wesen umgeformt worden war. Den inhaltreichsten Abschnitt seines Lebens hatte er da verlebt. Nie würde er den strahlenden Bruderplaneten seiner irdischen Mutter wieder betreten. Wie in flüssiges Gold getaucht flimmerten und funkelten da unten die langen Wasserlinien der Kanäle, die er mit hatte bauen helfen. Es war, als wiche die Landschaft da unten zu des Erdensohnes Füßen immer mehr zurück, als wäre sie es, die sich fortbewegte, als stände das Luftschiff still, so sicher und ohne Schwankung trug es seine Insassen in die Höhe. Schon waren die Freunde da unten kaum noch als winzige Punkte sichtbar; Bäume und Bauten erschienen wie kurze Striche. Und bald schwanden auch sie; es blieb nur das sonnige Glitzern und Flimmern, das auf der vergoldeten Landschaft lag, bis auch dieses erlosch und beim Verlassen der Marsatmosphäre die Nacht des Ätherraumes die kühnen Luftschiffer umfing.

Künstliches Licht, künstliche Erwärmung, künstliche Luftverteilung waren in Tätigkeit getreten. Man begann, es sich in der Gondel bequem zu machen, die fünf Marsiten natürlich nur, soweit es ihnen der strenge Dienst gestattete. Fridolin Frommherz, der einzige Passagier, aber richtete sich nach Geschmack und Gutdünken ein. Seinem Wunsche gemäß sollte auch er zuweilen zur Bedienung der Instrumente Verwendung finden; doch war er naturwissenschaftlich und technisch zu wenig geschult, um regelmäßigen Dienst an verantwortungsreichen Posten tun zu können. So blieb ihm freie Zeit in Fülle.

Die Schrecknisse einer Weltenreise hatte der Erdensohn schon einmal durchgekostet. In den vierzehn Jahren, die darüber verflossen waren, war die Erinnerung daran stark verblaßt. Jetzt lebte sie allmählich kräftiger wieder auf. Besonders lebhaft standen ihm zwei Dinge vor Augen: die Langeweile, die ihn und seine Gefährten von damals geradezu krank gemacht hatte, als die Reise nach monatelanger Dauer noch immer kein Ende nahm, als der Aufenthalt in der engen Gondel unerträglich geworden, und die Sparsamkeit, die ihnen damals in Bezug auf den Wasserverbrauch auferlegt gewesen war. Die Langeweile würde sich diesmal bei Fridolin Frommherz weniger fühlbar machen, war er doch ein anderer, ein geistig Höherstehender geworden, der diese letzten Wochen des Verkehrs mit Marsiten wohl auszunutzen wissen würde; auch würde bei der außerordentlich entwickelten Technik und bei der Geschicklichkeit der Marsiten die festgesetzte Reisedauer von drei Monaten kaum überschritten werden.

Wie aber stand es mit dem Wasserverbrauch? Fridolin sah sich um. Das neben seinem Bett befindliche und wie dieses aufklappbare Waschbecken schien ihm größer als einst beim „Weltensegler“ zu sein. Durfte er daraus auf größere Mengen mitgenommenen Wassers schließen? Wo das wohl untergebracht sein mochte? Zaran, der Neffe des alten Eran, begegnete seinem suchenden Blick.

„Fehlt dir etwas, Fridolin?“ fragte er freundlich. „Gern erfüllen wir deine Wünsche, wenn das im engen Gondelinnern möglich ist.“

„Hab’ Dank, Zaran!“ erwiderte der Erdensohn. „Mir fehlt nichts. Ihr habt ja so vortrefflich für alles gesorgt. Ich fragte mich bloß, wo ihr die für die lange Reise notwendige Wassermenge untergebracht habt. Der eiserne Behälter dort und die wenigen wasserführenden Röhren dürften doch wohl nicht genügen.“

„Komm mit!“ sagte der Marsite lachend und führte den Erdensohn zu einem sehr kompliziert aussehenden Apparate, den er durch einen leichten Druck mit der Hand in Tätigkeit setzte. Ein frischer Windhauch strich da plötzlich über Fridolins Stirn. Er atmete mit Wonne die rasch sich erneuernde Luft. Nach wenigen Augenblicken sah er, wie an einem Teile des Apparates sich kleine Wassertropfen sammelten und in einen eigens zu diesem Zwecke vorhandenen Behälter flossen.

„Woher kommt das Wasser?“ fragte er erstaunt.

„Aus der verbrauchten Luft,“ antwortete der Marsite, und als Fridolin Frommherz ihn nicht zu verstehen schien, fuhr er fort: „Siehst du, lieber Freund, das ist unser System der Sparsamkeit, das wir überall zu üben gewohnt sind. Es darf in unserm Haushalte nichts verloren gehen. Dieser Apparat hier ist so konstruiert, daß ich aus ihm nicht nur die Luft erneuern, sondern auch in ihm die verbrauchte Luft sammeln kann. Die letztere spaltet sich wieder in ihre Elemente, die alsbald von neuem verwertet werden können. Was aber an Wasserdampf in ihr vorhanden ist, das zwingen wir zum Niederschlag, zur Sammlung in diesem Behälter.“

„Wie sinnreich! Wie außerordentlich praktisch!“ rief Fridolin froh erstaunt. „Aber wird uns das so gewonnene Wasser auch genügen?“

„Nein, lieber Freund, sicherlich nicht! Ich wollte dir bloß zeigen, wie man sparen kann. Wir führen außer einer ziemlich beträchtlichen Menge natürlichen Wassers auch alles zur künstlichen Wasserbereitung Notwendige mit uns. Sei also ohne Sorge! An Wasser werden wir auf der langen Reise keinen Mangel leiden.“

Da winkte Sirian, der am Steuer stand, den Erdensohn zu sich heran.

„Willst du einen Blick auf unsere große nächtliche Leuchte werfen?“ fragte er. „Die kleine hast du bereits im Gespräch mit Zaran verpaßt.“

Rasch trat Fridolin an das vordere Fenster.

„Nein,“ sagte Sirian, „sieh hier hinaus!“ Dabei schob er eine am Boden der Gondel befindliche Klappe zurück. Darunter befand sich ein kleines, festverschlossenes Fenster aus glimmerartiger Substanz. Durch dieses bot sich Fridolin Frommherz ein wundervoller Anblick. Das Luftschiff schwebte gerade mitten über Deimos, dem großen Marsmonde. Gewaltige gelbbraune Bergriesen starrten zwischen weiten, öden Sandflächen empor. Alles kahl, leer, ausgebrannt, aber bestrahlt von solch grellem Sonnenlichte, daß Fridolin Frommherz geblendet die Augen schloß und sich vom Fenster abwandte. Als er die Augen wieder öffnete, sah er Sirian in flinker Tätigkeit mit einem Apparate, der einem Fernrohre glich und doch wieder eine Menge Teile zeigte, die ein Fernrohr sonst nicht zu besitzen pflegt.

„Was macht Sirian da?“ fragte er leise, um den Arbeitenden nicht zu stören, den ebenfalls herbeigekommenen Uschan.

„Photographische Aufnahmen der Mondlandschaft,“ erwiderte dieser ebenso leise. „Wir verbinden mit deiner Heimbeförderung nach der Erde noch eine Reihe wissenschaftlicher Aufgaben. Ist doch Sirian einer unserer bedeutendsten Astronomen. Du wirst noch mehr als einmal zu staunen Gelegenheit haben.“

„Werdet ihr auch den Mond der Erde besichtigen?“ fragte Fridolin.

„Diesen erst recht. Nach unsern eigenen nächtlichen Leuchten, die wir übrigens aus unsern sehr scharfen Fernrohren schon genau kennen, gelangen wir eher wieder einmal, nach der Erde und deren Monde nicht wieder.“

„So werdet ihr euch wenigstens eine Zeitlang auf Erden aufhalten, euch ausruhen, erholen und dabei ihre Einrichtungen studieren?“

„Nein, lieber Freund,“ erwiderte Uschan. „Wir haben die strikte Weisung sofortiger Rückkehr. Uns genügt die Schau von oben aus der Luft herab. Da sehen wir zur Genüge, was die Erde als Weltkörper ist und zu bedeuten hat. Ihre Einrichtungen kennen wir durch dich und deine Brüder. Unsere Kultur ist die ältere, vorgeschrittenere; wir können von euch nichts lernen. Das Ziel der Menschenentwicklung aber liegt vorwärts, nicht rückwärts.“

Fridolin Frommherz schwieg. Was hätte er auch darauf erwidern können? Uschan hatte nur allzusehr recht. Die irdischen Einrichtungen mußten Menschen von so hoher Kultur, wie es die Marsiten waren, barbarisch erscheinen.

„Sage einmal, Freund Fridolin,“ wandte sich Sirian, der seine augenblickliche Arbeit vollendet hatte, an den Erdensohn, „wie kamt ihr da unten auf der Erde auf den Gedanken, unserm Lichtentsprossenen den Namen „Mars“ zu geben?“

Fridolin Frommherz überlegte eine Weile.

„Sein rötliches Licht mag wohl die Ursache zu seiner Benennung gewesen sein,“ sagte er dann. „Es lebte auf Erden einmal ein starkes, kriegerisches Volk. Dem galt Tüchtigkeit im Kampfe, Mut und Ausdauer und Tapferkeit in solchem Maße als höchste Tugend, daß es sich eigens einen Gott des Krieges formte. Mars benannte es ihn. Phobos und Deimos waren seine Söhne.“

„Was aber haben wir und unsere Monde mit einem phantastischen Gotte des Krieges zu schaffen? Wir kennen keinen Krieg, nur friedliche Schlichtung aller Streitfragen. Einmal freilich hat es auch bei uns Zeiten gegeben, da Bruderblut floß. Mit Grauen und Abscheu gedenken wir ihrer heute. Seit Jahrtausenden schon sind sie überwunden.“

„Hätte man unten auf der Erde von euch und eurer hohen Kultur gewußt,“ sagte Fridolin, „man hätte euerm Planeten sicherlich einen würdigeren Namen gegeben. So aber mahnte sein rötlicher Glanz die Menschen an die blutige Fackel des Krieges, und der Name des Kriegsgottes ward zu dem euren.“

*                   *
*

Mehrere Wochen schon waren Fridolin Frommherz und die fünf kühnen Marsiten unterwegs. Störungen waren nicht eingetreten. Fast täglich waren kleine Meteoriten, von der Größe des Luftschiffes angezogen, auf dieses gestürzt, ohne ihm Schaden zuzufügen. Einmal war es auch einer wahren himmlischen Kanonade von lauter kleinen Wurfgeschossen ausgesetzt gewesen, und Fridolin Frommherz fing es schon an etwas unheimlich zumute zu werden — eine breite Narbe auf seiner Stirn legte Zeugnis ab von einer früheren Begegnung mit einem Meteoritenschwarm — aber auch der ging diesmal vorüber, ohne Schaden zu stiften.

Die wissenschaftlichen Apparate waren in beständiger Tätigkeit und erforderten so große Aufmerksamkeit von seiten der fünf Marsiten, daß der Erdensohn meist auf sich allein und die eigene Gesellschaft angewiesen war. Trotzdem zeigte sich das Gespenst der Langweile nur sehr selten. Denn was gab es nicht alles in diesem Gondelinnern zu sehen, zu lernen, in das Tagebuch einzutragen! Einen breiten Ring von Meteoren hatte das Luftschiff vorhin durchschnitten. Viele hundert Millionen Kilometer sollte seine Länge, Hunderttausende von Kilometern die Tiefe und die Breite betragen — wer vermochte sich das vorzustellen?

Fridolin Frommherz schüttelte den Kopf.

„Mit solchen Zahlen bin ich nicht zu rechnen gewöhnt,“ sagte er; „es ist mir unmöglich, eine klare Vorstellung damit zu verbinden.“

Da rief ihn Sirian an das Teleskop.

„Sieh hier, wonach ich suchte! Nach unsern Erfahrungen der König eines jeden Meteoritenringes.“

Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlüpfte Fridolins Lippen. Ein Komet! Ein glänzender König inmitten seiner dunkeln Dienerschar. Es war ein Komet mit wunderbar leuchtendem Kopfe, von schimmernder Nebelhülle umgeben und einem sich über Hunderttausende von Kilometern erstreckenden glänzenden Schweife. Und durch diesen Schweif hindurch schimmerte ein Stern, eine Sonne, die noch millionenmal weiter entfernt war als der schöne Fremdling inmitten des Meteoritenschwarmes. Und so wunderbar hell leuchtete der Stern, als ob keine verschleiernde Hülle zwischen ihm und dem menschlichen Auge läge. Wie leicht und durchsichtig und luftig die gasförmige Substanz eines solchen Kometenschweifes sein mußte!

Zuweilen zeigte Sirian dem Erdensohne Sterne, die aus weiter, nachtschwarzer Ferne auftauchten, wenn das Luftschiff auf seiner Fahrt die Lichtstrahlenbahn eines solchen Gestirnes kreuzte. Dann trat Sirians wundervolles Teleskop wieder in Tätigkeit, und was er da Fridolin Frommherz vor Augen führte und erklärte, machte diesen fast schwindeln. Es eröffnete sich ihm ein Blick in die wahre Weltgeschichte, in den Werdegang der Himmelskörper, wenn er die zahllosen Sonnen im unbegrenzten Raume, im schrankenlosen All ihre verschlungenen Bahnen ziehen sah, wenn er leuchtende, über ungeheure Räume des Himmels verteilte Nebelflecke durch das Spektroskop als sehr verdünnte, glühende Gasmassen erkannte, wenn er an andern Stellen die Nebelflecke sich bereits zu Sternen verdichten sah — Nebelflecke, die vielleicht in so unberechenbaren Fernen lagen, daß das von ihnen ausgehende Licht wohl Hunderte von Jahren unterwegs gewesen war, ehe es Fridolins Auge traf. Da sollten sich seine Augen und seine Gedanken, die Augen und die Gedanken eines kleinen Menschenkindes, an ein fortwährendes Kreisen von wirbelnden, leuchtenden Welten gewöhnen, die sich ruhelos im Universum jagten, eine jede mit eigener Bewegung, eine jede auf ihrer eigenen Bahn und doch alle gehorchend denselben unabänderlichen Gesetzen. Myriaden von lodernden Sternen, werdenden und gewordenen Sonnen — welche Phantasie wäre kühn genug, solches zu erfassen?

„Freund Fridolin,“ sagte Sirian eines Tages, nachdem er Uschan das Steuer übergeben und sich’s an einem der auf- und abklappbaren Tische der Gondel bequem gemacht, „wir werden in wenigen Stunden außerordentlich Interessantes schauen.“

„Ungeahnt ist die Fülle des Neuen und Interessanten auf solch außergewöhnlicher Reise!“ antwortete der Erdensohn fröhlich. „Doch sag mir, Sirian, ist’s ein neuer Komet, dem wir begegnen werden? Oder wieder eine jener wunderbar glänzenden Sonnen, deren Entfernungen ihr mit Zahlen berechnet, die mich schwindeln machen?“

„Diesmal ist’s keines von beiden,“ versetzte der Marsite. „Wir kommen sehr nahe an einem der kleinsten Kinder des Lichts vorbei.“

„Nahe an einem Planeten kommen wir vorbei?“ rief Fridolin Frommherz erstaunt. „Wie ist das möglich? Nie habe ich gehört, daß zwischen Mars und Erde die Bahn eines Planeten läge!“

„Es handelt sich um eines jener äußerst kleinen Kinder des Lichts, die ihr, wie ich aus deinen Karten und Büchern sah, Planetoïden nennt.“

„Aber die liegen doch jenseits der Bahn des Lichtentsprossenen, zwischen Mars und Jupiter,“ beharrte der Schwabe.

„Im allgemeinen hast du ganz recht,“ erwiderte Sirian, „deshalb sind diese Planetoïden, um mich deines Namens zu bedienen, auch von uns viel besser gekannt als von euch. Ihr zählt ihrer etwa fünfhundertundfünfzig, aber ich sage dir, daß ihre Zahl mit tausend noch viel zu niedrig angegeben ist. Ein riesiger Weltkörper muß da einmal geborsten sein, wo nun seine Trümmer in stark exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen. Da ist nun eines jener Trümmerstücke, — Eros nennt ihr den Planetoïden auf euren Himmelskarten, — dessen Bahn hält sich näher an der Sonne als die aller andern Planetoïden, und so bedeutend reicht sie zwischen Marsbahn und Sonne hinein, daß sie im Mittel innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen liegt. Eros kann der Erde fast um ein Drittel, rund um vierzehn Millionen Kilometer näher kommen als unser Lichtentsprossener, und Eros ist’s, den wir jetzt treffen werden.“

„Das ist ja eine herrliche Aussicht!“ rief der Erdensohn froh. „Aber sag mir, Sirian, birgt diese Begegnung keine Gefahr für uns?“

„Von Gefahren sind wir auf einer solchen Reise jede Minute umgeben. Ich halte es für möglich, daß wir uns Eros nähern können, ohne selbst Schaden zu nehmen, ist er doch nicht größer als einer unserer kleinen Marsmonde. Wir werden gerade auf ihn zuhalten, unter Umständen sogar in seine Atmosphäre eindringen.“

„Eine Atmosphäre hat der kleine Planet auch?“ fragte Fridolin erstaunt. „Also hat er doch etwas vor euren Monden voraus!“

„Ja,“ sagte Sirian, „durch das Spektroskop haben wir festgestellt, daß nicht nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern auch seine etwas größern Geschwister Ceres, Pallas, Juno und Vesta eine Atmosphäre, ähnlich der unsrigen, besitzen. Mehr zu erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros nicht möglich. Jetzt aber werden wir sehen, ob er Wasser und Festland, Berge und Täler und lebende Wesen birgt, die uns ähnlich sind.“

Aller Erwartungen waren aufs höchste gespannt, als das Luftschiff wirklich wenige Stunden später Eros ganz nahe kam. Aber der kleine Planet verhüllte den Beobachtern sein Antlitz. Dunst, Nebel und Wolken machten seine Oberfläche für den Weltraum unsichtbar. Durch die Trübung seiner Atmosphäre wurde das Sonnenlicht so sehr nach außen zurückgeworfen, daß es wie ein undurchdringlicher blendender Lichtschein über ihm lag.

„Seht ihr den Dunst und die Wolken?“ rief Sirian, der die Steuerung wieder übernommen hatte. „Eros hat nicht nur Luft, sondern auch Wasser, die Grundbedingung jedes organischen Lebens. Laßt uns nun in seine Atmosphäre eindringen, um zu sehen, ob er auch festes Land besitzt!“

Mit Aufbietung aller seiner technischen Hilfsmittel suchte Sirian nun sein Luftschiff so langsam wie möglich zu Fall zu bringen. Das war infolge der Anziehung des kleinen Weltkörpers, dessen Masse doch der des Luftschiffs viel hundertmal überlegen war, eine äußerst schwierige Sache. Obgleich das Steuer der Hand Sirians beim leisesten Druck gehorchte, erreichte die durch die Reibung mit der Erosatmosphäre beim Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze einen sehr hohen Grad. Glücklicherweise waren auch die oberen Luftschichten um Eros lebhaft bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken öffneten, etwelche Kühlung.

„Eine Bergspitze!“ rief Zaran plötzlich.

Und wirklich, über einen dichten Wolkenschleier empor ragte der Gipfel eines Berges, mit sanftem Grün überzogen. Eine Vegetation besaß der kleine Eros also auch. Und nun teilten sich die Wolken. Da lag Land unter den Reisenden, Wald und Feld und Wiesenland und dann das offene Meer. Aber so klein war der ganze Weltkörper, daß die Insassen des Luftschiffes von ihrem hohen Standpunkte aus Nord- und Südpol zugleich schauen konnten. Beide waren auffallend stark abgeplattet. Staunend sagte sich der Schwabe, daß die Oberfläche dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die Oberfläche eines kleinen deutschen Fürstentums betrage. Und solch ein winziges Weltganzes führte hier ein kosmisch unabhängiges Dasein! Während sich Fridolin noch darüber wunderte, wurde es fast plötzlich Nacht.

„Wie schade,“ bedauerte der Erdensohn, „schon Nacht, und wir haben erst so wenig gesehen!“

„Wir werden nach Osten fahren,“ sagte da Sirian, „der Sonne entgegen. Eros dreht sich — nach Erdenzeit — in fünf Stunden und vierzehn Minuten um seine Achse. Die Dauer seiner Nacht kann also nicht mehr als zwei Stunden und sieben Minuten betragen. Diese wenigen Nachtstunden kürzen wir für uns noch um die Hälfte ab, indem wir der Sonne entgegenfahren.“

Sie fuhren nach Osten. Und über der östlichen Halbkugel, über einer ganz neuen Gegend, ging bald darauf die Sonne wieder auf. Wohl angebautes Hügelland lag jetzt unter ihnen. Es bildete eine äquatoriale Wasserscheide. Nordwärts und südwärts zogen schmale Flußläufe bis in die winzigen polaren Meere. Ungefähr ein Viertel des kleinen Weltkörpers war mit Wasser bedeckt, drei Vierteile bestanden aus Festland. Höhere Berge waren auf der östlichen Halbkugel nicht vorhanden.

Sirian brachte das Luftschiff noch mehr zum Sinken.

„Wir wollen Umschau halten nach lebenden Wesen, die uns ähnlich sind,“ sagte er. „Deuten doch die bebauten Felder zur Genüge darauf hin, daß Eros bewohnt ist.“

Alle Insassen des Luftschiffes schauten gespannt durch die Gondelluken abwärts. Und wirklich, da unten rotteten sie sich zusammen, die Bewohner dieses winzigen Weltkörpers. Wie abwehrend erhoben die einen die Arme, andere ballten die Fäuste und schüttelten sie gegen das Luftschiff. Verwünschungen, in einer eigentümlich rauhen Sprache ausgestoßen, trafen das Ohr der Reisenden. Trotzdem sank das Luftschiff weiter. Deutlich konnte man jetzt die teils ängstlichen, teils zornigen Gesichter der in grobe, aber bunte Gewebe gehüllten Leute erkennen, Männer, Frauen und Kinder. Es waren große, stattliche Gestalten, ebenmäßig gewachsen, mit reichem Haar, das den Männern bis auf die Schultern hing, während die Frauen das ihrige im Nacken zu einem Knoten geschlungen trugen.

„Wo sind denn ihre Wohnungen?“ fragte Fridolin. „Vergeblich schaue ich nach Häusern aus.“

„Siehst du nicht dort, in die Hügelreihen eingebrochen, jene rechteckigen Öffnungen?“ rief Uschan. „Offenbar sind das die Eingänge zu einer Art von Höhlenstadt, wohl zum Schutze gegen den außerordentlich langen, strengen Eroswinter errichtet.“

„Also bloß Höhlenbewohner,“ sagte Fridolin im Tone des Bedauerns.

„Lieber Freund, bedenke, daß die Bahn dieses kleinen Planeten in der Zeit seiner Sonnenferne noch jenseits der Bahn unseres Lichtentsprossenen liegt, daß Eros den eisigen Weltraum zwischen Mars und Jupiter durcheilt, wo ihn die Sonnenstrahlen so schräg treffen, daß kaum ein fahles, graues Licht, ohne wärmende Kraft, seine kurzen Tage erhellt. Du kennst die eisigen Temperaturen des Weltraumes. Ihnen ist Eros auf seiner stark exzentrischen Bahn, nach Erdenmaß gemessen, nahezu ein Jahr lang ausgesetzt. Wunderst du dich noch, daß seine Bewohner lieber im Innern ihres Bodens Schutz und etwas Wärme suchen, statt Häuser zu bauen?“

Fridolin wunderte sich nicht mehr. Sirian brachte jetzt das Luftschiff wieder zum Steigen.

„Wir haben gesehen, was wir sehen wollten,“ sagte er, „und wollen diese armen Wesen nicht länger ängstigen. Sie scheinen zwar intelligent, aber im Vergleiche mit uns noch auf einer ziemlich niedrigen Stufe der Entwicklung zu stehen.“

„Auch sie werden einst, in hunderttausend Jahren vielleicht, zur Höhe der gepriesenen Kultur des Lichtentsprossenen emporsteigen,“ rief Fridolin Frommherz begeistert.

„Nein, lieber Freund,“ sagte Sirian, „du irrst dich; unsere Höhe werden die Erositen nicht erklimmen.“

„Wie?“ fragte der Erdensohn erstaunt, „ist es möglich, daß du Wesen, die schon eine gewisse Kulturstufe erreicht haben, die Fähigkeit der Weiterentwicklung absprichst?“

„Das tue ich nicht,“ erwiderte Sirian; „ich denke nur, daß es unsern Erositen an Zeit fehlen wird, so hoch zu steigen. Ihr kleiner Planet wird seine Atmosphäre nicht festzuhalten vermögen. Vielleicht schon in tausend Jahren ist alles Leben auf ihm erloschen, verschwunden seine Luft, verdunstet sein Wasser; kalt und starr und tot wie unsere Monde zieht dann Eros seine Bahn um das ewige Licht.“

Da warf der Erdensohn einen wehmütigen, bedauernden Blick auf die kleine Welt hinab, die infolge ihrer Winzigkeit zu einem vorzeitigen Absterben verurteilt war, und es war doch so schön, zu wachsen und sich zu entwickeln!

Dann verließ das marsitische Luftschiff die Atmosphäre des Eros und schwebte wieder draußen im kalten, lichtlosen Ätherraume der Erde zu.

Eines Nachts — schon befanden sich die Reisenden in der Anziehungssphäre der Erde, und Fridolin Frommherz genoß noch den tiefen, ungestörten Schlaf in der absoluten Stille des Weltraumes — da wurden die Insassen der Gondel plötzlich vom wachenden Uschan geweckt.

„Ein glühender Körper nähert sich unserm Luftschiff,“ sagte er. „Zwar ist er noch fern, aber grell sticht sein Glanz vom undurchdringlichen Dunkel des Raumes ab. Er scheint unsere Bahn zu kreuzen. Wir müssen zu wenden suchen.“

Noch ehe Uschan ausgesprochen, war Sirian an der vorderen Luke.

„Ein Meteorit von ungeheuren Dimensionen!“ rief er, mit aller Macht das Steuer rückwärts drehend. „Wir müssen so rasch wie möglich aus seiner gefährlichen Nähe, sonst sind wir verloren!“

Da sich aber das Luftschiff schon im Bereiche der irdischen Anziehung befand und der Erde mit einer Geschwindigkeit von fünfunddreißigtausend Kilometer in der Stunde entgegenstrebte, gehorchte es der steuernden Hand nicht mehr unbedingt. Statt zu wenden oder seitwärts auszuweichen, verlangsamte sich nur seine Bewegung unter dem ausgeübten Drucke, aber die Richtung blieb dieselbe. Es war das erstemal seit der Abfahrt vom Lichtentsprossenen, daß den kühnen Durchschiffern des Ätherraumes Gefahr in nächster Nähe drohte. Was tun? Immer näher raste die gewaltige, glühende Kugel mit nicht zu bestimmender Geschwindigkeit, wohl Tausende von Kilometern in einer einzigen Minute. Das Herz schlug in diesem Augenblicke nicht nur dem Erdensohne rascher. In wenigen Minuten mußte der Zusammenstoß erfolgen. Noch einmal drehte Sirian das Steuer mit aller Kraft.

„Es wird nichts mehr nützen,“ murmelte er dabei, „selbst wenn jetzt das Wenden gelingt; wenn wir wirklich noch ausweichen können, werden wir von der vielleicht tausendmal größeren Masse des Meteoriten angezogen werden — sein gluthauchender Schlund wird uns nur ein paar Augenblicke später verschlingen.“

Da geschah etwas so Wunderbares, wie es keiner der Insassen des marsitischen Luftschiffes in solcher Schönheit und Großartigkeit je erlebt hatte: der Meteorit platzte, zerbarst in Tausende von sich jagenden Teilen. In allen Farben sprühten sie auf, stürzten auf einander, platzten von neuem in immer neuem Farbenspiel; grüne, gelbe, rote, blaue Flammen durchzuckten den nachtschwarzen Ätherraum, züngelten empor in lodernder Glut und erloschen.

Und als es wieder Nacht um sie geworden, da wußten die kühnen Reisenden, daß sie gerettet waren, gerettet im Augenblicke höchster Gefahr, als selbst marsitische Technik und Gewandtheit gegenüber den Allgewalten der Natur zu versagen drohten.

Und immer weiter flog das Luftschiff, unbeirrt von allem, was ihm begegnete, mit wunderbarer Sicherheit von Sirians Führerhand direkt auf die Erde zu gesteuert. Der Besuch auf dem Monde, das erste Verlassen der Gondel seit nahezu drei Monaten, stand als nächstes Ereignis bevor.

Neuntes Kapitel.
Eine Station auf dem Monde.

Wir haben Glück,“ sagte Sirian zufrieden lächelnd, als sich die kühnen Reisenden dem toten Sohne der Mutter Erde näherten, „denn der Mondtag neigt sich seinem Ende zu.“

„Warum wünschtest du am Abend auf dem Monde zu landen?“ fragte Fridolin Frommherz.

„Weil ich seinen Tag wie seine Nacht kennen lernen möchte.“

„Wäre das nicht auch möglich gewesen, wenn wir morgens oder mittags angekommen wären?“

„Lieber Fridolin, bedenke die Länge eines Mondtages! Vierzehn Erdentage bilden einen einzigen Tag auf dem Monde, vierzehn weitere Tage eine einzige Mondnacht!“

Fridolin Frommherz war an eines der Fenster getreten. Eine solche überwältigende Lichtfülle strömte ihm entgegen, daß er geblendet die Augen schloß. Uschan reichte ihm ein schwarzes Glas, und nun war es den Augen des Erdensohnes möglich, hinabzuschauen auf die in grellstem Sonnenlichte strahlende Mondlandschaft, über der das Luftschiff schwebte. Da stiegen hohe, schroffe Felsenmassen zu unheimlicher Höhe empor, lange, tiefschwarze Schatten werfend, die im Gegensatz zu dem blendenden Lichte doppelt schwarz erschienen. Fürchterliche Abgründe gähnten ihm aus Riesenkratern entgegen, aus deren Tiefe sich wiederum ein spitzer, kegelförmiger Berg erhob. Da türmten sich Gipfel an Gipfel, da klafften Spalten und weiteten sich Täler, übergossen vom grellsten, durch keine Atmosphäre gemilderten Sonnenglanz und mit schwarzen Schatten, die an Dunkelheit und Schärfe ihresgleichen nicht hatten. Vergeblich aber suchte das Auge nach einem Tropfen Wasser, nach einer Spur von Grün.

Langsam brachte Sirian das Luftschiff zum Sinken. Mit großer Sicherheit landete es auf einer weiten, sandigen Fläche. Zaran brachte sechs eigentümliche, vollständig durchsichtige und doch äußerst feste, glockenartige Kopfbedeckungen herbei. Fridolin Frommherz stülpte die seine, dem stummen Beispiele der Marsiten folgend, über den ganzen Kopf bis zum Halse, wo sie fest geschlossen wurde.

„Wozu das?“ wollte er fragen, aber niemand hatte jetzt Zeit, ihm Auskunft zu geben. Jetzt öffnete Sirian die Gondeltür und betrat als Erster den Boden, auf dem noch kein Wesen geatmet hatte. Rasch folgten die übrigen. Alle beteiligten sich an der Arbeit des Festlegens ihres Luftschiffes. Doch schien es Fridolin Frommherz, als müsse die Arbeit ganz besonders schwierig sein. Immer wieder prüfte Sirian die Anker und Ketten und festigte bald da bald dort. Auf dem Lichtentsprossenen war es anders gewesen. Weder Landung noch Festlegen hatte da bei Luftschiffahrten besondere Schwierigkeiten verursacht. Keiner der Marsiten sprach ein Wort; auch hörte Fridolin keine Kette klirren, keinen Hammerschlag, noch irgend ein Geräusch der Werkzeuge, die doch in voller Tätigkeit waren. Eine geisterhafte Stille herrschte, eine Stille, die unheimlich war und bedrückte. Der Erdensohn sah sich um. Da wölbte sich über ihm ein dunkler Himmel, schwarz wie Tinte, wolkenlos, darin brannte eine Sonne, die er selbst durch sein geschwärztes Glas kaum zu betrachten vermochte, und neben der Sonne standen Tausende von glänzenden Sternen, die trotz Sonnenglanz am schwarzen Himmel funkelten. Und ein großer, dunkler, von hellem Lichtrande umgebener Körper hing am Himmel. Das mußte die Erde sein. Dreizehnmal so groß muß sie, vom Monde aus gesehen, sich ausnehmen wie der Vollmond, von der Erde aus betrachtet!

„Wie seltsam das alles ist, der Himmel so schwarz und die Sterne am Tage sichtbar!“ sagte Fridolin Frommherz zu den Marsiten, die endlich ihre Arbeit vollendet zu haben schienen. Merkwürdig gedämpft klang ihm die eigene Stimme entgegen. Von den Marsiten erhielt er keine Antwort. Da war Totenstille rings umher. Da vernahm man keinen Ton. Da bewegte sich kein Lufthauch, da plätscherte kein Bach, da schwirrte kein Vogel, da summte kein Käfer; lautlos waren die Tritte der Menschen, die hier gingen. Die Sonne brannte, und nichts milderte ihre Glut; trotz Sonnenglut aber war der Boden eisig kalt, seine Temperatur unter Null Grad.

„Wie kommt es, daß der Boden bei dieser Hitze so kalt ist?“ fragte der Erdensohn.

Wieder erhielt er keine Antwort. Die Marsiten, die jetzt mit Messungen und photographischen Aufnahmen beschäftigt waren, schienen seine Worte gar nicht gehört zu haben. Keiner der sonst so freundlichen Männer wandte sich nach ihm um. Da fing es Fridolin an, unheimlich zu werden. Rasch trat er auf den ihm zunächst stehenden Zaran zu und faßte ihn am Ärmel. Der Marsite wandte das Gesicht dem Erdensohne zu und neigte sich so weit zu ihm, bis seine glockenartige Kopfbedeckung die Fridolins berührte. Dann fragte er freundlich:

„Was fehlt dir, lieber Freund? Kann ich dir helfen?“

„Ich fragte vorhin, warum trotz Sonnenglut der Boden hier so furchtbar kalt ist; aber keiner von euch antwortete mir.“

„Weil wir deine Frage nicht hören konnten,“ sagte Zaran lächelnd.

„Ihr konntet nicht?“

„Nein, lieber Fridolin! Du vergißt, daß der Mond keine Atmosphäre hat, und wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung stattfinden.“

„Selbstverständlich!“ sagte Fridolin Frommherz; „das kam mir augenblicklich gar nicht zum Bewußtsein, weil wir doch atmen.“

„O ja,“ lächelte Zaran, „durch die in unsern Glocken mitgenommene, sich langsam verflüchtigende, für etwa sechs Stunden ausreichende Luft. Wenn ich meine Glocke mit der deinigen in Berührung bringe, trägt mir die darin eingeschlossene Luft die von deiner Stimme erzeugten Schallwellen zu. Ist aber nur der kleinste Zwischenraum vorhanden, so dringt kein Laut über die Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis auf das Fehlen der Luft beantwortet zugleich auch deine Frage von vorhin. Weil keine Lust da ist, die die Sonnenhitze zurückhält, ist hier der Boden ewig kalt. Was du auch Seltsames auf dem Monde siehst, es findet alles seine Erklärung in dem Mangel an Luft.“

Der Erdensohn wußte genug. Weil keine Luft da war, schien ihm auch der Himmel schwarz statt blau, weil keine Luft da war, waren die Sterne neben der Sonne am Tage sichtbar, weil keine Luft da war, glühte die Sonne so heiß, waren die Schatten so schwarz, war kein Wölkchen am Himmel, kein Tropfen Wasser in Schluchten und Tälern, entsetzliche Öde, starrer Tod überall.

Sirian winkte und gab den Gefährten durch Zeichen zu verstehen, daß man den nächsten Berg ersteigen wolle. Fridolin Frommherz wunderte sich darüber. Es war ein Riesenkegel, nach oberflächlicher Schätzung wohl nahezu dreitausend Meter hoch. Und den wollte Sirian erklimmen ohne Vorbereitungen, ohne Mitnahme von Proviant, bei Sonnenuntergang und mit einem Luftvorrat, der höchstens noch für fünf Stunden reichte? Man setzte sich in Bewegung. Wie leicht sie alle gingen! Keine Spur von anstrengendem Klettern, beschleunigter Herztätigkeit, mühsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in kühnem Sprunge genommen. So frei, so leicht fühlte sich der Erdensohn ohne Atmosphärendruck; das eigene Gewicht war so verringert, daß er die mächtigsten Felsen ohne Mühe erklomm. Riesenblöcke hob er mit den Armen hoch wie kleine Holzstücke, und als er seinen schweren goldenen Chronometer aus der Tasche zog, war die Uhr leicht wie ein Stückchen Papier. Jetzt war ihm auch klar, warum hier auf dem Monde die Verankerung des Luftschiffes so viele Schwierigkeiten hatte: es war auf dem atmosphärenlosen Monde zu leicht.

Als sie die Höhe erreichten, standen sie am Rande eines schauerlich tiefen Kraters mit weitem, ringförmigem Walle. Aber auch der Vulkan war tot. Da gab es keine Feuersäule, keinen Aschenregen, keine flüssige Lava, keine dampfenden Spalten, nichts, was auf ein glühendes Innere unter der harten Außenkruste hätte schließen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben!

Hinter den jenseitigen Bergen versank langsam die Sonne. Ein Kälteschauer durchzuckte die Gefährten; ihre Glieder zitterten. Der kleine Teil von Wärme, den der Mond während seines langen Tages aufgenommen, strahlte hinaus in den eisigen Weltraum. Auf dem Boden, dessen Temperatur vorher schon unter dem Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Füße kaum mehr zu stehen. Sirian gab das Zeichen zu raschester Rückkehr. Fast plötzlich, ohne jede Dämmerungserscheinung, ohne Farbenzauber beim Sonnenuntergang, war die Nacht hereingebrochen. Aber dunkel war sie nicht. Mit blendendem Glanze leuchteten die Sterne, und die Erde, die eine wahre nächtliche Sonne zu sein schien, strahlte jetzt in zurückgeworfenem Sonnenlichte so wunderbar herrlich, daß jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein der Mondlandschaft mit hellem Glanze übergossen schien.

Glücklich, aber fast starr vor Kälte erreichte die schweigende kleine Gesellschaft ihr Luftschiff. Nicht nur Fridolin Frommherz, auch die Marsiten atmeten auf, als die Anker gelichtet waren und die Entfernung zwischen ihnen und dem toten Monde immer größer wurde.

Es mochten etwa 30 Stunden seit der Abfahrt vom Monde verstrichen sein — ungefähr zehn Uhr abends nach Erdenzeit — als das Luftschiff der Marsiten so langsam und vorsichtig wie nur möglich in die Erdatmosphäre eintrat. Langsam? Trotz aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch fünfundzwanzig Kilometer in der Sekunde zurück! Erst durch die Reibung beim Eintritt in die Atmosphäre verlangsamte sich sein Lauf bedeutend; aber die gehemmte Bewegung setzte sich in Wärme um. Glücklicherweise ließen die Isoliervorrichtungen nichts zu wünschen übrig, und die erzeugte übermäßige Hitze strömte rasch durch die geöffneten Luken hinaus in die kühlen, dünnen oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der Steuerung wieder vollständig. Absichtlich brachte es Sirian nur sehr langsam zum Sinken. In einer Höhe, wo die Luftdichtigkeit ungefähr der geringen Dichte der Marsatmosphäre entspricht, wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen, über welchem Erdteile er sich befand, und dann Freund Fridolin in seiner Heimat Schwaben, womöglich am Orte seines einstigen Aufstieges, zu landen. Die Dunkelheit der Nacht machte augenblicklich ein Orientieren auf der Erdoberfläche unmöglich. Der grauende Morgen erst würde ein Umsehen gestatten. Die Luft war unnatürlich ruhig und für die Höhe, in der sich das Luftschiff befand, merkwürdig schwül. Da wurde ganz unvermittelt das Fahrzeug von wilden Schwankungen erfaßt, erst hin und her und dann mit einem heftigen Rucke tiefer herabgerissen. Es war, als stieße es ringsum an schwere Gegenstände an.

„Was ist das?“ fragte Fridolin Frommherz erschrocken.

„Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hört, wie jetzt das unheimliche Brausen des Sturmes durch die dunkle Nacht klingt! Noch sind wir in schwarzer Finsternis, aber gleich wird ein Gewitter losbrechen, wie wir Marsiten es noch nie erlebt haben.“

Kaum hatte Sirian ausgesprochen, als die Insassen des Luftschiffes plötzlich, von greller Helligkeit geblendet, die Augen schlossen. Und jetzt zuckte ein rascher, schneidender Blitzstrahl durch die Dunkelheit, und ein fürchterlicher Donnerschlag folgte, noch ehe das Licht des Blitzes ganz erloschen war. Blitz auf Blitz zerriß nun die Wolken, die sich in schweren Regen auflösten, so daß die elektrischen Funken vom Wasser knisterten.

Mitten in einem großartigen Gewitter befand sich das marsitische Luftschiff, fort und fort in grelles elektrisches Licht getaucht, und wenn Sirian das Steuer berührte, ging ein phosphoreszierendes Leuchten über seine Hände.

Mit staunender Bewunderung, ohne eine Spur von Furcht oder Bangen, folgten die Marsiten dem ihnen unbekannten Schauspiel eines irdischen Gewitters. Aber rasch steuerte Sirian wieder in die Höhe, in die obersten Luftschichten. Hoch über dem Gewitter sich haltend, wollte er warten, bis der Sturm sich ausgetobt hätte. Doch während des Emporsteigens zogen die Blitze feurige Flammenlinien rund um das Luftschiff. Es stieg wie in einem Feuermeere. Plötzlich aber war es über die Wetterwolken emporgekommen. Unter ihm lagen die wildstürmenden Luftschichten; unter ihm zuckten die Blitze hinüber und herüber; oben aber wölbte sich ein ruhiger Sternenhimmel in mildem Glanze, und friedliche Mondstrahlen stiegen hinab auf die sturmbewegten Wolken. Es war ein Schauspiel, wie es schöner kaum gedacht werden konnte, und die Marsiten freuten sich über das Erlebnis.

„Sieh, mein Freund,“ sagte Sirian zu dem Erdensohne, „du hast in den vierzehn Jahren, die du nach deiner Rechnung bei uns weiltest, kein einziges wirkliches Gewitter gesehen. Kleinere elektrische Entladungen kommen wohl auch in unserer dünnen, wasserdampfarmen Atmosphäre vor; doch was sind sie im Vergleich mit der Großartigkeit eurer Gewitter! Und diese herrlichen Wolkenbildungen! Welche Fülle reichen, lebenspendenden Wassers bergen sie! Nimm dagegen unsere klare, dünne, durchsichtige Atmosphäre! Ihr bißchen Wasserdampf schlägt sich in den Sommermorgen als Tau nieder auf die durstige Vegetation. Der Winter bringt uns wohl leichten Regen- und Schneefall — aber hast du bei uns je wirkliche Wolken gesehen? Fallen Regen und Schnee nicht vielmehr als feiner Niederschlag, wie aus einem zarten Nebel herab? Hätten wir eure Wolken, wahrlich, wir hätten unser Kanalnetz nicht zu ändern brauchen.“

Fridolin Frommherz nickte.

„Ich liebte euren wunderbar klaren Himmel, die Durchsichtigkeit eurer Luft, den ungetrübten Glanz eurer Gestirne, — aber du hast recht, die Erde mit ihren Wolken ist von Natur doch wohl reicher als der Lichtentsprossene.“

„Auch wir waren einmal so reich an Wasser, wie ihr es jetzt noch seid, und es wird einmal die Zeit kommen, da ihr so wasserarm sein werdet, wie wir es jetzt, sind. Dann ist bei uns schon alles Leben erloschen; dann ist nicht nur der letzte Rest unseres Wassers, dann ist auch unsere Luft verschwunden, und der starre Tod hält unsern Lichtentsprossenen umfangen. Und abermals schwinden die Jahrmillionen, — dann seid auch ihr nicht mehr; andere Gestirne und andere Wesen sind an unserer wie an eurer Stelle. — Doch nun laßt uns wieder zur Ruhe gehen; seht, das Gewitter hat ausgetobt! Lautlos und ruhig schwebt das Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten Atmosphäre.“

Es war inzwischen schon Mitternacht vorüber. Nach wenigen Stunden, beim ersten Morgengrauen, sollte des Erdensohnes engere Heimat gesucht werden.

Zehntes Kapitel.
Die drei Freunde.

Jedes Jahr am 7. Dezember versammelten sich sechs Gelehrte im Hause ihres Freundes Stiller auf Stuttgarts waldumrauschter, grüner Bopserhöhe. Es waren die Teilnehmer an jener ersten kühnen Weltfahrt durch den Ätherraum, die den Bruderplaneten Mars zum Ziele gehabt hatte. Bei ihrer Zusammenkunft feierten sie den Jahrestag des Aufstieges nach jener fernen, wunderbaren Welt und tauschten alte, liebe Erinnerungen aus an das eigenartige, idealschöne Leben, das die Gelehrten zwei volle Jahre lang auf dem Mars hatten führen dürfen.

Eine Nachahmung hatte die gefahrvolle Reise nicht mehr gefunden. Die Gelehrten hatten berichtet, daß von den Marsiten weitere Besuche auf ihrem Planeten nicht mehr angenommen, sondern mit aller Entschiedenheit abgewiesen werden würden, damit die Höhe einer Jahrtausende alten Kultur nicht durch schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der Zurückgekehrten wurde zwar allgemein verlacht und dahin ausgelegt, daß aus sehr durchsichtigen Gründen die klugen Herren Professoren aus Tübingen sich für immer den Rekord der Weltenreisen sichern wollten. Aber auch ein merkwürdiges Mißgeschick, das die Zurückgekommenen verfolgte, trug dazu bei, andern kühnen Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte Experiment, über den Erdenkreis hinauszuschweifen, nachzumachen. Nein, die hochentwickelte, moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres zu tun, als fragwürdige Planetenfahrten auszuführen, deren Gelingen nur das Spiel des blinden, launischen Zufalles war.

Andere, wichtigere und aktuellere Fragen, als nach fernen Sternen zu blinzeln, bewegten die hastenden, unruhigen Menschen. Und so wurde kaum noch der heldenmütigen Reise gedacht. Das Rad der Zeit rollte weiter, es ließ die Erinnerung an die wichtige Großtat bei der Menge mehr und mehr verblassen. Nur als ein Jahr nach der Rückkehr der sechs Schwaben vom Mars ein Obelisk auf dem Cannstatter Wasen errichtet und feierlich enthüllt worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung noch einmal hoch, da waren die gelehrten „Weltensegler“ wieder einmal Gegenstand allgemeiner Huldigung.

Wie still war es aber seitdem wieder geworden, still auch im kleinen Kreise der Freunde, die seit der Rückkehr in die Heimat durch das trauliche, brüderliche Du inniger als je miteinander verbunden waren! Es schien, als ob sie nachgerade die Erde, die sich so stolz Welt nennt, immer weniger verstünden oder die Welt sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mühe, die sie sich gaben, Marssches Licht in das Durcheinander irdischer Auffassung zu tragen.

In dem kleinen Freundeskreise war es in den elf Jahren, die jetzt seit ihrer Rückkehr vom Mars verflossen waren, allgemach lichter geworden. Rasch nacheinander waren drei der Teilnehmer an jener ewig denkwürdigen Reise gestorben, und nur drei waren noch übrig geblieben: Siegfried Stiller, der Astronom und Führer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der Philosoph, und Parazelsus Piller, der Arzt.

In altgewohnter Weise saßen heute, am Jahrestag ihrer Abreise, die drei Freunde im großen, wohldurchwärmten Balkonzimmer des Stillerschen Hauses beieinander. Von da aus genoß man einen herrlichen Blick über Stuttgart weg bis nach Cannstatt hin. Ein leichter Frost war eingezogen. Da und dort waren die dunkelgrünen Tannen mit silbernem Reif behangen. Um so behaglicher ließ es sich in dem vornehm ausgestatteten Gemache sitzen. Eine tiefe Stille herrschte, denn jeder der Herren war gerade mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

„Was wohl Fridolin Frommherz macht?“ entfuhr es unwillkürlich den Lippen Pillers, des Arztes, der im bequemen Lehnstuhle saß und sinnend den Himmel betrachtete.

„Daran dachte auch ich in demselben Augenblicke,“ entgegnete Stiller lächelnd.

„Nun, wie soll es dem Ausreißer dort oben gehen? Natürlich nur gut,“ warf Brummhuber ein.

„Das können wir nur vermuten, mit Bestimmtheit aber nicht sagen, lieber Brummhuber,“ erwiderte Stiller sanft.

„Was vermuten! Was nicht mit Bestimmtheit sagen!“ schrie Piller, dessen Stimmung seit Jahren schon mehr und mehr gereizt geworden war. „Ich sage euch, der Knabe Fridolin hat es besser als wir. Wie kann es einem Menschen im Paradiese der Marsiten, bei diesem geistig und körperlich gleich hervorragend gesunden Volke anders gehen als gut, als ausgezeichnet? Mich interessiert auch deshalb nicht, wie er sich befindet, nur was der Drückeberger treiben mag dort oben auf dem Lichtentsprossenen.“

„Er schreibt möglicherweise noch an dem deutsch-marsitischen Wörterbuche,“ lachte Brummhuber. „Weißt du noch, Stiller, wie Eran, der würdige Patriarch, von dieser Art der Bestrafung des Ausreißers sprach, als du ihn der Nachsicht der Marsiten besonders empfahlst?“

Der Angeredete nickte lächelnd.

„Wohl bekomm’s ihm! Die Arbeit hätte ich auf keinen Fall ausgeführt,“ erwiderte Piller finstern Tones.

„Mühevoll ist sie, gewiß,“ bestätigte Stiller. „Fridolin wird aber ohne Zweifel seine Aufgabe gelöst haben, wenn auch erst nach Überwindung einer langen Reihe von Schwierigkeiten verschiedenster Art.“

„Recht hat er gehabt, daß er oben geblieben ist,“ knurrte Piller.

„Nein, lieber Freund, dreimal nein! Doch streiten wir nicht über diesen Punkt! Darüber einigen wir uns zu meinem aufrichtigen Bedauern nie, wie mir scheint.“

„Piller neidet Frommherz eben den guten Marstropfen,“ spottete Brummhuber.

„Hat etwas Wahres, was du sagst, Brummhuberchen. Im übrigen, Stiller, bringe eine Flasche des heimischen Nektars von Neckars Halden, Zuckerle genannt. Ich habe eine sehr empfindliche Anwandlung von Schwäche.“

„Piller, wir kennen dich und deine vielen Schwächeanfälle,“ antwortete Brummhuber, während Stiller aus dem Zimmer trat und den Befehl erteilte, den gewünschten Wein herbeizubringen.

Als der Gelehrte in das Gemach zurücktrat, fielen gerade die letzten Strahlen der untergehenden Sonne durch dessen hohe und breite Fenster. Eine Fülle goldenen Lichtes umspielte die hohe Gestalt des Gelehrten und seinen feingeschnittenen Kopf.

„Eran, nur etwas verjüngt,“ rief Piller, als er seinen Freund in dieser Beleuchtung erblickte.

„Wahr gesprochen! Stiller hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Eran,“ bestätigte Brummhuber.

„Eine Ähnlichkeit, wenn auch nur äußerlich, mit diesem vortrefflichen Weisen der Marsiten könnte mich nur ehren,“ entgegnete Stiller ernst:

„Du hast sie, und zwar in geradezu staunenerregendem Maße, seitdem du älter geworden bist. Haar und Bart sind ja jetzt auch bei dir weiß geworden. Und fällt das Licht auf dein Gesicht wie soeben, so ist diese Ähnlichkeit tatsächlich frappierend. Es fehlt dir nur noch die Kleidung, und du könntest sofort an Stelle Erans in den Stamm der Weisen in Angola eintreten.“

„Brummhuber hat recht. Du bist Erans getreues Ebenbild,“ fügte Piller bei.

„Diesem ehrwürdigen Alten zu gleichen, ihm ähnlich zu werden an Adel der Gesinnung und der Empfindung, und das Ideal meines Strebens hienieden wäre der Erfüllung nahe,“ sprach Stiller leise, wie wehmütig vor sich hin.

„Na, kommen schon wieder trübe Gedanken?“ polterte Piller.

„Nein,“ entgegnete Stiller ruhig, „dafür aber hier der gewünschte Wein,“ als soeben die Türe aufging und der Bediente eintrat, auf einem silbernen Präsentierbrett den Wein mit Gläsern tragend.

Nachdem die Gläser mit dem duftenden, rötlich schimmernden Weine gefüllt waren, ergriff Stiller sein Glas und sprach: „Weihen wir den ersten Schluck der Erinnerung an den heute zum vierzehnten Male wiedergekehrten Tag des Antrittes unserer Weltenreise.“

Die Gläser klangen zusammen. Piller hatte den Inhalt des seinen mit einem Schlucke geleert, füllte es sich von neuem wieder, räusperte sich und rief: „Der zweite Schluck, er gelte dem Andenken unseres Lebens auf jenem Planeten voll Licht und Freude.“ Wieder leerte sich Pillers Glas.

„Und ich bringe heute, erlaubt es mir, liebe Freunde, zum ersten Male mein Glas dem Andenken an Fridolin Frommherz,“ sprach Brummhuber.

„Soll gelten, als drittes Glas. Frommherz’ Sünde sei hiermit in Gnaden verziehen,“ erwiderte Piller, indem er in andächtigem Zuge sein Glas austrank.

„Warum uns denn heute immer und immer wieder der Fridolin einfallen muß?“ schimpfte Piller nach einer Weile und begann sich heftig zu schneuzen, um sein gestörtes seelisches Empfinden wieder herzustellen.

„Mir will heute die Erinnerung an ihn auch nicht aus dem Kopfe,“ versicherte Brummhuber. „Wäre er nicht so unendlich weit von uns entfernt, jede Möglichkeit einer Rückkehr ausgeschlossen, so würde ich glauben, daß er nach dem bekannten Sprichwort urplötzlich erscheinen müßte.“

„Und warum sollte dies ein Ding der Unmöglichkeit sein?“ fragte Stiller. „Sind wir hinauf und wieder heruntergekommen, ebensogut oder womöglich noch besser oder leichter dürften die Marsiten mit Freund Fridolin den Weg zur Erde finden, wenn sie ernstlich wollten.“

„Ja, wenn sie wollten! Die werden es aber bleiben lassen, unserer Erde einen Besuch abzustatten nach den schwarzen Bildern, die wir oben von ihr entworfen haben,“ knurrte Piller.

„Ja, wir malten recht düster damals in Angola,“ warf Brummhuber ein.

„Aber durchaus wahr. Und rückhaltsloseste Wahrheit und Offenheit waren wir den edlen Marsiten schuldig,“ bemerkte Stiller.

„O Angola!“ seufzte Piller, sich wieder kräftig schneuzend. „Doch was nützt die Sehnsucht nach diesem Eden? Vorbei, vorbei für immer!“

„Sei aufrichtig dankbar für die herrliche Erinnerung daran, die dir geblieben ist,“ verwies ihn Stiller.

„Laß mich lieber Lethe trinken und schieb mir die Flasche zu, Freund Siegfried,“ bat Piller. Lächelnd gehorchte Stiller.

„Immer derselbe!“ tadelte Brummhuber. „So treibst du es an jedem siebenten Dezember, seit wir wieder hier unten weilen.“

„Mensch und Freund, wie prosaisch bist du wieder einmal! Wie wenig verstehst du mich! Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide, kann auch ich mit dem Dichter sagen.“

„Wir wollen dir deshalb auch mildernde Umstände zubilligen, Piller, und eine neue Flasche bestellen, wenn wir auch dein sogenanntes Leiden nur cum grano salis gelten lassen,“ entgegnete Stiller mit freundlichem Lächeln und die Klingel ziehend.

„Stiller, altes Haus, du verstehst mich immer wieder am besten,“ lobte Piller.

„Als ob zu diesem Verständnis viel gehören würde!“

„Gut gebrummt, Brummhuberchen! Doch hier kommt neue Labung. Mit Wärme füllt der edle Wein mein ganzes Ich.“

„Das wissen wir schon lange, Piller. Es bedarf wahrlich keiner besonderen Betonung mehr.“

„Brummhuber, heute bist du einmal deines Namens wieder vollkommen würdig.“

„Hoffe es auch sonst immer zu sein.“

„Kann es nicht ohne reservatio mentalis bestätigen.“

„Bleib mir damit vom Leibe, Piller, sonst werde ich wirklich brummig.“

„Friede, meine lieben Freunde, Friede!“ mahnte Stiller.

„Ich bin stets friedvoll gestimmt, und nichts liegt mir ferner, als diese hehre Stunde des Zusammenseins durch Streit zu entweihen. Schon die Blume dieses heimischen Nektars wirkt dämpfend auf jegliche Empfindung und stimmt versöhnungsvoll,“ entgegnete Piller.

„Du bist und bleibst der Alte,“ erwiderte Stiller und klopfte ihm auf die Schulter.

„Warum soll ich mich ändern? Bin ich dir doch bislang gut genug gewesen!“

„Und wirst es auch stets bleiben, lieber Freund,“ versicherte ihm Stiller.

„Auch mir,“ fügte Brummhuber fröhlich bei.

Der Dezemberabend fing an in den gemütlichen Raum seine leichten Schatten zu werfen.

„Soll ich Licht machen?“ fragte Stiller seine Gäste.

„Nein, noch nicht!“ bat Brummhuber. „Es läßt sich in der Dämmerstunde so hübsch träumen.“

„Und auch plaudern,“ warf Piller ein. „Ich bewundere immer von neuem wieder dein schönes Heim, das du dir hier geschaffen hast, Stiller. Es ist wie du selbst.“

„Wie meinst du das?“

„Nun, gediegen, vornehm, ruhig und voll stillen Zaubers.“

„Ja, bei Freund Stiller läßt es sich leben. Da fühlt man sich beinahe so wohl geborgen wie auf dem Mars,“ bemerkte Brummhuber.

„Für uns das Angola Schwabens,“ fügte Piller bei.

„Ihr übertreibt, beste Freunde,“ erwiderte Stiller heiter. „Und doch freuen mich diese Vergleiche gerade von euch. Was wart ihr für nüchterne, poesielose Menschen, bevor ihr nach dem Mars kamt, und welch große Umformung eures ganzen Innern brachte der Aufenthalt dort oben mit sich!“

„Man macht nicht umsonst, ungestraft eine solche Exkursion,“ antwortete Piller trocken.

„Nun, dieses Resultat will ich mir gern gefallen lassen,“ entgegnete Stiller.

„Und doch, es ist wahr: ungestraft waren wir nicht so lange auf dem Lichtentsprossenen. Erinnerst du dich noch jenes letzten, herrlichen Abends in dem Palaste der Weisen in Angola?“

„Ja, noch sehr gut,“ erwiderte Stiller leise.

„Wohl! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren wurden, wo wir früher gelebt, gerungen, für unsere heiligste Überzeugung gestritten haben. Diese mir unvergeßlich gebliebenen Worte sprachst du damals. O Stiller, wie sehr hast du recht gehabt!“ Es klang wie ein schlecht unterdrückter Schrei des Schmerzes, diese Entgegnung Pillers.

„Mein lieber Freund, steht es so mit dir?“ Stiller war, überrascht durch diese an Piller ganz ungewöhnliche Gefühlsäußerung, aufgestanden und auf ihn zugetreten, ihm die Rechte auf die Schulter legend.

„Mein treuer Gefährte,“ sprach er sanft, „du leidest ja auch an Heimweh nach dem Mars wie wir. Zum ersten Male offenbarst du es uns. Und dennoch! Wir müssen es zurückdrängen um des Großen willen, das wir hier unten verfolgen.“

„In dieses Granitgebirge menschlicher Vorurteile und Blindheit, Schwäche und Feigheit einen Tunnel der Aufklärung zu bohren, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, sintemalen eine Maschine, die das fertig brächte, niemals erfunden werden dürfte,“ antwortete Piller gereizt.

„Denn die Dummheit währet ewiglich,“ fügte Brummhuber hinzu.

„Warum auf einmal so kleinmütig, meine Freunde?“ fragte Stiller. „Dir, Brummhuber, will ich zugeben, daß die Dummheit niemals völlig ausgerottet werden kann, weil sie nichts anderes bedeutet als geistige Minderwertigkeit. Minderwertige Menschen aber wird es immer geben.“

„Sehr wahr!“ warf Piller ein.

„Nun wohl! Diese Menschen vor verhängnisvoller Tätigkeit zu bewahren, sie von verantwortungsvollen Posten auszuschließen, ist kein Ding der Unmöglichkeit. Schon jetzt wird diese Scheidung, eine Art gesunder Auslese, bis zu einem gewissen Grade da und dort auch durchgeführt. Je mehr die naturwissenschaftliche Bildung Gemeingut aller wird, um so weniger wird sich der Dumme breitmachen können.“

„Keine Frage. Wir sind aber leider noch sehr weit von deinem Ideale entfernt.“

„Gewiß, lieber Piller. Um aber auf deine Worte von vorhin zurückzukommen, so benötigen wir gar nicht dieses Tunnels, den du sinnbildlich anführtest. So schnell geht es mit dem Vorwärtsschreiten der Menschen nicht, wie der Bohrer den Granit zu durchlöchern vermag. Ist auch gut so. Das Beste benötigt der längsten Reisezeit. Und verwittert nicht schließlich auch der härteste Granit nur allein durch äußere Einflüsse? Seht, meine lieben Freunde, so ist es auch mit unserm Wirken. Wir müssen froh sein, wenn wir da und dort aus dem die Menschheit so fürchterlich tyrannisierenden System alter, unnatürlicher Einrichtungen, aus dem scheinbar so unzerstörbar fest verankerten Bau der unser Dasein beherrschenden Lügen einzelne Steine herausbröckeln, dem Prozesse der weiteren Verwitterung die Wege öffnen. Unsere kleine Gemeinde von heute wird sich morgen mehren. Was ist ein Jahrhundert Kulturarbeit? Ein Tropfen im Ozean des Lebens! Diese Tatsache muß uns bescheiden machen, darf uns aber nicht entmutigen. Einst muß eine Zeit kommen, — dies ist meine feste Überzeugung! — die in ähnlicher Weise das Menschheitsideal verwirklicht, wie wir es oben auf dem Mars kennen gelernt haben. Sie vorbereiten zu helfen, jeder an seinem Platze und zu seiner Zeit, ist die Aufgabe dessen, der auf den Ehrentitel eines wirklichen Menschen Anspruch erhebt.“