4. Die ersten Jahre in Leipzig.

Es ist Henriette Goldschmidt immer bedeutungsvoll erschienen, daß sie gerade im Schillerjahr 1859 nach Deutschland zurückkehren konnte. Freilich in einem wirklich freien Lande lag Leipzig, in das die Familie gerade im Trubel der weltberühmten Messe einzog, auch nicht. Aber befreit fühlten sich die Gatten mit ihren drei Söhnen doch, es war das ein andres Atmen; Henriette Goldschmidt schrieb darüber: „Zwar ein Land der Freiheit konnte man Deutschland am wenigsten in den fünfziger Jahren nennen, denn dem Jahre 48 folgte die Zeit der Reaktion auf dem Fuße. Jede freie Regung wurde unterdrückt, die besten Männer wurden als Verbrecher ins Gefängnis gesetzt oder sie entzogen sich dem durch die Flucht ins Ausland. Doch nicht schlaff und feige ließ man die Machthaber gewähren; der Kampfplatz, den das Jahr 1848 geschaffen hatte, blieb nicht ohne Kämpfer. Nur die Waffe wurde gewechselt, mit der Waffe, die das Volk von ‚Gottes Gnaden‘ erhalten, mit den Worten seiner Denker und Propheten führte es den Kampf.“

1859 rüstete sich ganz Deutschland, Großstädte und Kleinstädte, ja selbst einsame Landgemeinden zur Jubelfeier von Schillers hundertstem Geburtstag. Und wenn es auch da und dort etwas wie in Raabes Dräumling damit aussah, echte, aus dem Herzen quellende Begeisterung war es doch überall. Henriette Goldschmidt hat den Jubel des Jahres tief innerlich empfunden; sie konnte wohl später mit heiterem Lachen von dem Jüngling erzählen, der bei einer Feier pathetisch ausgerufen hatte: „Wir winden ihm einen Lorbeerkranz aus Veilchen und Rosen,“ und von dichterischen Entgleisungen wie dem Vers:

„Schillers Glocke, Schillers Locke,
Schillers Faust und Schillers Tell“ –

Aber doch war ihr Herz, ihr ganzes Sein erfüllt von dem Erleben dieses Jahres, sie tauchte hinein wie in eine Kraftquelle nach der trüben äußeren Gebundenheit ihrer Warschauer Tage. „Wer damals jung und doch alt genug war“, schreibt sie, „um die Zeichen der Zeit zu verstehen, der mußte am 10. November 1859 den Nachklang des 18. März vernehmen. Es war der deutsche Volksgeist, dem eine Begeisterung für Völkerfreiheit, Menschenliebe, für alles Ideale entströmte, die jeder Beschreibung spottet.

Dem Dichter des hohen Liedes ‚An die Freude‘ galt das Fest – ihm, der selbst freudetrunken in dem Glauben an die Verwirklichung seiner Ideale uns alle mit diesem Zaubertranke berauschte. Es war ein Rausch in dem Sinne, daß er zeigte, was der Trunkene fühlt und denkt. Viele der Männer, die 49 im ersten deutschen Parlament gesessen, waren Festredner bei den öffentlichen Versammlungen. Jakob Grimm und neben ihm die ‚wahrhaft Edlen‘ der Nation gaben Zeugnis von dem Zusammenhang des Volksgeistes mit seinem dichterischen Genius. Man hörte weniger Literarisches, man fühlte nur den Verkünder, den Propheten, den Erlöser, der dem von der Reaktion zurückgedrängten Streben nach Freiheit Worte verliehen hatte.

Als ich in mitternächtiger Stunde des 9. November auf dem Marktplatz in Leipzig mit nur wenigen Bekannten stand und die Hülle von dem hochaufgerichteten Standbild Schillers fiel, da war es mir, als hörte ich die Worte des jetzt längst vergessenen Dichters Karl Beck:

Mit Mann und Söhnen ging Henriette Goldschmidt auf die Leipzig umgebenden Dörfer, die Feiern des Volkes zu sehen; sie erlebte Großes, Erhebendes, sah heiter über unfreiwillige Entgleisungen hinweg, und als Rest blieb ihr doch das große tiefe Erleben. –

Sie feierte Schillers Geburtstag noch bis in ihre hohen Altersjahre hinein, ihr war der 10. November immer ein Abglanz von 1859, sie erlebte aber noch wehmütig ein Abebben der großen Begeisterung. Als ihr an einer dieser Feiern der Urenkel Schillers vorgestellt wurde, kam die Greisin ganz erschüttert von der großen Ähnlichkeit dieses Nachkommen mit „ihrem Schiller“ heim. Auch die Freude erlebte sie, daß die deutschen Frauen sich zusammentaten und zum 100. Todestage Schillers für die Schillerstiftung in Weimar sammelten und dieser über eine viertel Million zuführten. Sie war 1905 mit in Weimar als Ehrenvorsitzende des Schillerverbandes deutscher Frauen und saß bei Tisch neben dem – russischen Gesandten. Und wie Henriette Goldschmidt immer die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen zu suchen pflegte, so erfaßte sie auch gleichsam die Schillerfeier von 1859 symbolisch, sie gibt ihren Eindruck in Beziehung zu ihrem Leben in den Worten Ausdruck: „Die Hundertjahrfeier von Schillers Geburtstag war für mich keine Episode, sie war ein Erlebnis. Zum ersten Male war ich als Bürgerin in einer wirklich deutschen Stadt. Ich hatte den Boden gefunden, der mir geliebter Nährboden gewesen war von Kindesbeinen an, ich fühlte den Pulsschlag des Geistes, der mich beseelte.“

Der hohe Aufschwung des Jahres, das sie nach Deutschland zurückgeführt hatte, hallte in Frau Henriette nach, und sie lebte sich rasch in die neuen Verhältnisse ein. Leipzig wurde ihr wirklich Heimat, sie wurde die Stadt ihres Wirkens, die sie nur noch für kurze Reisewochen verlassen hat. Zwischen dem Leipzig von damals und der etwa zehnmal größeren Stadt von heute war freilich ein gewaltiger Unterschied; die Greisin aber meinte oft, es wäre nur ein äußerlicher, ein auf Umfang und Zahl der Bewohner sich beziehender Unterschied. Von dem Leipzig ihrer ersten Wohnjahre schreibt sie dankbar: „Leipzig war im Jahre 1859 noch eine recht kleine Großstadt, aber sie gehörte zu den bekanntesten Städten des In- und Auslandes. Es war eine Stimmung in ihr für die Lösung politischer, sozialer und kultureller Fragen. So kamen wir bald über den Kreis unserer damals kleinen Gemeinde hinaus in Beziehung zu anderen Kreisen. Ich fand das Wort: ‚Mein Leipzig lob’ ich mir, es bildet seine Leute‘ bestätigt. Während der ersten Tage unseres Aufenthaltes, in denen die Wohnungsnot so groß war, daß wir einige Zimmer, die für Meßfremde bestimmt waren, bewohnen mußten, verlangte die Aufwartefrau eines Tages eine Bürste von mir und anderes Gerät. Ich war betrübt, daß ich ihr damit noch nicht dienen konnte und sie sagte, meine Situation begreifend, mir Trost zusprechend: ‚Es wird Sie schon in unserem Leipzig gefallen, Leipzig ist die Stadt der Humanität.‘

Ich lief zu meinem Manne und fragte ihn: ‚Wovon wirst du sprechen, wenn die Scheuerfrau in Leipzig von Humanität spricht?‘ Ein zweites Wort, das eines Dienstmannes, sei noch erwähnt. Ich übergab ihm eine Anzahl von Dichter- und Denkerbüsten zur Ausschmückung eines Saales mit der Mahnung, recht vorsichtig zu sein; da sagte der Mann einigermaßen verletzt zu mir: ‚Ich werde schon vorsichtig sein, denn das sind jetzt unsere Heiligen.‘“

Ja selbst die größere Enge der Stadt war nach Warschau Henriette Goldschmidt sympathisch. Mann und Söhne – eigene Kinder blieben ihr versagt – teilten ihre Gefühle, auch sie lernten die Stadt bald als Heimat lieben.

Die ersten Jahre in Leipzig waren Lehrjahre für Henriette Goldschmidt; losgelöst von den östlichen Verhältnissen, begann sie nun in Mitteldeutschland Wurzel zu fassen und lernte vieles von einem anderen Gesichtswinkel aus anschauen. Manches, was ihr in Warschau nur eine Unfreude gewesen war, lernte sie jetzt als Genuß kennen, so Theater- und Konzertbesuche. Sie ist dann in der intensiven Arbeit ihrer späteren Jahre oft um diesen Genuß gekommen, brachte ihn ihrem Schaffen als Opfer dar; aber besonders der Besuch einer Gewandhausprobe blieb ihr noch bis in die letzten Lebensjahre, auch als sie schon die Neunzig überschritten hatte, eine tiefe Erbauung.

„Still bewegt“ nannte Henriette Goldschmidt später die Jahre des Einlebens. Es fand sich bald ein Kreis im demokratischen Geiste gleichgestimmter Menschen zusammen, dazu gehörten Professor Heinrich Wuttke und seine geistvolle Frau Emma, geb. Biller, auch Professor Roßmäßler; die Söhne brachten ihre jungen Freunde mit. Von auswärts kamen Gäste, deren Namen Klang und Ruf hatten. Adolf Stahr und Fanny Lewald kamen, Gutzkow war einmal ein etwas schweigsamer Gast, und mit Berthold Auerbach schloß das Ehepaar Freundschaft, sie verlebten gemeinsam ein paar schöne Sommermonate in Bad Kösen. Die Tischrunde bei Goldschmidts erfreute sich allgemeiner Beliebtheit unter den Freunden des Hauses, es ging damals und später immer noch einfach dabei her. Zu Festlichkeiten buk Frau Henriette wohl selbst einen Kuchen, und noch als Greisin erzählte sie von einer sogenannten Linzer Torte, die ihr immer besonders gut geraten sei. Sie war in diesen ersten Jahren in Leipzig nur Hausfrau und Mutter, war aber in allem auch die verständnisvolle Kameradin ihres Mannes und war wie einst seine Schülerin, so nannte sie sich selbst.

Wie sehr die Gatten aneinander Anteil nahmen, beweist eine kurze Notiz in den hinterlassenen Bruchstücken der Aufzeichnungen: Da heißt es aus den siebziger Jahren: „Mein Mann hatte die Einladung zur Einweihung des Lessing-Denkmals in Kamenz erhalten und folgte ihr mit Freuden. Professor Wuttke hatte die Festrede übernommen und forderte meinen Mann auf, auch das Wort zu ergreifen. Obgleich unvorbereitet, sprach er, erfüllt von Verehrung und Dankbarkeit für den Dichter, der unser war von Kindheit an, in so begeisternder Weise, daß die ganze große Versammlung ihm zujauchzte. Diesen Moment nicht mit erlebt zu haben, ist mir lange Zeit schmerzlich gewesen.“ Doch Henriette Goldschmidt war kein Mensch, der sich mit dem Nurlernen begnügte, sie war im tiefsten Grund eine schöpferische Natur, war auf das Tun gestellt. Sie war auch zu sehr Eigenmensch, um nur in der Familie aufzugehen. Obwohl sie immer einen starken Familiensinn besessen hat, und so sehr sie immer ihre Stiefsöhne und später deren Kinder und Kindeskinder, ebenso die Kinder ihrer Geschwister als ihr zugehörig betrachtete, mit wie warmer Liebe sie auch alle umfing und wie glücklich sie sich auch in dem Leipziger Freundeskreis fühlte, ihre Natur verlangte die Tat. Das Hausfrauenleben allein erfüllte sie nicht, in ihr schlummerten Kräfte, die nach einer anderen Betätigung suchten, und in dieser Zeit des inneren Vorwärtsdrängens, des seelischen Unausgefülltseins lernte sie Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt kennen. Sie begann über die Stellung der Frau im Leben tiefer nachzudenken, und nicht viel später las sie die Schriften Friedrich Fröbels, lernte aus seinen Erziehungsideen und beides floß ihr zusammen, wurde ihr eine Einheit, sie fand den Weg dazu kraft ihres immer die gerade Linie suchenden Wesens, und so verschmolzen sich ihr in den kommenden Jahrzehnten anscheinend getrennte Ziele zu ihrem einen großen Lebensziel.

5. Schaffensjahre.

Luise Otto-Peters hatte 1848 den deutschen Frauen zugerufen: „Dem Reich der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen!“ Aber anscheinend war der Ruf, ohne ein Echo zu finden, verhallt, und erst Anfang der sechziger Jahre fanden sich in Leipzig die Frauen zusammen, die erkannten, daß es für die Frauen selbst zuerst ein Reich der Freiheit zu suchen galt, um die Frau aus der engen Gebundenheit jahrhundertalter Vorurteile zu erlösen. Zu diesen Frauen: Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, gesellte sich noch Henriette Goldschmidt. Sie gründeten zusammen im Februar 1865 zuerst einen Frauenbildungsverein. Henriette Goldschmidt selbst stand so wenig unter einem persönlichen Druck, wie die beiden anderen Frauen; ihr Mann ließ ihr völlige Handlungsfreiheit und gerade darum empfand sie besonders tief das Unwürdige, das in der Stellung der Frau lag, die von jeder Teilnahme am öffentlichen Leben ausgeschlossen war. Mit ihrer Schwester Ulrike (diese hatte inzwischen den Juristen Wilhelm Henschke geheiratet, nachherigen Präsidenten am Kammergericht in Berlin) hatte sie schon manchmal von der Enge gesprochen, in der viele Frauen leben mußten, besonders von der mangelhaften Vorbildung der Frauen zu ihrem eigentlichen Berufe der Mutterschaft.

Aber gerade weil Henriette Goldschmidt in einer harmonischen Ehe lebte und durch ihren Mann alle geistige Förderung erfuhr, ging sie anfangs nicht ganz mit den beiden anderen Frauen mit. Sie selbst erzählte, daß sie entrüstet heimgekommen sei, als die Gründung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ beraten wurde, weil Luise Otto-Peters es abgelehnt hatte, Männer in den Vorstand zu wählen. Ihr Mann antwortete gelassen, dies wäre ganz richtig, denn wollten die Frauen selbständig werden, dann müßten sie vor allem auch selbständig ihren Weg zu finden suchen. Die Erkenntnis von der Wahrheit dieses Wortes kam der temperamentvollen Frau auch bald, und sie schloß sich enger an die beiden Frauen an, die am 18. Okt. 1865 nach Leipzig eine Konferenz deutscher Frauen einberufen hatten und trotz des geringen Interesses, das diese Versammlung fand, den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ gründeten und die Herausgabe eines Frauenblattes unter dem Titel: „Neue Bahnen“ beschlossen. Die neuen Ideen sollten durch Schriften und Vorträge verbreitet werden. Auguste Schmidt war schon eine geschulte Rednerin, Henriette Goldschmidt dagegen hatte noch nicht öffentlich gesprochen; ihr erster Vortrag war eine politische Aufklärung der Frauen. Sie erzählt davon: „Wir hatten bei unserer Übersiedelung nach Leipzig nur an die Rückkehr nach Deutschland gedacht, und da wir uns als Preußen fühlten, hatten wir keine Veranlassung, zu einem anderen Staate überzutreten. Der Krieg 1866 brach aus und brachte preußische Einquartierung. Ich hatte in meiner Wohnung keinen Platz und sagte zu meinem Hausmädchen, daß wohl die Hausmannsleute die Soldaten aufnehmen könnten. ‚Ach,‘ antwortete dieses, ‚wir können diesen Leuten die preußischen Soldaten nicht anvertrauen, die sind zu bissig.‘ Dabei erfuhr ich von ihr, daß sie selbst Preußin sei und ihr Bruder im preußischen, ihr Bräutigam aber im sächsischen Heere diene. Während ich noch über diese traurige Sachlage nachdachte, besuchte mich Luise Otto-Peters und forderte mich auf, einen Vortrag im Frauenbildungsverein zu halten. Als ich sie zögernd fragte, worüber ich eigentlich sprechen sollte, antwortete sie in ihrer sächsischen Mundart: ‚Nu, was Ihnen der Gänius eingibt.‘ Und ich sagte ihr zu und zu mir: Sprich von der politischen Lage Deutschlands und erkläre den Frauen aus dem Volke, soviel du es vermagst, die Ursachen dieses Bruderkrieges.

Es ist mir beim Niederschreiben dieser Zeilen ein eigentümliches Gefühl, daß mein erstes öffentliches Wort an die Frauen sich auf eine der politischen Fragen bezog, die mich früher beschäftigten, ehe ich an eine Frauenfrage und an die Erziehungsfrage dachte. Ich hielt meinen ersten Vortrag und schloß mit den Worten: ‚Nicht mit zu hassen – mit zu lieben sind wir Frauen da.‘“

Diesem ersten Vortrag schlossen sich bald andere an, die paar Frauen in Leipzig begannen ihre Kreise weiter und weiter zu ziehen, und die Schar der Anhängerinnen wuchs. Aus den Erzählungen einer freilich unberühmten, aber sehr gescheiten Frau weiß die Schreiberin dieses kurzen Lebensbildes, daß die Werbekraft der Reden Henriette Goldschmidts sehr groß war. Sie sprach so gut, mit einem so hinreißenden Feuer, daß in Leipzig das Gerücht entstehen konnte, sie schriebe für ihren Mann, der selbst ein guter und geistvoller Redner war, die Predigten nieder. Sie selbst gab bescheiden Auguste Schmidt den Preis, diese wäre in hervorragender Weise des Wortes mächtig gewesen. Übrigens galt ihre größte verehrendste Liebe Luise Otto-Peters, zu deren fünfundzwanzigjährigem Schriftstellerinnenjubiläum sie einen Vortrag hielt (erschienen 1868 bei Matthes in Leipzig).

Von ihren ersten Vorträgen, die gedruckt wurden, seien im Anschluß genannt: „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ (1870), „Die Frau im Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben“ (1874 bei Amelang).

Zusammenhänge suchen, das war Henriette Goldschmidts stetes Bestreben, und alle ihre Vorträge haben etwas von diesem Suchen nach der großen Einheit in allen Erscheinungen. Immer war es auch die Idee, die sie packte, und mit noch jugendlich unerschöpfter Hingabe an die Idee der Frauenbewegung leistete sie ihre Werbearbeit. Die Geschichte dieser Werbearbeit ist in anderen Schriften schon niedergelegt und es ist hier nicht die Stelle, um Stadt für Stadt anzugeben, die die begeisterten Frauen friedlich zu erobern suchten. Es war nicht immer nur Erhebendes, was sie erlebten, auch starke Abwehr, Unverständnis wurden ihnen zuteil, es fehlte auch nicht an tragikomischen Szenen, die die alte Frau noch lebhaft zu schildern wußte. So setzte der Wirt in einer damals noch kleinen Stadt die mutigen Pionierinnen mit einer – Kunstreitergesellschaft, die im gleichen Ort gastierte, zusammen, weil er dies vermutlich für eine besonders passende Gesellschaft hielt. Da es schwer war, eine Aussprache in Fluß zu bringen, die Frauen sich meist scheuten, ihre Ansichten öffentlich zu sagen, hatten sich die Leipziger Veranstalterinnen bei einem auswärtigen Frauentag vorgenommen, aus ihrem Kreise selbst Fragen aufzuwerfen. Eine Weile hörten die Zuhörerinnen das mit an, endlich verließ eine Anzahl den Saal, sie sagten, „die sind sich ja selbst nicht einig, zu was sollen wir uns den Streit anhören.“

Der Krieg von 1870/71 fiel in die erste Zeit des Werbens und Kämpfens. Über diese Zeit hat Henriette Goldschmidt einige kurze Anmerkungen gemacht, es heißt da: „Deutschland unter Preußens Führung – der Staat, dessen ruhmreiche Geschichte ihm ein Recht zu dieser Stellung an Deutschland gab, es war, als stiege die Erfüllung, ‚schönste Tochter des größten Vaters‘, endlich zu uns nieder.“ Und weiter schildert sie ihre Arbeit in dem Kriegswinter: „Den Aufschwung, den die Volksseele erhalten, fühlten auch die Frauen. Er stärkte auch unsere Kraft für weitere Kämpfe auf unserem Arbeitsfelde. Es war im Kriegswinter 1870/71 und die Sorge um unseren zweiten Sohn, der als Arzt im Felde stand, machte auch mich ruhelos. Da faßte ich zur Ablenkung den Entschluß, eine zusammenhängende Reihe von Vorträgen über die Stellung der Frau in den alten Kulturländern zu halten. Ohne rechtes Bewußtsein der Kühnheit dieses Vorhabens, nicht geschützt durch die Tendenz unseres Vereins und seiner Bestrebungen, wagte ich es, in einer Kulturstadt wie Leipzig wissenschaftliche Vorträge zu halten, ohne eingehende Studien gemacht zu haben.“

Henriette Goldschmidt erarbeitete sich das Wissen für ihre Vorträge, sie vertiefte sich in das Frauenleben der Vergangenheit, fand nicht überall Verbesserung in der Gegenwart, sondern eher eine Niedrigerstellung der Frau bei manchen Völkern. Ihre Vorträge fanden großen Anklang, das stärkte ihre Zuversicht und ihren Mut, und sie hatte die Kühnheit, Forderungen aufzustellen in ihren weiteren Vorträgen, wie sie damals noch ganz ungewöhnlich waren, so den in der Einführung wiedergegebenen Ruf nach „Müttern der Stadt“; sie war es aber auch, die zuerst davon sprach, jede Frau hätte die Pflicht, ein Jahr dem Staate zu dienen und soziale Arbeit zu leisten.

In der gleichen Zeit, da Henriette Goldschmidt an ihren Vorträgen schrieb, fand sie ihr zweites großes Arbeitsgebiet, eins, das sich ihr innerlich stets mit ihrer Pionierarbeit in der Frauenbewegung verband, weil es sich auf die Erziehung der Frau zu ihrem mütterlichen Beruf bezog; denn Henriette Goldschmidt hielt von Anfang an den erziehlich mütterlichen Einfluß der Frau für das Besondere, was die Frau ihrer innersten Veranlagung nach im Staatswesen zu leisten hatte. Sie schreibt: „Während meiner Arbeit an den Vorträgen wurde ich immer mehr in der Meinung bestärkt, daß die Frauenfrage nur im Zusammenhang mit dem Familien- und Volksganzen betrachtet werden müsse. Durch ein paar Zufälligkeiten nun, die im Leben eines jeden Menschen eine bedeutsame Rolle spielen, wurde ich der Aufgabe zugeführt, die meinem Leben die Richtung geben sollte.

Auf einem Wege in Leipzigs Straßen kam ich in eine Gasse in der Nähe der Weststraße an ein kleines Haus, dessen Parterre die Inschrift: „Kindergarten“ trug. Ich hatte wohl in Gesprächen manchmal, wenn auch selten, etwas von Kindergärten, Fröbelschen Beschäftigungen reden hören, ohne der Sache besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Doch blieb ich einen Augenblick vor dem Hause stehen, klingelte und stieg einige Stufen hinunter in einen kellerartigen Raum. Denn wo hätte damals ein Kindergarten anders ein Lokal finden können als in einem irgendwie ungehörigen Raum? Eine junge Dame trat mir entgegen, freudig überrascht, daß jemand es der Mühe für wert hielt, sich nach dem Kindergarten zu erkundigen. Es war noch früh morgens, die Kleinen waren noch nicht da und die Kindergärtnerin hatte Zeit, mir die Fröbelschen Beschäftigungsmittel zu zeigen. Sehr erstaunt sah ich sie an – ich fühlte, hier ist ein Plan, ein System, eine Methode – bald aber kamen die Kleinen, die Kindergärtnerin stellte sie im Reigen auf und spielte mit ihnen einige Bewegungsspiele. Hier fühlte ich nicht nur den Rhythmus, den Takt, die Harmonie, – ich fühlte mit den Kindern die Freudigkeit, die sie beseelte – ‚Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium‘.

Sehr nachdenklich ging ich nach Hause, holte mir die Fröbelschen Schriften aus der Universitätsbibliothek, und in den Schriften Friedrich Fröbels fand ich nicht nur den Plan für die Praxis des Kindergartens theoretisch begründet – es war mir, als wehte ein Hauch des Geistes aus seinen Worten in meine Seele, als erschaute ich einen Schöpfungsakt, der ein neues, noch nicht dagewesenes Gebilde vor meinen Augen entstehen ließ. Andacht erfüllte mich für das große Geheimnis der schöpferischen Urkraft, die ihr ‚Es werde‘ der Welt verkündet.“

Eine Offenbarung war Henriette Goldschmidt die Bekanntschaft mit Fröbels Ideen, und sie hat oft es wieder und wieder gesagt, das Fröbelsche Wort von der Menschheit pflegenden Bestimmung des Weibes, um derentwillen die Frau die gleiche geistige Durchbildung wie der Mann erhalten müsse. Sie ist darin nicht immer voll verstanden worden, und vielleicht geht erst in der Not und Verrohung unserer Zeit das volle Verstehen auf für die Wichtigkeit einer gemeinsamen Familien- und Volkserziehung, einer vertieften Durchbildung der Frauen aller Stände zu ihrem mütterlichen Berufe, und zwar einer Ausbildung vor oder nach einer Berufsschulung, sofern die Berufsbildung sich nicht auf den Erziehungsberuf gründet, weil sich der erziehliche Einfluß der Frau durchaus nicht allein auf die Familie, sondern auf das Volksganze erstrecken soll.

In dieser Zeit ihrer Beschäftigung mit Friedrich Fröbels Schriften las Henriette Goldschmidt einen Aufruf in der Zeitung von einem Mann, der alle einlud, die sich für die Kindergartenfrage interessierten. Sie ging hin, meinte in eine große Versammlung zu kommen und fand nur wenige Kindergärtnerinnen, die sich in Klagen über die Schwierigkeit ihres Berufes ergingen. Das war der Anstoß, der Henriette Goldschmidt veranlaßte, den Verein für „Familien- und Volkserziehung“ in Leipzig zu gründen; am 10. Dezember 1871 fand die Gründung mit etwa 150 Mitgliedern statt. Im Herbst 1872 konnte dann der Verein seinen ersten Volks-Kindergarten in der Querstraße eröffnen. Der Aufbau des Vereins vom Kindergarten bis zur Hochschule, die Gliederung der einzelnen Anstalten zu schildern, sei dem zweiten Teil dieser kleinen Schrift vorbehalten.

Henriette Goldschmidt hatte mit dieser Gründung sich nicht abseits von ihren Kolleginnen gestellt, denn ihr schmolz eben immer Frauenfrage und Erziehungsfrage zur Einheit zusammen, aber sie hatte doch ihren besonderen Weg eingeschlagen. Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt wurden wohl Mitglieder des Vereins, aber es war doch kein eigentliches Mitarbeiten von ihrer Seite. Sie verloren aber Henriette Goldschmidts Arbeitskraft auch nicht; die damals beinahe fünfzigjährige Frau stand auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit. Sie war ihrem Manne weiter die verständnisvolle Gefährtin, an dem Ergehen und Ins-Leben-Treten der drei Söhne nahm sie echt mütterlichen Anteil; mit ihrer Schwester Ulrike, die in Berlin die „Viktoria-Fortbildungsschule“ ins Leben rief, verband sie mehr als schwesterliche Zuneigung: eine auf gleichen Lebensansichten beruhende Freundschaft war es.

Sie baute ihren Verein weiter aus; hielt Vorträge, so sechs unter dem Titel: „Ideen über weibliche Erziehung“, die sie später, als sie die 80 schon überschritten hatte, zu ihrem Buch erweiterte: „Was ich von Fröbel lernte und lehrte.“ Sie erteilte in dem bald darauf gegründeten Seminar für Kindergärtnerinnen Unterricht, unternahm Vortragsreisen für den Allgemeinen Deutschen Frauenverein und verstand es weiter, in ihrem Hause eine geistig belebte Geselligkeit zu pflegen. Dabei kam es der kleinen zierlichen Frau zugute, daß sie eine eisenfeste Gesundheit besaß. Sie erzählte, daß sie um vier Uhr früh schon aufgestanden sei, um für sich zu arbeiten – am Waschtisch schrieb sie ihre ersten Vorträge, da sie selbst keinen Schreibtisch besaß. Abends hat sie es einmal fertig gebracht, ihrem Manne nach einem reichen Arbeitstag fünf Stunden hintereinander vorzulesen.

Bei der Arbeit an ihren Vorträgen erkannte Henriette Goldschmidt mehr und mehr die Lücken in ihrer Ausbildung, und mit eisernem Fleiß strebte sie, diese auszufüllen. Sie studierte – sie las nicht nur die großen Pädagogen, vertiefte sich in Goethe, Kant, Humboldt, Schelling, Hegel, Fichte; sie las Geschichte und Literaturgeschichte, suchte auf jedem Gebiet ihr Wissen zu erweitern, ihr außerordentliches Gedächtnis kam ihr zur Hilfe, sie schrieb ganze Bücher voll von Aussprüchen nieder, schrieb oft ihre eigenen Gedanken dazu; so steht da z. B. unter dem Worte Herbarts: Geschichte, die man lernen soll, ist ganz verschieden von Geschichte, aus der man lernen soll: „Zunächst muß man Geschichte lernen, später erst in einem Alter, wo man Geschichte kennt, läßt sich aus ihr lernen.“ Oder sie stellt sich selbst nachdenkliche Fragen wie: „Hat es Sinn, die Kraft zu rühmen und im Gefühl der Schwäche mit sich zufrieden zu sein?“

Es war ein geistiges Erarbeiten, ein Ringen um Wissen, das diese Frau auch im Alter nicht verlor, sie war immer im besten Sinne eine Arbeiterin an sich selbst, so wie sie eine Arbeiterin für andere war. Ihr Geist ging weite Wege, aber sie wußte auch das Schöne zu genießen, das sich ihr darbot, ohne dabei je um eines Genusses willen ihre freiwillig auf sich genommene Arbeitsverpflichtung zu versäumen. Sie erzählte, daß sie einmal auf einer Reise nach Gastein, bei der ihr Mann sich unwohl fühlte, sich selbst Vorwürfe gemacht habe über die unbeschreibliche Freude, die sie beim Anblick der großen Natur ergriff. Überhaupt war es die große Natur, deren Anblick sie begeisterte, sie sagte selbst, für das Idyll hätte sie nicht so viel Sinn. So stand ihr auch Goethe weniger nahe, so tief sie sich in ihn eingelebt hatte, als Schiller, dessen schwungvolle glänzende Sprache sie immer wieder begeisterte.

Das schönste Land war ihr die Schweiz; Italien, das sie erst in späteren Jahren kennen lernte, gab ihr weniger, freilich machte sie die Reise aber auch unter für sie äußerlich ungünstigen Umständen, bedrückt durch eine lange Krankheit einer Enkelin. Den stärksten Eindruck als Stadt hinterließ ihr Paris, das sie in Begleitung ihres Mannes und einer Schwestertochter Ende der siebziger Jahre aufsuchte. Auch hier war es wieder ihr nach Verbindung forschender Geist, der sie antrieb, die Gräber Heines und Börnes zu sehen. Sie schreibt über den Besuch des Père la Chaise und Börnes Grab: „Nun aber noch einen Weg zu den ‚Träumen meiner Jugend‘: ‚Börnes Grab, gesegnet seist du mir!‘ Ein wundervolles Reliefbrustbild mit einem so schönen und sinnigen Ausdruck wie keines der mir bekannten Bilder schmückt seine Grabstätte. Wie gut, daß ich nicht früher meinen Baedeker gelesen, als auf dem P. la Chaise. Meine Nichte, die eigentlich eine preußische Obertribunalratstochter und kein Judenmädchen aus Krotoschin ist, hat dennoch das reiche, unsagbar kampfreiche Leben ihrer Mama so in sich aufgenommen, daß sie auch mit mir die ganze Bedeutung fühlte, die für mich in dem Anblick dieser Grabstätte lag. Schon des Morgens sagte sie: Wir nehmen ein Bukett für Börne mit, – und als sie ein sehr schönes von Heliotrop und gelben Rosenknospen in einem großen Papier ohne die bei uns so beliebten Spitzenmanschetten, die ich in Paris gar nicht gesehen, brachte, sagte sie: Tante, schreib’ doch was hinein. – Ich schrieb etwas von der Verbrüderung des französischen und deutschen Volkes, die er geträumt und die doch zur Wahrheit werden müsse – und als ich an seinem Grabe stand, da sah ich unter einer Büste, die von David d’Angers herrührt, Frankreich und Deutschland sinnbildlich dargestellt, durch die Freiheit vereinigt. – So stand’s im Baedeker und so hatte ich es dem Künstler nachgefühlt. Neben den Statuen, Frankreich und Deutschland in schönen Frauengestalten, sind neben der französischen die Namen der französischen Dichter: Voltaire, Rousseau, Lamennais – neben der deutschen: Lessing, Herder, Schiller, Jean Paul, eingraviert. – Ich wollte in die Nische das Bukett legen, konnte es aber nicht erreichen. Ein gewöhnlicher Arbeiter in der Bluse, der dort beschäftigt war, trat heran und legte es hin: C’etait un poète allemand – je le sais – il nous a tant aimé. –“

Henriette Goldschmidts Reisewünsche blieben aber in der Hauptsache unerfüllt, von ihrer Kindheit an sehnte sie sich, Palästina und Amerika zu sehen: die Heimat ihres Volkes und das Land der Freiheit; sie kam nicht hin; die bescheidenen Verhältnisse, in denen sie nach ihrer Verheiratung lebte (ihr Vater hatte den größten Teil seines Vermögens verloren), und die Großzügigkeit, mit der sie ihre Kraft und ihre Arbeit für ihre Ziele dahingab, gestatteten ihr den Luxus solcher Reisen nicht. Aber das Reisen an sich blieb ihr stets ein Genuß, sie scheute auch im hohen Alter die Anstrengung nicht; 1913 reiste sie zum letztenmal für einige Sommerwochen nach Friedrichroda. Wie wenig sie Ermüdung fühlte, beweist ein Wort, das die beinahe 79jährige Frau sprach, als sie von einem Frauentag in Köln heimkehrte. Sie war die Nacht über gefahren – nicht etwa im Schlafwagen – hatte in Köln anstrengende Tage durchgemacht und sagte heiter, als sie aus dem Zuge stieg: „So eine Nachtfahrt ist doch recht erfrischend.“

Nachdem sie 1906 aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins ausgetreten war – Luise Otto-Peters starb 1892, Auguste Schmidt folgte ihr 1902 – gedachte sie ihre Arbeitskraft nun ausschließlich ihren Anstalten zu widmen, sie dachte an einen leisen Abbau ihrer Tätigkeit, sah die von ihr gegründeten Anstalten damals in den festen, sicheren Händen von Dr. Agnes Gosche; aber es kam noch einmal eine große Arbeitswelle, in die sich Henriette Goldschmidt mit ganz jungem Eifer stürzte.

Nach ihrem 80. Geburtstag war sie schwer erkrankt, sie meinte, nun käme das Alter, als sie plötzlich das Ziel, das sie bisher nicht erreichen konnte, die Gründung einer Hochschule für Frauen – ähnlich, nur erweitert, wie sie einst Malvida von Meysenbug gedacht hatte – mit der Tendenz „dem mütterlich-erziehlichen Beruf der Frau die wissenschaftliche Weihe zu geben,“ erreichbar vor sich sah. Ein Leipziger Freund, Geheimrat Hinrichsen, stellte die Mittel zur Verfügung, und, obwohl schon im fünfundachtzigsten Jahre stehend, begann Henriette Goldschmidt noch einmal so ruhelos und zielbewußt zu arbeiten wie in der Jugend. Sie fand in Dr. Johannes Prüfer einen tatkräftigen umsichtigen Helfer, und so konnte am 29. Okt. 1911 die Hochschule eröffnet werden. – Es war erreichte Lebenshöhe, wie sie wenigen Menschen beschieden ist.

Da Henriette Goldschmidt ganz und gar Autodidaktin war, sich selbst zu dem gemacht hatte, was sie war, ist es begreiflich, daß in ihrer Arbeitsweise auch eine gewisse Eigenwilligkeit lag, nicht immer ganz bequem für ihre Mitarbeiter. Sie hatte dabei aber immer nur das Werk an sich vor Augen; sie lebte nur – war es der Allgemeine Deutsche Frauenverein oder der Verein für Familien- und Volkserziehung – den Zielen, die sie sich gesteckt hatte. Da wurde ihr manchmal als Eigenwille ausgelegt, was im Grunde doch nur selbstlose Hingabe an das Werk war. Freilich war sie, wie es Menschen sind, die ihr Leben selbst gemodelt haben, die nicht nur aus sorgsam bereitgehaltenen Gefäßen trinken, sondern an die Tiefen der Quellen hinabsteigen, nicht immer nachgiebig. Sie ging wohl in Besprechungen bei Fragen, die ihr für das Ganze belanglos erschienen, rücksichtslos zur Tagesordnung über, aber sie war doch keine Natur, die nur Jasager wollte, im Gegenteil würdigte sie ein freies Neinsagen. Sie schätzte einen logisch begründeten Widerspruch sehr, gab viel jüngeren Menschen nach, wenn sie die Gegengründe einsehen konnte, und besaß die Größe, die nicht viele Menschen haben, begangene Fehler einzugestehen. Da wurde es ihr auch zum Beispiel ihrer jüngeren Freundin, ja selbst ihrem Hausmädchen gegenüber nicht schwer, den ersten Schritt zur Verständigung zu tun und von ihrem Irren zu sprechen. Dieser große Zug ihres Charakters war es zumeist, der ihr im hohen Alter neben ihrem reichen Wissen das gab, was man als „weises Darüberstehen“ bezeichnen kann.

Es ging, besonders in ihren Altersjahren, in denen die intensive Tagesarbeit sie nicht mehr wie sonst vollkommen in Anspruch nahm, selten jemand von ihr, dem sie nicht in kurzem Gespräch etwas gab. Ihre Briefe trugen bis zuletzt das persönliche Gepräge ihres Geistes, die Anmut im Ausdruck, die aus einer vergangenen Zeit stammte und die etwas an die Frauen der Romantik erinnerte.

Innere Treue, die man nicht mit äußerlichem Darandenken verwechseln muß, gehörte zu Henriette Goldschmidts besonderen Eigenschaften, so blieb sie auch im tiefsten Grunde den führenden Geistern treu, denen sie, wie sie erkannte, ihre innere Entwicklung verdankte. Zu ihnen gehörte besonders Friedrich Fröbel, und um ihn hat sie gelitten, wie wohl wenige um Meister leiden. Sie sagte manchmal tief schmerzlich von den neuen Frauen in der Frauenbewegung: sie verstehen die „alte Fröbeltante“ nicht, und sie hatte damit nicht ganz unrecht. So richtig in ihrem Wollen ist Henriette Goldschmidt nicht immer verstanden worden. Selbst nicht von den Fröbelianern, weil sie zu sehr in allem die Idee, die dem Fröbelschen System zugrunde liegt, betonte, und manches darum als nichtig abtat, was anderen eben gerade als wichtig erschien. Sie selbst hatte durchaus kein Talent zur Kindergärtnerin, hätte es nie werden können. Verstanden hat sie darin Berta von Mahrenholtz-Bülow, die Henriette Goldschmidt den Apostel Fröbels nannte, und auch Frau Dr. Jenny Asch in Breslau.

Berta von Mahrenholtz-Bülow, geb. 1810, die noch in regem Verkehr mit Friedrich Fröbel selbst gestanden hatte und dessen Ideen weit über Deutschland hinaus Verbreitung gab, hatte 1849 in Bad Liebenstein Fröbel zum erstenmal mit den dortigen Kindern spielen sehen und gleich das Wort gesagt: „Der Mann wird ein ‚alter Narr‘ von den Leuten genannt! Vielleicht ist er einer von den Menschen, die von ihren Zeitgenossen bespöttelt und gesteinigt werden und denen die Nachwelt Denkmäler errichtet.“

Es kann hier bei dem kleinen Umfang der Schrift nicht auf das nähere Verhältnis zwischen den beiden Frauen eingegangen werden; Henriette Goldschmidt hat der Frau, die sie ihre Lehrerin nannte, in Vorträgen und in der Schrift: „Berta von Mahrenholtz-Bülow, Leben und Wirken“ (Hamburg 1896) ein Denkmal gesetzt. Wie sehr die Ideengänge der beiden Frauen zusammenklangen, beweist das Wort von Berta von Mahrenholtz: „Mit der Erhebung des Kindeswesens ist auch die Erhebung der Frau vorhanden. Mit dieser Weihe der Erzieherin der Menschheit ist alles verknüpft, was die Frau einsetzt in das volle Recht der Menschenwürde.“ Henriette Goldschmidt aber prägte sich als Leitwort für ihre Arbeit: „Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau.“ Und diesem Worte folgte sie, es beherrschte zuletzt ganz ihr Tun, und sie überwand in der festen Zuversicht, den richtigen Weg zu gehen, auch Schwierigkeiten, sie war ganz eins mit ihrer Idee, hatte wirklich aus den vielen Wegen, die sich nach und nach, anfangs langsam, dann immer rascher den Frauen auftaten, den Weg gefunden, der ihrer Veranlagung, ihrer ganzen Geistes- und Gemütsrichtung entsprach.

6. Ausklang.

Auch dunkle Schatten sind über den Lebensweg von Henriette Goldschmidt geglitten; der Vater verlor einen großen Teil des Vermögens, eine Schwester war immer leidend, 1889 starb ihr Mann, Dr. Goldschmidt, nach langem Leiden, treu von ihr gepflegt. Eine wirklich glückliche Ehe riß damit auseinander, und nach einigen Jahren erlebte die vereinsamte Frau den großen Schmerz, den ältesten, geliebten Stiefsohn Julius ganz plötzlich zu verlieren. Auch die geliebte Schwester und Gesinnungsgenossin Ulrike starb vor ihr. Sie stand aber damals noch mitten in der Arbeit, und die Arbeit trug sie immer wieder aus dem Leidenstal empor.

Bei einem Alter, wie es Henriette Goldschmidt erreicht hat, bei dieser Intensivität des Lebens fragt man sich unwillkürlich, wann begann diese Frau die hohe Altersgrenze zu überschreiten, wann konnte man von wirklichem Altwerden sprechen? Denkt man dieser Frage nach, so kommt wohl allen denen, die sie wirklich genau gekannt haben, und das sind zuletzt nur wenige gewesen, die Antwort: Bei Ausbruch des Weltkrieges. Nicht erst, als die Entbehrungen des Krieges begannen, sondern in den ersten Augusttagen von 1914. Für Henriette Goldschmidt brach da das hohe Ideal der Völkerversöhnung, an das sie, eine überzeugte Pazifistin, stets geglaubt hatte, zusammen. Sie sah nicht mehr eine friedlich fortschreitende Entwicklung aller Völker vor sich, sie sah die gewaltsame Zertrümmerung eines hohen Standbildes.

Von da an wurde sie alt.

Sie leitete noch eine Weile den Verein für Familien- und Volkserziehung, dann legte sie den Vorsitz nieder. Wohl wohnte sie noch weiter den Sitzungen des Vorstandes bei, zeigte bis zuletzt Interesse an allen Anstalten, aber es war doch ein langsames, vielleicht nur den Eingeweihten spürbares Sichloslösen von ihrer Lebensarbeit.

Dazu kam Kummer in der Familie. Die Tragik des hohen Alters, das Überleben einer jüngeren Generation blieb auch ihr nicht erspart. Ihr zweiter Sohn starb, liebe Freunde gingen dahin. Ihren neunzigsten Geburtstag beging sie aber doch noch in einem großen Freundeskreis. Ihr jüngster Sohn, Enkelkinder und vor allem die geliebten Nichten kamen, ihre Pflegetochter Julia, die Tochter ihres Bruders, und die Töchter ihrer Schwester Ulrike, von denen die ältere, Margarete Henschke, die von ihrer Mutter gegründete Viktoria-Fortbildungsschule in Berlin weiterführt. An diesem Tage war es wirklich, wie es ein Künstler gesagt hatte: „Es kann in wenigen Stunden in diesem Gesicht ein Unterschied von vierzig Jahren sich zeigen.“

Mit der ihr eignen geistvollen Anmut beantwortete sie die Glückwünsche der zahlreichen Abordnungen. Von früh bis abends war es ein Kommen und Gehen, sie erfuhr tiefste Liebe, ebenso Anerkennung von Behörden und Vereinen, es war wirklich noch einmal, trotz des Krieges, ein Tag voll Sonne in ihrem Leben. Selbst die greise Großherzogin von Baden sandte ihre Glückwünsche.

Aber dann senkten sich die schwarzen Schatten tiefer. Das Schicksal Deutschlands, die lange Dauer des Krieges bedrückte sie tief. Nicht die Entbehrungen, die der Krieg mit sich brachte, lasteten auf ihr, sie sah des Vaterlandes Zukunft dunkel verhüllt, sagte oft: „Es sind zu viele gegen uns.“ Oft sagte sie auch: „Wenn alle diese ungezählten Millionen, diese angesammelte Kraft für den Ausbau sozialer Einrichtungen verwendet werden würde, wie glücklich könnten viele, viele leben!“

Und dann kam die trübe Wendung in Deutschlands Schicksal. Und kurz vor dem Ausbruch der Revolution erlebte die alte gütige Frau noch den herbsten Schmerz, der ihr werden konnte, sie verlor die geliebte Pflegetochter Frau Dr. Julia Kalbfleisch an der Grippe.

In den ersten Stunden nach dem Eintreffen der Nachricht war es wie ein Aufbäumen der alten Kraft gegen das unbarmherzige Schicksal; es lohte im Schmerz noch einmal das alte Feuer der Jugend auf, dann wurde Henriette Goldschmidt still und gelassen. Und die Revolution, die wenige Tage später ausbrach, zog sie wieder, wie vielfach große politische Ereignisse es getan, von ihrem Ich ab, und noch einmal war es das große Weltgeschehen, das sie in tiefster Seele erschütterte.

Aber der Glanz von Achtundvierzig lag für sie nicht auf den trüben Novembertagen von 1918, die Deutschland, die das von ihr so heiß geliebte Vaterland der Willkür der Feinde preisgaben. Ihr waren diese Tage keine Erhebung, denn sie sah in ihnen keinen Fortschritt, sie verstand ihre Ursachen, aber sie erblickte keinen Aufschwung.

Und als sie sah, wie langsam so vieles verworfen wurde, das mit innerster Hingabe in freiwilliger selbstloser Arbeit aufgebaut worden war, ergriff sie Angst um den Bestand ihres Lebenswerkes. Da war es ihr eine trostreiche Freude, daß gerade in dem Revolutionswinter es dem Verein für Familien- und Volkserziehung gelang, in einem eignen Hause ein Kindertagesheim zu eröffnen, das ihren Namen trug. Sie sah darin ein Vorwärtsschreiten; den Grundstock hatte eine Sammlung zu ihrem 90. Geburtstag ergeben, Freunde hatten weiter geholfen, so konnte denn in dem trüben Winter 1918/19 das Heim für neunzig Kinder seine Pforten auftun.

Auch die Freude ward ihr noch zuteil, daß die Leitung der Anstalt, die am stärksten ihre persönliche Prägung trug, der Fröbel-Frauenschule, wenn auch nur für wenige Jahre in die Hände ihrer Lieblingsschülerin, Marie Luise Schumacher, überging.

An Sonntagnachmittagen sammelten sich um ihren Tisch noch immer liebe Freunde, die Tochter ihres Bruders wohnte zu ihrer Freude in Leipzig, ein Freund aus alter Zeit saß noch allsonntäglich in dem behaglichen altmodischen Zimmer; im Hause lebten noch immer Menschen, die sich ihr zugehörig fühlten. Das Haus, es heißt jetzt „Henriette-Goldschmidt-Haus“, in der Weststraße in Leipzig, gehörte dem Verein, und sie war, wie sie früher scherzend sagte, lange Jahre in der schwierigen Stellung, Mieterin und zugleich Hauswirtin zu sein. Eine alte treue Hausmannsfrau hatte einmal gesagt: „Bei uns ist alles wie eine Familie“. So war es auch, die kleine weißlockige Frau war des Hauses Seele und Mittelpunkt.

Kurz vor ihrem 94. Geburtstag erlitt Henriette Goldschmidt einen schweren Unfall in ihrer Wohnung, sie erholte sich aber überraschend schnell und verlebte das Weihnachtsfest, zu dem wieder die Nichten aus Berlin gekommen waren, heiterer als im vergangenen Jahre. Es war eine große Sonnensehnsucht in der alten Frau lebendig. Wie oft stand sie am Fenster neben ihrem Schreibtisch und sah still in die sinkende Sonne, still und feierlich sah sie den Glanz am Himmel kommen und vergehen.

Ein sonniger Januartag lockte sie zum erstenmal wieder ins Freie, und sie war über den Spaziergang und die helle Schöne an dem Tag fast kindlich froh. Doch schon in der Nacht stellte sich Fieber ein, und wenige Tage später, in der ersten Frühe des 30. Januar 1920, starb Henriette Goldschmidt, starb ein großer, gütiger, warmherziger Mensch.

Ein sanftes, fast heiteres Hinübergehen war es in die unbekannte Weite, in ihren Krankheitstagen, die schmerzlos waren, ließ sie sich noch Börne vorlesen und besprach noch die politischen Ereignisse des Tages.

Es war eine seltene Lebensvollendung. An ihrem Sarg sprach als letzte ihre Lieblingsschülerin das Goethewort, das sie besonders liebte und wenige Tage vorher selbst ausgesprochen hatte, und das in dem Einklang steht zu ihrem ganzen Wesen, wie sie ihn in allen Erscheinungen des Lebens zu finden suchte:

„Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
die Sonne stand zum Gruße der Planeten
bist alsobald und fort und fort gediehen
nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
so sagten schon Sybillen, so Propheten;
und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“