Henriette Goldschmidts Schaffen


1. Die geistigen Grundlagen ihrer Arbeit.

a) Anfänge der Frauenbewegung.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts setzte in der deutschen Frauenwelt eine Bewegung ein, die im Jahre 1865 zur Gründung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ führte. Außer Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt hat wohl kaum eine andere der damaligen Frauen von Anfang an die hohe Bedeutung der neuen Bewegung für unsere Gesamtkultur so scharf erkannt wie Henriette Goldschmidt. Kaum eine andere aber hat sich auch so begeistert in den Dienst der neuen Ideen gestellt wie sie.

Vor allem war es ein Gedanke, der sie erfüllte, ein Gedanke, den der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ auch mit in sein Programm aufgenommen hatte und den Henriette Goldschmidt bis ans Ende ihrer Tage immer und immer wieder zum Ausdruck brachte, nämlich der: Die Arbeit ist die Grundlage unserer Kultur, die Arbeit ist daher Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechts. Alle Hindernisse müssen beseitigt werden, die dem im Wege stehen. – Also in vollem Umfange die schaffende Mitarbeit der Frau an unserem Kulturleben zu ermöglichen, das ist das hohe Ziel, das ihr vorschwebte.

Um das zu erreichen, war es zunächst nötig, der Frau die Rechte zu verschaffen, die die Voraussetzungen für diese Mitarbeit sind, die Rechte, die der Mann von jeher besessen hatte, die aber der Frau bis dahin vorenthalten worden waren. Es seien hier nur genannt: das Recht zum Besuch aller Lehr- und Bildungsanstalten einschließlich der Universität, das Recht zur Übernahme öffentlicher Ämter, das aktive und passive Wahlrecht in Gemeinde, Kirche und Staat u. dgl. Für all das hat Henriette Goldschmidt mit gekämpft. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang nur ihr temperamentvoller Vortrag über „Rechte und Pflichten der Frauen in Gemeinde und Staat“, den sie 1873 auf der Stuttgarter Generalversammlung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ hielt. Im Jahre 1875 sprach sie in Gotha über das gleiche Thema unter Beschränkung auf das Gemeindeleben und verlangte hier die Mitwirkung der Frau bei der Sittenpolizei, in Armen- und Arbeitshäusern, Gefängnissen usw. Aber sie hat ihrem Geschlecht diese Rechte nicht erringen wollen um dieser Rechte selbst willen – nicht „weil der Mann sie hat, muß die Frau sie auch haben“ – nicht Selbstzweck war ihr der Kampf ums Frauenrecht, sondern, wie den besten der Führerinnen der Frauenbewegung, war ihr dieser Kampf ums Recht stets nur Mittel zum Zweck, nur Vorbedingung für die Verwirklichung jener großen Idee der Mitarbeit der Frau an der Kultur der Menschheit.

Ihr war die Frauenfrage in erster Linie eine Kulturfrage. Es war daher kein Zufall, daß ihr erster öffentlicher Vortrag in Leipzig (1867) dies schon im Titel zum Ausdruck brachte. „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ lautete das Thema. Insbesondere war es die Stellung der Frau innerhalb der bürgerlichen Gemeinde, die sie in dem Vortrage behandelte, und sie wies vor allem auf die unberechtigte und schädliche „Nichtbeachtung der Kräfte der Frau“ hin. Ihr damaliger Vortrag gipfelte in den Worten, die sie seitdem oft und gern wiederholt hat: „Wir haben wohl Väter der Stadt, wo aber sind die Mütter?

„Wo sind die Mütter?“ schreibt sie in ihrem letzten Aufsatz, den sie anderthalb Jahr vor ihrem Tode verfaßte2, „Wo sind die Mütter? Hier ist der Schlüssel für meine Stellung in der Deutschen Frauenbewegung.

Die „Hälfte der Menschheit“ – das gesamte Frauengeschlecht – war bisher von der bewußten Mitarbeit an der Kultur ausgeschlossen. Was ist Kultur? – Der Niederschlag, das Ergebnis der unaufhörlich schaffenden und gestaltenden Kräfte der menschlichen Seele. Die Kultur ist das Schöpfungswerk der Menschheit, die äußere Darstellung ihres innersten Wesens. Da bisher die Kulturarbeit fast ausschließlich vom Mann geleistet wurde, trägt sie vorwiegend männliche Züge, sie ist fast ausschließlich ein Ausdruck, ein Abbild der männlichen Seele. Die spezifisch männlichen Seelenkräfte haben sich in ihr ausgewirkt. Das wird uns im allgemeinen gar nicht bewußt, weil wir es nicht anders kennen. Bei einigem Nachdenken aber wird man sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß die männliche Seele nicht das Ganze der Menschheit darstellt. Jedem Geschlecht sind Grenzen gezogen. Das Ganze der Menschheit ergibt sich erst aus männlicher und weiblicher Seele zusammen. Die Idee einer vollkommnen Menschheitskultur verlangt daher mit innerer Notwendigkeit die ungehemmte Entfaltung der männlichen und weiblichen Seele, die gleichberechtigte Mitarbeit beider Geschlechter an der Kultur. Erst dann werden die feinsten und tiefsten Anlagen und seelischen Möglichkeiten, die in der Menschheit schlummern, sich im Leben darstellen, das Leben erhöhen und veredeln.

Das spezifisch Weibliche nun, das es zu entfalten und zu stärken gilt, erblickt Henriette Goldschmidt in dem Pflegesinn, in dem mütterlichen Instinkt, der sich helfend und schützend allem Werdenden, allem Schwachen und Kranken zuwendet. Hier unterscheidet sich die weibliche Seele am stärksten von der männlichen. Dem weiblichen Geschlecht diese seine Eigenart zum Bewußtsein zu bringen, ist die nächstliegende Pflicht der Führerinnen. Und dann Freiheit für die Betätigung dieses Instinkts! Ungeahnte Kräfte werden sich dann aus der weiblichen Seele heraus entwickeln, und unsere Kultur wird reicher und schöner denn je. Henriette Goldschmidt glaubte an den Genius der Menschheit, wie nur je ein Idealist an ihn geglaubt hat.

Die Frauenfrage war ihr daher für den Augenblick die wichtigste Kulturfrage überhaupt, ein bedeutsamer Schritt in der Gesamtentwicklung des Menschengeschlechts, der Anfang einer neuen Kulturepoche. Nicht daß sie geglaubt hätte, diese andere Zeit müsse oder könne bereits morgen oder übermorgen beginnen. Dazu war sie zu klug und besaß zu viel Einsicht in historisches Geschehen. Aber den Glauben hatte sie an eine bessere – ferne Zukunft.

Wie sie zur Frauenfrage stand, kann man am besten erkennen, wenn man sie einmal selbst hört, und zwar nicht nur in einigen herausgerissenen Zitaten, sondern in größerem Zusammenhang. Darum sei im folgenden ein geschlossener Gedankengang – unter Weglassung unwesentlicher Einschaltungen – wiedergegeben aus der Rede „Die Frauenfrage innerhalb der modernen Kulturentwicklung,“ die Henriette Goldschmidt am 27. September 1877 auf dem Frauentag in Hannover gehalten hat. Die Rede ist nur in wenig Exemplaren noch vorhanden, verdient aber vor völliger Vergessenheit bewahrt zu werden, zumal sie zu dem Reifsten und Schönsten gehört, was uns Henriette Goldschmidt hinterlassen hat:

„Wie eine höhere als menschliche Macht in allen Ereignissen wirkt, so liegen jeder menschheitlichen Frage tiefere Ursachen zugrunde, als die äußerlich wahrnehmbaren. Das Gesetz über uns und das Gesetz in der Geschichte leitet, ja gebietet uns und wir befolgen nur die Gesetze, wir beherrschen sie nicht. Wie wäre es sonst möglich, daß einige Frauen ohne Rang und Reichtum, ohne glänzende Namen eine anregende Kraft ausgeübt hätten, die eine so hochbedeutsame Frage für ganz Deutschland in Fluß gebracht? Wie wäre es zu erklären, als aus einem inneren Gesetze, das uns oft gegen unsern eigenen Willen, gegen unsere Neigung ergreift, daß Frauen, die nie daran gedacht, ihren häuslichen Wirkungskreis zu verlassen, sich plötzlich gedrängt fühlen, hinauszutreten und sich und ihren Namen dem unzuverlässigen, wenigstens dem unberechenbaren Urteile der Menge preiszugeben? Ja, wie wäre das größere Wunder zu erklären, daß diese Frauen nicht dem Fluche des Spottes und der Verkennung anheimfielen, sondern daß sie in Städten persönlich ganz unbekannt, Schutz und Schirm in der Heiligkeit der Sache fanden, die sie vertreten?! Ja, nicht nur Schutz und Schirm, empfängliche Herzen, begeisterungsvolle Teilnahme kam uns überall, im Süden und Norden unseres Vaterlandes entgegen, und an jedem Orte, an dem der Allgemeine deutsche Frauenverein bisher tagte, hat er eine Stätte errichtet, an welcher sittlich ernste, von Menschenliebe erfüllte Genossinnen im Dienste der Frauenbildung und Frauenarbeit tätig sind.
So sehr man sich bemüht hat und so sehr man noch bemüht ist, gerade die Frauenfrage im Gegensatz zu unsern natürlichen und Kulturbedingungen hinzustellen, so ist doch nichts destoweniger dasselbe Gesetz in ihr tätig, das alle menschlichen Verhältnisse bestimmt. Dieses Gesetz, das unsere allgemeinen und besonderen Verhältnisse regelt, dürfen wir wohl das Gesetz fortschrittlicher Entwickelung nach den gegebenen natürlichen Bedingungen nennen:
Die Natur hat für alle Wesen das Gesetz des Seins, der Existenz gegeben. Aber wenn selbst Naturwesen sich stetig entwickeln, wie sollen wir als Menschen nicht in einem höheren Sinne einer Fortentwickelung bedürfen! Und die Geschichte belehrt uns, daß wir uns in einer fortschreitenden Entwickelung befinden. Diese Entwickelung ist abhängig von der Kultur der Zeit, des Volkes und von tausend unberechenbaren Einflüssen. Ist es auch unmöglich, selbst die erkennbaren Faktoren in einem Vortrage zu kennzeichnen, so glauben wir nicht zu irren, wenn wir auch hier alle Einzelerscheinungen auf ein Gesetz zurückführen, das sich im Laufe der Jahrhunderte erkennbar herausgearbeitet hat und unsere Entwickelung bestimmt. Im Gegensatz zu der Auffassung der antiken Kulturvölker heißt das Gesetz moderner Kulturentwickelung: „Das Recht der Persönlichkeit nach individueller Freiheit.
In der antiken Welt fand der Einzelne in der Familie, in der Gemeinde, im Staate die Würde seiner Persönlichkeit. Der Einzelne hatte nur Wert und Bedeutung im Zusammenhange mit der Familien- und Volksgenossenschaft.
In Griechenland und Rom war es der Staat, der dem Einzelnen Wert und Gepräge verlieh, der Staat, dem jeder Bürger seine Persönlichkeit ganz und voll hingab: im biblischen Altertum das Volk und sein Verhältnis zu Gott, die religiöse Idee, die dem Einzelnen zur idealen, ihn erfüllenden Lebensaufgabe wurde. Aus diesem Prinzip ergab es sich mit Notwendigkeit als eine Pflicht gegen Volk und Staat und Gott, eine Familie zu begründen, und mit dieser Pflicht wurde es umso strenger genommen, je stärker das Volksbewußtsein war. Erst in den späteren Zeiten des kaiserlichen Rom, in den Zeiten des Verfalls der Sitten und der altrömischen Geschlossenheit des Lebens begann auch die Ehelosigkeit.
Diese Auffassung bestimmte auch die Stellung der Frau in der alten Welt. War der Mann nur im Zusammenhang mit dem Familien-, Volks- und Staatsganzen eine Persönlichkeit, wie sollte die Frau sich anders als im Zusammenhange mit der Familie denken können? Im Familienverband waltete ja überdies noch sichtbarer als im Staatsverband die unbezwingliche Macht der Naturgesetze, und naturbestimmt für die Ehe, für die Familie dachte man sich nicht nur die Frau, sondern auch den Mann. Ja, die Strenge der Verpflichtung zur Heirat, zur Begründung einer Familie richtete sich nur gegen den Mann, und Strafen gegen unverheiratet gebliebene Männer waren in allen antiken Kulturstaaten festgestellt.
Wir sehen, durch welche Gegensätze wir uns durchkämpfen müssen. Aus der idealen Auffassung des Verhältnisses der Geschlechter, aus der freien Entfaltung des Gemütslebens, wie sie das Altertum nicht kannte, ergibt sich eine Frage von so materieller Art, von so prosaischem Charakter, wie sie gleichfalls das Altertum nicht kannte. Denn war Mann und Frau naturbestimmt für die Ehe, war namentlich das Leben der Frau nur denkbar in der Familie, so war bei der Einheitlichkeit und Geschlossenheit des antiken Lebens die Notwendigkeit anerkannt, daß die Familie der verlassenen Waise, der verwitweten Frau die Existenz verbürgte. Der Pater familias im alten Rom, der Patriarch, der Familienvater nach biblischer Anschauung und deshalb bei den Juden bis in die neueste Zeit, hatte Verpflichtungen gegen die Familienglieder, verwitwete Frauen, verwaiste Kinder, die ihn nicht mit Unrecht zu dem bestimmenden Mittelpunkte ihres Familienkreises machten.
Das ist in unserer Zeit anders geworden: Kein Familienhaupt ist der bestimmende Mittelpunkt für einen größeren Familienkreis. Sein Recht ist kein absolutes, selbst in dem engen Kreis seiner mündig gewordenen Söhne und Töchter. Und nur wenige Väter sind selbst in der Lage, über ihren Tod hinaus ihre eigenen Kinder materiell zu versorgen.
Wir sehen, auch dem hellstrahlenden Lichte unserer modernen Kultur fehlen die Schatten nicht, die ja das Licht begleiten. Wenn diese Schatten sich nur nicht zu drohenden Gespenstern aufrichteten, die von zwei Seiten nach uns zielen. Von der einen Seite die oft selbstgewählte, oft auch unfreiwillige Ehelosigkeit, von der andern die Unmöglichkeit, in den gegebenen Familienverhältnissen Sicherheit gegen die Not des Lebens zu finden.
Vielleicht gibt es keine einzige noch so weit gehende Forderung in bezug auf Frauenemanzipation, die sich mit der bereits vollbrachten an Kühnheit und Gefahr vergleichen ließe; sie schließt die gefährlichste Freiheit in sich, die Freiheit des Herzens. Wenn man die freie Wahl des Gatten oder gar den Verzicht auf die Ehe den Einzelnen überläßt, so ist wenigstens das letztere eine Freiheit, die sich über die Naturgesetze erhebt. Und es wird nicht mehr als eine Kühnheit erscheinen, die Formen für die gesellschaftliche Stellung zu bestimmen, da diese doch nicht die absolute Gültigkeit von Naturgesetzen beanspruchen können.
Hier sehen wir den Keim der Frauenfrage als Kulturfrage: hat man es prinzipiell zugegeben, daß die Gattenwahl sowie der Verzicht auf die Ehe auch von dem Willen der Jungfrau abhänge, so können tausend Fälle eintreten, wo diese Gattenwahl unmöglich ist. „Sie hat das Ideal ihres Herzens nicht gefunden,“ sie hat sich in dem Erwählten getäuscht; oder sie ist nicht begehrt worden.
Der Schatten, den das Licht unserer Kultur wirft, richtet sich vorzüglich gegen unser Geschlecht.
Die moderne Kultur hat das Recht der Persönlichkeit, das Recht auf eigene Existenz dem Manne in höherem Grade zuteil werden lassen, als die antike Kultur.
Wie aber gestaltet es sich für die Frau? Es ist ein hartklingendes Wort, das ich jetzt aussprechen muß: Unsere moderne Kultur hatte bisher durch die Befreiung des Einzelnen von dem Zwange der geschlossenen Familienhaftigkeit, wo in des Wortes wirklicher Bedeutung einer für den andern haftete – ich sage, unsere Kultur hat durch die Aufhebung dieser geschlossenen Familienzusammengehörigkeit das Urrecht jedes Wesens, das Recht der Existenz, dem weiblichen Geschlechte eher gefährdet als gewährt.
Denn da der Mann die Existenzverhältnisse repräsentiert, so ist es selbstverständlich, daß diejenigen Mädchen, die nicht heiraten, ohne Existenzmittel bleiben. Das Schutzverhältnis aber, das die alte Zeit dem weiblichen Geschlechte gewährte, ist in unserer Zeit nicht vorhanden, kann nicht vorhanden sein. Und nun ziehen wir noch einen, den wichtigsten Faktor in Betracht. – Wohl nicht mit Unrecht nennt man die Gegenwart das Zeitalter der Volkswirtschaft, und wir müssen, wenn auch in den knappsten Umrissen, zeigen, wie existenzbedrohend die moderne Kultur nicht nur im Gegensatze zur antiken, sondern auch zur mittelalterlichen unserm Geschlechte geworden. Die Fortschritte der Industrie, die Anwendung der Maschinen und Dampfkraft hat die weibliche Arbeit, die Handarbeit der Frau überflüssig gemacht. So wenig poetisch es auch klingen mag, es muß gesagt sein: Der Mann heiratete sonst in seiner Frau eine Gehilfin, die durch ihre Arbeit nicht nur das Haus verschönte, sondern es mit erhielt. Um es volkswirtschaftlich auszudrücken: „Die Äußerung der produktiven Arbeitskraft ist den Frauen im Hause genommen.“
Haben wir den Keim der Frauenfrage in der größern gemütlichen und geistigen Bildung zu einer sich selbst bestimmenden Persönlichkeit gefunden, so ist dieser Keim mächtig zur Entfaltung gelangt durch die einseitige Art dieser Bildung, die, weit entfernt die Mittel zur Selbständigkeit zu bieten, die Gefahr der Brotlosigkeit vermehrte. Die Handarbeit wurde zur Spielerei; man verfeinerte so lange, bis man zu der Meinung kam, die Frau sei zu einer wirklichen Arbeit von Natur aus gar nicht bestimmt. Das Wort: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ beziehe sich nicht auf die Frau.
Und nicht nur die Frauen, auch Männer und wohlwollende, einsichtige Männer halten ein Ideal von Weiblichkeit fest, das sich leider durch eine einseitige Richtung unseres dichtenden Volksgeistes unserer bemächtigt hatte und in der sogenannten romantischen Periode seinen Höhepunkt erreichte. Wie soll man es sich sonst erklären, daß Frauen die Freiheit in bezug auf ihre Persönlichkeit soweit ausdehnen können, daß sie in geselligen Zerstreuungen, in dilettantischen Kunstübungen und Kunstgenüssen, in der Sorge um ihre Toilette sich vollständig ausleben und dabei doch das befriedigende Gefühl haben, ihren weiblichen Beruf zu erfüllen? Ich nannte die Freiheit des Herzens eine gefährliche Freiheit, eine kühnere Emanzipation als jede andere. Wie aber soll man die Emanzipation von der Pflicht der Arbeit nennen? Man faßt ja das Wort „Emanzipation“ als gleichbedeutend mit Selbständigkeit, mit dem Rechte der Selbstbestimmung auf, und diejenigen Frauen, die das Selbstbestimmungsrecht über ihre Zeit, über ihre Kräfte für den Müßiggang benutzten, wären nicht emanzipierte Frauen? Wohl ist es leider keine Erziehung zur Selbständigkeit, aber zur Selbstheit, zum Egoismus, wenn die Jungfrau sich berechtigt glaubt, ihre Zeit zu verträumen, zu verspielen, zu vertanzen, zu verputzen? Wenn sie für den Schein erzogen, dem Manne gegenüber auf ihren Schein besteht und es als schuldigen Tribut für ihre Weiblichkeit fordert, ihr die Mittel zu solch’ müßigem Traum- und Genußleben zu verschaffen?
Bedenkt man diese Tatsache recht: von der einen Seite die Wertlosigkeit der sonst so wertvollen wirtschaftlichen Arbeiten, von der anderen Seite aber die gesteigerten Ansprüche, die gerade unsere Kultur mit ihrem gesteigerten Kunstfleiß erzeugt hat, so wird man sich nicht wundern, daß die Ehelosigkeit in den höheren, gebildeten Gesellschaftskreisen überhand genommen. – So teile ich aus einer Statistik vom Jahre 1864, also vor den beiden letzten großen Kriegen folgendes Verhältnis mit: In Preußen betrug damals die Zahl der unverheirateten Mädchen im Alter von über 16 Jahren 1 827 441; es scheint allerdings, als ob ein Alter über 16 Jahre keinen Maßstab bietet, da es ja die Heiratsmöglichkeit in sich schließt. Wenn aber in Preußen die Zahl der unverheirateten Männer im Alter von über 24 Jahren nur 976 000 betrug, so ist für die Million achtmalhunderttausend Mädchen kaum die Hälfte der Ehestandskandidaten vorhanden.
In welchem Lichte muß diesen statistischen Zahlen, diesen unleugbaren Tatsachen gegenüber, die Meinung sich befinden, die in hochtönenden Worten so oft in die Welt hinausgerufen wird: „Die Bestimmung des Mädchens ist die, zu heiraten; ihre Lebensaufgabe beziehe sich auf den Kreis ihrer Familie, ihres Hauses.“ Nochmals sei es wiederholt: Wenn die alten Kulturvölker diese Anschauung festhielten, so war sie in der Natur ihrer Verhältnisse begründet, für unsere Kulturverhältnisse klingt sie wie eine bittere Ironie.
Noch dunkler und trüber fast sind die Schatten, die unsere Kultur begleiten, wenn wir den Blick auf die verwitweten Frauen richten. Hier zeigen sich in Rücksicht auf die Lebensdauer der beiden Geschlechter ganz merkwürdige Unterschiede. Unsere moderne Kultur verbraucht ein gut Teil männlicher Arbeitskraft. Das Militärwesen, das Maschinenwesen mit den gesteigerten Ansprüchen an Menschenkraft vernichtet viele Männer in der Blüte der Jahre. Ich entnehme auch die folgenden Notizen einer Statistik aus dem Jahre 1864, weil ich die Kriegsjahre mit ihren Folgen mir lieber als Ausnahmezustände denken will; also 1864 gab es in Preußen rund 700 000 Witwen und dagegen 259 400 Witwer, in Leipzig allein gab es damals 5059 Witwen und 1098 Witwer. Interessant ist folgende Tatsache, die ich vor einigen Jahren aus Preußen verzeichnet fand: Von dem Geschlechte, über welches die Stürme der ersten französischen Revolution brausten, sind 160 Männer am Leben, dagegen 307 Frauen. Im Jahre 1871 lebten 8 Frauen im Alter von beinahe 100 Jahren und nur 1 Mann. – Vom 50. Jahre tritt die Erscheinung auf, daß die Sterblichkeit der Männer größer ist als die der Frauen, und so gestaltet sich die spätere und gewiß die schwerere Hälfte des Lebens sehr zu Ungunsten des weiblichen Geschlechts, und die Statistik mit ihren trockenen Zahlen sagt uns nichts anderes, als unser Dichter Jean Paul: „Das Weib vereinsamt mit den zunehmenden Jahren“. Und nicht nur der Tod, auch das Leben raubt der Frau früher als dem Manne den betrüglichen und doch oft erheiternden Schein des Daseins. Wie viele Hilfsquellen findet der einsame Mann außerhalb des Hauses, wie wenige die alternde, einsame Frau!
Auch hier ist es Doppelbild der geistigen und materiellen Not, das uns entgegenstarrt, erzeugt durch die unausbleiblichen Folgen einer Kulturentwicklung, die den Einzelnen auf sich selbst gestellt, und die ganze Hälfte des Menschengeschlechts nicht mit den Mitteln ausrüstete, die zur Selbständigkeit gehören. Denn ist es nötig, das Bild des materiellen Elends, der quälenden Sorge um des Lebens Notdurft, das uns so oft gerade in den Witwen entgegentritt, zu entrollen?
Betrachten wir die Schäden, die Krankheiten, die Auswüchse an dem so stattlich prangenden Baum unserer Kultur, so sind wir wohl berechtigt zu sagen: Es ist hohe Zeit, Hand anzulegen, es ist hohe Zeit, sich Klarheit über die Verhältnisse zu verschaffen. Es ist für unser Geschlecht die Zeit gekommen, in der wir einsehen, daß wir den Schein einer Freiheit, das Spielen mit Empfindungen aufgeben müssen. Wir sind in Übereinstimmung mit unserem Schöpfer, mit unserem Gewissen, mit uns selber, wenn wir das Urrecht jedes Geschöpfes, das Recht auf Existenz für uns in Anspruch nehmen. Jedem Wesen hat die gütige Natur die Mittel zu seiner Existenz gegeben – und uns sollten sie versagt sein? Gebraucht jedes Naturwesen seine Kräfte zu seiner Selbsterhaltung, so ist das Recht auf menschenwürdige Existenz gewiß das Urrecht jedes in Gottes Ebenbilde geschaffenen Wesens. Menschenwürdig ist es aber, die Kräfte, die wir besitzen, zu entwickeln, zu gebrauchen, nicht nur um unsertwillen, um unserer Mitmenschen willen, um der Gesamtheit willen.

Die Lösung der Frauenfrage ist für Henriette Goldschmidt – hier weiß sie sich eins mit allen großen Führerinnen der Frauenbewegung – im Grunde nur möglich durch gründliche Reform der gesamten Frauenbildung. Es war daher kein Zufall, sondern es lag in der Natur der Sache, daß damals fast alle großen Frauentagungen beschlossen, „anstatt mit der Fassung von Resolutionen, mit der Gründung eines Frauenbildungsvereins, der es für seine vornehmste und erste Aufgabe hielt (in der betreffenden Stadt), Fortbildungsschulen für Mädchen zu errichten.“ Jeder, der die Mädchenschulverhältnisse der damaligen Zeit einigermaßen kennt, wird wissen, wie notwendig das war. Es gab damals außer der Volksschule und der meist in Privathänden ruhenden sogenannten höheren Töchterschule nur noch eine einzige Bildungsstätte, das war das Lehrerinnenseminar.

Also eine ungeheure Aufgabe galt es – und gilt es noch heute – zu lösen: die Schaffung eines dem innersten Wesen des weiblichen Geschlechts adäquaten und doch vielgestaltigen, in allen seinen Teilen zu wirtschaftlicher Selbständigkeit bzw. zu fruchtbarer Mitarbeit an unserer Kultur führenden Frauenbildungswesens. Vieler Jahrhunderte hatte es bedurft, um das Männerbildungswesen zu seiner jetzigen Höhe zu bringen. Wenn naturgemäß von diesen Einrichtungen auch vieles ohne weiteres der Frauenbildung dienstbar gemacht werden konnte, so war damit doch das letzte und feinste noch nicht erreicht, was Henriette Goldschmidt vorschwebte: die Bereicherung unserer Kultur durch die Entfaltung der tiefsten spezifisch weiblichen Seelenkräfte.

Aber mochte das Ziel auch noch so fern sein! Henriette Goldschmidt behielt es fest im Auge, und so konnte sie denn ihre oben zitierte Rede in Hannover mit den rührend-bescheidenen und zugleich zuversichtlich-trotzigen Worten schließen – die zugleich ein wundervolles Bild ihrer klaren und starken Seele entrollen:

Der Kraft des schöpferischen Tuns bewußt, mit Demut und Hingebung der Stimme des Geistes lauschend, die durch die Jahrtausende tönt, handelnd und gehorchend, so vollzog sich und so vollzieht sich der ewige Prozeß des Lebens. Und innerhalb dieses Prozesses stehe auch fortan – ihre Aufgabe bewußtvoll als eine Kulturaufgabe für unser Menschengeschlecht erfassend – die Frau!“

b) Friedrich Fröbel.

Neben der Frauenbewegung war es Friedrich Fröbel, der dem Denken und Wollen Henriette Goldschmidts die entscheidende Richtung gab. –

Mußte Henriette Goldschmidt dadurch nicht innerlich zerrissen, nach zwei ganz verschiedenen Richtungen hingelenkt werden? Nein! Im Gegenteil, beide verschmolzen in ihr zu einer wundervollen Einheit. Nur dadurch wurde Henriette Goldschmidt das, was sie uns jetzt ist, daß einesteils das Bildungs-Problem der Frauenbewegung, die Frauensehnsucht ihrer Zeit in ganzer Stärke in ihr lebendig war und daß sie andernteils in Fröbels Ideen die Lösung des Problems, die Erfüllung dieser Sehnsucht fand.

Friedrich Fröbel war nicht nur der Gründer der Kindergärten, als den ihn die Welt fast ausschließlich kennt, sondern er war ein Pädagog ganz großen Stils, ein Kulturpädagog ersten Ranges. Die meisten Menschen denken bei dem Wort „Pädagog“ immer nur an „Lehrer“, und sie meinen, ein „großer Pädagog“ sei ein Mann, der einige neue Methoden ersonnen hat, durch deren Anwendung man den Kindern zahlreichere Kenntnisse vermitteln oder ihnen mindestens das Lernen erleichtern kann. Von solchem Schlag war Fröbel nicht. Sein Blick war auf Höheres gerichtet.

Der Menschheit und ihrer Entfaltung galt all sein Sinnen. Unter Menschheit ist aber hier nicht die Gesamtheit der lebenden Menschen zu verstehen, sondern es heißt hier soviel wie Menschentum. Es ist das Geistige, das im Menschengeschlechte lebt und schafft, das in ihm sich auswirkt. Es sind die spezifisch menschlichen Kräfte und Fähigkeiten, die im Unterschied zu allen anderen Kreaturen gerade dem Menschen eigen sind. Es ist das, was allen Menschen gemeinsam ist und seit Jahrtausenden gemeinsam war.

Es drängt nach Darstellung, nach Gestaltung, nach Objektivierung. Alles Menschentum, alle Menschenleistung ist eine Äußerung dieses Geistigen. Sitte und Recht, Kunst und Wissenschaft, Technik und Industrie, kurz alles, was wir Kultur nennen, ist dieser Quelle entsprungen. Die Menschheit ist Ursprung und Schöpfer der Kultur – wie die Gottheit Ursprung und Schöpfer der Natur und der Menschheit ist. Menschheit und Kultur verhalten sich zueinander wie Idee und Verwirklichung.

Der tiefste Wesenszug der Gottheit und damit auch der Menschheit ist der Schöpferwille und die Schöpferkraft, der Drang und die Fähigkeit, sich (d. h. Geistiges) im Stofflichen, im Materiellen darzustellen, sich gleichsam zu objektivieren, der formlosen Masse Gestalt zu geben. Stoff an sich ist formlos. Erst durch die Verbindung des Geistigen mit Stofflichem entsteht die Form. Materie sich selbst überlassen, ist Chaos, erst durch die Verbindung mit dem göttlichen Geist wird sie zum Kosmos.

Je reiner und unverletzter sich das Geistige im Stofflichen darstellen kann, um so vollkommener wird das Werk. Durch das Gestalten, durch das Ringen mit der Materie entwickelt sich das Geistige immer höher. „Alles Innere wird von dem Innern an dem Äußern und durch das Äußere erkannt. Das Wesen, der Geist, das Göttliche der Dinge und des Menschen, wird erkannt an seinen, an ihren Äußerungen“ (Fröbel).

Die Entwicklung der Menschheit hängt also davon ab, daß sie sich ungehemmt und frei entfalten, darstellen, objektivieren kann.

Dazu gehört dreierlei:

Erstens muß sie sich in ihrem innersten Wesen rein erhalten. Das geschieht, wenn sie sich stets ihres göttlichen Ursprungs bewußt bleibt. Darum setzt Fröbel an den Anfang seiner „Menschenerziehung“ (1826) das tiefsinnige Wort, das Henriette Goldschmidt nie ohne innere Ergriffenheit zitieren konnte: „In allem ruht, wirkt und herrscht ein ewiges Gesetz. Es sprach und spricht sich im Äußern, in der Natur, wie im Innern, in dem Geiste, und in dem beides Einenden, in dem Leben, immer gleich klar und gleich bestimmt dem aus, den entweder von dem Gemüte und Glauben aus die Notwendigkeit erfüllt, durchdringt und belebt, daß es gar nicht anders sein kann, oder dem, dessen klares ruhiges Geistesauge in dem Äußern und durch das Äußere das Innere schaut, und aus dem Wesen des Innern das Äußere mit Notwendigkeit und Sicherheit hervorgehen sieht. Diesem allwaltenden Gesetze liegt notwendig eine allwirkende, sich selbst klare, lebendige, sich selbst wissende, darum ewig seiende Einheit zu Grunde. Dieses wird auf gleiche Weise wieder so wie sie – die Einheit selbst – entweder durch Glauben oder durch Schauen lebendig, gleich er- und umfassend erkannt, so daß sie auch von einem still achtsamen menschlichen Gemüte, von einem besonnenen klaren menschlichen Geiste von jeher sicher erkannt ward und immer davon erkannt werden wird.

Diese Einheit ist Gott.

Alles ist hervorgegangen aus dem Göttlichen, aus Gott, und durch das Göttliche, durch Gott einzig bedingt; in Gott ist der einzige Grund aller Dinge.

In allem ruht, wirkt, herrscht Göttliches, Gott.

Alles ruht, lebt, besteht in dem Göttlichen, in Gott und durch dasselbe, durch Gott.

Alle Dinge sind nur dadurch, daß Göttliches in ihnen wirkt.

Das in jedem Dinge wirkende Göttliche ist das Wesen jedes Dinges.

Die Bestimmung und der Beruf aller Dinge ist: ihr Wesen, so ihr Göttliches, und so das Göttliche an sich entwickelnd darzustellen, Gott am Äußerlichen und durch Vergängliches kundzutun, zu offenbaren.“ –

Zweitens muß sich die Menschheit dieser ihrer Bestimmung bewußt werden. Darin erblickt Fröbel die besondere Bestimmung, den besonderen Beruf des Menschlichen. Die übrigen Geschöpfe entfalten ihr Wesen nur einem dunklen Drange folgend, der Mensch soll es mit Bewußtsein tun. Dadurch erhebt er sich über alle anderen Kreaturen. Dadurch nähert er sich der Gottheit.

Drittens braucht die Menschheit, um sich ungehemmt und frei entfalten zu können: Stoff, Gelegenheit, Möglichkeit zur Betätigung. Das Bewußtsein ihres göttlichen Ursprungs und das Erkennen ihrer Bestimmung allein genügt noch nicht zur Höherbildung. Das allein ist noch keine Entfaltung und Entwicklung. Arbeit muß dazukommen, Arbeit und Schaffen am Materiellen, am „Äußeren“. Dadurch gewinnt die Arbeit bei Fröbel einen ganz neuen Sinn. Sie ist nicht mehr wie im „Alten Testament“ Strafe für die im Paradies begangene menschliche Sünde („Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“), sie ist auch nicht nur unangenehme Notwendigkeit zur Erhaltung des Körpers (wie die meisten Menschen glauben), sondern sie ist Mittel zur Entfaltung des Geistigen. Sie ist der stärkste und unentbehrlichste Kulturfaktor überhaupt. „Erniedrigend ist der Wahn“, hat Fröbel daher einmal geschrieben, und Henriette Goldschmidt hat dieses Wort oft und gern zitiert, darum sei es noch hierher gesetzt, „erniedrigend ist der Wahn, als arbeite, wirke und schaffe der Mensch nur darum, seinen Körper, seine Hülle zu erhalten, sich Brot, Haus und Kleider zu erwerben; nein – der Mensch schafft ursprünglich nur darum, damit das in ihm liegende Geistige, Göttliche sich außer ihm gestalte und er so sein eigenes göttliches Wesen und das Wesen Gottes erkenne. Das ihm dadurch kommende Brot, Haus und Kleid ist unbedeutende Zugabe.“

Mit diesem weiten Blick tritt nun Fröbel an das Erziehungsproblem heran. Erziehung kann ihm – nach dem Vorangegangenen – nichts anderes sein als:

1. Hinlenken des Blickes der Menschen auf den ewigen Ursprung alles Seins und Pflegen des Gefühls des inneren Verbundenseins mit dem Göttlichen,

2. Anregen und Hinführen zur Selbstbesinnung über das Wesen und die Bestimmung des Menschen, und

3. Anleiten zu schaffendem Gestalten, zu produktiver Arbeit.

Das ist Kulturpädagogik im eigentlichen Sinne; denn sie entfaltet und stärkt alle schöpferischen menschlichen Kräfte, die die Kultur bauen, die überhaupt erst Kultur möglich machen.

Die Menschheit und ihre Entfaltung, die Menschheit und ihre „Darlebung“ in der Kultur, die Steigerung der Menschenkraft, die Erhöhung seiner Kulturleistung, das ist das große Ziel, das ihm vorschwebt.

Erziehung der Menschheit, nicht des Einzelnen!

Natürlich muß die praktische Erziehungsarbeit am einzelnen Kinde, am einzelnen Menschen erfolgen. Aber sie ist nicht Selbstzweck. Es kommt Fröbel nicht darauf an, daß dieses oder jenes Individuum um seiner selbst (oder um seiner Eltern) willen so oder so entwickelt werde, sondern es kommt ihm im Grunde nur auf die Pflege des Göttlichen in jedem Wesen, gleichsam auf die Menschheit im Menschen an. Wenn je ein Pädagog, so betrachtet Fröbel die Erziehungsarbeit sub specie aeternitatis.

Am reinsten und noch völlig „unverletzt“ tritt uns die Menschheit im Kinde, im kleinen Kinde, entgegen. Die Welt mit ihren Gefahren des Materiellen hat hier noch keinen Schaden getan. Alles kommt nun darauf an, daß diese Reinheit und Unverletztheit der Menschheit bewahrt bleibt. Das kann nur geschehen durch angemessene bewußte Pflege. Darum ist die früheste Behandlung des Kindes so wichtig. Ist die Menschheit im einzelnen Individuum erst einmal verdorben und verkümmert, dann ist es zu spät. Ein solches Individuum scheidet dann als Träger des Geistigen aus. Es wird seine Bestimmung nicht erfüllen.

Es gilt also die Menschheit zu pflegen in den Kindern. Das ist das erste und wichtigste Stück der Fröbelschen Pädagogik.

Das ist keine Erziehung im landläufigen Sinne, keine „bewußte und planvolle Einwirkung des Mündigen auf den Unmündigen“, sondern es ist eben nur ein – Pflegen.

Das Bild des Gärtners schwebte Fröbel dabei vor. Der Gärtner will auch nicht aus den ihm anvertrauten Pflänzchen alles Mögliche machen, was er sich in den Kopf gesetzt hat, sondern er will nur dafür sorgen, daß jedes Pflänzchen seiner Eigenart gemäß sich voll entwickeln und entfalten, daß es also sein Wesen (d. h. das in ihm wirkende Göttliche) rein und unverletzt darstellen, „darleben“ kann. Alles Schädliche, das von außen diese Entwicklung stören könnte, muß er fernhalten, aber er muß den Pflanzen geben, wessen sie zu ihrer Entwicklung bedürfen. Er muß seine Schützlinge – pflegen.

Ganz ebenso – meint Fröbel – ist es in der ersten Erziehung. Hier gilt es auch nur, die Kleinen und damit die in ihnen wirkende Menschheit zu pflegen, das kostbare Gut vor Beschädigung zu hüten, ihm die Möglichkeit zu geben, sich rein und unverletzt zu entfalten. Wir brauchen daher für die ersten Lebensjahre der Kleinen noch nicht eigentliche Erzieher und Erzieherinnen, sondern wir brauchen Kinderpfleger und Kinderpflegerinnen – oder wie Fröbel seit 1840 diese so treffend nannte: Kindergärtnerinnen. Eine Kindergärtnerin ist keine Erzieherin im üblichen Sinne, sie ist nur eine Hüterin und Pflegerin der „Menschheit in der Kindheit“. Sie bedarf keines strengen pädagogischen Willens (wie der spätere eigentliche Erzieher), sondern sie bedarf nur jener feinen Gärtnergesinnung. Die erste Erziehung soll ja nach Fröbel nicht eigentlich „vorschreibend, bestimmend und eingreifend“ sein, sondern „nachgehend, nur behütend und schützend.“ Denn „das Wirken des Göttlichen ist in seiner Ungestörtheit notwendig gut, muß gut, kann gar nicht anders als gut sein. Diese Notwendigkeit muß voraussetzen, daß der noch junge, gleichsam erst werdende Mensch, wenn auch noch unbewußt gleich einem Naturprodukt, doch bestimmt und sicher das Beste an sich und für sich will, und zwar noch überdies in einer ihm ganz angemessenen Form, welche darzustellen er auch alle Anlagen, Kräfte und Mittel in sich fühlt. So eilt die junge Ente nach dem Teiche und auf und in das Wasser, während das junge Hühnchen in der Erde scharrt und die junge Schwalbe im Fluge ihr Futter fängt und fast nie die Erde berührt. Pflanzen und Tieren, jungen Pflanzen und jungen Tieren geben wir Raum und Zeit, wissend, daß sie sich dann den in ihnen, in jedem Einzelnen wirkenden Gesetzen gemäß schön entfalten und gut wachsen; jungen Tieren und jungen Pflanzen läßt man Ruhe und sucht gewaltsam eingreifende Einwirkungen auf sie zu vermeiden, wissend, daß das Gegenteil ihre reine Entfaltung und gesunde Entwicklung störe; aber der junge Mensch ist dem Menschen ein Wachsstück, ein Tonklumpen, aus dem er kneten kann was er will.“ Darum mahnt Fröbel: „Menschen, die ihr Garten und Feld, Wiesen und Hain durchwandelt, warum öffnet ihr euren Sinn nicht, das zu hören, was die Natur in stummer Sprache euch lehrt: sehet an die Pflanze, die ihr Unkraut nennt und die in Druck und Zwang herauf gewachsen, kaum innere Gesetzmäßigkeit ahnen läßt, sehet sie im freien Raume, auf Feld und im Beet, und schaut, welch eine Gesetzmäßigkeit, welch ein reines inneres, in allen Teilen und Äußerungen übereinstimmendes Leben sie zeigt: eine gestaltete Sonne, ein strahlender Stern der Erde entkeimt. So könnten, Eltern! eure Kinder, denen ihr frühe Form und Beruf wider ihre Natur aufdringt, und die darum in Siechheit und Unnatürlichkeit um euch wandeln, auch schön sich entfaltende und allseitig sich entwickelnde Wesen werden.“

Was wir also brauchen für unsere Kleinen, ist gleichsam ein Garten der Kindheit, in dem die jungen Geschöpfe heranwachsen können, gepflegt und behütet von treuen Gärtnerinnen. Was wir brauchen, sind Kindergärten, d. h. Stätten, in denen unsere Kleinen ihrem innersten Wesen entsprechend sich entfalten, an denen sie ihr Göttliches – die Menschheit – „darleben“ können.

Wie kann das geschehen?

Der tiefste Wesenszug der Gottheit – und daher auch der Menschheit – ist, wie oben bereits erwähnt, der Schöpferwille, der Gestaltungsdrang. Im frühen Kindesalter äußert sich dieser als Tätigkeits- und Beschäftigungstrieb. Nie wieder im Leben ist dieser Drang nach Bewegung und Tätigkeit so stark wie in diesen frühen Jahren. Schon der alte Pädagog Comenius hatte das erkannt und in seinem „Informatorium der Mutter Schul“ (1632) geschrieben: „Die Kinder tun gern allezeit etwas, denn das junge Blut kann nicht lange still stehen, und solches ist sehr gut. Darum soll man es ihnen auch nicht wehren, sondern vielmehr Anlaß geben, daß sie immer etwas zu tun haben. Laß sie Ameislein werden, welche immer herumkriechen, tragen, schleppen, einlegen, umlegen“ usw.

Die bewußte Pflege dieses stärksten aller kindlichen Triebe, des Tätigkeits- und Beschäftigungstriebes war für Fröbel der Anfang wahrer Menschenerziehung. Er erblickte darin reinste Darlebung der Menschheit in der Kindheit. „Menschheitspflege und Kindheitspflege,“ schrieb er einmal „wohnen in einem Tempel.“

Fröbel begnügte sich nun aber nicht damit, die Pflege des Tätigkeitstriebes zu fordern, sondern er wollte zugleich Wege weisen, wie der Tätigkeitstrieb gepflegt werden könne, er wollte den Kindern Material in die Hand geben, an dem sich ihre inneren und äußeren Kräfte entfalten würden. So schuf er:

1. seine „Mutter- und Koselieder. Dichtung und Bilder zur edlen Pflege des Kindheitlebens. Ein Familienbuch“ (1844). Mit 50 großen Kupfern von Friedrich Unger3;

2. seine Gabenreihe (Ball – Kugel, Würfel, Walze – Baukästen) mit den dazu gehörigen „Anleitungen“ (für die Erwachsenen);

3. seine zahlreichen sonstigen Beschäftigungen (Legetäfelchen, Flecht- und Faltarbeiten, Ausstech- und Ausnähblätter u. dgl.).

Es würde zu weit führen, im einzelnen zu zeigen, wie Fröbel sich diese neue Kindheitpflege in Familie und Kindergarten dachte. Auf die einzelnen Maßnahmen kam es ihm dabei auch gar nicht zu sehr an, als vielmehr auf den Geist, in dem das Ganze aufgefaßt und ausgeübt wurde.

Und da setzte er seine ganze Hoffnung auf die Frauenwelt.

In dem mütterlichen Instinkt, in dem angeborenen Pflegesinn des Weibes sah er die gott- und naturgewollte Grundlage echter Kindheitpflege. „Kinderleben und Kinderliebe, Kinderleben und Frauensinn,“ schreibt er einmal, „überhaupt Kindheitpflege und weibliches Gemüt trennt nur der Verstand. Sie sind ihrem Wesen nach eins. Denn Gott hat das leibliche wie das geistige Fortbestehen des Menschengeschlechts durch die Kindheit in das Frauenherz und -gemüt, in den echten Frauensinn gelegt.“

Freilich, diese Einigung von Kindheit und Frauenleben, die früher wohl bestand, ist durch die Riesengewalt äußerer Verhältnisse und die wirtschaftlichen Nöte der Zeit vielfach verloren gegangen. Weil sie sich ihres innersten Wesens, ihrer eigentlichen Bestimmung nicht bewußt waren, darum haben die Frauen diese Einigung viel zu leicht aufgegeben. Aber die unnatürliche Trennung zwischen Frauenleben und Kindheit, zwischen Weiblichkeit und Kinderleben hat dazu geführt, daß allmählich das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit von „Kinderleben und Frauensinn“ erwacht ist und das Streben, diese natürliche Einheit wieder herzustellen. „Der ersten Kindheitpflege muß das Frauenleben wieder ganz zugewandt werden; Frauenleben und Kindheitpflege muß allgemein wieder geeint, weibliches Gemüt und sinnige Kinderbeachtung muß wieder ein Einiges werden.“ (Fröbel.)

Was das weibliche Geschlecht bisher rein instinktiv getan, nur seinem Naturtriebe folgend – also im Grunde passiv –, das soll und wird es in Zukunft bewußt ausüben, aus höherer Einsicht, aus eigenem Willen – also im Grunde aktiv. Dadurch wird das bisherige natürliche Tun der Frau zur Kulturleistung. Denn alles natürliche Tun beruht auf dem Instinkt, alle Kulturleistung aber auf dem Bewußtsein und dem Willen des Menschen.

Diese Kulturleistung des weiblichen Geschlechts ist aber nur möglich, wenn es zuvor seine „menschheitspflegende Bestimmung“ erkannt, d. h. wenn es im einzelnen Kinde nicht mehr nur das seelisch-körperliche Einzelwesen erblickt – was das Kind natürlich zunächst ist – sondern darüber hinaus in jedem Kinde das ewig Geistige, die Menschheit (in dem oben dargelegten Sinne) und damit Göttliches ahnt.

Damit ändert sich die ganze Stellung der Frau zum Kinde und zur Menschheit.

Sie ist nicht nur mehr Hüterin eines Einzelgeschöpfes, sondern Priesterin des Ewigen: sie pflegt Unvergängliches – Göttliches – in ihrem Kinde. Der natürliche Pflegesinn des Weibes – der tiefste Wesenszug ihres Geschlechts – erhält dadurch eine viel umfassendere Bedeutung, ein viel höheres Ziel. Er wird gleichsam zu einer Kulturnotwendigkeit.

Das hatte Henriette Goldschmidt klar erkannt: Wenn die Frauenbewegung kulturfördernd in großem Stil werden will, muß sie diese ihre tiefste Kulturaufgabe erkennen und in Angriff nehmen. Hier sind die starken Wurzeln ihrer Kraft; denn hier steht sie auf ureigenstem Boden. Hier ist dem weiblichen Geschlecht als Ganzem eine Möglichkeit zur Höherentwicklung „von seinem Wesen aus“ gegeben. Mögen einzelne begabte Frauen auch auf anderen Kulturgebieten Großes leisten, das weibliche Geschlecht als Ganzes wird nur in der Auswirkung und Vergeistigung seiner mütterlichen Instinkte, seines angeborenen Pflegesinns Eigenartiges und den Kulturtaten des männlichen Geschlechts (wieder als Ganzes genommen) Gleichwertiges schaffen können.

Die Pflege der Menschheit in der Kindheit, also das Erhalten und Behüten, das Üben und Starkmachen der eigentlichen kulturschaffenden Kraft ist sowohl vom Standpunkt der Menschheit als auch vom Standpunkt der Kultur unentbehrlich und daher jeder anderen Kulturarbeit gleichwertig.

In diesem tiefen und umfassenden Sinne muß das Lieblingswort Henriette Goldschmidts verstanden werden, das sie Fröbel entnommen hat und von dem sie wünschte, daß es in ihrer Anstalt unter ihre Büste gesetzt würde, da es besser als jedes andere zum Ausdruck brächte, was sie erkannt und gewollt habe, das Wort:

Es ist das Charakteristische der Zeit, das weibliche Geschlecht seiner instinktiven passiven Tätigkeit – als Glied der Menschheit – zu entheben und es von seinem Wesen aus, und um seiner menschheitpflegenden Bestimmung willen, ganz zu derselben Höhe wie das männliche Geschlecht zu erheben.

Aus diesem Geist, aus diesem Glauben heraus ist auch das andere Wort entstanden, das Henriette Goldschmidt einmal in einer glücklichen Stunde geprägt und dann oft und gern wiederholt hat, das Wort, das fast schon zum „geflügelten“ geworden ist:

Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau.

Auch dieses Wort weist in die Zukunft.

Viele verstehen es so, als habe Henriette Goldschmidt einfach konstatieren wollen: Der Erziehungsberuf sei der Kulturberuf der Frau. Nein! Der Erziehungsberuf, wie er von den allermeisten Menschen jetzt noch aufgefaßt und geübt wird, ist noch kein Kulturberuf. Er ist noch eine „instinktive, passive Tätigkeit.“ – Aber er soll ein Kulturberuf, er wird der Kulturberuf der Frau werden.

Henriette Goldschmidt hat dieses Wort zunächst den suchenden und gebildeten Frauen zugerufen, die ihre Kräfte in den Dienst der Kultur stellen möchten, ohne bereits ein klares Ziel für ihre Arbeit zu haben. Denen will sie mit diesen. Wort sagen: Sucht das Ziel nicht draußen, sondern in euch selbst! Erkennt die menschheitpflegende Bestimmung des weiblichen Geschlechts und weiht eure Kräfte einer Arbeit, die euerm innersten Wesen gerecht wird! Die Frau kann „als Glied der Menschheit“ nichts Höheres vollbringen, als ihren Erziehungs- und Pflegeberuf als Kulturberuf aufzufassen und auszuüben.

Freilich, die Frauenwelt wird und kann diesen Weg nur gehen, wenn ihre Führerinnen sich zu diesem Ziel bekennen und wenn sie die Bildung des weiblichen Geschlechts in diesem Sinne gestalten. Friedrich Fröbel bezeichnete am Ende seines Lebens seinen für Marienthal entworfenem Plan einer in dieser Art gedachten Bildungsanstalt für das weibliche Geschlecht als die letzte Konsequenz seines Grundgedankens.

Die Errichtung einer solchen Bildungsstätte war auch für Henriette Goldschmidt die letzte Konsequenz ihrer inneren Entwicklung, die Synthese ihrer aus der deutschen Frauenbewegung und aus der Fröbelschen Pädagogik entwickelten Ideen.