Pr. Louise. Ich störe doch nicht, Auguste?

Frl. v. Gülden. Wie könnten Sie stören?

Pr. Louise. Du hast ja geweint, liebes Mädchen? — warum so schwermüthig? sehnst du Dich fort von hier nach den Landgegenden um deines Vaters Schlosse? oder bist du beleidigt worden? sprich doch!

Frl. v. Gülden. (die Thränen weglächelnd) Keines von allen. Ich habe gelesen.

Pr. Louise. So? ist denn das Buch so herzbrechend? — laß doch etwas daraus hören, ich mögte auch wohl einmal weinen.

Frl. v. Gülden. Sie werden sich — —

Pr. Louise. Nichts; nichts! ich will mich hieher sezzen am Fenster und du sollst mir etwas vorlesen. — Es kömmt darin doch auch von Liebe vor.

Frl. v. Gülden. (mit angenommenem scherzhaften Tone) Allerdings, was könnte sonst interessiren.

Pr. Louise. Ich denke auch. Also — —

Frl. v. Gülden. (lesend) „Es war einmal eine Zeit, wo ich sehr glüklich war; es war einmal eine Zeit, wo mir alle Menschen Heilige, diese Welt ein himmlisches Gefilde, dieses Leben ein schöner Morgentraum schien! — Es ist süß, sich noch an vergangnen, glüklichen Tagen zu weiden, seelige Szenen in das treue Gedächtniß heimzurufen. O, kommt zurük ihr heiligen Stunden meiner Kindheit und umgaukelt meine kranke Seele mit euern bunten Farben! lebt auf ihr frohen Augenblikke, die ich an den Ufern eines Baches verträumte, und ihr verwelkten Jasminlauben blüht auf, die ich einst für mich und den Geliebten hinpflanzte! — Ihr seid verwelkt; ich welke mit euch hin. Dieses Leben ist mir noch eine einsame Zelle, worin ich vergangne Freuden beweinen muß.“

„Du trauerst, mein Liebling, und seufzest aus der Ferne zu mir herüber? — Kettengeklirr wekt Dich aus dem mitternächtlichen Schlummer? — O, am Tage des großen Weltgerichts wird Deine Unschuld ohne Schleier offenbar werden; schöne Stunden blühen für uns in einer bessern Welt! Harre bis dahin und dulde; hier verweinte Thränen werden dereinst Rosen in Deinem Kranze. — Lächle, lächle! mag die furchtbarste Stunde Dir erscheinen, sie wird Dich nicht schaudern machen; denn Unschuld wandelt ja heiter über sinkende Welten; die schwarze Gefahr geht liebkosend ihr vorüber; in schauerlichen Mitternächten ist sie sich selber ein leuchtendes Gestirn!“ — —

Pr. Louise. (gähnend) Höre auf, höre auf, wenn Du mich wachend haben willst. — Mein Gott wohin denken denn unsre heutigen Büchermacher; ist es doch, als kämen sie alle aus dem Bildervollen Morgenlande gewandert. Willst Du lesen, Auguste, so komm zu mir; ich gebe Dir die Gedichte im Geschmak des Grecourt. Weißt Du nichts Neues?

Frl. v. Gülden. Wenig, und vielleicht etwas unangenehmes für Sie.

Pr. Louise. (sinnend) Unangenehm? doch nichts vom Grafen Duur?

Frl. v. Gülden. Eben von ihm.

Pr. Louise. (ängstlicher) Nun was ists?

Frl. v. Gülden. Daß er — erklärter Bräutigam — des Fräuleins von Hello ist.

Pr. Louise. (ausgelassen lachend) Ha, ha, ha! wer band Dir das Märchen auf?

Frl. v. Gülden. Ich bitte um Verzeihung, kein Märchen.

Pr. Louise. Wahrheit? — lustig, liebes Mädchen, so ist es noch besser!

Frl. v. Gülden. (erstaunend) Wenn ich fragen darf, wie so?

Pr. Louise. Du, Sonderbare, wie könnte der Graf die ekelhafte Puppe lieben? Heurathen wird er sie, doch ohne Liebe; diese bleibt mir übrig! — Freue Dich!

Frl. v. Gülden. Sie sind Ihres Sieges so gewis über ihn?

Pr. Louise. Du fragst sehr beleidigend?

Frl. v. Gülden. (seufzend) Verzeihen Sie?

Pr. Louise. Warum seufzest Du? — meinst Du vielleicht daß ich zürne? nicht doch, wie könnt ich das? komm, küsse mich!

Frl. v. Gülden. (sie küssend) O, Prinzessin!

Fünftes Kapitel.
Das Strumpfband.

Es war an einem schönen Sommerabend, als die ganze herzogliche Familie in dem Schlosgarten offne Tafel hielt. Unter den anwesenden Hofleuten befand sich, wie man leicht erwartet, auch der Graf v. Duur, und das Fräulein von Gülden mit ihrer Gebieterin.

Der Graf war ungemein heiter; eine liebliche Ahndung umschwebte ihn; er wandelte bald einsam unter den hohen, finstergewölbten Linden, durch welche das Licht der Abendröthe zitterte, bald nekte er die Damen.

Es wurde später; die hohe Gesellschaft entfernte sich, der Herzog sowohl, als seine Frau Mutter, und der Schwarm von Räthen, Kammerherrn, und Hofdamen. Nur Florentin blieb, und wußte nicht warum? er fühlte sich seeliger, als je, und wußte nicht warum? — —

Sinnend ging er durch die Alleen, an den Kanälen umher, unter den duftenden Orangerien; oder er bestieg die Terrassen, verweilte bei den Fontainen, oder besuchte das Chor der im Mondglanz schimmernden Marmorstatuen. Und überall, wo er ging, wo er stand, umschwebte seine Seele ein süsser Name, ein süsses Bild, welches beides er um kein Fürstenthum gern verloren hätte. — Er liebte, liebte vielleicht glüklich; die ernste Vernunft wagte es freilich wider diese Empfindung zu streiten, aber blieb gegen ihren Zauber zu schwach.

Florentin liebte die schöne Schwester seines Herzogs, die Prinzeßin Louise.

„Wehe Dir, Florentin!“ rief oft sein Genius ihm ins Ohr: „Deine Liebe wird schreklich enden. Warum schwindelst Du vermessen über Stand und Würden hinweg? Wie manches Mädchen, gleich schön, wie Louise, und ganz zur Liebe gebaut, wie sie, Dir im Range gleich, öfnet ihre Arme Dir entgegen? — Warum wählst Du von allen Wegen den Gefahrvollsten? — Dein Herabsturz wird eben so schreklich sein, als Dein Emporsteigen dir izt schmeichelhaft ist!“

Florentin hörte die Stimme des warnenden Geniusses; aber der dazwischen tönende Name Louisens füllte Ohr und Seele und lies für alles übrige keinen Raum. Jedes im Abendwinde zitternde Laub schien ihn zu lispeln; jeder Strahl des Mondes ihn auf die rinnende Welle mit Goldschrift zu mahlen; jedes Blumenbeet absichtlich in einem L. die schönsten Blumen blühen zu lassen.

Nein, nein, es ist nicht die Willkühr des Menschen in der Liebe, sondern die Hand des Verhängnisses, welche gewaltsam die Fäden unsers Schiksals zerreisst und an einander knüpft, und Seelen Seelen entgegenführt. Wer kann dem Fatum widerstehen, und besonders wenn dasselbe uns in so weiche Fesseln schlingt! — — Spreche doch keiner vom freien Willen; wer ist wohl frei in der Wahl eines zu liebenden Gegenstandes und frei, wenn er liebt, der süssen Leidenschaft zu entsagen?

Florentin, Dein schwarzer Dämon ruft Dir das Wehe! zu, ich spreche: Heil Dir, der Du izt in angenehme Träumerein verstrikt, die ganze Seeligkeit des Lebens fühlst, und in banger Wollust Freuden ahndest, welche die Freuden des Himmels begränzen. — Deinen trüben Stunden kannst Du doch nicht entrinnen!

Es war neun Uhr vorüber, und der Abend viel zu schön, als daß die rasche, feurige Louise sich schon in ihr Kabinet hätte einkerkern sollen. Ueberdies erfuhr sie durch ein Ohngefähr, daß der Graf von Duur im Schlosgarten geblieben sei, wo man ihn noch vor einer Viertelstunde gesehen haben wollte. Dieser Zufall hatte mächtigern Reiz, als alle übrige Lokkungen des schwülen Sommerabends. Einsam war sie; der Flügel des Palasts, den sie bewohnte, sties an den Garten, — nichts war hier also ein Hindernis um ungestört dahin fliegen zu können; und eine sonst unbescholtne Person ihres Ranges ist über niedrigen Verdacht erhaben.

In einem leichten Nachtgewande, eine Enveloppe um sich geworfen, ging sie hinaus;

Und wie ein Paradies, in rätselhafter Helle,

Lag ihren Blikken izt der Garten ausgespannt;

Ein süsser, wonnesamer Blütenregen

Schlug ihr im Zug der Abendluft entgegen.

Rings säuselts feierlich. Der Bäume schwarzes Grün

Lies sich auf Zefyrs Schwingen wiegen;

Von keinem Fus berührt, krümme sich in schönen Zügen

Der breite, sandge Pfad durch Hekken von Jasmin.

Von ferne murmelte, mit Golde überflogen,

Der prächtigen Fontainen halber Bogen,

Und in der Luft zerflos ein süsser Hall

Der einsam flötenden Nachtigall.

Schüchtern wie die Unschuld, wenn sie auf unbekannten, verrufnen Pfaden gehen mus, und eben so sorglos, als sie, trat die Prinzessin in dies angenehme Revier hinein, indem sie sich nach allen Seiten umblikte, den Geliebten zu entdekken. Bald wandelte sie im hellen Mondenschein, bald entwich sie in den Schatten der Orangerien und Hekken, je nachdem ein oder der andre Gedanke sie lenkte. Bald wünschte sie von ihm erblikt zu werden; es ist die sicherste Probe, dachte sie bei sich, wenn er dann durch Winkelzüge, oder grade Wege sich Dir nähert, ob Du Eindruk auf ihn gemacht hast. Weicht er aus, so — — doch nein, das kann er nicht! Aber wenn er es thäte? still, halt Dich verborgen, und lausche umher, bis er sich zeigt; dann spiele Dich ihm von ohngefähr in den Weg, daß er unmöglich entkommen kann. — Allein wird er nicht argwöhnen, daß — Du ihn aufgesucht habest? wird er nicht daraus schliessen, daß Du ihn liebest? — Pfui! doch mag ers immerhin, mag er dich verstehen, wenn er nur Gleiches mit Gleichem erwiedert! —

Indem sie so hin und her schwankte und bald durchs Dunkle und bald durchs Helle schlich, störte sie mit einemmahle ein sehr geringfügiger Umstand in ihren verliebten Betrachtungen — ein Strumpfband.

Dieses unbedeutende Stükchen in der Damenkleidung, welches schon so manche wichtige Rolle gespielt hat, und sogar schon Gelegenheit zu einem bekannten englischen Orden gab, wurde Louisens schönem Kniee treulos, löste sich mit jedem ihrer kleinen Schritte mehr auf, machte auch den seidnen Strumpf von seinem Dienste abspenstig, so daß beide ganz unbemerkt, und sanft, als möglich, über die niedlichste Wade hinabschlüpften, bis zum Knöchel hin.

Das liebeathmende Mädchen ahndete diese kleine Verrätherei so wenig, daß sie eben so unbefangen, als je, forttrabte. Allein ein buhlerischer Zefyr flatterte bald um die entkleidete Schönheit, und ein hervorragender Zweig der benachbarten Hekke, welcher wahrscheinlich noch nie die unverhüllte Wade einer schönen Prinzessin gesehen, schlang sich um dieselbe, und wekte durch seine kühle Umarmung Louisen aus ihren Ueberlegungen.

Sie sezte ohne Zaudern den Fuß auf eine dabei stehende Rasenbanke, schürzte das seidne Rökchen in die Höhe und war so eben im Begrif die kleine Unordnung wieder herzustellen, als — o weh! der Graf unverhoft aus einem mit hohen Hekken besezten Seitenweg hervortrat, und vor ihr, wie versteinert, stehen blieb.

Louise war eben so bestürzt, als der Graf, und war eben so wenig vermögend ihre Attitüde, so sehr sie auch gegen alle Decence stritt, zu verändern, als der Graf seine Augen von dem schönen, seltnen Schauspiel, von der weissen, sanftgeründeten Wade, von dem entblößten Knie, u. s. w. u. s. w. wenden konnte.

In allen Fällen ist ein solcher Auftritt zwischen einer Dame und einem jungen Manne mit mehreren Annehmlichkeiten, als Widrigem verknüpft, sobald wenigstens nur einer von beiden Theilen der Sache eine vortheilhafte Wendung zu geben weiß. Allein ob der Graf, welcher sich und die Prinzessin aus der peinigenden Verlegenheit retten wollte, sich hier zum besten nahm, laß ich unentschieden. Er lag nämlich nach einigen Augenblikken zu Louisens Füßen und — bat um Verzeihung sie überrascht zu haben.

Mögten alle Damen so tolerant sein, als hier es die unsrige war. Es ist doch einmal geschehen, dachte sie, er liegt nun einmal zu meinen Füßen, mein Knie meine Wade kann ich nicht ungesehn machen — folglich mag es ihm verziehen sein. —

Sie zupfte den Rok etwas tiefer hinab und sagte lächelnd: „Sie haben Ursach um Vergebung zu bitten!“

Liebe macht kühn, und das Halbdunkel der Nacht verwegen. Er drükte einen brennenden Kus der Dankbarkeit auf ihre Hand, welche sie, absichtlich ober nicht, wegzog, so daß seine Lippen auf dem Orte ruhten, welchen Band und Strumpf unbedekt gelassen hatten.

„Erlauben Sie mir doch nur das Band umzubinden!“ sagte sie in einem Ton, der gar nicht böse klang; allein der verzauberte Florentin gehorchte diesmal nicht, denn alle seine Sinne waren auf den Gegenstand seiner Küsse hingezogen.

„Sie werden mich aufbringen, Graf!“ sagte sie nach einer langen Pause, in welcher sie wohlgefällig auf den schönen Liebetrunkenen hinabgesehen hatte; „Sie werden mich aufbringen und ich mich über Sie beschweren.“ — — Diese Worte flossen schon viel schneller und klangen schon zorniger, obgleich noch immer die Stimme viel Bittendes hatte.

Schnell und besonnen sprang der Graf auf, stammelte einige Entschuldigungen und entfernte sich schüchtern indem er wieder in den Seitenweg zurükging.

Louise sah ihn nicht so bald verschwinden, als sie auf sich selbst böse ward, weil sie besorgte zu hart gesprochen zu haben. Sich selbst vergessend, das verhaste Knieband noch in der Hand, eilte sie zum Eingang des Nebenweges und rief ihn halblaut nach: „Kommen Sie doch her, Graf!“

Nie gehorchte Florentin lieber, als izt.

„Ich hoffe Sie werden die Achtung, die sie auch dem geringsten Frauenzimmer schuldig sind, nicht vergessen und weder Wort noch Wink von der vergangnen Szene fallen lassen. Daß Sie Ihre Bescheidenheit vergassen, vergeb ich Ihnen.“

Er konnte nichts hierauf erwiedern, als eine stumme, ehrfurchtsvolle Verbeugung.

„Geben Sie mir doch Ihren Arm!“

Er gab ihn. Die Hofnung regte sich wieder in ihm und lies ihn Muth fassen; doch wagte ers nicht sobald ein Wörtchen zu sprechen. Neben einer zürnenden Geliebten gehn, wie so quälend und doch wie so angenehm!

Beide wandelten, versunken in bangen Gefühlen der Liebe, schweigend durch die hin und wieder vom Mondschein durchbrochne Dämmerung der Alleen; beide schmachteten so lange nach diesem Augenblik, und izt entfloh er ungenüzt; beide wünschten sich ihrer Seele Geheimnisse zu entfalten und vermogten es kaum ein schaales Wetter Gespräch anzuknüpfen.

Louise. (leisen Tones) Ich hätte Recht auf Sie zu zürnen — aber — izt, glaub ich gar, sind Sie mir böse?

Graf. (ängstlich stotternd) Ich Ew. Durchlaucht böse sein?

Louise. Warum gehn Sie so stumm neben mir?

Graf. Ich weis nicht, ob ich darf — —

Louise. Weswegen nicht? — — Nicht wahr, es ist ein göttlicher Abend?

Graf. Ein göttlicher Abend! — es ist angenehm so in der Stille dieser einsamen Schlosgegend seinen Gedanken einen freiern Flug zu erlauben; sich aus einer Welt, die doch manches, — manches Bittre in sich faßt, mit Adlers-Flügeln emporzuheben und seine Seele in glüklichen Träumen zu erquikken.

Louise. Verzeihn Sie also, wenn ich Sie unschuldiger Weise darin störte. Ich weis es, es ist süs allein zu schwärmen, aber gesellschaftlich mit einer harmonirenden Seele diese geistigen Ausflüge zu wagen, ist zehnfach süsser. Ich bedaure Sie, Graf, daß Ihnen heut die Gesellschafterin fehlt, wohl gar durch mich.

Graf. Mir fehlt, und durch Sie? Ich bitte um Verzeihung, sie hat mir nie gefehlt und heut just am wenigsten.

Louise. Es ist wahr, wie könnte sie jemals fehlen, da eben sie gewöhnlich, vielleicht auch bei Ihnen, den ganzen Himmel ausmacht, zu dem sich die empfindsamen Werthers hinanschwärmen.

Graf. (etwas bedeutend) Halten Sie mich für solch einen Werther?

Louise. Ihre Lotte wenigstens ist mir nicht unbekannt.

Graf. Meine Lotte? Sie scherzen.

Louise. (sanft) Scherzen? nein doch, ich bin sehr ernsthaft, oder es wäre denn, daß die ganze Stadt scherzte.

Graf. (verwundert) Die ganze Stadt?

Louise. Was hilft hier allen Läugnen? kurz gestehen Sie nur:

Der Liebe süsses Bildnis

Umschwebt uns im Elysium,

Umschwebt uns in der Wildnis.

Graf. Ich bitte um Aufschlus dieser ewigen Räthsel?

Louise. Wie Sie sich doch verstellen können! — nu, der Aufschlus sei eine Gratulation zu Ihrer, ich hoffe sehr baldigen, Vermählung mit dem schönen Fräulein v. Hello.

Graf. Dem Fräulein v. Hello? Ihr Spott ist bitter. Wenigstens hab ichs nie gewagt meinen Stolz zu dem Besiz dieses Fräuleins hinanschwindeln zu lassen.

Louise. Vielleicht sind Sie ein Freund der platonischen Liebe.

Graf. Ohne der Tochter eines Geheimerathspräsidenten wehe zu thun, kann ich betheuren, niemals eine Liebe mit ihr geträumt zu haben.

Louise. Sie werden zu ernsthaft. Ich will glauben daß mich ein falsches Gerücht getäuscht habe; will es, wenn Sie es fodern, mir sogar einbilden, daß Sie ein erklärter Feind der Damen sind. — —

Graf. Vielleicht wäre lezteres allenthalben möglich, nur aber unmöglich an einem Hofe, an welchem eine Prinzessin Louise glänzt.

Louise. Schade daß die Prinzessin Louise den geliebtern Namen einer Unbekannten verkappen muß!

Graf. Die mir gewiß eben so unbekannt, als Ihnen, ist.

Louise. Meine, vielleicht nur durch den Rang erhobne, Wenigkeit wäre in der Residenz also nur die Einzige?

Graf. (ihren Arm dichter umschliessend) Nur die Einzige!

Louise. Wahrhaftig, Graf, sie treiben Ihre Galanterie auf Unkosten der ganzen Damenwelt zu weit. — Sie haben doch wahrscheinlich schon geliebt?

Graf. O, der Name Liebe begreift viel in sich! doch so ganz geliebt, was sich lieben nennen läßt, noch nicht.

Louise. Sie bürden meiner Leichtgläubigkeit zu viel auf. — Und Sie kommen hieher an den Hof, wollen hier noch keinen Gegenstand Ihres Gefühls gefunden haben — nennen mich noch als den einzigen — —

Graf. Der von allen — — allen geliebet wird.

Louise. Das Wort Liebe, faßt viel in sich, bedenken Sie ihr Gesagtes wohl!

Graf. Vielleicht wäre: angebetet besser gesprochen.

Louise. (indem sie um sich her sieht) Aber, Graf, wohin haben Sie mich geführt? Mir graut in dieser Wildniß, lassen Sie uns nach dem Schlosse zurükgehn.

In der That waren beide jezt in einem zum Schloßgarten gehörigen Wäldchen, das allein für die Schwärmereien der Liebe oder Andacht da hingepflanzt zu sein schien.

Vor ihren Füßen dehnte sich ein kleines Thal; dessen Anhöhen von allen Seiten mit hohen und niedern Gebüschen bedekt waren. Zur rechten hob sich im Schimmer des Mondes eine Eremitage, auf deren mit Tannenreisern bestreutem Giebel ein Kreuz glänzte.

Eichen, Fichten und Eschen sumsten im Abendwinde feierlich ihre eintönige Melodie; eine Nachtigall hüpfte im nahen Hollunderbusche von Zweig zu Zweig und sang den Gesang der Liebe.

Der Graf und die Prinzessin standen still, beide einander gegenüber, Auge in Auge gesenkt, Hand in Hand geschlossen. — Sie verstanden sich. Der Graf fühlte Louisens Liebe in dem sanften Druk ihrer Hände, welche halb die seinigen einschlossen; ein leiser, kaum gewagter Gegendruk verrieth an Louisen Gegenliebe. Sie sprachen nicht; ihre Blikke waren getreuere Dollmetscher ihrer Empfindungen. — Florentins Odem flog immer schneller; sein Herz schlug heftiger; es wurde ihm alles zu eng. Louisens Busen stieg und sank, von der süßen Leidenschaft empört, welche sekundenweis durch Einsamkeit und Anschaun des schönen geliebten Jünglings wuchs.

Ein halbunterdrükter Seufzer entschlüpfte ihr; sie lehnte sich vertraulich an den Grafen und sprach mit lispelnder Stimme, indem sie mit unnennbarer Anmuth zu ihm heraufsah: „ich bin ermüdet!“ Duur breitete ein seidnes Taschentuch über ein benachbartes Bänkchen und nöthigte sie zum Niedersizzen. Die Banke, durch Alter und mannigfach Witterung vermorscht, war nur halb zum Gesäß tauglich, und ließ dem Graf keinen Platz übrig. Er sezte sich also auf die Erde zu Louisens Füßen nieder, ergrif ihre Hand und ließ die seine auf ihrem Schooße ruhen.

„So saß ja wohl Hamlet, hub sie lächelnd nach einer Weile an, neben Ophelien?“

„„Eben damals, erwiederte Duur, eben damals als er sagte: hier ist ein Magnet der stärker zieht. — Oh, daß ich nicht Hamlet bin, oder was er war!““

„Warum?“

„„Ihnen statt dieser Bank einen Thron anbieten zu dürfen.““

„Wahrhaftig, die galanteste Naivetät, welche mir je vorgekommen ist. Aber wie wenn ich, zufrieden mit der Bank, den Thron ausschlüge?“

„So wäre auch ein königlicher Thron für Sie nicht belohnend; der Kaiser mag es mir daher in Gnaden vergeben, wenn ich seinen Thron Ihnen feil biete.“

„Graf, Graf, warum sind Sie so verschwenderisch mit Königreichen, und warum erlauben Sie mir nicht das schmale Plätzchen dieses Bänkchens? Macht denn Titelpracht und Goldglanz seelig? Das sollten Sie doch wissen, wenigstens von mir nicht glauben. Sehn Sie, diesen schönen Abend, die reinen Empfindungen welche in mir die lieblichste Stimmung der Seele hervorbrachten, und diesen Siz, vor welchem sich mir die reizendsten Naturszenen entfalteten, würd’ ich um den Namen einer Königin nicht vertauschen.“

„Wie glüklich Sie sein müssen mit solch einem Herzen! und wie glüklich wär ich, wenn ich mir schmeicheln dürfte, auch ein Etwas zu Ihrer Zufriedenheit beigetragen zu haben. — Darf ich hoffen?“

„Vielleicht!“

Unter diesem Gespräche hatte Duur Louisens Hand in die seinen geschlossen; er drükte sie oft an seine Lippen, und die Prinzessin duldete es.

„Könnte Sie der vorige Wunsch nicht glüklich machen, so würd’ ichs wagen ihn umzukehren: wären Sie doch minder erhaben, wenigstens mit gleicher! ach, dürfte ich die Durchlaucht mit dem süssern Namen Louise verwechseln!“

„Ein Wunsch der mir schon der Neuheit willen gefällt. Ich weis nicht ob er mich glüklicher machen würde; wäre es indessen bei Ihnen der Fall, so kann ich ihn Ihnen leicht gewähren. Nennen Sie mich immerhin da Louise, wo uns kein fremdes Ohr belauscht.“

Florentin. (schwärmerisch zu ihr hinanblikkend) Louise, o Louise, Louise!

Louise. (lächelnd) Ein sonderbarer Geschmak der sein Vergnügen in der Ausrufung eines leeren Namens findet.

Florentin. O nicht wahr, Sie sind nur Louise; nicht mehr, nicht jezt die Schwester eines Herzogs — nur allein, die sanfte, liebenswürdige Louise sind Sie?

Louise. (den Blik von der Seite wendend) Nun ja, ich will es ja sein!

Florentin. Hören Sie izt, schöne Louise, ein Bekenntnis, welches die Fürstin, die herzogliche Schwester nicht wissen darf — ich verehre die Prinzessin mehr, als einer ihrer Unterthanen, aber — LouisenLouisen liebe ich. —

Louise. (die Hand zurükziehend) Graf!

Florentin. (sie wiedernehmend) O, Louise, hat es die Prinzessin gehört, was ich Ihnen nur sagte.

Louise. Graf!

Florentin. Wird die Fürstin zürnen, daß ich — Louisen liebe? —

Sie antwortete nicht, so gern sie wollte. Duur lag auf seinen Knien vor ihr; sie starrte ihn mit schwimmenden Augen an, und neigte ihre Stirn gegen die seine.

Ihre linke Hand ruhte auf seiner Schulter, die rechte hielt er fest in die seinige geschlossen; Er wartete einer Antwort entgegen und sie kam nicht. Seine Lippen berührten ihre Wangen — er küßte — und fühlte einen leisen Gegenkus. —

Amor siegte und schwang sich lächelnd über das liebende Paar empor; er sah eine Prinzessin in den Armen eines Grafen liegen, und das wollustathmende Mädchen und der liebeglühende Jüngling kannten keinen Rang, keinen Unterschied.

Gefühllosen Seelen würd ich mit dem Ausmahlen dieser glüklichen Situazion Langeweile erregen, und denen, die glüklich geliebt haben, oder noch lieben, rathe ich, um mir Raum zu ersparen, ähnliche Szenen die sie selber empfanden, dieser unterzuschieben.

Es wurde später. Berauscht an allen ihren Sinnen merkten sie nicht den Anzug der Mitternachtsstunde; nur das Ohngefähr einer dem Mond vorübergleitenden Regenwolke, die plözlich daraus entstehende allgemeine Düsternheit scheuchte die Prinzessin in ihrem Liebestaumel auf.

Florentin war indeß Meister von dem Strumpfbande geworden, welches Louise noch immer in der Hand gehalten hatte. Sie verlangte es zurük, Duur aber versagte es schmeichelnd; er bat es sich als ein theures Angedenken dieses Abends aus, oder wünschte es mit eignen Händen selber dem schönen Knie umwinden zu dürfen, dem es zugehörte.

„Behalten Sie es denn, sagte sie, bis ich Ihnen eine Stunde bestimme, in welcher ich Ihnen auch das leztere erlauben werde.“

Und sie schieden auseinander.

Sechstes Kapitel.
Ein sonderbares Phänomen.

Eine Woche verstrich nach der andern, ohne daß die Prinzessin die seelige Stunde angab, nach welcher Florentin izt seufzte. Inzwischen konnte sie ihre Liebe dem Hofe wenig verbergen; jedes Fest, in dem der Graf mangelte, war für sie ennuiant; nur seine Gegenwart erhöhte ihren Reiz, ihre Lebhaftigkeit, ihre fröhliche Laune.

Am Herzoglichen Hofe hielt sich um diese Zeit Prinz Moriz auf, ein appanagirter Herr, der ehemals einer kriegführenden Macht im Felde gedient hatte.

Sein Aeusseres entsprach dem Innern vollkommen. Denken Sie sich, meine Leser, einen langen hagern Mann, der in den Zeiten des Faustrechts höchst wahrscheinlich eine glänzende Epoche gemacht haben würde. Er hatte grosse graue Augen, die sich gewöhnlich so majestätisch von der Seite wälzten, daß man Geld dafür gegeben hätte, die Majestät der Augen nie gesehn zu haben. Sein Gesicht war braun und von starken, groben Zügen; seine Nase bei den Augenwinkeln tief eingebogen; seine Stirn klein, und von einigen Büscheln schwarzer Haare überschattet. Seine Stimme rauh und herrisch.

Er hatte eine geraume Zeit in Italien gelebt und sein Karakter einen merklichen Anstrich von dem der Italiäner gewonnen. Er war tükkisch, und verschlagen. Sanfter Empfindungen war seine Seele selten gewohnt; einen vollen Pokal und ein Freudenmädchen nannte er die Seeligkeiten des Friedens.

Und eben dieser Mann spielte am hiesigen Hofe den Liebhaber der Prinzeßin Louise, aber, wie es sich leicht ahnden läßt, äußerst unglüklich.

Der Kredit des Grafen von Duur bei der Prinzessin blieb ihm nicht unbekannt; ein einziger Blik, welchen sie nachläßig von der Seite auf jenen warf, war genug Morizens Argwohn zu entzünden, ein unbedeutendes Lächeln genug, seine Eifersucht in Flammen zu sezzen.

Plötzlich verwandelte sich der rauhe, wilde Moriz in einen Sanftmüthigen, Herablassenden. Er suchte die nähere Bekanntschaft des Grafen, liebkosete ihn, machte ihm fürstliche Geschenke, gab allen seinen Bitten Gehör, seinen Plänen und Rathschlägen Beifall.

Florentin fand sich durch Morizens Gnade geehrt, er suchte mit warmen Herzen der Huld dieses Prinzen werth zu werden; ja, er verweigerte es sogar nicht, um Morizen ganz gefällig zu leben, sich unterweilen mit demselben ein Räuschchen zu trinken.

Moriz hatte nicht umsonst diese auffallende Metamorphose mit sich vorgenommen, war nicht umsonst wider seine Natur zuvorkommend, schmeichelnd gegen den Grafen geworden; er suchte gewisse Absichten durchzusezzen, welche noch jedermann unbekannt waren; suchte besonders bei einem Saufgelage vors erste Florentinen um gewisse Geheimnisse zu bringen, um welche nur dieser allein und die Prinzeßin Louise wußten.

Das lezte schlug fehl. Florentins Weinrausch war zänkisch und verwegenartig; Der Prinz mußte demnach andre Mittel ersinnen den schönen Nebenbuhler sich durch sich selbst verrathen zu machen. Eine fürchterliche Gefahr schwebte über Duurs Haupt; er sah sie nicht, sondern taumelte aus einem Arm der Freude in den andern.

Sein guter Dämon zeigte sich ihm abermahls; er warnte und warnte zum andernmahle vergebens.

Florentin ging nämlich eines Abends aus dem Schauspielhause nach seiner Wohnung zurük, als ihm in einer schmalen, menschenleeren Gasse ein Kerl in den Weg trat.

„Sind Sie der Graf von Duur?“

Ich bins. Was ists?

„Im Namen des bekannten Ludwig Holder diesen Zettel an Sie.“

Florentin nahm das Papier und in dem Augenblik war der Ueberbringer verschwunden.

Der Graf stand bestürzt da, das Billet unbeweglich in der Hand haltend. Der Name Holders betäubte ihn mit Freude und Schrek; er wollte den Briefträger zurükrufen, dieser aber war schon längst entwischt.

Er ging, oder flog vielmehr nach seinem Hause, erbrach den Brief mit zitternden Händen und las mit dem größten Erstaunen folgende Zeilen.

„Graf!“

Im Namen des Euch wohlbekannten Ludwig Holders von Sorbenburg erinnern wir Euch. — Hütet Euch vor den Nachstellungen des Prinzen Moriz noch mehr vor der Liebschaft mit einer wollüstigen Prinzeßin! Im Namen Ludwig Holders von Sorbenburg

Florentin las das Briefchen drei, viermahl, und gerieth immermehr in Verlegenheit. Er legte das Blatt langsam vor sich nieder; sank in einen Sessel; schlos die Arme in einander und suchte sich seiner quälenden, ängstlichen Verwirrung zu entreissen.

Bald fiel er darauf, daß sich Holder wo nicht in der Residenz, doch gewis in der Nähe derselben aufhalten müsse; aber dieser Einfall hatte zu viel Unwahrscheinlichkeiten wider sich, um Glauben zu erhalten.

Und doch im Namen des wohlbekannten Ludwig Holders! — Vielleicht hatte jemand einen Scherz mit diesem Namen treiben wollen, den Grafen zu erschrekken. Aber das Erschrekkende lag ja nicht ist Holders Namen, sondern in dem Mitwissen um eine Liebe, welche Florentin selber als das heiligste Geheimnis betrachtete, und vor der er jezt von dem oder denen Unbekannten gewarnt wurde. Und Prinz Morizens Nachstellungen! — Hier war für ihn eben so viel Licht, als Nacht.

Er rieth lange hin und her, wer der Schreiber des Zettels sein könnte, aber errieth es nie. Sorgenvoll legte sich der Graf zu Bette; sorgenvoll stand er am folgenden Tage wieder auf.

Er beschlos endlich dem unbekannten Warnenden eine schriftliche Antwort zuzuspielen, welche er zu dem Entzwek immer bei sich führte; er unterlies nicht oft am Tage und des Abends die bekannte Strasse zu durchtraben, in der Hofnung, daß sich wieder einmahl der Bote des Unbekannten sehen lassen würde, er besuchte sie aber acht Tage lang ohne Frucht.

Die Zeit verwischte endlich all die ängstlichen, wenn auch wohlthätigen Besorgnisse aus Florentins Seele; er war nach kurzem wieder derselbe Heitre, Harmlose, Liebende; nur, daß er Morizen, troz aller wiederholten Liebkosungen desselben, zu fürchten anfing.

Der Prinz beobachtete diese Veränderung des Grafen mit schlauem Auge und änderte diesemnach auch manches in seinen Plänen.

Siebentes Kapitel.
Eine Schäferstunde.

Es war spät des Abends; das Fräulein von Gülden sas noch einsam auf ihrem Zimmer in düstre Schwermuth vergraben und las. — Des kleinen Gustafs Bildnis lag vor ihr, sie sah es oft mit nassen Augen an und las weiter:

„Unsre Seelen liebten sich. Seelenschönheit verwischt nicht der Thränenschleier des Grams; welkt nicht in den Händen der Jahre, stirbt nicht auf Todtenbaaren mit der verwesenden Hülle. Ewig ist ihre Schönheit und ewig ihre Liebe. Des Lebens Strauch verduftet bald und welkt, aber mit dem Leben verblühen noch nicht die Hofnungen unsrer Liebe. — — Vorangegangen bist Du, o wäre ich mit Dir! — Hand in Hand mit Dir zum Tode; Leiche an Leiche mit Dir zum Grabe, Verklärung neben Verklärung dereinst am Tage des Weltgerichts!“

„Oh!“ rief das Fräulein schluchzend aus, indem sie sich von ihrem Stuhle erhob: „es ist zuviel! — Gustaf! Gustaf und Florentin v. Duur! ich habe euch geliebt, und unglüklich geliebt! — Ich bin doch nicht so sehr häslich, mein Spiegel müßte mir denn schmeicheln, meine Freunde müßten lügen, — und doch bin ich unglüklich und Liebe wird mir nicht mit Liebe vergolten. Armes Mädchen, wohl Dir, wenn Du unter der Erde ruhst, wo kein Harm Deinen Frieden stört, wo keine Thränen über Deine Wangen herabbrennen, wo Du vergessen von allen liegst, und Du alle und alles vergessen hast, wo Du den, welchen Du Dir zur Liebe auserwähltest, nicht Deiner Nebenbuhlerin zuführen darfst!“

Jezt störte sie das Klingeln der Prinzessin, sie troknete ihre Augen und ging mit verstellter Heiterkeit zu Louisen.

„Aber sag mir, liebes Mädchen,“ rief ihr diese beim Eintritt in das Zimmer entgegen; „Du siehst ja immer blässer und kränklicher? — Was ist Dir? Ich habe Dich zu meiner geheimsten Vertrauten gemacht, erwiedre mir Gleiches mit Gleichem!“

Frl. v. Gülden. Sie quälen sich mit vergeblichen Sorgen, theure Prinzeßin; mir ist wohl, sehr wohl. Vielleicht daß eine kleine Unpäslichkeit — —

Louise. O die wandelt bald vorüber. — Wieviel ist die Uhr?

Frl. v. Gülden. Auf dem Schlage eins; es liegt alles im Schlosse in dem festesten Schlummer.

Louise. Desto besser! herrlich! — Tummle Dich liebe, beste, einzige Auguste; Duur kann nicht mehr lange verzögern, er mus gleich da sein. — Hurtig geh, und besonders sieh von unten nach meinen Fenstern, ob das Licht durch die herabgelassnen Gardinen sichtbar wird. — — Verriegle das Pförtchen nachher wohl!

Das Fräulein ging und harrte des Glüklichen an einer abseitsgelegnen Thür. Es verging eine Viertelstunde, ehe er erschien, und tausend schwermüthige Gedanken durchkreuzten indes ihre Seele.

Im Thurm der Schloskirche schlug es endlich ein Uhr, und von fernen her wankte eine Gestalt, immer näher und näher.

„Er ists!“ sagte das unglükliche Mädchen bei sich selber und zitterte. „Er ists! — o daß er nie gekommen wäre! Doch nein, Louise würde unglüklich sein, und ich vielleicht nicht glüklich! — — Mag er doch kommen, ich will leiden und dulden!“

Florentin schlich im Mondschatten, an den Mauern entlang, näherte sich der Pforte, sah die weisse weibliche Gestalt, hielt sie für die Prinzessin selber und flog an ihren Busen.

Beide wagten es nicht zu reden; er bestürmte sie mit Küssen, sie bebte in seinen Armen, wagte kaum den leisen Gegenkus, sondern strebte zurük, und offenbarte ihm die Täuschung.

Er erschrak, bat um Verzeihung; aber sie lächelte unter Thränen, führte ihn, indem sie zitternd seine Hand faßte, durch verschiedne dunkle Gänge und verschiedne Treppen hinauf zum Gemach der Prinzessin.

„Hier,“ sagte sie mit gebrochner Stimme: „treten Sie hinein. —“

Er ging. Sie eilte auf ihr Zimmer, warf sich lautweinend auf das Lager und klagte.

„O Duur!“ — „O Louise!“ riefen sich die Liebenden entgegen und stürzten einander in die Arme.

Nie war Louise schöner gewesen, als in diesem Augenblik; und nie war ein Frauenzimmer reizender zu den Freuden der Liebe geschaffen, als sie. Ihren schlanken Wuchs, ihren schöngeformten Busen wußte sie durch die Magie der geschmakvollsten Bekleidung doppelt schöner zu bilden.

Ihr lichtbraunes Haar, angenehm derangirt, flos in lieblicher Verworrenheit über den schönen Hals und die schmalen Achseln herüber. Den Busen wußte sie schlau hinter den nachlässig umgeworfnen Flor, so zu verstellen, daß seine Schönheiten mehr verrathen, als verberget wurden. Um ihren Leib schmiegte sich ein leichtes, tafentnes Korsettchen;

Nie wird die Bildnerin Natur

Ein göttlicher Modell zu einer Venus bauen,

Als diesen Leib. Sein reizender Contour

Flos wellenhaft, dem feinsten Auge nur

Bemerklich, zwischen dem genauen

Und überflüßigen, so weich, so lieblich hin;

Schwer wars dem kältsten Josefssinn

Sie ohne Lüsternheit und Sehnsucht anzuschauen!

Das leichte, flüchtige Rökchen wogte bei jeder Bewegung auf, oder schmiegte sich so dicht und ungefaltet an, daß man ohne Fleis die glatteste Ründung der Schenkel errathen konnte.

So jung, so schön, so ganz aus Liebeszunder

Gewebt, wer kann sie sehn und nicht vor Sehnsucht glühn?

Wo sah man je so frische Wangen blühn,

Je Augen funkelnder und Lilienarme runder?

Dicht in einander verschlungen, der Geist, aufgelöst im reinsten Entzükken, hingen sie sprachlos um sich.

„O Gott!“ sagte Florentin: „daß ich je so seelig werden konnte — ich hätte es nie geträumt! Louise, Louise liebt mich!“

„Sprich leiser, Brausender!“ erwiederte sie mit einem unnachahmlich süssem Ton: „Ja, Louise liebt Dich! — und Du — —“

„Ob ich Dich liebe? Einzige, ob ich Dich liebe?“

Er antwortete mit Küssen, und zog sie neben sich auf einen Sofa nieder.

Florentin. O dies Strumpfband, (indem er es hervorzieht) sei mir eine ewige, heilige Reliquie!

Louise. Dein Recht daran ist izt verfallen. Ich fodre es zurük.

Florentin. Nein, ich kann es nicht wiedergeben.

Louise. Wie leicht könnte unsre Liebe dadurch verrathen werden! eben das Band, das uns zusammenführte, würde uns auch wieder trennen.

Florentin. Trennen?

Louise. Gesezt es verlöre sich aus Deinen Händen. Mein Name ist darin gestikt, und mehrern bekannt; denn das Fräulein v. Gülden ist die Weberin desselben, sie zeigte es schon vorher vielen Freundinnen, ehe sie mirs zum Geschenk brachte.

Florentin. Ich will es unter drei Schlössern verwahren!

Louise. Dein eigner Stolz würde die drei Schlösser wieder zerbrechen, was vielleicht keine Gewalt des Diebes vermögte. Oh, ich weis es, wie sehr es euch, ihr jungen süssen Herrchen, küzzelt, mit den Trophäen zu prahlen, um die ihr die armen, besiegten Weiber geplündert habt. — Und Dir, lieber Graf, würde ich es kaum verdenken, wenn Du endlich der Versuchung unterlägest; denn eine Prinzeßin besiegt zu haben, ist zu schmeichelhaft.

Florentin. (ernsthafter) Und so verkennt mich Louise selber?

Louise. Ich lasse nicht ab. Ich verlange es zurük; es sei unter welchen Bedingungen es wolle, ich verlange es zurük. — Willst Du daß ich Dir tausend freiwillige Küsse dafür gebe?

Florentin. (sie sanft an sich drükkend.) O, Louise, die erhalt’ ich umsonst!

Louise. Fodre.

Florentin. Wohl, ich gebe es. Aber darf ich es selber um seine Stelle binden?

Louise. (schamhaft zurükstrebend.) Beileibe!

Florentin. (schmeichelnd) O doch!4)