Der Kampf der Liebe begann — — —
Mit immer wilderm Ungestüm
Umschlingt er sie, und sie, so seelig und beklommen,
Ach! sie verweigert ihm,
Was er vorher mit leichter Müh genommen.
Und beiden, übermannt von süsser Lust
Wallt enger, immer enger nun die Brust,
Mit zärtlich schwimmenden Blikken sehen
Sie sich einander an, und weigern stumm und flehen.
Verloren in entzükkenden Gefühlen,
An Arabellens Brust, ruht Lyonnel geschmiegt;
Er wagt es kühner schon in seltnern Reizen zu wühlen,
Und unbekannt in Amors schlauen Spielen
Fühlt sie sich zwar zu früh, doch gern besiegt.
Sie giebt den Kuss zurük — er zupft indes den losen
Durchsichtigen Schleier hinweg, der ihren Busen umfliegt;
Küßt bald den lanen Schnee, und bald der jungen Rosen
Geheimes Paar, das sich auf Marmorhügeln wiegt.
Sie kämpft, doch ach! ihr Kampf führt schneller nur zum Ziele,
Das ihm die Liebe vorgestekt.
Ermattet schwankt sie. Er erwekt
Die Reizende zum wollustvollerm Spiele!
Und, o! der keusche Gürtel schlingt
Sich selber auf — die arme Tugend ringt
Zum leztenmahle und erlieget,
Von ihrem schönen Feind besieget.
Allmählich schwimmt der Kahn des Mondes seinem Porte
Gen Abend näher zu, und immer blässer strahlt
Er auf die Erdenwelt: Aurorens Morgenpforte
Eröffnet sparsam sich und hin und wieder mahlt
Ein Wölkchen sich in ihrem Rosenschimmer
Als unser liebend Paar, noch immer
Im süssen Rausche dicht verschränkt,
Nicht an den herbern Scheidekus gedenkt.
Doch Arabell’ ermannte sich des halben Schlummers
Zuerst mit lieblicher Verworrenheit
Und suchte ihren Puz, der überall zerstreut
Am Boden lag, voll jungfräulichen Kummers;
Wand hocherröthend dann um ihren schlanken Bau
Das Gürtelband; Herr Lyonnel indessen
Verhüllt’ den Busen ihr, doch wußt’ er schlau
Noch hie und da ein Küschen hinzupressen
Sie standen endlich da, und sahn
Sich beide bald mit schwimmenden Blikken an
Bald auf das Bett, bald auf den Boden wieder,
„Ach, Lyonnel, was haben wir gethan!“
Seufzt tief das holde Kind und schlägt die Augen nieder,
Und spielt gedankenvoll an ihrem losen Mieder:
„Daß wir just heute uns und hier uns sahn —
O Lyonnel, was haben wir gethan!“
Eine in der Lage sehr gewöhnliche Frage der Damen; hätte lieber manche manchen gefragt: „o Lyonnel, was wollen wir thun?“ es wäre vielleicht besser gewesen; doch das ist zu ungewöhnlich!
Was unser liebendes Paar betrifft, so dient zur Nachricht; daß sie sich bald zu trösten wußten, und Freund Florentin wohlgemuth zum Nebenpförtchen hinaus, nach Hause schlüpfte, ohne von einem Auge bemerkt zu werden.
Duur war noch in mehreren Nächten bei Louisen glüklich, ohne daß der Hof etwas davon erfuhr; und um sich dieser Liebe ganz würdig, seinem Herzog sich immer werther, beim Volke sich immer beliebter zu machen, unternahm er izt eine für das ganze Land interessante Arbeit; nemlich Druk- und Denkfreiheit einzuführen.
So lange der Minister von Hello am Staatsruder gesessen hatte, durfte kein Buchhändler es wagen aufklärende Schriften über Religion und Staat zu verlegen, kein Prediger auf seinem heiligen Lehrstuhl nur auf gute Werke und rechtschafnen Lebenswandel dringen, ohne den alten, theologischen Wort- und Sach-Schlendrian beizubehalten, keine öffentliche Schulanstalt eine Reformazion in Rüksicht des Unterrichts, der Bildung jugendlicher Herzen, und äussern Sitten vornehmen. Ja, mancher ehrliche Mann, der hier zum Besten seiner Untergebnen, dies und das geändert hatte oder geändert wissen wollte, verlor durch Hello’s Orthodoxie Amt und Brod und Ehre.
Der Graf unterfing sich vieles, besonders da er den Geheimerathspräsidenten schlechterdings wider sich hatte; allein da er das Herz des Fürsten in seiner Hand trug, hofte er mit leichter Mühe durchzudringen, und er freute sich schon im Stillen dieser guten That.
Allein ehe wir ihn zu diesem Werke begleiten, wollen wir vorher Theilnehmer an einer großen Freude in dem ländlichen Wohnsiz des alten Grafen von Duur sein.
Dieser sowohl als sein Rikchen versüßten sich die Tage ihrer Einsamkeit wechselsweis, so sehr sie es vermogten. — Holder wurde noch eben so warm und so innig geliebt, als ehmals, aber sein Verlust doch minder betrauert. In der Dämmerungsstunde des Abends, wenn beide entweder in ihrem Zimmer saßen, und von den kleinen Tagsgeschäften ausruhten, oder den Sonnenuntergang von einem Hügel beschauten, oder wenn sie am Kaffetische beisammen waren, erzählten sie sich einander von dem geliebten Sonderling; jeder kleine Umstand von ihm war ihnen merkwürdiger, als der Untergang eines großen Staates; jedes Wort, was er einmal gesprochen hatte, wurde von ihnen mit freundschaftlichen Anmerkungen wiederholt; jede Handlung von ihm war der Stof eines stundenlangen Gesprächs.
Wie die Reliquien eines Heiligen verwahrte Rikchen alles, was von Holdern herrührte, alles, dessen er sich sonst vorzüglich bedient hatte. — Sie erinnerte sich, daß er seinen Kaffe gern ungezukkert trank; flugs ahmte sie ihm nach, so schwer es ihr anfangs auch wurde, und zulezt glaubte sie selber festiglich, daß das ungesüßte Levantegetränk süßer schmekte.
Auch Florentins Glük am Hofe machte sie froh, und der alte, gute Onkel bildete sich vorzüglich viel auf seinen weit über ihn erhabnen Neffen ein. Der ganze benachbarte Landadel suchte izt die Freundschaft des gutmüthigen Alten, keine Lustparthie wurde angestellt, von welcher nicht er und seine schöne Nichte Theilnehmer waren. Allenthalben räumte man ihm die erste Stelle ein; sprach er, so schwiegen die übrigen und hörten ihm zu.
„Onkel! Onkel! ein Brief!“ rief Friedrike eines Tage überaus freudig, indem sie in den Garten hereinhüpfte, wo der alte Herr sein Pfeifchen unter einer Jasminlaube dampfte.
Der Greis lächelte sanft und fragte: „worüber freust Du Dich, närrsches Mädchen?“
„Ich weis es nicht; mir ist so wohl!“ antwortete sie und flog den Garten wieder hinaus dem Postboten zu bezahlen und etwas gütlich zu thun.
Der alte Graf erbrach das Siegel — las und bekam an Händen und Füssen ein ungewohntes Zittern; er stand auf, warf die Pfeife hin, taumelte den Gang zwischen den Hekken entlang zur Gartenthür, winkte einem Bedienten, lies ihn das Fräulein rufen, und schwankte ausser sich der Jasminlaube wieder zu.
Ehe er sie erreicht hatte, stand Rikchen schon neben ihm, und fragte.
„Erst in die Laube!“ sagte er matt: „erst in die Laube, dann sollst du etwas hören!“
Sie traten endlich herein. Der Greis sank dem lieben Mädchen um den Hals, und küßte sie und lallte zu wiederholten malen mit Entzükken den Namen Holder!
Holder! Holder! Holder! rief Rikchen und küßte den Onkel, und sprang umher und jauchzte.
„Holder! ein Brief von Holder!“ mehr konnten beide nicht im ersten Ausbruch der Freude sprechen; sie fielen sich wieder um den Hals, küßten sich, und riefen den Namen Holder, mit bethränten Augen unzählige mal aus.
Nachdem der Rausch zum Theil verflogen war, sezten sie sich an ein Tischgen und der Onkel begann den Brief vorzulesen.
Bester, theuerster Herr Graf,
Ewig geliebte Friedrike!
Ich schreibe Ihnen aus der Mitte von Italien, aus dem kleinen republikanischen Gebiete S. Marino, um eine Pflicht zu erfüllen, die mir so heilig ist, und die eher zu vollbringen, bis izt noch unmöglich war.
Zürnen Sie nicht über mich, und über meine dem Schein nach absurde Aufführung; zürnen Sie nicht über meine plözliche Entfernung, welche, wie ich leicht errathen, und nachher erfahren habe, Sie in die unangenehmste Verlegenheit sezzen müssen. Halten Sie mich für keinen Sonderlingssüchtigen, für keinen Leichtsinnigen, für keinen Bösewicht! Ich bin das alles nicht, wenigstens gegen Sie nie gewesen. Ein Bösewicht handelt nie ohne Intresse, er wiegt seine Schurkereien gegen den dadurch zu hoffenden Gewinn ab, läßt nie das Gewisse fürs Ungewisse entschlüpfen. Und sagen Sie mir, welche Vortheile hätt’ ich wohl hier in Italien mit denen bei Ihnen zu vertauschen gehabt? O der Liebende vertauscht die Geliebte nicht gern, der Habsüchtige verliert sein Rittergut ungern! Eben so wenig verlies ich Sie, meine Lieben, aus Leichtsinn.
Der Flatterhafte handelte immer nach Willkühr, ich nach den Gesezzen des Zwanges. Hätten Sie mich doch früher ziehen lassen, vielleicht wär’ es uns allen besser gewesen! —
Ich sage, verurtheilen Sie mich nicht zu früh; es wird gewis eine Stunde schlagen, wo ich Ihnen einen befriedigendern Aufschlus über das Räthselhafte meines Betragens geben darf, wo Sie gern die zu früh gesprochne Verdammung zurüknehmen werden! — Für izt kann ich Ihnen zu meiner Entschuldigung nichts mehr sagen, als daß ich in gewissen Verbindungen stehe, welche in gewissen Stükken meinen freien Willen beschränken. Mir obgelegene Pflichten sind mehrentheils erfüllt, und ich sehe mit unaussprechlicher Sehnsucht dem Augenblik entgegen, welcher mir die Freiheit wieder schenkt, die vaterländischen Gegenden zu sehn, und mich Ihnen, vielleicht auf immer, in die Arme zu werfen.
Den Nachrichten zufolge, welche ich aus Deutschland empfangen habe, befinden Sie sich alle wohl, und Bruder Florentin klettert muthig am Hofe die steile Bahn des Glüks hinan. Unterlassen Sie nicht den jungen, feurigen Mann auf seiner schlüpfrigen Bahn unterweilen an Vorsichtigkeit zu mahnen, und besonders ihn für die Liebe erhabenerer Personen des andern Geschlechts zu warnen. Ich weis es gewis, daß ihn die Prinzessin Louise liebt, und daß er für ihre Schönheit eine gleiche Leidenschaft fühlt. Noch einmal: warnen Sie Florentinen, wenn Sie ihn behalten wollen!
Was mich selbst betrift: so lebe ich ein geschäftvolles, unruhiges, ängstliches Leben. Aber wohl mir, daß ich so glüklich bin, es zu können; es gilt das Wohl meiner Mitmenschen für welche ich arbeite; um des Glükkes einiger Tausenden willen, kann ich ja wohl ein Weilchen des Lebens Freuden entbehren! —
Und hab’ ich mich denn oft den Tag hindurch müde gearbeitet; so verlaß ich mein Zimmer, und trete aus meiner Wohnung hinaus in das freie Feld. Das Häuschen welches ich jezt, und zwar erst seit vier Wochen bewohne, denn vorher hielt ich mich einige Zeit in Neapel und in Rom auf, hat eine romantische Lage. Es ruht an dem Fuße eines Hügels, von einem anmuthigen Gebüsche verdekt. Zur Rechten sehe ich in der Ferne S. Marino. Wie gesagt, die Gegend ist schön, nur für mich nicht. Ich finde sie einförmig, traurig, die deutschen Winterlandschaften haben in meinem Auge ungleich mehreren Reiz, als die unter einem ewigen Frühling blühenden Felder von Italien.
Außer einigen abwechselnd zu mir kommenden Bekannten und zwei Kerln, welche mich bedienen, habe ich niemanden, in dessen Gesellschaft sich meine Seele aufheitern könnte. Ein niedliches braunes Mädchen aus S. Marino kam einstmals auf einem Spaziergange mit ihrem Vater in meine Hütte. Ihre unschuldige Unterhaltung ist das einzige Vergnügen gewesen, welches ich seit langer Zeit genossen. Nachmals besuchte mich die Marinerin noch einigemale und auch sie blieb dann aus. — Doch der Gedanke, Sie, meine Lieben, bald vielleicht zu umarmen, mag mir Erquikkung genug sein. Vergessen Sie mich nie, Ihren Sie ewig liebenden
Ludwig Holder.
Geschrieben im Landhause
bei Santo Marino.
„Nie! — nie vergessen!“ riefen der Onkel und Rikchen zu gleicher Zeit, nach durchlesnem Briefe aus, und wischten ihre Thränen vom Auge.
„’s ist doch ein braver, seelenguter Mann!“ sagte der tiefgerührte, alte Graf.
„Ja, aber die niedliche, braune Marinerin!“ hub das halb eifersüchtige, liebende Mädchen mit einer bedeutenden Miene an.
„I, Du kleine Närrin, meinst Du denn, daß in Santo Marino nicht auch hübsche Mädchen leben können?“
Florentin erhielt einige Tage darnach die Abschrift und einen Commentar dieses Briefes vom Oheim; aber seine Freude erreichte beiweiten nicht den Grad der Lebhaftigkeit, wie bei jenen guten Seelen. — An eben dem Tage, als er den Brief erhielt, war auch schon ein anderer im Namen Ludwig Holders eingelaufen, in welchem wiedrum von unbekannter Hand vor Louisens Liebe und Morizens Has gewarnt wurde. Das Schreiben schlos sich mit den Worten: „fürchtet nichts von uns, wir sind Freunde. Das von Euch in der wohlbekannten Nacht wiedereroberte Strumpfband der Prinzeßin Louise ist in sichern Händen aufbewahrt.“
Der Graf erschrak, ging zu seinem Schreibschrank, zog ein geheimes Kästchen hervor, schlos es auf und sah das Heiligthum verschwunden.
„Was ist das?“ sprach er in sich selber, indem er mit seinen Augen nach dem leeren Orte des Kästchens hinstarrte: „treibt man mit mir sein Spiel? herrscht hier Zauberei oder Spizbüberei? Wer hat mir und wie hat man mir dieses Band entwenden können? Alle Schlösser sind heil und an dem Holze ist keine Schramme zu erblikken. Wenn Geheimnisse selbst nicht mehr Geheimnisse bleiben können, mein Eigenthum mir nicht mehr sicher ist, so verwünsch ich das fröhlichste Leben. Und wer der diebische Unbekannte sein mag, oder die Unbekannten? — Es ist fatal! meine eignen Bedienten müssen mir treulos gemacht worden sein!“
So monologisirte der Herr Graf noch eine Weile hin; wurde immer unwilliger, und schlos damit, seine Bedienten fortan zu verabschieden. Es geschah; er nahm andre in Sold, unter denen sich besonders einer merkwürdig machte. Dieser hies Badner, ein alter Held von vierzig Jahren, von der ehrlichsten, biedersten Physiognomie wie auch mit den empfehlendsten Zeugnissen versehen, — der aber stumm war. Diesen Mangel suchte er durch sein gutes und schnelles Schreiben zu ersezzen. Er führte sich gleich im Anfange so gut auf, daß Florentin ihn mehr zu schäzzen anfing.
„Sind die Unbekannten“ dachte Duur: „das wofür sie sich ausgeben; sind sie brave Männer, so werden sie mit dem unglüklichen Strumpfbande keinen bösen Gebrauch machen. Sie mögen es immerhin behalten, wieder erzwingen kann ich es nicht.“
So sehr, als möglich, über diesen kritischen Punkt sich beruhigend, begann er nun seinem vorliegenden Ziele, in Rüksicht der Druk- und Denkfreiheit immer näher zu treten. Er hatte den Herzog schon seit eingen Tagen vorbereitet; noch schwankte derselbe ungewis hin und her, Florentin, unermüdet, ging auf Befehl des Herzogs, endlich wieder zu ihm.
„Nun,“ hub der Graf nach einigen allgemeinen Gesprächen an: „wessen haben sich Ew. Durchlaucht der bewußten Sache wegen entschlossen?“
Herzog. Offenherzig gesagt, noch bin ich eben so sehr dafür, als dawider; ein Beweis, daß dergleichen Reformazion für mein Land eben nicht von überwiegenden Vortheilen sein mus, und daß meine Unterthanen, auch bei ihrer izzigen Verfassung, zufrieden sein können.
Graf. Verzeihen Sie, wenn meine Gründe für Druk- und Denkfreiheit bei ihnen noch nicht die Gegengründe überwogen haben, so liegt nicht die Schuld in der Schwächlichkeit der erstern, sondern wohl mehr an mir, daß ich sie nicht genau und einleuchtend genug darstelle.
Ich rede mit einem denkenden Fürsten, welcher nicht glaubt, ein ganzes Volk sei für ihn, sondern er für das Volk geschaffen, welcher nicht glaubt, es sei Gnade von ihm, wenn er die Unterthanen glüklicher macht, sondern Pflicht; — eben deswegen werde ich so frei reden, als es die Liebe für das Vaterlandswohl fordert, und die Ehrfurcht es erlaubt.
Eine Nazion ist noch nicht glüklich zu nennen, so lange sie, bei der ansehnlichsten Wohlhabenheit ihrer Mitbürger, dumm, abergläubig, bigott ist. Dann ist ja nur erst ihre thierische Natur befriedigt, aber nicht die erhabnere, menschliche, und sie unterscheidet sich, wenn sie auch im Mittelpunkt Europens wohnt, durch nichts von den einfältigen Indianerhorden, als durch die größere Menge ihrer Bedürfnisse und Befriedigungsmittel derselben.
Herzog. Darin steh ich Ihnen bei, lieber Graf. Ein Fürst, welcher solch ein wohlgemästetes, einfältiges Volk beherrscht, verliert nicht viel, wenn man ihn mit irgend einem Nabob vergleicht.
Graf. Geistige und sinnliche Vollkommenheit macht hienieden unsre Glükseligkeit aus; beide müssen stets mit einander verknüpft sein, beide sind von stetem gegenseitigen Einfluß; doch ist der Einfluß geistiger Vollkommenheit ungleich größer auf das Wohl einzelner und vieler. Ein Sklav kann nie äusserlich glüklich werden; ein Volk ohne Geistesfreiheit eben so wenig. Der Monarch, welcher sein Volk um jede Freiheit bringt, es als ein Sklavengesindel behandelt, herrscht ungerecht, ist ein offenbarer, vom Volke nie zu duldender, Despot. Aber der Monarch, welcher den Geist des Volks fesselt, sich zum Beherrscher den Gewissens aufwirft, den Unterthan zum dummen Vieh erniedrigt, welcher Name gebührt dem? —
Ein freies, am Geist und äussern Wesen freies Volk wird sich nie wider seinen Fürsten auflehnen, welcher durch die ihm vom Volke ertheilte Autorität und durch Gesetze die ächte Nazionalfreiheit beschüzt; nur Sklaven empören sich.
Welches sind denn die herrlichen Früchte des Glaubenszwanges, des Verbots aller Neuerungen im Schul-, Prediger- und Schriftstellerwesens? Daß das Volk um ein Jahrhundert in der Cultur des Geistes und seiner reinen Vollkommenheit zurükbleibt? ein elender Nuzzen! — oder daß die Leute nach dem Tode von der Gottheit nicht verdammt werden mögten, weil sie hin und wieder die Religion ihrer Väter verbessert haben? — O, theuerster Herzog, wird das erhabenste, allgütigste Wesen den, mit so einem kleinlichen Gran der Vernunft begabten, Menschen strafen können, wenn er Menschensazzungen nach bessern Ueberzeugungen änderte? — Ist denn auch die Religion unsrer Väter unverbesserlich? ist es die reine unverfälschte Religion, wie sie Christus lehrte und wie er sie selber übte? Auch der orthodoxeste Theologe wird nicht glauben können, daß Christus göttliche Verehrung verlangt, Ewigkeit der Höllenstrafen gepredigt, oder andre Dinge geglaubt habe, davon wir in den Urquellen des Christianism keine Spuren finden, wovon wir im Gegentheil sicher wissen, daß es das Gemächte spätrer, an Glauben und Schwärmerei starker, an Einsicht und Scharfsinn aber schwacher Jahrhunderte sei. Christus eigne Religion und Symbolum war: „Liebet Gott über alles, und eure Mitmenschen, als euch selbst!“ Wer dieses Sazzes ganze Würde fühlt und durch praktische Anwendung desselben im gemeinen Leben beherzigt, der ist ein Christ, auch wenn er alle übrige Anhängsel spätrer Zeiten verwirft. —
Ich sage nicht, daß man darauf dringen solle, durch Edikte und obrigkeitlichen Zwang dergleichen hellere Begriffe einzuführen, dies wäre eben so ungerecht, als jezt, da das Gegentheil geschieht; sondern daß man einem jeden zu denken und zu glauben gewähren mögte, was er seiner Ueberzeugung nach, für denk- und glaubwürdig hält.
Ein aufgeklärter Mann wird sich selten zu groben Lastern herabwürdigen, öfters aber der unwissende, welcher durch ein andächtiges Abendgebet die Sünden des ganzen Tags gut machen zu können sich einbildet. Woher kömmt es denn, bester Fürst, daß sich ihre Landesuniversität noch so sehr vor vielen andern deutschen hohen Schulen durch Rohheit, Brutalität und Ignoranz der dasigen Studirenden auszeichnet? Daher, weil Denken und Geistesfreiheit in Ihrem Staate eine unbekannte Sache ist, weil Unwissenheit und Trägheit des Verstandes das Gefühl für wahre Grösse und Ehre verstimmt und die Mutter der Barbarei ist.
Doch vergeben Sie mirs, meine andächtigen Leser und Leserinnen, daß ich unsern Grafen hier seine Apologie für die Freiheit in Geistessachen so trokken hinschwazzen lasse, ohne zu bedenken, daß sie vielleicht da gähnen mögten, wo Florentin am nachdrüklichsten gesprochen zu haben meinte. Ueberdies kann ich auch unmöglich glauben, daß dies Buch von irgend einem gelesen werde, welcher die Sklavenkette seines Geistes liebte, welcher nicht von den zahllosen Vortheilen einer allgemeinen Aufklärung überzeugt wäre. Ich plauderte also unnüz; denn durch dieses Fragment einer Schuzrede für die Freiheit des Geistes werde ich unstreitig niemanden bekehren, wiewohl es mit Florentinen ein andres Bewandniß hatte; denn Fürsten mögen dergleichen Sachen gern etwas bequemlich überdenken.
Inzwischen gelob’ ich feierlich, mich nie über einem solchen Fehler wiedrum von den Lesern ertappen zu lassen, aber dafür sind diese auch so discret, mir noch eine kleine Plauderei für gut zu halten, sie mögen sie nun anhören, oder sich die Ohren verstopfen.
Das größte und eigenthümlichste Verdienst unsers Jahrhunderts ist, in Rüksicht der Religion und Wissenschaften, der allgemeine Geist des Selbstforschens, ein Verdienst, welches in den leztern manches System umwarf, und bei der erstern wichtiger ist, als die Stiftung einer neuen Religion. Dieser Geist des Selbstforschens ist der Vater der Aufklärung, deren Vortheile für die Menschheit so offenbar sind, daß es beinah unbegreiflich ist, wie man darauf fallen konnte, sie zu hassen.
Theils ein unbekanntes, doch gewis sehr nichtiges Intresse der Grossen, theils eine unmässige Vorliebe für die Klugheit der Alten wurden die Ursachen, daß das Selbstforschen, vorzüglich in der Theologie zum Verbrechen ward. Allein daß Aufklärung auch mit dem Interesse den Staates bestehen könne, bewies Friedrichs des Einzigen musterhafte Regierung und daß der gröste Theil unsrer heutigen Denker und Halbdenker von dem Vorurtheile zurükgegangen sei, welches das Alterthum über seinen Werth erhebt, bezeugen zahllose Schriften. Was hindert demnach die Fortschritte der Geistes in der Erkenntnis des Wahren und Nüzlichen?
Fast läßt es sich mit Gewisheit behaupten, daß unsre Nachkommen nicht da stehn bleiben werden, wohin wir sie führten, daß sie, unserm Vorspiele getreu, ebenfalls weiter gehn, und der menschlichen Geistesvollkommenheit so lange nachtrachten werden, bis sie zu dem Ziele gelangt sind, welches die ewige Vorsehung, ihrem weisen Plane gemäs, der Menschheit vorgestekt hat, wo man sodann entweder stille stehn, oder, um dem Reiz der Veränderung zu folgen, zu den Irrthümern und Schwächen zurükkehren wird, welchen man sich vorher mit vieler Mühe entriß. Wie gesagt, die Weisen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts werden sich unmöglich mit dem genügen lassen, was wir ihnen gewonnen haben; denn die Glükseeligkeit des Geistes gründet sich eben auf Erweiterung seiner Erkenntnisse, als sinnliches Vergnügen im stufenweisen Fortschreiten in den äusserlichen Vollkommenheiten beruht.
Träges Verharren bei dem, was erworben ist, streitet wider die Natur des Menschen und vermindert seine Freuden.
Wenn denn auch ein Fürst, oder sein Rath, verwöhnt durch mystische, altgläubige, unvollkommene theologische Kenntnisse, welche man ihm schon in frühen Kinderjahren einflößte, und die er, wegen Menge andrer Geschäfte, nie Zeit und Gelegenheit hatte zu verdauen, im gutgemeinten Eifer die fürchterlich geschilderte Freigeisterei durch öffentliche Verordnungen zu unterdrükken sucht: wird er dadurch viel für sich erlangen? — Bei der Nachwelt gewiß nichts, denn diese verwirft die Autorität der Vorwelt, und bei den Zeitgenossen eben so wenig, ausgenommen, daß die Schriftsteller ihren und den Namen des Drukorts auf dem Titel der Aufklärung befördernden Werke weglassen. Ja dergleichen Befehle der Großen wider Aufklärung und Selbstforschen erreichen gewöhnlich nicht nur nicht ihren Zwek, sondern sind vielmehr dem Gegentheil behülflich.
Wenn ich nicht zuviel wage, so möcht’ ich das iztentstehende moderne Christenthum in Rüksicht des erwähnten Verhältnisses, mit dem Entstehen des ersten Christenthums überhaupt vergleichen.
Freilich stehen den neuem Reformatoren der Staatsreligion keine Verfolgungen von neuern Deciussen und Galeriussen bevor; aber demungeachtet wird jeder Zwang eben dasselbe hier bewirken, als Foltern und Verbannungen bei den ersten Bekennern ehmals, das ist: Standhaftigkeit bis zur Schwärmerei. Ein Querdamm wider den Strom fesselt denselben nur auf eine Zeitlang, aber benimmt seinem Wachsthume nichts; Und, wenn sich dann plözlich einmal ein Constantin zum öffentlichen Beschüzzer der izzigen Reformazion aufwürfe: so würde dieselbe vielleicht eben so schnell, aus allen Zünften des Volks, von der obern bis zu der niedern, Tausende der Bekenner aufstellen können.
Doch dies sind Muthmassungen, die, ob sie gleich die höchste Wahrscheinlichkeit vor sich haben, immer doch nur leere Erwartungen sind, und über deren Erfüllung oder Nichterfüllung die Zukunft richtet.
Der Streit für und wider Aufklärung,5) für und wider die Rechte des Fürsten in Glaubenssachen und besondere in Hinsicht der veralteten symbolischen Schriften, scheint anizt lebhafter zu werden.
Nähern Anlaß gab hiezu die bekannte Schrift des Herrn Rönnberg über symbolische Bücher im Bezug aufs Staatsrecht, eine Schrift, welche beiweiten nicht das zu bewirken im Stande, ist, weswillen sie der Herr Professor vielleicht drukken, und ein Rescript vom Hofe sie den Geistlichen im Preußischen Lande kommunizieren ließ. —
Würdige, einsichtsvolle Männer schwiegen bisher über den berührten Punkt nicht, besonders lesenswerth war Herrn Prof. Trapps Untersuchung der Gewalt protestantischer Fürsten in Glaubenssachen, und das früher erschienene Werk über das Recht protestantischer Fürsten unabänderliche Lehrvorschriften festzusezzen, und darüber zu halten, vom Hr. Hufeland. Allein das Rönnbergische Buch erregte ziemlich allgemeinen Unwillen wider seinen Verfasser, und ich weiß nicht, ob der alte Preußische Landprediger, welcher sich, in seinem Sendschreiben an den Hr. Hofrath Rönnberg, in einen feurigen jungen Mann verwandelt, ganz Unrecht hat, wenn er dessen Schwächen, deren Anzahl nicht gering ist, mehr mit Wiz angreift, als sie einer ernsthaften Prüfung werth zu halten.
Dies beiseite gesezt, wünscht jeder Biedre und Unpartheiische bei solchen Zwisten unter den Gelehrten mehr Bescheidenheit, als Grobheit, mehr Wahrheitsliebe, als Selbstsucht, und Toleranz auf beiden Seiten. Es entehrt die Würde des deutschen Schriftstellers, Kriege zu führen, wie Zimmermann und Bahrdt, welche das Uebel, statt zu verringern, nur vergrößern, und in andrer Hinsicht verehrungswürdige Männer dem entehrenden Gelächter des Pöbels preisgeben.
Noch sind wohl nie die Schriftsteller unsers Vaterlandes, noch wohl nie die Schriftsteller andrer Nazionen, so tief von ihrer Würde herabgesunken, als seit wenig Jahren die deutschen. Wer kann zum Beispiel das neulich erschienene Pasquill: Bahrdt mit der eisernen Stirne, ohne Ekel und Verdruß durchblättern? Fürwahr ein Zuchthäusler würde mehr Gefühl für Schande und Ehre, als der Sudler dieser Skarteke haben. O Fischart und Rabner, lebtet ihr noch!
Florentin verlies den Herzog. Nach acht Tagen wurde er wieder zu ihm berufen, wo er von diesem zu seiner lebhaftesten Freude seinen Sieg erfuhr. —
Jezt unterhielten sich beide über die zwekmäßigsten Mittel, das Volk zu einem solchen wichtigen Schritt vorzubereiten; eine Unterhaltung, welche nicht fruchtlos ablief.
Die erste Folge derselben war, daß die vakante Stelle eines Predigers an der Hofkirche durch einen gelehrten, helldenkenden, beredsamen Mann besezt wurde, dem die Freiheit gegeben war von dem bisherigen Schlendrian abzuweichen, nur Christusmoral und nicht polemische noch dogmatische Säzze zu predigen.
Nach Verlauf eines Monats hatte er sein Amt angetreten, und von Neugier oder beßrer Ueberzeugung hingerissen, eilte ein grosser Theil der Residenzbewohner hin, die schönen Vorträge dieses Mannes anzuhören.
Plözlich stand die gesammte orthodoxe Geistlichkeit auf, den Landesherrn an die alten Konstituzionen, Symbole und Confessionen zu erinnern, der Geheimerathspräsident von Hello suchte mit seinem ganzen Ansehn für die Sache der Orthodoxie durchzudringen, aber alles vergebens. Der Fürst war Mann und blieb seinem Plane getreu.
Jezt hatte Florentin, ebenso viel Freunde, als Feinde; diese lästerten, jene vergötterten ihn. — Aber er hörte beide nicht, sondern ging seine Strasse unerschütterlich fort, und fand sich durch die Güte seiner That hinlänglich im Geheimen belohnt.
Weil er schon seit einiger Zeit der Prinzessin weniger nächtliche Visiten geben durfte, so blieb ihm auch Zeit genug übrig den einmal entworfenen Plan gänzlich, und sich selbst zum Danke, auszuführen. Da wir nur den Roman einiger merkwürdiger Personen erzählen; so überlassen wirs den Statistikern, das bald darauf erschienene Religionsedikt, wie auch das Edikt in Betracht der Denk- und Preß-Freiheit in den herzoglichen Landen, zu notifiziren, wir aber erwähnen noch, daß Serenissimus, mit seinem Vertrauten, oft die Häuser seiner begüterten Unterthanen, seine Fabriken besuchte, oft auch in die Hütten der Armuth trat, und theils erkannt, theils unerkannt half, und Wohlthaten und Freude verbreitete.
„Der Duur,“ sagte der Geheimerathspräsident von Hello zu seinem Fräulein Tochter Agathchen, indem er die goldne Tabattiere unwillig auf den Tisch hinwarf: „Der Duur macht unsern Durchlauchtigsten Herrn zu einem Atheisten, zu einem Fantasten, und jezt endlich ganz zu einem Romanprinzen. Es ist ein Leiden, wenn solch ein gepuztes, eingebildetes Fäntchen, wie der Graf, Fürst und Volk ins Verderben führt, und dann Leute von Verdienst und grauem Haar nicht gehört werden, wenn sie die Stimme der Warnung erheben. Pfui! — ändert sich die Lage der Sachen nicht bald, so.“ — — —
Nein, guter Hello, fürchte nicht des Fürsten und des Volks Verderben, wenn der Fürst fühlt daß er Mensch sei, und seinen Kindern sich, als Vater, zeigt!
Es ist ein schwerer Beruf Fürst zu sein, und das Glük von tausenden zu befördern. Nicht Assembleen, Redouten, kostbare Soupees und Dinees, Bälle und Festen versüssen die bangen, mühsamen Stunden und Geschäfte der Grossen genug, oft im fröhlichsten Gelächter ist ihr Herz ein Raub der Sorge, des Verdrusses. Wo sollen sie sich belohnen, und belohnen lassen? in der Mitte ihrer Unterthanen, auch der des niedern Standes.
Wie kann ein Vater, der seiner Stunden grösten Theil für das Wohl seiner Familie hinopfert, ausser derselben Erquikkung finden? Die Freude seiner Kinder, vom lallenden Säugling bis zum Erwachsenen, däucht ihm gewis angenehmer, als anderwärtige, rauschende Vergnügungen.
Freilich bringen oft ganze Städte unter Triumfbögen ihren Landesherrn Oden und Hymnen entgegen, die aber oft nur das Kompliment der Ehrerbietung sind, nicht der Zufriedenheit herzlicher Dankesergus.
Herzog Adolf wußte dies so gut, als wir, und achtete nicht des Helloschen Geschwäzzes. — Der Unterthan lernte ihn izt näher kennen, und ihn doppelt lieben; man vergoß Freudenthränen, wenn er so unverhoft erschien, und einsame friedliche Familien in ihren häuslichen Geschäften überraschte.
Oft stand er, dem Grafen zur Seite, in der Mitte kniender Dankbaren, welche er oft durch ein Kleines aus schreklichen Labyrinthen gerissen hatte; dann entschwand er ihnen, wie ein guter Engel, der Frieden vom Himmel in ihr Haus gebracht hatte; man zeichnete sich die glüklichen Tage auf um noch Kindern und Kindeskindern diese Ehre, welche ihren Voreltern wiederfahren war, heilig zu erhalten.
Von einer solchen Wanderung kam Florentin an einem Abend zu Hause, als ihm gleich beim Eintritt der alte Badner ein Billet entgegen brachte. Florentin erbrachs, erkannte die Federzüge der Unbekannten, und schauderte.
Graf!
Ihr habt dem Lande wohlgethan, daß Ihr die Fesseln zerbrachet, welche der Afterglaube für den freigebornen Geist der Menschen schmiedete, wir danken Euch dafür im Namen Holders, im Namen unsrer und im Namen der Einwohner dieses Herzogthums. — Aber wie stehts mit der Prinzessin? warum verseltnern sich eure Besuche bei ihr? warum erscheint sie nicht mehr so oft am Hofe öffentlich? — Ahndet Ihr nichts? — Sie sieht bleich, ihre Gesundheit ist nicht mehr die vorige; ihre Lebhaftigkeit ist verloren gegangen, und — — — Graf! Graf! was habt Ihr angerichtet? sehet Euch vor, wir rathen Euch, im Namen des wohlbekannten Ludwig Holder!
Der Graf stürzte entnervt auf ein Ruhebette, eine fürchterliche Ahndung umflog ihn. „Gott, Gott!“ rief er beklommen aus: „sie ist — sie ist“ — —
Badner trat mit der treuherzigsten Miene zu ihm, und stieß seine gewöhnlichen Töne: „Ho! ho! ho!“ hervor.
„Heda, Kerl!“ rief der Graf, und faßte den alten, erschroknen Mann vor die Brust? „Wer war der Ueberbringer dieses verdammten Blattes?“
Badner. (den Kopf schüttelnd und die Hände auseinander werfend) Ho!
Florentin. Sag mir, hast Du’s gelesen, weißt Du den Inhalt? gesteh’s nur!
Badner. (verneinend und auf das Siegel deutend.) Ho! ho!
Florentin. Kennst Du den Briefträger?
Badner. (schüttelnd) ho!
Florentin. Mensch, warum hieltest Du ihn nicht fest?
Badner. (zukt die Schultern) Ho! ho!
Florentin. (ärgerlich) las mich allein.
Er wars. Nun las er das Brieflein der Unbekannten noch einmal, und fand eben den schreklichen Sinn darin liegen, als zum erstenmal. Er suchte sich zu fassen; ging mit starken Schritten das Zimmer auf und ab; nahm die Flöte, welche ihm sonst so manchen Augenblik verschönerte, so manche Grille hinwegtönte — aber alles umsonst. Er warf die Flöte hin, bedekte mit beiden Händen sein Gesicht und murmelte einzelne abgebrochne Silben: „Gott! o Gott! — verdammt! — was soll nun werden?“
Florentin gehörte zu denen, welche der erste Moment der heranziehenden Gefahr entgeistert, die aber, wenn der erste Schrek vorübergangen ist, muthiger dastehn, und deren Kühnheit sodann oft an Verwegenheit gränzt.
Wir wollen ihn seinen Ueberlegungen allein lassen; Kleinigkeiten sind unfähig die Sicherheit großer Seelen zu zerstören, Florentin zittert wahrscheinlich also nicht vergebens.
Inzwischen alles dieses vorging, inzwischen Florentin und Louise bald alle Seeligleiten, bald alle Leiden der Liebe empfanden, inzwischen tausende sich im Vaterlande des braven Landesvaters freuten, welkte unbemerkt, mit jedem Tage mehr eine schöne, vortreffliche Blume.
Fehlgeschlagne Hofnungen, zweimal unglükliche Liebe, Hang zur düstern Schwärmerei, ewiger Harm, bestürmten lange die Gesundheit des liebenswürdigen Fräuleins v. Gülden, die endlich erlag. Ein Heer von Uebeln, eine Kette von Krankheiten schien sich wider das Leben dieses guten Mädchens verschworen zu haben; sie sah ihr nahes Grab, allein ohne Quaal.
Vier Wochen hütete sie schon ihr Krankenlager, abwechselnd mit dem Fieber ringend, und noch hatte sie Florentin nicht ein einziges Mahl besucht. Dies schmerzte ihrem weichen Herzen mehr, als der Abschied von einer Welt, welche doch auch für sie manchen Reiz gehabt hatte. Sie sah kalten Blikkes die ehmahls blühenden Wangen verbleichen, ihre Schönheit verschwinden, ihre Augen erlöschen, und murrte, klagte nicht. Freudenlos sah sie andre um sich her glüklich; ungeliebt, fand sie andre sich liebend; am Rande des schauervollen Grabes schwankend, erblikte sie die Welt noch einmahl in ihrer ganzen Pracht, und so viele Freunde, so viele Freundinnen in ihr, die da heimblieben — und sie blieb ruhig.
Sie sah nicht gern Gesellschafter um sich; am meisten aber waren die Prinzessin Louise und ihr alter, tiefgebeugter Vater, der Herr von Gülden, an ihrem Lager. Am liebsten beschäftigte sie sich aber ausser den Fieberschauern, mit des schönen, geliebten Gustafs halbverwischtem Portrait, oder mit Lavaters Aussichten in die Ewigkeit, welche sie sich vorlesen lies. Aufmerksam hörte sie dann jedes Wort an, und beruhigt und erheitert schwang sich ihr schöner Geist im Gebet vor dem Thron des Allerheiligsten empor.
Wie süs ist doch der Lohn des Weisen oder des Dichters, der einem Scheidenden von diesem Erdeleben die herbe Trennung versüßt, und dem ein Sterbender noch Dank lallet! —
Sie fühlte das Herannahen der lezten Stunde, der Stunde, in welcher ihre unsterbliche Seele einer Welt entsagen sollte, deren sie nur auf einige Augenblikke genossen zu haben schien, eine neue Gegend des Unermeslichen begrüssen sollte, wo ihr vielleicht kein Freund entgegenwandelte, wo nur Gott ihr Bekannter war. Sie verlangte deswegen den Genus des Nachtmahls, und trauernd wurde ihr die Bitte gewährt. Der Herzog, die Prinzessin Louise, der alte Herr von Gülden und einige Freundinnen waren Zuschauer dieser feierlichen Szene. Sie umringten das Bett ihrer gemeinschaftlichen Freundin, und weihten diese heilige Handlung mit ihren Thränen ein.
Der Geistliche bot der Scheidenden alle Trostgründe dar, welche die Religion verleiht; er beflügelte ihre Hoffnungen auf des künftigen Lebens bessre Szenen; lies sie noch einmal einen Heimblik auf die vergangnen Tage richten, und reichte ihr dann das Brod und den Kelch.
Ein Auftritt am Sterbebett ist die schönste Schule für Lebende; darum laßt uns noch einige Augenblikke hier verweilen.
„Warum weinen Sie, Prinzessin?“ sagte Auguste, die sterbende Auguste, und lächelte ihre jammernde Freundin an.
„Sollt’ ich nicht, liebe, beste Auguste?“ schluchzte Louise, und faßte die matte Hand derselben, und drükte sie: „du wirst sterben, o Auguste, du wirst sterben, dich trennen von mir, und Gott, der nur allein die unbekannten Gegenden jenseits des Grabes kennt, Gott nur weiß, ob wir beide einstens uns wiedersehn werden! — — Du warst meine Schwester, meine Gespielin, mein alles; ich sollte nicht weinen, wenn ich das verliere, was mich glüklich gemacht hat? Ich habe dich nicht so glüklich gemacht als du mich.“ — —
„O doch!“ sprach die fromme Sterbende zu ihrer ehmaligen Nebenbuhlerin, mit sanfter, tröstender Stimme.
„Nein, nein, Auguste, so ist es nicht. Ach, vergieb, vergieb! Du verlierst an dieser Erdenwelt nicht viel, eine schönere harrt deiner, da findest du vielleicht den Geist deines Gustaf wieder, da vielleicht alle Seeligkeiten wieder, welche du hier zurükliessest. Aber ich — werde dich suchen, und finde deinen Grabstein!“
„Weinen Sie nicht!“
„Auguste. Und wenn Du — wenn Du wüßtest! o Gott!“
„Nein, Prinzessin, wenn ich bitten darf, so schweigen Sie. Ich habe mich losgerissen von allem was irrdisch ist, mein Blik ist auf die Pforten der Ewigkeit gerichtet, meine Wünsche, meine Hofnungen streben nach jenem Jenseits.“
Die Prinzessin schwieg. Auguste v. Gülden sank in einen sanften Schlummer.
Am folgenden Morgen fühlte sie sich so heiter, so erquikt, daß alle ihre Genesung hoften.
„Nein,“ sagte sie: „freut euch nicht; es ist nur das lezte Auflodern des verglimmenden Lebenslichtes.“
Sie lies sich noch einmal zum Fenster hinführen, wo sie eine vortrefliche Aussicht über einen Theil der Stadt und über den ganzen Schloßgarten hatte.
„Nun lebt wohl:“ sagte sie, indem ihr schmachtender, matter Blik bei jeder Staude, jedem winkenden Halme zu verweilen schien: „lebet wohl, ihr schönen glüklichen Gegenden, an deren Reiz ich so oft mit trunkner Seele hing, die ihr mich so oft in angenehme Hofnungen einwiegtet, mich so oft nach Leiden und Thränen beruhigtet! — ja, Gott ist die Quelle des Schönen, darum freue ich mich des gelobten, bessern Lebens nach dem Tode! — — Alles, alles ist schön! alles, alles gut!“ —
Darauf ließ sich die Liebenswürdige zu ihrer kleinen Büchersammlung führen, wo sie fast jedes Buch noch einmal ansah und durchblätterte, dann nahm sie einige Papiere aus dem Schreibepult, liess sich zu ihrem Sterbelager tragen, wo sie denn von mehreren Freundinnen und Freunden den zärtlichsten Abschied nahm, und jedem bei seinem Weggehn mit gebrochner Stimme nachrief: „weinet nicht, denn Gott ist unser, unser ist das Loos der Freundschaft; was bedarf es mehr, um den Traum des Lebens schön zu träumen?“
Ihrem Wunsche zufolge, erschien auch nach einigen Stunden der Graf Florentin von Duur. Sie hatte es so zu veranstalten gewußt, daß niemand ausser ihrem Vater bei dieser Szene zugegen war, und ihn mit den Worten vorbereitet: „Wundern Sie sich nicht, lieber Vater, über das was Sie izt hören werden.“
Florentin trat herein — sie sah den Jüngling, und ihre bleichen Wangen färbten sich unter dem Rosenpinsel der Schaam und Liebe.
Er bat um Verzeihung einen nicht frühern Besuch abgestattet zu haben, aber Auguste selber entschuldigte ihn indem sie lächelnd sagte:
„Sollten Sie jeden Bekannten am Krankenbette besuchen müssen, so würden Sie ja nie heiter werden. Aber mir verzeihen Sie es, daß ich Ihnen vielleicht einige trübe Minuten verursache.“